How to break a curse [Marien&Royal]

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    • Silverius 'Silver' Magnus

      „Oh? Ist das ein Kompliment?“, gab Silver mit einem amüsierten Grinsen auf den Lippen zurück, als man ihm den Titel einer Vogelscheuche – und damit hoffentlich auch dem eines Untoten und eines Flickenteppichs – endlich abnahm.
      „Verliebt dich bloß nicht in mich.“, fügte er hinzu, während er Neona dabei zusah, wie sie ein Kleidungsstück nach dem anderen aus ihrer Tasche kramte und wie es schien hatte sie doch recht gute Beute gemacht. Damit würde er sich nicht nur besser bewegen können, sondern sich sicherlich auch deutlich wohler fühlen, als in einer klitschnassen Decke, die ihm gerade einmal bis zu den Knien ging.
      „Ich nehm's zurück. Du kannst dich doch in mich verlieben.“, schien er es sich dann doch anders überlegt zu haben, als ihm einfiel, dass er sie dann sicherlich berühren konnte, wann er immer er wollte, wenn sie sich in ihn verliebte. Aber ganz ernst meinte er es damit auch nicht, als er begann die Kleidungsstücke zu inspizieren, als ein Aufschrei Neonas ihn dazu brachte seine Aufmerksamkeit wieder auf sie zu richten.
      Er hob fragend die Augenbraue, bevor er ihrem Blick folgte und den Resten des Fisches dabei zu sah, wie sie flussabwärts getragen wurden. Eigentlich hätte er es nur für irgendwelchen Dreck gehalten, würden nicht ein paar weitere Fische flussabwärts schwimmen. Es war nicht schwer zu erraten, was passiert war, und obwohl Silver ihr schon mehrere Male klar gemacht hatte, dass sie durch seine Berührung eigentlich hätte sterben müssen – er konnte es immer noch nicht so recht glauben, als würde er noch immer in einem Traum feststecken – schien sie ihm bis jetzt entweder nicht so recht geglaubt zu haben oder sich nicht bewusst gewesen, welche Ausmaße dieser Fluch nahm. Zugegeben, anfangs hatte er es auch nicht glauben wollen. Aber aus ganz anderen Gründen.
      Und so richtig hatte es ihm auch niemand erklärt.
      Er kommentierte ihr Verhalten nicht weiter, es war nur verständlich und er musste wohl froh sein, dass sie nicht einfach weg rannte. Andere hätten es sicherlich getan. Aber der Unsterbliche machte sich da keine Sorgen, immerhin brauchte sie ihn um zu überleben.
      Wer sonst würde freiwillig einen Todesfluch auf sich nehmen, geschweige denn den Weg zu einer Hexe kennen?
      Die Kleidung die Neona ihm aus seinem alten Ankleidezimmer gebracht hatte, waren deutlich besser als jene, die er getragen hatte – wenn man die Fetzen denn noch als Kleidung hätten bezeichnen können – dennoch waren sie nicht ideal, musste er feststellen, denn die Zeit hat auch sie nicht verschont. Letztendlich entschied er sich gezwungener Maßen dazu nicht nur das Reisehemd zu tragen, sondern auch das schwarze drüber zu tragen, in der Hoffnung dadurch die meisten Löcher abgedeckt zu haben.
      Hätte er Nadel und Faden gehabt, hätte er die Löcher einfach selber stopfen können... aber selbst wenn sie Zeit dafür hätten – und wer wusste wie viel davon der Rothaarigen noch blieb – wusste er nicht so recht, wo er welche hätte finden sollen. Alle Nadeln die er besaß waren sicherlich schon längst verrostet.
      Zwei Hosen konnte er nun wirklich nicht tragen, also entschied er sich für jene, die weniger Löcher aufwies und das war die dunkelbraune Reisehose.
      Dann waren da noch die Handschuhe... wie er Handschuhe aus Leder hasste. Ja, sie waren deutlich stabiler und würden nicht so einfach reißen, dafür stumpften sie das Gefühl in seinen Händen und Fingern deutlich stärker ab, als dünne Stoffhandschuhe es taten. Er zog es vor wenigstens etwasmit den Händen spüren zu können, aber ihm war auch bewusst, dass es nun einmal nicht anders ging, als zog er sie sich grummelnd über die Hände.
      Anstatt seiner neuen Reisegefährtin eine Antwort zu geben, stampften er einfach zu dem Busch herüber und beugte sich etwas nach zu ihr hinunter.
      „Ja, ich bin hier fertig. Und du? Hast du den Tod des Fisches verkraften können?“, erkundigte er sich, deutlich machend, dass ihm nicht entgangen war, was in ihr vorging. Oder zumindest vorgehen musste. Aber ganz ehrlich? So naiv wie Neona auf ihn wirkte, war es besser, wenn sie sich dieses Gefühl beibehielt. Dieses Gefühl von Angst ihm gegenüber. Zumindest glaubte Silver, dass sie so etwas in der Art für ihn empfinden musste, nun wo sie mit eigenen Augen gesehen hatte, was eine Berührung von ihm bedeuten konnte. Oder Abscheu. Vielleicht Wut? Was auch immer es war, sie sollte sich dieses Gefühl merken.
      Immerhin würde sie ihn am Ende dieser Reise zum Tode verurteilen.
      „.. hast du gerade Stadt gesagt?“, runzelte der Unsterbliche die Stirn, darauf wartend dass die Rothaarige sich erhob, damit sie aufbrechen konnten.

      „... es ist ja wirklich eine Stadt geworden.“, musste Silver zu seinem Leidwesen feststellen, als sie sich durch das Unterholz hatten kämpfen müssen und letztendlich am Rand des Waldes stehen blieben, wo der Unsterbliche seinen Blick missmutig auf die Slums und die Stadtmauer gerichtet hielt. Das gefiel ihm natürlich überhaupt nicht.
      Vor seinem langen Schlaf war es nichts weiter als ein idyllisches Dorf gewesen, mitten im Nirgendwo, der perfekte Rückzugsort für jemanden, der ungestört bleiben wollte.
      Und nun war es einfach eine Stadt. Eine verdammte Stadt. Und wo es eine Stadt gab, gab es auch viele Menschen, wie er alleine schon am Anblick der Slums feststellen musste.
      „... ich warte hier. Beeil dich mit den Sachen.“, machte Silver deutlich, dass er nicht bereit war ihr hinter die Stadtmauern zu folgen, auch wenn er nun mehr trug als Fetzen.
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    • Neona

      "Ich habe Besseres zu tun, als mich in einen uralten Mann zu verlieben, der seinem eigenen Tod entgegenfiebert", winkte Neona eben noch den Kommentar des Unsterblichen ab, bevor ihre Welt aufgrund eines kleinen verstorbenen Fisches kurz aus allen Angeln fiel.
      Als sich Silver ein paar Minuten später über sie beugte, konnte sie nicht verhindern, dass sie kurz erschrocken zusammenzuckte. Ein innerer Instinkt in ihr bereitete all ihre Muskeln auf eine hastige Flucht vor, aber mit genug Mühe schaffte sie es, den Reflex zu bekämpfen, panisch vor dem Unsterblichen davon zu laufen.
      Es wunderte sie nicht wirklich, dass er ihre Reaktion bemerkt und richtig gedeutet hatte, dennoch konnte sie nicht anders als bei seinen Worten beschämt den Grasboden vor ihren Füßen zu begutachten.
      "Tut mir leid", murmelte sie schließlich, noch immer nicht in der Lage, ihm direkt in die Augen zu blicken. "Ich hatte es ja vorher schon gewusst... Es allerdings mit eigenen Augen zu sehen..." Sie stieß einmal lang den Atem aus und zwang sich endlich dazu ihre hellen Augen in seine Richtung zu heben. Tatsächlich hatte er sich für die Wanderkleidung entschieden und taktisch noch das schwarze Hemd übergezogen, um die Anzahl der Löcher zu minimieren. Doch obwohl die "neue" Kleidung auch nicht gerade makellos war, wirkte Silver in dem frischen Aufzug mehr denn je wie ein edler Nobelmann. Was hatte er wohl für eine Position inne gehabt, bevor er von diesem Fluch getroffen worden war? Die Ruine des Herrenhauses sprach auf jeden Fall dafür, dass Geld nicht Teil seiner Sorgen gewesen sein musste. War er vielleicht der Sohn eines hochrangigen Adligen? Der Erbe einer angesehenen Familie? Eine Familie, die schon vor vielen Jahren gestorben sein musste... Was wenn auch sie durch seine Berührung...? Neona schluckte trocken, während ihr Blick erneut etwas beschämt gen Boden wanderte. "Es muss hart für dich gewesen sein", murmelte sie kleinlaut. Was würde sie wohl tun, wenn sie aufgrund eines Fluches aus Versehen ihren eigenen Bruder tötete? Würde sie danach noch weiter leben können? Würde sie noch weiter leben wollen? Silver schien diese Wahl nicht wirklich zu haben, schließlich blieb ihm der endgültige Tod verwehrt. Bisher zumindest. Kurz betrachtete Neona den dunklen Fluch auf ihrer Handfläche.
      Vielleicht können wir wirklich unser beider Erlöser sein.
      Noch immer steckte ein Teil des vorangegangenen Schocks in ihren Knochen, als sie sich endlich aus ihrer Hocke erhob, doch ihr Entschluss stand fester denn je. Sie würde ihr eigenes Leben retten und Silver würde seinen lang ersehnten Frieden bekommen.

      Als sie schließlich die Slums der Stadt, Malowa, erreichten, war die Sonne dem Horizont schon beträchtlich entgegengesunken. Ihnen blieb maximal noch eine Stunde Tageslicht, weswegen Neona sich tatsächlich etwas beeilen musste. Wenn sie nicht rechtzeitig zurück war, würden die Stadtwächter die Tore schließen. Auch wenn sie danach Malowa noch würde verlassen können, würde man sie kontrollieren, ihre Sachen durchforsten und schlimmer noch: man würde sich ihr Gesicht einprägen. Das würde einen großen Einschnitt in ihrer bisherigen Diebeskarriere bedeuten.
      "Bin bald zurück", versicherte sie Silver daher kurz angebunden und sprintete eine Sekunde später durch die schlammigen Gassen der Slums. Sie machte sich nicht die Mühe, den trostlosen Gestalten am Wegesrand ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Als sie noch klein gewesen war, hätte sie wahrscheinlich noch Mitleid mit ihnen gehabt und versucht zu helfen, mittlerweile wusste sie, dass man in dieser Welt zuerst für sich selbst sorgen musste, um überleben zu können. Mitgefühl mit den Ärmsten konnten sich nur die Wohlhabenden leisten und zu denen zählte Neona zu ihrem eigenen Bedauern leider nicht. Noch nicht zumindest.
      Auf dem Weg zu den Stadttoren musste sie noch drei verwahrloste Bettler abwimmeln und nickte schließlich grüßend den Stadtwachen entgegen, die ihr - glücklicherweise - kaum Aufmerksamkeit schenkten.
      Malowa war eine der größten Städte der Region. Dennoch hatte Neona in den letzten Jahren gelernt, welche Seitengassen und Wege sie nehmen musste, um so schnell wie möglich an ihr gewünschtes Ziel zu gelangen, ohne lästigen Wachen ins Auge zu fallen. Leider wartete in eben solchen Gassen alles mögliche an Gesindel nur darauf, dass ihnen ein naives und schutzloses Opfer in die Arme lief. Zum Glück war Neona weder naiv noch schutzlos und legte ihre Fingerspitzen bereits um den Griff des Dolches - welcher sich unter ihrem Hosenbund verbarg - kaum dass sie die Schatten der Gassen betreten hatte. Glücklicherweise musste sie die Klinge heute nicht aus ihrer Scheide ziehen, sondern erreichte innerhalb weniger Minuten eine der kleineren Handelsstraßen, die Melowa zu bieten hatte. Auch wenn dies nicht Neonas Heimatstadt sein mochte, wusste sie genau, welche Läden sie gefahrlos ansteuern konnte und mit welchen Verkäufern es sich am besten Verhandeln ließ. Nachdem sie dem Diebesgeschäft beigetreten war, war Melowa bald schon eines ihrer ertragreichsten Reviere geworden. Den Menschen in den Slums und an den Stadtgrenzen mochte es zwar fürchterlich gehen, doch im Zentrum und nahe der Burg von Herzog Albers ließen sich dutzende Ziele mit Taschen voll Gold finden, die es wahrscheinlich nicht einmal bemerkten, wenn man ihnen einen Teil ihres Reichtums ungefragt abnahm. Gleichzeitig bot die Stadt mehr Gefahren als jede andere im Umland. Banditen und Diebe bekämpften sich gegenseitig. Einige hatten sich sogar zu größeren Gruppen zusammengeschlossen, wodurch regelrächte Bandenkriege entstehen konnten. Gleichzeitig hatte es sich der Herzog zur Aufgabe gemacht, mit aller Gewalt gegen all diese Straftäter vorzugehen, was die immense Anzahl an Wachpersonal im Zentrum erklärte. Doch während er für die Wachen und seine Armee dutzende Gelder bereitstellte, wurden die Slums von Tag zu Tag dreckiger. Ähnlich wie der Stadtkanal, der neben diversen menschlichen Fäkalien immer häufiger auch die Essensreste der Vermögenden flussabwärts trieb.
      Neona hatte schon vor Jahren aufgeben, diese Missstände zu beklagen. Sie hatte Wichtigeres zu tun. Unter anderem vernünftige Kleidung für einen Unsterblichen organisieren.
      Czem, der alte Klamottenhänder aus der Talstraße, musterte sie verwundert, als sie zwei dunkle Hemden und eine Hosen mit Ledergürtel, wie auch zwei Paar frische Stoffhandschuhe zusammensammelte und auf seinen Tresen platzierte. Sie mochte für sich selbst zwar schon des Öfteren Männerkleidung gekauft haben, aber es war offensichtlich, dass sie niemals in diese Klamotten passen würde. Czems Neugierde schien aber nicht auszureichen, um die junge Frau mit einer entsprechenden Frage zu belästigen. Stattdessen schien der alte Händler sich darüber zu freuen, dass Neona nicht genug Zeit hatte, um den Preis soweit hinunterzudrücken, wie sie ursprünglich gewollt hatte und zählte zufrieden die glänzenden Silbermünzen, während die junge Frau ihrem hart erspartem Geld hinterhertrauerte. Sie musste sich beeilen, wenn sie rechtzeitig zurück sein wollte. Bevor sie allerdings den Rückweg antrat, beschaffte sie noch etwas Trockenfleisch mit zwei Leib Brot und füllte zuletzt ihren Wasserschlauch an einem der Brunnen in der Stadt.
      Bevor sie endlich wieder die Stadtmauern hinter sich bringen konnte, waren bereits die ersten Sterne am Himmel zu erkennen, während die letzten Sonnenstrahlen den Horizont in ein tiefes Rot tauchten.
      "Es ist besser, wenn wir die Nacht hier draußen verbringen", begrüßte sie Silver, kaum das sie die Düsternis des Waldes betreten hatte. "Wir wollen sicher beide nicht von den Torwächtern kontrolliert werden und der Waldboden ist eine deutlich bessere Wahl, als die verdreckten Slums vor der Mauer", erklärte sie, bevor sie ihrem Begleiter seine neuen Klamotten entgegenwarf. "Kann nicht versprechen, dass sie perfekt passen, aber ich habe auch einen Gürtel organisiert, sollte die Hose zu weit ausfallen." Während sie sprach breitete sie nun auch die ergatterten Nahrungsmittel auf einem umgefallenen Baumstamm aus und deutete mit einer einladenden Handbewegung darauf. "Du hast sicher noch reichlich Hunger, richtig? Bedien dich ruhig."
    • Silverius 'Silver' Magnus

      „Was denn... es tut dir Leid?“, konnte der Unsterbliche nicht anders als einen spöttischen Laut von sich zu geben, „Sei nur froh, dass Fische nicht schreien können.“, fügte er mit einem Grinsen hinzu. Wenn sie das schon schockierte, wollte er gar nicht erst sehen wie sie reagierte, wenn er versehentlich einen Menschen berührte... oder gar absichtlich.
      Er brauchte und wollte ihr Mitleid nicht. Wirklich. Er hatte schon viel zu viele Augen dieser Art auf ihn gerichtet gesehen.
      „... hart?“, erstarb das Grinsen in seinen Zügen jedoch recht bald und seine Augen nahmen einen... leeren Ausdruck an, „Du kannst es dir gar nicht vorstellen.“, fügte er hinzu, vergrub die Hände in den Hosentaschen und drehte sich um, um ihre Reise durchs Gestrüpp anzutreten.
      Dabei gab Silver einen genervten Laut von sich. Er wollte gar nicht erst daran denken. An all die schlimmen Dinge, die er in seinem viel zu langen Leben hatte erleben müssen, die ihn mit der Zeit geprägt hatten... die ihn ausgelaugt hatten, bis er komplett Lebensmüde war. Im wahrsten Sinne des Wortes. Verdammt... wieso musste er ausgerechnet jetzt an diesen Traum denken?

