Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • "Mh-hm. Bester Sex überhaupt. Mir tut alles weh."
      Santi lachte leise in sich hinein. Normalerweise gehörten diese beiden Tatsachen nicht zusammen.
      "Dann hab ich ja alles richtig gemacht," antwortete er.
      Danach herrschte Schweigen, während die drei Männer einfach nur im warmen Wasser saßen und einander festhielten, während sich ihre Körper wieder auf die Realität einstellten. Lewis' Idee, hier zu schlafen, war eine gute und Santi würde sie auch umsetzen - egal was Diego davon hielt. Und noch viel wichtiger: Santi und Lewis würden morgen gehen, ohne auf ein weiteres von Diegos Spielchen einzugehen. Sie hatten seinen Preis bezahlt, sie hatten ihre Ware bekommen. Damit war das hier vorbei. Endgültig.
      Als das Wasser seine Temperatur verlor, machte sich Santi vorsichtig daran, erst Diego, dann Lewis zu waschen. Da Lewis schon eingenickt war, übernahm Diego die Aufgabe, Santi von den Spuren ihres kleinen Spielchens zu befreien. Die Berührungen des Mannes waren wie Balsam auf Santis Haut.
      Eingewickelt in Handtücher wanderten sie hinüber zum zweiten Schlafzimmer - niemand sollte in dem Bett schlafen, dass sie so vollständig ruiniert hatten. Diego kuschelte sich an Santis linke Seite, auf der anderen ruhte Lewis, den er eng an sich gezogen hatte. Diego spielte an der frischen Narbe an Santis Oberarm herum.
      "Die ist neu," murmelte er. "Was ist passiert?"
      "Erinnerst du dich an das Kopfgeld, dass ich gesetzt habe?"
      Diego brummte bestätigend.
      "Das war der Grund dafür."
      Diego lehnte sich über ihn und drückte seine Lippen gegen die Narbe.
      "Ich bin ja unparteiisch, aber ich hoffe, ein paar der Top-Leute kriegen ihn," meinte er und ließ sich wieder gegen Santis Körper sinken.
      Er ging dazu über, die Konturen von Santis Muskeln nachzufahren, wie er so oft schon getan hatte.
      "Ich nehme an, das hier war das letzte Mal?" fragte er nach einer Weile.
      Nun war es Santi, der zustimmend brummte. Nachdem er aufgehört hatte, für Diego zu arbeiten, hatte es ein paar dieser Ausrutscher gegeben. Alte Gewohnheiten und so weiter. Aber dieses Mal fühlte es sich irgendwie... finaler an.
      "Hm. Du kennst nicht zufällig jemanden mit deinen Talenten? Ein Mann hat Bedürfnisse."
      "Du kennst mehr Leute als ich, corbata. Du findest schon jemanden."
      "Den Versuch wars Wert."
      Stille kehrte ein, eine entspannte, friedlich Stille, die man nur hatte, nachdem alles getan war und nichts weiter anstand. Alles war einfach nur ruhig. Diego schlief ein, das wusste Santi. In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass ja, er hatte nichts dagegen, jemand anderen mit ins Schlafzimmer zu nehmen, aber am Ende des Tages war es ausschließlich Lewis, den er dort nicht missen wollte. Hier liegend mit Lewis und Diego in seinen Armen, da wurde ihm klar, dass sich das, was er mit Lewis hatte, ganz anders anfühlte als das, was zwischen ihm und Diego gewesen war. Er hatte überhaupt kein Problem damit, das mit Diego in der Vergangenheit zu betrachten. Während Lewis sehr wohl seine Gedanken an die Zukunft beherrschte.
      Santi betrachtete den Streuner, wie er da zusammengerollt an seiner Seite lag und sich ganz natürlich an ihn klammerte, als wäre es die einzige Option. Er presste einen sanften, hauchzarten Kuss gegen Lewis' Stirn.
      "Te amo, callejero," murmelte er, bevor er sich auf die Seite rollte und ausschließlich Lewis in seine Arme schloss.



      Diego schloss die Tür zum Gästezimmer so leise er konnte hinter sich. Er hatte gestern Nacht etwas beweisen wollen und das hatte er auch geschafft. Leider hatte er das Gegenteil von dem erreicht, was er hatte erreichen wollen. Er war sich so sicher gewesen, dass dieser Lewis nur ein neuer Fling war, nichts besonderes. Dass sich sein Santi kurz mit dieser Straßenratte vergnügte und dann wieder ernsthafteren Dingen nachging. Aber nein. Das, was Diego gestern gesehen hatte... Er hatte keine Chance, Santi jemals wieder als sein zu betrachten. Was für ein Verlust.
      Lange konnte er sich darum aber nicht kümmern - er hatte Termine einzuhalten.
      Olivia händigte ihm ein Tablet aus, schaltete den Fernseher ein, sodass er Nachrichten gucken konnte, und machte sich dann daran, sein Frühstück zu servieren. Olivia war sein Lebensretter, ohne sie wüsste er oft nicht, wo sein Kopf stand. Sie hatte Santis Job mit einer Leichtigkeit übernommen, die ihresgleichen suchte. Vielleicht...
      "Was macht unsere kleine Suche?" fragte er, als Olivia ihm seinen Kaffee reichte.
      "Ich hab da jemanden im Auge. Neu bei White Collar, Golden Retriever Typ, will sich unbedingt beweisen. Buschfunk sagt, er ist allergisch gegen Schreibtische."
      "Und da arbeitet er freiwillig bei White Collar? Der Arme scheint ein paar Hirnzellen zu vermissen."
      "Sind ihm vielleicht bei einem der Schädelbrüche abhanden gekommen."
      "Bitte was?"
      Olivia reichte ihm eine Akte - Papier, nicht digital. Nichts, was wirklich wichtig war, war digital in Diegos Umgebung.
      Er betrachtete das dicke Profil des FBI Agenten. Hübsch sah er ja aus, auch wenn seine Nase ein bisschen schief war. Er hatte sich schon so ziemlich jeden Knochen im Leib gebrochen? Was für ein Sesselfurzer war das denn bitte?
      "Oh. Das ist interessant."
      "Dachte mir schon, dass er dir gefällt."
      "Sicher, dass wir ihn kriegen können? Er wirkt so... rechtschaffen."
      "Auf direkte Weise wahrscheinlich nicht. Aber mit ein bisschen tricksen könnten wir ihn dazu kriegen, für uns zu arbeiten, ohne dass er es merkt. Fehlende Hirnzellen und so."
      "Olivia, meine Liebe, ich bin ein großer Fan deiner Denkweise."


