a moon between us [by Akkubird & yuyuumyn]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Aufmerksam beobachtete Ayumi die Reaktion ihres Schülers, als sie ihm vorschlug, gemeinsam noch etwas zu Abend zu essen.
      Wenn es nach ihr ging, war er immer noch viel zu förmlich. Natürlich erwartete Ayumi einen gewissen Grundrespekt – aber sie wünschte sich dennoch eine lockere und entspannte Atmosphäre zwischen ihnen. Aber sie war überzeugt, dass sich mit der Zeit sowohl Kaoru als auch sie selbst an diese völlig neue Situation gewöhnen würden.

      Als Kaoru schließlich Ramen vorschlug, nickte Ayumi zustimmend und lächelte.
      „Das klingt nach einem guten Plan.“, sagte sie und deutete ihm mit einer leichten Kopfbewegung an, ihr zu folgen.
      „Ich kenne in dieser Stadt ein gutes Restaurant, in dem wir ungestört reden können. Dort haben sie die besten Ramen der ganzen Stadt.“, versicherte sie mit einem kleinen Schmunzeln.
      Und obwohl sie heute bereits Ramen gegessen hatte, freute sie sich insgeheim schon auf die nächste Portion.
      Während sie gemeinsam durch die Straßen gingen, beobachtete Ayumi ihren Schüler immer wieder aus dem Augenwinkel.
      In Gedanken ging sie bereits durch, welche Fragen sie ihm stellen konnte – um mehr über ihn zu erfahren, aber auch, um das Eis zu brechen.

      Als sie schließlich im Restaurant ankamen, war es gut besucht – aber wie es der Zufall wollte, war in einer kleinen, ruhigen Ecke mit gemütlichen Polstern noch ein Tisch frei.

      „Wir setzen uns da hin.“, sagte Ayumi ruhig und ging ohne Umschweife mit ihm zu den freien Sitzplätzen.

      ~~~

      Als die Absteigende Sechs schließlich für einen kurzen Moment von der jungen Dämonin abließ, fiel sie wie ein nasser Sack zu Boden.
      Benommen blieb sie liegen. Sie wollte sich eigentlich sofort wieder aufrichten – aber ihre Beine gehorchten ihr nicht.
      Ihre Konzentration war noch nicht zurückgekehrt, ihr Kopf war wirr, der Nebel aus Verwirrung und Luftnot zu dicht.

      Als sie plötzlich von der Absteigenden Sechs gepackt und mühelos hochgehoben wurde, grummelte sie benommen irgendetwas Unverständliches vor sich hin. Kaum etwas von dem, was um sie herum geschah, drang wirklich zu ihr durch.
      In diesem Moment war es vermutlich besser, dass ihre Worte nur wirres Murmeln blieben.

      Erst ein stechender Schmerz in ihrem Gesicht riss sie – mehr schlecht als recht – zurück ins Hier und Jetzt. Ihr Kopf wurde unsanft zur Seite geschleudert, doch sie zeigte keine Anzeichen von Schmerz.
      Langsam, trotzig, drehte sie den Kopf wieder zu ihrem Lehrmeister zurück. Seine Worte klangen gedämpft. Als würde er durch dickes Glas zu ihr sprechen. Weit entfernt. Verzerrt.

      Sie riss den Mund auf – vermutlich, um ihn zu beleidigen. Ein giftiger Kommentar lag ihr bereits auf der Zunge. Doch die Erinnerung an das, was vor wenigen Augenblicken geschehen war, ließ sie innehalten.
      Sie schloss den Mund wieder. Zorn blitzte in ihren Augen auf, doch die Worte starben ihr auf den Lippen.
    • Kaoru blickte unbeeindruckt auf die schmunzelnden Lippen der Frau, als diese ihm die besten Ramen der Stadt versprach.
      Es war etwas zu Essen und Geschmäcker waren verschieden. Woher wollte sie wissen was ihm schmeckt? Daher ging der Junge einfach davon aus, dass es ihr Lieblingsgeschmack sein würde und nicht seiner. Der Junge musste nun auch keine weiteren Worte aus dem Ärmel schütteln, denn die Sensei wollte keine weitere Zeit damit vergeuden und sogleich aufbrechen.

      Wortlos, mit gebührendem Abstand, folgte er der Säule, wie ein Schatten. Seine Augen waren nun etwas wachsamer, als noch zuvor. In seinem Kopf hatte sich der Gedanke eingebrannt, dass jeder hier der Feind sein konnte. So unbehaglich diese Vorstellung auch war, verschaffte sie einem im Ernstfall wichtige Sekunden und verhinderte vielleicht sogar einen Überraschungsangriff.
      Sie wanderten also durch die Gassen und Straßen, bis Ayumi ihr Ziel erreicht hatte. Kurz darauf, deutete die Säule schon einen Sitzplatz heraus. Kaoru saß zumeist lieber auf einem Stuhl, da er dort sein Schwert nicht ablegen musste.
      Der Laden war zu dieser Zeit sehr gut besucht, möglicherweise wäre es besser gewesen an einem der Stände etwas auf die Hand zu nehmen. Nun waren sie jedoch hier und es gab keinen Weg mehr zurück.

      Kaoru wartete anständig, bis seine Lehrmeisterin Platz genommen hatte. Anschließend folgte er versuchte sein Schwert in einem halbwegs passable Position zu bringen. Als dies nicht gelang, band er das gute Stück los und lehnte es zwischen seine Beine unter den Tisch, sodass er es immer noch Griffbereit hatte. Seit dem Tod seiner Eltern wusste er wozu Dämonen in der Lage waren. Und sein Erzfeind konnte ohne Vorwarnung auftauchen und angreifen. Da würde vermutlich auch die erhöhte Achtsamkeit der Sensei nichts mehr bringen.

      Sie saßen nicht lange, als die Bedienung am Tisch stand und die Bestellung aufnehmen wollte. Der Junge zögerte einen Moment, denn die Bedienung hatte ihn zuerst angesprochen. Um die Situation nicht noch unangenehmer zu machen, gab er seine Bestellung als erstes Auf.
      "Guten Abend. Für mich bitte 5 Portionen Karaage und die Gemüse-Ramen mit Ei und doppelt Nudeln." Die Bedienung notierte gelassen seine Bestellung und blickte dann Ayumi an. Kaoru war sich nicht sicher, doch irgendwie schien diese Kellnerin daran gewohnt zu sein abgefahrene Bestellungen entgegen zu nehmen. Der Junge tat so, als würde er erneut die Karte studieren, um unnötigen Gesprächen aus dem Weg zu gehen.

      ---

      Der Dämonenmond betrachtete das Häufchen Elend, welches er gerade geschaffen hatte und griff in Gedanken auf die Sache mit dem Spaß zurück. Und das hat mir auch keinen Spaß gemacht, du trotziges Balg. Schoss ihm in den Sinn. Er sah dabei zu, wie sie den Mund öffnete und wieder schloss.
      Immerhin war sie nun wieder halbwegs da, denn ihr Blick ließ darauf schließen, dass die Worte die aus ihr heraus wollten nicht gut überdacht sein konnten.

      Jakuji ließ seine Hand sinken und besah sich die junge Dämonin, indem er seinen Kopf leicht zur linken und dann zur rechten Schulter neigte. Noch immer vor ihr in der Hocke, wechselte der Dämon in den Schneidesitz und verschränkte dabei die Arme. Den Blick weiter gegen ihren gehalten. Es lag weder Zorn noch Mitleid in seinen Augen, doch es wunderte ihn, dass sie so rebellisch war, obwohl sie um ein Haar den Kopf verloren hatte. "Man verschleiert seine Präsenz immer bevor man die Präsenz des Gegners wahr nimmt. Du weißt nie wie stark dein Gegner ist und ob du nicht schon längst in der Falle sitzt." Der Dämonenmond hielt kurz inne. Was faselte er da nur? Wo kam das her?

      Er konnte sehen, dass die Kleine noch etwas zu kämpfen hatte, weshalb er entschloss erstmal abzuwarten bis sie wieder komplett anwesend war. Vielleicht schafften sie es ja doch noch ein oder zwei lehrreiche Gespräche zu führen.
    • Ayumi hatte es sich auf ihrem Sitzplatz bequem gemacht. Ihr Schwert lag locker neben ihr an den Tisch angelehnt– griffbereit, falls es nötig werden sollte. Ihr Blick wanderte immer wieder zu ihrem neuen Schüler. Sie überlegte, was sie ihn fragen sollte.
      Gerade in der Welt der Dämonenjäger konnten manche Fragen leicht nach hinten losgehen – das wusste sie nur zu gut.

      Doch fürs Erste ließ sie ihre Augen über die Speisekarte gleiten. Eher aus Höflichkeit. Immerhin kannte sie deren Inhalt inzwischen beinahe auswendig – was nicht verwunderlich war, wenn man bedachte, wie oft sie hier gemeinsam mit Daigo gegessen hatte.
      Als sie Kaorus Bestellung hörte, hob sie überrascht die Augenbrauen. Er hatte ganz schön guten Appetit.
      "Gut.", dachte sie schmunzelnd. "Das ist definitiv etwas, worauf man aufbauen kann."

      Als die Kellnerin sich ihr zuwandte, gab Ayumi schließlich ihre eigene Bestellung auf: „Die Miso-Ramen mit Rind und Gemüse, bitte. Dazu ein Ei. Und einmal Edamame und Yakitori. Oh – und dann noch Mochis und den Reiskuchen, bitte.“
      Für einen kurzen Moment zögerte sie. Sollte sie Sake bestellen? Für sich und Kaoru?
      Aber… das machte vermutlich keinen besonders guten Eindruck, wenn sich eine Säule direkt am ersten Tag mit ihrem Schüler einen trank.

      Also ließ sie es.

      „Das wäre dann erstmal alles.“, sagte Ayumi mit einem freundlichen Lächeln, bevor sie sich wieder Kaoru zuwandte.
      Einen Moment lang überlegte sie, suchte nach einem guten Einstieg – etwas Unverfängliches, das nicht gleich zu schwer auf den Schultern lag. Dann fiel ihr etwas ein:

      „Was ist dein Lieblingsessen?“, fragte sie schließlich – die Stimme sanft, fast neugierig.

      ~~~

      Kohane konnte nicht anders, als wieder etwas Unverständliches unter ihrem Atem zu murmeln, als ihr neuer Lehrmeister ihr erklärte, dass man immer zuerst seine eigene Präsenz verschleiern sollte, bevor man die eines Gegners wahrnimmt.
      „Das weiß ich selbst…“, murmelte sie schließlich pampig etwas lauter und verständlicher.
      Ihr Kopf drehte sich noch immer ein wenig, doch sie war fest entschlossen, ihren eigenen Fehler unter keinen Umständen zuzugeben.

      Langsam lehnte sie sich zurück und rieb sich die Wange, die eben noch eine kräftige Ohrfeige einstecken musste. Auch wenn sie spürte, wie der Schmerz in ihren Knochen nachhallte – sie würde das niemals zugeben.
      Sie hatte früh gelernt – vor allem damals im Waisenhaus, als sie noch ein Mensch gewesen war – dass man Schwäche niemals zeigen durfte.
      Dass es einem Todesurteil gleichkam, wenn man sich im falschen Moment in den falschen Kreisen fallen ließ. Diesen Fehler würde sie kein zweites Mal begehen.

      „Warum verschleiern wir Dämonen dann nicht einfach dauerhaft unsere Präsenz? Das würde doch viel mehr Sinn machen.“, fragte sie schließlich, während sie nun ihr Gegenüber genauer musterte.
      Das also war die Absteigende Sechs…Ihr neuer Lehrmeister...
      Kohane zog misstrauisch die Augenbrauen zusammen, ließ ihren Blick kurz über seine Gestalt gleiten.

      Doch dann verzog sich ihr Gesicht zu einer enttäuschten Grimasse. Nichts. Kein Tropfen von diesem schleimigen Albtraum klebte an ihm.
      Offenbar hatte er sich rechtzeitig geschützt – schneller, als sie es gesehen hatte.
      "Umsonst.", dachte sie grimmig. "Der ganze Spaß für nichts."

      Sie schnaubte leise und rieb sich noch einmal die schmerzende Wange, ohne ihren Blick abzuwenden.
    • Der Junge Schwertkämpfer ließ seinen Blick weiterhin auf der Karte ruhen, doch seine Aufmerksamkeit lag auf der Bestellung seiner Sensei. Sie schien ebenfalls einen guten Hunger zu haben. Nur die Zusammenstellung ihrer Mahlzeit kam ihm persönlich etwas fragwürdig vor. Geschmäcker waren eben verschieden.
      Die Bedienung gab die Bestellung der Beiden weiter an die Küche, sodass es nun nur noch die Wartezeit zu überbrücken galt.

      Wenige Augenblicke später, wurde ihm eine Frage gestellt. Es musste wohl sein. Die niederste Form der Unterhaltung... Smalltalk. Etwas dass man tat, wenn man nichts mit seinen eigenen Gedanken anzufangen wusste. Kaoru atmete einmal durch und versuchte dabei nicht genervt zu wirken. Es war nur so anstrengend eine so offensichtliche Sache auch noch aussprechen zu müssen. "Karaage mit Gemüse-Ramen, mit Ei und Nudeln." Beantwortete er die Frage erneut sehr akkurat. In seinem Kopf generierte er verschiedene sinnfreie Gegenfragen, die man nun stellen konnte. Für sie wäre es wahrscheinlich sehr befremdlich, wenn er einfach nur da sitzen würde um auf sein Essen zu warten. Das Ziel war es sich auszutauschen und nicht zu schweigen. "Die letzten Tage war es mir nicht möglich zu essen, Sensei." Erklärte der Junge seine ausladende Bestellung, denn der Gesichtsausdruck der Säule war ihm nicht entgangen. "Darf ich fragen was euren Gaumen erfreut? Mir scheint ihr tendiert eher zu Süßspeisen als zu nahrhafter Kost." Unweigerlich musste er seine Beobachtung mit einbringen. Die Hälfte der Worte hätten wahrscheinlich auch genügt um das Gespräch am laufen zu halten.



