a moon between us [by Akkubird & yuyuumyn]

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    • Emiko hatte sich tief und so gut wie möglich im ihr vertrauten Wald versteckt. Sie wusste nicht wirklich, was sie von dieser Aufgabe halten sollte… und warum ausgerechnet sie dafür auserkoren worden war. Vor allem, nachdem Ayumi ihren Ausbruch beim Frühstück heute Morgen miterlebt hatte... die Säule hatte manchmal wirklich einen seltsamen Sinn für Humor.

      Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen, während ihr Blick langsam zum Himmel wanderte. Es mussten bereits einige Stunden vergangen sein – die Mittagssonne wich langsam dem sanften Glanz des Sonnenuntergangs.
      Ob sie sich einfach freiwillig finden lassen sollte? Damit das hier ein schnelles Ende fand und sie sich endlich ums Abendessen kümmern konnte?
      Sie schnaubte leise und schüttelte dann den Kopf.
      Nein! – Diese Genugtuung wollte sie Kaoru-kun nicht geben. Er sollte nicht glauben, dass es einfach wäre, sie zu finden. Sie wollte ihm zeigen, dass sie durchaus eine echte Herausforderung sein konnte!

      Und so blieb sie weiter in ihrem Versteck – einer Mischung aus dicken Baumwurzeln und niedrigen Sträuchern –, bis sie plötzlich… leise Schritte hörte. Erst kaum hörbar, doch mit jedem Moment wurden sie ein wenig deutlicher.
      Emikos Augen weiteten sich. Vorsichtig lugte sie aus ihrem Versteck hervor. Doch anstatt – wie gedacht – Kaoru zu erblicken, ließ das, was sie sah, ihr das Blut in den Adern gefrieren.

      Es war nicht Kaoru.
      Kaoru war nicht pelzig.
      Er hatte keine scharfen Klauen.
      Und auch keine riesigen Zähne.

      Das war ein Bär. Ein Raubtier, das… scheinbar… auf der Suche nach seinem Abendessen war und bereits etwas in der Luft witterte.
      Langsam presste sich Emiko eine Hand vor den Mund.
      "Was soll ich tun? Was soll ich tun?!", dachte sie panisch. Weglaufen? Oder einfach im Versteck bleiben?
      Sie war niemals schneller als diese ausgewachsene Bestie… aber im Versteck zu bleiben und abzuwarten, bis das Vieh sie fand? Das war mindestens genauso töricht.
      Vielleicht konnte sie es schaffen, auf einen Baum mit niedrigen Ästen zu klettern…? Aber – Bären konnten doch auch klettern?
      Dann wäre sie nur ein noch leichteres Ziel.

      Als sie mit den Augen erneut nach dem Bären suchte, war er bereits viel näher als zuvor und starrte ihr direkt in die Augen.
      Emiko riss erschrocken die Augen auf, und ein unkontrollierter Schrei entfuhr ihrer Kehle.
      Er hallte gellend durch den gesamten Wald, ehe sie auch schon die Beine in die Hand nahm und um ihr Leben rannte.

      Das laute Brüllen des Bären hinter ihr ließ sie zusammenzucken, doch sie wagte es nicht, sich umzudrehen.
      Sie rannte einfach weiter – so schnell sie nur konnte.

      ~~~

      Kohane blickte ihren Meister unter der Maske verständnislos an.
      „Du hattest eben einen Hirsch.“ ???
      Es dauerte einen Moment, bis sie realisierte, was er gerade dachte – aber so hatte sie das doch gar nicht gemeint!
      Sie hatte den Wachhund lediglich streicheln wollen. Und doch nicht fressen! Sie war zwar ein Dämon, aber auch sie hatte ihre Prinzipien!

      Doch was dann mehr ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, waren die Worte des Wachmanns.
      „Hat der uns gerade… dreckig genannt?“, dachte sie, während sich ihr Gesicht unter der Maske zu einer genervten Grimasse verzog.
      Am liebsten hätte sie etwas erwidert, aber das wäre in Anbetracht der Mission vermutlich nicht besonders schlau gewesen.
      Außerdem wurde sie von Jakuji bereits weitergezogen – damit hatte sich die Sache sowieso erledigt.

      „Blöder Fettsack…“, grummelte sie – so leise wie der Flügelschlag eines Schmetterlings.
      Bis sie schließlich sicher auf dem Luftschiff angekommen waren, entschied sich die junge Dämonin, vorsichtshalber einfach die Klappe zu halten.

      An ihrem Platz angekommen, ließ sie ihren Blick aufmerksam umherschweifen – zumindest so lange, bis sie die Frage und gleich darauf die Anweisung ihres Meisters hörte. Angewidert verzog sie das Gesicht. Sie sollte es einfach wieder runterschlucken? Vielleicht hätte sie nicht so viel von dem Hirsch fressen sollen...
      Sie schnaubte leise und lehnte sich dann in ihrem Sitz zurück.

      „Ich meinte übrigens nicht, dass ich den Hund fressen wollte…“, stellte sie schließlich klar und wandte ihren Blick ab.
      „Vielleicht bin ich ein Dämon… aber kein Monster, weißt du?“, murmelte sie – leise genug, dass nur er sie hören konnte.
    • Ein lauter Schrei überraschte den Schwertkämpfer, als dieser es gerade geschafft hatte seine Gedanken wieder zu ordnen. Noch bevor er richtig realisieren konnte, was da eben passiert war, folgte ein tiefes Brüllen. Etwas überfordert mit der Lage, versuchte er die Position der Nadel zu finden. Anders als zuvor, pulsierte die nun regelrecht. Die Angst des Mädchens, hatte wohl das Dämonenblut so richtig in Wallung gebracht. Und dieses Brüllen? Es klang nicht wie ein Dämon. Eher wie ein... Bär. Der Junge musste ganz kurz an seine Füße denken, doch dann realisierte er die Lage.

      Er lief los, in die Richtung aus der er die Nadel am deutlichsten spüren konnte. Zuerst langsam, denn er war noch Blind. Nach wenigen Schritten jedoch, riss er das Tuch von seinen Augen. Es dämmerte bereits. Und Emiko war höchstwahrscheinlich in Gefahr, als Snack für einen wilden Bären zu enden. So schnell er nur konnte, rannte Kaoru in ihre Richtung. Sein Herz raste vor Aufregung, die Beine wurden gefühlt immer schneller. Er sprang über Steine und glitt zwischen den Bäumen hindurch, bis er plötzlich eine Bewegung aus dem Augenwinkel sah. Es war Emiko, die nur knapp von einen riesigen Bären gejagt wurde.

      Diese Situation ließ leider keinen Spielraum mehr, um das Mädchen anderweitig von dem wilden Tier zu trennen. Kaoru verlangsamte etwas sein Tempo, um die Richtung sicher ändern zu können. Hier im Wald war es deutlich schwieriger schnell und präzise zu sein. Es bestand immer die Gefahr über einen Stein zu stolpern oder gegen einen Baum zu laufen. Anschließend beschleunigte er und gab alles. Egal ob Stöcke, Steine oder Dornen, es blieb keine Seit mehr, um allen Hindernissen auszuweichen.
      Schließlich schaffte es der Junge die Beiden einzuholen und sich, mit dem Bären, auf ungefähr gleiche Höhe zu setzen.

      Erst jetzt zog er die spiegelnde Klinge hervor und presste seinen Atem so tief in seine Brust, dass er dachte jeden Moment platzen zu müssen. "Zweite Form – Zersplitterung" presste er zwischen den Lippen hervor, um mit seiner Technik die letzten Meter zu gewinnen. Wie kleine schimmernde Punkte, glänzten die Abbilder seiner selbst, in der schwachen Abendsonne, die durch die Blätter in den Wald fiel. Nur leider hielt dies den Bären nicht davon ab mit seinen riesigen Pranken nach dem Mädchen aus zu holen, welches er mittlerweile erreicht hatte. Kaoru blieb fast das Herz stehen, als er erkannte, dass er zu spät war. Doch im gleichen Moment packte ihn die Wut. Er wollte nicht sehen müssen, wie Emiko verletzt wurde. Noch im Wirken seiner zweiten Form, bündelte Kaoru all seine Kraft, und rief: "Sechste Form – Spiegelbruch!" Noch einmal erhöhte sich seine Geschwindigkeit und ehe die Pranke des Tieres den Körper des Mädchen berühren konnte, hatte er diese abgetrennt. Aus seinem wackeligen Stand heraus, wirbelte die blanke Klinge ein weiteres Mal herum und trennte sauber den Kopf des Tieres ab, dass durch den Schock des Schmerzes zurück gewichen war.
      Rings um Kaoru und Emiko hatten sich einige Abbilder von Kaoru selbstständig gemacht. Einige hatten ihn imitiert, andere waren in den Wald gelaufen. Letztendlich lösten sie sich in dem Moment aus, als Kaoru seine Klinge abgewischt und zurück gesteckt hate.

      Er wagte es nicht zurück zu blicken. Zu groß war die Angst, dass es das Mädchen doch erwischt hatte. Sein Körper zitterte. Die Beine und Füße waren von den Dornen des Tages gezeichnet. Die Kleidung teilweise zerrissen und nun klebte auch noch das Blut des Bären an ihm. Post wendend übergab sich der Junge, vor seine eigenen Füße. Zweit Atemtechniken zu kombinieren, diesen Plan hatte er schon lange verfolgt, doch nie den Mut gefunden es zu testen. In diesem Fall hatte er keine Wahl.
      Ein weiteres Mal krümmte sich sein Körper, um auch das letzte Bisschen Mageninhalt heraus zu schleudern.

      ---

      "Hm?" Machte Jakuji, als Kohane die Sache mit dem Hund klarstellen wollte, denn er hatte gerade andere Gedanken gehabt. "Hund schmeckt eh nicht." Gab er nur knapp zurück.
      Keine Minute später löste sich das Luftschiff von seiner Verankerung. Langsam aber sicher konnte man spüren, wie die Motoren dem Fahrzeug etwas Antrieb gaben. Ein leichtes Schwanken. Und die Fahrt ging los.
      Der Dämon saß plötzlich steif, wie ein Brett, neben seiner Schülerin. Eine ganze Zeit behielt er diese Position auch bei, doch als ein Windstoß das Luftschiff erneut ins Wanken brachte, zuckte er kurz zusammen und schluckte.
      Die ganze Fahrt über, wiederholte sich dieses Spiel, bis sie endlich in Hana’iroshi - Der Stadt der Blumenfarben anlegten.

