Die Vertreterin von Niligad sprach zuerst und der Botschafter wandte sich ihr zu, als hätte er schon immer damit gerechnet. Seine lächelnde Maske bröckelte kein bisschen, er sah sogar beinahe noch würdevoller aus als der König selbst.
Allerdings sagte er kein Wort, sondern überließ es mit allem Anstand dem angesprochenen König, sich selbst zu erklären.
"Unsere Verträge sind Handelsabkommen", begann Seine Majestät, das Kinn ein wenig erhoben, als wollte er sagen: Denk nicht, dass du meine Autorität untergraben kannst, Mädchen.
"Da wir es davor nie gebraucht haben, aber es jetzt relevant sein wird, haben wir die Klauseln um eine sogenannte "Champion-Klausel" erweitert. Sie besagt, dass die Dienste eines Champions von dem jeweiligen anderen Land in Gebrauch genommen werden können, vorausgesetzt einer angemessenen Gegenleistung. Ich habe Morpheus eingeladen und im Gegenzug darf Restaris sich an Kassandra bedienen, sobald sie zurück ist."
Als wäre es abgesprochen, sprang der Botschafter mit seinem Lächeln ein.
"Kassandra ist eine Bedrohung, selbst für Morpheus. Aber geistig kommt selbst sie nicht gegen ihn an - sollte es daher zu einer Schlacht kommen, was wir selbstverständlich zu vermeiden versuchen, wird die Krone den Aufständischen weitaus überlegen sein. Ein unausgeschlafener Soldat ist unaufmerksam und erschöpft, es besteht gar keine Zweifel, dass der Aufstand niedergeschlagen und die Essenz zurückgeholt werden kann. Selbstverständlich zu Händen Seiner Majestät."
Der König bestätigte das mit einem Nicken. Es stand nie außer Frage, dass Kassandras Essenz nicht zurück in seine Hände gelangen würde.
Selbst bei Niligads folgender Anmerkung, ließ er sich noch immer nicht erschüttern.
"Der Jäger war unfähig. Er hat -"
Ein Geräusch von Morpheus selbst unterbrach ihn. Der Champion nahm einen geradezu theatralischen Atemzug in sich auf, der sich anhörte, als müsste er jeden Moment um Luft ringen, und machte dann eine Handbewegung durch die Luft, die merkwürdig präzise und gleichzeitig merkwürdig schlapp aussah. Sein Blick fiel von der Decke ab und richtete sich auf einen unbekannten Punkt im Raum, noch immer ohne jemandem dabei in die Augen zu sehen. Dann fiel seine Gestalt etwas mehr in sich zusammen und wenn man es nicht besser wüsste, hätte man sagen können, dass dem Gott langweilig war.
Der König starrte noch einen Moment, ließ sich dann von Dyndalls bekräftigendem Nicken unterstützen und fuhr wieder fort.
"Er hat nur das getan, was er tun wollte. Wir haben unsere Konditionen vertraglich festgelegt. Jeder, der sie braucht, bekommt eine Abschrift davon."
Der Vertreter von Kerellin, der alte Mann, räusperte sich knapp und setzte sich etwas auf.
"Ich bin Fräulein Niligads Meinung in der Hinsicht, dass wir zunächst inländische Maßnahmen ergreifen sollten, bevor wir uns auf die Hilfe anderer Länder verlassen. Nichts für ungut, Botschafter."
Der Mann nickte ihm nur lächelnd zu, er reagierte gar nicht darauf. Nur der König wandte seinen Blick und musterte Kerellin mit zusammengekniffenen Augen.
"Und was, wenn das schief geht? Was, wenn Kassandra sich dazu entscheidet, auf ihrem Rückweg ins Herzogtum Luor hier vorbeizukommen und den Palast niederzubrennen? Wer wird sie dann aufhalten, Herr Kerellin? Ihr und Eure Garde? Oder vielleicht Niligad und Ihre Soldaten?"
Die Unterhaltung reizte ihn. In Gedanken war er vermutlich schon dabei sich zu fragen, ob Kerellin sich vielleicht mit Niligad verbündet hatte - auch wenn er Kerellin seit dem Vorfall deutlich bevorzugte und wertschätzte.
