My Girlfriend is a Boy [Nao & Dark.Wing]

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    • Noel winkte bei Jayden’s Worten schnell ab. „Mach dir keine Gedanken. Ich bin auch echt fertig.“ lachte er auf, so als ob es nicht offensichtlich war wie erschöpft der junge Mann eigentlich aussah. Allein die tiefen Augenringe sprachen bände und sagten wohl alles.

      „Mona hat das genau zwei mal versucht. Bei dem ersten Mal waren wir…Weiß ich nicht…Sechzehn oder siebzehn. Sie hat mich auf den Geburtstag von irgendwen mitgeschleppt und war dann der Meinung sich irgendwann auf einen Schoß setzten zu müssen und mich zu küssen.“ bei der Erinnerung, die gerade sein Gedächtnis flutete, breitete sich eine Gänsehaut auf Noels Armen aus und stellte die kleinen, feinen, zum Teil mit Farbe und MakeUp bedeckten Härchen auf. „Ich war so perplex dass ich einfach nur da saß und sie erstmal machen gelassen habe, irgendwann habe ich sie dann von mir weg gedrückt, ihr ganz tief in die Augen geschaut und gemeint ‚jetzt weiß ich, dass ich definitiv nicht auf Frauen stehe‘…sie hat daraufhin die ganze Nacht nur noch geweint und wir mussten ihren Vater anrufen damit er sie abholt.“ Noel machte eine kurze Pause…das war definitiv nicht sein stolzester Moment in dieser Freundschaft.

      „Das zweite Mal war, glaube ich, die erste Studentenparty auf die sie mich mitgenommen hatte…ich weiß gar nicht mehr was mich dazu geritten hat, wahrscheinlich hat sie mich mit irgendwas bestochen. Auf jeden Fall hat sie sich irgendeinen Typen angelacht und ich saß alleine an der Bar, bis dieser unfassbar heiße Typ zu mir kam und mir Drinks ausgegeben hat. Irgendwas ist dann passiert und sie…naja du kannst es dir ja denken. Der Typ hat mich dann total perplex angeguckt und nur gemeint, ich hätte ihm doch bitte bevor er meine Drinks bezahlt hat, sagen sollen dass ich eine Freundin habe. Dann ist er abgehauen. Ich habe Mona auf dem nachhause weg dann zusammen geschissen. Ich meine da schleppt sie mich schon mit und versaut es mir dann auch noch wenn ich mir wen suche…aber so ist sie nun mal…“ murmelte der Franzose schulterzuckend.

      Nach seiner Ausführung schwieg er eine Weile. Hing in den gerade ausgesprochenen Gedanken und seufzte dann, bevor er noch einen tiefen Schluck aus seinem Glas nahm. Jay hatte es wirklich gut gemeint mit den Verhältnis. Er merkte sofort wie der brennende Alkohol seine Kehle runterfloss und sich warm und angenehm in seinem Körper verteilte.

      „Weist du was ich interessant finde? Dass jemand wie du, der so viel Selbstbewusstsein hat und so viel von sich hält, gleichzeitig so wenig von sich hält. Bei unserem ersten Treffen hast du fast getrieft vor Selbstüberzeugung und jetzt…mhm.“ die blauen Augen zogen sich über Jayden’s Gesicht. Versuchten irgendeine bestimmte Regung zu suchen, sie zu analysieren, herauszufinden was, das zwischen ihnen war.

      „Ich glaube ich bin schlicht und einfach viel zu fertig und aktiv Menschen zu hassen. Der Tag war echt anstrengend…die ganze Woche war echt anstrengend.“ er lachte leise auf. „Das kannst du auch eigentlich keinem erzählen. Ich habe einfach keine Energie mehr um Menschen zu hasse.“ schmunzelte er.
    • Jay konnte nur lachen, als Noel seine kleinen Geschichten erzählte. Es musste ein ziemlich wilder Trip sein, Mona als Freundin zu haben. Bei der ersten Story kam in ihm allerdings ein Gedanke auf, den er sich einfach nicht traute auszusprechen. Woher wusstest du überhaupt, dass du auf Männer stehst?

      Jay konnte es nicht nachvollziehen. Ihm war es aber auch nie passiert, dass sich jemand auf seinen Schoß geschmissen und ihn gezwungen hätte, sich mit seiner Sexualität auseinanderzusetzen. Er wurde noch nie damit konfrontiert und hatte es tatsächlich geschafft, 24 Jahre lang keinen Gedanken daran zu verschwenden. Zwischen all den Dates mit Frauen hatte er noch nicht einmal die Zeit dafür. Es war schwer, sich auch nur vorzustellen, dass sich daran etwas geändert haben könnte. Er war sein Leben gewohnt, wie es war. Er hatte nichts dagegen einzuwenden und er wollte wirklich nicht, dass sich irgendetwas veränderte.

      Also sagte er nichts. Er wollte garnicht so genau wissen, woran man so eine Einleuchtung festmachte. Selbst, wenn er Noel attraktiv fand — offenbar auf eine sehr subjektive Art, da er mit ihm geschlafen hatte — hieß das absolut nicht, dass das noch für irgendwelche anderen Kerle galt. Auch, wenn er im Nachhinein zugeben musste, dass ihn an der Nacht rein garnichts abgeschreckt hatte. Das war vielleicht einer der Gründe, weshalb er sich den Kopf so sehr zerbrach. Wenn er zumindest gezögert hätte… Stattdessen war ihm das alles erschreckend leicht gefallen. Das konnte er doch keinem erzählen. Dieses Wissen war noch schlimmer, als der One Night Stand an sich. Und dass er sich jetzt auch noch nüchtern von Noel einschüchtern ließ, brachte den Topf zum überlaufen.

      „Ich halte nicht wenig von mir selbst“, widersprach Jay, wie ein stures Kind, das überzeugt an der einzig richtigen Meinung festhielt; seiner eigenen. „Ich hatte nur eine anstrengende Woche, also sind wir wohl im selben Club“ Nur, dass sich seine Woche arbeitstechnisch garnicht so sehr von allen anderen Wochen unterschieden hatte. Er war mit dem Kopf einfach in den Wolken.
      Irgendetwas in Jay drängte ihn ein wenig, offen mit Noel zu sein, aber er hielt es angestrengt in sich verschlossen. Fast schon, um sich selbst zu verstecken, lenkte er seine Energie auf Noel: „Dann solltest du vielleicht einfach mehr arbeiten. Erschöpft bist du viel erträglicher“ Er grinste leicht. Heute kamen nichts als Lügen aus seinem Mund heraus. Jay hatte garnichts gegen Noels schroffe Art, sowas hielt er schon aus. Und das hier… machte es sehr viel schwerer, seinen Abstand zu bewahren.
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    • Noel lachte auf. „Letzte Woche hat dich meine Laune noch nicht abgeschreckt.“ grinste er wissen und schimpfte sich prompt in Gedanken aus. Eigentlich Woche er die besagte Halloweennacht doch gar nicht angesprochen haben. „Ich werde dich wohl leider enttäuschen müssen, falls ich nicht wieder von irgendwen zu irgendeiner Party gezwungen werden, bin ich echt gut im Zeitplan. Im besten falle habe ich sogar die Wochenenden weitestgehend frei.“ wechselte er schnell das Thema. Weitestgehend…er würde sicher ein neues Projekt finden mit dem er sich wieder viel zu viel unnötigen Stress machte, aber zum Glück hatte er die nächsten zwei Wochenenden keine geplanten Fixtermine, was nach den letzten Wochen schon echt eine Erleichterung war. So viel wie er in den letzten Wochen gearbeitet hatte, hatte er ganz schön lange nicht mehr gemacht.