      ---

      Der Dämonenmond sah das Mädchen ungläubig an, als diese ihren Fehler völlig dreist leugnete. "Du belügst nicht mich, sondern nur dich selbst." Antwortete er ruhig auf ihre pampige Antwort. Nochmal wollte er sie nicht verletzen müssen. Auch als Dämon war er kein Freund von vermeidbarer Gewalt. Jakuji ließ ihr Zeit klar zu kommen. Und hätte er sie nicht mit seinen eigenen Händen so zugerichtet, dann könnte er sie einfach links liegen lassen.
      Die Gegenfrage, die sie ihm stellte, brachte den Dämonenmond einen Moment ins Grübeln. Konzentriert fasste er sich ans Kinn und versuchte sich die richtigen Worte zurecht zu legen. "Es kommt drauf an. Jeder Dämon entwickelt ein Stück weit seine eigenen Stärken. Je stärker zu bist, desto schwerer ist es sich vor Dämonen und Menschen zu verstecken. Es bedarf einer gewissen Übung und Veranlagung um sich sowohl vor den Jägern als auch vor den Dämonen zu verbergen. Niemand kann sich völlig unsichtbar machen, aber sehr schwer auffindbar. Wird Dämonenmonde verbergen unsere Aura nur dann, wenn es notwendig wird. Niedere Dämonen könnten sonst denken, dass wir schwach und leicht angreifbar sind. Und das wird mit der Zeit sehr... lästig." Erklärte Jakuji mit einem noch immer sehr nachdenklichen Gesicht. Zum Schluss hin wurde er jedoch sowohl in der Stimme als auch mit der Mimik deutlich ernster.
      Auch die prüfenden Blicke der Dämonin entgingen ihm nicht und es war schwer nicht sich davon nicht reizen zu lassen. Ob er ihr verraten sollte, dass seine Stärke weit über das hinaus ging was er zeigte? Noch nicht. Erst musste er sich seiner Sache sicher sein.
      "Dir sollte klar sein, dass ich dich das nächste Mal ohne zu zögern töten werde, solltest du mich noch einmal aus Spaß angreifen. Sollten das die anderen Dämonen spitz kriegen, bin ich den rest meines Lebens damit beschäftigt Idioten zu beseitigen. Und glaube mir, ich werde einen Weg finden, wie du die Suppe für mich auslöffeln wirst." Warnte er sie und hob dabei ermahnend den Finger, wie einst seine Hausleiterin es getan hatte. In dem Moment schoss ihm eine Szene aus seiner Kindheit in den Kopf, wie die Erwachsenen ihn immer nur schlecht behandelt hatten. Langsam ließ er seinen Finger wieder sinken und atmete tief durch. Gerne hätte er ihr gesagt, dass es kein Spaß gewesen war die zu bedrohen oder zu verletze, doch Schwäche konnte man sich als Dämonenmond einfach nicht leisten.

      Jakuji ließ erneut etwas Zeit verstreichen, ehe er sich etwas zu Kohane nach vorne beugte und meinte: "Ich kann dir richtig kranken Scheiß zeigen. Aber nur wenn du die Arschbacken zusammen klemmst und mir nicht auf den Sack gehst. Oder ich behandle dich wie die 200 anderen Neulinge und lasse dich kurz vor Tagesanbruch aus gehungert in eine Stadt voller Jäger gehen um etwas zu essen zu suchen." Der Dämon lehnte sich wieder zurück und kratzte sich entspannt am Hinterkopf. "Kannst du aufstehen? Du musst was essen, sonst wird der Dunst in deinem Schädel dir noch die Synapsen schmelzen."

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    • Unwillkürlich wurde Ayumis Lächeln ein wenig schwächer, als sie Kaorus Antwort hörte. Das hier lief wirklich ganz anders, als damals bei ihr und Daigo. Ob Daigo in so einer Situation besser mit Kaoru klargekommen wäre? Ob er einfach unbeirrt weiter er selbst geblieben wäre? Oder hätte selbst er seine Herangehensweise überdacht?

      Sie unterdrückte ein Seufzen und zwang sich, dem Jungen gegenüber keine Unsicherheit zu zeigen. Verdammt noch mal, sie war eine Säule! Eine der stärksten Dämonenjägerinnen! Und nicht nur das – sie war eine talentierte Erfinderin. Der Todeshauch war ihre Schöpfung. Ihre Waffe. Eine Technik, die selbst höheren Dämonen gefährlich werden würde. Da durfte sie sich doch wohl kaum von einem höflichen, vielleicht etwas steifen Schüler aus der Fassung bringen lassen… oder?

      Sie hörte ihm schweigend zu, während er seine Bestellung begründete, und nickte dann leicht.
      „Du musst dich mir gegenüber nicht rechtfertigen.“, sagte sie ruhig, fast schon mit einem kleinen Lächeln. Es war ehrlich gemeint. Sie wollte, dass er sich bei ihr entspannen konnte – nicht, dass er sich ständig erklären musste. Als er dann jedoch die Gegenfrage stellte, hielt Ayumi kurz inne.
      „Hm...“ - ein nachdenkliches Geräusch, während sie wieder zu ihm sah. „Ich probiere gerne alles Mögliche. Neue Gerichte, neue Gewürze – vor allem, wenn ich auf Reisen bin.“
      Dann zuckte sie fast ein wenig schmunzelnd mit den Schultern. „Aber es gibt eine Sache, auf die ich nie verzichten würde: Reiskuchen und/oder Mochis. Irgendwas Süßes zum Schluss oder zum Anfang muss einfach sein.“

      Wie auf Stichwort erschien die Bedienung mit einem gewaltigen Tablett und stellte nach und nach die dampfenden Schüsseln und duftenden Beilagen ab – so viel Essen, dass es locker für eine großköpfige Familie gereicht hätte.
      Ayumi hob überrascht eine Augenbraue, als sie sah, wie voll der Tisch wurde, aber ihr Blick blieb dann fast kindlich begeistert an einem bestimmten Punkt hängen. Die Mochis.
      Ein sanftes Glitzern trat in ihre Augen, kaum sichtbar – aber echt. Vielleicht war es die Wärme der Erinnerung oder einfach die pure Freude an etwas so Einfach-Schönem. Sie nickte der Bedienung dankend zu, bevor sie sich mit leichtem Lächeln wieder Kaoru zuwandte.

      „Guten Appetit.“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, aber mit einem Hauch leiser Vorfreude.

      ~~~

      „Tsk… ich bin trotzdem eine verdammt gute Lügnerin.“, grummelte Kohane leise in ihren nicht vorhandenen Kragen. Als sie dann die Antwort ihres neuen Lehrmeisters hörte, zog sie nachdenklich die Augenbrauen zusammen. Seine Worte hallten in ihrem Kopf nach, und sie begann, darüber nachzudenken.
      Bislang hatte sie ihre Präsenz oft nur verschleiert, wenn sie sich an andere angeschlichen hatte – nur um genau im richtigen Moment zuzuschlagen, wenn es für den Gegner längst zu spät gewesen war. Erst dann hatte sie ihre Aura freigegeben. Als letzte Warnung. Oder höhnische Ankündigung.

      „Ich verstehe…“, murmelte sie schließlich und hob langsam wieder den Blick. Ihre violetten Augen trafen die der Absteigenden Sechs direkt, ohne ein Anzeichen von Furcht. „Hm. Aber weißt du was? Ich will, dass sie meine Präsenz spüren. Ich will, dass ihnen das Blut in den Adern gefriert – und sie wie kleine Mäuse das Weite suchen.“
      Ein schelmisches Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, während in ihren Augen dieses verspielte, gefährliche Funkeln aufflammte.

      Bei den nächsten Worten des Mondes und der mahnenden Bewegung seines Fingers stöhnte die junge Dämonin genervt auf und verdrehte demonstrativ die Augen. „Ich hab dich nicht angegriffen. Es war nur ein harmloser Streich. Ein riesiger Unterschied, falls du das nicht auseinanderhalten kannst.“, konterte sie trotzig und verschränkte die Arme vor der Brust.
      Doch ihre aufmüpfige Haltung bröckelte schneller, als sie sie aufgebaut hatte, als sie die leisen, fast beiläufigen Worte ihres neuen Lehrmeisters vernahm. Kranken Scheiß…? Ihre Augen begannen neugierig zu funkeln. Was genau meinte er damit? Und… konnte sie das vielleicht irgendwann lernen?
      Die Drohung, sie bei Tagesanbruch halbverhungert in einer Jägerstadt auszusetzen, ignorierte sie geflissentlich. Reine Einschüchterungstaktik. "Bluff", dachte sie.

      Doch dann… verriet ihr Magen sie. Noch bevor sie eine schlagfertige Erwiderung von sich geben konnte, meldete sich dieser mit einem lauten, verräterischen Knurren zu Wort. Kohane zuckte leicht zusammen – und verzog das Gesicht. „…Verräter“, murmelte sie in Richtung ihres Bauchs.

      „Ja, ich kann aufstehen. Außerdem habe ich keine Synapsen.“, murmelte sie, ohne den Fehler in ihrer eigenen Aussage zu bemerken. Mit den Händen stützte sie sich am Brunnen hinter sich ab und drückte sich – noch etwas wackelig – wieder auf die Beine.
      Ihr Magen knurrte jetzt noch lauter, beinahe empört. Instinktiv hob sie die Nase in die Luft und begann zu schnuppern, auf der Suche nach irgendeiner Fährte. Menschen, Jäger, irgendwas, das essbar oder zumindest reizbar war.
      Nach ein paar Sekunden zog sie die Augenbrauen genervt zusammen.
      „Hier sind kaum Menschen wahrnehmbar... Das nächste Dorf muss ein ganzes Stück entfernt sein.“
    • Kaoru wusste, dass er sich nicht rechtfertigen musste. Doch nur so hatte er die Stille brechen können. Doch da sie nun darauf bestand, würde er sich auch zukünftig nicht mehr rechtfertigen. Genau nach seiner Einschätzung folgend, berichtete sie im Anschluss von ihren Essgewohnheiten. Der Junger versuchte sich bei der Erzählung etwas zurück zu lehnen und entspannt zu wirken, doch noch immer kam ihm sie Situation sehr gezwungen vor. "Wiedererwarten, äußerst abenteuerlich, wenn auch kalkulierbar." Analysierte er ihre Erzählung. Ehe er weiter auf ihre Gewohnheiten eingehen konnte, trat die Bedienung mit den reichlich bestellten Speisen an den Tisch.

      Schnell deckte sie all das gute Essen auf den Tisch und erst jetzt sah man das Ausmaß. Der gesamte Tisch war nun gefüllt mir dampfenden Speisen und natürlich auch den Süßspeisen, von denen Ayumi gerade noch geschwärmt hatte. Kaoru nahm sich wortlos seine Stäbchen aus dem Halter, als er die seltsamen Blicke der Säule bemerkte. Ihm war nicht sofort klar was genau er da gerade beobachtete. Eine erwachsene Frau, die kurz davor war zu weinen oder die Überwältigen eines überragenden Ereignisses?
      Zum Glück unterbrach sie zeitgleich seinen Gedankengang mit einem "Guten Appetit". Sachte brach der Junge seine Stäbchen auseinander und antwortete ebenfalls mit einem: "Guten Appetit, Sensei." Doch anstatt drauf los zu essen, wie er es sonst tat, warf er Ayumi einen leicht fragenden Blick zu, denn er konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen Menschen so emotional beim Essen beobachtet zu haben. Da sein Magen nun plötzlich zu knurren begann, schnappte sich Kaoru ein paar Hühnerstücke und schob sich diese in den Mund. Dadurch konnte sein Blick auch wieder von Ayumi weichen ohne dass ihm eine unpassende Frage über die Lippen kam.

      Eine ganze Weile schob er sich, wie am Fließband, ein Teil nach dem Anderen rein. Als fast alle Karaage verputzt waren, ging es an die Suppe, die er ebenso zielstrebig wie schnell in seinen Mund beförderte. Doch etwas beschäftigte ihn nebenbei. Diese Süßspeisen. Was war es, dass sie so berührte? Das konnte doch nicht einfach nur die Mischung aus Zucker und Mehl sein. Ein schlichtes Essen. Da musste mehr dahinter sein. "Habt Ihr einen besonderen Bezug zu diesen Speisen, Sensei? Ein Erlebnis? Eine Person?" Formulierte er seine Vermutung direkt und zog dann die restlichen Nudeln und das Ei hinunter.
      Anschließend deutete er mit den Stäbchen, in seiner Hand, auf die restlichen Hühnerteile, die in ihrer knusprigen Panade, locker auf einem Blatt Salat und etwas Bambussprossen angerichtet waren. "Eine kuriose Vorstellung, zusammen mit einer Mahlzeit in der Erinnerung einer Person zu bleiben." Murmelte der Junge nachdenklich und griff sich ein Hühnerteil, um es in seine Brühe zu dippen. Dabei ließ ihn der Gedanke nicht los, ob er nun als Hühnchen oder Brühe in Erinnerung bleiben würde. Dann erinnerte er sich an den feuchten Blick seiner Lehrmeisterin und steckte sich das Hühnchen in den Mund. Mit welchem Essen konnte er sie verknüpfen? Vermutlich den Mochis, doch das stand noch nicht fest. Dazu müsste er sie erst weiter beobachten.

      ---

      Die absteigende 6 hielt den Blicken der junge Dämonin stand, doch ihre Worte brachten ihm nichts als innerliches Kopfschütteln. Doch er verstand auch, dass sie einfach noch zu unerfahren war um den Schwachsinn zu verstehen, den sie da von sich gab. Jakuji beschloss nicht weiter darauf einzugehen. Er würde ihr einen Gegner suchen, der so stark war, dass er garantiert nicht wie eine Maus flüchten würde. Denn anscheinend war sie sich nicht bewusst, dass auch Jäger gab die genau auf ihre Sorte aus waren und nur darauf warteten angegriffen zu werden. Ein finsteres Grinsen durchzog für einen Moment das Gesicht der absteigenden 6, bevor die junge Dämonin nun doch etwas Interesse zeigte. Auch wenn dies nur ganz kurz war.

      Unterbrochen wurde die ganze Szene erst, als ihre Magen das Schweigen brach. Jakuji schüttelte nur verächtlich den Kopf. Wie konnte man so verblendet sein und sine Grundbedürfnisse leugnen? Doch sie schaffte es sich aufzurichten und begann sogleich damit Witterung aufzunehmen.
      Erneut grummelte ihr Magen. "Keine Synapsen? Darum lebst du wohl noch..." Murmelte Jakuji, als sie meinte kaum Menschen aufspüren zu können. Gemächlich richtete sich der Dämon auf und grinste amüsiert. "Tick, Tack, Kohane" Antwortete Jakuji und deutete dabei ein Mitleidsträne, mit dem Finger an. "Das Dorf? Nicht der kleine Jägertrupp, der uns bereits seit ein paar Minuten näher kommt. Komm schon, Kohane. Das kannst du besser. Meine Blutmagie hat sie sicher angelockt. Was tun wir? Schaffst du 3? 4? Ich wette du schaffst alle 6." Ärgerte er die junge Dämonin, die sich gerade noch auf den Beinen halten konnte. Nicht nur Dämonen konnten ihre Präsenz verbergen. Auch die Jäger hatten ihre Techniken um Dämonen zu täuschen. Gerade die jungen und unerfahrenen waren sehr anfällig. Dass er vielleicht 4 Jäger dazu erfunden hatte, um sie unter Druck zu setzen, musste er ihr nicht gleich auf die Nase binden.