    • Lewis wurde wach genug um mitzubekommen, wie Santiago seine schmerzende Haut wusch. Das plätschernde Wasser war geradezu idyllisch, auch wenn er sich Diegos Anwesenheit durchaus noch bewusst war. Würde der Mann bei ihnen schlafen? Das Bett wäre groß genug für sie drei - Lewis hoffte nur, dass er nicht kuscheln wollte. Darauf hätte er überhaupt keine Lust.
      Santiago weckte ihn vollständig auf, als es an der Zeit war, aufzustehen. Sie verließen das lauwarm gewordene Wasser, wickelten sich in Handtücher und durchquerten die riesige Suite zum zweiten Schlafzimmer. Im Bett bekam Santiago seinen Platz in der Mitte zugeteilt, in jedem Arm einen Mann, der sich an ihn schmiegte. Mussten sich so Könige fühlen? Lewis schmunzelte, wollte es aber nicht selbst ausprobieren. Es war ihm ganz recht, Santiagos rechte Seite zu beanschlagen, wo er mit Diego nichts zu tun hatte. Dort konnte er sich zufrieden an Santiago kuscheln.
      Die beiden redeten noch leise miteinander. Lewis schloss die Augen und lauschte ihren Stimmen, ohne auf die Worte zu achten. Er döste weg, nur um halb wieder zu sich zu kommen, als Santiago sich unter ihm regte. Er schien sich zu drehen und dann beherrschte Santiago seine ganze Welt. Lewis streckte sich in der Wärme, die ihn jetzt vollständig umgab, und seufzte zufrieden. Er schlief mit einem leisen Lächeln ein, fest an Santiagos Brust gekuschelt.
      Am Morgen dann fühlte er sich wie gerädert, aber auf eine gute Weise. In seinen Beinen steckte ein fieser Muskelkater und sein Hintern war immernoch wund - auf jede erdenkliche Weise. Aber er hatte fantastisch geschlafen, er fühlte sich ausgeruht wie schon lange nicht mehr - und er hatte seit fast zwölf Stunden nicht mehr gekifft. Ein neuer Rekord! Sobald er aufgestanden war, würde er sich einen Joint anzünden.
      Vorher wälzte er sich mit einem Seufzen auf die Seite. Er streckte den Arm aus und bekam einen Körper zu fassen, oder eher einen anderen Arm. Einen behaarten, also Santiagos. Er hob den Kopf und hielt nach dem anderen Mann Ausschau, aber von Diego war keine Spur zu sehen. Sie waren alleine im Bett.
      "Is' Diego schon weg?", murmelte er und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Seine Frage blieb unbeantwortet, das Zimmer blieb still. Lewis nahm die Hand wieder weg und sah zu Santiago.
      Er lag auf der Seite, hatte Lewis den Rücken zugekehrt und rührte sich nicht. Rührte sich selbst dann nicht, als Lewis seinen Namen sagte, was ihm einen Stich Sorge verpasste. War was los, war was geschehen? Ging es Santiago gut, hatte er was verpasst?
      Er raffte erst, was wirklich vor sich ging, als er zu ihm rutschte und ihm ins Gesicht sah. Santiago ging es blendend, sogar mehr als das: Er schlief. Tief und fest und mit keinem einzigen Zucken, keiner einzigen Falte im Gesicht. Er hatte sogar den Mund offen und schnarchte leise. Santiago schlief den Schlaf der Gerechten.
      Lewis grinste unmittelbar. Den Mann so ausgeknockt zu haben, dass sogar seine Albträume nicht zu ihm durchdrangen - das fühlte sich verdammt gut an. Ein Hoch auf seinen Wunderarsch. Vielleicht lag hier das Mittel der Heilung: Sie mussten Santiago nur einen fantastischen, bahnbrechenden Orgasmus beschaffen und er würde schlafen wie ein Baby. Lewis hätte rein gar nichts dagegen, diese These auszuprobieren. Er bot sich sogar als Versuchsobjekt an.
      Für den Moment kroch er aber wieder weg von Santiago um ihn nicht aufzuwecken. Er musste dringend aufs Klo und dafür musste Santiago sicher nicht wach sein. Hinterher konnten sie dann noch kuscheln - was für eine tolle Aussicht. Lewis rutschte beflügelt aus dem Bett.
      Seine Beine waren wackelig und er trug den Buttplug noch immer; er bewegte sich in ihm, als Lewis ins Badezimmer wankte und sich erleichterte. Im Spiegel starrte er mit einem Grinsen auf die noch leuchtend roten Striemen auf seiner Haut. Man, war das toll; als hätte Santiago seine persönliche Signatur auf seinem Körper hinterlassen. Und weh tat es auch noch. Lewis starrte auch seinen Hintern an und grinste dann freudig. Ein wirklich fantastischer Abend.
      Bei seinen Kleidern suchte er einen Joint heraus, zündete ihn an und wanderte dann auf leisen Sohlen durch die Suite, um sich alles genau anzusehen. Früher war das hier außerhalb seiner Preisklasse gewesen, aber mit Apollos Belohnung könnte er sich das auch leisten. Sollte er anfangen, in Hotel-Suites zu schlafen, wenn sie so luxuriös waren wie diese hier? Naja, nur wenn ein Club in der Nähe war. Und wenn Santiago mitkam.
      Er fand ein Menü des Hotels, wo man Essen aufs Zimmer bestellen konnte, und zog sich damit gleich ins Nebenzimmer zurück. Er bestellte alles, weil, warum auch nicht, und rauchte dann seinen Joint zu Ende. Das würde noch einen ganzen Moment dauern mit dem Zimmerservice, aber in der Zwischenzeit konnte er sich ja wieder zu Santiago legen. Beschwingt kam er zurück ins Bett gekrabbelt und schmiegte sich zurück an Santiago.
      Nur, dass er etwa eine Minute lang still bei ihm liegen konnte. Dann kam ihm eine bessere Idee.
      Vorsichtig, um den Mann bloß nicht aufzuwecken, drehte er ihn nach und nach auf den Rücken. Er richtete die Decke, dann tauchte er darunter und machte es sich zwischen Santiagos Beinen gemütlich. Ein lüsternes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit, als er in der Dunkelheit die Hand um Santiagos weiches Stück legte. Das durfte er noch nie machen. Santiago hatte bisher auch nur zweimal bei ihm geschlafen - das hier war das dritte Mal. Lewis wollte es ihm so angenehm wie nur möglich gestalten.
      Er nahm sich die Zeit, Santiago so gründlich abzulecken wie er nur wollte, bevor er ihn in den Mund nahm. Es dauerte länger als gewöhnlich, bis Santiago unter seinen Liebkosungen erhärtete, aber Lewis hatte kein Problem damit. Er hatte Zeit und die Geduld hatte er dafür sowieso. Das hier war seine Lieblingsposition - direkt nach Doggy.
      Erst, als Santiago sich zu regen begann, wurde er fester mit seinen Berührungen. Er legte die gesunde Hand um sein Glied, mit der anderen massierte er seine Eier, leckte überall, wohin er kam, schluckte ihn. In seinem Mund wurde Santiago steinhart und das sah Lewis als Zeichen, noch schneller zu werden. Er würde ihn mit einem Orgasmus wecken, ganz sicher. Das hatte er sich fest vorgenommen.
    • Santi wurde nicht von Monstern, Trauma, oder einer Panikattacke geweckt, was ihn verwirrte. Er wurde von etwas geweckt, was ihm viel vertrauter war. Ihm war warm. Zu warm.
      Direkt nachdem er diese Realisierung gemacht hatte, bemerkte er noch etwas anderes. Ein Kribbeln, dass langsam seine Wirbelsäule hinauf kletterte. Es war nicht unangenehm. Ganz im Gegenteil.
      Sein Verstand war noch nicht wach genug, um all diese Dinge miteinander zu verbinden; er lief mehr oder weniger auf Autopilot. Also griff er neben sich, auf der Suche nach dem warmen Körper, den er dort vermutete. Was sonst sollte dafür verantwortlich sein, dass ihm so warm war? Aber da war nichts.
      Bevor er sich fragen konnte, warum das so war, schoss ein Blitz von seinen Lenden bis hinauf in die Spitzen seiner Haare. Er stöhnte leise.
      Und mit einem Mal war er wach.
      Diego war verschwunden - das hatte er erwartet. Lewis war auch weg - das hatte er nicht erwartet. Etwas - oder viel mehr jemand - leckte über seinen Schritt.
      "¡Mierda!" fluchte Santi und schob eine Hand unter die Decke.
      Eine Decke! Natürlich war ihm warm! Jemand gab ihm einen Blowjob unter einer dicken, viel zu teuren Decke. Er konnte nur hoffen, dass das nicht Diego da unten war...
      Santi fand eine Mähne aus langen Haaren und schob seine Finger tief hinein. Er lachte leise, dann drückte er Lewis geschickten Mund auf sich hinunter und hielt ihn dort fest. Der Streuner erwiderte mit einem Tanz seiner Zunge und einer perfekten Massage für seine Eier. Verdammt, warum war Lewis auch so gut in sowas?!
      Er zog Lewis von seinem Schritt und dann nach oben zu sich.
      "Dir auch einen guten Morgen," lachte er, als er sich Lewis' frechem Grinsen gegenüber sah.


