Das Biest in dir... [Shio & Nimue]

    • Ian

      Ich lief so schnell ich konnte und stolperte beinahe über meine eigenen Beine. Ich sah sie schon von Weitem, wie sie auf mich wartete. Und ich hoffte inständig das sie nicht schon so lange hier stand. Schließlich wurde es allmählich kühler. Meine Füßen liefen weiter, schneller, fast panisch. Als sie meinen Namen rief, traf mich ihre Stimme mitten ins Herz. Sie war so vertraut, so warm, aber ein Hauch von Sorge schwang ebenfalls darin. Ich blieb vor ihr stehen, versuchte ruhig zu bleiben. Doch meine Hände zitterten wie wild und ich ballte sie zu Fäusten, damit es aufhörte. Sie legte ihre Hände auf meine Wangen und diese Berührung überraschte mich. Ich schloß für einen Moment meine Augen. Ihre Hände waren warm und ich spürte erst jetzt so richtig wie kalt ich eigentlich war. Als hätte mir jemand das Blut aus den Adern gesaugt. Ihre Stimme war voller Sorge und ich hasste mich dafür das ich alleine der Grund dafür war. Ich spürte wie sie in meinen Augen nach Antworten suchte, aber sie konnte nicht hinter die Fassade schauen. Als sie Tristan erwähnte, spannte sich mein Kiefer automatisch etwas an. Natürlich dachte sie das er Schuld an meiner Stimmung ist, aber dem war nicht so. Dieses Mal traf ihn keine Schuld. Ich öffnete den Mund um etwas zu sagen. Eine Lüge oder sonst irgendetwas. Doch die Worte kamen nicht über meine Lippen. Sobald ich ihr davon erzähle, würde dieses zarte Band zwischen uns zerreißen... Und das wollte ich unter keinen Umständen.
      Sie gab auf und sprach davon das es okay ist wenn ich nichts sagte. Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen.
      Der Heimweg verlief still, aber das Schweigen fühlte sich laut an. Jeder Gedanke in meinem Kopf sprang durcheinander. Immer wieder sah ich zu ihr rüber, nur um sicher zu gehen das sie noch da war. Ich hielt ihre Hand fester als sonst. Die Wälder und Straßen von Forks zogen dunkel und gespenstisch an uns vobei und ich merkte gar nicht das wir schon längst an ihrem Haus angekommen waren.
      Sie drückte mir einen Kuss auf die Wange und diese kleine Geste traf mich mitten ins Herz. Sie verabschiedete sich von mir und ich brachte kein Wort heraus. Ich nickte nur. Mein Hals war wie zugeschnürrt. Ich drehte mich auf dem Absatz um und verschwand im dichten Nebel. Als ich außer Sichtweite war atmete ich tief ein und aus. Mein Herz schlug wie wild gegen meine Brust und mein Kopf dröhnte. Ich musste nach Hause.. Einfach nur nach Hause.

      Ich lief so schnell wie meine Füße mich tragen konnten und stürzte beinahe in mein Haus hinein. Die Tür hinter mir schlug mit einer Wucht zu, sodass das Holz kurz im Rahmen vibrierte. Ich sank mit den Rücken dagegen. Mein Atem ging stoßweise. Für einen Moment starrte ich nur in den dunklen Flur. Ich nahm noch nicht einmal die Wanduhr war, die sonst immer laut tickte. Das Einzige was ich wahrnahm war mein Herzschlag. Es fühlte sich so an als würde mein Herz gleich aus der Brust springen. Ich fuhr mir mit beiden Händen durchs Haar und presste die Augen zusammen. Dass half aber nichts.. Meine Hände fingen wieder an zu zittern. Ich ballte sie zu Fäusten bis meine Knöchel weiß wurden. Aber selbst das Zittern konnte diese Gedanken aus meinem Kopf nicht vertreiben. Etwas simmte nicht. Plötzlich tauchten Bilder vor meinen Augen auf, die ich schon längst verdrängt hatte. Ich versuchte sie zu vertreiben.
      Ich stieß mich vom Boden ab und versuchte aufzustehen. Ein paar Schritte ging ich durch den Flur und stützte mich an der Kommode ab, da ich ins Wanken kam. Ich blieb plötzlich stehen, als der Druck in meinem Kopf größer wurde. Ein stechender Schmerz zog sich über meine Schläfen. "Nicht jetzt...", sprach ich heiser. Bilder von damals schossen mir durch den Kopf. Ich durfte nicht zulassen das mein innerer Dämon herausbricht. Meine Füße trugen mich bis zum Sofa. Ich ließ mich darauf fallen und zog das Handy aus meiner Tasche. Meine Hände zitterten immer noch und durch den Druck in meinem Kopf konnte ich kaum etwas auf dem Display erkennen.
      Ich kniff die Augen zusammen und wähle die Nummer, die mir in dieser Situation irgendwie helfen konnte.
      Es klingelte nicht einmal und sie hob ab. "Ian? Ian was ist passiert?" Ich schluchzte und mir liefen plötzlich die Tränen. "Oh mein Junge. Erzähl mir was los ist." Ich zögerte und wischte mir die Tränen weg. Ich versuchte die richtigen Worte zu finden. Aber ich bekam nicht viel aus mir heraus. "Es geht wieder los..." Stille am Ende der Leitung, ich konnte nur hören wie meine Mum panisch ein und ausatmete und ebenfalls gegen die ankommenden Tränen ringte. Ich schluckte und versuchte alles in einem Satz zu verpacken. "Ich seh diese Bilder wieder.. Diese Stimme sprach heute wieder zu mir.. Mein Kopf bringt mich fast um.. Mum ich weiß nicht was ich tun soll... Was passiert mit mir?" Ich merkte wie meine Mutter ebenfalls nach den richtigen Worten suchte.
      " Hör zu Ian. Ich kann spüren wie schwer dieser Kampf gerade für dich ist und wie sehr du leidest. Ich kann spüren wie ängstlich und wütend du bist und wie dir diese Stimme einreden möchte, das du die Kontrolle verlierst. Aber hör mir einen Moment zu. Du weißt was du in dir trägst und du kannst mir glauben wenn ich dir sage das dieses Wolfsgen nicht dein Feind ist. Es ist ein Teil von dir. Es mag zwar manchmal laut und beängstigend sein, aber Stärke bedeutet nicht automaitsch Zerstörung. Stärke kann auch Schutz sein und sie hilft dir immer weiter zu machen, wo andere schon längst aufgegeben hätten. Du bist kein Monster. Du bist der Junge der meine Hand gehalten hat, als er Angst hatte. Der Junge der sich den Bauch vor lachen gehalten hat. Der Junge mit dem größten Herzen das es auf der Welt gibt. Und genau dieses Hez ist stärker als irgendein innerer Dämon. Heute ist so ein Tag wo du denkst das alles zerbricht, wo irgendetwas versucht die Kontrolle über dich zu übernehmen. Wenn das passiert erinnere dich an meine Stimme und meine Worte:
      Atme langsam. Du bist hier. Du bist Ian. Der Wolf in dir mag laut sein, aber er ist nicht dein Herr. Er kann gelenkt und kontrolliert werden von dir. Aber das braucht Zeit. Schritt für Schritt. Atemzug für Atemzug. Du musst nicht heute diesen inneren Dämon besiegen, du musst nur diesen jetzigen Moment durchstehen. Und wenn die Dunkelheit mal wieder zu groß wird. Stell dir vor ich sitze neben dir und vielleicht lege ich meine Hand auf deine Schulter, so wie früher und würde dir sagen: Du bist nicht alleine. Du bist kein Monster. Du bist mein Sohn, Ian. Und ich werde immer an deiner Seite sein, egal was kommt. Und jetzt ganz ruhig. Atme tief ein und aus. Ich bin bei dir. Für immer."

      Ihre Worte berührten mich und ich ließ sie mir wieder und wieder durch den Kopf gehen. Ich folgte ihren Anweisungen und tatsächlich beruhigten sich die Gedanken in meinem Kopf und mein Herz schlug langsamer. Der Dämon war plötzlich nicht mehr so laut. Meine Augen konnte ich wieder richtig öffnen und ich setzte mich bequem auf das Sofa hin. "Danke Mum.. Kannst du noch ein wenig dran bleiben und mir von deinem Tag erzählen?" "Natürlich mein Schatz."

    • Annalena

      Ich saß zitternd auf der Bettkante und starrte zur Tür, bereit, das kleinste Knacken der Fensterscheibe zu hören. Doch das Geräusch kam von woanders. Ein leises Scharren, dann das Quietschen von Scharnieren direkt hinter mir. Mit einem unterdrückten Schrei fuhr ich herum. Die Tür meines Kleiderschranks schwang langsam auf, und zwischen meinen hängenden Jacken und Kleidern trat Logan viel zu gelassen heraus. Er klopfte sich ein wenig Staub von der Schulter, als wäre er gerade durch eine ganz normale Haustür spaziert. "Logan?!", keuchte ich und wich so weit zurück, bis mein Rücken gegen die kalte Wand stieß. "Was zum... wie bist du... warum kommst du aus meinem Schrank? Ich habe dich doch gerade erst angerufen!" Ich war völlig fassungslos. Er konnte unmöglich so schnell hier gewesen sein, und schon gar nicht ungesehen in mein Zimmer und... in meinen Schrank gelangen?! "Ganz ruhig, Annie", sagte er und schenkte mir ein schiefes Grinsen, das aber seltsam ernst wirkte. "So ging es einfach schneller. Und ehrlich gesagt ist es so auch ein bisschen einfacher, dich zu überzeugen." Ich konnte ihn nicht so recht folgen. Ehrlich gesagt machte mir mein Cousin gerade irgendwie Angst. "Mich von was zu überzeugen?", fragte ich mit einen Zittern in der Stimme. "Logan, du machst mir Angst. Do wolltest doch gerade - ... warum spielst du auf einmal Boogeyman in meinem Kleiderschrank? Was ist hier los?" Er seufzte schwer, fuhr sich mit der Hand durch die strubligen Haare und trat einen Schritt auf mich zu. "Ja so geht es schneller es ist bequemer als mich durch dein Fenster zu hiefen. Ich mache es kurz, okay?" Er trat ganz nah an mich heran, nahm mich fest an beiden Schultern und zwang mich, ihm direkt in die Augen zu sehen. Sein Blick war so intensiv, dass das Kribbeln unter meiner Haut zu einem regelrechten Brennen wurde. "Annie, du bist nicht verrückt. Du bist einfach nur eine Hexe. Unsere ganze Familie besteht aus Hexen und... nun ja, in meinem Fall eben Hexern oder Zauberern, wenn dir das Wort besser gefällt." Ich starrte ihn an, unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Dann schüttelte ich heftig den Kopf und versuchte, mich aus seinem Griff zu winden. "Das ist nicht witzig, Logan! Überhaupt nicht witzig! Ich habe Halluzinationen, und du erzählst mir irgendwelchen Märchenschrott?! Ich brauche einen Arzt, keinen Zauberkasten!"
      Doch Logan blieb vollkommen ruhig. Er hielt mich fest, ohne mir wehzutun. "Hör mir zu. Diese Bilder in deinem Kopf, die Zeichnungen... das kommt daher, dass deine besonderen Gaben Vorhersehung und Empathie sind. Du spürst, was andere fühlen, und du siehst Fetzen von dem, was kommen wird oder was verborgen liegt." Ich schluckte schwer, während mein Verstand versuchte, diese Informationen als Wahnsinn abzutun, aber mein Körper... dieses verdammte elektrische Summen reagierte auf seine Worte, als fänden sie endlich ihr Ziel. "Eigentlich hättest du auch schon viel früher erwachen sollen. Normalerweise wird man von seiner Mutter in diese andere Welt eingewiesen, man lernt es Schritt für Schritt... aber deine Mutter..." Er hielt kurz inne, und ein Schatten huschte über sein Gesicht. Mein Herz zog sich zusammen. Das halb verblasste Bild aus meiner Erinnerung trieb mir die Tränen in die Augen. Der Rottharigr zögerte einen Moment. "Na ja, bei dir war alles anders." Ich starrte ihn mit großen Augen an, die Tränen liefen mir nun unkontrolliert über die Wangen. "Und du? Du auch?" Logan seufzte. "Ich habe dieses ganze Theater bereits in der Vorschule durchgemacht", sagte er und ein echtes, warmes Lachen stahl sich auf seine Lippen. "Du hast ja keine Ahnung, wie belastend und gleichzeitig verdammt lustig das alles sein kann, Annie. Ich musste jahrelang so tun, als wäre ich normal, während ich im Unterricht zum Biespiel heimlich Bleistifte habe tanzen lassen. Ich bin so froh, dass ich das jetzt endlich alles mit dir teilen kann." Ich sank langsam in mich zusammen, und Logan ließ meine Schultern los, um mich stattdessen fest in den Arm zu nehmen. Mein ganzer Körper bebte. Eine Hexe? Vorhersehung? Ich starrte Logan an, meine Augen meine geschwollenen Augen begann zu brennen wie Feuer. "Das kann nicht dein Ernst sein", flüsterte ich, während mein Herz gegen meine Rippen schlug. Aber nicht auf diese gute Art und Weise wie bei Ian. "Hexe? Logan, das ist... das ist doch völlig verrückt!"
      Doch Logan wich nicht zurück. Er hielt meinen Blick fest aus seinen dunklen Augen, die in der Dunkelheit meines Zimmers fast silbern schimmerten. "Ist es das wirklich, Annie? Denk doch mal nach." Das Kribbeln unter deiner Haut, das du schon dein ganzes Leben lang spürst, als hättest du zu viel statische Elektrizität in dir? Oder der Grund, weshalb du morgens fast jeden Tag aus dem Bett fällst, als würde dich eine unsichtbare Kraft einfach herausschubsen? All die großen und kleinen merkwürdigen Zufälle in deinem Leben... das waren keine Zufälle." Ich schluckte schwer. Die Erinnerungen an all die Momente, in denen Dinge einfach passiert waren die flackernden Lichter, wenn ich wütend war, die Gegenstände, die ich genau dort fand, wo ich sie gar nicht hingelegt hatte, schossen mir durch den Kopf. "Das alles... hat mit magischen Kräften zu tun?", fragte ich heiser. Ich sah auf meine Hände hinunter, die immer noch zitterten. "Deshalb diese Bilder?"
      Logan nickte langsam und ließ mich ein Wenig los. "Genau deshalb." Er legte mir noch einmal die Hand auf die Schulter, und diesmal fühlte es sich nicht mehr nur wie ein Cousin an, der mich tröstete, sondern wie jemand, der mich in ein Geheimnis einweihte, das größer war als alles, was ich mir jemals hätte vorstellen können. "Du hast keine Ahnung, aber jetzt machen wir erstmal langsam. Ich glaube allein dieses Wissen ist schon ganz schön viel auf einmal. Alles andere kommt mit der Zeit, okay?" bemerkte er mit einem schiefen Grinsen. "Jetzt, wo du es weißt... jetzt können wir es endlich gemeinsam durchstehen. Du musst das nicht mehr alleine mit dir ausmachen. All das Merkwürdige an dir? Das ist dein wahres Ich." Ich lehnte meinen Kopf gegen die Wand und schloss die Augen. Eine Hexe. In Forks. Zwischen alten Akten und einem übervorsichtigen Patenonkel. Es klang wie ein schlechter Scherz, und doch... zum ersten Mal in meinem Leben fühlte sich dieses seltsame Summen in meinem Blut nicht mehr wie eine bedrohliche Krankheit an.
      "Aber Lake?", fragte ich plötzlich und riss die Augen wieder auf. "Weiß er es? Ist er auch... einer von uns?" Logan lachte trocken auf, und ein kurzer Schatten von echtem Unbehagen huschte über sein Gesicht. "Nein, Annie. Lake ist... nun ja, er ist kein Zauberer. Aber mach nicht den Fehler zu glauben, er wäre ein gewöhnlicher Mensch." Ich starrte ihn ungläubig an. Der mächtige, einschüchternde Lake war kein Hexer? "Aber er ist so... kontrolliert. So streng. Wenn er den Raum betritt, fühlt es sich an, als würde die Luft gefrieren." Der Rotschopf tippte sich grinsend auf die Nase, wie wenn man einen Kind stumm lobte das es ein schweres Rästel gelöst hatte. "Genau deshalb ist er so, wie er ist", erklärte Logan und lehnte sich gegen die Schranktür, aus der er eben noch auf unmögliche Weise gestiegen war. "Er gehört zur Welt der Nichtsterblichen, genau wie wir, aber auf eine andere Art. Er ist ein... nun ja, nennen wir es ein anderes mächtiges Wesen. Er hat keine Zaubersprüche, Ann, er hat Autorität. Und Instinkte, die einen normalen Menschen in den Wahnsinn treiben würden. Deshalb muss er sich auch so kontrollieren. Er weiß daher auch um unser Blut...unseren wahren Selbst." Ich sackte ein Stück tiefer in mich zusammen. Das Kribbeln unter meiner Haut fühlte sich jetzt weniger wie eine Krankheit an, sondern eher wie ein Motor, der viel zu lange im Leerlauf gelaufen war. "Und deshalb falle ich morgens aus dem Bett? Weil mein Körper... zaubert, während ich schlafe?" Logan grinste breit. "Dein Unterbewusstsein versucht wahrscheinlich schon seit Jahren, die überschüssige Energie loszuwerden. Du schubst dich quasi selbst aus den Federn, weil dein magischer Druck zu hoch ist. All diese kleinen Zufälle? Das bist du. Dein Instinkt schützt dich, noch bevor dein Kopf begreift, was passiert." Er trat wieder näher und strich mir eine Locke aus der Stirn. "Du bist kein Freak, Annalena. Du bist nur endlich aufgewacht." Ich atmete zittrig aus. Es ergab so viel Sinn, dass es wehtat. "Jetzt wo du eingeweiht bist können... nein, müssen wir anfangen, das zu trainieren, bevor du aus Versehen das ganze Haus in Brand steckst oder so was."
    • Ian