      Der Dämonenmond grinste erfreut weiter, ehe er sich neben Kohane stellte und eine Hand auf ihre Schulter legte. Nicht zu sachte, doch auch nicht um sie weiter zu verletzen.
      Sein Ziel war es nicht ihren Willen zu brechen oder ihre Wahrnehmung zu steigern. Nur ihre Reaktion, im Angesicht dieser missliche Lage, war wichtig. Wortlos und ohne eine Ankündigung, tarnte sich Jakuji vollständig in der Dunkelheit des Hofes, doch seine Aura reduzierte er nur so weit, als dass sie einem normalen Dämon ähnlich war.

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    • „Kalkulierbar?“, wiederholte Ayumi in Gedanken, runzelte leicht die Stirn – entschloss sich aber, nicht weiter darauf einzugehen. Stattdessen richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf das köstliche Essen vor ihr.
      Ihr Blick haftete wie magisch an den Mochis – und genau die waren es auch, die sie sich nun als Erstes gönnte.
      "Schade, dass Daigo nicht hier ist.", dachte sie beiläufig. Er hätte mit seiner lockeren Art die Stimmung sicher im Handumdrehen aufgelockert. Aber vielleicht war es gerade besser so. Schließlich ging es heute darum, ihren Schüler erst einmal kennenzulernen.
      Ein paar Wochen später, wenn die Situation entspannter war, konnte sie vielleicht ein gemeinsames Abendessen organisieren – mit Daigo, Kaoru und ihr. Sie konnte sogar... kochen?
      Der Gedanke verflog genauso schnell, wie er gekommen war. Beim letzten Versuch hatte sie es irgendwie geschafft, das Wasser für den Reis anzubrennen. Bis heute wusste sie nicht, wie das überhaupt möglich war – aber sie wollte es ganz sicher nicht wieder herausfinden.

      Gerade als sie sich genüsslich einen der Mochis in den Mund geschoben hatte, hörte sie die plötzliche Frage ihres Schülers. Bis dahin hatte er selbst kaum mehr als ein paar Worte gesagt und war ebenso in sein Essen vertieft gewesen wie sie.
      Sie hielt in ihrer Bewegung inne, kaute langsam zu Ende, tupfte sich mit der Serviette den Mund ab – und sah ihn dann etwas überrascht an. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Doch desto länger sie über seine Frage nachdachte, desto klarer wurde die Antwort.
      Es war nicht nur der Geschmack – es war die Erinnerung daran. Eine bestimmte Person. Ein Mensch, den sie nie vergessen hatte.
      Jemand, der noch immer tief in ihr wohnte... auch wenn sie darüber niemals sprechen durfte.

      „Hm...“, machte sie nachdenklich, ein Ton, der zeigte, dass sie die Frage ernst nahm – obwohl die Antwort längst feststand.
      Schließlich hob sie den Blick und sah Kaoru an. Ihr Ausdruck war nun deutlich ernster als zuvor. „Da gibt es tatsächlich jemanden. Eine Person, um genau zu sein, die ich mit Mochis verbinde.“
      Sie schwieg für einen Moment, senkte leicht den Blick und schüttelte dann sacht den Kopf. „Aber das ist nichts, worüber ich sprechen möchte. Es ist... eine schöne, aber zugleich schmerzhafte Erinnerung. Kein Thema für einen Esstisch in einem Restaurant. Eigentlich für niemals, irgendwo ein gutes Thema.“

      Sie lehnte sich zurück, griff nach dem Teller mit den Yakitori-Spießen und ließ einen nach dem anderen verschwinden. Ein zufriedenes Seufzen entwich ihr, als sich das wohlig warme Gefühl von Sättigung in ihr ausbreitete.
      Dann hob sie wieder den Blick. „Warum ist das für dich eigentlich eine kuriose Vorstellung?“, fragte sie ruhig.
      Sie wollte es verstehen – nicht nur wegen der Antwort, sondern weil sie wusste: Um wirklich gut lehren zu können, musste sie ihn verstehen.

      ~~~

      Kohane weitete – vielleicht ein wenig erschrocken – die Augen, als ihr neuer Lehrmeister plötzlich verkündete, dass sich ihnen ein Jägertrupp näherte.
      „Sechs Jäger?!“, wiederholte sie fassungslos, doch als sie sich umdrehte, war da nur noch Dunkelheit.
      Die Hand, die eben noch schwer auf ihrer Schulter gelegen hatte, war verschwunden – ebenso wie ihr Lehrmeister selbst. Er hatte sich, wie ein Schatten, in die Dunkelheit der alten Farm zurückgezogen.
      Für einen Moment blieb sie stehen, ließ ihre Augen durch die Finsternis wandern. Dann schnaubte sie leise, die Lippen zu einem genervten Fluch verzogen. Etwas Unverständliches rutschte ihr über die Zunge – vermutlich kein besonders höfliches Wort.

      Sie schloss die Augen für einen kurzen Moment und konzentrierte sich. Die Präsenz ihres Lehrmeisters war noch da... aber nur schwach. Wie ein Flackern in der Ferne.

      Sie ließ die Augen noch einen Moment geschlossen. Und dann – langsam, wie ein Puzzlestück, das plötzlich an seinen Platz fällt – verstand sie es. Nicht nur Dämonen konnten ihre Präsenz verschleiern. Nein. Auch Jäger konnten es. Und genau das war eben geschehen.
      Während ihr Lehrmeister die drohende Annäherung bereits längst gespürt hatte, war sie selbst völlig ahnungslos gewesen.
      "Verdammt…", dachte sie.
      Wäre sie allein gewesen, hätte der Angriff sie kalt erwischt. Keine Vorbereitung. Keine Verteidigung. Nur ein Blutbad und ihr rollender Kopf.

      „Scheiße...“, fluchte sie leise und öffnete langsam wieder die Augen. Ihre Pupillen verengten sich wieder zu gefährlichen Schlitzen.
      Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis die Jäger die alte Farm erreichen würden. Flucht war keine Option – das wusste sie. Und sie war sich sicher: Ihr Lehrmeister wollte genau das. Wollte sehen, was sie wirklich draufhatte.
      "Na schön..."
      Dann sollte er eben sehen, aus welchem Holz sie geschnitzt war.

      Für einen Moment wanderten ihre Augen über das Gelände, suchten nach Deckung, nach Möglichkeiten.

      Es wäre töricht – nein, einfach nur dumm – hier mitten im offenen Hof zu stehen wie ein abgehalftertes Reh, das darauf wartete, zur Strecke gebracht zu werden.
      Also zog sie sich in die Schatten eines abgelegenen Farmabschnitts zurück, wo das Mondlicht kaum mehr als ein matter Schimmer war. Dort verharrte sie. Lautlos. Regungslos.
      Sie würde abwarten. Ihre Beute beobachten. Ihre Optionen kalkulieren. Und dann – zuschlagen.
      Ein leises Grummeln durchbrach die Stille. Ihr Magen. Kohane verzog leicht das Gesicht. Der Hunger wurde schlimmer. Und mit ihm das Verlangen. Nach Blut. Nach Gewalt. Nach Tod.

      Kurz darauf traten zwei Jäger auf das Gelände der verlassenen Farm. Langsam. Wachsam. Jeder ihrer Schritte schien bedacht, ihre Augen glitten prüfend durch die Dunkelheit.
      Kohane blieb reglos in ihrem Versteck. Noch rührte sie sich nicht. Noch schlug sie nicht zu.
      Stattdessen zählte sie innerlich mit. "Zwei."
      Doch wo waren die anderen vier? Ihr Blick huschte über das Gelände, ihr Körper spannte sich instinktiv an. Hielten sie sich noch im Schatten verborgen? Warteten sie nur auf den Moment, in dem sie den ersten Fehler machte? Das hier war keine stumpfe Jagd. Es war ein Test. Und sie war die Gejagte – zumindest noch.

      Dann kam ihr eine Idee. Eine Möglichkeit, die Jäger zu ihr zu locken, ohne die Sicherheit ihres Verstecks vorschnell aufzugeben.
      Sie machte sich klein, duckte sich noch tiefer in den Schatten – und rief dann mit einer kindlich-weinerlichen Stimme, die viel zerbrechlicher klang, als nötig gewesen wäre: „H-Hilfe... bitte! Warum hilft mir denn keiner?!“
      Ihre Stimme hallten über das Gelände – wie eine hypnotische Melodie. Eine tödliche Melodie.

      Die beiden Jäger hielten inne. Ihre Blicke trafen sich, kurz, misstrauisch. Dann nickte der eine dem anderen zu und bewegte sich vorsichtig in Richtung der Stimme. Doch Kohane wartete bereits.
      Wie eine Schlange schnellte sie aus der Dunkelheit hervor, lautlos und präzise. Noch ehe der Jäger reagieren konnte, hatte sie ihn erfasst und mit in den Schatten gerissen.
      Zuerst musste seine Hand dran glauben – jene, in der er das tödliche Katana hielt.
      Dann drückte sie ihn zu Boden. Ihre Klauen schlossen sich fest um seinen Hals, bohrten sich tiefer und tiefer ins Fleisch.
      Ein letztes, ersticktes Röcheln, ein lautes Ratsch... dann nur noch Stille.
    • Kaoru spitzte etwas die Ohren, als ihr durchdringendes und zugleich nachdenkliches "Hm" bei ihm ankam. Hatte er tatsächlich ins Schwarze getroffen? Nicht dass dies selten der Fall war, jedoch bevorzugten es die meisten Menschen seine direkten Fragen zu meiden und mit einem betroffenen Schweigen zu antworten. Seine neue Meisterin hingegen schien wohl nur nicht direkt die richtigen Worte parat zu haben. Für den Moment, als sich ihre Blicke trafen und sie ihre Antwort begann, versuchte der Junge gelassen und gefasst die Tiefe ihrer Augen zu suchen, auch wenn ihre Tonlage nun ungewohnt strenger wurde. Letztlich senkte sie den den Blick und wich der Frage doch aus.
      Kaoru wurde bewusst, dass er wohl wieder einmal über das Ziel hinaus geschossen war. Und auch wenn ihm die nächste Frage, zu diesem Thema, auf der Zunge brannte, hielt ihn diese Erkenntnis der Grenzüberschreitung davon ab sie laut auszusprechen. Seine Eigenarten waren nicht unbedingt jedermanns Sache, doch würde er niemandem mit Absicht unangenehme Fragen stellen. Zumindest nicht, wenn er zuvor zweifellos darauf hingewiesen wurde, dass die Themen zu denen er Fragen stellen wollte unangenehm waren.

      "Das respektiere ich, Sensei." Antwortete der Junge nüchtern, wie eh und je. Anschließend beendete auch er seine Mahlzeit. Eine ganze Weile war es wieder still zwischen den Beiden. Kaoru nutzte die Zeit, um die Menschen in der Umgebung zu beobachten und den Laden etwas genauer zu betrachten. Die Menschen hier schienen alle so unbeschwert und offen. Allgemein kam es ihm so vor, als hätte dieser Ort ein sehr beruhigendes Stimmungsfeld.

      Auf ihre Rückfrage konnte der Junge nicht sofort eine Antwort geben, denn eigentlich wollte er ihr gar nicht so viel von seinen Gedanken offenbaren. Meist waren sie selbst für ihn schwer zu greifen. Da sie ihn nun aber so erwartungsvoll ansah, wollte er es zumindest versuchen. Außerdem war seine Laune durch den gefüllten Magen deutlich besser als zuvor.
      Der Schüler legte den Kopf etwas zur Seite und sah er erneut tief in die Augen, ehe er seine Vorstellung sachlich formulieren wollte. "Wenn ich richtig liege, dann hat man keinen Einfluss darauf, mit welchem Geschmack oder Geruch man verbunden wird. Und ich möchte nicht als Reiskuchen in eurem Kopf bleiben, Sensei. Und Ihr wahrscheinlich nicht als Gemüsebrühe?" Seine Worte kamen langsam, mit Bedacht. Seine Augen scannten unentwegt ihre Gesichtszüge. Es war gefährlich einem fremden Menschen zu viel seiner Gedanken preis zu geben. Vor allem, da man dadurch berechenbar wurde. Lieber der schweigsame bekloppte, als der Redselige tote.
      Selbst wenn sie damit nicht viel anfangen konnte, würde sie ihn nun vielleicht nicht mehr nach den Hintergründen fragen.

      ---

      Der Dämonenmond wartete und beobachtete geduldig. Wie zu erwarten verhielt sich die junge Dämonin erst etwas unsicher, fasste dann wohl schnell einen Plan. Sie hatte entweder schon Erfahrung mit den Jägern gemacht oder etwas vergleichbares erlebt. Die Taktik die sie wählte war auch nicht unbedingt schlecht.
      Erst als ihre lockende Stimme über das Feld schwang und an Jakujis Ohren drang, begann dieser etwas interessierter die Schwingungen zu analysieren. Es kam ihm für einen Moment so vor, als hätte sein Blut minimal auf diese Schwingungen reagiert. Eine Nachwirkung seiner Blutdämonenkunst? Auf jeden Fall war da etwas, dem er zeitnah unbedingt auf den Grund gehen musste.
      Zuvor stand nun aber noch die Konfrontation mit dem Jäger aus, der nun zur Quelle der Stimme wanderte. Der Andere schien von außen Wache zu halten. Jakuji verdrehte nur die Augen. Diese Hohlbirnen konnten sich mit unterdrückter Aura an einen Dämon an schleichen und liefen dann zu einer Kinderstimme mitten im nirgendwo? Erst als Kohane den Ersten gemeuchelt hatte, änderte Jakuji seine Theorie. Es waren nicht die Jäger die dumm waren. Es hatte sicher etwas mit der Überzeugungskraft ihre Stimme zu tun gehabt.

      Begeistert über den Hergang der Dinge, wollte der Dämon schon freudig applaudieren. Doch theoretisch wären es nun noch 5 weitere Jäger mit unbekannten Kräften und Techniken, die es zu bezwingen galt. Und ihren Standort hatte sie trotz allem verraten. Was in dieser Situation minimal ungünstig sein konnte.
      Der zweite Jäger war nun vor-gewarnt und bereitete sich darauf vor den Demonen im Haus anzugreifen.
      Konzentriert und angespannt rief der Jäger: "7. Form - Schreiende Winde!" und sprang auf das alte Haus zu, in dem die Dämonin eben noch seinen Kumpel verspeist hatte.
      Die Kraft die dieser Angriff in sich trug war äußerst heftig und sehr breit gefächert. Hunderte messerscharfer Klingen im Auge einer Welle aus Staub, Deck und Steinen, rollten wie eine Tsunami auf die kleine Hütte zu.
      Jakuji zögerte einen Moment, denn Kohane hatte eben Nahrung zu sich genommen, doch konnte er es riskieren sie schutzlos einem solchen Angriff auszusetzen? Würde sie schnell genug darauf reagieren oder in seine Falle tappen?
      Es blieb keine Zeit mehr für Spielchen. Dieser Jäger war geübt. Das konnte Jakuji an seiner Entschlossenheit spüren. Dieser Jäger hatte die Hosen gestrichen voll und schaffte es dennoch einen so konzentrierten und starken Angriff abzugeben.

