Das Biest in dir... [Shio & Nimue]

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    • Ian

      Als sich unsere Lippen von einander lösten, blieb nur noch Zufriedenheit und Glück zurück. Ich zog sie enger an mich, wir sanken gemeinsam in die Kissen, ohne Abstand, ohne jegliche Zweifel. Ich spürte ihren Kopf auf meiner Brust. Ihr Atem wurde ruhiger und gleichmäßiger. Ich konnte es einfach nicht fassen. Sie vertraute mir genug um auf mir einzuschlafen. Mein Herzschlag und meine Atmung beruhigten sich ebenfalls etwas. Ich strich ihr wieder sanft über ihren Kopf, bis ich ein gleichmäßiges Atmen von ihr vernahm. Ich griff nach der Fernbedienung und schaltete den Fernseher aus. Die Kerzen brannten noch etwas vor sich hin. Meine Arme schlang ich fest um sie, das sie ein Gefühl von Geborgenheit bekam. Ich blieb noch ein wenig wach, denn ich war dankbar für diesen Abend und für dieses wunderschönen Moment. Ich küsste sanft ihre Schläfe, so das ich sie nicht weckte und lächelte in den von Kerzenschein erhellten Raum hinein. Irgendwann wurden meine Augen schwer und ich fiel in einen glückseligen Schlaf.
      Am nächsten Morgen kitzelte die Sonne mein Gesicht und ich legte meinen Arm über die Augen. Mit meinem anderen Arm fühlte ich meinen Körper ab. Sie war nicht mehr da, doch das Gefühl von ihrer Wärme und Anwesenheit lag immer noch auf mir. Ich seufzte in mich hinein. Als ich ihre Schritte hörte, war ich irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit gefangen. Das kitzeln von ihren Haarspitzen lies meinen Arm von meinen Augen sinken. Meine Augen lies ich noch geschlossen, aber ein leichtes Lächeln überkam meine Lippen. Sie nannte mich wieder Romeo. Und so langsam gewöhnte ich mich daran.
      Der sanfte Kuss auf meiner Nasenspitze traf mich vollkommen unvorbereitet. Ich blinzelte ein paar Mal gegen das helle Licht und sah in ihre funkelnden Augen. Ich wusste genau das dieser Tag nicht besser beginnen konnte, als wenn sie mich so ansah. Und schon war ich wieder hoffnungslos in ihrem Anblick gefangen.
      "Guten Morgen. Gib mir noch 5 Minuten", murmelte ich vor mich hin ehe ich mich aufrichtete. Doch als sie von Hunger, heißer Schokolade und Zimtschnecken sprach, war ich hell wach. Ich fuhr mir durch meine zerzausten Haare und lächelte sie an. "Das ist deine Schuld das ich so aussehe." Ich zwinkerte ihr zu und erhob mich vom Sofa. Als sie mich nach einem Hoodie von mir fragte, hielt ich kurz inne. Mein Herzschlag verdoppelte sich wieder. Über meine Schulter hinweg sprach ich zu ihr. "Such dir einen aus." Ich ging ins Badezimmer und betrachtete mich im Spiegel. Meine Haare waren durcheinander, doch ich hatte diesen glücklichen Ausdruck in meinem Gesicht. Ich putzte mir die Zähne und wusch mir das Gesicht mit kaltem Wasser. Ich versuchte meine Haare zu bändigen. Meine Füße trugen mich fast wie auf Wolken nach Draußen in Richtung Schlafzimmer. Doch als ich sie vor mir stehen sah, blieb ich abrupt stehen. Da stand sie vor mir mit meinen dunkelrotem Hoodie und ihren zuckersüßen Zöpfen. Ich biss mir leicht auf die Lippe. Der Hoodie war natürlich viel zu groß für sie und dennoch stand er ihr perfekt. Und sie hatte es irgendwie geschafft diesen Hoodie in etwas zu verwandeln, das gleichzeitig lässig und atemberaubend aussah. Das Rot brachte ihre Haut zum Leuchten und ihr zufriedener Ausdruck im Spiegel lies mich ebenfalls noch mehr lächeln. Ich lehnte noch kurz am Türrahmen, ehe sie mich erblickte und sich zu mir umdrehte. Ich sah ihr dabei zu wie sie ihren Look präsentierte und wie glücklich sie ist. Mein Herz machte einen Satz. Sie war wunderschön. Ich trat näher und legte meine Hände um ihre Taille. "Er steht dir ausgezeichnet, sogar besser als mir und damit es klar ist. Du kannst den Hoodie ruhig behalten." Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor ich mich wieder von ihr löste und ins Schlafzimmer verschwand um mir etwas anderes überzuwerfen. Mit einer blauen Jeans, einem weißen Shirt und meinen Rucksack auf der Schulter trat ich zu ihr in den Flur. Ich zog meine Schuhe und Jacke an und betrachtete sie. "Wenn uns wirklich jemand die letzten Zimtschnecken wegschnappt dann werde ich kein Sunnyboy mehr sein." Ich zog eine Grimasse und musste selbst darüber lachen. "War ein Scherz und jetzt komm schon, bevor ich es mir noch anderes überlege und dich wieder auf mein Sofa ziehe." Ich drückte ihr einen sanften Kuss auf die Lippen und nahm ihre Hand wieder in meine.
      Draußen roch es noch immer nach Regen und auf den Straßen waren noch einige Pfützen zu sehen. Von den Bäumen tropften die letzten Regentropfen hinunter. Für einen Moment kam es mir so vor als würde der Morgen nur uns beiden gehören. Nur wir zwei, Hand in Hand auf der Mission heiße Schokolade und Zimtschnecken zu ergattern. Vor der Tür der Bäckerei blieb ich stehen und zog sie sanft zu mir zurück, bevor sie hineingehen konnte. Meine Stirn lehnte ich an ihre und lächelte sie an. "Nur damit du es weißt, könnte es mir gefallen so jeden Morgen aufzuwachen." Ich gab ihr einen zärtlichen warmen Kuss. Bevor ich mich von ihr löste und ihr die Tür zur Bäckerei offen hielt.
    • Annalena

      Der ganze letzte Tag und auch heute... fühlte sich gleichzeitig wunderschön und so unglaublich an. Wie einer dieser Tagträume, die ich immer mal wieder gehabt hatte.
      Als Ian seine Hände an meine Taille legte und mir das Kompliment machte, dass mir sein Hoodie besser stünde als ihm, hätte ich beinahe vergessen, wie man atmet. Das tiefe Rot des Stoffes fühlte sich auf einmal noch wärmer an, fast so, als würde seine Zuneigung direkt durch die Fasern in meine Haut sickern. Dass er mir das gute Stück direkt schenkte, war so eine typische Ian-Geste großzügig, ein bisschen besitzergreifend auf die süßeste Art und Weise und absolut entwaffnend.
      "Ohhh..." hauchte ich leise. "Sag sowas nicht." Ian war durch und durch wunderbar. Soweit ich das einschätzen konnte, würde er sogar in einem Kartoffelsack gut aussehen. Auch heute sah er so mühelos gut aus, dass es fast schon unfair war. "Wenn... wenn der Hoodie dir gehört aber bei mir bleibt, habe ich vor allem immer einen Grund, hierher zurückzukommen." Ich sah ihn an und spürte, wie meine Wangen bei seinen Worten noch ein Stück wärmer wurden. Als er mir dann den sanften Kuss auf die Stirn gab, schloss ich für einen Moment die Augen und sog seinen Duft ein, der nun auch an mir haftete. Es war dieses Gefühl von Sicherheit, das mich vollkommen einnahm.
      Draußen hingegen roch die Luft nach frischem Regen und nasser Erde, ein typischer Morgen in Forks, der sich heute jedoch ganz anders anfühlte. Während wir Hand in Hand durch die Pfützen zur Bäckerei liefen, fühlte ich mich so unbeschwert wie lange nicht mehr.Ich genoss das Gefühl seiner großen Hand, die meine umschloss, und die Tatsache direkt wie indirekt mit ihm verbunden zu sein. Die Welt um uns herum schien noch zu schlafen, und für diese paar Minuten gehörte der Ort nur uns.Als wir die Bäckerei erreichten, rechnete ich damit, dass er einfach die Tür aufhalten würde. Doch Ian hatte andere Pläne. Er zog mich sanft zurück, und als seine Stirn an meine lehnte, hielt ich für ein paar Sekunden den Atem an. Er hatte ja keine Ahnung. die Welt für einen Herzschlag stehen. Seine Worte, dass er so jeden Morgen aufwachen könnte, trafen mich mitten ins Herz. Das was wir miteinander hatten, war kein flüchtiger Flirt mehr. Es war vielmehr eine Art Versprechen, zueinander zu gehören. Dabei wusste ich doch genau wie unvernünftig und gefährlich es war dieses Glück so offen zur Schau zu stellen doch.... ich konnte einfach nicht anders. Diese Liebe war wie ein Rausch. Ich konnte einfach nicht wiederstehen und erwiderte den Kuss, den er mir gab, tief und voller Gefühl, und spürte die kühle Morgenluft auf meinen Wangen, während seine Lippen so unendlich warm waren. "Mir auch." hauchte ich gegen seinen Mund, bevor ich mich mit einem glücklichen Lächeln löste. "Du bist schon ein verdammt romantischer Spinner, Ian." Aber genau das war so unglaublich süß. "Aber wenn wir jetzt nicht reingehen, fange ich wirklich an, an dir zu knabbern." Ich trat durch die Tür, die er mir aufhielt, und sofort schlug uns der himmlische Duft von frisch gebackenem Hefeteig, Zimt und gerösteten Kaffeebohnen entgegen. Die kleine Bäckerei war noch fast leer, das Licht darin warm und einladend.
      Ich steuerte direkt auf die Glastheke zu und spürte Ian dicht hinter mir. "Siehst du?", flüsterte ich über die Schulter, während mein Blick über die goldbraun glänzenden Zimtschnecken glitt, die noch dampften. "Das Schicksal ist auf unserer Seite. Sie sind noch warm." Ich drehte mich zu ihm um, die Hände tief in den Taschen seines Hoodie vergraben, und sah ihn abwartend an. "Zwei Zimtschnecken und die größte heiße Schokolade, die sie haben?" Wir suchten uns den hintersten Tisch am Fenster, eine kleine, abgewetzte Holzecke mit Blick auf die verregnete Hauptstraße. Ich setzte mich nicht gegenüber, sondern schob meinen Stuhl ganz nah an seinen, sodass unsere Oberschenkel sich bei jeder Bewegung berührten. Aber dieser Junge brachte mich jedes Mal wieder in Versuchung. Ich lehnte meinen Kopf verträumt an seine Schulter, während die Verkäuferin die dampfenden Tassen brachte. Ich umschlang mein Glas mit beiden Händen, doch mein Fokus lag ganz bei ihm. Ich hatte wirlich versucht vernüftig zu sein.Ich beobachtete Ian dabei, wie er sich ein Stück von seiner Zimtschnecke abriss. Er sah in diesem sanften, gelblichen Licht der Bäckerei so entspannt aus, dass ich am liebsten die Zeit angehalten hätte. Keine Hausaufgaben, kein Training, kein Gerede in den Fluren. Nur wir zwei und der klebrige Zuckerguss, der an unseren Fingern klebte. "Du hast übrigens immer noch diesen Blick", bemerkte ich leise und nippte an meinem Kakao, wobei ich sicherstellte, dass ich eine ordentliche Portion Sahne an der Oberlippe behielt. Ich grinste ihn herausfordernd an. "Diesen 'Ich-kann-nicht-glauben-dass-du-wirklich-hier-sitzt'-Blick. Er steht dir fast so gut wie dein verschlafener Blick am Morgen." Ich tunkte ein Stück meines Gebäcks in den Kakao und sah ihm dabei zu, wie er darauf reagierte. Es war dieser kleine, geschützte Moment der Ruhe vor dem Sturm, und ich wollte jede Sekunde davon auskosten. Das Wissen, dass wir gleich gemeinsam in die Schule gehen würden, als das, was wir nun mal waren, gab mir eine ganz neue Art von Selbstbewusstsein."Glaubst du, wir schaffen es, die erste Stunde im Gemeinschaftsraum zu überstehen, ohne dass uns jeder ansieht, als hätten wir im Lotto gewonnen?", fragte ich schmunzelnd, während ich mir ein bisschen Sahne von der Lippe leckte und dabei ganz genau beobachtete, wie seine Augen jeder meiner Bewegungen folgten.
    • Ian

