Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Wenn Worte Blitze wären, dann verursachten Kassandras Worte eine regelrechte Explosion in Zoras' Gehirn. Er hatte nicht gewusst, dass es Worte geben könnte, die ihn so präzise zum Einknicken brachten. Er hatte nicht einmal gewusst, dass Worte eine solche Macht über sein Gehirn ausüben konnten, wie sie es gerade taten.
      Es benötigte nur einen einzigen Schub seiner Hüfte und womöglich die richtige Ausrichtung, dann wäre er drin. Eine Sekunde trennte ihn vielleicht von seinem erlösenden Glück und doch besaß er die ungeahnte Willenskraft, sich von Kassandra zu lösen, aufzurichten und auf sie herabzusehen. Ihre Haare waren durch das Hin und Her zerrauft, ihre Wangen rötlich verfärbt, ihre Brust hob und senkte sich mit abgehackten Atemstößen, die seinen eigenen nur allzu ähnlich waren. Zwischen ihren Beinen glitzerte es von Feuchtigkeit, vielleicht von ihm, vielleicht von ihr selbst, vielleicht von ihnen zusammen. Ihr Blick war dunkel von Lust und Begierde, er war auf Zoras gerichtet mit der unausgesprochenen Aufforderung: Gib mir, wonach ich verlange. Und wie er das tun würde. Ja meine Göttin, ich gebe dir alles. Lass mich nur an deinem Anblick teilhaben.
      "Dreh dich um. Auf den Bauch."
      Er wusste nicht, wann er heiser geworden war, er wusste nur, dass seine Stimme nicht viel mehr Dienst hergeben würde. Er wollte auch gar nicht mehr reden, die Zeit der Worte waren vorüber. Jetzt würden nur noch Taten folgen.
      Kassandra drehte sich um und kaum hatte sie sich halbwegs bäuchlings vor ihm ausgebreitet, schob er sich schon wieder auf sie, empfing die Länge ihres Körpers mit seinem eigenen und drückte sie aufs Bett, während er sich zwischen ihren geöffneten Beinen positionierte. Er wollte nicht mehr warten, er konnte nicht mehr. Er griff nach unten, umfasste sich selbst, setzte den richtigen Winkel an und schob sich in einer fließenden Bewegung in sie hinein.
      Mit seinem Eintritt in ihre sengende Hitze, entglitt ihm ein sehnsüchtiger Atemzug, als hätte er Stunden in Eiseskälte verbracht und hätte jetzt erst etwas warmes gefunden. Mit einer Hand streichelte er über Kassandras Hüfte, mit der anderen schob er ihren Haarschopf beiseite, um sich Zugang zu ihrem Hals zu verschaffen. Während er einen noch langsamen, gemäßigten Rhythmus anschlug, dachte er wirklich für einige Sekunden, das er hier und jetzt in Kassandra zerfließen würde. Er hatte den Himmel in ihr gefunden. Er seufzte, langgezogen und innig.
      "Kassandra..."
      Es dauerte allerdings nicht lange, da steigerte sich sein Rhythmus in ein eindringlicheres Tempo, als müsse er jede auch nur einzelne Sekunde mit ihr vollständig ausnutzen. Dabei dachte er nicht wirklich darüber nach, er presste Kassandra noch immer mit seinem Körpergewicht nach unten, während er in schnellen und präzisen Stößen immer wieder in sie eindrang. Sein Atem verflüchtigte sich, machte einem Keuchen platz, das er ihr ans Ohr hauchte, während sich seine rechte Hand unter ihren Körper schob. Er musste sich ein wenig von ihr lösen, damit er an ihrem Bauch vorbei nach unten rutschen und seine Finger auf ihre empfindliche Stelle legen konnte. Er bemühte sich nach Leibeskräften das nachzuahmen, womit er ihr vorhin schon so reizende Töne entlockt hatte, aber als seine Hüfte wieder an Fahrt aufnahm, war es um das Feingefühl so ziemlich geschehen. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, sie dort wenigstens angemessen zu massieren.
      "Kassandra."
      Mittlerweile hörte sich ihr Name in seinem Mund mehr an wie der Ausspruch eines Orakels, anstatt eines gewöhnlichen Namens. Nichts anderes wollte er auch, er wollte, dass Kassandra in seinen Gebeten war, in seinen Lobungen, in allem, was er sprach und dachte. Er wollte nichts anderes mehr als die Phönixin. In seinem Kopf hatte sie schon die anfängliche Stellung der Göttin vollkommen aufgegeben und war zu etwas anderem geworden. Zu etwas, das er sein nennen konnte.
    • Zoras löste sich eigenmächtig von Kassandra. Beinahe hätte sie ihm nachgegriffen und dafür gesorgt, dass er sich nicht ein zweites Mal von ihr lösen würde. Nur um ihm dann noch einmal präziser Anweisungen zu geben, was genau sie von ihm wollte. Sie wollte jeden Zentimeter spüren, jedes Fitzelchen Haut, das in Flammen stand. Das stand ebenso in ihrem Blick, als sie zerrauft und ausgebreitet unter dem Herzog lag und ihn begierig ansah.
      "Dreh dich um. Auf den Bauch."
      Ein allzu erwartungsvoller Atemzug verließ ihre Brust als sie seiner Aufforderung nachkam. Das war der Schalter gewesen, den er bislang nicht hatte finden können. Anspannung und Vorfreude waren nicht genug der Worte um zu beschreiben, was in ihrem Kopf gerade vor sich ging. Es war viel zu viel, sodass sich keine adäquaten Worten mehr bilden ließen und sie sich gerade einmal auf den Bauch gelegt hatte, den Kopf zum Kopfteil, da war das Gewicht bereits zurück auf ihrem Leib. Schwer drückte er sie in das Bettzeug, teilte ihre Beine und brachte sich in Position. Weitere zwei Sekunden vergingen, da verspannte sich die Phönixin als Zoras sich widerstandlos mit ihr vereinigte. Das Aufkeuchen, das sich ungebremst den Weg nach draußen suchte, erstickte glücklicherweise das Bettzeug, in dem ihr Gesicht noch halb vergraben war. Sie rang nach Luft, drehte den Kopf zur Seite und holte die Hände auf Kopfhöhe, damit sie sich dort in der Decke festkrallen konnten. Ihr Name an ihrem Ohr war erneut anders gesprochen worden und jagte ihr einen regelrechten Schauer über den Rücken. Seine Stimme war heiser, rau und zerfressen von Begierde. Der langsame Rhythmus, den er Gott wusste warum anschlug, trieb sie viel zu schnell auf ein viel zu hohes Level. Aber es reichte nicht - sie war gierig und das bisschen reichte ihr keinesfalls. Gerade war sie geneigt, ihm so gut es ging mit ihrem eigenen Becken einen Rhythmus zu zeigen, da erhöhte er es selbst schon. Vorbei war die Zurückhaltung mit ihrer Stimme, die sich nun in leisen Genusslauten bemerkbar machte. Ihre Lider waren ihr zugefallen, doch die Finger blieben zu Krallen im Bettzeug verformt. Die Phönixin wollte sich ihm entgegen bewegen, ihm zeigen, wie sehr es ihr gefiel. Doch er hielt sie allein durch sein Gewicht an Ort und Stelle und zwang sie dazu, einfach nur zu empfangen.
      Dann schmuggelte sich plötzlich eine Hand an Kassandras Unterbrauch vorbei. Fast augenblicklich versuchte sie sich von ihm weg zu drücken damit seine Hand leichter den Weg fand. Als er sein Ziel fand seufzte sie und bereute es nur eine Sekunde später, es ihm so leicht gemacht zu haben. Kaum hatte er angefangen sie zu massieren fiel ihr siedend heiß ein, wie nah sie doch schon an der Klippe stand. Vielleicht hätte sie ihm ein 'Warte' dazwischen geworfen, doch sie wollte gar nicht mehr warten. Sollte er doch hören, wie sie unter ihm kam. Es war eine Form der Verbundenheit, die über viele andere Grenzen hinaus ging. Vielleicht war ihr Hirn auch einfach schon zu sehr von Hormonen infiltriert, aber mit Zoras hatte sie das Gefühl, dass Sex nicht einfach nur der Befriedigung halber stattfand.
      "Kassandra."
      Sag ihn öfter. Bete ihn. Sprich ihn mit solcher Inbrunst, dass alles andere um dich herum vergeht.
      Kassandras Knöchel traten weiß hervor als sie den Stoff noch fester packte und das Gesicht nun doch wieder in der Decke vergrub. Ihr ganzer Körper begann sich zu schütteln, die Beine zuckten in dem jämmerlichen Versuch, sich anzuziehen. Ihr Torso wollte sich krümmen wurde jedoch durch sein Gewicht niedergerungen. Doch ihre Hüfte und insbesondere ihr Innerstes zuckten mit einer atemberaubenden Intensität als Zoras sie viel zu früh über die Klippe trieb. Sie stöhnte ungebremst in das Bettzeug und wenn man genau hinhörte, konnte man vielleicht sogar den Namen des Herzoges dabei erahnen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra entschlüpften bald Laute, in denen Zoras sich badete, als wären sie sein Lebenselixier. Sie waren sogar recht leise und zusätzlich durch das Bettzeug gedämpft, aber es waren eindeutig genussvolle Laute - und das von einer Phönixin, von einer Göttin. Von seiner Göttin. Er war dafür verantwortlich. Seinen von Lust und Begierde durchsetzten Gedanken gefiel das ganz eindeutig.
      Die Hitze, in die er bei jedem Stoß eindrang, steigerte sich ins unermessliche, als Kassandra ihre Finger in die Decke krallte, wie er durch seinen Rausch undeutlich wahrnahm. Wenn er noch genügend unbeschmutzte Gedanken gehabt hätte, um nicht nur darüber nachzudenken, wie sehr ihm Kassandra gefiel, wie er sich regelrecht in ihr verlor, wie ihre Hitze ihn verbrannte und er am ganzen Körper in ihren Flammen stehen wollte, dann hätte er darüber nachgedacht, dass er sie jetzt doch gern gesehen hätte - dass er womöglich sogar sein Tempo etwas gedrosselt hätte, um seinen Rausch etwas einzudämmen und klare Gedanken für die Phönixin zu haben. Aber bei allen Göttern die noch im Olymp saßen - kam sie etwa? Ein Schauer fuhr durch ihren Körper, ihre Beine erbebten und dann spürte Zoras das Ziehen in ihrem Unterleib und an seinem eigenen Glied, als sie von ihrem Höhepunkt erfasst wurde. Ihr Keuchen stockte, dann endete es in einem langgezogenen Stöhnen, das in den Tiefen des Bettes landete und von dem Zoras, der sein Gesicht an ihren Hals presste, um Küsse auf ihr vom Schweiß feuchte Haut zu drücken, glaubte, seinen eigenen Namen heraushören zu können. Natürlich war das Unsinn und eine reine Wahnvorstellung, weil sie einen Zischlaut von sich gab und ihr Stöhnen von einem "O" in ein "A" umwandelte, aber Zoras bildete es sich trotzdem ein - und es beförderte ihn über die Klippe, bevor er überhaupt wusste, was mit ihm geschah.
      Eigentlich hatte er wesentlich länger durchhalten wollen. Eigentlich hatte er sogar weitaus mehr mit der Phönixin anstellen wollen als dieses wechselhafte Vorspiel und die wenigen Minuten an Sex, die danach gefolgt waren. Das ganze Konstrukt fiel allerdings in sich zusammen, als er sich einbildete, seinen Namen in ihrem Höhepunkt zu hören und sich daraus vorstellte, wie es wohl wäre, wenn die Phönixin wahrhaftig seinen Namen keuchte. Das in Verbindung mit ihren himmlischen Zuckungen und der sengenden Hitze, die ihn verbrannte, war zu viel für ihn. Er kam in einem explosionsartigen Höhepunkt, bei dem sich vor seinem inneren Auge vermeintliche Szenen von Kassandra abspielten, Kassandra im Sonnenlicht, Kassandra auf seinem Schoß, Kassandra, wie sie seine Hand küsste. Es waren nicht nur die Bilder, die ihm durch den Kopf schossen und regelrecht schmelzen lassen, es war das ganze, warme Gefühl, das sich in ihm ausbreitete und das eindeutig die Signatur der Göttin trug, welches ihn zum Stöhnen brachte. Er kniff die Augen zusammen und grub die Zähne in ihren Hals, während er ihrer beider Höhepunkte mit letzten, kräftigen Stößen untermalte. Dann wich das himmlische Gefühl, das er nur allzu gerne nie wieder aufgegeben hätte, ganz langsam den Empfindungen der Realität und er kam zu einem langsamen Stillstand, bevor er mit einem letzten Seufzen erschlaffte.
      Für den nächsten Augenblick rangen sie beide nach dem Atem, der ihnen abhanden gekommen waren, dann fand es Zoras im Willen seiner kraftlosen Muskeln, sich aufzustemmen und von Kassandra zu lösen. Ihr Rücken hatte sich mit seinem Oberkörper festgesetzt von dem Schweiß, den höchstwahrscheinlich er so viel produziert hatte, und als er auf sie hinab sah, glitzerte es leicht. Eine erneute Enttäuschung überkam ihn, dass er nicht länger durchgehalten hatte.
      "Bleib liegen", krächzte er, bevor er sich aus dem Bett wand, auf temporär schwankende Beine erhob und im Nebenzimmer verschwand. Ein kurzes Bimmeln ertönte, dann tauchte er wieder auf, ging zu einem der Schränke, beförderte zwei Handtücher zu Tage und wischte sich grob mit dem einen ab, bevor er mit dem anderen zurück ins Bett stieg und Kassandra von seinem Schweiß befreite. Er platzierte das Handtuch zwischen ihren Beinen, um sämtliche sonst herauslaufende Flüssigkeit nicht im Bett landen zu lassen, dann neigte er sich wieder über sie und küsste ihr Schulterblatt entlang. Sein Kopf war noch immer leer wie die Wüste, sonst hätte er sich vermutlich gefragt, woher er noch die Kraft aufbringen konnte, sie mit solch sanften Küssen zu übersäen, aber so tat er einfach nur das, was ihm in den Sinn kam.
      "Meine Hübsche. Meine wunderschöne Haria."
      Er küsste sich zu ihrem unteren Rücken durch, dann löste er sich wieder von ihrem atemberaubenden Anblick und stand auf, bevor er ihr die Hand hinhielt.
      "Komm."
      Er verweilte geduldig, bis Kassandra aus dem Bett aufgestanden war und führte sie dann ins Nebenzimmer, in dem wie durch Zauberhand ein dampfender Waschzuber aufgetaucht war. Die Handtücher lagen schon bereit.
      Mit einem Lächeln ließ er sie vortreten.
      "Du zuerst. Soll ich nach draußen gehen?"
    • Beim letzten Mal war Kassandra nur für ein paar Augenblicke die Welt entglitten. Nun jedoch hielt Zoras sie bei ihrem Weltverlust. Noch während sie sich rhythmisch um ihn zusammenzog und seinen ruppigen Atem im Ohr klingen hatte, fielen ihr alle Gedanken einfach ab. Das Gefühl, das sich nur schwer beschreiben ließ, floß wie Gold durch jede einzelne ihrer Adern und ließ sie mehr als nur gut fühlen. Sie wusste gar nicht, wie lange man(n) dieses Gefühl tatsächlich aufrecht erhalten konnte, doch der Herzog brachte sie dieser Antwort ein wenig näher. Doch dann folgte er ihr schon direkt und versenkte seine Zähne in ihrem Hals. Ihr Kopf zuckte dabei ein Stück zur Seite und sie war sich nicht sicher, ob das gerade ausgereicht hatte, um der Welle einen weiteren Höhenpunkt hinzuzufügen oder nicht. Überdeutlich spürte sie ihn in sich zucken, wie er sich entlud und noch zwei, dreimal nachsetzte und dann erschlaffte. Was bei ihm so schnell ging, war bei ihr jedoch nicht der Fall. Noch immer wand sie sich unter ihm, getrieben von den Ausläufern des Hochgefühls und dem rasenden Atem, der sie noch immer beschäftigte. Es war egal, dass sie regelrecht miteinander verschmolzen waren. Oder wie schwer er tatsächlich geschafft auf ihr lag. Das alles bildete zusammen ein stimmiges Bild, das Kassandra gegen Nichts auf der Welt eingetauscht hätte.
      Die plötzliche Kälte, die sich auf ihren Rücken legte als Zoras sich von ihr löste, war wie ein Faustschlag. Noch immer brannte es in ihrem Unterleib, ihr Puls fuhr Achterbahn während sie bereits die Hände aufstellte, um sich vom Bett hochzudrücken.
      "Bleib liegen."
      Kassandra warf einen Blick über ihre Schulter zu Zoras, dessen Stimme nicht mehr zu erkennen war. Sie schmunzelte geschafft als sie sich wieder ergab und auf die Decke sinken ließ. Sie verschränkte die Arme unter ihrem Kinn, damit sie wenigstens nicht mehr so platt einfach da lag und verfolgen konnte, wohin ihr Mann verschwand. "Du hörst dich fürchterlich an." Wobei ihre eigenen Stimme auch gezeichnet war.
      Das Schmunzeln wurde zu einem warmen Lächeln während sie dabei zusah, wie ein torkelnder Zoras sich in den Nachbarraum schleppte. So viel zum Thema, der Mann hätte gut trainierte Beine. Das Bild, das sich ihr gerade bot, sprach da andere Bände. Kurz darauf, nachdem ein Bimmeln erklang, kehrte er zurück, besorgte das obligatorische Handtuch, um erst sich abzutrocknen und anschließend zu ihr zum Bett zurückzukommen. Wie geheißen hatte sie ihre Position nicht verändert und wartete brav auf ihn. "Hast du solche Nachsicht mit allen deinen Liebschaften betrieben oder darf ich mir was Besonderes nennen?", neckte sie ihn und genoß einfach, wie er ihre komplett Rückseite mit dem Handtuch abrieb. Ihr war klar, dass er es vermutlich mit anderen, für die er zumindest ein wenig Gefühl hatte erübrigen können, ähnlich verfahren hatte. Zumindest mit Feris' Mutter würde er so umgegangen sein. Wahrscheinlich hatte er sie auf Händen getragen, ihr noch eher die Wünsche aus den Augen abgelesen als ihr. Doch er war ihr hörig gewesen, musste darauf hoffen, dass sie sich für ihn Zeit nahm und auf ihre Gunst hoffen. Das war ein entscheidender Unterschied zur Phönixin, die zwar eigen und unanstatbar erschien, sich allerdings auf einer völlig anderen Ebene bewegte sobald sie Gefühle für jemanden entwickelte.
      Seine Küsse auf ihrem Rücken lenkten sie ein wenig von diesen Gedanken ab bevor er wieder auf die Beine kam und ihr die Hand hinreichte. Ob er die Königin wohl auch so genannt hatte? Vermutlich nicht, denn das käme einer Erniedrigung gleich. Es gab keinen höheren Rang und Titel als die Königin und wer war die Phönixin als dass sie behaupten konnte zu wissen, wie eine solche bei dieser Namensgebung reagieren würde. Womöglich war sie gar nicht so freundlich und zuvorkommend gewesen. Womöglich war sie in den dunklen Stunden herrisch und gebieterisch und womöglich war es das gewesen, was Zoras zu ihr getrieben hatte. Er fühlte sich zu Kassandra hingezogen, aber mehr als das hatte er noch nicht kundgetan. Sie wusste nicht, ob er sie liebte. Oder andersherum.
      Möglichst galant ergriff Kassandra Zoras' Hand und entstieg dem Bett. Sie warf ihm einen verschlagenen Seitenblick zu während sie an seiner Seite zu dem Nebenzimmer ging, das sein Baderaum war. Er schickte sie vor, ließ ihre Hand los und ließ sie vor einem offensichtlich hergeräumten Waschzuber innehalten. Ein kurzes, losgelöstes Lachen löste sich aus ihrer Kehle als sie sich zu dem Herzog umdrehte und eine Hand in die Hüfte stemmte. "Das nenne ich einen grandiosen Abstieg. Ich glaube es war ein Fehler, dass wir die niligadischen Bäder gesehen haben. Aber verrate mir mal, wieso du gehen solltest? Du kennst jeden Zentimeter meines Körpers. Wenn man deinen Lippen glaubt."
      Sie holte ihren Haarwust nach vorn auf die Brust damit sie im Zuber nicht auf ihnen lag und sie einklemmte. Ohne zu zögern stieg sie in das Wasser, das sich im Vergleich zu ihrem Körper kühl anfühlte. Sie besaß noch immer eine unfassbar erhöhte Körpertemperatur, bei der es noch etwas dauern würde ehe sie sich wieder reguliert hatte. Als sie mit ihrem Körper im Wasser verschwunden war, wandte sie Zoras ihren Kopf zu und streckte ihm dann einen Arm entgegen.
      "Was stehst du da? Willst du deine Göttin nicht waschen?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zu einem anderen Zeitpunkt hätte Zoras sich vermutlich beleidigt gefühlt, dass Kassandra es wagen könnte, seine doch ganz sicher gut ausgestattete Badelandschaft in Frage zu stellen; Firions Bäder hatten sie vermutlich schon zu weit verwöhnt. Aber in diesem Augenblick lächelte er nur, während er dabei zusah, wie sie in den Zuber einstieg.
      "Ich werde dich nie wieder zu Firion mitnehmen, wenn du mein Zimmer so niedermachst. Aber ich hätte dich alleine gelassen, wenn du es gewünscht hättest. Manche Frauen mögen es nicht, beim Säubern beobachtet zu werden, das ist eine andere Sache, als ein unterirdisches, riesiges Bad zu genießen. Meinst du nicht auch?"
      Er starrte trotzdem ein wenig, als sie sich in das Wasser niederließ. Wie könnte er auch nicht, bei dem Hochgefühl, das er immer noch empfand? Kassandra war auf sämtlichen Ebenen vollkommen umwerfend und er dachte erneut, mit einem gewissen Stolz, das nur ihm dieses Privileg zuteil wurde.
      Dann streckte sie ihm auch noch den Arm entgegen und um Zoras war es geschehen.
      "Ach."
      Er kam ohne zu zögern um den Zuber herum, nahm sich einen der Waschlappen und ergriff ihre Hand auf die möglichst eleganteste Weise.
      "So ist das also? Deshalb soll ich nicht gehen?"
      Er kniete sich neben sie, als wolle er ihr einen Antrag machen und setzte einen Kuss auf ihre Hand, bevor er ungeniert weiter nach oben und bis zu ihrer Schulter küsste.
      "Hmm? Meine Göttin?"
      Er grinste, mehr für sich selbst als für Kassandra, dann beugte er sich weiter nach vorne, um ihren Mund zu küssen, bevor er den Waschlappen ins Wasser tauchte und dann anfing, ihre Arme entlang zu fahren.
      "Ich glaube, ich verwöhne dich viel zu sehr - erst Firion und dann das hier. Wo wird das nur hinführen?"
      Er beantwortete seine Frage selbst mit einem Kuss auf ihren Hals, bevor er sich etwas umpositionierte, um mit dem Lappen ihren Oberkörper hinab zu fahren. Kassandra war sich vermutlich gar nicht bewusst, was für eine Gewichtung diese Handlung hatte, die sonst eigentlich wenn überhaupt einem Bediensteten zugestanden hätte. Nicht einmal die Königin hatte er gewaschen, auch wenn er das vermutlich bedenkenlos hätte tun können, aber diese Situation war noch einmal etwas anderes. Er vergötterte Kassandra, das wusste er selbst. Was er nicht ganz so direkt gewusst hatte war, wie schnell er vor ihr auf die Knie gehen würde. Wobei er es kein bisschen bereute.
      Er ließ sich ein wenig von ihren Brüsten ablenken, die er unter Wasser massierte, während er ihr den Hals küsste, dann kam er wieder herum, um sich, erneut auf seinen Knien, ihren unendlich langen Beinen zu widmen. Das Wasser schwappte ein wenig um Kassandras Körper und bot einen fantastischen Ausblick auf alles.
      "Ich darf erwähnen, dass das eine Prämiere für mich ist. Ich habe zwar "Nachsicht", wie du sie nennst, mit allen meinen Frauen, aber bisher habe ich noch keine gewaschen. Ich schiebe das zwar auf deinen Status als Göttin, aber etwas Besonderes bist du trotzdem, keine Sorge."
      Er grinste sie an, legte ihren Fuß auf seiner Schulter ab und küsste ihre Wade, bevor er mit dem Lappen vorsichtig über ihr Geschlecht fuhr. Sein Unterleib gab bei dem Anblick ein erschöpftes Lebenszeichen von sich, wenngleich er sonst in seinem Tiefschlaf verblieb.
      Zoras fuhr auch ihr anderes Bein entlang.
      "Darf ich Euch auch beim Abtrocknen behilflich sein, wenn ich schonmal zu Diensten bin, meine bezauberndste Göttin?"
    • "Also ich wüsste nicht, warum das Waschen Scham auslösen sollte. Ich komme aus Kulturen, wo es nur bestimmten demografischen Gruppen gestattet war, mich auch nur zu berühren. Noch weniger durften mich waschen, aber mich selbst reinigen stand außer Frage. Es stünde einem Gott nicht zu. Sehr witzig wenn ich so bedenke, dass ich schon in der nächsten Epoche Untertage in einem Verließ gesessen habe und Dreck und Erde meine Haut verkrusteten."
      Für Kassandra war es eine Zwei-Klassen-System mit dem Waschen. Niedere Gruppen wuschen den Gott, aber da war rein gar nichts verwerfliches dran. Sollten sie ihren makellosen Körper bestaunen und sich daran erfreuen, sie berühren zu dürfen. Nur dewegen hatte sie Zoras so aufgefordert, da sie wusste, dass er sie vergötterte.
      "Erscheine ich dir, als könne und würde ich mich selbst waschen? Beseitige gefälligst selbst die Schandtaten, die du meinem Körper angetan hast", sagte sie hochgestochen und lehnte sich zurück nachdem er ihre Hand ergriffen und ihren Arm mit Küssen übersähte, die sich bis zu ihrer Schulter hinaufzogen. "Du betest mich an. In der Regel huldigt man nur einer Gottheit und das bin, mit Verlaub, wohl gerade ich."
      Ihre Mundwinkel zuckten in einer Andeutung eines Lächelns. Er holte sich noch einen flüchtigen Kuss ab, dann plätscherte es als er den Waschlappen durchnässte und damit begann, ihre Arme abzureiben. Ein nackter Mann vor ihrem Zuber, der sie wusch. Das war selbst für Kassandra neu, die sonst maximal Kinder oder Eunuchen an ihre Seite gestellt bekommen hatte. Ob Zoras sie zu sehr verwöhnte, stand eigentlich außer Frage. Er hatte ihr versprochen, die wenige Zeit miteinander voll auszukosten. Ihr das Gefühl von Freiheit zu vermitteln so gut es nur ging. Dann war das hier ganz bestimmt ein Teil davon.
      "Nun, du hast mir gerade offenbahrt, dass in euren Kreisen es sich scheinbar nicht schickt, sich waschen zu lassen. Wie solltest du dann auch eine andere Frau dann waschen? Es sind schließlich keine Göttinnen dabei gewesen, wenn ich deine Worte richtig deute. Nur etliche Frauen.... Diverse verschiedene.... Zahlreiche.... Hmmm... wieso fühle ich mich plötzlich eher wie eine Trophäe?", sinnierte sie laut mit geschlossenen Augen während er ihre Wade küsste und die Stellen reinigte, die er eben noch verwöhnt hatte. Er ging dabei relativ schnell zum anderen Bein über, was sie ihm allerdings nicht vorhielt. Er hatte einfach noch nicht genug Regenerationszeit genießen dürfen. Trotzdem linste sie ihn durch einen Spalt ihrer Lider an und sah genau, wie er sie eindringlich ansah.
      "Normalerweise würde ich dich fragen, ob du nicht mit hineinkommen möchtest. Aber vielleicht solltest du dir dann einen größeren Zuber anschaffen als diesen hier, denn hier wird es wohl etwas eng...", gab Kassandra zu bedenken bevor sie ihre Beine wieder einforderte, damit sie aufstehen konnte. Das Wasser perlte an ihrem Körper abwärts, ließ ihn noch mehr glitzern als zuvor und hatte ihre Haut mit etwas mehr Farbe versehen. "Abtrocknen ist erwünscht. Tupfen, nicht reiben. Das schadet sonst meiner Haut."
      Das Lächeln in ihrem Gesicht war unübersehbar. Für sie war es lediglich eine Spielerei zwischen ihnen, da sie sich keinerlei Stände zwischen ihnen bewusst war. Er war es immerhin gewesen der ihr gesagt hat, sie solle nicht immer daran denken, dass sie göttlich war.
      "Soll ich dich auch gleich waschen oder schickt sich auch das nicht an?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras konnte und wollte sich auch gar nicht vorstellen, was Kassandra in den Jahrtausenden ihrer Existenz auf der Erde schon alles wiederfahren war. Er hatte bereits so einige verwerfliche Geschichten von ihr gehört und war sich dennoch sicher, dass er sich jetzt nicht vorstellen wollte, wie die selbe Kassandra in einem dunklen Loch saß, während der Dreck auf ihrer Haut erstarrte. Das war nicht richtig. Es wäre in etwa so, als wolle man Zeus seine Blitze wegnehmen und es als gerechtfertigt betrachten.
      Trotz dieser durchaus unglücklichen Vorstellung, schaffte es die Phönixin, ihm ein weiteres Grinsen zu entlocken, als sie auf seine Spielerei einging.
      Die Wäsche war viel zu schnell vorüber und Zoras dachte darüber nach, die Belegschaft darüber zu informieren, dass er tatsächlich einen größeren Zuber benötigte, allein aus der Vorstellung, mit Kassandra wieder im Wasser zu sein. Abgesehen davon bräuchte er vielleicht auch wirklich ein Außenbad, um dem unterirdischen Tempel von Firion gerecht zu werden, aber zu seinem nicht geringen Frust würde er vermutlich keine Zeit haben, sich daran zu erfreuen. Bis das Bad fertig wäre, würde er inmitten seines Aufstandes stecken und danach würde er sterben. Und Kassandra würde zurück in die Lüfte ziehen und sich sicherlich auch nicht mehr um ein einzelnes Wasser kümmern, das irgendwo in der Zivilisation lag.
      Also doch lieber ein größerer Zuber. Während Zoras beobachtete, wie das Wasser von Kassandras Körper abfloss und glitzernde Strähnen hinterließ, die sich an ihre Kurven anpassten, kam er zu der festen Überzeugung, dass ein größerer Zuber absolut lebensnotwendig war. Da war er sich mit seinem besten Stück sogar mal einig.
      "Jetzt auch noch Forderungen stellen, wie?", schmunzelte er, als er selbst aufstand und sich ihr Handtuch nahm. "Achso, ich meine natürlich: Ganz wie Ihr wünscht, meine Hochwohlgeborene. Es ist mir ein außerordentliches Privileg, Euch zu Diensten zu sein."
      Letzteres formulierte er sogar recht ernsthaft, bevor er das Handtuch mit beiden Händen nahm und sie mit größter Vorsicht abtupfte - zumindest, bis er ihre Schultern erreicht hatte, dort das Handtuch um ihren Körper und seine Arme gleich mit schlang. Er zog sie an sich, küsste ihren Mund und ihr Gesicht und löste sich dann wieder von ihr, gerade rechtzeitig, um sich zu vergewissern, dass er ihre Worte nicht missverstanden hatte. Dennoch musste er noch einmal nachfragen.
      "Wie bitte?"
      Kassandra hatte noch immer nicht aufgehört zu lächeln und jetzt, als er sie so sah, in Verbindung mit ihrer Frage, wurde ihm erst richtig bewusst, dass es eine ernstgemeinte Frage gewesen war. Da fiel seine Miene in sich zusammen.
      "Du willst mich waschen?"
      Die Frage war so absurd und surreal, dass Zoras sie gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen hätte. Er hätte keinem Kind erklären müssen, dass es sich wahrhaftig nicht anschickte, sich von einem ranghöheren waschen zu lassen, außer dieser ranghöhere hätte es darauf abgesehen Rufmord zu betreiben, aber galt das auch für Götter? Oder genauer gesagt für Champions, die ihrem freien Willen nachgingen? Zählte Kassandra überhaupt in die Rangesfolge oder wäre das Blasphemie? Ganz eindeutig Blasphemie. Aber dann könnte sie ihn doch auch waschen, oder nicht? Aber sie war ja trotzdem im Rang über ihm, daran bestand kein Zweifel. Aber sie war eben nicht vom richtigen Rang. Eigentlich könnte man sogar sagen, dass sie ein Rang unter ihm sein könnte, weil sie sein Champion war. Aber immerhin war sie eine Göttin. Seine Göttin. Also vielleicht gleichgestellt? Aber er konnte sich doch nicht auf die gleiche Stufe mit einer Göttin stellen. Also doch über ihm. Aber eben nicht vom Rang, aber halt schon vom höheren Rang, aber halt nicht der Rang.
      Zoras blinzelte als er merkte, dass es aus diesem Teufelskreis keinen Ausbruch gab. Er kam auf kein Ergebnis. Was zum Teufel sollte er darauf antworten?
      "Also... das schickt sich schon nicht an, aber unter Menschen, weil du... also nicht, dass du ein Mensch seist, also ich meine schon aber halt nicht... du weißt schon... dann sollte man das nicht tun, das ziemt sich nicht... aber du bist ja nicht... also..."
      Er kratzte sich am Bart.
      "Also wenn du willst, aber ich würde niemals... du solltest dich nicht gezwungen fühlen, aber wenn du möchtest... wenn du dir wirklich sicher bist..."
    • In einer erhabenen Gestik breitete Kassandra die Arme aus und gewährte Zoras den uneingeschränkten Zugang zu ihrem Körper. Wie sie es ihm aufgetragen hatte, tupfte er ihren Leib sorgsam ab bis er an ihren Schultern angekommen war. Blitzschnell warf er das Handtuch um ihre Schultern und tarnte seine Arme gleich mit, um die Phönixin an sich zu ziehen. Das Wasser schwappte nur leicht an ihren Beinen, doch sie stand noch immer im Zuber und musste darauf achten, nicht auszurutschen. Willig schmiegte sie sich an den Mann, dem scheinbar noch etwas weiteres durch den Geist ging als ihre aufreizende Gestalt. Mit einem Seufzen verlor sie sich in einem weiteren Kuss mit ihm bevor er sich von ihr löste und sie verdattert ansah. Das breite Lächeln in ihrem Gesicht bekam einen fragenden Beigeschmack als sich ihre Augenbrauen ein wenig zusammenrauften. So als verstünde sie die Nachfrage nicht, denn genuschelt hatte die Phönixin ganz sicher nicht. Daraufhin verlor sich der Ausdruck in seinem Gesicht vollständig. So recht verstand Kassandra es nicht.
      "Ja? Wieso nicht? Deinen Dienst an mir kann ich doch wohl auch dir zugute kommen lassen oder nicht?", harkte sie noch immer mit der Leichtigkeit in ihrer Stimme nach während sie einen Fuß aus dem Zuber setzte und sich eigenmächtig das Handtuch aus seinen Fängen angelte, um ihre Füße abzutrocknen. Sie verfuhr gleich mit dem anderen Fuß ehe sie das Handtuch gefaltet zur Seite legte und ihre Haare zu einem Strang zwirbelte, um sie auszuwringen. Schlussendlich kredenzte er ihr doch eine Antwort, die dem stotternden Zoras von damals näher kam als es ihm vermutlich lieb gewesen wäre.
      Kassandra machte einen sinnbildlichen Schritt zur Seite und deutete mit ihrer Hand auf den Zuber. "Ich muss nicht verstehen, warum du anfängst zu stammeln wenn es darum geht, sich zu waschen, oder? Gegenüber derjenigen, mit der du gerade noch intim gewesen warst." Dieses ganze Standesgeplänkel hing ihr mittlerweile zum Halse heraus. Je nachdem wo sie gelandet war hatte sie neue Kulturen, neue Regeln und neue Sitten adaptieren müssen und war es am Ende einfach leid gewesen. Sie hatte sich diejenige herausgesucht, die sie persönlich am ehesten befolgen würde, und da war das gegenseitige Waschen alles andere als unsittlich. "Jetzt steig in den verdammten Zuber."
      Mit vor der Brust verschränkten Armen wartete sie darauf, dass Zoras ihrer Aufforderung nachkam. Es dauerte eine geraume Weile und er bewegte sich langsam, prüfend, als erwarte er, dass sie jeden Moment ihre Meinung ändern würde. Doch Kassandra schwieg lediglich bis Zoras fast bis zur Brust im Wasser eingetaucht war. Erst dann löste sie sich aus ihrer Starre, kniete sich neben den Zuber hin und holte den Waschlappen zurück, den Zoras vorhin gebraucht hatte.
      "Ich weiß nicht, warum du da so eine große Sache raus machst. Da wo ich herkomme, ist daran rein gar nichts verwerflich. Egal aus welcher Kaste man stammte oder welche Arbeit man ausübte, es war eine Form der Respekterweisung in den Kreisen, in denen ich einst gelebt habe." Sie wringte den Lappen im Wasser aus, fischte nach seinem Arm und hielt am Ende die Hand über Wasser, wo sie von den Fingern aus zu seinem Handgelenk und dann den Arm hinauf systematisch arbeitete. Sie trug dabei einen seeligen Ausdruck im Gesicht, ruhig und friedvoll. "Man beginnt mit dem Körperteil, das die größte Arbeit verrichtet und befreit ihn als Erstes. Man arbeitet sich von den Gliedmaßen zum Torso hin, der separat gereinigt wird. Dabei gilt der Rücken vor der Brust und zum Schluss folgt erst der Hals, dann das Gesicht und das Haar. Was man nicht berührte, war der Intimbereich. Nicht aus Scham, aber dieser Bereich war lediglich dem Partner zugänglich..."
      Und genau so wusch Kassandra Zoras Körper mit einer Ruhe, die nicht von dieser Welt stammen konnte. Das Wasser behielt eine gleichbleibende warme Temperatur, die einzig und allein auf den Einsatz ihrer Magie zurückzuführen war. Durch ihre größtenteils geschlossenen Lider konnte der Herzog jedoch nicht entdecken, ob ihre Augen wieder so glühten wie üblich.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras starrte noch immer ungläubig, da hatte Kassandra sich eigenmächtig entschieden, dem Herzog diese Entscheidung abzunehmen. Andernfalls hätten sie wohl noch morgen dort gestanden, während Zoras darüber nachgrübelte, ob das nun richtig war oder nicht.
      Er war sich dessen noch immer alles andere als sicher, als er zögernd in den Zuber stieg und sich dort niederließ. Was hätte er letzten Endes auch anderes machen sollen bei der unverblühmten Anweisung, die Kassandra ihm gegeben hätte? Etwa argumentieren, dass es seiner Kultur nicht entsprach und dass er aber doch nicht abgeneigt war, weil Kassandra schließlich nicht Teil der Kultur war und sie hier niemand sehen konnte? Er glaubte nicht, dass er bei ihr weit damit kommen würde. Zum Schluss würde sie ihn noch gewaltsam in den Zuber befördern.
      Jetzt dort zu sitzen, im Wasser das noch immer mehr als angenehm warm war, und zu beobachten, wie die Phönixin sich neben den Zuber kniete, so wie er es vorhin getan hatte, war überaus bizarr. Es glich schon einem merkwürdigen Fiebertraum, aus dem Zoras eines Tages erwachen würde und sich denken würde, was für einen Unsinn er sich da zusammengeträumt hatte. Er konnte es noch immer nicht recht glauben, als Kassandra sich den Waschlappen nahm und dann damit über seine Hand fuhr, während sie erläuterte, weshalb das für sie gerade keine große Sache war. Das konnte Zoras sogar verstehen, es änderte nichts daran, dass die Göttin gerade neben ihm kniete und seine Hand schrubbte.
      "Es ist hier auch eine Respekterweisung, aber... anders. Es geht um das Knien und um die Arbeit, die der eine für den anderen verrichtet. Das ist ein bisschen wie... der Handrückenkuss. Jemand von niederem Rang tut es für einen ranghöheren, aber andersherum wäre es merkwürdig. Jetzt ist es auch..."
      Er beobachtete, wie Kassandra systematisch seinen Arm hinauf schrubbte.
      "... merkwürdig."
      Dennoch konnte er nicht drum herum anzufangen, es nach einer gewissen Zeit zu mögen. Der Ausblick der knienden Kassandra bereitete ihm noch immer Kopfzerbrechen, aber er mochte, mit welcher Konzentration und Überlegtheit sie diese Sache anging, als wäre es ein eigenes Ritual. Er mochte auch, mit welcher Sanftheit sie seine Haut berührte, auch wenn er um einiges rauer war als sie selbst und auch wenig gespürt hätte, wenn sie etwas härter gewesen wäre. Es ging um den Gedanken dahinter. Kassandra wollte ihn genauso zärtlich behandeln, wie er sie immer behandelte und das brachte sein Herz auf eine Weise zum schlagen, die ihm gänzlich ungewohnt war. Er beobachtete sie genau, wartete selbst schon auf den Moment, an dem sie entscheiden würde, dass sie doch nicht so weit gehen wollte und ihm ihren Respekt erweisen würde, aber der Moment kam nie, auch dann nicht, als sie ihn bat, sich ein Stück nach vorne zu lehnen, damit sie seinen Rücken erreichen konnte oder als sie seine Beine schrubbte. Sie behielt ihren Blick größtenteils für sich, vielleicht um seinem durchdringenden Gestarre auszuweichen, das er erst bemerkte, als sie an seinem anderen Bein angekommen war. Er konnte sich aber auch nicht davon abhalten. Seine Augen waren wie auf Kassandra geklebt, während sein Gehirn noch immer mit der Situation klarzukommen versuchte.
      Irgendwann fand er zumindest seine Stimme wieder.
      "Sind wir denn Partner?"
      Er konnte trotzdem nicht aufhören zu starren. Ein Teil von ihm wünschte sich, auf ewig in diesem Bad festzusitzen - nicht, weil er sich so lange von ihr waschen lassen wollte, sondern damit dieser Moment nicht vorübergehen würde. Dieser Moment, in dem Kassandra freiwillig vor ihm kniete.
      "In dem Verständnis dessen, wo du herkommst, meine ich. Wären wir dort Partner? ... Sind wir es denn?"
    • "Merkwürdig? Merkwürdig klingt danach, dass es dir missfällt und ich lieber aufhören sollte."
      Symbolisch hielt Kassandra einen Augenblick lang inne, ließ die Stille zwischen ihnen beiden wirken, nur um dann mit der gleichen Ruhe fortzufahren, als hätte es keine Unterbrechung gegeben. Merkwürdig war eine Beschreibung, die sie jetzt nicht unbedingt hatte hören wollen. Viel eher hätte ihr Sinn danach gestanden, dass er sie noch immer anstarrte, sich geehrt fühlte, dass sie ihn wusch und nicht, dass es sich merkwürdig anfühlte. Das klang so... negativ. Vielleicht beobachtete er sie ja doch - höchstwahrscheinlich tat er das wirklich - und war tief in seinem Inneren gar nicht so abgeneigt. Zoras war doch ein gestandener Mann der sagen würde, wenn sie stoppen sollte. Obwohl.... sie hatte ihn schon stammeln und stottern gehört. Vielleicht war er doch nicht ganz so gefestigt wie er gerne wirken mochte.
      Oder er war einfach nur bei ihr so.
      "Riten fühlen sich immer für Außenstehende seltsam an. Es ist egal, ob es eine Waschung, eine Salbung oder ein Opferritual ist. In der Regel treffen solche Kulturunterschiede immer auf kein Verständnis. Ich nehme dir deine Wortwahl nicht übel", sagte Kassandra schließlich als sie bei seinen Beinen angelangt war und gerade dabei war, seine Wade mit dem Lappen entlangzufahren. Noch immer hatte sie andächtig den Blick ausschließlich auf die Stelle gerichtet, die sie gerade zu bearbeiten gedachte. Doch gerade jetzt, wo sie seinem Gesicht gegenüber kniete, fühlte sie seinen Blick mehr als deutlich auf sich. Wie er jeder ihrer Bewegungen folgte, scheinbar nicht ganz prozessieren konnte, was sie gerade tat. Offensichtlich war das hier sogar noch bedeutsamer als der Moment, in dem sie seinen Handrücken geküsst hatte. Bei dem Gedanken schmunzelte sie leicht. Doch als Zoras seine Stimme wiederfand schlug Kassandra ihren Blick hoch und fand ihn dabei, wie er sie hemmungslos anstarrte. Angaffte war vielleicht sogar eher das richtige Wort. Ihre Bewegung erstarb während sie ihn seine Frage nochmals ausformulieren ließ. Nach seinem letzten Wort senkte sie wieder den Blick und wechselte schließlich auf das andere Bein.
      "Du solltest aufpassen, wie du deine Worte formulierst. Sonst würde ich dir jetzt eine gewisse Hoffnung in deine Aussprache dichten, die du vielleicht gar nicht hast", entgegnete Kassandra gelassen. "Wenn du jedoch vom Götterhimmel sprichst, dann muss ich das verneinen. Immerhin gibt es da keine Menschen und die Beziehungen unter unsereins sind speziell. Solltest du jedoch die Kultur gemeint haben, dann ist es ebenfalls eher unwahrscheinlich. Schließlich kann man keine Verbindung mit dem Gott eingehen, dem man huldigt. Aber wenn wir beide Menschen wären..." Sie überlegte einen Moment. "Dann vielleicht? Das würde davon abhängen, ob man sich der gegenseitige Liebe bekundigt hat. Und das hat bei uns immerhin noch niemand getan, hm?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Nein!"
      Trottel!
      "So meinte ich das nicht."
      Zoras rutschte unruhig in dem Zuber herum, wobei das Wasser bis an den Rand platschte, bevor er einigermaßen wieder Herr der Lage war. Beim Willen der drei Schicksalsgöttinnen, so tölpelhaft konnte sich nicht der größte Narr im ganzen Land stellen.
      "Ich meinte... also schon merkwürdig, aber nicht schlecht. Es gefällt mir. ... Bitte, mach weiter."
      Kassandra verharrte noch für einen Augenblick und in derselben Zeit legte Zoras' Herz einen Marathonlauf hin, während er darüber nachdachte, wie er das jetzt nun richtigstellen sollte. Aber zu seinem Glück und der Gnade für sein Herz ließ Kassandra sich nicht allzu groß davon beeindrucken und fuhr gleich fort, woraufhin er sich merklich entspannte. Ja, jetzt wo er es einmal ausgesprochen hatte, gefiel es ihm wirklich. Ihm gefiel der Ausblick auf die nackte Göttin, ihm gefiel, wie sanft sie ihn berührte, ihm gefiel, wie konzentriert sie auf ihre Arbeit war. Zoras hatte sich sicherlich fünf Mal ablenken lassen, Kassandra ließ ihn fühlen, als wäre er etwas wertvolles, etwas heiliges sogar, das man nur mit größter Vorsicht behandeln sollte. Es gefiel ihm, auch wenn er sich nicht sicher war, ob er es immer willkommen heißen würde. Kassandra hob keine Schwäche in ihm hervor, indem sie ihn es genießen ließ, sie wertschätzte ihn. Und Zoras glaubte, dass sein Herz noch niemals so stark gehämmert hatte.
      Mit seiner nächsten Frage schien er allerdings noch einmal direkt daneben getroffen zu haben, denn auch dieses Mal verharrte Kassandra und bat ihn sogar, sich noch einmal zu wiederholen. Heute war nicht sein Glanztag. Er wünschte, es auf den Sex schieben zu können, aber mittlerweile war sein Gehirn wieder recht klar, sodass er keinem anderen die Schuld geben konnte, als sich selbst.
      Er wusste auch gar nicht, was für eine Antwort er erwartet hätte. Sie waren keine Partner im herkömmlichen Sinn, ganz klar, aber was bedeutete schon "herkömmlicher Sinn"? Nur das, was Zoras bekannt war, nicht aber das, was Kassandra erlebt hatte. Wenn er hartnäckig dabei geblieben wäre herauszufinden, ob es eine Kultur in ihrem langen Leben geben mochte, in der sie soetwas wie Partner gewesen wären, hätte sie ihm diese Frage sicherlich irgendwann mit Ja beantwortet. Vielleicht wären sie sogar in verschiedenen Kulturen Partner gewesen. Aber was brachte ihm dann diese Antwort? Die Vorstellung, dass sie in einem anderen Land, zu einer anderen Zeit eine Beziehung geführt hätten?
      Er starrte sie noch immer an, während sie in aller Ruhe offenbarte, was ihm selbst auch schon klar gewesen war.
      "Nein, das hat niemand getan."
      Sie schrubbte weiter an seinem Bein und Zoras starrte weiter, während wieder Stille zwischen ihnen aufkam. Er dachte daran, dass ihm sämtliche Möglichkeiten offen stünden, sie im Sinne der therisschen Kultur zu seiner Partnerin zu machen, aber irgendwie kam ihm das nicht richtig vor - nicht nur deswegen, weil sie eine Göttin und er nur ein Mensch war, sondern auch, weil sie seine Frage verneint hatte und er sich dadurch tatsächlich eine gewisse Hoffnung hineingedichtet hatte. Wollte er sie überhaupt zur Partnerin haben? Nicht, dass er überhaupt daran gedacht hätte, in den letzten Jahren eine andere Frau zu nehmen oder gar auf Kassandra zu verzichten. Er wollte sie an seiner Seite haben und er wollte mit ihr die restlichen Tage seines Lebens verbringen, aber das war natürlich nur halb so gewichtig, weil er schließlich selbst bestimmt hatte, in nächster Zeit zu sterben.
      In gewisser Weise war sie in der Hinsicht der Königin gar nicht mal unähnlich. Er hatte auch neben ihr keine anderen Frauen gehabt und er hätte auch mit ihr - wahrscheinlich, wer wusste das schon - den Rest seiner Lebtage verbracht. Aber er hatte sie nie zur Frau genommen, er hatte es abgelehnt, wenn Ryoran ihn danach gefragt hatte. Und wieso? Weil er kein König werden wollte, natürlich.
      Und welche Ausrede konnte er sich für Kassandra einfallen lassen?
      Darüber grübelte er noch immer nach, als sie ihre Arbeit schließlich als beendet erklärte und er aus dem Zuber stieg. Das Wasser schwappte über und ergoss sich auf den Boden, als er direkt heraustrat und es Kassandra überließ, ihn auch abzutrocknen, wie er es bei ihr getan hatte. Er starrte sie auch noch weiterhin an, weil er nirgends anders hinsehen wollte und weil er gleichzeitig daran dachte, wie man eine Göttin heiraten sollte.
      Schließlich gingen sie zurück zu Bett. Zoras legte sich auf den Rücken, empfing Kassandra mit offenen Armen und drückte sie an sich, während sie die Decke über sie beide zog. Ihm war noch immer keine Ausrede eingefallen, aber irgendwann durchbrach er langsam die eingetretene Stille.
      "Wenn du ein Mensch wärst... dann hätte ich keinen Aufstand begonnen."
      Er starrte auf Kassandras Haarschopf hinunter, während sie beiden seinen ausgesprochenen Worten lauschten.
      "Dann hätte ich dich gekauft, um dir ein Schicksal bei Eiklar zu ersparen, und dich als Zofe bei mir angestellt. Dann hätte ich dich mit hierher genommen und mir Gedanken darüber gemacht, ob es vertretbar wäre, einer ehemaligen Sklavin den Hof zu machen. Dann hätte ich wesentlich mehr Streitgespräche mit Ryoran geführt und vielleicht Rufmord riskiert. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht."
      Und vielleicht hätte er nicht nach einer Ausrede suchen wollen, um sie nicht zur Frau zu nehmen. Vielleicht hätte er eines Tages einfach so akzeptiert, dass sie Partner wären.
      Vielleicht hätte er ihr sogar seine Liebe frei heraus gestanden.
      Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.