      Am Rande des Waldes verabschiedete der Braunhaarige Neona mit einem nicken, ging noch ein paar Schritte zurück tiefer in den Wald, als müsste er sich in den Schatten verbergen, während er der Rothaarigen mit den Augen folgte. Bereits als er Zeuge davon wurde, wie der erste Bettler ihr entgegen ging, wusste er,, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Er hatte nichts gegen solche Menschen, früher mag er ihnen sogar Leid getan haben.
      Silver hatte nicht immer in seinem viel zu langen Leben Geld gehabt. Es hatte Passagen in seinem Leben gegeben, wo er mit nichts als der Kleidung an seinem Leib überleben musste... nun, das stimmte so nicht ganz, immerhin starb er nicht wirklich wenn er an Hunger oder Durst starb, aber das war nun wirklich keine schöne Erinnerung und er wünschte das niemanden.
      Doch mittlerweile war es ihm ziemlich egal. Er hatte seine eine gewisse Kälte, ein gewisses Desinteresse angeeignet, eigentlich an allen Menschen, unabhängig ihres Standes, während er früher doch geglaubt haben mochte, dass der Adel von Gott selber auserwählt wurde.
      Ob dieser Glaube wohl auch in dieser Zeit gepredigt wurde?
      Sein Blick richtete sich gen Himmel, an dessen Horizont er ein recht prächtiges Anwesen erkennen konnte, dass sicherlich einem Adeligen gehören musste. Eine Pracht die ihn inmitten der Slums nur noch mehr blendete.
      … hatte es vor hundert Jahren hier auch eine Adelsfamilie gegeben? Silver runzelte die Stirn, lehnte sich an einen Baum, während er nachdachte, sich jedoch nicht so recht zu erinnern schien, aber das wunderte ihn auch nicht besonders. Immerhin hatte es ihn nie interessiert.
      Alles was er gewollt hatte, als er dieses Anwesen für sich hatte bauen lassen, war ein Ort mitten im Nirgendwo, welches nah genug an einem Dorf gelegen war, dass er zwar nicht den Dorfbewohnern begegnen musste, aber doch gemütlich wichtige Dinge wie Nahrung einkaufen konnte.
      Er hatte einen passenden Rückzugsort gewollt, auch wenn er damals nicht erwartet hatte, in diesem Anwesen eines Tages für immer zu schlafen... und es mit der Zeit gehen zu sehen.
      Silver wusste nicht so recht, wie lange er da stand, der Vergangenheit hinterher grübelte, bevor Neonas Stimme ihn aus seinen Gedanken zog und für einen Moment zuckte er zusammen und versteckte sich blitzschnell hinter einem Baumstamm... bevor ihm bewusst wurde, dass es Neona war.
      „Mhm... klingt gut.“, bestätigte er ihn letztendlich und kam langsam wieder aus seinem Versteck heraus, als sie ihm erörterte, dass sie im Wald schlafen sollten. Er hatte Jahrzehnte auf einem schimmeligen Sofa geschlafen, dagegen erschien ihm der Waldboden fast schon wie eine Art von Luxus.
      Geschickt fing er das Knäuel an Kleidung auf, das ihm entgegen geworfen wurde und schien recht zufrieden mit der Auswahl zu sein, oder besser gesagt mit der Anzahl an Löchern: nämlich gar keine.
      Als er jedoch die Stoffhandschuhe entdeckte, hob er fragend eine Augenbraue.
      „Wieso hast du neue Handschuhe gekauft?“, erkundigte er sich fragend, immerhin waren die Lederhandschuhe eigentlich in top Form und er konnte sich nicht daran erinnern, sich über diese beschwert zu haben.
      Dennoch wartete er keine Sekunde lang, bis er die ledernen gegen die Stoffhandschuhe austauschte und tatsächlich schien er damit deutlich zufriedener zu sein. Er legte eine Hand gegen den Baumstamm... und er konnte ihn deutlich besser spüren, als mit den Lederhandschuhen. Auch wenn er eigentlich keine Handschuhe brauchte, um Pflanzen zu berühren, sonst hätten sicherlich zahlreiche Wälder bereits daran glauben müssen.
      „... hunger?“, zog sie ihn wieder aus seinen Gedanken und er folgte ihrer Geste.
      „Mhm... jetzt wo du es sagst...“, musste er feststellen, dass er tatsächlich noch Hunger hatte, jedoch hatte er diesen bisher ignoriert.
      „Wie sieht es überhaupt mit deinem Kapital aus?“, wollte er letztendlich wissen, als er sich neben den Baumstamm setzte, das Kleiderbündel in seinem Schoß, bevor er ein Stück Trockenfleisch nahm und begann daran zu kauen.
      Selbst wenn sie Glück hatten die Hexe noch genau dort aufzufinden war, wo er sich das letzte Mal gesehen hatte, würde es eine recht lange Reise werden und irgendwie würden sie ihren Proviant finanzieren müssen.
      „Hast du es wertvolles im Anwesen gefunden?“, erkundigte er sich, ein Stück Brot abreißen. Irgendetwas musste man doch zurückgelassen haben, nachdem die Gerüchte vom Untoten begonnen hatten. Oder hatte man ihm womöglich vorher komplett ausgeraubt?
      Aber selbst, wenn Silver darauf wütend gewesen wäre: die Schuldigen waren sicherlich schon lange tot oder alt.
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    • Neona

      Ihr war nicht entgangen, dass Silver sich zunächst hinter einem Baumstamm versuchte zu verstecken, aber sie machte sich auch keine großen Gedanken darüber. Der Mann hatte um ein Jahrhundert verborgen in einem Herrenhaus fern von jeglicher Zivilisation verbracht. Offenkundig wollte er nach Möglichkeit seinen Mitmenschen so gut es ging aus dem Weg gehen und noch weniger von jemanden entdeckt werden. Nachdem sie hatte beobachten können, wie ein Fisch durch seine Berührung zu Asche zerfallen war, wunderte sich Neona auch nicht mehr darüber, dass die Nähe anderer Menschen unangenehm für ihn zu sein schien... Wie viele waren wohl schon durch seine Berührung gestorben? Wie oft war es einfach nur ein Unfall gewesen? Ob er schon absichtlich getötet hatte?
      Sie schüttelte den Kopf. Es brachte nichts, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn sie die nächsten Tage, oder gar Wochen mit diesem Untoten durch das Land reisen sollte, wären diese Sorgen absolut unbrauchbar. Sie fühlte sich auch jetzt noch lange nicht dazu in der Lage, dem Braunhaarigen auch nur einen Funken Vertrauen zu schenken, sollte zusätzlich auch noch Angst ihm gegenüber entwickeln, könnte sich diese Reise in eine unangenehme Richtung entwickeln.
      Silver schien ehrlich überrascht, als er das neue paar Handschuhe im Knäuel der frisch erstandenen Klamotten erblickte. Bevor sie antwortete blitzte eine Sekunde lang das Bild des Braunhaarigen in ihren Gedanken auf, welcher sich schon beinahe verzweifelt an ihre Hand klammerte und dich eben diese gegen das eigene Gesicht drückte. Es war offenkundig gewesen, dass er das Gefühl einer "echten" Berührung vermisst hatte und Lederhandschuhe machten es einem nicht gerade einfach, die eigene Umwelt wahrnehmen zu können. "Ich dachte es würde etwas zu warm werden, wenn du neben all den langen Klamotten auch noch Lederhandschuhe tragen musst." Auch wenn dies ebenfalls ihre Entscheidung beeinflusst hatte, war es nicht der größte Grund gewesen. Irgendetwas hielt sie aber davon ab, ihm die Wahrheit zu sagen. Vielleicht weil sie glaubte, dass er ihr Mitleid nicht akzeptieren würde? Vielleicht weil sie nicht zugeben wollte, dass sie dieses innige Verlangen nach menschlicher Wärme in seinen Augen nicht hatte vergessen können? Wieder schüttelte sie leicht den Kopf und setzte sich auf den alten Baumstamm, um sich auch einen Laib Brot zu genehmigen.
      Seine folgende Frage malte einen grimmigen Ausdruck in ihre Gesichtszüge. "Es hat definitiv schon einmal besser ausgesehen", murrte sie unzufrieden und kramte ein paar der "Schätze" aus ihrer Umhängetasche hervor. "Sonderlich viel habe ich leider nicht mehr ergattern können, aber es sollte uns für die nächsten paar Tage unsere Teller füllen. Und wenn es hart auf hart kommt, sollte ich durchaus in der Lage sein, uns den ein oder anderen Hasen zu fangen", versicherte die junge Frau. Vor allem in den ersten paar Monaten, nachdem sie das Waisenhaus hatte verlassen müssen, war sie vollkommen auf sich allein gestellt gewesen, ohne einen Penny in der Tasche. Ob man ihnen deswegen vielleicht beigebracht hatte, welche Früchte und Pflanzen man im Wald finden und essen konnte? Auf jeden Fall konnte sie sich noch stolz an den ersten Karnickel erinnern, der ihr erfolgreich in die Schlingfalle gelaufen war. "Zudem habe ich noch ein paar weitere Ersparnisse in meinem Versteck gebunkert, allerdings würde ich diese ungern anfassen wollen. Je nachdem wie viele Städte wir auf unserer Reise passieren, sollte es mir allerdings schnell gelingen genug Gelder für uns zusammenzusammeln." Über die Jahre war es für Neona zu einer der einfachsten Übungen geworden, diversen Passanten unbemerkt die Geldbörse aus der Tasche zu stibitzen. Vor allem im großen Stadtgetümmel und auf belebten Märkten war dies ein reichlich lukratives Geschäft. Selbst wenn ihr Opfer dort den Diebstahl frühzeitig bemerken sollte, würde man sie innerhalb all der Menschen nicht mehr ausfindig machen können.
      Nachdem sie die Hälfte des Brotes mit etwas Wasser hinuntergewürgt hatte, genehmigte sie sich noch einen Streifen Trockenfleisch und machte sich dann schließlich daran ihr Nachtlager vorzubereiten. Das weiche Frühlingsgras sollte ihnen eine einigermaßen komfortable Unterlage bieten, dennoch befreite sie den Untergrund von diversen störenden Zweigen und spitzen Steinen. "Leider habe ich nur eine einzige dünne Decke zu bieten", meinte sie, während sie besagtes Stück Stoff aus ihrer Tasche zog. "Decke" war allerdings etwas zu viel gesagt, schließlich musste sie sich jedes Mal zusammenkauern, damit der dünne Stoff ihren ganzen Körper bedecken konnte. "Vielleicht kannst du die alten Hemden nutzen, um dich warm zuhalten. Ich möchte nicht riskieren, entdeckt zu werden, deswegen ist ein wärmendes Feuer keine Option", erklärte sie, während sie ihre Tasche als ein improvisiertes Kissen auf den Boden fallen ließ.
      "Wohin genau wird unsere Reise uns ab Morgen eigentlich verschlagen?" Sie kämpfte gegen ein langes Gähnen an, während sie sich im Schneidersitzt auf dem kühlen Boden niederließ. Die Strapazen des Tages hatten durchaus ihre Wirkung hinterlassen, weswegen sie zumindest auf einen tiefen Schlaf würde hoffen können. "Kannst du bereits einschätzen, wie lange wir in etwa unterwegs sein werden?" Sie war nun schon fast einen Monat lang nicht mehr Zuhause gewesen. Nicht nur vermisste sie ihren kleinen Bruder, eben dieser müsste sich mittlerweile auch reichlich viele Sorgen um seine große Schwester machen. Ob sie morgen früh noch einen Brief versenden sollte, damit sein Kummer nicht weiter anwuchs? Der Postbote würde sie ein kleines Vermögen kosten... Mit etwas Glück würden sie aber vielleicht Neonas Heimatstadt auf der kommenden Reise passieren, dann könnte sie eine Nachricht für Kobi hinterlassen. Ihm persönlich begegnen wollte sie auf keinen Fall. Der Fünfzehnjährige würde sofort bemerken, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht würde er sogar das dunkle Fluchmal auf ihrer Hand entdecken... Außerdem wollte sie auf keinen Fall, dass Silver und Kobi aufeinandertrafen. Selbst wenn der Untote seine Griffel bei sich behalten würde, war ihr das Risiko zu hoch, dass ihr geliebter Bruder vor ihren Augen zu Staub zerfallen könnte.
      Dieses Mal schaffte sie es nicht mehr, dass Gähnen hinunterzuschlucken und beschloss auch sich ihrer Müdigkeit zu ergeben. "Wir sollten bei den ersten Sonnenstrahlen aufbrechen", meinte sie noch halblaut, bevor die Erschöpfung ihre Augen schloss und sie ihn eine traumlosen Schlaf zog.
    • Silverius 'Silver' Magnus

