Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Lewis folgte jeder einzelnen Anweisung ohne zu zögern. Zuerst bekamen sie nur das typische Rauschen rein, aber irgendwann waren Stimmen zu hören. Lewis drehte an Rädchen, bis sie verstehen konnten, was gesagt wurde.
      "Man, du kannst echt den Polizeifunk abhören?"
      Santi lächelte.
      "Besser: Ich kann den Polizeifunk unbemerkt abhören. Heutzutage kann jeder mit einer App zuhören, aber das kann man zurückverfolgen. Den alten Transponder da nicht."
      Santi lauschte den rauschenden Stimmen der örtlichen Polizei, während Lewis sich mit den Nachrichten im Internet beschäftigte. Über den Sender bekam Santi alles mit, was in der Nähe so passierte - nichts davon ließ darauf schließen, dass man ihnen auf der Spur war. Für den Moment. Die anstehende Auswertung des Videomaterials könnte ihnen noch in den Hintern beißen. Zwar hatte Santi so geparkt, dass sie nicht direkt von den Kameras aufgenommen werden konnten, aber das Auto war auf diesen Bändern. Und genau deswegen fuhr man nicht wie ein Wahnsinniger, wenn man verschwinden wollte. Er konnte nur hoffen, dass diese kleine Sicherheitsvorkehrung genug war, um die Cops lange genug suchen zu lassen, dass sie das Fahrzeug ungesehen loswerden konnten.
      Lewis ließ verlauten, dass die Nachrichten auch nichts hatten. Das Lagerhaus zu verlassen war also durchaus eine Möglichkeit. Santi gab klein bei. Sollten die Cops dem Auto doch folgen, hätten sie zwar ihre DNA, aber weder er, noch Lewis waren im System. Nicht ideal, aber lieber so, als dass sie hier auf frischer Tat ertappt wurden.
      Unter Santis Anweisung packte Lewis ein paar Sachen zusammen - Wechselklamotten, den Inhalt seines Medizinkoffers, ein paar Snacks - und sie machten sich auf den Weg die Straße runter zum Motel. Laufen war anstrengend. Santis Kreislauf war noch lange nicht soweit, dass er auf den Beinen sein sollte und jeder Schritt sandte eine kleine Schockwelle in seine Schulter, die sich dann als Schmerz im Rest seines Körpers ausbreitete und das trotz der Schmerzmittel. Vielleicht sollte er doch was stärkeres nehmen, sobald sie im Motel waren? Ohne seine Paranoia konnte er sich bestimmt ein paar Stunden bei vernebeltem Verstand leisten.
      Lewis checkte sie beide ein und nahm ihn mit in eine Zimmer im Erdgeschoss. Wie erwartet war das Zimmer schäbig, aber immerhin sauber. Was wollte man mehr.
      Santi schlurfte direkt zum Bett und setzte sich vorsichtig.
      "Calvary Cemetery. Da will Zeus sich wohl treffen. Wie makaber. Was schreib ich ihm, wann wir uns treffen? In ein paar Tagen, wenn wir Skye haben?"
      Santi nickte.
      "Ich will erst wissen, wo sie in der Sache steht, bevor ich mich wieder mit dem Kerl treffe. Ich hab keine Lust auf halbe Sachen."
      Vorsichtig zog Santi seine Hand aus der Jackentasche. Dann öffnete er den Reisverschluss und zog die Jacke langsam von seiner Schulter, um einen Blick darauf werfen zu können. Dem rosa Fleck nach zu urteilen hatte seine Wunde nicht nachgeblutet, nur ein bisschen genässt wegen der Bewegung. Das war okay, damit konnte man arbeiten. Er warf einen Blick auf die Uhr und rechnete schnell.
      "Ich brauch die Medikamente aus der Packung mit den lila Streifen," meinte er zu Lewis. "Und die Packung mit Oxycodon."
      Nut, weil sich Santi was hochdosiertes gönnen würde, hieß das noch nicht, dass er sich komplett wegschießen wollet. Oxy war schon grenzwertig, weiter wollte er nicht gehen. Er würde einfach die Zähne zusammenbeißen müssen.
      "Und wir müssen den Verband wechseln, bevor du uns was zu Essen holen kannst. Zwei Straßen weiter ist ein Chinese. Gegenüber in einer Seitenstraße hängen Grasdealer rum, die keinen verschnittenen Kram verkaufen."
      Santi fühlte sich so nutzlos. Der kleine Spaziergang hatte ihm schon wieder sämtlichen Wind aus den Segeln genommen. Er wusste, wie sich Müdigkeit und Erschöpfung anfühlten, er machte das jede Woche mit, aber jetzt gerade... so hatte er sich schon sehr lange nicht mehr gefühlt. Er hasste es, so machtlos zu sein. Er konnte sich ja nicht einmal selbst die Schuhe ausziehen, verdammt!


