spellbound. (earinor & akira)

    • Nicht der erste Wolf wäre er, der in den Fängen eines Lammes sein Ende fand und definitiv auch nicht der Letzte, der naiv genug war und sich davon überzeugen ließ, er wäre für die "gehobenen" Menschen mehr als ein einfaches Tier, das nur existierte, damit es ihnen Freude bereitete. Jetzt, wo er hier alleine saß, seine Gedanken aushalten musste und der Sessel nicht gerade der Bequemste war, war Nayantai derjenige, der sich fragte, wie viel er noch vergessen und verdrängt hatte, was dazu geführt hatte, dass man ihn schlussendlich ausgepeitscht hatte, doch bevor er zu sehr darüber nachdenken konnte, war es ein Schauer und kalter Schweiß, der seinen Rücken hinunter träufelte, als würde ihm sein eigener Kopf sagen, dass er das nicht wissen wollte - dass es keinerlei Grund dazu gab, sich auch nur für einen Moment mit diesen Lappalien aus seiner Vergangenheit zu beschäftigen und dass er die Finger von ihr lassen sollte, wenn er es konnte. Aber womit sollte er sich sonst auch beschäftigen? Mit sich selbst? Oder mit einem Buch, das unauffindbar war? Vielleicht aber auch mit der Aussicht, die er auf den glänzenden Schnee hatte und der Freiheit, die man ihm geraubt hatte. Das letzte Mal, als er den Schnee wirklich gesehen hatte, war er - gleich wie seine eigene Gestalt - in das Blut seiner Feinde gehüllt, hatte sich mühsam auf den Beinen gehalten und hatte sich, zusammen mit seinen Waffenbrüdern, wieder zu seiner Siedlung geschleppt, nachdem sie ihre Wunden grob versorgt hatten. Hier war dem allerdings nicht so - man umsorgte ihn, weil Rain es so wollte. Nayantai glaubte, er würde unfreundlich wirken, behauptete er, er wollte nicht so behandelt werden, sprach es nicht aus und traute sich nicht einmal, nach Handschuhe zu fragen, damit er seine vernarbten Hände verstecken konnte. Selbst sein Essen servierte man ihm, als wäre er krank und konnte sich nicht bewegen, müsste erst wieder zu Kräften kommen, damit er leben konnte - aber auch dem war nicht so. Wohin nur mit ihm?

      Sara war es, die ihm schlussendlich zu essen brachte - nicht, das es schlecht aussah, aber es war erneut etwas, das der Wolf nicht identifizieren konnte, das man ihm noch nie vorgesetzt hatte und es schmeckte ungefähr so gut, als würde er in Gras beißen. Wählerisch wollte er dennoch nicht sein, begann aber, eher lustlos auf dem faden Fleisch herumzukauen, nachdem er es sich in kleiner Stücke geschnitten hatte - wieso waren Schafe auch so kompliziert? Sich zu beklagen und darüber aufzuregen, wie das Essen schmeckte, war allerdings nicht seine Art, weswegen er schließlich einen Teil davon herunterwürgte und überlegte, ob es Sinn machte, würde er versuchen sich zu strecken und seine schlaffen Muskeln anzustrengen - aber für wen und warum eigentlich? Verbrachte er schon den Rest seines Lebens hier, in diesem neu gefundenen Gefängnis, dann würde ihm das nicht auch nur ein Stück helfen. Der Wolf murrte, stand auf und wanderte zu dem Spiegel, den er seit ein paar Tagen beliebäugelte. Knöpfe an seinem Hemd - Hindernisse, waren irgendwann wieder überwunden und das Hemd fiel zu Boden, während der Wolf begann, sich die Haare wieder hochzubinden. Verband, der im Weg war, schien nichts Neues zu sein, doch selbst der Spiegel offenbarte ihm nicht mehr, als er ohnehin schon wusste: Abgemagert und verletzt, mehr als das war er nicht. Was würde er nur mit sich selbst anstellen? Vermutlich das Essen der Schafe in sich hineinstopfen, hoffen, dass er irgendeine Beschäftigung fand, wie zumindest die Holzscheite dieser verdammten Schafe zu hacken und zu hoffen, dass er sich bis in den Frühling zumindest wieder einigermaßen erholt hatte. Bevor er sich jedoch wieder anziehen konnte, oder fertig essen wollte, klopfte es. "Ja?", ließ er verlauten und hob das Hemd auf, begab sich zurück zu dem Sessel und fing an, die letzten Reste seines Essens in seinen Mund zu stopfen und herunterzuschlucken, bevor er dabei erwischt wurde. Ob er an Rain appellieren konnte, damit er zumindest einmal die Küche benutzen durfte?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Als ein Ja von der anderen Seite der Tür ertönte, öffnete Rain diese langsam und blieb anschließend im Türrahmen stehen. Auch sein Kopf fand den Weg dort hin, lehnte sich an das Holz, er war müde. "Tut mir Leid, ich war den ganzen Tag beschäftigt...", fing er an und fragte sich, was der Wolf den Tag über wohl so gemacht hatte. Er hatte nicht viel das er tun konnte, Rain hoffte, ihm wurde nicht zu langweilig so alleine und er hoffte auch, alle möglichen Gedanken die er eigentlich gar nicht haben wollte, konnten ihn so einholen. Die Befürchtung die Rain gestern Abend gehabt hatte, dass das was sie getan hatten ein komisches Gefühl hinterließ und es schwerer machte, mit dem Fremden Wolf umzugehen, bestätigte sich etwas verzögert jetzt. Rain stand unschlüssig im Türrahmen und wusste nicht recht, was er nun sagen, oder tun sollte. Vermutlich war es besser, er kehrte in sein Zimmer zurück, aß etwas und legte sich dann hin, nachdem er sich so kurz nach Ende des Fiebers womöglich ein wenig übernommen hatte.

      "Du kannst dich wieder frei im Haus bewegen.", teilte er dem Wolf ebenfalls mit, auch wenn er die Situation nicht auf die beste Art gelöst hatte. "Du musst nicht den ganzen Tag in deinem Zimmer bleiben." Wenn Rain schon in diesem Haus wahnsinnig wurde, bestätigt dadurch, dass er mit einem Wolf verkehrte, wie wahnsinnig würde der Wolf dann erst in einem kleinen Zimmer werden? Vermutlich auch wahnsinnig genug um sic so an das Lamm zu klammern, wie das Lamm es bei ihm tat. "Ich...mh... brauchst du irgendetwas?", fragte Rain, weil ihm nichts besseres einfiel und weil der Wolf womöglich tatsächlich etwas wollte, oder brauchte, das in diesem kleinen Zimmer nicht zu finden war.
    • Wie erwartet war es lediglich Rain, welchen er dumpf durch die schwere Tür vernommen hatte und der sich nun seinen Weg in das Zimmer - den Käfig des Wolfes - zu bahnen schien. Der Tag, den er hauptsächlich alleine und mit Trivialitäten verbracht hatte, hatte für ihn nichts ergeben - alle Erinnerungen, die hoch quollen und seine Laune auf einen erneuten Tiefpunkt bringen würden hatte Nayantai heruntergewürgt, wohlwissend, dass er sich damit selbst in sein Fleisch schnitt. Ein Wolf, das war er nicht mehr - auch, wenn er nichts davon abstreiten könnte, konfrontierte man ihn erst damit. Ihr Kronprinz, vermutlich der Einzige von ihnen, der nicht jede Sekunde seines verbliebenen Lebens damit rechnen musste, dass ein weiterer, vergifteter Pfeil in seinem Rücken der letzte sein könnte - aber auch das hatte ihn noch nie aufgehalten. Ob sie deswegen als Bestien beschrieben wurden? Verteufelt und verflucht, die Ausgeburten der Hölle, unmenschliche Wesen, die nicht anders konnten als sich in das Fleisch der Menschen zu hüllen, deren Blut und Eingeweide vermutlich pechschwarz und verkohlt sein mussten, weil sie die Kinder von Hexen und Dämonen waren, die allesamt einen Pakt mit dem Teufel höchstpersönlich eingegangen waren, ihr einst reines Sein aufgaben - waren Wölfe für Schafe denn mehr? Schafe waren verblendet, von sich selbst überzeugt und eitel, habgierig und gefräßig - sie nahmen sich, was sie wollten und taten dafür, was sie mussten - waren sie nicht allesamt Heuchler, die der Meinung war, sie taten das Richtige, weil ein Mann - der auf einem Thron saß, umgeben von Gold und Reichtum - dem Größenwahn verfiel?