      „Mhmmm...“, kommentierte er den Grund für die Handschuhe nur mit einem lang gezogenen Laut, während er die neuen Handschuhe an seiner Hand betrachtete und sie etwas zurecht zog. Er lächelte zwar nicht, dennoch wirkte er deutlich zufriedener als zuvor und das war er auch.
      Eigentlich empfand er es ja sogar als unnötig, dass sie Neona bis zu einem gewissen Grad um ihn Sorgen zu machen schien, sie war wohl offensichtlich ein guter Mensch. Nun, das war ihm eigentlich schon vorher bekannt gewesen, immerhin hatte sie eine fast Leiche versucht aufzuwecken, in einem Anwesen, in dem angeblich ein Untoter lebte.
      Kein schlechter Mensch tat so etwas. Zumindest keiner, den Silver jemals gekannt hätte. Er selber hätte sich auch nicht die Mühe. Vielleicht war er auch deshalb der Meinung, dass ihre Nachsicht an ihm nur vergeudet war und das würde auch nicht das letzte Mal an diesem Abend sein, dass er das denken würde.
      „... verstehe...“, gab er angelehnt an den Baumstamm von sich, als die Rothaarige ihm verkündete, dass es nicht gerade gut um ihr Kapital stand, aber es machte ihm eigentlich auch nichts aus. Es wunderte ihn auch nicht, dass Neona offenbar wusste, wie man jagte, obwohl sie eine Frau war. Er war sich nicht sicher, wie es mit den geschlechtlichen Rollen in der aktuellen Zeit, in dieser Gesellschaft, in diesem Land stand, aber er hatte seine eigenen Vorurteile in den letzten Jahrhunderten abgelegt. Was blieb einem auch anderes übrig, wenn man mit Hexen zu tun hatte, vor denen Männer kauerten? Ganz abgesehen davon, dass er bereits Länder besucht hatte, in denen er sich mit seinem alten Gedankengut mehr als nur zum Affen gemacht hatte.
      Kurzum: in diesem Leben würde ihn sicherlich nichts mehr überraschen können.
      „... du stiehlst?“, war es nicht schwer eins und eins zusammen zu zählen, als Neona verkündete, sie würde schon genug Geld zusammen sammeln, wenn sie ein paar Städte besuchten. Zumindest hätte er das so getan. Auch Silver war schon mehr als nur einmal in einer Situation, wo er hatte stehlen müssen. Eigentlich war er auch jetzt in einer solchen Situation, nun, wäre er, wenn Neona ihm nicht mit ihrem eigenen Geld etwas zu essen und Kleidung gekauft hätte.
      „Ich nehme an in diesem Zeitalter gibt es sehr viele arme Menschen?“, erkundigte er sich und warf einen Blick zurück zu den Slums, welche im Gegensatz zu den Stadtmauern und den dahinter liegenden Häusern, in denen man das ein oder andere Licht noch erahnen konnte, in Dunkelheit gehüllt waren.
      Hier und da schien man ein Lagerfeuer aufgebaut zu haben. Aber mehr auch nicht.
      Als die Rothaarige aufstand um ihr Nachtlager vorzubereiten, wurde sie von dem Unsterblichen mit aufmerksamen – wenn auch gelangweilten – Augen dabei beobachtet und als sie ihm tatsächlich mitteilte, dass sie nur eine Decke besaß, hob er fragen eine Augenbraue und als diese „Decke“ ihm auch noch präsentiert wurde, konnte er einen amüsierten Laut und ein schiefes Lächeln nicht unterdrücken.
      Nicht, das er das gewollt hätte.
      „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du zu nett bist? Behalte deine Decke. Ein bisschen Kälte schadet mir nicht. Ich habe wohl Jahrzehnte in einer Bruchbude geschlafen, dagegen ist der Waldboden nichts.“, folgte ein weiteres, amüsiertes Schnauben und er lehnte den Kopf zurück, gegen den Baumstamm gelegt und starrte hinauf.
      Durch die Blätterdecke waren nur wenige Sterne zu erblicken, der Rest schien von Wolken verborgen zu sein. Den Mond konnte er auch nirgends entdecken.
      „... mh? Ah...“, wusste Silver nicht so recht, wie er es sagen sollte und rieb sich den Nacken.
      „... das hängt ganz davon ab, wie viel sich verändert hat... gibt es den Wald der Wunder noch?“, erkundigte er sich, „Oder etwas unter einem ähnlichen Namen?“
      Eigentlich war der Wald der Wunder nur ein Mythos, ein Märchen, eine Gute Nacht Geschichte, die man seinen Kindern oder träumenden Abenteurern erzählte. Ein Wald, der jedem, der ihn betrat, eine Reihe an Prüfungen stellt, bevor man das Zentrum erreichen und sich etwas Wünschen darf. Zumindest war das die Version, die er gehört und der er damals gefolgt war. Wieso auch nicht? Wenn man so verzweifelt war wie er, blieben einem nur Legenden und Mythen übrig.
      Nun, so ganz stimmte die Geschichte auch nicht. Es waren weniger Prüfungen und mehr... die Schutzzauber einer Hexe. Immerhin war das zu einer Zeit, als Hexen noch verfolgt und verbrannt wurden. Aber auch so hatte man als Hexe sicherlich noch immer mächtige Feinde. Vor allem wenn man so lange lebte.
      Ein Wunsch wurde einem auch nicht gewährt... zumindest nicht einfach so. Man konnte die Hexe um etwas bitten, ja, aber selbst wenn es in ihrer Macht stand, hatte man immer einen Preis zu zahlen. Sein Wunsch hatte man ihm nicht erfüllen können. Auch wenn er bereit war, wirklich alles dafür zu zahlen. Selbst seine Seele, wenn es sein musste. Wenn er überhaupt noch eine besaß. Viel mehr hatte er in diesem Leben auch nicht mehr zu bieten.
      „Ich würde von mindestens ein paar Wochen ausgehen...“, murmelte er, während er die Arme an den Hinterkopf legte und es sich etwas gemütlicher machte.
      „Mhmmm...“, nickte er, als Neona vorschlug bei den ersten Sonnenstrahlen aufzubrechen. Ihm sollte es recht sein. Er hatte immerhin genug für ein, oder gar zwei Leben geschlafen.
      Stattdessen wandte er den Blick vom Himmel ab und blickte stattdessen auf die Rothaarige, beobachtete, wie sie langsam einschlief, ihr Atem sich beruhigte... sie wirkte so lebendig.
      Es war ein ungewöhnliches Gefühl, dass er einfach seine Hand nach diesem lebenden, atmenden Wesen ausstrecken könnte und sie nicht einfach verschwinden würde, als hätte es sie nie gegeben.
      Für einen Moment war er versucht auch tatsächlich dies zu tun. Das Verlangen nach menschlicher Nähe schien ihn fast wieder zu übermannen... doch auch er wusste, dass es sich nicht geziemte, eine junge Frau im Schlaf zu berühren.
      Oder anders ausgedruckt: er wollte sie nicht verscheuchen.
      Nicht, wenn sie sein einziger Ausweg aus diesem Leben war.
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    • Neona

      Sie blickte kurz etwas verwundert auf, als er fragte, ob sie stahl. Nachdem sie heute bereits schon engagiert alles in seinem Haus eingepackt hatte, dass man zu Geld machen konnte, dachte sie eigentlich, dass ihm eben dieser Umstand schon bekannt sein sollte. Zumindest konnte sie keinen anklagenden Ton in seiner Stimme erkennen und zögerte daher auch nicht, ihm zuzunicken. "Ja, tue ich. Und auch wenn Selbstlob stinkt, möchte ich behaupten ganz gut in diesem 'Job' zu sein", erklärte sie mit einem schiefen Grinsen. Natürlich wäre es ihr lieber gewesen, hätte sie nie zu einer Diebin werden müssen. Abgesehen davon, dass es unfassbar gefährlich werden konnte, wenn man in die falsche Tasche griff, wäre es der jungen Frau deutlich lieber auf ehrliche Weise ihren Unterhalt zu verdienen. Doch als Frau, die zudem auch noch eine Vollwaise war...? Leider blieben ihr nur wenige andere Wege offen und jeder einzelne davon geschmackloser als der vorherige. Letztendlich war Diebstahl da wirklich das kleinste Übel... auch wenn ihr dieser verdammte Job am Ende einen elenden und tödlichen Fluch eingehandelt hatte. Doch als Prostituierte in irgendwelchen Freudenhäusern oder als billige wie auch absolut entbehrliche Hilfskraft im Handwerk oder auf dem Feld wäre sie wahrscheinlich schon vor Jahren zugrunde gegangen. Mal davon abgesehen, dass sie kaum genug Geld zum Leben zusammen hätte tragen können. Auf keinen Fall wäre es ihr gelungen, genug Geld für die Zukunft ihres Bruders anzusparen.
      Sie folgte Silvers Blick hin zu den Slums, dessen Gestank nach Essensabfällen und menschlichen Exkrementen durch eine leichte Windböe in ihre Nase getrieben wurde. Leider war ihr dieser abstoßende Geruch nur zu bekannt... wirklich daran gewöhnen konnte sie sich trotzdem nicht. "Nun, ich weiß nicht, welche Ausmaße die Armutsrate noch vor hundert Jahren angenommen haben mag, aber es gibt durchaus mehr Menschen die in purer Armut leben als Mittelständige", erklärte sie mit einem milden Schulterzucken. "Laut einem alten Bekannten soll es in den letzten Jahrzehnten wohl wirklich schlimmer geworden sein. Die Landherren schöpfen Jahr um Jahr mehr Gewinne für sich ab, während Leibeigene immer häufiger um die nächste Mahlzeit auf ihren Tellern bangen müssen. Zudem müssen die Slums in der letzten Dekade auch deutlichen Zuwachs erlebt haben." Ein Umstand der fast exakt mit der Krönung des aktuellen Königs Sigren III zusammenpasste. Laut Elio - einem alten Diebeskollegen - sollte der aktuelle König des Landes mehr denn je hinter den Aristokraten des Landes stehen, beziehungsweise hatten es eben diese in den vergangenen Jahrzehnten geschafft sich in die höchsten Beraterposten an der Seite des Königs zu platzieren, um ihm ihre Wünsche direkt ins Ohr flüstern zu können. Welchen Effekt das für das niedere Volk hatte war selbst für einen Blinden erkennbar. Neona hatte aber weder Zeit noch die Ambitionen, sich tiefer mit der korrupten Politik dieses Landes zu beschäftigen. Ihr war es wichtig, dass sie einen Weg für ihren Bruder und sich finden könnte, der ihnen ein gutes Leben ermöglichen würde. Bevor sie dieses Ziel erreichen könnte, hatte die junge Frau schlicht nicht die Kapazitäten sich um die armseligen Bettler auf den Straßen und den Slums zu kümmern.
      "Zu nett?" Neona wiederholte Silvers Worte mit deutlicher Verwunderung in den Augen. "Nein... das habe ich wirklich noch nie gehört." Sie war eine elende Diebin, die nicht einmal davon zurückscheute die Habseligkeiten eines Verstorbenen schamlos an sich zu reißen, bevor eventuelle Verwandte die wertvollen Erinnerungsstücke finden konnten. Das einzig "nette" an ihr, war der Umstand, dass sie versuchte niemanden bei ihren Raubzügen zu verletzten und es nur auf die Wohlhabenderen abgesehen hatte. Gleichzeitig war sie aber auch zu feige in die Taschen der wirklich Vermögenden zu greifen, aus Angst dass man aus Rache eine halbe Armee auf sie loslassen könnte. Der schwarze Fluch auf ihrer Hand war Beweis genug, dass sie eben dieser Strategie hätte treu bleiben sollen, aber der Geldbetrag, den ihr dieser reiche Schnösel angeboten hatte, war einfach zu verlockend gewesen. "In Ordnung. Vielleicht können wir in der nächsten Stadt ja einen Reisetasche und eine geeignetere Decke für dich organisieren." Sie weinte jetzt schon ihrem Geld hinterher, aber wenn sie es richtig verstanden hatte, war ihr untoter Begleiter nicht gänzlich vor den menschlichen Gebrächen gefeigt. Warum sonst sollte er solch einen deutlichen Hunger verspüren können? Er mochte nicht sterben können, doch sollte er sich erkälten und damit ihre Reisegeschwindigkeit drosseln, könnte der ein oder andere wertvoll angelegte Taler durchaus gerechtfertigt sein. Außerdem müsste sie dann nicht mehr allein das Proviant für zwei Personen mit sich herumschleppen.
      Der Wald der Wunder? Kaum hörte sie diese Worte spitze sie neugierig die Ohren. "Heißt das, du kennst einen Weg durch den Wald der Wunder?!" Für einen kurzen Moment war die Müdigkeit aus ihren Knochen geflüchtet, während milde Begeisterung die junge Frau durchströmte. "Ich habe gehört, dass es noch nie jemand geschafft hat, diesen Wald zu passieren." Ein Umstand, der ihre Neugierde schon in jungen Jahren geweckt hatte. Ein Wald der einem so schwere Prüfungen auflegte, dass noch niemand es ins Innere geschafft haben sollte? Sollte es aber jemals jemand ins Zentrum des Forstes schaffen, wurde dem Glücklichen jeder Wunsch erfüllt? Natürlich klang das in den Ohren eines Kindes zauberhaft und auch heute noch wollte Neona unbedingt das Geheimnis um diesen Wald lüften. Leider konnte sich kaum einer daran erinnern, wo genau dieser magische Ort zu finden war, selbst wenn sie einmal dagewesen waren. Als würde ihre Erinnerung nach dem gescheiterten Versucht gelöscht werden. Wieder andere behaupteten, dass sie Freunde und Angehörige an die Prüfungen des Waldes verloren hatten, was ihn nicht nur sagenumwoben, sondern auch gefährlich machte. Doch mit Silver an ihrer Seite? Der alte Untote vereinte ebenfalls diese beiden Eigenschaften in sich selbst, vielleicht machte ihn das zum perfekten Schlüssel, um die zahlreichen Prüfungen des Waldes zu meistern.
      Leider erlebte ihre anfängliche Euphorie bald schon einen heftigen Dämpfer. "Mehrere Wochen..." Im dunkel der Nacht wirkte der Fluch auf ihrer Hand nur noch wie ein unförmiger Schatten. Allerdings war es ein Schatten, der innerhalb der letzten Tage Stück für Stück gewachsen war. Erst war es kaum erkennbar gewesen, doch mittlerweile war er schon fast doppelt so groß wie in der ersten Nacht und all das nach gerade einmal zehn Tagen. Neona unterdrückte ein Seufzen. Silver und diese Hexe waren wahrscheinlich ihre letzte Hoffnung, doch nun musste sie auch noch bangen, bis zum Ende ihrer Reise zu überleben. Sie beschloss vorerst keine Gedanken mehr darauf zu verschwenden. Es würde eh nichts bringen. Sie könnte nichts an den aktuellen Gegebenheiten ändern. So gelang es ihr trotz all der sorgenvollen Gedanken in einen tiefen Schlaf zu sinken.

      Es war der stechende Schmerz in ihrer linken Hand, der sie am nächsten Morgen noch vor dem ersten Sonnenstrahl aufschrecken ließ. Es gelang ihr gerade noch ein qualvolles Stöhnen zu unterdrücken, während sie die krampfende Hand zu einer Faust ballte und die Fingernägel dabei in die schwarze Handfläche bohrte. An das seltsame Kribbeln, dass sie seit ihrer Begegnung mit Silver auf der verfluchten Haut verspürte hatte sie sich mittlerweile gewöhnen können, doch dieser immer wiederkehrende Schmerz würde sie irgendwann noch einmal verrückt machen.
      Sie versuchte verbittert ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen, während der Schmerz ihren ganzen linken Arm zum pulsieren brachte. Zum Glück ließ die Pein nach wenigen Minuten langsam wieder nach, gleichzeitig bildete Neona sich ein, dass diese Anfälle mit jedem Mal schlimmer und intensiver wurden. Sie wartete noch einige Sekunden, bevor sie die Faust langsam löste und sich aus ihrer dünnen Decke schälte. Zum Glück schien die Nacht einigermaßen warm gewesen zu sein, weswegen sie neben dem Schmerz in ihrer Hand nicht auch noch durch Schüttelfrost geweckt wurde. Dennoch würde sie zukünftige Nächte lieber entweder unter einem Dach oder fernab von neugierigen Augen an einem warmen Lagerfeuer verbringen wollen, schließlich konnten die hiesigen Frühlingsnächte mitunter immer noch recht kalt werden.
      Nachdem die Rothaarige sich vollständig in ihrem Lager aufgesetzt hatte, ließ sie ihren Blick über die noch recht düstere Umgebung schweifen und blieb schließlich beim Braunhaarigen hängen. "Gut geschlafen?", war ihre kurz angebundene Frage, während sie ihre Decke zurück in ihre Tasche stopfte.
    • Silverius 'Silver' Magnus