      Ich folgte ihr durch die Tür und der leckere Duft von Gebackenen und Kaffee drang in meine Nase. Ich lief dicht hinter ihr, nicht um mich aufzuzwingen, sondern um weiterhin ihre Nähe genießen zu können. Ich lächelte sie an und schaute ebenfalls auf die gut riechenden Zimtschnecken in der Auslage. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Ich bestätigte ihre Bestellung mit einem Nicken und folgte ihr an den Tisch. Das sie den Stuhl so nah an mich schob, lies mein Herz wieder höher schlagen. Unsere Oberschenkel berührten sich bei jeder Bewegung und ich genoss dieses Gefühl. Ich legte automatisch und ganz leicht meinen Kopf an ihren und schloss für einen Moment die Augen. Niemand konnte uns das hier gerade kaputt machen.
      Der Duft von Zimtschnecken und heißer Schokolade lies mich wieder aufsehen. Ich riss mir ein Stück ab und tunkte ihn in meinen Kakao.
      Ich musste lächeln bei ihrer Aussage. "Du meinst diesen Blick?" Ich zeigte auf mein Gesicht.
      Ich betrachtete sie und mir war klar das sie das mit der Sahne an ihren Lippen mit Absicht gemacht hat, nur um mich wieder aus den Konzept zu bringen. Mein Herz stolperte in meiner Brust. "Vielleicht kann ich es wirklich nicht glauben?" Wie viel Glück kann man haben mit so einem tollen Mädchen hier zu sitzen und heiße Schokolade zu trinken? Ich lächelte sie sanft an. Ich folgte jede ihrer Bewegungen mit meinen Augen. Ganz bewusst natürlich. Ich schüttelte leicht den Kopf und legte ein schiefes Grinsen auf. "Weißt du, mein verschlafener Blick am Morgen steht mir nur gut, weil du da bist um ihn zu sehen." Meine Augen funkelten und ich wischte ihr mit meinem Daumen den Rest von der Sahne an ihrem Lippen ab. Eine Geste die ich vorher noch nie bei irgendjemanden gemacht habe.
      Dieser Moment hier mit ihr in der Bäckerei zu sitzen, fühlt sich an als wären wir in unserer eigenen Bubble.
      Ich aß brav meine Zimtschnecke weiter und genoss das warme Getränk. Ihre Frage lies mich aufhorchen. Ich winkte ab. "Ich denke wir werden nicht drum herum kommen und glaube mir wir werden aussehen als ob wir im Lotto gewonnen haben. Ich meine ich bekomme dieses Grinsen nicht mehr aus meinem Gesicht." Ich beugte mich ein Stück näher zu ihr "Aber das ist mir egal, sollen sie doch reden und denken was sie wollen. Ich stehe zu dem was zwischen uns passiert ist." Ich drückte ihr einen zarten Kuss auf die Wange.
      Ich löste mich wieder von ihr und nahm noch einen letzten Schluck von meinem Kakao. Meine Gedanken kreisten jetzt doch um die Schule. Das Wissen das wir dann gemeinsam durch die Tür der Schule gehen brachte mein Herzschlag aus dem Takt.
      Ich hatte keine Angst davor diesen Weg mit ihr zu gehen, nein ich war dankbar dafür das dieses Mädchen in mein Leben getreten ist. Dass es so zwischen uns gefunkt hat, als würde irgendwo ein Feuerwerk explodieren. Ganz egal wohin das Ganze mit uns führt, ich wusste das ich immer an ihrer Seite bleiben werde. Trotz meinen inneren Dämonen. Sie lies mich all das für einen Moment vergessen, als wäre ich nur ein ganz normaler Teenager. Dankbar lächelte ich sie an.
      Nachdem sie fertig gegessen hatte stand ich auf. Für einen kurzen Moment hielt ich inne und betrachte den Tisch auf dem Krümel, zerknitterte Servietten und leere Tassen standen. Ich wollte mir das Bild einprägen, denn das war der erste Morgen, wo alles anders war als sonst.
      Mein Blick ging zu ihr. "Bist du bereit, dich den Raubtieren zu stellen?" Ich grinste selbst bei meiner Aussage, auch wenn ich gerne länger mit ihr hier geblieben wäre, aber die Zeit lief weiter.
      Draußen empfang uns immer noch die kühle feuchte Luft von Forks. Wie selbstverständlich nahm ich wieder ihre Hand in meine.
      Mein Herz schlug schneller, je näher wir der Schule kamen. "Wir können immer noch umdrehen.. und ähm noch ne Zimtschnecke essen?" Ich grinste sie verlegen an, aber ich lief weiter. Je näher wir der Schule kamen umso lauter wurde das Stimmengewirr. Die Schüler standen in Gruppen, scrollten am Handy oder rauchten vor der Schule noch eine. Wir traten auf das Gelände und dann passierte es. Ich spürte die Blicke von allen auf mir. Ich nahm war wie manche sich umdrehten und flüsterten. Ich spürte wie mein innerer Dämon für einen kurzen Moment ausbrechen wollte und dieser Impuls kam einfach loszulassen. Doch dann blickte ich Annalena an und sah in ihre Augen. Statt loszulassen verschränkte ich meine Finger fester mit ihren. "Sie halten uns wirklich für Lotto- Gewinner." Ich zwinkerte ihr zu. Wir liefen weiter und die Jungs aus meiner Fußballmannschaft konnten ihren Augen kaum trauen. Sie jubelten uns zu und grinsten mich an. Drinnen auf dem Flur war das Getuschel deutlicher zu hören. Ich hörte unsere Namen, aber ich ignorierte alles um mich herum. Ich zog Annalena bis zum Gemeinschaftsraum. Kurz davor hielt ich inne und drehte mich zu ihr um. "Hey, ganz egal was sie sagen.. ich bereue nichts." Ich strich ihr zärtlich über ihre Wange. Ich öffnete die Tür und wir traten hinein. Dieses Mal war das Gefühl ein anderes.
    • Annalena

      Ich beobachte wie die Regentropfen an den Fenstern herunter rannen, während wir in dieser winzigen, hölzernen Nische saßen. Es fühlte sich so unglaublich richtig an, so erholsam. In meinem Kopf gab es keinen Platz mehr für die To-do-Listen des Tages... es gab nur dieses halbverschlafene Warten auf unsere Bestellung. Während ich meinen Kopf an seine Schulter lehnte, schlang ich meine Arme um seinen starken Oberarm und drückte ihn fest an mich. Sein Geruch, dieser Mix aus seinem Wald, Regen und der kühlen Morgenluft, kombiniert mit seiner vertrauten Körperwärme war wie eine Art Trance für mich. "Weißt du", murmelte ich in den Stoff seines Shirts, "das hier hilft absolut nicht beim Wachwerden. Im Gegenteil, ich könnte hier auf der Stelle wieder wegnicken und den Rest der Welt einfach draußen im Regen stehen lassen." Dass wir neben all der hitzigen Leidenschaft auch so sanft und still miteinander sein konnten, gab mir eine Sicherheit, die ich vorher nicht gekannt hatte. Es war wie das fehlende Puzzleteil, das ich in meiner Vorstellung von meinen Leben immer übersehen hatte. Als er dann auf sein Gesicht deutete und mich nach dem 'Blick' fragte, musste ich leise lachen. "Ja, genau diesen Blick", bestätigte ich schmunzelnd und piekste ihm spielerisch in die Seite.
      Als er mir dann mit dem Daumen die Sahne von der Lippe wischte, setzte mein Herz nicht nur einen Schlag aus, es machte einen kompletten Salto. Ich war so rettungslos schockverknallt, dass allein diese kleine, alltägliche Geste ausreichte, um meine Knie unter dem Tisch weich werden zu lassen. Ich sah ihn einfach nur an, unfähig, den Blick abzuwenden, während er mir versicherte, dass er zu uns stand. Als er mir den Kuss auf die Wange gab, drehte ich meinen Kopf instinktiv ein Stück und hauchte ihm einen schnellen, sanften Kuss auf den Mundwinkel. "Gut", flüsterte ich. "Denn ich habe auch nicht vor, dich zu verstecken." Seinen Kommentar zu den 'Raubtieren' konterte ich mit einem schlagfertigen Grinsen, während ich mir die letzte Krume meiner Zimtschnecke schnappte. "Ach, keine Sorge. Ich hab zwar meine Peitsche vergessen, aber in deinem Hoodie fühle ich mich unschlagbar genug für die ganze Highschool." Sein Vorschlag, einfach umzukehren und die Welt gegen noch eine Runde Zimtschnecken einzutauschen, brachte mich zum Lachen. "Verlockend, wirklich verlockend... Aber durchbrennen rettet uns nicht, Ian. Spätestens wenn der Duft von frischem Hefeteig verflogen ist, finden sie uns trotzdem. Wir ziehen das also lieber jetzt durch. Bevor ich es mir anders überlege." Gab ich wehmütig zu und drückte seine Hand.
      Als wir das Schulgelände betraten, spürte ich sofort, wie sich etwas in ihm veränderte. Seine Hand schloss sich fester um meine, sein Kiefer spannte sich an. Ich sah zu ihm hoch. "Ian? Alles okay bei dir?", fragte ich leise. Die ersten tuschelnden Gruppen waren kaum zu überhören. All die Blicke und das stetige Geflüster. Dieses typische Knistern von Gerüchten. Typisch für so eine verschlafene Kleinstadt wie Forks. Ich drückte seine Hand beruhigend. "Hey...", murmelte ich, ein bisschen weicher. Noch sind wir sind nur zwei Menschen, die Zimtschnecken gegessen haben. Kein Staatsgeheimnis." Langsam hob ich meine freie Hand und legte sie sanft an seine Wange. Seine Haut war warm unter meinen Fingerspitzen. Ich musste wirklich meinen Verstand verloren zu haben. Ganz sacht zog ich ihn ein kleines Stück zu mir herunter, nur so weit, dass unsere Stirnen sich beinahe berührten. Für einen Moment blendete ich alles aus. Das Tuscheln. Die neugierigen Blicke. Das Raunen im Hintergrund. Es gab nur uns, Ian und mich. Ich hob mich leicht auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Nicht stürmisch wie am Abend zuvor. Nicht atemlos aber dafür umso bedeutungsvoller. Meine Lippen ruhten einen Moment länger auf seinen, als nötig gewesen wäre...aber ich konnte einfach nicht anders. Ian war viel zu süß und mir viel zu wichtig. Als seine Mannschaftskameraden zu jubeln und zu johlen begannen, verdrehte ich jedoch sofort leicht die Augen. "Testosteron in freier Wildbahn.", murmelte ich trocken. "Faszinierend.... aber kein Grund mir meinen großen Auftritt zu versauen." Vor dem Gemeinschaftsraum blieb er stehen. Ich sah ihm direkt in die Augen die noch immer so freudig und ungläubig leuchteten wie die eines Kindes an Weihnachten. "Ich bereue auch nichts. Ich würde dich hier direkt gleich wieder küssen.", sagte ich ruhig und war selbst überrascht, wie fest meine Stimme dabei klang. "Und ich würde es wieder tun. Genau so und...jeder Zeit." Ich atmete tief ein, spürte die Wärme seines Hoodies auf meiner Haut, seine Hand in meiner. Und als wir gemeinsam durch die Tür traten, fühlte es sich nicht mehr wie ein Risiko an. Es fühlte sich an wie ein Anfang. Nicht wie Verstecken. Die Schule war eine Sache aber jetzt musste ich mich wohl nur den Verhör meiner besten Freundin und bald auch meiner Familie stellen.
    • Ian

      Die Tür schloss sich hinter uns und ich bekam erst jetzt so richtig mit wie laut mein Herz eigentlich schlug.
      Der Gemeinschaftsraum war wie immer voller Trubel. Ich hielt immer noch fest ihre Hand. Heute fühlte sich das Ganze anders an. Es fühlte sich neu an und ungewohnt, aber das gefiel mir. Ich war noch nie so entschlossen wie jetzt. Der Kuss den sie mir vor all den Menschen auf dem Schulhof gab überraschte mich so sehr das ich das jetzt erst richtig realisiert habe.
      Ein paar Blicke waren auf uns gerichtet. Für meinen Geschmack sahen sie uns zu lange und zu neugierig an. Meine Finger blieben weiterhin mit ihren verschränkt. Ich blickte sie an und lächelte. "Wir stehen das zusammen durch", flüsterte ich ihr zu. Ein paar Schüler flüsterten und ich erkannte dieses typische Getuschel. Es war genau so ähnlich wie an meinem ersten Tag hier an der Schule. Doch dieses Mal war ich nicht alleine. Ich hatte eine wunderschönes starkes Mädchen an meiner Seite. Die ihnen, wenn nötig, die Meinung sagen kann. Sie verlieh mir neuen Mut und meine Nervosität ging ein klein wenig zurück. Ich stich ihr sanft mit meinen Daumen über ihren Handrücken. Ich beugte mich zu ihr runter und sah sie an. "Was Logan, Tessa und deine Familie angeht...." Ich zog eine Augenbraue nach oben. "Soll ich mich schon einmal mental auf das Verhör vorbereiten? Vielleicht überlege ich mir auch noch eine Verteidigungsstrategie." Bei dem letzten Satz zuckten meine Mundwinkel und sie boxte mir spielerisch an den Arm. "Ja das hab ich wohl verdient, aber ich werde bei der Wahrheit bleiben." Meine Augen suchten ihre. "Ich werde ihnen sagen das ich dich mag, sehr sogar und das ich nicht vorhabe damit aufzuhören." Der Raum, das Flüstern und Getuschel lies ich für einen Moment hinter mir.
      ...für einen Moment existierte nur sie.
      Ich lies von ihr los und legte meine Hände auf ihre Hüfte und zog sie näher an mich heran. Dann drückte ich ihr einen Kuss auf die Stirn. "Ich möchte dich nicht loslassen..." Mein Blick ging durch den Raum und ich konnte Tessa und Logan ausmachen. Ich seufzte. "Gleich geht es los." Ich nickte in die Richtung der beiden und wir drehten uns gemeinsam zu ihnen um. Ich nahm wieder ihre Hand in meine Hand und drückte sie fester. Ich bewaffnete mich innerlich und war gespannt darauf was die Beiden zu uns sagen werden. Den Kopf abreißen werden sie uns sicherlich nicht. Obwohl ich bei Logan eher gemischte Gefühle habe.
    • Annalena

