the witch and the hunter [rambow x yumia]

    • Ich sah auf die Bündel in seinen Armen und dann zu ihm hinauf, als er mich fragte, ob ich noch etwas benötigte. Einen Augenblick wusste ich nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Er hatte bereits weit mehr gekauft, als ich erwartet hatte, und ich hatte beinahe das Gefühl, als würde er den halben Ladenbestand mit zurückbringen wollen. Besonders die drei Säcke Mehl ließen mich leicht die Stirn runzeln. „Drei Säcke?“, fragte ich schließlich und sah ihn fragend an. „Was willst du denn mit so viel Mehl?“ Es war nicht vorwurfsvoll gemeint, eher ehrliche Verwunderung. Ich nahm ihm einen der kleineren Beutel mit den Honigküchlein ab, damit er nicht alles allein tragen musste, und hielt ihn vorsichtig in beiden Händen. Der süße Duft stieg mir sofort wieder in die Nase, und ich musste unwillkürlich an seine Worte aus der Bäckerei denken. Er hatte wohl wirklich vorgehabt, etwas Gutes mitzubringen. Ich sah kurz auf das Pergament hinab und dann wieder zu ihm. „Die Küchlein sind jedenfalls mehr als genug“, murmelte ich, ehe ich nach kurzem Zögern ein wenig lächelte. „Aber ich beschwere mich nicht.“
      Ich ging ein paar Schritte neben ihm her, während ich über seine Frage nachdachte. Eigentlich brauchte ich nichts. Mein Vorrat an Kräutern war gut gefüllt, Fleisch hatte ich noch zu Hause, und Brot besaß ich ebenfalls. Selbst für den Winter hatte ich bereits einiges zurückgelegt. „Für mich brauche ich nichts“, sagte ich schließlich. Wir schlugen einen anderen Weg ein, der zu einem kleinen Händler führte, bei dem die Bauern des Dorfes ihr Getreide und Futter kauften. Je weiter wir uns vom Marktplatz entfernten, desto weniger Menschen begegneten uns. Darüber war ich nicht unglücklich. Ich mochte die vielen Blicke nicht, die uns seit unserer Ankunft gefolgt waren. Einige Menschen sahen noch immer zu Leonard, andere zu mir, und manche tuschelten miteinander, sobald wir vorbeigingen. Ich tat, als bemerkte ich es nicht.
      Nach einer Weile erreichten wir einen niedrigen Schuppen, vor dem mehrere Säcke und Holzkisten standen. Ein älterer Mann saß auf einem Schemel vor der Tür und sortierte Getreide. Als er uns bemerkte, erhob er den Kopf. „Hafer?“, fragte er, noch ehe wir etwas sagen konnten. Leonard nickte. „Für einen Wallach.“ Der Händler erhob sich langsam und führte uns zu den Säcken. Ich trat näher und prüfte das Getreide selbst. Es war sauber, trocken und roch frisch. Ich nahm eine kleine Handvoll heraus, ließ die Körner durch meine Finger rieseln und nickte zufrieden. „Das ist gut“, sagte ich. „Wie viel braucht Ihr?“ Der Händler nannte den Preis. Ich sah zu Leonard. „Das sollte für eine Weile reichen.“ Er wollte offenbar nach seinem Geldbeutel greifen, doch ich hielt kurz die Hand davor. „Ich kann meinen Teil selbst bezahlen.“ Ich hatte bereits meine Münzen hervorgeholt, ehe er etwas erwidern konnte. „Du hast heute schon genug ausgegeben.“ Der Händler sah zwischen uns hin und her, sagte jedoch nichts dazu. Ich bezahlte einen Sack Hafer und ließ ihn für uns an der Seite bereitstellen. „Das nehmen wir auf dem Rückweg mit“, sagte ich. „Sonst schleppen wir uns damit noch durch das ganze Dorf.“ Ich sah zu Leonard und musste bei dem Gedanken daran, wie er mit seinen Einkäufen, dem Brot und einem Sack Hafer durch Hyskelt marschieren sollte, leise lächeln. „Außerdem bist du noch verletzt.“ Es war derselbe Einwand, den ich inzwischen beinahe automatisch vorbrachte, sobald er etwas Schweres tragen wollte.
      Wir gingen wieder ein Stück zurück, und ich bemerkte dabei, dass der Nachmittag inzwischen deutlich wärmer geworden war. Die Sonne stand höher und ließ die Dächer und Fenster des Dorfes hell aufleuchten. Für einen kurzen Moment war Hyskelt beinahe friedlich. Ich blieb an einer kleinen Kreuzung stehen und sah mich um. „Wenn du wirklich nichts anderes mehr brauchst, können wir nach dem Hafer zurück zum Pferd.“ Ich zögerte und blickte dann in Richtung des Marktplatzes. „Oder wir sehen noch kurz nach frischem Gemüse.“ Ich hob die Schultern. „Zu Hause habe ich zwar noch einiges, aber wir könnten etwas für heute Abend mitnehmen.“ Mein Blick wanderte zu dem Brot in seinen Armen. „Das dunkle Brot passt gut zu einer Suppe.“ Nach kurzem Überlegen fügte ich hinzu: „Und vielleicht kann ich aus den Kräutern, die ich zu Hause habe, noch etwas daraus machen.“
      Ich wollte gerade weitergehen, als ich hinter uns ein vertrautes Geräusch hörte. Kinderlachen. Ich drehte mich um und sah das kleine Mädchen von vorhin wieder. Sie stand ein Stück entfernt und hielt ihren Ball in beiden Händen. Als sie mich bemerkte, blieb sie stehen. Diesmal wirkte sie nicht mehr ganz so scheu. Ich lächelte ihr kurz zu, und sie erwiderte es, ehe sie wieder zu den anderen Kindern lief. Ich sah ihr einen Augenblick nach. „Sie hat sich nicht mehr vor mir gefürchtet“, sagte ich leise, beinahe mehr zu mir selbst als zu Leonard. Dann wandte ich mich wieder ihm zu. „Vielleicht ist der heutige Tag doch nicht ganz so schlecht.“ Ich wusste selbst nicht recht, weshalb ich das sagte. Vielleicht lag es an dem guten Brot in seiner Hand, an den Honigküchlein oder daran, dass ich zum ersten Mal seit Langem wieder mit jemandem durch ein Dorf ging, ohne mich vollkommen allein zu fühlen. Ich strich eine lose Haarsträhne hinter mein Ohr und setzte mich wieder in Bewegung. „Komm. Holen wir den Hafer und gehen nach Hause.“ ^
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    • Ich sah das leichte Stirnrunzeln auf ihrer Stirn und die ehrliche Verwunderung in ihren Zügen, als sie die drei Säcke Mehl ansprach. In meinen Augen war das nicht viel – Mehl war haltbar, vielseitig und bildete die Grundlage für so ziemlich jedes nahrhafte Mahl, das man über einen langen Winter hinweg zubereiten konnte. Ich entgegnete ihr ein ruhiges, fast unmerklich schalkhaftes Zucken der Mundwinkel, verzichtete jedoch darauf, meine Absichten weiter breitrammig zu erklären. Es reichte mir, dass sie das Päckchen mit den Honigküchlein an sich nahm und ihr Blick für einen kurzen Augenblick weicher wurde, als der süße Duft des gebackenen Teigs zu ihr emporstieg. Dass sie sich nicht beschweren würde, war mir nur allzu recht.
      Wir setzten unseren Weg fort, weg vom trubeligen Marktplatz, hinein in die ruhigeren Gassen von Hyskelt. Die Blicke der Dorfbewohner klebten noch immer an uns – argwöhnisch, neugierig, tuschelnd. Jedes Mal, wenn zwei Köpfe zusammengesteckt wurden, sobald wir passierten, spürte ich eine vertraute Härte in meiner Brust aufsteigen. Ich war es gewohnt, dass Fremden mit Misstrauen begegnet wurde; auf den Straßen des Reiches gehörte das zum Alltag. Doch dass man eine Frau, die abgeschieden im Wald lebte und den Menschen bei ihren Gebrechen half, mit derselben kühlen Distanz behandelte, schmeckte mir nach wie vor bitter. Ich ignorierte die Leute ebenso demonstrativ wie sie, behielt jedoch meine Umgebung starr im Auge.
      Beim Getreidehändler verlief alles pragmatisch und ohne unnötige Worte. Ich hatte volles Vertrauen in ihr Urteil, als sie das Korn prüfte und die Qualität bestätigte. Wenn jemand wusste, was für ein Tier gut war und was nicht, dann sie. Dass sie kurz nach meinem Arm griff und mir zuvorkam, als ich nach der Börse greifen wollte, ließ mich für einen Moment innehalten. Ich sah hinab auf ihre Hand und dann in ihr Gesicht. Es lag eine klare, unmissverständliche Entschlossenheit in ihren Augen – dieselbe Sturheit, die sie bereits der Dorfältesten entgegengebracht hatte. Ich hielt inne und ließ sie gewähren. Sie zahlte den Sack Hafer und organisierte die Abholung so, dass wir die schwere Last erst auf dem Weg hinaus mitnehmen mussten.
      Als das leise Lächeln über ihre Lippen huschte und sie mir erneut in Erinnerung rief, dass ich noch verletzt sei, konnte ich mir ein leises, tiefes Brummen in der Kehle nicht verkneifen. Es war zu einem regelrechten Brauch zwischen uns geworden. Jeder Versuch meinerseits, mich wie ein voll belastbarer Mann nützlich zu machen, stieß bei ihr auf dieselbe vorsorgliche Zurechtweisung. Doch es lag keine Schärfe darin, und so akzeptierte ich den Einwand ohne Murren. Ich passte meinen Schritt dem ihren an, während das Bündel mit dem Brot und den übrigen Einkäufen sicher unter meinem Arm ruhte.
      Die Sonne schien nun wärmer auf die steinigen Pfade und die verwitterten Holzfassaden der Häuser. Für wenige Minuten wirkte der Ort tatsächlich ein wenig friedlicher, als spüle das goldene Nachmittagslicht die dumpfe Grolligkeit der Dorfbewohner hinweg. An der kleinen Kreuzung hörte ich aufmerksam zu, als sie über das Abendessen nachspann, über frisches Gemüse und eine warme Suppe, zu der unser dunkles, noch immer leicht warmes Brot passen würde. Der Gedanke an ein einfaches, ehrliches Mahl an ihrem Herd – weit weg von den tuschelnden Zungen dieses Ortes – hatte etwas erstaunlich Beruhigendes.
      Ich drehte mich nicht um, als hinter uns erneut das Kinderlachen ertönte, bemerkte aber sehr wohl, wie das kleine Mädchen mit dem Ball stehen blieb und die stumme Annäherung suchte. Ich beobachtete den kurzen Blickwechsel zwischen den beiden aus den Augenwinkeln. Wenn die Erwachsenen in diesem Dorf verlernt hatten, den Wert von Vertrauen und ehrlicher Arbeit zu erkennen, so war der Verstand der Kinder wenigstens noch nicht vollends vergiftet.
      Ihre leise gesagten Worte – dass das Mädchen sich nicht mehr vor ihr fürchtete und dass der Tag vielleicht doch nicht ganz so schlecht sei – fing ich schweigend auf. Es brauchte von meiner Seite keine großen Reden oder zustimmenden Floskeln. Ein einfaches, langsames Nicken genügte. Ich rückte das Paket unter meinem Arm zurecht, fasste das Mehl fest mit der freien Hand nach und folgte ihr schweigend, als sie den Weg zurück in Richtung des Getreideschuppens einschlug.
      Wir holten den Sack Hafer ab. Ich schlug mir die schwere Last trotz ihres vorherigen Einwands mit einer einzigen, geübten Bewegung über die gesunde Schulter, um die verletzte Seite nicht zu belasten, und nickte dem Getreidehändler ein kurzes, stummes Lebewohl zu. Er sah uns nach, aber ich wandte meinen Blick nicht mehr zurück.