      „Da scheint aber jemand stolz auf ihre Arbeit zu sein.“, kommentierte er mit einem Grinsen, das seine leeren Augen jedoch nicht zu erreichen schien. Natürlich sah er den Beruf des Diebes nicht als etwas schändliches an. Einst hatte er das sicherlich getan, Diebe verabscheut und beschimpft, aber diese Zeit war schon so lange her, dass er sich kaum daran erinnern konnte.
      Heutzutage sah er sich eher als Teil dieser Gesellschaftsschicht, als Teil des Untergrunds. Wobei er auch dort mittlerweile wahrscheinlich nicht einfach herein spazieren konnte.
      Er folgte ihrem Blick zu den Slums, lauschte ihren Worten und war sich ziemlich sicher, dass dieses Jahrhundert bald einer Revolution bevorstand. Es war immer und immer wieder das selbe. Die Oberschicht glaubte, die gewöhnliche Bevölkerung zu knechten und in die Armut zu drängen, dabei immer wieder vergessend, dass sie mehr waren. Und verzweifelt. Und verzweifelte Menschen taten alles, um dieser Verzweiflung wieder zu entkommen.
      Und wenn nicht, würde dieses Königreich auf ganz natürliche Art und Weise zugrunde gehen: ohne Menschen, die niedere Arbeiten verrichteten, wenn einer nach dem anderen in die Armut gedrängt wurde und starb, konnte ein Reich nun einmal nicht funktionieren.
      Wer sollte die Acker bestellen? Sich um das Vieh kümmern? Der Adel? Womöglich der König selbst? Wohl kaum.
      Nicht dass er einen solchen natürlichen Verfall mit eigenen Augen gesehen hätte. Er hatte nur davon gehört. Wieso sollte er auch in einem Reich verbleiben, das den Anschein machte nicht mehr lange zu stehen?
      Jedoch kommentierte Silver dies mit keinem Wort und gab nur einen Laut von sich, um zu zeigen, dass er ihr zugehört hatte. Immerhin ging es ihm nichts an. Es könnten auch noch Jahrzehnte vergehen, bis es wirklich so weit war. Er konnte nur hoffen, in nichts verwickelt zu werden. Geschah ihm leider viel zu oft. Ob man mit seinem Leben auch sein Glück verflucht hatte?
      Als sich die Rothaarige so sehr über die Erwähnung des Waldes des Wunders zu freuen schien, starrte der griesgrämige Kerl sie mit großen, verwunderten Augen an. Mit einer solchen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Vor allem in einer Zeit, in der Hexen anscheinend nicht nur normal waren, sondern auch noch geachtet wurden.
      Hatte sich diese Hexe all die Zeit lang dennoch im Inneren verkrochen?
      Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal, dass Hexen nicht mehr in Gefahr waren am Scheiterhaufen verbrannt zu werden, dachte er sich mit einem amüsierten Laut.
      Langsam nickte er.
      „Könnte man so sagen. Die Hexe lebt im Inneren dieses Waldes. Dass es noch nie jemand geschafft hat, ist sicherlich übertrieben...“, murmelte er den letzten Satz mehr zu sich selbst. Er konnte unmöglich der Einzige sein, der es jemals ins Innere geschafft hatte.
      Er konnte sich noch gut daran erinnern, wie er immer wieder von diesem verfluchten Wald ausgespuckt wurde, einen Tod nach dem anderen erlebte, bis er es endlich an den magischen Fallen, den lebenden Gestrüpp und Prüfungen vorbei geschafft hatte... nur um enttäuscht wieder gehen zu müssen.
      Alles, was man ihm hatte geben können, waren magische Bonbons, die sein Schmerzempfinden betäubten. Aber was hatte ihm das schon gebracht?
      Doch nun schienen diese Mühen sich letztendlich doch ausgezahlt zu haben.

      Tatsächlich hatte Silver kaum geschlafen. Womöglich hatte sein Körper und Geist mehr als genug vom ewigen Schlaf, vielleicht hielt ihn auch die Hoffnung endlich seinem Tod entgegen sehen zu können wach, denn ständig hingen seine Gedanken dem Wald der Wunder, der Hexe im Inneren und den zahlreichen Prüfungen hinterher, die er damals hatte bestehen müssen, um an diese sagenumwobene Hexe zu gelangen... nur um mit leeren Händen wieder hinaus zu gehen.
      Denn auch wenn dieser Wald angeblich jeden Wunsch erfüllen konnte, so hatte er ihm den seinen nicht erfüllen können. In seinen Augen schuldete die Hexe ihm also noch etwas. Und nun hatte er endlich den Schlüssel gefunden, wie er sein Ziel erreichen konnte.
      Sein Blick glitt von den Sternen hinab auf die schlafende junge Frau bis hin zu ihrer Hand mit der geschwärzten Innenseite, mit dem Fluchmal und zum ersten Mal sein hunderten von Jahren legte sich ein leichtes Lächeln auf seine Lippen.
      Eigentlich sollte er sich nicht so viele Hoffnungen machen, nicht so früh. Er wusste nur zu sehr wie es war, wenn seine Hoffnungen zersplitterten und ihn mit nichts und wieder nichts wieder zurückließen.
      Doch was hatte er denn schon, wenn nicht dieses bisschen an Hoffnung?
      Die Nacht verbrachte der Untote mit dem Beobachten der Sterne, eines der wenigen Dinge, das sich wohl kaum änderte und döste dabei hin und wieder vor sich hin, so dass ihm Neonas Schmerzen am nächsten Morgen nicht entgingen.
      Dennoch tat er nicht viel, als sie nur zu beobachten... und ein wenig zu bangen, ob sein Schlüssel es überhaupt bis zum Wald schaffen würde.
      Als Silver angesprochen wurde, blickte er von Neonas Hand auf zu ihrem Gesicht und nickte leicht. Eigentlich hatte er kaum geschlafen, aber er sah es nichts als nötig, dies auszusprechen.
      „... passiert das öfter?“, erkundigte er sich letztendlich bei ihr und zeigte dabei auf ihre Hand.
      „Ist das Mal größer geworden?“, wollte er wissen.
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    • Neona

      Sie wusste nicht genau, wie sie sein stummes Nicken interpretieren sollte. Zumindest sah er nicht sonderlich erschöpft oder müde aus, weswegen sie sich wohl keine Sorgen machen musste. Außerdem hatte der Untote anscheinend das letzte Jahrhundert dösend auf einem zerfallenen Sofa verbracht, Schlaf war daher wohl das Letzte was ihm fehlte. "Sehr gut", meinte sie, während sie gähnend ihre Arme streckte und sich als nächstes den Schlaf aus den Augen wischte. Seine Frage ließ sie allerdings für einen Moment erstarren. Ihr Blick folgte seinem Fingerzeig und verharrte auf dem dunklen Mal auf ihrer Handfläche. Er hatte ihren Schmerzanfall also bemerkt...
      Sie unterdrückte ein Seufzen. Es würde ihr nicht helfen, es vor ihm geheim zu halten, schließlich war sie auf seine Hilfe angewiesen. Zudem war er nicht Teil der Straßen- und Diebesbanden, in dessen Kreisen Neona sich normalerweise aufhielt. Zudem brauchte er sie beziehungsweise diesen elenden Fluch auf ihrer Hand. Entsprechend würde er ihre Schwäche wahrscheinlich nicht so gnadenlos ausnutzen, wie so ziemlich jede andere Seele, der sie in ihrem Leben bisher begegnet war.
      "Leider ja", antwortete sie schließlich und erhob sich von ihrem erdigen Schlafplatz. "Ich glaube jedes Mal wenn mir diese Schmerzen durch die Knochen schießen, erweitert sich das Mal um ein paar Millimeter." Sie klopfte sich den Dreck von der alten Stoffhose und straffte daraufhin ihre schmerzenden Schultern. Auch wenn sie es gewohnt war, auf hartem Grund zu schlafen, schienen ihre Gelenke sie dennoch regelmäßig dafür bestrafen zu wollen. "Seitdem ich dieses Artefakt vor zehn Tagen berührt habe ist das Mal beinahe um das Doppelte angewachsen." Sie ließ ihren Blick ebenfalls auf den dunklen Fluch sinken. Der Großteil ihrer Handfläche hatte sich vollständig verfärbt, ein Teil des Mals begann sogar schon damit, ihren Daumen entlang zu klettern. Sie biss die Zähne zusammen. Wie lange dauerte es wohl noch, bis es den Arm hinauf wanderte? Wie lange würde sie diese Anfälle überstehen können? Bereits jetzt kletterte der Schmerz jedes mal ihren ganzen Arm hinauf und zog dabei sogar ihre Brust etwas zusammen. Würde das ihr Ende sein? Würde der Schmerz früher oder später auch ihr Herz so fest umklammern, dass es einfach aufhören würde zu schlagen?
      Sie schob die dunklen Gedanken beiseite und holte einmal tief Luft, bevor sie sich wieder and Silver wendete. "Auf jeden Fall wäre es mir daher sehr recht, wenn wir unsere 'kleine' Reise nicht unnötig in die Länge ziehen würden." Mit diesen Worten schulterte sie ihre Reisetasche und bedeutete dem Braunhaarigen mit einem Kopfnicken, dass sie aufbruchsbereit war. "Wenn der Wald der Wunder an dem Ort zu finden ist, den all die Sagen beschrieben haben, sollten wir auf dem Weg sogar knapp meine Heimat passieren", überlegte sie laut während sie zusammen mit ihrem Begleiter den Waldrand entlang wanderte. Sie wollte sich noch nicht aus dem Schutz der Bäume wagen. Einerseits wollte sie nicht die Aufmerksamkeit eines verzweifelte Slumbewohners auf sich ziehen, der die beiden auf der Suche nach Essen und Geld angreifen könnte - auch wenn er schwerlich eine Chance hätte. Andererseits befürchtete Neona, dass ein bestimmter Adliger ihr auf der Spur sein könnte, weswegen sie sich in den vergangenen Tagen so bedeckt wie möglich gehalten hatte. "Wenn wir dort Halt machen, können wir noch ein paar Utensilien für unsere Reise zusammensammeln. Zudem ist da jemand, dem ich eine Nachricht hinterlassen möchte."
      Ihr Bruder war es gewohnt, dass seine große Schwester hin und wieder mehrere Tage und Wochen keinen Meldung von sich gab, aber seitdem sie diesen elenden Auftrag angenommen hatte, hatte sie sich nicht mehr Zuhause blicken lassen. Das war vor über zwei Wochen gewesen. Zusammen mit der anstehenden Reise könnte sich das ganze auf über einen Monat, wenn nicht gar zwei ausdehnen. Sie plante nach wie vor nicht, Kobi persönlich zu treffen - nicht nur wegen des Fluches und ihres tödlichen Begleiters, sondern auch potentiellen Verfolgern - aber wenn sie ihm kein Lebenszeichen hinterließ, könnte der Junge auf die dumme Idee kommen nach ihr zu suchen. Wenn er bei eben dieser Suche den Falschen in die Arme lief, könnte Neona sich das niemals verzeihen...
      "Ich bin auch dafür, dass wir für dich eine vernünftige Decke suchen, da ich bezweifle, dass du sonderlich gerne in einem Gasthaus in der Stadt übernachten willst, richtig?" Silver schien kein sonderlicher Freund von Menschenkontakt zu sein. Kein Wunder, wenn man seine "besondere" Situation bedachte. Zugleich würde es ihren Sparbeutel schonen, sollten sie einfach weiterhin im Freien übernachten. Zwar wäre es ein leichtes für Neona genug Gelder auf den Straßen zusammenzusammeln, doch einerseits riskierte sie damit aufzufallen, andererseits könnte es ihnen wertvolle Zeit kosten.
      "Ich gehe auch davon aus, dass es keine Option ist, auf Pferden zu reisen?", hakte sie einige Zeit später nach. Mittlerweile war die Stadtmauern und Slums in sichere Entfernung gerückt, weswegen sie unbehelligt einer der Handelsstraßen folgen konnten. "Ich will zumindest nicht ansehen müssen, wie eines der Tiere plötzlich zu Staub zerfällt." Sie hatte es vermeiden wollen, daran zu denken, doch nun ließ allein die Vorstellung ihren ganzen Körper für einen Moment in Ehrfurcht erzittern.
    • Silverius „Silver“ Magnus

      Während Silver ihren Ausführungen zu dem Mal lauschte, zogen sich ihre Augen zusammen und er konnte nicht aufhören die Schwärze auf ihrer Handfläche anzustarren, die sich auch noch über ihren Daumen zog. Am liebsten würde er ihre Hand nehmen und den Fluch hier und jetzt auf sich übertragen, ob es vielleicht doch helfen würde rein zu beißen? Wohl kaum.
      Dennoch. Die Tatsache, dass ihnen womöglich nicht viel Zeit bliebt – wovon er normalerweise mehr als genug hatte, weshalb er erst recht nicht wusste, wie er damit umgehen sollte und sich gar davor fürchtete, die Zeit nicht richtig einschätzen zu können, immerhin waren hundert Jahre nichts für ihn – und noch viel mehr die Unsicherheit, dass sie nicht genau wussten wie viel Zeit ihnen eigentlich bliebt, gefiel ihm ganz und gar nicht.
      Das war womöglich sein einziger Ausweg aus diesem Leben. Er musste den Impuls, sie einfach auf die Arme zu heben und los zu rennen unterdrücken. Außerdem war er sich nicht sicher, ob sein vom Schlaf und Hunger geschwächter Körper überhaupt derzeit dazu in der Lage war... ob er vielleicht doch mal kurz sterben sollte, um seine Bestform zurück zu erhalten?
      „... du hast recht.“, nickte er letztendlich, wieder aus seinen Gedanken gezogen, und erhob sich von seinem Schlafplatz. Sie sollten so früh wie nur möglich aufbrechen und sich so schnell wie nur möglich bewegen.
      „... deine Heimat?“, hob er fragend eine Augenbraue, immerhin blieben ihnen sicherlich keine Zeit für irgendwelche Besuche, legte sich dann jedoch Zeigefinger und Daumen ans Kinn, um über die Worte der Rothaarigen nachzudenken.
      Er wusste nicht recht, wie es um ihr Reisegepäck stand, aber er selber hatte nicht mehr als die Kleider, die er am Leib trug und selbst diese wurden ihm freundlicherweise von Neona gekauft. Wobei Freundlichkeit damit wahrscheinlich nicht so viel zu tun hatte, wie er annahm.
      „Okay... aber wir sollten nicht zu lange bleiben. Wir haben keine Zeit für irgendwelche Besuche.“, fügte er dennoch hinzu, während er ihr folgte und sich währenddessen umsah, im Versuch sich an die Gegend zu erinnern. Doch selbst die Bäume schienen sich in den letzten hundert Jahren verändert zu haben, zumindest sind es sicherlich mehr geworden.
      Nein Moment. Stimmt ja. Diesen Wald hatte es vorher gar nicht gegeben, wurde ihm wieder bewusst.
      „... Gasthaus? Ich habe nichts dagegen, in einem Gasthaus zu übernachten, wenn du möchtest, es muss aber auch nicht sein. Ich kann mich mittlerweile ziemlich gut in Menschenmassen bewegen, ohne jemanden... zu töten. Solange es also niemand wagt mir unter die Kleidung oder absichtlich ins Gesicht zu fassen, sollte es damit eigentlich keine Probleme geben.“, erklärte der Unsterbliche und zog dabei seine Handschuhe und Ärmel zurecht, als wolle er diesen Umstand verdeutlichen.
      „Auch Pferde sollten kein Problem sein. Mir wäre es lieber, wenn wir die schnellste Transportmöglichkeit wählen. Wenn du Leben willst, wirst du dieses Risiko wohl eingehen müssen.“, gab er mit einem amüsierten Lächeln von sich, als Neona meinte, dass sie kein Pferd plötzlich zu Staub zerfallen sehen möchte.
      Irgendwie weckte das in ihm den Wunsch, es genau deswegen absichtlich zu tun. Schlicht und einfach um ihre Reaktion zu sehen. Aber für solche Spielchen hatten sie auch keine Zeit.
      „Zurück zum Gasthaus: mir ist es ziemlich egal, ob wir unter einem Dach oder im freien Schlafen. Ich richte mich da ganz nach dir. Ich bin tatsächlich... so etwas halbes gewöhnt.“, gab er mit einem breiten Grinsen von sich, den Umstand ansprechend, dass er in einer Ruine mit vielleicht halbem Dach geschlafen hatte. Doch schnell verschwand dieses Grinsen auch wieder.
      „... kannst du einschätzen, wie viel Zeit dir noch bleibt?“, wollte er wissen.
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    • Neona

