a moon between us [by Akkubird & yuyuumyn]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Ganz langsam nahm Emiko wieder die Hand von ihren Augen – erleichtert, dass Kaoru tatsächlich bereits angezogen war.
      „Oh, ich… entschuldige bitte, ich wollte nicht einfach so hereinplatzen. Tut mir leid.“, nuschelte sie etwas verlegen und kaum verständlich.
      Dann fiel ihr Blick auf die gefaltete Blume in seinen Händen, die er gerade in den äußeren Rahmen seiner Tür steckte. Wie so oft war Emiko nicht besonders gut darin, ihre Gedanken zu verbergen – ihre Augen weiteten sich überrascht. „Du kannst Origami? Beeindruckend! Ich wollte das auch immer lernen, aber ich hab dafür zwei linke Hände.“
      Zur Bekräftigung hob sie ihre Hände – die aber vollkommen normal waren. Sie senkte sie wieder und hörte ihm aufmerksam zu, als er erklärte, dass sie jederzeit eintreten dürfe, solange die Origami-Blume sichtbar am Türrahmen hängt.
      Emiko nickte leicht – doch bei seinem darauffolgenden Satz lief sie sichtlich rot an:

      „Im Gegenzug garantiere ich für die Unschuld deiner Augen.“

      Bevor sie überhaupt nachdenken konnte, platzte es schon aus ihr heraus: „W-Woher willst du denn wissen, ob meine Augen unschuldig sind?!“
      Und im selben Moment bereute sie ihre Worte bereits zutiefst. Hastig drehte sie sich weg, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte.
      „I-ich bring dich jetzt zu Ayumi. Beeil dich bitte, Kaoru-kun!“
      Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sie sich schon in Bewegung und machte sich hastig auf den Weg zum Trainingsplatz, wo Ayumi bereits auf die beiden am Wasserfall wartete.

      Die Säule saß bereits im Schneidersitz im weichen Gras, die Augen geschlossen. Sie nutzte den Moment der Ruhe, um ihre Gedanken zu ordnen und über den wiederkehrenden Traum nachzudenken.
      Ein Albtraum – einer, der sie Nacht für Nacht quälte, als wolle er sie absichtlich brechen. Und doch weigerte sich Ayumi, ihn als Albtraum zu bezeichnen. Denn immerhin… konnte sie in ihm Haruto wiedersehen...


      ~~~


      „AUAAA!“ jammerte Kohane laut auf, als sie plötzlich von den harten Holzkugeln getroffen wurde. Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte sich die junge Dämonin zu ihrem Lehrmeister um. „Wofür war das denn jetzt?! Du blöder Penn—“, keifte sie, hielt aber rechtzeitig inne und ersparte sich – zu ihrer eigenen Sicherheit, versteht sich – den Rest des Satzes.Erneut verzog sie das Gesicht, als eine falsche Bewegung schmerzte, und ein trotziger Ausdruck legte sich auf ihre Züge.
      „Ich hab doch heute schon was gelernt! Schau dich doch mal um – oder hast du das schon wieder vergessen?! Für einen Lehrmeister hast du aber wirklich das Gedächtnis von seinem Sieb!“

      Sie schnaubte und schien sich kaum um seine donnernde Stimme zu kümmern. Vielmehr schien sie sie eher zu ermutigen, noch eine Schippe draufzulegen.
      Also streckte sie ihm für einen kurzen Moment frech die Zunge heraus und wühlte weiter im Gerümpel herum. „Oder hast du etwa Angst, dass ich etwas finde, das ich nicht finden soll?“
      Ein breites Grinsen legte sich auf ihr Gesicht, während ihre Fantasie bereits auf Hochtouren lief, was das wohl alles sein könnte.
      „Mhmm… ein Tagebuch?“
      Sie zog eine Augenbraue hoch und kicherte leise. „Nein, ich bezweifle, dass du überhaupt schreiben kannst…“
      Ihre Finger wühlten weiter im Gerümpel. „Dann vielleicht verbotene Schriftrollen?… oder ein altes Stofftier?… eine geheime Waffe?… oh!"
      Ihre Augen funkelten nun richtig. „Oder vielleicht … das Porträt deiner Geliebten?“
      Das letzte Wort hauchte sie mit übertriebenem Ernst und einem breiten Grinsen – gerade so, als hätte sie ein uraltes Geheimnis aufgedeckt.
    • Kaoru blinzelte voller Unverständnis, über den Gefühlsausbruch des Mädchens. Er wollte ihr doch nur... Egal. Wer Frauen versteht kann auch Holz schweißen. Das zumindest waren die Worte seines Lehrers. Langsam aber sicher begriff der Junge die Bedeutung dieses Satzes.
      Fast schon hastig, gingen die Beiden in Richtung der Lehrmeisterin, die draußen bereits mit ihrer Meditation begonnen hatte.
      Alles wirkte so friedlich und harmonisch, wie sie da saß. Nur eine gewisse Blässe, die gestern nicht so deutlich war, trübte das sonst so perfekte Erscheinungsbild.

      Kaoru wartete, bis Emiko stehen blieb, eher er langsam an ihr vorbei glitt, nur um ihr im Anschluss wieder gegenüber zu stehen und sich mit einer kleinen Verbeugung zu bedanken. Dieses Mal schwieg er lieber, bevor sie erneut einen Ausbruch erlitt und die Meditation damit stören würde.
      Ohne längere Umschweife, gesellte sich der junge Jäger in die Nähe seiner Lehrmeisterin.
      In einer tiefen Mabu-Haltung versinkend, blickte er noch einmal kurz zu Emiko, versuchte dann aber die Augen auf den Wasserfall zu richten und seine Atmung zu kontrollieren.
      Nach wenigen Atemzügen, in denen seine Gedanken schon wieder zu explodieren drohten, drehte sich alles nur noch um den Gefühlsausbruch des Mädchens. Was hatte er denn falsch gemacht? Und noch viel Schlimmer war, dass er sich überhaupt Gedanken darüber machte. Am besten wäre es wohl einfach gar nicht mehr mit ihr zu sprechen, denn dann konnte er auch nichts mehr falsches sagen.

      Noch einmal versuchte er seine Gedanken fallen zu lassen, tief durch zu atmen und auf das Rauschen den Wasserfalls zu hören. Aber es war einfach nicht das Gleiche, wie sonst. Daher entschloss er sich dazu seine Meditation mit etwas Taijiquan in Bewegung zu bringen, so wie er es damals als Kind schon gelernt hatte.
      Mit den den fließenden und zugleich vertrauten Bewegungen, gelang es ihm letztendlich Ruhe zu schaffen.

      Es blieb nur abzuwarten wie lange Ayumi vor hatte diese Meditation fortzusetzen.

      ---

      "Du bist ein Naturtalent..." Antwortete Jakuji mit verdrehten Augen. Zwar hatte sie nicht völlig Unrecht, doch von Erfolg war sie noch weit entfernt. Mit verschränkten Armen, beobachtete er sie dabei, wie sie voller Freude in seinem ehemals schön geordneten Lager herum wühlte und immer wildere Spekulationen aufstellte. Die Theorie mit dem Tagebuch war vielleicht noch lustig, allerdings empfand er es nicht mehr so lustig eine Geliebte untergejubelt zu bekommen.
      Unweigerlich dachte er an Ayumi, die zwar nicht seine Geliebte war, doch war sie ihm trotzdem der liebste Mensch auf Erden. Was im Grunde einen ähnlichen Stellenwert hatte. "Es reicht. Überteib es nicht." Warnte er die junge Dämonin und setzte sich anschließend auf einen der kaputten Säcke, nur um Kohane dann mit einem durchdringenden Blick anzustarren.
      Jakuji hatte nicht vor sie heute noch einmal zu verletzen, da die Holzkugel ihre Wirkung jedoch verfehlt hatte, musste er sich etwas neues einfallen lassen. Also schwieg er und starrte weiter vor sich hin. Im Moment war die Dämonin auf jeden Fall für nichts zu gebrauchen.
      Eigentlich hatte Jakuji fest damit gerechnet, dass sie nun erschöpft und fertig sein würde... oder waren das die Symptome eines Kindes, dass viel zu lange wach war und nochmal richtig aufdrehte?
      Diese enorme Kraft musste einfach Spuren hinterlassen haben. Unvorstellbar, dass sie das einfach so weg stecken konnte.
    • Hastig verbeugte sich Emiko noch einmal, bevor sie sich umdrehte, um zum Anwesen zurückzugehen. Doch auf dem Weg dorthin warf sie immer wieder verstohlene Blicke über die Schulter – zu Kaoru.
      Im nächsten Moment, abgelenkt durch ihre eigenen Gedanken, stolperte sie über die kleine Stufe und prallte direkt gegen den Türrahmen.
      „Aua…“, nuschelte sie, hielt sich die Stirn und sah mit hochrotem Kopf noch einmal zurück – vermutlich, um zu prüfen, ob jemand, oder vielmehr Kaoru, ihren kleinen Fauxpas bemerkt hatte.
      „Oh nein, wie peinlich! Oh nein, wie peinlich!“ dachte sie panisch, während sie sich hastig ins Haus flüchtete – noch immer die Hand an der Stirn, die mittlerweile deutlich gerötet war.

      Ayumi, die durch das Geräusch eines Aufpralls aus ihrer Meditation gerissen wurde, öffnete leicht eines ihrer Augen – nur um zu sehen, wie Emiko panisch ins Haus flüchtete.
      „Was… ist denn so plötzlich mit Emiko los?“, dachte sie besorgt. „Ist sie–... ist sie etwa gerade gegen den Türrahmen gerannt?“
      Nun öffnete sie auch das zweite Auge und blinzelte leicht, bevor sie langsam zu ihrem Schüler blickte.
      Seine Anwesenheit hatte sie natürlich längst bemerkt. Doch sie sagte zunächst nichts – stattdessen beobachtete sie ihn aufmerksam.

      Eine Weile später – als die Säule der Meinung war, dass ihr Schüler für heute genug meditiert hatte – glitt ihre Hand langsam zu dem kleinen Steinchen, das neben ihr lag.
      Sie wollte seine Reaktion testen… und ihm gleichzeitig durch eine weitere Lektion verdeutlichen, dass man stets auf seine Umgebung achten sollte – beim Essen, beim Meditieren, ja sogar im Schlaf.

      Dann – ohne jede Vorwarnung – umschlossen ihre Finger langsam die glatte Oberfläche des Steins. Sie hob die Hand… und warf ihn in Richtung seiner Seite.

      Ob er getroffen werden würde oder nicht – das würde sich gleich zeigen...

