spellbound. (earinor & akira)

    • Nayantai wusste, welche Geschichten man sich über die Wölfe erzählte, zumindest, welche es waren, die die Schafe untereinander gerne zu verbreiten schienen. Die Tatsache war allerdings, dass kein Wolf das Fleisch eines Toten anrühren würde, wollte er diesen nicht um sein Hab und Gut erleichtern - ihr Fleisch zu essen war nicht nur riskant, sondern auch widerwärtig, waren sie doch keine Kannibalen, die nicht wussten, wie sie ihre Ahnen ehren sollten. Schafe hingegen glaubten, dass die Wölfe so viel mehr waren - Verräter, Heuchler, Ketzer, Kannibalen, Sünder, Dämonen - Worte, die ihnen oftmals an den Kopf geworfen wurden, die keiner von ihnen hören wollte, weil sie den Ideologien der Schafe nicht unterlagen, sondern selbst wussten, was für sie gut war und was sich wie Gift in ihren Körpern verteilte. Dennoch wusste er nicht, was das hier für ihn war, ob er nicht wahrlich glaubte, das Schicksal hätte ihn verzaubert und ihm gesagt, er müsse für seine Sünden büßen, sollte seine Hände an das Schaf legen und diesem zeigen, was es bedeutete, ein Wolf zu sein - aber Nayantai tat nichts dergleichen, wollte nicht, dass Rain sich unwohl fühlte und ging so sanft mit ihm um, wie er augenscheinlich noch mit keinem war. Doch was, wenn dieser Moment erst endete?

      Der Mond war es, der im Moment noch vorherrschte, der dafür sorgte, dass Rain in seinem Schatten verdeckt wurde und dass Nayantai kaum etwas auf dessen Gesicht erkennen konnte, doch es kümmerte ihn eher wenig - mehr, als die Ruhe, die sie im Moment hatten, brauchten sie nicht. Wenn diese ihnen nicht mehr reichte, dann würden sie zerbrechen, wie schmelzendes Eis - würde den beiden zeigen, dass es auch wichtig war, wenn sie Worte miteinander wechselten, wenn auch nur wenige, die zumindest das gepeinigte Gegenüber verstand, ohne sich zu viel dabei denken zu müssen. "Huh?", bemerkte der Wolf nur verwirrt, als Rain anfing, so viele fremde Worte zu verwenden, obwohl er es ihm vielleicht noch leicht machen wollte, in dem er sich selbst zu zügeln schien. Nayantai verstand dennoch nur die Hälfte des Gesagten, prasselten doch die Wörter wie plötzlicher Regen auf ihn herab. "Bist du eigentlich immer so gesprächig und verwirrend?", fragte der Wolf nach, der sein Lächeln trotzdem noch nicht verloren hatte - der wusste, das es im Moment egal war, was sie einander an den Kopf werfen würden. Rain mochte zwar eine Distanz zwischen den beiden gewonnen haben, doch all das machte der Wolf zunichte, wurde es doch von ihm verlangt. Kurz, bevor er die seinen Lippen wieder auf die des Schafes legte, stoppte er. "Und du bist dir sicher, dass du das willst?", wisperte er, war sich selbst für den Moment nicht sicher, ob er richtig verstand - und küsste Rain schlussendlich trotzdem, wenn auch nur flüchtig. "Ich ... mh ... verflucht", brummte der Wolf, bevor er das Lamm nochmals auf die Lippen küsste. Wenn Nayantai etwas nicht lag, dann war es wohl romantisch zu sein - aber war das in diesem Fall nicht ohnehin hinfällig?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Sollte es Rain überhaupt kümmern, wenn der Wolf ihn tatsächlich verzaubert hatte und nur ein Dämon war, der seine Seele stehlen wollte? Er glaubte an sowas eigentlich nicht, aber er konnte sich auch nicht erklären, warum der Wolf ihn so in den Bann zu ziehen vermochte, wieso er ihm so nahe sein wollte und wünschte, dass diese Nacht nie vorüber ging. Rain fragte sich auch, ob es nicht nur daran lag, dass er bisher niemanden kennen gelernt hatte und niemanden kennen lernen wollte, der ihm jemals so nahe gekommen wäre, musste man doch theoretisch sowieso erst auf eine Hochzeit warten, bevor man eine Nacht miteinander verbrachte. Rain wusste jedoch, dass dieser Brauch eher selten eingehalten wurde, dass die jungen Fürsten, die im Gegensatz zu Rain längst verheiratet waren und Kinder zeugten, sich gerne mal in einem Heckenlabyrinth trafen, sich von einer Feierlichkeit zurück zogen, hinter eine Mauer, einen Busch, oder ein anderes Hindernis, nur um ihrer Jugend freien Lauf zu lassen und etwas Spaß zu haben. Rain jedoch hatte zum einen nie jemanden, der sich je für den schwachen Fürsten interessiert hätte, noch hatte er selbst Interesse an irgendjemandem gezeigt und dann war da natürlich noch das Problem mit dem nach draußen schleichen. Wieso aber hatte er jetzt ausgerechnet Interesse an einem Mann, einem Wolf? Weil er sich die Nähe einfach genommen hatte und Rain all das schon die ganze Zeit über vermisst hatte, ohne es zu merken? Oder hatte er gar wirklich Interesse an Nayantai selbst, an genau der Person die ihn gerade die ganze Zeit über anlächelte, obwohl er zuvor kaum eine gute Miene für ihn übrig gehabt hatte? Und was war eigentlich mit dem Wolf? War er nur einsam, weil er ein Jahr lang alleine an einem dunklen und grauenhaften Ort verbracht hatte? Nutzte Rain diese Situation nur aus, nutzte er den Wolf aus, wie es der König getan hatte, wenn auch auf andere Weise?

      "Ich...", begann er, aber es war schon zu spät, der Wolf legte seine weichen Lippen wieder auf Rains, ließ sein Herz den schnellen Rythmus wieder aufnehmen. Der Wolf löste sich allerdings viel zu schnell wieder, Rain folgte ihm ein Stück, bevor er sich zwang den Wolf anzusehen, so viel mehr von ihm zu wollen. Hatte er nun etwas falsch gemacht? Doch die Frage war hinfällig, der Wolf wollte wohl etwas sagen, aber fand die richtigen Worte in Rains Sprache nicht. Ihre Lippen landeten wieder aufeinander, Rain musste sich erneut an der Schulter des Wolfes festhalten, obwohl er dieses Mal sogar lag, also kaum umkippen konnte. Das Kribbeln in seinem ganzen Körper ging wieder los, aber er wurde das Gefühl nicht los, das er es war und nur er, der etwas Falsches tat. Sanft drückte er Nayantai von sich, keuchte für einen Moment und sah ihn an, war ihm immer noch so nah. "Ich... du... mh..." Wieso wollte sein Sprachzentrum heute nicht so funktionieren wie es sollte? Rain musste nach Fassung ringen, seine Gedanken ordnen die Nayantai ständig wieder in Unordnung brachte. "Du... du musst das nicht tun, wenn du denkst, ich würde dich sonst wieder wegsperren. Ich... willst du das denn...? Du kannst ehrlich sein..."
    • Das hier war von Grund auf falsch - alles, das die beiden gelernt hatten, das ihnen eingetrichtert worden war und das sie am eigenen Leib gespürt hatten, widerstrebte ihren jetzigen Taten, ihre sonst so defensive Haltung. Nayantai wusste, dass er derjenige war, der Schafe abgrundtief hasste, der sie alle töten würde, hätte er die Möglichkeit dazu - aber sein Herz schien noch nicht gänzlich verkohlt, als wäre es ausgerechnet Rain, der es nicht nur wieder dazu zwang, zu schlagen, sondern auch, mehr zu empfinden als oberflächliches Geplänkel, das man so leicht vergaß. Wenn die beiden schon nur deswegen so handelten, weil die Einsamkeit sie dazu trieb, dann verbrachten sie - seiner Meinung nach - viel zu viel Zeit miteinander, nebeneinander und aneinander, die sie anders nutzen könnten, nur, wer wollte das schon? All diese Dinge hatten vermutlich nun dazu geführt, dass sie hier lagen, Hand in Hand, geplagt von der Wahrheit, von einem Schleier geblendet, der ihnen nicht sagen wollte, wohin sie mussten oder was es war, das die beiden nicht tun sollten. Nichts von dem, wogegen sich Nayantai sonst so sehr sträubte schien ein Problem sein, sein Körper schien - zumindest für den Moment - die Überhand gewonnen zu haben und sein Verstand war ausgeschalten, lediglich die Selbstbeherrschung, die er vor allem in der Gegenwart Rains nicht verlieren wollte, konnte er nicht ganz ablegen. Sich einzureden, all das hier passierte jedoch nur, weil er sich selbst nicht zu helfen wusste, weil er eben jene Selbstbeherrschung verloren hatte, fühlte sich falsch an. Wenn überhaupt, dann war es die Einsamkeit, die ihn übermannt hatte, nicht mehr klar denken ließ und er, der beinahe schon wie besessen davon, versuchte, das Loch in seinem Herzen zu stopfen.