      Ich spürte den Boden unter meinen Füßen kaum, während wir uns durch die Reihen der Tische schoben. Ians Hand in meiner war der einzige Anker, der mich davon abhielt, einfach davon zu schweben ... oder vor Nervosität im Erdboden zu versinken. "Eine Verteidigungsstrategie?", wiederholte ich leise und sah zu ihm auf, während wir uns unaufhaltsam unserem Stammplatz näherten. "Ian, bei meiner Familie und Logan hilft keine Strategie. Da hilft nur absolute Kapitulation oder... nun ja, eine sehr dicke Haut. Aber keine Sorge, ich werfe mich vor dich, wenn sie die Fackeln und Mistgabeln rausholen."
      Als er dann jedoch stehen blieb, seine Hände auf meine Hüften legte und mir diesen Kuss auf die Stirn gab, vergaß ich für einen Moment sogar, dass wir gerade das Gesprächsthema Nummer eins in der gesamten Oberstufe waren. "Du hast ja keine Ahnung, worauf du dich da einlässt", flüsterte ich gegen seine Brust, während ich mich für einen winzigen Augenblick an ihn lehnte. "Aber ich bin verdammt froh, dass du es tust." Dann folgte ich seinem Blick. Da saßen sie. Tessa und Logan. Tessa hatte diesen typischen 'Ich-wusste-es'-Blick aufgelegt, gemischt mit einer ordentlichen Portion Neugier, während Logan... nun ja, Logan sah aus, als hätte er gerade eine Zitrone gegessen und würde gleichzeitig versuchen, ein kompliziertes mathematisches Rätsel zu lösen. Sein Blick fixierte zuerst unsere verschränkten Hände und wanderte dann langsam hoch zu Ians Gesicht. "Tief durchatmen", murmelte ich Ian zu, als wir die letzten Schritte auf sie zugingen. "Logan beißt nur, wenn man ihn nicht richtig füttert, und Tessa... Tessa will wahrscheinlich nur jedes einzelne Detail wissen. Wir schaffen das." Wir blieben direkt vor ihnen stehen. Die Stille an unserem Tisch war so laut, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, obwohl um uns herum das normale Chaos herrschte. Ich räusperte mich kurz und versuchte, so lässig wie möglich zu klingen, auch wenn ich in Ians viel zu großem Hoodie wahrscheinlich eher wie ein ertapptes Schulmädchen aussah. "Guten Morgen.", sagte ich und versuchte ein unschuldiges Lächeln. "Hat jemand von euch zufällig Lust auf eine Zimtschnecke? Wir haben... äh, leider keine mehr übrig, aber der Gedanke zählt ja..." Tessa zog eine Augenbraue hoch und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ann...-alena. Ian. Wollt ihr uns vielleicht irgendetwas erklären? Oder sollen wir einfach weiter raten, warum du ...offensichtlich seinen Hoodie trägst und ihr ausseht, als hättet ihr die ganze Nacht lang... nun ja, nicht geschlafen?" Logan sagte gar nichts. Er starrte Ian einfach nur an, als würde er darauf warten, dass dieser den ersten Fehler machte. Ich spürte Logans bohrenden Blick förmlich auf meiner Haut, während Tessa aussah, als würde sie gleich vor unterdrückter Neugier explodieren. Bevor die Situation vollends kippen konnte, straffte ich die Schultern. Ich zupfte demonstrativ an dem viel zu langen Ärmel des dunkelroten Stoffes und schenkte Tessa mein unschuldigstes und gleichzeitig frechstes Lächeln. "Erklären, Tess?", wiederholte ich mit gespielt ahnungslosen Tonfall. "Nun ja, die meteorologischen Bedingungen in Forks sind ja allgemein bekannt. Es war heute Morgen einfach... unerwartet kühl. Und da Ian ein Gentleman ist, hat er mir eben sein letztes Hemd .... beziehungsweise seinen letzten Hoodie, überlassen." Ich warf einen kurzen, amüsierten Seitenblick zu Ian hoch, bevor ich mich wieder an die beiden vor uns wandte. "Und was das Schlafen angeht...", fuhr ich fort und ließ eine kleine, dramatische Pause entstehen, während ich sah, wie Logan die Kiefermuskeln anspannte. "Sagen wir einfach, wir hatten eine sehr intensive philosophische Debatte über die Qualität von Zimtschnecken am Morgen und die Frage, ob Romeo heute eigentlich noch eine Chance bei Julia hätte. Spoiler-Alarm: Er hat sie. Alsooooo, ihr könnt jetzt entweder weiter so gucken, als hätten wir gerade das Schulgebäude angezündet", sagte ich und zog eine Augenbraue hoch, wobei ich Logan direkt in die Augen sah, "oder ihr akzeptiert einfach, dass Rot absolut meine Farbe ist und wir heute Morgen verdammt gute Laune haben. Logan? Willst du Ian noch länger hypnotisieren oder kriegst du auch ein 'Guten Morgen' raus?" Ich lehnte mich ein Stück näher an Ian, fast schon provokant, und wartete darauf, dass einer von ihnen die Schockstarre löste. Logan rührte sich endlich. Er lehnte sich langsam zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und fixierte uns mit einem Blick, der irgendwo zwischen Belustigung und einem drohenden Gewitter schwankte. "Na schön", brach Logan das Schweigen, und seine Stimme klang gefährlich entspannt. "Wenn wir schon bei Romeo und Julia sind... Ich hoffe, Ian, du bist dir im Klaren darüber, was das für dich bedeutet. In meiner Familie gibt es Traditionen. Deshalb verlange ich jetzt stellvertretend eine angemessene Mitgift. Andernfalls darfst du ihre Hand nicht mehr halten und ich vergrabe dich im Wald." Er machte eine kurze Pause und ein schiefes Grinsen stahl sich auf seine Lippen. "Ich dachte da an lebenslange Versorgung mit Snacks meiner Wahl, dein Erstgeborenes und... hm, vielleicht die gestohlenen Kronjuwelen aus den Louvre, ohne zu murren. Dann könnten wir über eine friedliche Koexistenz verhandeln." Tessa prustete los. "Siehst du?", flüsterte ich Ian zu. "Er verhandelt schon." In unserer Familie ist bis jetzt noch nie jemand die Hand ausgerutscht aber man musste schlagfertig sein um zu überleben.
      Doch dann passierte es. Logans Grinsen verschwand so schnell, wie es gekommen war. Er nahm die Arme runter, beugte sich weit über den Tisch und sah Ian so direkt an, dass sogar mir kurz der Atem stockte. "Aber jetzt mal ohne Scheiß, ...Ian Black", sagte der Rotschopf, und seine Stimme war nun tiefer und verdammt ernst. "Ich kenne dich nicht dich. Aber ich kenne Annie besser als jeder Andere. Wenn das hier nur so eine Nummer ist, weil dir langweilig war oder du sehen wolltest, wie weit du bei der 'braven Schülersprecherin' gehen kannst... dann ist die Sache mit der Mitgift dein kleinstes Problem." Er machte keine Anstalten, wegzusehen. "Sie ist nicht irgendein Mädchen aus der Großstadt. Wenn du sie verletzt, ...Ian Balck, dann gibt es keinen Ort in dieser verregneten Stadt, an dem du dich vor mir verstecken kannst. Hast du mich verstanden?" Oh je... wo waren wir denn jetzt falsch abgebogen?! Bevor die Situation völlig eskalierte, griff ich ein. Ich löste meine Hand aus Ians festem Griff und legte sie flach auf den Tisch, genau zwischen die beiden.
      "Okay, Timeout!", sagte ich mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Ich sah Logan direkt in die Augen. "Logan, danke für die dramatische Filmreife, aber wir sind hier im Gemeinschaftsraum und nicht in einem Mafia-Epos", fuhr ich fort. "Ian weiß genau, wer ich bin. Und ich weiß, wer er ist. Du musst ihn nicht bedrohen. Ich bin durchaus in der Lage, meine eigenen Schlachten zu schlagen, falls er jemals auf die Idee kommen sollte, ein Idiot zu sein. Was er ... und ich betone - bisher übrigens nicht war."
      Ich warf Ian neben mir einen kurzen, aufmunternden Blick zu. "Außerdem", fügte ich mit einem frechen Grinsen hinzu, "wenn du wirklich eine Mitgift willst, solltest du an deinem Verhandlungsgeschick arbeiten. Das Erstgeborene? Ernsthaft? Ich dachte, du wolltest eher seine PS5, lebenslangen Zugang zu seinen Netflix-Konto oder dass er deine Hausaufgaben in Physik für dich macht." Tessa lachte leise auf. Logan starrte mich noch einen Moment lang an, suchte nach Unsicherheit in meinem Gesicht, und lehnte sich dann zurück. "Na schön", gab er schließlich nach. "Aber die Sache mit den Snacks steht. Lebenslänglich." Ich legte meine Hand wieder in Ians. "Siehst du?", flüsterte ich ihm zu. "Er bellt nur. Meistens jedenfalls." Sachte lente ich meinen Kopf wieder gegen seine Schulter, wie ich es in der Bäckerei getan hatte. Was war das nur für ein verrückter Morgen?
    • Ian

      Ich versuchte tief durchzuatmen und wandte mein Blick zu den beiden. Tessa war es nicht, die mich mit ihrem Blick so anschaute, als hätte ich eine Grenze überschritten oder irgendetwas verbrochen. Nein es war Logan. Dieser Blick sprach Bände, aber ich hielt im stand und schaute ihn ebenfalls direkt und ernst an. Was Annalena zu den beiden sagte bekam ich nur nebenbei mit, denn mein Blick war auf ihn fixiert. Ich wusste das er irgendeine Bedrohung in mir sieht und das gab er mir gerade deutlich zu spüren.
      Als er es endlich geschafft hat seinen Blick von mir zu nehmen und die ganze Geschichte zu kommentieren, löste ich mich ebenfalls aus dieser Starre. Ich blinzelte kurz um meine Augen wieder zu entspannen. Dann sah ich Logan wieder an. "Ich habe dich laut und deutlich verstanden." Meine Stimme blieb ruhig, so ruhig es eben ging. Ich wollte hier keine Szene machen. Wir bekamen schon genug Aufmerksamkeit von den anderen Schülern. "Glaub mir ein, wenn das hier ein Spiel für mich wäre oder sonst etwas, dann wäre ich nicht hier mit ihr." Mein Kiefer spannte sich für einen Augenblick an. "Es mag zwar sein das ich nicht viel über Annalena weiß, aber ich weiß genug, um zu wissen das man jemanden wie sie nicht leichtfertig behandelt." Ich atmete einmal tief durch. Meine Hand hielt ihre weiterhin fest. "Ich versuche hier niemanden etwas zu beweisen. Annalena ist für mich keine Trophäe die ich in irgendeine Vitrine stellen kann, nein sie bedeutet mir mehr als ihr euch vorstellen könnt." Mein Blick ging automatisch zu ihr. Ich lächelte ihr sanft zu.
      Mein Blick ging anschließend wieder zu Logan. "Du musst mich nicht mögen oder mein Freund sein. Aber ich gebe dir hiermit mein Versprechen das ich sie nicht verletzten werde. Falls ich doch eines Tages großen Mist bauen sollte.." Meine Mundwinkel zuckten leicht. "...dann werde ich mich erst mit ihr auseinandersetzen müssen und das macht mir mehr Angst, als du Logan."
      Sein Blick wurde weicher und er schaute mich nicht mehr so provokativ an.
      "Ach ja was die Mitgift angeht.. Nun Snacks sind machbar, eine PS5 wird schwierig, da ich selbst nicht mal eine besitze. Und Kronjuwelen aus dem Louvre? Wir leben im 20.Jahrhundert, da sind die Sicherheitssysteme deutlich fortgeschrittener und ich wollte nicht den Rest meines Lebens hinter Gittern verbringen." Mein Blick ging automatisch zu ihr. Ich wusste was ich wollte und daran hielt ich fest. "Eines möchte ich noch loswerden. Ich bleibe, nicht nur heute Morgen, also gewöhn dich dran." Ich blieb weiterhin ruhig.
      Nachdem dieses für mich unangenehme Gespräch beendet war und ich Logan jetzt bis ans Ende meiner Tage Snacks mitbringen soll, genoss ich den kurzen Moment, als sich Annalena an mich lehnte. Mein Herzschlag wurde wieder schneller. Ich wollte wirklich nichts anderes mehr.. Nur sie und ich und ganz viele Netflix Abende auf meinem Sofa. Wobei ich die Zeit in der Bäckerei mit der heißen Schokolade und den Zimtschnecken auch super fand. Hauptsache sie war an meiner Seite.
      Doch ich wusste das Logan nur das kleinere Übel war.. Ich musste mich noch den Rest ihrer Familie stellen. Der Gedanke daran lies mich schlucken. Ich spürte den Blick von Annalena auf mir. Ich versuchte mir nichts weiter anmerken zu lassen und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
      "So ich glaube wir sollten uns jetzt anderen Herausforderungen stellen. Und zwar Mathe." Mein Blick ging zur Uhr. Ja die Freistunde war leider vorbei und die Realität holt einen schneller ein als gedacht. Im Hinterkopf behielt ich dennoch das die Schule ja nicht den ganzen Tag dauern wird auch wenn ich mir vorstellen könnte, das Annalena lieber erst einmal zu Hause auftauchen sollte, als wieder eine ganze Nacht zu verschwinden. Ich wollte nicht das sie Ärger bekommt. Und ich sollte unbedingt meine Mum anrufen.. ich sah heute Morgen flüchtig auf meinen Handy das sie mich gestern ein paar Mal versucht hat anzurufen. Nicht das sie plötzlich hier auftaucht, weil sie sich Sorgen um mich macht. Zutrauen würde ich es ihr, aber jetzt heißt es erst ein Mal Lernen.
    • Annalena