      Er wirkte nicht sonderlich begeistert, als sie erklärte in ihrer Heimat Halt machen zu wollen. Sie konnte seine Skepsis durchaus verstehen, immerhin hatte sie ihm vor wenigen Minuten erst deutlich gemacht, dass sie nicht mehr so viel Zeit zur Verfügung hatte, wie ihr selbst lieb war. "Keine Sorge", versuchte sie ihn umgehend zu beruhigen. "Ich habe nicht wirklich vor, jemanden zu 'besuchen'. Ich möchte nur eine Nachricht hinterlassen. Tatsächlich wäre es sogar recht problematisch, sollten wir aufeinander treffen." Im besten Fall würde Kobi ihr einen ellenlangen Vortrag drüber halten, wie viele Sorgen er sich gemacht hatte und dass sie sich dringend häufiger melden sollte. Im schlimmsten Fall, würde er ihren Fluch bemerken und darauf bestehen Silver und Neona zum Wald der Wunder zu begleiten. Beides Optionen, die die junge Frau gerne umgehen würde. "Ich werde nur einen kleinen Brief verfassen, damit er sich keine unnötigen Sorgen macht, mehr nicht."
      Sie musterte ihn etwas überrascht, als er meinte nichts gegen ein Gasthaus zu haben. Gleichzeitig merkte sie, wie vorschnell sie geurteilt hatte. Er war ein Untoter, der schon seit über einem Jahrhundert, wenn nicht gar Jahrhunderten, sein Unwesen auf der Welt trieb. Es war töricht von ihr gewesen, zu glauben, dass er in all der Zeit nicht gelernt hätte, sich innerhalb von anderen Menschen zu bewegen. Der Umstand, dass er sich so sehr in seiner Kleidung einhüllte war wohl Beweis genug dafür, dass er erfolgreiche Strategien gefunden hatte. "In Ordnung. Dann wird es wohl eine Mischung aus beidem werden." Ihr selbst war es auch recht egal, wo sie die Nächte verbrachten. Der Waldboden mochte zwar recht hart und kalt sein, aber auch ein vermeintlich weiches Bett in einer Gaststube barg diverse Gefahren. Für eine junge Frau wie sie mochten eben diese sogar noch vielfältiger sein, als für andere. Ein weiterer Grund dafür, dass sie es in Städten vorzog, sich in weite Mantel samt Kapuze zu hüllen. Leider fiel es ihr mittlerweile lange nicht mehr so leicht wie früher, einen jungen Mann zu mimen - vor allem ihre Stimme verriet sie immer wieder aufs Neue - aber es konnte trotzdem helfen, ihr weibliches Erscheinungsbild verborgen zu halten.
      "Sollten wir eine passende Stadt auf dem Weg finden, könne wir dort übernachten und unsere Vorräte auffüllen. Doch umso näher wir dem Wald der Wunder kommen, desto häufiger wird der freie Himmel wohl zu unserem Dach werden." Sie selbst mochte zwar noch nie an diesem Sagen umwobenen Ort gewesen sein, aber sie saugte so ziemliche jede Information, die sie dazu aufschnappen konnte, auf wie ein Schwamm. Allerdings hatte sie sich nicht wirklich gewundert, als man ihr berichtete, dass sich nahe des Waldes nur ein paar kleine Dörfer befanden und selbst diese zum Teil verlassen sein sollten. Kein Wunder: Wer wollte schon gerne in der Nähe eines Waldes leben, in dessen dunklen Tiefen regelmäßig Menschen verschwanden oder gar starben?
      Als er nun auch ihre Idee mit den Pferden befürwortete spürte sie neue Hoffnung in ihr erwachen. "Du hast recht, dennoch wäre ich dir sehr verbunden, wenn du deine tödlichen Finger von den Tieren fernhalten könntest. Immerhin würde ich dann nicht nur den Pferden, sondern auch dem verschwendeten Geld hinterher weinen..." Gerne hätte sie behauptet genug diebisches Talent zu besitzen, um eines dieser nützlichen Tiere stehlen zu können, doch leider waren Pferde so wertvoll, dass ihre Besitzer sich besonders viel Mühe gaben, um sie zu behüten. Wahrscheinlich könnte sie zwar ein Bauernpferd 'verschwinden' lassen. Gleichzeitig wusste sie allerdings, dass dies praktisch die Lebensgrundlage der entsprechenden Familien zerstören würde und das widersprach nun einmal ihrem eigens auferlegten Diebeskodex.
      "Zum Glück kenne ich jemanden, der uns für die Tiere ein gutes Angebot machen kann." Ihr graute es jetzt schon vor dem Gefallen, den sie im Gegenzug würde erfüllen müssen... Aber was tat man nicht alles, um einen tödlichen Fluch abzuwenden? "Dennoch werde ich noch etwas Geld für die passende Anzahlung zusammenstehlen müssen. Außerdem befindet sich besagter Bekannter auch in meiner Heimatstadt und die werden wir wohl erst morgen erreichen. Außer du bist bereit, auch die Nacht durchzulaufen. Dann sollten wir noch vor dem Morgengrauen ankommen." Mittlerweile kannte Neona sich auch auf den Pfaden außerhalb der großen Städte ganz gut aus, schließlich waren vor allem die Wälder ein gutes Versteck vor aufgebrachten Stadtwachen. Selbst in der Nacht sollte es ihr daher ganz gut gelingen, sie den richtigen Weg entlang zu lotsen.
      Sie hatte nicht damit gerechnet, dass der alte Untote in der Lage wäre, solche Witze von sich zu geben. Sie verzog ihre Lippen zu einem schiefen Lächeln. "Ich glaube im Vergleich zu dieser staubigen Bruchbude ist jeder noch so harte Waldboden eine Luxusunterkunft", verkündete sie amüsiert. Leider war die gute Stimmung nur von kurzer Dauer...
      Sie hatte eigentlich schon viel früher mit dieser Frage gerechnet, zugleich hatte sie sich die ganze Zeit davor gefürchtet. "Ich weiß es nicht genau...", antwortete sie nach einigen Sekunden des Schweigens und musterte kurz den schwarzen Schatten auf ihrer Haut. Noch immer steckte dieses seltsame Kribbeln in ihrer Hand, dass sie seit ihrem Zusammentreffen mit Silver verfolgte. Mittlerweile hatte sie sich aber schon fast vollständig daran gewöhnt. Gestern Abend war es sogar seltsam beruhigend gewesen, als es wieder in ihre Fingerspitzen gekrabbelt war, kaum dass sie die Slums verlassen und sich dem Waldrand genähert hatte. Es war beinahe so, als würde ihr das Mal bestätigen wollen, dass die potentielle Lösung all ihrer Probleme noch nicht vor ihr davon gelaufen war. "Ich weiß nur, dass dieser Fluch vor zehn Tagen noch halb so groß gewesen ist und auch die Schmerzen sind kontinuierlich schlimmer geworden." Sie presste die Zähne zusammen. "Schon jetzt scheinen sie meinen ganzen Arm in Flammen zu setzen und... ich befürchte, wenn eben diese Pein irgendwann meine Brust... mein Herz erreicht..." Sie getraute es sich nicht, den Satz zu beenden und schluckte die letzten Worte trocken hinunter. "Ich befürchte sobald dieses Mal einen Teil meines Armes hinauf geklettert ist... spätestens wenn es den Ellenbogen erreicht... wahrscheinlich aber schon früher..." Sie saugte einmal tief Luft in ihre Lungen und stieß diese dann langsam wieder aus, bevor sie sich endlich zu ihrem Begleiter drehte und ein verkrampftes Lächeln auf ihre Gesichtszüge pflasterte. "Sagen wir so: ich würde es durchaus auch bevorzugen, wenn wir unser Ziel möglichst schnell erreichen können." Während sich ihr Augenmerk wieder auf den Pfad vor sich legte, verschwand auch das falsche Lächeln auf ihren Lippen. "Dennoch wird es uns nicht helfen, blind Tag und Nacht durchzuwandern. Wir brauchen Pausen, genug Proviant und vernünftige Kleidung. Sollte jemand von uns krank werden, oder sich verletzen würde es die Reise nur unnötig behindern." Auch dies waren Dinge, die ihr das harte Leben auf der Straße beigebracht hatte.
    • Silverius 'Silver' Magnus

      „Gut.“, nickte der Unsterbliche, als Neona meinte nur einen Brief hinterlassen zu wollen. Er fragte gar nicht erst für wen. Zunächst einmal ging es ihn nichts an, auf der anderen Seite interessierte es ihn auch nicht genug, um nachzufragen. Er hatte nur ein Ziel vor Augen und desto schneller sie dieses erreichten, desto besser.
      „Hah.... guter Punkt. Man will ja nicht sein Geld zu Staub zerfallen sehen, was?“, gab er mit einem Grinsen zurück, wobei ihm das Geld ziemlich egal war. Für ihn, der so viele Jahrhunderte gelebt hatte und miterlebt hatte, wie Währungen wechselten und sich änderten, bis hin zu Zeitpunkten, in denen das Geld nicht mal mehr den Wert der Münze hatte, auf der sie gedruckt wurde. Immerhin konnte man Münzen ja nicht essen, nicht wahr? Aber für eine Diebin, für eine Person die noch leben wolltehatten diese sicherlich noch einen Wert. Leben kostete nun mal, nicht wahr?
      „Die Nacht durchlaufen? Können wir gerne tun. Aber sag mal, gibt es denn keine anderen Wege als Geld durch Diebstahl zu verdienen? Verstehe mich nicht falsch, ich will hier nicht die Moralkeule schwingen, aber gibt es nicht schnellere Wege um an das passende Geld für diese Anzahlung zu kommen?“, erkundigte er sich mit einem Seitenblick auf die Rothaarige.
      Er wusste zwar nicht, welchen Wert Pferde in diesen Zeiten hatten, aber ihrem Verhalten nach musste es durchaus eine stolze Summe sein. Konnte sie eine solche in wenigen Tagen aufbringen? Vor allem für zwei Pferde? Silver kam gar nicht erst auf die Idee, dass sie sich ja auch eines teilen konnten.
      Als sie seinen Schlafplatz als Bruchbude bezeichnete, musste er wieder Grinsen.
      „Nicht doch, ich habe all diese Jahrzehnte wundervoll geschlafen.“, gab er zurück, auch wenn ein wundervoller Schlaf für den Unsterblichen sicherlich etwas anderes war, als die Rothaarige. Diese würde sich sicherlich nicht damit arrangieren können, hin und wieder wegen dem Staub zu sterben. Wobei es bei ihr wohl nur bei einem Tod bleiben würde.
      „Mhm.... um mich brauchst du dir dabei keine Sorgen zu machen. Sollte ich krank werden oder mich verletzten, kann ich einfach sterben. Dann sollten wir in eine paar Minuten wieder ohne Probleme weiterziehen können.“, machte Silver keine großes Geheimnis daraus, wieso auch? Sterben war für ihn so selbstverständlich wie das Atmen geworden. Es tat weh, ja, höllisch, aber wenn er ehrlich war... es gab tatsächlich schlimmeres als den Tod. Beispielsweise das ewige Leben.
      „Benutz mich ruhig als Schild, sollte etwas sein.“, fügte er mit einem Grinsen hinzu, es war jedoch vollkommen ernst gemeint und kein Witz.
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    • Neona

      Ihr untoter Begleiter schien mehr von Humor zu verstehen, als sie zunächst erwartet hatte. So quittierte sie auch jetzt ihren Kommentar mit einem amüsierten Grinsen. Noch zu Beginn ihrer Reise hatte sie befürchtet, dass eben diese recht trostlos und langweilig werden könnte. Eventuell würde es aber deutlich spaßiger und interessanter werden, als erhofft. Ein Umstand über den sich die junge Frau sicher nicht beschweren würde.
      Silver hingegen schien nun doch eine Art Beschwerde zu äußern. Zumindest schien er nicht ganz glücklich mit ihrer Form der Geldbeschaffung. Sie wusste noch nicht ganz, ob er es einfach nicht mit seinem Moralverständnis vereinbaren konnte, ober ob er wirklich befürchtete, dass es zu lange dauern könnte. Neona wendete kurz ihren Blick von ihm ab und verzog das Gesicht. "Sicher. Es gibt gewiss andere Wege, um an ehrliches und auch ausreichend Geld zu gelangen. Doch ein Großteil dieser Wege kommt für mich nicht in Frage... Für eine Frau wie mich, die im Waisenhaus und später auf der Straße groß geworden ist, gibt es genau genommen nur eine andere Möglichkeit..." Sie presste ihre Zähne zusammen. "Und bevor ich diese Möglichkeit wahrnehme, lasse ich mich lieber von diesem Fluch zerfressen." Sie selbst war auch nicht glücklich darüber, eine Diebin geworden zu sein. Vor dem Tod ihrer Eltern war sie sich immerhin noch sicher gewesen, einmal wie ihr Vater Schmuckschmiedin zu werden. Doch das Familienerbe hatte Neona und Kobi nie erreicht. Sie hatten keinen Laden, keine Materialien und was in dieser Welt noch viel wichtiger war: keine Verbindungen. Eben deswegen hatte sie ja all diese Jahre damit verbracht ein kleines "Vermögen" zu sammeln, um zumindest die ersten zwei Punkte der Liste abzuarbeiten. Es hatte auch am Anfang eine Zeit gegeben, in der sie nach "ehrlichen" Wegen gesucht hatte, eben jenes Geld zusammenzutragen. Doch kein Handwerker dieser Welt wollte ein kleines verwaistes Mädchen als Lehrling aufnehmen. Und selbst wenn sie sich als Packesel in diversen Lagerhäusern und für Händler angeboten hatte, hatte man sie entweder davon gejagt oder versucht sie für andere... intimere Zwecke anzuheuern. Das war auch die Zeit gewesen, in der sie vermehrt versucht hatte ihr Geschlecht unter Kleidung und Dreck zu verbergen. Für einige Monde war das sogar erfolgreich gewesen und man hatte sie in einer Werft in der Nachbarstadt angeheuert... Zwar war die körperliche Arbeit zunächst eine Last für ihren Körper gewesen, aber sie hatte es ertragen können, selbst wenn der magere Lohn es ihr kaum erlaubt hatte, vernünftig Geld beiseite zu legen. Irgendwann jedoch war ihr Scharade aufgefallen und sie hatte vor Ort flüchten müssen. Nach mehreren Wochen des Hungerns und der verzweifelten Suche nach einem neuen Job hatte sie ihr Talent für das Stehlen entdeckt und bald sogar verstanden, wie viel lukrativer ein "professionelles" Diebesleben doch sein konnte. Am Ende war es nicht einmal so viel gefährlicher als alles andere, dass sie davor getan hatte. Vor allem war es hundert mal besser als in einem elenden Bordell zu verrotten. "Umso größer die Stadt, desto mehr Geld kann ich in kurzer Zeit auftreiben. Selbst wenn das noch nicht reichen sollte, muss ich eben einen Teil meiner bisherigen Ersparnisse opfern." Alleine der Gedanke bereitete ihr Kopfschmerzen. Aber lieber plünderte sie einen Teil ihrer hart erarbeiteten Rücklagen als vorzeitig ins Reich der Toten zu wandern. Eine tote Neona konnte immerhin keine Zukunft für ihren Bruder uns sich aufbauen, richtig?
      Als er sein Schlafkoma in dem heruntergekommen Herrenhaus als wundervoll beschrieb, entglitt der jungen Frau ein kurzes Lachen. "Ich würde mich sogar weigern in dieser staubigen Bruchbude begraben zu werden, geschweige denn dort eine halbe Ewigkeit vor mich hinzuschlummern."
      Neona stockte kurz, als sie Silver beiläufig darüber informierte, dass er einfach sterben könnte um Verletzungen und Krankheiten zu überwinden. Also war es wahr: Er war nicht unsterblich im klassischen Sinne... Er erwachte nur einfach nach jedem Tod unversehrt wieder zum Leben... Das bedeutete allerdings auch, dass er sich tatsächlich verletzen konnte, ohne einfach wieder zu heilen. Er konnte krank werden... Und nun ja, gestern noch hatte er deutlichen Hunger gezeigt. Bedeutete das dann aber nicht auch, dass er es jedes einzelne Mal... spürte? Die Erkenntnis ließ die Junge Frau mit Entsetzen und einer seltsamen Form von Kummer zurück. Wie oft mochte der jung anmutende Untote vor ihr in der Vergangenheit wohl schon qualvoll dahingeschieden sein? Sie verbannte die düsteren Gedanken und Fragen mit einem Kopfschütteln aus ihren Gedanken und atmete einmal tief durch, bevor sie sich schnellen Schrittes wieder neben ihn schob. "Nur wenn nichts anderes bleibt. Mir ist es egal, ob du am Ende wieder zum Leben erwachst oder nicht, ich will mein Gewissen nicht damit belasten, theoretisch einen Menschen getötet zu haben." Welch eine Ironie, wenn man doch bedachte, dass das Ziel ihrer ganzen Reise war, ihren eigenen todbringenden Fluch auf diesen alten Untoten zu übertragen... Und trotzdem: selbst wenn es sein eigener Wille sein mochte, sie wollte nicht mehr Blut an den Fingern kleben haben, als unbedingt nötig.
    • Silverius 'Silver' Magnus

