[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Sylea Puls schoss auf dreitausend, als plötzlich Cain neben ihr stand und sie wachrüttelte. Sie brauchte etliche Sekunden ehe sie sich voll orientiert hatte und einfach schon mal die Schuhe anzog, die man ihr zugeworfen hatte. Sie brauchte keine weiteren zwei SEkunden zum Realisieren, warum der Seeker diesen gestressten Eindruck machte. Sie spürte nicht, was er wahrnahm, aber sie wusste, dass er einen Verfolger in naher Umgebung gespürt haben musste.
      Jetzt erst wurde auch Anifuris in dem Vessel richtig wach. Sylea sah, wie er sich streckte und dann ebenfalls seine nachtblaue Aura etwas freisetzte. Wenn der Seeker etwas spürte, dann würde er ebenfalls in der Lage sein. Das sich einstellende Schweigen war das, worauf sie am wenigsten gehofft hatte.
      Frag nicht. Er hat recht. Ihr solltet abhauen so schnell es geht. Dein Freund wird gegen ihn kein Licht sehen.
      Das löste in Sylea richtiggehend Panik aus. Diese Worte von der alten Seele in sich zu hören, war so ziemlich das Schlimmste, was sie hätte erwarten können. Mit einem Mal spürte sie, dass es auch an Anifuris nicht spurlos vorrüber ging. Wenn sie es sich recht überlegte wusste sie gar nicht, wie er auf andere Vessel reagierte, die ihm zumindest ebenbürtig waren. Sie kannte nur die schwächere Variante.
      "Hab ich mir fast gedacht", gab Sylea knapp zurück und hastete bereits aus der Hütte. So viel zum Thema ein bisschen Ruhe wäre ihnen gegönnt.
      Zwischen ihnen und dem Jeep lagen nur ein paar Meter. Cain war schneller als sie und war schon fast auf dem Fahrersitz, da hatte Sylea gerade einmal die Hälfte der Strecke geschafft. Dann aber hielt sie plötzlich inne. Ein Schauer lief ihr eiskalt über den Rücken, der eindeutig nicht von der kühlen Waldluft stammte. Es dämmerte bereits und der Wald begann seine langen Schatten zu werfen. Instinktiv wandte das Mädchen ihre Blick auf eine bestimmte Stelle im Wald.
      Und hörte auf zu atmen als sie schwören konnte, ein rötliches Augenpaar gesehen zu haben.
      Beweg dich!
      Anifuris Worten rissen Sylea aus ihrer Schockstarre. Was auch immer da im Wald war, stellte eine Gefahr für alle Beteiligten hier da. Die Frage war nur, ob ein Fahrzeug ausreichte, um genug Abstand zwischen sie und ihrem Verfolger zu bringen. Kaum war das Vessel auf der Beifahrerseite eingestiegen, heulte der Motor auf und Cain gab Vollgas.
      "Was zur Hölle haben die uns auf den Hals gehetzt?", fragte Sylea in offenkundiger Panik. Immer wieder sah sie in den Rückspiegel und wartete nur darauf, das Augenpaar zu sehen. Doch nichts tauchte darin auf.
      Zu einer Antwort kamen sie nicht mehr.
      Im nächsten Moment ging ein gewaltiger Ruck durch das Fahrzeug und brachte es zum drehen. Etwas hatte den Wagen an der hinteren Seite mit solcher Kraft erwischt, dass sich das Auto nun im Kreis drehte und glücklicherweise nicht an einen Baum prallte. Dafür hatte Cain zu schnell auf die Bremse getreten. Sylea schrie auf und klammerte sich fest, wo sie auch konnte, bis der Wagen endlich zum Stillstand kam. Ihr war unglaublich schlecht und sie hatte die Befürchtung, dass sie sich gleich übergeben würde.
      "Ein Auto war ein netter Versuch. Ist nur eine Spur zu langsam."
      Die Stimme, die nun durch den Wald schallte, war unheimlich samtig und verdächtig... freundlich. Panisch versuchte Sylea aus den Fenstern und den Spiegeln etwas zu erkennen, aber man sah nichts. Der Urheber der Stimme verschmolz mit dem Dunkel des Waldes.
      Er steht auf dem Weg links hinter euch. Er hat den Wagen nur angestoßen, damit ihr zum Halten kommt. Wir sind die größere Beute für ihn. Du musst raus aus dem Wagen.
      Ist das dein Ernst?! Der bringt uns um!
      Wird er nicht. Er tötet nicht direkt. Er ist ein Jäger.
      Das macht es nicht besser!
      Syleas hektischer Blick glitt zu Cain, der ungefähr das Gleiche machte wie sie. Das Blut rauschte in ihren Ohren. Er würde ihr buchstäblich den Kopf abreißen, wenn sie nun auf eigene Faust handelte. Anifuris hatte recht. Im Jeep war sie nutzloser als auf offenem Feld. Sie holte tief Luft, als sie am Griff der Tür zog und im nächsten Moment den Waldboden unter den Füßen hatte. Da Anifuris ihr gesagt hatte, wo sich der Verfolger platziert hatte, schob sie sich um den Wagen herum, bis sie Sicht auf die Richtung hatte, aus der die Stimme gekommen war.
      Dann bewegte sich etwas im Schatten. in rund dreißig Meter Entfernung schälte sich ein großgewachsener Mann in schwarz aus den Schatten. Er hatte ein Lächeln auf den Lippen, das unheimlich charmant wirkte. Seine Haare saßen perfekt, die Lederjacke untermalte seinen Auftritt lediglich. Aber es waren seine Augen, die ihr den größten Schreck einjagten.
      "Hat dich der kleine Seeker jetzt vorgeschickt, um selbst abzuhauen?", fragte er seelenruhig und musterte Sylea, die am liebsten einfach gerannt wäre. Aber Anifuris hielt sie an Ort und Stelle.
      "Nein. Aber du bist primär eh für mich hier", erwiderte sie, ihre Stimme war so gepresst, dass der Mann ihr gegenüber zu lächeln begann.
      "Richtig", bestätigte Helyon ihre Annahme und machte exakt zwei weitere Schritte auf sie zu. "Vielmehr würde mich aber interessieren, wen du da in dir trägst. Wie heißt er?"
      Syleas Augen verengten sich. "Anifuris."
      Helyon zuckte mit den Schultern. "Kennt er mich?"
      Stille.
      "Anscheinend nicht. Wir dürften aber in etwa gleichalt sein, wenn ich mich nicht täusche."
      Er ist älter als ich.
      Sylea brach in Schweiß aus. Das nahm eine Richtung ein, die ziemlich schlecht war. Sie betete, dass Cain einfach im Wagen blieb und sich nicht rührte.
      Als Reaktion blähten sich Helyons Nasenflügel und sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. Seine Züge bekamen etwas wildes, ungezügeltes. "Ich nehme an, deine Seele ist jünger als ich und hat's dir gesagt? Angst ist einer der wunderbarsten Gerüche, wenn du mich fragst. Aber weißt du was? Du kannst es ganz einfach machen und einfach mitkommen. Dann passiert deinem kleinen Seeker auch nichts. Aber das möchtest du nicht,hm?" Er wartete ein paar Sekunden ab, in denen Sylea stillschweigend ihre WIderstand signalisierte. Keine zehn Pferde würden sie dazu kriegen, mit diesem Kerl mitzugehen. "Dachte ich mir."
      Dann setzte sich Helyon in Bewegung. Langsam, als müsste er jeden seiner Schritte vorausplanen, damit er keinen Fehler machte. Genau dieses Vorgehen löste in Sylea nun endgültig die Panik aus. Sie begann zu hyperventilieren, was auch immer dieser Kerl war, er versetzte nicht nur sie in Angst sondern löste auch Unbehagen in Anifuris aus. Reflexartig setzte sie einen Schritt rückwärts, den Helyon als Startsignal wahrnahm.
      Zeitgleich setzten sie sich in Bewegung. Sylea machte auf dem Absatz kehrt und rannte blindlinks weg vom Wagen hinein in den Wald. Sollte ihr Knie doch durchbrechen, wenn sie es nicht tat, hätte er sie so oder so. Helyon hingegen brauchte nur einen Moment, ehe er auf den Wagen sprang und vorne kopfüber durch die Wundschutzscheibe blickte.
      "Hey, kleiner Seeker. Misch dich nicht ein und ich lass dich laufen", flötete er in einem ekstatischen Tonfall. Unter seinen Augen hatte sich eine weitere dünne Linie gezogen die verdächtig danach aussah, als könne sie sich jeden Moment öffnen. Das Grinsen Helyons entblößte sichtbar gewachsene Fangzähne und seine Augen waren nun vollkommen blutrot, schwarze Schlitze traten an die Stelle von runden Pupillen.
      Mit einem gewaltigen Sprung katapultierte er sich in die Richtung, in die Sylea geflüchtet war. Alles, was man hörte, waren Schritte im Wald, das Knacken von Ästen und Atemzüge, die sich immer weiter entferten.
      Jeder der Beteiligten wusste: Sylea würde ihm nicht weglaufen können. Sie zog ihn weg von Cain und würde sich ihm dann stellen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eile war geboten.
      Sollte Helyon wirklich zu ihnen aufschließen, konnte Cain schon einmal anfangen sein Testament zu schreiben. Die erste Begegnung mit dem hochgewachsenen Mann, er gab es tatsächlich nur ungern zu, hatte Eindruck hinterlassen. Kein Zweifel, sein Gegner besaß eine beeindruckende Körperkraft, war äußerst schnell und hatte präzise Reflexe. Obwohl der Seeker die Worte von Anifuris nicht hören konnte, dachte er instinktiv genau dasselbe. Helyon war ein Jäger, ein Raubtier, das Blut geleckt hatte und sich nicht von der Fährte seiner Beute abbringen ließ. Ein abgeschwächteres Verhalten war bei Seekern zu sehen, die eine zu hohe Dosis Blind Eye im Einsatz verabreicht wurde. Sie fixierten sich auf ihr Zielobjekt und ließ nicht locker, bis sie es gefunden hatten.