"Wir können froh sein, dass Morpheus so schnell hier sein konnte. Herakles hätte länger gebraucht, nicht wahr?"
Der Botschafter nickte.
"O ja, Herakles ist zur Zeit unpässlich. Wir haben eigenen Nutzen an dem Champion und der eigene Nutzen steht, vertraglich geregelt, über dem Fremdnutzen."
"Und wozu werdet ihr Kassandra brauchen? Wenn sie wieder hier ist? Wenn ihr doch Herakles habt?"
Erijer Veren sah zwischen Dyndall und dem König hin und her. Der Botschafter lächelte auch ihn an.
"Man kann eine kämpfende Phönixin immer zu etwas gebrauchen, Herr... Veren. Zumal Phönixe noch immer eine außerordentliche Seltenheit auf unserer Erde sind. Es gibt einiges, wozu sie zum Einsatz kommen könnte."
Er ging nicht weiter auf die Einzelheiten ein und Veren fragte auch nicht weiter nach. Er beobachtete den Botschafter nachdenklich und sah dann zu Morpheus, der von nichts etwas mitzubekommen schien.
Grenze zu Niligad, ca. eine Woche später...
Das luorische Trio näherte sich dem aufgestellten Wachposten, der den Übergang von Veren zu Niligad kontrollierte.
Die letzten Tage waren tatsächlich zunehmend unangenehm geworden. Der Soldatentrupp, der sie bereits von der Hauptstadt aus verfolgt hatte, war noch immer nicht verschwunden und auch wenn er nicht näher kam und keine Gefahr darstellte, verschwand doch das Gefühl, beobachtet zu werden, niemals gänzlich. Städte und Dörfer, denen sie begegneten, mussten bereits vorgewarnt worden sein, denn die Bewohner reagierten abweisend, verschlossen Türen vor ihnen oder verweigerten schlichtweg den Handel. Selbst von der Phönixin ließen sie sich nicht einschüchtern, auch wenn sie die Frau genauestens beobachteten und sich wenn möglich von ihr fernhielten. Soldaten zogen bei ihrem Anblick keine Waffen, reagierten aber barsch und erinnerten sie daran, dass sie hier nicht willkommen waren. Es war gänzlich unangenehm, denn es fühlte sich, wenn auch nicht vordergründig, wie eine richtige Flucht an. Zoras war unruhig, misstrauisch und wünschte sich nichts mehr, als bald die heimische Grenze wieder überqueren zu können.
Aber vorerst mussten sie noch zu Niligad und da erwartete er keine bessere Behandlung.
Als die Grenze näher kam, wurde bereits aus der Ferne Bewegung sichtbar und dann stellten sich die Bogenschützen der Wachtürme auf und spannten ihre Pfeile. Zoras ritt neben Kassandra, so wie er es immer tat, die eine Hand auf seinem Oberschenkel abgelegt, mit der anderen Hand die Zügel und den Sattelknauf umgriffen. Auch Kassandra machte ihn mit ihrer abweisenden Art nervös, so wie sie zwar die Nächte bislang stets zusammen verbracht hatten, sie ihm aber sämtliche Küsse strikt verweigerte. Es verwirrte ihn. Er wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte und letzten Endes versuchte er sich verbissen an das zu halten, was sie ihm geraten hatte: Sich auf die Reise und den Aufstand konzentrieren. Das war wichtiger als die Beziehung mit der Phönixin, so gern er sie auch intensiviert hätte.
"Keine Tote, wenn möglich. So wie in Veren auch", erinnerte er sie leise, als sie näherkamen. Zuerst rührte sich nichts, sie wurden nur von feindlichen Wachen angestarrt, dann öffnete sich langsam das Tor von ihnen und gewährte Durchgang. Niemand sprach mit ihnen und niemand bewegte sich. Zoras fragte sich zum ersten Mal, ob Kassandra auch einen Pfeil abhalten konnte, der aus solch kurzer Distanz auf seinen Kopf abgeschossen wurde. Er beschloss, gar nicht erst darüber nachzudenken und sich lieber auf ihre Jahrhunderte alte Expertise zu verlassen.