      Gemeinsam verließen wir die Straßen von Hyskelt. Mit jedem Schritt, den wir uns von den letzten Häusern des Dorfes entfernten, schien die Luft wieder reiner, kühler und freier zu werden. Der Wald empfing uns mit dem vertrauten Rauschen der Wipfel im Nachmittagswind und den schattigen, kühlen Pfaden, auf denen das Moos jeden Schritt dämpfte. Das Dorf lag hinter uns, nebst seiner Feilscherei, seinen Tuscheleien und seinen starren Gemütern. Vor uns lag der Weg zurück zur Hütte – ein Ort, an dem Arbeit noch ihren ehrlichen Wert besaß und an dem eine einfache Suppe und frisches Brot mehr wog als alle Münzen in den Beuteln der Dorfältesten. Ich ging schweigend an ihrer Seite, den Blick auf den Pfad gerichtet, getragen von einer ruhigen, unerschütterlichen Genugtuung über den Ausgang dieses Tages.
    • Ich bemerkte wohl, dass Leonard den Sack Hafer trotz meiner Worte wieder selbst aufnahm, und für einen Augenblick wollte ich ihn daran hindern. Doch als ich sah, wie er ihn auf die gesunde Schulter hob und dabei darauf achtete, seine verletzte Seite nicht zu belasten, ließ ich es schließlich bleiben. Er war noch immer nicht vollständig genesen, aber offenbar hatte er wenigstens gelernt, nicht jede Last auf die verletzte Seite zu legen. „Du hörst wirklich nur dann auf mich, wenn es dir gerade passt“, murmelte ich, während wir den Getreidehändler hinter uns ließen. Es lag jedoch kein wirklicher Tadel in meiner Stimme. Eher musste ich über seine Sturheit ein wenig schmunzeln.
      Ich nahm den Beutel mit den Honigküchlein fester an mich und ging neben ihm her, bis die letzten Häuser von Hyskelt hinter uns lagen. Erst dort merkte ich, wie sehr ich mich darauf gefreut hatte, wieder aus dem Dorf hinauszukommen. Die Luft schien tatsächlich anders zu sein. Nicht wirklich frischer, denn auch im Dorf wehte der Wind, doch zwischen den Bäumen fühlte ich mich wieder wie ich selbst. Die Stimmen der Menschen verstummten hinter uns, die Blicke verschwanden, und mit jedem Schritt wurde mein Gang unwillkürlich leichter. Ich kannte jeden dieser Wege. Ich wusste, wo die Wurzeln unter dem Moos hervortraten, wo sich nach Regen kleine Pfützen bildeten und an welcher Stelle der Pfad sich zwischen zwei alten Buchen hindurchwand. Ich musste nicht mehr darüber nachdenken, wohin ich trat. Meine Füße fanden den Weg beinahe von selbst.
      Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her. Ich hörte das Knirschen des Hafer­sacks bei jedem seiner Schritte, das leise Rascheln der Blätter über uns und hin und wieder das Knacken eines Zweiges unter meinen Stiefeln. Es war eine angenehme Stille. Im Dorf hatte ich mich ständig dabei ertappt, auf jedes Wort und jede Bewegung zu achten. Hier draußen musste ich das nicht. Nach einiger Zeit sah ich zu Leonard hinüber. „Deine Seite tut nicht weh?“ fragte ich. „Vom Tragen.“ Ich wartete seine Antwort ab und musterte dabei unauffällig seine Haltung. Er bewegte sich zwar noch etwas steifer als gewöhnlich, doch längst nicht mehr so vorsichtig wie an den ersten Tagen. Das war ein gutes Zeichen. „Wenn es doch zieht, sag es mir“, fügte ich hinzu. „Du musst mir nichts beweisen.“ Ich wandte den Blick wieder dem Weg zu. „Schon gar nicht mit einem Sack Hafer.“ Ein leises Lächeln stahl sich auf meine Lippen.
      Nach einer Weile erreichten wir die Stelle, an der der Weg sich teilte. Der eine Pfad führte weiter in Richtung meines alten Hauses, der andere zu einer kleinen Lichtung, an der ich manchmal Fallen kontrollierte.
      Je näher wir meiner Hütte kamen, desto vertrauter wurden die Geräusche. Irgendwo weiter hinten im Wald klopfte ein Specht gegen einen Stamm. Ein Vogel schreckte aus dem Gebüsch auf und flog über unseren Köpfen hinweg. Schließlich konnte ich zwischen den Bäumen bereits das Dach der Hütte erkennen. Der Wallach hob sofort den Kopf, als er uns bemerkte, und stieß einen leisen Laut aus. „Da ist er ja“, sagte ich und lächelte. Ich ging ein wenig schneller und trat auf die kleine Lichtung hinaus.
      Als ich die Tür öffnete, empfing mich die vertraute Wärme des kleinen Raumes. Es roch nach getrockneten Kräutern, Holz und dem schwachen Rauch, der noch vom Morgen im Herd hing. Ich legte die Honigküchlein auf den Tisch. Dann nahm ich das Gemüse, das wir noch gekauft hatten, und begann, die Sachen zu ordnen. Das Mehl stellte ich an einen trockenen Platz, die Kräuter legte ich beiseite und das Brot schnitt ich zunächst nicht an. Ich wollte warten, bis wir mit dem Abendessen begannen.
      Während ich Gemüse wusch und Kräuter zusammensuchte, kehrte die angenehme Ruhe zurück, die ich so sehr vermisst hatte. Draußen hörte ich den Wallach schnauben, drinnen knisterte das Holz im Herd. Ich schnitt das Gemüse klein und gab es in einen Topf, ehe ich einige Kräuter hinzufügte. Nach kurzer Zeit erfüllte der Duft einer warmen Suppe den Raum. Ich nahm schließlich das dunkle Brot zur Hand und schnitt zwei dicke Scheiben davon ab. Eine legte ich vor Leonard, die andere nahm ich selbst. Der kräftige Geschmack war tatsächlich etwas anderes als das einfache Brot, das ich gewöhnlich selbst backte. Ich nickte anerkennend. Es war ein langer Tag gewesen, doch nun, da wir wieder in der Hütte saßen, fühlte er sich beinahe friedlich an.
      Das Dorf lag weit hinter uns, ebenso seine Stimmen und seine Blicke. Hier gab es nur das Feuer, den Duft der Suppe, das Schnauben des Pferdes vor der Tür und die ruhige Gegenwart eines Menschen, an dessen Anwesenheit ich mich inzwischen weit mehr gewöhnt hatte, als ich mir selbst eingestehen wollte. Während ich den Löffel durch die Suppe zog, dachte ich noch einmal an den Morgen zurück. An den Einkauf, die alte Dorfälteste, Karl und das kleine Mädchen mit dem Ball. Es war merkwürdig. Ich hatte Hyskelt nie gemocht und war auch heute froh gewesen, es wieder verlassen zu können.
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    • Ich erwiderte ihr leises Murmeln über meine Eigenwilligkeit mit einem kaum merklichen Schmunzeln. Meine Hand passte den Griff am groben Leinen des Hafersacks an, sodass die Last gleichmäßig auf der gesunden Schulter ruhte und der verletzte Brustkorb unbeeinträchtigt von jedem Druck blieb.
      Als sie mich nach meiner Flanke fragte, fing ich ihren prüfenden Blick ruhig auf. Mein Gang war gleichmäßig und fest, getragen von der vertrauten Entlastung, die der freie Waldweg meinen Sinnen schenkte. „Der Knochen hält ruhig“, antwortete ich sonor, ohne den Schritt zu verlangsamen. „Die Binden stützen gut, und die Last ruht rein auf der gesunden Seite. Macht Euch um meine Rippe keine Sorgen – eher fällt das Leinen auseinander, als dass ich mich an einem Sack Hafer verhebe.“ Ein tiefes, leises Glucksen entwich meiner Brust, als ich ihr Versprechen erneuerte, mich bei Schmerzen sofort zu melden.
      Der Rückweg durch den Forst war wie ein schrittweises Abstreifen des unruhigen Dorflebens. Mit jedem Meter, den die Fichten und alten Buchen dicht hinter uns zusammenschlossen, schwand die klamme Restspannung, die von den Begegnungen mit dem Metzger, der Dorfältesten und dem treulosen Karl zurückgeblieben war. Das gleichmäßige Rascheln der Hufe meines Wallachs, der leise Wind in den Wipfeln und das vertraute Knirschen des Waldbodens stellten die natürliche Ordnung wieder her.
      Bei der Hütte angekommen, führte mich mein erster Weg zum Unterstand meines Pferdes. Ich spürte das warme, erfreute Schnauben des Wallachs an meiner Handfläche, als ich ihm das Halfter streichelte und die Zügel löste. Ich entlad die mitgebrachten Säcke, schnallte den schweren Hafersack ab und füllte ihm eine reichliche Portion des frischen, duftenden Korns in den Futtertrog. Das Tier machte sich sogleich mit gleichmäßigem, zufriedenem Mahlen über das Getreide her. Erst als ich das Fell des Pferdes noch mit einem Bündel trockenem Stroh abgerieben und ihm frisches Tränkwasser hingestellt hatte, kehrte ich mit den restlichen Einkäufen – den Mehlsäcken, dem Schleifstein, der Polierpaste und dem eingewickelten Jagdmesser – in das schummrige Innere der Hütte zurück.
      Der vertraute Geruch von trockenem Harz, Rauch und Kräutern hüllte mich sogleich ein. Ich trat behutsam durch den Türsturz, um nicht an den Balken anzustoßen, und stellte die schweren Mehlsäcke in die kühle, trockene Ecke neben der Vorratskiste. Das Päckchen mit dem Schleifstein und dem neuen Messer legte ich auf die Holzbank nahe dem Fenster, wo das schwindende Tageslicht noch auf das saubere Leder fiel.
      Während sie sich mit geübter, ruhiger Hand dem Herd zuwandte, das Gemüse wusch und die Kräuter vorbereitete, nahm ich Platz auf der breiten Holzbank. Ich schnallte die festen Ledergurtungen meiner Brustbrünne ab, legte die schwere Rüstung behutsam beiseite und spürte, wie sich die Muskeln unter dem Verband entspannten. Es war eine wohltuende, ehrliche Müdigkeit, die mich nach den Meilen des Tages erfasste.
      Das Knistern des Feuers im Herd und das leise Brodeln des Wassers im Suppentopf füllten den Raum mit einer friedlichen Wärme. Der wohlige Duft der kochenden Kräuter vermischte sich mit dem süßlichen Aroma des frischen Brotes und den Honigküchlein auf dem Tisch.
      Als sie mir die dicke Scheibe des dunklen Brotes vorlegte und sich mir gegenübersetzte, nahm ich das Brot entgegen. Ich brach ein Stück ab, besah mir die kräftige, dunkle Kruste und schob es mir in den Mund. Der kräftige, nussige Geschmack von frisch vermahlenem Korn und Kümmel war eine Offenbarung nach den kargen Rationen der letzten Tage. Ich nickte stumm und anerkennend.
      Ich griff nach dem Löffel und wandte mich der dampfenden Suppe zu. Die Schale war reichlich gefüllt mit den feinen Stücken des frischen Gemüses und durchzogen von jener aromatischen Kräuterwürze, die nur eine erfahrene Hand anzurühren verstand. Ich aß langsam, mit der stetigen, bedächtigen Rhythmik eines Mannes, der gelernt hatte, jede Mahlzeit nach harten Fahrten zu schätzen. Das heiße Essen trieb die letzte Klammheit aus den Gliedern und vertiefte die wohltuende Ruhe, die über der kleinen Hütte lag.
      Draußen dunkelte der Wald langsam ab. Die Abenddämmerung senkte sich über die Wipfel, färbte den Himmel zwischen den Fichten in ein tiefes Violett und ließ die Kälte der Nacht näher rücken. Doch hier drinnen, im Schein der knisternden Herdflammen, herrschte eine Geborgenheit, die von keinem Dorf und keiner feindseligen Zunge berührt werden konnte.