    • Lewis nickte zurück und schrieb seine Antwort an die Nummer, die Zeus ihm dafür gegeben hatte. Er bekam keine Antwort und kein Anzeichen dafür, dass die Nachricht irgendwo angekommen war. Toll. Naja, eigentlich hätte er auch gar nicht mit irgendwas rechnen müssen. Zeus war wohl genauso vorsichtig wie Santiago.
      Er steckte das Handy wieder weg.
      “Ich brauch die Medikamente aus der Packung mit den lila Streifen," sagte Santiago. "Und die Packung mit Oxycodon.”
      Klar. Kommt sofort.
      Lewis setzte sich bereitwillig an die Tasche und kramte eine Packung mit lila Streifen heraus. Und dann noch… was war das noch gleich?
      Und wie sieht das andere aus?
      Grün. Fein, danach konnte er suchen. Er gab beides an Santiago weiter.
      “Und wir müssen den Verband wechseln, bevor du uns was zu Essen holen kannst.”
      Okay.” Lewis stand bereits auf.
      “Zwei Straßen weiter ist ein Chinese. Gegenüber in einer Seitenstraße hängen Grasdealer rum, die keinen verschnittenen Kram verkaufen.”
      Uhh wie praktisch.
      Lewis lächelte, aber Santiago lächelte nicht mit. Er sah müde aus und saß noch viel eingesunkener da als vorher. Seine große Form hatte alles an Kraft verloren und seine Augen wirkten glasig.
      Lewis’ Lächeln verblasste wieder. Er war noch nicht ganz über den Gedanken hinweg, Santiago verlieren zu können, um jetzt so einfach über dessen Zustand hinwegzusehen. Es schmerzte ihm, auch nur halbwegs wieder daran zu denken, was alles hätte sein können, und so wandte er sich schnell seiner Pflicht zu.
      Brauchst du Wasser dafür?
      Er ging Santiago eilig ein Wasser besorgen - nicht aus dem Wasserhahn, das vermutlich sowieso versifft war - sondern aus dem Automaten im Erdgeschoss. Dann wechselte er ihm den Verband und half beim Ausziehen, oder zumindest die Schuhe, denn kaum beugte sich Santiago hinab und gab ein gequältes Ächzen von sich, war Lewis schon zur Stelle. Er würde ihn damit nicht alleine lassen. Er zog sie ihm aus und hielt ihm die Decke auf, damit Santiago darunter kriechen konnte. Dann legte er ihm auch noch den Verbandskasten bereit und die Kleider hin. Es tat gut, sich nützlich zu machen; dann konnte Lewis sich einbilden, auch einen Beitrag zu der ganzen Unternehmung geleistet zu haben.
      Zwanzig Minuten später saß er beim Asiaten und hatte einen frischen Joint zwischen den Lippen. So langsam war das Adrenalin verblasst; erst die Schauspielerei im Museum, dann die Schießerei und Prügelei und zuletzt die Flucht hatten ihren Tribut von ihm verlangt. Lewis fühlte zum ersten Mal die Müdigkeit zu ihm aufholen. Der Tag war unfassbar gewesen, dafür, dass sie eigentlich nur ein paar Dokumente hatten suchen wollen. Und was hatte es ihnen gebracht? War es das alles wirklich wert gewesen?
      Lewis runzelte die Stirn und las das Menü, während er wartete. Im Hintergrund rauschte die Küche und klapperte das Geschirr. Es war rege besucht, weshalb man seine Bestellung zum Mitnehmen auch gleich aufgenommen hatte. Trotzdem dauerte es einen Moment.
      Wenn Santiago es nicht geschafft hätte, dann hätte Lewis Zeus umgebracht. Ganz sicher. Er hätte ihm eine Kugel durch den Kopf gejagt, oder erst durch die Eier und dann durch den Kopf, oder er hätte ihn erst verprügelt und dann eine Kugel durch - naja, irgendwie so halt. Aber hätte ihn das weitergebracht? Wäre er dadurch schlauer geworden? Er hätte nur Santiago verloren, mehr auch nicht. War es das alles wirklich wert, wenn er dabei Santiago verlieren könnte?
      Lewis sah auf seine bandagierte Hand hinab und streckte sie ein paar Mal. Sie ziepte noch unangenehm, aber das schlimmste war überstanden. Er konnte sie zwar nicht bewegen, ohne die Narbe zu spüren, aber es gab schlimmeres als das. Die Hand ab, zum Beispiel. Oder Santiago tot.
      “Nummer 63.”
      Lewis stand auf und holte sich seine Bestellung. Mit der Tüte in der Hand ging er zurück und schnippte seinen Joint in den nächstbesten Gulli. Dann öffnete er die Tür und entschied beim Anblick des großen Mannes im Bett, dass nichts auf der Welt es wert wäre, Santiago sterben zu sehen. Auch nicht die schönste Rache, die er sich vorstellen konnte.
    • Santi ließ sich helfen. Eine andere Wahl hatte er ja nicht wirklich.
      Lewis half ihm aus der Jacke, dann aus dem Verband. Unter seiner Anweisung versorgte der Streuner die Schusswunde, dann half er Santi dabei, sich hinzulegen. Zwischen ihm und dem wackeligen Kopfteil des Bettes lag nun eine fette Schicht aus ausgelutschten Kissen, seine Beine wurden von einer kratzigen Decke warmgehalten. Viel mehr konnte Santi erstmal nicht tun. Lewis verschwand, um ihnen etwas zu essen zu besorgen.
      Santi starrte die Wand an. Die Tapete war farblich irgendwo zwischen Pissgeld und Kackbraun verankert. Das traurige Blümchenmuster machte es auch nicht besser. Die Decke war wahrscheinlich einmal weiß gewesen, aber von jahrelangem Rauch oder sowas auch schon ganz vergilbt. Der Teppich... über den Wollte sich Santi eigentlich gar keine Gedanken machen. Also betrachtete er noch ein bisschen die Decke. Das hielt er ganze zwei Minuten aus, dann befreite er sich von der Bettdecke und stand auf. Das Oxy hatte ordentlich angeschlagen und bis auf ein unangenehmes Pochen spürte er erstmal keine Schmerzen in seiner Schulter - solange er sie nicht bewegte. Generell war alles ein bisschen dumpf. Eigentlich lustig, wie sich alles anfühlte.
      Santi kramte seine Kippen aus dem Rucksack hervor, den er im Lagerhaus gepackt hatte. So gelb, wie die Decke war, konnte er auch hier drin rauchen, das ging schon klar. Interessierte in dieser Gegend wahrscheinlich eh niemanden.
      Mit der Fluppe im Mund setzte er sich wieder ins Bett und scrollte durchs Internet. Er filzte alle möglichen Berichte über die Schießerei, aber nichts deutete darauf hin, dass die Cops schon irgendwas wussten. Gut.
      Er schrieb seiner Mutter eine Nachricht, erwartete aber keine Antwort. Die waren noch in der Luft. Er würde morgen mit ihr telefonieren, wenn er sicher war, dass seine Eltern gut angekommen waren. Seine Mutter würde ihm schon Bescheid sagen.
      Und schon war ihm wieder langweilig. Also begann Santi, eine To-Do Liste zu schreiben:

      - Nummernschilder wechseln, damit sie das Auto wegfahren konnten
      - Auto zu Paolo bringen, damit der das zerlegen konnte
      - Schlinge für die Schulter besorgen
      - Jericho Zeus durchchecken lassen
      - ...


      Was Lewis wohl gerade machte? Hoffentlich nur auf das Essen warten. Santi war schon lange nicht mehr hier im Viertel gewesen, vielleicht hatte er sich mit den Dealern vertan? Nein, sicher nicht. Dealer hatten ihre Territorien und verließen die nur selten. Und das Motel hier war perfekt für sie. Das war sicher kein Problem. War ihnen jemand gefolgt? Sicher nicht, sonst wäre doch schon längst etwas passiert. Oder? Vielleicht hatte Apollo darauf gewartet, dass er allein war? Dass Lewis allein war?
      Santi war drauf und dran, Lewis anzurufen. Einfach nur so. Weil ihm langweilig war. Doch dann ging die Tür auf und der Streuner schlüpfte ins Zimmer, bewaffnet mit wundervoll duftenden Tüten voller Essen.
      "Hey," grüßte Santi, seine Stimme etwas träge wegen der Medikamente. "Alles gut? Hast du dein Gras bekommen?"


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    • Santiago begrüßte Lewis gleich, als hätte er extra auf ihn gewartet.
      "Alles gut? Hast du dein Gras bekommen?"
      "Ja, aber es schmeckt scheußlich. Hab mich wohl ans Sinaloa gewöhnt", sagte Lewis und schnitt eine Grimasse. Er stellte die Tüte auf dem Tisch ab und griff hinein.
      "Hier, fang."
      Er warf Santiago einen von zwei Glückskeksen zu. Santiago griff danach mit den Reflexen eines alten Hundes. Das Päckchen landete auf der Bettdecke.
      Lewis starrte für einen Moment darauf, dann packte er die Alluminium-Behälter aus.
      "Das Oxy... irgendwas wirkt wohl, was? Was macht die Schulter, wirst du damit schlafen können?"
      Er hatte bei dem Essen keine Kosten gescheut - außerdem hatte er selbst einen Bärenhunger. Zwei der Schalen bekam er noch auf den Tisch gequetscht, die restlichen drei stellte er auf dem Bett auf. Reis gab es auch noch mit dazu und Nachtisch. Santiago bot er Stäbchen an, er selbst benutzte die Plastikgabel. Er setzte sich an den Tisch und schaufelte sich ein paar Nudeln hinein, während er die Verpackung von dem Oxy-Zeug zur Hand nahm und die Beschreibung las. Die Inhaltsstoffe verstand er sowieso nicht, aber durchaus die Warnhinweise, die angegeben waren.
      "Hey hier steht das Zeug kann zu, äh, Atemdepression führen." Er sah Santiago alarmiert an. "Du wirst daran doch nicht ersticken, oder?" Für die Zukunft nahm er sich vor, Santiago immer genau zu beobachten, wenn er das Zeug schluckte. Dann konnte ihm sowas gar nicht erst entgehen.
    • "Ja, aber es schmeckt scheußlich. Hab mich wohl ans Sinaloa gewöhnt. Hier, fang."
      Santi versuchte erst gar nicht, den Glückskeks aufzufangen. Das Ding flog sowieso nicht ganz weit genug. Vorsichtig lehnte er sich nach vorn und griff sich die Packung, nur um den Keks gleich auf den wackeligen Nachttisch zu verbannen. Lewis schien das als fehlende Reaktionszeit einzuschätzen. Fairerweise. Santi würde wahrscheinlich nichts fangen können, und das nicht einmal wegen seiner Schulter.
      "Das Oxy... irgendwas wirkt wohl, was? Was macht die Schulter, wirst du damit schlafen können?"
      Santi nickte. "Deswegen hab ich's genommen. Eigentlich sollte ich im Krankenhaus an einer schicken Infusion mit Blut, Kochsalzlösung, und Morphium hängen."
      Er beäugte die ganzen Container, die Lewis für ihn auf dem Bettstapelte. Es hoch himmlisch, aber aus irgendeinem Grund hatte Santi keinen Appetit. Nein, nicht irgendein Grund. Das war ein Nebeneffekt von dem Blutverlust und dem Trauma, das sein Körper heute durchgemacht hatte. Der bloße Gedanke an so etwas banales wie Essen drehte Santi den Magen um.
      Lewis bot ihm ein paar Stäbchen an, aber Santi schüttelte träge den Kopf. Mit seiner linken Hand konnte er Stäbchen vergessen; er musste mit der Gabel ran. Santi nahm nur kleine Bissen, um sein Glück nicht zu sehr zu testen und sich gleich zu übergeben. In kleinen Happen ging es sogar.
      "Hey hier steht das Zeug kann zu, äh, Atemdepression führen. Du wirst daran doch nicht ersticken, oder?"
      "Hm?"
      Santi sah auf (er hatte hochkonzentriert seinen Reis gegessen) und bemerkte, dass Lewis sich die Packungsbeilage des Oxycodons durchlas.
      "Nein," antwortete er. "Das ist ein seltener Nebeneffekt. Solange ich mich an die Dosierung halte, sollte alles gutgehen."
      Er betrachtete Lewis für einen langen Moment eingehend, ohne sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
      "Warum sitzt du eigentlich da drüben?" fragte er schließlich, als wäre er nicht gerade in andere Dimensionen abgedriftet. "Das ist soweit weg." Er streckte seinen Arm aus. "Ich komm gar nicht an dich ran. Guck." Er wackelte mit den Fingern.