      Der Matheunterricht war eine einzige Katastrophe zumindest für mein Gehirn. Während Unser Lehrer vorne an der Tafel leidenschaftlich über Ableitungen dozierte, war ich viel mehr damit beschäftigt, den Ärmel von Ians Hoodie über meine Finger zu ziehen. Tessa, stupste mich mit ihrem Ellbogen an und schob mir einen Zettel rüber, auf dem nur ein riesiges Fragezeichen und ein breit grinsendes Smiley zu sehen waren. Ich verdrehte die Augen, konnte das Lächeln aber nicht unterdrücken. "Willkommen im Club der Schockverknallten", spottete sie leise und kicherte. "Aber erinnerst du dich noch an meine erste Verabredung mit Logan? Er war so nervös, dass er mir versehentlich Saft über das weiße Kleid geschüttet hat." Ich blinzelte zunächst verwirrt. "Oh Gott, ja!", ich musste prusten und hielt mir den Mund zu, als unser Lehrer kurz streng in unsere Richtung sah. "Und er hat danach drei Tage lang nicht gewagt, dich anzurufen, weil er dachte, er hätte dich für immer traumatisiert. Es ist bei uns eben auch nicht anders als bei jedem anderen Paar ... dieser ganz normale, verrückte Mädchenkram eben. Man schwebt auf Wolke sieben und hat gleichzeitig Angst, abzustürzen." Wir kicherten zusammen und schwelgten in Erinnerungen an die peinlichen Anfänge von Logans Liebesleben, was den Unterricht deutlich erträglicher machte. Es tat gut, mit Tessa so unbeschwert zu sein, trotz des Gewitters, das sicher noch auf mich wartete.
      In der kleinen Pause zwischen Mathe und Geschichte sah ich Ian am Ende des Raumes an seinen Platz sitzen. Mir fiel plötzlich ein, dass wir zwar eine ganze Nacht und einen halben Morgen miteinander verbracht hatten, aber eine Sache völlig vergessen hatten.
      Ich kramte einen schwarzen Edding aus meiner Federmappe. "Hey", sagte ich, während ich seine Hand nahm. Ohne ein Wort zu sagen, klappte ich seine Handfläche nach oben und fing an, mit schnellen, geschwungenen Bewegungen meine Nummer direkt auf seine Haut zu schreiben. "Das ist ein Sicherheits-Update.", erklärte ich und pustete kurz über die Tinte, damit sie nicht verschmierte. "Falls du heute Abend Sehnsucht nach mir hast oder Logan sich entschließt dir blöde Streiche zu spielen. Du hattest meine Nummer nämlich noch gar nicht, Sunnyboy." Ich drückte einen schnellen Kuss auf seine nun beschriftete Handfläche. Ich kam um Hausarrest bis zu meinen dreizigsten Geburtstag wahrscheinlich nicht herum. Da war es wohl der schlauste Schachzug.

      • —– ٠ ✤ ٠ —– • ·

      Der Weg zum Anwesen meines Patenonkels fühlte sich wie der Gang zum Schafott an. Jedes Mal, wenn meine Schuhsohlen über den Kies der Auffahrt knirschten, zog sich mein Magen ein Stück enger zusammen. Ich trug immer noch Ians Hoodie, er war mein Schutzpanzer, auch wenn er mich gleichzeitig wie eine wandelnde Zielscheibe für "Wo-warst-du-die-ganze-Nacht"-Fragen aussehen ließ.
      Ich drückte die schwere Eichentür auf und das vertraute Klicken des Schlosses hallte unnatürlich laut durch die herrschaftliche Diele. Es war still. Zu still. "Hallo?", rief ich leise. Keine Antwort. Ich ging tiefer in das Haus, vorbei an den hohen Fenstern, durch die das trübe Nachmittagslicht von Forks fiel. Als ich das Arbeitszimmer erreichte, blieb mir fast das Herz stehen. Er stand am Fenster, den Rücken zu mir gekehrt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Allein seine Haltung strahlte eine solche Autorität aus, dass ich am liebsten auf der Stelle umgedreht wäre.
      Als er sich langsam umdrehte, traf mich sein Blick wie ein physischer Schlag. Er sah finster aus, die typischen dunklen Schatten unter den Augen und die Lippen zu einem schmalen, harten Strich gepresst. Es war dieser strenge, unnachgiebige Blick. Ich öffnete den Mund, um zu einer wirren Erklärung anzusetzen, um mich für mein Verschwinden zu rechtfertigen, um das Chaos der letzten Stunden irgendwie in Worte zu fassen. "Ich... es tut mir leid, ich hätte anrufen sollen, ich war bei...", stammelte ich, während ich nervös am Saum des Hoodies spielte. Er sagte kein Wort. Er kam einfach nur auf mich zu. Jeder seiner Schritte wirkte schwer und bedrohlich. Ich hielt unwillkürlich den Atem an und rechnete mit einer Standpauke, die das ganze Haus erschüttern würde. Vielleicht Hausarrest bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag? Oder Schlimmeres.
      Er blieb direkt vor mir stehen. Sein Blick durchbohrte mich prüfend, fast schon schmerzhaft intensiv. Und dann, als ich gerade die Augen schließen wollte, um das Donnerwetter über mich ergehen zu lassen, passierte das Unvorhersehbare. Ohne eine einzige Silbe des Vorwurfs breitete er die Arme aus und zog mich fest an sich.
      Es war kein sanftes Umarmen, es war ein fast schon verzweifeltes Festhalten. Er drückte mich so fest, dass mir kurz die Luft wegblieb, und vergrub sein Gesicht kurz an meiner Schulter. In diesem Moment wurde mir klar, dass die Dunkelheit in seinem Blick kein Zorn gewesen war ... es war pure Angst gewesen. Die Angst, mich verloren zu haben.
      Zuerst versteifte ich mich. Mein ganzer Körper war auf Flucht oder Verteidigung programmiert gewesen, auf laute Worte und bittere Vorwürfe. Dass er mich einfach nur festhielt, war so weit weg von dem, was ich erwartet hatte, dass mein Verstand einen Moment lang einfach aussetzte. Ich wusste nicht, wie ich das einordnen sollte. Dieser Mann, der sonst wie ein Fels in der Brandung, ...oder manchmal wie die Brandung selbst, wirkte hielt mich fest, als wäre ich sein einziger Anker.
      Ich spürte das raue Material seines Sakkos an meiner Wange und den schweren, vertrauten Duft nach altem Papier und Zedernholz, der dieses Haus schon immer umgab. Ein Teil von mir wollte zurückweichen, wollte fragen, was das soll, doch ein viel größerer Teil gab einfach nach. Vorsichtig, fast schon schüchtern, hob ich meine Arme und schlang sie um seinen Rücken. Ich drückte mein Gesicht fest in seine Schulter. In dem Moment, in dem ich die Umarmung erwiderte, passierte etwas Merkwürdiges: Der ganze Stress der letzten vierundzwanzig Stunden, das Gefühlschaos mit Ian, die Angst vor der Schule, das Zittern vor diesem Moment ... fiel mit einem Schlag von mir ab.
      Es fühlte sich nicht nach einer Strafe an. Es fühlte sich nach Geborgenheit an. Nach einem Ort, an dem ich nicht die schlagfertige Annalena sein musste, die alles im Griff hat. Es fühlte sich nach Heimat aus. Wir standen eine gefühlte Ewigkeit so da. Das einzige Geräusch im Raum war das Ticken der großen Standuhr und das Prasseln des Regens gegen die hohen Fensterscheiben. Ich spürte, wie sein Atem sich langsam beruhigte, genau wie meiner. Wir redeten nicht über das Verschwinden, nicht über den Hoodie und nicht über die Sorgen. Zumindest jetzt noch nicht. "Ich dachte...", fing ich leise an, meine Stimme klang belegt, "ich dachte, du bringst mich um."
      Als Antwort bekam ich ein trockenes Lachen, das eher traurig als amüsiert klang. Er lockerte den Griff ein wenig, ließ mich aber nicht ganz los.Lake legte seine großen Hände an meine Oberarme und schob mich ein Stück zurück, nur um mir fest in die Augen zu sehen. Der finstere Blick war weg, ersetzt durch eine tiefee Erschöpfung. "Das hebe ich mir für später auf", brummte er, doch der Unterton war weich. "Erstmal bin ich nur froh, dass du heil hier aufgetaucht bist, Kleines."
      Er strich mir kurz über den Ärmel von Ians Hoodie, runzelte die Stirn, sagte aber nichts dazu. Stattdessen nickte er in Richtung der Küche.
      Der Tee dampfte in den Tassen, und der Duft von Earl Grey mischte sich mit der kühlen Luft, die noch immer von draußen durch die Ritzen drang. Mein Patenonkel saß mir gegenüber, die Hände um seine Tasse geschlossen. Er wirkte jetzt viel ruhiger, fast schon friedlich, aber dieser freundliche Ausdruck in seinen Augen täuschte mich nicht. Er war immer noch mein Vormund, und Regeln waren in diesem Haus kein bloßer Vorschlag. "Du weißt, dass meine Erleichterung kein Freifahrtschein ist, Annalena.", sagte er ruhig und nahm einen Schluck. "Ich bin froh, dass es dir gut geht, aber die Angst, die du deiner Großmutter und mir bereitet hast... die kann ich nicht einfach so stehen lassen." Ich nickte langsam und sah in meinen Tee. "Ich weiß. Was hast du dir vorgestellt? Lebenslang Hausarrest?" Ein kurzes, trockenes Schmunzeln huschte über sein Gesicht. "Nein, wir wollen mal nicht übertreiben. Du wirst die nächsten zwei Wochen jeden Nachmittag nach der Schule oder der Arbeit direkt nach Hause kommen. Kein Rumtreiben, keine spontanen Ausflüge." Ich schluckte. Das bedeutete, Ian erst mal nur in der Schule zu sehen. Aber es kam noch dicker.
      "Und", fuhr er fort, wobei sein Blick wieder etwas strenger wurde, "du wirst mir beim Archivieren der alten Familienchroniken im Keller helfen. Jeden Samstagmorgen. Vier Stunden lang. Staub wischen, sortieren, katalogisieren. Ohne Handy." Bitte...was? Diese Strafe klang verdächtig nach meiner Großmutter. "Der Keller? Das ist ja wie im Mittelalter!", wiederholte ich wehmütig. "Betrachte es als Entschleunigung", erwiderte er mit einem fast schon sachten Lächeln. "Es gibt dir Zeit, darüber nachzudenken, warum Kommunikation, besonders ein kurzer Anruf, so wichtig ist. Und es gibt mir die Sicherheit, dass du genau weißt, wo du hingehörst."
      Er lehnte sich zurück. "Das ist die Strafe, Annalena. Akzeptierst du sie, oder sollen wir lieber darüber reden WO du diese Nacht über warst?" Ich schluckte schwer. So wie er das alles betonte wusste er doch genau über Ian bescheid. "Ja gut! Ich nehme den Keller", murmelte ich und musste trotz allem ein bisschen lächeln. Es war fair. Hart, aber fair. Und irgendwie passte es zu ihm ... keine lauten Worte, sondern eine Aufgabe, die Geduld erforderte. Vielleicht war es diese Seite, von der die Haushälterin vorgestern Abend gesprochen hatte....
    • Ian

      Mathe war wirklich anstrengend. Ich konnte mich kaum auf das was der Lehrer da vorne von sich gab konzentrieren. Ich würde am liebsten zurück spulen auf heute Morgen, oder gestern Abend? Ganz egal Hauptsache sie war mit dabei. Ab und zu ging mein Blick zu ihr.
      Leider blieb mir nichts anderes übrig als dem Unterricht weiter zu folgen, da ich noch so viel Stoff nachholen musste. Ich wusste zwar nicht wie ich das alles schaffen soll, aber ich blieb optimistisch. Zwischen den Stunden kritzelte ich verträumt auf meinen Notizen herum, als ich ihre zart Stimme hörte. Sofort blickte ich zu ihr auf und sah in ihr strahlendes Gesicht. Doch ehe ich etwas sagen konnte schnappte sie sich meine Hand, drehte sie um schreib mit ihren Edding ihre Nummer auf sie. Völlig perplex sah ich auf meine Hand. Ihr schneller Kuss auf die Stelle lies mein Herz wieder höher schlagen. "Danke.." Ich lächelte sie an und zückte mein Handy um die Nummer einzuspeichern. Ich sollte ihr nach dem Training schreiben, damit sie auch meine Nummer hat.