      Ich legte den Löffel schließlich zur Seite, strich mir über den Bart und sah zu ihr hinüber. Das Flackern des Feuers warf weiche Schatten auf die Holzwände und spiegelte sich ruhig in ihrer Haltung wider.
      Der Tag in Hyskelt war vorbei. Die Abneigung der Dorfbewohner, der Wucher des Metzgers und die Gehässigkeit des Müllersohns lagen weit hinter den dichten Wällen des Forsts. Hier, an diesem einfachen Holztisch, im Schutz des tiefen Grüns, hatte alles wieder sein rechtes Maß gefunden. Ich lehnte mich entspannt zurück, spürte das gleichmäßige Heben meiner Brust unter den Binden und genießt das stumme, friedliche Verstreichen der Abendstunden an ihrer Seite.
    • Ich aß langsam und ließ die Wärme der Suppe auf mich wirken, während ich Leonard gegenüber saß und dem leisen Knacken des Feuers lauschte. Erst jetzt, da wir wieder zu Hause waren, bemerkte ich, wie müde ich eigentlich war. Der Gang durch Hyskelt war nicht besonders weit gewesen, doch die vielen Menschen, die Gespräche und die Begegnung mit Karl hatten mehr Kraft gekostet, als ich mir eingestehen wollte. Hier in der Hütte fiel all das von mir ab. Ich musste nicht mehr darauf achten, wer mich ansah oder was jemand hinter meinem Rücken sagen mochte. Ich konnte einfach sitzen und essen. Mein Blick wanderte kurz zu Leonard hinüber. Er wirkte ebenfalls müde, doch auf eine andere Art als noch vor einigen Tagen. Damals hatte er kaum die Kraft besessen, sich allein aufzurichten, und nun saß er wieder in meiner Hütte, hatte sein Pferd versorgt, einen schweren Sack Hafer getragen und sogar einen neuen Schleifstein und ein Jagdmesser gekauft. Es war beinahe schwer vorstellbar, wie schlecht es ihm ergangen war, als ich ihn im Wald gefunden hatte. Es war vermutlich überflüssig, ihn daran zu erinnern, doch ich konnte es nicht lassen. Ich nahm noch einen Bissen Brot und kaute nachdenklich darauf herum. Das dunkle Brot war tatsächlich sehr gut. Es schmeckte kräftiger als jenes, das ich selbst backte, und die Gewürze darin verliehen ihm eine angenehme Wärme. Ich brach ein weiteres Stück ab und sah dabei zu den Mehlsäcken hinüber, die Leonard neben der Vorratskiste abgestellt hatte.
      Ich erhob mich schließlich, nahm die leeren Schalen und stellte sie beiseite. „Bleib sitzen“, sagte ich, als Leonard Anstalten machte, sich ebenfalls zu bewegen. „Ich räume das weg.“ Ich trug die Schalen zum kleinen Waschplatz und begann, sie mit warmem Wasser auszuspülen. Hinter mir herrschte wieder jene ruhige Stille, die inzwischen fast etwas Vertrautes bekommen hatte. „Du kannst übrigens eines der Honigküchlein haben“, sagte ich nach einer Weile. Ich nahm das Pergament und legte eines der Küchlein auf einen kleinen Teller. Den Teller stellte ich vor Leonard ab, ehe ich mich wieder dem Abwasch widmete. „Das andere nehme ich morgen mit, wenn ich nach den Fallen sehe.“ Ich hielt kurz inne. „Falls du mitkommen möchtest, kannst du mitkommen.“ Ich sah über die Schulter zu ihm. Nachdem alles sauber war, trocknete ich meine Hände an einem Tuch und ging zur Tür. Draußen war es inzwischen beinahe dunkel. Ich öffnete sie einen Spalt und sah zum Unterstand hinüber. Der Wallach stand ruhig da und hatte offenbar genug gefressen. Ich schloss die Tür wieder und legte einen weiteren Scheit Holz auf das Feuer. Die Flammen schlugen kurz höher und warfen warmes Licht durch die Stube. Danach nahm ich die kleine Schachtel mit meiner Salbe aus dem Regal und betrachtete sie. Ich stellte die Salbe zurück und bemerkte dabei das eingewickelte Jagdmesser auf der Bank. Ich nahm es vorsichtig hoch und betrachtete die Scheide.
      „Das ist schön“, sagte ich. „Du hast es wirklich gut ausgesucht.“ Ich zog die Klinge ein kleines Stück aus der Scheide, nur weit genug, um das saubere Metall im Feuerschein zu sehen, und schob sie sogleich wieder zurück. Ich reichte es ihm. „Wofür benutzt du es?“ Während ich auf seine Antwort wartete, setzte ich mich wieder an den Tisch. Mein Blick fiel auf den Schleifstein.
      Draußen strich der Wind durch die Bäume, und irgendwo in der Ferne rief ein Nachtvogel. Ich lehnte mich ein wenig zurück und lauschte. Der Tag war lang gewesen, doch nun fühlte ich mich ruhig. Vielleicht war es tatsächlich diese einfache Art von Frieden, die ich all die Jahre gesucht hatte, ohne zu wissen, dass ich sie suchte. Ein warmes Feuer, eine Schale Suppe, ein Pferd vor der Tür und jemand, mit dem man schweigen konnte, ohne dass sich die Stille unangenehm anfühlte.
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    • Ein warmes, tiefes Licht spiegelte sich in meinen Augen, als sie das frisch erworbene Jagdmesser in den Händen hielt und die saubere Verarbeitung der Scheide lobte. Als sie mir die Klinge entgegenreichte und wissen wollte, wofür ich es zu nutzen gedachte, blieb mein Blick für einen Moment an den geschmeidigen Linien des Leders hängen. Ein leises, echtes Lächeln breitete sich langsam auf meinen Zügen aus.
      „Es ist nicht für mich“, entgegnete ich mit ruhiger, sanfter Stimme, die ganz ohne die sonst gewohnte Härte auskam. Ich nahm das Messer entgegen und wog es leicht in der Handfläche, ehe ich es auf den Tisch zwischen uns legte. „Es gehört Euch. Als ein kleiner Dank dafür, dass Ihr mich von der Straße aufgelesen und wieder zusammengeflickt habt.“ Ich wies kurz mit dem Zeigefinger auf die schlichte Lederscheide. „Ich wollte das Leder eigentlich noch mit ein paar sauberen Stanzungen verzieren – vielleicht ein Muster oder ein Zeichen, das Euch gefällt, sobald ich mein Werkzeug dafür wieder richtig führen kann. Aber das Messer selbst sollt Ihr tragen. Eine gute Klinge kann man im Wald nie zu viel bei sich haben.“
      Als sie kurz darauf das Angebot aussprach, dass ich sie am morgigen Tag zu ihren Fallen begleiten könne, nickte ich sogleich mit ehrlicher, beinahe knabenhafter Freude. Es war mehr als nur eine Einladung zum Zeitvertreib; es war ein Zeichen des Vertrauens, das sie mir entgegenbrachte.
      „Ich komme nur zu gern mit“, sagte ich fest und fügte mit einem leisen Schmunzeln hinzu: „Vielleicht kann ich mir ja den einen oder anderen Kniff von Euch abschauen oder eine neue Technik lernen, wie man Fährten im dichten Unterholz liest, ohne das Wild aufzuscheuchen. Von einer Meisterin ihres Fachs lernt man schließlich nie aus.“
      Als sie sich wieder am Tisch niederließ und der Wind draußen die alten Fichtenkronen leise wiegen ließ, erwischte ich mich dabei, wie ich eine ganze Weile vollkommen reglos dasaß und einfach nur zufrieden lächelte. Mein Blick ruhte auf ihr, während das warme Flackern des Herdffeuers ihre Züge sanft erhellte.
      Sie gefiel mir. Es war keine rasche, flatterhafte Neigung, sondern ein tiefes, stetig gewachsenes Empfinden, das sich über die vergangenen Tage in meiner Brust eingenistet hatte. Ich schätzte ihre fürsorgliche, zupackende Art, die nie viele Worte brauchte, um Gutes zu tun. Ich schätzte ihren kompromisslosen, situationsbedingten Pragmatismus – diese scharfe Vernunft, mit der sie den Widrigkeiten des Lebens entgegentrat, ob es nun der harsche Winter, ein mürrischer Metzger oder ein verletzter Krieger auf ihrer Schwelle war. Und nicht zuletzt lag ein schlichter, fast wundersamer Trost in der Tatsache, dass ich noch am Leben war: weder an meinen schweren Wunden gestorben, noch von irgendwelchen bitteren Kräutern vergiftet oder gar mit dunkler Magie verzaubert, wie es die Schauergeschichten der Abergläubischen oft raunten. Hier saß schlichtweg eine Frau von außergewöhnlicher Stärke und Güte.
      Für einen langen, ungestörten Moment verlor ich mich in dem Gedanken, wie es wäre, wenn das Leben einfach für immer so bleiben könnte. Das Getöse der Städte, die ständigen Kämpfe auf den kargen Straßen des Reiches, der ewige Dienst für fremde Herren – all das verblasste gegenüber der einfachen, ehrlichen Würde dieses Hüttenlebens. Sich selbst versorgen, den Forst durchstreifen, das Holz für die kalten Nächte spalten und das Brot am eigenen Herd teilen... mit der richtigen Person an meiner Seite schien diese Vorstellung kein Traum von Schwäche zu sein, sondern der einzig wahre Frieden, den ein Mann suchen konnte.
      Ich griff nach dem Teller mit dem Honigküchlein, brach ein kleines Stück ab und genoss den süßen, würzigen Geschmack von Honig und Anis. Die Stille, die uns umgab, war dicht und wohltuend. Draußen rufen die Geschöpfe der Nacht, während drinnen das Feuer knackte und die Wärme den Raum füllte. Ich verharrte stumm, den Arm entspannt auf dem Tisch abgestützt, und ließ die friedliche Gelassenheit dieser Stunde tief in mich einsickern.
    • Ich sah das Messer eine Weile an, nachdem er es vor mich auf den Tisch gelegt hatte. Für einen Augenblick wusste ich nicht recht, was ich sagen sollte. Ich hatte damit gerechnet, dass er mir vielleicht erklären würde, wofür er es gekauft hatte, doch dass es für mich bestimmt war, damit hatte ich nicht gerechnet. Vorsichtig nahm ich es wieder auf und ließ meinen Daumen über die glatte Lederscheide gleiten. „Für mich?“, fragte ich leise, obwohl seine Worte eigentlich keinen Zweifel daran gelassen hatten. Ich zog die Klinge ein kleines Stück heraus und betrachtete das blanke Metall im Schein des Feuers. Sie war sauber gearbeitet, nicht besonders verziert und doch schön. Vor allem aber war sie neu. Ich hatte noch nie ein Messer besessen, das nur mir gehört hatte und das jemand eigens für mich ausgesucht hatte. Der alte Mann hatte mir zwar Werkzeuge gegeben, wenn ich sie benötigte, doch er hatte nie etwas gekauft, nur um mir eine Freude zu machen. „Das ist zu viel“, sagte ich schließlich und schob die Klinge wieder zurück. Ich sah zu Leonard hinüber. „Du hast mir doch schon genug gedankt.“ Dennoch legte ich das Messer nicht zurück auf den Tisch. Stattdessen hielt ich es noch einen Moment in der Hand. Der Gedanke, dass er sogar die Lederscheide noch verzieren wollte, brachte mich beinahe zum Lächeln. „Aber wenn du wirklich ein Zeichen darauf machen möchtest... dann darfst du das.“ Ich strich noch einmal über das Leder. „Vielleicht etwas Einfaches.“ Ich wusste selbst noch nicht, was ich damit meinte. Ein Blatt vielleicht. Oder eine kleine Blüte. Etwas, das an den Wald erinnerte. Doch ich wollte mir darüber später Gedanken machen. Schließlich steckte ich das Messer vorsichtig in die Scheide und legte es neben mich. „Danke“, sagte ich leise. Diesmal wollte ich seine Geste nicht mit weiteren Worten kleinreden. Ich wusste, dass er es ehrlich meinte, und vielleicht war es deshalb besser, die Dankbarkeit einfach anzunehmen.