Das Land dahinter war karg und unbewohnt. Sie verbrachten einen Tag zwischen den Grenzen mit abnehmendem Proviant und Nerven, ehe sie sich der niligadschen Grenze näherten. Auch hier wurden Waffen gezogen. Als sie sich unbeeindruckt näherten, erschien ein Soldatentrupp von 50 Mann, allesamt beritten.
"Herzog Luor?", erklang es, als die drei ankamen. Zoras gab sich auch hier entspannt, auch wenn es ihn eigentlich vor Anspannung zerriss, auch wenn er die Zügel seines Fuches fest gepackt hatte, um ihn herumzuwenden, sollten die Niligad ihn gar nicht erst durchlassen und eher vertreiben wollen. Er hatte sich schon überlegt, was er machen würde, sollten sie ihm den Zutritt verweigern und er war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würden, ohne Tote dabei zu hinterlassen. Umso wichtiger war es daher, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen.
"Der bin ich."
Er trug seine Reisekleidung, die Uniform sparte er sich für Niligad selbst auf, aber die Wappen auf der Kutsche und die Farben hatten sie nicht wieder versteckt. Die Soldaten mussten nach einem Moment die Autorität erkennen, die Zoras selbst in dieser Alltagskleidung ausstrahlte, denn sie lenkten ihre Pferde um und bildeten eine Gasse um das Tor.
"Tretet ein. Herzog Niligad erwartet Euch bereits."
"Sehr freundlich. Wir kommen in Frieden, wir wünschen keine kämpferischen Auseinandersetzungen."
Der Truppführer nickte nur. Er hatte das Visier heruntergeklappt, er und seine Männer waren in stramme, dicke Rüstungen gekleidet, die Pferde strotzten geradezu vor Energie. Ein Elitetrupp, dachte sich Zoras, als sie zwischen ihnen hindurchritten. Entweder, um ihm zu schmeicheln, ihn einzuschüchtern oder schlichtweg, weil es die Situation forderte. Er kam, während er ritt, auf keine Antwort.
Die Soldaten verschwanden nicht, sie reihten sich um das Trio auf und begleiteten sie durch das Tor hindurch und auch weiterhin. Sie blieben auf Abstand, aber Zoras war dennoch nervös genug, sich dicht an Kassandra zu halten. Der ihnen am nächsten reitende war der Truppführer selbst.
"Hübsche Pferde. Vollblüter?"
Er erhielt keine Antwort. Die Soldaten ritten stur geradeaus. Selbst wenn er wollte, hätte er keinen anderen Weg wählen können als den, den sie vorgaben.
Sie reisten den ganzen Weg über mit ihnen und lagerten nachts in der Nähe. Zoras unternahm mehrere Versuche, sich mit dem Truppführer zu verständigen, wenn schon nicht auf freundschaftliche Art, dann wenigstens auf geschäftliche, aber der Mann war genauso unredsam mit ihm wie alle anderen. Nach dem zweiten Tag gab er es also auf und gab sich geschlagen damit, in vorherrschender Schweigsamkeit zu reiten. Für eine Unterhaltung mit Kassandra waren sie zu dicht dran, also sprach er auch mit ihr wenig. Nur abends in Zoras' Zelt flüsterten sie miteinander und er holte sich seine allabendliche Verweigerung eines Kusses ab. Er schlief schlecht. Die Sorge nagte an ihm und auch wenn er höchstwahrscheinlich ungeschoren aus dieser Sache herauskommen würde, wollte er doch alles versuchen, um Niligad auf seiner Seite zu haben. Wenn schon nicht Veren, dann wenigstens der Handwerks-Herzog.
Sie erreichten den Sitz des Herzogs noch immer in Begleitung der selben Soldaten. Schweigend wurden sie gebeten abzusteigen und ihre Tiere dem Stall zu überlassen. Zoras hatte an diesem Morgen bereits seine Uniform angezogen und stand zwischen den Reihen ihrer Eskorte wie der Hauptmann persönlich. Mit einem Handzeichen wurden sie reingebeten.
