the witch and the hunter [rambow x yumia]

    • the witch and the hunter [rambow x yumia]

      The Witch and the Hunter

      “he’d set fire to the world around him but never let a flame touch her”― SenLinYu, Anthology



      ┍━━━━━━━☽【❖】☾━━━━━━┑
      Gerne: Fantasie, Abenteuer, Romanze
      Rollen: X - @Yumia & Y - @Rambow
      Vorstellung
      ┕━━━━━━━☽【❖】☾━━━━━━┙



      X lebt fast ihr Leben lang alleine in einer Hütte, etwas außerhalb eines kleines Dorfes, welches sich weiter weg von einer Stadt befindet. X wurde als Baby vor die Tür des alten Mannes gesetzt, der Vorbesitzer dieser Hütte. Seitdem kümmerte und zog er X auf, obwohl er wusste woher sie stammte. Aufgrund ihrer Haarfarbe war die Herkunft ihrer Mutter zu erahnen: eine Hexe. Doch mithilfe einer Halskette, die mit ins Korb gelegt worden ist, ist es X möglich die Haarfarbe zu ändern. Da der alte Herr jedoch selbst keine Kinder hatte und einsam lebte, konnte er es sich nicht über das Herz bringen das Kind umzubringen, denn Hexen, sowie jedes andere Monster, wurden gnadenlos eliminiert.
      So wurde X behütet aufgezogen, trotzdem ihrer eigenen Identität bewusst, während sie sich von den Dorfbewohner selbst fern hielt. Doch aufgrund des hohen Alters starb der alte Mann, so lebte X alleine ihre Tage nun.
      Y ist ein Jäger und gehört einer Gilde an, die sich zur Aufgabe gemacht haben Monster aller Arten zu eliminieren und die Menschen zu beschützen. Y streift alleine umher und nimmt Aufträge an, so ist er in der Welt viel umher gekommen. Doch trotz vielen Erfahrungen kam er eines Tages knapp mit seinem Leben von einem Kampf davon. Verletzt und kurz vorm Bewusstsein verlieren, bricht er zusammen und wird von X auf den Rückweg nach Hause entdeckt. Obwohl ihr bewusst war, um wen es sich handelte und welche Gefahr sie einging, brachte sie es sich nicht über das Herz den Mann sterben zu lassen. Doch nahm sie ihn mit zu sich nach Hause und verarzten ihn. Doch schnell verlief die Genesung nicht, so verblieb der Jäger für eine lange Zeit bei X und lernt sie näher kennen.
      Eines Tages jedoch, als beide unterwegs waren um zu jagen, kamen sie zu einem brennenden Dorf zurück. Weder der Jäger, noch X konnte den Dorfbewohnern helfen, auch Xs Hütte war nicht unversehrt. Y entschied sich X mit ihm reisen zu lassen.

      Wie wird es mit X weitergehen? Wird Y jemals erfahren, dass X eine Hexe ist? Und wenn ja, wie wird er reagieren?



      ‐--------------


      Zelena

      Die späte Nachmittagssonne tauchte den Wald in ein goldenes Licht, als Zelena ihren Weg entlang des schmalen Pfades durch die majestätischen Bäume bahnte. Das kleine Dorf, das sich sanft in das Grüne schmiegte, wirkte in diesem Augenblick fern und vergessen. Die Welt der Zivilisation verschwand allmählich hinter ihr und machte Platz für die geheimnisvolle Wildnis des Waldes.
      Ein sanfter Wind strich durch das Laubwerk der Bäume und ließ es leise rascheln. Die Luft roch nach feuchter Erde und harziger Kiefer, während die Vögel mit ihren melodischen Gesängen den Wald mit Leben erfüllten. Zelena atmete tief ein und spürte, wie diese natürliche Symphonie ihre Sinne umfing und sie mit jedem Schritt tiefer in die unberührte Pracht des Waldes eintauchte.
      Die Baumstämme ragten hoch in den Himmel und schienen fast miteinander zu verschmelzen, als ob sie ein verborgenes Geheimnis hüteten. Die dichten Blätterdächer bildeten ein schützendes Gewölbe über Zelena, das ihr ein Gefühl von Geborgenheit und Einssein mit der Natur verlieh. Der Boden war mit einem weichen Teppich aus moosbewachsenem Waldboden bedeckt, der ihre Schritte leise dämpfte.
      Immer wieder fingen ihre Augen das Spiel des Lichts ein, das zwischen den Blättern hindurchschimmerte und auf dem Waldboden tanzte. Strahlen schienen die Luft zu durchdringen und verwandelten den Wald in ein magisches Reich, in dem jeder Schritt eine neue Entdeckung bereithielt. Farne und Wildblumen säumten den Weg und füllten die Luft mit ihrem betörenden Duft.
      Zelena sah sich um und bemerkte, wie sich die Bäume allmählich lichteten und einer kleinen Lichtung Platz machten. Dort, inmitten des grünen Gewands, ragte ein alter Baum empor, dessen Äste sich wie Arme gen Himmel streckten. Er schien die Geschichten vergangener Generationen zu erzählen, während sein rauer Rinde Zeugnis von der Zeit ablegte.
      Die Geräusche des Waldes wurden leiser, als Zelena näherkam. Ein Gefühl der Ehrfurcht überkam sie, als sie unter dem mächtigen Baum stand. Die Ruhe, die von diesem Ort ausging, schien sie zu umarmen und ihre Gedanken zu beruhigen. Sie setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm und lauschte dem leisen Wispern des Windes und dem leisen Plätschern eines nahegelegenen Bachs.
      In diesem Moment fühlte Zelena eine tiefe Verbundenheit mit der Natur. Der Wald hatte sie mit offenen Armen empfangen und sie in seine zauberhafte Welt eingeladen. Sie spürte, wie die Energie des Waldes durch sie hindurchfloss und eine Wärme in ihr entfachte, die sie tief in ihrem Inneren berührte.
      Setzte sie ihren Weg durch den Wald fort, richtete Zelena ihren Blick gen Himmel. Die einst so warme und einladende Atmosphäre war einem bedrohlichen Schauspiel gewichen. Die Wolken türmten sich immer höher auf und verschluckten die letzten Lichtstrahlen des Tages. Der Himmel wurde von düsteren Grautönen überzogen, und ein kalter Wind begann zu heulen.
      Der Wald, der zuvor so ruhig und friedlich gewesen war, erwachte zum Leben. Das Rascheln der Blätter wurde zu einem wilden Flüstern, und die Bäume ächzten und knarrten im Sturm. Das zarte Zwitschern der Vögel war verstummt, und stattdessen erklang ein unheilvolles Knacken von Ästen, das die Spannung in der Luft verstärkte.
      Plötzlich öffneten sich die Himmelsschleusen, und Regentropfen fielen in immer dichterer Folge auf den Waldboden. Ein kräftiger Regenschauer begann, den Staub der Trockenheit fortzuspülen. Das prasselnde Geräusch des Regens mischte sich mit dem Toben des Windes und schuf eine bedrohliche Symphonie der Elemente.
      Zelena eilte voran, ihren Kragen hochgeschlagen, um sich vor dem kalten Regen zu schützen. Der Weg vor ihr verwandelte sich in eine schlammige Piste, und sie musste vorsichtig aufpassen, um nicht auszurutschen.
      Sie spürte die Kraft der Natur, wie sie ihre Adern durchströmte und ihren Puls beschleunigte. Der Sturm war ein Teil des Waldes, und sie fühlte sich in diesem Moment eins mit ihm. Die Anspannung und das Aufregende dieses wilden Wetterumschwungs brachten sie lebendig zum Erwachen.Immer wieder warf sie einen Blick zurück, um den Wald zu sehen, der nun von den tobenden Elementen verschlungen wurde. Die Bäume bogen sich unter der Wucht des Windes, und Äste wurden abgerissen und durch die Luft gewirbelt. Die gewohnte Schönheit des Waldes war einem rauen, ungezähmten Spektakel gewichen.
      Entschlossen und mit einem Kloß in der Kehle setzte Zelena ihren Weg fort, während der Regen weiter auf sie niederprasselte. Die Bäume spendeten nur noch begrenzten Schutz vor den Elementen, und die Dunkelheit des Waldes umhüllte sie allmählich. Mit jedem Schritt wurde ihre Entschlossenheit jedoch stärker, angetrieben von einem Gefühl der Verantwortung und Mitmenschlichkeit.
      Als sie tiefer in den Wald vordrang, wurde ihre Sicht durch den starken Regen und das dichte Unterholz zunehmend eingeschränkt. Doch dann entdeckte sie etwas, das ihr Herz beinahe zum Stillstand brachte. Auf dem Boden lag regungslos ein Mann, in Lumpen gehüllt und vom Regen durchnässt.
      Ihr erster Impuls war, weiterzugehen und Hilfe zu holen, doch ihr Gewissen und Mitgefühl ließen sie nicht einfach vorbeiziehen. Sie kniete sich neben den Mann und legte ihre Hand auf seine kalte Stirn. Sie spürte seinen schwachen Puls und erkannte, dass er dringend Hilfe benötigte. Die Entscheidung fiel schwer, denn sie war allein und der Weg zu ihrer Hütte würde noch einige Zeit dauern. Aber sie konnte es nicht übers Herz bringen, den Mann dem Schicksal zu überlassen. Mit aller Kraft und Entschlossenheit schulterte Zelena seine reglose Gestalt und begann, ihn vorsichtig durch den Wald zu tragen. Die schiere Größe des Mannes und sein Gewicht ließ sie nur sehr schleppend und mühsam den Weg beschreiten. Ihre Muskeln schrien nach einer Weile nach Erbarmen.
      Jeder Schritt war mühsam, der Regen machte den Boden rutschig und die Last des Mannes wurde immer schwerer. Doch Zelena ignorierte die Strapazen und konzentrierte sich auf ihr Ziel: ihre Hütte, die Zuflucht und Rettung in dieser stürmischen Nacht.
      Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte Zelena endlich ihre abgelegene Hütte im Herzen des Waldes. Sie legte den Mann behutsam auf ihr Bett und eilte zu ihrem Vorratsschrank, um warme Decken und ein Feuer vorzubereiten. Ihr Herz pochte vor Aufregung und Sorge, während sie alles tat, was in ihrer Macht stand, um den Fremden zu retten.
      Mit geschickten Händen reinigte sie seine Wunden und versuchte, ihn aufzuwärmen. Sie wusste, dass sie dringend ärztliche Hilfe benötigten, doch die Dunkelheit und der Sturm hielten sie gefangen. Sie konnte nur hoffen, dass er stark genug war, um die Nacht zu überstehen. Die Stunden vergingen, und Zelena wachte wachsam über den Fremden. Sie beobachtete jeden Atemzug, jede Regung seines Körpers. Die Sorge und Unsicherheit ließen sie nicht zur Ruhe kommen, aber sie war entschlossen, bis zum Ende bei ihm zu bleiben. Auch wenn sie selbst merkte wie die Erschöpfung in ihre Knochen sickerte.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Der Wald schien in der aufziehenden Dämmerung nach verbranntem Harz und nasser Erde zu riechen. Ich schmeckte Blut auf meinen Lippen, warm und metallisch. Das Keuchen meiner eigenen Lunge klang in meinen Ohren wie das Mahlen von zwei Steinen.
      Es war kein gewöhnlicher Auftrag gewesen. Die Gerüchte im letzten Wirtshaus hatten von einer verirrten Wildsau gesprochen, vielleicht einem kranken Bären. Doch was aus dem dichten Farn hervorgebrochen war, besaß weder das sanfte Augenfunkeln eines Tieres noch die Berechenbarkeit einer gewöhnlichen Bestie. Es war ein Waldschrat gewesen – alt, von Dunkelheit durchfressen und mit Gliedmaßen, die aus knotigem, schwarzem Holz und scharfen Knochen splitterten.
      Mein Schwert war tief in die Flanke des Ungetüms eingedrungen, doch der Gegenschlag hatte mich unvorbereitet getroffen. Die wuchtige Klauenhand der Bestie hatte mein Kettenhemd wie morsches Leder zerrissen. Der Schmerz war wie ein glühender Brandpfahl in meiner rechten Flanke eingeschlagen. Ich erinnerte mich nur noch an das Krachen, als ich gegen einen massiven Eichenstamm geschleudert wurde, an den wütenden Schrei meines Pferdes und das wilde Galloppieren von Hufen, die in der Dunkelheit verhallten. Das Tier war geflohen. Ich konnte es ihm nicht verachten.
      Dann war da nur noch der Regen gewesen. Ein eiskalter, gießender Guss, der die Luft wusch und mein Blut im Schlamm verdünnte. Meine Kräfte verflüchtigten sich mit jedem Herzschlag. Ich lag auf dem kalten Moos, die Hand noch fest um den Griff meines Schwertes krampft, während die Dunkelheit mich langsam umschlang. Meine Finger wurden taub, das Licht der Welt verblasste zu einem stumpfen Grau, bis selbst der Schmerz in meiner Seite nur noch wie ein fernes Dummern spürbar war. Ich hatte in meinem Leben viele Monster getötet, aber an diesem Abend, so war ich mir sicher, würde die Wildnis mich verzehren.
      Was danach folgte, war kein klares Bewusstsein, sondern ein Fiebertraum, der von Schwere und Kälte beherrscht wurde.
      Ich spürte nicht den Boden, als man mich bewegte, sondern nur eine plötzliche, unbarmherzige Erschütterung, die durch meine gebrochenen Rippen fuhr. In der Schwärze meiner Ohnmacht gab es Momente harter Realität: Ein Ziehen über den triefenden Waldboden, das Keuchen eines fremden Atemzugs ganz nah an meinem Ohr und das Gefühl von kalten Händen, die versuchten, mein enormes Gewicht zu stützen. Mein Verstand registrierte die Gefahr, der alte Reflex eines Jägers schrie danach, aufzuspringen, den Griff nach den Wurfmessern zu suchen oder das Gildensiegel an meinem Gürtel zu tasten. Doch mein Körper gehorchte nicht mehr. Ich war ein gefangener Geist in einer Hülle aus Blei.
      Traumbilder schoben sich vor die Realität. Ich sah die Tore der Gilde, die schemenhaften Gesichter alter Gefährten und die leuchtenden Augen der Bestie, die mich fast zerrissen hätte. Doch zwischen diesen dunklen Schemen schlich sich etwas anderes ein: Ein sanfter Duft von getrockneten Kräutern, Kamille und feuchter Wolle.
      Die Kälte des Regens wich langsam. Ein knisterndes Geräusch trat an die Stelle des heulenden Windes. Wärme drang von außen durch meine klamme Kleidung, und das Pochen in meiner Flanke wurde von einer stumpfen, pochenden Taubheit abgelöst. Jemand reinigte meine Wunden. Ich spürte das vorsichtige, aber bestimmte Tupfen von Stoff auf verletzter Haut, das Verbrennen von Kräutersalbe auf den tiefen Fleischwunden und den sanften Druck von Decken, die über meine Schultern gezogen wurden.
      In der Tiefe meiner Bewusstlosigkeit gab es kurze Phasen, in denen ich das Rauschen von Wasser oder das leise Klappern von Holztellern wahrnahm. Einmal glaubte ich, das leise Schnauben meines Pferdes draußen vor einer Wand zu hören – es musste dem Geruch gefolgt sein oder irgendwo in der Nähe Zuflucht gesucht haben. Der Gedanke beruhigte mich auf eine seltsame, unbegreifliche Weise. Ich war nicht mehr auf dem nassen Waldboden. Jemand hatte mich geholt. Jemand hatte einen Mann von zwei Metern Länge und vollem Gewand durch das Unwetter geschleppt.
      Die Nacht verging wie ein langer, dunkler Strom. Der Fiebertraum verlor allmählich seinen Schrecken, und der tiefe, heilsame Schlaf der Erschöpfung übernahm das Kommando.
      Als das erste Licht des nächsten Tages durch meine geschlossenen Augenlider drang, veränderte sich die Welt erneut. Es war kein grelles Sonnenlicht, sondern ein warmes, goldenseidenes Dämmern, wie es nur am späten Nachmittag durch einfache Holzfenster fällt.
      Meine Sinne kehrten Stück für Stück zurück, wie Soldaten, die sich nach einer geschlagenen Schlacht wieder sammeln. Zuerst war da der Tastsinn. Ich lag nicht auf der harten Erde, sondern auf einer schlichten, aber weichen Matratze. Eine schwere, gewobene Decke reichte mir bis zur Brust. Mein Oberkörper war bloßgelegt, doch um meine Flanke und meine Brust lagen feste, sauber gewickelte Leinenbandagen, die nach dem bitteren Harz von Ringelblumen und Schafgarbe rochen.
      Der Schmerz war noch da, ein tiefes, dumpfes Brennen bei jedem Atemzug, aber die tödliche Kälte war aus meinen Knochen gewichen. Mein Herz schlug ruhig und gleichmäßig.
      Als Nächstes kehrte das Gehör zurück. Das wilde Toben des Sturms war verschwunden. Stattdessen hörte ich das friedliche Rascheln von Blättern außerhalb des Raumes, das ferne Zwitschern eines einzelnen Vogels und das gleichmäßige, leise Knistern von Holzscheiten in einem offenen Kamin. Und da war noch etwas: Die absolute Stille eines Hauses, das fernab von Städten und Handelswegen lag. Keine schreienden Händler, keine Zunftglocken, kein Lärm der Schenken. Nur die Einsamkeit der tiefen Wälder.
      Mein Instinkt als Jäger, der über Jahre hinweg auf Schärfe gedrillt worden war, schaltete sich langsam wieder ein. Ich bewegte vorsichtig meine Zehen. Es funktionierte. Meine rechte Hand tastete ganz langsam unter der Decke nach meiner Hüfte. Das Leder meines Gürtels war abgelegt worden. Meine Waffen waren nicht an meiner Seite. Mein Körper war verwundbar, ausgeliefert an einen Fremden, dessen Bewegungen oder Absichten ich nicht kannte.
      Wo war ich? Wer hatte das Wagnis auf sich genommen, einen schwerbewaffneten, sterbenden Fremden mitten im Sturm aus dem Wald zu tragen? In dieser Gegend gab es nur ein kleines Dorf, und die Bauern dort meideten den Wald nach Einbruch der Dunkelheit wie die Pest. Sie hätten niemals ihr Leben riskiert für einen verletzten Söldner.
      Mein Puls beschleunigte sich minimal, ganz pragmatisch versuchte ich meine Gedanken zu ordnen. Ich tastete geistig nach meinem Gildensiegel. War es noch da? Hatte man meine Sachen durchsucht? War ich in der Hütte eines Einsiedlers, eines Wilddiebs... oder etwas anderem?
      Ein feiner Zug kalter Luft strich über meine Stirn, begleitet von dem Duft von frischem Quellwasser und wildem Thymian.
      Ich atmete tief ein, hielt den Atem für einen kurzen Augenblick an, um das Stechen in meiner Brust zu unterdrücken, und sammelte die spärlichen Kräfte, die mein Körper mir nach diesem Nahtoderlebnis zugestand. Es war Zeit, dem Retter – oder dem Peiniger – gegenüberzutreten.
      Langsam, Zentimeter für Zentimeter, hob ich meine schweren Augenlider und öffnete die Augen.
    • Im flackernden Schatten des Feuers saß ich auf einem kleinen Hocker neben dem Bett, das derzeit von dem verletzten Mann in Anspruch genommen wurde. Nun, nachdem ich ihn so gut wie möglich verarztet hatte, wurde mir tatsächlich bewusst, was ich angerichtet hatte. Ein Blick auf seine Ausrüstung und Kleidung, die ich sorgsam über einem Stuhl drapiert hatte, offenbarte mir, wer der Mann war. Ein Jäger, der Monster verfolgte und sie aus der Welt bannte. Hexen, wie mich.
      Auch wenn ich nie wirklich gelernt hatte zu zaubern, da ich stets Angst davor gehabt hatte, etwas anzurichten, war allein die Tatsache meiner Herkunft Grund genug, dass er mir den Kopf von den Schultern trennen würde. Und ich hatte keine Möglichkeit, mich gegen einen erfahrenen Jäger zu wehren. Dass ich nun das Risiko eingegangen war, diesen Mann in meine Hütte zu bringen und somit meine wahre Identität zu gefährden, hätte der alte Mann, der mich großgezogen hatte, gewiss mit einem Kopfschütteln und einem mürrischen Kommentar quittiert. Bei dem Gedanken an sein faltiges, aber stets weises Gesicht schlich sich ein trauriges Lächeln auf meine Lippen.