      Als er dann sagte, er wolle mich morgen zu meinen Fallen begleiten, hob ich leicht die Augenbrauen. Ich hob einen Finger. „Nur solange du dich nicht überschätzt.“ Dann ließ ich die Hand wieder sinken. „Die Fallen sind nicht schwierig. Man muss nur wissen, wo man sie aufstellt und worauf man achten muss.“ Ich dachte kurz darüber nach. „Und man muss still sein.“ Mein Blick wanderte zu ihm. Ich wusste nicht, ob er das vermochte. Der Gedanke daran, dass ausgerechnet dieser große Mann sich im Unterholz vorsichtig und lautlos bewegen sollte, ließ mich beinahe wieder lächeln. Doch ich sagte nichts weiter dazu.
      Später, als das Feuer beinahe heruntergebrannt war, löschte ich die Lampe und legte noch zwei Holzscheite nach. Das Messer nahm ich mit, als ich zu meinem Schlafplatz ging. Ich legte es nicht weit von mir entfernt auf den kleinen Tisch, damit ich es am nächsten Morgen nicht vergaß. Lange konnte ich jedoch nicht einschlafen. Ich dachte über den vergangenen Tag nach. Über Hyskelt, über Karl, über die Dorfälteste und über die seltsame Art, wie Leonard den Reim gesprochen hatte. Ich verstand ihn noch immer nicht. Vielleicht würde ich ihn irgendwann danach fragen. Vielleicht auch nicht. Schließlich schloss ich die Augen und überließ mich der Müdigkeit.
      Am nächsten Morgen erwachte ich noch vor dem ersten richtigen Licht. Das Feuer war beinahe erloschen, und in der Hütte lag die kühle Stille des frühen Morgens. Ich blieb noch einen Augenblick liegen, ehe ich mich erhob und mich ankleidete. Draußen lag feuchter Tau auf dem Gras. Ich öffnete die Tür und ließ die frische Luft herein, ehe ich mich auf den kleinen Schemel vor der Hütte setzte und meine Stiefel schnürte. Der Wald war noch still. Nur vereinzelt waren die ersten Vögel zu hören. Ich mochte diese Stunden. Bevor das Dorf erwachte, bevor Menschen ihre Türen öffneten und Stimmen durch die Straßen gingen, gehörte der Wald beinahe nur sich selbst. Nachdem ich mich angekleidet hatte, ging ich zurück in die Hütte und begann, die Dinge für den Rundgang zusammenzusuchen. Zuerst nahm ich den kleinen Lederriemen, an dem ich gewöhnlich meine Fallen befestigte, und prüfte jede einzelne auf Beschädigungen. Einige der Schlingen mussten neu geknotet werden. Ich setzte mich an den Tisch, nahm eine Rolle dünnen, festen Drahtes und schnitt mehrere Stücke davon zurecht. Danach legte ich die kleinen Eisenbügel und die hölzernen Pflöcke bereit. Ich besaß keine besonders großen Fallen. Für mich genügte es, Hasen, Eichhörnchen oder anderes kleines Wild zu fangen. Mehr brauchte ich nicht. Ich nahm außerdem ein kleines Bündel Schnur, mein Messer und einen alten Stoffbeutel, in dem ich die Beute später verstauen konnte. Als mein Blick auf das neue Jagdmesser fiel, hielt ich kurz inne. Ich nahm es auf und befestigte die Scheide an meinem Gürtel. Es fühlte sich ungewohnt an, eine neue Klinge bei sich zu tragen. Schwer war sie nicht, doch allein der Gedanke, dass Leonard sie für mich ausgesucht hatte, ließ mich für einen Augenblick nachdenklich werden. Ich prüfte den Sitz der Scheide und zog sie wieder ein wenig zurecht. Dann nahm ich noch einen kleinen Beutel mit getrockneten Kräutern an mich. Nicht, weil ich erwartete, dass etwas geschehen würde, sondern weil ich gelernt hatte, lieber vorbereitet zu sein. Ehe ich die Hütte verließ, blickte ich noch einmal über den Tisch. Ich hatte beinahe alles. Fallen, Schnur, Draht, Messer, Stoffbeutel und Kräuter. Ich überlegte kurz und nahm schließlich noch ein Stück Brot mit. Man konnte nie wissen, wie lange man draußen blieb. Draußen hörte ich Schritte. Leonard war offenbar ebenfalls bereits wach. Ich trat vor die Hütte und sah zu ihm hinüber. „Du bist früh auf“, sagte ich leise. Dann deutete ich auf meine Ausrüstung. „Ich bin fertig. Wir müssen nur noch prüfen, ob du wirklich leise genug bist, um ein Kaninchen nicht schon auf zehn Schritte zu vertreiben.“ Ein kleines Lächeln lag auf meinen Lippen. Ich schulterte den Beutel und wartete auf ihn. „Dann können wir los.“
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    • Ein leises, tiefes Lachen entwich meiner Kehle, als sie ihre Bemerkung über meine Fähigkeit machte, mich leise durch das Unterholz zu bewegen. Ich blickte an mir hinab, strich mit der Hand über die feste Lederkleidung und die schweren Beschläge, ehe mein Blick wieder zu ihr wanderten. In ihren Zügen lag dieses feine, kaum merkliche Lächeln, das die Strenge des Musters auslöschte.
      „Unterschätzt nicht die Schritte eines Mannes, der sein Brot jahrelang mit der Pirsch und dem stummen Auflauern verdient hat“, entgegnete ich leise und meine Stimme schwing wie ein tiefes Brummen durch die kühle Morgenluft. „Eine dicke Rüstung mag im Kampf klappern, aber wenn ein Jäger gelernt hat, das Gewicht seines Körpers auf die Außenkanten der Sohlen zu verlagern, knackt nicht einmal ein trockener Fichtenzweig unter seinen Stiefeln. Ich werde leiser sein als der Wind in den Buchenkronen – und wenn doch ein Kaninchen Reißaus nimmt, schiebe ich die Schuld einfach auf meinen Wallach.“
      Ich trat ein paar Schritte vor die Hütte auf die taufeuchte Lichtung heraus. Die Morgensonne war noch nicht über die Wipfel gestiegen, doch das erste, blasse Licht der Dämmerung tauchte den Forst in ein ruhiges, silbriges Blau. Die Kälte der Nacht hing noch dicht zwischen den Stämmen und ließ meinen Atem als feinen, weißen Dampf in der Luft stehen. Meine Rippe hielt die Bewegung ohne scharfen Schmerz aus; die Ruhe der vergangenen Tage und das kräftige Mahl des Vorabends hatten ihren Teil beigetragen. Ich fühlte mich kräftig, wendig und wacher als seit vielen Wochen.
      Mein Blick glitt für einen kurzen Moment zu ihrer Hüfte. Es war ein eigentümliches, ungemein befriedigendes Gefühl, das schlichte, dunkle Leder des neuen Jagdmessers an ihrem Gürtel ruhen zu sehen. Es saß gut dort. Nicht wie ein fremdes Schmuckstück, sondern wie ein Werkzeug, das genau an jenen Ort gehörte, an dem sie lebte. Ich nahm mir im Stillen vor, sobald die nächsten Stunden vorüber waren und die Sonne höher stand, am Nachmittag mein Stanzwerkzeug hervorzusuchen. Ein eingeritztes Motiv – eine geschwungene Farnspitze oder das feine Blatt einer Eiche – würde dem harten Leder jene Schärfe nehmen, die es noch hatte, und es vollends zu ihrem eigenen machen.
      Ich zupfte meine schlichte, grüne Jägerjoppe zurecht, schnallte den breiten Ledergürtel mit der Schnalle über den Hüften fest und versicherte mich, dass keine losen Riemen oder Schnallen beim Gehen aneinander reiben konnten.
      „Ich bin bereit“, sagte ich ruhig und nickte ihr zu. „Führt mich. Ich halte mich drei Schritte hinter Euch, fange keinen Lärm an und werde mich hüten, die Fährten zu zertrampeln, die Ihr lesen wollt.“
      Als sie voranging und den ersten schmalen Wildpfad einschlug, der sich tief in das dichte Grün des Morgengrauens verlor, folgte ich ihr mit bedachten, fließenden Schritten. Die Sohlen meiner Stiefel setzten behutsam auf dem feuchten Moos auf; ich rollte die Füße von der Ferse zur Spitze ab, so wie es die alten Waldläufer der Zunft gelehrt hatten. Es war eine Bewegung, die man nach Jahren nicht mehr verlernte – der Körper erinnerte sich von selbst an das langsame, wägende Tappen, das den Wald nicht aufschreckte, sondern Teil seiner eigenen Geräusche wurde.
      Der Morgentau hing schwer an den niedrigen Farnwedeln und streifte unsere Knöchel. Die Luft schmeckte nach feuchter Erde, frischem Harz und der süßlichen Kälte des heraufziehenden Herbstes. Weit oben in den Baumkronen schlug eine Drossel ihren ersten kurzen Ruf an, doch am Boden herrschte noch jene ehrfürchtige Stille, die nur den frühen Stunden gehörte.
      Ich beobachtete von hinten, wie mühelos und vertraut sie sich durch das Gelände bewegte. Jede Neigung ihres Kopfes, jedes Ausweichen vor einem herunterhängenden Ast geschah mit einer selbstverständlichen Anmut, die zeigte, wie tief sie mit diesem Stück Land verwoben war. Sie brauchte keine Karten, keine geschlagenen Schneisen und keine Markierungen an den Rinden; ihr Blick erfasste die kleinsten Niederdrückungen im Gras, das abgenagte Holz an den Sträuchern und die feinen Pfade des Niederwilds.
      Ich blieb in dem versprochenen Abstand hinter ihr. Wenn sie anhielt, um eine Schlinge im Unterholz zu prüfen oder den Draht zu richten, verharrte auch ich augenblicklich auf der Stelle, ohne das Gewicht zu verlagern. Meine Augen wanderten ruhig über die Umgebung – geschult darin, den Wald nicht nur als Schauplatz der Jagd zu sehen, sondern auch als Raum, der seine eigenen Geschichten erzählte. Ich suchte nach frischen Trittsiegeln von Hirschen oder Wildschweinen im feuchten Boden, musterte die Rinde der Fichten auf alte Scheuerstellen und hielt Ausschau nach Zeichen, die auf größere Raubtiere oder fremde Wanderer hindeuten konnten. Doch der Forst war ruhig. Er ruhte sicher unter den schützenden Armen seiner Buchen und Fichten.
      Es war eine Form der Bewegung, die mir lange gefehlt hatte. Kein Hetzen über steinige Pfade im Dienst einer Truppe, kein banges Blicken über die Schulter auf der Flucht vor Feinden, sondern das einfache, absichtslose Einswerden mit der Natur. An der Seite dieser Frau wirkte selbst der Nebel, der zwischen den Farnen aufstieg, nicht bedrohlich, sondern wie ein dichter Vorhang, der uns vor den unruhigen Blicken des Dorfes verbarg.
      Ich schmunzelte stumm vor mich hin, als ich mit größter Sorgfalt über eine morsche, feuchte Wurzel stieg, ohne auch nur das leiseste Knacken zu verursachen. Ich war gespannt, wie viele Fallen wir an diesem Morgen kontrollieren würden – und wie sehr sie überrascht sein würde, dass ein Mann von meiner Statur tatsächlich wie ein Schatten durch den Forst wandeln konnte, wenn er es nur darauf anlegte. Ich folgte ihren Spuren Schritt für Schritt, während das erste goldene Licht der aufgehenden Sonne die spitz zulaufenden Wipfel der höchsten Fichten traf und den Tag endgültig erwachen ließ.