      Ich saß da und spürte wie die Anspannung sich in mir löste. Meine Gedanken ordneten sich allmählich wieder. "Danke Mum..", murmelte ich in das Handy. Ich war ihr so dankbar, das sie mir selbst in den schweren Zeiten zur Seite stand und mir auf ihre Art und Weise half.
      Ich lehnte mich ein wenig tiefer in das Sofa zurück und schloß für einen Moment nochmal die Augen. Am anderen Ende der Leitung konnte ich hören wie meine Mum kurz durchatmete. Das tat sie immer bevor sie mit erzählen beginnt. "Nun ja", begann sie schließlich mit einem leichten Lachen in ihrer Stimme. "eigentlich war mein Tag nicht so spannend. Ich hab den Haushalt geschmissen und war einkaufen. Du glaubst gar nicht wie voll es heute war." Ich stellte mir vor wie sie durch den Supermarkt lief und wieder einmal dort viel länger verweilte, weil sie mit irgend jemanden ins Gespräch gekommen ist. Ein kleines Lächeln zupfte an meinen Lippen.
      "Und ich soll dich lieb grüßen von deinen alten Schulkameraden. Du sollst dich mal wieder melden. Ich habe ihnen natürlich gesagt das du in den Ferien hier her kommst. Tut mir leid ich konnte es ihnen nicht verheimlichen." Ich schüttelte den Kopf, auch wenn sie es nicht sehen konnte. "Schon gut Mum, aber ja ich ruf demnächst mal bei ihnen durch." "Da werden sie sich freuen. Ich sagte ihnen das du dir Zeit für dich nimmst und das es dir gut geht."
      Zeit... Das Wort hing für einen Moment zwischen uns. Ich öffnete wieder die Augen und ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Alles wirkte plötzlich nicht mehr ganz so eng. Der Dämon war zwar nicht verschwunden, doch ich habe ihn fürs erste in die hintere letzte Ecke meiner Gedanken gesteckt. "Ich werde morgen dann noch etwas im Garten machen. Oh du glaubst gar nicht wie schön alles blüht." Doch ich konnte es mir sehr gut vorstellen. Ich sah unser Häuschen mit angrenzenden Garten und den Blick über L.A. gerichtet. Den kleinen Steinweg der zu unserem Grillplatz führte und überall waren Blumen und Bäume, die den Weg zierten. Eines Tages komme ich dorthin wieder zurück. "Wie geht es deiner Freundin?" Meine Augen weiteten sich. Ich zog die Knie an mich heran und seufzte auf. "Ich hoffe sie ist nicht sauer.. Heute morgen war noch alles gut und dann war ich plötzlich anders zu ihr.. Ich hoffe sie nimmt es mir nicht übel. Ich muss ich nachher unbedingt noch schreiben und mich entschuldigen.." Meine Mum atmete tief ein und aus. "Ian hör zu du kannst nichts dafür und glaub mir sie wird es dir nicht übel nehmen. Und eines Tages wird sie es verstehen.. Aber gib ihr und dir etwas Zeit." Ich legte meinen Kopf auf die Knie. "Ich mag sie sehr Mum.. und ich kann es nicht ertragen wenn ich sie verletzt habe.." "Ach Ian. Es wird alles gut werden, ich weiß das." Ihr Lächeln in ihrer Stimme war nicht zu überhören und ich nickte ihr zu. "Okay. Danke. Hab dich lieb Mum." "Ich dich auch mein Schatz. Und jetzt mach dir was leckeres zu Essen und schau dir eine Serie oder Film an und dann schreibst du ihr." "Ja das werde ich. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend." "Ich dir auch."
      Ich legte das Handy auf den Tisch und atmete tief ein und aus. Sie hatte Recht, Annalena wird mir das Ganze sicher verzeihen.. auch wenn es mir so unendlich leid tat.. Ihr Blick heute Nachmittag war voller Sorge und es brach mir beinahe das Herz ihr nichts von all dem zu erzählen.. Aber ja es war noch zu früh um dieses Geheimnis mit ihr zu teilen. Eines Tages wird sie es erfahren und bis dahin muss ich weiter an mir selbst arbeiten.
      Ich tat was meine Mum mir vorgeschlagen hatte und kratzte noch die restlichen Reste zusammen und machte mir etwas zu Essen und setzte mich auf das Sofa zurück. Ich suchte mir eine Serie heraus und genoss mein Essen. Morgen sollte ich unbedingt einkaufen gehen. Sonst muss ich mich nur von Fast Food ernähren und kann dann im Laufe des Schuljahres als Fußball benutzt werden, wenn ich so rund geworden bin. Das würde dem Trainer nicht schmecken und wenn Annalena wieder hier ist dann möchte ich ihr natürlich auch etwas schönes kredenzen.
      Annalena.. ich sah sie wieder vor mir ihr Lächeln heute Morgen und ihr besorgter Blick heute Nachmittag.. Ich nahm das Handy wieder in die Hand und tippte eine Nachricht. Immer wieder löschte ich sie weil ich nicht so recht wusste was ich schreiben sollte. Doch dann schickte ich sie ab.
      "Hey <3 Ich wollte mich für mein Verhalten heute Nachmittag entschuldigen. ._. Es war irgendwie ein komischer Tag und nein es lag nicht an dir. Mir gingen viele Dinge durch den Kopf, die ich erst einmal verarbeiten musste. Tut mir leid wenn ich dich verletzt haben sollte. Das war nicht meine Absicht. Du bist mir sehr wichtig und ich möchte dich nicht verlieren... T.T Du bedeutest mir alles. Doch jetzt möchte ich wissen wie es dir geht und wie dein restlicher Tag noch so war?"
    • Annalena