      Aufmerksam hörte der Untote den Ausführungen seiner Begleitung zu und konnte nicht anders, als eine Augenbraue zu heben. Ihm war bewusst, worauf Neona da anspielte, es war nicht besonders schwer zu erraten und er war weder zu dämlich noch zu unschuldig um es nicht zu erkennen, auch wenn er bereits seit Jahrhunderten nicht mehr eine Frau berührt oder auf diese Art und Weise angesehen hätte. Wieso auch? Es wäre nur eine Portion zusätzlicher Schmerz, die sich der Unsterbliche angetan hätte. Und darauf konnte er getrost verzichten. Wenn er andere Leute nicht mehr auf diese Art und Weise berühren konnte, dann hatte es auch keinen Sinn sein Interesse daran zu erhalten. Wenn er ehrlich war, wusste er nicht einmal ob sein kleiner Freund überhaupt noch funktionierte.
      „... ist das so? Diebin oder Prostituierte... andere Wege für eine Frau gibt es in diesem Land und dieser Zeit wohl nicht, was? Die Frage mag überflüssig sein, ist euch wohl nicht mal erlaubt Kräuter zu sammeln und ohne einen Mann zu verkaufen, was?“, kommentierte er und rieb sich dabei den Hinterkopf, in Gedanken an zahlreiche Kulturen und Länder die er in seinem Leben gesehen hatte versunken.
      Von Gesellschaften, die von Frauen dominiert wurden, bis hin zu einem kleinen Land, in dem eine Frau oder ein Mädchen nicht einmal ohne männliche Begleitung aus dem Haus gehen durfte... denn die Konsequenzen konnten fatal sein. Eigentlich interessierte es ihn auch nicht wirklich, wie die Stellung der Frau in diesem Land aussah, aber da seine Begleitung eine war, musste er sich wohl oder übel damit auseinandersetzen. Wie ätzend.
      „Ich glaube übrigens nicht, dass du als Prostituierte sonderlich beliebt wärst.“, konnte er sich diesen Kommentar jedoch nicht sparen und ließ kurzerhand schamlos seinen Blick über Neona gleiten, der nicht desinteressierter sein konnte, bevor er wieder nach vorne blickte.
      Wobei die Meinung eines Mannes, der aus dem letzten Jahrhundert – nein, noch viel früher – stammte, wohl kaum Gewicht hatte.
      „... wieso sagst du das so, als wärst du auf dich alleine gestellt?“, kam es Silver so vor, als würde Neona glauben, dass sie alleine dafür verantwortlich war ihr Reisegeld zusammen zu sammeln. Wofür hielt sie ihn? Einen Untoten der nichts anderes tat es den ganzen Tag zu schlafen? Zugegeben, damit hätte sie direkt ins Schwarze getroffen. Doch nun, wo ihm eine Aussicht auf den ewigen Schlaf gestellt wurde, würde er seine Zeit doch nicht damit verschwenden.
      „Ich bin auch noch da, zu zweit sollte es ja wohl schneller gehen das Geld zusammen zu haben, meinst du nicht? Also was auch immer du brauchst: einen Kollegen zum stehlen, oder einen Mann um an Arbeit zu kommen. Da uns jedoch kaum die Zeit bleibt, damit ich mich erst mal in dieses Jahrhundert eingewöhnen kann, wirst du mir wohl oder übel unter die Arme greifen müssen. Ich habe keine Ahnung, was die Münzen heutzutage wert sind oder welche Arbeit gebraucht wird. Früher habe ich einfach erst mal vor allem irgendwelche Kräuter und andere Dinge die man im Wald so finden kann auf irgendeinem Markt verkauft... braucht man eine Lizenz dafür? Ich hab wirklich keine Lust nochmal zu Tode geprügelt zu werden. Außerdem wird das wahrscheinlich nicht viel Geld einbringen... wie viel brauchen wir überhaupt?“, erinnerte er sie daran, dass sie diese Reise nicht alleine antrat und obwohl Silver es lieber wäre, wenn sie einfach ihre Ersparnisse plündern würde, damit sie schnell an ihrem Ziel ankamen, konnten sie sich keinen Streit leisten.
      Also würde er sich einfach an Neona anpassen und mal sehen, wie man sich in diesem Zeitalter bewegte und gab.
      „... darf ich als Mann überhaupt mit einer unverheirateten Frau reden?“, hob er fragend eine Augenbraue. Er glaubte keine Sekunde daran, dass die Rothaarige einen Ehemann haben könnte.
      Silver konnte nicht anders als zu Grinsen, als Neona von sich gab, dass sie sich weigern würde in seiner Bruchbude auch nur begraben zu werden.
      „Nun, als ich mich schlafen gelegt habe, sah das noch ganz anders aus.“, fügte er hinzu, konnte aber nicht anders als eine Augenbraue zu heben, da die Rothaarige offensichtlich kein großer Freund von seiner lebensmüden Art war.
      „... sag ich doch. Zu nett.“, kommentierte er mit einem amüsierten Schnauben. Wenn er an ihrer Stelle gestanden hätte, hätte er alles genutzt was ihm zur Verfügung stand, um sein Ziel zu erreichen. Vor allem einen dahergelaufenen Unsterblichen, der sowieso das selbe Ziel hatte wie sie und nicht sterben konnte und seinen Tod dann auch noch so freiwillig anbot! Vielleicht war er aber auch nur abgestumpft dem Tod gegenüber. Ob nun seinem eigenen oder dem anderer. Den an seinen Händen klebte sicherlich Blut.
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    • Neona

      Die Fragen, die er ihr stellte machten ihr mehr denn je deutlich, dass er nicht aus diesem Jahrhundert stammen konnte und die letzten Jahrzehnte komplett verschlafen hatte. Natürlich hatte sie das theoretisch auch vorher schon gewusst, aber nun mit seinem gnadenlosen Unwissen konfrontiert zu werden war dennoch ein kleiner Schock für die junge Frau.
      "Es ist nicht verboten", berichtete sie schließlich. "Aber gerne gesehen ist es dennoch nicht. Besonders dann nicht, wenn es sich um eine Waise ohne Patron oder Ehemann handelt. Eine Frau, die in diesem Land kein Geld, oder einen mächtigen und vor allem männlichen Unterstützer im Rücken hat, ist ein leichtes Ziel für jeden, der seine Spielchen mit ihr treiben will. Abgesehen davon, dass man mit Kräutern auf dem Markt nur einen kleinen Hungerlohn zusammensparen kann, wäre man also zudem noch eine optimale Zielscheibe für all die Schweine, die sich auf den Stadtstraßen herumtreiben." Wie oft hatte Neona schon beobachten müssen, wie junge Händlersfrauen direkt an ihren eigenen Ständen belästigt wurden? Zumeist waren die Täter selbst wohlhabende Händler oder niedere Adlige, die durch Geld und Titel genug Macht ihr Eigen nennen durften, um sich fast alles leisten zu können. Niemand getraute es sich, gegen diese Kerle vor zugehen, aus Furcht selbst zum Opfer zu werden. "Laut einem alten Bekannten von mir, soll das nicht immer so gewesen sein. Angeblich ist es Frauen schon seit knapp einem halben Jahrhundert erlaubt, selbst und ohne Erlaubnis eines Mannes zu arbeiten und dabei ihr eigenes Vermögen anzusparen. Auch heute ist dieses Gesetz noch in Kraft, allerdings..." Ihr Blick senkte sich auf den erdigen Pfad vor ihr. "Dem aktuellen Regenten scheint es egal zu sein, was mit den Frauen passiert, die auf den Straßen überfallen und beraubt werden. Früher soll es noch harte Strafen für solch ein Vergehen gegeben haben, heute wird es nicht einmal mehr beachtet." Eben deswegen waren wohl in den vergangenen Jahren immer und immer wieder Frauen verschwunden, nur um später in irgendeinem schäbigen Freudenhaus wieder aufzutauchen oder noch schlimmer, zurückgelassen in einer dunklen Gasse mit kalten und toten Augen.
      Sein bissiger Kommentar entlockte der jungen Diebin nur ein belustigtes Schnauben. "Findest du, ja? Leider hat es in der Vergangenheit schon den ein oder anderen gegeben, der da anderer Meinung war. Aber zumindest heißt das wohl, dass ich mir bei dir in diesem Punkt keine Sorgen machen muss, was?" Sie drehte sich zu ihm herum und schritt dabei rückwärts den Pfad entlang, um einmal überprüfend den eigenen Blick über sein Erscheinungsbild wandern zu lassen. Die braunen Augen zeigten einen rötlichen Schimmer im warmen Licht der Mittagssonne. Das lange Haar umrahmte ein jugendliches Gesicht, dass von der aufrechten und beinahe stattlichen Haltung des Untoten betrogen wurde. Seine ganze Ausstrahlung schien deutlich zu machen, dass sein Aussehen nichts mit seinem realen Alter gemeinsam hatte und umwob Silver mit einer mysteriösen Aura. "Es ist wirklich erstaunlich, dass sich die verstaubte Vogelscheuche von gestern in solch einen edlen Mann hat verwandeln können", kommentierte sie schließlich mit einem breiten Grinsen auf den Lippen. "Vielleicht hast du Recht. In gewissen Freudenhäusern könntest du deutlich mehr Anklang finden, als eine Kanalratte wie ich." Lachend drehte sie sich auf der Ferse und wendete sich wieder dem Weg vor ihnen zu. "Blöd nur, dass all deine Freier schon allein bei der Berührung jegliche Lebenskraft verlieren würden."
      Sie stockte kurz in ihrem eigenen Schritt, als er ihr verdeutlichte selbst hilfreich sein zu wollen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie wirklich nicht damit gerechnet, dass auch er Teil ihrer Geldbeschaffung werden konnte... Lag es daran, dass sie es seit jeher gewohnt war, allein für sich einstehen zu müssen? Seitdem sie das Waisenhaus hatte verlassen müssen, hatte es nur sie gegeben. Da war niemand gewesen, an den sie sich hätte wenden können. Niemand würde einem verdreckten kleinen Waisenmädchen helfen wollen, das in der Regel mehr Ärger als Nutzen mit sich brachte. Also hatte sie gelernt, wie man allein in dieser Welt überlebte. Es hatte Tage gegeben, in denen sie sich dabei nichts sehnlicher gewünscht hätte, als einen Kameraden an ihrer Seite, der zusammen mit ihr gegen die Ungerechtigkeit dieser Welt ankämpfte. Zwar hatte sie mit der Zeit den ein oder anderen "Freund" für sich gewinnen können, doch wenn es um das gute Geld ging war sich auch da stets jeder selbst der Nächste.
      Pures Erstaunen lag in ihren Augen, als sie die Bereitwilligkeit in seinen Worten verstand. Er wollte ihr wirklich mit allen Mitteln unter die Arme greifen... Natürlich wollte er das, immerhin lag auch seine "Zukunft" von ihrem gemeinsamen Erfolg ab und doch fühlte es sich seltsam an, solch einen zuverlässigen Kollegen an ihrer Seite zu wissen. "Ich..." Sie wusste nicht genau was sie sagen sollte und fuhr sich einmal nachdenklich durch das rot-braune Haar. "Na-natürlich kannst du mir helfen und natürlich werde ich dir alles erklären." Sie zwang sich dazu, den Blick abzuwenden. "Tatsächlich braucht man eine Marktlizenz, allerdings ist die leicht zu beschaffen. Dennoch werden uns ein paar lausige Kräuter nicht weit helfen können. Ich weiß nicht, wie viel solche Dinge vor ein paar Jahrzehnten wert gewesen sind, doch heute wird ein Großteil der üblichen Heilpflanzen in eigenen Gärten angepflanzt. Das heißt die meisten können sich selbst damit versorgen. Seltenere Kräuter werden zudem von erfahrenen Apothekern verarbeitet und in ihren Geschäften vertrieben. Selbst wenn du die gleichen Produkte für einen geringeren Preis anbieten solltest, würde niemand einem dahergelaufenen und unbekannten Händler Vertrauen schenken und lieber auf altbewehrte Quellen zurückgreifen." Das bedeutete, sie musste etwas anderes für ihren arbeitswilligen Begleiter finden. Nachdenklich platzierte sie Zeigefinger und Daumen gegen ihr Kinn. "Wie ist es eigentlich mit deiner Körperkraft bestellt?" Wieder einmal ließ sie ihren Blick prüfend über ihn wandern. Sie konnte nicht behaupten, dass er sonderlich muskulös erschien, aber als einen Schwächling würde sie ihn ebenso wenig bezeichnen. "Händler suchen fast in jeder Stadt nach einem willigen Packesel, der ihre Stände auf dem Markt auf- oder abbaut und ihre Waren von A nach B transportiert. Oh, und in der letzten Stadt in der ich war, hat man auch nach willigen Hilfskräften beim verstärken der Stadtmauern gesucht. Bestimmt gibt es auch irgendeinen Viehbesitzer, der jemanden benötigt, der seine Ställe reinigt. Theoretisch bietet sich alles an, was körperlich anstrengend ist." Starke Hände zum Anpacken schien es irgendwie nie genug zu geben, weswegen solche Dinge in der Regel auch ganz gut entlohnt wurden. "Sicherlich gibt es auch die ein oder andere Taverne, die einen Kerl wie dich unter die Kunden mischen wollen würde. Allerdings befürchte ich, dass das keine gute Idee wäre, da betrunkene Gäste oftmals keine körperlichen Grenzen kennen." Natürlich war auch der Job der Kellnerin etwas gewesen, dass Neona einmal ausprobiert hatte. Allerdings hatten man sie dort direkt schon am ersten Tag unangenehm bedrängt... Wäre es einer der Gäste gewesen, hätte sie es abschütteln können, doch ihr eigener Arbeitgeber? Sie war noch in der gleichen Nacht davongelaufen.
      "So lange wir ein Goldstück zusammenbekommen, sollten wir uns im Übrigen zwei vernünftige Pferde leisten können. Ein Goldstück ist im dabei siebzig Silberstücke wert, welche im Gegenzug zweihundert Taler wert sind. Ein Laib Brot auf dem Markt kostet in der Regel drei bis vier Taler", berichtete Neona, um ihm das grundlegende Geldsystem erläutern zu können.
      Sie lachte heiter auf, als er wissen wollte, ob er denn überhaupt mit ihr reden durfte. Dabei war seine Frage wahrscheinlich nicht unbegründet, schließlich war es in manchen Kreisen wirklich verpönt alleine mit einer unverheirateten Frau in Kontakt zu treten, zumindest solange ihr Vater nicht in der Nähe stand. Aber mit solchen herrschaftlichen und verkniffenen Persönlichkeiten hatte Neona so viel gemein, wie ein Schlachtross mit einem Ackergaul. "Keine Sorge, so lange du keinen adeligen Ruf zu verteidigen hast, interessiert es niemanden, mit wem du dich unterhältst oder nicht."
      Sie ignorierte seinen Kommentar darüber, dass sie zu nett sei. War es wirklich "nett", wenn sie sich selbst vor dem Anblick seines Todes schützen wollte? Vielleicht. Für sie hatte es aber vor allem etwas mit Selbstschutz zu tun. Immerhin hatte sie im Gegensatz zu manch anderen nicht verlernt Mitleid mit ihren Mitmenschen zu empfinden. Sie genoss es nicht, andere Menschen leiden zu sehen, besonders nicht, wenn es sich um Bekannte und Kameraden handelte. Sie wusste, dass sie darunter leiden würde, ihn sterben zu sehen, selbst wenn es nur von kurzer Dauer wäre. Und sie wollte nicht leiden, nicht mehr als sowieso schon. Wenn das seiner Definition von "nett" entsprach, dann sollte es ihr recht sein.
    • Silverius 'Silver' Magnus