      Die restlichen Stunden gingen relativ schnell vorbei. Ich freute mich auf das Fußballtraining, auch wenn ich keine Lust auf diesen einen Typen hatte. Das Training verlief ohne besondere Vorkommnisse und ich konnte den Trainer wieder von meinen Fähigkeiten auf den Spielfeld überzeugen. In der Umkleide herrschte reges Treiben und Gerede. Als ich in den Raum hineintrat war plötzlich Ruhe. Die Typen von gestern hatten mich wieder im Visier und starrten mich förmlich an. Ich versuchte sie zu ignorieren, aber es gelang mir nicht so richtig. Ich zog mein Shirt aus um mich umzuziehen und der Obertyrann pfiff auf einmal los. Ich drehte meinen Kopf zu ihm um. "Gibt es ein Problem?" Er musterte mich. "Interessant." Ich zog mir mein Shirt von heute Morgen drüber und zog mir meine Jeans wieder an. Ich band mir meine Schnürsenkel gerade zu als der Typ neben mir zum Stehen kommt. Er lehnte sich an die Spinde an und sah mich an. "Wie kann es sein das du keine blauen Flecken mehr auf deinen Körper hast?" Ich zuckte mit den Schultern. Er griff an mein Shirt und zog mich zu sich ran. "Ich dachte wir hatten dich gut getroffen, aber anscheinend doch nicht. Was die Bloßstellung vor der Schule angeht, dafür wirst du noch büßen müssen." "Halt die Klappe Tristan und lass ihn los!" Max trat hinter ihn. Tristan also.. gut den Namen muss ich mir merken. Er lies von mir ab und lächelte mich schelmisch an. "Das wird noch ein Nachspiel haben. Für euch beide." Er blickte Max ebenfalls an und verlies die Umkleide. Ich atmete tief ein und aus. Ich wusste nicht was der Typ von mir wollte. Schließlich hatte ich ihm persönlich nichts getan. Max sah mich besorgt an. "Ist alles okay?" "Ja geht schon.. Danke." Ich schnappte mir meine Sachen und wir gingen nach Draußen. Dort angekommen warteten schon Kyle und Tommy auf uns. Ich begrüßte die Jungs und wir liefen gemeinsam vom Schulgelände in Richtung Innenstadt. "Soooooo dann erzähl uns Mal das Neuste? Wir haben gehört das du bei der netten Kellnerin punkten konntest", sprach Max zu mir. Automatisch musste ich Lächeln. "Punkten ist vielleicht der falsche Ausdruck dafür.." Die Jungs sahen sich an und dann wieder mich. "Wir können es dir an der Nasenspitze ablesen das du vollkommen in sie verknallt bist", sprach Kyle. Tommy stimmte ihm zu. Die Röte schoss mir in meine Wangen und wir liefen weiter die Straße entlang. "Ich mag sie wirklich sehr. Reicht euch das?" Max legte einen Arm um mich. "Keine Sorge wir freuen uns doch für dich und was die Sache von eben angeht. Mit Tristan. Ignorier den einfach weiter. Das tu ich auch schon so lange. Der ist es wirklich nicht Wert. Er ist nur ein kleines Licht." Ich nickte ihm zu, aber innerlich hatte ich schon ein wenig Angst.. Ich glaube nicht das es nur Gerede von ihm war. An der nächsten Abzweigung verabschiedeten wir uns.

      Ich war froh das ich zu Hause war, auch wenn ich alleine war, genoss ich es trotzdem gerade. Meine Gedanken kreisten jetzt nicht nur um Annalena, sondern auch um Tristan. Dieser Typ war mir ein Dorn im Auge und mein innerer Dämon hatte gerade die wildesten Gedankengänge.. Das Klingeln meines Handys riss mich aus diesen Gedanken. Ich stellte meine Tasche ab und zog das Handy heraus. Meine Mum.. die hatte ich ja komplett vergessen. Ich setzte mich aufs Sofa und nahm ab. "Hey Mum." "Ian? Och Gott sei dank dir geht es gut." Ich biss mir auf die Unterlippe. "Sry das ich mich gestern nicht gemeldet habe." "Schon gut. Ich weiß wie beschäftigt du bist." Ich lächelte wieder, wenn sie nur wüsste.. "Komm lass mich dich sehen." Sie schaltete auf Facetime um und ich schaltete auch meine Kamera an. "Sieh dich an Ian. Du strahlst ja förmlich." "Ähm.. das liegt vielleicht an etwas was ich dir sagen muss.." Meine Mum sah mich eindringlich an und dann grinste sie mich an. "Es geht um ein Mädchen habe ich Recht?" Ich war überrascht von ihrer Frage und fühlte mich ein wenig ertappt. Verlegen sah ich zur Seite. "Erzähl mir alles." "Okay."
      Ich berichtete meiner Mum von Annalena und wie wir uns kennengelernt haben, den Teil, wo sie mich auf dem Weg nach Hause aufgegabelt hatte, lies ich aus. Ich wollte ihr noch immer nicht von davon erzählen. Sie sah mich weiterhin freudig an und ich erzählte weiter. "Ja und nun lassen wir alles auf uns zu kommen und genießen die Zeit." "Ach Ian ich freue mich so für dich. Vielleicht lerne ich sie ja eines Tages kennen. So wie du sie mir beschrieben hast, ist sie wirklich ein tolles Mädchen." Mum wenn du wüsstest wie toll..
      "Ja das ist sie. Und klar. Ich denke darüber nach in den Ferien zu dir zu fliegen. Da könnte ich sie ja mitbringen, sofern sie das natürlich möchte." "Das wäre wunderbar. Ich kann es kaum erwarten. Aber jetzt lass ich dich wieder in Ruhe. Wir reden bald wieder ja?" "Na klar. Hab dich lieb Mum." "Ich dich auch." Und schon legte sie auf. Die Augen meiner Mum strahlten förmlich als ihr von Annalena erzählte. Sie war wirklich etwas besonderes. Dann blickte ich auf mein Handy. Oh und ich wollte ihr noch unbedingt schreiben.
      Schließlich ist sie nach der Schule gleich nach Hause.. Ich hoffe sie hat nicht so viel Ärger bekommen. Ich tippte ihr eine Nachricht.
      ´Hey. Hier ist Ian. So nun hast du meine Nummer auch. :) Ich wollte Mal fragen ob du großen Ärger bekommen hast, oder ob deine Familie nicht so streng mit dir war? Ich vermisse dich..´
      Ich schickte die Nachricht ab und legte das Handy beiseite. Heute würde ich mich erst einmal mit Schulaufgaben beschäftigen und dann schauen was der Tag noch so bringt.
    • Annalena

      Ich konnte es immer noch nicht ganz glauben. Begeistert war Lake nicht, und natürlich hatte ich eine Strafe kassiert... aber dass er mich auf diese Weise umarmen würde, hatte mich völlig unvorbereitet getroffen. In dem Moment, als sich seine Arme um mich schlossen, war die ganze aufgestaute Angst vor seiner Reaktion einfach verpufft. Es war nicht die steife, förmliche Umarmung, die ich erwartet hatte. Es war ein Festhalten, das so viel mehr sagte als tausend Vorwürfe. Sein Geruch nach altem Papier und diesem schweren, beruhigenden Zedernholz hüllte mich ein wie eine schwere Decke. Auf eine merkwürdige, fast schon erschreckend schöne Weise fühlte es sich nach echter Geborgenheit an.... nach einem Zuhause, das über die bloßen Wände dieses Anwesens hinausging. Dieser Geruch und das Gefühl war mir so unglaublich vertraut aber ich konnte einfach nicht sagen warum oder woher. Es war wie verhext!
      Wenig später lag ich bäuchlings auf meinem Bett, die Beine in der Luft angewinkelt, und starrte die staubigen Ordner aus dem Keller an, die ich als 'Hausaufgabe' schon mal mit nach oben nehmen durfte. Mein Kopf lag auf meinen verschränkten Armen, genau dort, wo noch immer der leichte Duft von Ian im Stoff des Hoodies hing. Plötzlich vibrierte mein Handy neben mir auf der Matratze. Ein unbekannter Absender, aber der Text ließ mein Herz sofort einen kleinen Hüpfer machen. Er vermisste mich? Ohhh... wie konnte ein einziger Satz nur so aufwühlen? Ich biss mir nachdenklich auf die Unterlippe und begann sofort eine Antwort zu tippen:

      Ian <3
      Wurde auch Zeit, Sunnyboy ;) .
      Sagen wir so: Ich lebe noch. Die Begrüßung war überraschend milde, aber die Quittung kam sofort: Zwei Wochen 'Stubenarrest Deluxe mit Samstagen Familienspuren im Keller suchen inklusive'. ''^^
      Aber ganz ehrlich? Für heute Morgen und das Gefühl in deinem Hoodie ist es das absolut wert. Vermisse dich auch schon mehr, als gut für mich ist...
      Wie war dein Tag noch so? Hast du deine Mum endlich angerufen oder steht sie morgen in unseren Klassenzimmer? :)

      Ich drückte auf Senden und rollte mich mit einem verträumten Seufzen auf den Rücken, das Handy fest an die Brust gepresst. Strafe hin oder her das hier fühlte sich verdammt richtig an. Das war es alles alle Male wert gewesen. Ganz sicher.
    • Ian

      Doch ich konnte mich erst einmal nicht an die Schulaufgaben machen, weil es keine Minute gedauert hatte, bis Annalena zurück schrieb. Sofort schnappte ich mir das Handy wieder vom Tisch und musste bei ihrer Nachricht wieder grinsen wie ein Honigkuchenpferd.
      Sie vermisste mich also auch und was den Stubenarrest angeht war ich zwar schon ein bisschen genervt.. aber besser als das die Strafe schlimmer ausgefallen wäre.. Also mussten wir die zwei Wochen überstehen. Keine Netflix Abende mehr, keine heiße Schokolade und Zimtschnecken am morgen.. kein Kuscheln auf dem Sofa.. Mir fielen noch so viele Sachen ein, die wir erst einmal nicht machen konnten. Doch die Zeit wird vergehen und dann können wir alles nachholen.. Bei dem Gedanken wurde mir ganz warm und mein Körper kribbelte. Ich biss mir sanft auf die Lippe.. Dieses Mädchen hat mir dermaßen den Kopf verdreht, das glaubt mir keiner.
      Ich schrieb ihr gleich zurück.

      ´Wow das ging schnell. \^-^/ Okay dann bin ich ja beruhigt, hatte schon Angst das du eine härtere Strafe bekommst. ''^^ Hör auf sowas zu schreiben. Ich werde schon wieder rot...Mein Tag war jetzt nicht so nervenaufreibend wie deiner.. Ich hatte Training, was an sich gut war..´

      Ich hielt kurz inne. Soll ich ihr davon erzählen was mit diesem Tristan vorgefallen war? Nein.. sie macht sich sonst nur wieder Sorgen um mich und es war ja auch keine große Sache. Ich tippte weiter:

      ´Die Jungs haben sich für uns gefreut und ja ich hatte mit meiner Mum telefoniert. Und ihr von dir erzählt.. Sie möchte dich unbedingt kennenlernen. Sie ist jetzt schon sehr angetan von dir... Was ich ihr nicht verübeln kann. Falls ich nicht gleich wieder antworte sei mir nicht böse. Ich muss noch ein paar Schulsachen machen. <3 ´

      Ich schickte die Antwort ab und ging jetzt doch ins Schlafzimmer um die Schulaufgaben anzufangen. Ich versank förmlich in den Aufgaben und hatte die Uhr nicht im Blick. Eh ich mich versah war es schon relativ spät geworden. Mein Blick schweifte aus dem Fenster und ich sah die Sonne hinter den Bergen allmählich unter gehen. Wie schön es jetzt wäre wenn Annalena hie wäre.. Doch das war leider nicht möglich. Meinen Stuhl schob ich zurück und ging zurück ins Wohnzimmer. Mein Bildschirm vom Handy leuchtete schon auf. Ich lächelte vor mich hin.