      Sie bereiteten nur wenige Tage später die erneute Abreise vor.
      Ryoran und Elive hatten sich zwar nicht gegenseitig geköpft, aber alles beim alten war es trotzdem nicht. Sie wirkten distanziert zueinander, auch wenn sie zusammen standen und Teal sah noch immer so müde aus wie bei Zoras' Ankunft.
      Die Träume waren wiedergekommen. Sie hatten nur drei Tage Pause gehabt, dann waren die Träume wieder da, wenn auch nicht mit der gleichen Intensität. Sie waren dieses Mal anders, sogar irgendwie skurriler, auch wenn das bei Träumen kaum möglich war; aber Zoras, der die vorherige Tortur schon gewöhnt war, bemerkte selbst den Unterschied, auch wenn ihn Kassandra nicht darauf aufmerksam gemacht hätte. Es waren nicht immer Albträume dabei und es waren auch nicht immer eindeutige Träume. Manchmal glaubte er, von einem Farbgewirr zu träumen und manchmal bildete er sich ein, dass er von Geschichten träumte, die entweder gar nicht existierten, oder die irgendwo mal geschehen waren. Zu gern wäre er mit Kassandra mitgekommen, um diesem Umschwung auf die Schliche zu gehen, aber er erinnerte sich an die Bedürftigkeit seines eigenen Auftrags und daran, dass Kassandras erfolgreich sein musste. Immerhin waren Teals Augenringe noch immer riesig und jetzt sah der Junge, durch das Unglück seiner Eltern, auch noch offen traurig aus.
      Zoras umarmte ihn wieder zum Abschied. Dieses Mal hatte sich seine Garde in Höhe von 50 Mann bei ihnen versammelt und der Hof war voll, während sie alle ihre Pferde bepackten. Zwei Wagen fuhren mit ihnen, das offensichtliche Gespann eines Herzogs, weshalb Zoras darauf bestand, keine hochwertigen Wagen zu benutzen und außerdem niemanden Uniform tragen zu lassen. Die Waffen dürften sie behalten, aber nicht alle und außerdem sollten sie alle in Zweierreihen reiten, als wären sie Boten auf dem Weg zur Front. Nicht einmal Ryoran hatte dagegen Einspruch erhoben.
      Kassandra würde einen halben Tag lang mit ihnen kommen, dann würde sie sich nach Norden absetzen und Zoras nach Osten. Kassandra würde Morpheus mit sich ziehen und sobald sie ihn verloren hätte - oder nach spätestens drei Wochen, weil Zoras dann an der Grenze sein würde - würde sie zurückkommen. Es brach ihm jetzt schon das Herz, so lange von ihr getrennt zu sein, und deswegen wandte er seine ganze Aufmerksamkeit der Familie zu, um sich abzulenken, während er sich erneut von ihnen verabschiedete. Elive weinte diesmal noch ungehemmter als jemals zuvor.
    • Waschungen waren für Kassandra ein durchaus erholsames Erlebnis, das sie nur zu gern mit jemanden wie Zoras teilte. Es störte sie nicht, dass sie ihn wie zuvor umgekehrt abtrocknen sollte und kam dieser Aufgabe freilich hinterher. Trotzdem hatte sie zu beinahe jeder Sekunde gespürt, wie etwas in seinen Denkzellen rumorte. Wie er sich über etwas den Kopf zerbrach, das für sie in keiner greifbaren Nähe war. Kassandra erwischte sich dabei, wie sie einfach nur zufrieden mit dem Augenblick war, den sie viel zu oft ignoriert hatte. Langsam verstand sie, warum es durchaus seine Vorzüge hatte, im Hier und Jetzt zu denken anstatt sich bereits Jahre in der Zukunft zu sehen. Wobei es sie insgeheim davor graute, wie sich diese Momente anfühlen mochten, wenn sie nicht von Zufriedenheit und Glück geprägt worden waren.
      Eigentlich hatte die Phönixin auch gar nicht mehr damit gerechnet, dass Zoras auch nur einen Funken ihres Monologes aufgreifen würde. Lediglich bei dem Punkt dem er beigepflichtet hatte, war sie gedanklich kurz hängen geblieben. Er hatte nur die Tatsache bestätigt, ihr aber keinerlei Auskunft darüber gegeben, wie er darüber dachte. Ob er etwas daran ändern wollte, dass ein jeder von ihnen noch keine Bekundung seiner Gefühle gemacht hatte. Dass Kassandra Gefühle für Zoras hegte war ihr überaus klar - andernfalls gäbe es keinen freien Zeitpunkt, in dem sie aus eigenen Stücken nackt zu einem Menschen ins Bett gekrabbelt wäre, um sich an seine Brust und unter die Decke zu schmiegen. Auf der anderen Seite waren Menschen üblicherweise sehr schnell darin zu bekunden, wenn ihnen etwas gefiel oder nicht. Genau das hatte der Herzog bereits getan als er ihr die Kette schenkte, die immer noch an ihrem Hals baumelte. Doch das war lediglich ein Zeichen des Gefallens. Sie gefiel ihm, zwar in etlichen Hinsichten, doch gefallen war noch lange nicht lieben. Vergöttern war sogar noch weiter weg davon als es Zoras vielleicht aufgefallen sein mochte. Denn wenn man etwas vergötterte, dann stellte man es auch auf eine unerreichbare Stufe. Etwas, das man nicht berühren durfte. So als würde man in die Sonne blicken und mit seinem Augenlicht dafür bezahlen. Für einen winzigen Ausblick auf etwas, das einem jeden weiteren auf Lebzeiten nehmen würde.
      "Wenn du ein Mensch wärst... dann hätte ich keinen Aufstand begonnen."
      Zoras' Worte kamen so unangekündigt, dass es Kassandra den Atem verschlug. Ihre Augen waren geweitet, was er freilich nicht sehen konnte, als die ganze Tragweite dieses einen Satzes ihr Innerstes erschütterte. Wenn sie ein Mensch gewesen wäre, hätte Zoras nicht den Tod gewählt. Er hätte nicht die Krone gewählt, er hätte sie, das Leben, gewählt. Mit diesem einen Satz machte er sie ganz allein unweigerlich dafür verantwortlich, dass der Herzog Luors in den Freitod ging. Er hatte sie zu seinem Todesengel auserkoren.
      Die restliche Ausführung bekam Kassandra nur noch halb mit. Sie hatte nach anfänglichem Schock die Augen geschlossen und sich enger an ihn gedrückt. Dass sich ihre Augen plötzlich furchtbar heiß anfühlten war mit Sicherheit nur eine Illusion.