      Ich starrte Logan an, während mein Kopf sich wie ein Karussell drehte. "Trainieren? Wie und mit was? Einfach so? Ohne… gestalteten Zauberstab, einen verbeulten Kessel oder einen ganz besonderen Besen?", fragte ich. Mein Cousin schüttelte den Kopf und grinste. "Wir sind nicht bei Hollywood, Annalena. Sicher, manche benutzen Hilfsmittel und für manche Rituale braucht man sie auch, aber im Grunde brauchen wir nur unsere eigene Energie, unseren Willen und manchmal den richtigen Spruch oder einfach nur ein Fingerschnippen. Es fließt durch dich hindurch." Er machte eine vage Geste in die Luft. "Jeder von uns kann die verschiedensten Zauber wirken, aber wir haben alle dieses eine Ding, das uns besonders macht. Bei mir ist es Telekinese und Magnetismus. Ich kann Dinge bewegen oder Metall beeinflussen. Und du... du bist eine Seherin, eine Empathin. Du fühlst die Welt nicht nur, du weißt Dinge, bevor sie passieren." Es war so absurd, wir saßen hier und redeten, als wäre es das Normalste auf der ganzen Welt. "Toll", murmelte ich sarkastisch und rieb mir die brennenden Augen. "Ich bin eine menschliche Wetterstation für Gefühle."
      Logan ließ mich langsam los und stand schmunzelnd auf. "Hey, es wird noch besser", sagte er und griff in die Tasche seines Hoodies. Ich beobachtete ihn verwirrt wie er mit einer flüssigen Bewegung ein massives, uraltes Buch hervor zog, das locker die Größe eines Lexikons hatte. Wie hatte er diese schwere und viel zu große Dinge- ?! …oh. Ja richtig. An die Magiesache musste ich mich einfach noch gewöhnen. Das Buch war in dunkles, abgewetztes Leder gebunden, das seltsam glänzte. "Ein Glück musst du dich jetzt erstmal mit dem hier rumschlagen", meinte er und reichte mir das schwere Ding. Kaum berührten meine Finger den Einband, spürte ich einen elektrischen Schlag. Das Buch vibrierte unter meinen Händen. Plötzlich klappte es wie von Geisterhand ein Stück auf, und eine raue, gehässige Stimme drang aus den Seiten "Vorsicht mit den ungewaschenen Fingern, Kleine! Ich bin seit fünfhundert Jahren nicht abgestaubt worden!" Ich schrie auf und hätte das Buch fast fallen lassen, aber es klebte förmlich an meinen Händen. "Es... es spricht?! Logan, das Buch hat mich gerade beleidigt!" Aber statt mir zu helfen schien dieser Quatschkopf den Spaß seines Lebens zu haben. "Das ist das Grimoire", erklärte Logan amüsiert. "Das Buch der Schatten unserer Familie. Da Grandma gerade im verdienten Ruhestand ist und gepflegt wird, übernimmt das Buch quasi die Ausbildung der jungen Hexen. Es ist... nun ja, ein bisschen eigenwillig und sehr gehässig, aber es weiß alles." Der Rotschopf atmete tief durch und wischte sich die Lachtränen aus den Augenwinkeln. "Ich habe jetzt ein sprechendes, unhöfliches Buch an der Backe?", rief ich und starrte das Grimoire entsetzt an. "Was kommt als Nächstes? Ein fliegender Besen mit Identitätskrise?" Logan verzog das Gesicht und deutete an, dass das noch immer nicht alles war.
      "Erinnerst du dich noch an mein allererstes Haustier?" Ich blinzelte. "An Fridolin? Deinen Wetterfrosch, der immer im Einmachglas saß und mich merkwürdig angequakt hat?" Logan nickte ernst und zog besagtes Gefäß samt Amphibie hervor. "Genau. Fridolin ist nicht nur ein Frosch. Er ist mein magischer Vertrauter. Ein Begleiter, der zu deiner Persönlichkeit passt, über dich wacht und deine Entwicklung unterstützt. Du wirst deinen sicher auch gleich kennenlernen." Das Schlimmste war, dass ich langsam bereits begriffen hatte, dass es keiner seiner kindischen Streiche sonder verdammter Ernst war. "Nicht das auch noch...", stöhnte ich und ließ mich nach hinten auf die Matratze fallen. "Ein sprechendes Buch, ein magischer Patenonkel, ein kriechender Quatschkopf im Schrank und jetzt auch noch ein übernatürlicher Zoo-Besuch?" Wie aufs Stichwort passierte es auch schon. Das Fenster, das ich vorhin so fest verschlossen hatte, sprang mit einem leisen Klicken auf. Ein schneeweißes, flinkes Wesen huschte über das Sims, sprang lautlos auf meinen Schreibtisch und blieb direkt auf meinen verknüllten Zeichnungen sitzen. Es war… ein Hermelin? Seine schwarzen Knopfaugen fixierten mich neugierig, und es legte den Kopf schräg, als würde es mich prüfen. Das Tier stieß ein leises, fast zwitscherndes Geräusch aus und flitzte dann mit unglaublicher Geschwindigkeit auf mein Bett, wo es sich direkt in meine Kniekehle kuschelte. "Ein Warum ein Hermelin?", hauchte ich und traute mich kaum zu atmen. "Passt zu dir", grinste Logan. "Flink, aufmerksam und ein bisschen exzentrisch." Ich starrte das schneeweiße Wesen an, das nun mit einer fast schon arroganten Selbstverständlichkeit auf meiner Bettdecke thronte. Es war kein gewöhnliches Tier. Sein Fell schimmerte im fahlen Licht meiner Schreibtischlampe so rein, als bestünde es aus frisch gefallenem Schnee, und die schwarze Schwanzspitze bildete einen scharfen Kontrast dazu. "Ein Hermelin… auf meinen Bett", hauchte ich und hielt unwillkürlich den Atem an. Das Tier richtete sich auf seine Hinterpfoten auf, reckte das schmale Köpfchen in die Höhe und schnupperte in meine Richtung. Es wirkte unglaublich aufmerksam und fast schon intelligent. "Nicht irgendeines", korrigierte Logan und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen meinen Schreibtisch. "Deines. Er hat wohl nur darauf gewartet, dass du endlich begreifst, wer du bist." Das kleine Kerlchen flitzte plötzlich los. Mit einer Geschwindigkeit, die meine Augen kaum erfassen konnten, sauste es über das Laken, direkt auf meine Hand zu. Ich zuckte kurz zusammen, doch anstatt mich zu beißen, stupste es seine feuchte Nase gegen meine Fingerspitzen. Ein seltsames, warmes Kribbeln, ganz anders als das elektrische Summen von vorhin, breitete sich in meinem Arm aus. Es fühlte sich… richtig an. Als hätte es immer so sein sollen. "Schau dir das an", murmelte ich fasziniert.
      Das Hermelin sprang nun auf meinen Schreibtisch und blieb zielgenau auf dem großen Tintenklecks sitzen, den ich vorhin mit meinen Farben in meiner Panikattacke fabriziert hatte. Es sah mich erwartungsvoll an, während seine Pfötchen in der blauen Farbe standen, ohne auch nur einen Fleck auf dem weißen Fell zu hinterlassen. "Hmm... Du magst Tinte, was?", flüsterte ich und ein unwillkürliches Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. "Dann nehme ich an …dein Name ist wohl… Ink." Ink stieß ein zustimmendes, leises Zwitschern aus und begann, sich mit den Vorderpfoten ausgiebig das Gesicht zu putzen. "Ink? Ernsthaft?", meldete sich das Grimoire spöttisch vom Tisch aus zu Wort. Die Seiten flatterten empört. "Ein Klecks-Name für einen magischen Wächter? Zu meiner Zeit hatten Vertraute Namen wie Athanasius oder Balthazar! Aber nein, die Jugend von heute benennt ihre Schicksalsbegleiter nach Schreibwaren!" Mit den Tier konnte ich leben aber dieses Buch?! "Halt den Mund... ich meine - deinen Einband!", schoss ich zurück. Ink fletschte kurz die winzigen Zähnchen in Richtung des Lederbands, und das Grimoire klappte mit einem beleidigten Paff zu.
      Logan lachte laut auf. Siehst du? Ihr beide seid ein Team. Er wird über dich wachen, Ann. Vertraute spüren Gefahr, lange bevor wir es tun. Und sie sind die einzigen, die uns niemals verraten würden." Verraten. Das Wort traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Mein Lächeln verschwand augenblicklich. Ich sah Ink an, der nun neugierig an meinem Handy schnupperte, das immer noch auf dem Tisch lag. Wie sollte ich das nur Ian erklären?! Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Ian, der ohnehin schon mit seinen eigenen Schatten... Wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, dass das Mädchen, das er heute Morgen geküsst hatte, Dinge sah, bevor sie passierten? Dass ich eine Hexe war, die mit Büchern stritt und ein magisches Wiesel als Belgieter hatte?
      "Nein...", flüsterte ich und schüttelte heftig den Kopf. "Das kann ich niemals Ian erklären. Er würde sich doch sicher vor mir fürchten. Oder er würde denken, ich hätte ihn verhext, damit er mich mag." Logan seufzte leise. "Annie, du kannst so etwas nicht ewig verheimlichen. Das konnte meine Mum bei meinen Dad auch nicht ewig.", sagte er sanft, doch sein Blick war ernster als sonst. "Magie hat die Angewohnheit, im ungünstigsten Moment herauszuplatzen. Vor allem, wenn Gefühle im Spiel sind." Ich presste die Lippen zusammen und strich Ink vorsichtig über den seidigen Rücken. Das Hermelin schloss die Augen und gab ein zufriedenes Schnurren von sich, das beinahe wie ein fernes Summen klang. "Ich muss es versuchen. Zumindest erst einmal.", beharrte ich stur darauf. "Er hat schon genug Sorgen. Ich werde so tun, als wäre alles normal. Ein ganz normales Mädchen in einer ganz normalen, langweiligen Stadt." In diesem Moment vibrierte mein Handy unter Inks Nase. Tatsächlich, eine Nachricht von Ian. Ich starrte auf das Display. Das sanfte Leuchten warf einen bläulichen Schein auf Inks weißes Fell. Der kleine Hermelin legte den Kopf schräg und beobachtete die Vibration des Handys, als wäre es ein lebendiges Beutetier. Logan und versuchte einen Blick auf den Bildschirm zu erhaschen, doch ich schnappte mir das Telefon schneller, als er gucken konnte. "Privatsphäre, Logan! Schon mal davon gehört?" Ich entsperrte das Handy. Ian. Mein Herz machte einen unwillkürlichen Satz, während Ink neugierig an meinem Daumen knabberte. Ein warmes Gefühl breitete sich in meiner Brust aus, das kurzzeitig das kalte Grauen vor dem sprechenden Buch und meiner neuen Identität vertrieb. Doch dann sah ich wieder zu Logan, der immer noch mit diesem wissenden, fast schon mitleidigen Grinsen an meinem Schrank lehnte, und die Realität holte mich ein. "Es ist Ian, oder?", fragte er leise. "Der Junge mit den Augen, die aussehen, als hätten sie zu viel gesehen?" Ich nickte stumm und tippte eine kurze Antwort:

      Bin gut gelandet. Lake ist nicht da, also ist es hier auch ruhig. Vermisse dich auch. Wir sehen uns morgen.
      "Ian
      Ohhh, du musst dich wirklich nicht entschuldigen. Ich habe gemerkt, dass dich etwas belastet hat, und es war okay für mich, wenn du das erstmal nicht mit mir besprechen kannst. Du hast mich nicht verletzt, ich mache mir nur einfach Sorgen um dich, weil du mir genauso wichtig bist.
      "

      Das war der einfache Teil. Mein Herz raste, allerdings nicht nur vor Freude. Ich atmete tief ein und tippte weiter:

      "Mir ging es auch nicht so gut. Vielleicht liegt es am Wetter, ich weiß auch nicht ''^^ . Jedenfalls habe ich mich zu Hause ein bisschen in die alten Unterlagen von meiner Familie vergraben, um den Kopf frei zu bekommen. Ich freue mich einfach darauf, dich morgen wiederzusehen. Schlaf gut! :* "

      Ich legte das Handy weg und sah Logan fest an. "Er darf es nicht wissen, Logan. Er kämpft mit seinen eigenen Problemen. Wenn er erfährt, dass ich... dass ich das hier bin... das würde alles zerstören. Er sucht Normalität. Ich kann ihm nicht mit sprechenden Büchern und Vorhersehungen kommen." Zumindest nicht so lange ich selbst noch nicht wusste wohin mit mir in dem ganzen Wirrwarr. "Vorsicht, Kleine!", krächzte das Grimoire plötzlich wieder und klappte ein Stück auf. "Wer Wahrheiten verbirgt, webt nur ein Netz, in dem er sich am Ende selbst verfängt. Sehr poetisch, nicht wahr? Hab ich von einem Dichter aus dem 17. Jahrhundert, der seine Frau verhext hat, damit sie…-”
      "Klappe!", schrien Logan und ich das Buch gleichzeitig an. Logan trat einen Schritt auf mich zu und legte mir die Hand auf die Schulter. "Okay, für heute lassen wir es gut sein. Du hast Ink, du hast das Buch und du hast mich. Aber morgen fangen wir an. Du musst lernen, deine Empathie zu kontrollieren, sonst saugst du Ians Schmerz auf wie ein Schwamm, und das wird dich umbringen." Ich schluckte schwer. Er hatte recht. Schon heute Mittag hatte ich mich gefühlt, als würde ich in Ians Dunkelheit ertrinken. "Geh jetzt", sagte ich müde. "Bevor Lake zurückkommt und dich in meinem Schrank findet. Das wäre ein Gespräch, auf das ich absolut keine Lust habe." Logan grinste, zwinkerte mir zu und trat mit einer lässigen Rückwärtsbewegung wieder in den Kleiderschrank. "Gute Nacht, Hexen-Cousinchen. Und pass auf Ink auf, er klaut gerne Socken." Mit einem leisen Klick schloss sich die Schranktür, und als ich sie eine Sekunde später aufriss, war er weg. Nur der Duft nach Regen und altem Papier hing noch in der Luft. Ich ließ mich erschöpft in meine Kissen sinken. Ink flitzte sofort unter die Decke und rollte sich an meiner Seite zusammen. Sein kleiner Körper war erstaunlich warm. "Was für ein Tag", flüsterte ich in die Dunkelheit. Morgen würde ich Ian wiedersehen. Ich würde ihn anlügen müssen. Ich würde so tun, als wäre ich die normale Annalena, während in meiner Schultasche ein beleidigendes Zauberbuch und ein aktives Wiesel steckten.
    • Ian

      Ihre Antwort kam ein paar Minuten später, aber das war okay. Schließlich hatte sie sicherlich besseres zu tun, als nur auf eine Entschuldigung von mir zu warten. Doch zu meinem Erstaunen war es gar nicht nötig das ich mich für mein Verhalten entschuldigte.

      " Okay dann bin ich beruhigt.. Aber es ist nicht schön zu lesen das es dir nicht so gut ging. Ich hoffe du konntest dich ablenken. Ich schicke dir eine Umarmung und morgen früh bekommst du sie in echt. Schlaf gut <3 "

      Mein Herzschlag wurde wieder etwas schneller und ich hoffte inständig das sie sich nicht allzu große Sorgen um mich gemacht hat. Ich konnte es nicht ertragen wenn sie leidet. Nicht wenn ich der Grund dafür war..
      Den restlichen Abend verbrachte ich damit den Dämon immer noch in Schach zu halten und mich mit der Serie abzulenken. Dann sprang ich unter die Dusche und ließ das heiße Wasser über meinem Körper laufen. Ich spülte all die negativen Gedanken weg, denn morgen war ein neuer Tag. Das Wasser prasselte noch eine Weile auf meine Schultern, während ich mit geschlossenen Augen unter dem Duschstrahl stand. Der Dampf füllte das kleine Bad und ließ die Spiegel blind werden. Für einen Moment gab es nur das gleichmäßige Rauschen und die Wärme auf meiner Haut. Dann legte ich mich auf mein Bett und schloß die Augen. Die Matratze gab leise unter meinem Gewicht nach. Ich war müde und war froh das mein Kopf für diese Nacht mal die Klappe hielt.
      Als ich am nächsten Morgen aufwachte fühlte ich mich nicht ganz so überfahren wie sonst. Keine negativen Gedanken, kein Druck auf der Brust. Nur das fahle Morgenlicht, welches durch meine Vorhänge schien. Ich blinzelte ein paar Mal und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. Heute wird es besser gehen.. Das spürte ich. Ich setzte mich langsam auf und trank einen Schluck aus meiner Wasserflasche.
      Ich erhob mich vom Bett und ging ins Badezimmer und sah mich im Spiegel an. Meine Haaren waren zerzaust und meine Augen waren leicht verschlafen. Der Dämon war nicht mehr so laut, dennoch konnte man die leichten Schatten unter meinen Augen sehen.
      Ich drehte das Wasser auf und spritzte mir kaltes Wasser in mein Gesicht und atmete durch. "Reiß dich zusammen..", sprach ich zu mir selbst. Heute wird es anders werden. Sie war wichtig. Wichtiger als alles andere und daran musste ich festhalten.
      Ich zog mir meine Joggingklamotten an und lief meine Runde durch das noch verschlafene Forks.
      Anschließend zog ich mich schnell um und verließ das Haus. Ich lief in Richtung Brücke wo ich Annalena gestern verabschiedet hatte. Ich wollte sie hier schon sehen. Schließlich habe ich ihr eine Umarmung versprochen. Also wartete ich auf sie. Mein Herzschlag wurde wieder schneller, da ich sie gleich wieder in meine Arme schließen konnte.
    • Annalena