      Ein leiser Nieser riss mich aus meinen Gedanken. Ich erhob mich von meinem Platz und ging in das angrenzende Zimmer, um mich umzuziehen. Meine durchnässten Kleider sowie die des Mannes hatte ich in der Nähe des Feuers aufgehängt, wo sie langsam trockneten. Ich wusste nicht, wie lange er hierbleiben würde, doch im schlimmsten Fall müsste er die Kleidung des alten Mannes tragen. Die Tiefe seiner Wunde ließ vermuten, dass er morgen noch nicht in der Lage sein würde, weiterzureisen. Meiner Einschätzung nach würde er einige Tage bei mir bleiben müssen, bis er seinen Weg fortsetzen konnte.
      Natürlich wäre es mir möglich gewesen, den leichteren Weg zu wählen und ihn morgen vor die Tür zu setzen, doch so war ich nicht erzogen worden. Mein Gewissen würde mich tagelang wach halten und mich selbst in meinen Träumen verfolgen, sollte ich einen verletzten Mann einfach aus meiner Hütte werfen. Ebenso würde mich die Sorge quälen, ob er durch mein Handeln vielleicht sogar sein Leben verlieren würde. Nein, ich konnte nicht herzlos sein.
      Bevor ich meine Arme auf das Bett legte und meinen Kopf darauf ausruhen ließ, füllte ich einen Becher mit Wasser und stellte ihn in meine Nähe. Das Knistern des Feuers erfüllte den Raum, ebenso wie die angenehme Wärme, die es ausstrahlte. Mit aufmerksamem Blick betrachtete ich den Mann. Seine blonden Haare umrahmten sein markantes Gesicht. Es juckte mich beinahe in den Fingerspitzen, diese zu berühren. Welche Augenfarbe er wohl besaß? Es war Jahre her, dass ich Besuch in meiner Hütte gehabt hatte. Der alte Mann hatte nur sehr selten andere Menschen hereingelassen, und aufgrund seiner distanzierten Art gegenüber den Dorfbewohnern hatte auch ich nie enge Beziehungen zu den anderen Menschen entwickelt. Bis heute hatte mich dies weder gestört noch mein alltägliches Leben beeinträchtigt. Man kaufte mir meine Beute ab, und ich verdiente mein Geld mit meinen Kräutern und dem Verarzten von Wunden. Ich hatte also nie die Notwendigkeit gehabt, Freundschaften zu schließen. Ehe ich schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel, hob ich noch einmal meine Hand und strich mit meinem Zeigefinger vorsichtig eine Strähne aus dem Gesicht des Mannes.
      Die Sonne strahlte am nächsten Morgen durch das kleine Fenster der Hütte und fiel dabei auf meine geschlossenen Augen. Da ich mich ohnehin nur in einem leichten Schlaf befand, erwachte ich, sobald ich eine Bewegung wahrnahm. Schläfrig öffnete ich meine Augen und rieb mir diese, ehe mein Blick aufmerksam zu dem fremden Mann wanderte. Nun konnte ich endlich seine Augenfarbe erkennen. Blau-graue Augen, deren genaue Farbe ich nicht zu beschreiben vermochte. Es war eine faszinierende Mischung, die ich bisher noch bei keinem Menschen gesehen hatte. Es war befremdlich genug, einen weiteren Menschen in meiner Hütte zu haben, eine fremde Gestalt, die nun seit gestern die längste Zeit an meiner Seite verbracht hatte. Es war gerade einmal eine Nacht gewesen, und dennoch fühlte sich seine Anwesenheit bereits ungewohnt vertraut an.
      Erst jetzt fiel mir wieder auf, wie erstaunlich groß der Mann tatsächlich war. Bereits am gestrigen Abend hatte ich es bemerkt, doch nun, da ich ihn aus der Nähe betrachten konnte, wirkte der Unterschied noch viel gewaltiger. Zwei Köpfe größer als ich? Ein leiser Gedanke daran ließ mich beinahe ungläubig blinzeln. Keiner der Dorfbewohner besaß eine derartige Größe.
      Da ich mir vorstellen konnte, dass er nach allem durstig sein musste, nahm ich wortlos den Becher mit Wasser und reichte ihn ihm. „Trinkt“, sagte ich lediglich, ehe ich mich erhob. Kurz streckte ich meine müden Glieder, bevor ich mich dem Feuer zuwandte, um es abermals zu entfachen. Während die ersten Flammen wieder aufloderten und das Holz leise vor sich hin knisterte, suchte ich die nötigen Kräuter zusammen. Ich gab sie in einen kleinen Topf, füllte Wasser hinzu und stellte ihn über das Feuer, damit der Tee langsam aufkochen konnte. Anschließend holte ich einen frischen Verband, ehe ich mich wieder zu ihm setzte.
      „Der Tee ist gleich fertig. Setzt Euch hin“, forderte ich ihn ruhig auf und nickte dabei zu seinem Verband. Für einen kurzen Moment zögerte ich, ehe ich leise hinzufügte: „Wenn es Euch möglich ist.“
      Er würde vermutlich etwas Zeit benötigen, um sich zu orientieren. Schließlich war er in einer fremden Hütte aufgewacht, ohne zu wissen, wo er sich befand oder wer ihn hierhergebracht hatte. Nach seinen Verletzungen zu urteilen, war er momentan ohnehin nicht dazu in der Lage, mich anzugreifen, sodass ich mich ohne größere Befürchtung in meiner eigenen Hütte bewegen konnte. Dennoch blieb ich vorsichtig. Ich wusste nicht, wer dieser Mann war, und allein seine Kleidung hatte mir bereits mehr verraten, als mir lieb war.
      Doch eines wusste ich mit Sicherheit. Mit diesen Wunden würde er ohne weitere Ruhe und Versorgung nicht weit kommen. Wenn er sein Leben behalten wollte, hatte er im Augenblick kaum eine andere Wahl, als meine Hilfe anzunehmen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Das erste, was sich mir einprägte, war nicht das Licht, sondern die klare, kühle Luft des Raumes und das smaragdgrüne Augenpaar, das mich schweigend musterte. Für einen Sekundenbruchteil verharrten meine Augen auf den ihren. Es war ein reflexartiges Einschätzen, das mir in Jahren der Gildenarbeit zur zweiten Natur geworden war: Keine Aggression. Kein verräterisches Zucken. Nur eine stille, beinahe ungläubige Neugier.
      Mein Kopf drehte sich langsam zur Seite, jede Bewegung begleitet vom dumpfen Pochen im Nacken. Der Überlebensinstinkt übernahm routiniert das Kommando, noch bevor ich ein einziges Wort hervorbringen konnte. Ich brauchte eine Lagebeurteilung. Wo war ich? Wie waren meine Chancen, falls diese Szenerie kippte?
      Ich schärfte meine Sinne und sog die Details des Raumes auf wie ein Schwamm. Der Geruch war dominant: Ein beißendes Gemisch aus getrocknetem Salbei, verbranntem Holz, Kamille und dem süßlich-metallischen Unterton von frischem Blut und Wundsalbe. Es war der typische Geruch einer Heilerhütte.
      Ich ließ den Blick weiterwandern. Eine schlichte Holztür an der Nordwand, schwere Beschläge, alt, aber solide. Kein Riegel von innen zu sehen – der einzige offensichtliche Fluchtweg. Ein einzelnes, kleines Fenster an der Ostseite, durch das die Morgensonne fiel; gerade breit genug, dass sich ein schmaler Mensch hindurchzwängen könnte, für meine Statur jedoch eine tödliche Mausefalle.
      Rechts von mir befand sich die offene Feuerstelle, über der nun ein gusseiserner Topf an einem Haken hing. Das Knistern des Feuers war das einzige Geräusch im Raum. An den Wänden hingen Bündel aus getrockneten Kräutern, Wurzeln und Rascheln von Pergament.
      Und dann suchte ich nach Eisen. Nach meiner Ausrüstung.
      Da war sie. Meine Rüstungsteile und mein durchnässter Mantel hingen sauber aufgereiht auf einem Stuhl nahe dem Kamin. Doch meine Waffen – mein zweihändiges Schwert, die Wurfmesser, die Armbrust – lagen nicht in Reichweite. Sie hatte sie weggeräumt oder zumindest außer Sichtweite gebracht. Ein kluger Schachzug. Ein vorsichtiger Schachzug. In meiner unmittelbaren Nähe gab es nichts, was als brauchbare Waffe dienen konnte, abgesehen von dem schweren Holzbecher, der auf dem kleinen Nachttisch neben dem Bett bereitstand, oder den eisernen Schürhaken drüben am Kamin, an die ich im Moment unmöglich heranreichen würde.
      Als ich mich auf meinen eigenen Körper konzentrierte, schlug die Realität schonungslos zu. Das stumme Inventar meiner Verletzungen war verheerend. Drei, vielleicht vier gebrochene Rippen auf der rechten Seite. Die Fleischwunden an meiner Flanke brannten wie Feuer, fest zusammengewickelt unter den Leinenbandagen. Jeder tiefe Atemzug fühlte sich an, als würde mir ein glühender Meißel zwischen die Rippen getrieben.
      Ich spürte die Lähmung der puren Erschöpfung in meinen Gliedern. Mein Körper war ein Wrack. Schlagartig wurde mir mit eiskalter Klarheit bewusst: Ich würde dieses Bett nicht verlassen. Nicht heute, nicht morgen und vermutlich auch nicht in den nächsten drei Tagen. Zumindest nicht aus eigener Kraft oder ohne fremde Hilfe. Ich war dieser Frau ausgeliefert. Völlig.
      Mein Blick streifte den Holzbecher mit Wasser, der in meiner Reichweite stand. Mein Hals brannte ausgetrocknet und gierte danach, doch während mein Verstand weiterarbeitete, unermüdlich und düster, blieb der Durst zweitrangig.
      Sie wandte sich ab, um den Tee über dem Feuer zuzubereiten. Ich beobachtete ihre fließenden, sicheren Bewegungen bei der Arbeit mit den Kräutern. Sie wusste exakt, was sie tat. Die Zusammenstellung der Heilmittel, die Pflege der Wunden, das profunde Wissen über Pflanzen – all das zeugte von einer Ausbildung, die weit über das hinausging, was eine einfache Bauerntochter in einem abgelegenen Dorf je lernen würde.
      Eine Heilerin in vollkommener Isolation? Mitten im tiefsten Wald, meilenweit entfernt von der nächsten großen Siedlung?
      In meinem Kopf fügten sich die Puzzleteile zusammen, gebildet aus jahrelangem Drill in den Lehrhallen der Gilde. Es gab nur wenige Wesen, die eine solche Abgeschiedenheit suchten und gleichzeitig über dieses Ausmaß an Heilkunst verfügten. Ein Gestaltwandler? Oder... eine Hexe?
      Beides stand auf der Liste der Bedrohungen, die meine Gilde ohne zu zögern auslöschte. Hexen galten als unberechenbar, böse und als Gefahr für die Menschheit. Ihr Schicksal war das Feuer oder das Schwert.
      Doch wieso lag ich dann noch hier?
      Ich senkte den Blick kurz auf meine Brust. Mein Mantel hung drüben auf dem Stuhl. Das silberne Gildensiegel – das Unheil verkündende Emblem der Monsterjäger – war unübersehbar. Sie musste es gesehen haben. Sie wusste genau, was ich war. Ein Berufsjäger, ausgebildet, um Kreaturen wie sie zu jagen und zu töten.
      Warum hatte sie mich nicht im Wald verrecken lassen? Warum hatte sie mich nicht einfach im Schlaf erwürgt oder mir das Messer durch die Kehle gezogen, als ich bewusstlos auf ihrem Bett lag? Es hätte keine Zeugen gegeben. Der Sturm hätte meine Spuren verwischt, der Wald hätte meine Knochen verschlungen. Es ergab keinen Sinn. Ein Monster handelte aus Bosheit oder Instinkt. Das hier... das hier war Mitgefühl. Oder ein verdammt gerissenes Spiel.
      Ein moralischer Zwiespalt keimte in mir auf, scharf und unbequem. Das Regelwerk der Gilde war eindeutig: Eliminiere die Gefahr. Doch mein pragmatischer Verstand und mein eigener Ehrenkodex traten die Bremse. Die Problematik meines miserablen körperlichen Zustands war derzeit unendlich viel größer als die Frage, ob ich meine Retterin richten müsste. Selbst wenn ich es gewollt hätte: Ich konnte nicht einmal mein eigenes Gewicht halten. Eine Exekution stand außer Frage, solange ich nicht einmal aufstehen konnte. Ich war derjenige, der in der Falle saß.
      Sie forderte mich auf, mich hinzusetzen, falls es mir möglich war.
      Ich biss die Zähne zusammen. Der Stolz eines Jägers sträubte sich dagegen, wie ein hilfloser Schützling im Kissen zu liegen. Ich wollte mich aufrichten, wollte Präsenz zeigen und das Gefühl der absoluten Hilflosigkeit abschütteln.
      Ich stützte die Ellbogen auf die Matratze und versuchte, meinen Oberkörper hochzustemmen. Doch die Quittung folgte auf dem Fuß.
      Ein stechender, unbarmherziger Schmerz schoss durch meine rechte Flanke. Es fühlt sich an, als würden die Risse in meiner Brust vollends aufplatzen. Ein erstickter Schrei blieb mir im Hals stecken, wandelte sich in ein raues, schmerzhaftes Keuchen. Meine Muskeln versagten augenblicklich den Dienst. Die Kraft wich schlagartig aus meinen Armen, und ich sackte hilflos zurück in die Kissen. Das Atmen fiel mir schwer, kurze, flache Stoßseufzer entwichen meiner Brust, während die Welt vor meinen Augen für einen Moment Schwarz wurde.
      Ich gab auf. Fürs Erste.
      Ich blieb einfach liegen, das Gesicht von der Anstrengung schweißüberströmt, den Blick fest auf sie gerichtet. Meine Stimme klang wie zerstoßenes Kieselglas, rau, brüchig und von der Trockenheit meines Kehlkopfs gezeichnet, als ich das Schweigen brach.
      „Wer... wer seid Ihr?“, brachte ich mühsam hervor. Ich holte tief Luft, was sofort mit einem brennenden Stechen belohnt wurde, und sah sie durch dringlich prüfende Augen an. „Und was... was ist passiert?“
    • Unbeirrt und mit aufmerksamem Blick sah ich zu dem Jäger. Ich wollte ihm selbst die Möglichkeit geben herauszufinden, inwiefern er sich bereits bewegen konnte. Auch ich wollte sehen, wie selbstständig er war, wobei ich anhand seiner Wunden bereits erkennen konnte, dass er zumindest an diesem Tage nicht aus dem Bett kommen würde. Noch bevor ich den Becher vorbereitete, strich meine Hand beim Vorübergehen leicht über seine Kleidung. Zu meiner Erleichterung war diese bereits trocken, doch da draußen ohnehin die Sonne schien, hätte es kein Problem dargestellt, die feuchten Kleidungsstücke im Garten aufzuhängen.
      Auch wenn ich es mir zur Aufgabe gemacht hatte, ihn bis zu seiner Genesung zu versorgen, behielt ich weiterhin im Hinterkopf, in seiner Anwesenheit vorsichtig zu sein. Es würde mich das Leben kosten, wenn er auch nur eine Vermutung hegte, dass ich kein gewöhnlicher Mensch war. Jäger scherten sich nicht darum, ob jemand unschuldig war oder nicht. Besonders Hexen waren sehr gefürchtet, denn während Monster oftmals nicht den Verstand eines Menschen besaßen und dadurch berechenbarer waren, galten Hexen als unvorhersehbar und gefährlich. In vergangenen Zeiten hatte es große Hexenverfolgungen gegeben, und seit jener Zeit hatte man keine Hexen mehr gesichtet. Man munkelte, dass sie nicht mehr existierten.
      Ich war mir der Gräueltaten einiger Hexen bewusst, doch solche Geschichten stimmten mich oftmals traurig. Ich wollte meine Herkunft besser verstehen, meinen Ursprung kennenlernen und meine Kräfte willkommen heißen. Nicht, um Böses zu tun, sondern um vielleicht etwas Gutes zu bewirken. Doch die Vorurteile gegenüber Hexen waren tief in den Herzen der Menschen verwurzelt, sodass man mir wohl niemals die Möglichkeit geben würde, meine guten Absichten zu beweisen.
      Für einige Augenblicke betrachtete ich den fremden Mann schweigend und zog leicht meine Augenbrauen zusammen. Seine Fragen waren vorhersehbar. Es waren wohl die ersten Fragen, die sich ein Mensch stellen würde, wenn er in einer abgelegenen Hütte erwachte, ohne zu wissen, wo er sich befand oder wer ihn hierhergebracht hatte. Doch da es sich bei ihm um einen Jäger handelte, vermutete ich, dass er sich weniger um meinen Namen scherte, sondern vielmehr um mein Wesen. Ich konnte ihm schlecht sagen, dass ich eine Hexe war, wenn ich den Wunsch hegte, weiterzuleben.
      Mit gerader Haltung sah ich zu ihm hinab, meine Miene dabei unverändert. „Habt keine Angst, ich bin ein Mensch. Wäre ich etwas anderes, hätte ich mir wohl kaum die Mühe gemacht, Euch in meine Hütte zu tragen.“ Nun, tragen war vielleicht etwas zu freundlich ausgedrückt. Ab einem gewissen Zeitpunkt hatte ich ihn vielmehr hinter mir herziehen müssen, da er schlichtweg zu groß und zu schwer gewesen war. Doch diese Einzelheiten waren nicht von Bedeutung.
      „Ihr befindet Euch im Dorf namens Hyskelt, weit abseits von allem.“ Meine Stimme blieb in einem ruhigen und neutralen Ton. Es war eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt so viel am Stück gesprochen hatte, doch meine Priorität lag darin, ihn zu beruhigen und jeglichen Verdacht von mir zu nehmen. Solange meine Kette an ihrem Platz blieb, würde meine eigentliche Haarfarbe nicht zum Vorschein kommen.
      „Ihr werdet hierbleiben müssen, bis Ihr wieder auf den Beinen seid“, fügte ich hinzu und befüllte den Becher mit Wasser. Anschließend setzte ich mich auf den kleinen Hocker neben dem Bett und hielt ihm meine freie Handfläche entgegen, ehe ich sie seinem Kopf näherte. Es war eine stumme Andeutung, dass ich seinen Kopf ein wenig anheben würde, damit er trinken konnte. „Es ist nicht sicher, in Eurem Zustand weiterzureisen.“ Während ich sprach, beobachtete ich ihn aus den Augenwinkeln. Stets blieb ich wachsam und achtete darauf, dass er nicht plötzlich nach mir greifen oder mir an die Kehle gehen würde. Noch war er durch seine Wunden geschwächt und kaum in der Lage, sich gegen mich zu wehren, doch ich wusste nicht, wie er handeln würde, sobald seine Kräfte zurückkehrten. So blieb mir nichts anderes, als vorsichtig zu sein und darauf zu achten, dass das Geheimnis, welches ich seit meiner Geburt mit mir trug, weiterhin verborgen blieb.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ihre Worte sickerten langsam in mein noch immer benebeltes Bewusstsein. „Habt keine Angst, ich bin ein Mensch.“
      Eine bemerkenswert schnelle, fast schon zu glatte Rechtfertigung. Wer ungefragt betonte, ein Mensch zu sein, hatte meistens einen verdammt guten Grund, genau das verbergen zu wollen. Meine Jahre bei der Gilde hatten mich gelehrt, dass die gefährlichsten Bestien nicht diejenigen waren, die mit Fäulnis im Atem und bleichen Klauen aus den Schatten brachen. Die wahren Monstruositäten wussten genau, wie man eine Stimme sanft klingen ließ, wie man Wunden verband und wie man die Maske der Unschuld perfekt trug.
      Hyskelt. Der Name des Dorfes wog schwer in meinem Gedächtnis. Eine abgelegene, verfluchte Ansammlung von Holzhütten am Rande der Zivilisation. Ein Ort, an den sich kaum ein vernünftiger Händler verirrte und wo die Dunkelheit des Waldes noch eine ganz eigene, alte Bedeutung hatte.