      Hana’iroshi war eine regelrechte Metropole.
      Inmitten eines weitläufigen Tals, umgeben von Hügeln voller Kirschbäume, erhebt sich Hana’iroshi wie ein funkelnder Juwel.
      Die Stadt ist ein pulsierendes Zentrum von Schönheit, Wissen und verborgener Macht – durchzogen von bunten Gassen, geheimnisvollen Schreinen und eleganten Brücken über den Hanagawa-Fluss, der wie flüssiges Licht durch das Zentrum fließt. Die Dächer der Häuser sind mit leuchtenden Blüten bedeckt, die niemals verwelken – manche sagen, sie wachsen aus den Seelen gefallener Dämonen und Dämonenjägern. Auf den Märkten duftet es nach exotischen Gewürzen.
      Einmal im Jahr, während der dunkelsten Neumondnacht des Herbstes, findet hier das „Kagemen-no-Yoru“ – Die Nacht der Schattenmasken statt.

      Man erzählt sich, dass an diesem Abend die Kagemono – alte Schattengeister – zwischen der Welt der Lebenden und der Geister wandeln. Um sich vor ihnen zu schützen (oder sie zu besänftigen), tragen die Bewohner spezielle Masken, die die Schattengeister täuschen oder ehren sollen.


      Jakuji weil froh, als er endlich die Schleusen der Station verlassen konnte. Bevor er bereit war irgendetwas zu erledigen, musste er zuerst in eine nahe gelegene Seitengasse, um sich die Maske vom Kopf zu ziehen und etwas frische Luft zu Atmen. Wobei frisch nicht ganz korrekt war. Hier roch es eher nach Urin, doch das war besser als in die Maske zu kotzen.
    • Emiko hatte sich nie gefragt, wie sie sterben würde. Doch heute war wohl das erste Mal der Tag, an dem sie ernsthaft darüber nachdachte.
      Der Boden donnerte unter ihren Füßen, während der Bär immer näher kam. Bereit, sie zu töten – mit wenigen Bissen zu verschlingen, bis nicht einmal mehr ihre Haarschleife übrig bleiben würde.

      Ihr Herz raste, und ihr doch recht kurzes Leben zog in Bildern an ihrem inneren Auge vorbei. Sie dachte an ihre Familie… an ihre Eltern, an ihren kleinen Bruder… an die Dämonenjäger-Organisation... an Ayumi... und dann-… an Kaoru.
      Kaoru, dem sie gegenüber viel zu gemein gewesen war und dem sie sich nun wohl nie mehr würde entschuldigen können.

      "Es tut mir leid… es tut mir leid… es tut mir leid…"
      Sie kniff die Augen zusammen, als der Bär erneut ein markerschütterndes Brüllen ausstieß.
      "Ich werde nie wieder gemein zu ihm sein… ich verspreche es…"

      Und gerade, als sie glaubte, ihren letzten Atemzug gemacht zu haben… passierte nichts. Sie lebte?!
      Sie riss wieder die Augen auf. Ein zitternder Atemzug entwich ihren Lippen – doch bevor sie einen weiteren Gedanken fassen konnte, hörte sie hinter sich das würgende Geräusch von jemandem, der sich übergab.

      Emiko wirbelte herum – und was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Der Bär war tot. Der massige Kopf… die Pranke… abgetrennt. Und dann sah sie ihn. Kaoru. Blutüberströmt und sich übergebend.
      „K-Kaoru...?“, fragte sie – erst ganz leise, fast wie in Trance.
      Doch dann schüttelte sie den Kopf, um sich aus ihre Gedanken zu reißen und eilte auf ihn zu. „Kaoru!“

      Sie erreichte seine Seite und legte zögerlich, aber fest, eine Hand auf seinen Rücken.
      „Was machst du denn?! Einem Bären hinterherjagen?! Du hättest verletzt werden können!“ – sie meckerte, mit zitternder Stimme, vollkommen überfordert von der Situation.
      „B-bist du verletzt?! Das ist nur das Blut des Bären, oder?! Oh bitte sag mir, dass es nicht dein Blut ist, das an dir klebt!“, sagte sie und versuchte dann panisch irgendwelche schweren Verletzungen an seinem Körper zu finden.
      "Wir müssen zurück zum Anwesen, dass ich dich untersuchen kann!"

      Ihr Blick fiel auf das Erbrochene, und sie verzog leicht das Gesicht.
      „Das ist bestimmt das Resultat von Ayumis Frühstück… das überlebt kein gesunder Magen.“, nuschelte sie leise und riss ein Stück von dem Ärmel ihres Kimonos ab, welches sie Kaoru nun entgegen hielt, damit er sich den Mund abwischen konnte.

      ~~~

      Kohane hielt einen Moment inne und schenkte Jakuji einen komischen Gesichtsausdruck, den er durch die Maske natürlich nicht sehen konnte. „Hast du etwa schon einmal–...?“, begann sie, entschied sich dann aber schnell, dass sie es eigentlich gar nicht so genau wissen wollte - und wandte sich wieder ab.
      Auch wenn sie sonst immer alles wissen wollte – manche Dinge mussten dann doch wirklich nicht sein...

      In der Luft hatte die junge Dämonin auf jeden Fall eine deutlich bessere Zeit als ihr Lehrmeister. Sie genoss die Höhe und das Adrenalin, das mit jedem Windstoß, der das Luftschiff ins Wanken brachte, durch ihre Adern schoss.
      Am liebsten hätte sie noch höher und noch schneller fliegen wollen. Und sie kam nicht umhin, sich zu fragen, wie es wohl wäre, selbst fliegen zu können.

      Leider endete die Luftfahrt schneller, als es ihr lieb gewesen wäre. Mit einem Seufzen erhob sie sich von ihrem Platz und streckte sich leicht, als ihr Blick wieder auf ihren Lehrmeister fiel, der sich geradewegs in die nächstgelegene Seitenstraße verzog.
      „Was ist denn mit Jakuja los?“, dachte sie verwirrt. Sein Leiden während des Fluges war ihr überhaupt nicht aufgefallen.

      Auch sie trat nun durch die Schleusen und ließ ihren Blick aufmerksam umherwandern – noch immer stets darum bemüht, ihre Präsenz so klein wie möglich zu halten.
      Sie richtete ihre Kapuze und war gerade dabei, ihrem Lehrmeister in die Seitengasse zu folgen, entschied sich dann aber dagegen. Wer wusste schon, was er dort trieb...

      Wieder wanderte ihr Blick umher, und selbst Kohane konnte nicht leugnen, wie schön es in Hana’iroshi doch war. Ob sie hier wirklich richtig waren?
      Während sie auf ihren Lehrmeister wartete, ging sie ein paar Schritte weiter in die Stadt hinein, um sich schon einmal ein wenig umzusehen.
    • Erleichtert ihre Stimme zu hören, atmete der Bärenschlächter leise aus. Das leichte Zittern seines Körpers hatte zwar noch nicht nach gelassen, doch sein Hirn konnte bereits wieder arbeiten. Plötzlich konnte er spüren, wie eine kleine Hand seinen Rücken berührte. Zuerst wollte er sie von sich schlagen, ihr ganz klar die Meinung sagen, doch er brachte es nicht fertig. Nicht jetzt, nachdem sie gerade dem Tod entgangen war.

      Mit einem nichts sagenden Blick, sah er das Mädchen an, das wohl immer mehr Worte parat hatte, als nötig. Sie schien sich tatsächlich und ehrlich Sorgen um ihn zu machen. Sie gab ihm nur keine Gelegenheit auf ihre Fragen zu antworten. Stattdessen nutzte er die Zeit, um sie einfach nur anzusehen. ...Sie ist unverletzt. Gerade noch mal Glück gehabt... Ging ihm durch den Kopf. Eine beruhigende Erkenntnis, die ihn erleichtert aufatmen ließ. "Hauptsache... dir ist nichts passiert." Antwortete er mit hörbarer Erleichterung in der Stimme.
      Als sie vorschlug ins Anwesen zurück zu kehren, nickte der Junge zustimmen und wollte schon los gehen, als Emiko das Essen seiner Meisterin für seinen Zustand verantwortlich machte. Er nahm das Stück Stoff, wischte sich den Mund ab musste sogar etwas grinsen.
      "Danke." Den Stoff behielt er lieber noch etwas in der Hand. Man konnte nie wissen.

      Mit langsamen Schritten gingen die Beiden zurück zum Anwesen. Es schien, als würde Emiko den Wald gut kennen.
      Immer wieder versuchte Kaoru einen unauffälligen Blick in ihre Richtung zu werfen. Er konnte sich nicht erklären, weshalb seine Gefühle im Moment so verrückt spielten. War es nur die Angst einen bekannten Menschen sterben zu sehen? Oder die Angst davor, dass seine Erinnerungen dadurch erneut aus ihrem Grab steigen könnten.
      Langsam ließ das Adrenalin in seinen Adern nach. Die geschundenen Füße begannen allmählich zu schmerzen. Sein Körper fühlte sich schwer an. Dieser Komboangriff hatte ihm alles abverlangt. Trotzdem oder gerade deshalb, fühlte er sich glücklich und zufrieden. Es belastete ihn weder, dass er angefasst wurde, noch dass er die Aufgabe nicht erfüllt hatte. "Wie... geht es dir denn? Bist du... auch in Ordnung?" Erkundigte er sich recht spät und sehr vorsichtig nach ihrem Zustand.

      ---

      Jakuji ließ sich etwas Zeit und kehrte im Anschluss zu Kohane zurück, sagte jedoch noch immer nichts. Er wusste, weshalb er vorhin auf den Hirsch verzichtet hatte. Unter seiner Maske konnte der Dämon leider nicht erkennen, wie Kohane über diese Stadt dachte, doch sie würde bald auch die anderen Seiten sehen dürfen. Egal wie golden der Palast auch war. Irgendwo ging immer ein Rohr für die Scheiße hinunter. "Komm. Wir schauen uns einmal kurz die Stadt an. Ich muss eh erst ein paar Gesichter sehen, bevor wir weiter machen." Forderte er die Schülerin auf. Dass seine Stimme etwas an Strenge verloren hatte, lag mit unter an den Nebenwirkungen der Luftfahrt. Wenn er könnte, würde er ein Fahrzeug entwickeln, dass auf dem Boden fährt, wie eine Kutsche. "Dango-Spieße gibt es auch auf dem Weg." Fügte er hinzu und gab ihr die Zeit zu folgen.

      Die Straßen waren gut gefüllt. Überall standen die Leute, redeten, handelten und boten ihre Dienste an. Hier und da gab es auch ein paar Tiere, die zwischen den Menschen hindurch streunten. Trotz der späten Stunde schien es, als wäre dies eine ganz normale Tageszeit. Als Jakuji an einem Kleiderladen vorbei kam, blieb er stehen und betrachtete die große Auswahl an Kimonos und Schuhen. Alles nur edelste Stoffe und Seide. Schließlich ging er weiter ohne zurück zu blicken.
    • Immer wieder warf Emiko einen nervösen Blick über ihre Schulter – wohl in der Sorge, dass der kopflose Bär sich jeden Moment einfach wieder aufrichten und ihnen hinterherjagen würde.
      Aber natürlich passierte dies nicht, weshalb die junge Bedienstete sich nach einer Weile wieder ein wenig entspannte. Wer hätte gedacht, dass dieser Tag auf so dramatische Weise enden würde?