      "Ich ... kann was?", fragte der Wolf etwas verwirrt. Wieso wollte man ihm solche Freiheiten auch schenken und dann noch mit Worten, die er teilweise gar nicht kannte? Rain war ein komisches Schaf, aber noch viel komischer an ihm war, dass er seine Hand vermutlich auch für einen Hand ins Feuer legen würde, käme es dazu. Nayantai schüttelte den Kopf. "Wieso? Und warum bleibst du da stehen? Bist du schon wieder müde?" Dabei war es doch Rain, der ausgerechnet noch vor wenigen Stunden behauptet hatte, die beiden mussten keinen Winterschlaf halten, dass sie mehr schliefen als sie wach waren und dass es ihnen vermutlich nicht gut täte. Der Wolf stand auf, wanderte zur Tür, an der Rains stand und blieb vor diesem stehen, machte keinerlei Anstalten, sich über die Türschwelle oder gar an dem Schaf vorbei zu bewegen. "Ich kann mein Buch nicht finden und ... na ja. Handschuhe? Ich glaube aber kaum, dass ich es aushalten würde, sie hier zu tragen, wenn das Feuer im Kamin durchgehend brennt. Vielleicht will ich auch einfach nur nach draußen."
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    • "Du kannst dich umsehen, hier im Haus.", wiederholte Rain noch einmal, nachdem Nayantai es entweder nicht verstanden hatte, oder es nicht glauben konnte. "Wieso? Weil... hm... ich will dich nicht in dieses Zimmer sperren, das würde ich selbst ja nicht einmal aushalten." Rain musterte den Wolf, der auf einmal so viele Fragen auf einmal stellte, die Rain gar nicht so schnell beantworten konnte. Womöglich hatte der Wolf die Gesellschaft den Tag über vermisst, aber das war nur Spekulation. "Ja, ich... es war ein langer Tag. Also ja, ich bin ein wenig müde.", murmelte er, wollte aber auch noch nicht schlafen gehen. Es war noch hell draußen, auch wenn es das nicht mehr lange sein würde, im Winter waren die Tage hier sehr kurz, die Sonne verschwand schnell hinter den Bergen. Wenn überhaupt sollte Rain erst einmal etwas essen, bevor er sich hinlegte.

      Der Wolf kam auf ihn zu, blieb vor ihm stehen und Rain sah zu dem Mann auf, der so viel auf einmal von sich gab und Rain etwas verwirrt zurück ließ. "Buch? Feuer? Draußen...?", wiederholte er und schüttelte den Kopf. "Nicht so schnell. Du suchst dein Buch? Vielleicht ist es ja in meinem Zimmer, oder im Arbeitszimmer...? Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich es zum letzten Mal gesehen habe." Vielleicht hatte Nayantai es ja mit zu Rain genommen, wenn er schon bei ihm saß und Rain nur geschlafen hatte, dann wollte er vielleicht eine Beschäftigung haben. "Und das... Feuer... stört dich? Ist dir zu warm? Du musst es nicht anlassen, aber... naja. Im Rest des Anwesens ist es kühler." Was Rain eigentlich im Begriff war zu sagen, war, dass er wohl nicht mehr so lange in diesem Zimmer bleiben konnte wie zuvor, schlicht, weil er nicht schon wieder krank werden wollte. Nun widmete er sich dem letzten Wort, das er noch irgendwie verstanden hatte. "Draußen... du willst ganz nach draußen? In den Garten? Ich... schätze das können wir machen, also du, ich... bleibe drinnen. Ich glaube deine Kleidung liegt irgendwo in meinem Schrank, die wirst du wohl brauchen?"
    • Wieso würde ein Schaf, das noch bei Sinnen war, einem Gefangenen solche Freiheiten gewähren? Sich diese Frage zu stellen, war vermutlich nur normal - gleich, wie seine Reaktion darauf Unbehagen war. Was, wenn er sich verlief oder jemandem in die Quere kam, der doch nicht so gut von ihm dachte, wie Rain es tat? "Ich ... vielleicht ... vielleicht ist das keine gute Idee", entgegnete der Wolf und machte einen Rückzieher. Nein, würde er einfach so durch die Gegend wandern können, in diesem Steinhaus, das er nicht einmal in und auswendig kannte, was würde er nur tun? Mehr Freiheiten hätte er, die Beine könnte er sich zumindest vertreten, aber was dann? Vielleicht in einem Gang erschlagen werden, oder endlich seine Angst vor unmöglichen Szenarien überwinden, nur weil ihn die Zeit in seiner Gefangenschaft einigermaßen paranoid gemacht hatte. "Sollte ich nicht ... hier bleiben? In diesem ... Zimmer?", seufzte der Wolf, der nur entfernt mitbekam, dass Rain vermutlich viel mehr getan hatte, als den Tag in Langeweile und gänzlich allein zu verbringen. Nayantai schüttelte den Kopf, war nicht wirklich überzeugt davon, dass es richtig war, ihm einfach so Freiheiten zu lassen. "Wieso legst du dich dann nicht einfach hin? ... wobei, nein, du hast tagelang geschlafen." Böse Zungen erzählten sich vermutlich schon, dass der Wolf ihren Fürsten verzaubert hatte und ihm die Kraft stahl, seine Augen offen zu halten und eben das war etwas, das sich auch Nayantai nicht nachreden lassen wollte, als er nach Rain's Hand griff, ihn in den Raum - in seine Arme - zog und die Tür hinter ihnen schloss.

      "Ich habe keine Ahnung, wo es ist - eigentlich sollte es noch hier sein", murrte der Wolf, der schlecht zugeben konnte, dass er den halben Tag nach dem Buch gesucht und den Rest des Tages Löcher in die Luft gestarrt hatte. Wenn er allerdings allein darüber nachdachte, dass er derjenige war, der nun freiwillig ein Schaf in seine müden Arme schloss und es eigentlich gar nicht mehr gehen lassen wollte, wusste er nicht, ob ihm dabei schlecht werden sollte oder ob es einfach Zeit war, zu akzeptieren, dass es Nayantai nicht mehr gab. Durfte er sich überhaupt noch einen Prinzen nennen? "Mh, es stört mich nicht, nein. Es ist eher so, dass ich normalerweise ... Handschuhe trage? Das wäre dann etwas zu warm." Bereits offenbarte Wunden brauchte er nicht mehr zu verstecken, das war ihm klar und doch fühlte es sich ungewohnt an, sich selbst darüber immer im Klaren zu sein, was mit seinem Körper eigentlich falsch war, wenn er sich unabsichtlich selbst an einer vernarbten Stelle berührte. "Willst du nicht nach draußen? Frische Luft würde dir gut tun, auch, wenn du erst krank warst. Ich glaube nicht, dass es heute zu kalt ist, dass du dir wieder etwas einfangen könntest." Die Augen des Wolfes leuchteten wie die eines Kindes, das gerade ein Spielzeug von seinen Eltern geschenkt bekam - aber warum freute er sich über falsche, temporäre Freiheit? "Mh, ich meine, ich glaube eher, dass du sie anziehen solltest ... außerdem", er deutete auf den Verband an seiner Seite. "Brauche ich den überhaupt noch?"
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    • "Keine gute Idee?", fragte Rain verwundert, hatte gedacht, der Wolf würde sich bestimmt freuen, nicht in dieses Zimmer eingepfercht zu werden, aber vielleicht war es zu viel des Guten und der Wolf, wollte sich nicht in falscher Freiheit frönen, die ihm nicht gehörte, zumindest noch nicht. Rain hatte ehrlich vor, den Wolf im Frühjahr gehen zu lassen und würde ihn vermutlich auch jetzt aufbrechen lassen, wenn er geglaubt hätte, dass er es über die verschneiten Berge schaffte, ohne die Pfade zu kennen, aber so ausgehungert und verletzt wie er war, sollte er sich vermutlich noch ausruhen. Wenn Rain ihn einmal gehen ließ, dann konnte der Wolf schwer hier her zurück kommen, es war für Rain nicht möglich, ihn noch einmal einzuladen und so zu behandeln, wie er es jetzt tat. Dass der Wolf nicht glauben wollte, dass er eines Tages hier weg konnte, dass Rain ihn tatsächlich gehen lassen würde, das konnte er verstehen, womöglich wollte er deshalb gar nicht an der frischen Luft schnuppern, oder zumindest das Haus erkunden, wenn es doch nur falsche Hoffnungen sein konnten. "Du musst das Zimmer nicht verlassen, wenn du es nicht willst. Aber zumindest könntest du mich begleiten, auch wenn ich arbeiten muss. Dann siehst du zumindest mal etwas anderes, als diese vier Wände." Obwohl es vielleicht keine so gute Idee war, den Wolf ständig an seiner Seite zu haben, auch wenn der Gedanke grundsätzlich ein schöner war.