    • Annalena

      Als die Nachricht von Ian aufploppte und ich las, dass seine Mum schon von mir wusste und mich kennenlernen wollte, vergaß ich für einen Moment alle Familienchroniken dieser Welt. Ich presste mein Handy fest an die Brust, als könnte ich so die Schmetterlinge in meinem Bauch bändigen. Ich gab ein leises, aufgeregtes Quietschen von mir, während ich mein Gesicht tief in mein Kopfkissen vergrub und wie ein kleines Kind mit den Beinen wild auf die Matratze trommelte.
      Bis ich schlagartig inne hielt. Gott, Ann, reiß dich zusammen!, ermahnte ich mich selbst. Wenn mein Patenonkel mich hier oben so herumtoben hörte, würde er wahrscheinlich denken, ich hätte einen Nervenzusammenbruch, oder schlimmer noch, er würde mir das Handy als nächste Eskalationsstufe einkassieren. Ich atmete tief durch, strich mein Haar glatt und zwang mich zur Ruhe.
      Ich schickte ihm die kurze Bestätigung, dass ich zwar seine Lernpause akzeptierte aber ihn dennoch viel lieber etwas ablenken würde, und machte mich wieder an die Arbeit. Die nächsten Stunden vergingen im Schneckentempo. Während ich mich durch vergilbte Dokumente wühlte, wirbelte feiner, uralter Staub durch mein Zimmer und tanzte im fahlen Licht der Schreibtischlampe. Ich pustete mir genervt eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht und mein Blick blieb an meiner Gitarre hängen, die in der Ecke lehnte. Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Wenn ich ihn schon nicht sehen konnte, wollte ich ihm wenigstens etwas geben, das mehr war als nur Text auf einem Bildschirm.
      Ich schnappte mir zwei der dicksten, staubigsten Bücher, irgendwelche Verzeichnisse und Sachbücher in einer Sprache die ich kaum lesen konnte, und zweckentfremdete sie als Handy-Ständer. Nachdem ich den perfekten Winkel eingestellt hatte, griff ich nach meiner Gitarre. Ich strich kurz über die Saiten, stimmte sie nach und startete die Aufnahme.
      "Naaa du fleißiger Musterschüler", flüsterte ich in die Kamera, während ich die ersten Akkorde von Beabadoobees Song Coffee anstimmte. "Damit deine Lernpause ein bisschen schöner wird... und weil ich dich vermisse." Ich spielte den Song für ihn, meine Stimme leise und sanft, passend zur Stimmung des Abends. Als ich fertig war, zwinkerte ich kurz in die Linse und drückte auf Stopp. Wenige Sekunden später landete die Videonachricht in unserem Chat. Und meine Herz raste dabei so schnell wie mach einen Triathlon. Anfangs war es eine schöne Idee gewesen aber... nun war ich so aufgeregt. Dabei hatte ich nichts zu verlieren. Ian hatte ja auch erst gestern einen Song für mich gespielt. Zumindest hoffte ich das... Mein Zimmer war kein volles Old Roast aber, jeder Ton, jede Zeile und jeder Akkord hatte ich nur für Ian gespielt.
    • Ian

      Ich öffnete das Video was in der Nachricht vorkam und traute meinen Augen kaum. Annalena sahs dort und hatte eine Gitarre in der Hand. Sie trug noch immer meinen Hoodie und das machte mich sehr glücklich. Ihre Worte berührten mich... Und ich hörte mir den Song an den sie spielte, mein Blick war stets auf sie gerichtet. Nachdem das Video beendet war, schlug mir mein Herz wieder bis zum Hals. Ihre Stimme kreiste in meinen Gedanken..
      ´ *-* Ich bin sprachlos... Danke das du dieses Lied für mich gespielt und gesungen hast. Das hat mir die Pause wirklich sehr versüßt. Aber jetzt vermisse ich dich noch viel mehr.. Lass dir die Zeit nicht zu lange werden.´

      Ich würde lügen, aber ich habe mir das Video sicherlich noch 10x angeschaut, ehe ich mir endlich etwas zum Abendbrot gemacht habe.
      Doch selbst als ich mir mein Essen zubereitete, lag das Handy sichtbar in meiner Nähe. Mein Blick ging immer wieder zum Bildschirm, als würde ich erwarten das es jeden Moment wieder aufleuchtet. Die Küche und der angrenzende Wohnbereich waren still, das ganze Haus war einfach so still. Man konnte nur die Uhr ticken hören, die im Flur hing. Ich setzte mich mit meinen Teller an den Tisch und griff fast automatisch wieder zum Handy. Das Video startete erneuert. Ich sah mir Annalena immer und immer wieder an. Meine Augen wurden traurig.. "Du fehlst mir..", flüsterte ich vor mich hin. Ich begann mein Essen zu essen und horchte auf als mein Handy wieder auf dem Tisch vibrierte. Sofort sah ich mir die Nachricht von ihr an. Doch als ich die ersten Worte von der Nachricht las, spürte ich, das mein Herz einen weiteren Sprung machte. Dieses Mädchen hat mich verzaubert, ganz leicht und ich bin sowas von verknallt in sie. Niemand kann mir das je kaputt machen.
    • Annalena

      Ich saß auf meinem Bett, die Gitarre noch immer locker im Schoß, und starrte gebannt auf das Display, bis Ians Antwort aufploppte. Als ich las, dass er sprachlos war und das Video seine Pause versüßt hatte, breitete sich eine wohlige Wärme in meiner Brust aus. Das Adrenalin wich einen belebenden Kribbeln in meinen Bauch. Ich stellte mir vor, wie er dort in seinem stillen Haus saß, mein Video ansah und dabei dieses schiefe Lächeln auf den Lippen hatte, das mich schon am ersten Tag völlig aus der Fassung gebracht hatte. Ohhhh.... Ian... was macht dieser Junge nur mit mir?

      Vielleicht spielen wir ja mal zusammen, wenn ich meine Strafe abgesessen habe ^///^ . Wenn du mich jetzt schon so vermisst, wie soll ich dann erst die nächsten zwei Wochen ohne deine Umarmungen überstehen? Ich kuschel mich jetzt in deinen Hoodie und stell mir einfach vor, du wärst hier. Träum was Schönes, Ian :* . Bis morgen in der Schule <3

      Ich legte das Handy weg, doch die Stille in meinem Zimmer fühlte sich plötzlich gar nicht mehr so einsam an. Ich strich noch einmal über die Saiten meiner Gitarre, ein letzter, leiser Akkord, der in der Luft hing wie ein Versprechen. Doch während ich mich unter meine Decke kuschelte und den Stoff des Hoodies fest um mich zog, konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass da draußen noch etwas auf uns wartete. Mein Patenonkel und meine Grandma hatte zwar heute Milde walten lassen, aber die Chroniken im Keller waren erst der Anfang.
      In dieser Nacht war mein Schlaf so tief und friedlich wie schon lange nicht mehr. Ich träumte von Ian. Nicht von dem Ian, der vor der Schule stand, sondern von einem Moment, der nur uns gehörte. In meinem Traum war alles leicht, kein Hausarrest, kein Tristan, nur das Gefühl seiner Nähe und dieses Kribbeln in meinem Bauch.

      • —– ٠ ✤ ٠ —– • ·

      Ich war gerade dabei, mich im Traum zu ihm vorzubeugen, als die Welt plötzlich kippte. Mit einem dumpfen Aufprall landete ich auf dem Teppichboden. "Autsch...", murmelte ich verschlafen und rieb mir die Hüfte. Ich hatte mich im Schlaf wohl etwas zu enthusiastisch zu meinem Traum-Ian gerollt. Ein Blick auf den Wecker verriet mir: Zeit für die Realität. Aber die Realität fühlte sich heute zum ersten Mal seit Ewigkeiten richtig gut an. Noch besser als ein Traum-Ian war der Echte!

      Guten Morgen, Sunnyboy! <3 Ich hoffe, du hast gut geschlafen. Ich zähle schon die Minuten, bis ich dich gleich in der Schule sehe. Pass auf dich auf! :D

      Ich sprang unter die Dusche und verbrachte danach doppelt so viel Zeit vor dem Spiegel wie sonst. Ich wollte für ihn gut aussehen. "Passt," murmele ich zufrieden und zupfe an meinem weißen Crop-Top-Pullover, bis er locker über eine Schulter rutscht. Die weiten Ballonärmel bilden einen weichen Kontrast zu meinem schwarzen, hoch geschnittenen Rock. Besonders die Korsett-Schnürung am Bund gefällt mir, da sie dem Look eine strukturierte Note gibt. Ich streiche mir die Haare zurück, damit meine goldenen, blitzförmigen Ohrringe und das feine Armband zur Geltung kommen.
      "Bereit für heute," sage ich zu meinem Spiegelbild. Bevor ich das Zimmer verließ, nahm ich Ians Hoodie vom Bettpfosten. Ich drückte mein Gesicht kurz in den Stoff... er roch immer noch nach ihm und schob ihn dann vorsichtig unter mein Kopfkissen, wie einen kostbaren Schatz, den niemand finden durfte.
      Als ich die Treppe hinunterkam, hörte ich bereits das Rascheln der Zeitung. Mein Patenonkel saß am Kopfende des Tisches. Als er mich sah, hielt er inne. Er legte die Zeitung langsam beiseite und stellte seine Kaffeetasse mit einem leisen Klirren auf die Untertasse. Sein Blick wanderte über mein Outfit, blieb einen Moment an meinem strahlenden Gesicht hängen und wurde dann wieder ernst. "Du siehst... motiviert aus für einen Schultag, Kleines.", stellte er fest. "Setz dich." Ich nahm Platz und griff nach einem Apfel, doch sein nächster Satz ließ mich innehalten. "Gestern war die Erleichterung groß, aber wir haben das Wesentliche noch nicht besprochen. Also? Wer ist der junge Mann, bei dem du warst?" Ich schluckte trocken. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Sollte ich lügen? Nein, bei ihm brachte das nichts. Ich sah ihn direkt an. "Er... er heißt Ian", begann ich, und allein seinen Namen auszusprechen, löste eine Welle von Wärme in mir aus. "Er ist erst vor Kurzem aus D.C. nach Forks gezogen." Ich sah, wie Lake die Stirn runzelte. Seine Körpersprache veränderte sich; er lehnte sich leicht vor, seine Schultern spannten sich an. Es war diese typische Schutzhaltung, die er immer einnahm, wenn er Gefahr witterte.
      Bevor er etwas sagen konnte, hob ich die Hand. "Hör mir bitte zu. Ian ist ein anständiger, lieber junger Mann. Und was viel wichtiger ist: Ich mag ihn sehr. Wirklich sehr."
      Ich atmete tief durch und meine Stimme wurde fester. "Ich werde mir nicht verbieten lassen, ihn zu sehen. Er trägt keine Schuld daran, dass ich die Nacht weg war. Das war meine Entscheidung, es war eine Art... Notfall, der sich sicher nicht einfach so wiederholen wird. Das schwöre ich. Aber bitte, mach ihn nicht zum Sündenbock für mein Handeln." Die Stille in der Küche war fast greifbar. Lake starrte mich eine gefühlte Ewigkeit lang schweigend an. Ich spürte, wie meine Handflächen leicht feucht wurden, während ich seinen prüfenden Blick erwiderte. Er war ein Mann, der Stärke schätzte, aber Ungehorsam hasste.
      Schließlich löste sich die Spannung in seinen Schultern ein wenig, und ein winziges, fast unmerkliches Zucken umspielte seine Mundwinkel. Er griff wieder nach seiner Kaffeetasse, trank einen Schluck und sah mich dann über den Rand hinweg an. "Rückgrat hast du, das muss man dir lassen", brummte er, und zu meiner Erleichterung schwang kein Zorn in seiner Stimme mit. "Es gefällt mir nicht, dass er der Grund für diese schlaflose Nacht war, aber ich sehe, dass es dir ernst ist. Wenn dieser Ian wirklich so ein 'anständiger junger Mann' ist, wie du behauptest, dann wird er kein Problem damit haben, dass ich ihn früher oder später genau unter die Lupe nehme." Er legte die Zeitung endgültig weg. "Solange deine Noten nicht leiden und du dich an unseren... Keller-Pakt hältst, werde ich dir keine Steine in den Weg legen. Aber wehe, Annalena, mein Vertrauen war ein Fehler." Ich schlucke schwer und legte mein Herz auf die Brust, welches aufgeregt gegen meinen Brustkorb hämmerte. "Wird es nicht sein. Danke...Lake.", stieß ich hervor und fühlte mich plötzlich zehn Kilo leichter.
      Ich schnappte mir meinen Rucksack und rannte fast zur Tür hinaus. Ich musste Ian sehen. Jetzt sofort.
    • Ian

      Ihre Antwort kam schnell und traf mich wieder mitten ins Herz. Die zwei Wochen werden hart werden, aber ich denke wir werden das schon überstehen und dann kann sie so viele Umarmungen erhalten wie sie sich nur wünscht.

      ´Wenn du möchtest können wir es gerne versuchen. Vielleicht ergänzen wir uns mit der Gitarre genau so wie jetzt schon. Dann wünsche ich dir auch ganz tolle Träume und bis morgen in der Schule. <3 ´

      Ich legte lächelnd mein Handy zur Seite und legte mich auf Sofa. Der Fernseher lief nur so nebenbei, weil meine Gedanken nur um Annalena kreisten. Ich vergaß alles um mich herum, auch die Drohung von Tristan und meine inneren Dämonen. Dafür war später noch genug Zeit sich den Kopf zu zerbrechen. Schließlich schlief ich auf dem Sofa ein und hatte den schönsten Traum seit langem.


      Der nächste Morgen brach an und ich war schon am joggen durch das noch verschlafene Forks. Mit Musik in meinen Ohren und der Gedanke daran Annalena nachher in der Schule zu sehen, ging das Laufen von ganz alleine. Das Handy vibrierte in meiner Hosentasche und ich zog es heraus. Sofort hatte ich wieder dieses Lächeln im Gesicht.