    • Ein Stöhnen erhob sich und dann folgte ein vertrauter Fluch. Lewis grinste in sich hinein, als sich eine Hand unter die Bettdecke schob, nur um dann beinahe zu würgen, als die Hand ihn unvermittelt runterdrückte. Er entspannte seinen Hals und ließ stattdessen seine Zunge kreisen, was Santiago ein schönes Zucken entlockte. Lewis liebte sowas. Santiago sollte viel häufiger schlafen.
      Der Druck auf seinen Kopf verwandelte sich in einen Zug und Lewis tauchte unter der Bettdecke hervor. Sein Gesicht war etwas feucht von der dicken Luft dort unten, aber er grinste noch viel breiter, als Santiago lachte:
      "Dir auch einen guten Morgen."
      "Den besten", schnurrte Lewis zurück und legte sich auf seiner Brust ab. Er leckte sich erst die Lippen, dann küsste er ihn. Mit einem erwartungsvollen Ausdruck im Gesicht sah er ihn an.
      "Du hast geschlafen. Sogar..." Er warf einen Blick auf die Uhr an der Wand. "Fast zehn Stunden lang. Was war es, der Orgasmus? Die körperliche Betätigung?"
      Mit den Fingern fuhr er ihm durch die Haare.
      "Wenn wir es herausfinden, können wir das öfter machen. Dann kannst du regelmäßig schlafen, stell dir das mal vor. Keine 100 Kaffees mehr am Tag."
    • "Den besten," erwiderte Lewis und küsste ihn.
      Das war doch mal ein Morgen, dachte sich Santi, als er seine Arme um den Streuner legte und seine Hände sanft auf dessen Knackarsch ruhen ließ.
      "Du hast geschlafen. Sogar fast zehn Stunden lang."
      "Hab ich?"
      Santi verrenkte den Hals, um die gleiche Uhr ansehen zu können, die Lewis entdeckt hatte. Er hatte nicht genau im Kopf, wann sie ins Bett gegangen waren - er hatte besseres zu tun gehabt, als auf die Uhr zu schauen - aber von dem Abendessen ausgehend...
      "Tatsache. Das muss ein neuer Rekord für mich sein."
      "Was war es, der Orgasmus? Die körperliche Betätigung? Wenn wir es herausfinden, können wir das öfter machen. Dann kannst du regelmäßig schlafen, stell dir das mal vor. Keine 100 Kaffees mehr am Tag."
      "Und gegen heftige Kopfschmerzen vom Koffeinentzug eintauschen? Ich weiß ja nicht."
      Lächelnd stahl sich Santi noch einen Kuss.
      Und dann wurde die Tür zum Schlafzimmer aufgeworfen mit all dem Pomp, den nur ein Mann mitbringen konnte: Diego.
      "Wer von euch Turteltauben hat das gesamte Hotelmenü zum Frühstück bestellt?" fragte er und ließ sich in seinem perfekten Anzug neben den beiden ins Bett fallen.
      Santi sah sofort Lewis an.
      "Mir egal," verkündete Diego. "Ihr habt eine halbe Stunde, dann seid ihr verschwunden. Ich habe Geschäfte zu erledigen und ihr seid schlecht für meine Diskrektionsklausel. Hopp hopp."
      Beim Aufstehen schlug er Lewis einmal auf den Hintern, dann war er auch schon wieder weg. Santi sah ihm kurz nach, bevor er mit einem Seufzen den Kopf zurück in die Kissen fallen ließ.
      "Schätze, wie sollten unsere Hosen suchen gehen."


    • "Und gegen heftige Kopfschmerzen vom Koffeinentzug eintauschen? Ich weiß ja nicht."
      Lewis grinste und erwiderte den Kuss. Es war ja nicht so, als wisse er mit seinem Gras nicht genau, wie sich so ein Entzug anfühlte. Dann also kein Kaffee-Entzug, zumindest nicht so drastisch. Ihm sollte das auch recht sein.
      Kurz darauf sprang allerdings die Tür auf und präsentierte ihnen Diego, ganz so, wie er sich gestern Abend beim Abendessen noch gegeben hatte: Der erfolgreiche Geschäftsmann, nicht mehr der winselnde Sub, der sich von Lewis ficken ließ. Ein bisschen schade, eigentlich.
      "Wer von euch Turteltauben hat das gesamte Hotelmenü zum Frühstück bestellt?"
      "Ich", sagte Lewis ungerührt. Er hatte sich das ja wohl auch verdient.
      "Ihr habt eine halbe Stunde, dann seid ihr verschwunden."
      "Hey, ich will mein Frühstück."
      "Ich habe Geschäfte zu erledigen und ihr seid schlecht für meine Diskrektionsklausel. Hopp hopp."
      "Was für eine Klau- au!"
      Lewis fuhr zusammen, als Diego seinen noch wunden Arsch schlug. Der Buttplug bewegte sich in ihm und für einen kurzen Moment fühlte sich das ganz köstlich an, aber dann übernahm die Empörung über das verbotene Frühstück und Lewis murrte nur.
      "Mistkerl."
      "Schätze, wie sollten unsere Hosen suchen gehen."
      "Ugh."
      Lewis tat aber wie geheißen. Sie zogen sich an und dann ließen sie die himmlische Suite auch schon hinter sich. Lewis klaute sich trotzdem noch ein Schoko-Croissant aus der Küche - jetzt erst recht. Das hatte Diego mit seiner Ungeduld davon.
      Vor dem Hotel streckte er sich und mampfte sein Croissant. Santiago bot er eine Hälfte davon an.
      "Dann lass uns doch mal ansehen, was San Diego uns da gegeben hat. Zu dir oder willst du noch was frühstücken gehen?"
    • Santi schwang sich aus dem Bett und band sich das Handtuch von gestern Nacht um die Hüften, um Olivia nicht im Adamskostüm begegnen zu müssen. Sie hatte wahrscheinlich schon schlimmeres gesehen, aber man musste es ja nicht drauf anlegen. Er grüßte sie auf dem Weg ins Hauptschlafzimmer, sie grüßte zurück, vollkommen ungerührt von der Tatsache, dass er noch da war und noch dazu auch noch splitterfasernackt. Santi sammelte schnell alle Klamotten aus dem Hauptschlafzimmer ein. Auf dem Rückweg fraß Diego ihn praktisch mit seinen Augen auf, während er ein geschäftliches Telefonat auf Mandarin hielt. Seine Stimme und sein Gesichtsausdruck passten überhaupt nicht zusammen und Santi beeilte sich, diesem Blick zu entkommen. Seine Flucht wurde durch mehrere Frühstückswagen verlangsamt.
      Santi und Lewis verließen das Hotel nur ein paar Minuten später, ohne dass Diego ihnen auch nur einen Hauch seiner teuren Aufmerksamkeit schenkte - und Santi hatte absolut nichts dagegen.
      "Dann lass uns doch mal ansehen, was San Diego uns da gegeben hat. Zu dir oder willst du noch was frühstücken gehen?"
      "San Diego? Wann wurde er denn heilig gesprochen?" entgegnete Santi und nahm ein Stück des Croissants entgegen, während er seine Handschuhe überstreifte.
      Sein Blick glitt die Straße hinunter, als er eine Bewegung aus dem Augenwinkel wahrnahm. Doch als er zur nächsten Ecke blickte, war da niemand. Hm.
      "Frühstück. Ich brauch Proteine. Und ich kenne da jemanden, der gern Eier zum Frühstück isst."
      Er drückte einen Schnellen Kuss auf Lewis' Wange, dann drückte er ihm seinen Helm in die Hand und schwang sich auf sein Bike. Er grinste, als er spürte wie Lewis hinter ihm versuchte, es sich bequem zu machen, während da immer noch das Spielzeug in ihm steckte. Selbstverständlich musste er einen Moment warten, nachdem er seine Maschine angeworfen hatte, damit der Motor richtig warm wurde. Es gab keinen anderen Grund, warum sie noch eine Minute so hier standen.

      Seine Paranoia war zurück. Santi wollte es sich nicht eingestehen, wollte sich einreden, dass er den direktesten Weg zu dem kleinen Frühstücksrestaurant genommen hatte und sein Umweg nur auf den schlechten Verkehr zurückzuführen war. Aber kaum als sie das Restaurant betraten, fühlte er sich beobachtet. Es gab fünf andere Gäste: zwei einzeln sitzende und eine Gruppe von drei Leuten. Im Hintergrund lief ein entspannter Jazzmix. Das Küchenpersonal war weder zu sehen, noch zu hören. Die Bedienungen wirkten, als hätten sie Spaß. Das hier war ein Bilderbuch von einem Restaurant und doch konnte Santi das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas nicht stimmte.
      Er suchte sich den Tisch weit weg von allen Türen und setzte sich so, dass er all diese Türen im Blick behalten konnte und zeitgleich eine Wand im Rücken hatte. Noch war es nicht so schlimm, dass er damit rechnete, mit panzerbrechender Munition durch die Wand erschossen zu werden. Aber dieser Typ vier Tische weiter, der friedlich seine Tageszeitung las...