"Herzog Niligad erwartet Euch bereits."
Allerdings sagte er kein Wort, sondern überließ es mit allem Anstand dem angesprochenen König, sich selbst zu erklären.
"Unsere Verträge sind Handelsabkommen", begann Seine Majestät, das Kinn ein wenig erhoben, als wollte er sagen: Denk nicht, dass du meine Autorität untergraben kannst, Mädchen.
"Da wir es davor nie gebraucht haben, aber es jetzt relevant sein wird, haben wir die Klauseln um eine sogenannte "Champion-Klausel" erweitert. Sie besagt, dass die Dienste eines Champions von dem jeweiligen anderen Land in Gebrauch genommen werden können, vorausgesetzt einer angemessenen Gegenleistung. Ich habe Morpheus eingeladen und im Gegenzug darf Restaris sich an Kassandra bedienen, sobald sie zurück ist."
Als wäre es abgesprochen, sprang der Botschafter mit seinem Lächeln ein.
"Kassandra ist eine Bedrohung, selbst für Morpheus. Aber geistig kommt selbst sie nicht gegen ihn an - sollte es daher zu einer Schlacht kommen, was wir selbstverständlich zu vermeiden versuchen, wird die Krone den Aufständischen weitaus überlegen sein. Ein unausgeschlafener Soldat ist unaufmerksam und erschöpft, es besteht gar keine Zweifel, dass der Aufstand niedergeschlagen und die Essenz zurückgeholt werden kann. Selbstverständlich zu Händen Seiner Majestät."
Der König bestätigte das mit einem Nicken. Es stand nie außer Frage, dass Kassandras Essenz nicht zurück in seine Hände gelangen würde.
Selbst bei Niligads folgender Anmerkung, ließ er sich noch immer nicht erschüttern.
"Der Jäger war unfähig. Er hat -"
Ein Geräusch von Morpheus selbst unterbrach ihn. Der Champion nahm einen geradezu theatralischen Atemzug in sich auf, der sich anhörte, als müsste er jeden Moment um Luft ringen, und machte dann eine Handbewegung durch die Luft, die merkwürdig präzise und gleichzeitig merkwürdig schlapp aussah. Sein Blick fiel von der Decke ab und richtete sich auf einen unbekannten Punkt im Raum, noch immer ohne jemandem dabei in die Augen zu sehen. Dann fiel seine Gestalt etwas mehr in sich zusammen und wenn man es nicht besser wüsste, hätte man sagen können, dass dem Gott langweilig war.
Der König starrte noch einen Moment, ließ sich dann von Dyndalls bekräftigendem Nicken unterstützen und fuhr wieder fort.
"Er hat nur das getan, was er tun wollte. Wir haben unsere Konditionen vertraglich festgelegt. Jeder, der sie braucht, bekommt eine Abschrift davon."
Der Vertreter von Kerellin, der alte Mann, räusperte sich knapp und setzte sich etwas auf.
"Ich bin Fräulein Niligads Meinung in der Hinsicht, dass wir zunächst inländische Maßnahmen ergreifen sollten, bevor wir uns auf die Hilfe anderer Länder verlassen. Nichts für ungut, Botschafter."
Der Mann nickte ihm nur lächelnd zu, er reagierte gar nicht darauf. Nur der König wandte seinen Blick und musterte Kerellin mit zusammengekniffenen Augen.
"Und was, wenn das schief geht? Was, wenn Kassandra sich dazu entscheidet, auf ihrem Rückweg ins Herzogtum Luor hier vorbeizukommen und den Palast niederzubrennen? Wer wird sie dann aufhalten, Herr Kerellin? Ihr und Eure Garde? Oder vielleicht Niligad und Ihre Soldaten?"
Die Unterhaltung reizte ihn. In Gedanken war er vermutlich schon dabei sich zu fragen, ob Kerellin sich vielleicht mit Niligad verbündet hatte - auch wenn er Kerellin seit dem Vorfall deutlich bevorzugte und wertschätzte.
"Wir können froh sein, dass Morpheus so schnell hier sein konnte. Herakles hätte länger gebraucht, nicht wahr?"