    • Ich ging ein wenig langsamer, als ich seine Schritte hinter mir vernahm, und lauschte unwillkürlich auf das Geräusch seiner Stiefel. Tatsächlich war kaum etwas zu hören. Nur das leise Streifen des Leders an den Farnen und hin und wieder das sanfte Knirschen feuchter Erde verrieten mir, dass er mir folgte. Ich warf einen kurzen Blick über die Schulter und musste beinahe lächeln. „Du bist tatsächlich leiser, als ich erwartet habe“, flüsterte ich, ehe ich mich wieder dem schmalen Pfad zuwandte. „Aber drei Schritte hinter mir sind zu viel, wenn du sehen willst, wie ich die Fallen prüfe.“ Ich hob eine Hand und deutete auf eine kleine Senke zwischen zwei alten Buchen. „Komm näher. Nur nicht auf meine Spuren treten.“ Ich ging seitlich einen Schritt aus dem Pfad, setzte den Fuß auf einen mit Moos bedeckten Stein und wartete, bis Leonard neben mich getreten war. Vor uns verlief eine kaum sichtbare Schneise durch das Unterholz, an deren Rand einige dünne Zweige abgebrochen waren. „Hier ist eine gute Stelle“, erklärte ich leise. „Nicht weil viele Tiere hier vorbeikommen, sondern weil sie gezwungen sind, hier vorbeizukommen.“ Ich ging in die Hocke und deutete auf die beiden Wurzeln, zwischen denen sich der schmale Durchgang zog. „Siehst du, wie die Pflanzen hier niedriger sind? Das kommt nicht vom Menschen. Kaninchen drücken sich durch solche Stellen, weil sie zwischen den Wurzeln schnell verschwinden können, wenn etwas sie erschreckt.“ Ich strich vorsichtig ein wenig Laub beiseite und zeigte ihm eine dünne Schlinge, die ich zwischen zwei kleinen Holzpflöcken befestigt hatte. „Die Falle darf niemals so aussehen, als hätte jemand sie hier angebracht. Tiere sind vorsichtiger, als man denkt.“ Ich zog die Schnur ein wenig zurück. „Und der wichtigste Teil ist nicht einmal die Schlinge selbst. Es ist der Weg davor.“ Ich deutete auf eine Reihe winziger Zweige, die ich absichtlich in einem bestimmten Winkel gelegt hatte. „Wenn das Tier hier entlangläuft und den Zweig berührt, weicht es instinktiv aus. Es nimmt den leichteren Weg, und der führt genau durch die Schlinge.“ Ich sah zu Leonard und hob leicht eine Augenbraue. „Man zwingt es nicht hinein. Man macht nur alle anderen Wege ein wenig unbequemer.“ Ein kleines Lächeln huschte über mein Gesicht. „Das ist bei Tieren meistens wirksamer als Gewalt.“
      Ich prüfte den Mechanismus mit zwei Fingern und stellte fest, dass er noch sauber auslöste. „Die Falle ist leer.“ Ich betrachtete den Boden ringsum und entdeckte eine Reihe kleiner Abdrücke. „Aber jemand war hier.“ Ich deutete auf die Spuren. „Gestern Abend. Vielleicht sogar später.“ Ich nahm einen kleinen Zweig und folgte damit der Spur, ohne den Boden zu berühren. „Das hier ist interessant. Zwei verschiedene Tiere. Das kleinere war zuerst hier. Danach kam etwas Größeres.“ Ich sah auf. „Ein Fuchs.“ Ich deutete auf die etwas länglicheren Abdrücke. „Er hat die Falle nicht ausgelöst, aber er hat sie bemerkt. Siehst du die Haare dort?“ Zwischen zwei Halmen hing ein winziges, rötlich-braunes Haar. „Füchse prüfen alles, was ihnen ungewöhnlich vorkommt. Deshalb darf man bei ihnen nie einfach nur auf den Köder vertrauen.“ Ich richtete mich wieder auf und strich mir die Erde von den Fingern. „Kaninchen sind da einfacher. Sie denken weniger darüber nach, ob etwas eine Falle sein könnte. Sie denken eher darüber nach, ob etwas gefährlich riecht.“ Ich ging weiter und blieb an einer zweiten Falle stehen. „Deshalb berühre ich die Schnur so wenig wie möglich. Nicht, weil sie mich sehen könnten, sondern weil mein Geruch daran haften bleibt.“ Ich sah kurz auf meine Hände. „Manchmal reibe ich die Finger vorher an feuchter Erde oder an einer Pflanze, die ohnehin hier wächst. Der alte Mann sagte immer, eine Falle müsse nach dem Wald riechen und nicht nach dem Menschen, der sie aufgestellt hat.“
      Für einen Moment wurde mein Blick weicher, ehe ich mich wieder der Falle zuwandte. Ich kniete mich nieder und stellte fest, dass auch diese leer war. Allerdings war der kleine Köder verschwunden. „Hier war jemand erfolgreicher.“ Ich betrachtete den Mechanismus und runzelte leicht die Stirn. „Aber nicht heute Nacht.“ Ich deutete auf den Boden. „Siehst du? Keine frischen Spuren. Der Regen hat sie teilweise verwischt.“ Ich nahm die Schnur hoch und bemerkte eine kleine Beschädigung. „Das Tier hat sich offenbar befreit.“ Ich schüttelte langsam den Kopf. „Das darf nicht passieren.“ Ich löste die Falle vollständig und legte sie beiseite. „Eine Falle, aus der ein Tier entkommen kann, ist keine gute Falle. Vielleicht war die Schnur zu locker. Vielleicht war der Pfosten nicht tief genug. Vielleicht hat die Erde nachgegeben.“ Ich sah Leonard an. „Deshalb prüfe ich nicht nur, ob etwas darin liegt. Ich prüfe auch, ob die Falle noch so funktioniert, wie sie soll.“ Ich nahm einen kleinen Stock und drückte damit gegen den Pfosten. Er bewegte sich kaum merklich. „Da haben wir es.“ Ich zog ihn heraus und ersetzte ihn durch einen stärkeren. „Wenn der Boden feucht ist, muss man tiefer gehen. Im Sommer kann man manches einfach in die Erde drücken. Nach Regen hält es nicht mehr.“ Ich richtete die Schlinge neu aus und zog die Schnur vorsichtig über den Boden. „Und niemals direkt neben einem Bau“, fügte ich hinzu. „Das ist ein Fehler, den Anfänger gern machen. Sie glauben, dort müsse das Tier am ehesten vorbeikommen. Aber wenn etwas schiefgeht, kann ein verletztes Tier in seinen Bau flüchten und dort verenden, ohne dass man es findet.“ Ich schwieg einen Moment und überprüfte noch einmal die Höhe der Schlinge. Dann stand ich auf und ging weiter.
      Der Wald war inzwischen heller geworden. Erste Sonnenstrahlen fielen durch die Kronen und ließen die Tautropfen auf den Farnen glitzern. Ich hörte einen Vogelruf und blieb kurz stehen, ehe ich auf einen schmalen Pfad zwischen jungen Fichten deutete. „Dort hinten ist meine älteste Falle.“ Ich ging voraus und bedeutete Leonard, diesmal neben mir zu bleiben. „Die habe ich schon seit Jahren dort. Der alte Mann hat mir gezeigt, wie man sie baut, als ich noch kaum größer war als die Falle selbst.“ Ein kleines Lächeln lag auf meinen Lippen. Ich schob einen Ast beiseite. Vor uns lag eine kleine Lichtung, durchzogen von mehreren schmalen Wildwechseln. „Hier fange ich meistens am meisten.“ Ich blieb am Rand stehen und betrachtete den Boden. „Nicht unbedingt, weil hier die meisten Tiere sind. Sondern weil sich hier mehrere Wege kreuzen.“ Ich deutete auf einen schmalen Pfad, der aus dem Dickicht kam, und auf einen zweiten, der zu einer feuchten Senke führte. „Kaninchen, Eichhörnchen und manchmal auch Hasen benutzen unterschiedliche Wege. Man muss nur lernen, sie voneinander zu unterscheiden.“ Ich ging langsam in die Hocke. „Ein Hase setzt die Hinterläufe oft weiter nach vorn als ein Kaninchen. Seine Spur wirkt dadurch beinahe, als wären zwei größere Abdrücke vor den kleineren.“ Ich zeigte auf die Erde. „Kaninchen bleiben außerdem gern dichter bei Deckung. Hasen wagen sich eher auf offene Flächen.“ Ich sah zu Leonard. „Und Eichhörnchen verraten sich häufig nicht durch Spuren am Boden, sondern durch angeknabberte Zapfen und Nussschalen.“ Ich deutete auf einen alten Fichtenzapfen.
      Dann ging ich zur nächsten Falle und kniete mich davor. Sie war ausgelöst. Für einen Moment hielt ich den Atem an. Vorsichtig schob ich das Laub zur Seite und sah nach. Ein Kaninchen hatte sich darin verfangen. Ich wurde augenblicklich ernster. „Bleib ein Stück zurück“, sagte ich leise. „Ich kümmere mich darum.“ Ich arbeitete ruhig und schnell, nahm das Tier heraus und prüfte, ob es bereits verendet war. Es war. Ich strich mit zwei Fingern über das Fell und atmete leise aus. „Wenigstens musste es nicht lange leiden.“ Ich wickelte es in das Tuch und legte es in meinen Beutel. Dann richtete ich mich wieder auf. Einen Augenblick blieb ich still, ehe ich Leonard wieder ansah. „Wenn du wirklich lernen willst, wie ich Fallen stelle, musst du auch lernen, wann man sie nicht stellt.“ Ich nahm einen weiteren dünnen Zweig und zeigte auf eine Stelle, an der frische Jungtiere ihre kleinen Abdrücke hinterlassen hatten. „Hier zum Beispiel nicht. Zu viele junge Tiere in der Nähe. Wenn ich hier eine Falle stelle, könnte ich das falsche Tier erwischen.“ Ich steckte den Zweig zurück und schulterte meinen Beutel. „Komm. Wir haben noch drei Fallen vor uns. Und wenn du wirklich so leise bist, wie du behauptest, finden wir vielleicht noch eine, die nicht leer ist.“ Ich sah ihn kurz von der Seite an, und ein kaum merkliches Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
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    • Ein leises, tiefes Lachen schwingt durch meine Brust, als sie mich auffordert, näher zu treten. Ich nutze den Schatten der mächtigen Buchen und mache die geforderten Schritte, ohne auch nur die feinsten Halme ihrer Fährte zu zertrampeln.
      Es erfüllt mich mit einer ruhigen, fast schon ergreifenden Freude, zu sehen, wie sie sich mir gegenüber immer weiter öffnet. Noch vor wenigen Tagen war jede Begegnung mit ihr von kühlem Abstand und wachsamer Skepsis geprägt gewesen. Nun lässt sie mich an ihrem täglichen Handwerk teilhaben, teilt ihr fundiertes Wissen und erlaubt mir, an ihrer Seite durch ihr Revier zu streifen. Als ich dichter neben sie trete, um ihren Erklärungen über die Schlingen und die Laufwege der Kaninchen zu folgen, atme ich unwillkürlich tief durch die Nase ein. Ihr Geruch strömt mir entgegen – eine unverfälschte, wohltuende Mischung aus frischer Waldluft, dem harzigen Aroma von Fichtennadeln, getrocknetem Thymian und der kühlen Note des Morgentaus. Es ist ein Duft, den ich in den vergangenen Tagen vollkommen verinnerlicht habe und den ich auf eine eigentümliche, tiefe Weise schätze.