      Emikos Blick wanderte erneut zu dem jungen Dämonenjäger neben ihr. Ihre Augen glitten besorgt über seine blutgetränkten Kleidungsstücke.
      „Es ist nicht sein Blut... es ist das Blut des Bären... es geht ihm gut... es geht ihm gut...“, musste sie sich immer wieder selbst sagen, um nicht vollkommen die Nerven zu verlieren.
      Als sie seine Frage hörte, errötete sie leicht und nickte hastig: „I-ich?... ja, ja, mir geht es gut... ich hab mich nur erschrocken, als auf einmal dieses riesige Biest vor mir stand...“, nuschelte sie leise und strich sich verlegen durchs Haar.

      Erst in diesem Moment bemerkte sie, dass der Bär wohl doch Spuren hinterlassen hatte.
      Die Schleife, die sonst ihre Haare ordentlich oben hielt, fiel bei der Berührung praktisch auseinander. Mit einem leisen Seufzen hielt Emiko den zerfetzten Stoff in der Hand, während ihr langes, brünettes Haar in sanften Wellen über ihre Schultern fiel.
      „Meine Schleife hat es erwischt...“, murmelte sie leise – war aber dennoch froh, dass es nur die Schleife und nicht ihr Hinterkopf gewesen ist, der die messerscharfen Klauen zu spüren bekommen hatte.

      Ihr Blick wanderte wieder zu dem Jäger und ihre Augen wanderten langsam über seine ruinierten Klamotten. "Sag mal Kaoru-kun... wo sind eigentlich deine Schuhe?"

      ~~~

      Kohane blickte auf, als sich ihr Lehrmeister endlich wieder an ihrer Seite einfand. Als er zuerst nichts sagte, legte sie leicht den Kopf schief und wartete vorerst schweigend ab.
      Was er wohl in der Seitengasse gemacht hatte? Vielleicht irgendwelche illegalen Geschäfte? Ob er Drogen verkauft hatte? Oder vielleicht doch eher gekauft? Wahrscheinlich nichts der beiden Dinge…

      „Was für Gesichter?“, fragte sie dann, während sie sich neben ihrem Meister in Bewegung setzte. Doch als er die Dango-Spieße erwähnte, vergaß sie ihre Frage direkt wieder und in ihren Augen begann etwas Kindliches zu funkeln.
      „Ich nehme zehn!“, verkündete sie sofort laut, senkte dann aber, begleitet von einem leichten Zucken, wieder ihre Stimme.
      „Ich nehme zehn Stück“, wiederholte sie – diesmal mit gesenkter, aber nicht weniger aufgeregter Stimme.

      Sie blickte sich um. Die Menschen interessierten sie nicht wirklich, auch wenn sie auf feindselige Präsenzen achtete. Als sie eine Katze entdeckte, begannen ihre Augen noch heller zu leuchten als beim Anblick des Wachhundes vorhin. Katzen waren in ihren Augen sowieso um einiges besser als Hunde. Sie waren unabhängige Tiere und brauchten keinen Menschen. Sie konnten sich alleine durchschlagen – genauso wie Kohane es bereits ihr ganzes Leben getan hatte.

      Als sie bemerkte, wie ihr Meister bei einem Kleiderladen innehielt, blieb auch sie für einen Moment stehen und legte erneut leicht den Kopf schief. Wollte er sich einen neuen Kimono kaufen? Doch als er dann einfach weiterging, ohne auch nur einen einzigen Blick zurückzuwerfen, zog sie leicht die Augenbrauen hoch.

      Sie holte auf und schlenderte schon im nächsten Moment wieder an seiner Seite.
      „Wolltest du nichts kaufen?“, fragte sie und deutete mit einer beiläufigen Handbewegung zum Laden zurück.
    • Kaoru fühlte sich noch einmal etwas ruhiger, als sie bestätigte, dass alles in Ordnung sei. Ein paar Sekunden später und... Er wollte es sich gar nicht vorstellen. Gerade als er wieder einen kurzen Blick riskierte, zog zog das Mädchen ihre kaputte Schleife aus den Haaren. Fasziniert und fast schon gelähmt, beobachtete er, wie die sonst so ordentlichen Haare ihren Weg nach unten nahmen. Ein seltsames Gefühl überkam den jungen Mann. Würde er sich normalerweise über den Verlust der Ordnung beklagen oder diesen betrauen, so faszinierte ihn in dem Moment nur dieser unscheinbare Anmut.

      Etwas verlegen, want er schnell den Blick ab, als sie erneut zu ihm hinüber sah, um nach seinen Schuhen zu fragen.
      "Sie hätten schmutzig werden können." Antwortete er, noch immer etwas unschlüssig, weshalb Haare eine solche Faszination auf ihn auswirken konnten. Einige Schritte und zwei Blicke später, räusperte er sich leicht.
      "Emiko-Chan. Diese Schleife hat deine wahre Natur verborgen. Es... ist bezau-...erstaunlich was einem offenbart wird, wenn einmal die Fassade fällt, die uns alle umgibt." Antwortete er bedacht, konnte sie dabei aber nicht ansehen. Jetzt gerade fühlte er sich unwohl, erschöpft und zugleich glücklich. Es war nicht auszuhalten, dieser Zustand.
      "Wir sollten uns beeilen, bevor Ayumi-Sensei sich Sorgen um dich macht."


      ---

      Der Dämonenmond seufzte leicht unter seiner Maske. "Bestimmt möchte ich das, nur hätte ich keinen Schrank, den ich damit zu hängen könnte." Etwas amüsiert von ihrer Frage, gab er diese zurück: "Und du? Ein junges Mädchen. Was würdest du dir in der großen Stadt kaufen wollen? Warst du schon einmal in einer solchen Stadt?" Erkundigte er sich, während langsam der Geruch von Essen in der Luft lag.
      Am Ende einer großen Brücke, begann die Fressmeile der Stadt. Kleine und große Stände. Rechts und Links bunt beleuchtete Restaurants. Die Straße war so breit, dass man darauf sicher zwei kleine Häuser hätte bauen können.

      Doch bevor Jakuji mit Kohane über die Brücke gehen konnte, drehte der Dämon einmal prüfend den Kopf von einer zur anderen Seite. Anschließend tat er so, als würde er Kohanes Kapuze richten, um ihr Angesicht zu Angesicht stehen zu können. "Bleib aufmerksam. Es sind auch Jäger hier. Am besten greifst du meinen Kimono und ziehst leicht, sobald du etwas spürst. Wenn ich merke, dass du zu spät oder falsch liegst, ziehe ich dir einen Spieß ab, bis wir am Stand angekommen sind." Erklärte er der Dämonin.

      Es war nicht leicht seine Präsenz gut zu verbergen, doch gleichzeitig noch die Präsenz anderer Wahr zu nehmen war noch viel schwieriger. Jakuji wusste jetzt schon, dass sie bei Tagesanbruch sehr müde sein könnte. Daher überlegte er schon, wie er außerhalb der großen Stadt einen sicheren Platz finden konnte, an dem sie sich entspannt erholen könnte ohne durch die mangelnde Verschleierung aufzufallen.
    • „Sie hätten schmutzig werden können…“, wiederholte Emiko leise die Worte des jungen Dämonenjägers. Ihre Augen huschten erneut über seine in Blut getränkte Kleidung.
      „Nun… dann sind wenigstens deine Schuhe sauber geblieben“, nuschelte sie und seufzte leise.
      „Dabei habe ich doch heute gerade erst die Wäsche gemacht… aber ich werde das Blut und alles andere schon wieder aus deiner Kleidung bekommen. Darüber brauchst du dir keine Gedanken machen.“, fuhr sie fort, auch wenn sie dabei eher zu sich selbst sprach.

      Doch dann, wenig später, räusperte sich der Dämonenjäger und ergriff das Wort. Seine Worte hingen wie ein sanfter Schleier zwischen den beiden Teenagern.
      Emiko erwiderte nicht sofort etwas, aber ihre knallroten Ohren ließen wohl kaum einen Zweifel daran, dass sie genau verstanden hatte, was er ihr da eigentlich durch die Blume gesagt hatte.
      Die Röte war eine Mischung aus Scham – und etwas anderem, das Emiko nicht genau benennen konnte. Ihr Herz pochte so laut und heftig in ihrer Brust, dass sie befürchtete, Kaoru könnte es hören.

      Sie hatte ihren Blick abgewandt, sprach dann aber in einer leisen und zurückhaltenden Stimme: „Fassaden… sind aber nicht immer etwas Schlechtes, Kaoru-kun. Sie können einen vor Gefahren beschützen…“
      Ihr Blick wanderte zum Himmel. Sie waren dem Waldesrand mittlerweile so nah, dass man das Anwesen bereits aus der Ferne erkennen konnte.
      Ein leichtes Nicken folgte, als er Ayumi erwähnte. „Ja, du hast recht… sie wird sich sicher schon Sorgen um uns machen.“, korrigierte sie seine Aussage im Unterton sanft.

      Genau in diesem Moment kam ihnen Ayumi plötzlich wie aus dem Nichts entgegengerannt.
      „Emiko! Kaoru!“, rief sie und weitete die Augen, als sie die beiden sah – Kaoru, voller Blut und vollkommen erschöpft, und Emiko, ebenso müde, wenn auch mit deutlich weniger Blut.
      Sofort wanderten die Augen der Säule über Kaorus Gestalt und suchten sie nach Verletzungen ab. „Kaoru, Emiko – geht es euch gut?!“, fragte sie mit einer ungewöhnlichen Schärfe in der Stimme, die sich aber nur aus reiner Sorge hinein geschlichen hatte.
      „Seid ihr verletzt? Kaoru, wessen Blut ist das? Was ist passiert?!“, drängte sie weiter – ihre Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie jetzt sofort Antworten wollte.

      Ihre Hand ruhte am Griff ihres Katanas, während ihr Blick sich zum Wald wandte, der sich hinter ihnen mittlerweile in völlige Dunkelheit gehüllt hatte.

      ~~~

      „Aber du brauchst doch keinen Kleiderschrank, um dir einen neuen Kimono zu kaufen?“, sagte Kohane verwirrt und blickte zu ihm auf.
      „Du kannst dir doch einfach einen neuen Kimono kaufen und den alten entsorgen.“, fuhr sie fort, und es dauerte nicht lange, bis sie seine Gegenfrage beantwortete.
      „Katzen“, antwortete die junge Dämonin wie aus der Kanone geschossen. „Ich würde mir ganz viele Katzen kaufen.“, sagte sie voller Überzeugung, schüttelte dann aber leicht den Kopf, als sie die nächste Frage des Mondes hörte.

      Diesmal wurde ihre Stimme wieder ungewöhnlich leise. Selbst für Kohane. „Nein, war ich nicht. Man hätte mich doch sowieso nur verjagt.“, sprach sie leise und war in diesem Moment ganz froh, dass ihre Mundwinkel durch die Maske verdeckt wurden.
      Sie blieb stehen, als sie die Brücke erreichten und Jakuji plötzlich an ihrer Kapuze zog. Doch schnell verstand sie, dass es nur ein Vorwand war, damit er ihr noch etwas mitteilen konnte.