      „Mhmmm... ist das so?“, kommentierte der Untot und rieb sich dabei den Hinterkopf, während er ihren Ausführungen lauschte. Er fragte sich, wieso sie sich dann nicht einfach einen Ehemann suchte, behielt diesen Kommentar aber dann lieber für sich. Was wusste er schon davon wie es war als Frau zu leben? Sicherlich hatte sie ihre Gründe und wenn er ehrlich war, wollte er diese nicht wissen. Er redete für seine Verhältnisse sowieso schon viel zu viel mit ihr, wobei Informationen zu sammeln ein wichtiger Teil war, wenn man in einem neuen Jahrhundert ohne jegliches Wissen erwachte. Wobei er nicht vorgehabt hatte jemals wieder die Augen aufzumachen, zumindest nicht freiwillig.
      Als sich Neona dann tatsächlich auf seinen bissigen Kommentar einließ, konnte er nicht anders als zu Grinsen. Die Vorstellung selber in einem Freudenhaus zu arbeiten, war nun wirklich lächerlich, selbst wenn er Frauen und Männer berühren könnte. Auch wenn er sich durchaus vorstellen konnte mit Beliebtheit zu glänzen.
      „Natürlich hast du bei mir nichts zu befürchten. Ich kann dich ja nicht mal-“, plötzlich blieb er mitten im Weg stehen und ihm fiel mitten im Satz mal wieder ein, dass er sie ja doch berührenkonnte. Es war so ungewohnt, dass er es fast schon vergessen hätte.
      Die Hände in den Hosentaschen vergraben blickte er dann letztendlich wieder vom Boden auf und betrachtete Neona aus zusammen gekniffenen Augen heraus, doch auch wenn er sie berühren konnte, konnte er sich nicht vorstellen jene gewisse Dinge mit ihr zu tun. Nicht weil sie in seinen Augen zu hässlich wäre oder ähnliches, er hatte eher das Gefühl, als hätte er diesen Teil seiner Selbst so lange unterdrückt, dass er abgestorben war. Viel mehr sehnte er sich nach den unschuldigen Berührungen die versehentlich geschahen, nach der einfachen Wärme einer anderen Person. Würde er es überhaupt überleben intimer mit einer anderen Person zu sein, oder einen Herzinfarkt erleiden, weil er es schlicht und einfach nicht mehr gewöhnt war? Würde er so viele Berührungen auf einmal, nachdem er Jahrhunderte auch nur auf das Streifen von Haut auf Haut hatte verzichten müssen, überhaupt aushalten können?
      „... sagen wir einfach, ich habe lange genug gelebt um einen gewissen Respekt gegenüber Frauen zu haben. Zumindest überfallen würde ich dich nicht.“, gab er mit einem Schnauben von sich und setzte sich wieder in Bewegung, mit Gedanken geplagt, von denen er niemals erwartet hätte jemals wieder nachhängen zu müssen, die er mit einem Kopfschütteln zu vertreiben versuchte.
      „... außerdem wartet am Ende dieser Reise nur der Tod auf mich.“, fügte er hinzu, deutlich machend, dass er nicht bereit war sich auf irgendetwas einzulassen, dass es ihm schwerer machen würde seinem Tod ins Auge zu blicken, oder Neona vertreiben könnte. Immerhin brauchte er sie.
      Dennoch konnte er nicht anders als seinen Blick auf ihre Hand zu richten, in Gedanken ob er es sich wohl leisten konnte, sie einfach zu ergreifen.

      „... meine Körperkraft? Die sollte mehr als ausreichen sein.“, gab er ihr mit einem Nicken zu verstehen. Auch wenn er nach seinem Jahrhundertschlaf abgemagert wirkte, war er zuversichtlich darin harte und körperlich anstrengende Arbeiten verrichten zu können. Immerhin war er trotz seines Alters ein junger Mann in der blühte seiner Zeit und das Wort Arbeit war ihm auch nicht fremd. Er konnte die Male, die er irgendwelche Sachen geschleppt hatte, kaum an den Fingern abzählen.
      „Packesel, Stände auf- und abbauen, Ställe misten...“, zählte der Untot e die Möglichkeiten an seinen Fingern ab, „Eine Taverne ist wirklich keine gute Idee. Die Leute wollen immer, dass man nett ist und lächelt.“, fügte er mit einem Nicken hinzu, als wäre das ein größeres Problem, als die Tatsache, dass betrunkene Gäste keine körperlichen Grenzen kannten.
      Er blickte von seinen Fingern auf, als sie ihm den Wert des Geldes erklärte und natürlich ist in den letzten Jahrzehnten alles teurer geworden.
      „... Goldstücke für Pferde? Zu meiner Zeit konnte man sich damit ein Haus bauen.“, gab er mit einem Schnaufen von sich wie ein alter Mann, der sich beschwerte dass alles teurer wurde. Wobei das nicht ganz stimmte, denn seine Zeit lag noch viel länger zurück. Er dachte eher an die Zeit vor seinem Schlaf.
      „Wie viel kann man für körperliche Arbeit verlangen?“, erkundigte er sich, da er weder Lust hatte sich übers Ohr hauen zu lassen und zu einem viel zu günstigeren Lohn zu arbeiten, noch so viel zu verlangen, dass er wie ein Verrückter dastehen würde.
      „Selbst wenn ich noch einen hätte, gäbe es wohl kaum etwas zu verteidigen.“, gab er mit einem amüsierten Grinsen von sich. Warum sollte ein Mann, der nur sterben wollte, wert auf einen Titel legen? Diese Zeiten waren schon lange vorbei.

      Die beiden brauchten den gesamten Tag und die halbe Nacht, um letztendlich an einer größeren Stadt anzukommen. Man konnte sehen, wie sich Silvers Körperhaltung versteifte, zumindest wirkte er nicht mehr so entspannt wie zuvor und vergrub die Hände tiefer in seinen Taschen, als hätte er jetzt schon Angst jemanden zu berühren. Es war nervig, wirklich.
      „... schlafen wir draußen?“, erkundigte er sich nicht weit entfernt von den Stadtmauern, sich fragend ob man mitten in der Nacht überhaupt noch ein Zimmer erhielt und ob Neona überhaupt das Geld dafür noch hatte.
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    • Neona

      Sie musterte ihn verwundert, als er seine eigenen Worte mitten im Satz unterbrach. Auch sie war stehen geblieben und musterte den Braunhaarigen fragend. Etwas im Ausdruck seiner Augen hatte sich verändert. Auch zuvor hatte er sie schon so seltsam abschätzig betrachtet, doch nun schienen neue Gedanken in seine Beobachtung mit einzufließen. Sie war sich nicht wirklich sicher, ob sie herausfinden wollte, was das genau für Gedanken war und presste daher stumm ihre Lippen zusammen. Hatte es etwas damit zu tun, dass er sie im Gegensatz zu anderen Lebewesen tatsächlich berühren konnte? Er spielte doch hoffentlich nicht mit dem Gedanken, sie...
      Noch bevor Neona weiter darüber nachdenken konnte, fand der Untote seine Stimme wieder. Erleichterung wusch über ihren eben noch angespannten Körper und ein schmales Lächeln legte sich auf ihre Lippen. "Gut zu hören, ansonsten wäre es mir nämlich egal gewesen, ob du unsterblich bist oder nicht. Solltest du irgendeinen Blödsinn versuchen, werde ich dich unter die Erde befördern", drohte sie mit einem heiteren Unterton, auch um ihre Unsicherheit von eben zu verbergen. Es war schon ein wahres Wunder, dass sie es in all den Jahren immer wieder erfolgreich geschafft hatte, den Angriffen diverser Männer zu entkommen. Tatsächlich war sie trotz allem sogar noch immer Jungfrau... Es war ein unsinniger Wunsch, sich die erste Nacht für einen zukünftigen Ehemann aufzusparen, der eventuell nie kommen würde. Aber zumindest in diesem Punkt würde sie wohl immer das kleine Mädchen von damals bleiben. Mal ganz davon abgesehen, dass es immer wieder zu Anklagen und Scheidungen gekommen ist, nur weil sich die Braut in der Hochzeitsnacht nicht als jungfräulich herausgestellt hatte. Neonas Pläne dazu waren auf jeden Fall in Stein gemeißelt: Erst wenn sie es endlich geschafft hatte genug Geld zusammenzusparen, um zusammen mit ihrem Bruder eine eigene Schmuckschmiede aufzubauen, wenn sie nicht mehr als gesetzlose Diebin durch die dunklen und dreckigen Gassen der Stadt huschen musste und wenn sie nicht mehr um ihr Leben bangen musste... Erst dann würde sie auch bereit sein, an die Gründung einer eigenen Familie zu denken. Bisher war sie allerdings noch auf niemanden gestoßen, mit dem diese Zukunftspläne erreichbar erschienen. All die Männer die in der Vergangenheit Interesse an ihr gezeigt hatte, hatten es nie ernst gemeint und es entweder nur auf ihr Diebesgut oder andere Gefälligkeiten abgesehen. Ihr war es egal, wie oft man sie als prüde und altmodisch bezeichnen würde, sie hatte ihre Würde schon zu oft in ihrem Leben verkauft, zumindest diesen kleinen Teil wollte sie daher noch für sich behalten.
      Der düstere Kommentar ihres Begleiters erinnerte auch Neona wieder daran, wie das Ende ihrer kleinen Reise aussehen sollte. Plötzlich fühlte es sich höhnisch an, dass sie eben noch behauptet hatte, ihn nicht sterben sehen zu wollen. Dabei würde er am Ende sein Leben für ihres Eintauschen. Selbst wenn das sein innigster Wunsch zu sein schien, fühlte es sich dennoch seltsam an, dass sie hier potenziell mit jemanden redete, der in wenigen Wochen nicht mehr unter den Lebenden weilen würde. "Du hast recht", meinte sie nach einiger Zeit des Schweigens mit gesenktem Haupt. Ihr Blick huschte automatisch zu dem dunklen Mal auf ihrer Hand. Sie wusste, dass es keinen Grund gab ein schlechtes Gewissen zu haben, er wollte es so und ihr eigener Tod war keine Option. Sie musste weiterleben. Sie musste sich um ihren Bruder kümmern... Hatte Silver doch recht gehabt? War sie zu nett? Machte sie sich deswegen so viele Gedanken über einen Untoten, der nur seinen eigenen Tod wünschte? Oder war es ihr eigener Egoismus, der sie plagte, weil sie jetzt schon wusste, dass sie diesen seltsamen Kerl nicht so einfach würde vergessen können?
      Sie schüttelte den Kopf. Diese Gedanken würden ihr nicht weiterhelfen. Das waren Probleme, mit denen sie sich später befassen könnte. Also fokussierte sie sich lieber auf die Dinge, die in ihrer Macht standen, wie das Beschaffen von genügend Geldern. "Ein ganzes Haus?!", spuckte sie ungläubig aus. "Mit nur einem Goldstück?!" Sie schüttelte fassungslos den Kopf. "Du musst in wahrlich schönen Zeiten gelebt haben." Entweder das, oder die Geldwährungen hatten sich seither so drastisch verändert... "Ein Goldstück für zwei Pferde ist im Übrigen nichts. In guten Ställen kostet ein Ross alleine schon bis zu fünf Goldstücke und Fohlen mit guten Genen werden auf dem Markt gerne mit 50 Silberstücken und mehr versteigert." Weswegen sich bei genau solchen Versteigerungen in der Regel vermögende Händler und Bürokraten herumtrieben, deren Taschen Neona schon unzählige Male erleichtert hatte. "Aber keine Sorge, wenn du dich als Packesel gut verkaufen kannst, sollten wir das Geld in wenigen Tagen zusammen haben. Besonders vermögende Händler entlohnen einen für gute Arbeit gerne mal mit 10 Silberstücken und mehr. Außerdem werde ich gleichzeitig in der Menge genug 'zusammensammeln' können, damit wir gemeinsam unseren Soll so schnell wie möglich erreichen." Wenn Silver sich als eine gute Arbeitskraft herausstellte und die Straßen mit genug greifbaren Geldbörsen gefüllt war, sollten sie in zwei bis drei Tagen am Ziel sein.

      Müdigkeit und Erschöpfung steckte in ihren Knochen, als sie nach einer langen Tag und Nachtwanderung schließlich durch die Straßen einer größeren Stadt wanderten. Trotz der späten Stunde tummelten sich tatsächlich noch einige Menschen unter den dämmrigen Laternenlichtern. Den Neuankömmlingen wurde dabei wenig Beachtung geschenkt. Einer von viele Gründen, aus denen sich Neona Großstädte als Hauptziel ihrer diebischen Streifzüge ausgesucht hatte: Wenn niemand Interesse und Zeit für dich hatte, würde sich auch niemand dein Gesicht merken.
      "Ich sollte noch genug Taler für eine Nacht in einem Gasthaus zusammenkratzen können", antwortete sie auf seine Frage und bedeutete ihm mit einem Nicken ihm zu folgen. "Es ist nicht gerade der schönste Ort um zu nächtigen, aber der Besitzer verlangt vernünftige Preise und die Betten sind zumindest nicht so hart wie der Waldboden", berichtete sie kurze Zeit später als sie vor einem kleinen Gasthaus am Ende einer ruhigen Gasse halt machten. Der Name "Spucktopf" prangte über der Eingangstür und leider passte er zum Geruch, der ihnen entgegenschlug, kaum dass Neona die Tür aufstieß. "Natürlich müssen wir hier nicht nächtigen. Wenn es dir lieber ist, können wir auch eine weitere Nacht vor den Stadtmauern verbringen."
      Trotz der späten Stunde war der Tavernenbereich des Gasthauses noch gut gefüllt. Fast jeder hölzerne Rundtisch war besetzt und auch der Tresen am anderen Ende des Raumes war gut besucht. Über den Gestank von Schweiß, Dreck und Bier konnte sie langsam auch de Geruch von gerösteten Fleisch, frischem Brot und warmer Suppe erschnüffeln. Prompt meldete sich ihr Magen und erinnerte sie daran, dass sie während der ganzen Wanderung hierher nur etwas Brot und Trockenfleisch zwischen die Zähne bekommen hatte. "Egal wie deine Entscheidung auch ausfallen soll, vorher brauche ich dringend etwas zu essen."
    • Silverius 'Silver' Magnus

      „... bitte nicht. Das ausgraben ist lästig.“, gab der Untote mit einem Gesichtsausdruck von sich, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen und der deutlich machte, dass ihm das mindestens schon einmal passiert war. Was nicht so überraschend sein sollte, wie es klang, denn was machte man gewöhnlich mit Toten? Man vergrub sie. Wer hätte auch damit ahnen können, dass ausgerechnet diese Leiche wieder zum Leben erwachte? Silver hatte nicht nur einmal das Pech gehabt nicht wieder die Augen zu öffnen, bevor ihm hatte ein Grab geschaufelt werden können.
      Er glaubte den Geschmack von Erde noch immer in seinem Mund spüren zu können.