      Sylea sprang auf den Beifahrersitz, da fummelte Cain noch hektisch an den Kabeln unter dem Lenkrad herum.
      "Komm schon, Komm schon...", murmelte er ungeduldig und stieß einen triumphierenden Laut aus, als der Motor zum Leben erwachte und das Dröhnen die Geräusche des Waldes überschattete. Die Beifahrertür war kaum geschlossen, da trat Cain schon kräftig auf das Gaspedal. Erde und Kies wirbelten zu allen Seite auf, als die Reifen im weichen Untergrund zunächst keinen Halt fanden. Schließlich aber lenkte der Seeker das Fahrzeug auf den schmalen Waldweg und war heilfroh ein Fahrzeug mit Allrad gestohlen zu haben.
      "Scheiße...", zischte er und warf einen Blick in den Rückspiegel. "Die Aurensignatur, ich kenne sie. Das ist..."
      Ein mächtiger Ruck schleuderte das Fahrzeug plötzlich von dem schmalen Weg, als wäre ein ausgewachsener Stirn ihnen in die Seite geprallt. Mit Not und Mühe schaffte es Cain den Jeep einigermaßen unter Kontrolle zu behalten, der sich mehrmals um die eigene Achse drehte, ehe er knapp vor einem Baum zum stehen kam. Sein Atem raste ungesund während er den mächtigen Baumstamm einer Eiche fixierte, gegen die sie beinahe geprallt wären. Die Fingerknöchel traten schneeweiß unter der Haut hervor, da er das Lenkrad so fest umklammert hielt, dass das protestierende Knarzen des Lederbezuges zu hören war.
      Der Motor setzte aus und Cain fluchte erneut in den buntesten Farben, als er versuchte das Auto erneut kurz zuschließen. Mehr als ein armseliges Ruckeln brachte er allerdings nicht zustande. Wütend und äußerst beunruhigt schlug der junge Mann auf das Amaturenbrett.
      "Ein Auto war ein netter Versuch. Ist nur eine Spur zu langsam."
      Sein Kopf wirbelte herum, doch noch immer war keine Gestalt in der Dämmerung zu erkennen. Allerdings hatte Cain nun die stimmliche Bestätigung, dass ihnen Helyon auf den Fersen war. Unter der ausufernden Aura voller Jagdeifer und Blutlust stelten sich seine Nackenhaare auf. Der goldene Schimmer um seinen Körper pulsierte in verzweifelten Wellen und schaffte es kaum sich der betäubenden Wirkung entziehen, die die samtige Stimme ausstrahlte. Cain kniff die Augen zusammen und wollte zur Seite nach Sylwa greifen, da sprang die junge Rubra ohne Vorwarnung aus dem Auto.
      "Sylea!", rief er ihr schockiert und mit sichtlicher Besorgnis nach. Aus der Besorgnis erwuchs Panik, als sich die Fahrertür nicht öffnen ließ. Das verdammte Ding hatte sich durch den Schubser von Helyon in seinem Rahmen verzogen. Zornig rüttelte er an dem Griff und bekam nur gedämpft die Stimmen von draußen mit. Was das Fass zum Überlaufen brachte, war ein Auraschub aus reinster Angst. Slyea's Angst. Entfernte sie sich von ihm? Eilig sah er sich um und sah tatsächlich die zierliche Gestalt am Ausläufer des Waldes verschwinden. Cain war bereits halb über die Mittelkonsole geklettert, als eine Erschütterung den Wagen erfasste. Alarmiert blickte er zum Dachhimmel, als Helyons bedrohliches Gesicht auf der Frontscheibe auftauchte. Er wirkte auf unheimliche Weise höchst amüsiert über die Chance zur Jagd.
      "Lass deine Finger von ihr, du arroganter Bastard...", zischte Cain nur zurück und riss das Handschuhfach auf. Sofort fiel ihm die Dienstwaffe des eigentlichen Wagenbesitzers in die Finge, ein Walther P99. Routiniert prüfte der Seeker das Magazin. Eine Kleinkaliberpistole bei der bereits die Hälfte an vorhandenen Patronen fehlte. Allerdings nützte ihm auch eine Schusswaffe gegen Helyon vermutlich herzlich wenig. Der Seeker kletterte umständlich über den Beifahrersitz aus dem Auto, und schob die gesicherte Waffe hinten in den Bund seiner Jeans. Ein tiefer Atemzug und er streckte seine Sinne in die Umgebung aus. Sowohl Sylea als auch ihr Verfolger hinterließen eine deutlich wahrnehmbare Fährte.
      Dann rannte Cain los in den dichten Wald. Als wenn er einfach ruhig im Auto warten würde...
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea hatte jegliches Gefühl für Zeit und Orientierung verloren. So schnell sie konnte preschte sie durch den Wald, riss sich Arme und Beine an Büschen auf aber hielt nicht eine Sekunde an. Immer wieder warf sie einen Blick über ihre Schulter nach hinten, ob Helyon schon an ihr dran war. Kein einziges Mal sah sie ihn, spürte aber seine Augen auf sich gerichtet.
      Überlass es mir. Du weißt sowieso nicht, was du tun musst. Halt an.
      Inmitten von Bäumen kam Sylea zum Halten. Während ihre Lunge nach Luft schrie, schaute sie sich hektisch um bis sie ein paar glühende Augen im Dunkel ausmachen konnte. Wie bereits vorhin trat Helyon aus den Schatten der Bäume, seine Körpersprache war nicht mehr so entspannt wie vorhin. Er strahlte eine Tendenz nach vorn aus, die Haltung etwas gebückt, als würde er lauern.
      "Lass ihn doch ein bisschen spielen. Kleine Mädchen können nur schreien, das macht nicht so viel Spaß." Er lächelte süffisant und näherte sich immer weiter dem anderen Vessel.
      "Möchtest du einen Geschmack davon haben, wie er die Hunter vernichtet hat?", fragte Sylea, ihre Stimme bebte.
      Das Grinsen auf Helyons Gesicht wuchs mit jedem Schritt, den er tat. Als sie noch gut zwölf Meter entfernt standen, hielt er inne und begann sich plötzlich die Lederjacke auszuziehen. "Das waren Menschen. Der Geist von Menschen ist schwach und leicht zu brechen. Hätte deine Seele da die Macht, mich zu unterjochen hätte sie es längst getan. Es gibt also zwei Möglichkeiten, warum sie es nicht getan hat. Und im Gegensatz zu den Huntern bin ich kein blutiger Anfänger. Ich mache direkt Ernst."
      Dann verlor sich Helyons Gestalt. Er kauerte sich nach vorne während das Brechen von Knochen die Stille des Waldes unterbrach. Seine Hosse begann aufzureißen, als seine wachsenden Muskeln den Stoff sprengten. Mit purem Schrecken in den Augen sah Sylea dabei zu, wie die Gestalt des Mannes an Größe und Masse gewann. Aus seiner Haut spross schwarzes Fell in Windeseile, seine Finger mutierten zu Krallen. Das hübsche Gesicht des Mannes war einem wolfähnlichen Kopf gewichen mit blutroten Augen und Fangzähnen solang wie Syleas Finger. Es dauerte nur einen Moment, da hatte Helyon sich auf die Größe eines Nashornes verwandelt und war das Ebenbild eines gigantischen, schwarzen Wolfes. Zumindest, bis sich unter seinen Augen ein weiteres Augenpaar öffnete und eine lange, gespaltene Zunge aus dem Maul der Kreatur blitzte.
      Klar, ein Höllenhund. Wenn du nicht augenblicklich mich machen lässt, wird das nicht schön werden.
      Sylea konnte keinen Gedanken fassen. Wie zur Salzsäule erstarrte gaffte sie das Wesen an, das sich sprungbereit machte. Helyon hatte nicht übertrieben als er meinte, er sei kein Stümper. Er unterschätzte die potenzielle Gefahr einer unbekannten Seele nicht. Deswegen war er so alt in dieser Welt geworden.
      Im nächsten Moment machte Helyon zwei Sätze nach vorn und sprang auf die junge Rubra zu. Alles, was sie zustande brachte, war ein panischer Aufschrei, als ein gewaltiger Schatten das spärliche Licht aus dem Blätterdach über ihrem Kopf verdeckte. Schützend hob sie ihren Arm vor sich. Im nächsten Moment wurde sie schon nach hinten gerissen.
      Äste bohrten sich in Syleas Rücken, Steine in ihre Beine. Ein hässliches Geräusch ertönte, als sie einen Ruck an ihrer Schulter erfuhr und ihr Arm brennend heiß wurde. Als sie aufsah, war sie Auge in Auge mit Helyon. Seine Schnauze hatte sich um ihren Oberarm geschlossen, an dem sie nun halb in der Luft und halb am Boden hing. Ihre Augen weiteten sich als sie sah, wie sich seine Zähne in ihren Arm drückten, noch ohne Schaden anzurichten.
      "Immer noch nicht? Vielleicht richtet es ein bisschen Todesangst", grollte eine Stimme, die niemals von einem Tier stammen konnte.
      Im nächsten Moment zermalmten seine Kiefer Syleas Oberarm.
      Was zunächst nur heißer Atem des Höllenhundes war, war nun Syleas kochendes Blut, das aus der Wunde ihren Leib hinabströmte und den Pulli mit roten Bahnen versah. Ein unsäglicher Schmerzensschrei ließ auch die letzten Tiere des Waldes verstummen, der in einem Gurgeln auslief. Helyon schüttelte kurz seinen Kopf und riss damit nur noch mehr Fleisch entzwei. Mit undefiniertem Blick sah das Vessel an ihrem Arm hoch, der nur noch spärlich als solcher erkennbar war.
      Dann verdrehte sie die Augen im Kopf und sackte leblos in sich zusammen.
