@Sakura10
*Vorstellung*
Ausnahmsweise war es einmal ruhig.
Keine Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Dämonenfamilien. Keine Beschwerden aus den Reihen der Pride-Familie. Keine Idioten, die glaubten, sie könnten sich gegen eines der sieben großen Häuser auflehnen.
Alle waren satt.
Erst am Vorabend hatte die Familie eine besonders erfolgreiche Operation abgeschlossen. Ein einflussreicher Kreis aus Richtern, Anwälten und Politikern hatte sich in einem exklusiven Wohltätigkeitsclub versammelt, um sich gegenseitig für ihre vermeintlichen Verdienste auf die Schulter zu klopfen. Stundenlang hatten sie ihre Titel, Erfolge und Kontakte zur Schau gestellt, bis die Luft beinahe greifbar vor Stolz und Selbstgefälligkeit gewesen war.
Ein wahres Festmahl.
Und ein sattes Dämonenrudel war in der Regel ein erstaunlich friedliches Dämonenrudel.
Was bedeutete, dass Cain heute endlich seine Ruhe hatte.
Oder zumindest hoffte er das.
Wie so oft hatte er sich in die hintere Ecke seines privaten Büros zurückgezogen. Dort, abgeschirmt vom Rest der Welt, befand sich sein eigentlicher Lieblingsort: eine kleine Bibliothek, die er im Laufe der Jahre selbst eingerichtet hatte.
Dunkle Holzregale bedeckten die Wände vom Boden bis zur Decke und bogen sich unter dem Gewicht zahlloser Bücher. Dazwischen stand eine gemütliche Couchecke, bezogen mit tiefrotem Samt, deren Polster schon längst die Form ihres häufigsten Nutzers angenommen hatten.
Neben ihm spendete eine antike Lampe warmes Licht, während auf einem kleinen Beistelltisch eine bereits halb geleerte Flasche französischen Cidres stand.
Ein nahezu perfekter Abend.
Ruhig.
Friedlich.
Genau so, wie Cain ihn mochte.
Zumindest bis die schweren Doppeltüren seines Büros mit einem lauten Knall aufgerissen wurden.
Er schloss kurz die Augen.
Natürlich.
Schwere Schritte näherten sich.
„Was willst du?“, knurrte er, ohne den Blick von seinem Buch zu lösen.
„Darf ich meinem Lieblingsbruder nicht einmal einen Besuch abstatten?“
Die melodische Stimme ließ ihn innerlich seufzen.
Die Couch senkte sich neben ihm merklich.
„Ich bin dein einziger Bruder, Hyla.“
„Details.“
Erst jetzt klappte Cain sein Buch zu.
Nicht, weil er wollte.
Sondern weil er wusste, dass jede Hoffnung auf ungestörtes Lesen soeben gestorben war.
„Sei kein Spielverderber.“
Mit der Geschicklichkeit einer Taschendiebin angelte Hyla ihm den Roman aus den Händen und betrachtete kritisch den Einband.
„Dostojewski? Im Ernst, Cain? Wenn du schon den Intellektuellen spielst, könntest du zur Abwechslung wenigstens etwas lesen, das in diesem Jahrhundert geschrieben wurde.“
Amüsiert schüttelte sie den Kopf und warf ihm das Buch zurück.
Cain fing es mühelos mit einer Hand auf.
„Was willst du?“
Dieses Mal ignorierte er ihre Stichelei vollständig.
Hyla ließ sich tiefer in die Polster sinken und streckte sich genüsslich aus. Ihre weißen Locken breiteten sich über den roten Samt aus wie flüssiges Silber.
„Ich hab da was gehört~“, begann sie singend.
Cain hob eine Augenbraue.
Immer wenn Hyla diesen Tonfall anschlug, bedeutete das entweder Ärger oder interessante Neuigkeiten.
Meistens beides.
Offiziell war Cain das Oberhaupt der Pride-Familie.
Inoffiziell waren Hylas Ohren und ihre Kontakte in der Unterwelt mindestens genauso wertvoll wie seine Autorität.
„Anscheinend machen die Engel mobil.“
Cain wartete.
Als nichts weiter kam, blickte er sie schließlich doch an.
„Und weiter?“
Die Engel machten ständig irgendetwas.
Dämonen jagen war schließlich ihr gesamter Lebenszweck.
Hyla zuckte mit den Schultern.
„Mehr gibt es bislang nicht. Aber mehrere Dämonen haben unabhängig voneinander Aktivitäten der Tauben gemeldet.“
Bei ihrem Spitznamen für die Engel musste Cain unwillkürlich schmunzeln.