      Ich folge ihren fließenden Bewegungen durch das feuchte Unterholz mit absoluter Aufmerksamkeit. Trotz meiner imposanten Statur und der Rüstungsteile, die an meiner Kleidung ruhen, bewege ich mich fast unheimlich leise. Ich habe gelernt, das Gewicht meines Körpers so zu verlagern, dass die Stiefel auf den dichten Moospolstern vollkommen stumm aufsetzen. Weder das dichte Geäst noch das alte Laub der letzten Jahre geben unter meinen Tritten auch nur den leisesten Laut von sich. Es ist ein lang geschultes Handwerk, das mich durch unzählige Wälder begleitet hat.
      Während sie mir geduldig erklärt, wie man die Schlingen tarnen muss, wie der Geruch der menschlichen Haut verfliegen muss und warum eine Falle nach dem Wald zu riechen hat, behalte ich meine eigenen Anmerkungen zunächst für mich. Das Handwerk des Niederwildfängers unterscheidet sich spürbar von den Methoden, die mir auf den langen Fahrten der Zunft geläufig sind. Auf meinen Reisen quer durch das Reich war ich selten ein Fallensteller für Kaninchen oder Eichhörnchen. Ich war der Jäger, der mit dem Bogen, dem Speer und der schweren Klinge durch die Dickichte pirschte, um den Wald von weit gefährlicheren Bedrohungen zu säubern.
      Erst als wir den schmalen Pfad zu den hinteren Fallen einschlagen und das feuchte Holz unter den Schuhen leise nachgibt, wende ich mich ihr von der Seite zu und trete ein Stück näher an ihre Schulter.
      „Auf meinen Fahrten war ich stets mehr der Jäger als der Fallensteller“, raune ich ihr mit gedämpfter, tiefer Stimme zu, während mein Atem als feiner Nebel in der kühlen Morgenluft steht. „Das Pirschen mit der Klinge und das Fährtenlesen aus dem Hinterhalt waren mein täglich Brot. Und wenn wir auf den Wegen der Zunft doch einmal zu Schlingen und Stellfallen greifen mussten... nun, dann galten sie selten dem Niederwild. Wenn wir Fallen bauten, dann für Wesen von ganz anderer Statur. Wesen, die Zähne wie Dolche tragen, eine Klinge mit der bloßen Haut abwehren und deren Schritte das Erdreich erbeben lassen.“
      Ein kurzes, trockenes Schmunzeln stiehlt sich auf meine Lippen, ehe ich meine Züge wieder in die gewohnte Gelassenheit zurückrufe. Ich möchte den Frieden dieses Morgens nicht mit den düsteren Geschichten aus meiner Vergangenheit überschatten. Hier im Schutz der alten Fichten, an der Seite dieser bemerkenswerten Frau, geht es nicht um Bestien oder das blutige Handwerk der Gilde. Es geht um das leise Überleben, das feine Lesen von Tierspuren und das respektvolle Nehmen aus der Natur.
      Ich beobachte, wie sie den Beutel mit dem Kaninchen über die Schulter streift, und nicke ihr mit sichtbarer Anerkennung zu. Sie versteht ihr Handwerk vollkommen. Ihre Bewegungen sind von einer pragmatischen Barmherzigkeit geprägt, die den Tieren unnötiges Leiden erspart und dem Wald seine Ordnung lässt.
      Ich passe meinen Schritt wieder dem ihren an, bleibe dicht an ihrer Seite und halte die Augen wachsam auf den Pfad gerichtet. Das erste Licht der aufgehenden Sonne bricht vollends durch das grüne Dach der Kronen und taucht den Tautau auf ihren Kleidern in ein warmes, schimmerndes Gold. Ich genieße das stumme Mitwandern, den kühlen Wind auf der Haut und die Gewissheit, dass vor uns noch ein paar Schritte auf diesen friedlichen Pfaden liegen.
    • Ich lauschte seinen Worten aufmerksam, während wir dem schmalen Pfad tiefer in den Wald folgten. Dass er gewöhnlich andere Beute jagte als ich, wunderte mich kaum. Schon seine Größe, seine Ausrüstung und die Art, wie er sich bewegte, verrieten, dass er an Gefahren gewöhnt war, denen ich glücklicherweise noch nie hatte gegenübertreten müssen. Dennoch blieb mein Blick einen Augenblick länger an ihm hängen, als ich es beabsichtigt hatte. Wesen, die eine Klinge mit bloßer Haut abwehren konnten, klangen nicht nach etwas, dem ich freiwillig begegnen wollte. „Dann bin ich wohl froh, dass meine Fallen gewöhnlich nur Kaninchen und Füchse anlocken“, erwiderte ich leise und wandte mich wieder dem Weg zu. „Ich wüsste nicht recht, was ich täte, wenn plötzlich etwas darin säße, das größer ist als meine Hütte.“ Ein schwaches Schmunzeln huschte über meine Lippen.
      Ein wenig später erreichten wir die hintere Lichtung, auf der die alten Fichten dicht beieinanderstanden und ihre tief hängenden Zweige den Boden vor dem gröbsten Regen schützten. Hier verlief ein Wildwechsel, den ich seit Jahren kannte. Zwischen den Wurzeln lagen abgeknabberte Zapfen, und an einem niedrigen Strauch waren einige frische Triebe sauber abgebissen worden. Ich ging in die Hocke und betrachtete die Spuren, ehe ich mich der nächsten Falle zuwandte. Sie war leer, doch der Köder lag noch an seinem Platz. „Diese hier hat heute Nacht niemand angerührt“, murmelte ich und prüfte die Schnur. „Vielleicht haben die Tiere einen anderen Weg genommen.“ Ich richtete mich auf und ließ den Blick über die Lichtung schweifen.
      Dabei fiel mir etwas auf, das mich die Stirn runzeln ließ. Ein schmaler Zweig, den ich am Vortag quer über einen kleinen Seitenpfad gelegt hatte, lag nicht mehr dort, wo ich ihn zurückgelassen hatte. Er war nicht einfach vom Wind fortgetragen worden. Das eine Ende steckte noch immer zwischen zwei Wurzeln, während das andere ein gutes Stück weiter im Laub lag. Ich trat näher und ging erneut in die Hocke. „Das ist sonderbar.“ Behutsam hob ich den Zweig auf und betrachtete die Erde darunter. Zwischen den Blättern zeichneten sich Abdrücke ab, die ich zunächst nicht zuordnen konnte. Sie waren größer als die eines Fuchses, doch zu schmal für einen ausgewachsenen Wolf. Zudem verliefen sie nicht wie die Spuren eines Tieres, das den Weg entlanggelaufen war. Sie führten aus dem Dickicht heraus, machten einen Bogen um meine Falle und verschwanden hinter einem umgestürzten Baumstamm. Ich legte den Zweig wieder beiseite und blickte zu Leonard. „Kannst du dir das erklären?“ fragte ich leise. „Ich dachte zuerst an einen Hund, aber dafür sind die Abdrücke zu unregelmäßig.“ Ich deutete auf die Stelle, an der der Boden leicht aufgewühlt war. „Und das hier gefällt mir noch weniger. Etwas hat den Zweig nicht bloß versehentlich fortgeschoben. Es sieht beinahe aus, als hätte es versucht, die Falle zu umgehen.“ Für einen Augenblick schwieg ich und lauschte in den Wald hinein. Nichts regte sich, außer den Blättern hoch oben in den Kronen. Ich hätte die Spuren einfach hinter mir lassen können. Der Wald war voller kleiner Rätsel, und nicht jedes davon verdiente es, gelöst zu werden. Doch meine Fallen lagen in diesem Teil des Forstes, und ich wollte nicht, dass sich dort etwas herumtrieb, das meine Arbeit zunichtemachte oder womöglich eine Gefahr für die Tiere darstellte. „Wir sollten uns das ansehen“, entschied ich schließlich, ehe ich mich zu ihm umwandte. „Aber nicht, indem wir einfach hinterherlaufen. Wenn es ein Tier ist, verscheuchen wir es womöglich, und wenn es etwas anderes ist …“ Ich ließ den Satz unvollendet und zog den Beutel auf meiner Schulter ein wenig zurecht. Dann nahm ich ein kurzes Stück Bindfaden daraus und knüpfte es an einen niedrigen Ast, den man vom Pfad aus kaum sehen konnte. „So finden wir den Weg zurück, falls wir weitergehen müssen.“ Ich prüfte den Knoten und deutete anschließend auf die Abdrücke. „Du kennst dich mit gefährlicheren Wesen aus als ich. Also darfst du mir diesmal sagen, ob wir einer Spur folgen sollten oder besser umkehren.“ Ich sah ihn von der Seite an, ein wenig verlegen darüber, dass ich ihn um Rat bat, doch entschlossen genug, meine Neugier nicht einfach zu unterdrücken. „Und ehe du fragst: Nein, ich habe nicht vor, mich mit einem Ungeheuer anzulegen, nur weil es meine Falle beleidigt hat.“ Ein leises Schmunzeln kehrte auf mein Gesicht zurück. „Ich möchte lediglich wissen, was hier unterwegs ist.“ Ich wartete, bis Leonard die Spuren näher betrachtet hatte. Ich wandte den Blick wieder dem dunkleren Teil des Waldes zu. Zwischen den Stämmen lag ein schmaler Streifen Schatten, und für einen flüchtigen Augenblick glaubte ich, dort eine Bewegung wahrzunehmen. Als ich genauer hinsah, war nichts mehr zu erkennen. Meine Finger schlossen sich unwillkürlich um den Riemen meines Beutels.
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    • Ohne ein Wort der Zögerung ging ich vor der Stelle in die Kocke und ließ mein Gewicht auf die Ballen gleiten, während meine gesunden Muskeln die Bewegung stumm abfederten. Die Unregelmäßigkeit in der Erde hatte auch meine volle Aufmerksamkeit geweckt. Ein flüchtiger Blick genügte nicht; wenn es um unnatürliche Fährten im dichten Forst ging, verlangte das Handwerk der Zunft absolute Gründlichkeit.
      Ich begann, auf den Knien über den feuchten Waldboden zu kriechen, die Nase dicht über dem Laub und die Augen starr auf den schattigen Boden gerichtet. Meine Finger glitten behutsam, ohne die Spuren zu verwischen, durch das feuchte Fichtenlaub. Ich suchte nach den kleinsten Hinweisen, die ein gewöhnliches Waldtier niemals hinterlassen würde.
      Erst fand ich abgeknickte Zweige an den niedrigen Buschorädern – nicht abgebrochen von der Wucht eines keuchenden Wildschweins, sondern mit einer sonderbaren, fast lautlosen Kraft zur Seite gebogen. Dann, an den dornigen Ausläufern eines wilden Brombeerstrauches, fingen sich ein paar lange, seidige Haare von einer tiefen, dunkelgrau-schwarzen Färbung, die viel zu grob für ein Eichhörnchen und zu lang für einen Wolf waren.
      Doch das, was mein Blut augenblicklich gefrieren ließ, lag wenige Meter weiter im dichten Schatten eines alten Farnwedels. Auf den grünen Blättern klebten ein paar zähe Tropfen einer dicken, tief violetten Flüssigkeit. Sie brodelte nicht lautstark, aber wo sie die Pflanze berührte, war das Gewebe der Blätter schlichtweg schwarz und zersetzt. Es war Säure.
      Ich richtete mich langsam auf. Trotz meines noch immer leicht geschwächten Zustands und des ziehenden Schmerzes in den Rippen ging mein gesamter Körper augenblicklich in höchste Alarmbereitschaft. Die entspannte Haltung des Morgens war wie weggewischt. Meine Sehnen spannen sich an, meine Haltung wurde vollkommen starr und mein Atem ging flach, lautlos und kontrolliert durch die Nase. Meine geschulten Augen scannten im Bruchteil einer Sekunde die umliegenden Waldränder ab, durchdrangen das Dickicht und blieben haargenau an jener Stelle hängen, an der sie eben die Bewegung wahrgenommen zu haben glaubte.
