spellbound. (earinor & akira)

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    • Sich vom eigenen Leid zu befreien war nicht immer leicht, geschweige denn war es etwas, das man einfach so tun konnte, wie es einem beliebte. Nayantai fühlte sich ausgeruht, aber nicht nur so, weil er einigermaßen ruhig geschlafen hatte, sondern auch, weil er nicht erneut von einem Traum - einer Illusion, die es so nie gegeben hatte - geweckt wurde. Hier, bei Rain, war es so viel wärmer und angenehmer sein eigenes Leid nochmals zu erleben als in einer kalten Zelle, in der man nicht nur mit seinen Gefühlen sondern auch seinen Gedanken alleine gelassen wurde, wenn auch gleich es nie schön war, zu realisieren, was genau man alles verdrängt und vergessen hatte. Innerliche Wunden waren es, die keiner sehen konnte oder gar wollte, waren es, die sich wieder öffneten und innerlicher Schmerz war das, was eben dem folgte. Spätestens jetzt allerdings, nicht mehr geblendet von der eigenen Müdigkeit und besessen von Habgier und der eigenen Ignoranz, hätte er Abstand von Rain nehmen sollen und realisieren, dass seine gestrigen Taten nichts waren, das er jemals getan haben sollte - er sollte Rain nicht umarmen, sich nicht für ihn interessieren und schon gar nicht sollte er glauben, das Lamm wäre unschuldig und doch konnte Nayantai sich nicht dazu bringen, sich von ihm zu lösen.

      Nayantais Hände hatten sich mittlerweile in dem Stoff, der Rain's Rücken bekleidete, verkrampft und konnte diesen womöglich auch gar nicht mehr loslassen, wenn er weiterhin daran dachte, wie sehr ihn diese Welt hassen musste, wie sehr ihn seine Götter verlassen hatten und verfluchen musste, dass er sich nun hier befand, die Arme um ein Schaf legte und ... atmete. Der Wolf schüttelte den Kopf, wollte die zittrigen Hände von Rain nehmen, begann aber stattdessen, ihm sanft über den Rücken zu streichen, vielleicht, weil er sich beruhigen wollte und vermutlich, weil er nicht wusste, was er in dieser Situation zu tun hatte. "Was? ... Kann ich ... für einen Moment ... selbstsüchtig sein?", wisperte er und löste sich schließlich von Rain, der vermutlich besseres zu tun hatte, als einen Wolf zu trösten, der ihm nicht geheuer sein sollte - eigentlich sollten sie das hier gar nicht tun und doch war Nayantai es, der weder ganz von Rain noch von dessen Händen, nach denen er zu greifen versuchte, ablassen wollte. Was man wohl von ihm dachte, wenn man ihn so sah?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Noch fester schien der Wolf sich an Rain zu klammern, so dass er fast schon Angst haben musste, auf einmal in der Mitte durchgebrochen zu werden, Rain hatte aber, wie er schon so oft gesagt hatte, keine Angst vor dem Wolf, hielt ihn lieber weiter fest. Er war neugierig, wollte wissen, was dem Wolf widerfahren war, was er gerade erkannt hatte und wieso er sich seiner Tränen für so viele Minuten nicht hatte erwehren können, aber Rain wusste, dass er nicht nachfragen durfte, wollte es auch gar nicht. Für manche war es eine Hilfe, über das zu sprechen, was einen beschäftigte, für andere war es das nicht, machte es nur noch schlimmer. Wenn Nayantai das Bedürfnis hatte, sich Rain mitzuteilen, egal ob er versuchte es für ihn verständlich zu machen, oder nicht, dann würde Rain zuhören und wenn nicht, dann schwieg er, streichelte den Wolf beruhigend und blieb in seiner Nähe, wenn er es denn wollte. Aber was brachte Rain eigentlich dazu? Immer und immer wieder fragte er sich das, wieso war er für den Prinzen der Wölfe da? Wieso half er ihm und wieso tat er es gerne, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die Hoffnung, dass er ihm irgendwie mit seinen eigenen Problemen helfen konnte, waren schwindend gering und wenn überhaupt, dann verursachte der Wolf Rain mehr Probleme, als er jemals lösen konnte.

      Nayantai regte sich, sprach zudem, so leise, dass Rain ihn kaum verstehen konnte. Die fremden Worte waren unverständlich für ihn und auch das Gesicht des Wolfes, das endlich wieder zum Vorschein kam, mit roten Augen und Wangen, sagte Rain nicht mehr als die Worte. Es schien so oft so zu sein, dass Rain vieles verstand, nur nicht das, was wichtig war. Gerade jetzt wollte er verstehen, sollte vermutlich wissen, was er denn für den Wolf tun konnte, aber er tat es nicht. Rain nahm Nayantais Hände in die seinen, nachdem er merkte, dass der Wolf nach ihm griff und sah ihm in die Augen. "Es tut mir Leid... ich verstehe dich nicht...", seufzte Rain entschuldigend und mit schlechtem Gewissen. Gerade jetzt, wo der Wolf sicher etwas anderes im Kopf hatte, als zu überlegen, wie er Rain irgendetwas klar machen konnte, verstand Rain kein Wort.
    • Nayantai fühlte sich in seiner eigenen Haut eigentlich nicht wohl, fühlte sich eingeschränkt und verloren und glaubte, dass all die Narben, die er trug, nicht nur davon zeugen wollten, was dem Wolf in den letzten Jahren widerfahren war, aber auch, dass es ihm vermutlich nicht gut ging, dass es einem Individuum, das sich so verhielt wie er, einfach nicht gut gehen konnte und dass es eventuell nicht so verkehrt gewesen wäre, hätte er sein Leben vor Jahren niedergelegt, hätte diesen Krieg gar nicht mehr erblickt, der so viel von ihm abverlangte, der ihn daran zweifeln ließ, ob es überhaupt eine gute Idee war, dass er weiterhin lebte und so viele Dinge unter sich begraben hatte, die nun - nachdem er wusste, dass von Rain die geringste Gefahr ausging, mit der er in seinem Leben konfrontiert war - nach oben wollten und nicht länger vergessen werden konnten. Wie lange hatte er das alles ausgehalten und vor allem, wieso hatte er all das überhaupt ausgehalten? Wenn er nicht spätestens jetzt unter dem Druck zusammenbrach, dann würde er selbst an seiner Menschlichkeit zweifeln, wüsste nicht mehr, wie er sich selbst helfen sollte. War sein Herz erdörrt oder doch nur gefroren? Vermutlich Letzteres, bedachte man, dass er doch noch in der Lage war, Dinge zu spüren und zu weinen, wütend zu werden und sich verloren zu fühlen - und geborgen, vielleicht sogar von Rain wertgeschätzt.

      Es fühlte sich durchaus besser an, das wusste der Wolf, aber er war sich auch darüber im klaren, dass dieses Gefühl von Klarheit nicht ewig anhalten würde, dass er genau so gut wieder vergessen konnte, an was er sich erinnerte und dass eine Realisation nicht die Letzte sein musste, dass es vermutlich noch mehr gab, die er in sich begraben hatte und die nicht mehr zum Vorschein kommen würden, würde er sich nicht dazu durchkämpfen. "Ich ... es ist ... in Ordnung", meinte er nur und schüttelte den Kopf, wollte nicht noch mehr erklären und klammerte sich lieber an die Hände des Lammes, das eigentlich so viel mehr zu tun haben schien als sich um einen wilden, einsamen Wolf zu sorgen, der vor wenigen Minuten noch glaubte in seinen eigenen Tränen ertrinken zu müssen. "... Ich ... ach ... was jetzt?", wollte Nayantai wissen, noch eher von sich selbst als von Rain, der vermutlich schon genug von dem Wolf hatte, der nicht von ihm ablassen wollte, er sich nicht traute, irgendetwas zu tun, das er bereuen könnte. Dennoch kam er nicht drumherum, jetzt, da er erst neben Rain lag, sich nach vorne zu lehnen und sich einen viel zu flüchtigen Kuss zu stehlen, bevor er seinen Blick gen Boden, oder eher das Bett unter ihnen, richtete. Genau das hätte er vermutlich nicht tun sollen.
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    • Nayantai schien sich gar nicht mehr von Rain lösen zu wollen, jetzt da er ihn los gelassen hatte, um ihn anzusehen, klammerte er sich stattdessen an seine Hände. Rain war es nicht gewohnt ständig angefasst zu werden, so feste Hände um sich zu spüren, die seine Hand drückten und stillschweigend nach Hilfe flehten. Genauso war Nayantai vieles was in den letzten Tagen passiert ist bestimmt nicht gewohnt. Ein warmes Essen, Ruhe, ein weiches Bett und jemanden der es mit ihm teilte, der ihn nicht verletzte und es vermutlich auch gar nicht konnte. Wenn Rain den Wolf ansah, so aufgelöst, übersät mit Schnitten und anderen Wunden und für einen Wolf bestimmt dürr, mager und ausgehungert, wenngleich noch kräftiger gebaut als Rain, dann konnte er sich nicht vorstellen, ihn erneut so zu behandeln, ihn einzusperren, oder gar ihn zu töten. Im Gegenteil, er wollte ihm helfen, konnte ihn nicht einfach seinem Schicksal überlassen und dabei zusehen, wie auch noch der letzte Rest von ihm starb. Der Mann der in des Königs Kerker gelandet war, von dem war wohl nicht viel übrig und obwohl es Rain nicht betraf, obwohl er hier in seinem eigenen luxuriösen Gefängnis nichts von alledem miterlebt hatte, war er wütend. Er war wütend auf den König, der nicht einmal ein Tier so behandelt hätte, wie er Nayantai behandelt haben musste und alles was Rain sah, war vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Seine Hilfsbereitschaft war bereits dabei sich zu wandeln, auch wenn er es selbst nicht bewusst wahrnahm. Der Entschluss den Wolf zurück in die Freiheit zu entlassen, nachdem er ihm eine Pause gegönnt hatte, ihm zu Essen gegeben hatte und wieder zu Kräften kommen ließ, der Entschluss stand beinahe schon fest, als könnte er das Unrecht, das Nayantai widerfahren war so wieder gut machen. Der König war ein grausamer Mann, der einen grausamen Krieg führte und der zumindest das, was er mit Nayantai angestellt hatte, nicht zu Ende führen sollte. Besser hätte er ihn selbst umgebracht, denn Rain würde es nicht für ihn tun.