      Der Morgen fühlte sich an wie ein einziges, großes Manöver. Ich hatte kaum ein Auge zugetan, weil Ink die halbe Nacht damit verbracht hatte, meine Zehen zu jagen oder sich gurrend in meinen Haaren zu vergraben. Und als wäre das nicht genug, war das Grimoire unter meinem Bett heute Morgen besonders gesprächig gewesen. Zum Glück konnte ich die Spuren der letzten Nacht mit der einzigen Art von Zauberei verbergen die mir bereits bekannt war: Styling und Make-up! "Viel Spaß beim Lügen,Rotkäppchen!", hatte das Buch der Schatten dennoxh gehässig gekrächzt, als ich mir die Schuhe band.
      Ich hatte Ink mindestens zehnmal erklärt, dass er im Haus bleiben musste, aber als ich die schwere Haustür hinter mir zuzog und den Pfad hinuntereilte, spürte ich dieses vertraute Gewicht in meiner Kapuze. Ein leises, triumphierendes Schnattern direkt an meinem Ohr verriet ihn.
      "Ink, nein!", flüsterte ich panisch, während ich den Kopf einzog. Aber es war zu spät, um umzukehren. Lake stand oben am Fenster und beobachtete mich mit diesem Blick, der mir das Gefühl gab, er könnte durch die Hauswand hindurch sehen, was ich in meiner Schultasche versteckte.
      Ich rannte fast den Weg zur Brücke hinunter. Die kühle Morgenluft von Forks biss in meine Wangen, aber das elektrische Kribbeln in meinen Fingern war heute Morgen so stark wie nie zuvor. Es war, als würde meine Magie auf die Welt um mich herum reagieren jedes Blatt, das im Wind zitterte, fühlte sich an wie ein Echo in meinem eigenen Körper. Es war erleichternd zu wissen warum ich so fühlte, gleichzeitig machte es aber auch schwer es weiter zu ignorieren.
      Und dann sah ich ihn. Ian stand an der Brücke, genau dort, wo wir uns gestern getrennt hatten. Er wirkte ruhiger als gestern, fast schon friedlich, wie er da im fahlen Morgenlicht wartete. Mein Herz machte einen gewaltigen Satz, und für einen Moment vergaß ich das sprechende Buch, das Hermelin in meiner Kapuze und die Tatsache, dass ich seit gestern offiziell eine Hexe war.
      "Ian!", rief ich und verlangsamte meinen Schritt erst kurz vor ihm. Ich wollte ihm gerade in die Arme fallen, als Ink in meiner Kapuze unruhig wurde. Er krallte sich in den Stoff meiner roten Jacke, und ich spürte, wie er den Kopf hob, um über meine Schulter zu spähen.
      Bitte bleib still, bitte bleib einfach still, flehte ich ihn gedanklich an, während ich meine Arme um Ians Hals schlang und mein Gesicht an seiner Schulter vergrub. Er roch nach dem kalten Morgenwind und diesem ganz eigenen, beruhigenden Geruch, der nur ihm gehörte. "Guten Morgen", murmelte ich gegen seinen Pullover und drückte ihn fest an mich. Ich sog seine Nähe auf wie eein ausgetrockneter Schwamm doch gleichzeitig war da dieses neue Gefühl ...meine Empathie schlug wie ein Kompass aus. Ich spürte seine Erleichterung, seine Zuneigung, aber auch diesen dunklen Unterton, der immer noch in ihm schlummerte. Es war so viel intensiver als sonst. Es kostete mich all meine Kraft, nicht zusammenzuzucken, als ich seine Gefühle fast so deutlich wie meine eigenen wahrnahm.
      Ich löste mich ein Stück von ihm, legte meine Hände an seine Wangen und sah ihn prüfend an. "Du siehst besser aus als gestern Abend", sagte ich leise und versuchte, mein Zittern zu unterdrücken. "Hast du ein bisschen schlafen können?"
      Gerade als ich ihn küssen wollte, spürte ich, wie Ink in meiner Kapuze anfing zu schnuppern. Er stieß ein winziges, neugieriges Geräusch aus ... nein... bitte Ink, alles nur das nicht. Nicht hier und jetzt! Das Buch konnte ich mit einer Metallschnalle fest verschließen aber der hyperaktive und viel zu neugierige Hermelin hatte leider keine solcher Funktionen.
      Ink reckte in meiner Kapuze, fest entschlossen, den Jungen, der mir so wichtig war, genauer unter die Lupe zu nehmen. Sein neugieriges Schnüffeln war direkt an Ians Ohr zu hören. Ein winziges, viel zu lebendiges Geräusch für ein lebloses Kleidungsstück.
      Panik machte sich in mir breit. Ohne eine Sekunde zu zögern, schlang ich meine Arme noch fester um Ians Nacken und zog seinen Kopf zu mir hinunter. "Ich habe dich so vermisst", hauchte ich, bevor ich meine Lippen auf seine presste. Es war kein flüchtiger Kuss am Morgen. Oh nein! Es war ein verzweifelter, intensiver Kuss, in den ich all meine Sehnsucht legte ...uuuund all meine Hoffnung, ihn von dem kleinen weißen Schatten abzulenken, der gerade an seinem Kragen schnupperte. Unsere Körper reagierten einfach auf einander wie ein unausgeschriebenes Gesetz. Für einen Moment schien die Welt um uns herum, der Nebel von Forks und sogar das verräterische Hermelin, einfach zu verschwinden. Für einen Augenblick ließ ich mich völlig hinreißen. Doch während meine Lippen an seinen hingen, versuchte meine rechte Hand das Unheil heimlich abzuwenden. Ich tastete hinter meinen Nacken und packte Ink im Nackenfell, was ihm ein empörtes, aber lautloses Fauchen entlockte. Ehe ich ihn mit einer fließenden Bewegung nach unten beförderte, während ich es zu überspielen Versucht als würde ich nur lässig mein Haar zu Seite schwingen damit es nicht weiter störte. Zeitgleich öffnete ich mit dem Daumen den Reißverschluss meiner Umhängetasche, die halb vor meinem Bauch hing. Mit einem leichten Stoß beförderte ich den zappelnden Hermelin direkt zwischen meine Schulbücher und das schlafende Grimoire. Ein unterdrücktes "Heh!" kam aus der Tasche, das zum Glück im Rauschen des Windes unterging. Ich riss den Reißverschluss bis auf einen winzigen Schlitz zu. Als ich mich langsam von Ian löste, war ich völlig außer Atem. Mein Herz raste. Halb vor Liebe, halb vor dem Adrenalin der Tatsache seit gestern eine Hexe und beinah schon aufgeflogen zu sein. Ich zwang mich zu einem Lächeln, auch wenn meine Tasche unter meinem Arm gerade verdächtig ruckelte. " Sch-schau mich nicht so an. Ich wollte nur sichergehen, dass die Umarmung auch wirklich ankommt", sagte ich und strich ihm eine widerspenstige Strähne aus der Stirn. "Gehen wir?" Fragte ich trocken und griff auch schon nach seiner Hand. "Bevor Lake noch raus stürmt und die Anstandsdame spielt." Wir setzten uns in Bewegung Richtung Schule. Doch jedes Mal, wenn ich einen Schritt machte, spürte ich den Widerstand in meiner Tasche. So ein Mist! Es war einfach wie verhext....
    • Ian

      Der Nebel hing noch über Forks und hüllte die Brücke ebenfalls vollkommen ein. Doch ich konnte erkennen, wie sie schnell laufend über die Brücke lief. Mein Herzschlag wurde wieder schneller und als sie meinen Namen rief gingen meine Mundwinkel automatisch wieder nach oben. Da war wieder dieses vertraute Ziehen, was sich warm, beruhigend und echt anfühlte. Sie warf sich mir sofort um den Hals und ich schloss meine Arme um sie. Meine Augen schlossen sich für einen Moment. Der kalte Morgenwind der uns umhüllte, ihre Haare an meiner Wange, ihr vertrauter Duft der meine Nase kitzelte, all das zusammen ließ den Rest der Welt irgendwie unsichtbar erscheinen. "Guten Morgen." Ich legte meine Arme fester um sie. Ihre Hände auf meinen Wangen fühlten sich warm an. Ich verzog leicht meinen Mund. "Besser als sonst..", gab ich ehrlich zu. Ich wollte gerade noch etwas sagen, als ich ein merkwürdiges Geräusch hörte. Es war ganz nah an meinem Ohr. Es kitzelte mich beinahe. Ich runzelte verwirrt die Stirn. Doch bevor ich irgendwie handeln konnte, zog mich Annalena näher an sich und legte ihre Lippen auf meine. Meine Gedanken lösten sich im selben Moment auf. Ich erwiderte ihren intensiven Kuss und zog sie sogar noch näher an mich heran. Wenn sie mich damit ablenken wollte, dann hat das funktioniert. Die Welt um uns herum verschwand für ein paar Sekunden komplett. Der Nebel, die Straße, die Schule irgendwo in der Ferne. Es gab nur noch sie und mich.
      Irgendwann löste sie sich von mir und sie schien leicht außer Atem zu sein. Ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen glänzten ein wenig. Doch irgendwas an ihrem Gesichtsausdruck wirkte nervös?. Sie wirkte plötzlich unruhig. Ich blinzelte ein paar Mal. "Die Umarmung ist angekommen." Gerade als ich etwas hinzufügen wollte, hörte ich wieder ein Geräusch. Dieses Mal kam es aus ihrer Tasche. Mein Blick fiel darauf. "...Hast du.." Sie fiel mir ins Wort und nahm meine Hand in ihre. So schnell, das mir beinahe ein Lachen herausrutschte. Sie zog mich in Richtung Schule. Ich ließ mich mitziehen, warf aber noch einen skeptischen Blick auf ihre Tasche, die sich verdächtig bewegte. Ich kniff die Augen zusammen. "..Sag mal", begann ich langsam, während wir den Weg weiter liefen. "lebt deine Tasche?" Ein erneutes Ruckeln. Ich sah wieder zu ihr und musste doch leicht Grinsen. "Ähm nur für den Fall das ein Waschbär da drinnen wohnt. Ich möchte gerne vorbereitet sein." Sie antwortete nicht, das war verdächtig genug. Ich sah nochmal auf ihre Tasche und dann bewegte sie sich wieder ein bisschen mehr. Ich ließ ihre Hand los und blieb stehen. Ich sah ihr nach, als sie noch zwei Schritte weiter machte, ehe sie bemerkte das ich nicht mehr neben ihr lief. Ich sah in ihrem Blick einen Hauch von Panik aufleuchten. Doch dann lächelte sie mich wieder an. "Deine Tasche Annalena. Sie hat sich schon wieder bewegt ohne das du dich bewegt hast.." Ich ging wieder auf sie zu und hob ihr Kinn mit meiner Hand an, sodass sie mir in die Augen sehen musste. "Sag mir was versuchst du in die Schule zu schmuggeln?"
    • Annalena

      In seinen Armen fühlte ich mich so unglaublich geborgen, fast schon schmerzhaft sicher. Es war beinahe unfair, wie hilflos verliebt ich in diesen Jungen war. Jedes Mal, wenn er mich berührte, breitete sich eine Wärme in mir aus, die alles andere verdrängte. War das noch normal? Oder war es nur so intensiv, weil meine neuen empathischen Kräfte seine Gefühle wie ein Spiegel einfingen und sie tausendfach verstärkt an mich zurückgaben? Ich wusste es nicht, aber in diesem Moment war es mir auch egal.
      Als er mich skeptisch versuchte etwas zu fragen legte ich den Kopf schräg und sah ihn aus betont großen, unschuldigen Augen an. "Hm?", entgegnete ich nur und blinzelte ihn sanft an, während ich versuchte, das Zittern meiner Tasche mit meinem Ellenbogen zu ignorieren.
      Auch bei seinem nächsten Versuch blieb ich bei meiner Taktik. "Hm?", machte ich erneut, klimperte unschuldig mit den Wimpern und ging einfach einen Schritt weiter, als wäre absolut nichts Ungewöhnliches an einer hüpfenden Umhängetasche. Als er dann den "Waschbären" erwähnte, konnte ich nicht anders und ich kicherte leise. Es klang ein wenig gespielt, aber die Vorstellung war zu komisch. Ink schien das allerdings weniger lustig zu finden aus dem Inneren der Tasche drang ein beleidigtes, hohes Schnattern drang nach außen.
      Mein Lächeln erstickte jedoch sofort, als er meine Hand losließ und stehen blieb. Es war so plötzlich, dass ich tatsächlich etwas traurig darüber war. Ich ging noch zwei Schritte, bevor ich verunsichert innehielt und ihn fragend ansah. Er kam wieder auf mich zu, hob mein Kinn an und zwang mich, ihn anzusehen. Sein Gesicht war mir so nah, dass ich seinen Atem spüren konnte. Er sah mich so intensiv an, fast als würde er mich gleich wieder küssen wollen aber ich wusste, dass er es nicht tun würde. Nicht jetzt, wo er eine Antwort wollte.
      "Ich... ich schmuggle gar nichts", stammelte ich und machte einen kleinen, unsicheren Schritt zurück. "Da sind nur meine Sachen drin. Und ein unglaublich schweres Buch, das ich unbedingt Logan geben muss." Bevor es mich in den Wahnsinn treibt, fügte ich in Gedanken hinzu.
      Ian sah mich weiterhin so durchdringend an, dass ich schließlich schwer seufzte. "Na schön", gab ich mich geschlagen. Ich öffnete den Reißverschluss einen winzigen Spalt breit, gerade so viel, dass Ink nicht heraushüpfen konnte und fing an, Ian wahllos Dinge in die Hände zu drücken, um ihn zu beschäftigen.
      "Meine Schlüssel, mein Handy, Kopfhörer... sehr wichtig", zählte ich hastig auf, während er mit vollen Händen dastand. "Kaugummis, Nervennahrung: Nüsse und Proteinriegel, meine Blöcke, Notizbuch und meine Stifte – ohne die könnte ich nicht überleben. Eins... zwei... drei... vier Haarspangen. Und... eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben... acht Haargummis! Ein bisschen Schminkzeug, ein Frettchen-"
      Ich zuckte heftig zusammen, als Ink mir wütend in den Finger zwickte. "Autsch! ...Wiesel. Ein süßes, kleines Wiesel", korrigierte ich mich hastig, während ich mir den Finger rieb. "Eine kleine Haarbürste, mein Essen, meine Trinkflasche... und vergiss es! Ich zähle jetzt sicher nicht nach, wie viele Tampons ich noch dabeihabe. Und mein Kalender. Das war's so ziemlich alles."
      Ich sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, während er versuchte, meinen Kram zu balancieren. Ink nutzte die Gelegenheit, um seinen kleinen, weißen Kopf kurz aus dem Schlitz zu strecken und Ian frech anzuzwitschern, bevor ich ihn schnell wieder unter einen Stapel Karteikarten drückte. "0hh..." ich stöhnte entnervt. "Ink....verdammt." Dann seufzte ich tief. "Es ist...", begann ich und suchte verzweifelt nach einer halbwegs glaubwürdigen Erklärung. "...noch ein Teil meiner Bestrafung damit ich wieder lerne verantwortungsvoll zu handeln und so. Ein... ein verletztes Frettchen." In der Tasche gab es ein empörtes Schnaufen. Ich betete, dass das Grimoire jetzt nicht anfing zu rezitieren. "Ich konnte es nicht allein lassen!", platzte es aus mir heraus, und das war nicht einmal gelogen. "Es hat... Trennungsängste. Und es ist sehr klein. Und sehr weiß. Bitte, Ian, frag nicht weiter. Ich versuche nur, ein guter Mensch zu sein und ein kleines, hilfloses Wesen zu retten." Ich sah ihn flehend an. In diesem Moment spürte ich durch meine Empathie, wie seine Skepsis gegen eine Welle von Belustigung und... Zuneigung ankämpfte. Spätestens jetzt musste er mich doch für einen verrückten Freak halten!