      Ich spürte die leichte Berührung an meinem Hinterkopf, als sie sich näherte, um mir das Trinken zu erleichtern. Mein gesamter Körper spannte sich augenblicklich an – eine automatische Reaktion, das Erbe hunderter überlebter Hinterhalte. Jede Faser meines Verstandes schrie nach Abstand. Ein Mann meiner Zunft ließ sich nicht von Fremden am Hals berühren, erst recht nicht im liegenden Zustand, unfähig zur Gegenwehr. Doch als das kühle Holz des Bechers meine Lippen berührte, überwältigte die schiere körperliche Notwendigkeit den Ausbildungsdrill. Ich trank. Langsam, in kleinen, kontrollierten Schlücken, um mich nicht zu verschlucken, während meine smaragdgrüne Retterin jede meiner Regungen aufmerksam verfolgte. Ich konnte die Anspannung in ihrer Haltung spüren, die feine Wachsamkeit, die sich hinter ihrer ruhigen Fassade verbarg. Sie fürchtete mich – oder zumindest das, wofür mein Gildensiegel stand.
      Als sie den Becher wieder senkte, schloss ich für einen kurzen Augenblick die Augen. Das kalte Wasser vertrieb den bitteren Geschmack von Blut und Eisen aus meinem Mund, gab meiner gebrochenen Stimme aber zumindest ein wenig Festigkeit zurück.
      Ich sah sie wieder an. Direkt. Ohne Ausflüchte, ohne den Blick abzuwenden. Meine grau-blauen Augen fixierten ihr leicht angespanntes Gesicht. Sie hatte behauptet, ein Mensch zu sein. Aber die Welt war nicht so schlicht gebaut, wie es sich die Bauern in ihren Tavernen beim Bier erzählten.
      In den Archiven der Zunft, in den verstaubten Lederbänden, die wir bei Kerzenschein studieren mussten, bevor man uns überhaupt ein Schwert in die Hand drückte, gab es Berichte. Legenden, fast schon vergessen, über Wesen, die das alte Blut in sich trugen. Man lehrte uns, dass Hexen Kreaturen des Verderbens seien – Vergifterinnen, Illusionistinnen, die den Verstand von Männern verdrehten, sie zu Stein erstarren ließen oder ihre Seelen langsam aussaugten. Jede Hexe, die mir in meiner zehnjährigen Laufbahn als Jäger begegnet war, hatte diesen Klischees entsprochen: Hinterhalt, Gift, schwarze Magie und eine grundlose Abscheu gegen alles Menschliche. Sie alle hatten am Ende mein Eisen gespürt.
      Doch dieses Haus roch nicht nach Schwefel oder Verwesung. Es roch nach Salbei, Thymian und der ehrlichen, mühsamen Arbeit einer Heilerin. Und vor allem: Ich lebte noch.
      Wenn sie eine Bestie war, war sie die seltsamste, die mir je untergekommen war. Eine Hexe, die einen schwerbewaffneten Monsterjäger kilometerweit durch einen tobenden Sturm schleifte, seine verheerenden Wunden säuberte, ihm frische Bandagen anlegte und ihm geduldig Wasser an die Lippen hielt, entsprach keiner einzigen Zunft-Chronik. Es war unlogisch. Und Unlogik war in meinem Gewerbe meistens der erste Hinweis auf eine tiefere Wahrheit.
      Ich traf eine Entscheidung. In meinem Zustand hatte das Feilschen um Ausflüchte keinen Sinn. Ich war ein Mann des Pragmatismus. Spielte ich ihr Theater mit, verschwendeten wir beide wertvolle Zeit. Wenn diese Hütte mein Grab werden sollte, dann wollte ich zumindest mit offenen Karten auf dem Tisch sterben.
      Ein leises, raues Glucksen entwich meiner Kehle, das sich sofort in ein schmerzhaftes Stechen in meiner rechten Lunge verwandelte. Ich presste die Kiefer aufeinander, bis der Schmerz nachließ, und sah sie unerschütterlich an.
      „Ihr müsst mich nicht belügen“, meine Stimme war leise, tief und klang noch immer wie trockenes Holz, aber jedes Wort war klar artikuliert. „Und Ihr müsst auch keine Angst haben.“
      Ich machte eine kurze Pause, um Atem zu schöpfen. Mein Blick wanderte ganz bewusst zu dem Bündel getrockneter Kräuter über dem Kamin, dann zu den akkurat gewickelten Bandagen an meiner Brust und schließlich zurück in ihre grünen Augen.
      „Ich bin vielleicht schwer verletzt, aber meine Sinne funktionieren tadellos“, fuhr ich ruhig fort. In meiner Stimme lag kein Ton von Abscheu, keine Drohung, kein Bitterkeit. Es war schlicht die sachliche Feststellung eines Beobachters, der Fakten aufzählte. „Keine gewöhnliche Bauerntochter zieht einen Mann von zwei Metern Länge mitten in einer Sturmnacht allein durch den Schlamm. Kein einfacher Mensch verarztet Fleischwunden dieser Art mit einer Genauigkeit, die selbst den Barmherzigen Brüdern in den Großstädten Ehre machen würde. Ihr wisst exakt, was Ihr tut. Die Art, wie Ihr die Kräuter mischt, wie Ihr Euch bewegt... Ihr tragt das alte Wissen in Euch.“
      Ich ließ den Begriff für einen Moment in der Luft hängen. Das Knistern des Feuers schien plötzlich lauter zu werden.
      „In den Lehrbüchern meiner Gilde steht, dass Einesgleichen mich an Ort und Stelle vergiften, mir die Kehle durchschneiden oder mich versteinern würde“, sagte ich glatt und ohne jede emotionale Regung. „Hexen gelten bei uns als Feinde der Menschheit. Als Monster, die man ohne Fragen zu stellen dem Feuer übergibt.“
      Ich hielt ihrem Blick stand. Ich suchte nach dem voreiligen Zucken ihrer Pupillen, nach der Panik, die normalerweise einsetzte, wenn ein Vertreter der Zunft das Wort Hexe aussprach.
      „Aber ich bin kein Narr, der blind nach Regeln lebt“, fügte ich hinzu und schwächte den Tonfall ein wenig ab. „Man hat mir beigebracht, eine Situation objektiv zu bewerten. Nicht jeder, den die Welt als Feind bezeichnet, handelt auch wie einer. Ein echtes Monster hätte mich draußen im Schlamm als Futter für die Wölfe liegen lassen. Oder mir im Schlaf das Herz herausgerissen. Ihr aber habt Euer eigenes Leben riskiert, um einen Mann zu retten, dessen Zunft-Siegel drüben auf dem Stuhl liegt. Ihr wusstet genau, wen Ihr Euch da ins Haus holt.“
      Ich versuchte, meine linke Hand ein paar Zentimeter auf der Decke zu bewegen – eine kleine, aber bewusste Geste der Offenheit.
      „Ich danke Euch für mein Leben“, sagte ich schlicht. „Was auch immer Ihr seid, wie auch immer Ihr Euch nennen wollt... in dieser Nacht warst Du kein Monster. Du warst meine Retterin.“
      Das Wort Du fühlte sich richtiger an in diesem kleinen, isolierten Raum. Die förmliche Distanz wirkte albern zwischen zwei Menschen, von denen die eine das Leben des anderen in den Händen hielt.
      Natürlich war ich nicht naiv. Das Bekenntnis bedeutete nicht, dass ich meine Wachsamkeit aufgab. Der verbliebene Rest meines Jägerinstinkts blieb im Hinterkopf scharf wie eine frisch geschliffene Klinge. Sollte sich diese Barmherzigkeit doch nur als ein langer, grausamer Zauber erweisen, um mein Vertrauen zu gewinnen, würde ich handeln, sobald meine Kräfte zurückkehrten. Wenn ich erst einmal wieder auf den Beinen war, mein Schwert greifen und mich aufrichten konnte, wäre die Waagschale neu verteilt. Ich konnte sie immer noch töten, sollte sie sich als Bedrohung entpuppen. Das war das Gesetz meiner Zunft, und das war der Schutzpanzer, den ich seit dreizehn Jahren trug.
      Doch bis dahin war ich pragmatisch. Ein verkrüppelter Jäger auf einem fremden Bett hatte keine Macht. Meine beste Überlebenschance bestand darin, ehrlich zu sein und zu beobachten, wie die Hexe vor mir auf die Wahrheit reagieren würde.
      „Mein Name ist Leonard Vance“, sagte ich leise, während das Sprechen wieder schwerer wurde und der Schmerz in meiner Flanke pochte. „Man nennt mich Leo. Und wie es aussieht... bin ich für die nächsten Tage wohl Euer sehr gebrechlicher Gast.“
      Ich lehnte meinen Kopf erschöpft zurück in das Kissen, ließ meine Augen aber nicht von ihr ab. Die Würfel waren gefallen. Sie wusste nun, dass ich ihr Geheimnis durchschaut hatte – und sie wusste, dass ich ihr vorerst mein Leben anvertraute.
    • Ich sah den verwundeten Jäger ohne Regung an. Ich solle keine Furcht hegen? Nicht allein die Monster fürchteten die Jäger, auch unter den Menschen gab es jene, die bei ihrem Anblick lieber einen Schritt zurückwichen. Denn nicht ein jeder hielt sich an den Codex oder an die Ehre, die einem Jäger gebührte. Es gab auch jene, die ihre Stellung und ihre Macht missbrauchten, Dörfer ausplünderten, sich an fremdem Besitz bereicherten oder von den Menschen mehr Gold verlangten, als ihnen zustand. Welche junge Frau würde wohl keine Furcht davor empfinden, einen fremden und dazu noch überaus großen Jäger in ihrem eigenen Hause zu wissen?
      Ich mochte dem Anschein nach einem gewöhnlichen Menschen gleichen, denn selbst wenn es schien, als lägen magische Kräfte in mir verborgen, vermochte ich sie nicht zu gebrauchen. Ich hatte niemals gelernt, sie zu lenken, geschweige denn, sie zu verstehen. Seine Worte ließ ich über mich ergehen, doch sie vermochten mich nicht im Geringsten zu beruhigen.
      „Glaubt Ihr wahrhaftig, dass Ihr, wenn Ihr in ein fremdes Dorf gelangt, sogleich annehmt, jeder dort sei ein Monster?“, fragte ich trocken und hob eine Augenbraue, nachdem er einen weiteren Schluck genommen hatte. „Ihr seid ein Jäger. Ein jedes Dorf hat seine eigenen Erfahrungen mit Euresgleichen gemacht. Es ist daher wohl kaum verwunderlich, wenn man Euch mit Vorsicht begegnet. Zumal Ihr einem Baum nicht ganz unähnlich seid.“
      Bei diesen Worten wich ich einen Schritt zurück und musterte ihn argwöhnisch. „Ich dulde es nicht, in meiner eigenen Hütte in Zweifel gezogen zu werden. Ich bin hier aufgewachsen. Von Kindesbeinen an hat man mich gelehrt, wie man mit Wunden, Kräutern und Krankheiten umzugehen hat. Wenn Ihr meinen Worten keinen Glauben schenken wollt, so geht selbst hinab ins Dorf und erkundigt Euch dort.“
      Ein feiner, scharfer Klang hatte sich in meine Stimme geschlichen. Es war nicht meine Art, einem anderen so entgegenzutreten, doch seine Zweifel hatten etwas in mir berührt, das ich lieber tief in mir verborgen gehalten hätte. Ob er mich nun als seine Retterin betrachtete oder nicht, war dabei ohne Belang.
      „Ein Dankeschön hätte wohl genügt.“
      Ich wandte mich von ihm ab und schloss meine Finger fester um den Becher in meiner Hand. Selbst vermochte ich nicht zu sagen, weshalb seine Worte mich derart getroffen hatten. Vielleicht lag es daran, dass ich mein ganzes Leben darauf bedacht gewesen war, nicht aufzufallen. Vielleicht auch daran, dass ich wusste, wie schnell ein einziger Verdacht genügte, um einem Menschen alles zu nehmen.
      Leonard konnte ebenso gut lügen wie ich. Freundliche und verständnisvolle Worte waren leicht gesprochen, wenn man damit bezweckte, die Wachsamkeit eines anderen zu trüben. Vielleicht wollte er nur, dass ich mich in seiner Gegenwart sicherer wähnte, ehe er nach Dingen fragte, die ihn nichts angingen. Ich durfte meine Vorsicht nicht sinken lassen. Doch noch weniger vermochte ich es zu ertragen, mit den anderen Wesen in einen Topf geworfen zu werden. Ich selbst sah mich als Mensch. Ich hatte wie ein Mensch gelebt, mich wie einer verhalten und nach den Regeln gelebt, die mir der alte Mann einst mit auf den Weg gegeben hatte. Niemals hatte ich einem anderen Wesen wissentlich Leid zugefügt. Niemals hatte ich meine Kräfte dazu gebraucht, einem anderen zu schaden, selbst wenn ich sie hätte gebrauchen können. Und doch blieb am Ende des Tages jenes eine Wort bestehen. Monster. Auch wenn Leonard es nicht aussprach, auch wenn er mich nicht offen mit jenen Wesen gleichsetzte, blieb die Furcht in meinem Innersten bestehen, dass er mich eines Tages doch so sehen würde. Für einen Jäger mochte es keinen Unterschied machen, ob eine Hexe einem Menschen Leid zugefügt hatte oder nicht. Eine Hexe blieb eine Hexe. Doch dazu würde ich es nicht kommen lassen. Er durfte niemals erfahren, was ich war. Und es gab keinen Grund dies mir anzuhängen. Bis zu diesem Tage war es niemandem aufgefallen. Mein Haar verbarg sein wahres Wesen, die Halskette an meinem Halse war unter meiner Kleidung verborgen, und meine Kräfte lagen tief in mir, ohne dass ich selbst wusste, wie ich ihrer Herr werden sollte. Für die Menschen war ich nichts weiter als eine junge Frau, die abgeschieden im Wald lebte und sich mit Kräutern und Heilmitteln auszukennen wusste. Und so sollte es auch bleiben.
      Der Jäger trug den Namen Leonard. Leo würde ich ihn gewiss nicht nennen. Dafür war er mir noch viel zu fremd, und sein Wesen war mir nicht geheuer genug, als dass ich mir erlauben würde, ihn bei einem solchen Namen zu rufen.
      Ich wandte mich von ihm ab und trat hinaus in den Vorgarten. Dort gediehen, soweit es der Boden und die Jahreszeit zuließen, allerlei Gemüse und einige Früchte. Der Regen des vergangenen Abends hatte die Erde tief durchweicht, sodass sie unter meinen Schritten weich und dunkel war. Mit geübten Händen ging ich die Beete ab und suchte nach jenem Gemüse, das sich für eine Suppe eignete. Leonard würde vorerst nichts Schweres zu sich nehmen können, und so musste die Mahlzeit weich und leicht verdaulich sein.
      Nach einer Weile hatte ich genügend gesammelt. Ich strich die feuchte Erde mit einem Tuch von den Knollen und Wurzeln, ehe ich mich wieder auf den Weg zur Hütte machte. Dort legte ich die Ausbeute auf den großen Tisch und nahm mein Messer zur Hand. Mit ruhigen, geübten Bewegungen begann ich, die Schalen abzutrennen und das Gemüse in kleine Stücke zu schneiden. Es sollte so klein sein, dass Leonard es ohne Mühe in den Mund nehmen konnte. Auch würde ich es lange im Kessel sieden lassen müssen, auf dass es weich genug ward und er beim Kauen keine unnötige Mühe damit hatte. Ob meine Kochkünste etwas taugten, vermochte ich selbst nicht recht zu sagen. Ich hatte nie großen Wert darauf gelegt, ein besonders gutes Mahl zu bereiten. Man aß, weil der Hunger danach verlangte, und nicht, um sich an kunstvoll zubereiteten Speisen zu erfreuen. Am Ende spielte es wohl ohnehin keine Rolle.
      Ich schenkte dem Jäger keine weitere Beachtung und widmete mich gänzlich den Vorbereitungen. Neben dem Gemüse nahm ich auch einige der Gewürze zur Hand, die ich selbst gezogen und gepflegt hatte. Mit einem Eimer holte ich Wasser vom Brunnen und füllte damit den Kessel, ehe ich die ersten Kräuter hineinwarf. Bald schon begann ein feiner Duft durch die Hütte zu ziehen, doch zwischen uns beiden blieb es still. Ich wechselte kein Wort mit ihm. Insgeheim bereute ich bereits, ihn gerettet zu haben. Welcher Mensch hätte einen anderen Menschen in einem solchen Zustand einfach im Walde liegen lassen? Ich hätte an jenem Abend weitergehen können. Ich hätte so tun können, als hätte ich ihn nicht gesehen. Vielleicht wäre mir damit all dies erspart geblieben.
      Doch meine Menschlichkeit hatte es nicht zugelassen. Mein Erbarmen hatte mich dazu gebracht, ihn nach Hause zu tragen, seine Wunden zu versorgen und über seinen Schlaf zu wachen. Und was hatte ich dafür erhalten? Kaum war er wieder bei Bewusstsein, zweifelte er an meinem Wesen. Es kränkte mich. Mehr, als ich es ihm jemals zeigen würde. Ich hatte ihn nicht gerettet, damit er nun in meiner eigenen Hütte über meine Herkunft und mein Blut nachsann. Hatte ich denn etwas so Ungewöhnliches getan? War ich der erste Mensch, der sich mit Kräutern und Pflanzen auskannte? Der erste, der gelernt hatte, Wunden zu versorgen und Krankheiten mit dem zu behandeln, was die Natur hergab? Bezeichnete er etwa jeden Heiler als Hexe? Bei diesem Gedanken schnaubte ich leise. Es war angenehmer gewesen, als ich allein gelebt hatte. Ruhiger. Niemand hatte Fragen gestellt, niemand hatte mich mit misstrauischen Augen betrachtet, und niemand hatte versucht, in mir etwas zu erkennen, das selbst ich kaum zu begreifen vermochte. Nun jedoch saß eine wandelnde Skepsis in meiner Hütte, und ich selbst hatte dafür gesorgt. Vielleicht wäre es besser gewesen, ihn im Wald seinem Schicksal zu überlassen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Das Knallen der Holztür, als sie hinaus in den Garten trat, hallte noch in meinen Ohren nach. Ich lag starr auf der Pritsche, den Kopf tief in das klamme Kissen gedrückt, und starrte an die holzverkleidete Decke, an der dichte Bündel aus getrocknetem Beifuß und Johanniskraut im schwachen Luftzug wiebelten.
      Ihre Worte hingen schwer im Raum. „Ich dulde es nicht, in meiner eigenen Hütte in Zweifel gezogen zu werden.“
      Ich schloss für einen langen Augenblick die Augen und überließ meinen Körper der wogenden Schmerzwelle, die bei jedem verpatzten Atemzug durch meine Rippen fuhr. Sie war wütend gewesen. Scharf, gekränkt, fast schon borstig. Ein feiner, eiskalter Klang hatte in ihrer Stimme gelegen, der die schlichte Heilerin überraschend schnell hinweggefegt hatte. Sie wies mich ab, verteidigte ihr Revier und beharrte darauf, ein schlichter Mensch zu sein. Ein Mädchen aus dem Dorf, aufgewachsen mit Kräutern und der Schule des alten Mannes.
      Ich spürte ein leises, trockenes Glucksen in meiner Kehle aufsteigen, das ich jedoch sofort wieder unterdrücken musste, da es sich mit einem mörderischen Stechen in meiner rechten Flanke rächte.
      Sie war gut. Sie war wirklich verdammt gut in dem, was sie tat. Ihre Haltung war stoisch, fast schon unerschütterlich. Wie sie ihre Miene verziehe, wie sie den Blick hob, wie sie mir das Wort im Munde umdrehte – all das zeugte von einer Perfektion im Verbergen, die man nicht an einem Nachmittag lernte. Es war eine Fassade, so glatt geschliffen wie ein Kiesel im Gebirgsbach.
      Oder... und dieser Gedanke schlich sich leise, aber beharrlich in meine Überlegungen ein... wusste sie es womöglich selbst nicht einmal?
      Gab es so etwas? Eine Hexe, ein Wesen des alten Blutes, das in dem festen Glauben aufgewachsen war, nichts weiter als ein gewöhnlicher Mensch zu sein? Jemand, der seine Gaben für ein bloßes Gespür für Pflanzen hielt, der seine Intuition als gelernte Erfahrung abtat und der vor der eigenen Magie so tief die Augen verschloss, dass sie selbst an die eigene Lüge glaubte? In den Archiven der Zunft gab es schattige Randnotizen über unbewusste Begaubungen, aber in der freien Wildbahn war mir noch nie ein solches Exemplar begegnet.