      Schon ein paar Tage später setzten sie ihren Plan in die Tat um. Das Ablenkungsmanöver in Vorbereitung auf die große Schlacht rückte näher und die Spannung wurde erneut auf dem gesamten Landsitz greifbar. Dass innerhalb kürzester Zeit die Träume wieder aufgetaucht waren und an Bedeutung variierten, war nicht nur Kassandra aufgefallen. Etwas stimmte nicht mit Morpheus und es würde ihre Aufgabe sein, herauszufinden, was. Das versicherte sie ebenfalls Zoras, schließlich sei es ihr Auftrag für Ablenkung zu sorgen. Dafür nahm sie sogar die lästigen Träume hin, in denen sie nicht ein Mal mit dem Gott der Träume hatte kommunizieren können.
      Der volle Hof mit seinem durchdachten Plan wirkte letztenendes wie die Ruhe vor dem Sturm. Kassandra wusste, dass sie seit Äonen völlige Handlungsfreiheit genoß sobald sich ihr Weg und der ihres Trägers trennten. Dann würde er nicht mehr sehen, was sie anstellte und sie müsste sich wieder darauf verlassen, was im Sinne des Herzoges war. Das bedeutete, dass sie sich wieder mit sich allein beschäftigen musste, doch der Plan sah nur ein paar wenige Wochen voraus. Wochen, die in ihrer Wahrnehmung sowieso binnen Sekunden zu verfliegen schienen.
      Bei dem Abschied dieses Mal mischte sich Kassandra nicht ein. Sie ließ Zoras seinen Freiraum, um sich ordentlich zu verabschieden. Denn wie man es auch drehen und wenden mochte: Es konnte immer das Unvorhergesehene passieren und am Ende doch ein Herzog schneller fallen als angenommen. Dieses Wissen nagte auch an der Phönixin, die wieder ihre Maske aufgesetzt hatte und scheinbar ruhig auf Solair wartete. Sie würde nicht rechtzeitig da sein, wenn ihm etwas geschah. Sie würde es nicht verhindern können. Einzig die Konsequenzen würde sie zu sehen bekommen und dann möge der Götterhimmel Kerellin gnädig sein, auf dass die Phönixin ihr einen schnellen Tod schenken möge.
      Schlussendlich setzte sich der Zug in Bewegung und sie verließen das Reich der Luors in der Hoffnung.... Nun, in welcher Hoffnung eigentlich genau?