„Wenn mehrere Leute dasselbe berichten, könnte dieses Mal tatsächlich etwas Größeres dahinterstecken. Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt.“
„Zur Kenntnis genommen.“
„Wunderbar.“
Mit einem zufriedenen Klatschen sprang Hyla wieder auf.
„Dann bin ich auch schon wieder weg.“
Cain ahnte bereits, was jetzt kommen würde.
„Ich habe gehört, eine Gruppe Jurastudenten feiert heute ihren Abschluss in diesem schicken Nachtclub nahe dem College. Diesen Festschmaus lasse ich mir bestimmt nicht entgehen.“
Nun musste selbst Cain lachen.
Natürlich Jurastudenten.
Frisch gebackene Akademiker waren oft die reinste Delikatesse. Kaum hatten sie ihren Abschluss in der Tasche, hielten sie sich bereits für die zukünftigen Herrscher der Welt.
Der Stolz solcher Menschen war beinahe berauschend.
„Ich würde dich ja fragen, ob du mitkommst“, fuhr Hyla fort, „aber ich kenne die Antwort bereits.“
Cain schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich bin raus.“
Er hatte ohnehin schon am Vormittag gespeist.
Ein korrupter Politiker hatte versucht, ihn mit Bestechungsgeldern zu beeindrucken.
Das Geld hatte Cain selbstverständlich genommen.
Genauso wie einen Großteil seiner rechten Gesichtshälfte.
Und eine beachtliche Menge Stolz.
„Aber danke für die Einladung. Viel Spaß und guten Appetit.“
„Wie großzügig von dir.“
Hyla grinste.
Dann verschwand sie mit derselben geschmeidigen Eleganz wie eine Raubkatze durch die Tür.
Natürlich ohne sie hinter sich zu schließen.
„Mach die Tür zu!“
Aus dem Flur erklang nur noch ihre entfernte Stimme.
„Hab dich lieb, Brüderchen! Byyyyye!“
Die Schritte verklangen. Und die Tür blieb offen.
Stille kehrte zurück.
Cain ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken und stieß ein tiefes Seufzen aus.
Wenn sie nicht seine Schwester wäre, hätte er an ihr schon längst ein Exempel statuiert.
Wahrscheinlich.
Vielleicht.
Zumindest redete er sich das gerne ein.
*Vorstellung*
Ausnahmsweise war es einmal ruhig.
Keine Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Dämonenfamilien. Keine Beschwerden aus den Reihen der Pride-Familie. Keine Idioten, die glaubten, sie könnten sich gegen eines der sieben großen Häuser auflehnen.
Alle waren satt.
Erst am Vorabend hatte die Familie eine besonders erfolgreiche Operation abgeschlossen. Ein einflussreicher Kreis aus Richtern, Anwälten und Politikern hatte sich in einem exklusiven Wohltätigkeitsclub versammelt, um sich gegenseitig für ihre vermeintlichen Verdienste auf die Schulter zu klopfen. Stundenlang hatten sie ihre Titel, Erfolge und Kontakte zur Schau gestellt, bis die Luft beinahe greifbar vor Stolz und Selbstgefälligkeit gewesen war.
Ein wahres Festmahl.
Und ein sattes Dämonenrudel war in der Regel ein erstaunlich friedliches Dämonenrudel.
Was bedeutete, dass Cain heute endlich seine Ruhe hatte.
Oder zumindest hoffte er das.
Wie so oft hatte er sich in die hintere Ecke seines privaten Büros zurückgezogen. Dort, abgeschirmt vom Rest der Welt, befand sich sein eigentlicher Lieblingsort: eine kleine Bibliothek, die er im Laufe der Jahre selbst eingerichtet hatte.
Dunkle Holzregale bedeckten die Wände vom Boden bis zur Decke und bogen sich unter dem Gewicht zahlloser Bücher. Dazwischen stand eine gemütliche Couchecke, bezogen mit tiefrotem Samt, deren Polster schon längst die Form ihres häufigsten Nutzers angenommen hatten.
Neben ihm spendete eine antike Lampe warmes Licht, während auf einem kleinen Beistelltisch eine bereits halb geleerte Flasche französischen Cidres stand.
Ein nahezu perfekter Abend.
Ruhig.
Friedlich.
Genau so, wie Cain ihn mochte.
Zumindest bis die schweren Doppeltüren seines Büros mit einem lauten Knall aufgerissen wurden.
Er schloss kurz die Augen.
Natürlich.
Schwere Schritte näherten sich.
„Was willst du?“, knurrte er, ohne den Blick von seinem Buch zu lösen.