      "Du ...?", wollte der Wolf prompt wissen, wusste aber gar nicht, ob es ihm zustand, nachdem er sich wieder von Rain gelöst hatte. Der Adelige hatte das bekommen, das er eventuell von dem Wolf wollte - seine Zuneigung, sein Vertrauen - also warum hatte er ihn nicht schon längst in einen Kerker geworfen? Wollte Rain das hier selbst? So unwahrscheinlich es in den Ohren des Wolfes klingen würde, so wahr war es - die Zweifel, die er hegte, waren minimal und die Wahrheit selbst war, dass sie beide nicht mehr waren als allein und verlassen, als zwei Leute, die in verschiedenen Booten durch das Meer trieben, in der Hoffnung, jemandem zu begegnen, der sie retten konnte - und schlussendlich nur an der Seite des Anderen endeten, der sich selbst nicht zu helfen wusste. "Du? Ich? Wir?", harkte der Wolf nach. Rain war sich wohl uneins, darüber, was er sagen sollte - stotterte vor sich hin wie ein kleines Kind, das Jemandem zu beichten hatte, dass es einen Fehler gemacht hatte. Die folgenden Worte belustigten ihn. "Wenn ich das nicht wollen würde, hätte ich dich gebissen?", fragte der Wolf, der seinen Arm unter dem Lamm hervor zog, nur, damit er sich von diesem entfernen konnte, ihn gänzlich auf den Rücken legen konnte und einen seiner, momentan freien, Arme dazu nutzen konnte, um Rains Hände zu nehmen und über dessen Kopf zu fixieren. "Würde ich das hier tun, wenn ich es nicht wollen würde?", lachte Nayantai schließlich, der mittlerweile über dem Schaf kniete, es nicht mehr gehen lassen wollte - und in diesem Fall, so glaubte Nayantai, als er sich wieder nach unten neigte, fressen würde. "Meintest du nicht, du hättest keine Angst vor mir?", fragte er und biss dem Schaf dabei, eher weniger sanft, in die Nähe dessen Schlüsselbeins. Was zum Teufel war heute bloß los mit ihm?
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain schüttelte den Kopf, jetzt dachte der Wolf auch noch sein Gestottere sollte einen Sinn machen, aber wenigstens hatte er ein neues Wort gelernt. Ein Wort dessen Wiederholung in ihm wiederhallte und erneut Röte in sein Gesicht trieb, ohne dass er wusste warum, e swar doch nur ein simples Wort, ohne Bedeutung und Kontext. Wir... wieso beschäftigte ihn dieses Wort auf einmal so, dass er kaum darauf acht gab, was der Wolf als nächstes sagte. "Gebissen?", wiederholte er und konnte nur dabei zusehen, wie der Wolf sich nun doch von ihm zu lösen schien, aber er ließ ihn, er ließ ihn tun was auch immer er wollte, er hätte sich ohnehin nicht wirklich wehren können. Würde der Wolf überhaupt noch aufhören, wenn Rain ihm sagte er solle es lassen, oder wurde er sich seiner Sache nun schon viel zu sicher?

      Was der Wolf vorhin über das beißen gesagt hatte, das hatte Rain ohnehin nicht verstanden, jetzt aber wurde ihm klar, dass er womöglich zu wenig in die Tat hinein interpretiert hatte, dass dies auch ein Versuch war mehr Nähe aufzubauen, die Rain ihm nun endlich überlassen hatte. Aber wieso wollte der Wolf nun fort von ihm? Hatte er etwas falsches gesagt? Die Frage wurde ihm beantwortet, als Nayantai nach Rains zarten Handgelenken griff und sie bestimmt über seinen Kopf zog, ihn festhielt. Der Wolf musste sich dabei vermutlich nicht einmal anstrengend, aber Rain wehrte sich auch nicht. Für den Moment war er viel zu aufgeregt, perplex und gleichzeitig neugierig, ob der jüngsten Ereignisse. Die blauen Augen blickten zu dem Wolf auf, der zum erneuten Male lachte und sich schließlich zu ihm nach unten beugte. Auch jetzt schlug Rains Herz schneller, er glaubte, dass er nun vielleicht doch etwas Angst haben sollte, aber war das wirklich, was er gerade fühlte? "Ich habe keine Angst...", nuschelte das Lamm, nur damit sich sein Körper einen Moment später anspannte und seine Hände für einen Augenblick doch einen Ausweg suchten. Das Zwicken war dieses Mal stärker ausgefallen und länger. Rain hatte die Zähne aufeinander gebissen, ohne es zu merken, womöglich um einen erneuten überraschten Ton dieses Mal in seiner Kehle zu lassen, was ihm nur teilweise gelang. Er atmete ein, blickte so gut er konnte auf den Schopf Haare vor sich und seufzte leise, nur um seinen Blick auf die Schatten an der Decke zu richten. Der Wolf war es nun eindeutig der die Oberhand hatte, der mit Rain anstellen konnte was er wollte und vielleicht tatsächlich nur tat, wonach ihm der Sinn stand und nicht alles, damit er weiter Rains Gunst genießen konnte. Trotzdem hatte Rain keine Angst. Sein Herz klopfte immer noch in hohem Tempo und sein Magen zog sich zusammen, aber er fand das Gefühl nicht schlecht. Durch die starken Hände an seinen Handgelenken fühlte er sich außerdem nicht mehr so, als wäre er es, der die Kontrolle hatte und den Wolf zu irgendetwas zwingen konnte. "...es ist mir sogar lieber du nimmst dir einfach was du willst.", murmelte er, ohne darüber nachzudenken, froh darüber, dass sein schlechte Gewissen sich verflüchtigt hatte.
    • Schafe waren eigenartig, aber Rain war noch viel schlimmer als jedes andere Schaf, das der Wolf in seinem Leben bereits erblickt hatte - weder schien er irgendwelchem Gesindel großartige Befehle zu erteilen, die dazu führten, dass mehr Wölfe starben, als sie es ohnehin schon getan hatten und gleichzeitig fürchtete er sich nicht vor dem großen, bösen Wolf, der über ihm türmte und ihn biss, als gehöre er ihm. Wieso es bei einem bleiben lassen, wenn Rains makellose Haut beinahe dazu einlud, Spuren zu hinterlassen? Nein, er musste sich zusammenreißen, konnte sich nicht erlauben, dass auch nur irgendjemand sehen würde, was er mit dem Fürsten angestellt hatte. Nayantai schluckte, wusste, dass er die Grenzen bereits hinter sich gelassen hatte, dass sein Herz weniger aufgeregt schien als zuvor, aber dass die leichte Röte selbst den Weg in sein Gesicht gefunden hatte - wohin mit sich? Dieser Situation? Oder gar Rain, der nun derjenige war, auf den sich Nayantai ganz zu fokussieren schien? "Du weißt es noch immer nicht? Dabei tue ich es schon den ganzen Tag lang. Jetzt enttäuscht du mich", seine Stimme klang gespielt traurig, der Gesichtsausdruck wirkte vermutlich auch in der vorherrschenden Finsternis nicht wirklich überzeugend, weswegen der Wolf ihn auch bald wieder sein ließ.