      Ich schüttelte gedanklich den Kopf, soweit es der Schmerz in meinem Nacken zuließ. Nein. Mein Bauchgefühl hatte mich in dreizehn Jahren auf den Pfaden der Zunft nie getäuscht. Wenn du jahrelang Monster jagst, entwickelst du einen Sinn für das Unnatürliche. Es ist kein Zauber, es ist eine Art Instinkt, der dir am Nacken die Haare aufstellt, wenn etwas nicht stimmt. Die Luft um sie herum war zu sauber, ihre Handgriffe bei meiner Wundversorgung waren zu präzise gewesen für ein einfaches Kräutermädchen. Der Schnitt der Bandagen, die Zusammenstellung der Salbe – das war kein bäuerliches Halbwissen. Sie mochte sich einreden, ein Mensch zu sein, sie mochte den Gedanken an ihr wahres Erbe verdrängen und sich hinter der Identität der einsamen Heilerin verschanzen. Doch mein Entschluss stand fest. Mein Bauchentscheid irrte sich zu selten, als dass ich ihm ausgerechnet heute, wo ich hilflos im Schlamm gelegen hatte, das Vertrauen entziehen würde.
      Als sie schließlich mit dem Korb voller Wurzeln und Knollen aus dem durchnässten Garten zurückkehrte, ließ ich sie gewähren. Ich hielt den Mund. Sie ignorierte mich mit einer eisernen Konsequenz, die man fast schon bewundern musste. Die Hütte füllte sich mit dem gleichmäßigen, rhythmischen Klacken ihres Messers auf dem Holzschneidebrett. Klack. Klack. Klack.
      Sie schnitt das Gemüse stur in klitzekleine Stücke. Keine hastigen Bewegungen, keine Panik, nur eine stumme, zornige Hingabe an das Zubereiten einer schlichten Suppe. Sie holte Wasser vom Brunnen, goss es in den Kessel über dem Feuer, warf die zerhackten Rüben und Kräuter hinein und ließ die Brühe langsam vor sich hin sieden. Ein dichter, angenehmer Dampf von Sellerie, Lauch und würzigen Blättern breitete sich im Raum aus und ließ meinen mageren Magen schmerzhaft knurren. Doch sie wandte mir nicht einmal den Rücken voll zu, geschweige denn ein einziges Wort. Sie existierte in ihrer eigenen, schweigenden Blase aus gekränkter Würde.
      Ich ließ die Zeit verstreichen. Ich beobachtete das Steigen des Rauchfadens im Kamin, hörte auf das Knistern des Holzes und wartete geduldig, bis das Schlimmste meiner Atemnot abgeklungen war. Es brachte nichts, sich mit einer Frau zu streiten, deren Hütte man besetzt hielt und deren Suppe man gleich zu essen hoffte. Es gab Wichtigeres. Wichtigere Dinge als theoretische Debatten über ihr Blut.
      Ich schluckte, um meinen ausgetrockneten Hals zu befeuchten, und brach die zähe Stille. Meine Stimme klang noch immer tief, rauchig und von der Verletzung gezeichnet, aber die Schärfe war verschwunden.
      „Mein Pferd...“, brachte ich langsam hervor, den Blick an die Decke gerichtet, bevor ich ihn langsam zu ihr hinüberdrehte. „Der Wallach... hat er es geschafft?“
      Ein kurzes Atmen, um das Stechen in meinen Rippen abzupuffern.
      „Er ist mein bester Freund auf diesen Pfaden. Wenn er draußen steht... bitte ich Euch, kümmert Euch um ihn. Er braucht trockenes Stroh und etwas Hafer, wenn Ihr welchen habt. Wenn nicht, tut es auch gutes Gras.“
      Ich hielt kurz inne und ließ meinen Blick zu dem Stuhl wandern, auf dem meine durchnässte Ausrüstung lag. Unter dem Mantel, halbschattig verborgen, zeichneten sich die dicken Lederriemen meiner Satteltaschen ab.
      „An meinem Sattel... in den Taschen... liegt all mein Hab und Gut“, fuhr ich fort, und meine Stimme wurde etwas ruhiger, fast geschäftsmäßig. „Ganz unten in der linken Tasche findet Ihr einen Lederbeutel. Es sind zwanzig Goldmünzen darin. Nehmt sie Euch. Alle. Als Entschädigung für Eure Mühe, für den Verband... und als Bezahlung dafür, dass Ihr meinen Wallach gut versorgt. Er hat eine weiße Blesse an der Stirn und ist manchmal etwas stur, aber er bedeutet mir viel.“
      Das Holz im Kamin knackte laut und warf kurz flackernde Funken gegen das Schutzblech. Ich holte tief Luft und fuhr fort, während der Duft der brodelnden Suppe immer intensiver wurde.
      „Nehmt Euch auch das Essen aus den Taschen, bevor es verkommt und ungenießbar wird“, bot ich ihr pragmatisch an. „Es wäre eine Schande darum. Es ist noch ein halbes Stück geräucherter Speck darin. Gut haltbar, stramm eingewickelt. Dazu ein viertel Leib alter Bergkäse, trockenes Hartbrot und eine kleine eiserne Bratpfanne. In dem kleineren Stoffsack ist etwas loses Getreide – das könnt Ihr dem Pferd geben oder selbst im Mörser zerstoßen.“
      Ich machte eine Pause, weil die Anstrengung des Sprechens meinen Puls hochjagte. Mein Körper war geschwächt, doch mein Geist fing an, die Inventarliste meines Gepäcks durchzugehen, um ihr zu zeigen, dass ich nichts zu verbergen hatte.
      „Es gibt dort auch zwei Trinkschläuche“, meinte ich leise weiter. „Einer enthält frisches Quellwasser aus den Bergen, der andere... einen recht scharfen Brandwein. Falls Ihr etwas davon zum Desinfizieren von Wunden braucht oder um die Suppe aufzuwerten... bedient Euch freien Herzens.“
      Die Suppe auf dem Feuer gurgelte leise vor sich hin. Die Wärme des Raumes begann meine tauben Gliedmaßen langsam zu durchfluten, doch der Schmerz blieb mein treuer Begleiter.
      „In der rechten Tasche...“, fügte ich hinzu und fixierte ihr Profil, während sie am Herd stand, „...liegt eine kleine Ledermappe mit Heilkräutern. Dingen, die Ihr hier in dieser Gegend wohl niemals auf den Feldern finden werdet. Getrocknete Berg-Arnika aus dem Hochgebirge, feine Wurzeln aus den südlichen Küstenländern, seltenes Silberkraut. Sie stammen von weit her, von meinen Reisen. Ihr versteht etwas von Pflanzenkunde – Ihr werdet wissen, wie man sie nutzt. Sie gehören Euch.“
      Ich ließ den Kopf ein Stück tiefer ins Kissen sinken, während meine Stimme immer leiser, aber stetig blieb.
      „Dazu findet Ihr dort eine Flasche Tinte, etwas festes Pergament, eine kleine Schnitzpfeife aus Knochen – die ist dazu da, um Botenraben der Gilde zu locken, falls man Unterstützung braucht –, dazu feine Garnschnüre zum Binden von Nachrichtenrollen, ein Stück rotes Siegelwachs und eine kleine Wachskerze. Ein Feuereisen liegt ebenfalls bei.“
      Ich machte einen langen Atemzug und schloss für einen kurzen Augenblick die Augen, ehe ich den letzten Teil meines Eigentums preisgab.
      „Ganz unten... in der inneren Ausbuchtung... liegt eine kleine Ledertasche. Darin ist etwas Familienschmuck. Nichts von enormem Wert, aber alt. Und ein besticktes Seidentuch. Passt darauf auf, wenn Ihr die Sachen durchsucht.“
      Ich schwieg. Die Aufzählung hatte mich mehr Kraft gekostet, als ich zugeben wollte. Mein Brustkorb hob und senkte sich in flachen, vorsichtigen Stoßseufzern. Ich hatte ihr mein gesamtes Hab und Gut offengelegt. Kein Gold versteckt, keine Geheimfächer verschwiegen, keine Falle gestellt.
      Sie konnte das Gold nehmen, sie konnte das Essen verzehren, sie konnte die seltenen Kräuter aus den fernen Ländern für ihre Tinkturen nutzen. Es war ein faires Geschäft. Ein pragmatischer Handel zwischen einem Mann, der an das Bett gefesselt war, und einer Frau, die ihn verpflegte – ganz egal, ob sie sich nun als Heilerin des Dorfes sah oder als Wesen, das seine eigene Natur tief in den Schatten vergraben hatte.
      Ich drehte den Kopf wieder leicht zur Wand, spürte das gleichmäßige Pochen in meinen Verletzungen und überließ ihr das nächste Wort. Wenn sie denn überhaupt noch eines mit mir sprechen wollte.
    • Ich hörte seinen Worten aufmerksam zu und versuchte, mir jede Kleinigkeit davon einzuprägen. Dennoch zeigte ich keinerlei große Regung und ließ mir mein Interesse an seinen Erzählungen nicht anmerken. Ich stand weiterhin beim Kessel, rührte langsam in der Suppe und beobachtete dabei, wie die Kräuter mit jeder Bewegung des Löffels durch das Wasser trieben und wieder an die Oberfläche gelangten.
      Er besaß reichlich Hab und Gut, und für einen kurzen Augenblick fragte ich mich, ob ihm dies auf seinen Reisen nicht zur Last gereichen musste. Doch bei seiner Statur und der wohl jahrelangen Erfahrung, die er als Jäger gesammelt hatte, war er an schwere Lasten gewiss gewöhnt. Auf Reisen mochte sein Pferd das meiste tragen, doch ich konnte mir gut vorstellen, dass es oft genug Augenblicke gab, in denen er selbst sein Gepäck zu tragen hatte.
      Bei dem Gedanken an sein Pferd geriet ich ins Grübeln. Sein Hab und Gut kümmerte mich wenig. Mit seinem Gold oder dem Familienschmuck vermochte ich ohnehin nichts anzufangen. Ein Tier hingegen war ein lebendiges Wesen, und allein der Gedanke daran, dass seinem Begleiter etwas zugestoßen sein könnte, ließ mich nicht recht los. Ich fragte mich, wo das Pferd wohl geblieben war und ob es vielleicht verletzt im Walde stand oder längst davongetrieben war.
      Das war mir weitaus wichtiger als all das Gold, welches Leonard mit sich führte.
      Heimlich musste ich mir eingestehen, dass ich bei der Erwähnung der Heilkräuter, deren Namen er genannt hatte, nicht wusste, wovon er sprach. Gerade das weckte jedoch meine Neugier. Ich war stets wissbegierig gewesen, wenn es um Pflanzen und Kräuter ging, und hätte jene Gewächse nur zu gern mit eigenen Augen gesehen. Vielleicht konnte ich von ihm etwas lernen, wenn ich nur Gelegenheit dazu bekam.
      Vorerst jedoch ließ ich die Stille zwischen uns bestehen.
      „Behaltet Euer Hab und Gut. Ich wurde nicht von meinem Vater erzogen, die Habseligkeiten eines Fremden zu begehren“, sagte ich schließlich trocken und ohne viel Umschweife.
      Damit wandte ich mich vom Kessel ab und suchte nach einer Schüssel. Der Duft der Suppe hatte inzwischen die ganze Hütte erfüllt und lag warm und würzig in der Luft. Die Fenster ließ ich vorerst geschlossen, denn die Wärme würde dem geschwächten Jäger gewiss guttun. Später würde ich sie öffnen. Ein frischer Windzug konnte ihm nicht schaden, zumal der Geruch der Kräuter auf Dauer wohl selbst für einen ungewohnten Menschen schwer werden mochte. Ich selbst war längst daran gewöhnt.
      „Euer Begleiter hingegen ...“, begann ich und suchte weiter nach einem Löffel. Als ich endlich einen fand, nahm ich zugleich die Schüssel an mich und kehrte zum Kessel zurück. „Ich kann versuchen, ihn ausfindig zu machen. Doch erhofft Euch nicht allzu viel davon. Der Wald ist groß, und Euer Pferd könnte längst fortgelaufen sein. Ich vermag nicht den ganzen Wald abzusuchen. Mit ein wenig Glück ist es vielleicht bis zum Dorf gelangt.“
      Meine Art zu sprechen hatte ich einst von dem alten Mann gelernt. Viel anderes kannte ich nicht. Er selbst hatte nur selten mit den Bewohnern des Dorfes gesprochen, und so hatte ich mich stets an seine Weise gehalten. Sie war mir vertraut und fühlte sich richtig an, selbst wenn andere Menschen vielleicht anders zu sprechen pflegten.
      Endlich hatte ich alles beisammen. Ich nahm die Schüssel und kehrte damit zum Kessel zurück. Vorsichtig schöpfte ich die heiße Suppe hinein, ehe ich mich wieder zu Leonard begab. Auf dem Weg dorthin nahm ich noch eine Scheibe von dem Brotlaib, der unter einem sauberen Tuch verborgen lag.
      Mit ausdrucksloser Miene setzte ich mich wieder neben ihn. Ich stellte die Schüssel auf meinen Schoß und tauchte den Löffel in die dampfende Suppe. Ehe ich sie ihm reichte, pustete ich vorsichtig darüber, damit sie nicht zu heiß war. Mit der freien Hand hob ich seinen Nacken ein wenig an und sorgte dafür, dass er aufrechter lag. Es würde wohl eine Ewigkeit dauern, bis ich ihm die ganze Suppe eingeflößt hatte. Immer wieder würde ich warten müssen, ehe er den nächsten Löffel zu sich nehmen konnte. Manchmal riss ich ein kleines Stück Brot vom Laib ab, tauchte es lange genug in die warme Suppe, bis es weich geworden war, und reichte es ihm gemeinsam mit der Brühe. Ich sagte nichts weiter. Auch wenn mir manches von dem, was er gesagt hatte, missfiel, vermochte ich ihn nicht einfach zu vernachlässigen. Das hätte mein Gewissen nicht zugelassen. So war ich nicht erzogen worden. Der alte Mann hatte mich gelehrt, dass man einem Verwundeten beistand, selbst wenn man ihm nicht traute. Dass man einem Menschen die Hand reichte, wenn er sie benötigte, und nicht danach fragte, ob er es verdient hatte. Und so saß ich nun neben dem Jäger und fütterte ihn schweigend, obwohl ein Teil von mir noch immer bedauerte, ihn überhaupt aus dem Wald hierher gebracht zu haben. Sobald er seine Kräfte wiedererlangte, war er frei zu gehen, was ich durchaus erhoffte. Je früher er seine Reise abermals antrat, umso eher kehrte die Ruhe in der Hütte wieder ein. Ich hatte aus diesem Treffen gelernt, Fremden nicht mehr meine Hilfe anzubieten. Ihre Schicksäle lagen nicht mehr in meine Hände.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Der Schmerz beim Schlucken war ein treuer Gefährte, der sich mit jeder Bewegung meines Kehlkopfs tief in meine Schultern und Brustmuskeln fraß. Dennoch leistete ich keinen Widerstand. Wenn mein Körper in den nächsten Tagen auch nur den Ansatz einer Chance haben wollte, sich aus diesem zerschundenen Zustand zu erheben, brauchte er Nährstoffe. Blei, Eisen und Stahl nützten einem Jäger wenig, wenn sein Fleisch vor Hunger auszehrte.
      Ich folgte stumm dem Rhythmus, den sie vorgegeben hatte.
      Jeder Löffel der heißen, klaren Brühe glitt wie ein lindernder Balsam über meine ausgetrocknete Kehle. Der Dampf, der von der Suppe aufstieg, roch nach feuchter Erde, Sellerie und dem tiefen, beruhigenden Aroma von gekochten Wurzeln. Sie hatte das Gemüse so klein und weich geschmort, dass mein Kiefer kaum Arbeit verrichten musste – ein Segen für jemanden, dessen jede größere Muskelanspannung in den Rippen brannte wie ein glühender Brandpfahl. Wenn sie das Brot in die Suppe tunkte und es mir reichte, bis es fast von selbst auf der Zunge zerging, spürte ich, wie mühsam und zäh dieser Prozess für sie sein musste.
      Eine erwachsene Frau, die wie eine Mutter oder eine Pflegerin geduldig neben dem Bett eines zwei Meter großen, schwer bewaffneten Fremden saß und ihm haargenau dosierte Bissen einflößte. Es hatte etwas fast Skurriles. Ein Mann meiner Zunft, der noch vor zwei Tagen eine Bestie mit dem Schwert durchbohrt hatte, war nun nicht einmal mehr in der Lage, eine Löffelspitze unfallfrei an seinen eigenen Mund zu führen.
      Ich sah sie dabei an. Die Distanz zwischen unseren Gesichtern betrug kaum mehr als zwei Handspannen, wenn sie sich nach vorne neigte, um das heiße Essen vorsichtig abzukühlen. Ich studierte jede Falte um ihre Augen, das feine Spiel ihrer Muskeln am Kiefer und die absolute, stoische Beherrschung, mit der sie versuchte, jede Form von Emotion aus ihrer Miene zu verbannen.
      Sie wollte nicht, dass ich dankbar war. Sie wollte meine Dankbarkeit nicht, sie wollte mein Gold nicht, und sie wollte mit meinen Geschichten über seltene Gebirgskräuter nichts zu tun haben. Sie schirmte sich ab hinter einer Mauer aus kühler Pflichterfüllung, erzogen von einem alten Mann, der ihr offenbar beigebracht hatte, das Leben eines anderen Wesens zu achten – völlig unabhängig davon, ob man diesem Wesen nun traute oder es für eine Gefahr hielt.
      Doch hinter ihrer ausdruckslosen Maske brannte etwas, das sie nicht vollständig verbergen konnte. Es lag in der Sorgfalt, mit der sie mein Brot einweichte. Es lag in dem feinen, vorsichtigen Druck ihrer Hand an meinem Nacken, um meinen Kopf nicht zu abrupt anzuheben. Und es lag in dem Augenblick, als ich ihre smaragdgrünen Augen fixierte.
      Meine eigenen grau-blauen Augen schimmerten vor einer tiefen, ehrlichen Dankbarkeit.
      Ich versuchte gar nicht erst, diesen Blick zu verschleiern oder die Härte des Gildenjägers vorzuspiegeln. Mag sein, dass sie mein Wesen in Zweifel zog, mag sein, dass sie insgeheim bereits bereute, mich durch den Regen geschleppt zu haben. Aber in diesem Raum gab es in diesem Moment nur zwei Fakten: Ich lebte. Und ich lebte wegen ihr. Kein Kodex der Zunft, keine schwere Rüstung und kein silbernes Siegel konnten die Tatsache auslöschen, dass diese Frau mir mit stoischer Geduld das Leben zurückgab. Ich wollte, dass sie diese Dankbarkeit sah – selbst wenn sie sich innerlich dagegen wehrte und es lieber als eine lästige Pflicht abtun wollte.
      Der Teller leerte sich langsam, Schbeere für Schbeere, Schluck für Schluck. Mit jedem Brocken, der meinen Magen erreichte, kehrte ein winziger Hauch von Wärme in meine tauben Finger zurück. Mein Körper nahm die Nahrung gierig auf wie ausgetrockneter Boden den ersten Frühlingsregen. Ich spürte, wie der brennende, hohle Schmerz des Hungers der schweren, heilsamen Müdigkeit wich, die stets auf eine warme Mahlzeit folgte.
      Ich hatte den letzten Rest der Brühe geschluckt und wollte gerade ansetzen, um das Schweigen erneut zu brechen, als ein Geräusch die ruhige Atmosphäre der Hütte schlagartig zerriss.
      Ein dumpfes, hölzernes Klopfen erschallte an der schweren Außentür.
      Mein Körper spannte sich augenblicklich an – eine reflexartige, unwillkürliche Bewegung, die mich sofort mit einem höllischen Stechen in der rechten Flanke bestrafte. Ich entlockte meinen Lippen ein leises, ersticktes Keuchen, während mein Blick scharf zur Tür schnellte. War es jemand aus dem Dorf? Oder hatte die Bestie überlebt und war meiner Fährte gefolgt? Meine Hand zuckte instinktiv nach der Kante der Decke, suchte nach dem vertrauten Ledergriff meines Dolches, den ich dort sonst immer trug – vergeblich. Ich war waffenlos und unfähig aufzustehen.
      Doch noch bevor die Anspannung im Raum ihren Höhepunkt erreichen konnte, folgte auf das Klopfen ein ganz anderes, zweifelsfreies Geräusch.
      Ein tiefes, raues Schnauben drang durch das schwere Holz der Tür, gefolgt von dem scharren schwerer Hufe auf dem feuchten Kieselboden vor dem Eingang. Es war ein vertrautes, fast schon melancholisches Geräusch, das mir die Anspannung schlagartig aus den Muskeln trieb.