Der Botschafter nickte.
"O ja, Herakles ist zur Zeit unpässlich. Wir haben eigenen Nutzen an dem Champion und der eigene Nutzen steht, vertraglich geregelt, über dem Fremdnutzen."
"Und wozu werdet ihr Kassandra brauchen? Wenn sie wieder hier ist? Wenn ihr doch Herakles habt?"
Erijer Veren sah zwischen Dyndall und dem König hin und her. Der Botschafter lächelte auch ihn an.
"Man kann eine kämpfende Phönixin immer zu etwas gebrauchen, Herr... Veren. Zumal Phönixe noch immer eine außerordentliche Seltenheit auf unserer Erde sind. Es gibt einiges, wozu sie zum Einsatz kommen könnte."
Er ging nicht weiter auf die Einzelheiten ein und Veren fragte auch nicht weiter nach. Er beobachtete den Botschafter nachdenklich und sah dann zu Morpheus, der von nichts etwas mitzubekommen schien.
Grenze zu Niligad, ca. eine Woche später...
Das luorische Trio näherte sich dem aufgestellten Wachposten, der den Übergang von Veren zu Niligad kontrollierte.
Die letzten Tage waren tatsächlich zunehmend unangenehm geworden. Der Soldatentrupp, der sie bereits von der Hauptstadt aus verfolgt hatte, war noch immer nicht verschwunden und auch wenn er nicht näher kam und keine Gefahr darstellte, verschwand doch das Gefühl, beobachtet zu werden, niemals gänzlich. Städte und Dörfer, denen sie begegneten, mussten bereits vorgewarnt worden sein, denn die Bewohner reagierten abweisend, verschlossen Türen vor ihnen oder verweigerten schlichtweg den Handel. Selbst von der Phönixin ließen sie sich nicht einschüchtern, auch wenn sie die Frau genauestens beobachteten und sich wenn möglich von ihr fernhielten. Soldaten zogen bei ihrem Anblick keine Waffen, reagierten aber barsch und erinnerten sie daran, dass sie hier nicht willkommen waren. Es war gänzlich unangenehm, denn es fühlte sich, wenn auch nicht vordergründig, wie eine richtige Flucht an. Zoras war unruhig, misstrauisch und wünschte sich nichts mehr, als bald die heimische Grenze wieder überqueren zu können.
Aber vorerst mussten sie noch zu Niligad und da erwartete er keine bessere Behandlung.
Als die Grenze näher kam, wurde bereits aus der Ferne Bewegung sichtbar und dann stellten sich die Bogenschützen der Wachtürme auf und spannten ihre Pfeile. Zoras ritt neben Kassandra, so wie er es immer tat, die eine Hand auf seinem Oberschenkel abgelegt, mit der anderen Hand die Zügel und den Sattelknauf umgriffen. Auch Kassandra machte ihn mit ihrer abweisenden Art nervös, so wie sie zwar die Nächte bislang stets zusammen verbracht hatten, sie ihm aber sämtliche Küsse strikt verweigerte. Es verwirrte ihn. Er wusste nicht, was er denken oder fühlen sollte und letzten Endes versuchte er sich verbissen an das zu halten, was sie ihm geraten hatte: Sich auf die Reise und den Aufstand konzentrieren. Das war wichtiger als die Beziehung mit der Phönixin, so gern er sie auch intensiviert hätte.
"Keine Tote, wenn möglich. So wie in Veren auch", erinnerte er sie leise, als sie näherkamen. Zuerst rührte sich nichts, sie wurden nur von feindlichen Wachen angestarrt, dann öffnete sich langsam das Tor von ihnen und gewährte Durchgang. Niemand sprach mit ihnen und niemand bewegte sich. Zoras fragte sich zum ersten Mal, ob Kassandra auch einen Pfeil abhalten konnte, der aus solch kurzer Distanz auf seinen Kopf abgeschossen wurde. Er beschloss, gar nicht erst darüber nachzudenken und sich lieber auf ihre Jahrhunderte alte Expertise zu verlassen.