    • Lewis' Grinsen verblieb in etwa so lange, bis er sich auf das Motorrad setzte. Sein stechender Hintern tat wirklich weh und das laufende Motorrad vibrierte bis in den Buttplug hinein. Fuck. Lewis klammerte sich an Santiago und versuchte sich so zurechtzusetzen, dass es nicht so schmerzte, denn wenn das so weiterging -
      Oh, ja, denn jetzt fühlte es sich erst richtig gut an. Der Schmerz weckte Erinnerungen an gestern und das schoss direkt in seine Lenden. Nicht gut, wenn sie auf dem Weg zum Frühstück waren. Lewis war zwar neutral gegenüber Voyeurismus eingestellt, aber auch er hatte einen Standard, den er nicht unterschreiten wollte. Von einem Buttplug und einem wunden Hintern schon geil zu werden, war dabei definitiv unter seiner Würde.
      Er biss die Zähne auf dem Weg zusammen und folgte Santiago höchst unauffällig ins Restaurant hinein. Als sie sich setzten, fluchte er leise und griff sich dann gleich das Menü. Er legte sich auf einen Lachsbagel fest, nur um seine Gedanken von seinem Hintern abzubringen, und gab das Menü zurück an Santiago, der seinen Blick schweifen ließ.
      "Dann lass mal sehen."
      Santiago beförderte die Akte von Diego zu Tage und schob sie über den Tisch. Lewis vertraute darauf, dass Santiago schon niemanden drauf schauen lassen würde, als er sie aufschlug und durchblätterte. Ein Haufen Profile von irgendwelchen Experten und Fachleuten, die sich mit dem Zeug auskannten. Lewis verzog das Gesicht; das sah nach trockener Arbeit aus. Hätte Apollo ihm nicht die Hand aufschneiden lassen, um an irgendeins der Teile ranzukommen, hätte Lewis es schon längst wieder aufgegeben. So sah er es als persönliche Berufung, alles denkbare zu unternehmen, um es dem Kerl heimzuzahlen.
      Zum Schluss kam eine zusammengestellte Preisliste. Lewis überflog sie und pfiff leise.
      "500, 800... das sind Werte von Millionen. Das billigste davon sind 386, kannst du dir das vorstellen? Wer würde denn Geld für sowas ausgeben?"
      Er ging die Liste nochmal durch.
      "Aber Apollo ist doch so oder so reich, kann er das nicht einfach kaufen? Wieso will er unbedingt etwas hiervon haben, wenn er auch das ganze Museum hätte kaufen können?"
      Er sah zu Santiago auf und runzelte die Stirn.
      "Alles in Ordnung? Hörst du mir zu?"
    • Santi bestellte sich ein paar Eier und den größten Kaffee, den sie hier servierten. Den Kaffee brauchte er zwar aktuell nicht, aber sein Mund war schneller als sein Verstand, der noch immer den Grund für die Zeitung hinterfragte.
      "Dann lass mal sehen."
      Er schob die Akte, die sie von Diego bekommen hatten, über den Tisch. Wie immer waren die Informationen, die Diego geliefert hatte, tadellos und detailliert. Manchmal fragte sich Santi, wie viel der Mann über ihn wusste. Allerdings mied er diese Frage, an Tagen wie heute, denn das schickte ihn nur in einen sehr tiefen, sehr gefährlichen Kaninchenbau. Nicht zuletzt, weil er selbst früher diese Art von Profilen für Diego zusammengestellt hatte. Olivia mochte mehr oder weniger nett sein, aber sie war auch gut in dem, was sie tat, was hieß, dass sie...
      "Alles in Ordnung? Hörst du mir zu?"
      "Hm? Ja."
      Santi nippte an seinem Kaffee, der ihm kurz nach der Bestellung schon hingestellt worden war.
      "Museen kann man nicht so einfach kaufen. Erst recht nicht, wenn sie staatlich mitfinanziert werden. Und sobald ein Artefakt wie diese hier im System sind, ist es beinahe unmöglich, sie da wieder rauszubekommen," erklärte er. "Die meisten solcher Stücke werden direkt von der Ausgrabungsstätte aus gekauft, damit sie gar nicht erst die Chance haben von stattlichen Beamten gesehen zu werden. Die relevanten Historiker und Archäologen wollen sowas nur zu Gesicht bekommen, analysieren und datieren, wo es danach hingeht ist den meisten für den richtigen Preis egal."
      Santi tippte auf die Akte zwischen ihnen.
      "Daher ist es so leicht für jemanden wie Diego, der den Handel solcher Gegenstände geradezu besitzt, uns so eine schicke Liste zu erstellen."
      Tatsächlich verdiente Diego den Hauptteil seines eigenen Geldes mit dem Handel eben solcher Artefakte. Daher hatte es Santi auch nicht überrascht, dass er Interesse an einem oder mehreren der Stücke angemeldet hatte.
      "Apollo wollte etwas aus diesem Museum, aber es ist staatlich finanziert. Ergo sind all diese Stücke im System und nur schwer wieder loszuwerden. Wir können also mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass Apollo etwas haben wollte, um es zu haben. Die Frage ist nur: was und warum. Was ist so ein Risiko wert, nur um in einer privaten Sammlung zu landen?"
      Der Mann mit der Zeitung winkte nach einer Kellnerin und ließ sich die Rechnung geben. Hatte er genug gehört? Hatte er alle Informationen, die er über sie brauchte? Santi wusste, dass er zu weit weg saß, um ihr Gespräch zu überhören. Er wusste das. Das war einfach nur irgendein Typ, der sein Frühstück hier gegessen hatte. Jetzt musste er das nur noch dem unlogischen Teil seines Hirns klarmachen.


    • Lewis verzog ein bisschen das Gesicht. Natürlich war das mit den Artefakten nicht so einfach, wie er angenommen hatte, also benötigte es doch einen Diebstahl, um heranzukommen. Aber Apollo war reich und hatte Kontakte, mit denen er ganz eindeutig Magier anheuern konnte; konnte er nicht einen finden, der ihm das gesuchte Stück einfach... zuteleportieren konnte? Oder der die Angestellten manipulieren konnte, um es auszuhändigen? Wieso den Umweg über eine ganze Truppe machen, wieso der riesige Aufwand?
      Lewis versuchte seine grauen Gehirnzellen anzustrengen, kam aber einfach nicht darauf. Das hier überstieg alles seine Expertise.
      "Apollo wollte etwas aus diesem Museum, aber es ist staatlich finanziert. Ergo sind all diese Stücke im System und nur schwer wieder loszuwerden. Wir können also mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass Apollo etwas haben wollte, um es zu haben. Die Frage ist nur: was und warum. Was ist so ein Risiko wert, nur um in einer privaten Sammlung zu landen?"
      "Vielleicht ist er ein Fanatiker. Solche Leute würden doch alles machen, wenn sie auf eine Sammlung vernarrt sind. Oder es ist was für seine Magie?"
      Von dem Gedanken gepackt sah Lewis auf und kniff die Augen zusammen.
      "Haben wir die Dinger mal darauf gecheckt, ob sie auf Magie anspringen? Gibt's dafür auch einen Fachmann?"
      Er blätterte nochmal die Profile durch, nur um unzufrieden zu schauen.
      "Natürlich nicht. Wär ja auch zu einfach..."
      Sein Bagel kam und Lewis klappte mit Santiagos Warnung die Akte zu. Er wartete pflichtbewusst, bis die überfreundliche Bedienung wieder weg war, bevor er sie wieder öffnete.
      "Dann eben was, das nahe genug dran ist. Was ist mit dem da?"
      Er zeigte Santiago das Profil eines mittelalten Mannes, dessen Seitenhaare schon ergrauten.
      "Dr., äh, Nathaniel Harrington. Archäologie für Ritual- und Kultobjekte. Das klingt doch nett? Der war sicher der größte Streber auf dem College, der wird bestimmt was wissen."
    • "Haben wir die Dinger mal darauf gecheckt, ob sie auf Magie anspringen? Gibt's dafür auch einen Fachmann?"
      Santi stutzte. An sowas hatte er noch gar nicht gedacht. Hier und da hatte er schon davon gehört, dass es Leute gab, die daran glaubten, dass Magie auch von Gegenständen ausgehen konnte. Wirklich beschäftigt hatte er sich damit aber nie - er hatte genug mit seiner eigenen Magie zu tun gehabt, da hatte ihn all die andere Magie nie wirklich interessiert. Aber Sinn würde es machen, bedachte man Apollos Vorliebe dafür, Leute mit Magie anzuheuern. Der Mann schien eine Art Trophäenjäger zu sein.
      Als die Kellnerin mit ihrem Frühstück ankam, tippte Santi Lewis schnell gegen das Handgelenk, damit er die Akte zuklappte. Da war zwar nichts drin, was sie ohne Kontext irgendwie belasten konnte, aber man konnte nie vorsichtig genug sein. Oder war das nur wieder seine Paranoia, die da sprach? Verdammt, es wurde jetzt schon schwer, Dinge auseinander zu halten. Verdammter Diego!
      "Dr., äh, Nathaniel Harrington. Archäologie für Ritual- und Kultobjekte. Das klingt doch nett? Der war sicher der größte Streber auf dem College, der wird bestimmt was wissen."
      "Streber? Mit so einem Themengebiet reden wir hier eher von einer peinlichen Goth-Phase, würde ich sagen. Bei mir am College gabs einen, der tatsächlich geglaubt hat, er sei ein Energie-Vampir. Am Ende des Semesters wurde er wegen dreifachem Mord verhaftet."
      Santi nahm einen großen Schluck seines Kaffees, dann widmete er sich seinem Frühstück.
      "Aber er klingt tatsächlich nach der Person, die wir fragen sollten."
      Er schnappte sich sein Arbeitstelefon und wählte die Nummer, die in dem Profil hinterlegt war. Um diese Uhrzeit bestand die Möglichkeit, dass der gute Doktor Vorlesungen hielt - und tatsächlich schien das der Fall zu sein. Zumindest ging niemand ran.
      "Dr. Harrington, hi!" grüßte Santi die Mailbox mit mehr Elan, als er fühlte. Er versuchte, seine Ex-Freundin zu imitieren, die sich immer viel zu sehr für Dinge hatte begeistern können. "Mein Name ist Samuel Vazquez, ich bin unabhängiger Researcher und arbeite für eine kleine Online Produktion. Aktuell suchen wir nach ein paar Leuten, die bereit wären, uns Auskunft über ein paar Museumsstücke zu geben und ich wollte fragen, ob sie Interesse hätten. Ich will Ihre Mailbox nicht zuquatschen, also schicke ich Ihnen einfach eine eMail. Schönen Tag noch!"
      Mit einem alten Kugelschreiber kritzelte Santi schnell den Namen Samuel Vazquez an eine freie Stelle auf dem Profil, damit er seine eigene Lüge nicht vergaß.
      "Schätze, wir verpassen dir jetzt einen akademischen Hintergrund," scherzte er.
      Der Mann mit der Zeitung war verschwunden.