      "Also. Nach drei Wochen etwa planst du an der Grenze Kerellins zu sein, richtig? Nach drei Wochen oder eben etwas eher soll ich zurück zum luorschen Sitz kommen", fasste Kassandra den Plan noch einmal zusammen während sie Seite an Seite mit Zoras auf seinem Fuchs ritt. Über ihnen war der Himmel von Schlierwolken durchzogen und wieder kreiste ein großer Vogel über ihnen, als würde er die Phönixin verspotten. "Ich verspreche, ich werde Morpheus nicht gezielt angreifen oder für einen Grund sorgen, damit Restaris Herakles schickt."
      Das war ein Versprechen, das sie halten konnte. Nicht versprechen konnte sie jedoch, dass sie nicht anderweitig aktiv werden würde. Sie würde bis nach Veren hoch reiten, wenn es ihr Verfolger zuließe, und dort gab es weniger Restriktionen für sie. Niemand würde sie erkennen, wenn sie in ihrer Feuervogelgestalt reiste. Wer wusste schließlich mit Sicherheit, dass es nicht noch einen zweiten Phönix auf Erden gab?
      Geedankenverloren wanderte ihre Hand an ihren Hals. Dort funkelte der kleine Kolibri mit tausend Lichtern in der Sonne und war auf gleicher Temperatur wie ihr Körper angestiegen. Das Flämmchen brannte noch immer tapfer im Herzen des kleinen Vogels während sie den Blick nach vorn gerichtet hatte. Drei Wochen... das war machbar.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Bald befanden sie sich wieder im altgewohnten Pferdesattel und auch wenn Zoras damit auch wieder in seinem Element war, genoss er den anstehenden Ritt nicht halb so sehr, wie er ihn vielleicht sonst genossen hätte. Er hatte Roran, seinen treuen Fuchs, Zuhause gelassen und war stattdessen auf sein Kriegsross Ischgyll umgestiegen, ein kräftiger Rappe, dessen Gemüt ruhig und gelassen war. Der Namensvetter seines Vaters hatte Übergröße, einen ausladenden Brustkorb und stämmige Beine, an denen die Muskeln nur so zuckten, wenn er sich bewegte. Er schnaubte nicht ständig, wie Roran es tat, sondern bewegte lediglich die Augen, als würde er seine Umgebung berechnend in Augenschein nehmen. Das einzige Geräusch, das er manchmal von sich gab, war ein leises Klackern, wenn er auf seinem Zaumzeug herum kaute.
      Zoras ritt auf seinem Rücken wie ein König auf seinem Thron, während er Kassandra lauschte und dem Gaul derweil den Hals kraulte. Er mochte Ischgyll auf eine andere Weise wie Roran - Ischgyll war ein Verbündeter, Roran war ein Freund. Er vertraute Ischgyll sein Leben an und Roran sein Herz.
      Er bestätigte Kassandras Aussage, nur an einem Punkt klinkte er sich ein.
      "Du kommst dann zurück zu mir und ich werde an der Grenze sein. Sollte dann alles geklärt sein, werden wir nachhause zurückkehren. Zu meinem Sitz, meine ich."
      Er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. Sie trug seine Kette - jetzt ja ihre eigene Kette - jeden Tag und das stimmte ihn irgendwie glücklich. Sie leuchtete noch immer unentwegt und tauchte ihr Gesicht bei Sonnenschein in die schönsten Farben, aber er wusste, dass ihr das selbst egal war. Vielleicht war ihr nicht egal, dass er sie dadurch sicherlich doppelt so häufig ansah wie sonst, aber wahrscheinlicher war es, dass sie es für ihn tat. Oder sie fand auch einfach selbst Gefallen an dem Kolibri, ihm war alles recht.
      "Und ich verspreche, dass mir nichts passieren wird, hm?"
      Er lenkte den Rappen ein wenig zu ihr heran, aber selbst das gelassenste Pferd legte noch immer die Ohren an und zog zur Seite weg, sobald es der Phönixin zu nahe kam. Zoras hatte sich schon daran gewöhnt, hatte aber trotzdem einen Versuch wagen wollen.
      "Alles wird schon gut werden. Wir haben alles unter Kontrolle."
      Aber der Gedanke bereitete ihm selbst mittlerweile fast Sorgen. Wenn alles gut ging, würde das bedeuten, dass er sich bald ganz von ihr verabschieden müsste und wenn er ehrlich war, war er noch nicht bereit dazu.

      Sie trennten sich am Morgen und Zoras küsste sie lange und innig, bevor er auch den Kolibri um ihren Hals küsste. Grinsend erklärte ihr, dass es keine besondere Bedeutung habe, aber insgeheim wünschte er, dass ein Teil von ihm sie begleiten würde, so wie er auch ihr Herz an der Brust trug. Weiter dachte er nicht darüber nach. Er küsste sie ein zweites Mal und dann schob er ihr ein paar Haarsträhnen zurecht.
      "Pass auf dich auf. Und genieß deine kurze Freiheit, hm?"
      Er lächelte sie an, dann ließ er sie los. Er beobachtete, wie sie aufstieg und sich von ihm verabschiedete. Er beobachtete, wie sie Solair umdrehte und anritt. Er beobachtete, wie sie sich im Sattel nach vorne wog, als der Hengst angaloppierte. Er beobachtete, wie sein Schweif zwischen den Sträuchern verschwand und dann fühlte er sich ein wenig einsam.


      Er erreichte die Grenze zwei Wochen später.
      Das Heerlager vor Ort war ein wenig unordentlich und zerrupft, mit einzelnen Teilen, die weiter vorne lagen und dem Hauptteil, der weiter hinten aufgezogen war. Es gab im Umkreis von mehreren Kilometern nur vereinzelte Dörfer und keine großen Städte, die man als Stützpunkt hätte verwenden können, was das Heerlager von vornherein erklärte. Allerdings erklärte es diese Unordnung nicht.
      Zoras' Ankunft schien angekündigt worden zu sein, denn die Soldaten traten aus ihren Zelten heraus und begrüßten die anreisende Gruppe mit vorbildlichen Saluten, kaum waren sie überhaupt in der Nähe. Es dauerte nur wenige Minuten länger und dann kam seine Kommandantin angeritten, um ihn persönlich in Empfang zu nehmen.
      Kommandantin Ayon war eine schlanke Frau mit kürzerem, wilden Haar und mindestens genauso wilden Augen. Sie war groß gebaut und machte einen schlaksigen, fast gebrechlichen Eindruck, der durch eine herrische Stimme und versteckter Muskelkraft sofort ausgebessert wurde. Sie war Teil der Kavallerie gewesen, die Zoras bei der großen Schlacht begleitet hatte und genoss daher eine spezielle Art von Vertrauen. Die 15 Jahre, die zwischen der Schlacht und dem heutigen Tag lagen, hatten ihr zwar die ersten grauen Strähnen verpasst, aber sie ebenso nur noch zäher gemacht.
      Sie kam bei seiner Truppe an und übernahm mit Zoras die Führung, nachdem sie ihn begrüßt hatte. Er fragte nach ihrem Befinden und sie erzählte mit einer Stimme, die es schon seit Jahren nicht mehr gewohnt war leise zu sein, dass sie froh darum war, ihr Pferd noch nicht wechseln zu müssen, dass das Wetter zu ihren Gunsten war und dass sie sich gewünscht hätte, direkt an der Grenze ihre Posten aufzuziehen, weil es dort immerhin Wachtürme gegeben hatte, die sie hätten verwenden können. Zoras stutzte auf ihre Wortwahl hin und da erläuterte sie nüchtern, dass es die Türme nicht mehr gäbe.
      "Kerellin hat ganz hervorragende Arbeit geleistet, das muss ich ihr schon lassen. Aber sie hat auch den Vorteil der Überzahl. Wir brauchen mehr Männer, mein Herr."
      Ja, das wisse er, bestätigte Zoras, und er würde sehen, was sich machen ließe, sobald er einen Überblick über die Lage bekommen hatte. In Wahrheit wusste er schon, dass er keine Verstärkung anrücken lassen konnte. Er brauchte seine andere Armee für die hesivische Grenze und seine dritte Armee für den Aufstand. Solange er nicht durch Zauberhand mehr Einheiten zur Verfügung gestellt bekäme, mussten sie hier mit dem auskommen, was sie hatten.
      "Wie schlimm sind die Verluste?"
      "Das erkläre ich Euch besser an der Karte, mein Herr."
      Also ziemlich schlimm.
      Sie betraten das Kommandozelt, wo der Offiziersstab sich bereits versammelt hatte. Die Männer und Frauen standen um den Kartentisch und begrüßten sie mit einem einstimmigen Salut. Zoras fragte, ob denn niemand bei den Kämpfen war und Kommandantin Ayon wiederholte, dass sie es ihm an den Karten zeigen würde. Und das tat sie auch.