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    • Ian

      Ich hob langsam eine Augenbraue nach oben, während ich versuchte das wackelige Gleichgewicht aus Schlüsseln, Snacks und Haarspangen und diversen anderen Sachen in meinen Händen zu halten. Für einen Moment sagte ich nichts und sah sie weiter an. Sie versuchte krampfhaft irgend etwas vor mir zu verbergen. Doch dann zupfte ein Lachen an meinem Mundwinkel. "Ein Wiesel?" Ich versuchte zwischen all ihren Kram einen Blick darauf zu werfen. Ich hatte Mühe und Not ihre Sachen nicht fallen zu lassen, daher versuchte ich alles so gut es geht zu balancieren, auch wenn ihre Kopfhörer verräterisch auf meinem Pullover herunter rutschte. "Wiesel.. verletztes Frettchen?.. Mit Trennungsängsten?.." Ich blickte kurz auf dem Stapel, der bedrohlich wackelte. "Also gut dein Rettungsobjekt bleibt unser Geheimnis."
      Dann hob ich die Arme ein kleines Stück an, wobei prompt fast alles herunterzufallen drohte. "Aber bevor ich hier noch zum Packesel werde.." Ich lächelte sie schief an. ".. nimmst du bitte wieder deine Sachen zurück?"
      Ich war dankbar das sie mir ihre Sachen nach und nach wieder abnahm. Kaum hatte ich wieder meine Hände frei, ließ ich meine Schultern ein Stück sinken und atmete aus. Meine Finger kribbelten noch ein wenig nach. "Danke." Ich lächelte ihr zu. Mein Blick ging wieder zu der Tasche die sich wieder bewegte und dann zu ihr. Ich trat auf sie zu und sah ihr tief in ihre Ozean blauen Augen. "Annalena.. Du weißt das du mir nichts verheimlichen musst. Ganz egal was es ist, du kannst mir alles erzählen." Ich strich ihr zärtlich über die Wange. Für einen Moment blieb meine Hand auf ihrer Wange liegen. Und für einen kurzen Augenblick vergaß ich alles. Dann nahm ich meine Hand wieder weg und sah sie an. "Doch sag mir bitte wie willst du das kleine Geschöpf in der Schule verstecken? Ich glaube nicht das das erlaubt ist. Und ich möchte nicht das du Ärger bekommst.." Meine Augen wurden etwas trauriger. Ich nahm ihre Hände in meine. "Noch schlimmer.. dein Onkel bekommt das mit und er verlängert deine Strafe und wir müssen noch länger auf unsere Netflixabende verzichten." Ich wollte ihr kein schlechtes Gewissen einreden, aber ich hatte Angst das es Konsequenzen mit sich ziehen wird, wenn man das kleine Wiesel entdeckt. "Also wie lautet der Plan? Wenn es sein muss nehme ich die Schuld auch auf mich. Ich denk mir irgendwas aus." Meine Hände strichen sanft über ihre. "Ich würde alles für dich tun Annalena." Mein Blick wurde wieder sanfter.
    • Annalena

      Ich sah ihn an und für einen Moment setzte mein Herzschlag aus. Es war fast schon unverschämt, wie gut er aussah ...selbst jetzt, wo er mit schief gelegtem Kopf versuchte, das wackelige Gleichgewicht aus meinen Schlüsseln, Snacks und sonstigen Zeugs zu halten. Während meine Kopfhörer langsam seinen Pullover hinunterrutschten und er mit hochgezogenen Brauen gegen das drohende Chaos ankämpfte, wirkte er trotz der unfreiwilligen Rolle als Packesel so anziehend, dass ich fast vergessen hätte, meine Sachen wieder einzusammeln.
      "Gott, du bist so ein Schatz", kicherte ich leise und trat näher, um ihn von der Last zu befreien. Meine Finger streiften seine Handflächen, als ich die Haargummis und den Kalender zurück in die Tasche gleiten ließ. Jede Berührung schickte eine Welle durch meinen Körper, die viel tiefer ging als nur Haut auf Haut. Seine Nähe fühlte sich an wie ein warmer Mantel an einem eiskalten Tag in Forks. Ich lehnte mich für einen winzigen Augenblick gegen seine Brust, sog seinen Geruch ein und spürte, wie sich das Kribbeln unter meiner Haut für einen Moment beruhigte, nur um Platz für dieses heftige Flattern in meiner Magengrube zu machen.
      Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg, als er mir so tief in die Augen sah. Dieses Mal lag es nicht an der Magie, sondern an dem puren, überwältigenden Gefühl, das er in mir auslöste. Er wollte die Schuld auf sich nehmen? Für ein magisches Hermelin, von dem er dachte, es sei ein krankes Fundtier? "Du hast ja keine Ahnung...", flüsterte ich, mehr zu mir selbst als zu ihm. Es war beinahe unerträglich. Hier stand der Junge, den ich über alles liebte, und versprach mir, mich vor meinem Patenonkel zu beschützen, während ich ein Geheimnis mit mir herumtrug, das seine gesamte Weltvorstellung sprengen würde.
      Als er dann meine Hand nahm und mir mit ernsten und tiefehrlichen Blick in die Augen sah, zog sich mein Herz schmerzhaft zusammen. Seine Worte, dass ich ihm alles erzählen könne, waren das Schönste und zugleich Grausamste, was er hätte sagen können. Ich wollte es. Ich wollte ihm so verdammt gern von Logan erzählen, von dem Grimoire, das mich gerade durch den Stoff der Tasche hindurch verfluchte, und von der Tatsache, dass ich eine verdammte Hexe war. Doch ich wusste, dass diese Wahrheit seine Welt nicht nur erschüttern, sondern in sie in abertausende Stücke zerreißen würde.
      Ich strich ihm sanft über den Handrücken. "Ich weiß das, Ian. Und ich schätze es mehr, als ich sagen kann", flüsterte ich, und meine Stimme zitterte ganz leicht. "Aber wir haben beide Dinge, die wir gerade nicht in ihrer Gänze teilen können, oder? Ich dränge dich ja auch nicht, mir jedes Detail von deinem gestrigen Tag zu erzählen, wenn du noch nicht bereit dazu bist." Ein kleines, schiefes Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als er die Netflixabende erwähnte. "Muss ja eine verdammt spannende Serie sein, wenn du so versessen darauf bist", neckte ich ihn, obwohl ich genau wusste ...und ...spürte, dass es ihm nur um uns ging. Um die Stille, das Dunkel und das Gefühl, dass die Welt draußen für ein paar Stunden aufhörte zu existieren. Nur Ian und ich...
      Seine letzten Worte Worte aber... diese Worte bedeuteten die Welt. Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden, und bevor ich den Kloß in meinem Hals kommentieren konnte, überbrückte ich den letzten Zentimeter zwischen uns. Ich küsste ihn tief und schmachtend, ein stummes Versprechen, das all meine unausgesprochenen Gefühle in sich trug. Auch die, über die ich eben nicht reden konnte. "Und ich würde alles für dich tun, Ian. Vergiss das nie", säuselte ich gegen seine Lippen, als wir uns schweren Herzens voneinander lösten. "Okay, der Plan", sagte ich dann mit einem tiefen Atemzug, um wieder in die Realität zurückzukehren. Ich schenkte ihm ein Lächeln, das hoffentlich mutiger wirkte, als ich mich fühlte. "Der Plan ist einfach: Ich behalte die Tasche im Unterricht auf dem Schoß. Ink... also, das Wiesel... schläft tagsüber sowieso meistens. Und in der Mittagspause suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen am Waldrand, okay? Da kann er ein bisschen raus." Ich drückte seine Hände fest. "Versprich mir nur eins: Wenn Lake auftaucht, stell keine Fragen. Er hat... einen sechsten Sinn für Ungehorsam. Wir müssen einfach so tun, als wäre ich die langweiligste Musterschülerin und stellvertretende Schülersprecherin der Welt. Apropos Schule... Wir müssen los", sagte ich hastig und zog ihn in Richtung Haupteingang. "Und Ian? Danke. Dass du mir glaubst. Auch wenn ich gerade wie eine Verrückte mit einem Zoo im Schlepptau wirke." Ich griff fest nach seiner Hand und gemeinsam steuerten wir auf das Schulgebäude zu. Ich versuchte, die aufkommende Panik zu unterdrücken, während meine Tasche erneut einen letzten kleinen Hüpfer machte. Danach wurde es tatsächlich ruhiger. Aber entspannen konnte ich mich dadurch noch lange nicht.
    • Ian

      Ich fühlte mich in dem Moment ein wenig hin und her gerissen. Ihre sanfte Berührung, ihre Worte taten mir gut. Aber es erinnerte mich auch daran wie recht sie doch damit hatte. Ich trug ein Geheimnis in mir, welches sie niemals erfahren darf. Ich konnte es nicht mit ihr teilen.. Nein das würde alles zerstören. Und das konnte ich einfach nicht zulassen. Das würde nicht nur ihr das Herz brechen, sondern auch meins. Doch es gab mir Sicherheit, dass sie es verstand und mich nicht weiter dazu drängte etwas zu sagen. Daher sollte ich es auch dabei belassen. Sie kann selbst entscheiden wie viel sie mir verraten möchte.
      "Was die Serie angeht.. nun ja alleine ist sie nicht so spannend zu gucken." Verstohlen sah ich sie an. Ich wusste das sie weiß was ich meinte. Diese kleinen Momente zwischen uns, die nur uns alleine gehörten. Wie ich es vermisse.. Doch ich musste da durch. Auch wenn es noch lange hin ist.
      Ich schluckte schwer als sie mir ebenfalls sagte das sie alles für mich tun würde. Mein Herzschlag wurde wieder lauter und als sie ihre Lippen auf meine legte vergaß ich alles um mich herum. Als wir uns voneinander lösten, spürte ich sie immer noch.
      Ihre Worte über den Plan klangen so beruhigend und entschlossen. Typisch für sie. Ich lächelte sie an. "Ich verspreche es", sagte ich, als sie Lake erwähnte. Ich wollte ungern herausfinden was es mit seinem ´sechsten Sinn´auf sich hatte. Und ein wenig Angst stieg in mir hoch, wenn ich darüber nachdenke was wohl passieren würde wenn er herausfindet was ich wirklich bin.. Ich schluckte kaum merklich. Doch darüber sollte ich mir vorerst keine Gedanken machen. Wichtig war es jetzt für Annalena da zu sein. "Wir kriegen das zusammen hin." Ich drückte ihre Hand und folgte ihr in Richtung Haupteingang. "Und Annalena du bist keine Verrückte. Du bist auf deine Art und Weise besonders. Jedenfalls für mich." Ich lächelte sie zärtlich an . Sie bedeutete mir alles. Doch trotz all der verrückten Umstände, die uns in dieser Welt miteinander verbanden, wusste ich tief in meinem Inneren, dass ich immer für sie da sein würde. Und das war das Einzige, was wirklich zählte.
      Als wir den Schulhof erreichten, zog eine seltsame Mischung aus Nervosität und Entschlossenheit in mir hoch. Ihre Hand in meiner fühlte sich so vertraut an. Ich drückte sie fester, um ihr zu zeigen, dass ich bei ihr war. Wir waren ein Team. Und das bedeutete mehr, als ich je in Worte fassen könnte. Die Schulglocke ertönte und wir machten uns auf dem Weg zum Klassenzimmer. Der Alltag hatte uns wieder. Die Schüler liefen an uns vorbei durch die Gänge, doch mein Blick war nur auf Annalena gerichtet. Vor unserem Klassenzimmer hielt ich kurz inne und zog sie in eine Umarmung. "Ich werde dich immer unterstützen und alles wird gut werden." Ich wollte ihr mit diesen Worten Sicherheit geben. Das sie wusste das ich keinen Rückzieher machen werde, egal was kommt.
      Dann ging ich mit ihr gemeinsam in den Raum hinein ohne zu wissen wie der Tag verlaufen wird. Ich setzte mich auf meinem Platz und fühlte plötzlich diese Schwere auf meinem Herzen. Es wird nicht einfach sein mein Geheimnis vor ihr zu verbergen, doch im Moment zählte nur sie und dieses kleine Wiesel in ihrer Tasche.

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    • Annalena

      Der Klassenraum war bereits gut gefüllt, und das vertraute Summen aus unterdrückten Gesprächen, dem Scharren von Stühlen und dem Rascheln von Papier schlug uns entgegen. Ich spürte Ians Blick auf mir, stetig und voller aufrichtiger Sorge. Für einen Moment wollte ich die Zeit einfach anhalten. Vielleicht gab es ja einen Zauber dafür... für so einen traumhaften Schneekugel-Moment. Seine Umarmung vor der Tür hatte mir die Kraft gegeben, die ich brauchte, um überhaupt einen Fuß in diesen Raum zu setzen, ohne schreiend wegzurennen. Seit gestern war alles so verrückt und unsicher... auf eine sehr beängstigende Art und Weise.
      "Danke, Ian", flüsterte ich und drückte seine Hand ein letztes Mal fest, bevor wir uns auf unsere Plätze verteilen mussten. "Ich weiß." Ich wusste es wirklich, begreifen konnte ich es jedoch noch immer nicht so recht. Ian Black, der mysteriöse aber perfekte Junge aus der Großstadt. Allein sein Name löste dieses Flattern aus, das mich seit unserer Stadttour begleitete. Es war immer noch vollkommen unbegreiflich für mich, dass dieser Junge ...mit seiner tiefen, ehrlichen Art und diesem Blick, der mich mitten ins Herz traf, mich tatsächlich mochte. Er war mein Anker in diesem aufziehenden Sturm aus Magie und Familiengeheimnissen. In seinen Armen fühlte sich die Welt für Sekundenbruchteile wieder normal an, so als könnten uns weder fluchende Bücher noch sonst irgendetwas etwas anhaben. Doch... Was, wenn Logan recht hatte? Was, wenn Magie wirklich im ungünstigsten Moment herausplatzte? Die Angst saß wie ein eiskalter Knoten in meinem Magen. Wenn Ian herausfand, was ich wirklich war... würde er mich hassen? Würde er denken, ich sei ein "Monster", vor denen er sich fürchtete? Noch schlimmer war der dunkle Gedanke, der mich seit Logans Worten über meine Kräfte nicht mehr losließ: Hatte ich ihn vielleicht unwissentlich beeinflusst? War es meine eigene Magie, meine unkontrollierte Empathie, die ihn dazu gebracht hatte, mich so anzusehen? Hatte ich ihn verzaubert, noch bevor ich überhaupt wusste, dass ich es konnte? Oder beeinflussten seine Gefühle mich?
      Schlussendlich setzte ich mich an meinen Tisch und zog die Umhängetasche so vorsichtig wie möglich auf meinen Schoß. Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen, als ich spürte, wie Ink sich im Inneren drehte und wandte. Er war unruhig. Vielleicht spürte er die angespannte Energie im Raum, oder das Grimoire unter ihm piemste ihn mal wieder heimlich mit einer spitzen Buchkante. Gerade als Mr. Banner den Raum betrat und seine Unterlagen auf das Pult knallte, passierte es. Ein unterdrücktes, hämisches Kichern drang aus meiner Tasche nach oben. "Oh, seht euch das an", zischte eine Stimme, die so leise war, dass nur ich sie hören konnte – die Stimme des Grimoires. "Die kleine Hexe spielt Verstecken. Wie rührend. Sollen wir die erste Stunde mit einem kleinen Regenschauer im Klassenzimmer auflockern?" Wie ist das nur wieder passiert?! Ich hatte die Schnalle doch fest verschlossen! Oder wurde sie gelockert als ich mein Zeug wieder eingepackt habe? "Halt die Klappe!", zischte ich leise zurück und presste meine Handfläche von außen gegen den Stoff der Tasche, um das Buch zum Schweigen zu bringen. "Miss Hood? Gibt es ein Problem?", fragte Mr. Banner und sah über den Rand seiner Brille hinweg direkt zu mir.
      Ich erstarrte. Mein ganzer Körper fühlte sich an, als stünde er unter Strom. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Ian sich leicht anspannte, bereit, jeden Moment einzuspringen. "Nein, Sir", antwortete schnell. "Ich... ich habe nur meinen Taschenrechner gesucht. Alles gut." In der Pause musste ich unbedingt Logan diesen alten Schicken andrehen! Energisch versuchte ich die Metallschnalle mit einer Hand wieder zu schließen. In diesem Moment spürte ich, wie Ink in der Tasche plötzlich vollkommen erstarrte. Sein kleiner Körper wurde steif, und durch unsere Verbindung spürte ich eine Welle von purer, instinktiver Warnung. Mein Blick wanderte unwillkürlich zum Fenster. Draußen, am Waldrand direkt hinter dem Schulsportplatz, stand eine Gestalt. Sie bewegte sich nicht, war fast völlig im Nebel verborgen, doch die Aura, die von ihr ausging, war so eiskalt und scharf, dass mir der Atem stockte. Es war irgendjemand oder etwas, das mich beobachtete.
    • Ian