      Blutrünstig oder nicht spielte in diesem Fall keine Rolle - er war derjenige, der das Lamm unter sich beinahe schon zerbeißen wollte und der es sein würde, der es fressen sollte. Was, wenn er darauf gar keine Lust hätte? Er müsste das Lamm gar nicht weiter anfallen, konnte getrost mit ihm spielen, es necken und darauf hoffen, er würde eine amüsante Reaktion aus Rain herausquälen können, bevor er wieder der Müdigkeit verfiel. "Du hast wirklich keine Angst vor mir?" Eigentlich sollte er meinen, es hörte sich an, als log Rain - als waren das nur Worte, die er wiederholte, damit Nayantai ihm nicht auf die Schliche kam, aber es fühlte sich auch bei weitem nicht so an. Wieso sollte das Lamm auch Angst vor einem Wolf haben, das lediglich mit ihm spielte und keinerlei Interesse daran zeigte, es wahrhaft zu töten oder gar zu verletzen? Nayantai biss erneut zu, leckte aber anschließend über die gebissene Stelle und sah wieder zu Rain auf, dessen Kehle nicht nur Worte entkommen waren - aber das hier sollte bei weitem nicht darauf hinauslaufen, dass er Rain in dieser Nacht komplett den Verstand stahl. "Was ich will?", neckte der Wolf ihn, wusste, dass es gerade die falschen Worte waren, die an seine Ohren gedrungen waren. "Glaubst du", er löste den Griff um die Handgelenke des Lammes wieder, setzte sich auf und führte eine der beiden Hände zu seinem Mund, während die andere blieb, wo sie war. "Dass ich das nicht ohnehin schon tue?" Zuerst küsste er das Handgelenk, bevor er auf dieses biss, nicht fest genug, um Spuren zu hinterlassen, aber fest genug, dass es zumindest für den Moment schmerzte, bevor er darüber leckte, bevor er einen Kuss nach dem anderen setzte, als er an dem Unterarm herunterwanderte, aber stoppte, kaum erreichte er den Oberarm. "Aber willst du das überhaupt? Macht dir das überhaupt Spaß, wenn ich mir einfach nur das nehme, was ich möchte?"
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Wieso fühlte Rain sich so wohl, obwohl ein großer, starker Wolf über ihm thronte, ihn an Ort und Stelle hielt, ohne dass Rain sich groß wehren konnte. Er sollte da liegen wie ein verängstigtes Lamm, das wusste was für Schrecken auf es zu kamen, das wusste, wozu Wölfe fähig waren und doch war das Klopfen in seiner Brust keiner Angst zuzuschreiben. Wenn er denn vor etwas Angst hatte, dann davor, dass er sich vor dem Wolf wie ein Idiot benahm, obwohl das gar nicht wichtig sein sollte. Wenn der Wolf ihn nicht hier und jetzt umbrachte, dann hatte Rain erneut die Oberhand, konnte ihn wegsperren, oder töten lassen, wenn er sich von ihm gekränkt fühlte, aber das wollte er gar nicht. Anders gehen, konnte nicht dabei zusehen, wie der verletzte Wolf weiter getreten wurde, sah lieber sein Lachen, oder das leichte Grinsen, wenn er versuchte eine Reaktion aus Rain heraus zu kitzeln. "Ich weiß was das Wort bedeutet...", murmelte Rain, fast schon gekränkt darüber, dass der Wolf ihn für so dumm hielt, aber warum genau er es tat, wusste er immer noch nicht und vielleicht sollte er nicht alles aussprechen, was ihm im Kopf herum geisterte.

      "Soll ich denn Angst vor dir haben?", fragte Rain dieses Mal, weil der Wolf die Frage zum wiederholten Male stellte und bisher immer ein Nein als Antwort erhalten hatte. Womöglich war es dem Wolf lieber, Rain hätte Angst und der Wolf konnte sich wieder stark fühlen, wie er es einst war, konnte derjenige sein, vor dem andere sich in eine Ecke verkrochen und zitterten, wenn sie ihn erblickten. Zittern tat Rain für einen Moment, aber nicht weil der Biss dieses Mal stärker war, sondern weil die Zunge des Wolfes über die wunde Stelle wanderte, die jetzt so viel empfindlicher war. Er sah zu wie dasselbe mit seiner Hand geschah, jetzt wo der Wolf sich aufgerichtet hatte und Rain ansehen konnte wie rot er im Gesicht war, glühten seine Wangen nur noch mehr. Er drehte den Kopf zur Seite, aber konnte seine Augen trotzdem nicht von Nayantai lassen, schloss die Augen für einen Moment und konzentrierte sich auf den Weg, den der Wolf über seinen Arm wanderte, bis er wieder seine Stimmer vernahm. Rain sah ihn an, wollte nichts sagen, oder konnte es eher nicht, sein Körper weigerte sich, war er doch viel zu verlegen dazu etwas von sich zu geben. "Mh...", kam es nur, gefolgt von einem Nicken und einem klareren Geräusch, das ein Ja signalisieren sollte, Ja, er hätte das Gefühl vielleicht nicht als Spaß beschrieben, aber ja, er mochte es, fühlte sich auf sonderbare Weise leicht und - womöglich viel wichtiger - akzeptiert. "Mhm..." Dass sein schwacher, kränklicher Körper mal jemandem reichte, hätte er nicht gedacht und vielleicht war gerade der Wolf der Einzige, der so fühlte, wieso also sollte Rain ihn von sich stoßen?
    • Würden die dunklen Geschichten, die man sich über sein Volk erzählte, überhaupt wahr sein, dann würde er nicht hier sitzen, keine normale Konversation mit einem Lamm aufbauen wollen oder sich durch körperliche Güter beschwichtigen lassen, nur, weil er von dem Lamm unter sich beliebäugelt und so anders behandelt wurde, als zuvor. Sich verblendet, verwirrt und vielleicht etwas im Stich gelassen zu fühlen, das schien für den Wolf nicht nur normal, sondern auch beinahe schon alltäglich - eigentlich hatte man recht gehabt, er hätte in diesem verfluchten Kerker verrotten sollen und nie wieder das Tageslicht erblicken dürfen, aber nun saß er hier, war dabei, oberflächliche Wunden verheilen zu lassen und neue aufzureißen, wenn er weiterhin so mit Rain umging, wie bisher. Was auch immer es sein mochte, ob es wirklich ein Zauber war, der dem Wolf auf erlag oder doch seine eigene Naivität, die schlussendlich zu dieser Situation - überfüllt mit fremden Emotionen - geführt hatte, es war ihm schlicht und ergreifend nicht nur egal, sondern ließ ihn kalt, wie so weniges an Rain. "Habe ich dich wirklich beleidigt? Das war nicht meine Absicht", seufzte der Wolf, wusste, dass er vermutlich doch einen wunden Punkt des Lammes getroffen hatte, den er gar nicht hätte sehen sollen - Nayantai brummte und biss das Schaf prompt nochmals in den Arm.

      Sein Kopf dröhnte erneut, seine Gedankengänge raubten ihm den Verstand, so wie es das Rasen seines eigenen Herzens und das Pochen von Rains Herzen tat. Was machten sie beide auch nur? Das hier war falsch, überwältigte ihn als mehr auf nur eine Weise, aber Nayantai wusste, dass er schlussendlich nicht viel mehr dagegen tun konnte, außer sich seinen Gefühlen zu stellen - oder in ihnen zu ertrinken und Rain zu verletzen. "Ja - sollte ein Lamm hier sitzen, mit einem Wolf über sich, der ihm nichts antut?" Nein. Nayantai wusste es selbst besser, sollte diese Frage eigentlich nicht stellen und ließ die Hände des Schafes wieder los, wollte nicht mehr mit ihm spielen, weil ihm gerade der Sinn danach stand und noch mehr riskieren, als er ohnehin schon getan hatte. Richtig war das hier auf keinen Fall, das wusste er von Anfang an - aber wie sollte er Rain das auch vermitteln? Ihn zu kränken schien leicht, gleich, wie ihm etwas anzutun nicht unbedingt schwer wäre - was sollte er nur mit dem Lamm anstellen? "Du weißt wirklich nicht, ob du mich ansehen willst, huh?", bemerkte der Wolf als Rain erneut versuchte, sein Gesicht zu verstecken und konnte sich ein knappes Lachen auch dieses Mal nicht verkneifen. "Aber weißt du", bemerkte der Wolf, als er Rain wieder näher kam und eine seiner Pratzen locker auf den Brustkorb unter sich legte. "Vielleicht es sogar gut, dass dir das hier gefällt und du keine Angst vor mir hast." Nayantai küsste den Hals des Lammes, ließ sich wieder neben dieses auf das Bett fallen und schloss selbst die Augen, nachdem er ihn für einen Moment lang noch beobachtet hatte. Seine Pranke wanderte von der Brust zu Rains Hals, blieb dort liegen. "Vielleicht sollten wir nichts überstürzen - ... vielleicht sollten wir das hier tun, wenn wir beide weniger müde sind."
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Hatte sich der Wolf gerade entschuldigt? Wieso musste es so schwierig sein sich zu verständigen, es war nicht nötig sich bei ihm zu entschuldigen. Wieso aber lies er ihn dann wieder leicht zusammen zucken, biss ihn erneut in den Arm. "Jemanden zu beißen ist wohl die Lösung für alles bei euch Wölfen...", murmelte Rain, schmunzelte ein wenig und hätte sich auf einmal gewünscht, er konnte sich doch bewegen, um seine Hand nach dem Wolf ausstrecken zu können und ihm über die Wange zu streicheln, aber Rain wehrte sich nicht, versuchte nicht die Hand aus dem Griff des Wolfes zu befreien, der sich nicht so fest um sein Handgelenk legte, wie der Wolf es vermutlich vermochte. Blickte Rain auf seinen Arm, so wirkte er mit der großen Pranke darum herum beinahe noch dünner und als brauchte der Wolf nur ein wenig zu fest zudrücken, damit Rains Arm einfach abknickte wie ein dürrer Ast.