      Diesmal hörte sie ihm ungewöhnlich aufmerksam zu und nickte dann langsam, um ihm zu signalisieren, dass sie ihn verstanden hatte.
      „Und wenn ich gar nicht an deinem Kimono ziehen muss, bekomme ich zur Belohnung doppelt so viele Spieße.“, schlussfolgerte die junge Dämonin mit einem verschlagenen Grinsen unter der Maske.
      „Also, wenn es vorher 10 Spieße waren… dann liegen wir jetzt bei 25 Spießen.“, rechnete – oder vielmehr erriet – sie die neue Anzahl mit viel zu viel Selbstbewusstsein, als gut für sie war.
      Ob sie nun absichtlich oder unabsichtlich ganze fünf extra Spieße berechnet hatte, blieb wohl ein offenes Geheimnis. Es war nun einmal Kohane. Was sollte man anderes erwarten?
    • Der Junge antwortete erst einmal nicht mehr, denn irgendwie hatte seine Aussage, wegen der Schleife, eine ganz komische Wirkung entfaltet. Dabei wollte er ihr nur sagen, dass es nicht schade um die Schleife war.
      Plötzlich ergriff sie doch wieder das Wort und offenbarte ihm noch eine weitere Sache, die er nicht von ihr erwartet hatte. Und zwar, dass sie sich ebenfalls mit diesem Thema auseinander gesetzt haben musste. Doch um weiter in diese Thematik einzutauchen fehlte Kaoru schlicht die Kraft.
      Sein Ziel war es sie sicher bis ans Anwesen zu bringen.

      Es dauerte nicht mehr lange, da hatten die Beiden fast den Waldrand erreicht. Nur einen Augenblick später stand auch schon Ayumi vor ihnen. Verständlicherweise mussten die Beiden einen entsetzlichen ersten Eindruck hinterlassen. Doch selbst mit diesem Wissen, zuckte der Junge etwas zusammen, als die Lehrmeisterin mit scharfer Stimme nach den Umständen fragte.

      Kaoru bemühte sich seinen Blick im Gesicht seiner Lehrerin zu platzieren. Auf keinen Fall wollte er schwach oder verletzt wirken, auch wenn sein Körper etwas anderes vermuten ließ.
      "-Das Blut stammt von einem Bären. -Ich war gezwungen ihn zu töten. -Es gab keine andere, rationale Entscheidung, die ich hätte wählen können, ohne das Leben von Emiko-Chan zu gefährden. -Der Einsatz der Waffe war unausweichlich und im Angesicht der Umstände gerechtfertigt, Sensei" Gab er steif und mit klarer Stimme seinen Bericht ab.
      Um das Zittern seiner Hände besser zu verbergen, griff er zeitgleich hinter sich, so dass diese ineinander greifen konnten.

      Als er jedoch bemerkte, dass Ayumi die Hand bereits an ihr Katana gelegt hatte, blickte Kaoru kurz zu Emiko und anschließend zurück in Ayumis Gesicht.

      ---

      "Katzen?" Fragte die absteigende 6 verwundert. ...Erst Hunde, dann Katzen... Schoss es ihm durch den Kopf. Doch erinnerte er sich daran, was Kohane ihm vor ein paar Stunden im Luftschiff erzählt hatte. ...Sie sei kein Monster?... Aber wo wollte sie mit den Tieren hin? Die Dämonin schien noch immer tief in ihrer Menschlichkeit gefangen zu sein. Jakuji erkannte darin eine gewisse Parallele zu sich selbst. Das würde dann wohl sein Angriffspunkt werde, wenn es darauf ankäme sie schnell und sauber zu brechen. Nicht dass er das unbedingt wollte, doch wenn es um das Leben von Ayumi ging, war er bereit alle Schandtaten dieser Welt zu begehen.

      "Dann genieße es jetzt, solange du noch kannst." Antwortete er auf ihre Aussage, bezüglich der Stadt. Sollte sie ihre restliche Menschlichkeit nutzen um etwas Spaß zu haben. Solange das nicht die eigentlichen Ziele, seine Ziele, in Verzug brachte, wollte er großzügig sein. Denn wie sie schon selbst sagte: Er war zwar ein Dämonenmond aber kein Monster.

      "25? Erinnere mich daran dir rechnen beizubringen. Das ist ja peinlich: 15 und Ende." Beendete er die Verhandlung und schob sie etwas an. Mitten auf der Brücke blieb er erneut stehen und betrachtete einen Moment die Schönheit des Flusses und der Bäume. Die Fassaden der Häuser und das rot gestrichene Holz der Brücke, mit seinen goldenen Akzenten.
      Aber auch immer wieder die Menschen, die an ihnen vorbei gingen und teilweise sehr skeptisch drein schauten.

      Als er dies lange genug getan hatte, steuerte Jakuji wieder auf die Fressmeile zu. Der Stand, den sie erreichen wollten, lag nur noch ca. 60 Meter weit weg. Eine lange Strecke, wenn man alles im Blick behalten wollte. Hier und da entdeckte der Mond ein paar Gesichter, die ihm sonderbar bekannt vor kamen, doch es war noch zu früh um irgendetwas zu unternehmen. Zuerst wollte er weiter beobachten, bis sie sie am Stand warn. Dann könnte er weiter entscheiden.
      Außerdem hatte er Kohane etwas Versprochen, dass er auch einhalten wollte.
      Und so gingen sie weiter, bis sie den Stand erreichen würde.
    • Ayumi verfolgte aufmerksam jedes einzelne Wort, das von Kaoru gesprochen wurde, ohne ihren Blick ein einziges Mal von dem Wald hinter ihnen zu lösen.
      Doch egal, wie sehr sie sich auch auf eine dämonische oder feindselige Präsenz konzentrierte… sie konnte einfach keine – abgesehen von der Blutnadel, die Emiko noch immer bei sich trug – ausmachen.
      Sie biss die Zähne zusammen, löste dann aber langsam wieder ihre Hand vom Griff ihres Katanas, während ihr Blick schließlich zurück zu Kaoru und Emiko wanderte.

      Sie seufzte erleichtert, als sie hörte, dass es den beiden – mehr oder weniger – gut ging und dass sie zumindest nicht wirklich körperlich verletzt waren.
      Aber etwas an der Erzählung ihres Schülers ließ sie stutzig werden. Nicht, dass sie ihm nicht glaubte… aber die Dinge passten nicht ganz zusammen...
      Denn die Bären und die anderen Tiere dieses Waldes waren friedlich und hatten noch nie ein Mitglied der Dämonenjäger-Organisation angegriffen. Bislang lebten sie in einer friedlichen Koexistenz… wenn dem nicht so wäre, hätte die Säule die beiden niemals in den Wald geschickt und sie einer solchen Gefahr ausgesetzt.

      „Moment… du sagst, das Blut stammt von einem Bären?“, fragte sie noch einmal nach, um sicherzugehen, dass sie ihn auch richtig verstanden hatte.
      Nun war es Emiko, die das Wort ergriff und leicht nickte. „Ja…“, begann sie leise und schauderte bei der Erinnerung.
      „Ich hatte mich versteckt, wie du es angewiesen hast, als ich plötzlich gehört habe, wie sich jemand… oder eher etwas nähert. Ich habe vorsichtig aus meinem Versteck geschaut, weil ich vermutet habe, es könnte sich vielleicht um Kaoru-kun handeln. Aber dann stand plötzlich dieser riesige Bär vor mir…“, sprach sie, und mit jedem Wort wurde ihre Stimme ein klein wenig leiser.

      „Die Augen des Bären waren so… blutrünstig und wild… so etwas habe ich noch nie gesehen…“, sie atmete zitternd aus, und ihre Stimme wurde noch leiser. „Und wenn Kaoru-kun mich nicht rechtzeitig gefunden hätte… dann würde ich jetzt nicht mehr leben...“

      Ayumi konnte kaum glauben, was sie da hörte – auch wenn sie den beiden jedes einzelne Wort glaubte. Ihr Blick wanderte wieder zu Kaoru, und sie nickte anerkennend.
      „Du hast Emiko das Leben gerettet und somit bewiesen, warum du ein würdiges Mitglied der Dämonenjäger-Organisation bist. Dass der Bär sein Leben verloren hat, ist zwar bedauerlich, aber – wie du selbst bereits gesagt hast – im Angesicht der Lage unausweichlich gewesen.“, sprach sie mit ruhiger, sanfter Stimme, bevor ihr Gesichtsausdruck jedoch wieder uncharakteristisch ernst wurde.
      „Bis auf Weiteres untersage ich allen Mitgliedern dieses Anwesens, den Wald zu betreten. Ich werde noch heute Nacht Nachforschungen anstellen. Es hat noch nie einen Angriff gegeben und...mein Bauchgefühl sagt mir, dass irgendetwas nicht stimmt…“

      ~~~

      „Natürlich Katzen.“, dachte die junge Dämonin, als wäre es nicht offensichtlich, dass Katzen Hunden immer vorzuziehen waren.
      Dass ihr Lehrmeister dann aber die Verhandlung abänderte, gefiel Kohane so ganz und gar nicht. Und ihn daran zu erinnern, ihr das Rechnen beizubringen, würde sie erst recht nicht.
      Ihrer Logik nach hatte die errechnete Anzahl immerhin vollkommen Sinn ergeben. Vielleicht war ja der Meister derjenige, der einfach nicht rechnen konnte? Mit Sicherheit.

      Aber Kohane entschied sich dazu, dass es wohl besser wäre, einfach ihre Zunge zu halten. Nicht, dass Jakuja sich noch dazu entschied, die Dango-Spieße ganz aus ihrer Planung zu streichen.
      Aber gut… zur Not könnte sie sich auch einfach welche klauen. Immerhin hatte sie genug Übung darin. Das war wohl eines der ersten Dinge, die man im Waisenhaus lernen musste, wenn man nicht genug zu essen bekommen hatte...

      Als sie dann mitten auf der Brücke stehen blieben, nutzte auch Kohane den Moment, sich wieder ein wenig umzusehen. Auch ihr entgingen die teilweise skeptischen Blicke nicht, die ihnen von einigen Menschen zugeworfen wurden.
      Unter ihrer Maske streckte Kohane ihnen die Zunge entgegen und verzog das Gesicht gleichzeitig zu einer Grimasse. Natürlich konnte es niemand sehen – was die junge Dämonin natürlich gehörig auskostete.

      Als es dann aber endlich weiterging, konnte Kohane bereits den Stand mit den ersehnten Dango-Spießen aus der Ferne erkennen. Ihr lief schon das Wasser im Mund zusammen, und sie konnte es kaum erwarten, endlich welche essen zu können.
      Unbewusst beschleunigte die junge Dämonin ihren Schritt und entfernte sich für einen Moment von der Seite ihres Meisters.