    • "Streber? Mit so einem Themengebiet reden wir hier eher von einer peinlichen Goth-Phase, würde ich sagen. Bei mir am College gabs einen, der tatsächlich geglaubt hat, er sei ein Energie-Vampir."
      Lewis lachte.
      "Am Ende des Semesters wurde er wegen dreifachem Mord verhaftet."
      "Oh."
      Ein unangenehmer Moment kam auf, in dem Santiago seinen Kaffee schlürfte und Lewis das Profil anstarrte. Hoffentlich dachte der liebe Dr. nicht auch daran, dreifache Morde zu begehen. Wenigstens nicht, bevor Lewis sich an Apollo rächen konnte.
      "Aber er klingt tatsächlich nach der Person, die wir fragen sollten."
      Ohne weiteres zog Santiago sein Handy hervor und wählte die auf dem Profil angegebene Nummer. Lewis nahm jetzt auch einen Bissen von seinem Bagel und sah dann interessiert dabei zu, wie der Mann aus dem Nichts einen Namen, einen Charakter und eine Story zauberte. Das alleine war schon beeindruckend genug, aber es auch noch so locker und ohne Anstrengung durchzuziehen, war erstaunlich. Lewis hätte sich erstmal etwas überlegen müssen und es dann nicht halb so authentisch rübergebracht. Deswegen war auch Santiago der Experte und Lewis brachte nur seine Magie mit. So, wie es eben sein sollte.
      "Schätze, wir verpassen dir jetzt einen akademischen Hintergrund", sagte Santiago, als er aufgelegt hatte. Und Lewis, der bei dem ganzen Spektakel gar nicht an sich selbst gedacht hatte, rollte mit den Augen.
      "Fuck."
      Jetzt musste er auch noch selbst zum Streber werden.

      Dr. Harrington meldete sich noch am selben Tag mit einer enthusiastischen Mail zurück, wie sehr er sich doch über die Anfrage freute, wie gerne er sein Wissen der Welt zugänglich machen wollte, wie wichtig es für ihn war, die breite Masse in seine Lehren einzubeziehen, bla bla bla. Lewis übersprang den größten Teil des hochgestochenen Textes, um zum eigentlich wichtigen Punkt zu gelangen: Er habe einen sehr engen Zeitplan und das Wochenende sei er überhaupt nicht in der Stadt. Wenn es nicht dringend sei, könne er ihnen einen Termin in einem Monat anbieten, oder aber sie passten ihn nach einer seiner Vorlesungen ab. Lewis stöhnte gequält. Jetzt musste er nicht nur einen Streber abgeben, er musste sich auch noch unter andere mischen.
      "Fuck!"

      Lewis starrte sich mit offenem Mund in Santiagos Spiegel an. Er war kaum wiederzuerkennen.
      Die Haare hatte er sich gekämmt und zu einem lockeren Pferdeschwanz hochgebunden, was ihn wirken ließ wie ein Hippie. Auf der Nase trug er eine dieser Trendy-Brillen, die nur mit Glas ausgestattet war, und das offene Hemd, das er trug, passte ihm sogar. Er trug sogar eine Jeans und gekifft hatte er an diesem Tag auch noch nicht. Seine Augen waren zwar noch immer rötlich, aber man konnte es auch auf Müdigkeit schieben. Einfach nichts von Lewis war geblieben.
      "Fuck..."
      Er drehte sich und betrachtete seinen Hintern im Spiegel. Der kam in der Jeans sogar einigermaßen zur Geltung; vielleicht sollte er häufiger Jeans tragen. Wenn sie nur nicht so unbequem wäre.
      "Äh, ich bin fertig. Schätz ich."
    • Santi hatte sich größte Mühe gegeben, aus Lewis einen Studenten zu machen. Die Haare allein hatten ihn eine Stunde gekostet. Danach hatte er Lewis mit einem frisch besorgten Outfit allein gelassen, während er schnell unter die Dusche gehüpft war. Die Tür ließ er dabei auf, denn in den letzten vierundzwanzig Stunden war seine paranoia so weit angestiegen, dass er dieser einen Tür nicht mehr vertraute - dahinter würden sich sicher irgendwelche von Apollos Attentätern verstecken, wenn er sie schloss.
      Lewis stand noch immer vor dem Spiegel und betrachtete sich skeptisch, während Santi sich anzog. Da Lewis nicht unbedingt mit Allgemeinwissen strahlte, würden sie ihn kurzerhand als Assistenten verkaufen, während Santi so überzeugend wie möglich zu sein versuchte. Santi warf sich in schwarze Jeans, ein einfaches weißes T-Shirt und ein hellblaues, entspanntes Hemd, das er offen ließ. Dazu ein paar Sneaker und eine Armbanduhr. Seine Handschuhe, so sehr er sie auch anziehen wollte, ließ er weg. Sie passten nicht zu Samuel Vazquez, Researcher für eine kleine online Produktion.
      "Äh, ich bin fertig. Schätz ich," verkündete Lewis.
      Santi sah über seine Schulter und lächelte. Lewis sah aus wie ein trauriger Welpe, wie er so dastand in seinen schicken neuen Klamotten. Der Look stand ihm aber, dachte Santi. In einem anderen Leben wären sie sich vielleicht auf irgendeinem Campus begegnet und Freunde geworden. Vielleicht sogar das, was sie jetzt waren, wie auch immer man das nennen wollte.
      Bei dem Gedanken daran wurde Santi ganz warm im Bauch.
      "Dein Hemd musst du schon noch zu machen, calljero," kommentierte Santi.
      Er trat an Lewis heran und übernahm das für ihn.
      "So gern ich dich auch nackt sehe, wir können uns momentan keine polizeiliche Aufmerksamkeit für Exhibitionismus erlauben."
      Er richtete Lewis' Kragen, doch verweilte dort noch ein bisschen länger, nachdem er schon fertig war. Er nahm sich einfach einen Moment, Lewis anzusehen. Aber nicht zu lange, da er wusste, wie seine Ausstrahlung und seine Augen gerade drauf waren. Also küsste er Lewis auf die Stirn und trat einen Schritt zurück, damit sich der Streuner wieder ein bisschen entspannen konnte.
      "Du siehst gut aus. Ich sollte dich öfter in normale Klamotten zwingen," kommentierte er schlicht.
      Eine Bewegung aus dem Augenwinkel erregte Santis Aufmerksamkeit und er sah in den Spiegel, fand dort aber nichts. Sein Nacken kribbelte und er sah schnell über seine Schulter. Wieder nichts. Vielleicht sollte er sich einen Alptraum besorgen, bevor sie mit dem Professor sprachen?