      Ein breites, ehrliches Lächeln stahl sich auf meine Lippen, obwohl es die Haut an meinen trockenen Wangen spannte.
      Es war der Wallach.
      Das Tier war nicht fortgelaufen. Es war weder von Wölfen gerissen worden noch panisch in die tiefen Sümpfe geflüchtet. Es war dem Geruch der Hütte gefolgt, meiner Fährte durch den Sturm nachgegangen oder hatte schlichtweg den Rauch gerochen, der aus dem Kamin aufstieg. Nun stand er da draußen, klopfte mit seinen dicken Nüstern oder den Hufen gegen die Tür und verlangte nach seinem Unterstand. Unverletzt, kräftig, wenn auch sicher mit einem gewaltigen Hunger im Magen.
      Ich sah zur Heilerin hinüber, während das Schnauben draußen erneut ertönte. Meine Stimme klang ruhiger nun, getragen von der ersten echten Erleichterung seit meinem Erwachen.
      „Das...“, sagte ich leise und deutete mit einem schwachen Nicken meiner Stirn in Richtung der Holztür, „...ist mein Wallach. Es scheint, als hätte er uns beide schneller gefunden, als wir ihn suchen mussten.“
    • Mir entging der dritte Blick des Jägers nicht, doch wusste ich nicht recht, was ich davon halten sollte. Ich war es gewohnt, dass man mich anstarrte, vor allem die Dorfbewohner und der lästige Sohn des Metzgers, doch jene Menschen waren mir vertraut. Ich kannte ihre Gesichter und ihre Eigenarten, wusste, was ich von ihnen zu erwarten hatte. Dieser Jäger hingegen war mir fremd, und mehr noch, er war eine Gefahr für mich.
      Als sich mein Blick zufällig mit dem seinen traf, bemerkte ich, dass jener weder prüfend noch verhärtet war. Etwas anderes lag darin, etwas, das ich nicht zu benennen vermochte. Doch meine Kenntnisse im Umgang mit Menschen waren gering, und so wusste ich nicht, wie ich seinen Blick zu deuten hatte. Solange ich keine unmittelbare Gefahr von ihm verspürte, mochte es wohl auch nicht von Belang sein.
      So nahm ich mir weiterhin die Zeit, die er benötigte, um die Nahrung zu sich zu nehmen. Ich achtete darauf, dass er sich nicht verschluckte und zwischen den einzelnen Löffeln genügend Zeit ließ. Je eher sein Leib zu Kräften gelangte, desto besser war es. Nach langer Weile war die Schüssel schließlich geleert. Ein kleiner Rest der Suppe war darin zurückgeblieben, doch um diesen würde ich mich später kümmern, sobald ich mit der Versorgung des Jägers für den Augenblick fertig war.
      Die Anspannung, in der ich mich die ganze Zeit über befunden hatte, ließ meine Muskeln steif werden. Später musste ich noch nach meinen Fallen sehen, die ich in einem gewissen Umkreis um die Hütte aufgestellt hatte. Sie dienten mir dazu, wenigstens hin und wieder etwas Fleisch zu erbeuten, welches ich selbst verzehren oder im Dorfe gegen andere Dinge eintauschen konnte, deren ich bedurfte. Doch damit konnte ich wohl noch eine Weile warten.
      Ich atmete leise aus, stellte die Schüssel beiseite und wollte mich gerade erheben, als ein Geräusch von der Tür her erklang.
      Sogleich wandte ich den Kopf. Alarmiert sah ich zur Tür. Nur äußerst selten verirrte sich jemand zu meiner Hütte. Wenn es doch einmal geschah, dann zumeist aus einem dringenden Grunde. Jemand war schwer erkrankt, eine Wunde wollte nicht heilen oder ein Leben drohte zu erlöschen, und man suchte meine Hilfe. Doch noch ehe ich mich von meinem Platz erhoben hatte, erkannte ich, dass die Geräusche nicht von einem Menschen herrührten. Es war ein Tier. Leonard erklärte mir, dass es sich um seinen Begleiter handelte. Damit ersparte er mir wohl die Suche nach dem Tier, und eine gewisse Erleichterung machte sich in mir breit. Geschmeidig erhob ich mich und schritt zur Tür. Als ich sie öffnete, stand tatsächlich das Pferd davor, ganz so, wie Leonard es mir beschrieben hatte. Es reckte neugierig den Kopf vor und schnupperte in die Hütte hinein.
      „Nicht herein“, flüsterte ich ihm zu.
      Behutsam drückte ich seinen Kopf ein wenig zur Seite, damit es den Eingang wieder freigab. Danach nahm ich das Geschirr in die Hand und führte das Pferd, welches sich zunächst mit einigem Widerstand dagegen sträubte, von der Haustür fort. Ich brachte es zu dem schmalen Zaun, den ich einst selbst errichtet hatte. Viel vermochte er einem starken Sturm wohl nicht entgegenzusetzen, doch für gewöhnlich erfüllte er seinen Zweck. Mit Werkzeug war ich nie sonderlich geschickt gewesen. Ich hatte den Zaun nach bestem Vermögen zusammengefügt, und mehr konnte ich wohl nicht von mir verlangen.
      Ich wickelte die Riemen um einen Teil des Zaunes und sah mich nach etwas Futter um. Gutes Getreide besaß ich nicht, weshalb mir nichts anderes blieb, als nach Gras zu suchen. Ein wenig unsicher ließ ich meinen Blick über das Gelände schweifen, bis ich schließlich fand, wonach ich suchte. Saftiges Grün. Ich ging hinüber und zupfte das Gras büschelweise aus der feuchten Erde. Erst als ich eine gute Handvoll beisammenhatte, kehrte ich zum Pferd zurück und legte es vor ihm nieder. Danach nahm ich den Eimer, der nahe dem Garten stand, füllte ihn mit frischem Wasser und stellte auch diesen neben das Tier. Während das Pferd eifrig fraß und trank, strich ich vorsichtig über seine Mähne. Mit ein wenig Bürsten würde sie gewiss weicher werden. Ein Tier wie dieses hatte wohl nicht allzu oft den Vorzug, gepflegt und gekämmt zu werden. Auf seinen Reisen mochte dafür kaum Zeit geblieben sein.
      Mein Blick wanderte zur Seite und blieb an den Taschen hängen, von denen Leonard gesprochen hatte. Ohne ein Wort zu verlieren, nahm ich sie an mich. Sie waren schwer, und für einen Augenblick vermochte ich sie kaum ordentlich zu halten. Etwas unbeholfen nahm ich sie in meine Arme und öffnete die Tür mit dem Ellbogen. Mit leicht unsicheren Schritten trat ich wieder in die Hütte und legte die Taschen vorsichtig neben dem Bett nieder. Dabei fiel mein Blick auf Leonard. Wusste er eigentlich, dass er in meinem Bett lag? Neben diesem Raum befand sich noch ein weiteres Zimmer, in welchem der alte Mann, mein Adoptivvater, einst gelebt hatte. Trotz meines Widerstandes hatte er mir zu Lebzeiten das größere Zimmer überlassen. So hatte Leonard zumindest das Glück, nicht auf dem kalten Boden schlafen zu müssen. Das Bett des alten Mannes war schon lange nicht mehr benutzt worden. Es war nicht mehr so sauber, wie es mir lieb gewesen wäre, und auch bei Weitem nicht so behaglich wie mein eigenes. Doch dies war nur von kurzer Dauer. Sobald Leonard wieder auf seinen eigenen Beinen stehen konnte, würde er meine Hütte verlassen.
      Ich nahm mir schließlich eine eigene Schüssel und einen Löffel und setzte mich an den Vorbereitungstisch, dort, wo ich zuvor das Gemüse fein geschnitten hatte. Mit dem Rücken zum Jäger begann ich, meine eigene Portion zu essen.
      Es wäre wohl eigentümlich gewesen, ihn die ganze Zeit über anzusehen. Schon die Gegenwart eines Fremden unter meinem Dach war mir ungewohnt genug.
      „Wir müssen die Verbände wechseln“, ließ ich ihn wissen, damit er sich darauf einstellen konnte. Die Wunden mussten sauber und frisch gehalten werden. Ein durchtränkter Verband vermochte der Genesung nicht dienlich zu sein und konnte dem Leib vielmehr schaden, als ihm zu helfen.
      Nachdem ich meine Suppe gegessen hatte, erhob ich mich und sammelte all jenes zusammen, dessen ich für die weitere Versorgung bedurfte. Saubere Tücher, Verbandszeug und die Paste, welche vom gestrigen Tage noch übrig geblieben war. Viel war davon nicht mehr vorhanden. Doch für den Augenblick musste es genügen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Das milde Knistern des Feuers war wieder zum dominierenden Geräusch in der kleinen Hütte geworden. Ich lag schweigend da, den Hinterkopf tief in das Kissen gebettet, und beobachtete die Rückseite ihrer Gestalt, während sie am Vorbereitungstisch saß und stumm ihre eigene Mahlzeit einnahm.
      Der Duft des verdampfenden Kräutertees mischte sich mit dem kühlen Zugwind, der kurz durch das Öffnen der Holztür hineingeströmt war. Ich spürte, wie das warme Essen in meinem Magen langsam seine Wirkung entfaltete. Die eisige Starre, die meine Muskeln seit dem Erwachen gelähmt hatte, wich einer schweren, heilsamen Müdigkeit. Mein Körper fing an, die Energie zu nutzen, um die tiefen Risse in Fleisch und Knochen zu flicken.
      Draußen hörte ich das muntere, zufriedene Kauen des Wallachs. Das Geräusch, wie seine dicken Lippen das feuchte, saftige Gras erfassten, wirkte seltsam beruhigend. Es war ein vertrautes Stück Heimat in einer völlig fremden Umgebung. Dass sie das Tier versorgt hatte – ohne Widerrede, ohne Zögern und trotz ihrer Skepsis mir gegenüber –, rechnete ich ihr hoch an. Es bestätigte einmal mehr mein Bild von ihr: Sie verhielt sich nach einem Kodex, der tiefer verwurzelt war als reine Vorsicht.
      Mein Blick wanderte zu den schweren Leder-Satteltaschen, die sie vorsichtig neben dem Bett auf dem Dielenboden abgelegt hatte.
      In diesen Taschen befand sich mein gesamtes Leben der letzten zehn Jahre. Das wenige Gold, die Vorräte, der Familienschmuck, die Werkzeuge und die vergilbten Karten der Zunft. Ein Fremder hätte sie durchwühlt, hätte sich die zwanzig Goldmünzen eingesteckt oder den Schmuck an sich gerissen. Sie hatte sie nicht einmal geöffnet. Sie hatte die Last stumm hineingetragen, abgelegt und sich abgewandt.
      Ein leises, tiefes Ausatmen entwich meiner Brust. Die Anstrengung des Sprechens von vorhin steckte mir noch in den Knochen, aber mein Kopf war klar.
      Als sie den Satz aussprach – „Wir müssen die Verbände wechseln“ –, spannte sich mein Körper unwillkürlich an. Es war kein Impuls der Abwehr gegen sie, sondern der pure, reflexartige Respekt vor dem Schmerz, der mir bevorstand. Jeder Jäger, der mehr als einmal von einer Bestie gezeichnet worden war, wusste, was das Wechseln fester Bandagen bedeutete. Wenn das getrocknete Blut mit dem Leinen verklebt war, schnitt das Abreißen tief in die frische, nachwachsende Haut.
      Ich drehte den Kopf langsam in ihre Richtung, als sie sich mit den sauberen Tüchern, dem frischen Verbandszeug und der verbliebenen Kräuterpaste dem Bett näherte.
      Ich nickte stumm und ergab mich meinem Schicksal.
      „Tut, was getan werden muss“, sagte ich leise, meine Stimme ruhig und gefasst, auch wenn eine feine, raue Note das Sprechen begleitete. „Ich bin einiges gewohnt. Ihr müsst keine Rücksicht auf meine Schreie nehmen... falls mir welche entfahren.“
      Ich schob die schwere Wolldecke mit der linken Hand ein Stück nach unten, um meinen nackten Oberkörper vollends freizulegen. Die dicken, blutgetränkten Leinenwickel zeichneten sich stramm um meine rechte Flanke ab. Der Anblick war unschön. Das verkrustete Wundsekret hatte den Stoff an mehreren Stellen tief dunkelbraun gefärbt, und der beißende Geruch von Wundsalbe und frischem Schweiß stieg auf.
      Als sie sich neben mich setzte und mit geübten Handgriffen die Enden der Bandagen suchte, um sie vorsichtig aufzuwickeln, biss ich die Zähne zusammen.
      Schon der erste, leichte Zug am Stoff fühlte sich an wie ein glühender Schnitt mit einem feinen Messer. Ich presste die Kiefer so fest aufeinander, dass die Muskeln an meinem Unterkiefer hervortraten, und fixierte starr einen Punkt an der Holzwand gegenüber. Meine linke Hand ballte sich unwillkürlich zu einer massiven Faust, die Knöchel traten weiß hervor, als ich mich im Betttuch verkrallte.
      Jede Drehung des Leinenstreifens legte die zerstörte Haut schrittweise wieder frei. Die langen, tiefen Klauenrisse der Bestie waren schrecklich mitzuerleben. Die Ränder waren gerötet und geschwollen, doch die schwere Entzündung, die mich ohne ihre Hilfe im Wald getötet hätte, war ausgeblieben. Die Kräutersalbe, die sie in der Nacht aufgetragen hatte, hatte ihr Werk getan. Es roch nach bitterer Ringelblume, Schafgarbe und dem kühlen Harz von Tannen.
      Ich spürte die kühle Luft des Raumes auf dem offenen Fleisch, gefolgt von der vorsichtigen Berührung der feuchten Tücher, mit denen sie das getrocknete Blut reinigte. Meine Atmung wurde unregelmäßig, flach und Stoßweise. Ein dumpfes Stöhnen entwich meinen Lippen, doch ich blieb starr liegen. Ich wollte ihr die Arbeit nicht erschweren.
      Während sie mit unerschütterlicher Präzision die verbliebene Paste auf die offenen Stellen strich – eine Prozedur, die wie flüssiges Feuer auf der gereizten Haut brannte –, beobachtete ich ihre Hände.
      Es waren keine feinen, unberührten Hände einer Oberschicht-Dame, aber auch nicht die groben, schwalligen Hände einer Feldarbeiterin. Sie waren geschickt, sicher und von einer Ruhe geleitet, die man nur besaß, wenn man den Schmerz eines Patienten als notwendiges Übel zur Heilung verstand. Sie wusste exakt, wie viel Druck nötig war, um die Wunde zu Säubern, ohne das zarte, neu entstehende Gewebe wieder vollends zu zerreißen.
      „Ihr habt eine ruhige Hand“, brachte ich zwischen zwei flachen Atemzügen hervor, während der Schmerz langsam in ein linderndes, kühles Brennen überging. „In der Gilde... hätten sie mir für diese Wunde wahrscheinlich ein Stück Leder zwischen die Zähne geschoben und einen Beutel Branntwein über die Rippen gegossen. Eure Methoden... sind erheblich schonender.“
      Ich machte eine kurze Pause, um den stechenden Impuls in meinen Rippen abklingen zu lassen, als sie das frische, saubere Leinen ansetzte, um meinen Brustkorb erneut stramm einzubinden.
      Der Druck des frischen Verbands tat gut. Er stützte die gebrochenen Rippen, nahm das Gefühl der Instabilität aus meinem Oberkörper und erlaubte mir, wieder ein wenig tiefer durchzuatmen, ohne das Gefühl zu haben, meine Lunge würde vollends kollabieren.
      Ich wartete, bis sie den Knoten festgezogen hatte und die Decke wieder über meine Brust zog.
      Mein Körper war von der kurzen Prozedur schweißüberströmt, doch der schneidende Schmerz wich nach und nach einer wohltuenden Taubheit. Ich lehnte mich tief in das Kissen zurück und sah sie an. Die grünen Augen wirkten unverändert stoisch, gehüllt in diese undurchdringliche Schutzhülle aus Distanz und Vorsicht.
      „Ich danke Euch“, wiederholte ich leise, ohne jede Falschheit in der Stimme. „Ich weiß, dass meine Anwesenheit eine Last für Euch ist. Und ich weiß, dass Ihr diese Hütte lieber heute als morgen wieder für Euch allein hättet.“
      Ich drehte den Kopf ein Stück zur Seite und ließ meinen Blick über das schlichte Zimmer wandern.
      „Aber solange meine Rippen nicht tragen... werde ich mich fügen. Ich werde keinen Lärm machen, keinen Ärger suchen und Euren Anweisungen folgen. Wenn Ihr Kräuter braucht oder Arbeit um das Haus herum liegt, die ich irgendwann im Sitzen erledigen kann... sagt es mir. Ich bin es nicht gewohnt, untätig zu sein.“
      Ich schloss für einige Sekunden die Augen, spürte, wie die Schmerzmittel der Kräuter und die Erschöpfung ihren Tribut forderten. Der Tag war erst wenige Stunden alt, aber mein geschundener Leib schrie nach Ruhe.
      „Eure Salbe... wirkt wunderbar“, murmelte ich, während meine Stimme immer leiser wurde und der Schlaf langsam die Oberhand gewann. „Wo auch immer Ihr gelernt habt, sie zu mischen... der alte Mann hat Euch ein gutes Handwerk hinterlassen.“
      Mit diesen Worten ließ ich die Augen geschlossen, entspannte die angespannten Muskeln in den Schultern und überließ mich dem schweren, erlösenden Schlaf, der meinen Körper im Prozess der Heilung weiter unterstützen würde.
    • Der blonde Jäger sprach sich nicht gegen einen Wechsel des Verbandes aus, was die Sache um einiges erleichterte. Am Ende des Tages konnte es nur zu seinem eigenen Besten gereichen. Hätte er sich gewehrt, so hätte ich ihn wohl nicht mit Gewalt dazu gezwungen, selbst wenn es sein Ende bedeutet hätte. Ich mochte ihm mein Dach und meine Hilfe gewährt haben, doch würde ich ihm nicht auch noch seinen eigenen Willen nehmen. Trotz meiner gegenwärtigen Haltung ihm gegenüber bemühte ich mich, so sorgfältig und genau zu arbeiten, wie es mir nur möglich war. Meine Hände fanden ihren Weg beinahe von selbst. Es waren Handgriffe, die ich schon unzählige Male getan hatte und die mir mit den Jahren in Fleisch und Blut übergegangen waren. Seit dem Tode des alten Mannes war ich die Einzige, die sich noch um die Gesundheit der Dorfbewohner kümmerte. Zuvor war es stets er gewesen, der ihre Wunden versorgt und ihre Leiden behandelt hatte. Wie ich bereits vermutet hatte, musste der Wechsel der Verbände für den Jäger eine wahre Qual sein. Seine Wunden waren grausam anzusehen, und ich vermochte mir kaum auszumalen, wie große Schmerzen er in diesem Augenblick ertragen musste. Ein anderer Mensch wäre an derartigen Verletzungen womöglich zugrunde gegangen. Doch Leonard war kein gewöhnlicher Mann. Seine vielen Jahre als Jäger und sein kräftiger, trainierter Leib hatten ihm wohl das Leben bewahrt. Wäre ich an seiner Stelle in diesem Bett gelegen, wäre ich vermutlich nicht einmal durch die Nacht gekommen. Die Kräuterpaste, deren Rezeptur ich vom alten Mann gelernt hatte, konnte für allerlei Beschwerden und Verletzungen verwendet werden. Zu meinem Glück half sie auch bei den Wunden des Jägers. Behutsam trug ich sie auf, ehe ich die frischen Verbände anlegte. Unweigerlich fiel mein Blick dabei auf die vielen Narben, welche seinen Körper zeichneten. Einige waren alt und bereits verblasst, andere schienen jünger zu sein. Sie erzählten wohl von Kämpfen und Reisen, von Dingen, die ich mir kaum vorzustellen vermochte. Trotz all der Verletzungen und Narben war deutlich zu erkennen, welch harte Arbeit sein Körper über die Jahre hatte verrichten müssen. Kein Mann im Dorfe besaß einen solchen Körperbau. Meine Neugier regte sich bei diesem Anblick, doch war es keine andere Empfindung, die sich in mir erhob. Ich wollte lediglich verstehen. Wissen, wie ein Mensch aussah, der sein Leben damit verbrachte, durch die Welt zu ziehen und gegen Wesen zu kämpfen, von denen ich selbst eines war. Der Gedanke ließ mich für einen kurzen Augenblick innehalten. Doch es war wohl kaum der rechte Zeitpunkt, mich solchen Überlegungen hinzugeben. Da ich allein in der Hütte lebte und den Umgang mit den Dorfbewohnern auf das Nötigste beschränkte, hatte sich in mir über die Jahre eine große Neugier angesammelt. Es gab so vieles, das ich nicht kannte und nie hatte kennenlernen dürfen. So blieb mir oftmals nichts anderes übrig, als Dinge selbst zu ergründen, neue Mittel auszuprobieren und mir mein Wissen aus eigener Erfahrung anzueignen. Die Bücher, welche mir der alte Mann hinterlassen hatte, hatte ich längst gelesen. Einige davon sogar mehrmals. Viele Seiten vermochte ich inzwischen auswendig wiederzugeben. Doch das Dorf besaß keine Bibliothek und auch keinen Gelehrten, den ich hätte aufsuchen können. So blieb mir nur, selbst weiterzulernen. Manchmal bedeutete dies, neue Pasten und Salben an mir selbst auszuprobieren. Nicht immer war dies von Erfolg gekrönt. Es kam durchaus vor, dass mein Körper auf eine neue Mischung mit roten Flecken oder unangenehmem Jucken reagierte. Einmal hatte ich mich sogar zwei ganze Tage lang kaum aus dem Bett bewegen können, nachdem ich eine Salbe auf meinen Arm gestrichen hatte, deren Kräuter sich offenbar nicht miteinander vertrugen.