      „anstrengende Woche und dann hast du es gleich auch noch mit Mona und Cyrus zu tun? Du tust mir echt leid. Mona kann…sagen wir mal echt laut werden…“ murmelte er etwas leiser werdend, musste ja nicht unbedingt jeder mitbekommen wie laut seine beste Freundin im Bett war…

      „Ich habe eine echt bequeme Couch…falls du einen Ausweichplan brauchst.“ bot Noel an. Hatte er Jayden gerade wirklich angeboten in seiner Wohnung zu schlafen? Es schien ihm heute wirklich nicht sonderlich gut zu gehen, anders konnte er seine Gedankengänge echt nicht erklären. Klar, er fand Jayden attraktiv, aber das war’s auch schon. Zum einen war der Student hetero und pochte bei gefühlt jedem Gespräch (die zwei die sie bis jetzt hatten) darauf und zum anderen…ja was eigentlich? Noel war sich da auch nicht so ganz sicher und trotzdem änderte das nichts an der Tatsache, dass der Gedanke und das Angebot komplett hirnrissig war.
    • Jayden versuchte bestmöglich Noels Anspielung auf Halloween zu ignorieren. Er lächelte kurz und wandte den Blick wieder seinem Getränk zu. Offensichtlich hatte er Noel völlig falsch eingeschätzt und das wurde ihm jetzt zum Verhängnis. Er war sich sicher gewesen, dass der Ältere ihn sowieso nie wieder sehen wollte, geschweige denn mit ihm reden oder flirten. Aber er hatte sich geirrt. Und es war ein wenig unangenehm.

      Wieder kam Jay nicht umhin, sich zu fragen, was Noel beruflich machte. Irgendetwas mit Farbe, jedenfalls. Und im Theater? Er war bestimmt Bühnen- oder Maskenbildner oder so etwas. So stressig konnte das doch garnicht sein, oder? Was war denn so furchtbar daran, Gegenstände oder Menschen anzumalen?
      „Wenigstens musst du bis nächsten Monat keine vollständige futuristische Stadt aus Holz, Karton und Styropor aus dem Ärmel schütteln“, bemitleidete er sich selbst.
      Dass er sich sein Projekt selbst ausgesucht hatte, ließ er schön aus. Er hatte ja auch noch ziemlich viel Zeit aber das war schließlich nicht, wie ein Regal von Ikea zusammenzubauen oder irgendein Lego-Konstrukt nach Anleitung. Die Anleitung durfte er sich selbst ausdenken und dann sollte im besten Fall auch ein Modell dabei rauskommen, dass physikalisch realistisch zu bauen war. Warum hatte er sich das Studium nochmal ausgesucht? Auf manche Module konnte er wirklich verzichten. Sein einziges Ziel war eigentlich Landschaftsarchitekt zu werden, dafür musste man selten genug Häuser entwerfen, dass er mittlerweile durchaus genug Übung hatte.

      Als Noel ihm mehr Details über Mona gab, als Jay brauchen konnte, entwich ihm nur ein extrem frustriertes: „Oh Mann…“ und er ließ die Stirn wieder in seine Handfläche sinken. Es war schon schlimm genug, immer das Bett um sein Leben schreien zu hören, aber dann auch noch Mona?

      Glücklicherweise wurde ihm gleich eine Alternative angeboten. Jay hob den Kopf und blinzelte Noel perplex an. Es gab absolut keinen Grund dafür, dass er in seiner Wohnung unterkommen sollte. Logischer wäre es noch, auf Eliot und Cals Couch zu übernachten. Aber bei Noel? Warum bot er ihm das überhaupt an? Dachte er ernsthaft, dass zwischen ihnen nochmal was laufen würde?
      „Das ist echt… nett, aber wie du siehst, hab ich nur eine Rum Cola intus und keine 20 verschiedenen Mischgesöffe“, erwiderte er, immernoch völlig ungläubig über das Angebot. Er hoffte, dass Noel ihn verstand, ohne dass er ihn direkt abweisen musste. Egal, welche Gefühle ihn gerade ab und an wellenartig überollten, er würde definitiv nicht nochmal mit einem Mann ins Bett steigen. Einmal war ja noch irgendwie vertretbar. Sowas passierte. Vielleicht. Aber zwei Mal? Nein. Lieber schlief er auf der Straße.
      Dass er morgen einiges an Arbeit zu erledigen und ein wenig Schlaf nötig hatte, war eben dumm gelaufen. Er würde sich schon irgendwie mit Ohrstöpseln zurecht finden.
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    • Noel hörte Jayden aufmerksam zu, als er sich über sein Projekt beschwerte und lachte dann leise bei Beendigung auf. „Ouh ja, kann ich verstehen. Du hast es definitiv schlechter.“ lachte er in einem sarkastischen Ton, welcher jedoch trotz des Untertons noch irgendwie sympathisch klang. Wenn man ihr Gespräch heute und ihr Gespräch an Halloween vergleichen würde, wäre das schon fast eine 180 Gradwende. Ob das wirklich nur daran lag, das Noel schlicht und ergreifend fertig und erschöpft war? Warum er gerade mit dem Studenten so offen und entspannt umging, konnte er sich beim besten Willen nicht erklären.

      Als Jayden sein Angebot etwas zurückhaltend ablehnte blinzelte Noel ihn zweimal etwas verwirrt an, bevor er wohl verstand wie die Worte gewirkt haben mussten. „Oh Gott, sorry. So…also…“ stockte er ein wenig. „Ich wollte dich damit nicht in mein Bett locken, falls du das denkst. Es war wirklich nur…nett gemeint. Wie gesagt…“ er unterbrach sich ein weiteres mal. Was wollte er eigentlich noch sagen? Er hatte doch alles gesagt: es war nicht so gemeint wie es geklungen hatte und er wollte Jayden definitiv nicht mit einem billigen Spruch in sein Bett locken, also was wollte er noch hinten dran hängen? Er wusste es nicht.

      Vielleicht sollte er einfach gehen. Jaydens Schicksal war schließlich nicht sein Problem und er sollte es auch nicht zu seinem machen, vor allem nicht nach der sehr ungalanten Ansage des Studenten an Halloween. Eigentlich wusste Noel nicht mal, was so richtig mit ihm los war. Normalerweise war er doch sonst nicht so drauf. Suchte Gespräche, flirtete oder lud gar jemanden zu sich nachhause ein. Vielleicht war es auch einfach eine unbewusste Reaktion seines Körpers, der die sexuelle Spannung mit irgendwas verwechselte, immerhin war Jayden nach Monaten die erste Person mit der er geschlafen hatte…aber konnte sowas passieren? Auch wenn Noel weder Ahnung von Medizin noch von der menschlichen Psyche hatte, war er sich eigentlich echt sicher, dass das nicht so wirklich logisch klang.
    • Kurz bezweifelte Jayden, dass Noel das ernst meinte und betrachtete seine Worte eher als peinlich berührten Rückzieher, aber eigentlich hörten sie sich recht ehrlich an. Jay musste wahnsinnig sein, dass er ihm wirklich glaubte und nun doch überlegte, sein Angebot anzunehmen.
      Er wartete geduldig, dass der andere seinen Satz beendete. Vergebens.
      „Okay…“, fing Jay also nach einer etwas längeren Pause an. „Äh, falls du‘s ernst meinst, komme ich mit dir mit“ So schnell konnte man etwas entscheiden, indem man die Worte nur aussprach, bevor man richtig darüber nachdachte. Aber es konnte ja nichts passieren. Wenn Noel ihn anmachte, nahm er sich eben ein Taxi und fuhr nachhause. Wenn seine Selbstbeherrschung groß genug war. Allein die Tatsache, dass er sich das denken musste, war äußerst beängstigend.