      Rain blickte in die Augen des Wolfes, die noch nie zuvor so groß und traurig ausgesehen hatten und sich ausgerechnet an Rain wandten, der nichts von einem Artgenossen, einem Wolf wiederspiegelte. Noch immer wusste er nicht, was Nayantai von ihm wollte, womöglich wollte er nur einmal einen Fuß nach draußen setzen, aber das war es wohl nicht, was der Wolf im Sinn hatte. Stattdessen lehnte er sich nach vorne, legte seine Lippen auf Rains, auch wenn es nur einen Moment lang war. "Hm...", entkam es Rain, ein laut der ausdrückte, dass er wohl nichts dagegen gehabt hatte, gleichzeitig aber zu überlegen schien. Gestern noch hatte Rain Angst gehabt vor diesem Erwachen, hatte sich alles mögliche ausgemalt, aber das hier nicht. Die Umarmungen, der Kuss, all das bedeutete vermutlich nichts, wie konnte es auch? Rain war ein Schaf und Nayantai ein Wolf, sie kannten sich nicht und wenn der Winter vorbei war, würden sie einander wohl nie wieder sehen. Was sie hier taten war tatsächlich egoistisch, die Frage war nur, wer hier wen ausnutzte. Rain stieß bitter die Luft aus seinen Lungen, er hatte so viele Gedanken, die alle in einer Sackgasse endeten und ihn mit Gefühlen zurück ließen, die er weder verstehen konnte, noch konnte er sie als das annehmen, was sie waren. Es war auch nicht der richtige Zeitpunkt sich den Kopf zu zerbrechen. Rain musterte den Wolf, löste eine Hand aus der festen Umklammerung und legte sie an das Kinn des Mannes, der da mit ihm im Bett lag. Sanft drückte er seinen Kopf nach oben, drehte sein Gesicht zu seinem eigenen und tat nichts weiter, als ein sanftes Lächeln zu lächeln. Der Wolf hatte vielleicht nicht das Richtige getan, aber Rain machte mindestens genau so viel falsch wie er, es gab keinen Grund dafür, seinen Blick beschämt von Rain abzuwenden.
    • Sich selbst das schwere, pochende Herz aus der Brust zu rupfen, nur weil man den Schwall an Gefühlen, der einen regelrecht übermannte, nicht gewohnt war, war nicht die richtige Lösung. Genau so wenig wie es eine Lösung war, Rain als Ersatz für Jemanden anzusehen, den es schlussendlich nicht mehr gab, der von dem Leiden des einst so großen, bösen Wolfes wusste und der ihn kannte, seitdem er nicht mehr als ein mickriger, verletzlicher Welpe gewesen war. Nayantai wusste, dass er all das nicht mehr war und wusste auch, dass er sich selbst nicht wiedererkannte, sobald er sich anstarrte - noch mehr Narben säumten seinen mittlerweile abgemagerten Körper, das lange Haar verdeckte ihm viel zu oft die Sicht und die Wahrheit war, dass er gar nicht der sein wollte, der er mittlerweile war. Gestand er sich all das ein - etwas, das wohl noch Zeit brauchen würde - würde er schlussendlich realisieren müssen, dass es lediglich eine weitere Barriere zwischen ihm und der Person, die er eigentlich sein sollte, darstellte. War es überhaupt noch sinnvoll, sich selbst einen Wolf, aber nicht nur das, sondern auch noch ihren Prinzen, zu schimpfen? Sollte Nayantai das überhaupt? Vermutlich dachten sie alle, er wäre tot, hatte es höchstwahrscheinlich nicht einmal nach Hause geschafft, oder auch nur einen Meter mehr aus dem brennenden Zelt - oder? Vielleicht irrte er sich, vermutlich hatte das Eine nichts mit dem Anderen zu tun und er hatte die Nacht nicht nur überlebt, weil er davon gerannt war, sondern auch, weil er einem anderen Wolf in die Arme gerannt war. Die Wahrheit wollte sich dem Wolf noch immer nicht offenbaren, aber Zeit, eben das abzuwarten, hatte er ohnehin.

      Das hier zu tun grenzte schon beinahe an Verrücktheit und die Wahrheit war, dass er nicht mehr wusste, ober noch bei Verstand war - ob er Tassen im Schrank hatte, oder überhaupt noch einen Schrank besaß -, das konnte der Wolf nicht sagen, wie so vieles. Lebte er wirklich noch, atmete er diese Luft tatsächlich, und hatte er Rain gerade wirklich geküsst? Zumindest eines davon konnte er sich beantworten, wollte es aber nicht, fühlte sich so, als wäre er derjenige, der nicht nur an seiner eigenen Misere sondern auch an der des Lammes Schuld trug. "Rain ... ich ...", heute war er es, der keine Worte fand, der nicht in ganzen Sätzen zu sprechen vermochte, weil es andere Dinge waren, die ihn beschäftigten und die ihn dazu brachten, mehr als nur durchgehend nachzudenken - abgelenkt war er, von den falschen Dingen und doch konnte er sich selbst nicht aus dem Sumpf ziehen, in welchem er glaubte, sich zu befinden. Nayantai war nicht danach sich weiter anzulügen, zu glauben, dass die verstrichene Zeit bereits alle Wunden geheilt hatte, die er jemals besaß - er war sich sicher, dass er für Rain nichts empfand, wollte es sich einreden, aber das wäre wiederum nicht mehr als sich anzulügen, ein Heuchler zu sein. Gezwungenermaßen blickte er auf, starrte dem schmalen Gesicht entgegen und wusste nicht, was er tun sollte - seine Augen suchten nach einem Ausweg, als wäre der Wolf tatsächlich ein wildes, aufgescheuchtes Tier - aber sein Körper bewegte sich keinen Millimeter. "Rain ... ah ... uhm ... ich", nein, er fand die passenden Worte noch immer nicht.
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    • "Es ist in Ordnung.", sagte Rain zum wiederholten Male, wanderte mit seinen Fingern zu der Wange des Wolfes, lächelte den Wolf weiterhin sanft an und ließ anschließend wieder von ihm ab, nahm seine Finger von seinem Gesicht, wo sie gar nicht erst hätten landen sollen. Aber was brachte es schon, sich jetzt von dem Wolf abzuwenden und davon zu laufen, jetzt, da sie schon bei einander im Bett lagen, sich gegenseitig getröstet hatten, mehr als einmal und sich gestern sogar etwas hingegeben hatten, das wohl die größte Sünde war, die ein Schaf und vermutlich auch ein Wolf begehen konnten. Vielleicht hatten die Götter, die der Schafe, oder die der Wölfe, vielleicht beide, das hier gesehen, hatten gesehen wie sie beide ihre Ideale, ihre Erziehung und ihren Glauben bei der erstbesten Gelegenheit über den Haufen werfen würden und hatten entschieden, dass die beiden Männer es verdient hatten zu leiden, dass alles was ihnen zugestoßen war und ihnen zustoßen würde, nur Resultat ihrer eigenen Dummheit, Naivität und ihrer mangelnden Loyalität war. Wenn es so war, dachte Rain, dann war es wohl schon zu spät noch etwas zu ändern und selbst wenn er den Fluch der auf ihm lag los werden konnte, indem er den Wolf doch tötete, so würde er es nicht tun. Die Götter konnten ihm gestohlen bleiben, hatten ihm nie eine Chance gegeben richtig zu leben. Er hätte nie leben sollen. Den Wolf jetzt zu kränken, indem Rain ihn von sich stieß, wenn er gerade so verletzlich war, das würde nichts ändern und würde wiederum nur beweisen, dass Schafe egoistische Wesen waren.