      Rains Hand fand schließlich die Freiheit und fand ihren Platz jedoch auf der Matratze. Wenn Rain ein bisschen mehr von der Welt gewusst hätte und mehr als nur Kontakt zu seinen Bediensteten gehabt hätte, dann hätte er vielleicht besser verstanden was Nayantai dazu bewegte dies, oder jenes zu tun, oder wusste zu erwarten, was kommen würde. Stattdessen blickte er ihn einfach nur an, verstand nicht einmal die Worte die seine Lippen verließen. Wer redete nun viel?
      "Ich habe kein Problem damit dich anzusehen...", murmelte er, tat eben das, jetzt wo er etwas Zeit gehabt hatte, um sein Herz wieder ein wenig zu beruhigen. Er hatte tatsächlich kein Problem damit, vielmehr war doch das Problem, dass der Wolf seine roten Wangen sehen konnte und die Unsicherheit in seinem Blick, die er nicht zu verbergen vermochte. Dieses Mal erhielt er einen Kuss, ohne dass der Wolf seine Zähne einsetzte und drehte dann seinen Kopf, als der Wolf wieder neben ihm Platz lag. Rain rollte sich auf die Seite, musterte den Wolf und konnte sich vorstellen, dass er die selben Zweifel hatte wie Rain auch und dass, je länger es dauerte, die Stimmen der Vernunft doch lauter wurden und sie ermahnten, nichts weiter zu tun, es nicht noch schlimmer zu machen. "Ich will nicht schlafen...", seufzte Rain, war es nun der sich an den Wolf kuschelte und seinen Kopf gegen die breite Brust drückte. "...ich weiß nicht was ich tun soll, wenn ich wieder aufwache... ich will nicht bereuen was wir...mhhh... "
    • Gedanken, die Nayantai eigentlich gar nicht haben sollten kreisten durch seinen Kopf, beanspruchten den Wolf und vermittelten ihm, dass all das, was er nun versuchen würde, zu nichts führte - er hatte sich selbst schon einen Pfeil in seinen Rücken gerammt, nachdem er sich Rain auf diese Art und Weise geöffnet hatte. Alles, was er nun tat, endete an ein und demselben Punkt - hier, in Rain's Bett. Das Einzige, was sich daran unterscheiden könnte, war, wo der Wolf sich schließlich befand - ob Rain noch immer seine Nähe suchte oder ihn wieder von sich drückte, nichts mehr von der Bestie wissen wollte, der er ohnehin schon viel zu viel erlaubt hatte. Wenn es jedoch etwas gab, dass er hasste, dann war es seine eigene Unfähigkeit, das Lamm des Öfteren zu verstehen, wenn es weiterhin in seiner eigenen Sprache daher brabbelte und ihm etwas vermitteln wollte, das unter Umständen gar nicht so belanglos war, wie er annehme würde. "Bis ich dich verstehe werde ich mich wohl noch viel zu oft aufregen, dass ich es nicht tue, hm?" Der Wolf lachte trocken und schloss das Lamm an seiner Seite wieder in die Arme - wenn sie schon hier lagen und sich diese falsch wirkende Zweisamkeit teilten, dann würde er sich wirklich das nehmen, wonach er sich sehnte - die Nähe eines Menschen, der in diesem Fall Rain war. Nayantai wollte es auch gar nicht anders.

      Sein Kopf hatte es ihm noch nie verdankt, wenn er sich wider Willen dazu zwang, wach zu bleiben. All die Dinge, die gerade noch relevant waren, fühlten sich eher wie ein Traum an, der ihm nicht vollkommen in Erinnerung bleiben würde, wenn er sich nicht darum bemühte, jedes einzelne Detail - jeden einzelnen Scherben - aufzusammeln und zusammenzusetzen. Sein Atem flachte ab, sein Herz beruhigte sich dennoch und ehrlich gesagt wusste der Wolf auch gar nicht, ob er es schaffen würde, nochmals die Energie aufzuwenden, um Rain zu ärgern. "Also ist dir das hier peinlich?", neckte Nayantai ihn, wusste, dass sie beide ihre Gründe hatten, wenn sie einander nicht ansehen wollten. Ach, was machte er sich vor? Er hatte ohnehin schon längst aufgehört, mit seiner potentiellen Beute zu spielen, sie wirklich aufzuziehen und zu necken - das, was er hier tat war nicht mehr, als das, was er auch Zuhause mit einem Wolf getan hätte. "Du bist nicht müde, aber ich bin es." Die Bestie gähnte erneut, schloss die Arme um den fragilen Körper der dort lag und küsste ihn erneut auf den Kopf. "Glaubst du denn, du wirst es bereuen? Ich, zumindest für meinen Teil, weiß, dass ich es nicht werde." Aber spätestens dann, wenn sie nicht mehr schlaftrunken waren, dann würde ihnen diese Haltung zueinander ein Dorn im Auge sein. Nayantai raunte, strich Rain über den Rücken und wollte eigentlich, dass er gar nicht mehr wach war - aber sich dazu zu zwingen, einzuschlafen, hatte noch nie funktioniert. Auch nicht bei einem verhexten Wolf.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Der Wolf schloss seine Arme wieder um Rain und er schloss die Augen, seufzte tief. Er wollte nicht zurück in die Realität, wo er sich mit dem konfrontiert sehen würde, was er getan hatte. Während sein Herz sich ein wenig beruhigte und der Wolf Rain nicht mehr von allem ablenkte wie zuvor, fand Rain auch in die Realität zurück, ohne erst aufwachen zu müssen. Er schob eine Hand zwischen sich und den Wolf, drückte sie auf seine eigene Brust, die sich anfühlte, als würde ein riesiger Stein auf ihr liegen. Er hatte das Gefühl er zitterte leicht, wand sich ein wenig in den Armen des Wolfes und wollte einfach nur weiterhin vergessen wer er war. Er schmiegte sich näher an den Wolf heran, als könnte ihm das helfen, schob seinen dürren Arm unter Nayantais hindurch, umarmte ihn beinahe, aber sagte nichts, nachdem Nayantai eben noch gesagt hatte, er wäre müde. Rain hatte jetzt Angst, aber nicht vor dem Wolf, sondern vor dem was ihn am nächsten Morgen erwarten würde. Davor wie der Wolf reagieren würde, davor wie er selbst es tun würde, nachdem sie diese Grenze überschritten hatten. Er hatte Angst der Wolf würde ihn von sich stoßen, zu viel Angst davor, als er eigentlich haben sollte. Das, was auch immer es war, wäre besser eine einmalige Sache, nachdem sie sich etwas Ruhe geschenkt hatten, sollten sie das vergessen, weiter machen wie davor, aber Rain wollte das nicht... Er fühlte sich eingeengt, immer wieder zeigte ihm jemand seine Grenzen auf, ob es nun sein Körper war, oder es an seinem Titel lag, dass er dieses oder jenes nicht tun konnte, nicht tun durfte. Er wollte dieses kurze Gefühl von Freiheit nicht aufgeben. War er nun doch ein typisches Schaf? Egoistisch, selbstgefällig und gegenüber dem was andere wollten, oder was für andere das Beste war blind. Schon wieder war er schwach, konnte nicht einmal sich selbst beschützen, schon gar nicht den Wolf. Rain bereute jetzt schon was er getan hatte und hatte Angst davor, dass er die Grenze wieder überschreiten wollte. Nicht unbedingt jetzt, oder morgen... irgendwann.