      Helyon hatte gerade mal ein paar Sekunden, ehe aus der silbernen Aura eine Nachtblaue hervorbrach. In einer unmenschlich wirkenden Bewegung riss Anifuris seinen Kopf hoch, die Augen weit aufgerissen. Der Wahnsinn stand darin geschrieben, als er mit seiner rechten Hand ausholte und nach Helyons Nase griff. Seine Finger bohrten sich in die kalte empfindliche Haut und für drei Sekunden verharrten sie in dieser Pose. Während dieser drei Sekunden ging Anifuris auf Angriff über. Er überspülte Heylon mit seiner Aura, zwängte sich in jede Ritze seines Verstandes und versuchte mit aller Macht, Herr über ihn zu werden. Doch Heylon war in der Tat älter, erfahrener und wusste, wie man einen Eindringling abwehrte. In dem Bruchteil des Angriffes hatte er sich abgeschottet und das fremde Bewusstsein ausgeworfen.
      Das Resultat war, dass beide Fornten voneinander abließen und Helyon einige Meter auf Abstand ging. Er schüttelte seinen Kopf und bleckte die Lefzen, was einem Grinsen gleichkam. "Na also, da haben wir ihn ja. Ganz schön widerliche Aura würde ich meinen."
      "Ich habe keine Zeit mit dir zu spielen, du dreckiger Köter. Sieh zu, dass du Land gewinnst." Anifuris Stimme war eiskalt, während er seine Finger bereits mit seinem eigenen Blut tränkte. Er hatte keine Wahl - seine Aurenmanipulation brachte gegen einen Höllenhund nichts. Das Schicksal hatte ihm allerdings eine weitere Waffe zur Hand gegeben.
      Er vertraute darauf, dass der Seeker bereits auf dem Weg zu ihnen war. Mit einer ruppigen Bewegung zerriss Anifuris den Ausschnitt seines Oberteils und malte eine Blutrune auf seine Brust, direkt über dem Herzen. "Bitte sag mir, du hattest schon das Vergnügen mit den Rubras", lächelte er eiskalt. Eine Spirale mit einer definierten Ecke.
      "Ich weiß, was sie können. Aber sie sind nicht für den Kampf ausgelegt." Heylons Selbstsicherheit vibrierte kaum merklich. Er spürte, dass er etwas tun sollte und setzte sich bereits wieder in Bewegung.
      "Schön. Dann kennst du nicht die alten Vertreter des Clans", sagte Anifuris und zog sich mit blutigem Zeigefinger und Daumen eine senkrechte Linien von den Augenbrauen über die geschlossenen Augen bis zu den Wangeknochen. Dann legte er eine Hand mit einer Geste auf die Rune, die an seinem Herzen lag. Zeitgleich sprang Helyon bereits auf ihn zu.
      Anifuris ließ sich fallen und rollte über seinen matschigen Arm über den Waldboden, wo er Spuren der Verwüstung hinterließ. Der Höllenhund war über ihn hinweg gesprungen und fing plötzlich an zu winseln. Er bewegte sich plötzlich komisch, so als könne er sich nicht mehr richtig orientieren. Das Vessel am Waldboden setzte sich auf. Mehr konnte er nicht mehr in seinem Zustand ausrichten. Seine Haut war leichenblass, selbst die Lippen waren bläulich angelaufen. Von Syleas ehemals langem Haar war nicht mehr viel übrig. Der Zopf hatte sich in Rauchschwaden aufgelöst und erst aufgehört, als die braunen Haare ihr nur noch knapp bis zur Schulter reichten.
      Helyon heulte frustriert auf. "Was hast du Bastard getan?!" Ziellos wirbelte die Kreatur umher, ganz offensichtlich nicht in der Lage, sich zu orientieren.
      "Mal sehen, wie gut ein Jäger ohne seine Sicht ist", lächelte Anfuris bitter und spürte bereits, wie ihm eiskalt und schwindelig wurde. Der Preis für diese Rune war nicht unbedingt gering und hätte jemanden ohne seine Regenrationskräfte sicherlich in den Tod gestürzt. Trotzdem war es nicht angenehm zu verbluten.
      Bitter lächelnd hielt er sich den verunstalteten Arm, warmes Blut quoll ihm durch die Finger hervor während er dabei zusah, wie Helyon buchstäblich wahnsinnig wurde.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Dämmerung legte sich wie ein bedrohlicher Schatten über die Baumwipfel. Eine unheimliche Stille erfasste das Waldstück, in dem sich gerade eine wahre Hetzjagd abspielte. Sämtliche Waldbewohner von dem kleinsten Vogel bis zum größeren Rotwild hatte das Weite gesucht, um den blutsürstigen Jäger nicht in die Quere zu kommen. Cain hörte nichts außer seinen gehetzten Schritten auf dem mit Moos bewachsenen Boden und den brechenden Ästen unter seinen schweren Stiefeln. Der eigene Herzschlag pulsierte und dröhnte so laut in seinen Ohren, dass es beinahe alle anderen Umgebungsgeräusche übertöhnte.
      Der Seeker stoppte zwischen den knorrigen Baumstämmen und blickte sich in alle Richtungen um, damit er sich orientieren konnte. Die goldene Aura breitete sich in alle Himmelsrichtungen aus, um sie tastend durch das Unterholz zu bewegen. Schwach und wie eine sterbende Flamme flackerte das Gold im Schatten der Baumkronen. Cain zwang seine geschwächte Hülle weiter von sich, auch wenn es ihn quälte. Der Schmerz, dem drohenden Ausreißen eines Armes oder Beines ähnlich, ließ seinen Körper erzittern. Sein Kopf flog zur Seite in einer ruckartigen beinahe unmenschlichen Bewegung, als sich seine Sinne auf einen Punkt tiefer im Wald fixierten. Ein unheilschwangeres Heulen, einem verletzten Tier gleich, erfüllte die Umgebung und sorgte dafür, dass Cain auf dem Absatz kehrt machte und seine Laufrichtung korrigierte. Sylea konnte er schon seit ein paar Minuten nicht mehr spüren oder ihre silbrige Aura erfassen, als wäre sie vom Angesicht der Erde gefegt worden. Besorgnis und Furcht trieben ihn zu einem mörderischen Sprint an, der seine Lungen in Brand steckte. Was er spürte, war der schwere Geruch der Verwesung, süßlich und klebrig in seinen eh bereits geschundenen Atemwegen. Anifuris hatte sich manifestiert und dem Seeker sackte das Herz fast bis in die Stiefel. Das bedeutete nichts Gutes.
      Als Cain durch die dichte Böschung brach und schlitternd auf der kleinen Lichtung, die sich vor ihm auftat, zum stehen kam, brauchte er einige Sekunden um das Bild richtig zu erfassen. Der Blick flog als erstes direkt in Richtung von Sylea, die kauernd am Boden saß und sich den zerfetzten und blutigen Arm hielt. Die Menge an roter Flüssigkeit, die den weichen Boden tränkte und von diesem aufgesaugt wurde, war arlamierend. Bevor er allerdings einen Schritt in ihre Richtung machen konnte, erfasste er aus dem Augenwinkel einen recht grotesken Anblick. Eine wolfsähnliche, gigantische Bestie tobte aufgebracht und drehte sich unschlüssig und offenbar orientierungslos in alle Richtungen. Was das Helyon? Cain lief bei der mörderischen Aura ein eiskalter Schauer die Wirbelsäule hinab.
      Cain zückte die Waffe aus seinem Hosenbund und entsicherte. Mit erhobener Waffe, ohne das Monster aus den Augen zu lassen, ging er mit gewzungen ruhigen Schritten auf die blutende Gestalt am Boden zu. Anifruis Aura pulsierte ihm befremdlich schwach entgegen, aber der Blutverlust musste ja Spuren hinterlassen.
      Neben Sylea, nein, Anifuris blieb er stehen und fixierte die knurrende und fauchende Bestie. Das Gold seiner Augen glühte stärker als zuvor, aber seine Aura war noch nicht wieder völlig stabilisiert.
      "Was ist das für ein Ding?", zischte er und als sich Helyon, es konnte niemand anders sein, sich in ihre Richtung drehte, zögerte Cain nicht. Der Seeker legte an und zielte. Zwei ohrenbetäubende Schüsse lösten sich aus dem Lauf, in Richtung der wolfsartigen Kreatur. Er war kein Meisterschütze aber er hoffte zumindest lebensbdrohliche Stellen an Hals und Rumpf getroffen zu haben. Selbst wenn er keinen großen Schaden anrichtete, würde die Einschüsse ihn vielleicht für einen Augenblick weiter auf Abstand halten. Die Augen der Kreatur wirkten ziellos und schienen ihre Sehkraft eingebüßt zu haben. Und er musste sparsam mit der Munition sein.
      Cain hockte sich in das Blut am Waldboden und ignorierte die warme Flüssigkeit, die stetig durch seine Jeans sickerte. Eine Hand legte er zwischen die Schulterblätter der Vessel. Die mögliche Bedrohung durch Anifuris geriet in den Hintergund, für den Augenblick standen sie wieder einmal auf derselben Seite.
      "Wir müssen hier weg." Aber mit dem geschwächten Körper, wenn er sie trug, würde er Helyon nicht entkommen können. Und der Jeep war zuweit weg und eh im Moment nicht fahrtauglich. "Hälst du durch?"
      “We all change, when you think about it.
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    • "Das da ist ein Höllenhund", merkte Anifuris an und sah dabei zu, wie sich Helyon mit jeder weiteren Sekunde in Rage wand.
      Als Helyon die Stimmen vernahm, drehte er seinen Kopf in ihre Richtung. Dann schoss Cain unerwartet auf den Höllenhund und traf ihn erstaunlich zielsicher an empfindlichen Stellen am Hals. Das Ungetüm heulte auf und taumelte rückwärts.
      "Bist du wahnsinnig?!", blaffte das Vessel den Seeker an, der sich neben ihn auf den Boden gehockt hatte.
      Just in diesem Moment richtete Helyon seinen Kopf genau in ihre Richtung. Ein Jäger, der nichts mehr sah, war sicherlich seiner Sinne eingeschränkt. Da bedeutete aber nicht, dass er weder hörte noch roch. Er fletschte die langen, schneeweißen Zähne und ging auf sie beide los.