      Jay stand auf und nahm beide Gläser. „Ich geh kurz nach hinten und hol meine Sachen, okay?“, teilte er Noel mit, wartete aber nicht auf eine Antwort. Einen Rückzieher konnte er jetzt nicht mehr gebrauchen, wo er sich selbst schon festgelegt und mit seinem Schicksal abgefunden hatte. Wenn Cyrus und Mona ein Item wurden, musste er sicher früher oder später wahrscheinlich sowieso mit Noel anfreunden, nicht?
      Er ging zurück hinter die Bar, stellte beide Gläser in den Geschirrspüler, um seiner Kollegin noch ein wenig Arbeit zu ersparen, und ging dann durch eine Mitarbeiter-Tür nach hinten, vorbei an den Toiletten und in einen kleinen Raum, das gleichzeitig ein Lager und so etwas wie einen Pausenraum darstellte. Das traurige winzige Sofa in der Ecke machte zwischen den Kartons und gelagerten Flaschen aber wenig her.
      Er zog sich seine Jacke an und schnappte sich Handy und Geldtasche, bevor er zurück kam und kurz hoffen musste, dass Noel nicht aufgesprungen und weggelaufen war.
      „Gehen wir?“, fragte er.
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    • Noel hatte geduldig, wie es für ihn eigentlich auch nicht wirklich üblich war, gewartet und stand dann, als Jayden wieder zurück kehrte auf. Der Alkohol machte sich sofort bemerkbar, naja der Alkohol und der Faktum, dass er den ganzen Tag kaum was gegessen geschweige denn genug getrunken hatte…das Shooting war echt stressig gewesen. Der kurze Weg bis zur Tür kam ihm wenig vor und als ihm dann endlich die kühle Nachtluft ins Gesicht schlug musste er kurz die Augen schließen um nicht direkt mit dem nächsten Anfall von Schwindel zu kollidieren. Zum Glück hatte er sich relativ schnell wieder im Griff. „Wir müssen übrigens laufen, ich werde definitiv nicht mehr mit dem Auto fahren.“ im Grunde hatte er nur ein Glas Rum-Cola getrunken, trotzdem war ihm das Risiko zu groß. Es war ja immer so, genau dann wenn man sich dachte ‚ach komm auf dem kurzen Weg passiert schon nichts‘, wird man von der Polizei angehalten und leider war sowohl sein Auto als auch sein Führerschein essenziell wichtig für seine Arbeit. „Ist aber nicht weit.“ versicherte er dem jüngeren schnell.

      Der Weg zu Noels Wohnung war tatsächlich schnell zurückgelegt. Er wohnte relativ zentral, nicht wirklich in der Innenstadt aber von seiner Wohnung waren es zu Fuß nur ungefähr zehn/fünfzehn Minuten. Das Gebäude war ein schöner moderner Neubau und beherbergte neben seiner Wohnung noch eine ganze Reihe an anderen Parteien. Noel hatte kurz Probleme in seinem angetrunken Zustand den richtigen Schlüssel zu finden und zum zweiten Mal in den letzten Tagen verfluchte er sich für seine Alkoholtoleranz. Eigentlich vertrug er doch mehr! Okay, eigentlich aß er auch mehr und bekam mehr Schlaf und hatte allgemein weniger Stress…vielleicht sollte er es auch einfach darauf schieben.

      Nach zwei jämmerlichen Versuchen hatte er es endlich geschafft und drückte die Eingangstür auf, bevor er Jayden diesen aufhielt. Die wenigen Treppen ins zweite Obergeschoss waren schnell überbrückt und nun standen die beiden Männer vor einer von vielen weiß gestrichenen Wohnungstüren. „Ich warne dich vor, es ist ein wenig unordentlich.“ meinte Noel zur Sicherheit bevor er die Wohnung aufschloss, kurz innehielt und sich dann zu Jayden umdrehte. „Ganz Kurz. Sag du mal, wie heißt du überhaupt?“ in Gedanken verpasste er sich gerade eine Backpfeife. Ungalanter hätte er die Frage wohl nicht stellen können! Er konnte doch nicht einfach einen Typen mit nachhause nehmen ohne ihm vorher nach seinem Namen fragen zu können…naja anscheinend konnte er das schon, zum Glück war er angetrunken.
    • Es war interessant, Noel beim Aufstehen, Laufen und später beim Aufsperren seiner Wohnung zuzusehen. Jay musste konstant den Drang unterdrücken, ihm auf irgendeine Art zu helfen. Dass der Ältere nach einem Drink Schwierigkeiten hatte, den richtigen Schlüssel für die Tür zu finden, hatte er nicht erwartet, aber das erklärte vielleicht auch Halloween. Wenn Noel so schnell betrunken war, hat es sicher nicht viel gebraucht, um ihm die Logikfähigkeit zu nehmen. Er meinte schließlich die ganze Zeit, dass er nie mit Studenten schlief. Sehr konsequent war er ja wohl nicht.

      Und offenbar auch nicht taktvoll. Jay konnte das laute Lachen, das aus ihm heraus schoss, nicht aufhalten. Er knickte ein wenig ein, musste tief durchatmen und alles, das er erstickt antworten konnte, war: „Lädst du eigentlich auch Fremde von der Straße ein, bei dir zu schlafen?“
      Er brauchte kurz, bevor er er ein etwas neutraleres „Jay“ herausbrachte. „Jayden, aber… Jay. Meine Mutter nennt mich Jayden also lassen wir das“ Er lächelte. Eigentlich war es ja ganz süß, dass er fragte, anstatt hinter seinem Rücken nach der Antwort zu suchen. Auch wenn er definitiv früher hätte fragen können, aber zu seiner Verteidigung, sie dachten wohl beide nicht, dass sie sich jemals wiedersehen würden.
      „Darf ich jetzt rein?“, fragte Jay und deutete auf die Tür, vor der sie noch immer standen.
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    • Als der Jüngere so plötzlich anfing laut los zu lachen schaute Noel ihn kurz verwirrt an, bevor er ebenfalls Anfang zu lachen. Noel musste gegeben, besonders taktvoll war er wirklich nicht gewesen aber er war nun mal einfach stumpf genug um sowas zu fragen. „Für gewöhnlich nicht.“ lachte er immer noch leise. Als Jayden ihm dann endlich die Frage beantwortet nickte er leicht. „…Jayden…Jay…“ murmelte er, so als ob er austesten wollte wie sich der Name auf seiner Zunge anfühlte. „Mhm…passt zu dir…“ murmelte er nachdem er einige Sekunden verstreichen lassen hatte. Durch die Frage etwas aus dem Konzept gerissen, nickte er leicht bevor er die Tür ein Stück weit öffnete, dann jedoch ein weiteres Mal inne hielt. „Ich…habe vielleicht einen etwas…nennen wir ihnen seltsamen Geschmack was meine Inneneinrichtung angeht, lass dich davon nicht stören okay?“ der Franzose wirkte ein wenig verlegen, als er die Worte aussprach. Normalerweise nahm er keine, ihm fremden, Menschen mit in seine Wohnung, vor allem keine Menschen die nicht wussten wie er so tickte oder was seine geheime Leidenschaft war.