    • Lewis warf Santiago einen kritischen Blick zu. Sprach da schon das Oxy aus ihm heraus? Wie stark war das Zeug? War er noch zurechnungsfähig?
      Es war vermutlich dieser Blick, weshalb Santiago das Thema schnell wechselte.
      "Warum sitzt du eigentlich da drüben? Das ist soweit weg. Ich komm gar nicht an dich ran. Guck."
      Er streckte den Arm nach Lewis aus und wackelte mit den Fingern. Die Geste sah völlig dämlich aus, aber Lewis musste schnauben.
      "Man, was würde ich nicht alles geben, dich mal high zu sehen."
      Aber er folgte der Geste, nahm seine Schale und kam zu Santiago ins Bett gekrochen. Vorsichtig, um das restliche Festmahl nicht umzuwerfen, setzte er sich neben ihn und warf Santiago einen Blick zu.
      "Besser so?"
      Er sah ihn kurz an, dann schob er sich noch eine Gabel Nudeln in den Mund. Und weil ihn dieses Gefühl wieder packte, dieses Gefühl von... Santiago, legte er ihm die Hand aufs Bein.
    • "Man, was würde ich nicht alles geben, dich mal high zu sehen."
      Santi grinste.
      "Wird nicht passieren," entgegnete er, obwohl er gerade sehr wohl high war. "Das macht nur ganz schreckliche Dinge mit meinem Kopf. Und ich hasse es, nicht denken zu können."
      Lewis setzte sich mit seinem Essen zu ihm ins Bett, was Santi äußerst begrüßte.
      "Schwammige Gedanken sind einfach nicht meins, weißt du?" Santi hielt kurz inne. "Warum sagt man das eigentlich so? Schwammig... ist doch irgendwie daneben. Wenn man schwammige Gedanken hat, dann saugt man doch eigentlich so gar nichts auf."
      Lewis legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel, was ihn sofort aus seinen schwammigen Gedanken riss, die ihm da einfach so aus dem Mund purzelten. Santi starrte die Hand für einen langen Augenblick an. Er konnte sie fühlen, spürte die Wärme, die von Lewis ausging, aber wegen dem Oxy kam irgendwie nur die Hälfte der Tatsache bei ihm an, dass Lewis ihn berührte.
      "Besser so?" fragte Lewis.
      "Hm?"
      Santi sah ihn an. Was war besser so? Ach so!
      Er nickte und lehnte sich mit einem kleinen Lächeln gegen Lewis, bevor er sich - etwas umständlich - eine kleine Gabel Reis in den Mund schob.
      "Mein ganzer Kopf ist Matsch, weißt du? Da schwappt alles nur hin und her. Ich weiß, dass ich mich an irgendwas erinnern sollte, was wichtiges, aber ich komm einfach nicht drauf, was es war."
      Sein Blick fiel wieder auf Lewis' Hand, die noch immer auf seinem Oberschenkel lag. Er stach die Plastikgabel in seinen Reis, damit er seine eigene Hand frei hatte, und legte sie auf Lewis'. Er strich über die Finger des Streuners, ganz sanft, einer nach dem anderen.
      "Ich hab dich schon eine Weile nicht mehr gefragt, wie's deiner Hand geht, oder?" fragte er leise.