      Dieses Mal war es Cain, die sie aus der Schusslinie brachte. Er packte sich den unterkühlten Körper des Mädchens und warf sich zur Seite als die gewaltigen Kiefer der Bestie über ihren Köpfen zuschnappte und Helyon in den nächstgelegenden Baum knallte. Äste und Blätter rieselten auf das schwarze Fell, als er sich schüttelte und sich neu orientieren musste.
      "Mit einer einfachen Schusswaffe kommst du nicht durch ihr Schattenfell", knurrte Anifuris und hatte sichtlich Mühe, den Blick scharf zu halten. "Er kann weder sehen noch Auren spüren. Nur noch riechen und hören. Nutz das, verdammt noch mal."
      "DU VERDAMMTES MISTSTÜCK!", brüllte Helyon auf einmal und veranlasste Seeker und Vessel dazu, sich die Hände vor die Ohren zu schlagen. Seine Worte hallten jedoch in ihren Köpfen nach. "Du bist nicht einmal einer von uns! Du hast weder Namen noch Rang in dieser Welt!"
      Ein bitteres Lächeln war wie festgefroren in dem Gesicht des Mädchens. "Achja? Wo war denn der Alpha, als sein Rudel nach ihm gerufen hat? Bevor man sie in Ketten gelegt hat? Barinya hat bis zum bitteren Ende nach ihm gerufen-"
      "WAGE ES NICHT IHREN NAMEN IN DEN MUND ZU NEHMEN!"
      Helyon eskalierte völlig. In eiskalter Rage verfallen schnappten seine Kiefer um sich und zermalmten alles, was sich dazwischen wiederfand. Äste, Büsche, Baumstämme. Er knickte sie alle wie Streichhölzer ab. Entgegen der ersten Annahme kannte Anifuris sehr wohl diesen Höllenhund. Wenn gleich auch nur seinen Namen."Ich werde gleich ohnmächtig wegen des Blutverlusts", flüsterte Anifuris Cain zu, während sie beide wie hypontisiert dem wütenden Höllenhund zusahen. "Wirf mich über deine Schulter und lauf. Er kann dich höchstens riechen und hören. Mehr kann ich nicht für dich tun. Mehr kann ich dir.... nicht mehr... dazu sagen..." Anifuris Worte wurden undeutlich als er begann, das Bewusstsein zu verlieren.
      Anifuris' blutige Finger fanden Cains Wange. Er begann, eine Linie zu ziehen, doch dann rutschten seine Finger von seinem Gesicht und zogen einen blutigen Bogen auf der schwitzigen Wange. Mehr konnte er wirklich nicht mehr tun als sich zu der kaum vorhandenen silbernen Aura eine ebenso flache nachtblaue Aura anglich.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Reflexartig umfing Cain den blutüberströmten Körper, als der Höllenhund mit einem ohrenbetäubenden Geheul in ihre Richtung los preschte. Der Seeker warf sich zur Seite und entging so den rasiermesserscharfen Zähnen, die dort zuschnappten, wo zuvor noch sein Kopf gewesen war. Fest drückte er Anifuris an sich und ihm blieb kaum Zeit zu registrieren, dass der typische Geruch, den er zuvor noch gewittert hatte und der ihn stets umgab sobald Anifuris sich manifestierte, kaum noch vorhanden war. Cain könnte es auf die geschwächte Aura schieben, aber das widerlegte die Tatsache nicht, dass seine Sinne die alte Seele gerade nicht als Bedrohung einstuften. Besorgnis zeichnete sich in den goldenen Augen ab, während der Blick von Anifuris mehr und mehr an Klarheit einbüßte. Die vertrauten Augen hatten Schwierigkeiten sich zu fokussieren. Mit einem Arm hielt er den zierlichen Körper gegen seine Brust gepresst, mit der anderen steckte er die eh nutzlose Waffe zurück in seinen Hosenbund. Anscheinend blieb ihm nur eine einzige Möglichekeit: Rennen.
      Der Wortabschlag zwischen den beiden Seelen warf einiges an Fragen auf, aber die Antworten darauf mussten warten. Anifuris hatte ihn also belogen, als sie über Helyon gesprochen hatten. Keine wirkliche Überraschung, denn Cain hatte nicht erwartet, dass er jemals die Wahrheit sprach. Anifuris war manipulativ und verfolgte eigene Ziele. Dennoch hatte er Sylea und Cain zur Flucht verholfen, mit fragwürdigen Methoden, aber das Endergebnis war dasselbe. Der Seeker verspürte bei dem Gedanken einen seltsamen Anflug von Dankbarkeit. Zumindest standen gerade auf derselben Seite.
      Alarmiert wandte Cain den Blick von dem tobenden Monstrum auf der anderen Seite des Waldrandes ab, nur um in ein leichenblasses Gesicht zu blicken. Die Augenlider flatterten unter großer Anstrengung geöffnet zu bleiben. Eine Hand, warum von Blut berührte seine Wange. Die zitternden Fingerspitzen zogen eine Linie über seine Haut bis Anifuris der Ohnmacht nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Er konnte nicht verhindern, dass er das blasse Gesicht beinahe sanft in seine Richtung drehte. Syleas Anblick war furchtbar und hätte auch das Mitgefühl des härtesten Soldaten geweckt.
      "Nein, nein...", murmelte er und wischte ein paar schweißnasse Strähnen aus der Stirn. "Reiß dich zusammen ,du verdammter Bastard."
      Die Verletzungen würden sich regenerieren und sterben konnte Sylea nicht, solange Anifuris ihren Körper benötigte. Allerdings erleichterte es den Anblick des leblosen Gesichts und das Gefühl des erschlafften Körpers in seinem Arm nicht. Die beiden Auren waren kaum mehr zu erspüren. "Anifuris?" Seine Finger glitten durch das nun kürzere Haar.
      "Verdammte Scheiße..." Zischte Cain und warf sich wie gehießen das Mädchen über die Schulter.
      Vor ihm zerlegte Helyon gerade alles in seinem unmittelbaren Kreis zu Kleinholz. Nur Hören und Riechen, also? Cain kniff die Augen zusammen und bemühte sich seine Atmung zu regulieren. Der Höllenhund machte nicht gerade den Eindruck, dass er sich sonderlich auf seine übrigen Sinne konzentrierte. Geräuschlos und auf jeden Schritte achtend, bewegte sich Cain weit er von Helyon fort und tiefer in den Wald hinein. Blut tropfte unaufhörlich auf den Waldboden und legte eine Spur für den Jäger. Der Seeker stoppte. So wurde das nichts, sobald sich Helyon auf seinen Geruchssinn besann, konnte sie zu leicht finden. Die Idee, die sich ihm erschloss würde Sylea nicht gefallen, aber diese konnte ihm gerade nicht widersprechen.
      Eine gefühlte Ewigkeit lang schlich er zum Jeep zurück, immer das Gefühl witternder Atemzüge in seinem Nacken. Es war sein einziger Vorteil, dass die vorrübergehende Erblindung den Höllenhund ausbremste. Vorsichtig legte er Sylea auf die Rückbank und kramte eine alte Decke aus dem Fußraum, die er über den Körper warf. Cain legte seine Hand auf die unaufhörlich, blutende Wunde und betrachtete das in der anbrechenden Nacht fast schwarz erscheinende Blut an seinen Händen. Der Seeker kannte sich in diesem Wald bestens aus. Sie konnte Helyon nicht davonlaufen, nicht die ganze Nacht. Aber vielleicht mussten sie das auch nicht.
      Der Schwarzhaarige schloss den Jeep und eilte auf den Waldrand auf der anderen Seite des Weges zu. Mit der blutigen Hand strich er dabei über Baumstämme und Blätter. Er würde ihm eine Falle stellen müssen und er wusste auch schon den perfekten Ort dafür.
      "Komm mich holen, dreckiger Köter..." knurrte er.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es dauerte Minuten, ehe sich die rasende Bestie halbwegs gefangen hatte. Dass ihm plötzlich zwei seiner Sinne fehlten, hatten Helyon extrem aus der Bahn geworfen. Doch nun, wo er sich hatte abreagieren können, fand sein Geist ebenfalls zur alten Ruhe zurück.
      Es ist okay. Es ist nicht permanent, sie haben nichts an deiner Seele angestellt. Es ist okay.
      Der Höllenhund stoppte in seiner Bewegung, ließ seine Ohren und Nase für sich arbeiten. Auch ohne seine Augen oder die Fähigkeiten, Auren zu sehen, bildete sich ein grobes Bild der Umgebung in seinem Geist. Er wusste ganz genau, nach wessen Blut er zu suchen hatte. Schließlich hatte er es eigenmächtig kosten dürfen. So war es nicht verwunderlich, dass der Geruch nach Eisen und Meer sich wie eine rote Wolke durch den Wald zog und eine Spur zeichnete, der er leicht folgen konnte. Immer wieder stolperte er und prallte gegen Bäume, aber er ließ sich nicht von seiner Jagd abbringen. Das tat er nie.
      Irgendwann war Helyon an einem Ort angekommen, der nach Benzin roch. Er realisierte, dass er wieder am Jepp sein musste. Frustriet rammte er mit seinem massigen Körper den Wagen, der sich durch die plötzliche Krafteinwirkung einige Meter zur Seite bewegte und an einem Baum zum Halten kam. Der Körper Syleas im Fahrzeug wurde heftig durchgeschüttelt, aber davon bekam sie freilich nichts mehr mehr.