    • "Dein Hemd musst du schon noch zu machen, calljero", sagte Santiago. Lewis brummte unwillig; er wollte nicht. Wenn er das Hemd schloss, dann war das Outfit final. Dann würde er sich der Öffentlichkeit als Streber präsentieren.
      Santiago trat an ihn heran und knöpfte es ihm zu. Lewis beobachtete ihn derweil im Spiegel, betrachtete sie beide, ein großer, muskulöser Typ und ein kleinerer, sehniger, die beide aussahen, als würden sie sich über einer Tasse Kaffee über Philosophie unterhalten. Oder was auch immer Studenten so taten.
      Aber es gefiel ihm, irgendwie. Nicht das Outfit natürlich, sondern wie sie zusammen passten. Wie perfekt füreinander gemacht.
      "So gern ich dich auch nackt sehe, wir können uns momentan keine polizeiliche Aufmerksamkeit für Exhibitionismus erlauben."
      Lewis schnaubte. Dann traf sein Blick auf die Bernsteinaugen und ein unangenehmes Frösteln zog durch seinen Körper. Er sah weg und Santiago, der einen sechsten Sinn dafür hatte, trat einen Schritt zurück. Damit schien der Moment wieder vorbei zu sein.
      Lewis hasste es. Er hasste, dass er sich nicht daran gewöhnen konnte, von diesen Augen angesehen zu werden.
      "Du siehst gut aus. Ich sollte dich öfter in normale Klamotten zwingen."
      Lewis lächelte. Ganz bestimmt nicht; das hier war nicht seine Welt.

      Sie fuhren auf Umwegen durch die Stadt, was Lewis nur herausfand, nachdem Santiago bei jeder Ampel steif wurde. Seine Augen waren bereits ein Indiz dafür gewesen, aber die zurückgekehrte Paranoia bestätigte sich, als sie eine Stunde länger als nötig brauchten und trotzdem noch zu früh waren. Innerlich seufzte Lewis; der Morgen in der Suite war in vielerlei Hinsicht eine Entspannung gewesen. Wenn er doch nur einen Weg finden könnte, Santiago häufiger aus seinem Kopf zu ziehen.
      Sie parkten in einer Tiefgarage und schlenderten unter vorgetäuschter Langeweile über den Campus, damit Santiago seine Paranoia befriedigen konnte. Lewis hielt im wahrsten Sinne des Wortes die Augen offen und informierte ihn über jeden Knoten, den er zu sehen bekam; nicht, weil sie etwa wichtig waren, sondern um den Mann in seiner Sorge zu besänftigen. Sie umrundeten das Gebäude mit dem Hörsaal zweimal und gingen schließlich hinein. Neben den Türen blieben sie stehen, während die Studenten herausströmten.
      "Okay - Samuel?"
      Lewis sah zu Santiago auf, dann tätschelte er ihm die Wange und lächelte knapp, bevor er wieder die Menge beobachtete. Solange seine Magie am Laufen war, sollte Santiago sich ruhig entspannen. Nichts konnte sie so schnell überraschen, wenn Lewis dabei war.
      Als es leer wurde, gingen sie hinein und fanden Dr. Nathaniel Harrington noch vorne an der Tafel stehen, in ein Gespräch mit Studenten vertieft. Er war ein kleiner Mann mit einem lebhaften Gesichtsausdruck und einer kräftigen Stimme, wie man leicht hören konnte. Während er sprach, gestikulierte er viel.
      Lewis ließ Santiago den Vortritt. Er hatte seine Rolle sicher besser drauf als Lewis im Streber-Kostüm.
    • Er müsste nur kurz die Hand ausstrecken, dachte sich Santi, als all die Studenten an ihm vorbeizogen. Er müsste nur kurz einen streifen und schon könnte er aufhören, daran zu denken, wie einfach es für jemanden wäre, sich hier einzuschleichen, eine Waffe zu ziehen, oder jemanden zu bestehlen. So ziemlich genau das, was er und Lewis hier taten.
      "Okay, Samuel?"
      Er sah zu Lewis, der... ihm die Wange tätschelte? Seltsamer move. Noch seltsamer war, dass es genau das zu sein schien, was Santi in diesem Augenblick gebraucht hatte. Eine Ablenkung von seinen Gedanken, die zunehmend obsessiver wurden.
      Santi nickte. Lewis war ihm schon den ganzen Tag eine Hilfe gewesen. War es immer noch. Einfach nur, weil er ihm ständig sagte, was als nächstes passieren würde. Dass hier niemand die Entscheidung traf, ihn umbringen zu wollen. Es war nicht genug, um seine Paranoia zu vertreiben - dafür gab es nur eine Lösung - aber es war genug, um seine Gedanken in den richtigen Bahnen zu halten. Er hatte einen Job zu erledigen und Lewis half ihm, das auch ordentlich zu machen.
      Sie gingen die Treppenstufen hinunter zu der Tafel, wo der gesuchte Doktor sich noch mit einer seiner Studentinnen unterhielt. Ihre Freundin wartete brav, die Arme um ein Lehrbuch geschlossen. Santi betrachtete alle drei. Niemand schien eine Waffe zu tragen, niemand schien gefährliche Absichten zu haben. Sie unterhielten sich über irgendeine Ausgrabung, die wohl der heiße Scheiß in ihren Kreisen war. Das klang wie Gossip, aber anstatt sich über irgendwelche Beziehungen und Schönheits-OPs das Maul zu zerreißen, hinterfragte man hier irgendwelche Karbondatierungen. Spannend.
      Dankenderweise mussten die Studentinnen aber bald zur nächsten Vorlesung hasten. Showtime für Samuel.
      "Dr. Harrington? Samuel Vazquez, ich hatte ihnen geschrieben?"
      "Oh, ja! Ja, natürlich! Hallo."
      Der kleine Mann schüttelte Santi enthusiastisch die Hand. Vielleicht war es seine Größe, vielleicht war es seine hungernde Magie, aber der Mann ließ schnell wieder los und wandte sich seinem Papierkram zu, nur um ein bisschen Abstand zwischen sich und Santi zu bringen. Verständlicherweise.
      "Das hier ist Luca Daniels, mein Assistent."
      "Hallo."
      "Sie sagten, Sie haben viel zu tun, also lass will ich gar nicht lange um den heißen Brei herumreden."
      Santi nahm Lewis ein Tablet ab, auf dem sich nichts befand außer ein paar öffentlich zugänglichen Fotos der Artefakte, auf die sie sich eingeschossen haben.
      "Wir arbeiten gerade an einer Dokumentation über die Frage, ob Magie schon sehr viel älter ist, als wir annehmen. Im Zuge dessen befragen wir Historiker, Archäologen, Soziologen, und so weiter, nach ihrer Meinung und nach Beispielen, die für oder gegen die Theorie sprechen. Sie stehen auf unserer kleinen Liste."
      Santi rief die Bilder auf und zeigte Dr. Harrington den Bildschirm.
      "Während unserer Recherchen wurde uns von mehreren ihrer Kollegen gesagt, wie sollten uns ein paar Artefakte genauer ansehen. Die Frage, ob Objekte vielleicht auch Magie halten können, kam mehrfach auf. Langer Rede kurzer Sinn: wie stehen Sie zu dem Thema? Was ist Ihre professionelle und persönliche Meinung dazu? Und: Können sie uns etwas über die Gegenstand-Theorie sagen und warum wir ausgerechnet diese hier untersuchen sollten?"
      Die Neugierde des Wissenschaftlers überschrieb die instinktive Angst vor Santi für einen Augenblick und Dr. Harrington nahm da Tablet entgegen. Interessiert betrachtete er die Bilder. Er schien die Artefakte wiederzuerkennen - das war ja schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.