    • "Schwammige Gedanken sind einfach nicht meins, weißt du?", sagte Santiago ganz ernst. Lewis kaute und nickte; Santiago hatte schonmal erwähnt, nicht high sein zu wollen. Allerdings hatte er es damals etwas anders ausgedrückt.
      "Warum sagt man das eigentlich so?"
      "Was?"
      "Schwammig... ist doch irgendwie daneben."
      Lewis hörte auf zu kauen.
      "Du hast es doch gesagt."
      "Wenn man schwammige Gedanken hat, dann saugt man doch eigentlich so gar nichts auf."
      Nichts aufsaugen... Lewis gaffte. War Santiago gerade etwa schon dicht? Denn solche dummen Gedanken könnten nur Lewis kommen und der war ständig bekifft. War er zu? Er verhielt sich aber nicht gerade high. Fairerweise verhielt er sich auch nicht gerade betrunken, wenn er es war.
      Lewis schmunzelte trotzdem. Das war ja fast süß mit anzusehen. Er würde sich Mühe geben, dass zumindest ein halbwegs frischer Kopf in diesem Raum vorhanden blieb.
      "Mein ganzer Kopf ist Matsch, weißt du?"
      "Weiß ich."
      "Da schwappt alles nur hin und her. Ich weiß, dass ich mich an irgendwas erinnern sollte, was wichtiges, aber ich komm einfach nicht drauf, was es war."
      Lewis sah ihn einen Moment lang aufmerksamer an. Etwas wichtiges vergessen - etwas bei ihrem Aufbruch? Ihrer Flucht? Hätte Santiago etwas machen wollen bei ihrer Ankunft? Irgendwelche Vorbereitungen treffen?
      Er sah ihn hilfesuchend an, aber Santiago schien gedanklich schon wieder weiter zu sein. Was auch immer es war, bei dem ganzen Oxy würde es ihm heute nicht mehr einfallen. Und wenn es wirklich wichtig gewesen war?
      Santiago legte seine Hand über Lewis. Lewis sah auf ihre beiden Hände hinab, während er eigenständig zu erraten versuchte, was der andere vergessen haben könnte.
      "Ich hab dich schon eine Weile nicht mehr gefragt, wie's deiner Hand geht, oder?"
      Lewis stutzte.
      "Da gibt's auch nicht viel zu wissen. Tut immer mal wieder weh. Ich kann die Narbe spüren, wenn ich die Hand bewege."
      Er streckte die Finger ein wenig, gerade so weit, wie es Santiagos Hand zuließ. Dann zog er die Hand hervor, legte die Gabel beiseite und fummelte den Verband auf.
      "Es sollte schon fast verheilt sein. Aber ich hatte gedacht, dass fast verheilt unauffälliger sein würde."
      Er wickelte den Verband ab. Seine Hand war schon nicht mehr geschwollen und rot war sie auch nicht mehr. Die Zeiten des Juckens und der ernsthaften Schmerzen waren vorüber. Aber das Denkmal war natürlich geblieben: Eine längliche, hässliche Narbe, die sich über seinen Handrücken und seine Handinnenfläche zog. Wenn Lewis die Finger bewegte, bewegte sie sich mit, wie ein Wurm, der sich unter seiner Haut räkelte. Lewis kniff die Augen zusammen.
      "Man, die ist ja nichtmal richtig gerade. Fällt mir erst jetzt auf."
      Er wackelte mit den Fingern ein bisschen, um dem Narbenwurm beim Schlängeln zuzusehen, dann hielt er die Hand an Santiagos Verband und grinste.
      "Narben-Buddies?"
    • "Da gibt's auch nicht viel zu wissen. Tut immer mal wieder weh. Ich kann die Narbe spüren, wenn ich die Hand bewege."
      Lewis wickelte seine Hand aus. Santi war sich ziemlich sicher, dass er den Verband eigentlich gar nicht mehr brauchte. War das Ding nicht schon praktisch verheilt? Zumindest von außen.
      "Es sollte schon fast verheilt sein. Aber ich hatte gedacht, dass fast verheilt unauffälliger sein würde."
      Santi betrachtete die dicke Narbe, die Lewis' Hand von nun an zieren würde. Auf der Haut, aber auch in den Muskeln, Sehnen, Adern, vielleicht sogar ein bisschen in den Knochen, je nachdem wie das Messer gelandet war. Lewis' Bewegungsradius mit der Hand sah aber in Ordnung aus, soweit Santi das bestimmen konnte. Dann war ja alles nochmal gut gegangen.
      "Man, die ist ja nichtmal richtig gerade. Fällt mir erst jetzt auf."
      "Sieht verwegener aus, wenn du mich fragst."
      Hätte Santi gekonnt (und die Reaktionszeit gehabt), wäre er wohl zurückgezuckt, als Lewis die Hand nach seinem eigenen Verband ausstreckte. Aber er registrierte erst, was der Streuner vorhatte, als die Hand schon auf ihm lag. Santi suchte nach dem Schmerz, der doch jetzt eintreten sollet, fand ihn aber nicht. Nur ein stumpfes, unangenehmes Pochen.
      "Narben-Buddies?" fragte Lewis grinsend und Santi konnte nicht anders, als zurück zu lächeln.
      "Da hast du noch was aufzuholen, callejero. Das ist meine dritte Schusswunde. Und abgestochen wurde ich auch schon."
      Vorsichtig legte er seine eigene Hand auf die von Lewis. Er zog sie von seiner Schulter und hob sie an seine Lippen. Er küsste die Narben - erst die auf dem Handrücken, dann die auf der Handfläche.
      "Jetzt hast du dir ein Messer und eine Faust für mich eingefangen," sinnierte er. "Man könnte ja fast glauben, dass du mich beschützen willst."
      Santi legte sich Lewis' Hand an die Wange und drückte sich dagegen.


    • "Da hast du noch was aufzuholen, callejero", schnurrte Santiago. "Das ist meine dritte Schusswunde. Und abgestochen wurde ich auch schon."
      "Angeber. Nicht alle können Erzfeinde haben. Aber diese Narben haben wir, quasi, von derselben Sache bekommen. Eine für dich, eine für mich."
      Lewis grinste trotzdem, weil das richtig dämlich war. Manche Leute machten sich Partner-Tattoos, sie hatten eben Partner-Narben. War das nicht romantisch?
      Santiago legte seine Hand über Lewis' und zog sie von seiner Schulter weg. Er küsste sie, oder eher küsste er die Narbe darauf, und Lewis starrte voller Faszination auf diesen hässlich-schönen Anblick von Santiagos Lippen auf dem rauen Wulst. Es war ein merkwürdiges Gefühl, nachdem er auf der Narbe wohl viel weniger spürte, aber dennoch überkam ihn ein warmer Schauer bei dem Anblick. Er wusste nicht wieso, die Geste hätte ihm eigentlich viel zu kitschig sein müssen. Trotzdem fühlte er sich von irgendetwas angezogen.
      "Jetzt hast du dir ein Messer und eine Faust für mich eingefangen", stellte Santiago fest. "Man könnte ja fast glauben, dass du mich beschützen willst."
      Lewis grinste wieder; ihm war gar nicht aufgefallen, wie intensiv er auf Santiagos Lippen auf seiner Hand gestarrt hatte.
      "Das ist das einzige, wozu meine Magie gut ist. Andere Leute von Dummheiten abhalten."
      Er umfasste Santiagos Kinn und drückte seine Backen zusammen.
      "So eine Dummheit bist auch du."
      Er lehnte sich nach vorne und küsste ihn.
      "Aber eine Kugel will ich mir wegen dir nicht einfangen. Und... nein, abgestochen wurden wir beide. Drei Kugeln will ich mir nicht einfangen. Pass also auch mal auf dich auf, wenn ich nicht da bin."
      Er wackelte kurz mit den Augenbrauen, dann schob er sein Essen beiseite. Trotz Verband mit Santiago zu kuscheln würde schwierig sein, aber Lewis bekam es trotzdem hin, sich an seine Seite zu kuscheln. Dort konnte er auch aufpassen, dass der Mann im Schlaf keine Atemdepression erlitt.
    • "So eine Dummheit bist auch du."
      "Ich wollte schon immer mal eine dumme Entscheidung sein," gab Santi grinsend zurück, auch wenn das ein bisschen schwierig war, so wie Lewis ihn festhielt. Als Lewis ihn dann küsste, fielen Santi wie von allein die Augen zu. Er lehnte sich in den Kuss, der sich trotz seine manipulierten Tastsinns himmlisch anfühlte. Er wollte mehr davon haben.
      "Aber eine Kugel will ich mir wegen dir nicht einfangen. Und... nein, abgestochen wurden wir beide. Drei Kugeln will ich mir nicht einfangen. Pass also auch mal auf dich auf, wenn ich nicht da bin."
      "Ich werd doch nur angeschossen, wenn du dabei bist," protestierte Santi. "Auf dem Motorrad, jetzt das hier..."
      Lewis kuschelte sich an ihn und Santis schwammige Gedanken verwandelten sich in Quallen und schwammen davon. Lewis war so angenehm warm.
      Er legte seinen gesunden Arm um den Streuner und drückte ihn ein bisschen fester an sich, bevor er seine Nase in der wilden Mähne vergrub. Lewis roch so gut. So nah... Lewis eben.
      "Du könntest dir gar keine Kugeln für mich einfangen," murmelte er. "Die würden einfach durch dich durchfliegen, weil an dir nichts dran ist. Und dann hättest du zwei Löcher auf einmal und würdest das wenige Blut, dass du hast, gleich verlieren. Dann wärst du tot und ich hätte keinen Lewis mehr."
      Er inhalierte tief, brummte zufrieden.
      "Den Gedanken mag ich nicht."