      Nayantais Hand auf seinem Rücken hatte zumindest eine beruhigende Wirkung und Rain versuchte einfach an etwas anderes zu denken, an eine Welt, in der sie niemand dafür verurteilte, dass sie sich beide nur das genommen hatten, was sie brauchten, um zu überleben. "Gute Nacht...", murmelte er nur, hatte er das Meiste doch ohnehin nicht verstanden und wollte den Wolf schlafen lassen. Vielleicht konnte auch Rain eine Runde schlafen und sich morgen überlegen, was er mit dem Wolf anstellen sollte, wie er ihn unbemerkt aus seinem Zimmer bekommen konnte und was sie beide morgen überhaupt noch voneinander halten würde. Wieso hatte Rain nur so eine Dummheit begangen? Wieso hatte er sich nicht an jemand anderen geklammert, irgendjemanden der nicht Nayantai war, denn jetzt wo er es getan hatte, wollte er gar niemand anderen mehr. Rain schmiegte sich enger an den Wolf, hörte seinem Herzschlag zu der ruhiger und ruhiger wurde und konzentrierte sich auf seine Wärme... nicht nachdenken, einfach nur schlafen, das wollte er.
    • Schlussendlich war das Urteil darüber, ob die beiden überhaupt das Recht dazu hatten, aneinander zu kleben so wie es taten, hinfällig. Auch, wenn die beiden sich dieses Bett teilten, so gab es keine wachsamen Augen, die sie dabei beobachten und keine Wachen, die etwas von alledem hätten hören können - es war um diese Uhrzeit still genug in diesem Gemäuer, als dass Nayantai den Blonden wirklich hätte anfallen können, um ihm entweder seinen Willen aufzuzwingen oder nur Blut in diesem Bett zu hinterlassen, das einzig und allein dem Lamm in seinen Armen gehört hätte. Die Welt der Träume hingegen war ein ganz anderer Ort an den sich der Wolf oftmals nicht traute, von dem er wusste, dass er mit unangenehmen und verdrängten Erinnerungen übersät schien. Helfen konnte er sich dennoch nicht, fühlte sich wie ein Gefangener in dieser Welt und wusste, dass es längst nicht nur diese Fesseln waren, denen er entkommen sollte - es war so viel, das auf ihn herabprasselte, an das er gar nicht denken wollte - zu viel, als dass er eine einzige Nacht dafür aufwenden konnte, um seine Träume zu verarbeiten, die ihn jedesmal müder zu machen schienen. Die Wahrheit war, dass nichts davon besonders war - nicht er, nicht Rain, nicht diese Situation in der er nicht zum ersten Mal steckte, aber es war das erste Mal seit Ewigkeiten, in denen er sich nicht so fühlte, als schmerzte sein gesamter Körper, als hätte er etwas getan, das grundsätzlich falsch war. Nayantai wusste gar nicht, wann er eingeschlafen war, wann Rain es war, der in seinen Armen so warm wirkte, so unangenehm heiß - aber all das war doch im Moment egal, nicht?

      Blut. Wie viel davon hatte er in den letzten Nächten gesehen, obwohl es nicht echt gewesen war? Seine Erinnerungen spielten ihm einen schlechten Scherz, er wollte seine Augen nicht öffnen - der Wind zog um ihn, trug den Geruch von vertrockneten Gras, vom salzigen Meereswasser und von dem Blut zu seinen Füßen an seine Nase. Es roch nach Regen, stank nach Rauch - das Knistern des Feuers, die fernen Schreie durchwebt von Gelächter und Schmerz drangen an seine Ohren. Irgendwo, in der Ferne, zuckten Blitze vom Himmel und der laue Sommernachmittag war unlängst vergessen. Diese Welt, die lediglich in seinen dumpfen Träumen existierte und sich von seinem Schmerz, seiner Angst und seiner Einsamkeit ernährte, wuchs mit jedem Tag, an dem er versuchte, ihr zu entkommen und noch mehr zu vergessen, als er es ohnehin schon getan hatte. Der Wind war abwechselnd so stark, als könne er ihn von den Beinen fegen, oder umspielte ihn leicht, ließ die wenigen Baumkronen kurzzeitig rascheln - aber welchen Lauten konnte er vertrauen und vor welchen sollte er sich hüten? Der Geruch von Blut wurde penetrant, die aufmüpfigen Schreie lauter. Auf seiner Haut spürte er das Träufeln des ... Regens? Nein. Seine wunden Hände umklammerten einen Speer, der gar nicht da zu sein schien, als er die Augen öffnete - es war warmes Blut, das ihn benetzte, beinahe schon überzog, während sich ein Turm von gesichtslosen Schafen vor ihm auftat - von Leichen, deren Gesichter ihn nicht interessierten, deren Mörder er war. Aber anstatt sich vor der Wahrheit zu fürchten, zu glauben, der Schmerz, der seinen Körper durchzuckte wäre real, blieb er dort stehen - das hier war ein Traum, der ihm nichts anhaben konnte.

      Bis zu den Knöcheln stand er in der roten Substanz die von seinem Körper tropfte, während er sich selbst mit seiner Sünde konfrontiert sah, mit den Leben, die er im Keim erstickt hatte, weil sie ihm hirnlos nach dem seinen getrachtet hatten. Während er lediglich Kratzer davontrug, Wunden, die nur oberflächlich zu sein schienen, waren die Schafe vor ihm diejenigen, die mit ihrem Leben bezahlten, für die es keinen Morgen mehr gab und von denen auch nicht erwartet wurde, dass sie wiederum auf die Beine fanden. Doch selbst hier, als die Geräusche eines unerbittlichen Krieges durch den Hintergrund rauschten und ihm vermitteln wollten, dass er es war, der den Verstand verlor, dass all das hier gerade wirklich passierte - war es ruhig. Keiner bewegte sich, kein lebloser Körper und kein blutdurchtränkter Prinz, der nur das tat, das sein Vater von ihm verlangte. Töten. Sein eigenes Leben retten, indem er anderen das ihre nahm. Kannten Wölfe überhaupt mehr? Nayantai war sich sicher - so sicher wie er war, dass er diesen Talisman nicht immer getragen hatte -, auch, als die Welt vor ihm wieder verblasste, dass dem nicht so war. Aufeinander gestapelte Leichen verschwommen, der Geruch von Blut verblasste und würde übermannt, war es doch der Rauch des Feuers, der seinen Weg in seine Lunge und seinen Kopf fand und ihm aufdeutete, dass er sich wieder in der brennenden Siedlung befand, die ihm nur Rätsel aufgegeben hatte.

      Die Zelte, die noch nicht zu Asche verbrannt waren, würden nicht mehr ewig stehen - taten es nur, weil es das Letzte war, das Nayantai vermutlich von diesem Ort gesehen hatte - gleich wie das tote Schaf, das mehrere Meter von ihm entfernt ab Boden lag, von Blut überzogen und aller guten Geister verlassen. Der Wind war es, der durch das hohe Gras huschte, der das Feuer verteilte - und Nayantai war es, der nicht länger dabei zusehen wollte, wie er immer wieder von den gleichen Träumen geplagt wurde. Träge Beine schleppten den Körper, der sich bereits viel zu schwer anfühlte, durch die brennenden Zelte, bis er wieder dort ankam, wo er die Antwort auf seine Fragen vermutete - in dem einzigen Zelt, das trotz dessen, dass es lichterloh in Flammen stand, nicht einknicken wollte. Dort saß sie, mit dem Rücken zu ihm, war keine brennende Leiche, die alsbald in Asche verpuffen würde. "Du willst also doch nicht davon rennen?", fragte die heisere Stimme einer jungen Frau, die glaubte, ihr Schicksal zu kennen. "Ich verstehe nicht, wieso du ausgerechnet zu mir zurückkommst - warst es nicht du, der meinte, dir liegt nichts an mir?" Sie klang verwundert, nicht enttäuscht, kniete dort und starrte auf eine Wand vor sich, die bereits in Flammen stand. "Ich ... ich ...", fing er an, zu stotterten, erntete aber nur ein Lachen der Dame, die dort saß und vergessen zu schien, dass sie in diesem Zelt auf ihr Ende wartete.

      Hier, an einem Ort an dem sie Niemand suchen würde, an dem sie wieder zu Asche werden durfte, aus der sie sich erhoben hatte. "Nayantai", sprach die Stimme, die das Knistern des Feuers donnernd übertönte. "Was willst du noch hier? Es gibt hier nichts mehr, das dich halten sollte - du hast deine Pflichten erfüllt." Sie drehte sich zu ihm um, der dort stand, die Welt nur mehr verschwommen sah - stand auf zittrigen Beinen, die ihren Weg zu dem verwundeten Wolf fanden - von ihrem Hals baumelte ein Talisman, derselbe, den auch er in diesem Traum immer trug. "Selbst, wenn wir Freunde waren ist das hier nicht, was du willst", sprach sie aus, kopfschüttelnd und griff nach dem Talisman, den er um seinen Hals trug - tiefrot, so wie Blut, aber keinenfalls davon benetzt. "Du willst nicht hier bei mir sein, bei der Person, die du eigentlich lieben solltest, weil du es nicht tust - und ich will nicht, dass du hier bleibst und mit mir stirbst - ich will, dass du nach Hause verschwindest und allen erzählst, was die Schafe mit uns angestellt haben, dass du deine Pflichten lediglich erfüllt hast." Behutsam legte sie ihre dünnen Arme um ihn, fühlte sich so viel wärmer an, als sie es je getan hatte - und hatte ein Gesicht, das er noch immer nicht ganz erkannte, weil sein Kopf dröhnte und seine Sicht verschwommen war. "Tei ...", murmelte der Wolf, der allerdings nur mehr mit einem Lachen ermahnt wurde. "Du vergeudest Zeit", ermahnte ihn die Stimme, die ihn augenblicklich von sich stieß. "Renn."