      Dort, im tiefen Schatten zwischen zwei uralten, eng zusammenstehenden Fichtenstämmen, war tatsächlich etwas. Es bewegte sich nicht mehr, aber die Dunkelheit dort wirkte zu dicht, zu schwer. Es beobachtete uns. Zwei glimmende Punkte, feuerrot und schrecklich still, ruhten in der Tiefe des Dickichts auf unseren Gestalten.
      Ich trat einen halben Schritt seitlich vor sie, ohne eine hektische Bewegung zu machen, und schob mich als stummer Schild zwischen sie und den Schatten. Meine Stimme erhob sich – nur ein kaum hörbares, raues Flüstern, das kaum über das Rauschen der Fichtenkronen hinausreichte, aber von einer unumstößlichen, tödlichen Ernsthaftigkeit getragen war.
      „Das ist kein Hund... und kein Wolf“, raunte ich leise, während mein Blick fest auf den roten Punkten verankert blieb. „Und was immer Ihr glaubt, wie gefährlich dieser Wald sein kann – das hier übersteigt alles, was diesen Bäumen vertraut ist. Wir haben die Fährte eines Nachtläufers gekreuzt. Manche nennen ihn den Schattenläufer... oder den Unheilsboten.“
      Ich machte eine winzige Pause, um sicherzugehen, dass das Gewicht meiner Worte bei ihr ankam, ohne dass Panik ihre Glieder lähmte.
      „Es ist ein seltenes, uraltes Wesen aus den tiefsten Abgründen der Welt“, fuhr ich mit flacher Stimme fort. „Ein ausgewachsenes Exemplar misst zwischen dreieinhalb und vierereinhalb Metern in der Höhe. Es besitzt einen gertenschlanken, schrecklich geschmeidigen Leib mit dunkelgrau-schwarzem Fell, das jedes Licht einfach verschluckt. Seine Gliedmaßen sind überlang, und aus seinem Schädel wachsen verzweigte, geweihartige Auswüchse. Aus seinem Maul tropft genau diese violette, leicht säurehaltige Flüssigkeit, die dort drüben das Farnblatt zerfressen hat.“
      Ich spürte, wie die Kälte des Forsts plötzlich eine ganz andere Schärfe annahm.
      „Sie leben nur in den dichtesten, dunkelsten Fichtenbeständen und auf Orten, die seit Jahrhunderten von keinem Menschen betreten wurden“, whisperte ich weiter, während meine Hand ganz langsam und ohne jedes metallische Klirren zum Griff meines Gürtels glitt. „Ihre Fähigkeiten sind abscheulich. Sie können sich vollkommen lautlos durch das dichteste Unterholz bewegen, besitzen eine Wahrnehmung, die jeden Hauch von Leben auf Meilen spürt, und eine körperliche Kraft, die eine ausgewachsene Eiche wie einen Halm umbiegen kann.“
      Ich hob die Hand ein Stück, um ihr ein stummes Zeichen zu geben, absolut reglos zu verharren.
      „Aber die größte Gefahr liegt nicht einmal in seiner eigenen Aggressivität“, sagte ich, und der Tonfall meiner Stimme wurde noch dunkler. „Ein Nachtläufer greift selten grundlos an. Seine bloße Erscheinung ist das, was den Jägern der Zunft das Blut in den Adern stocken lässt. Er ist ein Vorzeichen. Ein Bote des Unheils. Wo immer ein Nachtläufer in den Wäldern auftaucht, kündigt er schwere Katastrophen an – verheerende Unwetter, Erdrutsche, das Entweichen noch finstererer Kreaturen oder das Sterben des Landes selbst.“
      Ich wandte den Kopf keinen Millimeter zur Seite, hielt den Blick starr auf das glimmende Rot im Schatten gerichtet und ließ die Warnung der Zunft in ihrer ganzen Schärfe sprechen:
      „Bei einer Begegnung gibt es nur eine einzige Regel: Nicht angreifen. Unter keinen Umständen verfolgen. Und nicht einmal den Versuch unternehmen, die Klinge gegen ihn zu ziehen, solange er verharrt. Wer seine Spuren entdeckt, hat nur ein Ziel zu kennen: Abstand halten, die Schritte vorsichtig zurücksetzen und den Wald so schnell und lautlos wie möglich verlassen.“
      Ich atmete langsam und tief aus, um die Anspannung in meinem Brustkorb zu kontrollieren, während das rote Glimmen zwischen den Fichtenstämmen langsam, wie im Nebel verschwimmend, noch tiefer in das undurchdringliche Schwarz des Unterholzes zurückwich. Das Wesen hatte uns gesehen. Es hatte seine Spur hinterlassen. Und das Schicksal über diesem Teil des Waldes hatte soeben seine dunkle Hand ausgestreckt.
    • Für einen Augenblick vermochte ich mich kaum zu rühren. Die roten Augen zwischen den Fichten hatten etwas Unwirkliches an sich, und obwohl ich nur einen kleinen Teil des Wesens erkennen konnte, genügte mir das vollkommen. Meine Finger schlossen sich fester um den Riemen meines Beutels. Ich hatte schon manches seltsame Tier im Wald gesehen, doch nichts, das auch nur annähernd dem entsprach, was Leonard mir soeben beschrieben hatte. Langsam hob ich den Blick zu ihm. Er hatte sich schützend vor mich gestellt, und seine Haltung verriet mir deutlicher als seine Worte, wie ernst die Lage war. Für einen kurzen Augenblick dachte ich an seine noch immer nicht vollständig verheilten Verletzungen. Er sollte sich keineswegs in Gefahr bringen, schon gar nicht meinetwegen. Doch ich wagte nicht, ihn danach zu fragen. Nicht hier. Nicht, solange dieses Wesen uns womöglich noch immer beobachtete. Also nickte ich nur kaum merklich und zwang mich, ruhig zu atmen. „Dann sollten wir wohl besser tun, was du sagst“, flüsterte ich. Meine Stimme klang leiser, als ich beabsichtigt hatte. Ich warf noch einen letzten Blick zwischen die Stämme, doch von den roten Augen war inzwischen nichts mehr zu sehen. Dennoch fühlte ich mich keineswegs sicher. Es war ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass etwas im Dickicht verborgen lag, das uns längst bemerkt hatte, während wir selbst kaum mehr als einen flüchtigen Blick darauf erhaschen konnten.
      Vorsichtig setzte ich einen Fuß zurück. Ich achtete darauf, nicht auf die trockenen Zweige zu treten, und hielt den Blick weiterhin auf die Stelle gerichtet, an der das Wesen verschwunden war. Erst als Leonard sich ebenfalls zurückzog, wagte ich den nächsten Schritt. Wir gingen langsam, ohne uns umzudrehen oder unnötige Geräusche zu verursachen. Der Wald, der mir sonst so vertraut war, schien sich plötzlich verändert zu haben. Jeder Schatten zwischen den Stämmen ließ mich aufmerken, jedes Rascheln im Unterholz zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Selbst die vertrauten Vogelrufe, die zuvor noch den Morgen begleitet hatten, waren kaum mehr zu hören. Ich hielt mich dicht bei Leonard, ohne ihn dabei zu berühren, und warf immer wieder einen kurzen Blick zu ihm hinüber. Erst als wir den schmalen Wildpfad erreichten, den ich mit dem Bindfaden markiert hatte, ließ die Anspannung in meinen Schultern ein wenig nach. Ich löste den Faden vom Ast und steckte ihn wieder ein. „Ich glaube, für heute haben wir genug Fallen geprüft“, murmelte ich, während ich den Beutel auf meiner Schulter zurechtrückte. „Die übrigen können warten.“ Es fiel mir nicht leicht, meine Arbeit einfach zurückzulassen. Ich wusste, dass einige der Fallen noch kontrolliert werden mussten, und wollte nicht, dass ein Tier darin unnötig lange gefangen blieb. Doch angesichts dessen, was wir soeben gesehen hatten, erschien mir selbst das geringste Risiko unvernünftig. „Wir sollten später noch einmal überlegen, ob wir die Fallen in diesem Teil des Waldes vorerst entfernen“, fügte ich nachdenklich hinzu. „Wenn dieses Wesen tatsächlich hier umherstreift, möchte ich nicht, dass sich eines der Tiere darin verfängt, während etwas anderes in der Nähe lauert.“ Ich sah zu Leonard. „Und du solltest dich nicht zu sehr anstrengen. Deine Rippen sind noch nicht vollständig verheilt.“ Erst nachdem ich die Worte ausgesprochen hatte, bemerkte ich, wie selbstverständlich sie mir über die Lippen gekommen waren. Ich senkte den Blick und ging weiter, ehe er etwas darauf erwidern konnte.
      Der Rückweg kam mir deutlich länger vor als der Hinweg. Wir hielten uns an den vertrauten Pfad, mieden jedoch die dunkleren Fichtenbestände und machten einen kleinen Umweg über eine lichtere Stelle des Waldes. Ich erkannte die Bäume wieder, an denen ich mich seit Jahren orientierte, und doch konnte ich das ungute Gefühl nicht ganz abschütteln. Als wir schließlich den vertrauten Teil meines Reviers erreichten, atmete ich unwillkürlich erleichtert aus. Die kleine Lichtung vor meiner Hütte lag friedlich im Morgenlicht. Der Tau glitzerte auf den Gräsern, und mein Wallach hob neugierig den Kopf, als er unsere Schritte vernahm. Es war beinahe befremdlich, wie gewöhnlich alles aussah. Als wäre nichts geschehen. Ich legte den Beutel vorsichtig auf der Bank vor der Hütte ab und strich mir eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. „Da wären wir“, sagte ich leise. Erst jetzt bemerkte ich, wie angespannt meine Hände noch immer waren. Ich rieb sie kurz an meinem Rock ab und wandte mich Leonard zu. „Danke, dass du mich gewarnt hast.“ Ich zögerte einen Augenblick, ehe ich hinzufügte: „Ich hätte nicht gedacht, dass es hier draußen etwas gibt, vor dem ich mich so sehr in Acht nehmen muss.“ Mein Blick wanderte zu seinem verletzten Oberkörper. „Setz dich erst einmal. Ich werde etwas zu essen machen und danach möchte ich mir deine Wunden ansehen. Der Rückweg war länger, als er hätte sein sollen.“ Ich nahm den Beutel wieder auf und brachte das erlegte Kaninchen in die Hütte. Dort legte ich es auf den Tisch und wusch mir gründlich die Hände, ehe ich Wasser aufsetzte. Während das Feuer langsam aufflackerte, ging mir Leonards Beschreibung des Nachtläufers nicht aus dem Sinn. Ein Vorzeichen des Unheils. Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Vielleicht waren solche Geschichten unter den Jägern der Zunft über die Jahre gewachsen, vielleicht aber auch nicht. Dass dieses Wesen tatsächlich existierte, daran zweifelte ich nach dem, was ich gesehen hatte, jedenfalls nicht mehr. Ich blickte durch das kleine Fenster hinaus zu den Bäumen. Die Fichten am Rande meiner Lichtung standen still im Morgenwind. „Leonard?“, fragte ich schließlich, ohne mich ganz zu ihm umzudrehen. „Hast du so etwas schon einmal gesehen? Einen Nachtläufer, meine ich. Oder kennst du nur die Berichte der Zunft?“ Ich legte ein paar Kräuter neben das Schneidebrett und sah ihn nun doch an. „Und wenn er wirklich ein Vorzeichen ist … bedeutet das, dass wir mit etwas Schlimmerem rechnen müssen?“ Meine Stimme war ruhig, doch die Frage beschäftigte mich ernstlich. Ich wollte wissen, ob wir uns auf etwas vorbereiten mussten. Denn so sehr ich meinen Wald auch liebte, ich wusste nun, dass nicht alles, was zwischen seinen Bäumen lebte, zu ihm gehörte.