      Der Dämonenmond stand nahe genug an der Hütte, als dass er es noch gerade so schaffte mit seiner Resilienz einen pulsierenden Schild aus Blut aufzubauen, der den Großteil des Angriffes abwehren konnte. Rings um Kohane, wo der Schild keine Wirkung hatte, da er nicht dazu gedacht war ganze Gebäude zu schützen, zerfetzte es die eh schon zerfallenen Reste der Hütte. Stille folgte auf den Angriff. Die eben noch in die Luft gerissenen Teile der Hütte segelten nach und nach wieder, mit dumpfen Schlägen, zu Boden.
      Das Stroh des Daches wehte, wie ein Schneegestöber durch die Nacht. Staub brannte in den Augen.
      Jakuji besah den Jäger, der nun auch zu ihm hinüber da. Durch den Angriff musste Jakuji seine Tarnung aufgeben und die Nutzung seiner Blutdämonenkunst offenbarte nun auch einen Teil seiner wahren Präsenz.

      Ohne zu zögern wollte sich der Jäger schon auf den nächsten Angriff vorbereiten, doch dieses Mal war nicht Kohane das Zielt, sondern Jakuji.
      Dieser versuchte noch einen Blick auf Kohane zu erhaschen, doch diese wurde noch immer von einer Wolke aus Staub verdeckt.
      Mit einem Mal entfesselte die absteigende 6 ihre gesamte Präsenz. Nur ein leichtes Flackern war in der Luft zu sehen, doch das Atmen wurde schlagartig schwerer.
      Als hätte man einen Felsen auf die Brust des Jäger gelegt, keuchte dieser plötzlich aus und ging in die Knie. "Gefällt´s dir?" Wollte der Mond wissen und grinste dabei in die Richtung seiner Schülerin. "Meister Madou selbst hat mich mit dieser Technik vor kurzem in die Knie gezwungen." Erklärte er weiter und schritt langsam auf den Wicht zu, der sich am Boden krümmte. "M-Madou?" Winselte der Jäger mit zitternder Stimme, denn für mehr reichte es nicht mehr. Jakuji packte den Jäger erledigte ihn schnell und ohne Leid.
      Anschließend fraß er den Leichnam des Kämpfers auf.
      Während er dies tat, zog sich die erdrückende Aura, die zuvor noch auf dem Umfeld gelegen hatte, zurück. Länger hätte er diesen Zusatand ohne Nahrung auch nicht mehr ausgehalten. Viel zu unsauber und anstrengend war es seine Kräfte auf diese Art zu nutzen. Doch auch ein Beispiel dafür wie stark Meister Madou sein musste.

      Nach beendeter Mahlzeit, wischte sich die absteigende 6 den Mund ab und deutete in Richtung der Berge. "Wir werden den Tag in einer Höhle verbringen. Die Jäger werden jetzt sicher den Ursprung dieser Präsenz wahrgenommen haben und hier rum schnüffeln." Befahl er und wartete darauf, dass seine Schülerin bereit war los zu ziehen.
    • Aufmerksam lauschte Ayumi der Antwort ihres Schülers. Sie schwieg einen Moment – und dann war sie es, die in ein leichtherziges Lachen ausbrach. Nicht aus Bosheit oder etwas Vergleichbarem. Einfach nur... amüsiert.
      Sie lachte so sehr, dass ihr bereits der Magen zu schmerzen begann und sich Lachtränen in ihren Augenwinkeln sammelten. Der Gedanke, bei jemand anderem als „Gemüsebrühe“ in Erinnerung zu bleiben, war wirklich mehr als amüsant – eine herrlich absurde Vorstellung.

      Ob Haruto – bzw. Jakuji – sie wohl auch mit irgendeiner Speise in Verbindung brachte? Vielleicht mit Aprikosen? Weil sie so oft unter einem Aprikosenbaum gesessen und so viele von den süßen Früchten genascht hatten, bis ihnen schon ganz schlecht geworden war?

      Die Säule brauchte einen Moment, um sich wieder halbwegs zu fangen. Mit einer sauberen Serviette wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Sie suchte nach den richtigen Worten, doch immer wieder stahl sich ein leises Kichern zwischen ihre Sätze.
      „Also, um ehrlich zu sein—“, begann sie, doch ihr Satz endete erneut in einem unterdrückten Gekicher.
      „Ich stelle mir das einfach viel zu witzig vor. Stell dir das doch mal bildlich vor: ein Reiskuchen, eine Gemüsebrühe, eine Aprikose oder was auch immer – mit zwei Augen, einer Nase und im besten Fall noch einem kleinen Mund!“
      Sie versuchte, sich wieder zusammenzureißen. Sich wie eine Säule zu verhalten – und nicht wie ein kicherndes Schulmädchen. Ihr Blick fiel auf die leeren Teller. Nur der Reiskuchen war noch übrig – den würde sie sich einpacken lassen. Ein Mitternachtssnack war schließlich nie verkehrt.

      Nachdem sie sich wieder gefasst hatte, sah sie zurück zu ihrem Schüler – den sie nun unweigerlich mit Reiskuchen in Verbindung brachte.
      „Na gut... wollen wir aufbrechen? Ich nehme an, du bist auch müde? Und du solltest für morgen ausgeruht sein.“
      Ihre Stimme wurde etwas ernster, doch in ihren Augen blitzte es schelmisch. „Ich werde dich bei deiner Ausbildung ganz sicher nicht mit Samthandschuhen anfassen.“

      ~~~

      Kohane lief noch immer das Blut des Jägers über das Kinn. Ihr Atem ging flach – was wohl daran lag, dass sie die Leiche nicht nur verspeist, sondern regelrecht verschlungen hatte.

      Vermutlich aus dem einfachen Grund – oder vielmehr aus der Angst heraus –, dass ihr neuer Lehrmeister versuchen könnte, ihr die Beute streitig zu machen. Das Leben als junger und noch eher unerfahrener Dämon war nun einmal nicht einfach. Man musste sich behaupten. Und man musste seine Beute verteidigen, wenn man fressen und satt werden wollte.

      Nichtsdestotrotz hatte sie genau mitbekommen, was um sie herum passiert war. Wie der zweite Jäger ihr – nach ihrem Geschmack – mit seiner Atemtechnik viel zu nah gekommen war und wie ihr Lehrmeister dazwischengegangen war.
      Diese Taktik… wie der Jäger plötzlich keuchend zu Boden gegangen war. Hatte ihr neuer Lehrmeister das wirklich alles nur durch seine bloße Präsenz bewirkt?! Und was war das nur für eine Abwehrtechnik?!
      Mit großen Augen starrte sie ihn an. Vergleichsweise wirkte ihr Blick diesmal beinahe ehrfürchtig. Aber auch nur beinahe.

      „Wow…“, murmelte sie, stand auf und klopfte sich den Staub von ihrem Schmetterlings-Kimono. „Wie hast du das gemacht?“, fragte sie und trat näher. „Und warum hat Meister Madou das bei dir gemacht? Hast du ihm auch einen Streich gespielt?“, fragte sie weiter – und verkündete dann bestimmt: „Ich will das auch können!“

      Sie trat noch näher an ihren Lehrmeister heran und folgte mit den Augen der Richtung, in die er deutete. Ihr Gesicht verzog sich leicht. Begeistert war sie wirklich nicht. Den ganzen Tag über in den Bergen – in einer Höhle – zu verbringen, klang alles andere als spannend. Da gab es doch nichts zu tun! Aber ihnen blieb wohl keine andere Wahl. Bis vor Sonnenaufgang würden sie es nicht mehr rechtzeitig zu einem anderen sicheren Ort schaffen.
      Die junge Dämonin wippte unruhig auf ihren Füßen hin und her, bevor sich wieder ein breites Grinsen auf ihren Lippen ausbreitete.
      „Ich wette, ich bin vor dir da… immerhin bist du ja schon voll alt…“, sagte sie, wobei der restliche Teil eher ein Murmeln war.

      Doch sie gab dem Mond gar keine Chance, darauf zu reagieren – schon flitzte sie los, in Richtung der Berge, ohne einen einzigen Blick zurückzuwerfen.
    • Kaoru sah seine Lehrmeisterin weiterhin geduldig an, als diese seine Aussage mit einem Lachanfall beantwortete. Das war mal etwas anderes. Auf eine andere Art unangenehm und seltsam, aber anders. Die kleinen Tränen, in den Winkeln ihrer Augen, verrieten dem jungen Mann, dass sie ernsthafte Freude an seinen Worten gefunden hatte. Das war nicht gespielt. Da war er sich sicher.
      Auf ihre Beschreibung hin, legte Kaoru seinen Kopf etwas zur Seite und setzte einen "hab ich doch gesagt" Blick auf. "Wie ich bereits sagte: Eine kuriose Vorstellung, Sensei." Murmelte er mehr zu sich selbst, als zu ihr, denn sie schien ohne hin nicht mehr aufnahmefähig zu sein.

      Es dauerte eine Weile, bis die junge Lehrmeisterin wieder Frau ihrer Lage war, doch diesen Moment der Klarheit nutzte sie um ihn daran zu erinnern, dass es Zeit fürs Bett war.
      In Kaorus innerem regte sich ein leichter Drang zur Rebellion. Woher wollte sie wissen wie müde er war? Dass sie nicht hier bleiben konnten war ihm klar. Nun, er stellte sich vor, dass sie einfach vorgeschlagen hatte an einen anderen Ort zu gehen. Das kam schließlich fast auf das Gleiche heraus.
      Zustimmend nickte er ihr zu und wollte schon aufstehen, da fügte sie noch etwas zu ihrer Aussage hinzu, was Kaoru für einen Augenblick erstarren ließ. Als dieser Zustand nach einigen Sekunden abgeklungen war, schnallte er sein Schwert an den Gürtel und richtete seinen Kimono, der durch das Sitzen etwas verrutscht war.
      "Ich würde es begrüßen nicht angefasst zu werden." Stellte er mit sicherer Stimme klar, sah dabei aber schon zum Ausgang und verließ den Laden.

      Draußen auf der Straße atmete Kaoru erst einmal tief durch. Bisher war es einigermaßen gut gelaufen. Die erste Nacht würde wohl noch Hart werden. Ein ungewohnte Umfeld. Er war sich jetzt schon sicher kein Auge zu zu machen. Nun stand er da und bemerkte, dass er unaufmerksam geworden war. Wie unangenehm sich von so einem dummen Wortspiel aus der Ruhe bringen zu lassen. Hatte er doch glatt vergessen den strammen Burschen zu machen. Oder erwartete sie eher einen aufmüpfigen Teenager? Naja...
      Jetzt war es zu spät um den faux pas rückgängig zu machen.
      Wieder gefasst und mit sicherer Haltung, wartete er darauf von Ayumi den Weg gewiesen zu bekommen.

      ---

      Fragend sah die absteigende 6 seine Schülerin an, denn sie hatte eben fast ihren Kopf verloren und das war es was sie interessierte? . "Nicht ganz... Und... Schauen wir mal." Sie war schon ein Fall für sich. Und genau aus diesem Grund durfte er sich jetzt mit ihr herum schlagen. Meister Madou war ein wahrer sadist. Nichts geschah ohne Grund. Einen seiner Monde an dieses Kind zu binden erschien Jakuji dennoch etwas übertrieben. Nun war es eben so.

      Kohane trat etwas näher und schoss dann wie befohlen davon. Ihre Anspielung auf sein Alter konnte er getrost ignorieren. Die absteigende 5 war alt und ab geledert, aber er doch nicht. Kurzer Hand folgte der Dämonenmond seiner Schülerin, die sogar den richtigen Weg fand, auch wenn sie nicht begeistert darüber zu sein schien in einer Höhle zu hocken.
      Dabei gab es viel schlimmere Orte auf dieser Welt. Eine Erdmulde im Sonnensicht zum Beispiel.

      Etwas später als die Schülerin, traf der Lehrer ein und wies ihr die letzten Meter in eine nahegelegene Höhle. Der Eingang lag versteckt hinter dicken Bäumen und dichten Büschen. Wäre noch ein Wasserfall in der Nähe gewesen, so hätte man fast ein Kunstwerk davon malen können.
      Im inneren der Höhle, ging es einige Meter hinab in die absolute Dunkelheit. Dort befand sich eine große Tür aus schweren Holzstämmen, die etwas an die Türen in Jakujis Stadt erinnerte. Der Dämon öffnete die Verriegelung und öffnete eine Hälfte der Doppeltür, die nun Einblick in einen großen Raum voller Kisten und Säcke bot.
      Zumindest, wenn man im Dunkeln etwas sehen konnte.
      Jakuji entzündete ein paar der wenigen Öllampen und schloss dann das Tor hinter Kohane. "Ein Dummy Lager Gerümpel." Erklärte er ungefragt, da er dieses Lager eigentlich nutzen wollte um die Jäger auf eine falsche Spur zu locken, was leider nie die chance hatte zum Einsatz zu kommen.

      "Du hast eine interessante Stimme." Teilte der Dämon seine Beobachtung aus dem kurzen Kampf. Da er sich sicher war, dass Kohane ihre Fehler erneut leugnen würde, übersprang er den Teil mit der Fehleranalyse und kam direkt zum Punkt. Indessen schob er lieber ein paar der Kisten zusammen und formte so eine kleine Sitzecke, auf deren Tisch er eine Lampe drapierte. Anschließend nahm er Platz und bot der Dämonin ebenfalls seinen Platz an. "Setz dich. Jetzt haben wir Zeit zu reden und holen den verhunzten "kennenlernteil" nach. Ich bin Jakuji, die absteigende 6 und wurde beauftragt dich zu formen."
      Lud er sie ein und wartete auf ihre Reaktion. "
    • Schnell legte Ayumi den Reiskuchen behutsam in eine Serviette und verstaute ihn dann sorgfältig in ihrer kleinen Umhängetasche – zwischen roten Spinnenlilien und verschiedenen Reagenzgläsern.
      Nachdem sie sich mit einer respektvollen Verbeugung beim Personal des kleinen Restaurants bedankt hatte, folgte sie ihrem Schüler nach draußen.

      Natürlich würde sie seinem Wunsch nach körperlicher Distanz nachkommen, wenn er das ausdrücklich so wollte. Dennoch würde dieser Wunsch nichts daran ändern, dass sie ihm im Verlauf des Trainings früher oder später mit einem Holzschwert hinterherjagen würde. Wie sehr er dabei getroffen werden würde – das hing dann ganz allein von seiner Verteidigungstaktik ab.
      „Ich habe dir bereits ein Zimmer herrichten lassen.“, sagte sie, während sie ihm mit einem Nicken bedeutete, ihr zu folgen.