      Etwas zurückhaltend öffnete er nach einem dritten Mal kurzen Zögerns dann doch die Tür. Das erste was Gästen entgegen sprangen war ein goldener, ovaler Bilderrahmen auf der gegenüberliegenden Wand. Der Bilderrahmen an sich war schön, wenn auch ein wenig alt wie man an der abgeblätterten Farbe erkennen konnte. Das ungewöhnliche an besagtem Bilderrahmen waren jedoch die beiden Hände, die über einander gelegt waren, welche über das Holz des Bilderrahmens hinaus dem Betrachter entgegen ragten. Die Finger sahen unterkühlt und tot aus. Die Haut hatte sich vor allem an den Köcheln rötlich-bläulich verfärbt und obwohl es rein theoretisch gar kein Sinn machte, dass in Noels Flur einfach mal so abgetrennte Hände in einem Bilderrahmen in Flue hingen, sahen die Hände erschreckend echt aus.

      „Ehm ja…genau.“ murmelte Noel leise. Ihm war es deutlich ansehbar unangenehm Jayden seine Wohnung zu zeigen. Nicht, dass ihm seine Wohnen an sich unangenehm war, er liebte seine Wohnung mit dem makaberen Stil der Einrichtung und seiner Kunst, aber trotzdem fühlte es sich komisch an, Jay so einen privaten und intimen Einblick in seiner selbst zu gewähren.

      An der anliegenden, kürzeren Wand, zwischen Wohnungstür und der Wand mit den Händen, hing ein großes, fast schon Vintagemäßiger Spiegel. Noel ging zu der kleinen Garderobe, hing erst seine eigene Jacke auf bevor er Jay einen Kleiderbügel hinhielt. „Schuhe kannst du einfach irgendwo hinstellen, wenn du magst.“ meinte er während er sich selbst die Schuhe auszog.
    • „Er passt zu mir?“, fragte Jay leise, wurde aber gleich durch die Wohnung abgelenkt und benötigte keine Antwort mehr. Das Bild, das einem schon fast ins Gesicht sprang, wenn man reinkam, war erstmal etwas gewöhnungsbedürftig. Jay ging rein, zog sich die Jacke aus und inspizierte währenddessen die Malerei. Dann drehte er sich um und ließ den Blick weiter durch den Flur gleiten. So in etwa hätte er sich wohl das Innere von Noels Kopf vorgestellt, wenn er mal darüber nachgedacht hätte. „Verstehe. Keine Halloweenparties, aber wenn du könntest, würdest du in einer Gruft wohnen?“ Er grinste.

      Jay zog sich die Schuhe aus und lief einfach von selbst ins Wohnzimmer. Er brauchte keine Führung, er würde sich schon selbst mal umsehen. Das hier kam ihm vor wie ein Museumsbesuch. Er betrachtete die Bilder und wurde immer mehr vom dunklen Stil der Wohnung eingenommen. Es hatte etwas unruhiges und gleichzeitig komfortables.
      „Sag mal, sind die Sachen selbstgemacht?“, fragte er. Wenn Noel sich die eigene Kunst in der Wohnung aufhing, hatte er auch ein Foto von sich selbst im Portemonnaie? Jay schmunzelte bei dem Gedanken. Naja, wenn das sein Geschmack war, würde es ihm wohl nur unnötig das Geld aus der Tasche ziehen, sich die Kunstwerke von jemand anderem zu kaufen.

      Als er das Sofa erblickte, konnte er fast auf der Stelle losheulen. Hier war es wunderbar ruhig, deutlich sauberer als in seinem eigenen Apartment und als er sich testweise auf das Sofa fallen ließ, federte es ihn schön ab. Perfekt. Vielleicht war er auch einfach nur todmüde und etwas überdramatisch, aber er konnte sich gerade kaum etwas besseres vorstellen, als eine gute Portion Schlaf.
      „Hey, Frage“, sagte er zu Noel. „Ich riech nach einer Mischung aus Rauch, Schweiß und Alkohol. Darf ich mir deine Dusche ausleihen oder stehst du drauf, wenn dein Sofa zwei Wochen lang nach dieser sexy Bar-Version von mir riecht?“ Er zwinkerte ihm zu. Anscheinend machte die Freude über das Sofa ihn ein bisschen zu enthusiastisch. Aber es war auch einfach witzig, dass Noel leicht angetrunken, er selbst komplett nüchtern und seltsamerweise trotzdem in seiner Wohnung geendet war. Dass nichts zwischen ihnen passieren würde, hatten sie ja nun mehrfach klargestellt. Aber Jay hatte immer Spaß daran, andere ein bisschen in den Wahnsinn zu treiben, auf nette, liebevolle Art natürlich. Und jetzt gerade fühlte er sich etwas zu wohl, um nicht ein bisschen verspielt zu sein.
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    • Noel folgte ihm in sein Wohnzimmer. Der Raum war, wie schon der Flur, in dunkleren, eher gedeckten Farben gehalten. Viel Anthrazit in verschiedenen Helligkeitsstufen. „Ich mag nicht gerne zu bunt.“ erklärte er knapp und schaute sich selbst in einem Wohnzimmer um. Es war wirklich nicht sonderlich Bunt. Die Wände waren in einem etwas helleren Anthrazitton gehalten als die Couch oder die anderen Möbelstücke, aber an sich wirkte alles sehr monochrom, bis auf die große Staffelei, die in dem Raum stand und von unzähligen Farbtuben und Pinseln umgeben war. Gerade ärgerte er sich ein wenig, dass er beim letzten Mal die Farbpalette nicht sauber gemacht, geschweige denn das dreckige Wasser weg gekippt hatte, jetzt war es dafür auch zu spät.

      Das Bild auf der großen Leinwand zeigte ein anatomischen Herz und eine Hand die von schräg oben mit zwei Fingern in die Muskelschicht eindrang. Das ganze Gemälde hatte einen schon fast sexuell-makabereren Touch und er verfluchte sich gerade selbst, genau dieses Bild für alle sichtbar im Wohnzimmer aufgestellt zu haben, dabei war es ihm sonst immer recht egal was andere von seiner Kunst dachten.

      Von Jaydens Stimme aus den Gedanken gerissen, drehte er sich zu dem Studenten und weg von seinem Bild. „Ja, zum Teil schon. Einige Sachen in dem Schrank sind nicht von mir.“ erklärte er knapp und deutete auf ein großes Regal, welches neben haufenweise von Horror-, Thriller und Krimiromanen, Kameraequipment auch Kuppelförmige Glasvitrinen als Deko beherbergte. Das sich in den kleinen und größeren Glasvitrinen die Knochen von Tieren befanden, schön mit Blumen drapiert und künstlicher dargestellt, was es jedoch nicht weniger makaber machte. An den Wänden hingen, neben ähnlich aussehende Bilderrahmen wie schon im Flur, einige verschiedene Fotografien, die alle jedoch einen ähnlichen Flair hatten. Das einzige was dem Wohnzimmer wohl ein wenig Farbe gab, waren die Farbtuben auf dem dunkeln Holzboden und die getrockneten Farbklekse auf der Folie unter der Staffelei. Wenn man von beiden Perücken absah, die sich in den Wohnzimmer befanden. Eine in der Nähe der Terrassentür und die andere auf dem kleinen Couchtisch.