      ~~~

      Kohane verdrehte fast schon ein wenig zu theatralisch die Augen, als sie die warnenden Worte ihres Lehrmeisters hörte.
      „Du verstehst ja wirklich keinen Spaß… seid ihr Monde alle so drauf?“, murmelte sie leise, fast mehr zu sich selbst als zu ihm.
      Sie war sich ziemlich sicher, damit auf irgendeine Weise ins Schwarze getroffen zu haben – doch sie wollte ihr Glück nicht weiter herausfordern. Ihren Kopf hätte sie nämlich gern noch eine Weile auf den Schultern behalten.

      Nach einer Weile gab sie ihre Suche nach einem geheimen Schatz mit einem enttäuschten Seufzen auf.
      „Wie langweilig…“, dachte die junge Dämonin und wandte sich wieder in die Richtung des Mondes, als sie seinen Blick in ihrem Nacken spürte.
      Sie zog eine Augenbraue hoch – und erneut legte sich ein schelmisches Grinsen auf ihre Lippen. Kurzerhand ließ sie sich im Schneidersitz gegenüber von ihm nieder, verschränkte demonstrativ die Arme… und starrte zurück.
      Eine stumme Herausforderung lag in ihrem Blick: Wer wohl länger in die Augen des anderen sehen konnte?

      Doch je länger sie ihn ansah, desto schwerer wurden ihre Augenlider. Ein kaum wahrnehmbares Flackern lag in ihrem Blick, als würde sich der Schlaf ganz langsam an sie heranschleichen wie ein lautloser Jäger.
      Aber Kohane wäre nicht Kohane, wenn sie einfach so Schwäche zeigen würde. Also hob sie trotzig das Kinn – ein sturer, beinahe königlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht, der ihre langsam zufallenden Augen irgendwie nur noch widersprüchlicher erscheinen ließ.
      Sie blinzelte. Einmal. Dann nochmal. Die Müdigkeit nagte an ihr, doch sie klammerte sich an ihren Stolz wie an ein Schwert im Kampf.
      Aufgeben? Vor ihm? Niemals! Selbst wenn ihre Augen inzwischen nur noch halb geöffnet waren – in ihrer Vorstellung wirkte sie noch immer wie eine unerschütterliche Statue. (Jedenfalls redete sie sich das ein.)

      „Wie bist du zur Absteigenden Sechs geworden?“, fragte sie schließlich, um von sich selbst abzulenken. „Du musst deinen Vorgänger getötet haben… wie ist das abgelaufen? Wie ist der Kampf gewesen?"
    • Kaoru vernahm zwar das plötzlich und sehr ungewöhnlich klingende Geräusch, wollte sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen lassen, die eben erst so mühsam geschaffen hatte. Einige Zeit ging dies auch sehr gut, bis plötzlich, als er seine Bewegung gerade beenden wollte, ein harter Gegenstand an seiner Seite einschlug.
      Die Bewegung des Jungen erstarrte just in dem Moment, als das Objekt seinen Körper berührte. Kein Zucken, keine Regung.
      Es vergingen ein paar Sekunden, ehe er die Augenlider öffnete und sich zu seiner Lehrmeisterin drehte, die offensichtlich etwas auf ihn geworfen hatte. "Guten Morgen,Sensei." Begrüßte er die Herrin des Hauses und verneigte sich dabei, wie gewohnt.
      Anschließend begutachtete Kaoru die Stelle, an der er getroffen wurde und klopfte diese ab, um möglichen Schmutz zu entfernen.
      Er war sich nicht sicher, was der Grund war, weshalb man ihn mit lebloser Materie beworfen hatte. Da weder eine Absicht in der Luft lag ihn zu verletzen, noch irgend eine Art von Energie verwendet wurde, um das Objekt zu beschleunigen, hatte er es schlicht und ergreifend nicht kommen sehen.
      "Möchtet ihr mir damit etwas sagen?" Fragte er trocken und schob den kleinen Stein, mit dem Fuß, etwas vor sich her. ´Eine seltsame Frau, genau wie Emiko. Doch immer noch besser, als in diesem anderen Anwesen zu landen.´ Dachte er sich und hob das Geschoss vom Boden auf, um es dann genauer zu betrachten. Es handelte sich, wie erwartet, um einen einfachen Stein. Ob er ihn nun zurück werfen musste? Wohl kaum. Was hätte das für einen Sinn?
      "Es war mir nicht bewusst..." Begann er den Versuch ihr klar zu machen, dass er nicht auf Dinge reagieren könne, die unerwartet waren.
      In dem Moment wurde Kaoru klar, dass er nur getroffen wurde, weil er nicht darauf gefasst war. Aber wie um alles in der Welt sollte er meditieren und gleichzeitig auf einen unerwarteten Stein gefasst sein?
      Das Grübeln hatte ihn seinen Satz vergessen lassen und so blieb der Rest seiner Aussage aus.

      ---

      Jakuji überlegte indessen fleißig weiter. Die Frage die Kohane halbherzig vor sich hin murmelte, schien nicht direkt eine Antwort zu benötigen. Er kannte nicht alle Monde persönlich. Gerade die höheren Ränge hielten eher Abstand zu den Unteren, daher konnte er ihr ohnehin keine absolute Antwort geben.
      Kurz darauf, gesellte sie sich zu ihm. Jakuji hatte für den Bruchteil einer Sekunde die Hoffnung, dass sie nun endlich zu Vernunft gekommen war, doch als sie seinen Blick mit einem ebenso starren Blick erwiderte, wusste er genau, dass dem nicht so war. Er war soeben in ein weiteres dummes Spiel verwickelt worden.
      Es war nicht zu übersehen, dass die Dämonin langsam mit den Folgen ihrer Stimme zu kämpfen hatte, doch das hielt Jakuji nicht davon ab ihrem dummen Spiel zu folgen und den Blick nicht abzuwenden.

      Die Frage, die Kohane plötzlich an Jakuji richtete, ließ sein inneres förmlich verkrampfen. Unweigerlich wurden die Ereignisse von Damals in sein Gedächtnis gerufen. Das Treffen mit Ayumi, der unvorhergesehene Kampf. Die Zusammenarbeit. Der Schmerz in seiner Brust, der ihn seit diesem Tag begleitet. Je länger er die Bilder durch seinen Kopf gehen ließ, desto ungehaltener begann seine Energie zu fließen. Es erinnerte start an den Ausbruch, den Kohane vor wenigen Minuten noch erlitten hatte, ehe sie die halbe Höhle sprengte.
      Doch die absteigende 6 hatte sich dahingehend unter Krontrolle, dass er seinen Ausrutscher direkt korrigierte und seine Sinne wieder sammelte. "Er ließ mir keine andere Wahl. Er musste sterben." Antwortete Jakuji kalt, doch seine Worte klangen eher schwach. Nicht sicher oder stolz, wie man es vielleicht erwarten würde. "Ein einschneidendes Ereignis..." Fügte er hinzu und starrte Kohane weiter an.
      "Aber das wäre zu viel für deine Verhältnisse. Geh wieder spielen. Vielleicht findest du ja da deine Antwort?" Versuchte er das Thema zu beenden, denn garantiert würde er ihr nicht von Ayumi erzählen. Denn dann hätte er auch hier keine Wahl und müsste Kohane töten, bevor diese auf dumme Gedanken käme.


      "Ruh dich aus. Wir sind nicht mehr im Waisenhaus und ich hab keine Lust dich nachher, wie ein Kleinkind, zu füttern." Empfahl er ihr, noch immer mit starrem Blick. "
    • Ayumi hatte Mühe, ein Seufzen zu unterdrücken – nicht, weil er den Stein nicht abgewehrt hatte, sondern wegen seiner Reaktion danach.
      Oder besser gesagt: der völligen Abwesenheit einer Reaktion. Keine Regung. Kein Zucken. Nichts.
      Sie erhob sich aus ihrer sitzenden Position und strich sachte ihren Kimono glatt. „Guten Morgen, Kaoru.“, begrüßte sie ihren Schüler höflich, während ihr Blick auf den Stein in seiner Hand fiel – genau jenen, mit dem sie ihn gerade noch beworfen hatte.

      Zu gerne hätte sie in seinen Kopf geschaut, um zu sehen, was dort vor sich ging.
      Seine Gedanken zu verstehen… das war wohl etwas, das sie mit der Zeit lernen musste. Hoffentlich.
      Sie wartete einen Moment darauf, dass er etwas sagen würde. Doch als er weiter schwieg und in seinen Gedanken zu versinken schien, entschied sie sich, das Wort zu ergreifen.

      „Ja, Kaoru. Das war ein kleiner Test. Ich wollte sehen, ob du auf einen unerwarteten Angriff reagieren kannst.“
      Dass er diesen Test nicht bestanden hatte, war offensichtlich – und musste von ihr nicht extra betont werden. „Wir müssen an deiner Achtsamkeit arbeiten.“ Ihre Miene wurde etwas ernster, jedoch blieb der Ton behutsam. „Bereits gestern konnte ich mich an dich heranschleichen, ohne dass du meine Präsenz bemerkt hast.“
      Sie pausierte kurz, ehe sie fortfuhr: „Ich werde das in deine Ausbildung mit einbauen.“

      Ihr Blick glitt für einen Moment zu seiner Seite, bevor ihre Augen wieder zu seinem Gesicht zurückkehrten.
      „Ich habe den Stein hoffentlich nicht zu fest geworfen?“, fragte sie mit einem Hauch von Besorgnis in der Stimme. „Du bist nicht verletzt, oder?“

      ~~~

      Kohane beobachtete die Reaktion ihres Lehrmeisters genau und legte dabei leicht den Kopf schief.
      Doch als sich seine Energie plötzlich veränderte, weiteten sich ihre Augen kaum merklich – instinktiv rutschte sie ein Stück von ihm zurück.
      Aber so schnell, wie diese Veränderung gekommen war, verschwand sie auch wieder.
      „Was war das eben?“, fragte sich die junge Dämonin, wagte es jedoch nicht, ihre Gedanken laut auszusprechen.
      „Er ließ mir keine andere Wahl. Er musste sterben.", sie wiederholte seine Worte in Gedanken. Aber… wollte er nicht selbst zur Absteigenden Sechs werden? War das nicht überhaupt der Grund für den Kampf gewesen? Ein Ablösekampf – um den Rang?

      Sie schwieg. Öffnete kurz den Mund, als wolle sie etwas fragen – entschied sich dann aber dagegen. Vielleicht war es besser, in diesem Fall einfach mal die Klappe zu halten.
      „Okay… verstehe…“, murmelte sie schließlich – auch wenn das nicht stimmte. Verstanden hatte sie nämlich rein gar nichts.
      Als sie seinen nächsten Kommentar hörte, verengte sie die Augen. Was meinte er bitte damit, dass das „zu viel für ihre Verhältnisse“ sei?
      „Hast du mich gerade als dumm bezeichnet?“, fragte sie mit gereiztem Unterton und zog ihre Augenbrauen zusammen.
      Doch noch bevor sie sich weiter aufregen konnte, hielt sie inne.