      Sie würden nur ein kurzes Stück durch einen Waldabschnitt gehen müssen. Dahinter lag bereits das kleine - gut versteckte - Anwesen, das zur Dämonenjäger-Organisation gehörte – jenem Ort, an dem Ayumi als Säule das Oberhaupt war.
      Diese Anwesen waren im ganzen Land verteilt, und jeder Säule war eines davon zugeteilt. Sie dienten nicht nur als Zuhause, sondern auch als Zufluchtsorte für reisende oder verletzte Jäger.

      Mitarbeiter, die ebenfalls Teil der Organisation waren, kümmerten sich dort um das Wohlergehen der Jäger – mit Hingabe, Disziplin und absoluter Verschwiegenheit.

      Sie betraten den schmalen Waldabschnitt. Ayumis Blick wanderte in den Himmel und blieb schließlich am runden Vollmond hängen. Ob Haruto sich wohl gerade ebenfalls den Mond ansah und an sie dachte? Sie war sich nicht sicher... aber es war eine schöne Vorstellung. Eine schöne Vorstellung, dass nur ein Mond zwischen ihnen stand.
      Nach einem Moment senkte sie den Blick wieder und sah zu ihrem Schüler.
      Ihre Entscheidung stand fest: sie würde sich für ihn nicht verstellen. Wenn sie sich selbst zurückhielt, würde sie niemals ihr volles Potenzial in seine Ausbildung stecken können. Ob es ihm also passte oder nicht – er würde mit ihrer direkten und manchmal etwas lauteren Art klarkommen müssen.

      „Sollte es dir dennoch an irgendetwas mangeln, zögere nicht, es zu sagen – in Ordnung?“ Ihre Stimme war freundlich, aber klar. „Und nur, damit du es schon einmal gehört hast: wir beginnen dein Training morgen bei Sonnenaufgang. Mit einfacher Meditation.“

      ~~~

      Kohane trug ein breites Grinsen auf den Lippen, als sie – wie erwartet – als Erste die Berge erreichte. Ob ihr neuer Lehrmeister überhaupt wirklich versucht hatte, sie einzuholen? Ihr Ego sagte: es spielte keine Rolle. Wie auch immer es gewesen war – Fakt war, dass sie so oder so schneller gewesen wäre als der Dämonenmond.
      Als er schließlich eintraf, folgte sie ihm ohne große Worte in einen versteckten Höhleneingang. Eigentlich hatte sie schon den nächsten bissigen Spruch auf der Zunge, aber für den Moment war sie satt und zufrieden. Ihre Sticheleien konnten warten – es würden sich bestimmt noch genug Gelegenheiten bieten.

      Als sie schließlich vor einer hölzernen Doppeltür stehen blieben, zog die junge Dämonin eine Augenbraue hoch.
      „Wohnst du hier?“, fragte sie und beobachtete genau, wie er die Tür entriegelte. Nachdem beide eingetreten waren, schloss der Dämonenmond die Tür wieder hinter ihnen.
      „Ein Dummy-Lager für Gerümpel…? Was für ein Scheiß...“, dachte Kohane und verzog das Gesicht. Wenn man schon eine Wohnung in einer halb unterirdischen Höhle hatte – warum machte man es sich hier unten dann nicht wenigstens ein bisschen gemütlich?

      Als ihr neuer Lehrmeister dann überraschend ihre Stimme lobte, hob sie leicht das Kinn, sagte dazu aber nichts weiter. Die Narben an ihrem Hals – Erinnerungen an ihre Zeit als Mensch – waren noch immer stille Wächter der Grausamkeit, die man ihr angetan hatte. Ihre Stimme war zugleich ihr größtes Kompliment... und ihr größter Fluch.

      Überraschenderweise – und ohne zu protestieren – nahm Kohane den Platz ein, den man ihr anbot. Im Schneidersitz ließ sie sich nieder, bequem und ganz in ihrer typischen, leicht herausfordernden Art. Er wollte reden. Großartig. Gerade nach einer Mahlzeit hätte sie lieber ein Nickerchen gemacht – auch wenn Dämonen eigentlich keinen Schlaf brauchten.
      Sie zog die Augenbrauen zusammen, als ihr Lehrmeister sich mit einem gewissen Ernst vorstellte.
      „Jakuja.“, wiederholte sie leicht schief. „Mein Name ist Kohane. Schülerin und – irgendwann – genauso wie du ein Dämonenmond.“

      Ihr Blick wanderte kurz durch den Raum. Dann sah sie wieder zu ihm. „Und du wohnst hier… echt?“
    • "Danke, Sensei." Antwortete Kaoru, als er den Weg angedeutet bekam. Es war das erste Mal, dass er in ein solches Anwesen ging, denn die meiste Zeit seiner Ausbildung war er unterwegs gewesen. Auf der Straße mit seinem damaligen Lehrer. Nur die wichtigsten Orte zum ablegen der Prüfung hatte er aufgesucht und war auch dort nicht länger geblieben, als nötig.

      Als sie das kleine Waldstück erreichten, bemerkte der junge Schwertkämpfer den verloren und vielleicht auch etwas wehmütigen Blick seiner Sensei, die nun selbigen gegen den hell leuchtenden Mond gerichtet hatte. Kaoru war nie gut darin gewesen die Gefühle der Menschen zu verstehen, doch wusste er aus eigener Erfahrung, dass die meisten Dämonenjäger einiges erlebt hatten. Als Säule hatte man wahrscheinlich noch viel mehr erlebt. Dinge die man am besten nicht aussprechen wollte.
      Kaoru erinnerte sich an Ayumis Reaktion auf die Frage nach dem Essen und den Menschen. Konnte man auch als Gegenstand in Erinnerung bleiben? Sicher. Der Dämon der damals seine ganze Familie getötet hatte besaß keine wahrhaftige Gestalt. Lediglich der Spiegel. Ein Gegenstand. Blieb ihm von dieser Nacht in Erinnerung. Ob es auch einen Dämonen gab der etwas mit dem Mond zu tun hatte? Ein Dämonenmond?
      Plötzlich bemerkte der Junge, dass seine Meisterin den Blick vom Mond abgewandt und auf ihn gerichtet hatte. Das Thema dass sie ansprach hatte jedoch weder mit dem Einen, noch mit dem anderen Gedanken etwas zu tun. Womöglich hatte sie nur über den morgigen Tag nachgedacht und wie sie ihr Training starten sollte.

      Die Worte seine Lehrmeisterin weckten eine ganz andere Erinnerung. Schon sein erster Lehrer, der ihn damals aufgegabelt hatte, bot ihm, fast mit den Gleichen Worten, seine Hilfe an. -Und auch diese Meditation. Doch über die Jahre hatte Kaoru diese fest in sein Training integriert, um mehr Stabilität in seinem inneren zu formen und Herr seiner selbst zu bleiben. Es war also sehr gut möglich, auch mit seinen Worten in den Erinnerungen anderer zu bleiben. Ein schöner Gedanke, wie der junge Schwertkämpfer fand.
      "Ihr erinnert mich gerade an eine sehr vertraute Person, Sensei." Antwortete Kaoru,mit leicht amüsierter Stimme, als sie weiter durch das kleine Waldstück gingen.
      Der Geruch der Bäume und der Erde lag in der Luft, durch die kleinen Spalten der Blätter drang das seichte Mondlicht auf den Weg, zu ihren Füßen.
      Für den Moment, fühlte er sich tatsächlich in einer alt-vertrauten Situation. Die Anfänge seiner Kindheit. Vielleicht war dies einfach der nächste notwendige Schritt? Wie damals, als er überhaupt angefangen hatte seine Ziele zu verfolgen.

      Am Ende des kleinen Waldabschnittes, konnte Kaoru bereits die Umrisse eines Gebäudes erkennen. Und seine gerade eben erlangte Zufriedenheit wich wieder der Sorge in einem Gefängnis aus Regeln und Tagesabläufen zu landen. Doch ihre Worte gaben ihm ein wenig Hoffnung auf Verständnis. Und ebenso nahm er sich vor ihr etwas Verständnis entgegen zu bringen. "Morgen bei Sonnenaufgang. Verstanden." Bestätigte er beiläufig ihre Anweisung und wartete dann, als sie das Anwesen erreicht hatten, bis seine Lehrmeisterin die weiteren Schritte einleitete.

      ---

      Jakuji hatte die Narben an ihrem Hals bereits bemerkt, als er diese mit seiner Hand gewürgt hatte. Doch dass sie diese mit der Frage nach ihrer Stimme andeutungsweise zeigte und auch ihre Überheblichkeit keinen Bezug auf die Sache nahm, ließ den Mond etwas stutzig werden. Dass die Narben aus ihrer menschlichen Lebenszeit stammen mussten wusste Jakuji, denn auch er trug eine Narbe von damals.
      Wahrscheinlich war sie auch in einer sehr ungemütlichen Lage aufgewachsen.

      Dass Kohane seinen Namen falsch ausgesprochen hatte, ließ den Dämonen relativ kalt. Auf solch kindischen Dinge wollte er sich gar nicht erst einlassen. Viel interessanter empfand er ihr Bestreben einer der 12 zu werden. "Weißt du denn auch wie man zum Dämonenmond wird?" Wollte er von seiner Schülerin wissen, die äußert selbstsicher klang. Es war äußerst perfide seine eigene Mörderin zu trainieren. Aber er wunderte sich nicht darüber. Meister Madou war bekannt für seine Spielchen. Ein Anreizt weiter aufzusteigen um nicht als niedrigster der Kette zu sein? Jakuji lächelte verschmitzt, als dieser Gedanke sein Hirn verlassen hatte.

      Als Kohane wissen wollte ob er hier wohne, schüttelte die absteigende 6 nur verständnislos den Kopf und fragte betroffen: "Kannst du nicht wo anders dumm sein?"
      Mit einem tiefen Seufzen, sammelte er sich und versuchte zu antworten: "Nein. Ich wohne gar nirgends. Was will ich mit einer Wohnung? Du denkst noch viel zu menschlich. Wann wurdest du verwandelt? letzten Montag? " Viele der Rekruten waren zu Beginn schwierig. Entweder verrückt von der plötzlichen Macht oder gefangen in ihren menschlichen Erinnerungen.
      Jakuji schwieg eine ganze Weile, wollte dann aber wieder zum Thema zurück kommen. "Wo hat er dich aufgegriffen? Ich schätze die Narben an deinem Hals sind kein Unfall gewesen." Fragte er direkt und meinte damit den Umstand und den Ort, an dem der Meister sie zu einem Dämonen gemacht hatte. Aus eigener Erfahrung wusste Jakuji, dass Madou ein seltsames Talent dafür hatte am richtigen Tag zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufzutauchen und Menschen in ihren schwächsten Momenten verlockende Angebote zu unterbreiten.

    • Als Ayumi die Antwort ihres Schülers hörte, blinzelte sie einen Moment überrascht.
      „Ihr erinnert mich gerade an eine sehr vertraute Person, Sensei.“ – wiederholte sie seinen Satz in Gedanken. Wer war wohl diese vertraute Person, an die sie ihn erinnerte?
      Ayumi wollte bereits nachfragen, entschied sich dann jedoch dagegen. Stattdessen beschloss sie, diese Frage für einen späteren – günstigeren – Zeitpunkt aufzusparen.
      Während der Ausbildung würden sich mit Sicherheit noch genug Gelegenheiten ergeben. Davon war Ayumi überzeugt.

      Sie gingen weiter, und schon bald zeichnete sich das Anwesen zwischen den Bäumen ab.
      Es war ein beeindruckendes, aber zugleich einladendes Gebäude – altmodisch in seiner Bauweise, mit hölzernen Verzierungen und geschwungenen Dächern, die an vergangene Zeiten erinnerten. Dennoch strahlte es eine wohltuende Wärme und Geborgenheit aus.
      Rund um das Anwesen erstreckte sich eine weitläufige Trainingsfläche, fest in den Boden eingelassen, und von hohen Bambuswänden windgeschützt umrahmt. Nicht weit davon entfernt rauschte ein Wasserfall sanft über die Felsen, dessen klares Wasser in einen kleinen, stillen Teich mündete – ein Ort, der Ruhe versprach, aber auch die Kraft der Natur spüren ließ.

      Es war ein Ort, der Tradition und Zweckmäßigkeit vereinte. Ein Rückzugsort. Ein Trainingsplatz. Ein Zuhause.

      Ayumi versuchte, so unauffällig wie möglich aus dem Augenwinkel Kaorus Reaktion zu erhaschen.
      Sie selbst war damals – als sie diesen Ort zum ersten Mal gesehen hatte – kaum aus dem Staunen herausgekommen.
      Doch da sie bereits mitbekommen hatte, dass ihr Schüler seine Gefühle nur selten offen zeigte, stellte sie ihre Erwartungen lieber nicht zu hoch. Auch wenn sie, ganz ehrlich mit sich selbst, insgeheim doch auf eine gewisse Reaktion hoffte – und ein wenig enttäuscht war, dass sie vermutlich ausblieb.

      Kaum hatten sie das Grundstück betreten, trat eine junge Bedienstete aus dem Gebäude – offenbar in etwa im selben Alter wie Kaoru.
      „Ayumi! Du bist zurück!“, rief sie mit einem Lächeln und lief freudig auf Ayumi und Kaoru zu.

      Als sie bei ihnen ankam, verbeugte sie sich höflich und richtete dann ihren neugierigen Blick auf Kaoru.
      „Bist du Ayumis neuer Schüler? Mein Name ist Emiko. Ich arbeite für die Dämonenjägerorganisation. Es freut mich dich kennenzulernen. Ich hoffe du wirst dich hier bald wie zu Hause fühlen.“, stellte sie sich freundlich vor.

      ~~~

      Kohane zog leicht die Augenbrauen hoch. „Wie soll ich woanders dumm sein, wenn ich jetzt mit dir in dieser Höhle festsitze? Also wirklich – für einen Lehrmeister bist du echt nicht die hellste Kerze auf der Torte, Jakuja.“, erwiderte die junge Dämonin spöttisch und schüttelte verständnislos den Kopf. Das war doch vollkommen offensichtlich gewesen, oder etwa nicht?

      „Und naaatürlich weiß ich, wie man ein Dämonenmond wird.“, setzte sie langgezogen an und schüttelte erneut den Kopf. „Man muss einfach einen anderen Dämonenmond herausfordern und ihn vom Thron stoßen. Ganz einfach.“, erklärte sie mit einem Schulterzucken. Dass ausgerechnet einer dieser Dämonenmonde gerade vor ihr saß – und zudem ihr neuer Lehrmeister war – ignorierte sie entweder ganz bewusst oder hatte es selbst noch gar nicht richtig realisiert. Voreiligkeit war wohl eine ihrer größten Schwächen.