      Der alte Mann hätte mich für eine solche Torheit wohl mit einem mürrischen Blick bedacht. Vielleicht hätte er mir auch eine lange Predigt gehalten. Bei diesem Gedanken musste ich beinahe lächeln, doch wandte ich meine Aufmerksamkeit rasch wieder Leonard zu.
      Ich versuchte, mich nicht zu lange in den Anblick seiner Wunden zu verlieren. Je länger man sie betrachtete, desto schlimmer erschienen sie einem. Leonard jedoch hielt durch. Er kämpfte sich schweigend durch die Schmerzen, und ich musste ihm zugestehen, dass ich wohl kaum wusste, ob ich an seiner Stelle dieselbe Stärke aufgebracht hätte. Als ich schließlich den letzten Verband befestigt hatte, ließ ich meine Hände sinken. Zu seiner Erleichterung war ich fertig. Auch meine eigenen Arme schmerzten inzwischen. Die Muskeln waren noch vom Füttern angespannt, und der Wechsel der Verbände hatte sein Übriges getan. Ich atmete tief ein und langsam wieder aus, während ich die alten, verschmutzten Bandagen zusammennahm. Bald würde ich wieder ins Dorf gehen müssen. Meine Vorräte an frischen Verbänden waren nicht unerschöpflich, und wenn ich seinen Verband weiterhin regelmäßig wechseln musste, würden sie wohl schneller zur Neige gehen, als mir lieb war.
      „Dank meines Vaters und meiner Aufgabe als einzige Helferin im Dorf hat man über die Jahre hinweg wohl so manches gelernt“, erwiderte ich und zuckte leicht mit den Schultern. Diese ruhige Hand hatte ich nicht immer besessen. Sie war erst mit den Jahren gekommen, nach vielem Üben und ebenso vielen Fehlern. Nicht selten hatten die Dorfbewohner unter meinen ersten Versuchen leiden müssen, auch wenn keiner von ihnen dabei zu ernstem Schaden gekommen war.
      Zumindest schien dem Jäger bewusst zu sein, was seine Gegenwart für mich bedeutete. Er wusste, dass seine Anwesenheit mir zusätzliche Arbeit bereitete und dass ich meine Ruhe gewohnt war. Doch daran war ich letzten Endes selbst schuld. Ich hatte ihn in den Wald getragen und in meine Hütte gebracht. Niemand hatte mich dazu gezwungen. Und nun musste ich die Folgen meiner eigenen Entscheidung tragen. So war ich nicht erzogen worden, jemanden in Not fortzuschicken, nur weil seine Hilfe mir Mühe bereitete.
      Ich ließ seine Worte für einen Augenblick zwischen uns stehen und bemühte mich nicht, ihm mit falscher Freundlichkeit entgegenzukommen. Ich hatte mich bisher kaum wie jemand verhalten, der seine Gegenwart besonders schätzte. Es hätte wenig Sinn gehabt, nun plötzlich etwas anderes vorzugeben. Doch Leonard schien zumindest genug Verstand zu besitzen, um mir seine Hilfe anzubieten. Vielleicht hatte ich also Glück im Unglück gehabt. Ich hätte durchaus einen weitaus schlimmeren Jäger im Wald finden können.
      „Nach fünfzig Jahren sollte man das wohl meinen“, erwiderte ich trocken, als er die Fähigkeiten meines Vaters lobte. Der alte Mann hatte sein ganzes Leben damit verbracht, sein Handwerk zu erlernen und zu verfeinern. Da durfte nach fünfzig Jahren wohl auch etwas Brauchbares daraus hervorgegangen sein. Manche Dinge hatte er bereits von seinem eigenen Vater gelernt und später auf seine eigene Weise weitergeführt.
      „Bevor Ihr mir mehr Arbeit bereitet, als Ihr mir zur Hand geht, werdet Ihr erst einmal wieder sicher auf den Beinen stehen.“ Mit diesen Worten verschränkte ich die Arme vor der Brust und sah zu ihm hinab. Sein Angebot mochte ehrlich gemeint sein, doch war mir nach wie vor wohler dabei, meine Dinge selbst zu erledigen. Ich wusste, wo alles seinen Platz hatte und wie ich es zu handhaben pflegte. Der Jäger hingegen würde in meiner Hütte vermutlich kaum etwas finden, ohne zuvor etwas anderes umzustoßen oder durcheinanderzubringen. Für einen kurzen Augenblick ruhte Stille zwischen uns. Nur das leise Knistern des Feuers erfüllte den Raum. Mein Blick wanderte zu dem kleinen Fenster, durch welches das Licht des Tages fiel. Draußen bewegten sich die Zweige der Bäume sanft im Wind, und irgendwo vor der Hütte war das leise Schnauben des Pferdes zu hören. Es war ein gewöhnlicher Morgen. Und doch war nichts daran gewöhnlich. Ein Jäger lag in meinem Bett, sein Pferd stand vor meiner Hütte, und meine Vorräte würden kaum für zwei Menschen reichen, wenn seine Genesung länger dauerte als erwartet. Ich seufzte leise und wandte mich schließlich wieder meinen Kräutern zu. Was immer ich mir dabei gedacht hatte, als ich ihn aus jenem Sturm nach Hause brachte, wusste ich selbst nicht mehr. Doch nun war es zu spät, diese Entscheidung zu bereuen.
      „Versucht nicht, aufzustehen“, sagte ich, ohne mich erneut nach ihm umzudrehen. „Zumindest nicht, ehe Ihr mir gezeigt habt, dass Ihr dabei nicht wieder umfallt.“ Es war wohl das Nächste, was bei mir als Sorge durchgehen mochte. Mehr sollte er fürs Erste nicht erwarten.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ihr trockenes „Nach fünfzig Jahren sollte man das wohl meinen“ hing noch in der Luft, als sich meine Augenlider schwer wie Blei senkten.
      Der Schmerz, der mir beim Wechseln der Bandagen durch jede Faser gefahren war, glimmte nur noch als dumpfes, breites Glühen tief unter meiner Haut. Die Salbe leistete ganze Arbeit. Wo eben noch flüssiges Feuer gekocht hatte, breitete sich nun eine kühle, fast schwere Taubheit aus, die meinen geschundenen Körper Stück für Stück in die Kissen drückte.
      Ich spürte die eiserne Strammheit des frischen Leinenverbands um meine Brust. Er stützte die gebrochenen Rippen so fest, dass ich nicht mehr bei jedem vorsichtigen Zug Luft das Gefühl haben musste, mein eigener Brustkorb würde in sich zusammenstürzen. Es war eine grobe, aber handwerklich makellose Arbeit. Fünfzig Jahre Erfahrung, die der alte Mann angesammelt und an sie weitergegeben hatte.
      Ihre letzten Worte klangen bereits stumpf und fern in meinen Ohren, wie durch ein dickes Wolltuch gedämpft: „Versucht nicht, aufzustehen... Zumindest nicht, ehe Ihr mir gezeigt habt, dass Ihr dabei nicht wieder umfallt.“
      Ein feines, unmerkliches Zucken lief über meine Mundwinkel. Sie verpackte ihre Fürsorge in Schroffheit und Pragmatismus, schirmte sich hinter stacheligen Sprüchen ab, um bloß keine Vertraulichkeit aufkommen zu lassen. Aber ein Mann, der sein Leben auf den Pfaden der Zunft verbracht hatte, lernte Taten von Worten zu unterscheiden. Wer einen Fremden nicht in seiner Hütte haben wollte, fütterte ihn nicht geduldig Löffel für Löffel mit aufgeweichtem Brot, schrubbte ihm nicht behutsam das verkrustete Blut von den Wunden und bandagierte ihn nicht mit der letzten frischen Leinwand, die der Schrank hergab.
      Ihre Sorge war echt, egal wie sehr sie versuchte, sie als reine Abscheu vor zusätzlicher Arbeit abzutun.
      Ich wollte ihr antworten, wollte ihr sagen, dass ein Jäger der Gilde seinen Körper genau genug kannte, um zu wissen, wann er fällt und wann er steht. Doch die Müdigkeit war schneller. Sie schoss wie eine dunkle, warme Welle durch meine Adern, getrieben von den Heilkräutern, dem satten Magen und der schieren Erschöpfung eines Leibes, der sich die Besserung hart erkämpfen musste. Meine Augen fielen zu, und die Konturen der kleinen Hütte – das Gebälk an der Decke, die hängenden Kräuterbündel, das schemenhafte Schattenbild ihrer Gestalt drüben am Kräutertisch – verschwammen vollends zu einem tiefen, friedlichen Schwarz.
      Als ich das nächste Mal die Augen aufschlug, hatte sich das Licht im Raum verändert.
      Die goldene Morgensonne war verschwunden. Stattdessen fielen kühle, lange Schatten durch das kleine Ostfenster. Das Licht hatte einen matten, bläulich-grauen Ton angenommen – später Nachmittag, vielleicht schon der frühe Abend. Die Zeit war an mir vorbeigezogen, ohne dass ich ein einziges Mal hochgeschreckt war. Für einen Mann mit meinem gewöhnlich leichten Schlaf war eine solche raumlose, tiefe Ohnmacht der beste Beweis dafür, wie dicht ich an den Toren der Anderswelt gekratzt hatte.
      Ich lag eine Zeit lang vollkommen reglos da und führte eine stumme Bestandsaufnahme meines Körpers durch.
      Das Stechen in der Flanke war nicht verschwunden, aber es hatte seine schneidende Schärfe verloren. Es war zu einem steten, tiefen Pochen geworden – erträglich, solange ich keine zu abrupten Bewegungen machte. Ich atmete vorsichtig ein. Die Lunge dehnte sich aus, und obwohl der stramme Verband mich einengte, blieb der glühende Schmerz aus. Mein Geist war klarer als am Morgen, der Nebel des Fiebers fast gänzlich verflogen.
      Ich drehte den Kopf langsam zur Seite.
      Die Hütte war still. Nur das vertraute, leise Knistern des Kaminfeuers war zu hören, ab und zu unterbrochen vom Knacken eines nachrutschenden Scheits. Die Suppenschüssel war verschwunden, das Messer und das Schneidebrett lagen sauber abgewischt auf dem Tisch. Der Duft von ausgekochtem Lauch und Sellerie war verflogen und hatte dem herben, klaren Geruch von getrocknetem Wermut und feuchtem Holz Platz gemacht.
      Draußen war das regelmäßige, schwere Schnauben meines Wallachs zu hören. Er stand noch immer am Zaun, verköstigte sich vermutlich am saftigen Grün und genoss die Ruhe nach dem gestrigen Unwetter.
      Ich blieb liegen und dachte über die Frau nach, die in diesem Haus herrschte.
      Sie hatte von ihrem Vater gesprochen. Einem alten Mann, der fünfzig Jahre lang Heiler gewesen war und der ihr alles beigebracht hatte. Sie sprach mit einer Mischung aus tiefem Respekt und einer leisen, wehmütigen Trauer von ihm – Gefühle, die man nur für jemanden empfand, der einen großgezogen und geschützt hatte. Und doch passten die Puzzleteile in meinem Kopf nicht nahtlos zusammen.
      Ein einfacher Dorfheiler, der meilenweit außerhalb der Gemeinschaft lebte? Eine Ziehtochter, deren bloße Anwesenheit eine seltsam unnatürliche Ruhe ausstrahlte? Sie beharrte darauf, ein Mensch zu sein, eine Schülerin, die ihr Wissen nur aus alten Büchern und ständiger Praxis bezog. Aber ich hatte in meinem Leben zu viele lügende Menschen und zu viele schweigende Bestien gesehen, um nicht zu spüren, wenn sich unter einer Oberfläche mehr verbarg, als das Auge erblickte.
      Vielleicht wusste sie tatsächlich nichts von ihrer eigenen Abkunft. Vielleicht hatte der alte Mann sie als Säugling gefunden, behütet, aufgezogen und ihre wahre Natur vor ihr selbst verborgen, um sie vor dem Scheiterhaufen oder den Schwertern der Gilde zu schützen. Oder vielleicht war sie schlichtweg die beste Schauspielerin, die mir je untergekommen war.
      Es spielt keine Rolle, dachte ich pragmatisch und schob den Gedanken beiseite.
      Was auch immer sie war – Hexe, Magiebegabte oder einfach nur ein außergewöhnlich stures Kräutermädchen –, sie hatte mir das Leben gerettet. Sie hatte ihr eigenes Risiko auf sich genommen, um einen schwerbewaffneten Mann der Monsterjäger aufzulesen. Solange sie mir nicht nach dem Leben trachtete oder die Dorfbewohner mit dunkler Zauberei verfluchte, gab es für mich keinen Grund, mein Schwert gegen sie zu erheben. Ein Jäger der Zunft war ein Beschützer der Menschen vor den Gefahren der Dunkelheit, kein blinder Henker, der auf Verdacht hin Blut vergoss.
      Ich bewegte vorsichtig die Finger meiner rechten Hand. Die Taubheit in den Knöcheln war verschwunden. Ich schob die Ellbogen millimetereise nach hinten, spannte die Bauchmuskeln an und versuchte, mich ein Stück im Bett hochzuschieben.
      Ein dumpfes Pochen schoss sofort durch meine Rippen, aber dieses Mal versagte mein Körper nicht. Ich biss die Zähne zusammen, unterdrückte ein Stöhnen und schaffte es, mich ein paar Zentimeter höher gegen das Kopfende zu stützen. Die Welt drehte sich für einen kurzen Moment, verfing sich dann aber wieder in ihrer Verankerung.
      Ich war noch lange nicht kampfbereit. Wenn jetzt eine Bestie durch die Tür brach, wäre ich verloren. Aber ich war kein hilfloses Bündel aus Knochen und Blut mehr. Ich kehrte langsam ins Leben zurück.
      Mein Blick fiel auf die schweren Satteltaschen neben dem Bett. Sie lagen genau dort, wo sie sie abgelegt hatte – unberührt, stumm, vollgepackt mit meinem Hab und Gut.
      Ich wusste, dass sie mein Gold abgelehnt hatte. „Behaltet Euer Hab und Gut. Ich wurde nicht von meinem Vater erzogen, die Habseligkeiten eines Fremden zu begehren.“
      Sie besaß Stolz. Ein Eigenleben, das keinen Raum für Almosen oder Bezahlung ließ. Doch die Vorräte an frischen Bandagen, Kräutern und Nahrungsmitteln in dieser Hütte waren begrenzt. Wenn ich hier noch drei oder vier Tage auf dem Bett lag, würde sie ihre eigenen Reserven für mich aufbrauchen. Das konnte und wollte ich nicht zulassen.
      Wenn ich wieder halbwegs auf den Beinen war, würde ich einen Weg finden müssen, mich zu revanchieren. Nicht mit Gold, das sie nicht wollte, sondern mit Taten. Das Dach reparieren, Holz spalten, Fallen im Wald kontrollieren oder mein Wissen über seltene Heilkräuter mit ihr teilen, von denen ich auf meinen Reisen durch die Gebirge gehört hatte. Ein fairer Handel, Mann gegen Frau, Gast gegen Gastgeberin.
    • Ich hatte mich wieder meiner eigenen Tätigkeit innerhalb der Hütte zugewandt und war deutlich mehr darauf konzentriert, als jede Sekunde nach dem Wohlergehen des Jägers zu sehen. Ich nahm an, dass er sich schon bemerkbar machen würde, sollte etwas nicht stimmen. Außerdem war er fürs Erste ausreichend bandagiert. Viel mehr konnte ich im Moment ohnehin nicht für ihn tun.
      Also räumte ich auf und achtete darauf, möglichst leise zu sein. Er würde seine Ruhe brauchen, wenn er sich schnellstmöglich erholen wollte. Sicherlich war er es auch nicht gewohnt, in einem Bett wie diesem zu schlafen. Sonderlich breit oder bequem war es nicht, zumindest nicht im Vergleich zu den Betten, auf denen er womöglich sonst in Tavernen oder Gasthäusern nächtigte.
      Ich wusste nicht, wie lange ich beschäftigt gewesen war, doch als ich mich schließlich wieder zum Jäger drehte, um mich um den Kessel zu kümmern, sah ich, dass er die Augen geschlossen hatte. Womöglich war er eingeschlafen.
      Ein wenig Erleichterung machte sich in mir breit. Zumindest hatte ich nun keinen wachsamen Blick mehr im Rücken. Da er endlich schlief, beeilte ich mich damit, den Kessel zu säubern, ehe ich mich auf den Weg durch die Hütte machte. Ich warf noch einen letzten Blick zum Wallach, der ruhig in seiner Ecke stand, bevor ich die Dinge zusammensuchte, die ich für meine Fallen benötigte.
      Die Fallen stellte ich meistens an denselben Orten auf. Erst wenn mir irgendwann auffiel, dass sich dort kaum noch Beute fing, suchte ich mir eine neue Stelle. Deshalb konnte ich mich noch gut an ihre Standorte erinnern. Außerdem stellte ich sie nie besonders weit von meiner Hütte entfernt auf. Wenn sie zu weit weg gewesen wären, hätte ich vermutlich irgendwann vergessen, wo ich sie überhaupt platziert hatte.
      Der Boden war noch immer feucht und ich musste beim Laufen genau darauf achten, wohin ich trat. Zwischen den Bäumen hatte sich das Wasser gesammelt und die Erde war stellenweise zu einer glitschigen, dunklen Masse geworden. Tatsächlich rutschte ich nach einigen Minuten beinahe aus und konnte mich gerade noch an einem Baum festhalten. Meine Hand presste sich gegen die raue Rinde, während ich kurz stehen blieb und meinen Halt wiederfand.
      „Verdammt“, murmelte ich leise vor mich hin. Ich setzte meinen Weg vorsichtiger fort.
      Die erste Falle befand sich nicht weit entfernt zwischen dichtem Gestrüpp und zwei niedrig gewachsenen Bäumen. Schon aus einiger Entfernung konnte ich erkennen, dass sich etwas darin bewegte. Ich verlangsamte meine Schritte und ging schließlich in die Hocke. Ein Hase. Das Tier hatte sich in der Falle verfangen und lag vollkommen still da, als ich mich näherte. Für einen kurzen Moment betrachtete ich ihn, ehe ich mich an die Arbeit machte. Ich löste die Falle vorsichtig, nahm den Hasen heraus und überprüfte gleichzeitig, ob der Mechanismus noch funktionierte. Die Schnur war an einer Stelle leicht verschmutzt, ansonsten jedoch noch brauchbar.
      Ich befestigte den Hasen mit einem Strang an meiner Hüfte, sodass ich beide Hände frei hatte, und richtete die Falle anschließend erneut ein. Es dauerte einige Minuten, bis alles wieder an seinem Platz war. Ich prüfte den Mechanismus zweimal, bevor ich mich schließlich wieder aufrichtete. So lief ich eine Falle nach der anderen ab. Als ich schließlich die letzte kontrolliert hatte, konnte ich mit einem zufriedenen Grinsen feststellen, dass ich zwei Hasen und einen Fuchs gefangen hatte. Das sollte für eine Weile ausreichend Fleisch sein. Die beiden Hasen konnte ich behalten. Den Fuchs hingegen würde ich vermutlich im Dorf gegen Bandagen oder andere notwendige Dinge eintauschen können. Es gab immer jemanden, der etwas gebrauchen konnte, und ich brauchte selbst mehr als genug.