      Dann wehte Helyon eine neue Wolke entgegen. Sein Kopf schoss reflexartig herum, die vier roten Augen suchten etwas, das sie nicht sahen. Aber sein Nase funktionierte tadellos, sein Ohren nahmen in etwaiger Entfernung Schritte im Walde wahr. Helyons Lefzen flatterten, als er Luft ein- und tief wieder ausatmete. Dann sprintete er los, stumpf der Richtung folgend, woher der Duft wehte. Ihm war es egal, wen er am Ende zwischen seinen Kiefern haben würde. Hauptsache, es spürte Fleisch und Knochen brechen, etwas, das seine Wut besänftigte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der Seeker rannte durch das Unterholz und zwischen Baumstämmen hindurch. Dabei schlug er immer wieder scharfe Kurven ein, um Helyon ein wenig aus dem Konzept zu bringen. Peinlich genau achtete er darauf über all Spuren von Syleas Blut zu hinterlassen. Die Lungen brannten in seiner Brust, aber konnte nicht stehen bleiben. Bis zum Zielort waren es noch ein paar hundert Meter. Als er sich über die Schulter sah, weil er ein Knacken im Gebüsch hörte, verlor er den Tritt und blieb an einer hervorstehenden Wurzel hängen. Es war nur seinem Training zu verdanken, dass er nicht stürzte und sich das Genick brach. Das Muskelgedächtnis übernahm und der Seeker rollte sich über die Schulter ab, nur um binnen weniger Sekunden wieder auf den Füßen zu stehen und in vollem Lauf weiter vorran zu eilen.
      Zweige peitschten ihm ins Gesicht, währen der dichte Wald sich langsam ausdünnte und er das Rauschen von Wasser vernahm. Seine einzige Chance war, das der Höllenhund zu fixiert war, um den Fluss zu bemerken, der sich hinter einem Steilabhang befand. Die Strömungen waren mörderisch und sicherlich lebensgefährlich. Es würde ihn nicht umbringen, aber wenigstens so weit Fluss abwärts treiben, dass er den Jeep wieder in Gang setzen konnte. Cain hoffte, dass Helyon in seiner Raserei blind in ihn hinein preschte.
      Der Boden unter seinen Füßen wurde weich und instabil, während er sich näher an den Abhang wagte. Erde und Steine rutschten die steilen Abhang herunter in das tosende Wasser. Mit der blutigen Hand wischte er sich den Schweiß aus der Stirn und versuchte sienen Atem zu regulieren. Konzentriert horchte er in den Wald hinein und hörte ein unheilvolles Krachen ganz in der Nähe. Offenbar machte der Jäger vor nichts halt, sei es Fels oder Baum.
      "Komm schon...", murmelte Cain und fühlte eine Welle der Blutgier an sich heran prallen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nach ein paar weiteren Zusammenstößen mit kräftigen Bäumen schien es dem Höllenhund wieder ein wenig mehr Verstand einzubläuen. Mit jeder Sekunde, in der sich Heylon von seiner Sicht verabschiedete und sich mehr auf seine anderen Sinne konzentrierte, verstärkte sich seine Wahrnehmung dahingehend. Bald hatte er verstanden, dass die Spur, die man ihm legte, eine Finte war. Denn das Blut war eine kalte Spur, nicht frisch und heiß wie frisch aus einer Wunde. Als er das realisierte, wurde seine unüberlegte Hast zu einer Form der Berechnung. Langsam stieß er immer seltene an Bäume und folgte mit der Nase auf dem Boden der unsichtbaren Spur, die sich plötzlich kurz verlor. Helyon hielt inne an einem bestimmten Ort, dort, wo eine Wurzel hoch hervorstand. Genau an dieser Stelle erschnüffelte er einen anderen Geruch, einen männlichen mit einer Nuance Gold, wenn er sich festlegen sollte. Als sich der massige Schädel hob, stob Luft aus seinen Nüstern.
      Der kleine Seeker war allein unterwegs.
      Für den Moment war Helyon geneigt, umzudrehen. Einfach aus Sicherheitsgründen den Jepp zu suchen und ihn in seine Kleinteile zu zerlegen. Vielleicht hatte er Glück und er zerstörte irgendetwas darin, dass den Seeker in seine Fänge trieb als andersrum. Diesen Gedanken verwarf er schnell, als er seine Zähne bleckte und damit ein verstörendes Grinsen andeutete. Die Beute kam nie freiwillig zu ihrem Jäger.
      Doch Helyon wahrte den Schein. Wie zuvor raste er wieder los und verwandelte alles in Kleinholz, das in Reichweite kam. Bis er irgendwann eine erhöhte Feuchtigkeit in der Luft roch. Er stutzte kurz - in der Tat besaß er weniger Kenntnisse über die Umgebung als Cain. Aber sein zurückkehrender Verstand lehrte ihn die Vorsicht. Als er plötzlich keine Bäume mehr häckselte und Wind in seinem Fell spürte, hielt er abrupt an. Die Nase hoch in die Luft gereckt weiteten sich seine Augen und glühten in der sich intensivierenden Dunkelheit. Dann richtete er seinen Kopf gezielt in Cains Richtung. Er roch Wasser, hörte das Rauschen, aber konnte es nicht direkt lokalisieren.
      "Wo hast du das Mädchen versteckt?", fragte er und bewegte sich nicht von der Stelle. Er wusste nicht, wo er sich befand oder was vor ihm war. Lediglich der Wind trug Cains Geruch zu ihm und bedeutete ihm, wo sich der Mann gerade aufhielt. Nichts deutete darauf hin, dass er jemanden bei sich trug.
      "Wie hast du es geschafft, dass diese tickende Zeitbombe mit dir geht ohne dich in den Wahnsinn zu treiben? Das Ding in ihr ist alt. Nicht so alt wie ich, aber sehr reich an Wissen. Ich brauche nur dich in Stücke zu reißen und abzuwarten. Meine Sinne kommen zurück. Und falls nicht muss ich nur warten, bis sie deine Überreste suchen wird."
      Der riesige Wolf stand wie eine Statue, den Waldesrand im Rücken, die Klippe vor sich und wartete ab. So unbeweglich, als wäre er die Ruhe in Person. Aber insgehei brodelte sein Blut. Er wollte diesen Mann zwischen seinen Kiefern spüren, wie er zwischen seinen Zähnen zerrissen wurde und am Ende Anifuris mit Sylea von ganz allein zu ihm führen würde. Damit er klären konnte, warum die andere Seele seine Alpha kannte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Für leichtgläubig oder dumm hielt der Seeker seinen Verfolger keineswegs. Aber verzweifelte Situationen erforderten oft ebenso verzweifelte Maßnahmen. Ein kurzer Blick über die Schulter und Cain blickte in die rauschenden Stromschnellen, die auch jedes noch so kräftige Tier ein Weile mit sich reißen würden. Cain war bewusst, dass er sich nur ein Quäntchen Zeit erkaufte, das hoffentlich ausreichte, um Helyon für eine Weile abzuhängen. Sein Atem ging schnell vor Anstrengung.
      Lange warten, musste Cain nicht. Vor seinen Augen schälte sich die mächtige Gestalt des Höllenhundes aus der Böschung. Der Verlust seiner Sehkraft hielt den mordlüstigen Jäger nicht auf. Der Seeker erfasste die gewaltigen Kiefer, die nur darauf warteten ihn in Stücke zureißen. Blutrote Augen, zwar unfokussiert, aber dennoch mit genug Blutgier gefüllt. Ein direkter Kampf wäre Cains Ende. Er hatte nur die Chance und schwache Hoffnung, dass Helyon ihm irgendwann in die Falle ging. Ein unbedachter Schritt reichte völlig aus und der brüchige Abhang würde sich ein gutes Stückchen lösen. Cain trat einen Schritt von der Kluft zurück, auch den schwarzen Wolf zu. Der Wind und die Witterung hatten seine Position eh bereits verraten. Worauf wartest du...
      "Wo hast du das Mädchen versteckt?", dröhnten die Worte zu ihm herüber.
      "Frustriert, Helyon?", sagte Cain mit ruhiger Stimme, wobei er versuchte die Anspannung aus jeder Silbe zu vertreiben.
      Eine aufkommende Windböe wirbelte fröstelnd durch das verschwitzte Haar und seine Kleidung. Je dunkler es wurde, umso mehr fielen die Temperaturen im Waldstück und vor allem am Fluss immer weiter ab. Er konnte sich die Sorge um Sylea gerade nicht leisten. Anifuris Kraft würde die beiden am Leben halten. Die Beiden? Der Seeker schüttelte den Kopf. Vielleicht gewöhnte er sich bereits zu sehr an die stetige Anwesenheit der alten Seele.
      "Vermutlich liegt es an meinem unverwechselbaren Charme...", gab Cain spöttisch zurück und fühlte sich wie ein kleiner Junge, der mit einem Stock in ein Wespennest stieß. Eine klare Antwort würde Helyon von ihm nicht bekommen. Er wusste selbst nicht, warum Anifruis ihn noch bei Verstand ließ. Sylea und er waren frei. Und Cain war nicht in der Lage in aufzuhalten.
      Der Seeker schmälerte den Blick und nahm eine defensive Haltung ein.
      "Um mich zu zerreißen, müsstet du mich erst einmal kriegen, Fido."
      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Das schwarze Maul teilte sich in der Mitte, riss auf wie ein endloser Abgrund, gespickt mit weißen tödlichen Zähnen. Helyon lachte, was sich in seiner wahren Gestalt als unheimliches Grollen herausstellte. Der letzte Windstoß hatte ihm eine frische Note des Seekers angetragen. Er konnte seine Anspannung förmlich auf seiner Zunge schmecken. Mochte der Seeker doch so ruhig klingen, wie er es wollte - der Höllenhund wusste es besser.
      Ein paar Augenblicke später hatte sich ein Bild im Geiste des Jägers von seiner Umgebung gebildet. Er wusste, wo der Wald anfing und in welcher Richtung der junge Mann stehen musste. Langsam setzte sich der riesige Wolf in Bewegung. In aller Ruhe setzte er eine Pfote vor die andere und pirschte sich leicht geduckt an Cain an. "Ich hoffe du weißt, dass du keinen zweiten Versuch hast?"
      Wenn sich Helyon bei einem Punkt aboslut sicher war, dann dass der Mann vor ihm überhaupt keine Gefahr darstellte. Er wusste um die Schusswaffe, deren Kugeln nur müde von seinem Fell abprallten. Messer waren nicht lang genug, um ihm ernsthaften Schaden zuzufügen. Und angesichts der Umstände und des Eindruckes, die er vorhin noch von den Flüchtenden erhaschen konnte, waren sie mehr am Ende ihrer Kräfte als alles andere.