      Rain hielt mit der anderen Hand Nayantais weiter fest, sah ihn an und fragte nicht einmal danach, was der Wolf versuchte zu sagen, denn vermutlich wusste er es selbst nicht. Rain erging es vor nicht allzu langer Zeit genau so, auch wenn die Umstände anders waren. Rain wusste, dass hinter einem solchen Kuss wie er eben erhalten hatte, keine tiefere Bedeutung stand. Der Wolf war alleine und wollte es nicht sein, so wie Rain eben auch. Wenn es ihm half, wenn er bei ihm blieb, dann würde Rain das tun. Der Wolf hatte diesen Gefallen bereits erwidert, Rain war zwar nicht wach gewesen, aber er wusste, dass der Wolf die letzten Tage seiner Krankheit bei ihm gewesen war und er hatte ihm damit mehr geholfen, als er ahnte. Rain wollte sich gerne dafür revanchieren. "Wir sind beide... mh... selbstsüchtig.", murmelte er, flocht das Wort ein, das Nayantai vorhin verwendet hatte, nachdem dessen Bedeutung nun klarer war und war es nun selbst, der seine Arme wieder um den Wolf legte, seine Stirn, an die Seine drückte und die Augen schloss.Das sagte Rain zwar, aber so einfach war es für ihn gar nicht. Im Moment kümmerte er sich nicht um sich selbst, wollte nur dem Wolf helfen, aber es war einfacher zu glauben, dass sie beide nur egoistische Wesen waren, die den jeweils anderen dazu benutzten, sich anders zu fühlen, wichtig, geliebt und geborgen, außerdem wollte Rain nicht enttäuscht werden, oder traurig sein, wenn der Wolf eines Tages von hier verschwand. Es war einfacher ihn als nicht mehr als eine Ablenkung zu sehen, die zwar nicht sein durfte, aber die Rain nicht bereute. Was sie bereits getan hatten konnten sie nicht zurück nehmen, also wieso sollte Rain Nayantai jetzt nicht im Arm halten und sanft durch sein Haar streicheln, auch wenn er dabei weniger egoistisch war, als er sich einzureden versuchte.
    • Ein Wolf war nicht dafür gemacht in einem Haus zu leben, sich den Schafen zu unterwerfen und ihre Ideale zu kopieren oder gar anzunehmen. Einem Wolf schenkte man die Freiheit, die Nayantai in diesem Sinne nicht besaß, aber auch gerade nicht suchte. Mehr als das, was Rain ihm gab, schien er nicht zu bekommen, aber es störte den Wolf nicht - die kühle Winterluft, das kalte Wasser und so vieles mehr, an das sich der Wolf eigentlich gar nicht entsinnen sollte, fehlte ihm gerade nicht, auch, wenn er wusste, dass er nicht hier sein sollte, nicht Rain's Haustier war. Nayantai war es, der abgestumpft war, der keinerlei Emotionen mehr zeigen sollte oder sich wirklich leicht damit tat, sich nicht hinter einer sturen Miene zu verstecken - aber in dem Moment waren es nicht nur rote Augen sondern auch rote Wangen, Wärme, die von diesen aufstieg und ihn vollends verwirren wollten. Wieso ausgerechnet jetzt wusste er nicht, warum ausgerechnet in der Nähe von Rain war ihm auch nicht klar, aber die Wahrheit war, dass sie beide wohl nicht mehr als verlorene Lämmer waren, die versuchten sich zu helfen, gegenseitig aufzubauen und glaubten, dass genau das sie weiterbringen würde, als sie ohnehin schon gefallen waren. "Wirklich?", murmelte er, wollte seinen Blick schon wieder abwenden und sich zurückziehen, war all die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wurde, nicht mehr gewohnt. Nayantai fand vieles sonderbar, allem voran das Verhalten des Lammes sowie die Freundlichkeit und Toleranz, die ihm gegenüber existierte - "Warum?" - wieso sagte er das auch laut? Konnte er sich nicht wenigstens einmal zusammenreißen?

      So nah aneinander, nur, weil das Lamm es von ihm abverlangte, weil er derjenige war, der seine Stirn gegen die der einst so bissigen Bestie drückte und weil Nayantai sich auch nicht dagegen wehren wollte - was hatte er davon, einen Aufstand zu fabrizieren, wenn er auch getrost dort bleiben konnte wo er war und das Schaf das machen ließ, was es gerade wollte? Immerhin wäre es nicht das erste Mal und auch nicht der erste Fehler, den die beiden begehen würden. "Sind wir wohl", seufzte der Wolf heiser, der nicht anders konnte, als in die großen blauen Augen zu starren, die ihn an so vieles erinnerten, aber nichts davon war erwähnenswert oder hörte sich nicht unglaublich kitschig an, weswegen Nayantai wohl dazu verdammt war, den Mund zu halten und sich selbst zu sammeln, den Scherbenhaufen zusammenzusetzen und zu atmen, zu leben, damit er Rain irgendwann sagen konnte, was genau er dachte. Aber was für einen Unterschied machte es? In ein paar Monaten hatte er diese unsichtbaren Fesseln abgelegt, würde das Lamm vergessen und in Richtung Thria ziehen und irgendwann vermutlich auch sein Leben in dem Krieg lassen, den er so sehr verabscheute. "Rain ..." - und was dann? Das wusste Nayantai gar nicht, schloss sofort den Mund und konzentrierte sich lieber auf das Schaf vor sich, bevor er seine Arme wieder um ihn schloss, sanfter. "Du verdrehst mir den Kopf." Ob er wohl das Gleiche bei Rain tat? Nicht, dass es so aussah und nicht, dass er ihn deswegen fragen würde, aber aus irgendeinem Grund erhoffte sich der Wolf genau das, der sich aufgrund der Position, in der sie sich befanden, einen weiteren Kuss stahl.
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    • "Wirklich.", bestätigte das Lamm die Frage des Wolfes. Keiner von ihnen beiden konnte wohl recht glauben was mit ihnen passierte, was sie taten und dass es für den anderen genau so in Ordnung war, wie für sich selbst. Rain hatte so viele Zweifel, so viele Fragen und Bedenken, dennoch hörte er nicht auf all das, tat zum ersten Mal worauf er wahrlich Lust hatte, ohne sich zu viele Gedanken darüber zu machen. Er wusste nicht, was nun gefährlicher war, sich draußen den Schnee anzusehen, sein Land mit all den Flüssen und Bergen, oder in den warmen Armen eines Wolfes zu liegen, in seinem warmen Bett. Wieso musste er auch immer Dinge wollen, die er nicht haben konnte? Ja warum war eine gute Frage die der Wolf da stellte, die Rain aber nicht beantworten konnte. "Ich... ich fühle mich wohl, obwohl ich weiß, dass es falsch ist...", murmelte er, seufzte leise, fragte sich wieso ihre Welt so kompliziert sein musste. "Ich konnte nie tun was ich wirklich wollte, aber... das hier kann ich tun und ich schätze... mhh vergiss es." Nayantai verstand vermutlich ohnehin wieder nicht was Rain sagte und Rain fehlte das Wissen über die Sprache des Wolfes, zudem... klang es dumm, was er eben sagen wollte.