      Und natürlich kam es, wie es kommen musste… die junge Dämonin passte einen winzigen Augenblick nicht auf und rannte sogleich in einen riesigen, stämmigen, alten Mann.
      Kohane landete auf ihrem Hintern, und der Mann drehte sich mit einem tödlichen Gesichtsausdruck um.
      „Kannst du nicht aufpassen, du dummes Gör?!“, donnerte seine Stimme los – deutlich erzürnt darüber, dass er durch Kohane seinen Sake über seinem Kimono verschüttet hatte.
      "Oh, na warte! Ich werde dir!-", begann er und holte dann bereits schon drohend mit seiner riesigen Hand aus.
    • Kaoru blickte immer wieder zwischen den beiden Frauen hin und her, als diese abwechselnd sprachen. Dass dieser Vorfall ihn nun zu einer Art Lebensretter gemacht hatte, wurde dem Jungen jetzt erst richtig bewusst. Doch anstatt Stolz auf seine Taten zu sein, sorgte der ganze Zuspruch zunehmend für ein gewisses Unbehagen in seiner Magengrube. Er war Dämonenjäger geworden um Dämonen zu töten. Da kam es natürlich vor, dass man irgendwann jemandem das Leben retten würde. Doch bisher hatte er nur Dämonen getötet, die nicht direkt das Leben eines Menschen bedroht hatten.
      Trotz allem war er sehr erleichtert darüber, dass die Lehrmeisterin seine Tat nicht weiter in Frage stellte und somit eine längere Disillusion aus blieb.

      Der Junge verneigte sich höflich vor Ayumi und ebenfalls vor Emiko. Letztendlich hatte er nur das getan was von ihm erwartet wurde. Nicht mehr und nicht weniger.
      Nachdem Ayumi ihre Ausgangssperre ausgesprochen hatte, nah er wieder Haltung an.
      "Ich werde euch gerne begleiten, Sensei." Signalisierte er seine Bereitschaft.

      Anschließend galt seine Aufmerksamkeit erneut Emiko, die noch immer die Haare offen trug.
      "Emiko-Chan. Würdest du mir bitte das Bad zeigen? Ich... halte das nicht mehr länger aus." Bat er mit leicht zitternder Stimme, die Hände noch immer auf dem Rücken miteinander verbunden. "Und... Meine Schuhe und der Kimono... die darf ich auch nicht vergessen." Fügte er mit etwas Verzögerung hinzu. Es war schwer zu sagen, was ihn gerade mehr beschäftigte. Die Erschöpfung, das Lob oder die Tatsache, dass er dieses Mädchen fast vor seinen Augen gestorben wäre.


      ---

      Jakuji bemerkte zu spät, dass Kohane sich verselbstständigt hatte, da er selbst damit beschäftigt war jedes einzelne Gesicht in der Umgebung zu scannen. Erst als er im Augenwinkel sah, wie die Dämonin zu Boden ging, realisierte er die Situation und verdrehte, auch wenn man es nicht sah, die Augen. "Mit den Fäusten, in Maßen." Ermahnte er seine Schülerin, so dass es der Mann auch gut hören konnte, dass die Frau die er gerade schlagen wollte auch zurück schlagen könnte.

      Der Dämonenmond hatte eigentlich nicht viel für solche Menschen übrig, denn ein paar einfache Worte hätten die Situation womöglich gewaltfrei gelöst. Daher war es ihm nur recht, dass Kohane nun auch lernen musste sich zu mäßigen. Sie wusste was er von ihr erwartete. Und auch wenn er etwas Bedenken hatte, dass sie über die Strenge schlug, so hatte wollte er diesem Drecksack nicht die Genugtuung geben seine Schülerin zu schlagen und damit ungestraft davon zu kommen.

      Vielleicht reichten auch schon die einfachen Worte, um den Angreifer abzuschrecken?
    • Ayumi schüttelte den Kopf. „Nein.“, sagte sie bestimmt, als Kaoru ihr anbot, sie wieder in den Wald zu begleiten.
      „Ich schätze dein Angebot sehr, Kaoru. Aber du hast bereits genug getan.“, sagte sie und blickte dann einen kurzen Moment zwischen Kaoru und Emiko hin und her, bevor sie schließlich leise, aber dennoch erleichtert seufzte: „Ruht euch aus. Wir werden morgen früh noch einmal in Ruhe darüber sprechen. Gute Nacht.“, fügte sie nun um einiges ruhiger hinzu, bevor sie sich abwandte und in den Wald ging.

      Emiko nickte zögerlich und blickte Ayumi noch einen Moment hinterher. „Gute Nacht…“, nuschelte sie leise, auch wenn es ihr nicht wirklich gefiel, dass Ayumi noch einmal alleine in den Wald ging. Aber sie ist eine Säule… sie wird schon wissen, was sie tut.
      Langsam blickte sie nun zurück zu Kaoru. „Natürlich, Kaoru-kun…“, antwortete sie und zog besorgt die Augenbrauen zusammen, als sie das Zittern in seiner Stimme hörte. „Wo hast du deine Schuhe und deinen Kimono gelassen?“, fragte sie und ließ ihren Blick einen Moment über den Trainingsplatz wandern, bevor sie beide Kleidungsstücke auch schon entdeckte.

      Sie ging darauf zu und beugte sich beim Aufheben leicht hinunter, sodass ihr ihre langen Haare ins Gesicht fielen. Mit einem Seufzen strich sie die Strähnen wieder zurück und blickte zu Kaoru.
      „Komm… ich habe deine Sachen. Lass uns hineingehen…“, sagte sie, und ihr Blick wanderte zu seinen Beinen, in denen noch immer zahlreiche – teilweise auch tiefe – Dornen steckten.
      „Und wir müssen uns gleich um deine Verletzungen kümmern… ganz egal, wie klein sie auch sind.“, murmelte sie und wandte sich bereits ab.

      Dann hielt sie jedoch inne, drehte sich wieder zu Kaoru um und hielt ihm zögerlich ihre Hand entgegen, damit er sie nehmen konnte, wenn er wollte.

      ~~~

      Der deutlich angetrunkene Mann hielt in seiner Bewegung inne und hob den Kopf, als er die Stimme von Jakuji hörte.
      „Was hast du gerade gesagt?! Was bist du denn für ein komischer Vogel?! Pass lieber auf, sonst werde ich dir auch gleich noch—“
      Doch so weit kam der Mann nicht.
      Denn kaum hatten die Worte Jakujis Lippen verlassen, war Kohane schon wieder auf die Beine gesprungen. Unter ihrer Maske hatte sich ihr Gesicht zu einem breiten, angriffslustigen Grinsen verzogen, als sie wortlos ausholte und ihrem Gegenüber einen deutlichen Schlag in die Magengrube versetzte.

      Der Mann keuchte überrascht auf und krümmte sich. Doch genau in dem Moment, in dem er sich vorbeugte, traf ihn Kohanes Knie mitten im Gesicht.
      Ein weiteres lautes Keuchen – was bei ihm beinahe an das Grunzen eines Schweins erinnerte – folgte, bevor er langsam zurücktaumelte und schließlich selbst zu Boden ging.
      „Ist ja gut, ist ja gut!“, japste er und hielt sich die Hand vor seine blutende Nase.

      Aber Kohane hatte noch nicht genug. Langsam ging sie auf ihn zu und hockte sich vor ihn, um ihm direkt ins Gesicht blicken zu können.
      „Wie war das? Ich glaube, ich habe dich nicht ganz verstanden. Hast du gerade meinen Meister bedroht? Wo bleibt denn die Entschuldigung?“, fragte sie und grinste noch etwas breiter unter ihrer Maske.

      Sie griff in die Haare des Mannes, holte mit der anderen Hand aus und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Und dann noch eine… und noch eine.
    • Kaoru ersparte sich dieses Mal eine höfliche Verbeugung, als die Säule sich verabschiedete. "Gute Nacht, Sensei." Erwiderte er kurz nach Emiko. Als sie sich nach der Kleidung des Jungen erkundigte, deutete er in die Richtung, in der all seine Sachen sauber zusammen gelegt lagen. Doch ehe er los gehen konnte, war sie schon davon gelaufen und hatte seine Kleidung eingesammelt. Langsam und mit Abstand, verfolgte er sie, bis sie sich hinunter beugte und ihre Haare erneut ein kleines Schauspiel vollführten.
      Erneut von dem Anblick irritiert, betrachtete er sie von den herab fallenden Haarsträhnen, über ihren Hinterkopf, den Rücken entlang, bis zu den Füßen. Als sie die Strähnen zurück strich, sprang sein Blick, fast automatisch, auf ihr Ohr, an dem die Finger mit einer sanften Bewegung die Haare entlang strichen.
      Das Herz in seiner Brust schien plötzlich viel schneller zu schlagen, als zuvor. Sein Gesicht schien nun ebenso zu brennen, wie die verletzten Beine. Und etwas unerwartet, rissen ihn die Worte der Bediensteten und ihr auffordernder Blick aus seiner Selbstanalyse.
      "Ich danke dir." Antwortete er, als sie seine Kleidung in den Händen trug.

      "Halt-Stop. Das war also kein Scherz um meine Reaktion zu testen?" Fragte er völlig fassungslos und meinte damit die Tatsache, dass sie bereits angedroht hatte seine Wunden gründlich versorgen zu wollen. Dass sie dies nun erneut ansprach, suggerierte ihm, dass sie es wohl ernst meinte. Da sie ihm bereits den Rücken zugedreht hatte, begann Kaoru bereits ihrem Schritt zu folgen, doch Emiko stoppte und drehte sich ein weiteres Mal zu ihm um. Plötzlich standen sie sich gegenüber. Dicht an dich. Zumindest sehr viel dichter, als es Kaoru generell bei anderen Menschen lieb war. Und da war sie. Eine kleine Hand, die ihm unscheinbar entgegen gereicht wurde.

      Etwas in seinem inneren brannte darauf sie anzunehmen. Aus seinem Unterbewusstsein kam jedoch ein viel lauteres Signal, dass ihn davor warnte. Zögernd blickte er die Hand und dann Emiko an. "Du bist mir nichts schuldig." Sprach er mit leiser Stimme und versuchte sich dabei wieder etwas zu sammeln. "Lass und einfach gehen..." Fügte er hinzu und schloss seine Hände erneut hinter dem Rücken zusammen.

      ---

      Die absteigende 6 betrachtete das Schauspiel, ohne nennenswerte Bewegungen zu vollführen. Er sah voller Anerkennung, dass seine Schülerin hart aber kontrolliert zu schlagen konnte. Dabei ihre Aura im Griff hatte und dem Typen eine Lektion erteilte.
      Dann aber, als sie ihn weiter Ohrfeigte, obwohl er bereits aufgegeben hatte, musste er eingreifen.
      Ehe die Hand der Jungen Dämonin noch ein weiteres Mal die dicken Backen des Herren treffen konnte, stoppte er diese mit einem beherzten Griff, in der Luft ab. "Es Reicht." Herrschte Jakuji mit starker Stimme. "Sehe ich aus, als bräuchte ich eine Entschuldigung von diesem Abschaum?" Fügte er hinzu und zog Kohane mühelos auf die Beine zurück.