      Also hatte der Höllenhund alle Zeit der Welt. Jegliche Ruhe der Welt, um seine imposante Gestalt dem Seeker vorzuführen. Ein leises Knurren begleitete ihn, das immer lauter wurde, je näher er kam. Sein Atem bildete mittlerweile Wölkchen in der sich abkühlenden Luft. Schlussendlich war er nur noch ein paar Meter von Cian entfernt, da ging ein Ruck durch den Körper des Wesens. Helyons Muskeln trieben ihn zu einem Sprung an, der so schnell wie explosiv kam. Das Maul weit aufgerissen hechtete er direkt auf Cain zu - der Dank seines unfairen Vorteils genau sehen konnte, wann sich der Höllenhund zum Sprung bereit gemacht hatte. Und Helyon hatte die Kapazitäten eines gut trainierten Seekers etwas unterschätzt.
      Cains Beine schwebten für einen Moment genau zwischen den Zähnen Helyons, als er sich aus der Schussbahn warf. Im letzten Moment zog der Seeker die Beine an den Körper und entging so dem zuschnappenden Kiefer der Bestie um Haaresbreite. Als sich die Pfoten in den nachgiebigen Boden drückten, um dem massigen Körper Halt zu bieten, tat der Boden genau das, womit Cain gerechnet hatte. Ein ganzes Stück Abhang ging unter dem Gewicht des Höllenhundes ab und riss ihn in den Abgrund. Ein füchterliches Heulen ertönte und endete erst, als ein Platschen verriert, dass sich die Fluten Helyons angenommen hatten.
      Als dies dauerte nur wenige Sekunden. Dann hörte man nichts mehr außer das Rauschen des Flusses und des Waldes.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Was für ein glücklicher Zufall, dass ich nur einen Versuch benötige...," zischte Cain zurück.
      Leicht ging er in die Knie und sein ganzer Körper stand unter Spannung. Jederzeit bereit einem tödlichen Angriff auszuweichen, um nicht von den gewaltigen Kiefern zermalmt zu werden. Bedrohlich pirschte sich Helyon mit der eisernen Geduld eines erfahrenen Jägers heran. Jeder Schritt war mit Bedacht gesetzt, keine Bewegung überflüssig. Mit Argusaugen beobachtete der Seeker jedes noch so kleinste Zucken der bebenden Muskeln unter dem dichten, schwarzen Fell. Ein kräftiger Ruck ging durch den gesträubten Rücken, als Helyon in den Angriff überging und mit geifernden Fängen auf ihn zu preschte. Das Letzte, das Cain sah, waren zwei blutrot glühende Augenpaare und er bildete sich ein sowohl Erstaunen als auch Schock darin zu sehen.
      Mit einem Grollen löste sich ein großzüger Teil des steilen Abhanges. Der Erdrutsch erfasste den riesigen Höllenhund und riss ihn mit sich in die rasenden Stormschnellen. Cain selbst schaffte es gerade noch rechtzeitig auf festeren Untergrund und sah ungläubig auf seine Beine, die noch an einem Stück und nicht zwischen die rasiermesserscharfen Zähne geraten waren. Unter seinen Fersen bröckelten noch ein paar klägliche Steinchen in die Tiefe. Schwer atmend wagte der Seeker einen Blick in den Fluss hinab, konnte aber die große Gestalt der Bestie nicht mehr erkennen. Es war nur eine Frage der Zeit bis sich Helyon aus dem Strom befreite.
      Der Atem stockte für den Bruchteil einer Sekunde, dann begann der Seeker plötzlich aus heiterem Himmel zu lachen und fuhr sich mit beiden Händen durch das verschwitzte und vom Wind zerzauste Haar. Adrenalin rauschte durch seine Adern und eine schwindelerregende Erleichterung der Bestie fürs Erste entkommen zu sein.
      Ächzend stemmte sich Cain auf die Beine und warf einen letzten Blick über die Schulter, als rechnete er damit, dass Helyon aus dem Nichts heraus seine mächtigen Pfoten über den Rand schlug um sich heraufzuziehen.
      Kopfschüttelnd machte er sich schließlich auf den Rückweg. Das Tempo hatte er ein wenig gedrosselt, auch Cain war mittlerweile am Ende seiner Kräfte und Ausdauer. Die Muskeln protesierten trotz Training unter der ständig anwachsenden Belastung. Der Weg zurück dauerte also länger als ihm lieb war. Als der Jeep endlich in Sichtweite war, stieß er einen langen Atemzug aus, obwohl Helyon eindeutig seinen Frust an dem Wagen ausgelassen hatte. Hoffentlich bekam er den Motor wieder ans Laufen.
      Die Zeit drängte, trotzdem nahm Cain sich die Zeit und kletterte zur erst zu dem leblosen Körper auf dem Rücksitz. Sylea war besorgniserregend blass und die Polster unter ihr mit Blut getränkt. Vorsichtig lehnte sich Cain zurück gegen das gesplitterte Fenster der Tür den regungslosen Körper halb auf seinen Schoß gezogen.
      "Hey...", murmelte er und strich ihr über die blutige Wange. Sie wirkte wie tot.
      Den Anblick würde er einen Weile lang nicht vergessen.

      Eine unbestimmte Zeit später...

      Schwerfällig lehnte Cain sein Gewicht gegen die Wohnungstür, nachdem er diese umständlich geöffnet hatte. Sylea war trotz ihrer zierlichen Gestalt ein totes Gewicht in seinen Armen und durchaus schwerer als man vermuten würde. Mit dem Fuß trat er die Tür unsanft zu und blickte sich in der Wohnung um, die er das letzte Mal vor Jahren betreten hatte. Es hatte sich wirklich nichts verändert. Rechts und links von dem kleinen Flur gingen zwei Türen ab. Auf der Rechten in eine kleine Kochnische und zur linken in ein schlichtes, aber vollständig eingerichtetes Bad mit Dusche, Wanne und allem was das Herz begehrte. Am Ende des offenen Flurs eröffnete sich der Blick in ein großzügiges Wohnzimmer. Die Möbel waren sorgsam abgedeckt worden. Eine riesige Glasfront mit Schiebetür führte auf eine geräumige Dachtereasse. Vom Wohnzimmer führte eine weitere Tür ins Schlafzimmer. Cain allerdings steuerte gezielt das Bad an und setzte Sylea unzeremoniell in die Wanne. Der Atem war flach aber vorhanden.
      In den letzten Stunden war er nach Edinburgh gefahren und hatte die besagte Kontaktperson aufgesucht. Das Widersehen der alten Freunde war knapp ausgefallen, aber Cain hatte das Versprechen abgegeben in den nächsten Tagen noch einmal vorbei zu schauen. Immerhin gab es massig Papierkram und andere Formalitäten zu erleidgen, wenn sie weiterhin untertauchen wollten. Aber seine Prioritäten lagen gerade woanders. Den Jeep hatte er bei seinem Freund zurückgelassen, der sich um die Entsorgung kümmern würde. Er hatte keine Fragen beim blutigen Anblick gestellt. Eine Eigenschaft die der Seeker äußerst schätzte. Der Mann war diskret und verstand seinen Job, der sich nichts unbedingt im legalen Bereich bewegte. In der Tiefgarage parkte nun ein unauffällige, schwarze Limousine mit gefälschten Nummernschildern.
      Da es bereits mitten in der Nacht war, war ihnen auf den Fluren und im Fahrstuhl zum Glück niemand begegnet. Cain hätte kaum erklären können, wieso er eine blutende und bewusstlose Frau in seine Wohnung schleppte, die für Jahre leer gestanden hatte.
      Nachdem er Sylea ausgezogen, das Blut fortgewaschen und anschließen ein frisches T-Shirt (eines von seinen) über den Kopf gezogen hatte, trug er die Bewusstlose in das Schlafzimmer und legte sie sanft auf dem Bett ab. Er wusste nicht, wie lange Sylea brauchen würde um sie zu regenerieren oder gar aufzuwachen. Der Arm heilte bereits, aber war noch weit davon entfernt wieder in Ordnung zu sein.
      Die beiden Auren, silber und blau, waren immernoch besorgniserregend schwach.
      Cain beugte sich vor und drückte ihr einen Kuss in das feuchte Haar. Erst dann verschwand er selbst im Bad.
      Eine halbe Stunde später saß er geduscht und in einer einfachen grauen Trainingshose auf der Dachderasse und wartete. An Schlaf war nicht zudenken. Seufzend legte er den Kopf zurück und starrte in den klaren Nachthimmel. Hoffentlich konnten sie eine Weile in der Menge untergehen.
      “We all change, when you think about it.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Es war weder ein Traum noch ein Licht oder eine Empfindung. Da Sylea ohnmächtig geworden war bevor Anifuris sie praktisch umgebracht hatte, bekam das Mädchen dieses Mal den Sterbevorgang nicht mit. Stattdessen hatte das andere Bewusstsein es für sie getan und nun schwebten sie beide in einer vollkommenen Schwärze ohne Ton und Farbe. Sie beide spürten sich gegenseitig, wussten, dass der andere ebenfalls in der selben Lage war. Und doch konnten sie weder kommunizieren noch sonst sich irgendwie austauschen. Alles, was sie taten, war die Zeit, die für sie keine Bedeutung hatte, vorbeiziehen zu lassen.
      Irgendwann löste sich das Schwarz um sie herum auf. Beide Bewusstseine wurden hart in ihren Kopf zurückgeworfen, als Sylea unglaublich schwerfällig das Lider hob. Nur ein paar Millimeter, dann fielen sie bereits wieder zu. Ihr Körper fühlte sich steif an, kalt, obwohl er es schon lange nicht mehr war. Ihre Brust schmerzte mit jeder Bewegung, in der sich ihre Lunge die notwendige Luft besorgte. Ihr Körper war dermaßen im Eimer, dass ihre aufkeimende Panik nicht einmal den Hauch von Hormonen durch ihren Leib schickte. Sie kannte das Gefühl der bleiernen Schwere, so als hätte man unzählige Nächte durchgemacht und war nun am Ende seiner Kräfte. Sie wusste, dass ihr Körper gestorben war und nun langsam wieder an Funktionalität gewann.