      Ein Gedanke traf sie wie ein plötzlicher Schlag. Mit großen Augen sah sie ihn erneut an. „Moment… wir sind nicht mehr im Waisenhaus?“
      Sie blinzelte. „Dann warst du auch in einem? Als du noch ein Mensch warst?“
    • Der Junge stand noch eine Weile da, ehe Ayumi das Schweigen endlich durchbrach und so seine Aufmerksamkeit erlangte. Er hörte zu und unterdrückte den Impuls ihr direkt in Wort zu fallen. Seiner Meinung nach war hatte all das überhaupt kein Gewicht, da sie ja niemals vorgehabt hatte ihn zu töten oder zu verletzen.
      Seine Wahrnehmung war vielleicht schlechter, als die anderer Jäger, doch auch nur, weil sie anders funktionierte.
      Fast unmerklich, knirschte er mit den Zähnen, nickte jede ihrer Aussagen ab.
      Wie sollte er ihr nur klar machen, dass sie zwar Recht hatte, aber nicht alle Variablen in Betracht zog?

      Als Ayumi aber nach seiner körperlichen Verfassung fragte, konnte Kaoru nicht mehr anders, als ihr das Problem zu erklären.
      "Seht Ihr? Genau das ist mein Problem. Ihr solltet auch den Wunsch haben mich zu verletzten." Erklärte er, als wäre das etwas, dass man eigentlich wissen sollte.
      Zwar widerstrebte es ihm ihr näheres zu seinen Techniken zu erläutern, doch wenn sie nicht verstand warum er dem Stein nicht ausgewichen war oder warum er ihre Präsenz ignoriert hatte, wie sollte das hier dann enden?
      Kaoru atmete noch einmal tief durch, denn eigentlich wollte er keine Informationen heraus geben, die ihn später vielleicht das Leben kosten könnten.
      "Sensei. Warum sollte ich einem Steinchen ausweichen? Der Gegner wird genau dies beabsichtigen und mich da angreifen, wo ich verwundbar bin. -Während ich ausweiche."
      Erklärte er, jedoch mit etwas Anspannung in der Stimme. Ein Hauch von Unsicherheit, denn die wenigsten Jäger verstanden worauf seine Technik beruhte.
      Der sonst so ruhige Junge schien nun sichtlich nervös zu werden, denn er fand einfach nicht die Worte, um ihr zu erklären was in seinem Kopf vor ging.
      "I-Ich, k-kann es euch nicht r-richtig erklären." Stammelte Kaoru, als würde er diese Worte gerade noch aus dem Hals gepresst bekommen. Den Kopf gesenkt, den Blick auf seine Füße gerichtet, stand er nun da und wusste nicht weiter. Er wollte seiner Lehrmeisterin so gerne erzählen was ihn beschäftigte, doch die Angst dass auch sie ihn ablehnen könnte, hinderte ihn daran. Ohne die Zugehörigkeit zu den Dämonenjägern würde er niemals herausfinden welcher Dämon seine Familie ausgelöscht hatte. Und nur um diesen Dämon zur Strecke zu bringen, hatte er sein ganzes Leben trainiert. Das war vielleicht egoistisch, doch er erledigte auch alle anderen Aufträge. Warum also hatten alle solche Probleme zu verstehen warum er nicht war wie er sein sollte?


      ---

      Jakuji war froh, dass er das Thema mit Ayumi irgendwie beenden konnte ohne jemanden zu töten oder Gewalt anzuwenden.
      Daher grinste er wieder etwas belustigt, als wissen wollte, ob er sie für dumm hielt. "Als Unreif." Korrigierte er ihre Frage. Denn genau das war sie.

      Plötzlich schien Kohane wie von Schlag getroffen und Jakuji seufzte innerlich. Warum hatte er nicht nachgedacht, bevor er gesprochen hatte? Diese Dämonin raubte ihm gerade jeden Nerv. Nun konnte er sich schlecht wieder heraus reden, das würde nur noch mehr Fragen aufkommen lassen. "Ja... Denkst du Meister Madou schickt dich zum Spaß hier her? Du wirst eines seiner Werkzeuge werden. Kanonenfutter für die Jäger. Geblendet von Macht und Wahnsinn, wirst du geschlachtet ohne einen tieferen Sinn im Leben gehabt zu haben, außer der Rache an ein paar Arschlöchern. Ich soll dich ausbilden und du sollst mich davon abhalten mein übliches Vorgehen zu verfolgen. Meister Madou hat damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen... " Erklärte Jakuji, denn es war ihm gerade egal wie sie darüber dachte.
      Die Wut über seinen Meister war stärker, als die Angst den Respekt eines Kindes zu verlieren.
    • Ayumi weitete überrascht die Augen bei Kaorus plötzlichem Ausbruch. Doch sie ließ ihn erst einmal sprechen – geduldig, ruhig.
      Sie beobachtete, wie er – fast schon unsicher – versuchte, sich zu erklären, und dabei sichtlich immer nervöser wurde.
      „Kaoru…“, begann sie schließlich mit sanfter Stimme.
      Sie machte einen Schritt auf ihn zu und wollte ihre Hand auf seine Schulter legen – hielt dann jedoch inne und zog sie zurück, als sie sich erinnerte, dass er nicht gern berührt wurde.

      Gut. So, wie Ayumi die Situation einschätzte, würde ihre bisher geplante Vorgehensweise hier wohl nicht weiterhelfen. Sie würde das Training speziell auf Kaoru anpassen müssen. Auf seine Bedürfnisse und Wünsche.
      Einen Moment lang überlegte sie, wie sie weitermachen sollte, ohne ihn noch mehr zu verunsichern. Ein ruhiges Gespräch – das wäre wohl der richtige nächste Schritt. Vielleicht sollte sie ihn ganz direkt fragen, was genau er sich vom Training erhoffte.

      „Kaoru. Erkläre mir bitte eines: Wenn nicht ich es gewesen wäre – sondern ein Dämon –, wärst du dem Angriff dann auch nicht ausgewichen? Weil du befürchtest, beim Ausweichen selbst verletzt oder überrascht zu werden? Oder wäre es in dem Fall etwas anderes gewesen, weil der Dämon dich bereits bewusst beim ersten Angriff verletzten wollen würde?“
      Ihre Stimme war ruhig, ebenso wie ihr Blick, mit dem sie ihn aufmerksam musterte. Er sagte, er könne es nicht richtig erklären.
      Ayumi nickte trotzdem, ruhig und geduldig. „Ich werde trotzdem versuchen, dich zu verstehen.“
      Sie lächelte leicht. „Atme tief ein… und wieder aus. Wir haben Zeit.“

      Mit einer einladenden Geste deutete sie auf einen Platz direkt am Wasserfall. „Komm. Setzen wir uns.“

      ~~~

      Kohanes violette Augen weiteten sich schlagartig, als sie die Worte ihres Lehrmeisters hörte. Was hatte er da gerade gesagt? Sie würde für Meister Madou nur „eines seiner Werkzeuge“ sein? „Kanonenfutter für die Jäger“?
      Sie biss die Zähne zusammen und ballte die Hände zu festen Fäusten. Ihre Müdigkeit war längst nicht verschwunden – aber der Ärger über seine Worte hatte sie mühelos überdeckt.
      „Meister Madou würde niemals …“, setzte sie an, brachte den Satz jedoch nicht zu Ende. Was denn eigentlich? Seine Untergebenen opfern, um seine eigenen Ziele zu erreichen? Und ob er das tun würde – das wusste Kohane nur zu gut.

      Trotzdem hatte sie geglaubt – gehofft –, sie wäre eine Ausnahme. Doch all das war eben nur das gewesen: naiver Glaube.
      Wütend presste sie die Zähne fester aufeinander und richtete sich ruckartig auf. Ihre geballten Fäuste zitterten leicht an ihren Seiten.
      „Ach ja?! Wenn das so ist, dann mach ich nach meiner Ausbildung eben mein eigenes Ding!“
      Ihre Stimme war lauter geworden, voller Trotz. „Ich renn für niemanden in eine Klinge – egal, wie mächtig er ist!“
    • Kaoru schauderte etwas, als die ruhige Stimme seiner Lehrerin erklang. Als sie daraufhin näher kam und die Hand erhob, blieb er einfach nur stehen und hob den Blick. In Erwartung an sein Versagen, rechnete er damit nun eine Gescheuert zu bekommen, auch wenn seine Sinne keine Anzeichen gaben, dass man ihn verletzen wollte. Wie ein Mann würde er diese Form der Bestrafung hinnehmen und anschließend versuchen das Beste daraus zu machen. Doch ihre Hand kam viel zu langsam, als dass sie ihn hätte bestrafen wollen, sie ließ sogar völlig von ihm ab.

      Ein unmerkliches Zittern überkam Kaoru, als sie nach den näheren Gründen für seine Aussage fragte. Er wollte antworten, doch seine Kehle fühlte sich plötzlich so trocken an, dass er kein einziges Wort heraus bekam. Stattdessen erwiderte er Stumm, ihre prüfenden Blicke und fragte sich ob das nun eine gute oder schlechte Sache war. Ob es klug war ihren Worten glauben zu schenken oder ob sie nur versuchte einen Schwachpunkt bei ihm zu finden, um ihn dann im Training zu zerlegen, wie ein Spielzeug.
      Und plötzlich wurde es ruhiger in seinem Kopf. Er erinnerte sich daran, wie Emiko über Ayumi gesprochen hatte. Aus irgend einem Grund glaubte er Emikos Worten mehr, als er vielleicht sollte. Ihre fast schon unbeholfene Art, fühlte sich für den Jungen in mancher Hinsicht sehr ehrlich an. Sie gab sich überhaupt keine Mühe ihre Fehler zu verstecken.