      ´Guten Morgen mein Engel. Ich hoffe deine Nacht war ebenfalls erholsam. Geht mir genau so. Ich freue mich auf später. <3 `

      Ich lief meine Runde fertig und sprang noch schnell unter die Dusche und machte mir etwas zum Frühstück. Meine Schulsachen packte ich in die Tasche und machte mich auf dem Weg zur Schule. Dort angekommen begrüßte ich die Jungs und redete noch ein wenig mit ihnen. Ich hielt Ausschau nach ihr und hoffte inständig das sie bald auftauchen würde. Dann plötzlich wurde mein Herzschlag schneller und ich sah sie von Weitem wie sie schnellen Schrittes in Richtung Schule lief. Mein Lächeln wurde breiter. Ich verabschiedete mich von den Jungs und lehnte mich an die Tormauer. Ihr Anblick war wunderschön, sie schien sich heute so richtig herausgeputzt zu haben und ich stehe hier mit einem einfachen weißen Shirt, Jeans und einer Jeansjacke. Schlicht und praktisch wie ich finde.
      Ich öffnete sofort meine Arme und ließ sie in eine Umarmung ziehen. Ich vergrub mein Gesicht in ihre Haare. Sie duftete wirklich toll. "Mein Gott habe ich dich vermisst." Ich löste die Umarmung ein wenig und nahm ihre Hände in meine. "Sieh dich nur an." Ich drehte Annalena einmal herum. "Du bist perfekt.." Ich zog sie wieder zu mir und gab ihr einen Kuss auf ihre Lippen. Für einen kurzen Moment blieb die Zeit wieder für uns stehen. Alles um uns herum war still, nur zwei Menschen die sich gern haben und sich küssten.
    • Annalena

      Der Weg zur Schule fühlte sich an, als würde ich über den regennassen Asphalt schweben statt zu gehen. Die kühle Morgenluft von Forks biss normalerweise in den Lungen, aber heute schien sie mich nur zu beflügeln. In meinem Kopf spielte immer noch die Melodie von gestern Abend, und das Wissen, dass Ian nur ein paar hundert Meter entfernt auf mich wartete, ließ mein Herz in einem Rhythmus hüpfen, den kein Metronom der Welt einfangen könnte.
      Als ich um die Ecke bog und ihn an der Tormauer lehnen sah, blieb mir fast der Atem weg. Er stand einfach nur da, schlicht in Jeans und weißem Shirt ... mein ganz persönlicher Traumprinz, auch wenn ich mir eher auf die Zunge beißen würde, als das laut auszusprechen. Er sah so unverschämt gut aus. "Ian!", rief ich, und sein Name fühlte sich auf meinen Lippen wie ein Versprechen an.
      Ich hielt einen Moment strahlend inne, nur um den Anblick aufzusaugen, bevor ich die letzten Meter überbrückte und mich direkt in seine ausgebreiteten Arme fallen ließ. Gott, wie sehr ich mich danach gesehnt hatte! Als er mich fest an sich drückte, spürte ich seinen Herzschlag durch den dünnen Stoff seines Shirts, er raste genauso schnell wie meiner. Das hier war kein Traum, kein verschwommenes Bild auf einer Lichtung; das hier war so viel schöner, intensiver und wärmer als alles, was mein Unterbewusstsein jemals hätte erschaffen können. Seine Hand umschloss meine, genau wie an jenem ersten Abend, als alles angefangen hatte. Als er mich einmal herumdrehte und 'perfekt' nannte, musste ich unwillkürlich kichern, auch wenn meine Wangen vor Verlegenheit glühten. "Perfekt? Das sagt gerade der Richtige", erwiderte ich und sah an ihm herunter. "Ich meine... es ist zwar nicht dein Hoodie, aber ich wollte mich trotzdem... n-naja... für dich..." Ich verstummte, weil ich merkte, wie ich mich um Kopf und Kragen redete. Heute sprudelte einfach alles aus mir heraus. Doch Ian brachte mich auf die schönste Weise zum Schweigen, die man sich vorstellen konnte. Er beugte sich vor und küsste mich.
      Der Kuss war süß, tief und schmeckte nach purer Erleichterung. Ich erwiderte ihn, krallte meine Finger leicht in seine Jacke und wünschte mir für einen Moment, die Zeit würde einfach eeinfrieren. Die Welt um uns herum die Schüler, die Busse, das Klingeln... existierte nicht mehr. Wie in einer wunderschönen kleinen Schneekugel.
      Viel zu früh löste ich mich schwerfällig von ihm, blieb aber ganz nah in seinem persönlichen Radius. Ich sah ihm lang und intensiv in die Augen mit einen so breiten Lächeln dass es mir schon in den Wangen zog. "Mhm... weißt du", fing ich leise an, während ich noch immer seine Hände hielt, "Lake hat nach dir gefragt. Glücklich ist er nicht, das kannst du dir vorstellen... aber ich habe ihm unmissverständlich klar gemacht, dass ich es bin. Glücklich, meine ich. Und dass er absolut nichts daran ändern kann. Er will dich kennenlernen. Bald... irgendwann... Wenn meine Noten nicht leiden, ich zur vereinbarten Zeit daheim bin und anrufe, wenn es später wird... dann... scheint er uns widerwillig eine Chance zu geben." Ich neigte den Kopf zur Seite. "Du hast ihn also offiziell am Hals, Ian." Ich stellte mich auf meine Zehenspitzen um meine Stirn gegen seine zu lehnen. "Aber keine Sorge, mein Ritter in strahlender Jeansjacke... das machst du sicher gut." Ohhh, ich konnte nicht anders und musste ihn noch einmal küssen. Immerhin hatte ich gestern Abend und heute Morgen nicht die Möglichkeit dazu gehabt. Bis zum Vorklingeln würde ich also jede Sekunde seiner Nähe bis zum Äußersten auskosten. Nichts, aber auch gar Nichts in Forks und Umgebung konnte mich so glücklich machen wie er. Und dafür musste er nicht mehr tun als einfach gegen so eine blöde Wand zu lehnen und mich anzulächeln...
    • Ian

      Ein leises, warmes Lachen kam aus meinem Mund, als ich sah wie sie über beide Ohren grinste wie ein Honigkuchenpferd. Meine Hände blieben ganz selbstverständlich mit ihren verschränkt. Als sie Lake erwähnt hatte, hob ich kurz eine Augenbraue nach oben. Nicht weil ich überrascht war, sondern weil es mich nachdenklich machte. "Hat er das?", murmelte ich vor mich hin. Ich lauschte ihren Worten aufmerksam, ohne sie zu unterbrechen.
      "Also habe ich ihn jetzt offiziell am Hals?" Ein schiefes Grinsen zog über meine Lippen. Meine Stirn blieb weiter an ihrer gelehnt, und für einen kurzen Moment schloss ich die Augen um ihre Nähe weiterhin genießen zu können. Dann öffnete ich wieder die Augen und sah sie wieder an. In meinem Ausdruck lag jetzt eine Mischung aus Belustigung und ehrlicher Ernsthaftigkeit. "Klingt als hätte ich eine Art.. Bewährungsprobe bestanden, ohne das ich dabei gewesen war." Ich musste leicht Schmunzeln.
      Meine eine Hand löste sich von ihrer und strich ihr sanft über die Wange. "Hey.. Ich gebe mir alle Mühe um ihn gerecht zu werden."
      Als sie mich erneuert küsste, erwiderte ich den Kuss ohne zu zögern. Ich zog sie sanft mit der Hand an ihrer Taille ein Stück näher zu mir.
      Doch diese nervige Vorklingeln riss uns aus unser schönen Bubble. "Wir müssen..", murmelte ich gegen ihre Lippen. Ich hauchte ihr noch einen letzten Kuss auf ihre Lippen und ging mit ihr Hand in Hand in die Schule. Die Blicke waren wieder auf uns gerichtet, aber das bestärkte mich nur noch. Ich hielt vor dem Klassenraum an und löste meine Hand von ihrer. "Ich muss nur nochmal kurz zu meinem Spind und komme dann nach." Ich schenkte ihr ein sanftes Lächeln und machte mich auf dem Weg zum Spind um dort noch ein paar Sachen zu holen. Als ich die Spind Tür öffnete fiel mir wieder ein Brief vor die Füße. Ich hob ihn auf und öffnete ihn.
      Spoiler anzeigen
      ´Ich weiß nicht was das soll, aber du gehst jetzt mit diesem Mädchen aus? Bin ich dir nicht gut genug? Du bist doch etwas besonderes für mich und jetzt muss ich zusehen wie du sie küsst und Händchen mit ihr hälst. Das bricht mir das Herz. Ich weiß nicht ob ich damit umgehen kann.´
      "Was zum Teufel?" Ich blickte mich rechts und links um, aber keiner der Mädchen sah mich traurig oder enttäuscht an. Ich würde gerne wissen wer die Unbekannte ist, die mir zum zweiten Mal einen Brief hinterlässt. Nur aus reiner Neugier, denn für mich gab es nur Annalena. Ich knüllte den Brief zusammen und warf ihn in meine Tasche. Ich sperrte den Spind wieder ab und machte mich auf dem Weg zum Unterricht.
    • Annalena

      Ich musste unwillkürlich kichern, als er von der Bewährungsprobe sprach, die er in Abwesenheit bestanden hatte. "Kann man so sagen.", erwiderte ich schmunzelnd und drückte seine Hände noch einmal fest. "Und ich finde, wir sind ein verdammt gutes Team." Als er meinte, er würde sich alle Mühe geben, Lake gerecht zu werden, wurde ich ernst. Ich kniff ihn liebevoll in die Wange und sah ihm fest in die Augen. "Du musst ihm nicht gerecht werden, Ian. Es reicht völlig, wenn du einfach so bleibst, wie du bist. Genauso bist du nämlich genau richtig und ehrlich gesagt viel zu wunderbar für diese trostlose Kleinstadt.“ Ein freches Funkeln trat in meine Augen. "Forks hat dich gar nicht verdient. Aber ich bin wirklich froh, das du trotzdem hier gelandet bist." In diesem Moment schrillte die Schulglocke durch den Flur. Ich zog die Schultern hoch und gab ein leises, genervtes Murren von mir. "Ohh..Nicht jetzt...", murmelte ich gegen seine Lippen. Dann kam mir ein Gedanke und ich sah ihn verschmitzt an. "Hör zu, ich werde die Schülerratstreffen heute Nachmittag einfach so weit wie möglich in die Länge ziehen. Wenn ich die Protokolle gaaanz langsam schreibe, habe ich genau dann Schluss, wenn eure Trainingseinheit endet. Dann kannst du mich nach Hause bringen und wir haben noch ein paar Minuten extra."
      Wir gingen gemeinsam in Richtung der Klassenräume. Als Ian noch einmal zu seinen Schließfach ging, nickte ich und warf ihm noch einen letzten, sehnsüchtigen Blick zu ehe ich das das Zimmer betrat.
      Drinnen herrschte das übliche Chaos, aber ich bekam kaum etwas davon mit. Ich setzte mich auf meinen Platz, schlug mein Notizheft auf und starrte auf die leere Seite. Mein Herz klopfte immer noch in diesem schnellen, freudigen Takt. Ich malte gedankenverloren kleine Schnörkel an den Rand, während ich darauf wartete, dass er zur Tür hereinkam.
      Doch als Ian schließlich den Raum betrat, war sein Blick anders. Er wirkte nicht mehr so gelöst wie draußen an der Mauer. Er setzte sich auf seinen Platz, und obwohl er versuchte, sich auf den Lehrer zu konzentrieren, merkte ich, dass er mit den Gedanken ganz woanders war. Es machte mir fast etwas Angst, wie oft meine Intuition bei so etwas richtig lag. Fast wie so ein fauler Zauber. Allerdings wusste ich nicht ob ich ihn wirklich später drauf ansprechen sollte. Immerhin gab es Dinge die er sogar seiner Mutter verheimlichte.
      Ich gab es schließlich auf, den Jahreszahlen an der Tafel zu folgen. Stattdessen stützte ich den Kopf in die linke Hand und ließ meinen Kugelschreiber über den Rand meines Notizbuchs gleiten. Zuerst waren es nur ziellose Striche, wirre Linien, die sich unkontrolliert über das Papier zogen. Doch während meine Gedanken immer weiter abdrifteten, begannen meine Finger ein Eigenleben zu führen.
      Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit den Blick wieder auf das Papier fokussierte, hielt ich mitten in der Bewegung inne. Aus den Strichen war ein detailliertes, fast schon düsteres Bild entstanden.
      Mitten auf der Seite stand ein Mädchen ... eindeutig ich, das verloren in einem dichten, nebligen Wald stand. Und direkt neben mir, mich fast schützend flankierend, ragten die Umrisse zweier riesiger, bedrohlich wirkender Wölfe auf. Ihre Augen waren nur kleine Aussparungen im Weiß des Papiers, aber sie wirkten so intensiv, dass mir ein Schauer über den Rücken lief.
      Na toll, dachte ich und biss mir frustriert auf die Lippe. Diese Tagträume schon wieder! Kann ich nicht einmal was Normales zeichnen? So wie Ian und ich, die sich verliebt in die Augen starren? Oder von mir aus zehntausend Herzchen, in denen unsere Initialen stehen?
      Ich stämmte meinen Kopf auf meine Hände und starrte nachdenklich das Bild an. Es fühlte sich so fremd an, als hätte es jemand anderes gemalt. Warum zum Teufel zeichnete ich Wölfe im Wald, wenn ich doch eigentlich nur an den Jungen mit den warmen Augen in der Reihe hinter mir denken wollte? Ich stöhnte frustriert meinen Kopf auf das ließ Heft fallen und massierte mir die Schläfen. Wenn wenigstens diese Kopfschmerzen nachlassen würde. "Ann? Ann? Annalena?" Tessa stimmte riss mich aus den Gedanken. Ich sah sie schließlich von meinen Heft aus an ohne den Kopf zu drehen. Vielleicht kaufte sie es mir ab wenn ich behauptete im Kopf bereits meine Hochzeit mit Ian zu planen statt mir über das Bild mit den Wölfen den Kopf zu zerbrechen. Ich richtete mich stöhnen auf und blätterte direkt die Seite um. "Schon gut, ich war nur... in Gedanken."
    • Ian