      Ich lehnte mich ein wenig zurück auf meinem Stuhl. Doch jeder meiner Muskeln war angespannt. Irgendwas stimmte nicht und es lag nicht an Mr. Banners übellaunigen Auftreten. Es lag an Annalena. Ich hatte schon gemerkt wie sie sich unruhig auf ihrem Stuhl bewegte. Mein Blick fiel gleich auf ihre Tasche und ich betete inständig das das kleine Wiesel die Pfoten still hielt. Als Mr. Banner sie ansprach, richtete ich mich ein kleines Stückchen auf, so unauffällig wie möglich. Ich war bereit einzugreifen, falls sie stolperte, falls sie sich verhedderte.. falls irgendetwas passierte. Sie antwortete unserem Lehrer schnell und ich atmete erleichtert aus, dass er es dabei belassen hatte und nicht weitere Fragen stellte. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen. Innerlich ruhte mein Blick immer noch auf ihr. Doch dann veränderte sich etwas. Es war kein Geräusch, kein sichtbarer Auslöser. Es war eher ein Gefühl, als würde sich die Luft selbst zusammen ziehen. Ich folgte ihrem Blick zum Fenster. Meine Augen weiteten sich. Da war etwas, oder jemand. Am Rande des Waldes, im Nebel versteckt, stand jemand regungslos. Ein Druck legte sich auf meine Brust. Mein Instinkt sprang an und ich konnte fühlen wie sich meine Augen verdunkelten. Gefahr. Meine Finger krallten sich leicht in die Tischkante, während ich die Gestalt fixierte. Für einen Moment vergaß ich alles um mich herum. Doch mir wurde schnell klar das die Gestalt nur eine Person in diesem Raum ansah und das war sie.
      Langsam wandte ich den Kopf zurück, gerade so das ich sie aus dem Augenwinkel sehen konnte. Ihre Haltung hatte sich vollkommen verändert. Sie sahs starr und wachsam auf ihrem Stuhl. Sie fixierte die Gestalt ebenfalls. Ein leiser Atemzug entwich mir. Ich wusste nicht was hier vorging und ich hatte keine Ahnung wie ich mich verhalten sollte, aber Wegsehen war keine Option.
      Ich zwang mich dazu mich wieder auf den Unterricht zu konzentrieren und löste meine Finger von der Tischkante. Ich nahm einen Stift zwischen meine Finger und versuchte mir ein paar Notizen zu machen. Mein Blick blieb fokussiert, wachsam. Ich musste sie beschützen, egal was passiert.
      Ich ließ den Stift über das Papier gleiten. Es sollte so aussehen als würde ich mir etwas aufschreiben, nur als Tarnung. Mein Fokus lag woanders. Ich war bereit für alles was kommen mag. Ganz egal was es ist, ich werde an ihrer Seite sein.
      Mein Blick glitt wieder zum Fenster, doch die Gestalt war weg. Ich suchte mit meinen Augen den Waldrand ab, doch durch den Nebel konnte ich nichts sehen. Es war niemand mehr da. Mein Puls schoß direkt in die Höhe und ich war alarmierter als vorher. Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf. Ein seltsames Gefühl kroch in meinem Nacken hinauf. Meine Hände fingen an zu schwitzen und mein Kopf dröhnte. Dann plötzlich stand ich auf und mein Stuhl kratzte leise auf den Boden. Ein paar Köpfe drehten sich zu mir um und auch Mr. Banner sah zu mir. "Mr. Black ist alles in Ordnung?" Ich zwang mich ruhig zu bleiben, auch wenn mein Puls raste. "Mir ist nicht gut." Mr. Banner zog eine Augenbraue nach oben. "Dann gehen sie besser zur Krankenschwester." Ich schüttelte vorsichtig den Kopf. "Ich brauche nur kurz frische Luft.. dann geht es wieder." Ich stolperte beinahe aus dem Klassenzimmer und sofort scannte ich den scheinbar leeren Flur. Meine Nackenhaare stellten sich wieder auf. Ich lief die Schulflure entlang, doch ich konnte niemanden sehen. Immer wieder glitt mein Blick aus den Fenstern der Schule, doch auch da war niemand mehr. "Vielleicht werde ich langsam verrückt", flüsterte ich zu mir. Mein Instinkt war immer noch aktiv. Ich setzte mich auf eine Bank im Flur und versuchte langsam ein und aus zu atmen um die Kontrolle wieder zurück zu erlangen. Es dauerte ein paar Minuten und diese Anspannung war fast vorüber. Ich wusste nicht ob ich Annalena darauf ansprechen sollte.. aber jetzt hatte ich das Gefühl das ich sie noch mehr beschützen musste, als so schon. Etwas lag in der Luft, doch ich konnte die Puzzleteile noch nicht zusammensetzen.
    • Annalena

      Mein Blick klebte am Fenster, auch nachdem die Gestalt im Nebel längst verschwunden war. Die Kälte, die von draußen herübergeweht war, saß tief in meinen Knochen. Als Ian plötzlich aufsprang und der Stuhl schrill über den Boden kratzte, zuckte ich heftig zusammen. Ich sah, wie er bleich wurde, wie seine Augen diesen dunklen, gejagten Ausdruck annahmen. Mein Herz verkrampfte sich. Er ging, und mit ihm verschwand der einzige Anker, der mich in diesem Raum hielt.
      Fünf Minuten vergingen. Dann zehn. Mr. Banner dozierte vorne über ein neues Thema, doch für mich waren seine Worte nur ein hohles Rauschen. Die Unruhe in meiner Tasche wurde unerträglich. Ink wand sich so heftig, dass ich Angst hatte, er würde den Reißverschluss von innen aufsprengen. Er spürte Ians Aufregung genauso wie ich... diese vibrierende, dunkle Energie, die noch immer wie ein Echo durch den Flur schwebte.
      Ich hob zitternd die Hand. "Mr. Banner? Darf ich bitte auf Toilette gehen?" Der Lehrer seufzte genervt, winkte mich aber mit einer kurzen Handbewegung durch. Ich schnappte mir meine Tasche, presste sie fest an meine Seite und schlüpfte aus dem Raum.
      Kaum war die Tür hinter mir ins Schloss gefallen, passierte es. Ein weißer Blitz schoss aus meiner Tasche. Ink hatte den winzigen Spalt am Reißverschluss mit seinen geschickten Pfoten aufgedrückt. Bevor ich auch nur "Stopp!" flüstern konnte, jagte er bereits wie ein Wahnsinniger den sterilen Schulflur entlang. Er zwitscherte aufgeregt, schlug Haken und schien die plötzliche Freiheit in vollen Zügen zu genießen. "Ink! Komm sofort zurück!", zischte ich und rannte hinterher, wobei meine Schuhe leise auf dem Linoleum quietschten.
      Ich bog um die Ecke und blieb abrupt stehen. Dort saß Ian auf einer Bank, den Kopf in die Hände gestützt. Er wirkte so verletzlich, dass es mir fast den Atem raubte. Ink hatte ihn bereits erreicht. Ohne jede Scheu sprang das kleine Hermelin auf Ians Schoß, drehte dort drei extrem schnelle, aufgeregte Kreise und sah ihn dann aus seinen schwarzen Knopfaugen erwartungsvoll an, als wollte er ihn zum Spielen auffordern.
      Ich trat langsam näher, die Tasche mit den sarkastischen Buch noch immer fest umklammert. "Geht es dir wieder besser?", fragte ich leise, während ich mich vorsichtig neben ihn auf die Bank setzte. Ich legte meine Hand sacht auf seinen Arm und spürte sofort, wie die Anspannung in ihm nachhallte. "Du bist so plötzlich rausgerannt... ich habe mir ein paar Sorgen gemacht." Ich sah zu Ink hinunter, der nun an Ians Ärmel schnupperte. Hoffentlich kam er nicht auf die Idee ihn zu zwicken. "Tut mir leid wegen dem kleinen Monster hier. Er scheint zu glauben, dass du gerade einen Freund gebrauchen kannst." Ich sah ihn von der Seite an. Unter der seiner Erschöpfung brodelte eine tiefe, instinktive Unruhe... eine Schwingung, die so scharf war, dass sie fast in meinen eigenen Fingerspitzen wehtat. Meine Stirn legte sich fragend in Falten. Ich wusste, dass er mir gerade nicht alles sagte. Da war mehr als nur ein flauer Magen, mehr als nur die stickige Luft im Klassenzimmer. Sein Puls, den ich fast durch den Stoff seines Ärmels spüren konnte, raste immer noch.
      Doch ich drängte ihn nicht. Ich wusste selbst nur zu gut, wie es sich anfühlte, Wahrheiten mit sich herumzutragen, für die es keine einfachen Worte gab. Leise seufzend rückte ich ein Stück näher auf der harten Holzbank. Ich hakte mich liebevoll unter seinen Arm und lehnte meinen Kopf für einen Moment gegen seine Schulter, um ihm zu zeigen, dass ich da war ...egal, was ihn gerade so aus der Fassung gebracht hatte. Mit meiner freien Hand griff ich sanft nach seinem Gesicht. "Du bist ganz blass", murmelte ich kaum hörbar. Vorsichtig sortierte ich ein paar verirrte, dunkle Haarsträhnen aus seiner Stirn, die ihm wirr ins Gesicht gefallen waren. Meine Fingerspitzen strichen dabei wie von selbst über seine Schläfe. Ink schien meine Mission zu unterstützen. Er hatte aufgehört, aufgeregt Kreise zu ziehen, und drückte nun seinen kleinen, warmen Kopf flach gegen Ians Bauch, während er ein fast unhörbares, beruhigendes Schnurren von sich gab. "Egal was es war...", flüsterte ich und sah ihn aus großen, besorgten Augen an, "du musst das nicht allein mit dir ausmachen. Aber wir können auch einfach nur hier sitzen, bis das Zittern aufhört. Mr. Banner wird uns schon nicht vermissen, er liebt seine Gleichungen viel zu sehr." Ich versuchte zu lächeln, doch mein Blick glitt unwillkürlich zu dem großen Fenster am Ende des Flurs. Die Kälte von draußen schien immer noch an den Scheiben zu kleben doch so langsam hatte sich zumindest die Atmosphäre wieder entspannt.
    • Ian