      Noel lachte leise auf, als Jay sich euphorisch auf sein Sofa fallen ließ. „Ich glaube ich stehe eher auf die sexy frisch geduschte Variante von dir.“ zwinkerte er zurück. „Handtücher sind im Bad, bediene dich einfach. Das Bad ist einfach den Flur runter, letzte Tür, nicht zu übersehen.“ lächelte er sanft. „Soll ich dir frische Klamotten rauslegen?“ seit wann war er denn so gastfreundlich? Egal was Jayden mit ihm anstellte, so langsam hinterfragte Noel selbst, ob mit ihm irgendwas nicht stimmte…fürs erste würde er es wohl wieder mal auf den Stress und den Alkohol schieben, vielleicht brauchte er auch wirklich dringend nur eine Runde Schlaf.
    • Der Unterschied zwischen dem Flirten mit seinen Freunden und dem Flirten mit Noel war, dass die einen Jay ein Kissen über den Kopf zogen und der andere unverschämt zurück zwinkerte. Es war ein wenig einschüchternd. In Noels Nähe konnte er nie lange seine lockere, verspielte Art aufrecht erhalten, egal wie gut er drauf war. Irgendwann schien er einfach automatisch in eine ihm unbekannte Form von Nervosität zu kippen. Nein, falsch, nicht ganz unbekannt. So etwa musste er sich als 14 Jähriger gefühlt haben, wenn er auf ein Mädchen stand, das ihn zufällig ansprach. Irgendwie ertappt, gleichzeitig aber seltsam zufrieden.

      Jay lächelte etwas nervös zurück, unfähig ein gutes Comeback zu finden und stand dann auf, aus der irrationalen Angst heraus, dass Noel sich zu ihm setzen könnte. "Äh, ja. Das wär… cool" Cool? Was war daran cool? Er blinzelte kurz, um den peinlichen Moment zu verdrängen, drehte sich um und lief den Flur entlang. Spätestens als er im Badezimmer ankam, fielen ihm mindestens drei Dinge ein, die er hätte antworten können, ohne so verloren zu wirken, wie der kleine Junge, der das erste Mal bei einem Freund übernachtete. Jayden verfluchte sich selbst und im selben Moment auch Noel, dafür, dass er in ihm diesen seltsamen Aspekt seiner Persönlichkeit geweckt hatte, den er wirklich nicht kennenlernen wollte.

      Das Licht im Badezimmer war sanft und deutlich angenehmer, als das Weiß-Blau, mit dem er sich täglich zuhause herumschlug. Es baute sein Selbstbewusstsein wieder ein wenig auf. In dem ich konnte man garnicht schlecht aussehen, vermutlich war Noel deshalb so überzeugt von sich selbst. Aber selbst weiß-blaues Licht könnte ihm nicht viel antun. Zumindest hatte Jay seinen One Night Stand nicht mit irgendjemandem erleben müssen, dem er am nächsten Tag kaum ins Gesicht sehen konnte. So konnte man auch die positiven Seiten sehen…

      Nach seiner Dusche – und nachdem er aus irgendeinem Grund fast zwanghaft jedes von Noels Duschgels und Shampoos durchgeschnuppert hatte – fühlte er sich weitaus weniger müde. Vielleicht hatte er auch einfach die Grenze überschritten, nach der man plötzlich wieder wach wurde, wenn man nicht schlafen gegangen war. Aber es half schon ziemlich, nicht völlig eingenebelt in Second Hand Smoke zu sein. Seine Augen brannten auch signifikant weniger.
      Jay schlug sich das Handtuch um die Hüfte und ging davon aus, dass Noel ihm irgendwelche Kleidung auf dem Sofa hatte liegen lassen. Wo auch immer der sich aufhielt, mittlerweile war es wohl nicht mehr notwendig, sich zu genieren, wenn er sowieso alles und mehr gesehen hatte.
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    • Das war doch alles zum heulen! Da war diese seltsame Aufregung die sich in einen Bauch verirrt hatte und alles nur noch schlimmer machte. Die eine ganz bestimmte Aufregung die man als Jugendlicher vor dem ersten Date hatte.

      Als Jayden aus dem Wohnzimmer ging ließ sich Noel auf sein Sofa fallen und vergrub kurz das Gesicht in den Händen. Er war doch keine vierzehn mehr, um Gottes Willen! Und trotzdem fühlte er sich gerade schrecklich jung und erfahrungslos. Nach einem kurzen Moment in Selbstmitleid, stand er wieder auf und bezog das Sofa schnell, damit Jayden gleich schlafen konnte. Danach verschwand er in seinem eigenen Schlafzimmer, um - hoffentlich passende - Klamotten rauszusuchen und diese, ordentlich gefaltet, auf dem Sofa bereit zulegen.

      Zurück im Wohnzimmer ließ er sich ein weiteres Mal auf dem Sofa nieder, bevor sein Blick zu einer der Fotografien glitt, als ob die Person hinter dem Glas die Antwort auf all seine Fragen und Probleme parat hatte.

      Als Jay dann, nur mit einem Handtuch um die Hüfte, wieder zu ihm kam, verfluchte er sich selbst dafür, dass er dem Studenten die Klamotten nicht einfach vor die Badezimmertür gelegt hatte. Er wusste, dass Jay gut aussah, immerhin hatten sie schon miteinander geschlafen, aber dass er so gut aussah, hatte sein betrunkenes selbst an dem Abend wohl nicht wirklich realisiert…Oder hatte er schon und war gar genau deswegen mit ihm mitgegangen. Noels Blick glitt unweigerlich von dessen Gesicht ein wenig tiefer zu dessen Brust, bevor er sich zwang Jayden wieder in die Augen zu schauen. Das war in seinem momentanen Zustand definitiv zu gefährlich. „Ehm…genau. Klamotten liegen hier…ich bin ihm Bad.“ äußerst geistreich, Noel! Schimpfte er sich selbst und verschwand dann, ein wenig zu schnell dafür dass es noch cool und entspannt wirkte, ebenfalls im Badezimmer.

      Selbst das Bad wirkte unordentlicher als sonst. Das MakeUp welches er heute morgen noch benutzt hatte, lag chaotisch in dem Raum und gerade verfluchte er sich ein wenig dafür. Was würde Jayden jetzt nur von ihm denken? Im selben Moment verpasste er sich gedanklich eine Ohrfeige. Was interessierte ihn eigentlich was Jayden von ihm dachte nur weil seine Wohnung ein wenig unordentlich aussah? Immerhin ging es dem Stundeten nichts an, wie er seine Wohnung einrichtete oder in welchem Chaos sie versank und trotzdem war es Noel ein wenig unangenehm. Immerhin war die eigenen Wohnung immer eine Art Spiegel seiner selbst…

      Bevor er sich noch mehr Gedanken um sowas machen konnte, ging er selbst schnell duschen nur um sich dann die Zähne zu putzen und, eben falls nur mit einem Handtuch, in sein Schlafzimmer zu huschen. Dort zog er sich schnell bequeme Sachen an und ging dann zurück zu Jayden ins Wohnzimmer. „Ich hab dir eine frische Zahnbürste hingelegt.“ meinte er so als ob, dass der einzige Grund für sein Wiederkommen war, „Wenn was sein sollte, die erste Tür links ist mein Schlafzimmer.“ und schon wieder ein Satz für den er sich am liebsten schlagen würde. Was hatte er an ‚wir schlafen nicht miteinander‘ nicht verstanden?
    • Jay fand es irgendwie eigenartig, dass Noel auf dem überzogenen Sofa saß, als hätte er dort auf ihn gewartet, um ihm zu sagen, dass da seine Kleidung lag, als wäre es nicht vollkommen selbstverständlich. Aber es war seine Wohnung und er konnte tun was er wollte. Vielleicht abgesehen davon, Jay dabei zuzusehen, wie er sich umzog. Ihm fiel der Blick auf. Er fiel ihm auf und zog ihn so sehr zu Noel, dass er erleichtert war, als dieser ins Badezimmer floh. Sie verhielten sich beide wie Vollidioten. Jay war ja offensichtlich nicht der einzige, dem die Spannung zwischen ihnen auffiel, die das spaßhafte Flirten seltsam real wirken ließ. Und seine eigenen Worte sprachen vollkommen gegen sein Verhalten, also war es kein Wunder, dass sogar Noel das langsam peinlich wurde.