      Sie verschränkte die Arme vor der Brust, als ihr Lehrmeister für einen Moment schwieg, und ließ ihren Blick wieder durch den Raum schweifen. „Man könnte diesen Ort trotzdem gemütlicher einrichten – wenn man nur wollte.“, dachte sie trotzig.
      Erst als Jakuji ihr eine weitere Frage stellte, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Langsam lösten sich ihre Augen von einer der alten Öllampen und wanderten zurück zu ihm.
      Sie antwortete nicht sofort. In ihrem Gesicht regte sich keine erkennbare Emotion – nur ihre Augen verdunkelten sich merklich, als ihre Gedanken zu dem Tag ihrer Verwandlung zurückkehrten.

      „Waisenhaus.“, antwortete sie schließlich nach einem weiteren Moment des Schweigens. Wissend, dass sie wohl keine andere Wahl hatte, als ihrem neuen Lehrmeister von den Umständen ihrer Verwandlung zu erzählen.
      Langsam hob sie eine Hand und fuhr mit den Fingerspitzen über eine besonders tiefe, auffällige Narbe an ihrem Hals. Sie schluckte – als würde sie den Schmerz, der längst vergangen sein sollte, noch immer spüren.

      „Die anderen Kinder… sie haben versucht, meine Stimmbänder zu zerschneiden.“, fuhr sie fort, ihre Stimme nun deutlich leiser. „Sie waren eifersüchtig. Ich hätte an dem Tag verbluten sollen."
      Wieder folgte ein Moment der Stille, bevor die junge Dämonin langsam den Blick hob und die Augen ihres Lehrmeisters suchte.
      „Aber Meister Madou verschaffte mir Rache… und gab mir noch so viel mehr.“, sagte sie leise.

      Ein kaltes Glimmen trat in ihre Augen, während sich ihre Stimme zu einem Knurren senkte. „Ich habe sie getötet. Jeden Einzelnen. Ich habe ihnen die Stimmbänder herausgerissen und sie gefressen – während sie noch lebten… und mir dabei zusehen mussten.“
      Kurz zitterten ihre Schultern, doch nicht vor Schwäche – sondern vor der Erinnerung an den Schmerz, der sich über all die Jahre angesammelt hatte. „Sie haben bekommen, was sie verdient haben.“
    • Kaoru ließ seinen Blick langsam über das erleuchtete Anwesen gleiten. Außer den beleuchteten Arealen waren nur das zu sehen, was vom Mondlicht erfasst wurde. Trotz der Dunkelheit, war das Anwesen prächtig und zugleich beängstigend. Für Kaoru fühlte es sich wieder an wie damals, als er das erste Mal in eine Prüfungseinrichtung gehen musste. Oder zu den Schwertschmieden oder wo auch immer sonst großen Wert auf Tradition gelegt wurde.
      Es blieb abzuwarten, ob dieses Anwesen nun gut oder schlecht war. Der Außenbereich, zumindest das was der Junge davon sah, hinterließ auf jeden Fall einen guten Eindruck.
      Im Gesicht des Jungen Schwertkämpfers, regte sich nichts besonders. Seine Gedanken rasten zwar, wie immer wenn ihn etwas beschäftigte, doch dies war selten ein Anlass die Fassade fallen zu lassen, die er sich über die Jahre an trainiert hatte.

      Kaum hatten die Beiden das Gelände betreten, stürmte schon ein junges Mädchen auf sie zu. Kaoru blieb stehen und wartete geduldig, bis das Mädchen auch ihn begrüßt hatte. Fast unmerklich, zuckte sein linker Zeigefinger, als er gefragt wurde, ob er der neue Schüler von Ayumi sei. Mit einem leichten Räuspern, gelang es ihm jedoch die Gedanken zu ersticken, bevor sie seine Lippen erreichten. Freundlich bleiben. Dachte er sich und erwiderte die Verbeugung, ganz wie es sich gehörte.
      "Mizuhane Kaoru. Ich fühle geehrt in diesem Anwesen willkommen zu sein." Antwortete er völlig konform und besah sich das junge Mädchen. Der erste Eindruck, den Kaoru einfangen konnte, war, dass sie zwar freundlich aber nicht aufdringlich erschien. Trotzdem kam er nicht umhin ihren Wunsch, im Bezug auf sein Wohlbefinden, etwas kritisch zu betrachten. Zuhause waren alle seine Leute gestorben und er wurde als kleines Kind von einem reisenden Schwertmeister aufgegabelt. Dieses Gefühl wollte er auf keinen Fall hier auch erleben. "Mit Sicherheit werde ich mich gut einfinden, bei solch qualifizierten Bediensteten. " Antwortete der Junge, in seinem gewohnt ruhigen Takt.

      Da es nun doch spät geworden war und er nicht noch länger in diesem Sozialen Whirlpool gefangen bleiben wollte, entschloss er sich die Initiative zu ergreifen.
      "Ayumi, Sensei? Ich würde Emiko-San gerne bitten mir meine Räumlichkeiten zu zeigen." Fragte er seine Lehrmeisterin, als die Situation dafür passend schien.

      ---

      Die absteigende 6 war sichtlich belustigt von Kohanes, offensichtlich schlecht überdachten, Antwort. Doch ließ er ihre Worte unkommentiert stehen, denn im Grunde hatte sich Recht. Viel mehr fokussierte sich der Dämon auf ihre weiteren Worte. Den Rest konnten sie auch noch später klären. Oder am besten niemals.

      Aufmerksam und zugleich bemüht, kein Mitgefühl zu zeigen, lauschte er ihren Worten. Und je mehr sie von sich erzählte, desto durchsichtiger wurde der perfide Plan seines Meisters. In Jakujis innerem regte sich eine tiefe Wut. Für Kohanes Vergangenheit konnte er nichts. Aber dass er nun mehr oder weniger für ihre Zukunft verantwortlich gemacht wurde, mit seiner eigenen Geschichte, brachte ihn etwas zum kochen. Auch wenn er den Befehl seines Meisters nicht umgehen konnte, sträubte es ihn sehr diesen zu befolgen. Zum ersten Mal seit langen, spürte der Dämon den drang seine eigenen Entscheidungen über die seines Meisters zu stellen.

      Er bemerkte, wie sehr sie unter ihren Worten und Erinnerungen litt. Und natürlich konnte er das alles bis ins letzte Detail nachvollziehen. Diese Art der Rache war... wunderbar. Und er würde lügen, wenn er behaupten würde auch nur eine Sekunde davon bereut zu haben. Die Reue kam erst, als er Ayumi wieder getroffen hatte. Die Erinnerung an seine Freundin, ließ den Blick des Dämons unweigerlich auf die Narbe an seiner Handfläche fallen.
      Dann blickte er wieder zu seiner Schülerin, die noch immer aufgewühlt schien.
      "Jeden einzelnen? Sehr gut. Diese Dämonen haben es nicht anderes verdient." Befürwortete er ihren Rachefeldzug und ballte dabei entschlossen die Fäuste.
      Eine ganze Weile sah er sie einfach nur an, als würde er versuchen die richtigen Worte zu finden. In Wirklichkeit rang er damit ihr nicht zu viel Mitgefühl entgegen zu bringen. Denn das war etwas, was Dämonen nicht besaßen. Für Mitleid und Mitgefühl war einfach kein Platz.

      "Wenn du dich aus geheult hast, fangen wir an deine Aura zu bearbeiten." Unterbrach er, mit scharfen Worten, die drückende Stille. Als sie wieder ansprechbar schien, meinte Jakuji trocken:
      "Stell dir vor diese Arschlöcher wollen dir an die Kehle und du hast keine andere Wahl als dich vor diesem Schmerz zu verstecken. Nutze dieses Gefühl um dich, im Inneren, klein zu machen. Und dann..." Der Dämonenmond verschwamm teilweise mit der Dunkelheit. Nur die helleren Regionen, die von der kleinen Lampe erleuchtet wurden, schimmerten im Flackern des Lichtes, im sichtbaren Spektrum. Plötzlich löschte Jakuji das Licht, das eben noch den Tisch erleuchtete hatte. Schnell und zugleich lautlos, glitt er über den Boden und griff von hinten, mit lockeren Händen, jeweils an eine Schulter seiner Schülerin. "...spürst du irgendwann die Sicherheit der Dunkelheit. Eine wohlige Kälte, die dein zusammengekauertes Inneres umhüllt. Am Anfang vielleicht auf nur ein kribbeln auf der Haut." Beendete er seinen Satz und ließ wieder von ihr ab. "Zuerst die Aura kontrollieren. Dann im dunklen verschwinden. Ich zeig dir wies geht." Sprach der Dämon mit einer gewissen Motivation und hoffte damit seine eigenen Erfahrungen nutzen zu können, um ihr ein paar Dinge zu zeigen, die er selbst über Jahre herausfinden musste. Es blieb fraglich, ob er sie mit dieser Trainingsmethode von ihren Erinnerungen ablenken konnte. Wohl eher nicht, doch je stärker die Emotion, desto besser war es für den Anfang. Später hatte man Routine, doch gerade am Anfang brachte man starke Emotionen um überhaupt einen Weg zu seinem inneren und zu seiner Aura zu bekommen.
    • Emiko konnte ihre Überraschung über Kaorus Art zu antworten nicht ganz verbergen. Sie warf Ayumi einen fragenden Blick zu, sagte jedoch nichts dazu und entschied sich, es einfach unkommentiert zu lassen.
      Ayumis Blick wanderte zwischen Emiko und Kaoru hin und her. Für einen Moment betrachtete sie ihren neuen Schüler nachdenklich. Noch immer fragte sie sich, was wohl in ihm vorging. Und vor allem: Was hatte ihn zu dem gemacht, der er heute war? Was hatte ihn dazu bewegt, ein Dämonenjäger zu werden?
      Keiner der Jäger in der Organisation hatte diese Entscheidung leichtfertig getroffen. Jeder einzelne trug seine eigene Geschichte mit sich – meist tragisch, oft grausam. Doch all diese Geschichten verbanden sie miteinander. Und trotz aller Unterschiede verloren sie nie das gemeinsame Ziel aus den Augen: die Dämonen zu bekämpfen und die Menschen zu beschützen.
      Und Ayumi? Sie hatte ein weiteres Ziel. Sie wollte ihn zurück – ihren besten Freund. Ganz gleich, was es kosten würde. Sie würde ihr Versprechen, dass sie ihm damals gab nicht brechen.

      „Natürlich.“, antwortete Ayumi schließlich mit einem leichten Nicken. „Ich wünsche dir eine erholsame erste Nacht. Wir sehen uns bei Sonnenaufgang auf dem Trainingsplatz.“
      Dann wandte sie sich noch einmal der jungen Bediensteten zu. „Sollte irgendetwas sein, gib einfach Bescheid, Miko-chan.“
      Emiko sah erst zu Kaoru, dann wieder zu Ayumi und nickte höflich. „Ja, das werde ich, Ayumi-san. Wann möchtet ihr morgen frühstücken?“
      Ayumi überlegte einen kurzen Moment, ehe sie lächelnd den Kopf schüttelte. „Mach dir darum keine Gedanken. Ich werde mich morgen selbst um das Frühstück kümmern.“
      Die Säule schenkte beiden ein letztes Lächeln, wünschte eine gute Nacht und zog sich dann in ihre Gemächer zurück.

      Emiko blieb mit leicht geweiteten Augen stehen. „Oh nein...“, murmelte sie leise und kaum hörbar vor sich hin, bevor sie wieder zu Kaoru blickte. „Dann folg mir bitte. Ich zeige dir dein Zimmer.“
      Sie faltete ihre Hände ordentlich vor dem Körper und betrat als Erste das Gebäude, wo sie im langen, schlichten Holzflur auf den jungen Dämonenjäger wartete.

      ~~~

      Kohane biss die Zähne ein wenig fester zusammen. „Ich heule gar nicht! Ich heule niemals! Niemals, hörst du?!“, protestierte sie – schon fast empört über diese Anschuldigung – und verschränkte ihre Arme vor der Brust.
      Nichtsdestotrotz lauschte sie aufmerksam den Worten ihres neuen Lehrmeisters. So, wie er es beschrieben hatte, versuchte sie sich vorzustellen, wie die anderen Waisenkinder erneut versuchen würden, ihren Hals zu verletzen. Doch statt sich vor dem Schmerz verstecken zu wollen, wurde sie wütend. So verdammt wütend.
      Sie biss ihre Zähne noch fester aufeinander – so fest, dass man hätte meinen können, sie würden jeden Moment brechen.
      Ein dunkles Knurren loderte in ihrer Kehle, und ihre Augen begannen gefährlich in der Dunkelheit zu funkeln, während Jakuji in den Schatten verschwand und die letzte Lichtquelle im Raum – die Öllampe – löschte.
      Als sie seine Hände auf ihren Schultern spürte, spannte sich Kohanes ganzer Körper fast instinktiv an. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, und ihre Klauen gruben sich tief in die eigenen Handflächen.

      Anstatt ihre Präsenz – wie angeordnet – zu verschleiern, wurde sie durch Kohanes unkontrollierbare Wut nur noch intensiver. So sehr, dass es sich anfühlte, als würde ihre dämonische Aura den ganzen Raum verschlingen.
      Es fiel ihr sichtlich schwer, den Anweisungen zu folgen. Zum einen, weil ihr der Umgang mit dieser Form der Kontrolle noch fremd war, zum anderen, weil die Erinnerungen an ihre Vergangenheit als Mensch noch viel zu frisch waren.
      Das grollende Knurren, das in Kohanes Kehle lauerte, wurde immer lauter, und der Klang begann, sich im ganzen Raum auszubreiten. Die Holzkisten begannen zu beben, und die Öllampe schwankte bedrohlich – kurz davor, zu Boden zu fallen und zu zerschellen.
      Die Vibrationen wurden so heftig, dass sie in den Ohren schmerzten – und im schlimmsten Fall das Trommelfell zum Bersten bringen konnten...
    • Kaoru konnte die fragenden Blicke, seitens Emiko nicht übersehen. Eine nicht unübliche Situation, wenn jemand die Ambition hatte sich an die Normen und Richtlinien einer bestehenden Gesellschaft zu halten. Doch das war in Ordnung. Schlimmer waren die Reaktionen der Menschen, als er sich nicht an die geltenden Normen gehalten hatte. Als er einfach nur er selbst war. Verschroben, schweigsam und eigenartig.
      Die Unsicherheiten irritierten den Schwertkämpfer also eher wenig, weshalb er erst wieder reagierte, als Ayumi ihm eine gute Nacht wünschte. Kaoru verbeugte sich daraufhin tief vor seiner Meisterin und erwiderte diesen Wunsch.