      Als der Wolf die Augen öffnete, wurde er bereits von den Sonnenstrahlen begrüßt, die er nicht sehen wollte - fand sich in der Welt wieder, in der er noch weniger sein wollte, als in seinen Träumen. Alles war in Ordnung, Tei lag noch immer in seinen Träumen, es war lediglich Einbildung gewesen, die ihn überhäuft hatte und einnehmen wollte - er war noch in einem Stück, es hatte nie ein Feuer gegeben und ... nein. Ein Blick nach unten verriet dem Wolf, dass es Rain war, den er vermutlich die ganze Nacht an sich gedrückt hatte und nicht mehr loslassen wollte, dass er noch immer in diesem Steinhaus war und dass die Realisation, die er gerade hatte, keine Gute war. Er nahm die Hände von dem Lamm, wusste nicht, wieso er sich an dieses klammerte und war sich unsicher - wieso lagen sie noch hier und weswegen hatte er nach gestern Nacht ausgerechnet sie wieder erkannt? Er wollte schreien, vermutlich auch aus seiner Haut fahren, aber nun lag er da, wusste nicht so recht, wie ihm geschah und konnte die Tränen, die er vergoß, nicht dazu bringen, zu stoppen.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain hatte heute so viel Neues erlebt, dass er kaum traumlos schlafen konnte, erst einmal musste alles verarbeitet werden, was in der Nacht passiert war. Auch wenn Rain sich an keine Träume erinnern konnte, er schlief unruhig und kaum erholsam, fürchtete sich auch noch in seinen Träumen vor dem was unvermeidlich kommen würde, wusste nicht, wie all dies weiter gehen sollte. Immer wieder wachte er auf, es war immer noch dunkel, er lag immer noch in Nayantais Armen und wagte es nicht sich zu bewegen, weil er ihn nicht wecken wollte. Jedes Mal schloss Rain die Augen wieder, versuchte weiter zu schlafen und wusste sich nicht anders zu helfen, als Nayantais Atmen zuzuhören. Es war ungewöhnlich laut neben ihm, er war es nicht gewohnt nicht alleine zu schlafen und er war nicht müde genug, um einfach so ins Land der Träume zu finden.Er wusste nicht, ob er sich hier noch wohl fühlen sollte und doch tat er es irgendwie, obwohl er sich kein Stück bewegen konnte und obwohl die Atmung des Wolfes ihn wach zu halten vermochte. Irgendwie schaffte er es erneut einzuschlafen und ein paar mehr Stunden der Nacht hinter sich zu bringen, eine Stunde nach der anderen.

      Rain wachte das nächste Mal auf, als Nayantai sich bewegte, seine Arme von ihm nahm und Rain sich plötzlich allein mit der kalten Morgenluft konfrontiert sah, die ihn nur heimsuchen konnte, weil Nayantai und Rain wohl beide die Decke von ihnen gekämpft hatten, sie nicht brauchten, wenn sie so eng umschlungen nebeneinander lagen. Rain war müde, aber er regte sich langsam um zu sehen was los war, wieso Nayantai so plötzlich seine Arme von ihm genommen hatte, nur um den Wolf vor sich völlig aufgelöst zu sehen. Bisher hatte er ihn lachen sehen, er hatte ihn wütend erlebt, frustriert, traurig, aber er hatte noch nie vor ihm geweint und Rain hätte auch niemals damit gerechnet. Sein erster Gedanke galt letzter Nacht, aber er schüttelte nur innerlich den Kopf, es hatte keinen Sinn zu spekulieren und selbst wenn Rain der Grund für den Gefühlsausbruch war, so sollte er sich nicht deswegen grämen, sondern dem Wolf lieber helfen, wie auch immer das aussehen konnte. Er richtete sich ein wenig auf, stemmte seinen Oberkörper mit den Armen nach oben und sah den Wolf an. "N...Nayantai...?", fragte er vorsichtig, wagte nicht mehr als das zu sagen, wollte eigentlich nur wissen, ob seine Anwesenheit überhaupt noch erwünscht war, oder ob der Wolf lieber alleine gewesen wäre. Er machte sich offenkundig Sorgen und konnte auch nicht leugnen, dass er sich ein wenig schuldig fühlte, obwohl er doch keine Ahnung hatte, was eigentlich dahinter steckte.
    • Bestie hin oder her, der Wolf hatte doch Gefühle, die aus dem Gleichgewicht gekommen waren. Auch, wenn ihm die Situation noch nicht klar war, wenn er noch nicht wusste, wie er damit umzugehen hatte, fühlte sich seine Kehle nicht nur unverwandt trocken an, sondern auch seine Augen schmerzten, bevor er sein Gesicht in seinen Händen vergraben konnte, als auch Rain sich rührte und er etwas Abstand zu diesem fand. Eigentlich sollte er sich dem Lamm so nicht zeigen, das wusste der Wolf, der kein Schluchzen zustande brachte. War es einzig und allein ein Tod, von dem er ohnehin gewusst hatte das, was ihn aus dem Gleichgewicht warf, oder war es so viel mehr? Wer wusste, ob Tei nicht überlebt hatte und wer wusste, wie viele Leute nicht schon gestorben waren, die der Wolf eins an sich heran ließ. Das, was Nayantai jedoch wusste, war nicht viel - das Meiste davon schien lediglich ein Bruchteil der Wahrheit zu sein, die er erkennen wollte, an die er sich erinnern konnte - genug davon war vermutlich nur in seinen Träumen vorhanden und noch mehr war es, das der Wolf auf sich zukommen lassen müsste, doch im Endeffekt schien es so, als würde ihm bereits das hier zu schaffen machen.

      "Ja?", brummte der Wolf, der sich die nicht aufhörenden Tränen aus dem Gesicht zu wischen versuchte und mit einer zittrigen Hand nach der des Schafes griff. Wieso hatte er auch erst die Hände von Rain genommen? Vermutlich, weil er sich darüber erschreckt hatte, dass es ausgerechnet das Schaf war, das in seinen Armen gelegen hatte - dass es Rain war, den er wiederfand und nicht die Person, die ihn als Geist in seinen verlorenen Träumen heimgesucht hatte. "Ich ... ich ...", stammerte Nayantai und hatte bereits wieder vergessen, was er sagen wollte, war damit beschäftigt, sich die unaufhaltsam fließenden Tränen aus dem Gesicht zu wischen, die er nicht spüren wollte. Der Wolf wusste nicht, was er mit Rains Hand machte, nachdem er diese hielt, klammerte sich an sie, wie ein Ertrinkender an das letzte Stück Holz, das die hohen Wellen noch nicht verschluckt hatten - aber auch Rain würde ihm nicht helfen können.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Als der Wolf nach Rains Hand griff, wusste er erst recht nicht was los war und was er tun sollte, aber zumindest war es ein Zeichen dafür, dass er hier bleiben sollte. Der Griff des Wolfes war wohl unbeabsichtigt fest, er krallte sich so fest an Rains dürren Arm, dass es beinahe schon weh tat, aber Rain sagte nichts, richtete sich stattdessen auf, während der Wolf sich eine Vielzahl an Tränen aus dem Gesicht wischte und scheinbar auch nicht wusste, wie er erklären sollte, warum er denn so weinte, jedoch war das auch gar nicht wichtig. Vielleicht musste der Wolf all das endlich heraus lassen, wie auch Rain sich vor ein paar Tagen nicht halten konnte, weil sie anscheinend beide das Gefühl hatten, sie konnten einander auf einer gewissen Ebene vertrauen. Warum sonst würden sie sich einander so öffnen und sich so verletzlich zeigen, wie sie tatsächlich waren? Vom Prinz der Wölfe erwartete man das noch weniger, als von dem dürren Fürsten.