      Ayumi schlug vor sich zu setzen, was Kaoru wortlos, mir einem Nicken bestätigte.
      In der kurzen Zeit, bis die Beiden ihren Platz gefunden hatte, fragte sich der Dämonenjäger warum ihm plötzlich so komisch war. Ein seltsam flaues Gefühl schwang plötzlich in der Magengrube umher, musste wohl der Stress sein.
      Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort, denn sie hatte ihm Zeit zugesichert. Inzwischen war die Sonne bereits aufgegangen und ein angenehmes Glitzern lag auf den Schaumkronen des Wassers, welches von oben über den Wasserfalls in den Teich des Trainingsgeländes hinab stürzte. Kleine Wellen schwappten unhörbar ans seichte Ufer, in dessen Pflanzen die ersten Libellen ihren Tagesflug begannen.
      Als Kaoru seine Blicke genug über die Umgebung gestreift hatte und endlich einen Ansatz gefunden hatte, begann er, mir einem Räuspern, zu erklären:

      "Ihre Absicht zu töten... zu verletzen... Ich... Kann es sehr gut wahrnehmen. Eine Finte... fühlt sich anders an. Dafür... Wie ihr bereits bemerkt habt, Sensei... mangelt es an anderer Stelle." Kaoru ließ sich erneut etwas Zeit und versuchte gar nicht zu viel aus dem Gesicht seiner Lehrerin heraus zu interpretieren. "Aus diesem Grund wäre ich fast durch die Auswahlprüfung gefallen, konnte die Abschlussprüfung aber ohne Probleme bestehen..." Fügte er hinzu.
      In der Auswahlprüfung ging es darum die Grundlagen in einem sterilen Umfeld zu testen, um herauszufinden wie gut ein Bewerber war. Hier hatte niemand ernsthaft vor jemanden zu verletzen. In der Abschlussprüfung hingegen musste richtig gekämpft werden und es kam nicht selten vor, dass jemand bei seinem Versuch ums Leben kam. Es gab also reale Absichten zu töten.

      Der junge Mann wischte sich, seine nun schwitzigen Handflächen, am Kimono trocken, ehe er sein noch einmal tief durch atmete. "Ich... Ihr... habt sicher mehr erwartet, Ayumi Sensei? Meisterin Kagura wusste davon und ich hatte sie inständig darum gebeten mich nicht zu euch zu schicken, um mir und euch diese Schande zu ersparen." Sagte Kaoru zögerlich, versuchte dabei aber nicht zu klingen, als wollte er Mitleid. Denn seine Technik war gut, das wusste er, nur eben anders. Doch bisher hatte niemand weiter nachgefragt, nur Ayumi hatte sich die Zeit genommen ihm zuzuhören bevor sie ihn für unbrauchbar erklärte.
      Kaoru war froh darüber, dass er Emiko vor diesem Gespräch kennen gelernt hatte, denn sonst hätte er nicht geglaubt, dass eine Säule Verständnis für Versagen aufbringen könnte.

      ---

      Jakuji sah die rebellische Dämonin einen Augenblick grinsend an, ehe er lauthals lachen musste.
      Doch ebenso schnell wie er angefangen hatte, verstummte er wieder. "Das dachte ich auch am Anfang. Und jetzt sieh mich an..."
      Antwortete die absteigende 6 mit geöffneten Armen. Doch es gefiel ihm, dass sie direkt rebellierte. Vielleicht hatte sich Meister Madou doch in ihr getäuscht und anstatt ihm eine Kette ans Bein zu binden ein Schwert überreicht?
      "So. genug Rebelliert, kleiner Dämon." Beendete er nun auch dieses Thema und zog sich bis zum Anbruch der Nacht in eine der hinteren Ecken der Höhle zurück.
      Dort nutzte er die Zeit, um ein Fass im Boden zu suchen, in dem Masken und Roben aus seiner alten Stadt versteckt lagen. Diese packte er in einen der Säcke, die noch nicht kaputt waren und band sich diesen an den Gürtel.

      Als es endlich so weit war, suchte er seine Schülerin auf und meinte: "Wir fliegen, ein Stück weiter südlich, in eine große Stadt. Du wirst lernen deine Präsenz auf ein Minimum zu reduzieren, damit die Jäger uns nicht finden. Aber davor suchst du uns was zur Stärkung." Mit diesen Worten, schritt die absteigende 6 zur Tür, die beim öffnen einfach aus den Angeln klappte und am Boden landete. Erneut wurde Straub aufgewirbelt, woraufhin Jakuji einen Vorwurfsvollen Blick an seine Schülerin richtete, ehe er draußen aus sie wartete. Die Nacht war gerade noch frisch, es war noch nicht ganz dunkel, vielleicht auch noch einen Tick zu hell für einen jungen Dämon. Im Zweifel konnten sie die Zeit nutzen um erst einmal die Opfer für das Abendessen zu lokalisieren.
    • Ayumi hatte es sich im Gras bequem gemacht und ihrem Schüler aufmerksam zugehört.
      Ihr Blick ruhte dabei nicht die ganze Zeit auf seinem Gesicht – immer wieder wanderte er zum Wasserfall oder zum sanften Licht des Sonnenaufgangs. Nicht etwa aus Desinteresse, sondern um ihm das Gefühl zu ersparen, dass sie eine Antwort krampfhaft einforderte.
      Inzwischen waren auch die Vögel in den Bäumen erwacht und zwitscherten fröhlich ihre Lieder – völlig ahnungslos von dem Gespräch, das nur wenige Schritte entfernt stattfand.

      Nachdem Kaoru geendet hatte, nahm sich Ayumi einen Moment Zeit, um ihre Gedanken zu sammeln. Schweigend blickte sie nachdenklich in den Himmel. „Du bist keine Schande.“
      Dieser Satz kam als Erstes – denn genau das war ihr in diesem Moment am wichtigsten. Dann sah sie ihn wieder an, direkt in die Augen – um die Aufrichtigkeit ihrer Worte zu unterstreichen.
      „Und wenn du eine ganz ehrliche Antwort von mir willst… ich habe rein gar nichts erwartet.“
      Ihre Stimme blieb ruhig, aber sanft. „Du bist mein erster Schüler – der erste, der mir je von Meisterin Kagura zugeteilt wurde. Und auch ich muss mich erst noch in meiner neuen Rolle als deine Lehrmeisterin finden.“
      Für einen Moment lächelte sie – still und ehrlich.
      „Ich schätze, unsere Meisterin möchte, dass wir beide weiter wachsen – und genau deshalb hat sie uns zusammengebracht.“

      Sie drehte sich ein Stück weiter zu ihm, um ihn besser ansehen zu können.
      „Danke für deine Ehrlichkeit. Es beruhigt mich zu wissen, dass du dich verteidigt hättest – wenn es ein echter Angriff gewesen wäre.“
      Während sie sprach, dachte sie einen Moment nach. „Es hilft mir schon einmal weiter zu wissen, dass deine Sinne anders funktionieren als meine.“
      Sie lächelte leicht. „Dann werde ich mich mit der Zeit besser auf dich einstellen können. Ob mir das sofort gelingt, kann ich selbst noch nicht sagen. Auch wir Säulen sind nicht frei von Fehlern.“
      Es war eine ehrliche Einschätzung – vermutlich der einfachste Weg, um das Vertrauen ihres Schülers zu gewinnen.

      „Ich möchte mit dir bei den Grundlagen beginnen.“, sagte sie ruhig. „Zuerst will ich mit eigenen Augen sehen, wozu du in der Lage bist. Im Prinzip – um es zu verbildlichen – wirst du erst lernen zu krabbeln, dann zu stehen, und schließlich zu laufen.“
      Sie hielt kurz inne, bevor sie fortfuhr: „Sobald du laufen kannst, werden wir gemeinsam ein perfekt auf dich abgestimmtes Training ausgearbeitet haben.“
      Ein weiteres, warmes Lächeln folgte. „Wie klingt das für dich?“

      Dann sah sie ihn offen an. „Und sag mir – was genau erwartest du von mir als deiner Lehrmeisterin?“

      ~~~

      Kohane war noch ziemlich verschlafen, als endlich wieder langsam die Sicherheit der Nacht einbrach und sie durch Jakuji geweckt wurde.
      Die Worte ihres Lehrmeisters drangen anfangs nur gedämpft zu ihr durch – doch trotzdem verstand die junge Dämonin, was er eigentlich von ihr wollte.
      Sie wollte gerade anfangen zu jammern und zu protestieren, dass sie gern noch ein paar Minuten länger geschlafen würde… aber da hatte er die Höhle auch bereits schon verlassen.
      Ihre Augenlider waren schwer, als sie sich schließlich von einem der kaputten Säcke erhob, der ihr als notdürftiger Schlafplatz gedient hatte. In diesem Moment bereute sie es wirklich, sich nicht einfach früher schlafen gelegt zu haben – ganz so, wie es ihr Lehrmeister ihr geraten hatte.

      Aber es half wohl alles nichts. Also strich sie sich einmal flüchtig durchs Haar und glättete den Kimono, bevor sie ihrem Lehrmeister hinterhertrottete.
      Draußen angekommen, hob sie den Blick zum Mond, der erst langsam am Himmel aufstieg, und verzog leicht das Gesicht.
      „Normalerweise schlafe ich um diese Uhrzeit noch…“, grummelte sie, während sie – trotz der verschwundenen Sonne – eher zögerlich ins Freie trat. Vermutlich aus Sorge, sich doch noch Verbrennungen zuzuziehen.

      Sie blickte sich aufmerksam um – die ihr übertragene Aufgabe hatte sie nicht vergessen. „Etwas zur Stärkung…“, murmelte sie vor sich hin, bevor ihr plötzlich etwas einfiel.
      „Auf dem Weg zur alten Farm kam ich an einer Handelsroute vorbei. Ich werde mich dort auf die Lauer legen.“, sagte sie entschlossen und warf noch einen kurzen Blick zu ihrem Lehrmeister. Fast so, als würde sie auf seine Erlaubnis warten – auch wenn sie das natürlich niemals zugeben würde.
    • Der Dämonenjäger fühlte sich noch immer etwas mulmig, schließlich hatte er eben erst einer seiner fundamentalen Regel gebrochen. Eine der Regeln, die ihn überhaupt bis hier her gebracht hat. Niemand, außer Meisterin Kagura wusste, dass er dieses Talent, oder sollte er es einen Fluch nennen, besaß.
      Als Ayumi ihm antwortete, sah der Junge sie einen Augenblick erschrocken an. ...Keine Schande... Hallten ihre Worte in seinem Kopf wieder. Der Gedanke war zwar schön, doch war er sich bewusst, dass er noch einen Weiten Weg vor sich hatte, um keine Schande zu sein.
      Trotzdem widersprach er der Säule nicht. Denn ihre Einschätzung war ihre Sache und seine Einschätzung war seine Sache.
      Stattdessen verbeugte er sich nur ganz leicht, um ihr für die Worte zu danken und hörte weiter zu, was sie zu erzählen hatte.