      Die letzten Augenblicke bevor sie ohnmächtig geworden war, flackerten vor ihrem Gedächtnis auf. Mühsam zwang Sylea ihre schreienden Muskeln dazu, sich zumindest etwas zu bewegen. Gleißender Schmerz, einer sengenden Hitze gleich, flammte in ihrem linken Arm auf, der immer noch dabei war, sich zu regenerieren. Der Schmerz ließ ihre Augen endlich auffliegen, unfokussiert und trocken. Schwerfällig blinzelte sie etliche Male ehe sie eine neue, unbekannte Decke über sich ausmachen konnte. Leicht drehte sie den Kopf, um das Schlafzimmer zu überfliegen, das sie nicht kannte.
      Cains Aura ist nebenan. Sieht so aus, als wäre er entkommen.
      Syleas Gedanken waren vernebelt. Der noch immer vorherrschende Blutmangel untersagte ihr einen klaren Gedanken zu fassen. Dieser Nebel umsponn auch Anifuris, der ihr vorerst nicht erklären konnte, was genau passiert war. Aber das war egal. Hauptsache, er lebte und war noch im Besitz sämtlicher Körperteile.
      Die silberne Aura, die den Körper des Vessels umschloss, waberte wie der Nebel in ihrem Kopf. Ihr war noch immer kalt und Übelkeit suchte sie stetig heim, aber sie lebte. Lebte und wusste, dass sie scheinbar einen Teil dazu beigetragen hatte, dass der Seeker es ebenfalls tat. Hätte sie die Kraft gehabt, würden nun erleichterte Tränen über ihr Gesicht kullern. Aber selbst dazu fehlte ihr die Kraft.
      Sie brauchte einige Anläufe, bis sie ihre Stimme etwas lauter erheben konnte. Jede Silbe brannte wie Feuer in ihrer Kehle. "Cain?"
      Das war schon die größte Kraftanstrengung, die sie im Moment aufbringen konnte. Sie wusste nicht einmal ob er sie gehört hatte. Aber sie musste ihn sehen. Fühlen, hören, dass es ihm gut ging. Das war das Einzige, das gerade zählte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Ein kläglicher Silberstreif waberte am äußersten Rand seines Bewusstseins.
      Nichts deutete daraufhin, dass Sylea bald erwachen würde. Zumindest konnte Cain sie spüren und das beruhigte ihn fürs Erste.
      Sie lebte, auch wenn der Anblick ihres toten Körpers ständig vor seinem inneren Auge auftauchte. Den verletzten Arm hatte er fachmännisch verbunden, um das sauber bezogene Bett nicht wieder zu ruinieren.
      Cain glaubte an Einbildung, als er den Hauch einer dünnen Stimme vernahm. Mit gespitzten Ohren lauschte er in die ungewohnt , friedliche Stille. Hatte er seinen Namen gehört? Langsam erhob sich der Seeker, schnappte sich die Wasserflasche und ein Glas, um leise das Wohnzimmer zu durchqueren. Es wirkte beinahe komisch, als er nur den Kopf mit dem wirren, feuchten Haarschopf durch die angelehnte Tür steckte.
      Als er ihre geöffneten Augen sah ging ein Ruck durch seinen Körper. Sofort öffnete er die Tür gänzlich und eilte mit schnellen Schritten auf das Bett zu. Der Drang die geschwächte, junge Frau in seine Arme zu ziehen, war beinahe übermächtig. Er wollte das Ohr an ihre Brust drücken, um zu fühlen wie sich ihr Brustkorb unter den mühevollen Atemzügen ausdehnte. Er wollte ihrem Herzschlag lauschen, um sich zu vergewissern, dass wirklich das Leben in ihren Körper zurück gegekehrt war. Cain zügelte sich angesichts ihres Zustandes und setzte sich auf Höhe ihres Oberkörpers auf die weiche Matratze. Das Mitgebrachte stellte er auf dem kleinen Nachttisch ab.
      "Hey...", flüsterte er leise und berührte sanfte ihre Wange, ehe er ihr durch das Haar streichelte.
      "Guten Morgen, Dornröschen...Oder eher noch gute Nacht."
      Draußen vor dem Fenster war es noch stockdunkel. Das Leuchten der Stadt war die einzige Lichtquelle im Raum.
      Die goldenen Augen schimmerten verräterisch mit ungeweinten Tränen, während er sie mit einem müden Lächeln ansah.
      Nachdem er das Glas mit ein wenig Wasser gefüllt hatte, griff er ihr unter den Kopf und legte die Hand stabilisierend in ihren Nacken.
      "Hier...", murmelte er und hielt ihr den Rand des Glases an die spröden Lippen. Er war sich fast sicher, dass ihre Kehle sich trocken und schmerzend anfühlte nach der langen Auszeit.
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    • Syleas Augen waren große, gläserne Kugeln, in denen die Emotionen wie verschiedene Farben waberten, kaum hatte Cain seinen Kopf durch den Türspalt gesteckt. Am liebsten hätte sie einmal laut aufgeheult. Auch dazu fehlte ihr jegliche Kraft. Träge zuckten die Finger ihrer rechten Hand in dem traurigen Versuch, sich nach ihm auszustrecken. Jegliche Kraft wich dann vollständig aus ihrem Leib, als er ihr über Wange und Haar streichelte. Langsam senkten sich ihre Lider, sie vergaß sich in dem Moment der Erleichterung, dass alles gut ausgegangen war. Als sie das nächste Mal die Augen öffnete, sah sie in die goldenen Augen, die sie so vermisst hatte.
      Dankbar brummte Sylea für das Wasserglas, was ihrer Kehle die dringend notwenige Linderung verschaffte. Zwar konnte sich das Vessel schon wieder darüber ärgern, dass sie wie eine Schwerstverletzte Hilfe benötigte, aber hier und jetzt war jeglicher Ärger einfach nur sinnlos. Sie konnte nicht ignorieren, dass ihr Körper von den Toten wieder auferstanden war und den entstandenen Schaden erst einmal beheben musste. Dass sie überhaupt noch bei Sinnen war sollte an ein Wunder grenzen.
      "Dir geht's gut", krächzte sie und räusperte sich bevor sie einen weiteren Versuch startete, "wie sind wir Helyon losgeworden? Anifuris hat irgendwas getan." Nachdem ihre Worte geendet hatten wurde sie schmerzhaft daran erinnert, wie er etwas getan hatte. Dass ihre Haare ein ganzes Stück kürzer waren hatte sie selbstverständlich noch nicht bemerkt. Den anderen Preis dafür aber umso deutlicher. "Cain, ich bin gestorben. Warum? Was hat er getan, für das er die Hälfte unseres Blutes geopfert hat?"
      Zu diesem Zeitpunkt klang dieser Preis für das Vessel schon immens. Oh, wie wenig sie wusste. Die Preise würden nur weiter steigen in Anbetracht dessen, was in der Zukunft auf sie lauerte. Was sich am Wegesrand befand, den sie nun eingeschlagen hatten.
      "Ich bin nur so froh, dass dir nichts passiert ist", hauchte sie als ihre Lider bereits wieder zugefallen waren. "Lass mich einfach hier liegen. Das wird schon wieder..."

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    • "Um mich brauchst du dir keine Sorgen machen.", sagte Cain.
      Kopfschüttelnd streichelte er Sylea erneut durch das ungewohnt kurze Haar, während sie gequält eine Flut von Worten und Fragen hervor brachte. Cain brachte es nicht übers Herz mit den Antworten bis zum Morgengrauen zu warten und war sich ziemlich sicher, dass die junge Rubra sowieso keine Ruhe geben würde, bis sie die geforderten Informationen von ihm bekam. Außerdem war es eine Wohltat endlich wieder ihre Stimme zu hören. Beruhigend streckte der Seeker seinen eigenen, goldenen Schimmer zu ihr aus. Nicht zu viel um den geschwächten Silberstreift ihrer Aura nicht zu zerdrücken. Die Aura fühlte sich instabil und formlos an.
      "Wir dürfte eine Weile Ruhe vor Helyon haben.", antwortete Cain und erhob sich aus seiner gebeugten Position. Es dauerte nur einen Moment, da hatte er das Bett umrundet und ließ sich neben ihr nieder. Seufzend stopfte er sich ein Kissen in den Rücken und warnte sie kurz vor, ehe er Sylea vorsichtig an seine Seite zog. Eine tonnenschwere Last fiel von seinen Schultern, ab als er ihren Kopf auf seiner Brust spürte und den warmen Atem, der über seine Haut strich. Auf ein T-Shirt hatte er nach der Dusche verzichtet.
      "Anifuris hat Helyon mit einer Blutrune für einen begrenzten Zeitraum das Augenlicht genommen.", begann er und fuhr mit den Fingern sanft und in Gedanken versunken durch ihr Haar.
      "Als ich euch endlich eingeholt hatte, war der Schaden bereits angerichtet. Da war so viel Blut, ich hätte beinahe einen Herzinfakt bekommen. Helyon hat vor Wut getobt und alles Umstehende zu Kleinholz verarbeitet. Ich gebe es nur ungerne zu, aber ohne Anifuris hätte ich genauso gut anfangen können unsere Gräber zu schaufeln. Nachdem du das Bewusstsein verloren hattest, habe ich dich über die Schulter geworfen und bin gerannt."
      Cain senkte das Kinn, bis es auf ihrem Scheitel ruhte und schloss die Augen.
      "Mir ist nichts Besseres eingefallen, als dich im Jeep zu verstecken und Helyon mit einer falschen Blutspur von dir wegzulocken. Überraschenderweise ist unser zweifelhafter Freund darauf hereingefallen. Es war reines Glück, dass er den Köder überhaupt geschluckt hat. Ich habe ihn zu dem Fluss gelockt, als er mich Angriff ist der Steilabhang, auf dem ich stand, gebrochen und hat den Höllenhund in die Tiefe gerissen. Die Stromschnellen dürften ihn ein ganzes Stück mitgerissen habe, aber ich bezweifle, dass er davon Schaden genommen hat."