    • Lewis ließ sich wie ein Kuscheltier an Santiago pressen und schlang seinerseits das Bein um den Mann. Er hatte schon lange seine Abneigung gegen Kuscheln hinter sich gelassen - zumindest bei Santiago - und seufzte jetzt wohlig. Das fühlte sich nämlich gut an.
      "Du könntest dir gar keine Kugeln für mich einfangen", brummte Santiago in sein Haar hinein. Das tat er immer - nicht unbedingt das Brummen, aber die Nase in Lewis' Haare zu stecken. Lewis ließ ihn.
      "Nein? Weil meine Magie mich vorwarnt?"
      "Die würden einfach durch dich durchfliegen, weil an dir nichts dran ist."
      Lewis grunzte. "Wow."
      "Und dann hättest du zwei Löcher auf einmal und würdest das wenige Blut, dass du hast, gleich verlieren."
      "Wow! Sind wir heute auf einem Roast-Lewis-Trip?"
      "Dann wärst du tot und ich hätte keinen Lewis mehr." Santiago atmete für einen Moment nur ein. "Den Gedanken mag ich nicht."
      So sarkastisch Lewis auch antworten wollte, für einen Moment hielt er inne. Denn obwohl Santiago bestimmt gerade müde war und nicht wirklich darüber nachdachte, was er sagte, sprach er Lewis doch aus tiefstem Herzen. Ihm hatte der Gedanke vor ein paar Stunden auch nicht gefallen, Santiago verlieren zu können.
      Er hob den Kopf um Santiago anzusehen.
      "Nein, wär scheiße. Richtig richtig scheiße."
      Dann schmiegte er sich wieder an ihn und weigerte sich in der Nacht auch nur einen Zentimeter Luft zwischen ihnen zuzulassen.
      Dafür schlief er schlecht und das nicht nur wegen der bald unangenehmen Position. Die Decke war ihm zu kratzig und irgendwann in der Nacht ertönte das rhythmische Hämmern eines Bettes, gepaart mit einer aufgeregten Frauenstimme. Er schlief so gut es ihm möglich war und bereitete Santiago am Morgen seine Tabletten vor. Der Mann hatte die Augen geschlossen, aber es war unmöglich zu erkennen, ob er geschlafen hatte. Beeinflussten Medikamente seine Magie? Hatte er sowas schonmal ausprobiert?
      Lewis kroch zurück zu ihm unter die Decke.
      "Hey." Er tätschelte ihn ein bisschen. "Wach auf, lass mich deinen Verband ansehen. Und trink was. Wie fühlst du dich?"
    • Schlafen war immer so eine Sache für Santi. Er mochte es nicht, Medikamente zu nehmen, die ihn müde machten, weil sein Ziel meistens war, wach zu bleiben. Aber für heute war das Kind schon in den Brunnen gefallen und er hatte nichts von seinen Träumen zu befürchten, also ergab er sich brav seinem Schicksal und schlief einfach irgendwann ein. Ziemlich schnell sogar. Was anderes konnte er ja sowieso nicht machen.

      "Hey. Wach auf, lass mich deinen Verband ansehen."
      Santi brummte und wandte den Kopf ab, als ob das die Störung beenden könnte. Er wollte nicht aufwachen; er wollte weiterschlafen. Schlafen war einfach. Schlafen tat nicht weh.
      Aber wer auch immer ihn weckte, ließ nicht locker, bis er die Augen aufschlug. Santi hatte Lewis noch nie so... besorgt?... gesehen.
      "Und trink was. Wie fühlst du dich?"
      "Als hätte man mich angeschossen," grummelte Santi, der sich jetzt dem Schmerz in seiner gesamten Flanke bewusst wurde.
      Eigentlich tat ihm alles weh, wenn er ehrlich war, aber der Schmerz strahlte eindeutig von seiner Schulter aus. Atmen tat weh. Nein, schlafen war definitiv angenehmer gewesen. Er wollte zurück ins Land der Träume.
      Dieser Luxus war ihm nicht vergönnt; Lewis gönnte ihm das nicht. Der logische Teil von ihm wusste ja, dass Lewis Recht hatte. Aber das änderte nichts daran, dass Santi das überhaupt nicht schmeckte.
      Ächzend setzte er sich auf. Ein scharfer Schmerz schoss von seiner Schulter zu seiner Wirbelsäule und breitete sich von dort im Rest seines Körpers aus. Santi biss die Zähne zusammen und fluchte leise auf Spanisch.
      Mit einem Kopfschütteln verneinte er die Oxys, die Lewis ihm hinhielt. "Ibu. Eineinhalb von den Achthundertern."
      Er brauchte einen klaren Kopf für den Tag. Heute Abend könnte er sich noch eine Oxy gönnen, aber für den Moment musste Ibu ausreichen.
      "Und die Antibiotika."
      Er würgte beides mit einem Glas Wasser herunter, das sich wie Säure in seiner Kehle anfühlte. In einer halben Stunde, wenn die Schmerzmittel zu wirken begannen, würde es ihm hoffentlich ein bisschen besser gehen. Zeit für einen Plan.
      "Frühstück," meinte er und kämpfte den Drang, sich wieder hinzulegen, nieder. "Und dann müssen wir einen Trip zur Apotheke machen."
      Gedanklich ging Santi seine To-Do Liste durch, um sich auf etwas anderes als seine Schulter zu konzentrieren. Lewis' Gesicht half dabei auch, und das nicht zu knapp.
      "Was macht die Nase?"


    • Lewis beobachtete mit einiger Sorge, wie Santiago sich ächzend aufraffte. Seine linke Seite schien steif zu sein und er bewegte seine Schulter so wenig wie möglich. Lewis war gleich mit Oxy zur Stelle, aber Santiago wollte nur Ibu haben. Ob er es auf Ibu alleine packen würde war fraglich, aber Lewis brachte ihm die Tablette und sah ihm dann beim Schlucken zu. Keine Magie, also keine Nebenwirkungen. Gut für ihn. Er schluckte auch noch ein Antibiotika und sah dann wenigstens etwas wacher aus.
      "Frühstück. Und dann müssen wir einen Trip zur Apotheke machen."
      "Du meinst ich mach einen Trip zur Apotheke. Du bleibst gefälligst liegen, sieh dich doch mal an."
      Lewis sagte das so locker wie nur möglich, aber er konnte einfach nicht das schlechte Gefühl abschütteln, das ihn bei Santiagos Anblick ergriff. Der Mann sollte gesund und stark sein, wie sonst auch. Es sah gar nicht gut aus, wie er hier lag - wie auf dem Sterbebett.
      "Was macht die Nase?", fragte Santiago, sicher um abzulenken. Lewis ließ ihn ablenken und fasste sich vorsichtig ans Pflaster.
      "Ich kann wenigstens wieder atmen. Ich hoffe, sie bleibt krumm, damit ich aussehe, als hätte ich mich geprügelt. Wie die großen starken Jungs."
      Er wackelte mit den Augenbrauen und stand auf.
      "Asiatisch?"
      Das Essen von gestern war noch zur Fülle da, nachdem Santiago kaum etwas angerührt hatte. Lewis würde sich eine der Schalen genehmigen, das machte ihm so früh am Morgen nichts aus. Er müsste sie nicht einmal warm machen, er aß das Zeug auch kalt. Für Santiago würde er es aber aufwärmen gehen, oder etwas anderes besorgen. In der Nähe vom Asiaten war auch ein Bäcker gewesen, da konnte er was abholen.
      "Mach mir eine Liste für die Apotheke und ich geh gleich alles besorgen."
    • Reste von gestern klang zumindest gut genug, also bejahte Santi das mit einem einfachen Nicken.
      "Mach mir eine Liste für die Apotheke und ich geh gleich alles besorgen."
      Daraufhin schüttelte Santi allerdings den Kopf.
      "Wir müssen beide gehen. Du kriegst deine Einkaufsliste und ich muss mit einer eigenen rein. Schusswunden müssen der Polizei gemeldet werden und alles, was man braucht, um eine zu behandeln, ist ziemlich verräterisch, wenn man es zusammen kauft."
      Lewis reichte ihm eine der Packungen von gestern. Dankenderweise war Santis Appetit zumindest ein bisschen zurückgekehrt, also bekam er ein bisschen mehr als nur zwei Gabeln voller Reis runter.
      "Such mal nach dem Block mit den rosa Zetteln," meinte er und deutete mit besagter Gabel auf eine der beiden Taschen, die sie aus dem Lagerhaus mitgenommen hatten.
      Die hübschen rosa Zettel waren leere Rezepte - alle schon unterschrieben von einem fiktionalen Arzt, der nur auf dem Papier existierte. Genau für solche Fälle hatte Santi dafür Geld auf den Schwarzmarkt gelassen. Man wusste nie, wann man mal verschreibungspflichtige Medikamente brauchte.
      "Zeit für ein paar Doktorspielchen," kommentierte Santi und schob sich ein Stück frittierte Ente in den Mund. "Du darfst mir jetzt ein Rezept für eine Schulschlinge ausstellen."
      Mit seiner linken Hand hätte Santi wahrscheinlich eine Sauklaue, die der eines Arztes gerecht wurde, aber es würde ihn hundert Jahre kosten, mit seiner nicht-dominanten Hand zu schreiben. Lewis war da schneller - und genauso unleserlich. Er ließ Lewis auch aufschreiben, was der aus der Apotheke besorgen sollte, sobald sie sich auf die Socken machten. Lewis würde Ibuprofen nachlegen - das würde Santi in nächster Zeit wie Gummibärchen verschlingen - Eisentabletten, und ein bisschen Verbandsmaterial. Mit der Gebrochenen Nase würden keine Fragen aufkommen, wenn doch: Lewis war in einen Verkehrsunfall verwickelt gewesen. Und Santi würde mit einer ausgekugelten Schulter die Schlinge, Schmerzmittel, und etwas zum Kühlen besorgen. Aber zuerst frühstückten sie fertig und Santi ließ sich von Lewis im Badezimmer und dann in seine Klamotten helfen.