      Kerellin hatte anfänglich mit ein paar Scharmützeln begonnen, die zwar nicht sonderlich gefährlich waren, aber die Grenzposten unter Druck gesetzt hatten. Sie hatten ein paar Mal gekämpft, jede Seite hatte ein paar Mal verloren und dann hatte Kerellin sich zurückgezogen. Ein paar Tage später war sie mit einem ganzen Battalion aufgetaucht, hatte die in der Minderzahl liegenden Grenzposten eingerissen und war ins Land einmarschiert.
      Dort hatte sie angefangen, den ersten Schaden anzurichten, bis Verstärkung gekommen war. Wieder waren es nur ein paar Scharmützel, wieder zog sie sich zurück, wieder kam sie mit einer größeren Einheit wieder. Dann hatte Zoras seine Armee geschickt, er hatte den Boden zurückerobert, auf dem sie nun lagerten, und Kerellin hatte sich ein Stück zurückgezogen - zumindest, bis die Scharmützel wieder anfingen. Die Kämpfe waren stark genug gewesen, um ihnen eine Last zu sein und zu verhindern, dass sie ganz nach vorne bis zur Grenze kämen und dort die Wachtürme hätten reparieren können. Kerellin zog sich immer zurück, bevor sie zu viel Verluste einfuhr, aber sie hatte auch immer genug Soldatenkraft, um ein Nachrücken der luorischen Einheiten zu verhindern. Im Moment war wieder ein Zeitpunkt gekommen, an dem sie sich ganz zurückgezogen hatte.
      "Sie testet unsere Stärke und fällt dann ein Mal ein, um sich tagelange Kämpfe zu ersparen. Wenn sie das nächste Mal wiederkommt, wird sie mehr Truppen mit sich führen und uns überrollen. Dann müssen wir wieder eine größere Armee senden, um sie zurückzuschlagen, mein Herr."
      Zoras nickte, während er die eingezeichneten Manöver auf der Karte studierte. Ja, sowas ähnliches hatte er sich auch gedacht. Kerellin konnte manchmal eben doch etwas Feingefühl in der strategischen Planung zeigen.
      "Mit wie viel werden wir rechnen müssen?"
      "Sicherlich zehn volle Battalions. Vielleicht sogar 12."
      Das war mehr als die 8.000 Soldaten, die sie noch führten, aber nicht sehr viel mehr.
      "Wie groß ist unsere derzeitige Armee?"
      Ein minimales Zögern.
      "Etwas kleiner als 7.000 Mann, mein Herr."
      "Etwas kleiner? Was heißt das?"
      "Um die 6.500."
      Also doch fast die Hälfte. Und Kerellin hatte bekanntlich eine eisenfeste Phalanx an der Front, gegen die Kavallerie kaum etwas ausrichten konnte.
      Zoras fasste sich verdrießlich in den Bart und studierte seine Möglichkeiten, als seine Kommandantin noch einmal das Wort erhob.
      "Mit Verlaub, mein Herr; ist Euer Champion nicht mit Euch gekommen?"
      Er sah auf in die Gesichter einer Gruppe, die ihn hoffnungsvoll anstarrte. Sie wollten, dass Zoras Kassandra losschickte und die Sache ein für allemal beendete. Er müsste ihnen allen erklären, weshalb es wichtig wäre, die Phönixin nicht allzu sehr an dem Aufstand teilnehmen zu lassen.
      "Mein Champion ist mit anderen Aufgaben betraut."
      "Verstanden, mein Herr."
      Blicke wurden schuldbewusst abgewandt, dann fuhr seine Kommandantin damit fort, ihm eine Aufstellung seiner verbliebenen Armee zu präsentieren. Er hätte ihnen erklären können, dass Kassandra hinzustoßen würde, sogar kommende Woche schon, aber er fürchtete, dass diese Nachricht schnell ihre Runde durch das Lager machen und die Soldaten kampffaul werden lassen könnte. Immerhin schien hier wohl jeder darauf zu hoffen, dass die Phönixin das schon regelte.
      An diesem Abend fühlte Zoras sich besonders einsam und fragte sich zum ersten Mal, ob die Verbindung zwischen ihnen auch über so große Distanz halten würde. Er stellte sich Kassandra mit ihrem leuchtenden Kolibri vor und küsste dann ihr Amulett, bevor er unruhig einschlief.

      ...
    • ...

      Die Träume hörten auf. Er hätte nicht erleichterter darüber sein können, aber nicht wegen dem Erfolg des Plans, sondern weil das bedeutete, dass Kassandra bald wieder zurückkommen würde. Er weihte seine Kommandantin darin ein, dass die Phönixin die nächsten Tage wieder aufkreuzen würde und seine Kommandantin fragte, ob sie auf ihre Ankunft warten sollten.
      Nein. Wir planen ohne meinen Champion, wir können unseren Erfolg nicht auf einer Person beruhen lassen.
      Und diese Person der Pflicht aussetzen, tausende Soldaten umzubringen. Nein, tatsächlich wollte Zoras diese Schlacht gerne ohne Kassandra gewinnen, aber er wollte sie an seiner Seite haben, er wollte ihre Weisheiten hören, er wollte ihr seine Aufstellung zeigen und er wollte abends mit ihr im gleichen Bett schlafen. Er wollte seine verbliebene Zeit mit ihr auskosten.

      In den nächsten Tagen klapperte er alle seine Stationen im Lager ab, die es zu besuchen galt: Den Rüstmeister, das Lazarett, die Wachposten, die Trainingsplätze, die Ställe, die Küchen, die Versorgungsstellen. Er verschaffte sich ein eigenes Bild von der Lage, nicht etwa weil er dem Bericht seiner Kommandantin nicht vertraut hätte, sondern viel eher, weil die Realität oftmals vom Papier abwich. Laut den Botenberichten, die er nicht selbst nochmal konsultierte, hatte Kerellin sich vor wenigen Tagen zurückgezogen und würde damit auch für weitere Tage nicht auftauchen, sodass ihm gut Zeit blieb, um die Lage besser einschätzen zu können. Aber was er herausfand, war nicht unbedingt besser als das, was er schon gehört hatte.
      Abends ging er mit seiner Kommandantin, mit dem Hauptmann seiner Garde und zwei Offizieren in der Kaserne etwas trinken. Die Soldatin wies ihn grinsend darauf hin, dass eine Armee zwar viel trank, aber weil er jetzt hier war, die Kaserne brechend voll war. Darauf müsse er sich für die nächsten Tage einstellen, denn die Soldaten waren überglücklich, ihren Landesherren zu sehen.
      Es blieb aber nicht lange bei den gemütlichen Gesprächen und bald waren sie immer wieder beim Thema Grenzstreit.
      Hat Kerellin Regelbruch begannen?
      Die Regeln der Kriegsführung besagten ebenfalls, dass beim Regelbruch der einen Seite ein Regelbruch der anderen Seite gerechtfertigt sei. Die ersten zehn Regeln waren rein allgemeiner Natur, aber alle danach bezogen sich auf das aktive Kriegsgeschehen. So besagte die 11. Regel, dass das Lazarett und alle damit verbundenen Einheiten als Heiligenstätte und Heilige angesehen werden solle und damit nicht geschändet werden durfte. Regel 12 besagte, dass keine kämpferischen Aktivitäten außerhalb des Schlachtfelds auszuführen wären - dazu gehörten Hinterhalte im eigenen Lager und Attentate. Beide Heerführer konnten sich in ihren Lagern in Sicherheit wiegen, solange das Schlachtfeld außerhalb stattfand, aber sobald eine Seite Regelbruch begann, könnte die andere in Erwägung ziehen, eben jene Regel absichtlich zu brechen.
      Der Regelbruch war manchmal genauso wichtig wie das Einhalten der Regeln, wie er Teal bereits erklärt hatte.
      Aber Kommandantin Ayon schüttelte den Kopf.
      “Keinen einzigen. Wenn dem so wäre, hätten wir längst einen Trupp geschickt, um ihr Lager anzuzünden oder sowas.”
      Dann wird sie vermutlich auch keinen begehen, wenn sie nicht will, dass ihr Status in den Augen der Krone fällt. Und in ihrem eigenen Land”, dachte er laut, während Ayon bekräftigend nickte.
      “Wenn überhaupt, wird sie es so aussehen lassen wollen, als sei es ein Versehen gewesen. Sie wird nicht bis ins Lager einmarschieren.”
      Das denke ich auch nicht von ihr.
      Mittlerweile wusste er aber auch nicht mehr, was genau er von ihr denken sollte.

      Als Kerellin einige Tage später erneut über die Grenze marschierte, hatte Kommandantin Ayon tatsächlich recht: 10 Battalions marschierten in Reih und Glied auf, darunter augenscheinlich 2.000 Speerträger, von denen die meisten die geordnete und so berühmte Phalanx an der Front bildeten, wo sich sicherlich auch Kerellin irgendwo befinden musste. Zoras hatte selbst nur etwa 1.000 Kavalleristen übrig, die er vorsichtig einsetzen musste, um sie nicht an die Front und damit in ihren Tod zu treiben. An den Flanken waren sie am besten aufgehoben, aber so wie er Kerellin kannte, würde sie ihre Flanken auch mit Speerträgern gestützt haben. Und die Bogenschützen wären in der Mitte, ein für Kavalleristen gar unfreundliches Schlachtfeld. Dafür hatte er die Chance, sobald er durch die Front brach, die im Nahkampf schwachen Bogenschützen durch seine Infanteristen zu fällen. Es war nicht unmöglich, aber dafür müsste er erst an Kerellins starker Phalanx vorbei.
      Wir konzentrieren uns auf die Mitte”, wies er seine Kommandantin an, als er in voller Montur auf Ischgyll aufsaß. Im Lager herrschte bereits großes Treiben, weil Kerellin nur einen Tagesmarsch entfernt war. Seine Garde hatte sich bereits versammelt, fünf Reiter, die in den nächsten Stunden nicht von seiner Seite weichen würden, egal was geschah. Sie waren schweigsam und die fähigsten Reiter, die das Herzogtum Luor aufbringen konnte.
      “Verstanden, mein Herr.”
      Kommandantin Ayon entfernte sich. Sie würde noch immer die Führung des Heers übernehmen, weil sie besser mit der Situation vertraut war als Zoras, aber sein Kommando überstand ihrem eigenen. Sollte er gegenteilige Befehle aussprechen, überwogen sie die der Kommandantin ohne Wenn und Aber.


      ...
    • ...

      Die Armee marschierte gegen Mittag mit Zoras an der Spitze los. Er wollte sich absichtlich präsentieren, nicht nur um der eigenen Moral willen, sondern um Kerellin zu zeigen, dass er ihren Angriff durchaus persönlich nahm. Sie sollte wissen, dass er ein Bedürfnis danach hatte, es ihr mit seinem eigenen Schwert heimzuzahlen.
      Entgegen seiner Vermutung zeigte sie sich aber nicht, um letzte Worte vor der Schlacht auszutauschen. Zoras zweifelte nicht daran, dass sie anwesend war, aber anscheinend war sie nicht auf Höflichkeiten aus. Er hielt sich zurück und an seine Kavallerie, als die Fronten anstürmten und mit einem höllischen Krachen aneinander gerieten. Hier wurde das Ausmaß der elitären Phalanx erst richtig ersichtlich, denn obwohl eine 1.000 Mann schwere Front in sie hinein prallte, wich sie nur einen einzigen Schritt zurück, bevor sich ihre hintere Linie gefangen und sie wie eine Wand wirkte, die Schilde vor sich erhoben, die Speere zu tödlichen Fallen gezückt. Luor konnte noch so viel drücken und schieben, wie es nur wollte, die Phalanx war unumgänglich.
      Zoras sah dem ganzen Gedränge für einen Moment zu, als er seine Kommandantin bereits brüllen hörte und die zweite Welle nachkam, um sich der ersten anzuschließen. Ein Kräftemessen würde beginnen und er musste gestehen, dass Kerellin die besten Chancen hatte, es zu gewinnen.
      Er wies den diensthabenden Offizier seiner Einheit zurück und übernahm selbst die Führung der Kavallerie, die er vom Schlachtgeschehen weglockte und in einem furchtbaren déja vu an die große Schlacht an der Seite entlang und auf die Flanken zuschickte. Kerellin hatte damit gerechnet, natürlich, und die unaufhaltbare Phalanx an der Front sorgte dafür, dass die Seiten sich getrost verstärken konnten, sodass die Speere schon kampfbereit herausragen, als Zoras die Armee einzukesseln versuchte. Er trieb Ischgyll an und verfiel in einen mörderischen Sprint, der Reiter und Pferd gleichermaßen beflügelte. Die riesigen Hufe des Hengstes donnerten auf dem Boden, unüberhörbar selbst bei dem restlichen Kampflärm und der nachfolgenden Kavallerie hinter ihm, ein Todesbote der eigenen Art, dessen Hufe den Boden für die zukünftigen Gräber seiner Feinde niedertrampeln würde. Die letzten Meter, die ihn noch von den Speerspitzen trennten, dachte er an Kassandra und daran, wie ihm ihr heiliges Feuer um die Füße brodeln und sein Schwert führen würde.
      Sie fielen in die Flanke ein und tatsächlich war der Ansturm stark genug, um die gebildete Front aufzubrechen. Zoras’ Garde war sofort zur Stelle, als er auf Ischgyll einen weiteren Satz nach vorne machte und Speerspitzen abschlug, bevor er nach den Köpfen der Träger hieb. Für viele Augenblicke lang war er sich sicher, doch noch das Schicksal der damaligen Schlacht zu teilen und vom Pferd zu fallen, umringt von unendlichen Feinden und mit keiner Aussicht auf einen Ausgang, dann bäumte sich Ischgyll unversehens auf, zerschmetterte einem Soldaten den Helm mit seinen gewaltigen Hufen und Zoras wog sich in die Bewegung mit hinein, schlang einen Arm um den Hals des Gauls und hieb mit dem anderen nach den umstehenden Feinden. Er fällte zwei weitere, die vor dem aufbäumenden Hengst zurückzuweichen versuchten und als Ischgyll da wieder zu Boden kam, nahm er einen weiteren mit sich. Das waren vier Soldaten auf einen, wenn nur jeder so kämpfen würde, hätten sie Kerellin schneller gerissen, als sie hier aufmarschiert war.
      Aber natürlich war dieser Erfolg nur dem vorherigen Ansturm zu verdanken, mit dem sie eine gute Geschwindigkeit hingelegt hatten. Jetzt, als sie auf die dichte Soldatenmasse gestoßen waren und ihres guten Vorteils beraubt waren, sah die Welt schon wieder ganz anders aus.
      Ein Speer zerkratzte ihm die Brustplatte, wo seine Garde nicht schnell genug war um die Lücke zu schließen, auf der anderen Seite hatte ein Speer unglücklicherweise eine Lücke in der Rüstung von Ischgyll erwischt und ragte ihm jetzt aus der Schulter. Der Hengst gab ein Schnauben von sich und trat nach hinten aus, warf Zoras in seinem Sattel dabei herum, der sich nur für einen Moment auf den Umschwung einstellen musste und dann den zusätzlichen Schub nutze, um einem weiteren Soldaten unversehens das Schwert durch die Schulter zu rammen. Ein plötzlicher Zug an seinem Bein hätte ihn fast vom Sattel gerissen, zur gleichen Zeit malträtierte ein Speer sein kleines Schild, das er am anderen Arm trug und mit dem er seinen Brustkorb schützte, während seine Beine lediglich von Rüstung beschützt wurden. Einer seiner Gardisten wurde aus dem Sattel gerissen, sein Pferd bäumte sich ebenfalls auf und machte dann einen Satz mitten in die Soldatenmenge hinein, wo es sogleich unterging und zweifellos starb. Der Gardist kämpfte zu Fuß weiter, so wie alle pferdlosen Kavalleristen, aber damit gab es nur noch vier, die Zoras’ Seiten schützten. Schon nach zehn Minuten schwitzte er und Ischgyll wieherte, als wolle er seine Feinde persönlich zur Hölle wünschen. Zoras nutzte seine erhöhte Position noch ein Mal aus, um einem Soldaten den Schädel zu spalten, dann wollte er sich gerade zurückziehen, als er sie sah - und hörte.