      Als er sich umgezogen hatte ließ Jay sich auf das Sofa fallen, den Blick an die Decke gerichtet. Er war nicht müde, er wurde mit jeder Sekunde wacher. Er konnte die Dusche von hier aus leise hören und das Klicken der beiden Türen, die Noel öffnete und schloss, bevor er zurück kam.

      Jay drehte den Kopf zu ihm herum. „Danke“, sagte er knapp. Er wollte nicht mehr reden. Das führte zu garnichts. Ihm rutschten doch sowieso andauernd nur Dinge heraus, die er nicht meinte, oder nicht meinen wollte.
      „Was sollte denn sein?“, fragte er dennoch und hielt sich zurück, sich entweder selbst ins Gesicht zu schlagen oder wieder ein dämliches Grinsen ans Ende seines Satzes zu hängen, um ihn weniger ernst wirken zu lassen. Aber er meinte es ja ziemlich ernst. Machte Noel schon wieder eine Anspielung darauf, dass er was von ihm wollte? Oder musste er mit einem spontanen Feueralarm oder dem Durchbrechen der Couch mitten in der Nacht rechnen?

      Er wollte am liebsten von ihm hören ‚Falls du nicht alleine schlafen willst‘. Er konnte sich so sehr gegen seine eigenen Gedanken wehren, wie er wollte, und sie hatten im Endeffekt kaum Auswirkung auf seine Handlungen, wenn seine Selbstkontrolle ihn nicht völlig verließ, aber leugnen konnte er sie trotzdem nicht mehr. Nicht, nachdem er vollkommen nüchtern und mehr oder weniger grundlos auf Noels Couch geendet war.
      Es war verwirrend und ungünstig und riskant. Und am liebsten würde er an diese Liste ‚beängstigend‘ dranhängen, aber bei Noel zu sein war das Gegenteil. Das beängstigendste an der ganzen Sache war, wie wohl er sich fühlte und dass das einzige, das ihn zurückhielt, tatsächlich das Leben und der Status waren, die er sich aufgebaut hatte und nicht verlieren wollte, wenn alles so verdammt gut zu laufen schien. Hätte er Noel nicht in fünf Jahren treffen können? Oder vor fünf Jahren? Oder nie?
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    • Noel zuckte etwas unschlüssig mit den Schultern. „So ganz allgemein…keine Ahnung falls du nicht schlafen kannst, oder…“ nicht alleine sein willst. „…keine Ahnung du weist schon.“ winkte er kurz ab. Die rosa Strähnen hingen ihm immer noch leicht feucht und strähnig ins Gesicht. Nach der Dusche wirkte er noch fast fertiger als vorher. Einen Teil der Farbe hatte er trotz schrubben nicht von seiner Haut bekommen, aber spätestens beim nächsten oder übernächsten Händewaschen müsste er sie los sein. Sein Blick glitt wieder kurz zu dem Foto an der Wand, so als ob es ihm irgendwie bei den Worten die er bilden wollte aber nicht aussprechen konnte, helfen würde.

      Das Foto zeigte einen jungen Mann. Es wirkte düster aber trotzdem ästhetisch und schön gemacht. Das Licht harmonierte perfekt mit dem Körper der Gestalt auch wenn man ihn auf der Straße wohl nicht erkennen würde, wenn man nur die Fotografie als Anhaltspunkt hätte.

      Der Franzose seufzte leise auf und strich dann die feuchten Strähnen nach hinten. „Ich bin dann…Du weißt Bescheid.“ er biss sich kurz auf die Unterlippe. Wann hatte er das, das letzte mal gemacht? Da war er sicher noch ein Teenager, der immer den Drang hatte seine Unterlippe aufzubeißen wenn er nervös war. Er fühlte sich wie ein Vollidiot. Er war erwachsen verdammt! Und jetzt wurde er nervös weil ein anderer Kerl in seinem Wohnzimmer schlief, weil ER es ihm angeboten hatte. Die ganze Situation war doch einfach nur zum heulen.

      Ohne sich nochmal umzudrehen verließ Noel den Raum und ging auf direktem Weg in sein Schlafzimmer, wo er sich auf die Bettkante setzte und sich mit den Händen über das Gesicht fuhr.

      Er wusste echt nicht was da los war. Es war ja nicht so, dass er und Jayden eine besonders harmonische Beziehung pflegten oder gar irgendwelche Gemeinsamkeiten besaßen. Die einzige Gemeinsamkeit war, dass sie miteinander geschlafen hatten und das reichte wohl kaum als Grundlage für…irgendwas. Und trotz dessen fühlte er sich ungewöhnlich wohl in der Nähe des Studenten. Es war einfach mit ihm. Es war einfach mit ihm zu reden. Es war einfach mit ihm zu lachen. Die allgemeine Kommunikation war einfach erschreckend leicht und das machte Noel ein wenig Angst. Das letzte mal, als ihm sowas, so leicht fiel war er mit der Person in einer Beziehung und dass diese schlussendlich mit einer Trennung geendet hatte, war wohl klar. Er war einfach kein Beziehungsmensch und dass hatte er irgendwann akzeptiert und es danach auch nicht nochmal versucht. Jetzt aber hier vor dieser komischen Situation zu stehen stresste ihn ein wenig, vor allem aber weil Jay ihm einfach entgegengesetzte Signale gab. Auf der einen Seite sagte er ihm, dass sie nicht (noch einmal) mit einander schlafen würden auf der anderen Seite flirteten sie fast non-stop miteinander und irgendwie hatte Noel das Gefühl, dass sich Jayden auch bei ihm recht wohl zu fühlen scheint. Das alles war einfach nur zum heulen! Konnte er nicht einfach in sein unkompliziertes Leben zurück ohne einen vermeintlichen heterosexuellen Studenten der alles unmöglich verkomplizierte?
    • Jays Lippen kreuselten sich bei der Antwort doch noch zu einem Lächeln. Keinem, dass sich über die Worte lustig machte, einfach ein kleines Lächeln. „Okay“, sagte er. „Bis dann“ Er sah Noel zu, wie er verschwand, und dann fragte er sich auf einmal, wieso er nicht ‚Bis morgen‘ gesagt hatte. Hoffentlich war das dem Älteren einfach nicht aufgefallen.

      Er stand auf und schlurfte ins Badezimmer, als gehörte ihm die Wohnung bereits. Dort sah er die Handzahnbürste, die Noel ihm bereit gelegt hatte, und putzte sich die Zähne. Die ganze Zeit über starrte er sich selbst im leicht angelaufenen Spiegel an. Irgendwann malte er mit dem Zeigefinger ein kleines Herz hinein, warum auch nicht. Dann malte er noch eins. Und dann noch einen Smiley. Bevor er sich versah hatte er den Spiegel vollkommen verschmiert und verschwand etwas schuldbewusst aus dem Badezimmer. Bevor er ins Wohnzimmer abbog, blieb er stehen und warf einen Blick auf Tür, die zu Noels Schlafzimmer führte. Er hatte ziemlich fertig ausgesehen. Ob er schon schlief?