      Ihre Worte erstaunten Kaoru in gewisser Weise. Sie hätte einfach so tun können, als wäre sie das Maß der Dinge, doch stattdessen offenbarte sie ihm ohne Scheu ihre Defizite. Es schien fast so, als wäre ihr die Zusammenarbeit mit ihm wirklich wichtiger, als ihr Status als Säule. Die Hände des Jungen schwitzten noch immer, auch wenn es keinen richtigen Grund dafür gab, so dass er diese erneut am Kimono abwischen musste. Eventuell lag es auch daran, dass sie so viele Dinge von ihm wissen wollte.
      Dinge über die er normalerweise nie sprechen wollte.

      Die Antwort die sie wollte, ließ eine Weile auf sich warten, doch allmählich kehrte dabei seine ruhige Art zurück, denn auf sich und seine Fähigkeiten konnte er immer vertrauen. Es waren die Menschen und Dämonen, die ihm Schwierigkeiten bereiteten.
      "Möchtet ihr dabei zusehen, wie ich einen Dämonen der Gerechtigkeit zuführe,Sensei?" Antwortete er auf ihre Frage, denn das war es, was er sich darunter vorstellte. Bzw. Das was sein früherer Lehrer als Training verbucht hat. Dieses war zwar sehr unbarmherzig, doch hat es ihn am Leben gehalten. Jeden einzelnen Tag und sogar zu einem Dämonenjäger geschmiedet.

      Die Frage bezüglich der Erwartungen war hingegen deutlich kniffliger. Die Erwartung nicht mehr mit Steinen beworfen zu werden schien hier fehl am Platz.
      "Ziehe ich alle bekannten Variablen in Betracht, wäre die korrekte Antwort: Führung und Verständnis für meine eigenen Techniken, Ayumi-Sensei." Antwortete er und atmete tief durch. Er hatte das Gefühl, dass das so eine Art Fangfrage war, auf die man nicht richtig oder falsch antworten konnte. Der Gegenüber wollte wohl einfach hören was einem so durch den Kopf ging. Doch all diese Gedanken konnte er nicht aussprechen. Die Zeit würde ihr übriges tun.

      Ein langes Magen knurren unterbrach die Stille. Kaoru sah an sich hinunter und anschließend zu seiner Lehrerin. Sein Magen hatte sich das Frühstück offenbar gemerkt.

      ---

      Jakuji betrachtete seine ausgelaugte Schülerin, die sich über die Uhrzeit beschwerte. Nächstes Mal würde sie vielleicht auch mal auf das hören, was er ihr sagte. Ihre Aussage blieb also unkommentiert, lediglich ein -Ich habs dir ja gesagt- Blick. Blieb für ihr Gejammer übrig.
      Dafür war sie direkt dabei etwas essbares zu suchen. "Ist deine Jagt. Mach was du für richtig hältst. Wenn schlecht läuft kann ich dich immer noch bestrafen." Antwortete die absteigende 6 mit einem schmalen Grinsen auf den Lippen. Die Handelsruten kannte er gut. Nur wenige Händler reisten nachts ohne Geleitschutz, wenn sie denn überhaupt reisten. Und da sie gestern ernst für Aufsehen gesorgt hatten, waren die Händler vermutlich auf eine andere Straße ausgewichen oder hatten noch mehr Schutz dabei.
      Wie es auch war. Sie sollte auch eigene Erfahrungen machen.

      So folgte er seiner Schülerin und ging mit ihr auf die Lauer. Eine sehr lange Zeit passierte gar nichts. Die Nacht war ruhig und der Mond stand schon deutlich höher als noch zuvor. Jakuji hatte sich entspannt an einen Baum gelehnt und behielt seine Aura so weit für sich, dass nur sein direktes Umfeld etwas spüren konnte. Dabei dachte er darüber nach, wie er es wohl schaffen konnte Ayumi aufzuspüren und sie zu warnen. Er wusste nicht einmal wo sie überhaupt war und seine Spione waren aktuell nicht verfügbar. Er musste es in der anderen Stadt schaffen, Zugang zu den bereits gesammelten Informationen über alle weiblichen Säulen zu bekommen.

      Plötzlich spürte Jakuji einen sich nährende Gruppe von Menschen. Er vermutete kleinen Verband aus einem Doppelgespann und einem Karren, denn es waren vier Personen. Dieses Mal waren zum Glück auch keine Jäger dabei. "Kohane. Präsenz." Erinnerte er seine Schülerin, als der Wagen noch weit genug weg war. Es bestand noch immer die Möglichkeit, dass ein besonders gut getarnter Jäger auf der Ladefläche versteckt lag.
    • Geduldig wartete Ayumi auf die Antwort ihres Schülers – ohne ihn zu hetzen oder unter Druck zu setzen.
      Gerade wollte sie wieder das Wort ergreifen, da meldete sich plötzlich Kaorus Magen mit einem deutlich hörbaren Knurren zu Wort.
      Ayumi blinzelte überrascht, bevor sie sich eine Hand vor den Mund hielt und ein leises, unterdrücktes Lachen kaum zurückhalten konnte.
      „Okay, gut. Ich schätze, dann wird es wohl erst einmal Zeit für das Frühstück, bevor wir weitermachen.“
      Ihre Stimme klang amüsiert – und obwohl es nur eine Kleinigkeit war, lockerte es die Stimmung spürbar auf.

      Unweigerlich musste Ayumi an die anderen Säulen denken. Nach ihrer Einschätzung wäre Kaoru wohl auch bei Daigo gut aufgehoben gewesen – auch wenn Daigos Temperament vermutlich eine Spur zu laut für ihren ruhigen Schüler gewesen wäre.
      „Wir werden erst einmal in Ruhe etwas essen und dann weitermachen.“, entschied sie schließlich und erhob sich aus ihrer sitzenden Position. Wieder strich sie ihren Kimono glatt und deutete Kaoru mit einem kurzen Nicken an, ihr zurück ins Haus zu folgen.
      „Klebereis mit Mango…“, dachte Ayumi und kam zu dem Schluss, dass das heute ein perfektes Frühstück sein würde.

      Sie schenkte Kaoru ein letztes, freundliches Lächeln, bevor sie als Erste ins Anwesen zurückkehrte – direkt in die Küche, wo Emiko bereits am Esstisch saß und einen Tee trank.
      Ayumis Blick fiel sofort auf die deutlich sichtbare Beule und das Pflaster auf Emikos Stirn. „Emiko… was ist mit deiner Stirn passiert?“, fragte sie und weitete ihre Augen.
      Offenbar war ihre Vermutung von vorhin doch nicht ganz so falsch gewesen, wie sie gedacht hatte.
      Emiko blickte mit geröteten Wangen auf – warf dann einen prüfenden Blick über Ayumis Schulter, vermutlich, um zu sehen, ob ein gewisser Schüler ihr bereits gefolgt war – bevor sie nur verlegen mit der Hand abwinkte.
      „Nichts, nichts…“, nuschelte sie. „Mir ist nur… ähm… ein Teekessel auf den Kopf gefallen.“, sagte sie schneller, als sie hätte nachdenken können.

      „Ein Teekessel… auf den Kopf gefallen? Oh nein … das klingt ja fast noch peinlicher als einfach gegen den Türrahmen zu rennen.“, dachte sie und wäre in dem Moment wohl am liebsten einfach im Erdboden versunken.

      ~~~

      Kohane lauerte in den dichten Sträuchern, die direkt an den Weg der Handelsroute grenzten. Sie machte sich noch ein wenig kleiner und kommentierte die mahnende Erinnerung ihres Lehrmeisters nur mit einem leichten Schnauben.
      Natürlich wollte die junge Dämonin nicht zugeben, dass sie es schon wieder vergessen hatte.
      Aber da sie weder weiteren Ärger mit Jakuji – noch eine mögliche Bestrafung riskieren wollte (wie auch immer diese wohl ausfallen würde) –, hielt sie ihren zugegebenermaßen manchmal etwas zu vorlauten Mund.

      Sie atmete tief ein und konzentrierte sich auf ihre eigene Präsenz. Genau wie gestern auf der Farm verschleierte sie diese so gut, wie es ihr derzeit möglich war.
      „Ich hätte sie schon verbergen sollen, als ich die Höhle verlassen habe…“, dachte sie ärgerlich, während ihr erneut ihr misslungener Streich an Jakuji durch den Kopf schoss.
      Doch so schnell der Gedanke kam, war er auch schon wieder verschwunden. Es brachte sie nicht weiter, sich noch länger darüber zu ärgern. In diesem Moment zählte nur eins: die Jagd.

      Dann endlich waren sie da – Menschen mit einem Doppelgespann und einem Karren, in Sichtweite.
      Sofort machte sich Kohane bereit. Sie spannte ihren Körper an und wartete geduldig auf die perfekte Gelegenheit zum Angriff.
      Ihre Augen huschten wachsam umher, prüften ein letztes Mal die Umgebung auf mögliche Dämonenjäger. Doch da war nichts. Keine Präsenz, die ihr gefährlich werden konnte.
      Der Karren kam näher. Die Pupillen der jungen Dämonin verengten sich zu katzenartigen Schlitzen, und ihre Fingernägel wuchsen zu dolchartigen Klauen – messerscharf und bereit.
      Ein günstiger Moment kam und sie setzte zum Sprung an. Doch plötzlich fiel ihr Blick auf ein kleines, schlafendes Kind, das in den Armen seiner Mutter lag.
      Kohane erstarrte. Ihre Augen weiteten sich leicht. Das hier waren keine gewöhnlichen Händler. Das war eine Familie. Mit einem Kind.

      Sie biss die Zähne zusammen, versuchte die aufkommende Unsicherheit zu ignorieren.
      "Komm schon, Kohane... es sind nur Menschen. Denk daran, was Menschen dir angetan haben.", dachte sie.
      Noch einmal wollte sie angreifen. Doch ihr Körper rührte sich nicht. Sie blieb verborgen in den Sträuchern, während der Karren langsam an ihr vorbeizog...

      "Ich kann das nicht..., ich kann das nicht..."
    • Kaoru ließ sich fast dazu verleiten seinen Hunger herunter zu spielen, doch als Ayumi sogar belustigt darüber war, dass sein Magen lauthals nach Nahrung verlangte, entschied er sich den Mund zu halten. Eine kleine Pause würde sicher gut tun.
      So ließ er sich nicht zwei mal bitten und folgte der Säule zurück ins Anwesen. Und auch wenn er ihr freundliches Lächeln mittlerweile nicht mehr so unseriös empfand wie gestern, so erwiderte er dieses lediglich mit einem leichten schließen der Augenlider. Ansonsten blieb sein Gesicht, wie gewohnt regungslos.