      Mit etwas schwereren Schritten machte ich mich schließlich auf den Rückweg zur Hütte. Die Beute hing an dem Seil um meine Hüfte und bewegte sich bei jedem Schritt leicht gegen mein Bein. Es hatte deutlich mehr Zeit in Anspruch genommen, als ich zunächst gedacht hatte. Die Fallen zu leeren, sie zu säubern und anschließend wieder ordentlich aufzustellen, dauerte bei mir immer eine Weile. Bisher hatte ich noch keine wirklich effizientere Methode gefunden.
      Als ich endlich die Hütte erreichte, hatte ich das Gefühl, dass mehrere Stunden vergangen waren.
      Ich öffnete die Tür. Ein kurzer Blick zur Seite verriet mir, dass der Jäger bereits wieder wach war. Er lag nicht mehr vollkommen gerade auf dem Bett, sondern hatte seine Position verändert. Doch ich konnte mir vorstellen, dass selbst diese kleine Bewegung ihn einiges an Kraft gekostet und Schmerzen verursacht hatte. Wortlos ging ich an ihm vorbei und löste das Seil von meiner Hüfte. Die Beute ließ ich auf den Tisch fallen. Der Fuchs landete etwas abseits, während ich die beiden Hasen vor mir platzierte. Bevor ich mich jedoch an die Arbeit machte, zog ich zunächst meine Stiefel aus. Sie waren mit feuchter Erde und Schlamm beschmutzt. Ich wechselte mein Schuhwerk, zog meine Jacke aus und legte sie über einen Stuhl.
      Erst dann wandte ich mich wieder dem Tisch zu. Ich suchte das passende Messer zum Häuten heraus und drehte mich mit einem prüfenden Blick zum Jäger um. Doch kaum hatte ich ihn angesehen, fiel mir ein, dass ich bei ihm wohl kaum aufpassen musste. Mit dem Anblick eines gehäuteten Tieres würde ein Jäger vermutlich weniger Probleme haben als ich selbst. Da müsste ich bei einem Kind deutlich vorsichtiger sein. Ich betrachtete ihn trotzdem noch einen Moment und stellte sicher, dass es ihm zumindest augenscheinlich gut ging, bevor ich mich wieder dem Hasen zuwandte. Die Arbeit begann.
      Mühselig setzte ich das Messer an und fing an, das Fell zu entfernen und die einzelnen Körperteile voneinander zu trennen. Die Ohren behielt ich. Die würde ich später den Hunden der Schneiderin geben. Zumindest konnten sie daraus noch etwas bekommen.
      Besonders fein oder präzise arbeitete ich nicht. Ich entfernte das Fleisch von den Knochen, so gut es mir eben gelang, und musste mir irgendwann mit dem Handrücken über das Gesicht wischen. Dabei verteilte ich versehentlich etwas Blut auf meiner Wange.
      Ich bemerkte es nicht einmal richtig. Nach einer Weile begann mein rechtes Handgelenk zu schmerzen. Das ständige Schneiden, der Druck und die Kraft, die ich aufwenden musste, machten sich langsam bemerkbar. Meine Finger wurden müde und ich musste mehrmals innehalten, um meine Hand kurz auszuschütteln.
      Als ich den ersten Hasen endlich vollständig verarbeitet hatte, atmete ich schwer aus und ließ das Messer für einen Moment sinken. Es hatte sich wie eine Ewigkeit angefühlt. Ich hasste diese Tätigkeit. Ich hatte sie schon immer gehasst. Jagen war eine Sache. Fallen aufzustellen ebenfalls. Doch hier zu stehen, das Messer in der Hand zu halten und Stück für Stück das Fleisch vom Knochen zu lösen, war etwas vollkommen anderes. Und leider wartete noch ein zweiter Hase auf mich.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die schwere Holztür war ins Schloss gefallen, und der feuchte Wind, den sie mit ins Innere gebracht hatte, verflüchtigte sich langsam in der schimmernden Hitze des Kaminfeuers. Ich lag noch immer in der leicht aufgerichteten Position, die mich so viel Kraft gekostet hatte, und fixierte die Gestalt am Vorbereitungstisch.
      Das Geräusch, mit dem die Beute auf der hölzernen Arbeitsplatte landete – ein dumpfes, schweres Klatschen von nassem Fell und totem Gewicht –, hallte vertraut in meinen Ohren wider. Zwei Hasen, ein Fuchs. Ein beachtlicher Fang für einen kurzen Kontrollgang durch ein Jagdgebiet, das unter dem gestrigen Unwetter gelitten haben musste. Mein geschulter Blick erfasste die Details sofort: Der Fuchs besaß ein dichtes, dunkles Winterfell ohne sichtbare Narben oder schwere Bissspuren – der Pelz würde beim Kürschner oder Schneider im Dorf einen hervorragenden Preis erzielen oder ihr mindestens drei große Ballen frischer Leinwand einbringen. Die Hasen waren wohlgenährt, ihr Fleisch dunkel und fest.
      Ich sah ihr stumm zu, wie sie die Stiefel abstreifte, den vom Schlamm bespritzten Mantelsaum über die Stuhllehne hängte und schließlich das Häutemesser ergriff.
      Als sich ihre Augen kurz mit meinen trafen – prüfend, ob der Anblick von Blut und Eingeweiden einem geschwächten Mann den Magen umdrehen würde –, konnte ich mir ein winziges, kaum wahrnehmbares Schmunzeln auf den Lippen nicht verkneifen. Es war eine stumme Geste der Anerkennung. Wenn man wie ich die Hälfte seines Lebens damit verbracht hatte, den Kadaver eines drei Zentner schweren Höhlenbären im strömenden Regen aufzubrechen oder ein verendetes Saumpferd vor dem Verrotten zu bewahren, verlor der Anblick von zwei Feldhasen jeglichen Schrecken.
      Doch als sie das Messer ansetzte, bemerkte ich rasch, wie schwer ihr diese Arbeit fiel.
      Sie führte die Klinge mit viel Kraftaufwand, drückte und sägte an den Fasern, wodurch das Fleisch an manchen Stellen unschön einriss und das Fell an den Muskelwänden hängen blieb. Es war eine schindende, zehrende Aufgabe, und ich sah, wie sich die Sehnen in ihrem Unterarm verkrampften. Dieser ständige Druck ging direkt auf das Handgelenk – eine Überlastung, die jeden nach wenigen Minuten erstarren ließ.
      Als sie sich mit dem blutverschmierten Handrücken über die Wange strich und sich ein roter Streifen quer über ihre blasse Haut zog, ohne dass sie es selbst bemerkte, entwich mir ein leiser, schwerer Atemzug. Sie tat dies nicht aus Freude, sondern aus reiner Notwendigkeit, um die Vorräte zu sichern.
      Ich schüttelte leise den Kopf, soweit es mein steifer Nacken zuließ, und brach das langanhaltende Schweigen in der Hütte. Meine Stimme klang tiefer als zuvor, aber die fahrige Rauheit des Fiebers war gewichen.
      „Verzeiht mir...“, begann ich leise und blickte sie vorsichtig an. „Es steht mir nicht zu, Euch von diesem Bett aus gute Ratschläge zu erteilen. Ihr habt wahrlich genug um die Ohren, und ich möchte keinesfalls belehrend klingen.“
      Ich machte eine kurze Pause, ließ meine Atemzüge flach in den Bauch gleiten und deutete mit einem schwachen Kopfnicken auf das Messer in ihrer Hand.
      „Ich sehe nur, wie sehr Euer Handgelenk schmerzt. Wenn Ihr die Klinge etwas flacher ansetzt, müsst Ihr nicht gegen die Fasern stemmen. Das Fell eines Hasen sitzt meist recht locker – wenn der erste Schnitt am Sprunggelenk sitzt, lässt es sich fast wie ein Handschuh nach unten abziehen, ohne dass Ihr so viel Kraft aufwenden müsst. Bitte entschuldigt, ich meine es nur gut. Ich kann einfach nicht tatenlos zusehen, wie Ihr Euch nach all der Mühe für mich nun auch noch damit quält.“
      Ich beobachtete, wie sie das Messer für einen Moment sinken ließ und sich die müden Finger ausschüttelte. Es war offensichtlich, dass sie das Jagen und das Stellen der Fallen beherrschte, das eigentliche Zerwirken des Wildes für sie jedoch eine reine Qual darstellte.
      „Wenn Ihr mir mein Messer aus der Satteltasche gebt...“, bot ich ihr mit einem friedlichen Blick an, während ich versuchte, meine Schultern noch ein Stück weiter aufzurichten, „...das kleine mit dem geschwungenen Horngriff in der Seitentasche... und den zweiten Hasen auf den Schemel neben mein Bett legt, nehme ich Euch die Arbeit gerne ab. Meine Beine versagen zwar den Dienst, aber meine Hände funktionieren noch. Ich würde mich wirklich gerne ein wenig revanchieren und Euch Euer Handgelenk ersparen.“
      Das Angebot war ehrlich gemeint. Ein kleiner, praktischer Dienst als Dank für die Suppe, die Verbände und das Asyl, das sie mir gewährt hatte.
      Mein Blick wanderte kurz zu den beiden Hasenohren, die abseits auf dem Tisch lagen.
      „Dass Ihr die Ohren für die Hunde der Schneiderin aufbewahrt, ist übrigens sehr klug“, merkte ich leise an, während sich das Kaminfeuer im Raum widerspiegelte. „Es ist immer gut, die Hunde im Dorf auf seiner Seite zu wissen.“
      Ich schwieg für einen Moment und ließ die Atmosphäre der Hütte wieder auf mich wirken. Der Gerch von frischem Blut und rohem Fleisch mischte sich nun mit dem herben Aroma der getrockneten Kräuter an der Decke.
      Ich sah zu, wie sie vor dem zweiten Kadaver stand, und wartete ab, ob sie mein Angebot annehmen würde. Meine Hand lag entspannt auf der Wolldecke. Die kühle Salbe auf meinen Rippen brannte nicht mehr, sondern hinterließ nur noch ein stumpfes, tiefes Pochen, das mich daran erinnerte, dass ich noch am Leben war.
      „Falls Ihr mögt, helfe ich Euch später auch beim Fuchs“, fügte ich noch vorsichtig hinzu, während das Holz im Kamin leise knisterte. „Die Haut an den Flanken reißt leicht, und es wäre schade um den Pelz. Wenn ich morgen oder übermorgen wieder richtig sitzen kann, mache ich das gerne für Euch. Ein intakter Fuchspelz bringt Euch beim Händler sicher gutes Garn oder Leinen ein.“
      Ich lehnte meinen Kopf zurück an die Wand und sah sie ruhig an. Ich wollte ihr nichts aufdrängen. Ich bot schlichtweg meine Hilfe an – als kleine Wiedergutmachung eines Gastes, der nicht nur zur Last fallen wollte.
    • Das leise Geräusch seiner Stimme ließ meine Hand innehalten. Für einen Augenblick stand ich reglos vor dem Tisch, das Häutemesser noch immer fest in meiner Hand. Mein Blick ruhte auf dem Hasen vor mir, dessen Fell sich an einigen Stellen bereits vom Fleisch gelöst hatte, während ich versuchte, die Worte des Jägers einzuordnen. Ich hatte bemerkt, dass Leonard mir zusah. Das war schwerlich zu übersehen gewesen. Doch dass er sich ausgerechnet für meine Arbeit interessierte, hatte ich nicht erwartet. Erst recht nicht, nachdem ich ihm noch am Morgen unmissverständlich zu verstehen gegeben hatte, dass ich seine Anwesenheit in meiner Hütte nicht unbedingt als angenehme Gesellschaft empfand. Langsam hob ich den Blick und sah zu ihm hinüber. Er entschuldigte sich. Das allein ließ mich für einen Augenblick schweigen. Seine Stimme hatte nichts Belehrendes an sich. Zumindest vermochte ich nichts dergleichen darin zu erkennen. Sie war ruhiger als zuvor, und die fiebrige Schwere, welche noch am Morgen in seinen Worten gelegen hatte, war beinahe gänzlich verschwunden. Dennoch wusste ich nicht recht, was ich von seinem Angebot halten sollte. Mein Blick glitt hinab zu meiner Hand. Die Muskeln meines Unterarmes waren tatsächlich angespannt. Erst jetzt, da er es ausgesprochen hatte, bemerkte ich, wie sehr mein Handgelenk bereits schmerzte. Ich hatte mich daran gewöhnt, Schmerzen nicht weiter zu beachten. Es gab genug Dinge, die getan werden mussten, und nur weil ein Muskel schmerzte oder meine Finger ermüdeten, bedeutete das nicht, dass die Arbeit von allein getan würde. Bei seinen weiteren Worten zog ich die Augenbrauen ein wenig zusammen. „Wie ein Handschuh?“ Die Worte entglitten mir, ehe ich darüber nachdenken konnte. Ich sah wieder auf den Hasen hinab und dann zu Leonard. Es klang beinahe zu einfach. Misstrauisch betrachtete ich die Klinge in meiner Hand, ehe ich den Blick wieder auf das Tier vor mir richtete.
      Der alte Mann hatte mir vieles beigebracht. Wie man Fallen stellte, welche Spuren ein Tier hinterließ und welche Kräuter bei Fieber oder einer entzündeten Wunde halfen. Doch das Häuten des Wildes hatte er mir wohl nie so ausführlich gezeigt, wie es Leonard in all den Jahren gelernt haben musste. Vieles hatte ich mir selbst angeeignet, und manches davon offenbar nicht auf die rechte Weise. Ein leises Schnauben entwich mir. „Das wäre mir wohl früher zu sagen gewesen“, murmelte ich trocken, ehe ich das Messer erneut ansetzte.
      Dieses Mal führte ich die Klinge flacher über das Fell und versuchte, nicht mit aller Kraft dagegen anzukämpfen. Meine Bewegungen waren zunächst vorsichtig, beinahe zögerlich, da ich nicht wusste, ob ich es auf diese Weise richtig machte. Doch schon nach den ersten Schnitten bemerkte ich, dass Leonard recht gehabt hatte. Das Fell löste sich leichter, und ich musste nicht mehr derart gegen die Fasern stemmen. Meine Schultern entspannten sich ein wenig, während ich die Arbeit fortsetzte. Unwillkürlich sah ich über meine Schulter zu ihm hinüber. „Ihr hättet mir das auch früher sagen können, ehe ich mir noch das Handgelenk breche.“ Ein wenig Vorwurf lag in meiner Stimme, doch die Schärfe von zuvor war daraus gewichen. Ich wandte mich wieder dem Hasen zu und arbeitete weiter. „Aber Euer Rat war nicht gänzlich nutzlos.“ Mehr Dank vermochte ich ihm fürs Erste nicht entgegenzubringen. Als er mir schließlich anbot, mir das Häuten abzunehmen, hielt ich inne. Mein Blick glitt zu ihm hinüber und blieb an seinem noch immer blassen Gesicht hängen. Er mochte wieder bei Bewusstsein sein und seine Stimme mochte kräftiger klingen als zuvor, doch das bedeutete noch lange nicht, dass sein Leib bereits genesen war. Seine Wunden waren erst vor kurzer Zeit neu verbunden worden, und allein das Aufrichten hatte ihn bereits viel Kraft gekostet. Ihn nun mit einem Messer arbeiten zu lassen, nur weil er mir einen Gefallen erweisen wollte, erschien mir töricht. „Nein“, erwiderte ich schlicht. „Ihr bleibt liegen.“ Mein Blick wanderte zu dem Messer und sogleich wieder zurück zu ihm. „Ihr seid noch immer verletzt. Wenn Ihr Euch nun anstrengt und Euch dabei eine der Wunden wieder öffnet, habe ich am Ende mehr Arbeit mit Euch als zuvor. Ich komme schon zurecht.“ Damit wandte ich mich ab und legte das Messer beiseite. Es war nicht so, als würde ich seine Hilfe nicht zu schätzen wissen. Doch ich konnte nicht zulassen, dass er sich meinetwegen übernahm. Er war mein Gast, wenn auch ein höchst unerwünschter, und solange er unter meinem Dach lag, würde ich dafür sorgen, dass seine Genesung nicht durch irgendeine Torheit verzögert wurde. „Wenn Ihr mir wirklich etwas abnehmen wollt“, fügte ich nach einem kurzen Augenblick hinzu, ohne mich nach ihm umzudrehen, „dann bleibt einfach ruhig liegen und werdet gesund.“ Meine Worte klangen vermutlich härter, als sie gemeint waren. Doch ich wusste nicht recht, wie man Sorge zeigte, ohne dabei zu viele Worte zu machen. Ich nahm das Häutemesser wieder zur Hand und setzte meine Arbeit fort. Diesmal achtete ich genauer auf die Haltung meiner Hand und folgte dem Rat, den er mir gegeben hatte.
      Tatsächlich ging es leichter vonstatten. Ich musste mir wohl eingestehen, dass sein Wissen auf diesem Gebiete größer war als meines. Bei seiner Bemerkung über die Hunde der Schneiderin wanderte mein Blick kurz zu den Hasenohren auf dem Tisch. Die Hunde mögen sie, dachte ich mir schlicht. Man sollte nichts verschwenden, das noch einen Nutzen haben kann. Das hatte der alte Mann mich gelehrt. Nichts, was die Natur hergab, sollte achtlos fortgeworfen werden. Das Fleisch nährte den Körper, das Fell konnte verkauft oder verarbeitet werden, die Knochen fanden ebenfalls ihren Nutzen, und selbst die Ohren waren für die Tiere im Dorf noch etwas wert.
      Als Leonard anschließend auch seine Hilfe beim Fuchs anbot, sah ich einen Moment zu ihm hinüber. „Wenn Ihr bis dahin wieder sicher sitzen und Kraft aufweisen könnt, könnt Ihr mir zeigen, wie man ihn richtig häutet.“ Ich legte das Messer kurz zur Seite und betrachtete den dunklen Pelz des Tieres. „Aber nicht vorher.“ Meine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass ich es ernst meinte. „Ich werde Euch nicht wieder gesund pflegen, nur damit Ihr Euch anschließend erneut verletzt, weil Ihr meint, mir etwas schuldig zu sein.“
      Für einen Augenblick herrschte wieder Stille in der Hütte. Das Feuer knisterte leise, während draußen der Wind durch die Zweige strich und das Pferd vor der Hütte gelegentlich mit den Hufen scharrte. Ich nahm das Messer wieder auf und setzte meine Arbeit fort. Leonard hatte mir Hilfe angeboten, und auch wenn ich sie nicht angenommen hatte, so war mir doch nicht entgangen, dass er es ehrlich gemeint hatte. Das war mehr, als ich von einem Jäger erwartet hatte. Vielleicht war er tatsächlich anders als jene Männer, vor denen ich mich mein ganzes Leben lang in Acht genommen hatte. Doch diesen Gedanken schob ich sogleich wieder beiseite. Ich durfte mich nicht von ein paar freundlichen Worten täuschen lassen. Er war noch immer ein Jäger. Und ich war noch immer eine Hexe. So einfach war es.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Ein leises, bitteres Auflachen wollte in meiner Kehle aufsteigen, verfing sich aber als erstickter, rauer Laut tief im Hals, ehe es die Lippen erreichte.
      Wie ein dummer, törichter Knabe hatte ich da gelegen. Ein geschlagener, zerschundener Mann der Zunft, der von seinem Krankenbett aus großspurig Ratschläge erteilte und einer Frau Hilfe anbot, die mich am Morgen noch mit harter Hand durch den Schlamm geschleppt hatte. Wie hatte ich nur glauben können, dass sie auf das Angebot eines Fremden eingewpipeline würde, der kaum genug Kraft besaß, um sich ohne fremde Hilfe im Bett aufzurichten?
      Ihre Absage war schlicht gewesen, glasklar und frei von Schnörkeln: „Ihr bleibt liegen.“
      Sie hatte recht. Natürlich hatte sie recht. Welcher Narr von einem Jäger bot an, Wild zu zerwirken, während seine eigenen Rippen nur von einer hauchdünnen Schicht Kräutersalbe und ein paar engen Leinenwickeln zusammengehalten wurden? Wenn ich mir bei einem unbedachten Schnitt das Messer ins eigene Fleisch gerammt oder mir vor Anstrengung eine der tiefen Klauenwunden wieder aufgerissen hätte, wäre all ihre Mühe, all ihre sorgsam gehegte Kräuterpaste umsonst gewesen. Ich hätte ihr nur noch mehr Arbeit aufgebürdet, als ich es ohnehin schon tat.