      „... also warst du schon mal hier.“, stellte Silver fest, dass dies wohl keine fremde Stadt für die Diebin war und folgte ihr gewissenhaft, während er seinen Blick über die Gassen, Straßen und Bauten schweifen ließ. Sie wirkten nicht viel anders als noch vor hundert Jahren, am Baustiel schien sich nicht viel geändert zu haben, so dass sich der Unsterbliche nicht vollkommen falsch am Platz fühlen musste. Ob er schon einmal hier war, konnte er jedoch nicht sagen und wenn er ehrlich war, war es ihm auch egal.
      Irgendwann sahen alle Städte sowieso gleich aus.
      Als die Tür zum Spucktopf– grausiger Name, aber er schien zu passen – auf ging und ihm dieser schreckliche Geruch entgegen schwappte, zog der Braunschopf die Nase Kraus. Aber wahrscheinlich roch es hier besser, als er nach hundert Jahren Schlaf.
      „... nicht nötig. Bleiben wir hier.“, schien auch er dem Gedanken nach einem Bett nicht abgeneigt zu sein und er hoffte, dass das Essen hier besser schmeckte als es in diesem Gasthaus roch. Viel Hoffnung hatte er jedoch nicht, als er Neona sachte – als hätte er Angst ihr weh zu tun und auch hatte er zunächst einen Moment gezögert, bevor er ihr überhaupt die Hand auf den Rücken gelegt hatte – hinein schob und sich auf dem erst besten Tisch in einer Ecke gemütlich machte, die Beine übereinander geschlagen, als wäre er hier Zuhause.
      Silver ließ einmal seinen Blick über den Schankraum gleiten und war sich ziemlich sicher, dass Neona hier nicht der einzige Dieb war.
      „... na ihr Hübschen, so saubere Gesichter sieht man hier nicht oft. Was kann ich euch bringen?“, gesellte sich kurze Zeit später eine breit grinsende Kellnerin zu den Beiden.
      Der Blick des Untoten glitt automatisch zu dem großen Fleck auf ihrer Schürze, bevor er mit desinteressiertem Blick wieder aufblickte.
      „... etwas warmes zu Essen für Zwei und ein Krug Bier.“, zögerte er nicht, auch wenn er sich vorstellen konnte, dass der Alkohol hier nicht besonders gut war. Aber immernoch besser als nichts, nicht wahr?
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    • Neona

      "Natürlich war ich schon einmal hier", versicherte die junge Frau nickend. Genau genommen war sie so gut wie in jeder Stadt im Umkreis von ein paar Meilen schon gewesen. Während einiger ihrer Kollegen es präferierten immer in den gleichen Straßen unterwegs zu sein, in denen sie sich auskannten, versuchte der Rotschopf stattdessen immer den vollsten Taschen von Stadt zu Stadt zu folgen. Vermögende Händler hielten sich immerhin auch nie lange in einer Stadt auf, warum sollte Neona das also tun? Klar, es mochte riskant sein, sich immer wieder in die "Jagdgebiete" anderer Diebeskollegen vorzuwagen, aber ohne Risiko hätte sie sich auch nie solch ein "Vermögen" zusammensparen können, dass sie mittlerweile ihr Eigen nennen durfte.
      Sie war dankbar darüber, dass Silver scheinbar einverstanden damit war, im Gasthaus zu übernachten. Sie mochte es zwar gewohnt sein, Nacht für Nacht im Freiem zu schlafen, aber nach den letzten Stunden war sie so erschöpft, dass jede Faser ihres Körpers nach einem "vernünftigen" Bett verlangte. Doch zuerst musste dringend dieses schmerzhafte Loch, das einst ihr Magen gewesen war, gefüllt werden. Eigentlich hätte er sie gar nicht in den Raum schieben müssen, schließlich wollte sie ebenso gerade einen freien Tisch suchen, gleichzeitig zuckte die junge Frau bei der plötzlichen Berührung kurz etwas zusammen. Dabei schien er unfassbar sanft zu sein, als hätte er Angst, sie zu zerbrechen... Zugleich sollte sie sich wohl auch nicht wundern, nachdem der Untote schon unzählige Lebewesen bei seiner Berührung zu Staub zerfallen gesehen haben musste.
      Wenig später schenkte sie ihm einen belustigten Seitenblick, als er sich in dem Raum platzierte, als wäre er der Herr der Gasse. Sollte die Anwesenheit dutzender fremder Menschen ihn beunruhigen, dann ließ er sich diesen Umstand auf jeden Fall nicht anmerken. Gut so. Neona konnte gut auf einen auffällig nervösen Begleiter verzichten. Besonders nicht, da seit ihrem Auftauchen schon diverse neugierige Augenpaare auf den beiden lagen. Die Rothaarige war sich sicher, das ein oder andere Gesicht schon in anderen Hintergassen getroffen zu haben, weswegen man eventuell auch sie wiedererkennen würde. In der Regel ließen Diebe allerdings die Finger von einander. Jemand der wusste, wie man einem anderen Menschen das Geld aus der Tasche zog, wusste umso besser, wie man die eigene Beute vor anderen Langfingern zu verbergen hatte. Deutlich häufiger kam es allerdings zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, vor allem wenn ein Straßenräuber unerlaubt im "Jagdgebiet" eines anderen sein Unwesen trieb. Über die Jahre hatte Neona nicht selten auf die harte Weise lernen müssen, welche Gassen und Straßen sie zu meiden hatte und in welchen sie aktiv werden durfte. Nachdem sie in dieser Stadt schon mehrere Male ein- und ausgewandert war, sollte es daher kein Problem sein, an den richtigen Stellen die richtigen Taschen zu leeren.
      "Ich nehme auch ein Bier", fügte sie an, nachdem Silver seine Bestellung bei dem heiteren Gasthauspersonal abgegeben hatte. Kannte sie die Kellnerin eigentlich schon? Sie musste neu sein... Wie lange war es her, seitdem sie das letzte Mal hier eingekehrt war? Ein halbes Jahr? Länger? Nun, abgesehen von der Kellnerin schien sich nicht sonderlich viel getan zu haben. Geruch, Besitzer und sogar die Stammkundschaft schienen immer noch unverändert. Hoffentlich traf das auch auf das herzhafte Essen zu.
      Wenige Minuten später donnerten auch schon zwei randvolle Bierkrüge vor ihnen auf den Holztisch. "Hier, meine Hübschen. Das Essen dauert noch etwas."
      Neona nickte verstehend und griff nach dem hellen Gerstensaft, dessen bitterer Geschmack bereits Sekunden später ihre trockenen Lippen benetzte. Zwei, drei Schlucke später stellte sie das Gebräu zufrieden wieder auf dem Tisch ab und wischte sich den Schaumbart aus dem Gesicht. "Wir bräuchten nach dem Essen auch jeweils einen Raum für die Nacht", verkündete die Diebin an die Kellnerin gerichtet.
      Die nickte verstehend. "Dreißig Taler pro Person."
      "W-Wie bitte?! Seit wann ist es so teuer geworden?!" Empörung und Schock steckten in der hellen Stimme der jungen Frau, die den bitteren Geschmack des Bieres in ihrer Kehle direkt etwas weniger zu genießen vermochte.
      Die Kellnerin zuckte nur ungerührt mit den Schultern. "Wenn ihr euch den Raum nicht leisen könnt, wir haben genug andere Gäste, die sich über ein gemütliches Bett für die Nacht freuen würden."
      Verdammt! Das Weib wäre nicht für Verhandlungen bereit... Dabei hatte ein Raum bei ihrem letzten Besuch gerade einmal die Hälfte gekostet. Sollte die Nachfrage so gestiegen sein? Neona zweifelte jedenfalls stark daran, dass die Betten weicher geworden waren. Frustriert biss sie die Zähne zusammen und ließ ihren Blick kurz zu Silver gleiten. "Gibt es auch einen Raum mit zwei Betten?" Sie hatte ihn nicht nach seinem Einverständnis gefragt, aber wenn er ablehnte, könnten sie sich immer noch für den freien Himmel entscheiden.
      "Vierzig Taler."
      Was für ein Wucher. Aber blieb ihnen groß eine Wahl? Noch reichten die kläglichen Reste in ihrem Geldbeutel, doch wenn sie ab morgen nicht bald etwas Geld zusammen bekamen, steckten sie in Schwierigkeiten. Sie unterdrückte ein Seufzen. "Wir überlegen es uns."
      Die Kellnerin zuckte mit den Schultern und entfernte sich erneut vom Tisch. "Ist es für dich in Ordnung, wenn wir uns einen Raum teilen?" Neona selbst sah darin wirklich keine Probleme. Sie mochte dem Kerl noch nicht sonderlich gut vertrauen, aber das tat sie sowieso bei kaum jemanden. Entsprechend hatte sie gelernt auf der Hut zu sein, sogar im Schlaf. Sie wollte allerdings nicht über den Kopf des Braunhaarigen entscheiden, schließlich könnte es ihm unangenehm sein mit einer halb Fremden eine Nacht lang in einem Zimmer verbringen zu müssen. "Leider reicht unser Geld nicht mehr für zwei Einzelzimmer. Aber wir können natürlich immer noch draußen schlafen, wenn dir das lieber ist."

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    • Silverius 'Silver' Magnus

      Tatsächlich hatte Silver sie nicht in den vollen Schankraum geschoben, weil er sich einfach endlich hinsetzten und etwas essen wollte, nein, viel mehr hatte er den plötzlichen Impuls gespürt sie berühren zu wollen, jemanden berühren zu wollen, nun da er es endlich nach Jahrhunderten der Einsamkeit hatte tun können.
      Es war eigenartig, geradezu unwirklich, selbst bei einer so gewöhnlichen Geste, eine Berührung die er kaum spüren konnte und er fühlte sich fast schon, als würde er träumen.
      „... ich habe nichts dagegen, wenn wir uns ein Zimmer teilen.“, ließ der Unsterbliche Neona nach einer Weile der Stille wissen, in der er gründlich darüber nachgedacht hatte. Unter normalen Umständen wäre es ihm natürlich unangenehm gewesen, selbst als er gezwungen war sich ein Zimmer mit anderen zu teilen – was nicht gerade selten passiert war – hatte er sich in die hinterste Ecke verschanzt, klar gemacht, dass er nicht gestört werden wollte und von Kopf bis Fuß eingewickelt in einer Decke geschlafen, so fest dass er sich sicher sein konnte, dass man ihn nicht ohne jegliche Anstrengung wieder auspacken konnte.
      Selbstverständlich mit jedem Stück an Kleidung an seinem Körper, dass er besaß.
      Was in den Augen anderer ihn einfach nur wie einen Verrückten aussehen ließ, war tatsächlich zum Schutz anderer gedacht gewesen. Okay, vielleicht hatte er sich auch ein Stück weit selber damit schützen wollen, immerhin hätte es ihm große Probleme gemacht jemanden durch eine Berührung zu Staub vergehen zu lassen, vor allem unter einer Gruppe von Zeugen.
      Bei dem Gedanken lief ihm ein Schauer über den Rücken. Es war nie eine gute Idee andere auf sich aufmerksam zu machen.
      Aber dieses Mal würde er sich wohl nicht in eine Mumie verwandeln müssen. Einerseits bezweifelte er stark, dass Neona ihn beim schlafen stören würde, andererseits war sie ja offensichtlich vor seiner tödlichen Berührung geschützt.
      Über den Rand seines Kruges hinweg warf er ihr einen Blick zu, den Wunsch unterdrückend sie noch einmal zu berühren, ohne Handschuhe, wenn auch nur um sicher zu gehen, dass er diesen Umstand tatsächlich nicht geträumt hatte.
      „... kann ich kurz deine Hand halten?“, fragte er dann letztendlich und starrte sie mit diesem leeren Blick an.
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    • Neona

      Sie atmete erleichtert auf, als der Braunhaarige ihrem Vorhaben mit dem geteilten Schlafzimmer zustimmte. "Sehr gut", verkündete sie zufrieden und mit einem feinen aber glücklichen Lächeln auf den Lippen. Sie durfte sich also wirklich wieder auf ein Bett freuen! Über ein Dach über dem Kopf. Eine Decke die sie vollständig bedeckte. Hauswände, die den kalten Nachtwind von ihr fernhalten würden. Luxus pur! Wäre da nicht der endlose Hunger in ihrer Magengrube, wäre sie wahrscheinlich umgehend ins Zimmer gestürmt, um sich glücklich kichernd ins weiche Kissen sinken zu lassen. Es mochte knapp eine Woche vergangen sein, seitdem sie das letzte Mal in einem Bett geschlafen hatte. Nachdem sie sich bei dieser Hellseherin den Rat geholt hatte, nach dem Untoten zu suchen, war sie umgehend aufgebrochen. Um eventuelle Verfolger abzuschütteln, hatte sie sich dabei überwiegend durch diverse Wälder geschlichen und sich von den meisten Städten fern gehalten, entsprechend waren ihre Unterkünfte ziemlich erdig ausgefallen. Würden sie nicht das Geld brauchen, würde die vorsichtige Diebin diese Strategie wahrscheinlich auch weiterhin bevorzugen. Wenn sie nun aber schon einmal hier waren, sollten sie auch all die Vorzüge genießen, die eine vernünftige Unterkunft mit sich brachte.
      Zufrieden hob sie den Humpen Bier ein weiteres Mal an ihre durstigen Lippen und verschluckte sich einen Moment später hustend am kühlen Getränk. Was hatte er da gerade gesagt?! Hustend stellte sie den Krug zurück auf dem Tisch und stierte ihren Sitznachbarn ungläubig an. "W-wie bitte?", fragte sie ihn etwas außer Atem, nachdem ihr kleiner Hustenanfall endlich sein Ende gefunden hatte. "Du... willst meine hand Hand halten, war-" Sie unterbrach sich selbst mitten im Wort und rieb sich kopfschüttelnd die Handfläche übers Gesicht. Schon als sie sich begegnet waren, als er verstanden hatte, dass sie unter seiner Berührung nicht zu Staub zerfiel... Es war deutlich gewesen, wie sehr Silver die Berührung eines Menschen über all diese langen Jahre seines Lebens vermisst haben. Ihr lief immer noch ein Schauer über den Rücken, wenn sie sich daran erinnerte, wie er nach ihrer ersten Begegnung beinahe begierig ihre Hand gegen seine eigene Wange gedrückt hatte. Ob er sich schon den ganzen Weg über zurück gehalten hatte? Aber warum schien seine Geduld gerade jetzt ihr Ende gefunden zu haben? Warum gerade hier? Ihr Blick wanderte durch den Schankraum und wie erwartetet begegnete sie dem ein oder anderen Augenpaar, das immer wieder kurz neugierig in ihre Richtung lugte.
      "Nicht hier..." Sie schüttelte leicht den Kopf. "Wir erregen so schon zu viel Aufmerksamkeit für meinen Geschmack. Aber später im Zimmer." Wenn sie ehrlich war, fühlte es sich seltsam an, ihn überhaupt zu gestatten ihre Hand zu halten. Gleichzeitig wollte sie ihn auch nicht vor den Kopf stoßen und ihn gänzlich ablehnen. Immerhin wusste sie, dass er sein Gründe hatte und keine seltsamen Hintergedanken verfolgte... Wie würde sie sich wohl verhalten, wenn es ihr für Jahrzehnte, nein Jahrhunderte unmöglich gemacht wurde, mit anderen Lebewesen in Berührung zu kommen? Wahrscheinlich sollte sie Silver dafür dankbar sein, dass er sich bisher in ihrer Gegenwart so gut hatte zusammenreißen können. "Kannst du so lange noch warten?"