      Ich ignorierte das übliche Chaos, welches im Klassenraum herrschte und ging schnurstracks zu meinem Platz. Ich ließ mich förmlich auf meinem Stuhl fallen und räumte die Sachen für den Unterricht heraus. Nichts von dem was der Lehrer da vorne von sich gab, blieb in meinem Kopf hängen. Wer war nur der Briefverfasser? Spielte mir irgendwer einen Streich? Oder gab es wirklich noch ein Mädchen welches mich anhimmelte und jetzt eifersüchtig und traurig ist. Und warum versucht mein innerer Dämon gerade wieder auszubrechen?
      Mein Kopf dröhnte von den vielen Gedanken. Und ich ließ den Kopf auf meine Arme fallen und schaute nach vorne.
      Die restliche Schulzeit fühlte sich anders an. Es zog sich heute irgendwie und das Gefühl von heute morgen war nicht mehr so stark.
      Annalena bekam zwar in den Pausen meine volle Aufmerksamkeit, aber meine Gedanken waren anschließend woanders.
      Auch beim Fußballtraining war ich nicht ganz anwesend. Meine Beine liefen zwar automatisch über das Feld, aber sonst konnte ich mich nicht richtig konzentrieren. Der Ball sprang von meinem Fuß, als würde ich zum ersten mal spielen. Meine Mitschüler sahen mich irritiert an und auch der Trainer zog eine Augenbraue nach oben. "Mr. Black was ist heute mit ihnen los?", sprach der Trainer, nachdem ich einen einfachen Pass verpasst habe. Ich zuckte mit den Schultern. Wie sollte ich ihn erklären das ein einfacher Brief und mein innerer Dämon mich gerade voll aus der Fassung brachten? Der Brief war eine Sache, aber meine düsteren Gedanken machten mir eher Sorgen. Nach dem Training sahs ich noch eine Weile alleine auf der Bank neben dem Spielfeld. Mein Kopf schmerzte und ich spürte eine richtige Unruhe in mir. Es war dieses unangenehme Gefühl, als würde etwas tief in mir ausbrechen wollen. Ich starrte auf den Rasen vor mir. Aus der Umkleide kam das gedämpfte Lachen meiner Mitschüler. Normalerweise wäre ich längst dort gewesen. Doch heute fühlte sich alles so seltsam weit weg an. ´Du weißt das sie dich irgendwann durchschauen und du am Ende alleine da stehst´
      Die Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern in meinem Kopf und trotzdem lief es mir eiskalt den Rücken runter. Ich presste die Lippen fest zusammen. "Halt den Mund", murmelte ich leise. Doch dieses Mal ließ sich der Dämon nicht so einfach verdrängen. ´Du kannst noch lange so tun als wärst du normal, als wärst du wie die anderen, aber wir beide wissen das das nicht stimmt´
      Meine Hände ballten sich ungewohnt zu Fäusten und mein Herzschlag beschleunigte sich etwas schneller. Bitte nicht jetzt.. Ich hatte lange gebraucht um diese Gedanken unter Kontrolle zu bringen. Es konnte unmöglich sein das der Brief der Auslöser dafür war.. Ich schüttelte mit den Kopf. Da steckt mehr dahinter.
      ´Vielleicht hat sie es schon bemerkt?´, flüsterte die Stimme weiter. ´Vielleicht weiß sie längst das du ein Monster bist`
      Sofort war Annalena vor meinen Augen, ihr Lächeln.. wie sie mich ansah.. ihre Küsse.. ihre Nähe.
      "Nein", sprach ich immer noch leise, jedoch fester. "Sie darf es nie erfahren.."
      Ein kalter Windstoß fuhr über das Spielfeld und ließ das Netz des Tores leise rascheln. Für einen Moment schloss ich die Augen und atmete tief ein und aus. Der Geruch von nassen Gras und Erde lag in der Luft. Reiß dich zusammen
      Langsam lockerte ich meine Fäuste wieder. Meine Finger kribbelten noch immer von der Anspannung. Die Stimme in meinem Kopf schwieg nun, doch ich wusste das sie nicht weg war. Sie wartete nur darauf wieder herauszukommen. So wie immer.
      Die Umkleidekabine war leer, als ich ankam. Die Jungs waren schon alle weg und ich zog mich um. Ein Blick auf mein Handy zeigte mir wie spät es tatsächlich schon war. "Oh Mist!" Schnell wie der Wind schnappte ich mir die Sachen und eilte Richtung Schultor um auf Annalena zu warten. Sie war mein einziger Lichtblick an diesem merkwürdigen Tag.
    • Annalena

      Ich saß auf der Steinstufe vor dem Haupteingang, die Tasche fest umklammert, und starrte auf die Uhr meines Handys. Die Schülerratssitzung hatte ich künstlich in die Länge gezogen, bis selbst der Hausmeister mich skeptisch musterte, aber jetzt saß ich hier schon eine Ewigkeit. Die nasskalte Luft von Forks kroch meine Beine hoch, und das hämmernde Pochen in meinem Kopf war längst zu einem dumpfen Rauschen geworden. Wo blieb er nur? Hatte Tristan ihn nach dem Training abgefangen? Oder hatte Lake seine Drohung etwa schon wahrgemacht? Mein Herz zog sich bei dem Gedanken schmerzhaft zusammen.
      Gerade als ich aufstehen wollte, um nach seinem Wagen zu suchen, sah ich ihn. Ian kam fast im Laufschritt auf mich zu. Seine Haare waren noch feucht vom Duschen, doch sein Blick wirkte gehetzt meilenweit entfernt von dem Ian, der mich heute Morgen noch so sicher in den Armen gehalten hatte.
      Ich sprang auf, ignorierte den Schwindel und lief ihm entgegen. "Ian!", rief ich, und meine Stimme klang belegter, als mir lieb war.
      Als er vor mir stehen blieb, bemerkte ich das Zittern seiner Hände, das er mühsam zu verbergen suchte. Seine Augen wirkten dunkler, tiefer, als würde er gegen einen Sturm ankämpfen, den nur er sehen konnte. Ohne nachzudenken, legte ich meine Hände an seine Wangen. Seine Haut war kühl, doch darunter pulsierte die Hitze reiner Anspannung. "Gott, Ian, du bist ja eiskalt!", murmelte ich besorgt und suchte in seinem Blick nach dem Jungen, der mich heute Morgen noch 'perfekt' genannt hatte. "Was ist passiert? War Tristan wieder bei dir? Oder... ist es wegen des Trainings?" Ich seufzte schwer. Sein Schweigen verriet mir auch ohne Worte, dass er nicht bereit war, die Wahrheit preiszugeben. Mein Magen zog sich zusammen, aber ich musste es wohl akzeptieren. "Okay, gut... dann nicht." Nicht jetzt. Schließlich hatte ich ihm auch nichts von dem Bild erzählt ...nicht, solange ich selbst nicht wusste, was es bedeutete. "Ich bin jedenfalls froh, dich heute noch einmal zu sehen." Der Heimweg verlief ungewohnt still. Die dichten Nadelwälder am Straßenrand wirkten heute düsterer als sonst, fast so, als würden sie uns beobachten. Ian hielt meine Hand krampfhaft fest, als wäre ich sein einziger Anker in einer stürmischen See. Als wir schließlich in der Auffahrt meines Onkels hielten, lösten wir uns nur zögerlich voneinander. "Danke fürs Nachhausebringen, Ian.", sagte ich leise und drückte ihm einen sanften Kuss auf die Wange. Mir war noch immer abwechselnd warm und kalt. Am liebsten hätte ich ihn mit hineingezogen, aber mein Hausarrest machte das unmöglich. Ich sah ihm nach, bis er im dichten Nebel verschwand. Dann drehte ich mich um. Das Haus meines Onkels ragte vor mir auf altmodisch, düster und irgendwie bedrohlich zwischen den riesigen Tannen. Drinnen herrschte Totenstille, abgesehen vom fernen Klappern aus der Küche. Lake war scheinbar noch unterwegs.
      Ich huschte die knarrende Treppe hinauf, warf meinen Rucksack in die Ecke und starrte auf den Stapel vergilbter Akten auf meinem Schreibtisch. Arbeit. Genau das brauchte ich jetzt, um nicht wahnsinnig zu werden vor Sorge um ihn. Ich zog die erste Mappe zu mir herüber und begann zu lesen. Ich versuchte, mich auf die eng beschriebenen Zeilen vor mir zu konzentrieren, doch die Worte begannen vor meinen Augen zu tanzen. Mein Kopf hämmerte im Rhythmus meines Herzens, und diese seltsame Unruhe in meinen Fingerspitzen, die ich schon den ganzen Tag gespürt hatte, wurde immer intensiver. Es war wie ein elektrisches Summen direkt unter meiner meiner Haut. Das gleich Kribbeln welches ich beim Kritzeln von diesen Bild heute Vormittag gehabt hatte. "Was war bloß mit mir los?", flüsterte ich in die bedrückende Stille meines Zimmers. War das der Schlafmangel? Oder hatte die gruselige Aura dieses Hauses angefangen, auf mich abzufärben? Ich rieb mir mit zitternden Händen über das Gesicht und presste die Ballen gegen meine schmerzenden Schläfen. "Nicht schon wieder! Einbildung, Ann. Reine Einbildung. Der Schlafmangel, der Stress mit Lake und die Sorge um Ian machen dich völlig plemplem." Ich zwang mich, tief durchzuatmen. Es gab nur einen Menschen auf der Welt, dem ich damals von diesen Bildern in meinem Kopf und den sich bestätigenden Vorahnungen erzählt hatte. Auch wenn er gerade ein klein wenig sauer auf mich war... Logan! Die Aktion mit Grandma und die Tatsache, dass ich die Schülerratssitzung so offensichtlich hinausgezögert hatte, hatten unsere Beziehung schon etwas strapaziert. Aber ich hielt es nicht mehr aus. Ich starrte auf mein Handy, das kalte Licht des Displays brannte in meinen Augen. Mit zitternden Fingern suchte ich seinen Namen und drückte auf Anrufen. Das Freizeichen dröhnte in meinem Ohr. Einmal. Zweimal. Dreimal. Schließlich biss ich mir so fest auf die Unterlippe, dass ich fast das Eisen meines eigenen Blutes schmeckte. "Nimm schon ab! Bitte, Logan, lass mich jetzt nicht hängen", flüsterte ich flehentlich in die Dunkelheit. Viertes Klingeln. ...Fünftes.... Ich wollte schon fast auflegen, als es am anderen Ende knackte. "Ja?", erklang seine Stimme. Sie klang hart, distanziert und viel zu ernst für einen lebensfrohen Quatschkopf. Er ließ mich die Stille nach seinem Wort richtig spüren, als wollte er sagen: 'Du hast Glück, dass ich überhaupt drangegangen bin.'
      "Logan...", hauchte ich, und meine Stimme brach sofort. "Logan, bitte... ich... ich brauche dich." Die Tränen, die ich den ganzen Abend unterdrückt hatte, bahnten sich nun gewaltsam ihren Weg. "Annalena?", seine Stimme wurde sofort einen Ton weicher, aber der Groll schwang noch mit. "Ist es wieder wegen Lake? Hör zu, ich bin eigentlich gerade beschäftigt und nach heute Nachmittag-"
      "Nein!", unterbrach ich ihn fast panisch. "Es ist... es sind die Bilder. Sie sind zurück, Logan. Aber sie sind diesmal anders. Im Unterricht... und gerade hier im Zimmer... der Stift.... Ich glaube, ich werde wahnsinnig!"
      Am anderen Ende der Leitung herrschte plötzlich absolute, schockierte Stille. Ich konnte fast hören, wie mein Cousin hellhörig wurde, wie sich seine ganze Haltung schlagartig änderte. Das genervte Schnaufen war verschwunden. "Annie, ganz ruhig", sagte er jetzt, seine Stimme tief und merklich kontrolliert, als wollte er mich allein durch den Klang beruhigen. "Atme tief durch. Ich bin in fünfzehn...maximal zwanzig Minuten bei dir." Ich schluchzte heftig und klammerte mich an das Telefon, als wäre es sein Arm. "Aber der Hausarrest! Lake bringt mich um, wenn er dich hier erwischt. Er hat gesagt, wenn ich mich nicht an die Regeln halte, dann-" ...dann würde ich Ian wahrscheinlich nie wieder sehen dürfen. Oder sonst jemanden. "Glaub mir, Ann das ist in Ordnung", unterbrach er mich mit einem Ernst und einem Nachdruck, den ich so noch nie bei ihm gehört hatte. "Es ist eigentlich längst Zeit. So kann ich dich nicht allein lassen." Er hielt kurz inne, und ich hörte das Klappern von Schlüsseln im Hintergrund. "Es gibt etwas, das wir dir sagen müssen. Wir hätten es dir längst sagen sollen... aber das ist nichts, was man am Telefon bespricht. Bleib in deinem Zimmer. Mach das Licht aus. Ich komme durch das Fenster." Bevor ich antworten konnte, hatte er aufgelegt. Ich starrte auf das schwarze Display. Wir? Was meinte er mit wir? Und was zum Teufel war 'längst Zeit'? Meine Hände zitterten nun so sehr, dass das Handy auf den Teppich rutschte. Ich tat, was er gesagt hatte, und knipste die Schreibtischlampe aus. In der Dunkelheit meines Zimmers wartete ich, während draußen der Wind von Forks gegen die Fensterscheiben peitschte und das Kribbeln in meiner Haut sich anfühlte wie ein heraufziehendes Gewitter.

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