      Rain seufzte zufrieden, als Nayantais Lippen sich nach einem weiteren Kuss wieder von ihm lösten. Wieso fühlte es sich an, als wäre alles in Ordnung, wenn Nayantai seine Arme um Rain schloss, sie sich an einander drückten, obwohl genau das Gegenteil der Fall war. Rain fragte sich, ob sie beide gerade dabei waren einander ins Verderben zu stürzen, ob sie aus dieser Sache lebend wieder heraus kamen. Für die Nähe zu Rain, konnte man den Wolf schon töten lassen und er selbst würde als Hochverräter gelten. Er hatte wenig Angst, dass seine Bediensteten sich in seine Angelegenheiten einmischen würden, oder offen seine Entscheidungen in Frage stellen würden, aber was wenn doch? Was wenn sie sich fragten, was der Wolf mit Rain machte, wenn sie alleine in diesem Teil des Anwesens waren, wenn sie sich fragten, warum Rain sie wegschickte, den Wolf aber nicht. Rain war immer schon eigensinnig gewesen, wurde selten verstanden, aber was jetzt passierte lag so außerhalb der Vorstellungskraft eines einfachen Schafes, dass es nur in Gedanken über dunkle Magie, oder dergleichen enden konnte, wenn sie nicht sogar Rain selbst unterstellten, einen Pakt mit dem Teufel in Form eines Wolfes geschlossen zu haben. Und wieder war Rain nicht frei, gefangen in einer Welt die ihm so vieles verwehrte, was für andere ganz selbstverständlich war und nun, wo er sich wieder ein wenig so fühlte, als wolle er leben, wurde all dies erneut verkompliziert. Wie eine schwere Eisentür stellten sich ihm Regeln, Bräuche und Geschichten in den Weg, die nicht seine eigenen waren, die ihm egal waren. "Ich würde gerne den ganzen Tag im Bett bleiben...", seufzte Rain, der wusste, dass der Tag bereits am fortschreiten war, "... aber ich fürchte ich kann nicht und ich weiß nicht, was ich mit dir tun soll..." Er wollte den Wolf eigentlich nicht verstecken, wollte einfach mit ihm aufwachen können, aber das würde wohl zu unangenehmen Fragen führen. Sara... Sara sollte die einzige sein, die noch in diesen Teil des Anwesens kommen durfte und doch war dies allein schon eine fragwürdige Entscheidung ihres jungen Fürsten. Auf ein Versteckspiel hatte Rain keine Lust und doch wusste er sich nicht anders zu helfen, wusste aber auch nicht, wie er das was er tun sollte und das was er tun wollte unter einen Hut kriegen sollte. "Ich frage mich, ob es so kompliziert wäre, wenn ich bei den Wölfen wäre und nicht du bei uns Schafen..."
    • Nach was konnte sich ein Wolf auch sehnen, wenn nicht nach körperlicher Zuwendung und Freiheit? Es waren keine Peitschen, keine Fesseln und schon gar nicht der Geschmack von Blut im eigenen Mund, der sich auftat, wenn man zu fest in sein eigenes Fleisch bis um die eigenen Schreie zu unterdrücken - hier mochte er die Freiheit zwar nicht vollends besitzen, aber Nayantai hatte dennoch so viel mehr als zuvor. Rain wäre es nicht, der ihn auf Ewigkeiten wegsperren würde, der hoffen würde, er würde irgendwann an abgestandener Luft ersticken oder durch den nächsten Peitschenhieb seinen Weg in ein bereits ausgehobenes Grab finden - er wollte, dass sein Feind lebte und vermutlich nicht im nächsten Konflikt, sobald sie einander vergaßen, sein Leben ließ. Nayantai hingegen wollte nichts weiter als hier weg, über die Berge und nach Thria, dort, wo er seine Familie wiederfinden würde, die hoffentlich noch lebte - sein Volk, das ihn missen musste und all die Dinge, die er im letzten Jahr nicht spüren oder vernehmen durfte. Beinahe wäre ihm, allein durch den Gedanken, warm ums Herz geworden, aber das wurde ihm nicht vergönnt - was, wenn sie bereits wussten, was mit Tei passiert war? Wie sollte er all diese Dinge erklären? Nie, Stillschweigen darüber zu bewahren würde ihm dennoch nicht helfen, wusste er doch, dass man so lange fragen würde, bis er endlich den Mund aufriss und sich sein Leid von der Seele sprach, die mehr als nur zerfetzt worden war. Nayantai war im Inbegriff sich wieder aufzubauen, wieder er selbst zu werden, aber die Wahrheit war, dass er sich jedes erdenkliche Mal so fühlte, als würde sein Herz einen Aussetzer machen, wenn er die Augen schloss und sich mit den weniger schönen Dingen seines bisherigen Lebens konfrontiert sah.

      "Ich wünschte noch immer, ich könnte dich verstehen", beklagte Nayantai sich. Kein Wort der Schafssprache blieb ihm vertraut, auch, wenn er es schaffte in brüchigen Sätzen daher zu nuscheln, schien es noch längst nichts zu sein, das dabei helfen würde, Rain Dinge zu erklären, ihm zu zeigen, was genau der Wolf eigentlich meinte und was er von ihm wollte. In dieser winzigen Welt, dieser kleinen Blase in der sie sich aufhielten, war nichts so wie es eigentlich sein sollte, aber auch diese Blase platzte eventuell sobald einer von ihnen einen Schritt in die falsche Richtung machte, die Hand nach etwas ausstreckte, das sich abseits ihres Weges befand. Nayantai wollte sich erinnern, glaubte, dass es nicht notwendig war, länger vor Rain zu sitzen und so zu tun, als wäre alles in Ordnung, als hatte er all diesen Schmerz und sein eigenes Leid verarbeitet - zu viel davon hatte er verdrängt und zu viel davon war es, das nun auf ihn zurückkam und ihm klar sagte, er hatte den Verstand nicht nur verloren, er hatte wohl auch keine Möglichkeit mehr, ihn wiederzufinden. "Rain ... willst du ... aufstehen?", fragte er schließlich, hatte ungefähr verstanden, was das Lamm gesagt hatte und war eigentlich bereit, von ihm abzulassen, wenn er genau das wollte. Nur nicht jetzt, geschweige denn in den nächsten Minuten, fühlte er sich doch schrecklich wohl an der Seite des Lammes, das er eigentlich gar nicht kennen, geschweige denn als etwas anderes ansehen sollte als Beute. "Mit mir?" Ja, wie kam er hier raus, zurück in sein Zimmer, ohne dass er dabei entdeckt wurde? Die Wachen standen vermutlich noch immer dort, bewachten einen leeren Raum und suchten vermutlich bald nach ihm, wenn sie erst merkten, dass er verschwunden war. "Wenn du ... bei den Wölfen wärst, dann hättest du vermutlich noch schlechtere Chancen, als ohnehin schon. Ich glaube nicht, dass sie dich einfach so mit offenen Armen empfangen würden." Unrecht sollte er dabei vermutlich nicht behalten, aber Rain würde auch nie seinen Weg nach Thria finden, also war die Frage überflüssig.
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    • "Es tut mir Leid, ich... rede... zu viel...", wisperte Rain, ließ seinen Blick über die Lippen des Wolfes gleiten und dachte sich für einen Moment, dass es für sie wohl auch andere Beschäftigungen gab, für die sie ihren Mund gebrauchen konnten und doch war dieser Gedanke mehr als falsch. Rain fühlte sich, als wäre er eingesperrt in einen Körper der niemals seiner sein sollte. Er war neugierig und ehrgeizig und doch konnte er dieses verdammte Haus nicht verlassen, dessen Wände ihn schon seit Jahren langweilten, mehr noch, ihn erdrückten. Alles war immer dasselbe. Zudem war das was er gerade fühlte, an was er dachte, nichts das ein Mann für einen Mann empfinden sollte und auch kein Schaf für einen Wolf. Wie sollte das alles auch funktionieren? "Das gestern... war mein erster Kuss...", murmelte er mehr zu sich selbst als er die Tragweite dieser Handlung erst jetzt realisierte. Ausgerechnet Nayantai hatte Rains ersten Kuss erhalten, sollte er doch eher einem weiblichen Schaf gehören, am besten einer ehrbaren Frau, die er heiraten würde und die Kinder bekam, die besser für das Leben gerüstet waren als er, die... normal waren. Rain verstand, dass Nayantai nach all der Zeit in einem dunklen Keller, nach jedem Strohalm griff und Rain war nun Mal der Einzige in Reichweite, aber was war seine Ausrede für das was er fühlte und das einfach nicht weg gehen wollte... das es auch nicht sollte.

      Rain schüttelte die Gedanken ab, schüttelte seinen Kopf als konnte es helfen und gleichzeitig um dem Wolf zu bedeuten, dass er ihn falsch verstanden hatte. "Ich will nicht aufstehen... ich... ich muss... irgendwann... bald...", auch das murmelte er vor sich hin. "Aber... wir können ja auch nicht den ganzen Winter verschlafen... es kommt mir vor als würden wir die ganze Zeit über nichts anderes tun. Zwei Tage du und ich weiß nicht einmal wie lange ich selbst geschlafen habe... Wir sind ja schließlich keine Bären, wir müssen keinen Winterschlaf halten.", lachte Rain und wusste nicht recht was nun das richtige Geräusch für einen Bären war, es gab wohl keines das sich signifikant von einem Wolf unterschied. "Und ja... was mache ich mit dir? Ich wünschte ich müsste dich nicht verstecken..." Auch wenn Rain all das sagte, er rutschte ein wenig nach unten, kuschelte sich ein wenig an Nayantai. "Erst einmal... sollte ich mich umziehen...", murmelte er und bemerkte, dass der Wolf nach Wald roch... zumindest stellte Rain sich vor, dass ein Wald, kurz nach dem Regen, genau so roch. "... dann sollte ich die Wachen von deinem Zimmer weg bekommen...", murmelte er weiter, vergrub sein Gesicht bei Nayantais Hals. "Und dann... kannst du dich vermutlich hinein schleichen..." Er wollte nicht aufstehen. "Geht es... geht es dir... eigentlich schon besser?" Schafe waren nicht egoistisch? Doch waren sie, Rain war es, der für ein paar Momente nur an seine eigenen Probleme gedacht hatte.
    • Er schüttelte den Kopf, wusste, dass Rain nur das tat, was er schon immer getan hatte - reden und nicht aufhören, so, als würde der Wolf jedes einzelne Wort bereits beherrschen und wenn dem so wäre, dann würde er ihn auch gar nicht mehr aufhalten. Nicht zu verstehen war eines der kleinsten Probleme, die er zumindest im Moment hatte, viel mehr sollte ihn beschäftigen, was er tun konnte um endlich seine Albträume loszuwerden und seine Müdigkeit einzudämmen, die ihn nicht verlassen wollte. Tränen waren geflossen, die Wahrheit war bereits ausgesprochen und das Ende dieser Welt war dennoch weit entfernt, so weit, dass sich Nayantai getrost mit Rain beschäftigen konnte und nicht mit Lappalien, die ihm zeitweise in den Kopf schossen. "Dein ... erster ... Kuss?", fragte der Wolf mit aufgerissenen Augen, hatte die Worte verstanden, die man ihm gerade an den Kopf geworfen hatte. Alles war das gestern gewesen, nur nicht der erste Kuss des Wolfes, der so viel mehr getan hatte als nur das. "Ich ... das ... es tut mir leid", bemerkte er mit leicht betrübter Miene - er hatte Rain etwas, vermutlich wichtiges, einfach gestohlen, nicht nachgedacht, ob es für den Fürsten Konsequenzen geben würde, wenn er, als Prinz, einfach das tat, wonach er strebte. Im Land der Schafe war er aber auch nicht mehr als ein Sklave der einst einen Titel trug, den zumindest dieses Volk so interpretierte. "Das war nicht meine Absicht", und dabei war sogar noch egal, dass er einen Mann geküsst hatte - schlimmer war, dass es ein Schaf gewesen war, das für all die Dinge stand, die ein Wolf verabscheuen sollte.