      Rain sah sich in dem Raum um, der bereits von der Sonne erhellt wurde, streckte sich kurz nach dem Tablett vom gestrigen Abend und schnappte sich eine Serviette, in Ermangelung an etwas anderem. Er bot dem Wolf das Stofftuch an, damit er nicht alles in seinen Arm schmieren musste. Es war unsinnig ihn zu fragen was los war, zum einen ging es Rain nichts an und zum anderen, würde er eine Erklärung vermutlich sowieso nicht verstehen, also legte er lieber seine Hand auf den Oberarm des Wolfes. Vielleicht beruhigte es ihn ja, wenn Rain einfach nur da war, mehr traute er sich im Moment nicht, wollte nicht aufdringlich sein. Er lächelte ihn jedoch sanft an, es war in Ordnung zu weinen, er hatte es ja selbst vor ein paar Tagen erst getan und am Ende ging es dem Wolf hoffentlich besser.
    • Die Angst übermannte ihn fast - seine Gliedmaßen schmerzten nicht, er hatte keine Probleme damit, zu atmen - sein Rücken war nicht von Pfeilen durchbohrt und die Peitschenhiebe hatten längst angefangen, abzuheilen. Die Flecken, die selbst jetzt noch seinen Körper säumten, wären vermutlich bis zum nächsten Vollmond vollkommen verschwunden und doch weinte er etwa nicht deswegen, nicht wegen der potentiellen Schmerzen, die er haben könnte, sondern wegen der Realisation, die in einem Traum gefangen war, der ihm wiederum nächtelang den Verstand und einen ruhigen Schlaf zu rauben schien. Nun, da er wohl vollkommen realisiert hatte, dass er sich eindeutig in der Realität befand und in keinem Traum, dass all das, was er zu verdrängen versuchte, wirklich passiert war, fühlte er sich so, als durchzuckte nicht nur ein stetiger Schmerz sein Herz sondern glaubte auch, er spürte Wunden, die schon längst verheilt waren. Tei war nicht mehr, ihr Volk war nicht mehr - und er war derjenige, der es nicht geschafft hatte, davon zu rennen, weil seine Beine ihn keinen Schritt mehr tragen wollte, war es, der versucht hatte ... was hatte er versucht? Nayantai wusste es nicht, schüttelte seinen Kopf - er wollte, dass das hier aufhörte, dass er nicht länger über etwas Tränen vergoß, dass er ohnehin nicht ändern konnte und doch wollten sie nicht aufhören, egal wie viele von ihnen er wegwischte.

      Notgedrungen griff er nach der Serviette, die man ihm anbot und wischte seine Tränen in diese, hoffte, sie würden irgendwann aufhören - doch bis es soweit wäre, legte er sich das Tuch lieber auf die tränenden Augen und schloss diese. Daran, dass der Griff, in dem er Rains Hand hatte, schmerzhaft sein könnte, dachte der Wolf vorerst nicht, ließ aber nach einiger Zeit locker. "Es tut mir leid", flehte die zittrige Stimme beinahe schon, wusste, dass er dafür die Sprache verwendete, die ihm nicht lag und doch wollte er das Lamm nicht verunsichern. Von der Hand auf seinem Oberarm ging ein wohlig warmes Gefühl aus, etwas, auf dass sich der aufgelöste Wolf zu konzentrieren versuchte, anstatt seiner unaufhaltsam fließender Tränen. Nayantai schluckte, nahm das Stück Stoff von seinen Augen und sah wieder zu Rain, ehe er derjenige war, der seinen Kopf gegen die Brust des Anderen drückte und nicht mehr von ihm ablassen wollte. "Ich fühle mich so verloren", nuschelte er und drückte sein Gesicht gegen Rain's Fleisch, als könnte er sich mit den wenigen Hautfetzen vor der Welt verstecken und das erste Schluchzen übertönen, das unfreiwillig seinen Lippen entkam.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain konnte nicht viel mehr tun als zuzusehen, wie der Wolf versuchte die Tränen aus seinem Gesicht zu wischen, der jedoch daran zu scheitern schien. Er konnte nicht sagen was in den Wolf gefahren war, aber vielleicht waren die Tränen genau das, was er brauchte, musste einfach einmal alles heraus lassen, die Welt verfluchen, ohne sich zu schämen. Rain saß einfach nur da, still, damit der Wolf nicht so alleine war, Einsamkeit musste er sicher schon viel zu lange ertragen und Rain war seltsam genug, um sich dem Wolf zu nähern, nicht über ihn zu urteilen, oder ihn gar auszulachen. Ohne Rain anzusehen entschuldigte sich der Wolf sogar, Rain konnte nur den Kopf schütteln, lächelnd und sich fragend, was ihm denn überhaupt leid tat, a gab es nichts, wofür er sich entschuldigen müsste. "Es ist in Ordnung.", entgegnete er mit sanfter Stimme und absichtlich in der Sprache der Wölfe, damit der Wolf nicht auch noch damit beschäftigt sein musste, die Worte Rains zu übersetzen.

      Als der Wolf das Tuch doch von seinen Auge hob, lächelte Rain immer noch, jedoch sahen sie einander nicht lange an. Schon wieder klammerte sich der Wolf an das junge Lamm, diesmal jedoch aus einem ganz anderem Grund. Rain konnte nicht wissen was dem Wolf widerfahren war, aber er konnte verstehen, dass er jemanden bei sich haben wollte, dass der Wolf vielleicht auch jemanden suchte der ihn trösten konnte, der ihn vielleicht sogar beschützte, wenn auch nicht mit einem Schwert, oder Schild und Rain war gerne dieser Jemand. Das Lamm überlegte gar nicht, legte einen Arm fest um die Schultern des Wolfes, die nicht so malträtiert wurden wie der Rest seinen Rückens. Die andere Hand fand ihren Weg in Nayantais Haare, strich ihm beruhigend über den Hinterkopf. Rain legte seinen eigenen Kopf auf dem des Wolfes ab, hielt ihn fest und konnte bereits spüren, wie sein Hemd feucht von Nayantais Tränen wurde. Es machte ihm nichts aus. "Es wird besser werden...", wisperte er beruhigend, wollte ihn nicht belügen und sagen, dass alles in Ordnung wäre, denn das war es nicht und musste es auch nicht sein, er wollte ihm auch nicht sagen, dass er zu seiner Familie zurück finden konnte, denn das wusste er nicht, aber zumindest war er freier als noch vor ein paar Wochen und sich über as zu grämen, was Vergangenheit war war zwar nötig, würde aber nicht von Dauer Bestand haben. Wie seltsam es war, dass ein Lamm einen Wolf tröstete und doch war das Rain völlig egal, er sah nur jemanden vor sich, der Schlimmes erlebt hatte und der Jemanden brauchte, um nicht mehr so alleine zu sein, also hielt er den Wolf fest, würde es den ganzen Tag machen, wenn es denn half.
    • In der Dunkelheit zu versinken hörte sich gar nicht so schlecht an, gleich wenig, wie es aufgeben tat, jetzt wo er das wieder hatte, was ihm gefehlt hatte - doch selbst dieses widerwillige Puzzleteil wollte nicht ganz passen - irgendetwas war es, das ihm noch immer zu schaffen machte und was auch immer es sein sollte, Nayantai wusste es nicht. Die Tränen versiegten selbst dann nicht, als man seine eigene Sprache sprach und ihm dabei helfen wollte, zu realisieren, dass er nicht vollkommen allein auf dieser Welt war und nicht der Letzte, der dieser Sprache mächtig war, wenn auch gleich Rain nur ein paar Fetzen dieser beherrschte. Was würde man denken, sah man ihn, gekrümmt und schwach, wie er sich an ein Schaf lehnte, das nicht viel mehr auf den Knochen hatte, als es zum Überleben brauchte? Würde man ihn als schwach erachten, oder würde man nachgeben und dem schluchzenden Wolf, der am liebsten in seine Einzelteile zerfallen würde, wenigstens eine Minute lang die Freiheit schenken, sich selbst als Mensch zu präsentieren? Nein, sie mussten beinahe schon Bestien sein, damit man von ihnen abließ, aber Nayantai schaffte es im Moment nicht, sich dazu aufzurappeln.