      Die Menschen im engeren Umkreis hatten das Spektakel mit angesehen, einige waren auch stehen geblieben, doch niemand hatte sich ernsthaft geäußert oder einen den Eindruck gemacht einschreiten zu wollen. "Wir gehen weiter." Sagte er bestimmt und ließ dabei die Hand der Schülerin wieder los. Das Aufsehen war nicht gut. Jetzt hatte man sie möglicherweise im Blick. "Ich sagte: In Maßen. Ein Schlag in die Magengrube hätte völlig gereicht." Schimpfte er und biss sich anschließend auf die Zähne. Es war nicht leicht allen gerecht zu werden. Und an erster Stelle stand die Suche nach Ayumi.
    • Für einen einzigen Herzschlag schien die Welt zwischen den zwei Teenagern stehen zu bleiben. Nur der Wind flüsterte sacht in den Bäumen und der Wasserfall rauschte im Hintergrund.
      Emiko blickte in Kaorus Gesicht und dann auf ihre eigene Hand, die leer geblieben war.
      Ein weiterer Herzschlag verging, und langsam senkte Emiko ihre Hand wieder. „Wie du wünschst, Kaoru-kun…“, sprach sie leise, wobei ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern war.

      Langsam wandte sie sich ab und war froh, dass ihre knallroten Ohren diesmal von ihrem offenen Haar verdeckt wurden. Schweigend betraten sie wieder das Anwesen, das so still war, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
      Schweigend liefen sie den Flur entlang. Die Stille war für Emiko unerträglich, weshalb sie sich dazu zwang, wieder das Wort zu ergreifen.
      „Hast du vorhin… wirklich geglaubt, ich würde einen Scherz machen, als ich gesagt habe, ich würde mich um deine Verletzungen kümmern? Nur um deine Reaktion zu testen?“, fragte sie, bevor ihr wieder einfiel, dass Kaoru teilweise ziemlich… anders ist. Nicht im negativen Sinne, aber einfach… anders.

      Sie blieb vor der Schiebetür des Gemeinschaftsbades der Männer stehen und klopfte. Als keine Antwort kam, schob sie die Tür langsam auf. „Niemand hier…“, sprach sie leise und deutete Kaoru an, hineinzugehen.
      „Ich werde deine Schuhe und deinen Kimono in dein Zimmer bringen… und hole gleich etwas, mit dem wir die Dornen entfernen und uns um deine Verletzungen kümmern. Setz dich schon mal da hin.“, sagte sie und deutete auf einen der Hocker.

      ~~~

      Kohane wollte dem Mistkerl gerade eine weitere kräftige Ohrfeige verpassen. Hätte sie ihre volle und unkontrollierte Kraft eingesetzt, hätte es dem Mann wahrscheinlich den Kopf von den Schultern gerissen.
      Aber bevor sie einen weiteren Schlag setzen konnte, wurde ihre Hand plötzlich mitten in der Luft von ihrem Lehrmeister abgefangen.
      Die junge Dämonin erstarrte für einen Moment. Doch Zeit zum Protestieren blieb ihr nicht, da sie von Jakuji bereits auf die Beine gezogen wurde.

      Als er ihre Hand wieder losließ, schnaubte sie leise und grummelte etwas Unverständliches unter ihrem Atem, während sie trotzig neben ihm lief. Es war aber wohl ziemlich offensichtlich, dass sich die junge Dämonin eine andere Reaktion von ihrem Lehrmeister erhofft hatte.
      "Ich hab mich doch zurückgehalten.", antwortete sie und hatte ziemliche Mühe, ihren Tonfall nicht allzu schnippisch werden zu lassen.
      Mit einem weiteren lauten Ausatmen durch die Nase wandte sie ihren Blick ab und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
    • Es kam Kaoru wie eine Ewigkeit vor, bis die kleine Hand endlich wieder an ihrem Platz war und Emiko zustimmte weiter zu gehen. Er war relativ sicher, dass das Mädchen einfach unter Schock stand oder schlicht weg eine Art übermäßige Dankbarkeit verspürte. Egal was es war. Sie verhielt sich plötzlich ganz anders. Doch er selbst verhielt sich auch anders? Vermutlich hatte der Angriff bei beiden Spuren hinterlassen.

      Kaoru folgte dem Mädchen ins Haus und versuchte dabei wieder etwas mehr Abstand zu ihr zu halten. Sein innerer Monk beantwortete in Gedanken die Frage der Angestellten mit: ...Sonst hätte ich das nicht gesagt... Doch die seltsame Spannung zwischen den Beiden jungen Leuten bremste diesen Impuls, so dass der Junge nur einmal durch atmen musste und antwortete: "Das ist korrekt."

      Als sie die Tür zum Bad öffnete, warf der Dämonenjäger sofort einen schnellen Blick hinein. Das war auch nicht weiter schwer, denn mit wenig Mühe konnte er über den Kopf des Mädchens hinweg sehen. Bei ihrer Anweisen, folgte sein Blick ihrem Deuten und landete auf einem der Hocker. Schließlich nickte er kurz und spähte schon nach einem Eimer und einem Handtuch, um sich dieses ekelhafte Blut vom Körper zu waschen, doch was wenn Emiko plötzlich herein kommen würde? Diesen Anblick konnte er niemals Rechtfertigen. Man würde ihn für einen Exhibitionist halten und aus der Vereinigung werfen.

      Unwillig nahm Kaoru, wie es ihm gesagt wurde, Platz. Er war sich sicher, dass er seine Wunden auch selbst versorgen konnte, also warum legte Emiko so viel Wert darauf seine Wunden zu versorgen? Wollte sie ihn foltern? Oder sich für die Schleife rechen? Oder den Tee? Oder die Komplimente?
      Sichtlich angespannt wartete er darauf, dass das Mädchen zurück kommen würde.

      Ob sie sich wirklich um ihn sorgte? Denn schließlich hatte auch er sich Sorgen um ihr Wohlergehen gemacht. Und das obwohl sie sich die ganze Zeit über schon nicht besonders gut verstanden hatten...
      "Emiko-Chan? Ich bevorzuge es für gewöhnlich etwas mehr Abstand zu meinen Mitmenschen zu halten. Nur deshalb... dachte ich du würdest dir einen Scherz erlauben. Ich wollte nicht deine guten Absichten in Frage stellen, sonst würde ich nicht mehr hier sitzen." Gestand er ihr mit ungewöhnlich schnellen Worten, als wolle er eine Last abwerfen.

      ---

      Jakuji musste sich beherrschen nicht die Fassung zu verlieren. "Es geht hier nicht um dich oder mich. Wenn das hier schief geht dann... dann... ich weiß nicht was dann ist? Ich will es gar nicht wissen..." Seine Hände blieben einen Moment zu Fäusten geballt, doch seine Aura ließ sich nichts anmerken. Nur weniger Meter Weiter war der Spieße Stand, an den sie gelangen wollten.

      Die absteigende 6 nutzte die Zeit um noch einem durch die Gesichter der Menschen zu blicken. Doch erneut blieb der Erfolg aus eines der Gesichter zu finden, das er suchte. Vielleicht musste er seinen Plan nun doch aufgeben und zu Plan B wechseln.
      Am Stand angekommen, sah der Dämon seine Schülerin ernst an, doch wie die ganze Zeit schon, konnte sie dies nicht sehen.
      "Wie viele Spieße hast du dir verdient?" Fragte er, doch war von seiner Wut keine Spur mehr übrig.
    • Emiko wollte sich gerade abwenden, um – wie sie es bereits gesagt hatte – den Kimono und die Schuhe von Kaoru-kun in sein Schlafzimmer zu bringen.
      Ihre Gedanken kreisten sich noch immer um seine Worte. Wer – um alles in der Welt – würde denn jemandem seine Hilfe nur zum Test anbieten? Nur um die Reaktion eines anderen zu prüfen? Sowas machte man doch nicht...

      Sie war gerade dabei, das Herren-Gemeinschaftsbad zu verlassen, als Kaoru wieder das Wort ergriff und sie dadurch innehalten ließ. Langsam drehte sie sich wieder zu ihm um und hörte zu, was er zu sagen hatte.
      Er erklärte sich – warum er geglaubt hatte, dass sie sich vielleicht einen Scherz erlaubt hatte. Und dass er normalerweise etwas mehr Abstand zu seinen Mitmenschen hielt.
      Unweigerlich fragte sich Emiko, wie wohl seine Vergangenheit aussah. Ob er schon immer so gewesen war... oder ob er irgendwann durch einen bestimmten Grund so geworden ist?

      Sie schwieg einen ganzen Moment und blickte ihn einfach nur an, bevor sie schließlich langsam nickte.
      "Über solche Dinge macht man keine Scherze. Und wenn jemand ernsthaft solche Scherze macht, sollte er sich in Grund und Boden schämen... oder gleich zur Hölle fahren.", sagte sie, stockte dann aber, als sie selbst bemerkte, wie sehr ihre Worte eskaliert waren.
      Sie räusperte sich verlegen, zeigte aber sonst keine weitere Reaktion, dass sie ihre Worte bereute.

      "Ich bin gleich wieder da... bitte behalte deine Hose noch an, aber krempel deine Hosenbeine etwas weiter hoch, damit ich besser an die Dornen komme.", sagte sie, verließ das Gemeinschaftsbad und schloss die Schiebetür hinter sich.

      ~~~

      Noch immer hatte die junge Dämonin ihre Arme vor der Brust verschränkt und den Blick abgewandt.
      „Es geht hier nicht um dich oder mich.“ – wiederholte sie seine Worte in Gedanken.
      Um wen sollte es denn sonst gehen? Der Mann hatte es schließlich als Erster gewagt, die Hand – wenn auch erfolglos – gegen Kohane zu erheben, und dann auch noch die Dreistigkeit besessen, ihren Lehrmeister – die absteigende Sechs, einen Dämonenmond! – als „komischen Vogel“ zu bezeichnen.
      Aber nein, „es ging ja weder um sie, noch um ihn“.

      Kohane biss sich auf die Zunge. Sie wusste mittlerweile, dass es wenig brachte, mit einem der Monde zu diskutieren. Wäre sie nur stärker, hätte sie vielleicht weiter Kontra gegeben. Aber zum aktuellen Zeitpunkt war sie schlichtweg nicht in der Position. Schon allein, wenn man den Altersunterschied bedachte.