      Ich horchte auf als ich ein paar Schritte vernahm, die in meine Richtung liefen. Dann konnte ich Annalenas Stimme hören und spürte wie das kleine Wiesel auf meinen Schoß sprang und mich mit seinen Knopfaugen anschaute, als würde es mich lesen.
      Ich spürte ihre Wärme, als sie ihre Hand auf meinen Arm legte. Meine Anspannung legte sich ein wenig. "Es geht". Es kam wie ein Flüstern aus meinen Mund heraus. Ich hörte das Schnurren von dem kleinen Tier auf meinem Schoß und sein kleines Gewicht auf mir wirkte seltsam beruhigend, fast wie ein Anker. Langsam nahm ich den Kopf wieder nach oben und ließ meine Hände über das Gesicht gleiten. Ich atmete noch einmal tief durch. Es war noch nicht vorbei, das Zittern in meinem Körper war noch da, doch nicht mehr so schlimm wie vorhin. Ich spürte wie sie ihren Kopf auf meine Schulter legte und dieses Gefühl von Nähe und Vertrautheit, ließ etwas von den Druck in meiner Brust nach. "Es tut gut das du hier bist", murmelte ich leise vor mich hin. Die Anspannung legte sich ein wenig mehr, doch ich blieb weiterhin vorsichtig. Vorsichtig, deshalb, weil ich ihr nicht alles erzählen kann. Das kleine Wiesel sah mich so an als würde es mich ermutigen wollen etwas zu sagen. Es brachte mich beinahe zum Schmunzeln. Ich sah in ihre besorgten Augen und versuchte ein Lächeln zu formen, das nicht ganz so unsicher wirkte, wie ich mich eigentlich gerade fühlte.
      "Danke das du mich nicht alleine lässt.." Ich lehnte meine Stirn gegen ihre und schloß meine Augen. "Du hast Recht vielleicht können wir hier einfach nur sitzen und warten." Mein Puls hatte sich noch nicht vollkommen normalisiert, aber ich wusste das ich nicht alleine war und das reichte vorerst. Ich löste mich wieder von ihr und sie konnte sich wieder an meine Schulter lehnen. Ich ließ meinen Blick langsam über sie gleiten, spürte das Zittern in ihren Fingerspitzen, als sie mich berührte. Sie macht sich wirklich Sorgen um mich. Ich sollte mich zusammenreißen, anwesend sein, für sie da sein und nicht in meinen eigenen Gedanken versumpfen. Ich strich mit meiner Hand über ihre und hielt sie anschließend fest. Wieder gab es nur sie und mich und dieses kleine Geschöpf welches sich auf meinem Schoß bequem gemacht hatte.
      Die Minuten verstrichen, während wir einfach nur nebeneinander saßen und nichts sagten. Es war keine unangenehme Stille die zwischen uns herrschte, nein sie war genau richtig. Meine Atmung und mein Puls beruhigten sich wieder. Meine Kopfschmerzen waren weg und dieses unangenehme Gefühl war beinahe wie weggeblasen.
      Ich blickte zu ihr und sah sie an. "Vielleicht sollten wir zurück. Nicht das man noch Verdacht schöpft oder irgendwelche Gerüchte die Runde machen." Auch wenn ich unsere Zweisamkeit weiter genießen wollte.. Ich strich sanft über den Rücken des kleines Wiesels. "Komm zurück in die Tasche. Wir müssen wieder zurück." Ich wartete bis das kleine Tier mit einem leichten Protest wieder zurück in Annalenas Tasche verschwand. Wir standen auf und ich blickte sie an. Ich hob ihr Kinn ein bisschen an und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Er war voller Sehnsucht. Ich löste mich von ihr. "Geh du ruhig als Erste. Ich komme dann in ein paar Minuten nach."
      Ich folgte ihr mit meinem Blick bis sie im Flur in Richtung Klassenzimmer verschwand. Ich atmete erneuert tief ein und aus. Ich muss mich zusammenreißen. Für sie muss ich stark sein. Ich durfte nicht alles an mich heranlassen. Sie brauchte mich und ich brauchte sie.
      Ich ging nach ein paar Minuten ebenfalls zurück zum Klassenzimmer. Nachdem ich den Raum betrat ertönte die Glocke und der Unterricht war vorbei. Mr. Banner konnte mir keine weiteren Fragen stellen und ich ging zurück zu meinem Platz.
      Ich war froh darüber das die nächsten Unterrichtstunden eher ruhig verliefen. Immer wieder sah ich zu Annalena, doch auch sie schien wieder etwas ruhiger geworden zu sein. Ihre Tasche hatte bisher auch nicht noch einmal gewackelt. Alles war gut.
      Dann war endlich Mittagspause. Ich nahm meine Sachen und packte sie in meine Tasche. Ich wartete vor dem Klassenraum darauf das Annalena herauskam und zog sie sanft an ihrer Hand durch den Schulflur nach Draußen in Richtung Wald. Mein Blick ging immer wieder über meine Schulter ob uns auch niemand verfolgte. An einem ruhigen Fleckchen am Waldrand ließen wir uns nieder. Die Schule war noch zu sehen, aber wir waren so gut versteckt das uns niemand von dort aus sah. "Dann lass mal den kleinen Kerl raus."
      Ich zeigte in Richtung ihrer Tasche, die wie wild wieder mit wackeln anfing, sobald wir aus der Schule draußen waren.
    • Annalena

      Ich spürte, wie sich ein Teil der eisigen Anspannung in mir löste, als er sich zu mir herabsinken ließ. Ians Nähe tat mir so unbeschreiblich gut; es war, als würde er die ganze wirre Magie in meinem Inneren für einen Moment einfach glattschleifen. Als er seinen Kopf an meinen lehnte, schmiegte ich mich instinktiv enger an ihn, suchte den Kontakt und sog ganz langsam seinen vertrauten Geruch ein. Dieser Mix aus frischer Luft und etwas, das einfach nur nach Ian klang, war mein absoluter Lieblingsduft geworden. Ich musste unwillkürlich schmunzeln, als er sich bedankte, dass ich ihn nicht allein gelassen hatte. "Ich würde dich niemals einfach so allein lassen, Ian", flüsterte ich und sah ihn aus nächster Nähe an. "Aber... ich bin verdammt gern allein mit dir." Manchmal wäre es eigentlich ganz okay, wenn die Welt nur aus ihm und mir bestehen würde ... Als er sich wegen möglicher Gerüchte sorgte, hätte ich fast leise gelacht. Was sollten die Leute denn schon groß reden? In der Oberstufe wusste ohnehin jeder, dass wir beide uns dateten. Sollen sie doch schauen, sollen sie doch reden... dachte ich mir und biss mir auf die Lippe, während er mein Kinn anhob. Ich erwiderte Ians Kuss mit allem, was ich hatte, und presste mich an ihn, als könnte ich so die wenigen Zentimeter Abstand, die noch zwischen uns lagen, auch noch dahin schmelzen lassen. Ich konnte einfach nie genug von seinen Küssen bekommen, sie waren das Einzige, was sich in diesem neuen, chaotischen Leben noch völlig richtig anfühlte.
      Schweren Herzens löste ich mich schließlich von ihm und huschte als Erste zurück ins Klassenzimmer. Den Rest der Stunden verbrachte ich wie in Trance, immer wieder wanderte mein Blick zu ihm, während Ink in der Tasche zum Glück die meiste Zeit Ruhe gab.
      Dann war es endlich soweit: Mittagspause.
      Kaum war die Glocke ertönt, spürte ich Ians Hand an meiner. Er zog mich sanft durch die Gänge nach draußen, weg von den lärmenden Schülern und den prüfenden Blicken. Wir liefen bis zum Waldrand, dorthin, wo der Nebel zwischen den Tannen hing und uns ein wenig Privatsphäre schenkte. "Gott sei Dank", murmelte ich und stellte die Tasche auf den weichen, moosigen Boden. "Ich glaube, er hat mittlerweile mein Bio-Buch in Konfetti verwandelt." Vorsichtig öffnete den Reißverschluss.Ink schoss heraus wie ein weißer geölter Blitz. Er vollführte einen regelrechten Freudensprung in der Luft, wirbelte um Ians Knöchel herum und verschwand dann raschelnd im trockenen Laub, nur um eine Sekunde später hinter einem Baumstamm wieder aufzutauchen und uns frech anzuzwitschern.
      Ich ließ mich erschöpft neben Ian ins Gras sinken. Die feuchte Kühle des Waldbodens drang durch meine Jeans, aber es fühlte sich gut an. Während der kleine Kerl durch das Unterholz jagte und den Drang nach Freiheit im Laub auszuleben, wandte ich mich wieder Ian zu. Wir saßen hier im Halbschatten der Bäume, fernab vom Schulstress. "Das hat fast etwas von einem romantischen Picknick", stellte ich fest und sah ihn lächelnd an. "Wenn du magst teile ich sogar mein Essen mit dir."
    • Ian

      Ich setzte mich neben sie auf das feuchte Moos, stützte meine Hände auf den Boden ab und beobachte wie das kleine Wiesel durch das Unterholz schoss. Ich musste darüber grinsen. Mein Blick folgte dem kleinen Geschöpf noch ein wenig, bis ich meine volle Aufmerksamkeit auf Annalena richtete. Ich drehte meinen Kopf leicht zu ihr und musterte sie. Sie wirkte entspannter als vorhin im Klassenzimmer und das war auf eine Art und Weise beruhigend. Es war nicht auszumalen was sonst noch passiert wäre, hätte ich diese mysteriöse Gestalt aufgespürt. Im Moment waren wir sicher, doch ich bleib wachsam. Sie zu beschützen war alles was ich wollte. Ich konnte es mir nie verzeihen würde ihr irgendwas passiere.
      Ihre Worte rissen mich auf meinen Gedanken und ich lächelte sie an. "Nun das hat zwar nicht so viel Potenzial wie unsere Netflix- Abende, aber besser wie nichts. Hauptsache wir können ein paar Minuten ungestört sein." Ich lehnte meinen Kopf zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf ihre Stirn. Neugierig blickte ich auf ihr Essen, welches sie aus der Tasche holte. Ich war erstaunt darüber das das kleine Wiesel nicht auch schon die Dose geknackt hat und sich über das Essen hergemacht hat. Ein kurzes Rascheln neben uns löste meinen Blick kurz von ihr. Das kleine Wiesel sprang fröhlich durch den Wald und das Laub, als hätte es das schon ewig nicht getan.
      Ich zog meine Brotdose ebenfalls aus meiner Tasche und stellte sie auf meinen Schoß. "Vielleicht kannst du auch etwas von mir abhaben."
      Ich öffnete die Dose mit einem leisen Klick und warf einen kurzen Blick hinein, ehe ich den Blick wieder zu ihr richtete. Ich beugte mich ein Stück zu ihr rüber und lächelte sie an. "Also...", begann ich während ich mir ein Stück von meinem Essen aus der Dose zog. "Was hast du im Angebot?" Ich hielt kurz inne als das kleine Wiesel wie ein Blitz auf uns zu geschossen kam und anschließend einen großen Bogen um uns machte. Ich schüttelte amüsiert den Kopf. "Hoffentlich kommt es nicht auf die Idee unser Essen zu klauen, dann ist die ganze romantische Stimmung weg." Ich lachte bei den Gedanken, der mir als nächstes in den Sinn kam. Wenn es schon das Biobuch auseinander gepflückt hat, dann würde es mich nicht wundern wenn es uns aus dem Hinterhalt anspringt und über unsere Brotdosen herfällt.
      Doch bisher war es nicht der Fall. Ich genoss die Ruhe fernab von der Schule. Nur der Wald, das Rascheln der Bäume, das kleine Wiesel was durch das Unterholz springt und sie. Diesen Moment mit ihr zu teilen, war ein Geschenk und ich konnte es kaum abwarten bis ihr `Hausarrest´ zu Ende war. Doch bis dahin hieß es durchhalten und an diesen kleinen Momenten festhalten.
    • Annalena

      Ich beobachtete amüsiert, wie Ian seine Brotdose öffnete. Es war so ein herrlich normaler Moment inmitten all des Wahnsinns. Dass wir hier saßen und uns über den Inhalt unserer Dosen unterhielten, während ein magisches Hermelin im Hintergrund den Wald unsicher machte, gab mir das Gefühl, dass wir alles schaffen könnten. "Nun, im Angebot hätte ich...", begann ich und öffnete meine eigene Dose mit einem feierlichen Klicken. Ich präsentierte stolz den Inhalt: einen knackigen Salat, ein ordentlich belegtes Sandwich, zwei hartgekochte Eier und ein paar der unschlagbaren, selbstgebackenen Kekse unserer Haushälterin. "Also... Zumindest kann ich dann nicht abstreiten, dass es mein Hermelin ist, wenn er dir zwitschernd dein Essen klaut", fügte ich lachend hinzu und hielt ihm das Sandwich entgegen. "Teilen oder tauschen gegen das, was du da Leckeres hast?" Es war so friedlich hier. Ich lehnte mich ein Stück näher an ihn, sodass meine Schulter fest an seiner ruhte, und genoss die kühle Waldluft, die nach Tannennadeln und feuchter Erde roch. Ians Kuss auf meine Stirn brannte noch immer wohlig nach. Er war dieser Anker, den ich brauchte, um nicht an die Gestalt im Nebel oder das Grimoire zu denken.
      Ich sah ihn von der Seite an und mein Lächeln wurde weicher, fast ein wenig wehmütig. "Danke, Ian. Dass wir hier sein können. Das ist viel schöner als die stickige Mensa." Ich hielt kurz inne und suchte seinen Blick. "Aber... du weißt, dass du auch ruhig Zeit mit deinen Freunden verbringen kannst, wenn du das möchtest. Nur wegen... wegen uns und meinem Hausarrest musst du nicht auf alles andere verzichten. Ich will nicht, dass du dich meinetwegen einschränkst." Ich biss in mein Sandwich, lehnte mich aber dabei so weit zu Ian rüber, dass unsere Arme sich von der Schulter bis zum Ellenbogen berührten. Es war mir egal, wie es aussah ich brauchte dieses Gefühl von Realität, das nur er mir geben konnte. Während ich kaute, beobachtete ich, wie er fast schon andächtig den Rest der Brotdosen betrachtete. "Aber jetzt mal ehrlich", begann ich leise und sah ihn von der Seite an, wobei ich versuchte, den ernsten Unterton hinter einem Lächeln zu verbergen. "Wie gefällt es dir inzwischen wirklich hier in Forks? Ich meine... abgesehen von Regen, Nebel und einem Mädchen, die heimlich ein Wildtier in ihrer Tasche mit sich herumschleppt?" Ich hielt kurz inne und suchte seinen Blick, der so tief und unergründlich sein konnte. "Vermisst du dein altes Leben manchmal? Deine alten Freunde? Ich meine, dort war alles sicher viel... einfacher. Unkomplizierter." In meinem Hinterkopf hämmerte die Angst, dass er irgendwann aufwachen und merken würde, dass dieses graue Nest und all der seltsame Ballast, der an mir klebte, den Preis nicht wert waren. Ich wollte, dass er glücklich war, auch wenn der Gedanke, ihn an seine Vergangenheit zu verlieren, mir einen kleinen Stich versetzte.
    • Ian