      Als Nayantai Rain mit einem Ruck in den Raum und in seine Arme beförderte, war Rain überrascht, der eigentlich mit den Gedanken noch woanders gewesen war. Er hörte wie die Tür geschlossen wurde und als wäre er nun an einem gänzlich anderen Ort, entspannte er sich ein wenig und legte seinen Kopf an die breite Brust vor sich. Er hob langsam seine Arme, legte sie etwas zögerlich um den großen Körper, der ihn um mehr als nur einen Kopf überragte. "Weißt du... selbst, wenn du kein Wolf wärst, bin ich mir nicht sicher, ob ich mich nach so kurzer Zeit wohl in deinen Armen fühlen sollte...", murmelte Rain, der das Gefühl hatte, als würde ihm diese Umarmung nach einem anstrengenden Tag Kraft geben und ihn wieder aufbauen. Es stimmte, war es denn normal sich jemandem so schnell zu öffnen und sich auf denjenigen sogar schon zu verlassen? Vermutlich nicht, selbst wenn Nayantai jemand anderes wäre.

      Er hätte das vielleicht nicht laut sagen sollen, konzentrierte sich lieber auf das Buch, das Nayantai scheinbar gerne zurück hätte. Gestohlen wird es wohl kaum jemand haben, das konnte sich Rain nicht vorstellen, niemand hatte einen Grund dafür und so weit er wusste, war Sara die Einzige gewesen, die dieses Zimmer betreten hatte. Sie hätte es ganz bestimmt nicht genommen.
      "Wir können ja gemeinsam ein wenig nach dem Buch suchen.", schlug Rain vor und schloss die Augen, auch mit Nayantais zweiter Ausführung, konnte er nicht weiterhelfen. "Handschuhe. Das sagst du nun schon wieder, ich weiß nicht was das ist...", entschuldigte Rain sich und hob seinen Kopf, damit er einen Blick auf Nayantai erhaschen konnte. "Ich ähm... ich kann nicht raus.", murmelte Rain. natürlich konnte er, aber seit er ein Kind war, wurde ihm immer eingebläut, dass da draußen nur der Tod auf ihn wartete und es war hierbei egal, ob er tatsächlich sterben würde, oder nicht, oder was die Logik ihm sagte, er hatte noch nie einen Fuß über die Türschwelle gesetzt und er hatte Angst davor es zu tun, Angst davor, am Ende wirklich einfach an Ort und Stelle tot umzufallen. Jedoch sah Nayantai so glücklich aus, allein bei dem Gedanken, er könnte womöglich hinaus können, dass Rain einfach lächeln musste. "Du brauchst mich nicht um frische Luft zu schnappen, ich schaue vom Fenster aus zu, wenn du möchtest." Nayantais Kleidung würde Rain auch nicht helfen, er war wohl dazu verdammt bis an sein Lebensende hier drin zu bleiben. Es war tiefster Winter, eine offene Tür hatte ihn über eine Woche ans Bett gefesselt und nicht einmal im Sommer hatte er das Haus je verlassen, nein, er konnte nicht. Rain folgte eher dem Deuten des Wolfes, auf den Verband, um den sich wohl die letzte Woche auch niemand gekümmert hatte, weil ohne Rain, wohl keiner da war, der sich irgendwie verantwortlich fühlte. "Mh... ich begleite dich zu meinem Arzt. Vielleicht können die Nähte schon gezogen werden, er wird sich das für dich ansehen."

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    • Einander mit unverständlichen Fragen zu überhäufen war ein Talent das sie beide besaßen - dachten nicht nach, bevor sie den Mund öffneten und einfach sagten, was ihnen in den Sinn kam, weil der Andere einen sowieso nicht verstehen würde, zumindest im Moment noch nicht. "Nein ... ich ... ich habe ... ich ... warum ist diese verdammte Sprache so schwer?", brummte der Wolf, der eigentlich gar nicht das vermitteln wollte, was er schlussendlich gesagt hatte - glaubte er zumindest, oder redete er sich das auch nur ein? "Ist ... ist das wirklich in Ordnung?" Nayantai wusste, dass er bei der ein oder anderen Person - durch seine bloße Existenz - für Unmut gesorgt hatte und wohl nicht von jedem mit offenen Armen empfangen wurde, es sei denn, diese Person war Rain. "Dich ... begleiten?" Das hörte sich eher weniger danach an, als würde Rain ihn nach draußen - in die Natur - schleifen und ihn mit auf die Jagd nehmen, oder ihm den Weg zurück nach Thria zeigen, sondern eher so, als würde der wilde Wolf wirklich zu seinem Schoßhund mutieren, der alles tat, was sein Besitzer von ihm verlangte. Wie tief war er eigentlich gesunken? So tief, dass er sich nach der Nähe zu einem Schaf - seinem Schaf - sehnte, ihn in seine Arme schloss und es sich selbst nicht eingestehen wollte, dass er das hier nicht sollte, dass er doch etwas für Rain empfand, das bereits angefangen hatte, zu keimen, bevor er es überhaupt bemerkt hatte. Hoffnungslos verloren hatte sich der Wolf schon davor gefühlt, allerdings wurde es dadurch nicht unbedingt besser. "Hm?", fragte er lediglich, verstand nicht ganz und legte den Kopf schief, als er zu Rain herabsah. Die Distanz, die es zwischen den beiden nicht mehr gab, ließ ihn erst realisieren, wie klein das Lamm im Vergleich zu ihm doch eigentlich war.

      Beschämt kratzte sich der Wolf am Hinterkopf. "Ich habe den halben Tag damit verbracht, mein Zimmer zu durchforsten - hier ist es schonmal nicht", gestand er dem Schaf etwas verbittert. Der einzige Ort, an dem er nicht nachgesehen hatte, war sein Bett gewesen, aber die Wahrscheinlichkeit, er wäre damit in seinen Händen eingeschlafen war gering. Gleich wenig, wie es wahrscheinlich war, das sich jemand die Mühe gebracht hatte um ihm das Buch zu stehlen, das sowieso keiner von ihnen hätte lesen können. "Ah ... ich, wie erkläre ich das?" Er hielt die Hand, die er ohnehin schon von Rain genommen hatte, über dessen Kopf und deutete auf eben jene. "Etwas das ich ... anziehen kann?", versuchte es der Wolf zu beschreiben, aber eigentlich glaubte er nicht, dass auch das wirklich Sinn ergeben würde - also gab er einfach auf, widmete sich den nächsten Worten, die man an ihn richtete und fragte sich, wie lange er eigentlich noch damit leben sollte, dass er nicht verstand, nie verstehen würde und auch noch nie verstanden hatte, was das Schaf eigentlich von ihm wollte? "Du ... kannst nicht?", bemerkte der Wolf etwas verwundert. Hieß das, dass Rain auch gar nicht wusste, wie sich Schnee anfühlte oder aber erst Gras? Verbrachte er wirklich sein ganzes Leben in diesem steinernen Käfig, der so trist und trostlos auf den Wolf wirkte? Wie hatte er seinen Verstand noch nicht verloren? "Das muss doch langweilig sein, wenn du mir nur zusiehst", raunte er und schloss die Hände wieder um Rain, überlegte sich, wie er nicht alleine nach draußen gehen müsste und doch fiel ihm nichts ein, weswegen er lediglich anfing, dem Blonden durch die Haare zu fahren. "Mhm", entgegnete er nur, machte aber keinerlei Anstand, sich in die Richtung der Tür zu bewegen, sondern nahm Rain ruckartig hoch und grinste. "Oder, wir bleiben hier - warst du nicht gerade eben noch müde?"
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    • Wieder machte der Wolf seinem Unmut kund, darüber, dass er die Sprache der Schafe weder sprechen, noch verstehen konnte. Obwohl, so fand Rain, sie in der kurzen Zeit in der sie sich erst kannten, schon sehr weit gekommen waren. "Es ist in Ordnung, ja. Es ist mein Befehl, dass sie dich in Ruhe lassen sollen. Sie werden sich daran halten.", erklärte Rain dem Wolf, der sich offenbar sorgte alleine aus diesem Zimmer zu wandern. "In den Gängen ist sowieso nie viel los, die meiste Zeit wirst du gar niemandem begegnen..." Der Wolf schien allgemein nicht sehr froh über diese Entwicklung und Rains Vorschläge und Rain wusste nicht vollends warum, er konnte nur raten. Natürlich war dieses Haus kein Ersatz für seine Heimat, aber Rain konnte ihm im Moment nicht mehr anbieten als das, wenn er gekonnt hätte, dann hätte er es getan.