„Darf ich meinem Lieblingsbruder nicht einmal einen Besuch abstatten?“
Die melodische Stimme ließ ihn innerlich seufzen.
Die Couch senkte sich neben ihm merklich.
„Ich bin dein einziger Bruder, Hyla.“
„Details.“
Erst jetzt klappte Cain sein Buch zu.
Nicht, weil er wollte.
Sondern weil er wusste, dass jede Hoffnung auf ungestörtes Lesen soeben gestorben war.
„Sei kein Spielverderber.“
Mit der Geschicklichkeit einer Taschendiebin angelte Hyla ihm den Roman aus den Händen und betrachtete kritisch den Einband.
„Dostojewski? Im Ernst, Cain? Wenn du schon den Intellektuellen spielst, könntest du zur Abwechslung wenigstens etwas lesen, das in diesem Jahrhundert geschrieben wurde.“
Amüsiert schüttelte sie den Kopf und warf ihm das Buch zurück.
Cain fing es mühelos mit einer Hand auf.
„Was willst du?“
Dieses Mal ignorierte er ihre Stichelei vollständig.
Hyla ließ sich tiefer in die Polster sinken und streckte sich genüsslich aus. Ihre weißen Locken breiteten sich über den roten Samt aus wie flüssiges Silber.
„Ich hab da was gehört~“, begann sie singend.
Cain hob eine Augenbraue.
Immer wenn Hyla diesen Tonfall anschlug, bedeutete das entweder Ärger oder interessante Neuigkeiten.
Meistens beides.
Offiziell war Cain das Oberhaupt der Pride-Familie.
Inoffiziell waren Hylas Ohren und ihre Kontakte in der Unterwelt mindestens genauso wertvoll wie seine Autorität.
„Anscheinend machen die Engel mobil.“
Cain wartete.
Als nichts weiter kam, blickte er sie schließlich doch an.
„Und weiter?“
Die Engel machten ständig irgendetwas.
Dämonen jagen war schließlich ihr gesamter Lebenszweck.
Hyla zuckte mit den Schultern.
„Mehr gibt es bislang nicht. Aber mehrere Dämonen haben unabhängig voneinander Aktivitäten der Tauben gemeldet.“
Bei ihrem Spitznamen für die Engel musste Cain unwillkürlich schmunzeln.
„Wenn mehrere Leute dasselbe berichten, könnte dieses Mal tatsächlich etwas Größeres dahinterstecken. Ich wollte nur, dass du Bescheid weißt.“
„Zur Kenntnis genommen.“
„Wunderbar.“
Mit einem zufriedenen Klatschen sprang Hyla wieder auf.
„Dann bin ich auch schon wieder weg.“
Cain ahnte bereits, was jetzt kommen würde.
„Ich habe gehört, eine Gruppe Jurastudenten feiert heute ihren Abschluss in diesem schicken Nachtclub nahe dem College. Diesen Festschmaus lasse ich mir bestimmt nicht entgehen.“
Nun musste selbst Cain lachen.
Natürlich Jurastudenten.
Frisch gebackene Akademiker waren oft die reinste Delikatesse. Kaum hatten sie ihren Abschluss in der Tasche, hielten sie sich bereits für die zukünftigen Herrscher der Welt.
Der Stolz solcher Menschen war beinahe berauschend.
„Ich würde dich ja fragen, ob du mitkommst“, fuhr Hyla fort, „aber ich kenne die Antwort bereits.“
Cain schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich bin raus.“
Er hatte ohnehin schon am Vormittag gespeist.
Ein korrupter Politiker hatte versucht, ihn mit Bestechungsgeldern zu beeindrucken.
Das Geld hatte Cain selbstverständlich genommen.
Genauso wie einen Großteil seiner rechten Gesichtshälfte.
Und eine beachtliche Menge Stolz.
„Aber danke für die Einladung. Viel Spaß und guten Appetit.“
„Wie großzügig von dir.“
Hyla grinste.
Dann verschwand sie mit derselben geschmeidigen Eleganz wie eine Raubkatze durch die Tür.
Natürlich ohne sie hinter sich zu schließen.
„Mach die Tür zu!“
Aus dem Flur erklang nur noch ihre entfernte Stimme.
„Hab dich lieb, Brüderchen! Byyyyye!“
Die Schritte verklangen. Und die Tür blieb offen.
Stille kehrte zurück.
Cain ließ den Kopf gegen die Rückenlehne sinken und stieß ein tiefes Seufzen aus.
Wenn sie nicht seine Schwester wäre, hätte er an ihr schon längst ein Exempel statuiert.
Wahrscheinlich.
Vielleicht.
Zumindest redete er sich das gerne ein.