      Sie gingen zusammen zur Apotheke, teilten sich aber auf, bevor sie in Sichtweite kamen. Lewis sollte zwei Minuten später auftauchen, sich in den Regalen rumtreiben, und so desinteressiert und genervt aussehen, wie er konnte. Santi ging zuerst rein und hielt direkt auf den Tresen zu, hinter dem ein freundlich aussehender Apotheker wartete.
      "Hi," grüßte Santi semi-zurückhaltend. "Ich äh... mein Arzt hat gesagt, ich kann sowas hier abholen?"
      Er fischte das gefälschte Rezept aus seiner Hosentasche und schob es über den Tresen. Dabei schonte er betont seine kaputte Schulter - die meisten Menschen renkten sich nicht die Schulter aus, erst recht nicht oft genug, um zu wissen, wie sie ihre Schulter richtig schonen konnten.
      Der Apotheker schien sofort Mitleid mit ihm zu haben - perfekt. Er betrachtete das zerknüllte Rezept und nickte.
      "Ja, sowas haben wir. Einen Moment bitte."
      Der Mann verschwand nach hinten. Santi warf unauffällig einen Blick nach hinten und sah, wie Lewis auftauchte. Soweit, so gut.
      "Hier. Wissen Sie, wie man die richtig anlegt?" fragte der Apotheker, als er zurückkam.
      "Äh... nein. Nicht wirklich."
      "Ich kann es Ihnen zeigen, wenn Sie wollen?"
      Santi nickte und gab sich Mühe, verloren zu wirken. Der Apotheker verließ seinen Posten hinter dem Tresen und legte Santi vorsichtig die Schlinge um und positionierte seinen Arm darin. Santi biss die Zähne zusammen - die Ibus halfen nur bis zu einem gewissen Grad und das beinhaltete nicht, seinen Arm einen Tag nach einer Schussverletzung zu bewegen.
      "Danke," meinte er, als der Apotheker fertig war.
      "Haben Sie noch Schmerzmittel zu Hause?" fragte er.
      "Nur das, was wir mein Arzt mitgegeben hat. Er meinte, Ibuprofen ist genug?"
      Der Apotheker nickte.
      "Ich kann Ihnen auch einen Kühlakku empfehlen."
      Der Mann präsentierte Santi ein paar Varianten, Santi ließ sich brav beraten, obwohl er schon wusste, was er wollte. Am Ende bezahlte er für die Schlinge, ein schickes Kühlsäckchen, dass er mit Eiswürfeln füllen konnte, und eine ordentliche Ladung Ibuprofen.
      "Danke," meinte er und verabschiedete sich - Lewis stand schon hinter ihm mit seiner Einkaufsliste.
      Der Plan zum Verlassen der Apotheke war ebenfalls, dass sie einen zeitlichen Unterschied hatten. Lewis sollte direkt die Straße runtergehen bis er eine kleine Seitengasse zu seiner Linken erreichte. Santi überquerte stattdessen die Straße und bog dann ab. Auf Höhe der Gasse überquerte er die Straße dann erneut und sie trafen sich in besagter Gasse. Dieser kleine Spaziergang war genug, um Santi die Luft aus den Segeln zu nehmen, also setzte er sich vorsichtig auf eine Mülltonne, um sich eine kleine Pause gönnen zu können. Die Schlinge machte es auf jeden Fall einfacher, seinen Arm nicht zu viel zu bewegen.
      "Okay," meinte er, als Lewis sich zu ihm gesellte. "Das war Teil eins des Tagesprogramms."
      Santi hatte keine Ahnung, wie er den Rest auch noch schaffen sollte. Alles in ihm schrie danach, sich hinzulegen, die Augen zuzumachen, und für die nächste Woche oder so nicht wieder aufzumachen. Würde auf jeden Fall mit dem Schwindel helfen.