      Auch das Buch schien den Wolf zu beschäftigen, vielleicht weil es seit Langem etwas war, das ihm gehörte und das nun nicht aufzufinden war. Wenn er schon sonst nichts besaß, dann wollte er womöglich zumindest diese eine Sache haben, auch wenn sie für ihn nicht wertvoll war. Rain jedoch fiel auch nicht mehr dazu ein, als er bereits gesagt hatte. Womöglich hatte Sara aufgeräumt und es in ein Regal gestellt, oder es war unter das Bett gerutscht. Nun aber folgte Rain der Bewegung die Nayantai vollführte, um Rain zu erklären, was er denn wollte. "Ah, du meinst etwas, was du über deine Hände ziehen kannst? Mh... wir können bestimmt etwas passendes für dich auftreiben.", lächelte Rain. "Sind es die Narben? Mich stören sie nicht."

      Rain lächelte weiter, als der Wolf ihn wieder an sich zog und fragte sich, wieso er das alles mit sich machen ließ, wollte aber auch nicht weiter darüber nachdenken. Es störte ihn nicht von Nayantai in eine Umarmung gezogen zu werden, im Gegenteil, selbst war er zu schüchtern dafür, obwohl er vorhin doch auch gerne eine Umarmung von den starken Armen erhalten hätte, damit er sich besser fühlte, nach dem langen Tag und dem kurzen hitzigen Wortwechsel den er gehabt hatte. Das alles war nicht er, er wurde nicht laut und er interessierte sich nicht für eine körperliche Beziehung, er wurde vor Allem nicht dazu erzogen, einen Wolf in seine Nähe, oder gar in sein Bett zu lassen und auch keinen Mann, nicht einmal eine Frau, die er nur so kurz kannte. Woher kamen dann all diese Gefühle, die ihn zu Sachen brachten, die ihm früher nie in den Sinn gekommen wären?

      Erneut wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als der Wolf den jungen Fürsten einfach hoch hob, so, dass Rain nun ausnahmsweise Mal größer war. Rain war überrascht, aber er lächelte, auch wenn dies zu diesen Eigenheiten zählte, die er eigentlich nicht zulassen durfte. "Mach dir um mich keine Sorgen. Ich sehe dir gerne vom Fenster aus zu." Er war es schließlich gewohnt das zu tun, drinnen zu bleiben und sich einfach nur vorzustellen, dass er auch da draußen sein könnte, aber das war ihm nun Mal nicht vergönnt und er war alt genug, um sich endlich mit dieser Tatsache abzufinden. Hätte der Wolf ein Wunderheilmittel das ihm helfen konnte, so glaubte er, hätte der Wolf es ihm bereits verraten. "Du sagtest doch selbst vorhin, ich kann nicht schon wieder schlafen.", schmunzelte er und streckte eine Hand nach der Wange des Wolfes aus. War Rain so leicht, oder war der Wolf trotz seiner Gefangenschaft noch so stark, dass er ihn einfach hoch heben konnte?
    • Nayantai wünschte sich irgendwie, dass er gar nicht erst hier gelandet war, aber andererseits - hätte er dann überhaupt die Freude gehabt, Rain irgendwann kennenzulernen, oder wäre ihm dieser einfach aus den Finger entglitten, wie der verruchte Sand der Zeit, der unaufhaltsam und stetig weiter lief? Egal. Viel eher sollte er sich auf sich selbst konzentrieren, darauf, dass er endlich im reinen war und wieder wusste, was er alles verdrängt hatte, wessen Hände es waren, die auf seinem Fleisch gelegen hatten und wem davon er vermutlich den Kopf von den Schultern pflücken würde, bekäme er die Chance dazu. Allerdings war weder hier noch jetzt Zeit dazu. "Mh, du bist dir sicher, dass du das willst? Ich könnte dir etwas antun", neckte der Wolf, der seine Zunge für einen Moment herausstreckte - dass Rain nicht immer auf seinen Schabernack einstieg, motivierte ihn noch mehr dazu, sich anzustrengen und zumindest zu versuchen, etwas aus ihm herauszukitzeln, egal, wie klein die Reaktion war. "Ja ... es ... es stört mich", murmelte er lediglich, wusste aber, dass Rain es womöglich nur gut meinte. Die Hände eines Wolfes verrieten oft viel mehr über ihn als Geschichten, die er erzählen konnte - und sie waren etwas, das man nicht immer unter Kleidung verstecken konnte, außer, man suchte sich Handschuhe. Seine Schwächen hatte er ohnehin bereits offen gelegt, doch mehr Leuten - mehr Schafen - als dem seinen musste er all das gar nicht zeigen, wollte es verschweigen und verstecken, so gut es ging. "Ich schäme mich nicht dafür, aber ich bin es nicht gewohnt", brummte Nayantai. Wann hatte er seine Hände auch schon freiwillig entblößt? Wenn er schlief, oder wusste, dass er allein war, sich waschen musste - aber seitdem er in diesem Kerker gewesen war, hatte er nicht einmal die Chance gehabt, seine Wunden zu verstecken.

      Von unten sah er nun herauf zu dem Lamm das er in den Armen hielt - Rain, den er sein eigen nennen wollte, der für ihn allerdings nicht mehr sein sollte als ein Fressfeind, der es sich - so wie viel zu viele seiner Art - erlaubten, einen stolzen Wolf zu besudeln und in den Dreck zu ziehen, in den er nicht gehörte. "Es ist schwer, sich um dich keine Sorgen zu machen, das weißt du aber selbst gut genug, glaube ich", dennoch würde der Wolf ihn nicht einfach gehen lassen, sondern behielt ihn in seinen Armen, dort oben in der Luft, wo Rain vermutlich mehr sah, als er es normalerweise tat. Zuerst sein Buch, dann der Schnee, nicht? "Wobei ich auch nach draußen gehen kann, wenn du beschäftigt bist und nicht jetzt ... wenn du zu mir kommst, damit ich dich beschäftigte." Morgen war auch noch ein Tag, das wusste der Wolf, der nicht wusste, ob es richtig war, seinen Fuß in den eiskalten Schnee zu setzen und Rain einfach wieder hinter ein Fenster - in eine andere Welt - zu sperren, während er sich draußen aufhielt, bist seine Gliedmaßen die Kälte leid wären, vermutlich, bis es stockfinster wurde und sich sein Körper nach Wärme - nach Feuer - sehnte. "Da hast du mich auf frischer Tat ertappt - willst du nach dem Buch suchen, oder soll ich dich noch eine Weile halten?" Wer wusste, vielleicht freute sich Rain auch über einen schmelzenden Schneeballen, den Nayantai ihm bringen konnte, ohne sich die Finger abzufrieren. Oder würde er doch lieber ein gefrorenes Blatt anstarren wollen? Prinz der Wölfe hin oder her, Nayantai war hin und wieder auch nur von den Trivialitäten des Lebens fasziniert - wie es wohl Rain damit ergehen würde?
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    • "Etwas... antun? Hättest du das nicht längst getan?", lachte Rain und legte seine Hände auf Nayantais Schultern. Aber vielleicht war der Wolf ja schon dabei ihm etwas anzutun, indem er ihn so behandelte, wie er es tat. Verrat war nicht gerade woran Rain dachte, doch auch diesen sah man meist nicht kommen und der Wolf hatte genau so wenig Grund Rain so zu behandeln wie er es tat, wie auch Rain keinen Grund hatte freundlich zu dem Wolf zu sein. Aber selbst wenn es keine Absicht war, hatte Rain das Gefühl, dass der Wolf ihm viel zu nahe kam. Nicht auf eine körperliche Art, sondern er kam ihm selbst so nahe, ließ Rain er selbst sein und der junge Fürst hatte sich nach einem anstrengenden Tag nichts mehr gewünscht, als in die Arme des Wolfes zurück zu stolpern. Was war also nun, wenn Rain sich noch weiter öffnete, den Wolf in sein Herz einlud und der unausweichliche Ausgang dieser Geschichte jedoch sein würde, dass der Wolf spätesten im Frühjahr von hier fort ging und Rain alleine zurück ließ, so wie auch alle anderen ihn immer zurück ließen, in diesem Haus, das noch sein Grab werden würde.