      Sie kam durch die Menge auf ihn zugedrängt, einen Speer in die Luft gereckt und ein Ganzkörperschild vor sich. Ihren Helm war sie losgeworden und ihr Gesicht zeichnete Blut, aber Zoras konnte sich nicht vorstellen, dass es ihr eigenes war. Dafür funkelten ihre Augen zu sehr, dafür war ihr Mund zu weit aufgerissen in einem Schrei, den er erst jetzt über den Lärm hinweg hörte. Sie verlangte nach seinem Blut und Zoras spürte bei dem Anblick einer ehemaligen Freundin, die einen derartigen Laut gegen ihn von sich gab, etwas in sich brechen.
      Er hätte ihre Einladung zum Kampf nicht annehmen sollen, hinterher wusste er das. Hinterher wusste er auch, dass sie sich nur zu ihm durchgekämpft hatte, weil er sonst tatsächlich ihre Flanke eingerissen hätte, so wie ihm Kommandantin Ayon später berichtete. Sie redete davon, dass er seinem Titel als Todesritter durchaus gerecht geworden war, als er sich dort hinein geschlagen hatte. Aber in diesem Moment wollte er Vergeltung und das war eine törichte, naive Entscheidung.
      Er lenkte Ischgyll herum und hob das eigene Schwert. Meriah brach mit ihrer Garde aus der Masse hervor und er setzte ihr mit seiner eigenen entgegen, Kavallerie gegen Speerträger, Pferde gegen Schilde, Schwerter gegen Speere. Er war im Nachteil, das wusste er. Hätte er einen kühlen Kopf bewahren können, hätte er sich zurückgezogen.
      Der erste Treffer saß, noch bevor er Meriah hatte erreichen können. Es war ein Speer, der ihm über die Kante seines Schildes hinweg in Richtung seines Gesichtes stieß, nach unten abglitt und die Lücke zwischen Helm und Brustpanzer traf. Gleißender Schmerz fuhr ihm durch die Seite seines Halses, aber als er den Speer wegschlug, war er schon nahe genug, um nach Meriah zu schlagen. Sie riss ihr Schild nach oben und Ischgyll drängte sich gegen sie, weil er genau wusste, was zu tun war. Zoras versuchte das Schwert hinter ihr Schild zu treiben, konnte es aber nicht. Sie duckte sich hinter ihr Schild und wich nur so weit von dem Gaul zurück, wie es nötig war.
      Der nächste Treffer war ein Glückstreffer für die Gegenseite, als ein Speer an seinem Schild abglitt, sich stattdessen mit der Platte seines Oberarms verharkte und plötzlich darunter stieß. Zoras’ Schrei konnte unter dem Helm vermutlich niemand hören, aber jeder konnte sehen, dass ihm das Schild aus der plötzlich schwach gewordenen Hand glitt und zu Boden fiel. Ischgyll schäumte an Mund, als er den Kopf herum riss und nach einem Soldaten schnappte. Auch ihn trafen die Speere gelegentlich unter seiner Rüstung, aber er schien mit jedem Schlag nur noch wilder zu werden. Zoras hielt sich in seinem Sattel, als wäre er tatsächlich an den Beinen mit ihm verbunden.
      Dann wurde ihm schwindelig und er hätte beinahe Meriahs Schlag nicht mitbekommen, den einer seiner Gardisten gerade noch umlenkte. Der Mann war herbeigesprungen und hatte sich waghalsig aus seinem Sattel gelehnt, um den Speer mit seinem Schwert aufzufangen, und das rettete Zoras vermutlich das Leben. Er ließ sich zurückfallen und wurde sich gerade gewahr, dass sein Hals schließlich blutete, als ihm dunkle Flecken vor den Augen tanzten. Ischgyll schnaubte unablässig, als er sich in die Sicherheit seiner eigenen Truppe zurück begab, Verlierer dieses Zweikampfs. Er gab seinem Hengst die Sporen und Ischgyll humpelte ein bisschen, als er sich von der Schlacht zurückzog.

      Was sich angefühlt hatte wie fünf Minuten war in Wahrheit eine halbe Stunde gewesen, die er mit Meriah im Zweikampf verbracht hatte. Kommandantin Ayon konnte ihm hinterher zwar nicht sagen, ob die Herzogin irgendwelche Verletzungen davongetragen hatte, aber das hatte man bei Zoras schließlich auch nicht wirklich sehen können. Er war aufrecht im Sattel geritten und hatte erst gewankt, als er abgestiegen und von den Feldärzten empfangen worden war. Da hatte man ihn auch verarztet, bevor er ein anderes Pferd bekommen hatte und zurückgeritten war, zwar nicht um zu kämpfen, aber um sich zu zeigen und um den Überblick zu behalten.
      Nur eine Streifwunde”, bestätigte er seiner Kommandantin jetzt, als sie beide in seinem Zelt waren und er den Verband an seinem Hals abtastete. Draußen herrschte furchtbare Aufregung, weil die Schlacht verloren und Kerellin aufgerückt war und sie jetzt das Lager abbrechen und nach hinten schieben mussten. Einen Moment blieb den beiden Heerführern aber noch, bis das Kommandozelt ebenfalls abgerissen werden würde.
      Sonst hätte ich es nicht überlebt. Aber der Arm sieht schlecht aus, ich hatte wohl Glück, dass die Spitze nicht bis zum Knochen durchging. Ich werde erstmal kein Schild mehr tragen.
      Ayon nickte ernst. Sie trug selbst diverse Verbände und ihre Lippe war aufgesprungen, aber sie stand noch immer aufrecht und auf beiden Beinen. Zoras hatte dazu noch einige Prellungen davongetragen, die er in der Hitze des Gefechts als ledigliche Kratzer an seiner Rüstung wahrgenommen hatte, aber alles in allem ging es ihm gut - dafür, dass Meriah alle Möglichkeiten gehabt hätte, ihn in dieser Schlacht zu fällen.
      Wir lassen uns zurückfallen, wir verschanzen uns, wir warten auf ihre nächsten Gefechte. Die Grenze ist inoffiziell verloren, wir werden jetzt zusehen, dass sie nicht bis zur Stadt durchkommt. Diesmal müssen wir alles in Scharmützel legen, etwas anderes bleibt uns nicht übrig. Wie viele Verluste haben wir gemacht?
      “Etwa 2.000, mein Herr.”
      Und Kerellin?
      “Vermutlich um die 3.000, aber wir hatten nur kurze Zeit zum Leichen zählen. Das macht auch gar keinen Unterschied, solange sie ihre Phalanx noch hat. Solange die noch steht, kommen wir nicht durch.”
      Da hatte sie leider recht und das wusste auch Zoras. Wenn das so weiterging, würde er sich doch noch seiner zweiten Armee bedienen.

      Sie fielen zurück und errichteten ihr Lager erneut. Sie verschanzten sich und provozierten dann Kerellin mit einzelnen Gelagen und Annäherungen. Boten berichteten, dass Kerellin sich ausbreitete und Dörfer plünderte, so wie Zoras es zu Beginn seines Aufstandes ebenfalls getan hatte. Sie fingen an, in ihrem Lager Flüchtlinge aufzunehmen. Manche von ihnen wollten um ihre Heimat kämpfen, also gab Zoras ihnen Waffen. Immerhin hatten sie davon genug, aber an Soldatenkraft mangelte es zusehends, sodass er froh um sämtliche Hilfe war, die er bekommen konnte.
      Kassandra war immer noch nicht aufgetaucht. Sie war schon eine Woche zu spät und Zoras fing an zu überlegen, ob er sie herbeordern sollte. Er überlegte jeden Abend, dann entschied er sich dagegen, küsste ihr Amulett und schlief auf der rechten Seite ein, weil die linke brannte und pulsierte und sicherlich eine neue, hübsche Narbe werden würde.
    • Versprechen waren flüchtig. So flüchtig und brüchig, dass Kassandra im Laufe ihrer Existenz keinen Deut mehr auf diese Worte gab. Ohne es zu wollen hatte Zoras bereits einmal ein Versprechen an sie gebrochen und selbst wenn es nicht mehr ausgesprochen zwischen ihnen stand, so war die Phönixin nicht in der Lage zu vergessen. Menschen war es vergönnt über die Zeit hinweg Dinge zu vergessen. Doch das galt nicht für mythische Wesen oder gar Götter. Ihr Erinnerungsvermögen war so unglaublich, dass sie ganze Ambienten in Illusionen rekonstruieren konnte. So wie sie auch den Moment auf dem Platz vor seinem Haus nicht vergessen würde, wie er sich zwischen sie und Elive stellte und sie wie die Gefahr behandelte, die sie eigentlich auch war.
      "Ich nehme dich beim Wort", war die einzige Antwort, die der Herzog von ihr auf sein Versprechen bekam. Mehr würde sie nicht formulieren können ohne nicht mehr aufrichtig zu sein. Das Schmuckstück an ihrem Hals wirkte plötzlich noch schwerer als zuvor und sie fragte sich, ob ein Herz wohl auch so schwer wog.

      Ihre Verabschiedung fiel zwar innig, aber kurz aus. Sie hatten sich gegenseitig in die Arme geschlossen, keiner so richtig willig den Anderen wieder freizugeben. Folglich formulierten sie ihren Abschiedskuss auch wie möglicherweise ihren letzten. Denn selbst wenn Zoras noch so erfahren im Kriegsgeschehen war, sollte seine Streitkraft noch so gut aufgebaut sein konnte der Zufall ihnen immer noch einen Strich durch die Rechnung machen. Und Kassandra würde es zweifellos spüren und ihr Lager abbrechen, egal wo sie war. Also kostete sie den Augenblick einfach aus, küsste ihn, ließ ihn ihr Schmuckstück huldigen, um sich dann schlussendlich von ihm zu lösen und zu Solair zurückzukehren.
      "Meinen Träger nicht in meiner Nähe zu wissen bedeutet noch lange keine Freiheit", verkündete sie während sie sich auf den Rücken ihres Schimmels schwang. "Das bedeutet nur, dass du nicht weißt, was ich so anstelle ohne deine Aufsicht. Vielleicht genießt du ja auch die Zeit ohne Übermenschlichkeit in deiner Nähe?"
      Sie warf ihm noch ein Lächeln zu damit er verstand, dass sie es nicht ernst meinte. Dann gab sie Solair Hilfen und trabte mit dem Hengst nach Norden. Fort von ihrem Träger, der sich in ein ungewisses Kampfgeschehen stürzte. Fort von dem Land, das ihre Heimat gebildet hatte und fort von sämtlichen Restriktionen.

      Kassandra hielt sich exakt an den ausgemachten Plan. Konstant ritt sie weiter auf ihrem Schimmel, der der einzige Grund war, warum sie Rast einlegte. Das tat sie regelmäßig, damit sich ihr Pferd erholen konnte und sie mit ihren Träumen Morpheus weiter lenken konnte, der sie tatsächlich wie geplant weiterhin verfolgte. Auch sie hatte diffuse Träume, undeutlich wirkend und missverständlich. Egal wie oft sie versuchte über die Träume Kontakt zu ihm herzustellen, es gelang ihr nicht. Sie würde auch nicht ein weiteres Mal nach seinem Karren Ausschau halten können, denn eine weitere Drohung würde vermutlich das Eingreifen Restaris nach sich ziehen. Also führte sie ihn immer weiter in den Norden bis sie ungesehen an einer weniger stark bewachten Grenzstelle das Gebiet zu Veren betrat.
      Ab diesem Zeitpunkt, mit dem sagenumwobenen Schritt in feindliches Herzoggebiet, ließ Kassandra ihre Zurückhaltung fallen. Sie stieg von Solair ab, nahm ihm seine komplette Ausrüstung ab und schickte das Tier laufen. Dort, wo sie hin wollte, würde ihr ein Pferd nicht weiter helfen. Vielleicht war der Hengst sogar so schlau und migrierte zurück in seine Heimat, doch das scherte Kassandra nicht sonderlich. Sie hatte während ihrer Reise genug Zeit gehabt, nachzudenken. Genug Zeit um den Schluss zu ziehen, dass sie vermutlich wirklich nicht die Rolle von Zoras' Geliebter einnehmen können würde. Sie hatte den Titel des Todesengels akzeptiert, schmückte und brüstete sich sogar damit und ignorierte die Schatten am Rande ihrer Seele, die dadurch nur noch größer wurden. Ein einziges Mal hatte sie ihre Finger um den kleinen Vogel am ihrem Hals geschlossen. Sperrte ihn einen Moment lang in einen Käfig aus Fleisch ein, nur um ihm eine Sekunde später wieder die Freiheit zu schenken. Dann wanderte ihr Blick nach oben in den Himmel.
      Für Kassandra war es so, als würde sie die tausend Ketten lösen, die an ihren Gliedmaßen befestigt worden waren, als sie ihre ungezügelte Magie freiließ. Sie hatte ihre Augen geschlossen als sich ihre Gestalt in Flammen auflöste, einen Feuerball bildete und sie sich wieder in den Umriss des Feuervogels verwandelte. Sachte breitete sie ihre Flügel mit etlichen Metern Spannweite aus und hob vom Boden ab, der rapide unter ihr zu schrumpfen begann. In ihrem Kern spürte sie einen Fremdkörper - die Kette, die sie bewusst nicht aufgelöst hatte und die noch immer nahe ihres eigentlichen Herzens lag. Inmitten des Infernos, das sie nun gerade darstellte.
      Nun jedoch war erst einmal Fliegen angesagt. Die Freiheit genießen, in der ein Niemand ihr etwas zu sagen hatte. Den Kopf einfach leeren, den Himmel durchstreifen und vergessen, wie lange man eigentlich auf den eigenen zwei Füßen auf dem dreckigen Boden gewandelt war. Kilometerweit spähen können, die vermaledeiten Vögel unter sich zurücklassen und einfach nur...
      Kassandras stechende Augen entdeckten von weit oben einen verdächtig erscheinenden Trupp. Es war eine millitärische Streitkraft, ein kleiner Trupp aus vielleicht knapp 200 Einheiten. Sie zogen in Reih und Glied mit Pferden, Fußsoldaten und Wagen auf einem Weg gen Süden. Vermutlich Verstärkung, für was konnte Kassandra allerdings nicht sagen. Sicher bestimmen konnte sie hingegen das verensche Wappen auf den Bannern, die im Wind flatterten. Eigentlich war Kassandra zwar aufbrausend, aber nicht irrational was ihr Handeln betraf. Doch in dem Moment, wo sie den Trupp unter sich ziehen sah und auch nur die vage Chance bestand, dass sie auf den Weg zu Kerellins Grenze waren, verlor sich ihre Rationalität und Wut schwemmte ihren Verstand. Wut, der nicht nur daher rührte, dass sie nicht wusste, wie es Zoras ging. Angestaute Wut über Jahrhunderte, die sich nie richtig hatte entladen können.
      Und nun besaß Kassandra genug Macht dafür.
      Einem Kometeneinschlag gleich schlug Kassandra inmitten des Zuges aus buchstäblich heiterem Himmel ein. Die meisten Männer hatten sie nicht einmal kommen gesehen bevor sie binnen Sekunden zu Asche zerfielen. Es enstand ein pechschwarzer Krater direkt um den Feuerball herum mit einem Durchmesser von gut zwanzig Metern, in dessen Mitte sich Kassandras menschliche Gestalt aus dem Feuer schälte. Doch so menschlich wirkte sie nicht mehr - sie trug keine Kleider mehr am Leibe, ihr Körper war in gleißenden Rottönen getränkt und flackerte, so als wäre Feuer ihr Fleisch. Ihre Haare schwebten auch ohne den leisesten Windzug und ihre Augen waren fernab von der Menschlichkeit, mit der sie Zoras immer bedacht hatte. Über ihren Körper zuckten schwarze Schlieren, als würde Schlacke auf der Glut umher schwimmen. In ihrem Gesicht war nichts abzulesen. Keine Wut, obwohl sie kochte, kein Mitleid, obwohl sie mit den armen Menschen fühlte, die das Pech hatten, hier zu stehen.
      Das Massaker dauerte nur Minuten. Minuten, in denen die Phönixin die komplette Straße unkenntlich machte, die Körper der Lebewesen zu Asche zerfallen ließ und Rüstungen und Waffen zu einem metallenen Teppich auf dem Boden schmelzen ließ. Rauchschwaden stiegen in den Himmel, kündeten ihre Tat an und verlangten nach Zeugen eben jener. Kassandra schenkte der Umgebung einen letzten Blick, dann verwandelte sie sich wieder in den Vogel und verließ den Schauplatz.
      Das war der Beginn von einer Zeitperiode, die in die Aufzeichnungen Verens eingehen würden als die Schreckenszeit, in der ein Feuervogel willkürliche Massaker anrichtete. Ihren Namen wagte niemand in die Aufzeichnungen zu schreiben. Manch ein Augenzeuge beschwor auf seinem Leben, eine liebliche Singstimme gehört zu haben, wann immer die Kreatur Verwüstung anrichtete. Was Kassandra nie den Menschen gelehrt hatte war, dass Phönixe erst dann zu ihrer vollen Gänze aufliefen, wenn sie währenddessen sangen.

      [...What do I have but negativity
      'Cause I can't justify the way, everyone is looking at me
      (Nothing to lose)
      Nothing to gain, hollow and alone
      And the fault is my own, and the fault is my own
      ...


      I wanna heal, I wanna feel what I thought was never real
      I wanna let go of the pain I've felt so long
      (Erase all the pain 'til it's gone)
      I wanna heal, I wanna feel like I'm close to something real
      I wanna find something I've wanted all along
      Somewhere I belong...]