    • Lewis stand vor der Apotheke und kiffte, während Santiago hinein ging. Die Vorkehrungen, die der Mann getroffen hatte, waren wie immer völlig übertrieben, aber wie immer hatte Lewis sich dennoch ohne Widerworte gefügt. Er konnte sich vorstellen, wie schwierig es war, mit Santiagos Paranoia zu leben, wenn er mit seiner eigenen aufdringlichen Magie zu leben hatte. Das mindeste, was er da tun konnte, war Santiago zur Seite zu stehen.
      Er rauchte seinen Joint auf, schnickte den Stummel zu Boden und ging dann hinein. Mit dem Pflaster auf der Nase sah er mehr denn je wie ein Junkie aus, aber bekifft zu sein war noch lange kein solches Verbrechen wie angeschossen zu werden. Lieber lenkte er die Aufmerksamkeit mit seinem Aussehen auf sich, anstatt Santiago noch weiter in Schwierigkeiten zu bringen. Entsprechend leicht fiel es ihm, genervt und unsympathisch zu wirken.
      An der Theke redete Santiago mit dem Verkäufer in einem Plauderton, der gänzlich darüber hinweg täuschte, wie viel Aufregung der Mann am gestrigen Tag mitbekommen hatte. Das musste man ihm gutschreiben: Die Paranoia machte ihn zu einem fantastischen Schauspieler. Lewis hätte es niemals halb so überzeugend hinbekommen, was auch der Grund war, wieso er sich lieber als Junkie ausgab, der nur einen Autounfall hatte. Das konnte Lewis, darin war er geübt. In dieser Hinsicht war es sogar die einzige Sache, die er konnte.
      Santiago ging und Lewis war an der Reihe. Bei ihm war der Verkäufer nur halb so hilfsbereit, was auch nicht weiter verwunderlich war. Lewis war unfreundlich zu ihm und bildete damit hoffentlich einen deutlichen Kontrast zu Santiago. Nicht einmal ein Detektiv hätte sie beide miteinander verbinden können.
      Wieder draußen ging er den Umweg, den Santiago ihm gesagt hatte, und traf ihn pünktlich in der Gasse. Santiago sah bleich aus und war erschöpft. Er ließ sich schwer auf eine Mülltonne sinken und Lewis fühlte wieder einige Sorge aufkeimen.
      "Okay. Das war Teil eins des Tagesprogramms."
      "Man, wir können auch eine Pause machen. Ist nicht schlimm."
      Unschlüssig lungerte er um Santiago herum. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte der Mann das Motelzimmer sowieso nicht verlassen. Er sah einfach nicht gut aus.
      "Du kannst mir auch sagen, was ich besorgen soll. Ich schaff das schon alleine. Und ich werde auch sicher niemanden auf unsere Spur bringen, wirklich."
    • "Man, wir können auch eine Pause machen. Ist nicht schlimm. Du kannst mir auch sagen, was ich besorgen soll. Ich schaff das schon alleine. Und ich werde auch sicher niemanden auf unsere Spur bringen, wirklich."
      Santi lächelte schwach.
      "Mir geht es gar nicht darum, jemanden von unserer Spur abzulenken," meinte er. "Es geht mir darum, keine zu hinterlassen und die, die schon da sind, loszuwerden."
      Er streckte die gute Hand nach Lewis aus und zog ihn zu sich. So, wie der Streuner da durch die Gasse tigerte, machte ihn das nur nervös und das konnte er gerade nicht gebrauchen.
      "Wir müssen zurück zum Lagerhaus," erklärte Santi. "Da sammeln wir alles ein, was wir brauchen, dann fahren wir zu einem Freund, der das Auto für uns auseinander nehmen und loswerden kann. Paolo kann uns auch einen anderen Wagen ausleihen, mit dem wir dann nach Hause können."
      Er stand auf. Langsam, damit sich die Welt nicht drehte, aber er stand auf.
      "Sobald wir wieder da sind, wo ich weiß, dass das Glas schusssicher ist, ruhe ich mich aus. Versprochen. Aber erst müssen wir dafür sorgen, dass alle Beweise verschwunden sind, bevor sie gefunden werden können. Kannst du das Motel räumen? Dann kann ich schonmal zum Lagerhaus gehen."
      Da Lewis nicht fahren konnte, wollte sich Santi ein bisschen Zeit geben, um sich auszuruhen, bevor sie wieder auf der Straße waren. Paolo war nicht weit weg, aber einhändig Auto fahren war so schon ein Abenteuer.
      "Und wer weiß? Vielleicht nehm ich zur Feier des Tages heute Abend ja zwei Oxy und dann kriegst du deinen Wunsch erfüllt und erlebst mich mal high? Da dürfte eine Menge Schwachsinn bei rauskommen."


    • Lewis wollte schon protestieren, dass er durchaus auch in der Lage war, keine Spuren zu hinterlassen und alte Spuren loszuwerden, aber Santiago zog ihn zu sich und unterband mit dieser Geste alle Diskussion. Lewis verzog den Mund und lehnte sich gegen ihn. Irgendwann würde er seiner Paranoia einmal gerecht werden.
      "Wir müssen zurück zum Lagerhaus. Da sammeln wir alles ein, was wir brauchen, dann fahren wir zu einem Freund, der das Auto für uns auseinander nehmen und loswerden kann. Paolo kann uns auch einen anderen Wagen ausleihen, mit dem wir dann nach Hause können."
      "Willst du nicht lieber nochmal ins Hotel?", sagte Lewis, der zusehen musste, wie Santiago langsam aufstand. Wie ein alter Mann bewegte er sich. Man, war das scheiße.
      "Sobald wir wieder da sind, wo ich weiß, dass das Glas schusssicher ist, ruhe ich mich aus. Versprochen."
      Das war ein gutes Argument - das mit dem Glas. Lewis ließ es durchgehen.
      "Schön."
      "Aber erst müssen wir dafür sorgen, dass alle Beweise verschwunden sind, bevor sie gefunden werden können. Kannst du das Motel räumen? Dann kann ich schonmal zum Lagerhaus gehen."
      "Klar." Wenigstens bei der einen Sache gewährte er ihm die Verantwortung.
      "Und wer weiß?" In Santiagos Augen blitzte es. "Vielleicht nehm ich zur Feier des Tages heute Abend ja zwei Oxy und dann kriegst du deinen Wunsch erfüllt und erlebst mich mal high? Da dürfte eine Menge Schwachsinn bei rauskommen."
      Das überzeugte Lewis direkt. Er grinste, breiter und breiter, als er in Gedanken einen kichernden und glucksenden Santiago auf der Couch lümmeln sah.
      "Deal. Ich räum das Zimmer und wir treffen uns am Lagerhaus. Halt bloß durch bis heute Abend. Wir werden uns richtig wegschießen!"
      Begeistert über die Aussicht machte er sich auf den Rückweg. Das war doch wirklich etwas, worauf man sich freuen konnte.