      In der Küche angekommen, erkundigte sich Ayumi direkt nach Emikos Kopf. Das Mädchen saß bereits am Küchentisch und hatte eine fette Beile am Schädel. War es das, was man vorhin im Freien gehört hatte? Ehe er sich weiter Gedanken machen musste, schilderte Emiko den Hergang. Kaoru stand noch immer hinter Ayumi, hatte nur einen kurzen Blick erhaschen können, daher war er nun so frei und trat etwas näher an das Mädchen heran, um das Ausmaß besser betrachten zu können.
      Erst betrachtete er die Beule, dann suchten seine Augen den Teekessel, der auch nicht weit weg war. Schließlich sah er kurz zu Ayumi und rätselte, wieso man einen Teekessel so weit oben platzierte.
      Noch immer waren die Gegebenheiten dieses Hauses ein einziges Rätsel.

      "Emiko-Chan. Darf ich dir ein feuchtes Tuch anbieten, um deine Beule zu kühlen?" Fragte Kaoru vorsichtig, auch wenn er sich sicher war, dass man das gleich hätte umsetzen müssen. Anschließend musterte er die Küche. "Sensei, auch euch möchte ich meine Hilfe anbieten." Bot er an, da anscheinend noch nichts vorbereitet war.

      ---

      Um das Ganze etwas besser beobachten zu können, hatte sich die absteigende 6 um positioniert. Doch so viel gab es nicht zu sehen. Aus einem, ihm noch unbekannten Grund, griff Kohane nicht an. Jakuji musste die Kutsche einige Male betrachten, da er etwas weiter weg war, doch außer einer Familie konnte nichts erkennen.
      Die Karren fuhren ohne einen Angriff zu erleiden an den Beiden vorbei, woraufhin der Dämon an seine Schülerin heran trat, die ungewohnt beschäftigt aussah.
      Jakuji hatte nicht damit gerechnet, dass gerade Kohane eine Hemmung besaß Frauen und Kinder zu töten. Nicht dass er das schlecht fand, im Gegenteil. "Worüber denkst du nach?" Fragte er die Dämonin und grinste verschmitzt, da er bereits vermutete die Antwort zu kennen.
    • Ayumi konnte nicht anders, als die Stirn leicht zu runzeln, als sie Emikos doch eher dürftige Erklärung hörte.
      „Ihr soll ein Teekessel auf den Kopf gefallen sein? Das hat sich vorhin aber ganz anders angehört…“, dachte sie, entschied sich dann aber, nicht weiter nachzufragen. Emiko würde schon reden, wenn ihr danach war.

      Die Säule warf noch einen letzten prüfenden Blick auf die angeschwollene Beule, bevor sie sich der Kochzeile zuwandte.
      Als ihr Schüler ihr seine Hilfe anbot, hob sie nur leicht die Hand. „Nein, danke, Kaoru. Setz dich hin und entspann dich ein bisschen, wenn du das möchtest.“
      Sie sah sich kurz in der Küche um, zog sich dann eine Küchenschürze über ihren Kimono und wusch sich in aller Ruhe die Hände.

      Emiko hingegen wollte spätestens jetzt einfach im Erdboden versinken. Es war schon schlimm genug, dass ihre kleine Beule bemerkt und sogar kommentiert worden war. Aber dass Kaoru ihr nun auch noch ein feuchtes Tuch anbot – so gut gemeint es wahrscheinlich auch war – machte die Lage nicht unbedingt besser.
      „Nein, danke…“, nuschelte sie leise und vermied es, jemanden direkt anzusehen.
      Ihr Blick glitt stattdessen kurz zu Ayumi, die bereits damit begonnen hatte, den Reis zu bearbeiten… wenn man das überhaupt so nennen konnte, bevor sie wieder zurück blickte.
      „Ich hoffe, du hast einen starken Magen…“, murmelte sie erneut, fast mehr zu sich selbst.
      Dann glitt ihr Blick durch eines der Fenster hinaus in den kleinen Gemüsegarten.
      „Ich werde heute Abend Körbis-Suppe machen…“, fügte sie mit ernster Miene hinzu – als kündigte sie damit eine Prüfung an.

      ~~~

      Kohane zuckte leicht zusammen, als ihr Lehrmeister plötzlich neben ihr stand. Sie war so in ihre eigenen Gedanken versunken gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie er sich ihr genähert hatte.
      Einen Moment lang zögerte sie, verengte dann leicht die Augen und zuckte nur mit den Schultern. „Es hätte sich nicht gelohnt, die Menschen eben anzugreifen.“, tat sie ihre Entscheidung, die Mutter und das kleine Kind zu verschonen, mit auffallender Gleichgültigkeit ab – als wäre es nichts weiter als eine pragmatische Einschätzung gewesen.
      „Nicht genug Fleisch.“, grummelte sie noch zur Verteidigung und hob den Blick zum Mond, um ihrem Lehrmeister nicht ins Gesicht blicken zu müssen.

      „Ich warte einfach auf die nächste Gelegenheit. Und wenn’s sein muss, jage ich ein Tier. Einen Elch… oder vielleicht einen großen Bären.“ Ihre Stimme klang nüchtern, fast gleichgültig. Das war wohl das, was man unter Dämonen als vegetarisch bezeichnen konnte –
      wenn man statt Menschen eben Tiere fraß. Nicht, dass das in dämonischen Kreisen besonders gern gesehen wurde…
    • Als seine Angebote reihum abgelehnt wurde, nahm dies Kaoru einfach mal so hin.
      Er hatte kein Problem damit einfach an den Tisch zu sitzen und nichts zu tun. So ließ er sich neben Emiko-Chan nieder und schenkte sich, ungefragt eine Tasse Tee ein.
      Gerade hatte er die Tasse an seine Lippen gelegt, da nuschelte das Mädchen so etwas wie eine Warnung. Der Junge trank einen schluck Tee, setzte die Tasse vorsichtig zurück auf den Tisch und betrachtete diese, ehe er zurück in Emikos Gesicht blickte.
      "Gewiss. Ich werde, das was du Tee nennst, sicher überleben." War seine Antwort auf ihre Warnung. Kaoru war nicht wählerisch, doch wie man einen Tee so zubereitete war ihm ein Rätsel. In diesem Haus mangelte es offensichtlich an Kenntnissen, der Nahrungszubereitung.

      Gerade wollte der Junge Mann einen weiteren Schluck nehmen, denn auch wenn der Tee im ersten Moment scheußlich war, hatte er einen interessanten Geschmack im Abgang, da berichtete das Mädchen, mit einem ungewöhnlich steifen Blick, dass sie heute Abend Kürbis zubereiten wolle. "Emiko-Chan? Drohst du mir mit deiner KÜÜrbis-Suppe?" Erkundigte er sich und trank dann, ohne den Blick von ihr zu nehmen, die restliche Tasse des abartigen Gebräus. Wenn er hätte können, hätte er die Tränen aus seinen Augen zurück gezogen, um den Ekel besser zu verbergen. Einen so großen Schluck Tee zu nehmen war keine gute Idee gewesen. Dennoch blieb sein Blick kalt, wenn auch mit Tränenflüssigkeit in den Augen.

      ---

      "Achsoo, klar." Entgegnete er seine Schülerin und rieb sich dabei nachdenklich das Kinn. Wie auch ihr Blick, wanderte der Seine für einen Moment zum Mond. Als schließlich meinte auch mit einem Tier Vorlieb zu nehmen, blickte die Absteigende 6 hinab auf den Haarschopf seiner Schülerin. "Gute Entscheidung. Wir verlieren dadurch zwar etwas an Kraft, dafür ist es einfacher seine Präsenz zu verbergen, was in deinem Fall wahrscheinlich mehr Vor- als Nachteile mit sich bringt." Erklärte Jakuji mit gesenkter Stimme und boxte ihr anschließend leicht gegen die linke Schulter. "Auf-Auf. Wir haben heute noch etwas vor. Das Luftschiff wartet nicht auf uns." Trieb er sie an und ging schon einmal in die Richtung, aus der er vor einigen Minuten die Rufe eines Brünftigen Triers vernommen hatte.

      Er konnte noch nicht ganz ihre Motive einschätzen, doch nahm er sich vor der Sache weiter auf den Grund zu gehen. Jetzt gerade würde seine Schülerin wahrscheinlich nur versuchen eine Ausrede zu finden, um der Bestrafung aus dem Weg zu gehen oder keine Schwäche zu zeigen. Da er selbst kein Problem damit hatte Tiere zu essen, war das eine gute Gelegenheit ihr zu zeigen, dass Tiere auch nicht viel schlechter waren, als Menschen. Zumindest wenn man ab und zu noch einen Menschen zwischen rein aß, um seine Mangelerscheinungen wieder auszubessern. "Wusstest du, dass ich eine Menschliche Blutbank entwickelt habe? Mit dem Blut können wir uns eine Zeit lang ernähren ohne einen Menschen zu töten. Gegen den Hunger, habe ich Rindfleisch getrocknet und mit dem Blut getränkt. Ist nicht das Gleiche, aber es wurde dennoch von Meister Madou anerkannt, um unentdeckt viele Dämonen an einem Ort zu halten." Erzählte er stolz und war gespannt, was die Dämonin dazu meinte.
    • Emiko starrte Kaoru – schon wieder – sprachlos an.
      „Was-… was hat er da gerade gesagt?“, dachte sie, schon beinahe – nein, eigentlich ziemlich sehr beleidigt.
      „Ich werde das, was du Tee nennst, sicher überleben.“?! - Wirklich jetzt? Sie hatte doch gar nicht den Tee gemeint! Sondern das, was auch immer Ayumi da gerade am Herd veranstaltete!

      Aber das eigentliche Highlight war für Emiko dann doch die Tatsache, dass er ihre Aussprache korrigierte. Langsam verengten sich ihre Augen, und sie warf dem Dämonenjäger-Schüler einen scharfen Blick zu.
      „Was stimmt nicht mit ihm?“, dachte sie empört.
      „Ich drohe dir gleich mit einem Besen!“, entfuhr es ihr plötzlich – und sie hielt erschrocken beide Hände vor den Mund. Schon wieder so ein Ausbruch... und das alles nur wegen ihm!
      Sie wand sich hastig ab. „Und das heißt KÖrbis-Suppe, Kaoru-kun!…KÖbis!“, nuschelte sie kleinlaut.

      Ayumi kümmerte sich währenddessen weiterhin um das Frühstück.
      „Immerhin – wie schwer kann es schon sein, Klebereis mit Mango zuzubereiten?“, dachte die Säule selbstbewusst und machte sich übermotiviert ans Werk.
      Doch je länger sie am Herd stand, desto mehr zogen sich ihre Augenbrauen zusammen. Gerade eben war es noch viel zu flüssig gewesen… und jetzt wurde es plötzlich fast schon zu fest. Aber gut. Es würde schon irgendwie richtig sein. Oder?