      Irgendwann ... das war ein gutes Wort. Irgendwann würde Nayantai auch aufstehen müssen, irgendwann würde er sich an die Dinge, die er vergessen hatte, er erinnern und irgendwann würde er nach Hause ziehen, dort, wo der Wind ihn hin trieb und nie wieder zurückkehren, weil er den Weg nach Faerghus vergessen würde und so, wie es alle Wölfe taten, in der nächstbesten Schlacht verschwinden und schließlich endlich den Weg in den Tod finden, den er bis jetzt übersehen hatte. "Ich bin nicht mehr müde, aber wir können gerne hier bleiben", ließ der Wolf verlauten, der es besser wissen müsste - der nicht glauben sollte, er würde verstanden werden, aber was würde ihm das auch schon bringen? Wenn er nicht versuchte, sich mit Rain zu verständigen, was dann? "Du könntest mich ... hm, ich habe keine Ahnung. Passe ich in deinen ... Schrank?", wollte der Wolf wissen und deutete auf die Kommode, die an der Wand stand und so aussah, als würde sie Nayantai keineswegs beherbergen können. Während Rain es war, der ihn vorhin getröstet hatte, war es nun der Wolf, der ihm durch die Haare strich und ihn an sich drückte, damit er nicht abrutschen konnte und die Möglichkeit hatte, sich noch etwas auszuruhen, bevor er wirklich wieder den Weg auf seine dünnen Beine fand und versuchte, seine eigene Neugierde zu stillen. "Mhm, tut es ... danke", entgegnete der Wolf, dessen Miene sich dennoch nicht veränderte, vermutlich zu Rains Leidwesen. "Geht es dir gut?"
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain drückte sich ein wenig von Nayantai, sah ihn an und lachte leise. "Wieso entschuldigst du dich?", fragte er und schüttelte den Kopf. "Es ist nicht so, als hättest du mich gezwungen. Ich habe mich selbst dazu entschieden, auch wenn ich es nicht hätte tun sollen. Jetzt ist es zu spät und es... ich sollte es bereuen, aber ich tue es nicht wirklich." Es stimmte, zu bereuen war nur etwas, das Rain sich einzureden versuchte, das er, glaubte er, fühlen musste, aber nicht tat. Das Gefühl war schön gewesen und er wollte es gerne wiederholen, fragte sich, ob ein Kuss sich immer so anfühlte, aber bisher hatte er niemals Interesse an so etwas gezeigt, erst als der Wolf aufgetaucht war. Er würde ebenfalls lügen, wenn er sagte, er hätte den Kuss nicht erwartet und zuvor nicht schon einmal darüber nachgedacht, auch wenn er von all diesen Dingen eigentlich keine Ahnung haben sollte. Wenn sich jemand entschuldigen musste, dann war es wohl eher Rain, der den Wolf erstens nicht aufgehalten hatte und zweitens als unerfahrenes Lamm bestimmt nicht das war, was Nayantai wollte. "In Thria hattest du bestimmt viele... nun ja... Verehrerinnen...? Mh... egal..." Das war eigentlich gar kein so gutes Thema.

      Rain folgte lieber Nayantais Hand, sah zu wo er hinzeigte und musste erneut lachen. "Schrank.", übersetzte er das Wort und schüttelte erneut den Kopf. "Sei nicht albern. Wie lange sollte ich dich da drin behalten? Abgesehen davon würde bestimmt der ein oder andere in Panik geraten, wenn sie merken, dass du nicht mehr in deinem Zimmer bist." Das war nicht einmal gelogen, Rain fand den Gedanken trotzdem sehr amüsant und kuschelte sich noch einmal an den Wolf. Ob es dem Wolf nun wirklich besser ging, war eine andere Frage, aber zumindest waren seine Tränen für den Moment versiegt. "Mir geht es gut...", antwortete Rain, bis auf die Gedanken die in seinem Kopf umher kreisten und sicher lauter wurden, wenn er Nayantai erst einmal los gelassen hatte, ging es ihm tatsächlich den Umständen entsprechend gut. "Das Fieber ist weg." Auch wenn ihm in Nayantais Nähe immer irgendwie heiß wurde. "Und ich kann wieder atmen..." Besser atmen, sollte es wohl heißen, zumindest so gut, dass er sich nicht ständig zusammen reißen musste, jedoch war es ohnehin immer besser, solange er sich nicht viel bewegte. Er sollte sich jedoch umziehen, das feuchte Hemd los werden, das sich mit Nayantais Tränen voll gesogen hatte und nun an seiner Brust klebte, darauf wartete die Kälte wieder in Rains Körper zu bekommen. Er seufzte, löste sich nun endgültig von Nayantai und lächelte noch einmal, bevor er tatsächlich die Beine aus dem Bett schwang, aufstand und zu seinem Schrank ging. "Vielleicht passt du doch rein...", scherzte er als er ihn öffnete und sich etwas frisches zum Anziehen suchte. Dabei beschränkte er sich auf ein frisches Hemd und etwas, das er darüber ziehen konnte und ihn warm halten sollte. Kuss hin oder her und egal ob er Nayantai schon einmal nackt gesehen hatte, er war nicht bereits sich nun selbst vor ihm zu entblößen. Stattdessen kehrte er ihm den Rücken zu, während er sein Hemd aufknöpfte, damit er das neue überziehen konnte.
    • In Thria war alles anders. Es gab keine elenden Schafe, zumindest nicht langfristig und es gab auch keine Eskapaden wie diese, die dazu führten, dass sich der Wolf peinlich berührt fühlte, weil er die seinen Lippen auf die eines Mannes gelegt hatte, mehrmals. Nayantai wusste, dass so vieles, das er in den letzten Tagen getan hatte, nicht den Idealen der Wölfe, geschweige denn seinen eigenen entsprach - und doch fühlte es sich eher so an, als wäre er von seinen Fesseln befreit als es das tat, nachdem Rain ihm zumindest die Freiheit in diesem Haus angeboten hatte, nach der er griff, sobald sich die Chance dazu ergeben hatte. "Ich ... ah. Ich wollte dir nichts wegnehmen", antwortete er, wusste, dass er noch viel mehr zu lernen hatte, bevor er die Schafssprache beherrschte, die ihn so sehr plagte und dass all das nicht über Nacht geschehen würde, sondern nur, wenn er sich weiterhin mit Rain unterhielt und sich nicht zum Narren halten ließ. "Du bereust ihn nicht? ... ich auch ... nicht." Nicht, dass der Wolf verwundert war, es belustigte ihn eher - ein kurzer Grinsen schlich sich auf seine spröden Lippen, ein Lachen blieb dieses Mal jedoch aus. Das Wort, das das Lamm ausließ, hätte der Wolf zu gerne verstanden, konnte sich darunter allerdings eher weniger vorstellen - und Rain machte keinerlei Anstalten, es zu erklären sondern löste sich lieber von dem Wolf und rappelte sich auf. "Ich hatte was in Thria?", harkte Nayantai nach und wirkte dabei eher verwundert. Warum genau Rain so auf sein vergangenes Leben fokussiert war, war ihm nicht einleuchtend, aber es machte den Wolf schließlich noch immer zu dem, der er im Endeffekt war.