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    • Ich nickte ihr ruhig zu und schenkte ihr ein versicherndes, tiefes Lächeln, um das stumme Sorgen in ihren Zügen zu lindern. „Mir geht es gut“, entgegnete ich leise und passte meine Stimme der vertrauten Geborgenheit an, die uns beim Betreten der Stube empfing. „Die Rippen schmerzen nicht mehr als gewöhnlich. Das langsame Gehen auf dem feuchten Moos hat der Verletzung keinen Schaden zugefügt, da braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen.“
      Während das Feuer im Herd langsam aufging und das frische Wasser im Kessel anzusetzen begann, trat ich zu den Satteltaschen meines Wallachs, die geordnet in der Ecke der Hütte lagen. Ich löste die schweren Schnallen des gepflegten Leders und zog ein dickes, abgegriffenes Buch hervor. Der Einband bestand aus dunklem, gebundenem Leder, das an den Kanten vom langen Reisen und dem Staub vieler Straßen abgescheuert war. Messingbeschläge schützten die Ecken, und ein schwerer Riemen hielt die vergilbten Seiten zusammen. Es war ein altes Handbuch der Zunft, gefüllt mit dem gesammelten Wissen generationsübergreifender Wanderungen, Zeichnungen und Aufzeichnungen über die dunklen Geschöpfe der Welt.
      Ich legte das Buch behutsam auf den Holztisch, nahm auf der Bank Platz und löste den Riemen. Mit geübten Fingern blätterte ich durch die dicken, rau geschöpften Pergamentseiten. Das leise Rascheln des Papiers erfüllte die Stube, während meine Augen über feingliedrige Tuschezeichnungen von Trittsiegeln, Fährtenmustern und Wesen der Tiefe glitten. Schließlich hielt ich an einer bestimmten Stelle inne, strich die Doppelseite mit der flachen Hand glatt und drehte das Buch so, dass sie von ihrem Platz am Herd aus direkt darauf blicken konnte.



      Auf der linken Seite prangte eine detaillierte, mit dunkler Tusche getuschte Zeichnung. Sie zeigte die schlanke, schrecklich geschmeidige Gestalt des Nachtläufers – genau jenes Wesen, dessen feuerrote Augen uns eben noch zwischen den Fichten fixiert hatten. Die langen, spinnenartigen Gliedmaßen, das geweihartige Gebilde auf dem schmalen Schädel und die feinen Tropfen, die von seinen Fängen gezeichnet waren, spiegelten die Wirklichkeit mit schauerlicher Präzision wider. Auf der rechten Seite füllten enge, altmodische Schriftzeichen die Zeilen.
      „Ich habe selbst erst einmal einen gesehen“, begann ich ruhig und blickte auf die Zeichnung hinab, während meine Stimme die gewohnte, ehrliche Festigkeit behielt. „Das war vor knapp sechs Jahren in den tiefen Fichtenwäldern der Nordmark. Ich war mit zwei älteren Brüdern der Zunft unterwegs. Wir haben ihn nicht verfolgt, genau wie wir es heute getan haben. Wir sind schweigend zurückgewichen.“
      Ich machte eine kurze Pause, um meine Gedanken zu ordnen, und fuhr dann fort, um ihre Frage nach dem Vorzeichen wahrheitsgemäß zu beantworten.
      „Was das Vorzeichen angeht... ja, die Zunft führt genaue Buchaufzeichnungen darüber. Ein Nachtläufer taucht nicht ohne Grund an den Rändern der Zivilisation auf. Er ist kein Raubtier, das schlicht auf der Jagd nach Nahrung durch die Wälder streift. Diese Wesen spüren die Erschütterungen im Land, lange bevor wir Menschen auch nur das geringste Anzeichen bemerken. Sie fliehen vor dem, was kommt, oder sie werden von der Unruhe der Erde angelockt.“
      Ich wies mit dem Zeigefinger auf die engen Textzeilen unter der Zeichnung.
      „In den Aufzeichnungen der Zunft folgte auf das Auftauchen eines Nachtläufers fast immer eine Erschütterung. Manchmal war es ein harter, beinahe endloser Winter, der die Ernte vernichtete und das Wild aus den Wäldern trieb. Ein andermal waren es gewaltige Unwetter, Erdrutsche in den Bergen oder das Erwachen von Dingen, die tief unter der Erde geruht hatten. Es bedeutet nicht zwangsläufig, dass morgen ein Ungeheuer vor Eurer Hütte steht. Aber es bedeutet, dass das Gleichgewicht dieses Waldes gestört ist.“
      Ich sah sie direkt und aufrichtig an, ohne die Lage schönzureden, aber auch ohne unnötige Furcht zu schüren.
      „Wir müssen mit Veränderungen rechnen. Wir sollten die Vorräte sichern, die Hütte für rauere Tage rüsten und die Augen im Forst doppelt wachsam offen halten. Dass wir ihm heute nicht zu nahe getreten sind, war unser größtes Glück. Nun wissen wir, was da draußen wacht – und wir können uns darauf einstellen.“
    • Ich trat näher an den Tisch und betrachtete die Zeichnung, die Leonard vor mir ausgebreitet hatte. Die Gestalt darauf war schmal und beinahe unnatürlich langgliedrig, und selbst die dunkle Tusche vermochte den Eindruck ihrer glimmenden Augen nicht recht wiederzugeben. Unwillkürlich zog ich die Stirn kraus. „Es sieht beinahe aus, als hätte jemand mehrere Tiere genommen und sie auf eine sehr unglückliche Weise zusammengesetzt“, murmelte ich, ehe ich mich ein wenig vorbeugte, um die Schrift daneben genauer zu betrachten. Die alten Zeichen waren mir nicht gänzlich fremd, doch die Schreibweise war ungewohnt und einige der Worte vermochte ich nicht zu entziffern. „Du sagtest, die Wesen würden vor etwas fliehen oder von der Unruhe des Landes angezogen werden?“ Ich richtete mich wieder auf und sah ihn nachdenklich an. „Dann wäre es vielleicht gut zu wissen, woher es gekommen ist. Wenn es aus den tiefen Fichtenbeständen stammt, könnte dort etwas geschehen sein, das es vertrieben hat.“ Ich strich mir eine lose Haarsträhne hinter das Ohr und wandte mich wieder dem Herd zu, wo das Wasser inzwischen leise zu sieden begann. Ich gab einige getrocknete Kräuter hinein und begann, das Kaninchen für die Suppe vorzubereiten. Dabei gingen mir seine Worte nicht aus dem Sinn. Ein harter Winter, Unwetter oder gar etwas, das tief unter der Erde erwachte, waren keine angenehmen Aussichten. Ich hatte schon erlebt, wie lange ein Winter dauern konnte, wenn der Schnee die Wege verschloss und das Wild sich kaum noch blicken ließ. Der alte Mann hatte stets darauf geachtet, genügend Vorräte für solche Zeiten anzulegen. Getrocknete Kräuter, Wurzeln, Fleisch und eingemachte Beeren hatten uns damals manches Mal über die kältesten Wochen geholfen. Nun war ich allein für all das verantwortlich, und meine Vorräte waren keineswegs so reichlich, wie ich es gern gehabt hätte. „Ich werde morgen damit beginnen, das Lager zu überprüfen“, sagte ich schließlich. „Das getrocknete Fleisch sollte noch eine Weile reichen, aber ich habe nicht mehr viele Wurzeln und die letzten Gläser mit eingemachten Beeren sind beinahe leer.“ Ich legte das Messer beiseite und wusch mir die Hände. „Vielleicht sollten wir auch etwas mehr Holz sammeln, solange das Wetter noch freundlich ist. Wenn tatsächlich ein strenger Winter bevorsteht, möchte ich nicht erst dann damit anfangen, wenn der Schnee bereits bis zu den Knien reicht.“ Ich nahm zwei Schalen aus dem Regal und stellte sie auf den Tisch. Dann fiel mein Blick erneut auf das Buch. „Darf ich es mir ansehen?“ fragte ich und deutete auf die aufgeschlagene Seite. „Nicht nur die Zeichnung. Mich interessieren auch die alten Aufzeichnungen.“ Ich zögerte kurz, ehe ich hinzufügte: „Vielleicht finde ich etwas, das uns bei den Vorbereitungen hilft. In meinen Büchern stehen zwar viele Dinge über Kräuter und Heilmittel, aber kaum etwas über solche Wesen.“ Der Gedanke brachte mich auf eine weitere Idee. Ich stellte die Schalen ab und ging zu dem kleinen Regal neben meinem Bett, auf dem einige meiner Bücher lagen. Zwischen einem Kräuterbuch und einem alten, mit losem Leder gebundenen Heft zog ich ein schmales, abgegriffenes Buch hervor. Es war eines der wenigen, die der alte Mann mir nicht nur zum Lesen gegeben, sondern ausdrücklich zum Beschreiben überlassen hatte. Darin hatte ich über die Jahre Pflanzen, ihre Wirkung und verschiedene Beobachtungen aus dem Wald festgehalten. Manche Seiten waren ordentlich beschrieben, andere voller kleiner Zeichnungen und hastiger Notizen. Ich legte es neben Leonards Buch. „Ich habe mir angewöhnt, ungewöhnliche Dinge aufzuschreiben, die ich im Wald finde. Pflanzen, die an bestimmten Stellen wachsen, seltsame Spuren oder Veränderungen, die mir auffallen.“ Ich blätterte einige Seiten zurück und hielt bei einer Zeichnung inne, die ich vor einiger Zeit angefertigt hatte. Sie zeigte eine Pflanze mit dunklen, beinahe violetten Blättern, die ich nur an einer feuchten Stelle nahe der alten Fichten entdeckt hatte. „Das hier ist mir vor einigen Wochen aufgefallen. Ich habe sie vorher noch nie gesehen. Zuerst dachte ich, es wäre eine gewöhnliche Waldpflanze, aber ihre Blätter waren ungewöhnlich dunkel, und als ich eines davon berührte, verfärbte sich meine Fingerspitze für eine ganze Weile.“ Ich sah zu Leonard. „Damals habe ich mir nichts dabei gedacht. Vielleicht sollte ich die Stelle noch einmal aufsuchen, sobald wir wissen, dass es sicher ist.“ Ich wollte nicht voreilig einen Zusammenhang herstellen, doch es erschien mir zumindest bemerkenswert, dass die Pflanze ausgerechnet in der Nähe jener Fichten wuchs, aus denen der Nachtläufer gekommen war. Vielleicht hatte sie nichts damit zu tun. Vielleicht aber auch nicht. Ich schob das Heft ein wenig näher zu ihm. „Du kennst die Wälder und die Berichte der Zunft. Vielleicht sagt dir die Pflanze etwas.“ Danach wandte ich mich wieder dem Herd zu und rührte die Suppe um. Der Duft von Fleisch und Kräutern breitete sich langsam in der Stube aus und verdrängte für einen Augenblick die düsteren Gedanken. Ich stellte den Topf vom Feuer, schöpfte die Suppe in die Schalen und setzte mich schließlich zu Leonard an den Tisch. „Eines sollten wir allerdings nicht vergessen“, sagte ich, während ich ihm eine Schale zuschob. „Auch wenn wir uns auf einen strengen Winter oder andere Schwierigkeiten vorbereiten, müssen wir nicht gleich davon ausgehen, dass alles verloren ist.“ Ich schenkte ihm ein kleines, vorsichtiges Lächeln. „Der alte Mann pflegte zu sagen, dass man sich am besten auf das Schlimmste vorbereitet, ohne deshalb den ganzen Tag damit zu verbringen, es zu erwarten.“ Ich nahm meinen Löffel und probierte die Suppe. Sie war etwas kräftiger geworden, als ich beabsichtigt hatte, doch durchaus genießbar. „Und sobald du wieder vollständig auf den Beinen bist, wirst du mir helfen müssen, das Holzlager aufzufüllen“, fügte ich mit einem leisen Schmunzeln hinzu. „Ich fürchte nämlich, allein werde ich dafür mehrere Tage brauchen.“
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