      Also ließ sie die Pampe erst einmal weiter vor sich hin köcheln und wandte sich der Mango zu. Während sie sich um das Obst kümmerte, warf sie einen kurzen Blick über die Schulter zu den beiden Teenagern.
      Mit leicht hochgezogener Augenbraue beobachtete sie die Szene einen Moment lang – entschied sich dann aber, nichts dazu zu sagen,
      und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder ganz auf ihr "Kochwerk".

      ~~~

      Kohane hatte sich innerlich schon darauf eingestellt, für ihren Vorschlag – einfach auf die Jagd nach einem Tier zu gehen – eine gescheuert zu bekommen. Doch der erwartete Schlag blieb aus. Stattdessen… befürwortete er es?
      Als er ihr dann auch noch gegen die Schulter boxte, war sie vollends verwirrt. Sie sah zu ihm auf, aber der Lehrmeister hatte sich bereits in Bewegung gesetzt.

      Hastig erhob sich die junge Dämonin aus ihrem Versteck in den dichten Sträuchern und lief ihrem Lehrmeister hinterher.
      Als sie ihn eingeholt hatte, verlangsamte sie den Schritt wieder, sodass sie entspannt neben ihm her trotten konnte.
      Als er ihr schließlich von seiner menschlichen Blutbank erzählte, weiteten sich ihre Augen erneut. Eine menschliche Blutbank? Niemanden töten…? Und das war sogar von Meister Madou anerkannt worden? Wobei – Kohane war sich sicher, dass es dem Meister nicht um die Menschen ging.

      Der normalerweise überlaute Dämon legte nachdenklich die Stirn in Falten. Dann nickte sie langsam.
      „Das klingt… wirklich beeindruckend, Meister Jakuji!“, sagte sie schließlich – und benutzte dabei zum ersten Mal seinen Vornamen korrekt und eine respektvolle Anrede. Ob nun bewusst oder unbewusst – das ließ sich in dem Moment wohl kaum sagen.

      Kohane wirkte nun wieder deutlich wacher als noch vor wenigen Minuten. Aufmerksam ließ sie ihren Blick durch die Umgebung wandern.
      „Eigentlich… eigentlich wäre es doch auch eine gute Idee, wenn uns die Menschen einfach ihre Verbrecher zum Fressen geben würden, oder?“, begann sie laut zu überlegen.
      „Wenn es ein Abkommen gäbe. Unsere Bäuche wären gefüllt – und sie selbst hätten ein Problem weniger.“
      Mit einem fragenden Blick sah sie zu ihrem Lehrmeister auf – offenbar gespannt auf seine Meinung.
    • Der Dämonenjäger schluckte einige Male, um den Geschmack des Tees aus dem Hals zu bekommen. Leider war der Abgang deutlich besser, als der Anfang. Das faszinierende an diesem Getränk war, dass er unglaublich eklig und zugleich lecker schmeckte.
      Ehe er weiter über das Geschmackserlebnis philosophieren konnte, regierte Emiko plötzlich wieder sehr explosiv.
      Als sie die Hände vor den Mund hielt, wahrscheinlich um nicht noch mehr zu sagen, schenkte sich Kaoru eine weitere Tasse Tee ein und tank diese in kleinen Schlücken, wobei er sie demonstrativ ansah, nur um ihr zu beweisen, dass er das Gesöff per se nicht schlecht fand.
      "Es ehrt dich, dass du deinen Tee in einem fairen Duell verteidigen möchtest. Ich erkenne meinen Fehler an und bitte dich um Vergebung. Es war falsch deinen Tee zu verurteilen, bevor ich seinen extravaganten und zugleich harten Aromen komplett verstanden habe." Entschuldigte er sich bei dem aufgebrachten Mädchen und senkte dabei erst seinen Kopf und leerte dann die Tasse, wobei erneut Tränen seine Augen füllten.

      Bei seiner sprachlichen Korrektur reagierte sie ebenfalls sehr impulsiv. Kaoru dachte einen Moment nach, ob er sich nun auch entschuldigen sollte, schließlich konnte das Mädchen auch nichts dafür, dass ihr niemand gesagt hatte, dass es KÜrbis und nicht KÖrbis heißt. Im Grunde klang es aus ihrem Mund auch gar nicht falsch, nur anders. Kaoru hielt einen Moment inne. War es nicht das, was er an den Leuten so sehr hasste. Dass man sein anderes sein nicht akzeptierte? Nun hatte er genau das Gleiche bei Emiko getan. Noch einmal füllte er sich eine Tasse Tee. Tippte dann dem Mädchen sanft gegen die, ihm am nächsten liegende Schulter, und wartete, bis sie ihn wieder ansah.
      "Emiko-Chan. Du darfst es aussprechen wie du möchtest. Es klingt irgendwie... ganz niedlich, aus deinem Mund." Antwortete er ihr, als sie ihn endlich wieder an sah.

      ---

      "Hab ich mich grade verhört?" Grunzte die absteigende 6, als er plötzlich so viel Respekt in ihrer Stimme hörte. Kurz darauf sprach sie sogar ihre eigenen Gedanken zu Thema: Menschen Essen. an. Eine mutige Theorie, ein Abkommen mit den Menschen zu schließen. Sie erinnerte ihn an sein eigenes Abkommen mit den geldgeilen Menschen aus seiner Stadt. "Ja, den Ansatz hab ich schon verfolgt. Leider mögen es die Menschen nicht uns Dämonen zu unterstützen. Stattdessen kauft man ihren korrupten Politikern die Sträflinge ab und steckt sie in eine Blutbank, wo sie den rest ihres Lebens leiden müssen." Antwortete er ihr mit einem Augenzwinkern.
      "Du weißt schon, dass ich dadurch bei allen Monden als die milde 6 bekannt wurde? Wenn du also keinen so beschissenen Spitznamen willst, bleib lieber die kalte Kohane und zeig auf keinen Fall Mitleid vor den Anderen Dämonen. Sie würden dich ohne zu zögern an Meister Madou verraten. " Warnte er sie mit ernster Stimme, ehe er den Geruch der Tiere in der Luft wahrnehmen konnte.

      Plötzlich ging der Dämon in die Hocke und zog seine Schülerin zu sich hinunter. "Die Tiere sind viel aufmerksamer als die Menschen. Allein der Wind, der unsere Gerüche zu ihnen weht, kann sie schon aufschrecken. Der Wind steht uns entgegen, du musst nur leise sein." Flüsterte er ihr zu, als ungefähr 100 Meter vor ihnen ein paar Schatten durch den lichten Wald huschten, die nur kurz vom hellen Mond erleuchtet wurden. Die dämonischen Augen der Beiden konnten jedoch ein perfektes und klares Bild erkennen.
    • Emiko starrte Kaoru noch immer völlig aus der Bahn geworfen an. Seine Worte - und ihre eigentliche Bedeutung – drangen kaum zu ihr durch. Und sie war sich noch immer nicht sicher, ob er ihren Tee jetzt eigentlich mochte… oder ihn gerade weiter beleidigt hatte.
      Mit aufgeblasenen Wangen und einem noch immer leicht brummenden Kopf hatte sie den Blick abgewandt. Eigentlich hatte sie nicht mehr vor, ihm zu antworten – sie wollte einfach nur auf das Frühstück warten. Doch ihre Pläne wurden durchkreuzt, als sie spürte, wie Kaoru ihr sanft gegen die Schulter tippte.

      Emiko atmete tief ein und drehte sich langsam wieder zu ihm um – bis sich ihre Blicke trafen.
      „Emiko-chan. Du darfst es aussprechen, wie du möchtest. Es klingt irgendwie… ganz niedlich, aus deinem Mund.“, sie wiederholte seine Worte in Gedanken und ihr Gesicht nahm mit jedem Moment einen satteren Rotton an.

      „H-huh? W-wie bitte? Ich glaube, ich hab dich gerade nicht so gut verstanden…“, nuschelte sie – doch bevor einer von beiden etwas erwidern konnte, trat Ayumi mit drei dampfenden Schüsseln Klebereis mit Mango an den Tisch.
      Mit sichtbarem Stolz stellte sie die Schalen ab, stemmte die Fäuste in die Hüften und grinste breit.
      „Das Frühstück ist serviert!“, verkündete sie mit leuchtenden Augen und fügte fast schon eilig hinzu: „Los, los! Esst, solange es noch schön warm ist!“

      Dann setzte sie sich schließlich zu den beiden an den Esstisch.

      ~~~

      Kohane weitete überrascht die Augen und schüttelte dann leicht den Kopf. „Nein, das wusste ich nicht.“, gab sie ehrlich zu - runzelte aber sofort danach die Stirn. „Was ist denn daran mild? Das ganze System ist doch genial! Nie wieder jagen oder hungern und die Menschen hätten theoretisch ja sogar etwas davon! Natürlich sprechen wir nur von denen, die wirklich Böses getan haben. Nicht von jemandem, der sich nur was zu essen gestohlen hat… sowas hat meistens einen tieferen Hintergrund.“, plapperte die junge Dämonin weiter und schüttelte erneut den Kopf.

      „Also sollten sich die anderen Monde vielleicht erstmal selbst was Vergleichbares einfallen lassen. Anstatt sich ständig wie kleine Mäuse in ihren Löchern zu verstecken.“
      Dann verzog sie das Gesicht zu einer wütenden Grimasse. „Blöde Petzen. Denen sollte man die Zunge rausreißen und fressen.“

      Doch ihre kleine Ansprache wurde jäh unterbrochen, als Jakuji sich plötzlich in Bewegung setzte und sie wortlos mit sich zog.
      Kohane wollte schon den Mund aufreißen – doch ihr Lehrmeister begann bereits mit seiner Erklärung.
      Also schwieg sie, hörte ihm aufmerksam zu und nickte schließlich leicht.
      „Eine Jagd auf ein Raubtier wäre vermutlich einfacher…man könnte es provozieren, bis es angreift – und dann kurzen Prozess machen.“, flüsterte sie leise zurück und folgte seinem Blick.

      „Ich mach das.“, hauchte sie selbstbewusst und schlich leise los.

      Der Wind stand günstig gegen die Dämonen – das Wild konnte sie nicht wittern. Kohane näherte sich, doch kurz bevor sie zu nahe an trockenem Laub vorbeimusste, wechselte sie ihre Taktik.
      Mit beeindruckender Leichtigkeit kletterte sie auf einen nahen Baum und huschte lautlos von Ast zu Ast – immer näher an die ahnungslose Beute heran. Es dauerte nicht lange, bis sie das Ziel erreicht hatte: ein majestätischer Hirsch stand direkt unter ihr.