      Flüchtig waren die Gesten, die er normalerweise spürte - nichts, das für die Ewigkeit gemacht war, und doch war es das Lamm, das es als seine Aufgabe ansah, den leidenden Wolf aufzumuntern, aber auch wenn er das nicht schaffte, schien er ihm wenigstens dabei helfen zu wollen, sich wieder zu beruhigen. Nayantai versuchte es, sein Atem stockte, die Trauer überkam ihn erneut - sein gesamter Körper fühlte sich so an, als würde er brennen, als wären all die alten Wunden, die keinerlei Spuren hinterlassen hatten, wieder offen und machten ihm zu schaffen. Die Stille, die lediglich durch einen einzigen Satz gestört wurde, tat dem Wolf dennoch gut - alles, was sich in ihm angestaut hatte, floh nun in Form von Tränen, die er viel zu lange unterdrückt und zurückgehalten hatte. Eine Weile dauerte es, bis es die Letzte war - es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bevor sein Kopf dröhnte und sich seine zittrigen Arme um Rain's Torso schlangen. Etwas wollte er noch hier verweilen, in der Ruhe, die sie beide teilten und in der Wärme, die das Lamm ausstrahlte. "Danke", murmelte er und war sich sicher, dass es lange nicht die letzte Träne gewesen war, die er geweint hatte aber vorerst zumindest, war die Quelle versiegt.
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain konnte sich nicht erinnern, jemals jemanden getröstet zu haben, oder jemanden weinen gesehen zu haben. Wenn er selbst nach Luft schnappte und sein Gesicht in seinem Kissen vergrub, dann meist nur um seinen Körper zu beruhigen, einen Hustenanfall zu ersticken, oder ein Zittern zu unterdrücken. Er selbst hatte vor nicht wenigen Tagen in den Armen des Wolfes geweint, aber auch für Schafe, oder zumindest seine Familie war es so, dass sie es eigentlich nicht taten, schon gar nicht vor jemand anderem. Rain fragte sich, ob sein Vater jemals so in den Armen seiner Mutter gelegen hatte, ob er auch geweint hatte, entsetzt darüber, was er auf dem Schlachtfeld erlebt hatte, oder selbst getan hatte. Er fragte sich, ob er geweint hatte, wenn er einen Kameraden verloren hatte, oder sehen musste wie ein Kind, das in etwa in Rain Alter hätte sein können, tot zu seinen Füßen lag. Ob sein Vater so etwas jemals getan hatte, abseits von Rain, da es nicht für seine Augen bestimmt war? Und was war mit seiner Mutter? Hatte sie um ihren Sohn geweint, sich ihrem Mann anvertraut, sich gemeinsam mit ihm Sorgen um das schwache Kind gemacht? Rain hatte beide nie weinen sehen und er hatte selbst nie vor ihnen geweint, sobald er alt genug war. Jeder wollte wohl für den anderen stark sein, war das im Nachhinein nicht dumm und kindisch?

      Wie es wohl bei den Wölfen waren? Den Geschichten nach zu urteilen, würde wohl kein Wolf jemals eine Träne vergießen, aber dass man auf die Geschichten nichts geben brauchte, das wusste Rain ja bereits. So wie er Nayantai erlebte, war er viel emotionaler, als Rain es war, ließ sich mehr von seinen Gefühlen leiten und nicht von seinem Verstand. Waren alle Wölfe so impulsiv? Weinten sie miteinander, oder mussten sie sich auch ständig ihre Stärke beweisen, damit sich keiner sorgte, oder man weiter mit Respekt behandelt wurde? Rain drückte den Wolf fester an sich, wollte ihn beschützen, obwohl er doch eigentlich für den Moment sicher war. Er wusste nicht, wie lang er ihn festhielt, wie lange er das Schluchzen unter sich hörte, das Zittern spürte, sah, wie Nayantais ganzer Körper bebte. Womöglich hatte er sich an etwas erinnert, das er vergessen hatte, hatte etwas gefunden, von dem noch nicht klar war, ob es besser versteckt geblieben wäre, oder nicht. Nur langsam beruhigte der Wolf sich, schlang seine Arme schließlich um Rain und bedankte sich dafür, dass Rain wohl einfach nur da geblieben war. "Du musst dich nicht bedanken...", lächelte Rain sanft, ohne seinen Griff um ihn zu lockern und ließ aschließend auch wieder Stille einkehren, die der Wolf wohl mehr als alles andere brauchte.
    • Grau - mehr war diese Welt ohne Emotionen auch nicht. Grau, das waren die Wölfe, die nie Emotionen zeigen sollten, die den Schafen angeblich unterlegen waren, die nicht mehr waren, als Monster, denen man keine Gefühle zuweisen konnte. Sie alle klammerten sich an Halbwahrheiten, an Lügen, wenn es ihnen dabei half, sich besser zu fühlen - jeder von ihnen tat es, nicht nur ein Schaf oder ein Wolf, jeder einzelne von ihnen hatte diese Sünde begangen und musste sich eingestehen, dass sie nicht nur dafür verantwortlich gewesen waren, dass so viele Menschen ihr Leben ließen, sondern auch dafür, dass sie die Halbwahrheiten verbreitet hatten, die erst dazu geführt hatten. Nicht immer war die Wahrheit das, was man hören wollte und viel öfter wusste man sie ohnehin schon, bevor man überhaupt davon erzählt bekam, als wäre es ein dumpfes Gefühl in der eigenen Magengrube, das man nicht mehr loswurde, ehe man nicht realisierte, was mit einem falsch war und welche Lügen es gewesen waren, die man in sich hinein gefressen hatte. Nayantai hingegen war der, der das Grau dieser Welt nicht länger sehen wollte und viel lieber die Augen aufriss, endlich damit aufhörte, sich verstecken zu wollen und seine Emotionen nicht mehr kontrollieren konnte.

      Er konnte aufatmen, fühlte sich nicht mehr so, als würden die Emotionen, die er verspürte, ihn zu Grabe tragen, wenn er ihnen weiterhin Aufmerksamkeit schenkte und so, als hätte sich Ballast von ihm gelöst und ihm endlich die Möglichkeit gegeben, sich zumindest teilweise aus seinen vorhandenen Fesseln zu befreien. "Ich ... muss ... nicht?", fragte der Wolf nach, wusste, was diese Worte bedeuteten und doch wollte er sie nicht einfach so stehen lassen, glaubte, Rain hatte wenigstens das verdient. Trotz der Uhrzeit schien es still, der Wolf brauchte noch einige Minuten, um sich ganz zu erholen und sein Gesicht von Rain's Brust zu nehmen, sich wieder einigermaßen aufzurichten und seinen Kopf auf der Schulter des Schafes zu platzieren, damit er in eine andere Richtung starrte. "Es fühlt sich ... nicht ... richtig? ... an, wenn ich ... es nicht tue?", versuchte Nayantai brüchig zu vermitteln, als seine Hände nach oben wanderten, zurück auf den Rücken des Lammes, dort, wo sie eigentlich nichts verloren hatten. Warum tat er das hier? Betrübt war er noch immer, beschäftigte sich aber lieber mit Rain als mit seiner Trauer, seinen Gedanken und denjenigen, die er ohnehin verloren hatte. "Rain ... ich ... mh. Kannst du mir einen Gefallen tun?"
      Looking back, it maybe is like the toy carts you rode when you were a kid. But those toy carts could never go beyond the walls of the lawn. We want to follow the rugged concrete road beyond the wall. As we've grown, we've decided to leave behind the toy cart.
    • Rain konnte unter sich kein Schluchzen mehr hören, auch die Atmung des Wolfes schien ruhiger zu werden, aber loslassen wollte er Rain wohl nicht. Rain verstand das, versteckte sich selbst ja oft in mehr als nur einer Situation, weil er nicht wollte, das der Wolf ihm in seinem Gesicht alles mögliche ansah. Die Augen des Wolfes mussten ganz rot sein, nachdem sie nun schon eine Weile so dagesessen hatten und der Wolf sich erst jetzt beruhigt hatte. Als der Wolf seine Arme wieder auf Rains Rücken platzierte, war eher er es, der in der Umarmung unterging und von dem höchstens noch ein blonder Haarschopf zu sehen war. Rain hatte sich gestern Nacht so viele Sorgen darüber gemacht, wie all das hier enden würde, wie sie am nächsten Morgen damit umgehen würden, was Rain jetzt erst wieder bewusst wurde, dass er den Wolf für mehrere Minuten im Arm halten und trösten würde, damit hatte er nicht gerechnet. Bisher hatte er noch keine Zeit sich über alles Gedanken zu machen, schenkte seine Aufmerksamkeit lieber dem Wolf, der sie brauchte.

      Rain nahm den Dank und die Entschuldigung von vorhin an, wenn der Wolf denn darauf bestehen wollte, auch wenn er es nicht als nötig empfand. Nayantai versuchte ihm irgendetwas zu sagen, Rain versuchte zu verstehen, aber ihm fehlte zumindest ein Wort. "Ich... soll etwas für dich tun? Was denn?", fragte er nach, glaubte der Wolf wollte etwas von ihm haben. Zustimmen konnte er nicht sofort, hätte er vielleicht gestern Nacht, aber heute, wo er wieder etwas klarer im Kopf war, konnte er den Wolf zwar immer noch in seinen Armen halten, aber er konnte nicht einfach darüber weg sehen wer sie beide waren, dennoch wollte er versuchen den Wunsch des Wolfes zu erfüllen, so gut er konnte.