      Im Zimmer packte er ihre mitgebrachten Sachen zusammen, stopfte die Überreste des Essens in eine Tüte und bezog das Bett wieder so, wie es anfangs war. Alleine hätte er sich niemals die Mühe gemacht, aber Santiago hatte mit seiner Aussage nicht nur ihre Sachen gemeint und Lewis wollte nützlich sein. Er bemühte sich nach Kräften, das Zimmer mit Santiagos Augen zu sehen. Was hatten sie angefasst? Das Bett, den Stuhl, den Tisch, das Badezimmer. Das Bett war geregelt, den Stuhl schob er zurück an Ort und Stelle, auf dem Boden neben dem Tisch fand er noch eine Nudel. Aha! Weg damit. Eine Spur weniger von ihnen. Lewis war doch toll darin, oder etwa nicht? Ein wahres Naturtalent.
      Er ging das Zimmer noch dreimal durch auf der Suche nach Details, die Santiago wichtig sein könnten, dann zog er ab. Den Schlüssel ließ er auf dem Tresen liegen und den Müllsack nahm er zwei Blocks in die andere Richtung mit, um ihn dort zu entsorgen. Umwege machen, ja, sehr wohl. Santiago wäre sicher stolz auf ihn, wenn er davon wüsste.
      Zufrieden ging Lewis zum Lagerhaus zurück. Jetzt wollte er selbst nichts anderes, als es sich bei Santiago gemütlich zu machen und sich die Birne wegzukiffen.
    • Santi war froh, dass Lewis der ganzen Sache mit Elan entgegen sah. Denn er hatte keinen.
      Während der Streuner zurück in Richtung Motel verschwand, machte sich Santi auf, zum Lagerhaus zurück zu schleichen. Nicht, dass er sich Mühe gab, ungesehen zu bleiben - er war einfach nur verdammt langsam unterwegs. Er hatte dieses Lagerhaus gewählt, weil hier nicht viel los war. Es gab keine Sicherheitskameras, keine großen Lieferungen, die den Zoll herriefen. Die meisten anderen Lagerhäuser waren sogar leer und dienten Teenagern als Leinwand.
      Santi brauchte fast doppelt so lange, um sein kleines Versteck zu erreichen. Aber er kam, das war das Wichtigste. Seine ganze rechte Seite schmerzte, nicht nur seine Schulter. Aber bevor er sich setzte und sich eine Pause gönnte, warf er einen Blick ins Auto. Er hatte den ganzen Fahrersitz vollgeblutet. Den Schaltknüppel auch. Paolo stellte keine Fragen, wenn das Geld stimmte, das war kein Problem. Santi gefiel es nur nicht, überhaupt so viele Spuren hinterlassen zu haben. Er war besser als das.
      Aus einem seiner Militärversorgungspakete schnappte sich Santi einen Proteinriegel und eine Flasche Wasser, mit denen er sich wieder auf das Feldbett sinken ließ. Nicht, weil er ein Schläfchen halten wollte - so verlockend der Gedanke auch war - sondern weil es ein bisschen bequemer war, als der Metallstuhl am Tisch. Auf seinem Weg schaltete er den Polizeifunk wieder ein und hörte einfach nur zu, während er seinen Riegel futterte und auf Lewis wartete.
      Was nur ungefähr fünf Minuten dauerte. Santi hatte wirklich ewig gebraucht, um herzukommen.
      "Alles erledigt?" fragte er, obwohl er Lewis vertraute.
      Unter seiner Anleitung packte Lewis noch ein paar mehr Sachen ein, die ihnen gute Dienste leisten würden, solange sich Santi in seinem Apartment verkriechen musste. Die gepackten Taschen wurden auf dem Rücksitz geparkt, dann war Showtime. Nicht nur musste Santi einhändig fahren, er musste das auch noch alles mit Links erledigen. Schalten war entsprechend kompliziert und er beschloss, hauptsächlich durch die Straßen zu schleichen. Besonders viel Verkehr gab es hier draußen zum Glück nicht.
      irgendwie schaffte es Santi, sie beide in einem Stück zu einem Schrottplatz zu bringen, auf dem sich die zerquetschen Karosserien nur so stapelten. Eine kleine Horde Mechaniker beschäftigte sich vor einer Werkstatt damit, diverse Autos auseinander zu nehmen.
      "Tiago!" grüßte Paolo überschwänglich kaum dass Santi sich aus dem Fahrersitz gekämpft hatte. "Dios mío, was ist denn mit dir passiert?"
      Santi winkte mit einem aufgesetzten Lächeln ab. "Das Übliche."
      "Na wenn du das sagst. Und das Auto?"
      "Das Übliche."
      Paolo grinste. Dann rief er seine Kinder zur Hilfe. Catarina und Alonso waren Zwillinge, sahen aber kein bisschen danach aus. Catarina hatte die blonden Haare ihrer Mutter, auf einer Seite abrasiert, auf der anderen super lang - auch wenn sie für die Arbeit in einem Bun steckten. Sie war schlank, groß, und hätte als Model durchgehen können, wenn sie nicht in einem vollgesifften Blaumann gesteckt hätte. Ihr Bruder war fast einen Kopf kleiner als sie und sah aus wie eine junge Variante von Paolo: kurze dunkle Haare, den ersten Schatten eines Bartes, einen permanenten Gesichtsausdruck zwischen müde und besorgt, egal wie er drauf war. Die beiden grüßten Santi kurz, dann machten sie sich an daran, das Auto in Augenschein zu nehmen.
      "Wir brauchen einen Ersatz," meinte Santi zu Paolo.
      "Auffällig, undauffällig, oder auffällig unauffällig?"
      "Was in mein Viertel passt."
      "Claro. Hier drüben."
      Paolo nahm Santi und Lewis mit zu einem keinen Parkplatz hinter der Garage, auf der ein Haufen Autos herumstand, die in alle möglichen Gegenden gepasst hätten. Vom verschlammten Geländewagen bis hin zur schicken elektro Limo stand hier alles rum. Paolo und Santi berieten sich kurz, bevor sie sich auf ein Auto einigten.
      "Ich weiß noch nicht, wann ich's zurückbringen kann."
      "Ah, keine Sorge, amigo. Du bist ein Freund der Familie, lass dir Zeit. Ich halt dir auch einen Ersatz für den Ersatz warm. ich weiß ja, wie hibbelig du wirst, wenn du immer das gleiche Auto fahren musst."
      "Gracias."
      Paolo klopfte Santi auf die gute Schulter - was ihn beinahe aus den Latschen holte - und Lewis bekam die volle Kraft des Mechanikers zwischen die Schulterblätter. Der Mann meinte es nur gut.
      "Auf nach Hause," seufzte Santi, als er sich wieder hinter das Lenkrad klemmte. Paolo hatte ihnen dankenderweise einen Wagen mit Automatik gegeben.


    • "Alles erledigt."
      Lewis stellte die Tasche mit ihren Sachen ab und packte dann nach Santiagos Anleitung noch mehr Sachen hinzu, während der andere auf dem Feldbett saß und müde aussah. Dann stiegen sie auch schon ins Auto, dessen Blutgeruch sich über Nacht nur noch verstärkt hatte, und fuhren langsam und unsicher los. Lewis musste nur ein einziges Mal zusehen, wie Santiago sich verrenkte, um gleich zu sagen:
      "Soll ich was machen? Schalten vielleicht? Ich kann schalten, du musst mir nur sagen wann. Und wohin."
      Lewis war zwar noch nie ein Auto gefahren - naja, das stimmte nicht ganz, denn er hatte mal auf einem Parkplatz ein paar Runden gedreht - aber er hatte immerhin sein ganzes Leben dabei zusehen, wie Leute schalteten. So schwierig konnte es nicht sein und so schwierig war es auch nicht. Er konnte sowieso nicht aus dem Fenster schauen, also sah er auf Santiagos Bein und wartete darauf, dass er zur Kupplung wechselte, um zu schalten. Es war trotzdem gewöhnungsbedürftig und Santiago fuhr die ganze Zeit in einem gemächlichen Tempo.
      Sie schafften es aber zum Autohändler und stiegen aus. Ein Mexikaner kam ihnen entgegen, der bei Santiagos Anblick breit und glücklich grinste.
      "Tiago! Dios mío, was ist denn mit dir passiert?"
      Lewis zündete sich im Hintergrund einen Joint an.
      "Das Übliche."
      "Na wenn du das sagst. Und das Auto?"
      "Das Übliche."
      Die beiden schienen sich wohl zu verstehen. Ob Santiago hier regelmäßig mit einem vollgebluteten Auto herkam, nachdem er fast gestorben war? Lewis würde vielleicht mal ein ernstes Wörtchen mit ihm reden müssen. So wegen Berufswahl und sowas.
      Paolo rief nach jemandem und zwei Teenager kamen heran. Sie grüßten Santiago vertraut und sahen sich das Auto an. Lewis ging ihnen aus dem Weg, aber ihr Anblick versetzte ihm einen vertrauten Stich. Er wusste wie es war, in Papis Geschäft zu arbeiten, auch wenn seins kein Autohandel gewesen war. Besonders der Junge erinnerte ihn an Jay.
      "Wir brauchen einen Ersatz", sagte Santiago.
      "Auffällig, unauffällig, oder auffällig unauffällig?"
      Jap, die beiden hatten schon oft miteinander zu tun gehabt.
      "Was in mein Viertel passt."
      "Claro. Hier drüben."
      Mein Viertel? Wusste Paolo auch noch, wo Santiago wohnte? Lewis zog die Augenbrauen hoch und schlurfte beiden nach. Das war ja doch interessant.
      Sie wählten ein Auto aus und regelten die letzten Feinheiten. Paolo klopfte Santiago freundschaftlich auf die Schulter und Lewis bekam das doppelte ab. Er stolperte und verlor glatt seinen Joint. Nein! Oh...
      "Auf nach Hause."
      Enttäuscht stieg Lewis zu ihm ins Auto und weinte seinem Joint nach. Zuhause würde er sich gleich einen neuen gönnen.
      Er sah zu Santiago, während sie auf die gleiche Weise wieder anfuhren. Kupplung, Schalten, langsam hatten sie die Routine auch raus.
      "Du warst schon öfter hier? Bei ihm? Woher weiß er denn, was in dein Viertel passt?"
      Er zog die Augenbrauen hoch.