      Rain fand die Nähe zu ihm kurz zurück, wenn auch nur für den Moment, warf ihm erneut Worte in der fremden Sprache an den Kopf und war allgemein wohl eher nicht darüber erfreut, dass sich der Wolf in einem Schrank verstecken wollte - oder belustigt darüber, dass er es überhaupt in Erwägung gezogen hatte. "Groß genug wäre er", scherzte der Wolf, der dort blieb, wo er war - in Rains Bett, das der Blonde verließ. Fast fühlte es sich an wie ein klaffendes Loch in seiner Seite, nachdem ihn das Lamm einfach so alleine gelassen hatte, aber das störte ihn auch gar nicht, zumindest redete er sich das ein, als er sich aufsetzte. "Das ist ... gut zu hören", entgegnete er und drückte sich schließlich selbst auf die Beine, fragte sich, wie lang er diesen elenden Verband eigentlich noch tragen musste und wie lange es brauchte, bis die Wunde an seiner Seite aufhörte, ihm an ein unangenehmes Ziehen zu beschweren, nur, weil er Rain hochhob oder zu schnell auf die Beine fand. "Siehst du? Aber willst du mich wirklich in deinem Schrank verstecken?" Natürlich nicht - sich in diesem verfluchten Schrank zu verstecken war zwar eine Idee gewesen, aber wirklich aus dem Dilemma helfen würde es weder ihm noch Rain. Ob man ihn bereits suchte? Vermutlich noch nicht, aber bald, insofern die Schafe bemerken sollten, sie bewachten ein leeres Zimmer. Eher uneingeladen wanderte er zu Rain, der ihm den Rücken zugewandt hatte und ließ von hinten seine Arme über dessen Schultern fallen, lehnte sich beinahe schon absichtlich gegen die zierliche Gestalt. "Und dann rennst du mir einfach davon."
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    • Der Wolf bereute also auch nicht, wieso sich also Gedanken machen? War es nicht ihre eigene Sache, nur ihre, was sie da taten oder nicht? Wieso mischten sich Leute in etwas ein, das sie nicht betraf, wieso hatte die Gesellschaft zu entscheiden, für wen man etwas empfinden durfte und für wen nicht, oder wen man sich aussuchte, um ein wenig Spaß haben zu können, um sich einmal nicht elend zu fühlen. Sobald Rain aufgestanden war, war ihm kalt, sein Körper fühlte sich wie immer träge an und er hatte noch weniger Lust, den Tag außerhalb dieses Zimmers zu verbringen, mit Dingen, die seiner Aufmerksamkeit bedurften. Trotzdem musste er das tun und fragte sich, ob er nicht den Wolf die kommende Nacht nicht wieder bei sich haben konnte, ob er das überhaupt wollte und wenn ja, wie Rain das bewerkstelligen konnte. Es war wohl kein Wunder, dass Rain sich nach den Armen des Wolfes sehnte, es hatte vielleicht gar nichts mit Nayantai selbst zu tun, sondern nur mit der Tatsache, dass er diese Wärme ausstrahlte, die dafür sorgte, dass Rain sich wohl fühlte. Zumindest war es einfacher daran zu glauben.

      Rain erschreckte sich beinahe, obwohl er gemerkt hatte, wie der Wolf auf ihn zu gekommen war, als plötzlich die schweren Arme auf seinen Schultern landeten und Nayantai sich gegen ihn lehnte, als wäre Rain nicht die dünnste und zierlichste Person, die er jemals getroffen hatte. Rain hielt dem Gewicht stand, sah an sich hinab, betrachtete den Körper unter dem geöffneten Hemd, das nur noch von seinen Schultern baumelte und erst jetzt preis gab, wie Rain unter all dem Stoff tatsächlich aussah. "Du hattest bestimmt viele... Frauen... in Thria.", murmelte Rain, glaubte, dass es nun verständlicher war, was er sagen wollte und zog das Hemd wieder ein wenig vor seinen Körper, nachdem er es ohnehin nicht ausziehen konnte, solange der Wolf sich an ihn legte. Es war ihm ein wenig unangenehm, dass er weder den kräftigen Körper eines Mannes hatte, so wie Nayantai, noch die Rundungen einer Frau, die wohl eher das war, nachdem es Nayantai eigentlich verlangte. Viel eher hatte er immer noch den Körper eines Kindes und selbst dafür war er zu dünn und schwach. "Ich tue... was?", fragte er außerdem, hatte nicht verstanden und machte sich vermutlich zu viele Gedanken darüber, war es doch bestimmt nichts, was ihn verletzen konnte, oder sollte, es war lediglich sein Verstand, der dem unsicheren Lamm einen Streich zu spielen versuchte.

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    • All jenes, das innerhalb dieser vier Wände passierte, war irrelevant, zumindest für diejenigen, die nicht Rain oder er waren. Wachsame Ohren waren eines, aber selbst wachsame Augen würden vermutlich nicht mitbekommen, was genau sich hier abspielte. Nayantai wusste nicht, ob er eben das vorzog oder insgeheim darauf hoffte, man würde die beiden miteinander erwischen und ihm vermutlich endlich den Kopf abschlagen, oder ihn gar bei lebendigem Leibe verbrennen, damit er dem Fürsten nie wieder einen Fluch auferlegen konnte, der ihn seiner Sinne berauben würde - aber warum sollte er auch auf seinen eigenen Tod hoffen? Es war nahezu idyllisch hier, ruhig genug um sich miteinander zu unterhalten und vermutlich auch, um der eigenen Selbstsucht freien Lauf zu lassen, obwohl man das gar nicht erst tun sollte - Nayantai sollte sich selbst maßregeln und eigentlich wissen, dass seine Finger nichts an dem Körper eines Lammes verloren hatten, geschweige denn, dass er diese Zweisamkeit mit ihm genießen konnte. Sein Kopf sagte ihm, Rain würde ihn fortschicken und ihn nicht wiedersehen wollen, sobald er über die Türschwelle trat, aber all das hörte sich eher so an, als redete er es sich ein, Rain würde noch immer mit ihm spielen, nicht wirklich etwas von ihm wollen, sondern einfach nur danach verlangen, dass er sich ihm öffnete, damit er ihn wegwerfen konnte, sobald er nicht mehr interessant war. Rain war so nicht, das wusste er - oder glaubte er zumindest.

      Sollte er von dem Lamm gänzlich ablassen? Dabei war es gerade so schön einladend, das Schaf dabei zu stören, wie es sich fertigmachte und schließlich verschwinden würde, ehe er wieder in Nayantais Zimmer aufkreuzen würde und die Sonne vermutlich nur mehr als winziger Punkt hinter einem Berg zu sehen war. "Und zumindest genau so viele Männer", hauchte er in Rains Ohr, bevor er in dieses biss - vielleicht sollte er ihn doch necken, einfach aus dem Grund heraus, dass Nayantai die Reaktion des Lammes belustigen würde, oder weil er selbst gerade nicht wusste, wohin mit ihm, als er wieder von ihm abließ und an seinem entblößtem Oberkörper nach unten sah. Was sollte er auch schon sehen, das ihm nicht selbst fehlte? Rain war hager und vielleicht etwas zu klein geraten, aber all das störte den Wolf nicht, der von seinem Lamm - seiner Beute - abließ. "Du stehst auf und gehst einfach, obwohl du derjenige warst, der meinte, er will noch nicht aufstehen", seufzte er mit einem Kopfschütteln, bevor er sich selbst wiederum zum Bett begab, aber sich lediglich zu dessen Ende begab, sich gegen das Holz dort lehnte. "Was mache ich nur mit dir?"
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    • Ein Schauer wanderte Rains Wirbelsäule entlang, als der Wolf in sein Ohr biss und sich anschließend wieder von ihm entfernte. Erneut fühlten sich seine Wangen heiß an, jedoch ganz anders, als hätte er Fieber. Er drehte den Kopf, sah dem Wolf zu, wie er zurück zum Bett wanderte und zog sich immer noch nicht weiter um, obwohl er wohl nicht so in der Kälte stehen bleiben sollte. "Männer, ja?", fragte er mit einer Mischung aus Neugier und Scham. Er schämte sich dafür, weder noch zu sein, dafür, dass er keine Ahnung von all diesen Dingen hatte, im Gegensatz zu dem Wolf und dafür, dass er den Wolf in etwas hinein zu ziehen schien, mit dem er nichts zu tun haben sollte. "Bei den Schafen... ist das nicht... erlaubt... in Ordnung? Mh... aber ein Schaf und ein Wolf auch nicht, also ist es auch schon egal.", murmelte Rain gebrochen und drehte dem Wolf doch wieder den Rücken zu, streifte das alte und an einer Stelle feuchte Hemd ab und griff nach einem Neuen, schlüpfte hinein und begann es zuzuknöpfen.