      "Ich werde Sara um Handschuhe bitten, die dir passen.", nickte Rain sanft und ließ die Finger einer Hand von Nayantais Schulter, zu seinem Hals wandern. Narben konnte er selbst jetzt noch sehen, obwohl er kaum einen Blick auf Nayantais Körper erhaschen konnte. Wenn die vielen Wunden auf seinem Rücken verheilt waren, dann würde auch dieser weitere, grausame Geschichten erzählen. Nayantai sagte, in seiner Hand hatte er kein Gefühl mehr, ob die ganzen Narben auf seinem Körper den selben Effekt hatten? Ob er irgendwann nichts mehr fühlen konnte? Und was war mit seinem Herz, das ebenfalls gelitten hatte und Narben aufwies, auch wenn man sie nicht sehen konnte.

      Was der Wolf anschließend sagte verstand Rain gut genug um die restlichen unbekannten Worte zu erraten. Er blickte zur Seite, ließ seine blonden Haare wie so oft vor sein Gesicht fallen, als könnten sie ihn schützen. Es stimmte, man sah Rain an und automatisch machte sich jeder Sorgen um ihn. Vermutlich hätte der Wolf einen richtigen Mann anders behandelt, aber von Rain ging ganz offensichtlich keine Gefahr aus, viel eher gab es viele, die ihn nur beschützen wollten, sobald sie ihn sahen. "Mhm.", meinte er nur, war unzufrieden mit dem was er war und dem was die meisten sahen, wenn sie ihn anblickten, ohne auch nur einmal darüber nachzudenken, dass er mehr war als ein schwacher Junge. "Ich... uhm... ich wollte nicht, dass du... ich wollte nur nach dir sehen...", murmelte Rain, dessen Wangen wieder ein wenig rot wurden und der am Ende vielleicht doch nicht mehr als ein Junge war, wenn er nicht einmal ohne zu stottern sprechen konnte, wenn ein Wolf mit ihm sprach. Rain lächelte etwas verlegen, sah den Wolf aber wieder an, er... mochte es irgendwie hier oben, auch wenn es kindisch klang und er hatte eine Frage an den Wolf, die ihm auf der Zunge brannte, aber er wusste nicht, wie er sie stellen sollte. "Du... du hast gesagt, du... mh... du hattest auch... Männer...? Wie... also... hm... ich... ach..." Wieso war es so schwer eine einfache Frage zu stellen? Vermutlich weil Rain schon der Gedanke nervös machte, dass ein Mann überhaupt mit einem anderen mann das Bett teilen konnte, schlicht und einfach, weil er so nicht erzogen worden war. Und dabei war Nayantai auch noch viel weiter gegangen, als nur einen einfachen Kuss, da war Rain sich sicher, während er keine Ahnung hatte, wie so etwas überhaupt ablief, gleichzeitig machte der Gedanke ihn nervös, dass er auch sehr neugierig darauf war und sich vorstellen konnte... So weit ging seine eigentliche Frage aber gar nicht. "Haben... haben auch Männer... dich hochgehoben...?"
    • "Und was, wenn ich dir bis jetzt nur nichts getan habe, damit man mir nichts antut? Vielleicht bin ich selbstsüchtig", antwortete ihm der Wolf. Was Rain wohl mit ihm täte, wäre dem wirklich so? Ihn sofort köpfen lassen, weil er mit den Gefühlen eines Schafes gespielt hatte oder einfach nur darauf hoffen, es wäre das erste und das letzte Mal, dass Nayantai ihn so verletzte? Eigentlich könnte es egal sein, was der große, böse Wolf tat - er war nicht ewig hier, würde auch nicht länger hier sein, als er musste und sobald der sanfte Frühlingswind Einzug in Faerghus hielt, wäre er gerne schon längst wieder in Thria, dort, wo es augenscheinlich keine Hitze und auch keine Sonne gab. "Danke", nuschelte er. Auch, wenn Nayantai sich nicht mehr als Prinz bezeichnen wollte, vielleicht gar nicht erst als Wolf, wieso auch darauf hoffen, dass er nicht doch noch an seinen Eigenheiten festhielt? Welcher Wolf offenbarte sich auch schon der großen, weiten Welt - zeigte seinen Feinden seine Narben, die wunden Punkte, die ihn säumten und erzählte ihnen offenkundig, dass er die letzten Jahre nicht mehr als gefoltert wurde? Jeder Moment, den er mit mehr als einem wachen Auge verbracht hatte, war schmerzvoll gewesen - jeder Schritt, den er gemacht hatte, fühlte sich so an, als könnte er ein Letzter sein und jede Sekunde, die er nicht damit zugebracht hatte, zu hoffen, die Schmerzen würden endlich vergehen, war dem Vergessen gewidmet. Nun allerdings musste er sich nicht einmal darauf konzentrieren, dass er wieder einigermaßen in einem Stück endete, weil man ihm sowieso nichts mehr antat - weil er dabei war, zu heilen und das führte dazu, dass all das, was der Wolf in seinem Kopf verschwinden ließ, wieder hervorkroch.

      Nayantai wusste lediglich nicht, mit einem schwachen Schaf umzugehen, von dem keine Gefahr ausging - er musste seine Hände nicht um dessen Kehle legen, damit er ihm die Luft und das Leben rauben konnte, hatte keine spitzen Gegenstände, mit denen er Rain erstechen könnte - das wollte er auch gar nicht erst. Zu viel hatte der Blonde dennoch gesehen, so viel Schwäche und noch viel mehr Narben, die der Wolf einfach nicht zu verstecken wusste, weil er anfangs auch keine wirkliche Kleidung trug, sondern Fetzen, die nicht dazu gemacht waren, seinen Körper zu wärmen oder zu verstecken. "Ja ja, und dann hierbleiben oder mich wieder mitnehmen, hm?", lachte der Wolf, war davon überzeugt, dass Rain es zwar nur gut mit ihm meinte, aber dass er schlecht darin war, dem Wolf etwas vorzumachen, das gar nicht erst so war. Schaf oder Wolf, hin oder her - die Hand, die Rain so behutsam an seinen eigenen Hals gelegt hatte, wanderte nach oben und strich lediglich über seine weichen Wangen - von ihnen gingen keine Gefahr aus. "Hm? Nimm dir Zeit", sagte der Wolf, der sein Gegenüber dabei beobachtete, wie es nicht nur über die eigenen Worte stolperte, sondern auch gar nicht zu wissen schien, wo es damit beginnen sollte, den Wolf mit Fragen zu löchern. Was lag ihm wohl auf dem Herzen? Vermutlich nichts, das er durch diese Frage nicht schon erahnen könnte. "Mich?", fragte er verwundert und fing an, nochmals zu lachen. "Nicht viele ... wenn dann habe ich sie hochgehoben, aber wieso fragst du?" Falsche Hoffnungen waren zwar nicht schlecht, aber des Öfteren landete man geradewegs, mit dem Gesicht voraus, im Dreck.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • "Ich hoffe... du bist nicht nett zu mir, nur damit du hier lebend raus kommst. Das musst du nicht sein...", murmelte Rain mit einem schwachen Lächeln. Er hatte dies nun noch nicht zum ersten Mal gesagt, denn es war so, dass die Möglichkeit in seinem Kopf Platz fand und dass er glaubte, der Wolf könnte nur ein Spiel mit Rain spielen, von dem er ausging, dass Rain es so wollte. Den tiefen Wunden an Nayantais Rücken zu urteilen, glaubte Rain aber nicht, dass diese Taktik bei dem König funktioniert hatte, oder dass Nayantai es überhaupt versucht hatte. Hingegen war es vielleicht so, dass der König ihn zu nichts mehr als einem braven Hund machen wollte, nur ließ der wolf sich das wohl doch nicht so einfach gefallen. Warum aber sollte er dann ausgerechnet bei Rain einlenken? Nein, er glaubte nicht, dass der Wolf ihm das alles nur vorspielte, aber vielleicht war er nur naiv...