      Ihre Auswahl war nicht schlecht und mein Blick in meine Brotdose verriet mir das sie mehr Auswahl hatte als ich. "Nun damit kann ich nicht ganz dienen. Ich habe nur einen Salat, Proteinriegel und einen Apfel." Man könnte meinen es wäre typisch für einen Sportler, aber ich konnte es mir nicht erlauben so viel Junkfood zu essen.
      Ihre Nähe fühlte sich wie immer wunderbar an. Wieder waren alle negativen Gedanken wie wegeblasen. "Du musst dich nicht bedanken Annalena. Hier mit dir zu sein ist das was mich glücklich macht." Ich sah ihr in die Augen und konnte eine Spur von einer leichten Unsicherheit sehen. "Bitte sag sowas nicht. Ich sehe die Jungs noch oft genug. Die kommen auch gut ohne mich klar." Ich schenkte ihr ein ehrlich gemeintes Lächeln.
      Ich sah wie sie genüsslich von ihrem Sandwich abbiss. Meine Mundwinkel zuckten, als ein bisschen von der Soße die sie drauf hatte an ihrem Mundwinkel hängen blieb. "Halt kurz still." Ich lehnte mich zu ihr und wischte die Soße mit meinem Daumen ab und leckte ihn anschließend ab. "Mhm schmeckt nicht schlecht, aber sagtest du unschlagbare Kekse? Wenn es dir nichts ausmacht würde ich gerne einen davon probieren." Ich sah wie sie mir einen Keks rüber reichte und nahm ihn gleich in meine Hände und biss von ihnen ab. Sie schmeckten wirklich sehr lecker. Ihre Frage kam plötzlich, unerwartet und ich hatte mich fast an einem Krümel verschluckt.
      Ich sah sie an und zog eine Augenbraue nach oben. "Wow wow wow..." Ich legte den angebissenen Keks in meine Dose und stellte sie neben meine Tasche, auf die Gefahr hin das das kleine Wiesel doch darüber fallen könnte. Doch das war mir egal. Ich drehte mich zu ihr um und nahm ihre freie Hand in meine. "Hör bitte auf sowas zu sagen. Hier ist gar nichts kompliziert und du schon gar nicht." Meine Hand hielt ihre fest und mein Blick war eindringlich. "Ich vermisse meine alte Heimat schon.. gerade meine Mum und meine anderen Freunde, aber du kannst mir glauben das ich mich hier auch sehr wohlfühle. Auch wenn das Wetter nicht unbedingt das ist was ich gewohnt bin, aber damit kann ich leben." Meine Gesichtszüge wurden wieder entspannter, sanfter. "Das ich dich kennenlernen durfte ist das größte Geschenk und ich kann mir nichts schöneres vorstellen. Annalena du bedeutest mir alles und ich werde alles dafür tun um dich glücklich zu machen." Diese Worten kamen aus meinen Mund, ohne das ich groß darüber nachdenken musste. Sie war alles was mein Herz erfüllte, was mich atmen lässt, was mich am Leben hielt. "Du bist das erste Mädchen was mich so verzaubert hat und das in so einer kurzen Zeit." Ich biss mir auf die Lippe. "Du kannst dir gar nicht vorstellen wie verknallt ich in dich bin." Jetzt war es raus. Es gab kein zurück mehr. ich hatte mich in dieses Mädchen verliebt, ganz egal ob mein Wolfs Gen da mitgemischt hat. Für mich gab es nur sie und keine andere.
    • Annalena

      Ich spürte, wie die Welt um mich herum für einen Moment einfach aufhörte, sich zu drehen. Seine Worte sickerten in mich ein wie warmer Sommerregen, und das Herzklopfen, das eben noch vor Unsicherheit gehämmert hatte, verwandelte sich in ein tiefes Beben. Er hatte es gesagt. Er war verknallt ...nein, es fühlte sich nach so viel mehr an. Ich wollte dahin schmelzen, mich einfach in diesem Moment verlieren und vergessen, dass es so etwas wie Probleme überhaupt gab. Doch dann fiel dieses eine Wort. Verzaubert.
      Schlagartig wich alle Wärme aus meinem Gesicht. Ein eiskalter Schauer lief mir über den Rücken und ich fühlte mich plötzlich furchtbar kaltschweißig. Mein Magen zog sich so fest zusammen, dass mir fast übel wurde. Hatte er das gerade wirklich gesagt? "Ich... ich hab was?", flüsterte ich, meine Stimme kaum mehr als ein heiseres Krächzen. Meine Augen suchten panisch seinen Blick, versuchten in der Tiefe seiner Pupillen zu lesen, ob da noch der echte Ian war oder nur ein Zerrbild, das meine unkontrollierte Magie erschaffen hatte. War dieses Geständnis echt? Oder war es das Ergebnis meiner erwachenden Kräfte, die ihn ohne mein Wissen manipulierten?
      Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich konnte hier nicht sitzen bleiben. Nicht mit diesem bohrenden Zweifel im Hinterkopf. "Es tut mir leid, Ian... ich... ich muss kurz... ich bin gleich wieder da. Versprochen!", stammelte ich, während ich hastig aufsprang. Ich wartete seine Antwort gar nicht erst ab, sondern schnappte mir meine Tasche und rannte los, zurück in Richtung Schulgebäude. Ink, der den Umschwung meiner Gefühle sofort bemerkt hatte, schoss wie ein weißer Schatten hinter mir her und schlüpfte im Laufen zurück in die Seitentasche.
      Ich stürmte durch die Flure, bis ich die Mädchentoilette erreichte. Mit zitternden Händen stieß ich die Tür auf, kontrollierte hastig unter den Türen der Kabinen hindurch, ob sie leer waren, und verriegelte dann die hinterste Tür von innen.
      Ich ließ mich auf den Deckel sinken und riss mit einer heftigen Bewegung das Grimoire aus meiner Tasche. Das Buch schien in meinen Händen fast zu vibrieren, als würde es meine Verzweiflung genießen. "Jetzt sei einmal nützlich!", zischte ich und schlug die schweren, vergilbten Seiten auf. Meine Augen flogen über die altmodische Schrift, während ich hektisch nach Schlagworten wie Liebeszauber, Bannung von Zuneigung oder Erzwungene Empathie suchte. Ich musste wissen, ob es einen Weg gab, ihn zu testen oder noch wichtiger: wie ich einen solchen Zauber lösen konnte, falls ich ihn unwissentlich über ihn gewebt hatte. "Was haben wir denn hier?", säuselte die gehässige Stimme des Buches in meinem Kopf. "Die kleine Hexe hat Angst, dass ihr Prinz nur wegen eines Fluchs bei ihr bleibt? Wie tragisch..." Dieses Buch!!! "Halt die Klappe und zeig mir die Seite!", presste ich hervor, während Ink nervös auf meiner Schulter auf und ab kletterte.
      Meine Finger zitterten so heftig, dass das Pergament unter meinen Berührungen gefährlich knisterte. Das Grimoire schien fast zu kichern, während die Seiten wie von Geisterhand umschlugen, bis sie bei einem Kapitel stehen blieben, das mit verschnörkelten, tiefroten Buchstaben überschrieben war: 'Fesseln des Herzens und das Weben von Verlangen'.
      "Da haben wir es ja", presste ich hervor und wischte mir eine hartnäckige Träne aus dem Augenwinkel. "Lass mal sehen..." Ich ging die Liste systematisch durch, mein Atem ging flach und schnell. Ink saß starr auf dem Spülkasten und beobachtete mich mit seinen dunklen Knopfaugen, als verstünde er den Ernst der Lage.
      Der Trank der blinden Ergebenheit: "Erfordert das Brauen von Alraunwurzel und einer Locke des Begehrten...", las ich flüsternd. Nein. Ich hatte Ian nichts zu trinken gegeben, und ich besaß sicher keine Locke von ihm. Abgehakt.
      Das Netz der empathischen Spiegelung: "Die Hexe spiegelt ihre eigenen Wünsche so stark wider, dass das Gegenüber sie als seine eigenen empfindet." Mein Herz setzte einen Schlag aus. War es das? Aber das Buch sagte weiter: "Erfordert direkten Blickkontakt über die Dauer von sieben Glockenschlägen bei Neumond." Wir hatten keinen Neumond gehabt, als wir uns kennenlernten.
      Abgehakt.
      Der Duft des Verderbens: "Ein magisches Pheromon, das den Geist vernebelt." Nein, ich trug kein Parfüm mit Pheromonen. Heute schon gar nicht... außer vielleicht das bisschen Vanille-Duschgel von heute Morgen. Das konnte es nicht sein.
      Das unbewusste Wispern: "Worte, die im Schlaf oder im Rausch der Magie gesprochen werden und sich in die Seele brennen."
      Ich hielt inne. Hatte ich im Wald, als ich so verzweifelt war, irgendetwas gemurmelt? Hatte meine Angst, ihn zu verlieren, eine unkontrollierte Welle ausgestoßen? Ich suchte nach dem Abschnitt über die Symptome.
      "Das Opfer eines Liebeszaubers zeigt glasige Augen, verliert das Interesse an alten Leben oder seiner Lieben und zeigt eine unnatürliche Obsession...", las ich vor.
      Ich dachte an Ian. Seine Augen waren vorhin klar gewesen. Er hatte sogar von seinen Freunden gesprochen und gesagt, dass er sie noch oft genug sah. Er war nicht besessen... er war... er selbst. Er hatte von seiner Mutter erzählt, von seiner Heimat. Ein verzauberter Mensch würde nicht so reflektiert über seine Vergangenheit sprechen, oder?
      "Vielleicht...", murmelte ich und presste das Buch gegen meine Brust, "vielleicht ist es wirklich echt. Vielleicht ich bin kein Monster, das Menschen manipuliert." Ich musste vorsichtig sein aber... vielleicht war es ja wirklich einfach nur ... Liebe. . "Oder du bist einfach nur eine sehr begabte Naturhexe, die gar keine Formeln braucht, um Herzen zu brechen", höhnte das Grimoire plötzlich in meinem Kopf. "Willst du den Gegenzauber ausprobieren? Nur um ganz sicherzugehen? Er erfordert nur einen Tropfen deines Blutes in Form einer Rune auf seinem linken Handgelenk..." Ich erstarrte. Ein Gegenzauber? Wenn ich ihn anwandte und seine Gefühle verschwanden, würde ich wissen, dass es Magie war. Aber wenn sie blieben...
      In diesem Moment hörte ich schwere Schritte auf dem Flur, die direkt vor der Toilettentür stehen blieben. Ein kurzes, kräftiges Klopfen ließ mich zusammenfahren.
      "Ann? Ich weiß, dass du da drin bist." Es war Logans Stimme. Er klang nicht wütend, sondern seltsam alarmiert. "Komm raus. Deine Aura flackert wie eine defekte Glühbirne und zieht Dinge an, die wir hier drin nicht gebrauchen können." Ich atmete tief durch und verstaute das Grimoire hastig in meiner Tasche, bevor ich die Kabinentür entriegelte. Logan stand dort, die Arme vor der Brust verschränkt, und sein Blick war so düster wie die Wolken über Forks. "Beruhig dich, Logan", stieß ich hervor, während ich versuchte, das Zittern in meinen Händen zu unterdrücken. "Ich musste nur... ich musste etwas nachschlagen. Wegen Ian. Er hat vorhin das Wort 'verzaubert' benutzt und ich hatte solche Angst, dass ich ihm das unbewusst angetan habe."
      Logan zog eine Augenbraue hoch, doch sein Blick glitt plötzlich an mir vorbei zu Ink, der immer noch auf dem Spülkasten saß und ihn angriffslustig anstarrte. Ein seltsamer Ausdruck trat in Logans Gesicht eine Mischung aus Verwirrung und echter Überraschung. "Er kann ihn sehen?", fragte er leise, fast schon verwundert. "Wen? Ink? Ja, natürlich kann er das", antwortete ich irritiert. "Er hat ihn sogar gestreichelt." Logan rieb sich nachdenklich am Kinn während seine Augen schmaler wurden. "Nun... Mum meinte mal, dass Ians Mutter eine Sehende ist... also könnte er es geerbt haben." Er sah mich an, als ich ihn fragend musterte. "Normalsterbliche können Magie nicht einfach so sehen, Annalena. Es liegt ein Schleier über allem, eine Art Nebel, der die magische Welt verbirgt. Ihr Verstand könnte die Realität dahinter einfach nicht verarbeiten, also filtert er sie aus. Aber ab und an gibt es Menschen, die das durchbrechen können. Ian scheint einer von ihnen zu sein." Er trat einen Schritt näher und seine Stimme verlor ein wenig von ihrer üblichen Härte. "Hör zu. Du hast ihn höchstwahrscheinlich nicht verzaubert. Ihr seid einfach nur zwei frisch verliebte Teenager, die sich gegenseitig den Kopf verdrehen. Das ist Biologie, keine Hexerei."
      Ich stieß einen langen Seufzer der Erleichterung aus, doch Logan hob warnend den Finger. "Aber das ändert nichts an der Regel: Du darfst Normalsterblichen wie Tessa, Ian oder sonst wem niemals sagen, was wir wirklich sind. Wenn ein Sterblicher die volle Wahrheit über unsere Existenz erfährt, ohne dafür bereit zu sein, könnten sie zu lebenden Statuen werden... geistig und körperlich erstarrt in diesem Augenblick." Ich schluckte schwer. "Niemals?" er machte eine Pause, so als ob er abwog was er mit sagte. "Es gibt Ausnahmen", lenkte er ein. "Menschen, die stark genug sind oder es selbst herausfinden. Mein Dad zum Beispiel. Er hat ganz allein herausgefunden, dass Mum eine Hexe ist. Und folglich weiß er es auch von meinen Fähigkeiten. Aber das ist selten. Es bleibt gefährlich. Gerade für Sterbliche wie Tessa oder Ian die uns nahestehen." Er legte mir kurz die Hand auf die Schulter. "Geh jetzt wieder zu ihm. Aber behalt dein Geheimnis bei dir. Für sein eigenes Wohl."
      Ich atmete noch einmal tief durch und strich mein Shirt glatt, bevor ich die Toilettentür öffnete. Logan war bereits lautlos im Flur verschwunden, als wäre er nie da gewesen. Seine Worte hallten in meinem Kopf nach... das war wieder alles viel zu viel... ein gefährlicher Schleier, lebende Statuen und die Erleichterung, dass Ians Gefühle wohl doch keine magische Manipulation waren.
      Mit weichen Knien steuerte ich zurück auf die Lichtung am Waldrand. Ian saß noch immer dort, die Brotdose neben sich, und sah fast schon verloren aus, während sein Blick den Waldrand absuchte. Als er mich sah, sprang er sofort auf. "Hey, tut mir leid!", rief ich schon von Weitem und versuchte, mein Lächeln so echt wie möglich wirken zu lassen. Ich spürte, wie Ink in meiner Tasche herumwuselte, als wolle er mich für meine Flucht ausschimpfen. "Mir ist vorhin plötzlich total schwindelig geworden... wahrscheinlich der Kreislauf." Ich trat zu ihm und legte entschuldigend meine Hand auf seinen Oberarm. "Ich wollte dich nicht einfach so sitzen lassen." sagte ich leise und suchte seine Augen, wobei ich nun ganz genau darauf achtete, ob dieser 'Nebel', von dem Logan gesprochen hatte, irgendwo zwischen uns lag. Doch alles, was ich sah, war die ehrliche Sorge in seinem Blick. "Ich bin wohl einfach noch ein bisschen mitgenommen von dem ganzen Stress der letzten Tage", schob ich schnell hinterher und drückte seinen Arm sanft. "Können wir das Picknick fortsetzen? Ich schulde dir immerhin noch eine Antwort."