Das Land dahinter war karg und unbewohnt. Sie verbrachten einen Tag zwischen den Grenzen mit abnehmendem Proviant und Nerven, ehe sie sich der niligadschen Grenze näherten. Auch hier wurden Waffen gezogen. Als sie sich unbeeindruckt näherten, erschien ein Soldatentrupp von 50 Mann, allesamt beritten.
"Herzog Luor?", erklang es, als die drei ankamen. Zoras gab sich auch hier entspannt, auch wenn es ihn eigentlich vor Anspannung zerriss, auch wenn er die Zügel seines Fuches fest gepackt hatte, um ihn herumzuwenden, sollten die Niligad ihn gar nicht erst durchlassen und eher vertreiben wollen. Er hatte sich schon überlegt, was er machen würde, sollten sie ihm den Zutritt verweigern und er war sich nicht sicher, ob sie es schaffen würden, ohne Tote dabei zu hinterlassen. Umso wichtiger war es daher, es gar nicht erst soweit kommen zu lassen.
"Der bin ich."
Er trug seine Reisekleidung, die Uniform sparte er sich für Niligad selbst auf, aber die Wappen auf der Kutsche und die Farben hatten sie nicht wieder versteckt. Die Soldaten mussten nach einem Moment die Autorität erkennen, die Zoras selbst in dieser Alltagskleidung ausstrahlte, denn sie lenkten ihre Pferde um und bildeten eine Gasse um das Tor.
"Tretet ein. Herzog Niligad erwartet Euch bereits."
"Sehr freundlich. Wir kommen in Frieden, wir wünschen keine kämpferischen Auseinandersetzungen."
Der Truppführer nickte nur. Er hatte das Visier heruntergeklappt, er und seine Männer waren in stramme, dicke Rüstungen gekleidet, die Pferde strotzten geradezu vor Energie. Ein Elitetrupp, dachte sich Zoras, als sie zwischen ihnen hindurchritten. Entweder, um ihm zu schmeicheln, ihn einzuschüchtern oder schlichtweg, weil es die Situation forderte. Er kam, während er ritt, auf keine Antwort.
Die Soldaten verschwanden nicht, sie reihten sich um das Trio auf und begleiteten sie durch das Tor hindurch und auch weiterhin. Sie blieben auf Abstand, aber Zoras war dennoch nervös genug, sich dicht an Kassandra zu halten. Der ihnen am nächsten reitende war der Truppführer selbst.
"Hübsche Pferde. Vollblüter?"
Er erhielt keine Antwort. Die Soldaten ritten stur geradeaus. Selbst wenn er wollte, hätte er keinen anderen Weg wählen können als den, den sie vorgaben.
Sie reisten den ganzen Weg über mit ihnen und lagerten nachts in der Nähe. Zoras unternahm mehrere Versuche, sich mit dem Truppführer zu verständigen, wenn schon nicht auf freundschaftliche Art, dann wenigstens auf geschäftliche, aber der Mann war genauso unredsam mit ihm wie alle anderen. Nach dem zweiten Tag gab er es also auf und gab sich geschlagen damit, in vorherrschender Schweigsamkeit zu reiten. Für eine Unterhaltung mit Kassandra waren sie zu dicht dran, also sprach er auch mit ihr wenig. Nur abends in Zoras' Zelt flüsterten sie miteinander und er holte sich seine allabendliche Verweigerung eines Kusses ab. Er schlief schlecht. Die Sorge nagte an ihm und auch wenn er höchstwahrscheinlich ungeschoren aus dieser Sache herauskommen würde, wollte er doch alles versuchen, um Niligad auf seiner Seite zu haben. Wenn schon nicht Veren, dann wenigstens der Handwerks-Herzog.
Sie erreichten den Sitz des Herzogs noch immer in Begleitung der selben Soldaten. Schweigend wurden sie gebeten abzusteigen und ihre Tiere dem Stall zu überlassen. Zoras hatte an diesem Morgen bereits seine Uniform angezogen und stand zwischen den Reihen ihrer Eskorte wie der Hauptmann persönlich. Mit einem Handzeichen wurden sie reingebeten.
"Herzog Niligad erwartet Euch bereits."