      Erst, als sie endlich an dem ersehnten Stand ankamen und sie Jakujis Frage hörte, blickte sie langsam wieder zu ihrem Lehrmeister. In ihren Augen glitzerte noch immer eine Spur von Rebellion, wenn auch deutlich schwächer als zuvor.
      „Der Mann hat seinen Kopf behalten.“, sprach sie das offensichtliche so leise aus, dass nur er sie hören konnte. „Also 15 Stück. So wie du es versprochen hast.", sagte sie, fügte dann aber noch ein leises, kaum hörbares "...bitte.", hinzu.
    • Kaoru staunte nicht schlecht, als er hörte wie sich Emiko zu seiner Erklärung äußerte. Ihre Worte klangen äußerst kraftvoll und überhaupt nicht nach ihr. Zumindest nicht so wie er sie sich zu Beginn vorgestellt hatte.
      Erneut stürzte er sich in seine Gedanken, doch als sie meinte er solle seine Hose an lassen, horchte er erschrocken auf.
      "Ja, natürlich. Mach dir keine Sorgen." Versicherte er ihr in einer ruhigen Tonlage.
      Nichts lag im ferner, als sich auf diese Art vor ihr zu entblößen.


      Es kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor, dass die Bedienstete unterwegs war, doch das gab ihm die Zeit noch einmal alles zu überdenken. Zu dem bemerkte er, dass er sein Schwert noch immer an der Hüfte trug. Dieses schnallte er ab und platzierte es an der Wand. Dabei fiel sein Blick in den kleinen Spiegel. Prüfend fuhr er sich durchs Gesicht und betrachtete anschließen sein blutiges Hemd. Der Anblick widerte ihn so sehr an, dass er sein Hemd aus zog und über den Spiegel warf. Anschließen schlug er seine Hosenbeine noch etwas weiter nach oben, damit Emiko auch ihre Arbeit erledigen konnte.
      Emiko. Kaoru seufzte tief, denn immer wenn sie fort war, kreisten seine Gedanken in ihre Richtung. Und wenn sie hier war, dann klebte sein Blick ununterbrochen an ihr. Doch als sie ihm ihre Hand anbot, da hatte er gezögert. Warum eigentlich? Nur aus Angst, ihre Motive hätten ein Problem darstellen können? Nein... Wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann wusste er es ganz genau.
      Es war die Situation im Wald. Jeder Mensch, der ihm je nahe gekommen war, wurde von einem unglaublich schrecklichen Schicksal ereilt. Dass es sich hier nicht um einen Fluch handelte, da war sich der Junge sehr sicher. Denn sein damaliger Meister lebte schließlich noch. Und auch andere Personen die ihn berührt hatten. Seine Befürchtung war es, dass alle, die er mochte eines Tages plötzlich verschwinden könnten. So wie es mit seinen Eltern, Geschwistern und Großeltern geschehen war. Er hatte niemanden mehr.
      Nur sich selbst. Und nur er konnte sich blind vertrauen.

      Zumindest dachte er bis vor ein paar Tagen noch so. Ayumi hatte ihn aufgenommen und ihr Wort bisher nicht gebrochen. Sie zeigte deutlich, dass er ihr in irgend einer Weise wichtig war. Ob das nur beruflich oder auch privat war, spielte für den Jungen keine Rolle. Für ihn zählte hier aktuelle eher der berufliche Aspekt.
      Bei Emiko war er sich nicht ganz sicher. Mit gar nichts. Sie brachte alles aus dem Gleichgewicht. Riss seine Mauern ein und nun... lief sie Gefahr einer der Menschen zu werden, der potentiell ausgelöscht werden könnten. Doch wie sollte er sich gegen dieses Muster zur Wehr setzen?

      Ratlos lehnte er sich auf seinem Hocker zurück und begann seine Schläfen zu massieren. Ein stechender Schmerz war mittlerweile in seinem Kopf entstanden. Und Hunger hatte er auch, doch hatte er nicht vor Emiko um etwas Essen zu bitten. Sie sollte sich lieber ausruhen. Essen konnte er auch morgen früh oder auch ein paar Tage später. Hunger war nur eine Reaktion des Gehirns.

      ---

      Die absteigende 6 beugte sich etwas vor, um die Worte seiner Schülerin besser hören zu können. Doch anstatt sie für ihre Fehler noch weiter zu monieren, klopfte er ihr sanft auf die Schulter. "Das stimmt. Und ich darf dir nicht die Schuld dafür geben, dass mein Plan nicht funktioniert hat. Auch wenn ich mir etwas mehr Diskretion gewünscht hätte. Also merkst du dir jetzt, was es bedeutet, wenn ich sage, dass du dich in Maßen wehren darfst." Antworte er ihr in so ruhig und leise, dass ihre Masken sich fast berühren mussten, um zwischen den Geräuschen der Straße noch etwas zu verstehen.

      Schließlich ging er wieder auf Abstand und wartete auf die Hochrechnung der Spieße. "Ok, Dann 16 Spieße bitte." Sagte Jakuji zu dem Händler am Stand und schob ihm ein paar Münzen zu. Dieser ging direkt an die Arbeit und stapelte die Süßspeisen auf ein kleines Tablett, welches seinen Weg über den Tresen des Wagens nahm.

      Einen der Spieße nahm sich der Dämon direkt herunter und schob sich diesen, etwas kompliziert unter die Maske, damit er ungesehen essen konnte. Die Anderen überließ er seiner Schülerin. Der dampfende Teig war wunderbar heiß und süß.
      Die Soße war ebenfalls sehr angenehm im Mund. Ach, wie lange war es her, dass er hier gegessen hatte?
    • Mit wirbelnden Gedanken schritt Emiko durch den langen Gang. Die Holzdielen unter ihren Füßen knarrten ungewöhnlich laut in dem sonst so stillen Haus.
      Wer hätte nur gedacht, dass der Tag – dieses Training – eine so drastische Wendung nehmen würde? Ein zitternder Atemzug entwich ihren Lippen, als ihr erneut bewusst wurde, dass sie nur knapp dem Tod entkommen war.
      Und dass es Kaoru-kun gewesen ist, der ihr das Leben gerettet hatte. Wäre er nicht gewesen... hätte er diesen Bären nicht im letzten Moment getötet… hätten ihre Eltern sie zu Grabe tragen müssen.

      Ein weiterer zitternder Atemzug folgte, als sie an ihre Familie dachte – an ihre Eltern und ihren kleinen Bruder, die sie schon viel zu lange nicht mehr gesehen hatte. Vielleicht sollte sie sie bald wieder besuchen gehen… oder sie ins Anwesen einladen. Sie sollten wissen, dass Kaoru-kun ihr das Leben gerettet hat.

      Endlich erreichte die junge Bedienstete das Schlafgemach von Kaoru. Ihr Blick wanderte unweigerlich zum Türrahmen, suchte nach der Origami-Blume, die er am Morgen für sie gefaltet hatte.
      …Moment mal… für sie?
      Emiko schüttelte hastig den Kopf, um den Gedanken loszuwerden. Kaoru hatte die Blume nicht für sie gefaltet – sondern lediglich, damit sie wisse, wann sie sein Zimmer betreten durfte und wann nicht. Das war etwas völlig anderes.

      Da die Blume nicht am Türrahmen hing, betrat Emiko sein Schlafgemach. Immerhin wusste sie, dass er sich gerade nicht darin befand.
      Ordentlich legte sie seine Schuhe und seinen Kimono an den Kleiderschrank. Für einen Moment überlegte sie, ihm gleich frische Kleidung mitzubringen, doch sie zögerte.
      Auch wenn sie es nur gut meinte… wäre es nicht trotzdem ein Eingriff in seine Privatsphäre? Würde sie es mögen, wenn jemand ungefragt in ihren Sachen wühlte? Nein, vermutlich nicht. Dann würde Kaoru es erst recht nicht mögen.

      Also wandte sie sich wieder ab – nicht jedoch, ohne vorher noch einen letzten Blick auf die Origami-Blume zu werfen, die auf dem Schreibtisch lag...

      ...

      Es vergingen einige Minuten, bis sie schließlich wieder – nun mit einem Erste-Hilfe-Kasten in den Händen – vor dem Herren-Gemeinschaftsbad stand.
      Sie stürmte nicht sofort hinein, sondern hielt kurz inne, um tief durchzuatmen.
      Warum… warum war mit Kaoru nur alles so anders? Wie schaffte er es immer wieder, sie wegen der kleinsten Dinge so aus der Fassung zu bringen? Warum fühlte sie sich in seiner Gegenwart so anders..?

      Diesmal unterdrückte sie ein Seufzen, hob die Hand und klopfte leicht an den Türrahmen. „Kaoru-kun? Darf ich reinkommen?“, fragte sie mit leiser, aber klarer Stimme.

      ~~~

      Kohane zuckte erschrocken zusammen, als ihr Lehrmeister ihr plötzlich… sanft auf die Schulter klopfte. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet.
      Wäre es eine weitere scharfe Bemerkung oder gar eine Ohrfeige gewesen, hätte sie vermutlich nur frech zurückgegrinst – doch diese unerwartete Freundlichkeit nahm ihr den Wind aus den Segeln.

      Anstatt zu meckern, bekam sie freundliche Worte zu hören. Das verdutzte sie nur noch mehr.
      „J-ja, okay...“, murmelte sie in einem ungewohnt ruhigen Ton. Ihre Stimme klang fast klein, als wäre sie noch immer nicht sicher, wie sie damit umgehen sollte.

      So stand sie etwas verloren neben Jakuji, während er die Spieße bestellte. Immer wieder glitt ihr Blick zu ihm, dann wieder auf ihre Füße, wo sie mit der Schuhspitze einen Kieselstein hin- und herschob.
      Als Jakuji ihr schließlich das Tablett mit der Süßspeise reichte, betrachtete sie kurz die ungleiche Menge. Normalerweise hätte sie direkt gierig zugegriffen – doch diesmal hielt sie inne.

      „Möchtest… möchtest du wirklich nur einen haben?… Ich geb dir welche ab, damit wir gleich viele haben…“
    • Die Stimme der Bediensteten dran leise an seine Ohren. Kaoru warf sich das blutige Oberteil wieder über, nachdem er versucht hatte damit die Spuren des Blutes vom Spiegel ab zu wischen, die das verschmutze Hemd auf diesem hinterlassen hatte. Anstatt sie herein zu bitten, tapste er durch den Raum und öffnete dem Mädchen die Tür.
      Es blieb nicht aus, dass er sie erneut musterte. Ebenso den Kasten, den sie in ihren Händen trug. Schließlich trat er etwas zur Seite, damit das Mädchen auch in den Baderaum eintreten konnte. "Tritt bitte ein, es ist noch immer niemand hier, außer uns." Sagte er ruhig und begab sich brav an seinen zugewiesenen Platz zurück.

      Ein bisschen mulmig war ihm schon zu mute, denn er wusste, dass Emiko nun ihr Ding erledigen wollen würde. Es war dieses Mal nicht die Angst, vor der Nähe. Viel mehr eine subtile Art der Freude, dass sie wieder hier war. Ein Widerspruch in sich, wie der Junge fand.
      "Machst du das öfter, Emiko-Chan? Also gehört das auch zu deinen Aufgaben, hier im Anwesen?" Erkundigte er sich vorsichtig, um seine Gedanken nicht in der Stille aus sitzen zu müssen. Eigentlich eine völlig überflüssige Frage, doch empfand er die Lage aktuell noch unangenehmer, als eine unnötige Konversation es je sein könnte.