      Als Ayumi und Emiko sich über das Frühstück unterhielten, überlegte Kaoru schon wie er es wohl schaffen könnte heute Nacht ein Auge zu zu bekommen. Die Theorien gingen von Handstand bis Hühner zählen. Erst als kaum hörbare "Oh nein..." welche zugleich noch betroffen klang, ertönte, horchte der Junge wieder auf. Es war Emiko, die leicht entsetzt drein blickte. War das Frühstück etwa so grauenhaft?
      Auf Emikos Wunsch hin, folgte er ihr bis in einen langen hölzernen Flur. Das Anwesen war doch geräumiger als gedacht. Traditionell und im Grunde einladend.

      Während das Mädchen so vor ihm her lief, lag sein Blick eine ganze Weile auf ihrem Hinterkopf, sprang aber immer wieder in die Umgebung. Auch wenn ihm die ordentlich geflochtenen Haare des Mädchens gefielen, war es wichtiger die Räumlichkeiten dieses Hauses zu kennen. "Emiko-san? Darf ich fragen, wie du zu Ayumi-Sensei stehst? Mir scheint ihr pflegt ein äußerst vertrautes Verhältnis." Erkundigte sich Kaoru mit gedämpfter Stimme, denn er wusste nicht ob man um diese Urzeit überhaupt noch auf den Gängen dieses Hauses sprechen durfte.

      ---

      Jakuji ließ erst erstmal alles laufen, auch wenn er sich sehr schnell sicher war, dass er gerade den falschen Ansatz gewählt hatte. Die junge Dämonen war noch viel zu betroffen. Vielleicht lag er mit seiner Prognose, über den Zeitraum ihrer Verwandlung, doch nicht so falsch. Bei manchen Dämonen dauerte es Monate, bis sie ihre Menschlichkeit endlich abgelegt hatte, weshalb man auch damit begonnen hatte sie gezielt durch diesen Prozess hindurch zu peitschen, um schnell funktionsfähige Dämonen zu generieren.

      Langsam aber sicher, geriet die ganze Geschichte aus dem Ruder. Eine unheilvolle Aura erfüllte die Räume der Höhle. Jakuji gab sich alle Mühe ihr den Freiraum zu lassen, den sie nun benötigte. Gewalt würde die junge Dämonin wahrscheinlich nur noch mehr aus dem Konzept bringen. Gerade als er seinen Gedanken beendet hatte, raunte ein tiefes Grollen von den Wänden der Höhle zurück. Zuerst nur leise, dann immer lauter. Die Quelle, eindeutig zu spüren, war die junge Dämonin. Die absteigende 6 konnte spüren, dass das genau die Schwingungen waren, die er auch auf dem alten Hof gespürt hatte. Eine andere Art der Dämonenmagie? Faszinierend.
      Das Dröhnen in der Höhle wurde jedoch immer schlimmer, sodass Jakuji seinen Schädel schwingen spürte.

      Auch wenn es sich so anfühlte, als ob sein Schädel gleich platzen würde, blieb der absteigende 6 ganz ruhig und legte seine Hände sanft zurück auf ihre Schultern. "Es ist ok. Du hast sie schon längst erledigt. Niemand wird dich mehr so verletzten können. Du bist jetzt stärker und kälter." Sagte Jakuji mit ruhiger Stimme, doch es warne nicht seine Worte. Es waren Harutos Gedanken, die einen Weg gefunden hatten einen Leidensgenossen, in einer schlimmen Lage, zu erreichen. Da Jakuji sehr damit beschäftigt war, dem Dröhnen in seinem Kopf stand zu halten, hatte er keine Konzentration mehr übrig um seinen schwächsten Punkt im Griff zu haben: Harutos Herz, dass seit der letzten Begegnung mit Madou zunehmend eigenwilliger wurde.
      "Lass es einfach raus, entfessle seinen Zorn..." Animierte der Lehrmeister seine Schülerin und packte sich dabei schon mal vorsichtshalber in einen dicken Mantel auf schützender Dämonenblutkunst. Es dauerte zwar eine Weile, doch irgendwie schaffte es Jakuji einen Punkt zu finden, bei dem sein Schädel nicht mehr ganz so übel vibrierte.
    • Emiko hielt inne, als sie die plötzliche Frage des neuen Schülers von Ayumi hörte. Für einen kurzen Moment blieb sie stehen und wandte sich zu ihm um. „Bitte-... bitte hör auf, mich mit ‚-san‘ anzusprechen, nuschelte sie leise und errötete leicht.
      „Wir... wir sind doch ungefähr im selben Alter, oder nicht? Du musst hier nicht so formell sein. Nenn mich einfach bei meinem Vornamen... bitte.“
      Sichtlich verlegen wandte sie sich wieder ab und setzte ihren Weg durch den langen, hölzernen Flur fort. Während sie ging, ließ sie sich seine Frage zu ihrem Verhältnis zu Ayumi durch den Kopf gehen.
      „Nun...“, begann sie nachdenklich und warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu, bevor ihr Blick wieder nach vorn glitt.
      „Weißt du, jede Säule verwaltet ihr zugewiesenes Anwesen auf ihre ganz eigene Weise. Meisterin Kagura mischt sich da kaum ein. Hier – im Anwesen des Schnees – haben wir flache Hierarchien. Unsere Zusammenarbeit basiert auf Vertrauen, nicht auf Kontrolle. Also ja – um deine Frage zu beantworten – wir haben hier ein recht vertrautes Verhältnis zueinander.“
      Wieder hielt Emiko kurz inne, senkte ihre Stimme leicht und drehte ihren Kopf ein weiteres Mal zu Kaoru zurück.
      „Ich habe gehört, im Anwesen des Windes soll es ganz anders zugehen. Meister Kazane soll deutlich strenger sein. Fair und gerecht, ja... aber trotzdem streng.“

      Schließlich blieb sie vor einer Schiebetür stehen. „Wir sind da. Das ist dein Zimmer.“, sagte sie und schob die Tür für ihn zur Seite, damit er eintreten konnte.
      Das Zimmer war schlicht, aber dennoch gemütlich eingerichtet. Der Duft von frischem Holz lag in der Luft. Auf dem Boden lagen weiche Tatami-Matten, die den Raum angenehm warm wirkten ließen. In einer Ecke stand ein niedriger Tisch mit einem Sitzkissen davor, daneben ein kleiner Schrank aus dunklem Kirschholz. Direkt am Fenster hing ein leichter, weißer Vorhang, der im Wind sanft flatterte und das Mondlicht hereinscheinen ließ. Ein Futon war ordentlich zusammengerollt und an die Wand gelehnt – bereit, ausgebreitet zu werden. Auf einem kleinen Regal lagen ein paar frische Handtücher, eine Teeschale und eine Karaffe mit Wasser – alles wirkte einfach, aber liebevoll vorbereitet.

      Emiko faltete wieder ordentlich ihre Hände vor dem Körper und wartete auf eine Reaktion von Kaoru.
      „Wie Ayumi bereits gesagt hat: Bitte gib Bescheid, falls dir irgendetwas fehlt. Wir werden uns dann umgehend darum kümmern.“

      ~~~

      Noch fester biss die junge Dämonin die Zähne zusammen. Ihre Schultern begannen unter der angestauten, unterdrückten Wut immer stärker zu zittern. Sie war wortwörtlich eine tickende Zeitbombe, die jeden Moment explodieren und alles mit sich in den Abgrund reißen konnte.
      „Wie-… wie konnten sie es nur wagen? Ich-… ich habe ihnen nie etwas getan… Ich wollte doch nur Freunde haben… mehr nicht… Was war daran so verwerflich?!“ knurrte Kohane – ihre Stimme tief, dunkel, dämonisch. Fast so, als gehöre sie nicht ihr.
      Als sie erneut die Hände ihres Lehrmeisters auf ihren Schultern spürte, spannte sich ihr Körper zunächst noch mehr an – wie im Reflex. Doch bei seinen… beinahe ungewohnt sanften Worten… begann sie sich langsam wieder zu entspannen.

      Woher kamen plötzlich diese Worte? Sie klangen so völlig anders, als sie ihren Lehrmeister bisher erlebt hatte. Ganz und gar nicht so, wie man es von einem Dämon – geschweige denn von einem Dämonenmond – erwarten würde.
      War es wirklich Jakuji, der da gerade zu ihr sprach? Aber wer sollte es sonst sein, wenn nicht er?
      Und sollte sie es wirklich einfach so herauslassen? Ihren ganzen Zorn, ohne sich zurückzuhalten? So etwas hatte sie noch nie getan… noch nie in einem solchen Ausmaß.
      Für einen Moment zögerte die junge Dämonin noch – doch dann, ganz plötzlich, entfuhr der jungen Dämonin ein Schrei. Laut, schrill und von einer solch durchdringenden Wucht, dass bei einem Menschen – oder auch bei einem gewöhnlichen Dämon – spätestens jetzt das Trommelfell geplatzt wäre.
      Die Schallwellen peitschten durch den Raum, prallten kreischend von den Wänden zurück, vervielfachten sich. Kisten barsten unter dem Druck, Säcke wurden zerrissen und wirbelten ihre Füllung durch die Luft – als hätte eine unsichtbare Explosion alles erfasst.
    • Irritiert blinzelnd, blieb Kaoru ebenso plötzlich stehe, wie Emiko. Zum Glück war die Reaktionszeit des Jungen kurz genug, um nicht mit ihr zusammen zu stoßen. Die Worte, die sie an den Schwertkämpfer richtete, waren klar und unmissverständlich. Auch wenn ihre Körpersprache eher auf Verlegenheit hindeutete, konnte Kaoru eine gewisse Dringlichkeit in ihrer Bitte erkennen.
      Musste er ihr diesen Wunsch erfüllen um nicht in Ungnade zu fallen?
      Für den Moment, entschloss er sich nicht weiter darauf zu reagieren und dem Mädchen etwas Zeit zu geben. Vielleicht war sie einfach nur müde von der harten Arbeit. Oder noch nie ordentlich angesprochen worden?

      Wie zuvor, bevor sie plötzlich eine Pause einlegen mussten, folgte Kaoru dem Mädchen weiter durch den Flur. Er hatte damit gerechnet, dass sie nun beleidigt schweigen würde, um seine unangemessene Formalität zu bestrafen, doch sie kam unerwarteter weise auf seine zuvor gestellte Frage zurück. Ein Stück weit bewunderte er in dem Moment ihr professionelles Verhalten, gegenüber den Gästen dieses Hauses. Aufmerksam lauschte er ihren Worten und war das erste Mal Glücklich darüber in diesem Anwesen gelandet zu sein und nicht in einem der Anderen. Ob auch das von Meisterin Kagura geplant war?

      Es dauerte nicht mehr lange, da öffnete Emiko eine Schiebetür und präsentierte ihm sein Zimmer. Es war schlicht und dennoch sehr wohnlich. Es ist perfekt. war der erste Gedanke, der Kaoru in den Sinn kam, als er den kleinen Raum kurz betrachten konnte. Eine weitere Befürchtung, die er im laufe des Tages aufgestellt hatte, war also kaum der Rede wert.
      Kaoru trat in sein neues Zimmer und want sich anschließend wieder zu Emiko, die bereits mit gefalteten Händen an der Tür stand.
      Er zögerte einen Moment, denn er war sich nicht sicher wie er ihr nun mitteilen konnte, dass sie ihm mit ihrer Einschätzung sehr weiter geholfen hatte. Warum hatte er plötzlich überhaupt ein Bedürfnis sich mitzuteilen? "Danke für die offenen Worte. Das Zimmer gefällt mir gut. Ich werde mich melden." Antwortete Kaoru, denn noch länger wollte er sie nicht anstarren.

      Bevor er seine Tür komplett schloss, hielt er noch einmal kurz inne und blickte durch den schmalen Türspalt, der gerade noch Platz für seinen Kopf bot. "Ich wünsche eine geruhsame Nacht, Emiko-Chan" Sagte der Junge und deutete dabei eine höfliche Verbeugung an. Anschließend zog er langsam die Tür zu und atmete tief durch. Für heute war es genug mit neuen Menschen und ihren Eigenarten. Daran würde er sich wohl erst noch gewöhnen müssen. Es war viel einfach die Menschen zu ignorieren, wenn man wusste, dass man ihnen nicht die nächsten Monate über den Weg laufen würde.

      Da er nun alleine war, inspizierte Kaoru erst einmal sein Zimmer. Die wenigen Dinge, die er in seiner mageren Tasche dabei hatte, waren schnell im Schrank verstaut. Der Futon ware ebenfalls schnell ausgebreitet. Der milde Duft von Holz und die leichte Brise, die durch das Fenster herein kam, waren wirklich entspannend. Mit einem sicheren Griff, schloss der Junge sein Fenster, zog die Vorhänge ordentlich hin und kümmerte sich dann um seine Kleidung und sein Schwert.
      Erst dann konnte er sich zum Schlafen nieder legen.

      Die Gedanken in seinem Kopf kreisten noch eine ganze Weile. Auch die ungewohnten Geräusche ließen ihn immer mal wieder aufschrecken, doch irgendwann packte ihn doch der Schlaf.

      Am nächsten Morgen, wurde Kaoru von seiner inneren Uhr geweckt. Wie immer war er früh wach. Die Nacht war kurz und der mangelnde Schlaf saß ihm etwas in den Knochen, doch sonst war eigentlich alles gut. Die Tageszeit abschätzend, öffnete er wieder sein Fenster und kleidete sich an. Die Sonne war noch nicht ganz bereit aufzugehen, daher war er sich nicht sicher, ob er einfach so im Haus umher irren sollte. Aber er könnte auch aus dem Fenster steigen und sich den Wasserfall ansehen. Nein. Ich darf nicht direkt negativ auffallen. Ermahnte er sich, gegen den Impuls anzukämpfen.
      Also nahm er sich etwas Papier aus seiner Tasche und setzte sich an den Tisch, um etwas zu falten, bis man ihn abholen kommen würde.

      ---

      Gerade als Jakuji dachte, sie hätte sich nun wieder beruhigt, brach in der kleinen Höhle das Chaos aus. Alles mögliche flog durch die Gegend. Kisten zerbrachen, sogar die Säcke mit den guten Holzperlen flogen umher. Der Druck, der seinen Körper bearbeitete, wurde zwar durch die angewandte Dämonenkunst weitgehend abgefangen, doch Jakuji musste sich im ersten Moment sehr darauf konzentrieren seine Barriere aufrecht zu halten. Die Hände des Dämonen lagen weiterhin sanft auf den Schultern der Dämonin, als das Chaos sein Ende fand. Er hatte sich also nicht getäuscht. Ihre Kräfte langen eindeutig in der Stimme. Ob das wohl etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun hatte?