      Jay stand länger vor der Badezimmertür herum, als er den ganzen Tag irgendwo stillgestanden hatte. Irgendwann begann er an seinen Nägeln herumzukauen, was er sich eigentlich lange abgewöhnt hatte, außer er musste an irgendeinem Projekt arbeiten. Oder er dachte angestrengt über etwas nach. Wie er zu dem Schluss kam, zu dem er kam, konnte er nicht mehr ganz verfolgen. Er zupfte sich Jogginghose und Shirt zurecht, bevor er zur Schlafzimmertür ging. Dann ging das ganze von vorne los. Er stand… und stand… und zupfte an seinem Shirt und kaute an seinen Nägeln.

      Er war nicht schwul. Er war noch nie an Männern interessiert gewesen. Daran war nichts falsch, aber er hatte sich sein Leben eben nicht auf diesem Wissen aufgebaut. Er wäre sicher ganz anders an sein Studentenleben herangegangen, wenn er es gewusst hätte. Immerhin hätte er eine Entscheidung zu treffen gehabt, die er jetzt nicht hatte. Wollte er es für sich behalten oder für den Rest seines Lebens gegen Arschlöcher ankämpfen, die ein Problem mit ihm— Nein, nicht mit ihm, sondern mit sich selbst hatten. Es gab auch genug Menschen, die es nicht mochten, wenn Studenten sich durch jedes Campuszimmer schliefen, das sie finden konnten, aber bisher hatte ihn deshalb zumindest niemand beleidigt. Oder geschlagen, von der Uni verwiesen oder die Freundschaft gekündigt. Vielleicht stellte er sich das alles falsch vor. Aber die Chancen, dass er richtig lag, waren da und sie waren relativ hoch. Er kam nicht umhin, sich zu fragen, ob Noel irgendwelche Probleme hatte. Oder behielt er es einfach für sich?
      Jay konnte es auch für sich behalten. Aber er hätte die ganze Zeit das unangenehme Gefühl, irgendjemanden zu hintergehen. Vielleicht seine Freunde, die dachten, sie wussten alles über ihn. Oder seine Familie. Oder auch nur den kleinen Zettel, den man vor dem Blutspenden unterschrieb.

      So leise es ging seufzte Jay und ließ den Kopf nach hinten fallen. Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht, in die Haare, und ließ die Arme wieder kraftlos zu seinen Seiten fallen. Das war alles verdammt beschissen.
      Er öffnete langsam und leise die Tür. Ob er das jetzt tat oder nicht, er würde trotzdem immer das Gefühl haben, etwas zu verstecken. Und wenn nicht vor anderen, dann vor sich selbst.
      „Hey. Müde?“, fragte er. Noels ganze Körpersprache über den Abend hatte ihm die Frage eigentlich schon beantwortet, aber er wollte sie trotzdem noch einmal stellen. Er selbst hatte gerade mehr Adrenalin in seinem Körper als auf einer Achterbahnfahrt.
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    • Noel hatte jeden Schritt des anderen mitbekommen. Wie die Wohnzimmertür aufging und wieder geschlossen wurde. Die schlurfenden Schritte den Flur runter. Die Badezimmertür die aufging und wie der Wasserhahn leise vor sich hin gluckerte. Ihm fiel zum ersten Mal auf wie hellhörig die Wohnung eigentlich war, wenn er alleine war gab es nicht viel, außer der Fernseher der lief, was irgendwie Geräusche machen konnte. Jetzt jedoch, mit einer anderen Person in seinen vier Wänden, konnte man es kaum überhören. Als die Badezimmertür wieder geschlossen wurde und die Schritte näher kamen, bereitete er sich drauf vor zu hören wie die Wohnzimmertür geöffnet wurde. Das leise Schleifen des unteren Türrandes über den Boden, es blieb jedoch aus, stattdessen wurde seine Tür leise geöffnet.

      Noel saß immer noch auf den Bett als die Schlafzimmertür von außen aufgedrückt wurde und Jayden durch die Türangel trat. Er hob sein Kopf ein wenig, welcher bis eben noch in seinen Händen vergraben war und lächelte den Studenten sachte an. „Eher fertig und erschöpft. Du?“ fragte er zurück.

      Das Schlafzimmer war ähnlich gestaltet wie der Rest der Wohnung, monochrom und einfarbig. Anders als im Wohnzimmer jedoch gab es weder Deko, noch Bilder und auch keine Staffeleien die irgendwo rumstanden. Das einzige was ein wenig Farbe in den Raum brachten, waren dunkelrote, blickdichte Vorhänge. Licht wurde von einer kleinen Nachttischlampe gespendet, die den Raum in ein schwaches, warmes Licht hüllte.

      „Kann ich dir irgendwas gutes tun?“ fragte er sofort wie der gute Gastgeber der er - eigentlich nicht - war und war schon dabei sich von der Matratze aufzurichten. Noel konnte sich keinen anderen Grund erschließen. Vielleicht hatte Jayden Durst und wollte nicht frech durch seine Küche wühlen, oder er brauchte noch ein Kissen oder eine Decke… es gab schließlich tausende Möglichkeiten, warum Jay gerade in seinem Schlafzimmer stand.
    • „Ähnlich“, log Jay. „Ich fühl mich definitiv besser nach der Dusche“ Seine Hände waren in die Taschen der Jogginghose geschoben und er lehnte im Türrahmen wie ein Vater, der einmal monatlich das Zimmer seines Kindes inspizieren wollte. Jay sah sich ähnlich interessiert einmal im Schlafzimmer um, bevor er einen Schritt von der Türschwelle weg und hinein in das Zimmer machte. Dann stand er da, sah zu, wie Noel Gastgeber spielen wollte und sich bereitwillig aufsetzte. Ob er ihm etwas Gutes tun konnte? Noch besser konnte man die Frage ja garnicht formulieren.

      „Ja“, antwortete er neutral. Er wollte seine Gefühlslage hinter diesem Wort nicht verstecken, er wusste nur selbst nicht, wie er dazu stand. Trotzdem kam er noch zwei Schritte auf Noel zu und ließ sich neben ihm auf das Bett sinken. „Bequem“, kommentierte er leise die Federung der Matratze. So richtig wusste er nicht, was er hier gerade anstellte. Aber in der Sekunde, in der er den Kopf zu Noel neigte und ihn ansah, wurden ihm seine eigenen Pläne etwas bewusster und waren unmöglich zu übersehen.