      ---

      Der Dämonenmond hatte bereits aufgegessen, als ihm Kohane ihre Spieße an bot. Was genau sie damit erreichen wollte, konnte er nicht sagen. Auch den Elch hatte sie bereits versucht mit ihm zu teilen. Ihr Verhalten war teilweise äußerst untypisch für einen Dämonen, doch vielleicht auch einfach die Nachwirkung ihrer Menschlichen Vergangenheit. Doch da bemerkte Jakuji einen Fehler in seiner Denkweise. Sie hatte früher keine Freunde mit denen sie hätte teilen konnte.

      Der erste Impuls, der den Dämonen erreichte, war der Drang ihrem Angebot um jeden Preis den Wert zu nehmen oder es abzulehnen. Denn unter den Dämonen war nichts umsonst. Alles hatte einen Haken.
      Der zweite Impuls, der deutlich mehr Kraft hatte, war es ihr Angebot anzunehmen und ihre freundliche Geste zu würdigen. Etwas in Jakuji wünschte sich ihre schlechten Erfahrungen nicht erneut zu bestätigen.

      Zögernd nahm er einen weiteren Spieß von ihr an, aß ihn jedoch nicht direkt. "Echt... nett von dir... Kohane..." Bedankte er sich mit einer weichen, fast menschlichen Stimme. Die Spieße hatte Haruto damals sehr gerne gegessen, doch meistens blieben ihm nur die, die andere nicht mehr geschafft hatten. Als Dämon konnte er theoretisch so viele essen wie er wollte, doch sie erinnerten ihn viel zu sehr an eine gewisse Freundin. Ob sie auch ein Essen hatte, dass sie an ihn erinnerte? Darüber hatten sie nie gesprochen. Es gab so vieles, worüber sie noch sprechen mussten.
      Schließlich aß der Dämon seinen Spieß, ganz langsam und sehr nachdenklich, fast als würde er ihm einen besonderen Wert zuschreiben und diesen versuchen zu würdigen.
    • Geduldig wartete Emiko auf eine Antwort von der anderen Seite der Schiebetür. Doch anstatt eine Antwort zu erhalten wurde diese von Kaoru selbst aufgeschoben.
      Und kaum stand der junge Dämonenjäger wieder vor ihr... begann ihre Gedanken wieder in viele verschiedene Richtung gleichzeitig zu wandern.
      Als er zur Seite trat, damit sie eintreten konnte, nickte sie langsam. "Ja... danke, Kaoru-kun.", antworte Emiko mit ihrer üblich genuchelten Stimme, bevor sie das Herren-Gemeinschaftsbad betrat und die Schiebetür wieder hinter sich zu schob.

      Nachdem sie die Schiebetür sicher hinter sich zugeschoben hatte, folgte sie ihm zu dem Hocker auf dem er sich bereits wieder niedergelassen hatte.
      Ihr Blick wanderte wieder auf seine Beine, die sie nun ein wenig genauer musterte. "Sieht wahrscheinlich schlimmer aus, als es wirklich ist. Trotzdem sollten wir aufpassen, dass kein Dreck in deine Wunden gelangt." nuschelte sie, auch wenn mehr zu sich selbst.
      Sie stellte den Erste-Hilfe-Kasten neben seinen Hocker ab und setzte sich dann gerade vor Kaorus Hocker um einen noch besseren Blick auf seine Beine zu haben.
      Als sie seine Worte hörte hielt inne und blickte langsam zu ihm auf. "O-oh...nun...", begann sie und strich ein paar ihrer Haare zurück hinter die Ohren.
      "Nicht so direkt... aber wenn jemand sichtlich Hilfe braucht... warum sollte man diese nicht anbieten?...", fragte sie leise, während sie ihren Blick wieder abwendete und den Erste-Hilfe-Kasten öffnete. "Es-...es fühlt sich einfach richtig an, dir zu helfen, weißt du?", fragte sie leise, ohne ihn nochmal anzublicken.

      ~~~

      Kohane wandte ihren Blick langsam wieder von ihrem Lehrmeister ab, als er tatsächlich einen der Spieße akzeptierte. Dann nickte nur leicht. „Schon gut… aber erzähl das bloß niemand, hörst du? Sonst leidet noch mein schlechter Ruf darunter. Wenn dieser blöde Doji davon hört, denkt er noch, ich wäre weich geworden. Und wenn Benkei das mitbekommt, wird er es wahrscheinlich auch denken…“, murmelte sie, nahm sich dann selbst einen Spieß und schob ihn unter ihre Maske, um ihn zu essen.

      Mit den Zähnen zog sie die erste Kugel ab und kaute langsam darauf herum, während ihr Blick wieder über die Fressmeile wanderte. Ganz instinktiv prüfte sie die Umgebung nach stärkeren Präsenzen.
      Doch alles schien ruhig zu sein. Keine Jäger – zumindest soweit die junge Dämonin es beurteilen konnte.

      Wieder wanderten ihre Gedanken zu Benkei und den anderen. Ob sie wohl alleine gegen Doji und seine Handlanger klarkamen? Wenn Doji es gewagt haben sollte, auch nur einen Fuß in ihr Territorium zu setzen… würde sie ihm persönlich den Kopf von den Schultern reißen...
    • Kaoru blickte immer wieder auf, um das Mädchen nicht unentwegt an zu starren. Doch schien sie so sehr mit seinem Bein beschäftigt zu sein, dass er einfach auf ihren braunen Haarschopf blickte. Ihre Antwort auf seine Frage war etwas anders, als er es erwartet hatte. Doch deswegen nicht weniger beruhigend.
      "Es.. Fühlt sich nicht falsch an... deine Hilfe anzunehmen...weißt du?" Entgegnete er mit ebenso leiser Stimme. Der Junge konnte nicht genau sagen was gerade in ihm vor ging. Wahrscheinlich wollte er ihr nur signalisieren, dass alles in Ordnung war, was sie tat. Dass er sie dieses Mal nicht einfach stehen lassen würde, wie gerade eben, als er ihre Hand abgewiesen hatte.

      "Als dieser Bär dich angegriffen hat, habe ich etwas gespürt, dass ich längst vergessen hatte." Kaoru stoppte seine Erzählung, um sich eine Sekunde darauf zu konzentrieren, was Emiko da mit seinem Bein veranstaltete. "-Angst und -Wut.... Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann meine Konditionierung zuletzt so sehr versagt hat. -Das hat sie Eigentlich nie, doch sie versagt auch jetzt gerade... ich erzähle viel... zu viel... das ist... gefährlich..." Beendete er seine Erzählung und konnte nicht aufhören ihr bei der Arbeit zuzusehen.

      Er fühlte sich nicht unbehaglich in ihrer Nähe. Sein Bauch war plötzlich ganz warm und seine Hände ungewöhnlich verschwitzt. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Wenn er es nicht besser wüsste, dann hätte er behauptet mit Tollkirschen vergiftet worden zu sein, denn auch der Kopf des Jungen schien etwas hängen geblieben zu sein.


      ---

      Jakuji zuckte mit den Achseln. "Was soll ich nicht erzählen?" Antwortete er, als wäre nichts passiert.

      Doch plötzlich gefror ihm wortwörtlich das Dämonenblut in den Adern. Ein blonder Herr, überdurchschnittlich fein gekleidet, hatte sich direkt nach ihrem Gespräch ebenfalls an den Stand gesellt und ein paar Spieße für sich uns seine reizende Begleiterin bestellt.
      "Ein herrlicher Tag, um die Schönheit dieser Stadt zu bewundern, nicht wahr?" Sagte der Blonde mit einem fröhlichen Lächeln auf den Lippen, als er seine Bestellung mit seiner Begleitung teilte. Dabei galt sein durchdringender Blick allerdings eindeutig der absteigenden 6.

      Jakuji schien wie versteinert, doch verneigte er sich plötzlich sehr förmlich. Er hatte nichts gespürt. -Kein Bisschen. Wie konnte ihm nur dieser Fehler unterlaufen? Hatte er seine Konzentration so sehr auf Kohane gerichtet, dass er nicht einmal bemerkt hatte, dass der Meister direkt in seiner Umgebung war? Nein. Selbst jetzt war nichts wahrzunehmen. Er musste die geringe Präferenz seiner Schülerin wahrgenommen haben. So ein Mist!
      "Wie wahr. -Eine einfache Exkursion, auf höchstem Niveau. Ganz nach euren Vorstellungen, Meister." Beantwortete er die erst unscheinbar klingende Frage des Blonden Mannes, wobei Jakujis Fuß Kohane einen kleinen Tritt gegen den Knöchel gab, damit diese den Wink auf ja verstand.

      Der blonde Madou, der in seiner jetzigen Gestalt ohne zweifel wie ein einfacher Mensch wirkte, war nur sehr wenigen Dämonen in dieser Form begegnet. Die 12 Monde waren jedoch alle ohne Ausnahme eingeweiht, denn oft nutzte Madou diese Gestalt, um sie bei ihren Machenschaften zu beobachten oder zu unterstützen. Das wiederum konnte auch der Grund sein, weshalb er aktuell in dieser Stadt war. Die Spione und Mittelsmänner, die hier zu finden waren, unterstanden alle dem netten blonden Herren. Die Mondes hatten lediglich einen Anteil. Und Jakuji noch ein paar Gefallen, die er eigentlich vor hatte einzufordern. Doch jetzt stand nicht nur der Plan auf der Kippe, sondern sein gesamtes Vorhaben drohte auf zu fliegen.

      "Oh ja! Ich konnte mich eben schon von den Qualitäten dieser Exkursion überzeugen. Sehr vorbildlich und äußerst effizient." Lobte Madou die Beiden und sah dabei Kohane mit diesem bestätigenden Blick an, dem Jakuji die letzte Jahre immer hinterher gerannt war, wie ein Hund den Resten vom Tisch. Die Art, wie er versuchte mit Anerkennung Leistung zu fordern war subtil, doch äußerst effektiv. Und die meisten Dämonen, Jakuji inbegriffen, verfielen dieser Forderung unwissentlich.

      Die absteigende 6 verneigte sich erneut und wusste nichts mehr darauf zu antworten, doch der Blonde hatte schon den Arm seiner Begleitung eingehakt und war im Begriff weiter zu ziehen. "Komm. Schätzchen. Wir haben gleich einen wichtigen Termin, der nicht warten darf." Und mit einer seichten Handbewegung verabschiedete sich der Edelmann von den beiden Maskierten und dem Standbetreiber. Hätte man unter die Maske des Dämonen blicken können, so hätte man vermutlich das Entsetzen auf seinem Gesicht gesehen. War er nun aufgeflogen? Um was ging es bei diesem Termin? Um Ayumi? Hatte man sie geschnappt? War sie in Gefahr?