      "Ich dich... mitnehmen? Mh... ich... ich wollte dich nicht irgendwohin schleifen, ich... dachte nur, womöglich möchtest du nicht hier drin sein.", murmelte er, fast so, als müsse er sich entschuldigen, doch wofür eigentlich? Der Wolf hatte gelacht, also sollte Rain das alles wohl nicht so ernst nehmen und er sollte außerdem aufpassen nicht noch röter im Gesicht zu werden, während er versuchte über etwas zu sprechen, über das Schafe normalerweise kein Wort verloren. "Ich... also... ich wollte nur wissen, ob... ob du immer der Stärkere warst.", erklärte er, woher seine Frage kam, wollte sich nicht unbedingt mit den Wölfen vergleichen, egal ob Frau, oder Mann, aber er tat es doch, auch wenn er wusste, dass er in allen Belangen unterlegen sein musste. Der Grund, warum er sich immer wieder fragte, was den Wolf dazu bewegt hatte ihn zu küssen. "Werde ich... nicht langsam schwer für dich?"
    • "Was hätte ich auch davon? Du hast schon viel zu viel von mir gesehen", lachte Nayantai, wusste, dass er eigentlich aufhören sollte solche Andeutungen zu machen und doch konnte er sich nicht helfen. Rain müsste wohl irgendwann daran verzweifeln, dass der Wolf Flausen im Kopf hatte und Schabernack treiben wollte, weil er sich bei ihm - zumindest augenscheinlich - fast alles erlauben konnte, auch, wenn er das nicht sollen durfte. "Es wäre für uns beide ziemlich langweilig, wenn wir uns nur für uns selbst interessieren und nicht doch füreinander", entgegnete er Rain. Obgleich Nayantai doch nicht mehr als ein dressierter Hund war, würde sich zeigen - vielleicht aber war er so viel mehr als das, noch immer ein Wolf, wenn auch nur in dem verkohlten Herzen, das in seiner Brust stetig weiter schlug. Womöglich war auch das der Fluch, den ihm die Götter auferlegt hatten - weiterzuleben, auch, wenn es für den Wolf gar nichts mehr gab, außer alten und neuen Schmerz. Seine Beziehung zu Rain war nicht mehr als zweischneidiges Schwert, würde dazu führen, dass er vermutlich irgendwann ein Schwert aus seinem Rücken ragen hatte und Blut in ihm hochkletterte, bis er nicht anders konnte als es auf den Boden zu würgen. Und dann? Dann konnte er vermutlich getrost sterben, weil dieser Welt bereits alle seiner wunden Punkte offen lagen - weil er gezeigt hatte, dass er nicht mehr als ein Mensch war.

      "Da hast du recht - eigentlich will ich das nicht", antwortete er. Nein, Nayantai wollte eigentlich die kalte Winterluft in seinen müden Lungen spüren, die feinen Schneeflocken auf seinem Gesicht und das Rufen der Welpen im Hintergrund, die wollten, dass er sich endlich bewegte und einen Zahn zulegte, damit sie vor Einbruch der Dämmerung wieder bei ihrem Lager waren. Hier gab es weder Welpen, noch kalte Luft, oder Schnee, den er nicht nur vom Fenster aus beobachten konnte. Langweilig würde ihm werden und er würde verfallen, außer er würde das, was er hatte - den Boden und den Türrahmen - nutzen. "Nicht immer - wieso sollte ich auch?", entgegnete der Wolf ihm, der die Frage allerdings nicht gerne beantwortete, den Grund dafür aber nicht einfach aus sich herausreden konnte, weil Rain vermutlich zu viel verstehen würde und damit noch mehr Fragen an ihn stellen würde, die er nicht beantworten konnte, oder wollte. Nayantai schluckte, sah zu dem Blonden hinauf. "Etwas, aber ich sollte ohnehin trainieren, damit ich zumindest helfen kann", murrte er, ließ Rain aber schließlich nach unten, nur, damit er dem Schaf einen Kuss auf die Stirn geben konnte. Ach, was machte er nur mit sich selbst?
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    • Rain wusste nicht, was der Wolf wollte, oder was er brauchte, wusste auch nicht was er ihm getrost anbieten konnte und was nicht, aber jedenfalls brauchte der Wolf sich nicht mit irgendetwas hetzen. Er würde noch länger hier bleiben, ob er nun heute, morgen, oder übermorgen nach draußen gehen wollte, spielte keine Rolle. Vielleicht war es besser, er gewöhnte sich erst daran, dass er nicht mehr in einem modrigen Kerker saß, sondern nun ein weiches Bett und etwas warmes zu Essen hatte. Danach konnte er sich daran gewöhnen, dass er dieses Zimmer verlassen konnte, sich die Beine vertreten konnte und schließlich auch in den Schnee konnte, wann immer er es wollte. Zumindest wollte Rain dafür Sorgen, dass er sich wohl fühlte, dass er tagsüber nach draußen konnte, wenn auch in Begleitung und er selbst würde wohl oder übel auch ein Auge auf ihn haben. Wieso er das alles tat, wurde immer schwerer zu erklären. Erst wollte er wohl nur einem halbtoten Fremden helfen, der es bestimmt nicht verdient hatte zu sterben, mittlerweile empfand Rain Nayantai als mehr als nur einen Fremden, oder flüchtigen Bekannten. Innerhalb von wenigen Tagen, wurde er zumindest sein Freund, vermutlich noch mehr, aber das wollte Rain sich selbst nicht eingestehen.

      "Ach ich... nicht so wichtig.", entgegnete Rain auf die Frage, warum er nach diesen Antworten gesucht hatte. Die Wahrheit war, dass er nicht wusste, ob er sich so verhalten durfte, wie er es tat, ob er es gut heißen sollte, nicht als starker Mann behandelt zu werden, der er aber auch schließlich nicht war. Er hatte sich gefragt, wie die Erfahrungen der Wölfe waren, ob ein Prinz wie er, immer beweisen musste, dass er stark war und sich nicht wie ein Kind behandeln ließ, unter keinen Umständen, oder ob die Tatsache in gewissen Umständen egal war, so wie es Rain gerade auch mehr freute so behandelt zu werden, als dass es ihn störte. Die Wahrheit jedoch war, dass er keine Ahnung von etwas hatte, das die Schafe untereinander nicht erlaubten. Er merkte erst jetzt wie viele Regeln es gab, die den Schafen nicht nur vorschrieben, mit wem sie zu verkehren hatten und mit wem nicht, sondern auch wie sie sich dabei fühlen sollten. Nun war Rain in einer Situation, in der er nicht sein durfte und fühlte Dinge, die er nicht erklären konnte und von denen er nur wusste, dass er den Standard der Schafe nicht erfüllte, jedoch nicht, wie sich ein Wolf zu benehmen und wie ein Wolf zu fühlen hatte, der eben das tat, was er gerade tat.

      Prompt als er den Gedanken abschloss, wurde er zurück auf den Boden gesetzt, fand es ein wenig Schade, wieder hier unten zu sein und nicht in den Armen des Wolfes, der ihm zeigte wie viel Kraft noch in ihm steckte. Nun war er es wieder der den Kopf heben musste, um Nayantai ansehen zu können. Er lächelte, es war genug der vielen Fragen und es spielte wohl auch nicht so eine große Rolle, was der Wolf als letztes gesagt hatte. Stattdessen wandte Rain seinen Blick durch den Raum. "Also, sollen wir noch einmal nach dem Buch suchen? Oder möchtest du lieber etwas anderes tun?"
    • Hier zu sein - noch am Leben zu sein - fühlte sich eher so an, als wäre der Wolf im falschen Film gelandet. Eigentlich sollte er das gar nicht, durfte es auch gar nicht und doch war ihm wiederum nicht einleuchtend, warum der König ihn einfach gehen ließ, ihn in die Hände eines Soldaten gab, der ihn nicht hinrichtete, sondern ihn an diesen gottverlassenen Ort brachte, von dem er nicht fliehen konnte. Zählte das zu seiner Strafe, die ihm die Götter auferlegt hatten? War das der Dank dafür, dass er aufgehört hatte, an Tyasis oder Ione zu glauben? Vermutlich gab es Niemandem, der ihm diese Frage überhaupt beantworten konnte - nicht einmal er selbst, egal wie sehr er es versuchte. Nayantai grämte sich, irgendwie. "Bist du dir sicher?", harkte er nach, war verwundert, dass Rain das Thema einfach so bleiben ließ. Wieso hatte es ihn überhaupt interessiert? Der Wolf hatte auf diese Art und Weise noch nie mit einem Schaf verkehrt, wusste, dass er es nicht durfte und eigentlich auch nicht wollte, weil sie ihm so viel mehr als nur seine Existenz geraubt hatten. Nun stand er allerdings doch vor Rain, vor einem Schaf, das selbst in der hereinbrechenden Dunkelheit noch fahl aussehen würde und fragte sich, ob er nicht wirklich ein Monster war, das man wegsperren sollte, damit sein Antlitz keiner mehr erblicken müsste.