      Müdigkeit schlug sich auf sein Bewusstsein nieder, während er sich selbst und Sylea in seine Aura hüllte, wie in eine unsichtbare Decke.
      Jetzt, wo er sicher sein konnte, dass sie sich wirklich erholte, ließ er die nagende Erschöpfung zu.
      "Noch etwas...", murmelte er und lächelte leicht. "Du wirst dich wohl mit einer Kurzhaarfrisur arrangieren müssen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Syleas geschundener Körper erschauderte, als Cains Aura ihre eigene befühlte. Ein müdes Lächeln erschien auf ihren blassen Lippen bei der Vorstellung, dass sie nun vertauschte Rollen innehatten. Es war eine warme Welle, wie eine unsichtbare warme Hand, die über eiskalte Haut strich und dabei heiße Spuren hinterließ.
      Als er sie dann an seine nackte Brust zog, konnte sie ein zufriedenes Seufzen nicht länger verstecken. Seine Haut brannte förmlich unter ihrem unterkühlten Körper, der sich nach Wärme jeglicher Art verzehrte. Mit der ihr größtmöglichsten Kraftanstrengung brachte sie ihre Hand neben sich auf den Oberkörper des Seekers, wo sie wie ein Eiswürfel in der Sonne förmlich zu schmelzen begann. Seine Worte vibrierten durch ihren Schädel, als er sein Kinn auf Syleas Scheitel gebettet hatte, und schienen eine noch tiefere Wirkung als üblich zu erzielen.
      "Ich war noch präsent, als Helyon mich angegriffen hat. Ich hing zwischen seinen Zähnen als ich mich geweigert hab, Anifuris die Kontrolle zu geben. Dann hat er zugebissen und dann... war ich weg." Sie erschauderte bei der Erinnerung an das Gefühl und die Geräusche, die ihr Arm zwischen Helyons Zähnen gemacht hatte.
      Weiter und weiter entspannte sich der Körper der Rubra, eingehüllt in einem warmen, goldenen Schimmer, unter ihr der Herzschlag des jungen Mannes. Vergaß man den Fakt, dass sie gestorben war und ihre Situation allgemein verdammt brenzlig gewesen war, dann könnte man das Bild als beinahe harmonisch beschreiben, das die Beiden abgaben. Wäre da nicht der zerfetzte Arm des Mädchens, dass das Bild etwas ruinierte. Ob sie wollte oder nicht - seine Erschöpfung ging auf sie über und umgekehrt.
      "Haare?... Hat er mir die ausgerissen oder was?", fragte Sylea träge und brauchte ein paar Sekunden ehe sie die Verbindung herstellte. "Oh. Darüber müssen wir auch noch sprechen... Diese Runen sind etwas, das nur Rubra scheinbar nutzen können... Wenn der Preis für unsere Flucht mein Haar war, dann sei's drum...." In diesem Moment stellte Sylea nicht die entscheidene Frage. Zu kaputt, zu erschöpft waren sie beide von ihrer Flucht und konnten hier das erste Mal wirklich Ruhe suchen, die dringend nötig war.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Eine Welle heißer Wut überflutete Cain, als er daran dachte, welche Schmerzen Helyon ihr zugefügt hatte.
      Die Tatsache, dass Sylea zu diesem Zeitpunkt noch bei Bewusstsein gewesen war, milderte den wütenden Rausch nicht. Unter seinen Händen fühlte sich der Körper besorgniserregend kalt an. Die Berührung auf seiner nackten Haut war eisig aber ein Preis den er zugerne dafür zahlte, sie wieder in die Arme schließen zu können.
      "Wir können morgen über alles sprechen. Wir brauchen beide Schlaf und dieses Mal mehr als zwei Stunden", flüsterte er.
      Der dringend benötigte Schlaf streckte breits seine Fühler nach ihm aus. Zart nahm er die eiskalte Hand in seine und führte ihre Fingerspitzen an seine Lippen. Erst ein zarter Kuss, dann hauchte er seinen warmen Atem gegen ihre Finger.
      "Frierst du?", fragte er ehrlich besorgt und zwang sich die Augen zu öffnen. Er genoss das Bild, dass sich vor ihm erstreckte. Sylea an seiner Seite und nach Wärme suchend an ihn geschmiegt. Wäre nicht die unnatürliche Blässe und der schwer bandagierte Arm. Wie kam es eigentlich, dass sich ständig einer von ihnen verletzte oder in Lebensgefahr schwebte?
      "Ich kann noch eine Decke besorgen, wenn du möchtest."
      Mit einem schwachen Lächeln drückte er ihre kühle Hand kurz an seine Wange, ehe er sie zurück auf seine Brust legte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Eine Decke holen bedeutet, dass du gehst. Ich möchte nicht, dass du gehst."
      Syleas Worte waren so schwach geflüstert, dass sie drohten im kleinsten anderen Geräusch zu ertrinken. Aber Cain hatte sie gehört und verweilte an Ort und Stelle bis sie beide dem Schlaf zum Opfer fielen.

      Nach Stunden öffneten sich Syleas Augen. Sie lag noch immer an Cains Brust, der ruhig und gleichmäßig atmete. Das Mädchen schwieg, als sie ihre Hand zur Faust ballte, um sie anschließend wieder zu öffnen. Wortlos entzog sie sich dem Seeker ohne ihn aus seinem tiefen und verdienten Schlaf zu reißen. Durch die Tür fiel schon das erste Licht des anbrechenden Morgen, auf das sich besockte Füße zu bewegten. Sylea warf einen Blick zurück zu dem Mann, der sie hierher gebracht hatte. Dann schob sie sich leise aus dem Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich an.
      Wie ferngesteuert ging das Vessel auf das Panoramafenster zu, durch das das Licht in die Wohnung fiel. Ihr verletzter Arm hing schlaff an ihrem Körper hinab, eigentlich sollten ihre leicht wackeligen Beine noch nicht in der Lage sein, ihr Gewicht zu tragen. Aber der Geist, der den Körper steuerte, war stärker. Zwang ihn dazu, sich seinem Willen zu beugen. Und dieser Wille befahl ihm, die Schiebetür zu öffnen und auf die Dachterasse zu treten. Ein kalter Windzug umspülte den zittrigen Körper als sich das Vessel wortlos umsah. Als müsse sie erstmal registrieren, wo genau sie war.
      Ihre Augen verengten sich minimal, als sie ihren Blick schweifen ließ. Winzige, nachtblaue Impulse gingen von ihrem Körper aus und zeigten ihr, wie voller Leben die Stadt zu ihren Füßen war. Wie viele Auren mit ihrem Impuls resonierten und in kürzester Zeit verrieten, wer sie waren oder was sie taten. Ein tiefer Atemzug kühler Luft strömte in Syleas Brustkorb, als sich ihre klammen Finger an die Reling des Schutzzaunes legte.
      Es war lange her, dass Anifuris eine pulsierende Stadt zu seinen Füßen hatte.
      Nach einigen Minuten kehrte Anifuris der Aussicht den Rücken und ging zurück in die Wohnung. Sorgfältig schloss er die Tür nach draußen und machte sich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer. Dort begab er sich nicht in die gleiche Position zurück, sondern legte sich auf die andere Seite des Seekers damit er nicht direkt durch die Berührung aufschreckte. Dann gab das alte Bewusstsein seine Kontrolle auf und ließ den Körper des Vessels wieder in den Schlaf sinken, bis Sylea wieder aufwachte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Früh am nächsten Morgen blinzelte Cain verschlafen den ersten Sonnenstrahlen des Tages entgegen.
      Das Licht zwängte sich durch den kleinsten Spalt und auch durch die schmale Lücken zwischen den Vorhängen am Fenster. Ein unverständliches Brummen erklang tief in seinem Brustkorb, als er die Hand hob und sich über die Augen rieb. Für seinen Geschmack war es noch viel zu früh, dabei hatte er noch keinen Blick auf die Uhr geworfen. Sein Körper fühlte sich schwer an und die Erschöpfung war noch nicht gänzlich aus seinen Knochen verschwunden. Jedenfalls war das Bett viel zu bequem, um bereits ans Aufstehen zu denken. Dazu kam noch der wärmende Körper, der sich an seine Seite schmiegte.
      Träge wanderte sein Blick zu dem braunen Haarschopf auf seine Brust. Zärtlich schob er ein paar verirrte Strähnen aus Syleas Stirn und betrachtete das friedlich schlafende Gesicht. Einen Augenblick lang zog er die Stirn kraus und blickte sich um. Hatte die junge Frau nicht gestern noch auf der anderen Seite neben ihm gelegen? Der Seeker schaute auf die zerwühlte Stelle neben sich. Eindeutig hatte dort jemand in der Nacht gelegen, die Decke war zurückgeschlagen und das Laken leicht zerknittert. Scheinbar hatte Anifuris sich bereits auf Entdeckungstour begeben. Cain erinnerte sich daran, wie das Bewusstsein bereits einmal im Schlaf die Kontrolle über den Körper übernommen hatte. Ein Gedanke der ihn gleichsam beunruhigte wie auch zuversichtlich stimmte. Letzters resultierte wohl eher aus dem Schluss, dass Syleas Körper sich bereits gut erholte. Der Seeker würde ein Wörtchen mit der alten Seele wechseln müssen, aber vorerst traute er dem zerbrechlichen Frieden.
      Vorsichtig streckte er sich etwas, bedacht darauf das Mädchen in seinem Armen nicht zu früh zu wecken. Streichelnd bewegten sich seine Fingerspitzen wiederholt über den Schwung ihrer Wirbelsäule tief hinab bis knapp über ihrem Steißbein und wieder herauf.
      Cain erlaubte sich in einen seichten Dämmerschlaf zurückzufallen und vergrub das Gesicht dabei an ihrem Scheitel.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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