      Ich schluckte die aufsteigende Galle meines eigenen Stolzes hinunter und senkte leicht den Kopf.
      „Ihr habt recht“, brachte ich leise hervor. Meine Stimme klang wieder matt, eingeholt von der eisigen Welle der Erschöpfung, die mein Körper nach den wenigen Sätzen vorausgeschickt hatte. „Es war... töricht von mir. Ich füge mich.“
      Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte ich mich langsam von ihr ab.
      Die Bewegung war eine reine Qual. Mein gesamter Oberkörper brüllte auf, als sich die zerrissene Muskulatur an meinen Rippen gegen die Wendung sträubte. Ein langes, tiefes Ächzen entkam meinen gepressten Lippen, gefolgt von einem dumpfen, unterdrückten Stöhnen, als ich mich schließlich auf die linke Seite geschoben hatte, dem Raum und dem Vorbereitungstisch den Rücken zukehrend. Ich zog die schwere Decke stramm bis zur Schulter hoch und vergrub mein Gesicht im Schatten des klammen Kissens.
      Ich schloss die Augen. Die Dunkelheit hinter meinen Lidern war eine Erleichterung.
      Die Hütte füllte sich wieder mit dem regelmäßigen, schabenden Geräusch ihres Messers. Ich hörte, dass sie meinen Rat beherzigte – die Schnitte klangen flacher, flüssiger, ohne das heftige Sägen und Drücken von vorhin. Sie lernte schnell. Sie brauchte meine Hilfe nicht. Sie brauchte mich nicht.
      Ich lag in der Dämmerung des Zimmers und fühlte mich elend. Nicht nur wegen der Verletzungen, die bei jedem Pulsschlag wie flüssiges Blei durch meine Adern zirkulierten, sondern wegen der bittersüßen Ironie, die über dieser gesamten Situation schwebte.
      Was dachte sie wohl, wer hier in ihrem Bett lag?
      Für sie war ich ein Jäger. Ein Mann des Stahls, gezüchtet und ausgebildet von einer Gilde, deren einziger Daseinszweck darin bestand, das Unnatürliche zu jagen, zu stellen und auszumerzen. In den Augen der einfachen Landbevölkerung waren Männer wie ich oft nichts weiter als bezahlte Mörder. Söldner, die durch die finsteren Wälder streiften, Blut vergossen und Bestien zur Strecke brachten – und manchmal auch Wesen, die den Menschen einfach nur zu unheimlich, zu fremd oder zu gefährlich erschienen. Ein Werkzeug der Gewalt. Ein Monster, das Jagd auf andere Monster machte.
      Und sie? Sie saß dort drüben, wischte sich blutige Streifen von den Wangen, hütete ihr Revier wie eine eifersüchtige Wölfin und hielt sich für eine schlichte, vom alten Mann erzogene Heilerin. Doch die Aura um sie herum, der saubere Klang ihrer Bewegungen, die Präzision ihrer Magie im Verborgenen – alles an ihr schrie danach, was sie in Wahrheit war. Eine Hexe. Ein Wesen des alten Blutes.
      Die Ironie war fast schon lächerlich.
      Ein Jäger der Zunft, dessen halbes Leben darauf ausgerichtet war, Wesen wie sie aufzuspüren und unschädlich zu machen, lag verkrüppelt und wehrlos im Bett eben dieser Hexe. Und anstatt mir ein Messer zwischen die Rippen zu stoßen oder mich den Wölfen im Sturm zu überlassen, fütterte sie mich mit Suppe, verband meine Wunden und verbot mir das Aufstehen, um meine Genesung nicht zu gefährden.
      Sie tat gut daran, mich zu verachten. Sie tat verdammt gut daran, Distanz zu wahren und mir mit diesem kühlen, messerscharfen Misstrauen zu begegnen. Wenn sie wüsste, was die Männer meiner Zunft mit ihresgleichen taten, wenn sie auf den Feldern oder in den Städten aufgegriffen wurden... sie hätte mich im Moor verrecken lassen. Und niemand hätte es ihr verdenken können.
      Ich presste die Stirn tief ins Kissen und beschloss, das Maul zu halten. Keine Ratschläge mehr. Keine väterlichen oder handwerklichen Angebote. Keine Geschichten über seltene Gebirgskräuter aus fernen Ländern. Ich würde mich wie das verhalten, was ich in dieser Hütte war: ein stummer, schwerer Ballast, der seine Zeit absaß, bis das Fleisch wieder zusammengewachsen war. Sobald meine Beine mich trugen, würde ich mein Schwert nehmen, mein Pferd satteln und verschwinden, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Es war das Beste für sie. Und es war das Einzige, was mir von meiner eigenen Würde noch geblieben war.
      Das Knistern des Feuers war das einzige Geräusch, das mich in den Schlaf begleitete, während das Messer drübenstetig durch das Fleisch des Hasen glitt.
    • Ich ließ mich von seinen Worten nicht weiter beirren, auch wenn die Stille, die nach ihnen eingekehrt war, nun eine andere Schwere besaß als zuvor. Leonard hatte sich von mir abgewandt und sein Gesicht dem Kissen zugewendet, als wolle er sich gänzlich aus der Welt zurückziehen. Doch ich schenkte dem zunächst keine weitere Beachtung. Immerhin hatte ich noch genug Arbeit vor mir, und der Hase würde sich gewiss nicht von selbst häuten. Also wandte ich mich wieder dem Tier auf dem Tisch zu und setzte das Messer behutsam an. Diesmal achtete ich auf die Worte des Jägers und führte die Klinge flacher, ohne mich mit aller Kraft gegen das Fleisch zu stemmen. Es ging tatsächlich leichter von der Hand, auch wenn ich mir nicht eingestehen wollte, wie sehr mich sein Rat zuvor erleichtert hatte. Nach einer Weile war auch der zweite Hase von seinem Fell befreit, und ich legte das Fleisch sorgfältig beiseite. Das Fell hingegen breitete ich auf dem Tisch aus und betrachtete es für einen kurzen Augenblick. Es würde noch seinen Nutzen finden. Nichts sollte verschwendet werden, wenn es sich vermeiden ließ. Der Fuchs wartete ebenfalls noch auf seine Verarbeitung, doch dessen Fell wollte ich nicht in Eile verderben. Dafür war es zu schön und zu wertvoll. Ich nahm mir vor, mich später darum zu kümmern, wenn ich mehr Zeit und Ruhe dafür hatte. Zunächst schnitt ich einige schmale Streifen vom Fleisch der Hasen ab und legte sie gesondert beiseite. Diese wollte ich draußen zum Trocknen aufhängen, damit sie sich länger hielten und mir in den kommenden Tagen als Vorrat dienen konnten. Vielleicht konnte ich einen Teil davon auch gegen etwas eintauschen, das ich im Dorf benötigte. Nachdem ich alles beiseitegelegt hatte, begann ich damit, den Tisch von den Resten meiner Arbeit zu befreien. Knochen, Fell und jene Teile, die ich nicht weiterverwenden konnte, wurden voneinander getrennt. Das Messer reinigte ich sorgfältig mit Wasser, ehe ich es wieder an seinen Platz legte. Auch meine Hände wusch ich, so gut es mir möglich war, bis das Blut nicht länger an meinen Fingern und unter meinen Nägeln haftete. Der Geruch von Fleisch und den Kräutern, die noch immer in der Hütte hingen, mischte sich mit dem warmen Rauch des Feuers. Es war ein vertrauter Geruch. Einer, der mir sagte, dass alles seinen gewohnten Gang ging. Erst als der Tisch wieder aufgeräumt war und nichts mehr von der Arbeit zurückblieb, wandte ich mich um. Mein Blick fiel auf Leonard, und erst da bemerkte ich seine seltsame Haltung. Er lag noch immer auf der Seite, dem Raum den Rücken zugewandt und tief in sein Kissen gesunken. Für einen Augenblick blieb ich stehen und betrachtete ihn schweigend. War diese Lage für seine Wunden besser? Ich wusste es nicht. Vielleicht tat ihm das Liegen auf der Seite weniger weh als die aufgerichtete Haltung, vielleicht wollte er aber auch schlicht nicht mehr mit mir sprechen. Beides war mir gleich. Solange er sich nicht beklagte und nicht versuchte, sich unnötig zu bewegen, sollte er liegen, wie es ihm beliebte. Ich hatte ihm bereits deutlich genug gesagt, dass er im Bett bleiben sollte. Mehr konnte ich kaum tun. Also ließ ich ihn in Ruhe und wandte mich den Kleidern zu, die noch immer nahe des Feuers lagen. Vorsichtig nahm ich eines nach dem anderen in die Hand und stellte zu meiner Freude fest, dass der Stoff inzwischen vollständig getrocknet war. Die Wärme des Feuers hatte ihre Arbeit getan. Gestern noch waren die Kleidungsstücke vom Regen durchtränkt gewesen, schwer und kalt, nun fühlten sie sich wieder trocken und beinahe angenehm warm an. Ich schüttelte die Kleidung leicht aus und faltete sie anschließend ordentlich zusammen. Es war wohl eine Angewohnheit, die mir der alte Mann beigebracht hatte. Er mochte kein Durcheinander in der Hütte, und auch wenn er schon lange nicht mehr hier war, hatte ich seine Gewohnheiten nicht abgelegt. Leise legte ich die gefalteten Kleidungsstücke neben Leonards Taschen und richtete mich wieder auf. Für einen Augenblick stemmte ich die Hände in die Hüften und ließ meinen Blick durch die Hütte wandern. Der Tisch war sauber, die Beute versorgt, das Fleisch zum Teil beiseitegelegt und die Wunden des Jägers frisch verbunden. Auch sein Pferd hatte zu fressen und zu trinken bekommen. Meine Aufgaben für diesen Tag waren fürs Erste erledigt.
      Ein ungewohntes Gefühl der Ruhe legte sich über mich. Es war noch zu früh, mich um das Abendessen zu kümmern, und Leonard brauchte offenbar seine Ruhe. Da ich mich um alles gekümmert hatte, was meiner Aufmerksamkeit bedurfte, wusste ich zunächst nicht recht, was ich mit mir anfangen sollte. Früher hätte der alte Mann nun vielleicht am Tisch gesessen und eines seiner alten Bücher gelesen oder damit begonnen, Kräuter zu sortieren. Der Gedanke daran ließ mich für einen kurzen Moment innehalten. Noch immer kam es mir bisweilen so vor, als würde ich jeden Augenblick seine schweren Schritte hören oder seine mürrische Stimme aus dem anderen Zimmer vernehmen. Doch die Hütte blieb still.
      Nach einem leisen Atemzug ging ich zu dem kleinen Regal in der Ecke des Zimmers. Meine Finger glitten über die vertrauten Buchrücken, ehe ich eines der Bücher hervorzog. Es war ein Kräuterbuch, eines jener alten und abgegriffenen Werke, die mir der alte Mann hinterlassen hatte. Ich hatte es schon unzählige Male gelesen und kannte viele seiner Seiten beinahe auswendig. Dennoch schadete es nicht, das Wissen hin und wieder aufzufrischen. Man konnte nie wissen, wann einem ein vergessenes Detail von Nutzen sein mochte. Mit dem Buch in den Händen setzte ich mich auf den Stuhl nahe des Fensters und schlug die ersten Seiten auf. Meine Augen glitten über die Zeichnungen und die sorgfältig niedergeschriebenen Beschreibungen. Einige der Kräuter besaß ich noch in ausreichender Menge, andere waren in meinem Vorrat inzwischen knapp geworden. Während ich die Seiten umblätterte, begann ich mir im Stillen zu merken, was ich in den kommenden Tagen sammeln musste. Bald würde ich wieder tiefer in den Wald gehen müssen, um meinen Vorrat aufzustocken. Einige Pflanzen wuchsen nur zu bestimmten Zeiten und ließen sich nicht lange aufbewahren, während andere sorgfältig getrocknet werden mussten, bevor sie ihren Nutzen verloren. Ich fuhr mit der Fingerspitze über eine der Zeichnungen und dachte darüber nach, an welchen Stellen des Waldes ich die betreffende Pflanze zuletzt gesehen hatte. Vielleicht würde ich übermorgen aufbrechen, sofern das Wetter hielt. Mein Blick wanderte unwillkürlich zu Leonard hinüber, der noch immer reglos auf der Seite lag. Vielleicht würde ich jedoch auch warten müssen. Ein verletzter Jäger in meiner Hütte bedeutete, dass ich meine gewohnten Wege nicht mehr so sorglos gehen konnte wie zuvor. Ich wusste nicht, wann er erwachen oder meine Hilfe benötigen würde. Und so schlug ich das Buch auf meinem Schoß ein wenig weiter auf und beschloss, die Zeit fürs Erste hier zu verbringen. Draußen mochte der Wald auf mich warten und mit ihm all die Kräuter, die ich noch sammeln musste. Doch für diesen Augenblick war es still in der Hütte. Das Feuer knisterte leise, die Seiten raschelten unter meinen Fingern, und zum ersten Mal an diesem Tage erlaubte ich mir, für eine kleine Weile nichts weiter zu tun, als zu lesen und dem Schweigen zu lauschen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die Stille in der kleinen Hütte war nicht mehr beklommen, sondern hatte sich in eine tiefe, gleichmäßige Ruhe verwandelt.
      Ich lag vollkommen reglos auf der linken Seite. Die kühle Wand aus naturbelassenem Holz lag nur zwei Handbreit vor meinem Gesicht, und der feuchte, erdige Geruch der Baukontstruktion stieg mir in die Nase. Der stramme Verband um meinen Brustkorb leistete noch immer treue Dienste. Obwohl jeder tiefere Atemzug ein dumpfes, ziehendes Pochen an den Rippen auslöste, war der schneidende Schmerz der ersten Stunden weitgehend verflogen. Die Heilsalbe entfaltete ihre betäubende Wirkung mit verlässlicher Konsequenz.
      Unter mir spürte ich das klamme Stroh der Matratze und die grobe Wolldecke, die mich warm hielt. Ich hörte jedes einzelne Geräusch hinter meinem Rücken, als würde ich es mit den Fingern ertasten.
      Das regelmäßige, rhythmische Klirren, als sie das Häutemesser im Wassereimer reinigte. Das leise Plätschern, wenn sie das verbliebene Blut von ihren Händen schrubbte. Das Auswringen des Lappen. Das leise, dumpfe Popen der gefalteten Kleidungsstücke, die sie sauber und ordentlich auf dem Holzboden neben meinen Satteltaschen ablegte. Sie bewegte sich mit einer erstaunlichen, fast katzenhaften Leichtigkeit durch den Raum. Keine hastigen Poltergeräusche, kein unnötiger Lärm. Selbst in ihrer Alltagsroutine lag eine Disziplin, die ich sonst nur von erfahrenen Kundschaftern der Gilde kannte.
      Ich hielt die Augen geschlossen, doch mein Geist war vollkommen wach.
      In den dreizehn Jahren auf den Pfaden hatte ich gelernt, Räume mit den Ohren zu lesen. Ich hörte das feine Rascheln von Papier und das trockene Knarren von altem Leder, als sie ein Buch aus dem kleinen Regal zog. Ein kurzes, leises Schaben von Holz auf Holz folgte – der Stuhl am Fenstersitz. Dann das sanfte Blättern von vergilbtem Pergament.
      Sie las.
      Ein Lächeln stahl sich nicht auf meine Lippen, aber die eiskalte Starre in meiner Brust lockerte sich um eine Nuance. Dass sie sich mit einem Buch an das Fenster gesetzt hatte, bedeutete, dass die Hektik des Tages vorüber war. Das Wild war zerwirkt, der Tisch geschrubbt, die Kleidung trocken, das Pferd versorgt. Für den Augenblick gab es nichts mehr zu tun, als der Zeit beim Verstreichen zuzusehen.
      Ich blieb starr auf der Seite liegen. Ich wollte sie nicht stören. Ich wollte nicht, dass sie glaubte, ich müsste mich erneut rechtfertigen, Ratschläge erteilen oder ihre Gastfreundschaft strapazieren. Ein verletzter Gast, der schläft oder schweigend an die Wand starrt, war der beste Gast, den sie sich in ihrer gegenwärtigen Lage wünschen konnte.
      Das raschelnde Blättern der Buchseiten wiederholte sich in unregelmäßigen Abständen.
      Ich wusste, welches Werk auf ihrem Schoß lag. Vorhin, als mein Blick noch frei durch die Hütte gewandert war, hatte ich die abgegriffenen Lederrücken im Regal studieren können. Ein altes Kräuterbuch. Verfasst vermutlich von Gelehrten oder Heilkundigen der vergangenen Jahrzehnte, reich illustriert mit Tuschezeichnungen von Wurzeln, Blüten und seltenen Gewächsen. Dass sie darin las, obwohl sie die Seiten wahrscheinlich auswendig kannte, zeigte, wer sie war. Sie war keine Frau, die sich mit dem Erreichten zufriedengab. Sie wollte mehr wissen, wollte vorbereitet sein, wollte die Geheimnisse des Waldes bis ins kleinste Detail ergründen.
      Es lag etwas Tröstliches in diesem Geräusch. Das leise Rascheln von Pergament passte zu dem mäßigen Knistern des Kaminfeuers und dem fernen, leisen Schnauben meines Wallachs draußen am Zaun.
      Die Hütte war zu einer kleinen Bastion gegen die Rauheit der Welt da draußen geworden. Draußen lauerten der durchnässte Boden, die Dunkelheit des tiefen Forsts und die ständige Bedrohung durch Unwetter oder Bestien. Doch hier drinnen herrschte ein Mikrokosmos aus Wärme, Kräuterduft und geordneter Stille.
      Ich schätzte die Zeit ab. Es musste spürbar nachmittags sein. Das Licht, das durch das kleine Fenster auf ihren Stuhl fiel, würde von Stunde zu Stunde kühler und dunkler werden. Bald würde die Dämmerung über die Wipfel der Bäume kriechen und den Wald in tiefes Schwarz tauchen.
      Ein leiser Atemzug entwich meiner Brust. Ich spürte, wie die Müdigkeit wieder an den Rändern meines Bewusstseins nagte. Die Heilung eines durchbohrten und gebrochenen Körpers forderte ihren Tribut. Das Blut musste neu gebildet werden, die Muskelstränge mussten zusammenwachsen, die Haut über den Schnittwunden verkrusten. Jede Stunde Ruhe war wie ein Baustein für mein Überleben.
      Ich erlaubte mir, die Muskeln in meinen Schultern vollends zu entspannen.
      Ich würde nicht versuchen, die Heldenrolle zu spielen. Ich würde nicht erzwingen, morgen aufzustehen, nur um ihr zu beweisen, dass ich kein Schwächling war. Sie hatte recht gehabt: Ein Jäger, der sich die Wunden vorzeitig wieder aufriss, war eine größere Last als einer, der stoisch im Bett verweilte und seine Kräfte sammelte. Ich würde die Zeit absitzen. Ich würde mir von ihr die Suppe einflößen lassen, würde mir die Verbände wechseln lassen und schweigend ertragen, dass sie mich mit dieser kühlen, distanzierten Strenge behandelte.
      Wenn der Tag kam, an dem meine Beine mich wieder trugen, ohne dass die Welt vor meinen Augen schankte, würde ich das wiedergutmachen. Ich würde das Holz spalten, bis der Schuppen voll war. Ich würde ihr das Dach ausbessern oder den Fuchs so makellos abziehen, dass der Händler im Dorf ihr den besten Preis des Jahres dafür zahlen musste. Ein Mann der Zunft blieb niemandem etwas schuldig. Erst recht nicht einer Frau, die ihn aus dem Schlamm gezogen hatte.
      Das Blättern im Buch verstummte für eine ganze Weile. Sie verweilte vermutlich auf einer bestimmten Seite, studierte eine Zeichnung oder prägte sich den Fundort einer seltenen Pflanze ein.
      Ich atmete den herben Duft von getrocknetem Beifuß ein, der direkt über meinem Kopf von den Deckenbalken hing. Die Welt schrumpfte zusammen auf das Knistern des Holzes im Herd, das sanfte Rascheln des Pergaments und das gleichmäßige Heben und Senken meiner eigenen Brust.
      Ich schloss die Augen fest und ließ mich von der warmen Welle des natürlichen Schlafes davontragen, wissend, dass ich für die nächsten Stunden in Sicherheit war.