      Es vergingen weitere zwei Wochen der reinen Tyrannei. In diesen zwei Wochen verlor Veren die Sicherheit, Militär auf offene Straßen zu schicken. Scheinbar quer durch das gesamte Land schien eine gewaltige Feuerkreatur seine Augen vom Himmel aus auf den Boden gerichtet zu haben und alles, was auch nur ansatzweise nach Soldat aussah, gnadenlos vom Anlitz dieser Welt zu tilgen. Dass es Kassandra war, war nicht mehr möglich zu bestimmen. Denn seit ihrem ersten Niedergang hatte sie nicht ein einziges Mal mehr ihre menschliche Gestalt angenommen. Als habe sie vollends vergessen, dass sie sie überhaupt besaß. Stattdessen schien sie beinahe mit Freude Menschen zu töten, Gebäude zu zerstören und regelrecht Angst und Terror zu sähen. Ohne dass jemand die Kontrolle über sie hatte, wütete die flammende Kreatur, die nun nicht mehr vollkommen rot, sondern von deutlichen schwarzen Stellen übersäht war, über das Land und niemand wusste, woher sie kam. Kassandra hatte sich in ihr selbst verloren, in dem Machtgefühl, das sich einstellte kaum lebte sie ihre Natur wieder aus. Kaum war niemand mehr da, der sie zügeln konnte.
      Und so war es nicht verwunderlich, dass bald Kunde durch das gesamte Land ging, welche Schreckensherrschaft plötzlich in Veren entbrannt war. Diese Kunde zog dermaßen große Kreise, dass selbst der Haussitz der Luors davon Wind bekam und mithilfe von Handwerkern und Schmieden die Kunde sogar bis an das Kampfgeschehen von Zoras und Kerellin gelangte.
      Nichts schien diese Schreckensherrschaft zu beenden. Niemand wusste, wie man diese Urgewalt ohne einen anderen Gott Einhalt gebieten konnte und bevor irgendein Land ihren Champion nach Veren schickte, spielte Fügung eine große Rolle. Kassandra hatte jegliches Gefühl für Zeit verloren, vergessen, dass ihr Träger sich gerade in einer Schlacht befand. Doch ihr Herz, das an Zoras Brust schlug, vergaß nicht.
      Ein Schmerz schoß durch den fliegenden Feuerball als Zoras das erste Mal während seiner Schlacht verletzt wurde. Der Feuervogel zuckte nur kurz und flog unbehelligt weiter, bis sich die Wellen mehrte. Notgedrungen musste er landen, sich sammeln und diese lästigen Wellen des Schmerzes ausblenden. Woher kamen die noch gleich? Niemand berührte einen Vogel so hoch am Himmel. Niemand berührte Kassandra, wenn sie so hoch am Himmel flog. Der Vogel stutzte, als ihm ihr eigener Name überbewusst wurde. Als immer mehr Wellen über ihren Körper schwappten und plötzlich ein Gewicht in ihrem Inneren sich bemerkbar machte, schrumpfte die Feuerbrunst in sich zusammen. Immer weiter erlosch das Feuer, löste sich im nichts auf bis schlussendlich eine nackte, in menschlicher Gestalt erscheinende Kassandra inmitten der Weiten von Natur und Land stand. Sie atmete schwer als ihre Hand zittrig zu dem Gewicht ging, das sich als Kette um ihren Hals entpuppte. Fahrige Finger ertasteten den Vogel und mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass sie es verbockt hatte. Sie wirbelte herum gen Süden, so als würde sie über dutzende Kilometer hinweg direkt zur Schlacht sehen können, die gerade noch am toben war. Ihr Atem war stoßweise als sie sich zu erinnern versuchte, wie viel Zeit vergangen war. Doch die Sonne stand am Himmel und ließ keinerlei Rückschlüsse zu. Dass sie jedoch Schmerzen spürte, die nicht ihre eigenen waren bedeutete ihr, dass Zoras noch lebte. Und verletzt wurde.
      Ein weiterer Schmerz traf sie wie eine Backpfeife und zwang sie beinahe in die Knie. Verbittert biss sie sich auf die Unterlippe in der Gewissheit, dass sie einen Teil der Schmerzen abfing und sie sich vorstellen konnte, wie schlimm die Verletzung eigentlich sein musste. Wie zur Hölle konnte sie einfach vergessen, weshalb sie hier war? Wie kam ihr auch nur ansatzweise die Idee, sich selbst zu vergessen?
      Und dann rannte Kassandra. Noch während des Laufes verwandelte sie sich wieder in den Vogel, hob vom Boden ab und flog in atemberaubender Geschwindigkeit zur Grenze, wie es eigentlich abgemacht war. Sie war zu spät, Gott wusste wie spät, und würde vermutlich auf Dinge treffen, die sie sich lieber erspart hätte. Trotzdem dauerte es zwei Tage bis sie die Grenze ausmachen konnte und feststellen musste, das von ihr nicht mehr viel vorhanden war. Von hoch oben ließ sich gut abgrenzen bis wohin Kerellin es geschafft hatte, selbst in der Morgendämmerung, in der die Phönixin ankam.
      Wie eine Sternschnuppe ging sie gleißend in der Nähe jenes Lagers, in dem sie Zoras spürte. Die Soldaten und auch Zivilisten erschraken fürchterlich, als plötzlich ein riesiger Feuerball in ihren Kreisen niederging und sich auflöste, nur um eine flammende Kassandra preiszugeben. Sie entstieg dem Flammenkäfig wie eben jene Göttin, die sie eigentlich war, der Körper noch immer nicht klar definierbar durch die Flammen. Kleidung ließ sich nicht herbeizaubern und es war ihr egal, dass die Menschen ringshrum einen Blick auf die Gestalt erhaschen konnten, die ihrer Göttlichkeit am nächsten stand. Ohne weiteres Zögern eilte sie zu dem Zelt herüber, wo sie ihn wusste, die Kette baumelte unversehrt an ihrem Hals bei jedem Schritt. Sie riss die Plane regelrecht zur Seite und stand im Eingang wie eine brennende Nemesis, den Blick direkt auf Zoras gerichtet, der sich unlängst herumgerollt hatte. Unter seinem Hemd fiel ihr der bandagierte Arm nicht sofort auf, doch sie spürte das Pulsieren bis hier hin. Spürte den Schmerz. Und den eigenen Hass auflodern.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra war immer noch nicht da, aber eine andere Nachricht erreichte das Lager, die annähernd Interessant war.
      Zoras bekam sie von den Boten übermittelt und am Abend unterhielt er sich mit Kommandantin Ayon beim trinken darüber. Eigentlich hatte ihm der Feldarzt verschrieben, seinen Arm ruhig zu halten und sich auszuruhen, aber nachdem Zoras seit dem ersten Tag sowieso noch ständig auf den Beinen war, konnte er auch weiterhin trinken. Das Bier war zumindest ein gewohnter Begleiter und minimaler Ersatz für eine gewisse flammende Persönlichkeit an seiner Seite.
      "Das nenne ich Schicksal. Sie hat schon eine ganze Kompanie verloren, wie sie sagen!"
      "Aber ob das wirklich stimmt?"
      Er studierte seinen halbleeren Krug. Sein Arm pochte dumpf, egal wie viel Schmerzmittel er einnehmen mochte.
      "Ich glaube, es ist eine Übertreibung. Wer - beziehungsweise was macht denn so viel Schaden und das auch noch gezielt auf Veren?"
      "Vielleicht hat sie ein Bündnis hintergangen, von dem wir nichts wissen? Vielleicht ist es auch nur Pech, dass es gerade sie trifft. Vielleicht ist es ja doch Restaris."
      "Ich glaube kaum, wieso denn dann Veren und nicht wir? Oder das Königshaus? Oder irgendjemand, der wichtig ist?"
      Das brachte die Kommandantin zum Lachen, auch wenn Zoras es vollkommen ernst gemeint hatte. Sie warf ihren Kopf herum und schaffte es irgendwie, dass ihr wildes Haar noch zerraufter aussah.
      "Solange es nicht zu uns herunterkommt, soll es mir recht sein. Und wenn schon, hätten wir schließlich immer noch Euren Champion, um es aufzuhalten."
      Dagegen konnte Zoras nichts sagen, weil sie grundsätzlich ja recht hatte, aber ihm missfiel der Gedanke, Kassandra gegen ein unbekanntes Etwas zu schicken, das ihr selbst zum Verhängnis werden konnte. Nein, er hoffte sogar darauf, dass Veren die Sache irgendwie in den Griff bekam, weil er Kassandra eigentlich weit fern davon halten wollte.
      Ob sie gerade in der Nähe von Veren war und die Verwüstung mitbekam? Ob sie zurück zu Firion gegangen war, um sich noch einmal in seinen Bädern zu entspannen? Ob sie die Landesgrenze überquert und sich auf den Weg ins Nichts gemacht hatte?
      Sie musste zurückkommen, um ihre Essenz zurückzuerhalten, das wusste Zoras, aber das änderte nichts daran, dass sie schon drei Wochen zu spät war und er mittlerweile ernsthafte Sorgen um sie hatte. Vielleicht sollte er sie wirklich zurückholen, unter den Umständen der Gefahr im Norden. Vielleicht sollte er versuchen, ihr eine Nachricht zukommen zu lassen. Wie ließ man einer Phönixin, die sich sonstwo befand und von der vermutlich keiner wusste, eine Nachricht zukommen?
      "... Mein Herr?"
      "Hm? Was?"
      "Ich habe gefragt..."
      Kommandantin Ayon hatte sich ein wenig über den Tisch zu ihm gelehnt und lehnte sich jetzt noch weiter vor, während sie noch leiser sprach.
      "Stimmt es, dass Ihr der Phönixin den Hof macht? Ich entschuldige mich für die Frage, falls sie unangemessen klingt, aber Ihr wisst ja, was die Soldaten so alles reden."
      Oh ja, das wusste er. Interessanterweise sah er kein Bedürfnis darin, die Tatsache irgendwie abzustreiten.
      "Ja. Wir machen es nicht offiziell, weil sie nicht an unsere Kultur gebunden ist, aber das tue ich."
      "Und ist sie... also habt ihr schon... also kann man mit ihr..."
      Zoras sah der Kommandantin direkt in die Augen, was zu seiner geringen Befriedigung dafür sorgte, dass die Frau ein wenig schuldbewusst den Kopf duckte. Vermutlich war sie von den Offizieren angestiftet worden, ihn das zu fragen, so wie er jetzt erkannte, denn Ayon war noch nie schüchtern gewesen und hätte, wenn es sie verlegen gemacht hätte, das Thema ganz vermieden.
      "Was? Spuckt es aus, Kommandantin."
      "... Funktioniert sie so wie eine Frau?"
      Das brachte ihn doch zum Schmunzeln und Ayon zu einem wilden Blick in den Augen. In all den Jahren hatte er ein wenig gelernt, die Frau zu lesen und im Moment sah sie ihren Stolz ziemlich arg angegriffen.
      "Interessiert Euch etwa mein Sexualleben, Kommandantin Ayon? Wünscht Ihr die Details zu hören, damit die Soldaten "reden" können?"
      Die Frau presste die Lippen aufeinander.
      "Nein, mein Herr. Ich würde es nie wagen."
      "Fragt sie doch gern selbst, wenn ihr ihr begegnet, wie wäre das? Was sie mitteilen will, wird sie Euch schon mitteilen."
      "Das werde ich, mein Herr."
      Würde sie nicht.
      Sie redeten weiter über die Schäden in Verens Herzogtum und als Zoras später in seinem Feldbett lag, dachte er an Kassandra, stellte sich vor sie bei sich zu haben und träumte dann davon, dass eine riesige, dunkle, unförmige Gestalt aus dunklem Feuer auf die Phönixin hinabstieß, die sich am ganzen Leib davon verbrennen ließ. Der Traum war aber nur ein Gespinst seines Unterbewusstseins und keine Schaffung Morpheus', wie er sich ziemlich sicher war.