      Er zögerte, weil er nicht sicher war, wie schnell Noels Persönlichkeit von dieser netten, übermäßig hilfsbereiten Art, zurück zu temperamentvoll und fast schon schnippisch wechseln konnte. Vielleicht gab es Jay bessere Chancen, die jetzige Version bei sich zu behalten, wenn er Noel vorwarnte.
      „Ich küsse dich jetzt“, sagte er. Es war keine Frage, einfach eine Feststellung. Wenn Noel etwas dagegen hatte, konnte er ja aufstehen und gehen. Aber Jay war sich sicher — und vielleicht war er entgegen Noels Glauben zu überzeugt von sich selbst — dass er das nicht tun würde. Er blinzelte langsam, lächelte leicht und machte langsame Bewegungen anstatt hektischer, die mehr seiner inneren Anspannung entsprechen würden. Die Hand, mit der er sich nicht auf die Matratze stützte, legte sich an den Kiefer seines Gegenübers, um seinen Kopf mehr in seine Richtung zu drehen, bevor er ihn sanft küsste. Ein Kuss, der keine Erwartungen in sich trug oder irgendetwas vorweg gab, abgesehen von dem klaren Anflug an Zuneigung, den Jay dem Mann gegenüber empfand. Auch wenn er sich diese nicht erklären konnte; aber das Gefühl konnte er doch sehr klar identifizieren.
      Was er auch nicht verhindern konnte, weil es ganz automatisch passierte, war sein Körper, der sich nach vorne lehnte und Noel zurück zwang, bis die Tropfen an Jays nassen Haarspitzen ihren Weg auf sein Gesicht fanden. Als er das bemerkte, hielt er an und setzte sich wieder auf. Jay strich sich die Haare aus dem Gesicht und die dezente Nervosität versuchte sich durch ein leises Lachen von seinem Körper zu lösen. Ein Kuss alleine brachte ihn schon wieder aus der Fassung, obwohl er ihn selbst initiiert hatte.
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    • Noel beobachtete wie Jayden in seiner Tür stand und fühlte sich plötzlich in seine Kindheit zurück versetzt. Diese Situation hatte erschreckende Ähnlichkeit mit einer Erinnerung aus Kindheitstagen. Er wusste nicht mehr genau was er an diesem Tag gemacht hatte, aber sein Vater stand an besagten Tag genau so in seiner Tür. Mit dem selben undefinierbaren Ausdruck in den Augen, bevor er leise geseufzt hatte und sich zu der kleineren Version von ihm selbst auf das, zur damaligen Zeit auch deutlich kleinere, Bett gesetzt hatte. Er fragte sich unweigerlich ob es ein wenig komisch war, das er in diesem Moment ausgerechnet an seinen Vater dachte, aber wie Jay da in dem Türrahmen lehnte…das hatte einfach Ähnlichkeiten.

      Die zwei Schritte die zwischen ihnen lagen, kam Noel ewig lang vor, aber vielleicht lag das auch nur an der Gefühlsflut die ihm gerade übermannte. Er wollte aufstehen, ihm entgegen kommen, setzte sich stattdessen jedoch wieder richtig auf die Matratze und beobachtete Jayden einfach dabei wie er es ihm gleich tat. Noel merkte wie das Polster neben ihm ein wenig einsank, unter Jaydens Gewicht nachgab. Als dieser dann die Matratze unter ihnen kommentierte nickte er nur leicht. Wahrscheinlich hätte er sowas wie ‚sonst hätte ich sie wohl nicht gekauft‘ oder ‚ich weiß‘, drauf erwidert, aber alles was er hätte sagen können hing ihm im Hals fest. Er war nicht nervös, er hatte nur auf eine komische Art und Weise das Gefühl, das egal was er sagen würde, es würde den Moment kaputt machen.

      Die Spannung zwischen ihnen war fast greifbar. Hätte man ein Messer gehabt, welches scharf genug war, hätte man sie sicher in der Luft zerschneiden können, so dick hing sie zwischen den beiden jungen Männern und Noel konnte nicht anderes tun, als sich diesem Gefühl hinzugeben. Als Jay die Worte aussprach, zog sich eine angenehme Gänsehaut von Noels Nacken aus über seine Arme. Die Worte klangen warm, fast schon weich. Es war eine einfache Feststellung, keine Frage die er hätte beantworten müssen und trotzdem nickte er wieder, dieses Mal nur etwas zwanghafter.
      Er blieb einfach sitzen, verfolgte mit den blauen Seelen die Bewegung des anderen, das langsame Vorbeugen, die Hand die er kurz darauf an seinem Kiefer spürte, die Gewichtsverlagerung auf der Matratze unter ihm. Noel hatte das Gefühl all diese kleinen Eindrücke viel zu intensiv wahrzunehmen. Als er nach endlosen Sekuden die viel zu lange, gleichzeitig jedoch viel zu kurz wirken endlich die Lippen des anderen auf seinen eigenen spürte, fühlte er sich von den ganzen Gefühlen die plötzlich auf die einbräschten überfordert. Die Zuneigung die in dem Kuss lag, zog Noel fast den Boden unter den Füßen weg und er war gerade verflucht froh, dass er saß.

      Er hatte das letzte Mal schon festgestellt, dass der Jüngere ein seltenes Talent hatte, was küssen anging, aber jetzt hier, in seinem Schlafzimmer fühlte sich das nochmal ganz anders an. Dieser Kuss war anders. Er hatte keine Intention. Sie waren nicht betrunken - naja als ein wenig angetrunken würde Noel sich wohl schon bezeichnen - und Jayden wusste ganz genau was er hier tat. Alleine diese Realisation gab dem Kuss einen ganz neuen Beigeschmack.

      Als er das leicht nass-feuchte Gefühl auf seiner Wange spürte und Jayden sich darauf hin von ihm löste fühlte Noel sich plötzlich wie ein unerfahrener Teenager. Obwohl er sowohl das eine als auch das andere schon lange nicht mehr war und trotzdem überforderte ihn die Situation mehr als er es lieb hatte. Nachdem Noel noch einige Sekunden in der Position verweilte, in welche Jayden ihn dirigiert hatte setzte er sich nun auch wieder auf, bevor er sich den Wassertropfen von der Wange wischte.
    • Jay sah Noel zu, wie er sich die Tropfen aus dem Gesicht wischte, als würde er sich eine Träne wegstreichen. Er hatte keine Ahnung, was er sagen oder tun sollte. Naja, eine Ahnung hatte er schon, aber er war sich nicht sicher, ob er das richtige tat. Noel war zumindest nicht ausgewichen oder hatte ihn zur Schnecke gemacht; was er sich denn einbilden würde. Er erwähnte nicht einmal, dass Jayden offensichtlich kein Mann seiner Worte war. Wobei… Er hatte nur gesagt, dass sie nicht miteinander schlafen würden. Und das hatten sie bisher nicht getan und mussten sie auch jetzt nicht. Die Spannung konnten sie auch auf anderem Weg loswerden.

      Er überlegte einen Moment, bevor er seine Beine schließlich aufs Bett zog. "Gib mir was von der Decke", forderte er Noel auf, als wäre es selbstverständlich, und rutschte an seine Seite. "Schonmal mit wem rumgemacht, bis du eingeschlafen bist? Nein?", fragte er dann schmunzelnd, den Blick zu Noel nach oben, und stützte den Kopf in seine Hand. Mit der anderen Hand strich er über Noels Oberkörper, bis er unten ankam und sich in sein Shirt hinein stehlen konnte. Er fühlte sich seltsam wohl hier, obwohl er Noel gerade mal zum zweiten Mal in seinem Leben getroffen hatte. Aber er war warm und roch gut und Jay wollte ihn einfach nur in seiner Nähe haben. Wenn er dafür einen Ehepaar-Move abziehen musste, sollte es so sein.
      Er rutschte näher an den anderen heran, ließ seine Hand an dessen Seite gleiten und zog ihn ein Stück zu sich herunter. Eine Nasenlänge von ihm entfernt, murmelte Jay: "Entspann dich. Kein Sex. Nur Kuscheln" Das mit den Vorwarnungen schien gut zu klappen, also wieso aufhören? Dann küsste er ihn wieder. So hielten sie beide am Ende ja doch noch ihr Wort. Irgendwie. Aber Jay hatte die Möglichkeit, sich ganz langsam an dieses Gefühl zu gewöhnen, das er seit einer Woche unterdrücken wollte. Es breitete sich wie eine warme Welle mit jeder Berührung in seinem Körper aus. Nach ein paar Sekunden entfernte er sich kurz und wurde sein T-Shirt los, weil ihm deutlich zu heiß war. Und auch ein bisschen, weil er Haut auf Haut spüren wollte.
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