      Die Schafe schienen so viele Regeln zu haben, vor Allem was betraf, mit wem sie ihr Bett teilten, auch wenn sich wohl nur wenige an diese Regeln hielten. Dass ein Wolf im Bett eines Schafes nichts zu tun hatte, das brauchte nicht erwähnt zu werden, aber daneben gab es eben auch die Regel, dass nur eine Frau einen Mann lieben durfte. Es machte ja auch Sinn, denn schließlich musste eine Familie fortgeführt werden und weder zwei Männer, noch zwei Frauen konnten das alleine bewerkstelligen. Nebst dieser Regeln sollten ein Mann und eine Frau aber ohnehin nur miteinander verkehren, wenn sie verheiratet waren, nicht einmal nach einer offiziellen Verlobung durften sie Nachts im selben Zimmer verweilen und danach durfte es niemand anderes mehr. Rain jedoch wusste, dass sich niemand daran hielt. die jungen Fürsten in seinem Alter vergnügten sich in den Gärten und angrenzenden Wäldern und noch keinen hatte der Zorn der Götter ereilt. Nur Rain blieb das mehr oder weniger verwehrt, auch wenn er bisher kein Interesse daran gezeigt hatte. Nachdem er sein Hemd zugeknöpft hatte, drehte er sich wieder zu Nayantai um und zog sich auch noch etwas wärmeres über den kalten Körper. "Was du... mit mir machst?", fragte Rain, legte den Kopf schief und lächelte, er wollte nicht zu viel über all das nachdenken, lieber den Tag hinter sich bringen und dann sehen, wie es weiter gehen konnte. "Ich wollte auch nicht aufstehen, aber seit du hier bist, habe ich mich nicht wirklich um mein Land gekümmert. Es gibt ein paar Dinge die ich erledigen muss, aber ich denke nicht, dass es lange dauert. Im Winter steht hier fast alles still."
    • "Ihr Schafe könnt ziemlich langweilig sein, was solche Dinge angeht", meinte der Wolf auf die Aussage des Lammes hin, das wohl auch erklärte, warum Rain dazu neigte, sich zu zieren. Wölfen waren viele Dinge egal - war man nicht verheiratet oder verlobt konnte man verkehren, mit wem man wollte, so lange man sein Ansehen wahrte und sich nicht übernahm. Tatsächlich war es aber auch nicht verwunderlich, wenn der Kronprinz eines sterbenden Volkes - und vom Krieg zerpflückten Landes - mit jemandem vermählt werden sollte, den er eigentlich nicht liebte und damit lediglich ein Mittel zum Zweck wurde, um ein aussterbendes Volk davor zu bewahren, zugrunde zu gehen und die eigenen Reihen zu stärken. "Ist es nicht egal, ob man mit einem Mann oder einer Frau schläft, so lange man sich dabei wohlfühlt?", harkte er nach, wusste aber, dass er persönlich wohl nicht mehr für Tei empfunden hatte, als man ihm abverlangte. Eigentlich würde man tagelang weinen, starb die Person, von der man glaubte, sie sei das Gegenstück zu einem, aber selbst nach der Realisation fühlte sich Nayantai eher befreit und noch viel eher so, als hätte er einen Freund verloren und keine Frau. "Und ich meine, wenigstens sterben die Schafe nicht aus, wenn sich ein Schaf mit einem Wolf vergnügen würde ...", murrte der Wolf unwillig, der die Arme wiederum verschränkte und den gleichen, sauren Gesichtsausdruck auf seinen Zügen wusste, den er vor wenigen Tagen noch standardmäßig getragen hatte. Womöglich hätte er seine dreckigen Hände gar nicht erst an Rain legen sollen.

      Der Wolf wanderte um das Bett, suchte nach dem Hemd, das er gestern noch ausgezogen hatte und fand es schlussendlich am Boden wieder - er griff danach, hob es auf und begann, sich eben jenes wieder anzuziehen, mit den Knöpfen zu kämpfen, die noch nie wirklich seine Freunde waren und es schließlich, zumindest halb zugeknöpft, an seinem Körper zu lassen. Auch fasste er nach seinen Haaren, dem Band, das Rain ihm geben hatte und löste den Zopf, aus dem diverse Haarsträhnen ohnehin schon entkommen waren - einen Kamm hatte er hier nicht, weswegen er sich das Band wieder um sein Handgelenk schnürte und herzhaft gähnte. "Ja, wenn du schon nicht im Bett bleibst und dich an mich kuschelst, was stelle ich bloß mit dir an?", raunte der Wolf und schloss die Distanz zwischen den beiden wieder, nachdem sich das Lamm schlussendlich wieder bekleidet hatte. Seine Hände legte er nicht auf das Lamm, griff nicht nach ihm, sondern stand einfach nur dort und rührte sich kein Stück weit. "Mh, wenn ich dich verstehen könnte, dann würde ich vermutlich leichter nachvollziehen können, warum aber ... ich verstehe nicht, schon wieder", lachte er beschämt und kratzte sich am Hinterkopf. "Soll ich einfach hier auf dich warten? Nein, ich glaube, das wäre nicht gut."
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    • "Ich schätze... ein Wolf und ein Schaf ist bei den Wölfen auch nicht... in Ordnung, oder?", fragte Rain nach, war ein wenig frustriert, dass er die Sprache nicht besser konnte und konnte sich nicht vorstellen, dass die beiden verfeindeten Völker eine Verbindung und sei sie auch nur platonisch, zulassen, oder verstehen würden. Rain verstand es ja selbst nicht, er wusste, dass ein Wolf vor ihm stand, man sah es Nayantai ja auch überall an, die vielen narben, das dunkle Haare, die dunklen Augen und trotzdem sah Rain keinen Unterschied zu einem Schaf, keinen der ihn dazu veranlasste den Wolf anders zu behandeln. Er behandelte ihn zwar, wie er niemand anderen behandelte, wurde auch von ihm anders behandelt, als von anderen, aber das lag Rains Meinung nach nicht an seiner Herkunft, sondern höchstens an der Tatsache, dass eine hohe Stellung eines Schafes, bei den Wölfen nichts wert war und sie nichts gaben auf Regeln und Gepflogenheiten. Rain hieß das sehr willkommen.

      Der Wolf schien ein wenig grimmig, stellte sich vielleicht die selben Fragen wie Rain, aber dieser verstand im besten Fall nur Wortfetzen die unzusammenhängend und wenig Sinn ergebend in der Luft schwebten. Mann, Frau, Schaf, Wolf, die Worte verstand er, aber nicht den Sinn der Sätze die aus Nayantais Mund kamen und wohl an das vorhin gesagte anknüpfen sollten. Nayantai schloss alsbald jedoch die Distanz zwischen ihnen erneut, ließ seine Hände aber bei sich, so wie Rain auch. "Wir beide schlafen viel zu viel...", lächelte Rain und seufzte leise. "Irgendwann werden wir uns schon verstehen... hoffe ich. Aber erst einmal, komm mit." Rain griff nach Nayantais Hand und zog ihn mit sich zur Tür seines Zimmers. "Warte hier.", verlangte er und deutete eben das mit seinen Händen an, legte auch einen Finger auf seine Lippen. "Wenn die Luft rein ist, dann geh in dein Zimmer." Dann öffnete er die Tür und sah einmal nach draußen in den Gang. Nayantais Zimmer lag am Ende des Flurs, wo sich sehr wohl zwei Wachen positioniert hatten. Rain trat also nach draußen, ließ die Tür einen Spalt offen und bewegte sich anschließend auf die Wachen zu. Es folgte ein kurzes Gespräch in dem er argumentierte, dass der Wolf sich die letzten Tage ja benommen hätte, was er eigentlich nicht getan hatte, und anschließend bat er sie, ihn zu begleiten. Es wurden keine Fragen gestellt, denn es war Rain der ihnen einen Befehl gab, auch wenn er es nett verpackte und wenig später war der Gang leer. Rain hatte tatsächlich ein paar Dinge, um die er sich kümmern musste und auch wenn er normalerweise mit Nayantai gegessen hätte, so wie die Tage nach seiner Ankunft, hatte Rain das Gefühl, es wäre nun besser sich weniger auf ihn zu fokussieren, damit er keine unangenehmen Fragen beantworten musste. Deshalb schickte er auch nur Sara, um ihm etwas zu bringen, das er hoffentlich endlich einmal auf aß.
    • "Das heißt aber nicht, dass ich mich auch daran halten muss", brummte der Wolf als Antwort. Ja, vielleicht war es auch zu verwegen sich in seinen Fressfeind zu verlieben, oder aber eine Nacht mit ihm zu verbringen, aber im Endeffekt waren sie alle gleich - Menschen, die nicht wussten, so ihnen der Sinn stand, geschweige denn glaubten, dass es gut für sie wäre, würden sie nur nach Regeln leben. Nayantai wusste, dass es gar nicht so einfach war, all diese Hürden zu überwinden, sich selbst einzugestehen, dass man sich nicht mehr maßregeln lassen wollte und dass man einen eigenen Kopf auf den Schultern wusste, denn man zu weitaus mehr zu verwenden wusste, als nur nachzudenken. "Wir beide bereuen es nicht, also wieso an die denken, die uns sowieso nicht sehen?", warf er ein und war sich sicher, dass er das nicht hätte sagen sollen. Vielleicht hätte er Rain auch gar nicht erst ansprechen sollen und womöglich war es auch ein Fehler gewesen, sich dem Lamm offenbaren zu wollen. Niemals wäre er mehr als ein Wolf, egal, wie lange er inmitten von Schafen leben wollte und egal wie viele Jahre er in diesem Kerker verbrachte. Schafe kamen ihn vielen Formen, manche sahen den Wölfen gar nicht so unähnlich, aber selten hatten sie so lange Haare und noch viel seltener dunkle Augen wie die seinen, kein Verständnis für die Welt oder aber für die Wölfe, die nicht mehr zu sein schienen als Monster, die sich die Haut eines Menschen übergestülpt hatten.