      Weitere Tagen vergingen, in denen die Verteidigungsanlagen ausgebaut wurden und sie sich auf den bevorstehenden zweiten Angriff von Kerellin bereit machten. Zoras' Leben fand im Kommandozelt statt, während er abends in die Kasernen ging und manchmal einen Schlenker über die Ställe machte, um nach Ischgyll zu sehen. Sein Arm war unbrauchbar. Er benutzte ihn zwar auch nicht und hielt ihn still, so gut es nur konnte, aber er merkte es, wenn er instinktiv nach etwas greifen wollte. Dann spürte er das scharfe Stechen der Speerspitze, als wäre sie noch immer da und würde sich erneut in sein Fleisch schieben, das ansonsten hauptsächlich brannte und unter dem Verband juckte. Er schlief schlecht deswegen, weil er nur auf der rechten Seite oder dem Rücken schlafen konnte und bei letzterem dazu geneigt war, aufzuwachen und nach Kassandra zu tasten, als wäre die Phönixin irgendwo mit ihm in dem kleinen Bett und würde zurück auf seine Brust kriechen. Er vermisste sie, irgendwann konnte er es sich vollends eingestehen. Er vermisste ihre Stimme, ihr Gesicht, ihre Haare, ihr Lächeln, ihre Lippen, ihre Hände, ihren Körper. Er vermisste alles an ihr und er war sich ebenso bewusst, dass er nicht sterben wollte, bevor er ihr nicht noch einmal gegenübergetreten war.
      Dass diese Chance allzu bald eintreffen würde, begriff er nicht ganz, selbst dann nicht, als er aus dem Halbschlaf aufwachte und dachte, sich im nächsten Traum zu befinden, als er die brennende, nackte Gestalt seiner Göttin im Zelteingang erkannte. Er gab ein Brummen von sich, rieb sich die Augen und sah dann noch einmal hin, weil sein Kopf bereits in diese Richtung zeigte, und als sie immer noch dort stand, unbewegt und unbeeinflusst von irgendwelchen Träumen, realisierte er erst, dass das alles andere als ein Traum war.
      "Kassandra?!"
      Er setzte sich ruckartig auf, gerade rechtzeitig, als die Plane neben ihr beiseite gerissen und Schwertspitzen auftauchten. Mit einem Mal hellwach sprang er auf die Beine.
      "Nein! Raus!"
      Die Wachen, entweder erleichtert darüber sich dieser Gestalt nicht stellen zu müssen oder diszipliniert genug, um die Befehle ihres obersten Herrn nicht in Frage zu stellen, verschwanden wieder. Kassandra stand noch immer unbewegt im Eingang, als hätte sie gar nicht realisiert, dass sie einer Enthauptung knapp entkommen war und jetzt musste Zoras doch zu ihr gehen, um sich zu vergewissern, dass sie wirklich kein Traum war. Aber das war sie nicht.
      "Kassandra, bei den Göttern, da bist du ja!"
      Die Erleichterung schwappte in einer solch gewaltigen Welle über ihn hinweg, dass sie ihm beinahe die Knie weich gemacht hätte. Er zögerte nur eine Sekunde der Flammen wegen, aber Kassandra konnte ihn damit nicht verletzen und hätte es auch nicht gewollt. Er schloss beide Arme um sie, ignorierte den Tumult in seinem Oberarm und den explosionsartigen Schmerz, der sich dort ausbreitete und presste sie an sich. Seine Brust füllte sich mit ihrer Wärme, sein ganzer Körper wurde aufgefangen von ihrer gewohnten Hitze und er hätte nichts lieber gehabt, als sie an sich zu drücken und die letzten Wochen der Trennung zu vergessen. Sie war jetzt hier und das war wichtig. Sie war hier und schien unverletzt, wenn auch etwas konfus mit ihrem so plötzlichen Auftreten.
      "Ist alles in Ordnung, geht es dir gut? Bist du etwa so hierhergeritten? Himmel, Kassandra!"
      Er ließ sie los, ergriff ihre Hand und zog sie zu seinem Bett, wo er sich abmühte, die Bettdecke einarmig um ihre Schultern zu legen. Schließlich musste sie es größtenteils selbst tun, weil er keine große Hilfe dabei darstellte.
      "Wo warst du nur? Wo hast du dich so lange herumgetrieben, etwa im Norden?"
    • Als Kassandra ihren Namen aus Zoras' Mund hörte, schien etwas Totes in ihre wieder aufzuleben. Ein vertrockneter Teil, der über die Wochen so weit geschrumpelt war, dass sie dachte, Rettung sei unmöglich. Und da lag Zoras, der allein mit ihrem Namen dem verdorrten Teil Wasser spendete und es sich langsam aber stetig zu erholen schien. Das war das Einzige, das gerade zählte, und so scherte sie sich nicht um die Soldaten, die die Plane zu ihrer Seite aufrissen und ersthaft in Betracht zogen, sie anzugreifen. Dank Zoras schnellem Eingreifen jedoch durfte ein Jeder von ihnen sein Leben behalten. Wären ihre Schwerter auch nur ansatzweise in ihre Nähe geschnellt hätte sie jeden Umstehenden binnen Sekunden pulverisiert. So sehr knisterte es geradewegs um sie herum während sie einfach nur zusah wie Zoras sich aus seinem Bett schälte und offensichtlich seinen Augen nicht traute.
      "Kassandra, bei den Göttern, da bist du ja!"
      Es war das erste Mal seit Wochen, dass ein Lächeln Kassandras Mundwinkel bewegten. Sie verstand nicht recht, warum er sich Sorgen um sie gemacht hatte. Schließlich war sie hier die Gottheit und nicht er. Seine Reaktion ließ sie allerdings darauf schließen, dass sie deutlich länger weg war als ursprünglich geplant. Es mussten also Wochen gewesen sein... Das Zögern seinerseits nahm sie ihm überhaupt nicht übel. Immerhin war ihre Erscheinung durchaus eindrucksvoll. Er konnte nicht wissen, dass es kalte Flammen und kein echtes Feuer war. Das merkte er, als er seine Arme um sie schloss, doch plötzlich zischte Kassandra barsch als eine erneute Welle des Schmerzes sie überrollte. Es war also sein Arm. Oder beide. Oder die Schultern. Etwas in dieser Bewegung hatte ihm den Schmerz bescheinigt, den sie nun auszugleichen gedachte. Bevor sie aber in einer Tirade anfangen konnte, gab er sie wieder frei und schalt sie erst einmal für die Optik. Er zog sie an ihrer Hand zu seinem Bett und sie musste sogar mit den Augen rollen.
      "Her reiten, bist du denn von allen guten Göttern verlassen? Wie lange soll ich denn noch brauchen bis ich hierher komme? Ich bin natürlich geflogen", klärte sie ihn auf und sah dem Herzog bei dem missmutigen Versuch zu, ihr eine Decke bedeckend über die Schultern zu legen. Sie kam seinem Wunsch etwa fünf Sekunden lang nach, dann warf sie die Decke achtlos zur Seite und packte Zoras vorn an seinem Hemd. Sie nötigte ihn zurück, damit er sich auf sein Bett fallen lassen konnte, und tastete sofort seine Arme ab. Sie fand schneller als man gucken konnte die Wunde, die nach dem Hochrollen seines Ärmels nicht mehr ganz so unsichtbar war. Doch statt Wut oder Sorge zeigte sich lediglich ein neutraler Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie mit sanften Fingerspitzen über den verband fuhr und scheinbar etwas sah, dass er nicht sehen konnte.
      "Ja, ich war im Norden. Ich habe Morpheus so weit weggeführt wie es mir möglich war und dann habe ich das Zeitgefühl verloren. Wenn ich das nächste Mal allein reisen sollte, brauche ich etwas, dass mich an den Fluss der Zeit erinnert...", murmelte sie und fing an, den Verband zu lösen. Sie musste sehen, was darunter war um etwas zu tun. "Um genau zu sein war ich in Veren. Furchtbare Anschläge sind dort verübt worden, wie ich sehen musste." Brandflecke ließen sich schließlich schlecht ignorieren wenn sie so zahlreich über das Land verstreut worden waren.
      Nachdem der Verband ab war konnte Kassandra das wahre Ausmaß der Verletzung sehen. Sie tippte auf eine Speerspitze, wenn man sich die verhältnismäßig kleine Wunde so ansah. Doch das Fleisch darum war geschwollen, gerötet und zeigte keinerlei Anzeichen von Gift. Ein gutes Zeichen im Angesicht der Verletzung. Er dürfte zum aktuellen Zeitpunkt keine Kraft in seiner Hand aufbringen können und ohne ihr Zutun würde das auch länger noch so bleiben. Kassandras Augen glühten noch eine Spur heller auf als sie ihre Hand auf die Wunde legte und Flammen, die nicht brannten, gelb und rot über seinen Arm tanzten. Sobald sie ihre Hand wieder wegnehmen würde, wäre von der Wunde nur noch eine oberflächliche Narbe sichtbar.
      "Ich nehme an, das war jemand aus Meriahs Phalanx. Sei froh, dass keine Schlagader erwischt worden war. Was ist da mit deinem Hals?", fragte sie kühl nach und deutete auf Zoras' Halsbeuge.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Geflogen?"
      Zoras war jetzt doch immerhin wach genug, um zu erkennen, dass er sich nicht verhört hatte und Kassandra tatsächlich, allen ernstes, geflogen war. Beinahe hätte er dann noch gefragt wie, oder eher mit was, bevor er sich selbst noch stoppen und bewusst werden konnte, dass sie immerhin eine Phönixin war - natürlich konnte sie fliegen. Und er hatte sie mit einem Pferd losziehen lassen.
      Aber woher konnte sie es, etwa jetzt schon, ohne ihre Essenz? Er hatte geglaubt, dass sie lediglich mit ihrem Herz ihre ursprüngliche Form eines Feuervogels annehmen konnte, aber offenbar war die Grenze nicht ganz so harsch, wie er angenommen hatte.
      "... Klar, vergiss das wieder. Es ist noch früh."
      Was gar nicht mal so sehr stimmte und was Zoras als gestandener Heer- und Landesführer niemals einfach so dahersagen konnte. Aber Kassandra verzieh ihm den Ausdruck und fügte sich sogar seinem Willen, indem sie ihren Körper mit der Decke verhüllte - allerdings nur für etwa fünf Sekunden, bevor sie sie herrisch wieder beiseite warf und Zoras beim Hemd packte. Sein Herz schlug für einen Augenblick höher bei der Erwartung, womöglich einen Kuss von ihr zu empfangen, als die Phönixin ihn stattdessen zum Bett schob, bis er sich hinsetzen musste. In der Erwartung von etwas mehr als nur einem Kuss, schlug sein Herz sogar einen akrobatischen Sprung, ehe sie anfing, seine Arme abzutasten. Für einen Moment wusste er nicht, was genau sie da anstellte, dann wurde es ihm erst klar und er bot ihr freiwillig den malträtierten Arm an. Der Verband wurde zwei Mal täglich gewechselt und die Nächte, in denen er morgens blutig war, waren schon vorüber.
      Kassandras Berührung war so zart, dass er sie kaum spüren konnte, nicht einmal jetzt, wo er sich sicher war, dass die Nähte durch die ruppige Bewegung vorhin wieder etwas gerissen waren. Zoras hatte das Zeitalter längst überschritten, in dem er sich Sorgen um eine Wunde gemacht hätte. Früher hätte er unter ihr gelitten, heute war sie allemal eine Plage, die ihn in seinen Pflichten behinderte. Er wünschte sich sogar, dass sich die Narbe früher als später bilden würde, damit er wieder anfangen konnte, mit dem Schild zu trainieren.
      Er beobachtete Kassandras Gesichtszüge, während sie ihn mit findigen Händen weiter abtastete so wie es auch ein Heiler getan hätte. Sie trug die Kette noch, was ihn unglaublich glücklich stimmte - die Götter und Kassandra selbst wussten, weshalb sie den Rest ihrer Kleidung aufgegeben hatte - und ansonsten wirkte sie fast unverändert, wenn auch etwas stoisch. Er hatte kein Verlangen danach, den Blick von ihrem Gesicht abzuwenden; auch dann nicht, als sie ihm erzählte, tatsächlich bei Veren gewesen zu sein.
      "Hast du gesehen, was es verursacht hat? Es werden allerlei Gerüchte erzählt von einem Albtraumwesen, aber ich glaube nur die Hälfte davon, was ich davon höre. Stimmen die Verluste, die man über Veren berichtet? Sie wird so doch kaum in der Lage sein, am Aufstand teilzunehmen."
      Er sah doch wieder zurück auf ihre Hand, als sie den Verband löste und die Handfläche sanft auflegte. Auch jetzt spürte er sie kaum, er beobachtete allerdings mit neugieriger Faszination, wie Flammen über die Länge seines Armes tanzten und an seinen verbliebenen Armhaaren kitzelten. Auch das spürte er kaum, zumindest für einen Moment, bevor sein Arm zu prickeln begann und von einem kalten Schauer überzogen wurde. Da beschloss er, von der Magie der Phönixin auch nicht schlauer zu werden, wenn er ihr dabei zusah, also richtete er seinen Blick doch lieber wieder auf Kassandras Gesicht.
      "Es war sogar Meriah selbst. Eine Fehlkalkulation, ich habe mich von ihr provozieren lassen. Wir haben gute, anfängliche Erfolge mit unserer Strategie erzielt, aber ich hätte mich zurückziehen müssen und bin stattdessen weiter vorgedrungen. Hauptsächlich haben wohl meine Gardisten darunter gelitten."
      Er dachte für einen Moment an den Anblick der breiten Herzogin, die sich einem Bär gleich durch die Masse pflückte, den vom Kampf wild gewordenen Blick auf Zoras gerichtet, den Mund in einem Schrei aufgerissen, den er erst einige Sekunden später gehört hatte. Das Blut in ihrem Gesicht war nicht ihr eigenes gewesen, das hatte er im Anschluss selbst herausfinden dürfen und als er weiter darüber nachgedacht hatte, war er auch zu dem Schluss gekommen, dass es nicht allein seine Fehlentscheidung gewesen war, die diese Schlacht zur Niederlage gebracht hatte. Meriah hatte schon seit einigen Wochen an Kämpfen teilgenommen, das war ihr erster Vorteil gegenüber Zoras gewesen, und sie hatte sich frei durch ihre Armee bewegt, ohne von seiner Seite dabei aufgehalten worden zu sein. Wäre sie an der Front gewesen, wovon er sicher ausging, hätte ihr ein Rückzug nicht so leicht fallen dürfen.
      Aber darüber hatte er sich mit seiner Kommandantin bereits beraten und daher versank er auch nicht weiter in diesen Gedanken, wodurch ihm nicht entging, wie ein Schatten über Kassandras Gesicht bei Meriahs Namen huschte.
      Er tastete nach seinem Hals, der zwar nicht mehr bandagiert werden musste, wo die Streifwunde aber noch nicht ganz abgeheilt war.
      "Eine Streifwunde. ... Nichts ernstes."
      Nachdem er glaubte, etwas in Kassandras Blick gesehen zu haben, was einem vernichtenden Feuer ähnlicher war als einem heilenden, fügte er letzteres noch schnell hinzu, auch wenn er selbst wusste, was für ein Unsinn das war. Er brauchte keinen Heiler dafür um zu wissen, dass der Speer nur ein paar Zentimeter weiter innen hatte treffen müssen, um ihn auf der Stelle umzubringen.
      Nur musste Kassandra das ja nicht so genau wissen.
      "Hey."
      Er stand auf, auch wenn sein Arm unter ihrer Magie noch immer prickelte. Er legte die gesunde Hand an ihre Wange um sie zu spüren, um die Distanz zwischen ihnen zu vernichten, die ihm viel größer schien, als sie eigentlich war. Um ihre Wärme zu fühlen.
      "Sieh mich an."
      Dunkle, brennende Augen richteten sich auf ihn.
      "Mir geht's gut, dir geht's gut. Alles ist in Ordnung, hm? Viel wichtiger ist, dass wir verloren haben und dass ich womöglich doch deine Hilfe benötigen könnte. Ich möchte keinen Sieg, bevor es nicht zur Schlacht mit dem Königshaus gekommen ist, aber wenn Kerellin weiter einmarschiert, riskiere ich genau das. Lass uns darauf konzentrieren, okay?"
    • Kassandra ging nicht darauf ein, dass der Herzog so überrascht darüber war, dass sie geflogen war. Immerhin kannte er nicht das Ausmaß an Magie, auf das sie nun Zugriff hatte und das das Maximum darstellte, was sie unter dieser Verbindung aufbringen konnte. Sie konnte eine ähnliche Erscheinung wie ihre wahre Gestalt dank ihrer Magie annehmen, doch im Kerne war sie noch immer an ihre menschliche Hülle gebunden gewesen.
      "Wenn man jetzt nach Veren reisen würde, wäre es ein Bild des Unheils meiner Meinung nach", beschrieb Kassandra, was sie in Veren gesehen hatte während sie sich einzig auf die Wunde am Arm konzentrierte und fühlte, wie sich Nähte auflösten und Fleisch wieder zueinander fand. "Es sieht aus wie nach einem Meteorschauer. Überall vereinzelt im Gebiet sind schwarze Brandherde entstanden, wo der Verursacher niedergegangen ist. Ich selbst habe ihn allerdings nicht gesehen - ich hoffe du erwartest nicht, dass ich den Verursacher ungescholten hätte ziehen lassen. Aber ja, die Verluste scheinen erstaunlich hoch gewesen zu sein. So wie man hörte, sind auch wirklich nur Streitkräfte attackiert worden. Ich denke, die Herzogin wird irgendwann eingestellt haben, ihre Kräfte auf offener Straße ziehen zu lassen um noch mehr Verluste zu verhindern."
      Spürte die Phönixin auch nur einen Hauch von Reue in ihrem Herzen?... Sie konnte noch so lange danach suchen, sie fand nicht einen Funken davon in ihrem Herzen. Sie konnte sich an jede Gruppe erinnern, die sie angegriffen hatte. Konnte jedes Leben, das sie nahm, genau nachvollziehen und wusste um die exakte Zahl der Opfer. Wenn sie wie eine Urgewalt über die Lande fegte, gab es keine Kollateralschäden. Selbst wenn sie nicht jede ihrer Handlungen genau nachvollziehen konnte, warum sie diese und jene Entscheidung getroffen hatte. Alles, was sie wusste war, dass es etwas gewesen war, das ihre Seele befriedigt hatte.
      Über den Hinweis, dass es Meriah persönlich gewesen war, schnaubte Kassandra lediglich abfällig. Besser sie als irgendein daher gelaufener Soldat, dem sie es nicht persönlich anrechnen konnte, Zoras verletzt zu haben. Mit der Herzogin Kerellin hingegen hatte sie einen Namen, ein Gesicht und eine Persönlichkeit, die sie auslöschen konnte. Doch wie zuerst gewollt hielt sich Kassandra zu diesem Thema bedeckt und würde sich nicht eigenmächtig einmischen. Ihr Herzog wollte diese Auseinandersetzung allein bestreiten, dann würde sie sich nicht einmischen. Nüchtern betrachtet hatte sie schließlichen ihren Spaß schon gehabt.
      Insgeheim hatte Kassandra auch schon damit gerechnet, dass Zoras die Streifwunde an seinem Hals als nicht sonderlich schlimm betiteln würde. Das war die erste offensichtliche Verletzung gewesen, auf die ihr Blick gefallen war und es brauchte keinen Arzt um zu sehen, dass aus dieser kleinen Streifwunde schnell eine tödliche hätte werden können. Es gab nicht viel Fleisch zwischen der Luft und einer wichtigen Schlagader, die ihn binnen Sekunden auf dem Schlachtfeld dahinraffen hätte können. Ihr Blick streifte ebenso schnell die Wunde bevor er Zoras' Blick einfing. Er war bedeutungsschwanger, doch die klare Intention dahinter war nicht gänzlich ersichtlich. Er spielte es wissentlich herunter, damit sie keine Szene machte. Damit sie in ihrer Befürchtung nicht bestätigt wurde, denn andernfalls hätte es sogar sein können, dass sie bei ihrem Eintreffen hier im Lager nur noch einen leblosen Herzog hätte vorfinden können. Und das war es schließlich, was den eiskalten Zorn in ihrem Inneren wieder befeuerte.
      Bevor sie jedoch vernichtende Worte sprechen konnte war er aufgestanden und hatte somit seinen Arm von ihrer Berührung befreit. Ihre Magie verebbte sofort und ein prüfender Blick bestätigte ihr, dass es ausgereicht hatte, damit er seine Hand zumindest wieder gut benutzen können würde. Als sie etwas Kühles an ihrer Wage spürte richtete sie ihre Augen erneut auf den Mann vor ihr, der seine Hand an ihre Wange gelegt hatte. Im Vergleich zu ihrer Körpertemperatur wirkte sie kalt, bildete allerdings einen deutlichen Kontrast zu der Wärme in seinen Augen mit denen er seinen Champion nun ansah.
      Kassandra blinzelte. "Du willst keinen Sieg jetzt und hier, würdest ihn aber einfahren wenn du sie nicht stoppen würdest? Meriah ist doch nicht auf den Kopf gefallen, sie dürfte diesen Ausgang doch genauso einschätzen können. Wieso drängt sie darauf, weiter einzumarschieren wenn sie weiß, wie schnell sie verlieren kann wenn ich nur einen Finger hebe? Das ergibt keinen Sinn, Zoras."
      Was sprach eigentlich dagegen, den Herzog einfach zu entführen? Sie konnte ihn nach draußen zerren, sich verwandeln und mit ihm einfach davon fliegen. Sollten sich die Anderen doch weiter die Köpfe einschlagen, im Endeffekt war es nicht ihr Krieg. Nicht ihre Auseinandersetzung. Nicht ihr.... Leben.
      Leise seufzte Kassandra. Sie hatte gehofft, dass ihr Thema nicht ständig von der Schlacht geprägt sein würde, aber das war nun einmal die Realität und der Ort, wo sie sich befanden. Immerhin fragte er sie nicht weiter nach den Vergehen in Veren und so konnte sie einfach darauf hoffen, dass es sich im Laufe der Zeit verlor und niemand mehr einen Gedanken daran verschwenden würde. Ihr Blick wurde etwas weicher als sie mit ihren Händen sein Gesicht umrahmte und mit den Daumen über seine rauen Wangen strich. Immerhin hatte sie ihn jetzt lebendig wieder zurück... Ohne weitere Verzögerung vernichtete sie die Luft zwischen ihren Lippen, küsste Zoras lang und innig. Mit einem Sanftmut, der allein schon ausdrückte wie froh sie darüber war, dass er noch unter den Lebenden weilte. Sie löste ihre Lippen nur leicht von ihm, nicht wirklich gewillt sich weiter von ihm zu entfernen und doch in der Not, genug Abstand zwischen sich zu bringen, um Worte zu formulieren.
      "Du willst also, dass ich einen Stillstand erwirke, richtig? Ich soll sie zum Einhalt gebieten. Das sollte kein Problem darstellen..."

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