    • Als die Studentinnen gegangen war, trat Santiago vor und spielte seinen Charakter. Die Begrüßung fiel zwar etwas steif aus, denn Dr. Harrington spürte so nahe an Santiago sicher ein unangenehmes Gefühl, aber zumindest ging er nicht flüchten. Seine Leidenschaft für die Archäologie, wie er in seiner Mail so ausführlich beschrieben hatte, hielt ihn wohl an Ort und Stelle.
      "Das hier ist Luca Daniels, mein Assistent."
      "Hallo."
      "Hi."
      "Sie sagten, Sie haben viel zu tun, also will ich gar nicht lange um den heißen Brei herumreden."
      Santiago übernahm das Tablet und zeigte dem interessierten Professor die Artefakte, die sie ausgesucht hatten. Lewis beobachtete ihn dabei ganz genau, zum einen für seine Magie, zum anderen aus reinem Argwohn. Mit Akademikern hatte er noch nie groß etwas anfangen können.
      "Während unserer Recherchen wurde uns von mehreren ihrer Kollegen gesagt, wie sollten uns ein paar Artefakte genauer ansehen. Die Frage, ob Objekte vielleicht auch Magie halten können, kam mehrfach auf. Langer Rede kurzer Sinn: wie stehen Sie zu dem Thema? Was ist Ihre professionelle und persönliche Meinung dazu? Und: Können sie uns etwas über die Gegenstand-Theorie sagen und warum wir ausgerechnet diese hier untersuchen sollten?"
      Dr. Harrington tippte sich durch die Bilder durch, von vorne nach hinten, und setzte sich schließlich eine Brille auf, die ihm an einer Kette um seinen Hals baumelte. Aufmerksam betrachtete er einige von ihnen genauer.
      "Magie sagen Sie - das ist nicht mein Fachgebiet. Am besten wenden Sie sich da an die medizinische Fakultät, die macht noch den größten Fortschritt in dieser Hinsicht. So kann ich Ihnen da nicht weiterhelfen."
      Er sah Santiago über den Rand seiner Brille hinweg an und lächelte kurz; ein professionelles "darauf hätte man auch selbst kommen können"-Lächeln.
      "Aber - tatsächlich gibt es in der Archäologie einige bedeutsame Forscher, die sich der Frage nach Magie verschrieben haben. Angefangen hat es bereits bei den alten Römern; Sie werden sicher davon gehört haben, wenn Sie recherchiert haben."
      Dr. Harringtons Stimme wurde ein Stück lauter und fester. Oh Gott - er würde ihnen doch jetzt keinen Vortrag halten, oder? Lewis unterdrückte ein Stöhnen.
      "Die Vermutung geht auf den wichtigsten Grundsatz der Archäologie zurück: Was über die Zeit besteht, kann auch gefunden werden. So können wir diese Statue", er zeigte Santiago das Bild, das er gerade offen hatte, "anhand der Markierungen sicher den antiken Griechen zuordnen, aber wir werden niemals sagen können, auf welchem Podest sie gestanden hat oder wie die Temperatur des Raumes gewesen war, in dem sie aufgestellt wurde. Mit Magie verhält es sich ganz ähnlich: Magie selbst kann nicht überdauern, nur die Spuren, die sie hinterlässt. Das ist dieselbe Frage, wie ob Dinosaurier Federn hatten oder nicht. Betrachten Sie es als Schrödingers Magie: Solange Sie sie nicht sehen, kann sie existieren oder auch nicht."
      Er lächelte, ganz zufrieden mit seiner Ausführung. Lewis kratzte sich verständnislos am Kopf.
      "Wenn Sie mich also als Archäologen fragen: Solange es keine Spuren von Magie gibt, bleibe ich bei Nein, es kann sie in Gegenständen nicht geben. Andernfalls hätten wir sie schon längst gefunden - Sie verstehen, was ich meine? Aber wenn Sie mich persönlich fragen, dann sage ich Ihnen, dass die Archäologie selbst nur einen kleinen Teil umfasst. Umstände sind manchmal viel interessanter als das Objekt selbst. Sehen Sie sich dieses Kunstwerk an", er zeigte es, "datiert auf ein paar Jahrzehnte nach Jesus Christus. Eine für die damalige Zeit herausragende Handwerkskunst - aber wozu? Für unser heutiges Auge ist es sicher nicht schön anzusehen und für damals weist es keinen besonderen Zweck auf. Wenn wir herausfinden wollten, ob es sich um etwas Magisches handelt, würde ich mich nach den Besitzern erkundigen. Gehörte es einem Bauern, kann man wohl jede Magie ausschließen; aber einem Lehensherren? Einem Gelehrten? Und nun stellen Sie sich die wichtige Frage: Aus welchem Grund sollte der Besitzer es haben, wenn es keine Magie birgt? Wenn Sie die Umstände und die Gesellschaft kennen, so können Sie dadurch ihre Rückschlüsse ziehen. Das ist, nachdem Magie keine Spuren hinterlässt, die nächste Antwort, die Sie finden können."
      Er reichte das Tablet zurück.
      "Ich kenne die Objekte, sie sind im staatlichen Museum ausgestellt. Aus meiner Sicht ist die Auswahl ziemlich einleuchtend: Sie haben nichts miteinander gemein und das macht sie unersetzbar für eine vollumfängliche Studie. Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen Zugang zu einigen Abschlussarbeiten, die sich mit diesen Objekten verfassen. Tatsächlich fände ich es interessant, deren Erkenntnisse unter dem Gesichtspunkt der Magie noch einmal zu beleuchten. Wer weiß, vielleicht lag der Beweis all die Zeit unter unserer Nase und wir haben nur nie genau genug hingesehen, um ihn zu erkennen. Wenn es Ihnen gelingt, würde ich mich freuen, Ihren Fortschritt lesen zu dürfen. Sie könnten die Welt der Archäologie damit auf den Kopf stellen."
      Er nahm sich seine Aktentasche.
      "Ich schicke Ihnen die Zugangsdaten in den kommenden Tagen per Mail. Sie sind für einen Monat gültig, aber das sollte für Ihre Zwecke reichen, denke ich. Wenn Sie sonst keine Fragen haben, entschuldige ich mich höflichst; die nächste Vorlesung wartet."
    • Santi versuchte, sich auf die Worte des Mannes zu konzentrieren. Tatsächlich war das, was der Mann so erzählte, ziemlich interessant. Santi hatte das College zwar abgebrochen, aber das hatte nie mit seinen Noten zu tun gehabt. Vielleicht sollte er seinen neu gewonnenen Reichtum dazu nutzen, sich ein paar Abschlüsse online zu besorgen. Irgendwie vermisste er das Lernen.
      Santis Konzentration wurde allerdings durch die Schatten zwischen den Sitzreihen gestört. Genau wie zu seiner Schulzeit wurde es zunehmend anstrengender, sich nicht nach ihnen umzusehen. Es war beinahe so, als juckte es ihn und er hielte sich davon ab, zu kratzen. Seine ganze Wahrnehmung juckte.
      "Wer weiß, vielleicht lag der Beweis all die Zeit unter unserer Nase und wir haben nur nie genau genug hingesehen, um ihn zu erkennen. Wenn es Ihnen gelingt, würde ich mich freuen, Ihren Fortschritt lesen zu dürfen. Sie könnten die Welt der Archäologie damit auf den Kopf stellen."
      "Das wäre ja mal was," scherzte Santi und zwang sich zu einem Lächeln.
      Der Raum hatte keine Fenster. Man müsste nur die Ausgänge verschließen und eine Gaskartusche hineinwerfen und sie würden alle ersticken. Man müsste nicht einmal so komplizierte Dinge wie Sarin, Cyanwasserstoff, oder Schwefelwasserstoff finden - alles zugänglich bei den Chemiestudenten. Ein einfaches Feuer würde reichen. Es müsste nicht einmal im Raum sein, solange man den Rauch durch die Ventilation verteilen konnte. Kohlenmonoxid war farb- und geruchslos und man bekam es nur schwer wieder aus dem Blutkreislauf heraus. Vielleicht erstickten sie jetzt gerade und sie bemerkten es gar nicht? Wo war das nächste Krankenhaus mit einer Überdruckkammer?
      "Ich schicke Ihnen die Zugangsdaten in den kommenden Tagen per Mail. Sie sind für einen Monat gültig, aber das sollte für Ihre Zwecke reichen, denke ich. Wenn Sie sonst keine Fragen haben, entschuldige ich mich höflichst; die nächste Vorlesung wartet."
      "Wundervoll! Vielen Dank für ihre Hilfe! Ich werd ihnen auf jeden Fall Bescheid geben, wenn unser Artikel rauskommt. Schönen Tag noch."
      Santi machte einen Schritt zur Seite und ließ den Professor gehen. Er müsste nur die Hand ausstrecken. Nur ein bisschen.
      Er stoppte sich, bevor er den Professor berühren konnte. Aber hier bleiben konnte Santi auch nicht. Also eilte er in Richtung eines anderen Ausganges, als hinge sein Leben davon ab. Tat es ja vielleicht auch. Er hielt die Luft an, bis er wieder draußen stand, umgeben von schnatternden Studenten, unter freiem Himmel. Er atmete tief durch und zählte seine viel zu lauten Herzschläge. Ein bisschen schnell, aber stabil. Er berührte jede Fingerspitze mit seinem Daumen, nannte gedanklich die Namen seiner Eltern, ihr Alter, ihre Geburtsstätten. Er wusste, wo er war, warum er hier war. Kein neurologischer Schaden. Doch kein Kohlenmonoxid.
      War das ein Helikopter, den er da hörte?