      "Na ja, wenn ich es finde, dann könnte ich mich wenigstens beschäftigen, wenn du keine Zeit hast. Aber andererseits weiß ich nicht, ob du das auch tun willst", murrte der Wolf, wusste nicht, was er tun sollte und glaubte auch nicht, dass das Buch dieses Zimmer auch nur einen Meter weit verlassen hatte. Wäre es bei Rain liegen geblieben - wohin er es erst gar nicht mitgenommen hatte - wäre es wohl einem der beiden, zumindest früher oder später, aufgefallen. "Was möchtest du tun? Außer Schlafen, versteht sich." Hier kannte er sich noch immer nur minimal aus, wollte nicht danach fragen, ob Rain ihm nicht erneut eine Melodie vorspielen konnte oder ob er nicht nach noch mehr Büchern suchen durfte, die vielleicht - eventuell - sogar für ihn verständlich wären, oder in einer Sprache geschrieben waren, die die beiden nicht kannten, damit sie beide gleich unwissend waren. Aber was dann? Der Wolf legte seine Hand auf die Schulter des Lammes, wusste allerdings nicht, wie er weitermachen sollte - einfach versuchen, nicht dem Wahnsinn zu verfallen, der Rain hier auch noch nicht eingeholt hatte. "Was machst du überhaupt, wenn du allein bist?"
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    • "Ich hab nichts dagegen danach zu suchen.", lächelte Rain, der ohnehin nicht viel mit seinem Abend anzufangen wusste und die Zeit, wie die Tage zuvor auch, lieber mit dem Wolf verbrachte. Auch wenn sie nur ein Buch suchten, so unterhielten sie sich vermutlich trotzdem ein wenig und das gab Rain Gelegenheit die Sprache der Wölfe zu lernen und auch etwas über Nayantai zu erfahren. Wenn der Wolf nicht dagewesen wäre, wenn Rain immer noch alleine in diesem großen Haus wäre, dann würde er auch nichts nennenswertes tun. Tag ein Tag aus hatte er immer das gleiche gemacht, alle Bücher die es hier gab schon mindestens einmal gelesen und sich höchstens darüber gegrämt, dass er nicht einen Fuß vor die Tür setzen konnte, wie auch an dem Tag, an dem der Wolf hier angekommen war. Nayantai war nun seine Beschäftigung, lenkte ihn ab und erzählte ihm von Dingen, die er nicht kannte, zeigte ihm sogar Dinge, die für ihn gar nicht bestimmt waren. Vielleicht fühlte er sich auch nur so zu dem Wolf hingezogen, weil er so anders war, nicht so wie alles andere hier, das Rain schon in und auswendig kannte.

      "Ich weiß nicht, was ich tun möchte. Vermutlich sollte ich irgendwann zu Abend essen.", lächelte Rain und zuckte mit den Schultern, sah den Wolf an, der ihm wieder näher kam, scheinbar etwas sagen wollte, aber stattdessen eine andere Frage stellte. "Bevor du her gekommen bist, habe ich meistens nur gelesen, früher habe ich Klavier gespielt, aber dazu hatte ich lange keine Lust. Ja, also... Bücher sind eigentlich meine einzige Beschäftigung hier.", antwortete er und verstand deshalb wohl auch, dass Nayantai zumindest das eine Buch das er besaß, das der Wolf auch lesen konnte, wieder haben wollte. Zumal er für den Wolf auch kaum eine andere Beschäftigung in diesen Mauern hatte. "Was machen die Wölfe... abends?", fragte er schließlich, konnte sich aber nicht vorstellen, dass Rain mit irgendetwas davon dienen konnte. Jedoch nutzte Rain die Zeit um sich zumindest schon einmal ein wenig nach dem Buch umzusehen, das scheinbar nicht aufzufinden war.
    • Den ganzen Raum auf den Kopf zu stellen, an unmöglichen Orten zu suchen und einfach zu hoffen, das Buch würde wieder auftauchen, wenn man einfach nicht danach suchte, war auch eine Taktik, aber nichts, das die beiden dazu bringen würde, das Einzige, das Nayantai wirklich gehörte, wiederzufinden. Wo sollten sie anfangen zu suchen? Nayantai wusste all das selbst gar nicht und hatte - zumindest für seinen Teil - schon genug des Zimmers durchforstet, als dass er wirkliche Lust darauf hätte, ernsthaft nach dem Buch zu suchen, das höchstwahrscheinlich von alleine wieder auftauchen würde. Andererseits war es noch immer das Einzige, das der Wolf wahrhaft besaß und dass ihm - neben Rain - Freude bereitete. "Mh, ich will dich aber nicht dazu zwingen, immerhin bin ich derjenige, der es verlegt hat." Wo konnte es der Wolf auch nur hingelegt haben? Er machte einige Schritte in Richtung Bett, riss die Decke zur Seite und fand darunter nicht mehr als die weißen Laken - also war hier doch kein Buch. Auch auf dem Nachttisch befand sich nicht mehr als ... der Talisman, den Rain ihm gegeben hatte. Eigentlich hatte er dieses Ding schon komplett außer Augen gelassen, aber jetzt, wo er es wieder in seinem Blickfeld hatte, griff er danach und setzte sich auf sein Bett. Abgenutzt war es, alt - definitiv älter als er. Wenn es ihm allerdings passte, dann musste es einem Mann gehört haben, der es von jemandem geschenkt bekommen hatte, mit dem er den Rest seines Lebens hätte verbringen sollen.

      "Etwas zu essen kann nie schaden", außer, es war das Essen der Schafe. Vermutlich würde er sofort merken, wenn man versuchte, ihn zu vergiften, weil das Essen wenigstens nach etwas schmecken würde - nicht so fade wie sein eigenes, das er gerade eben noch heruntergewürgt hatte, damit man nicht auf die Idee kam, es schmeckte ihm nicht, oder er würdigte die Kochkünste seiner Feinde nicht. "Bücher ... Bücher gelesen? Nicht mehr?" Etwas verwundert war der Wolf dann doch, sah vom Talisman zu Rain auf und klopfte auf die Stelle neben ihm im Bett. Kein Wunder, dass Rain so aussah, wie er es tat - für immer hier eingesperrt, weil er diesen Käfig nicht verlassen konnte, einsam und allein und nichts weiter tat, außer sich mit unendlich vielen Büchern zu beschäftigen, die ihm wohl irgendwann noch zu Kopf stiegen. Seine Augen wanderten schließlich wieder zu den abgenutzten Einkerbungen, die er auf dem Talisman zu erkennen versuchte. "Was Wölfe abends tun?", er horchte dem Lamm also doch zu. "Wir sitzen um ein riesiges Feuer und erzählen einander Geschichten, unterhalten uns ... und vielleicht schlägt irgendwer jemanden, wenn es zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Wenn es draußen regnet, dann verstecken wir uns in unseren Zelten. Manche von uns nutzen die Dämmerung allerdings auch, um jagen zu gehen." Dann schwieg der Wolf eine Weile und überlegte, ob er dem Lamm auch sagen sollte, dass man sich ... ach, nein.
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    • Rain sah sich an Stellen um, an denen er glaubte, Sara könnte ein Buch hin räumen, wenn sie es irgendwo fand. Sie machte das normalerweise eigentlich nicht, dass sie irgendetwas weg räumte, wenn es ihr nicht gesagt wurde, allein schon aus dem Grund, dass Rain selbst immer alles mögliche herum liegen ließ, es aber nicht mehr fand, wenn jemand anderes besagtes Ding an einen passenderes Platz legte. Er war unordentlich, ja, selbst der Wolf dürfte das schon bemerkt haben. In seinem Arbeitszimmer, so wie in seinem Schlafzimmer standen ungeordnet und nicht in einem Regal Bücher auf mehreren kleinen Stapeln und doch wusste Rain, was er wo zu suchen hatte. Somit glaubte er auch gar nicht, dass er in den Regalen im Raum fündig wurde, in denen ein paar andere Bücher standen. "Es macht mir nichts aus.", lächelte Rain, der zwar den Satz den der Wolf da vor sich hin sagte nicht gänzlich verstanden hatte, der aber an seinem Ton darauf schließen konnte, was er bedeuten sollte. Dennoch kam er der Einladung nach auf Nayantais Bett Platz zu nehmen, als dieser neben sich auf die Matratze klopfte. Das Buch hatte er bisher jedenfalls nicht finden können.