      "Vielleicht sollten wir auch gar nicht erst wach sein", seufzte Nayantai, der gar nicht wach sein wollte, der noch immer mit dem Gedanken spielte, dass er das hier gar nicht mehr erlebte, sondern sich bereits irgendwo im Nirvana befand, an einem gottlosen Ort, während er durch schwarzes Wasser trieb und langsam nicht nur seine Erinnerungen sondern auch seine Stimme verlor - seine Berechtigung zu existieren, weil der Tod schon längst die tiefschwarzen Krallen an ihn gelegt hatte und ihn immer weiter in die Tiefe zog. Den Anweisungen des Schafes leistete er folge, lauschte von der Tür aus, wie Rain mit den Wachen sprach und sie davon lockte, wartete, bis sich die Schritte entfernten und machte sich auf den Weg in sein Zimmer, in welchem er auch schon verschwand. Die schwere Tür schloss sich hinter dem Wolf, der sich nun allein in seinem aufgebauschten Gefängnis wiederfand und nicht wusste, was er tun sollte. Missmutig griff er nach einem Kamm, begann, sich die endlos wirkenden Haare zu frisieren, die ihm vermutlich zu Berge standen und fragte sich, wie lange er in diesem Raum eigentlich wieder ausharren müsste. Eigentlich hätte er genug Zeit, sich wieder hinzulegen oder aber das Buch zu lesen, das man ihm gegeben hatte - wenn es sich denn noch auf seinem ursprünglichen Platz befunden hätte. Hatte er es verlegt? Nein, das war nicht seine Art, außerdem hatte er keinen anderen Ort außer den Nachttisch, an dem er es abgelegt hatte - nervtötend.
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    • Nayantai hatte recht, warum sollten sie sich auch an irgendwelche Regeln halten, wobei der Wolf es vermutlich einfacher hatte, so fernab seiner Heimat. Rain hingegen sollte Verantwortung übernehmen und sich nicht immer in Selbstmitleid baden, warten endlich an einem der vielen Fieber zu sterben, weil er keine Lust mehr hatte mir einem Körper durchs leben zu laufen, der ihm nur Probleme bereitete und die meiste Zeit schmerzte, als wäre er ein alter Mann. Er erledigte zwar seine Aufgaben, so wie auch heute, aber er rechnete nicht damit diese Aufgaben lange zu erledigen, vielleicht noch diesen Winter, vielleicht den nächsten. Er hatte schon vor langem aufgehört zu weit nach vorne zu blicken, in eine Zukunft, die er mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr erlebte. Er hatte zwar Angst vor dem Tod, wenn er ihm denn mal begegnete, so wie noch vor ein paar Tagen, aber er hatte auch Angst vor dem Leben, das er weiter führen musste und sich im Moment noch viel komplizierter, aber auch aufregender und abwechslungsreicher machte. Aber vor Allem wollte er hier raus, hielt es nicht mehr in diesem Haus aus, das sich niemals änderte, nur kühler und verlassener wurde. Vielleicht war es falsch Nayantai in diesem Zimmer einzusperren, in diesem Haus, das nicht einmal im gefiel, wenn er doch ein Wolf war und frei sein wollte. War es überhaupt sein Platz sich um ihn zu sorgen? Zu bestimmen wozu er fähig war, oder nicht? Was sollte er tun...?

      Rain würde lügen, wenn er behauptete, er hätte sich mit seiner Arbeit beeilt. Er hatte es zwar versucht, hatte ein paar Berichten halbherzig gelauscht und ein paar Schriftstücke aufgesetzt, aber er brauchte ewig dafür und hatte kaum zugehört, musste sich alles zwei mal erzählen lassen. Er schob es darauf, dass er noch ein wenig krank war, wusste aber, was der eigentliche Grund für seine Zerstreutheit war. Er konnte nicht aufhören, an den Kuss zu denken und auch nicht an Nayantais Tränen heute Morgen, denen er vielleicht mehr Aufmerksamkeit hätte schenken sollen, statt wieder irgendetwas vor sich hin zu plappern, das der Wolf sowieso nicht verstand. Immerhin hatte weder der Wolf Rain, noch Rain den Wolf von sich gestoßen, sie bereuten beide nicht was passiert war, aber was bedeutete das? Würden sie es deshalb wiederholen? Wollte Rain das? Es hatte sich so gut angefühlt und wenn er daran dachte, wurden seine Wangen erneut warm, sein Herz schlug ebenfalls schneller... es verwirrte ihn, machte ihm vielleicht sogar etwas aus und hatte ihn dazu veranlasst jetzt schon eine geschlagene halbe Stunde nur aus dem Fenster zu starren.
      "Junger Herr?", ertönte es und Rain schreckte auf, fühlte sich beinahe ertappt und richtete sich auf, von einer Position in der er seinen Kopf ungalant auf seine Hand gestützt hatte.
      "Hm? Ja?" Rain sah Sara ins Gesicht die wohl nicht zum ersten Mal versucht hatte ihn anzusprechen.
      "Wollen Sie etwas zu Abend essen...? Es wird schon spät."
      "Ich habe keinen Hunger."
      "A...aber..." natürlich machte sie sich erneut Sorgen um Rain, der auf den Stapel Papier sah, der so verdammt unwichtig war.
      "Schon gut, stell etwas in mein Zimmer, ich esse es später."
      "Und der... der..."
      "Der Wolf? Bring ihm etwas."
      "Und... was geschieht mit ihm? Sollen wir die Wachen wieder...", fragte eine Stimme von der Tür, Eraqus, der sich - wie konnte es anders sein - ebenfalls Sorgen machte. Wie kam es, dass Rain sich von niemandem von ihnen helfen lassen wollte und stattdessen in die Arme eines Wolfes lief?
      "Nein."
      "Aber, er erholt sich langsam, er ist gefährlich, er könnte versuchen Sie umzubringen."
      "Und was hätte er davon? Ich will nicht..." Ja, wie sollte Rain auch nur erklären, dass er dem Wolf helfen wollte, dass er sich um ihn kümmern wollte, obwohl er doch ein wilder Wolf war, ihr Feind? "Er wird nichts tun."
      "Wie lange? Und was wenn... die Krankheit."
      "Ich will nichts davon hören!" Rain erhob sich von seinem Stuhl, knallte beinahe die Handflächen auf den Tisch und wünschte sich im nächsten Moment schon wieder es nicht getan zu haben. So war er nicht, wo war er nie, andererseits hatte es in seinem Leben auch selten Widerworte gegeben. Trotzdem sollte er sich nicht so verhalten, aus vielen Gründen, denn am Ende sorgten sich alle und misstrautem dem Wolf nur noch mehr. Er seufzte tief. "Er ist kein Wolf mehr, ein zahmer Hund ist alles was er ist. Ein zahmer Hund, der wichtige Informationen besitzt." Rain hasste es das auszusprechen und er konnte sich nicht erinnern, jemals über etwas anderes als seinen Zustand gelogen zu haben. Er ließ sich zurück auf seinen Stuhl sinken als wäre er auf einmal um zehn Jahre gealtert und warf einen Blick zu Sara, die ihm offenkundig nicht glaubte, was er sagte. Er legte seine Hand auf ihre, sah aber wieder auf die Papiere vor sich, Waffenlieferungen die der König im Frühjahr von Fhaergus verlangte, Vorräte, die der König nötiger hatte um seine Truppen zu ernähren, als wohl das einfache Volk und Rain musste das alles irgendwie unter einen Hut bringen, während er sich gar nicht darauf konzentrieren konnte. Rain hob noch einmal den Blick, setzte den überzeugendsten Blick auf den er kannte und sah seinen treuesten und ältesten Diener an. "Ich weiß was ich tue. Er soll sich im Anwesen frei bewegen können." Danach ließ er auch Saras Hand los.
      "Sehr wohl, junger Herr.", ertönte es von der Tür als Eraqus von dort verschwand und Sara ihm kurz darauf folgte, doch erst nachdem sie Rain noch einmal einen besorgten Blick zu geworfen hatte. Rain hingegen stützte seine Stirn auf seinen Fingern auf, sah wieder auf das Blatt Papier, auf dem genauso gut alles in der Sprache der Wölfe hätte stehen können und seufzte. Er konnte sich heute nicht konzentrieren, das alles hatte keinen Sinn. Viel lieber wäre er jetzt bei Nayantai gewesen, aber er versuchte es noch für eine gute Stunde, bevor er es aufgab und wenig später an Nayantais Tür klopfte.