      Versteckt zwischen den Ästen, studierte sie das Tier genau.
      Ihr Blick blieb an seinem Genick hängen. Ein guter Angriffspunkt – schnell, gezielt und möglichst schmerzfrei.
      Und dann – ohne dem Tier auch nur einen Moment zur Reaktion zu lassen – griff sie an. Ein lautes KNACK durchbrach die Stille. Der Hirsch sackte leblos in sich zusammen.
    • Der Schüler betrachtete, wie das Gesicht seiner Sitznachbarin zunehmend eine reifen Tomate ähnelte. Anscheinend hatte er etwas zu dick aufgetragen. Er musste unbedingt lernen seine Wortwahl, in ihrer Gegenwart, etwas besser zu überdenken.
      Leider sorgte ihre Anwesenheit immer wieder dafür, dass ihm solch seltsamen Formulierungen aus dem Mund rutschen. "Macht nichts..." Antwortete Kaoru knapp, als Ayumi das Frühstück an die anwesenden Personen verteilte und ebenfalls Platz nahm.

      Neugierig beäugte Kaoru den Reis, der nun dampfend vor ihm stand. Weder der Geruch, noch das Aussehen ließen darauf schließen, dass er von schlechter Qualität war. Daher nahm er seine Stäbchen zwischen die Finger und wünschte allen einen guten Appetit, ganz so, wie es sich gehörte.
      Die ersten Bissen schmeckten zu Beginn etwas anders, als er es sich vorgestellt hatte, doch anders als der Tee, trieb es ihm keine Tränen in die Augen. Alles in allem war es ein annehmbares Frühstück.
      -Wie blasser Mond auf lebloser See liegt der Reis – stumm, verklumpt, voll Schwermut.- Schoss es Kaoru durch den Kopf, als er wortlos seinen Reis in den Mund schob, bis nichts mehr übrig blieb. Anschließend spülte er die Reste, die ihm im Mund verblieben ware, mit etwas Tee hinunter. Die Mischung aus Beidem war ebenfalls recht interessant. "Euer Frühstück entfaltet ein forderndes und gleichermaßen bekanntes Geschmackserlebnis. Falls ihr es gestattet, würde ich gerne um einen weitere Reise durch dieses Geschmackserlebnisses bitten."
      Lobte er Ayumis Frühstück und kam nicht umhin einen Blick zu Emiko zu riskieren, die gestern noch etwas Besorgt wegen des Essens gewesen war. Ob sie auch so gut kochen konnte?

      ---

      "Die anderen Monde haben andere Aufgaben, Kohane. Konzentrieren wir uns lieber auf unsere." Versuchte er sie etwas zu bremse, ehe sie noch völlig die Konzentration auf das Wesentliche verlor.

      Doch wäre das gar nicht nötig gewesen, denn die junge Dämonin erledigte alles völlig alleine.
      Kritisch beobachtete Jakuji wie seine Schülerin durch die Äste der Bäume glitt und schließlich das Tier gezielt erlegte. Entgegen seiner Erwartung, tötete sie es schmerzlos und ohne dass es überhaupt viel davon mitbekam.

      Als die Dämonin ihr Werk verrichtet hatte, trat Jakuji langsam an sie und ihre Beute heran und senkte sich neben ihr auf die Knie, sodass er ihr ohne viel Mühe in die Augen blicken konnte. "Das ist nicht dein erstes Tier? Ich habe noch keinen Dämonen gesehen, der so..." Jakuji schüttelte den Kopf und atmete etwas gekünstelt dabei aus. "Egal. Iss. Das ist deine verdiente Belohnung."
      Ermutigte er seine Schülerin und ließ sich, aus der Hocke, neben dem erlegten Tier nieder, um sie besser beobachten zu können.

      Möglicherweise hatte seine Schülern doch sehr viele versteckte Talente und ihre Einstellung... Die passte teilweise nicht zu dem, was ihn ihren Unterlagen vermerkt worden war. Hatte sie gelogen? Wahrscheinlich. -Sehr wahrscheinlich. -Es war Kohane, was für eine Frage?
      Der Dämon grinste leicht vor sich hin, als er sich seine Frage selbst beantwortet hatte. Jetzt musste er nur noch heraus finden, wie er es schaffen würde Kohane so auf seine Seite zu bringen, dass sie bereit war nach Ayumi zu suchen ohne alles zu hinterfragen oder ihn an Meister Madou zu verraten. Doch alles zu seiner Zeit.
    • Voller Stolz hob Ayumi das Kinn, als Kaoru – zugegebenermaßen ein wenig geschwollen – verkündete, dass ihm das von ihr gekochte Frühstück schmeckte. „Es freut mich, dass es dir schmeckt, mein Schüler!“, trug sie nun ebenfalls ein wenig zu dick auf
      und konnte nicht anders, als über das ganze Gesicht zu grinsen.
      „Nimm dir gern noch mehr, wenn du Hunger hast – es ist genug da.“, sagte sie dann und begann nun ebenfalls zu essen.
      Es war vielleicht nicht ganz so, wie sie es von ihrer Mutter in Erinnerung hatte – aber dennoch schmeckte es ihr.

      Erwartungsvoll wanderte ihr Blick schließlich auch in Emikos Richtung – die allerdings gerade mit wachsender Verwirrung zwischen ihrer Schüssel und Kaoru hin und her sah.
      Wie zum Dämonen konnte ihm das Zeug – das man vermutlich als neumodische Foltermethode verwenden konnte – besser schmecken als ihr Tee?
      Die junge Bedienstete verengte leicht die Augen und warf Kaoru einen kurzen, aber deutlich funkelnden Blick zu, bevor sie wieder auf ihre eigene Schüssel sah. Sie schluckte trocken. Dann nahm sie die Stäbchen in die Hand und probierte vorsichtig einen kleinen Bissen.
      Es kostete sie große Mühe, ihr Gesicht dabei nicht zu verziehen. Vielleicht war der Brei doch nicht für Folter geeignet… aber zum Verputzen ganzer Häuser konnte man ihn vermutlich verwenden.

      Ayumi, die noch immer auf einem Stück Mango kaute, blickte sie erwartungsvoll an.
      „Und? Wie schmeckt es dir?“, fragte die Säule mit vollen Mund.
      Emiko zwang sich zu einem bemühten Lächeln und nickte leicht. „Uh… ja. Schmeckt gut.“, nuschelte sie – aber es war ziemlich offensichtlich, dass sie nicht allzu erpicht darauf war, weiterzuessen.

      Als Ayumi sich im nächsten Moment kurz abwandte, nutzte Emiko ihre Chance und tauschte blitzschnell ihre volle Schüssel mit Kaorus leerer aus. Wenn er das Zeug so sehr mochte, dann konnte er ihre Portion ja gleich noch mitessen…

      ~~~

      Kohane blickte einen Moment lang schweigend auf die Leiche des Hirsches, bevor sie sich neben dem Tier niederkniete und leise etwas flüsterte – etwas, das verdächtig nach einem kurzen Gebet klang. Natürlich würde sie das niemals offen zugeben.
      Denn das würde Schwäche bedeuten. Und Schwäche… überlebte in dieser Welt nicht. Wie die Flügel eines Schmetterlings – leicht zu brechen, leicht zu zerreißen.

      Dann hob sie den Kopf zu ihrem Lehrmeister. Ihre Augenbrauen zogen sich leicht zusammen – nicht feindselig, aber herausfordernd – als er einen Satz begann…und ihn nicht beendete.
      „Hä?“, fragte sie in gewohnt rotziger Tonlage – die schneller zurückgekehrt war, als man denken konnte.
      Ihr Blick wanderte vom Hirsch zu Jakuji – und wieder zurück.

      „Und was ist mit dir? Willst du nichts essen?“, fragte sie und riss sich im selben Atemzug schon ein ordentliches Stück Fleisch aus dem Kadaver.
      Ohne zu zögern biss sie herzhaft hinein – ohne auch nur im Entferntesten Anzeichen von Tischmanieren zu zeigen.
      Warum auch? Sie saßen schließlich nicht an einem Tisch – sie waren mitten im Wald.
    • Kaoru fand es äußerst bedenklich, dass seine Lehrerin mit vollem Mund sprach, sagte jedoch nichts dazu. Nur ein etwas schräger blick, den er in Erwartung an ausgespuckte Essensreste, an sie richtete, ließ erahnen, dass etwas nicht stimmte. Noch bedenklicher war jedoch, dass Emiko ihm einfach ihre Schüssel vor die Nase setzte. So wie es aussah, wollte sie nicht weiter essen und eine plötzlich leere Schüssel vortäuschen. Wer wäre denn so dumm darauf herein zu fallen?
      So bekam auch Emiko einen kurzen und ebenso skeptischen Blick zugeworfen, ehe er wortlos den Reis in seinen Mund schob.
      ...So... kindisch... Dachte er sich, als seine Augen den Boden der Schüssel erblickten.

      Nun klang ein wohliges Gefühl der Völle in seinem Magen. Ein reichhaltiges Frühstück war einfach der perfekte Start in den Tag.

      Der Jäger wartete geduldig ab, bis auch seine Lehrerin aufgegessen hatte und sammelte ungefragt alle Schüsseln und Stäbchen ein, um diese am Spülstein zu reinigen.
      Mit selbstverständlicher Ruhe, versorgte er das Geschirr ordentlich zum abtropfen und blieb, mit dem Hintern gegen die Küchenmöbel gelehnt stehen, um die beiden Damen des Hauses zu beobachten. ...Es ist doch eigentlich gar nicht so schlimm... Kam ihm in den Sinn, als er die Beiden eine ganze Weile beobachtet hatte. "Ich bin schon sehr auf die KÜrbissuppe gespannt." Begann Kaoru aus dem Nichts, blickte dabei jedoch Ayumi an. "Ich bin bereit, wenn ihr es seit, Sensei."

      ---

      Die absteigende 6 beobachtete das Verhalten seiner Schülerin sehr genau, reagierte jedoch nicht sofort. Was auch immer sie da trieb war ihre Sache. Keiner der Dämonen war gezwungen den anderen zu verpetzen. Es war ihre eigene Bosheit, die sie dazu trieb. Es beruhigte ihn allerdings, als Kohane ihre gewohnte, rebellische, Art zurück erlangt hatte. "Machst du dir etwa Sorgen um mich... ...oder schaffst du diesen kleinen Hirsch nicht alleine?" Fragte Jakuji zuerst etwas überrascht, konnte sich im richtigen Moment wieder fassen und mit einem neckischen Ton, die Unsicherheit etwas überspielen. Es fühlte sich komisch an. Wollte ein Dämon etwas freiwillig mit einem anderen Dämon teilen, dann hatte dies meist nie eine ehrliche Absicht, zum Antrieb. "Dein Blut wird kalt." Erinnerte er sie, um ihr etwas Druck zu machen.
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