      "Ich... naja. Es gibt nicht so viel Beschäftigung für mich. Mein Vater hat mal versucht mir das Bogenschießen bei zu bringen, aber das habe ich schon lange nicht mehr versucht. Wozu auch? Wenn ich nicht raus kann, dann muss ich auch keinen Pfeil abfeuern können... schätze ich... Eine Zeit lang habe ich mir gern die Sterne angesehen und deren Bewegungen am Nachthimmel." Während Rain das Wort Bogenschießen aussprach, machte er eine Bewegung mit seinen Händen, die Nayantai erklären sollte, was das Wort bedeutete. Er war schon über den Punkt hinaus, an dem es ihm peinlich war solch alberne Bewegungen zur Verständigung zu nutzen, immerhin gab es keinen besseren Weg um zu verstehen. Sein eigenes Leben war wirklich nicht sehr interessant und deshalb hörte er auch lieber zu, was Nayantai zu erzählen hatte und sah dabei auf den Talisman, den der Wolf in seine Hand genommen hatte und dessen Bedeutung Rain nicht klar gewesen war, als er ihm den Gegenstand gegeben hatte. Vielleicht konnten die Wölfe ja doch zaubern und die Anziehung die sie scheinbar aufeinander hatten, hatte ihren Ursprung in einem unbedachten Geschenk. Aber das war vermutlich Unsinn.
      Rain lächelte den Wolf an, während dieser gleich so viel auf einmal erzählte und Rain kaum Chance gab zu verstehen. "Warte! Nicht so schnell, ich kann dir kaum folgen.", hielt er den Wolf an etwas langsamer zu sprechen, immerhin wollte Rain gerne verstehen, all das interessierte ihn und war am Ende der Grund gewesen, warum er überhaupt mit dem Wolf sprechen wollte, als er hier angekommen war.
    • Die Augen des Wolfes hätten auf jedes beliebige Objekt in diesem Raum fallen können, hatten sich aber dann doch für den Talisman entschieden unter welchem man kein Buch verstecken konnte. Ablenken ließ er sich normalerweise nicht so schnell, aber im Moment schien es tatsächlich wichtiger, sich über dieses alte, fahle Stück Holz an einer spröden Schnur Gedanken zu machen, als nach seinem einzigen Hab und Gut zu suchen, das nicht weit gekommen sein konnte. Vielleicht lag es wirklich unter seinem Kopfkissen, oder irgendwo bei Rain - seine Gedanken zu sortieren war nicht leicht, waren es doch so viele von ihnen und es wurden immer mehr, je länger er damit zubrachte, hier zu verweilen und sich mit sich selbst zu langweilen. "Mhm", brummte er als Antwort, hatte am Rande verstanden, dass man das Wort an ihn gerichtet hatte und dass es durchaus möglich wäre, die Hilfe des Lammes in Anspruch zu nehmen. Dennoch nutzte der Wolf die Situation aus, damit er seinen Kopf schließlich auf die Schulter Rains fallen lassen konnte - es gab nichts besonderes an diesem Talisman, außer, dass er vermutlich einer Person gehörte, die ihr Leben zwangsweise gelassen hatte, wenn so etwas schon in die Hände Rains geriet. "Woher hast du diese Dinge? Von deinem Vater?", krächzte er, war sich sicher, dass es nicht anders sein konnte. Rain selbst hatte gesagt, er war für immer hier und Nayantai war es, der sich dieses Leben gar nicht erst ausmalen wollte.

      "Na ja, Bogenschießen könntest du auch von hier aus", warf der Wolf ein, der wusste, dass es vermutlich eine dumme Idee war, vom Fenster aus auf irgendwelche Ziele zu schießen, wenn Rain es nicht einmal schaffte, dem Wind zu trotzen. Für ein Kind dieser Art hatte wohl kein Wolf eine Verwendung, aber Schafe schienen sich eben jenem nicht entledigen zu können, weil sie tief in ihrem Inneren doch weicher waren, als ihre eiskalten Herzen es vermuten ließen. "Die ... Sterne am ... Nachthimmel?" Es war eher weniger eine Frage, dennoch lag ihm diese Sprache noch immer nicht und der Talisman in seinen Händen war - nebst seiner Kleidung, die nicht mehr aus den Stoffen der Wölfe bestanden und irgendwo in Rains Schrank lagen - das Einzige, das er aus seiner Heimat hier hatte. Keiner kannte die Sprache, oder gar einen anderen Wolf der in der Nähe sein Unwesen treiben könnte - und keiner war ihm wohlgesinnt, weil er für sie nicht mehr als ein Dorn im Auge war. "Ah, entschuldige", murmelte Nayantai und fing erneut an, seine Gedanken - und die Aktivitäten der Wölfe - in Worte zu fassen. "Normalerweise sitzen wir um ein großes Feuer", der Talisman verschwand in seiner Hand, als er diese zu einer Faust ballte. "Und einige von uns ... schlagen sich? Wenn sie ... ah. Sich nicht ... verstehen", brummte der Wolf, der dem Schaf nun leicht gegen die Schulter boxte.
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    • Sobald Rain sich gesetzt hatte, landete Nayantais Kopf erneut auf seiner Schulter, ob das von Anfang an der Plan des Wolfes war? Rain schmunzelte ein wenig, machte sich extra ein wenig länger, damit der Wolf nicht so gebückt sitzen musste, dessen Torso wesentlich länger war, als der Rains und auch hier erst einmal zu seiner Schulter runter musste. Immer noch sah er auf den Talisman und versuchte Nayantais Worte zu übersetzen. "Woher?", fragte er und nickte anschließend, sah aus dem Fenster, als könnte sein Vater dort jeden Moment zum Vorschein kommen. "Ja, mein Vater bringt mir oft Dinge mit... normalerweise keine lebenden Wölfe, aber der Talsiman, das Buch und allerlei andere Dinge, die er wohl irgendwo gefunden hat... er... weiß wohl, dass mir langweilig ist und ich... ich will nicht sagen, dass ich gerne in den Krieg ziehen will, aber er ist mein Vater und ich hätte ihn als sein Sohn doch gerne begleitet. Ich denke, das ist seine Art mir zu zeigen, dass er mich liebt, da ich das Meiste, das ein Vater, mein Vater mit seinem Sohn tun konnte, nun mal nicht tun kann, weil... naja..." Rain seufzte, es hatte keinen Sinn sich immer und immer wieder darüber zu beschwere, dass er nun einmal war, wer er war und doch kränkte es ihn. Er wäre gerne ein bessere Sohn für seinen Vater gewesen.

      Er wollte eigentlich nicht so gerne darüber reden, konnte nicht einmal aussprechen, dass es an seiner Krankheit lag, seinem schwachen Körper. Er wusste all diese Dinge, hatte sie ständig vor Augen, aber er konnte sich nicht dazu bringen darüber zu sprechen und vermutlich interessierte es den Wolf auch gar nicht. Rain blickte auf den Schopf Haare der zu Nayantai gehörte und fand immer noch, dass diese Position nicht die bequemste war, deshalb legte er seine Hand auf die Schulter des Wolfes und zog ihn mit sich, als er sich einfach auf die Matratze fallen ließ und die Beine immer noch von der Bettkante baumelten. Viel lieber, als über seinen Vater, oder das Bogenschießen zu sprechen, hörte er sich an, was der Wolf erzählte und lächelte. "Mh... ihr prügelt auch? Schafe tun das auch, meistens um ein Mädchen... ähm... eine junge Frau. Die anderen Fürstensöhne in meinem Alter auch ab und zu, wenn man schlecht über ihr Land redet, aber ich glaube sie meintes es nie ernst... nicht, dass ich..." Nicht dass er viel davon mitbekommen hätte, wenn mal jemand hier zu Besuch war, dann hatte man Rain meistens anders behandelt, entweder ihre Eltern hatte sie von Rain weggescheucht, als wäre er ansteckend, oder sie hatten ihn ohnehin nicht einladen wollen, mit ihnen zu tun, wozu auch immer sie gerade Lust hatten. Er hatte zugesehen als sie draußen Fangen gespielt hatten, oder eine Schneeballschlacht veranstaltet hatten, oder er hatte sich, als er älter war, einfach zurück gezogen, hatte gesagt er fühle sich nicht gut und floh einfach von diesen Gesellschaftlichen Ereignissen, auf die er nie gepasst hatte. Er hatte ihnen angesehen, wenn sie über ihn geredet hatten und er wusste, dass das ganze Land von dem kranken Erben Fhaergus' sprach, der kaum in die tiefen Fußstapfen seines Vaters treten konnte und aus seltsamen Gründen, in die viel Unsinn hinein interpretiert wurde, noch immer nicht geheiratet hatte. Wie war er nun schon wieder auf dieses Thema gekommen? "Hast du dich auch... geschlagen... schlagen...? Und was sagtest du vorhin noch?", wollte Rain viel lieber wissen, lächelte den Wolf an und wollte Geschichten von ihm hören.