    • Santiago wartete gar nicht erst, bis der Professor ganz verschwunden war, sondern eilte bereits auf den Ausgang zu. Lewis, dem die steifen Schultern und die arbeitenden Kiefermuskeln aufgefallen waren, haftete sich an seine Fersen. Halb beobachtete er Santiago, halb den Ausgang vor ihnen. Seine Magie sollte nichts verpassen, besonders nicht, wenn Santiagos Paranoia wieder mit ihm durchging, aber er wollte auch Santiago selbst im Auge behalten. In seiner Vorstellung drehte der Mann sich nämlich um und verwandelte sich in ein riesiges, Lewis-fressendes Monster. Zumindest war das seine Idee davon, wenn er dem unangenehmen Prickeln in seinem Nacken vertrauen würde.
      Draußen blieb Santiago stehen und atmete einmal tief durch. Lewis trat neben ihn und sah von Santiago über die Menge an Studenten, die zu ihren Hörsälen gingen. Er schob seine Hand in Santiagos behandschuhte und drückte sie.
      "Dem Typ in Grün fällt gleich die Mappe runter. Das Mädel da wird bei der Ecke mit einem Fahrrad clashen. Die da wird in der Mensa Pudding essen."
      Er zählte ein paar der Knoten auf, die ihn bei Menschenmengen immer überfielen, in dem Bewusstsein, dass es Santiago ein wenig half. Zwar würde der Mann trotzdem glauben, dass gleich ein Meuchelmörder um die Ecke springen würde oder Spione unter den Studenten herum irrten, aber zumindest konnte er sich darauf verlassen, dass Lewis ihn warnen würde, wenn sie sich offenbarten. Das war die einzige Hilfe, die er gerade geben konnte.
      Aufmerksam sah er zu Santiago zurück und in seine Sonnenbrille. Das Schwarz verbarg den Blick, aber Lewis konnte es trotzdem spüren, das tiefe, entsetzliche Gefühl von Gefahr, die von Santiago ausging. Sein Herz raste davon und seine Handflächen schwitzten, aber er hielt Santiago weiter fest und wich nicht von seiner Seite.
      "Nachhause?"
    • Da war tatsächlich ein Helikopter im Himmel - ein Rettungshubschrauber, der mit ziemlicher Sicherheit zum angrenzenden Klinikum unterwegs war. Das war das einzige Krankenhaus in der näheren Umgebung mit einem Helikopterlandeplatz auf dem Dach - und einer Überdruckkammer.
      "Dem Typ in Grün fällt gleich die Mappe runter. Das Mädel da wird bei der Ecke mit einem Fahrrad clashen. Die da wird in der Mensa Pudding essen."
      Lewis ergriff seine Hand, drückte sie leicht. Wusste er, wie sehr ihm das half? Diese einfache Berührung sorgte dafür, dass Santi nicht zu tief in seine eigenen Gedanken abrutschte. Es verankerte ihn in der Realität.
      "Nachhause?"
      Santi hob die Hand des Streuners an seine Lippen, ohne den Blick von den Studenten abzulassen. Sie wurden weniger - die nächsten Vorlesungen und Seminare begannen gleich, da hatte man keine Zeit, besonders lange herumzulungern und sich zu überlegen, wie man den Mann mit den roten Haaren am effektivsten umbrachte. Er platzierte einen hauchzarten Kuss auf Lewis' Handrücken.
      "Nein. Krankenhaus," antwortete er.
      Auch wenn er diesen Teil seiner Magie lieber nicht offen zur Schau stellte, Santi brauchte einen Alptraum. Er bekam schon Kopfschmerzen von den ganzen falschen, paranoiden Gedanken, die ihm durch den Kopf rasten. Seine Magie musste fressen, wenn er den Tag überstehen wollte. Es war Zeit.

      Die Notaufnahme war, wie immer, vollgepackt. Ein Hoch auf as Gesundheitssystem. Der Geruch von Antiseptikum wurde von etwas anderem überlagert: Angst. Das Layout ließ Santi auch gleich wissen, warum: der Helikopter war auf dem Dach gelandet und der Notfall wurde gerade hinten in den Behandlungsräumen versorgt. Die Menschen hier hatten alle gesehen, was da aus dem Aufzug geschoben worden war. Santi konnte noch die Blutspuren auf dem Boden erkennen, die ein Hausmeister gerade aufwischte.
      Santi atmete tief durch, inhalierte all die Angst wie den Duft eines ordentlichen Abendessens. Stellte sich nur noch die Frage, wessen Angst er jetzt fressen würde. Die Kinder ignorierte er geflissentlich. Ebenso ihre Eltern und alle, die aussahen, als seien sie über Mitte Sechzig. Das ließ ihm immer noch ein wahres Buffet zur Auswahl.


    • In der Notaufnahme zu sitzen war erstaunlich unaufregend. Lewis hatte mit fürchterlichen Todesszenen gerechnet, mit Blut, das durch die Gegend spritzen würde und Notärzten, die wie im Film vorbei rauschten, um einen Herzstillstand zu behandeln, aber Lewis bekam - gar nichts gezeigt. Überhaupt nichts. Draußen am Empfang ging ein Kind vorbei, dem auf dem Parkplatz seine neue Brille runterfallen würde, aber sonst war hier nichts. Alles dramatische war schon geschehen, Reaktionen hatten sich schon entfaltet und unweigerlich in die Notaufnahme geführt, und alles weitere würde in den Behandlungsräumen und OP-Sälen in Bewegung gesetzt werden. Hier drinnen fühlte Lewis sich wie im Fegefeuer, so wenig Knoten er bei der ganzen Aufregung zu sehen bekam.
      Aber natürlich war er nicht hier, um ein bisschen Reaktionen zu beobachten. Neben ihm saß Santiago wie zu Stein erstarrt, den Kopf unbewegt gehoben, die Augen hinter der gruseligen Sonnenbrille sicher hierhin und dorthin zuckend. Sie saßen alleine; kaum waren sie hereingekommen, hatte sich die Menge vor ihnen geteilt wie vor diesem heiligen Propheten und sie in Ruhe gelassen. So konnten sie sich ungestört umsehen.
      Lewis blieb an Santiagos Seite, so sehr ihn das auch gruselte. Er hatte seine Hand nach dem Handkuss - der befremdlich... schön gewesen war - kaum losgelassen und jetzt machte er sich auch nicht die Mühe dazu. Mit den Augen suchte er nach Magie, die ihm sagte, wer bald sterben würde, aber nichts geschah. Alle saßen nur und warteten, es gab keine Reaktionen auf irgendwas.
      "Was ist mit ihr?", flüsterte er und nickte zu einer Frau im Rollstuhl. Ob sie den neu bekommen hatte oder schon länger drin saß, war unsicher, so zusammengesunken und leidvoll, wie sie aussah. Ansonsten gab es ein paar ältere Herrschaften und eine schwangere Frau, die wohl kurz vor ihrer Geburt stand. Ein relativ junger Mann mit einem Gips am Bein saß auch dort und dieser Gips war definitiv neu.
      "Ich würde dir ja jemand sinnvollen auswählen, aber ich seh' nichts. Wenn ich mich in den Überwachungsraum schleiche, seh' ich bestimmt ein paar OP-Räume. Oder wir riskieren es und gehen dem Hubschrauber-Notfall nach? Der sah ziemlich übel aus."