      Die absteigende 6 ließ seine Barriere wieder fallen und verschnaufte erste einmal für einige Sekunden, ehe er das Wort ergriff: "Jetzt besser?" Fragte er vorsichtig, um nicht gleich weggeblasen zu werden. "Damit können wir arbeiten." Fügte er hinzu und klopfte ihr dabei lobend auf die Schulter, eher er ihr wieder den Abstand gab, den sie nun wohl brauchen würde.
      Es dauerte nicht lange, da hatte Jakuji die kleine Öllampe wieder gefunden und angezündet. Auch wenn sie beiden eigentlich problemlos im Dunkeln sehen konnte, empfand er es als angenehm eine kleine Lichtquelle zu haben. Da nun auch die Sitzecke weg war, stand er erstmal nur da und besah sich seine Schülerin, die heute wirklich alles gegeben hatte und zeigte ihr einen Daumen nach oben, er das Ausmaß der Zerstörung realisiert hatte, denn auch die große Holztür hing nur noch mit letzter Kraft in ihren Angeln.
    • „Gute Nacht…“, flüsterte Emiko noch leise. Kaum hatte sich die Schiebetür geschlossen, hastete sie beinahe ein wenig zu eilig in Richtung ihres eigenen Schlafgemachs – hochrot im Gesicht, die Hände schützend darüber vergraben.


      Die Nacht war kurz – und bei Weitem keine einfache für Ayumi. Genau wie all die Nächte in diesen verdammten letzten Monaten.
      Wieder war es derselbe Albtraum… genau jener, der die junge Säule immer und immer wieder heimsuchte...

      ***
      Das Knurren hinter ihr wurde immer lauter, während das junge Mädchen barfuß durch den Wald floh. Kein Katana, keine andere Waffe – nur ein kleines, unscheinbares Messer, das sie fest mit den Fingern umklammerte.
      Ihr Atem ging immer hektischer, ihre Lunge brannte so sehr, dass sie fürchtete, jeden Moment einfach zusammenzubrechen. Doch trotzdem wagte sie es nicht, über ihre Schulter zu blicken.

      „Lass mich in Ruhe… lass mich in Ruhe…“, dachte sie sich immer wieder.

      Ihre Füße schmerzten, aufgerissen von scharfen Steinen und spitzen Ästen. Verzweifelt blickte sie zum Himmel. Der Vollmond stand hoch – der Tagesanbruch war noch nicht in Sicht, die ersehnten Sonnenstrahlen blieben aus.
      Dann kam es, wie es kommen musste: Das junge Mädchen stürzte und landete bäuchlings auf dem Waldboden. Sie keuchte, presste die Augen zusammen, als ihr plötzlich die Luft aus der Lunge gepresst wurde.

      Doch als sie die Augen wieder aufriss, fand sie sich auf einem Friedhof wieder – einem Ort, den sie zuletzt vor vielen Jahren gesehen hatte. Ihre Augen huschten panisch umher, wie bei einem in die Enge getriebenen Kaninchen, das nach einem letzten Fluchtweg suchte.
      Ihr Blick fiel auf das kleine Messer, das sie beim Sturz verloren hatte.
      Gerade als sie danach greifen wollte, bemerkte sie, dass die Handfläche ihrer rechten Hand blutete. Sie riss erschrocken die Augen auf – und dann sah sie, dass sie nicht mehr allein war. Langsam hob sie den Kopf und erblickte…

      „H-Haruto!“, rief sie – doch ihr bester Freund reagierte nicht. Er starrte sie nur an, mit ausdruckslosen, beinahe leeren Augen.
      „H-Haruto?… Haruto, wir müssen hier weg!“, rief sie erneut. Aber wieder kam keine Antwort.
      Verwirrt starrte sie ihn an, während sie versuchte, sich aufzurichten. Doch ihre Knie waren vom Sturz aufgeschlagen und bluteten. Sie biss die Zähne zusammen und zwang sich trotz der Schmerzen, sich ihm zu nähern.
      Dann sah sie es: Auch seine Handfläche blutete. Fast automatisch wollte sie nach seiner greifen – doch in diesem Moment war es wieder da: das Knurren.

      Ayumi wirbelte herum, die Augen weit aufgerissen. Eine schattenhafte Gestalt mit glühend roten Augen hatte sich über ihnen aufgebaut.
      „M-Madou…“, keuchte sie und umklammerte das Messer fester. Dann stellte sie sich schützend vor ihren besten Freund.
      „D-Du wirst ihn nicht anfassen, hörst du?! Zuerst musst du durch mich durch!“
      Sie blickte hastig über ihre Schulter, um Haruto zur Flucht zu drängen – doch als sie nach ihm sah, war er verschwunden. Panik stieg in ihr auf.

      Sie drehte sich zurück – in Erwartung, den Dämonenkönig zu sehen. Doch der, der nun über ihr stand, war nicht Madou. An der Stelle, wo eben noch die schattenhafte Gestalt gewesen war, stand nun ein anderer Dämon.
      „J-Jakuki…“, hauchte sie – kaum mehr als ein Flüstern.

      Sie wollte rennen, doch ihr Körper schien wie festgefroren. Und dann – noch bevor sie irgendetwas tun konnte – hob der Dämon seine Klauen und...
      ***

      Mit einem erstickten Schrei richtete sich Ayumi schweißgebadet von ihrem Futon auf und sah panisch umher.
      Einen Moment lang brauchte sie, um zu realisieren, wo sie überhaupt war – erst einen weiteren Augenblick später entwich ein erschöpftes Seufzen ihren Lippen.

      „Schon wieder dieser Traum…“, murmelte sie und ließ ihren Blick langsam zum Fenster wandern. Ihrer Einschätzung nach würde die Sonne in etwa einer Stunde wieder aufgehen. Also blieb noch genug Zeit, um sich vor dem bevorstehenden Training mit ihrem neuen Schüler zu waschen...

      Während sie sich auf den Weg zum Gemeinschaftsbad der Frauen machte, wanderten ihre Gedanken unweigerlich zu ihrem besten Freund. Haruto… oder vielmehr Jakuki.
      „Das würdest du niemals tun…“, murmelte sie leise und fragte sich, warum ihr Unterbewusstsein ihn immer wieder in einem so düsteren Licht zeigte. Vielleicht lag es daran, dass sie schon so lange gegen Dämonen kämpfte. Oder daran, dass er inzwischen einer der Dämonenmonde war. Sie sollten eigentlich natürliche Feinde sein – und keine Freunde.


      Später, kurz vor Sonnenaufgang – frisch geduscht und in einem sauberen Kimono – betrat Ayumi die große Küche, in der Emiko bereits mit etwas beschäftigt war.
      Als die Säule eintrat, blickte Emiko auf und lächelte. Doch das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war, als sie Ayumis Gesicht sah. „Ayumi… du… du bist so blass im Gesicht. Schon wieder. Geht es dir gut? Soll ich dir einen Tee machen?“
      Doch Ayumi hob nur leicht die Hand und lehnte dankend ab. „Nein, danke, Emiko. Später vielleicht. Aber sag – hast du Kaoru schon gesehen?“, fragte sie, während ihr Blick aufmerksam durch den Raum glitt.
      Emiko schüttelte den Kopf. „Nein, ich schätze, er ist noch in seinem Zimmer.“, antwortete sie und dabei schlich sich ein feines Rot auf ihre Wangen.

      Ayumi zog leicht eine Augenbraue hoch, kommentierte Emikos ungewöhnliche Reaktion aber vorerst nicht. „Die Sonne geht in ein paar Minuten auf. Würdest du ihn bitte zum Wasserfall schicken?“
      Emiko nickte leicht. „Aber natürlich…“, nuschelte sie leise.

      Während Ayumi sich bereits auf den Weg zum Wasserfall machte, um dort auf ihren neuen Schüler zu warten, schlug Emiko den Weg zu dessen Zimmer ein.
      Vor der Tür blieb sie stehen und zögerte kurz, bevor sie die Hand hob und vorsichtig an den hölzernen Rahmen der Schiebetür klopfte.

      „Kaoru-kun?… bist du schon wach?“, fragte sie und schob die Tür sachte ein Stück auf – nicht ohne sich vorher mit einer Hand die Augen zu bedecken. Nur zur Sicherheit…

      ~~~

      Noch immer war Kohanes Körper leicht angespannt und zitterte… doch nach ein paar tiefen, kontrollierten Atemzügen entspannten sich ihre Schultern allmählich wieder.
      „J-ja… besser…“, antwortete sie mit überraschend leiser und noch leicht zittriger Stimme.
      Beim lobenden Klopfen auf ihre Schulter zuckte sie kaum merklich zusammen – überspielte es jedoch rasch, indem sie ihre violetten Augen durch den zerstörten Raum wandern ließ.
      Die junge Dämonin kannte ihre Stärken. Sie kannte sie gut. Aber dass sie zu so einer Zerstörung fähig war… und das allein durch einen "einfachen Schrei" – damit hatte sie wirklich nicht gerechnet...

      „Hab-… hab wirklich ich das gemacht?“, fragte sie fast ungläubig und beobachtete, wie ihr Lehrmeister die Öllampe wieder entzündete.
      Wieder ließ sie ihren Blick umherschweifen, bis ihr die große Holztür ins Auge fiel. Langsam ging sie darauf zu und strich mit der Klaue ihres Zeigefingers sachte über das brüchige Holz.
      „Huh…“, murmelte sie leise und sah sich erneut um. Ihre Aufmerksamkeit galt nun viel mehr dem Inhalt der zerborstenen Kisten – der weckte ihre Neugier deutlich mehr als die Tür.
      „Was wurde hier noch mal gelagert, Jakuja?“, fragte sie und begann, in den Trümmern zu wühlen – in der Hoffnung, vielleicht einen verborgenen Schatz zu entdecken.
    • Kaoru seufzte ernüchtert, als er feststellte, dass er schon wieder viel zu schnell gefaltet hatte. Anstatt sich, wie geplant, auf die einzelnen Schritte zu konzentrieren, waren seine Gedanken abgedriftet und alle die schönen Bewegungen, die seine Finger zielsicher ausführen mussten, waren erneut einem Automatismus zum Opfer gefallen. Wie sollte er jemals schaffen seine Kampfkunst auf die nächste Stufe zu bringen, wenn er es nicht schaffte eine einfache Blume zu falten ohne dabei die Konzentration zu verlieren?
      Als er sein Werk gerade wieder öffnen und glatt streichen wollte, klopfte es sachte an der Tür seines Zimmers.

      Der Junge wusste schon, dass es nicht die Sensei sein konnte, bevor Emikos Stimme erklang, denn dieses Feingefühl hatte er bei Ayumi bisher noch nicht beobachtet. Als sich die Tür langsam öffnete, stand Kaoru auf und wollte sich eigentlich verneigen und einen guten Morgen wünschen, doch Emiko, die gerade die Tür geöffnet hatte, hielt sich die Augen zu.
      Was hatte sie erwartet hier vorzufinden? Und warum öffnete man eine Tür, wenn man etwas erwartete, was man nicht sehen wollte?
      Zum Glück konnte sie in dem Moment sein Gesicht nicht sehen, denn ihr Anblick verwirrte ihn so sehr, dass er für einen Moment vergessen hatte den Mund zu schließen. Um wieder klar zu kommen, wischte sich Kaoru mit beiden Händen übers Gesicht und steckte sich sein Schwert an den Gürtel. Wahrscheinlich wollte sie ihn abholen kommen. Die gefaltete Blume blieb unbeachtete auf dem kleinen Tisch liegen. Darum konnte er sich auch später noch Gedanken machen.

      Blume.png"Guten Morgen, Emiko-Chan. Sollte man nicht erst warten, bis eine Antwort kommt, bevor man eine Tür öffnet? Damit würde man sich nicht der Gefahr aussetzen etwas unvorhergesehenes zu erblicken und... würde es vermeiden seinen Blick von der morgendlichen Begrüßung zu verschließen." Sprach er ruhig, erinnerte sich aber an ihre Worte, über das vertraute Verhältnis in diesem Anwesen. Eine kurze Überlegung später, nahm er seine gefaltete Blume und steckte diese an den äußeren Rahmen seiner Tür. So dass man sie von außen gut sehen konnte. Blume da, alles klar. Blume weg, bin ich im Bett Dachte sich Kaoru und nutze die Gelegenheit, um schon mal auf den Flur hinaus zu gehen. "Ich gestatte dir ohne Ankündigung einzutreten, solange dieses Stück Pergament sichtbar ist. Im Gegenzug garantiere ich für die Unschuld deiner Augen." Versprach er ihr, als wäre dies die Art zu sagen: -Hey, ich vertraue allen hier total arg.- Dass er dabei sehr monoton klang, wie jemand der gerade eine Betriebsanleitung vorlesen musste, war Kaoru nicht aufgefallen, denn ein Großteil seiner Gedanken war bereits draußen beim Training.

      Erwartungsvoll stand der junge Mann da und wartete darauf, dass Emiko ihm den Weg wies. Und eigenartigerweise, war er auch froh drüber nicht aus dem Fenster gestiegen und auf den Trainingsplatz gelaufen zu sein.

      ---

      Der Dämon hatte gerade ein paar der Säcke zusammen geschoben, um dem Dreck etwas zu überdecken, als Kohane fragte ob sie der Ursprung dieses Chaos gewesen sei. "Nein, das war die andere Irre, die ihre Dämonenkunst in einer Höhle abfeuert und alles zerstört." Murmelte er leise und wollte die Säcke glatt streichen. Kam aber nicht umhin Kohane dabei zu beobachten, wie sie die Tür begutachtete. Er erinnerte sich daran, wie seine Kräfte damals erwacht waren. Ein erschreckendes Gefühl. Ihm hatte niemand zu Seite gestanden oder etwas erklärt.
      Als dieser Gedanke sein Ende gefunden hatte, schien Kohane Interesse an dem Plunder zu entwickeln, denn Jakuji hier eingelagert hatte, um die Jäger in die Irre zu führen. Mit einer ruhigen Bewegung, nahm sich die absteigende 6 ein paar der Holzkugeln, die überall verstreut lagen und ließ sie sanft zwischen den Fingern seiner Hand hindurch gleiten. "Hhhmmmm..." Tat er, als würde er ernsthaft auf diese Frage antworten wollen und als sie sich im falschen Moment von ihm ab want, schleuderte er die Kugeln mit viel Schwung in ihre Richtung.
      Wie Gewehrkugeln, schossen die kleinen Holzkugeln durch die völlig verwüstete Höhle, mit dem Ziel den Rücken, den Hinterkopf oder das Gesäß der neugierigen Hexe zu treffen, die zu dem bestimmt schon das 3. Mal seinen Namen falsch ausgesprochen hatte.
      "Was kümmert dich der Dreck? Du sollst was lernen und nicht im Dreck spielen, wie ein kleines Kind!" Fuhr er Kohane mit donnernder Stimme an, als die Kugeln ihr Ziel erreicht hatten.