Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • "Ich soll nicht zu viel erwarten? Lew, mir hat noch nie jemand Frühstück gemacht. Ich bin der, der Frühstück macht. Schon immer."
      Santi schüttelte den Kopf erneut. Er konnte es noch immer nicht recht fassen. Er saß hier, ausgeschlafen, und frühstückte etwas, was jemand anderes für ihn gemacht hatte. Es war so surreal und zeitgleich so aufregend.
      "Ich glaube, ich will gar keinen Kaffee," sinnierte er.
      Er fühlte sich wach, wacher als jemals zuvor. Er war ausgeruht, seine Muskeln entspannt. Das kannte er so gar nicht. Normalerweise hing der Haussegen immer irgendwie schief, sei es nun ein verspannter Muskel oder die schlichte Tatsache, dass er einfach völlig fertig war und keinen klaren Gedanken fassen konnte. Doch von all diesen Symptomen fehlte jede Spur. Er fühlte sich einfach nur gut.
      "Meine Mutter?"
      Er erinnerte sich daran, wie er sie mitten in der Nacht angerufen hatte. Das schien so lange her.
      Santi sprang auf und holte sein Smartphone. Seine Mutter hatte tatsächlich angerufen - und er hatte es einfach verschlafen. Er las ihre Textnachricht und schrieb ihr gleich zurück. Er fasste sich kurz und versprach ihr, sie nach dem Frühstück anzurufen. Er wollte nur erst einmal sicherstellen, dass sie sich keine Sorgen mehr machte. Oder zumindest nicht mehr so viele. Normalerweise rief Santi nicht an, wenn er schlecht träumte. Er konnte sich gar nicht vorstellen, was durch ihren Kopf gehen musste, als er nicht abgenommen hatte.
      Er legte sein Smartphone weg und widmete sich endlich dem Frühstück, das Lewis für ihn gemacht hatte.
      Der Streuner war kein Meisterkoch, das wussten sie beide. Aber mit Eiern und Bacon konnte man nicht viel falsch machen und Lewis hatte es geschafft, die wenigen Fettnäpfchen zu vermeiden. Es war ein solides Frühstück, das sich Santi lächelnd schmecken ließ.
      "Abzug in der B-Note für die Präsentation, aber ansonsten war das das beste Frühstück, das ich je hatte," meinte Santi, als er den letzten Happen verschlang.
      Er rutschte von dem Barhocker und ging zu Lewis, legte ihm die Arme locker um die Hüften und küsste ihn sanft.
      "Danke, dass du mir Frühstück gemacht hast," raunte er, das Lächeln noch immer auf seinem Gesicht. "Das sollten wir bei Gelegenheit wiederholen."
      Und das sagte er nicht nur, weil er gern noch einmal eine Nacht durchschlafen wollte. Selbst wenn er das nicht tat, wollte er irgendwann noch einmal Frühstück von Lewis serviert bekommen. Es war mal was anderes, und es fühlte sich verführerisch richtig an.


    • Kein Kaffee? Das war wirklich etwas neues. Nicht, dass es Lewis etwas ausgemacht hätte, denn er war sich ziemlich sicher, dass der ganze Koffein-Konsum Santiago noch früh genug ins Grab befördern würde, aber trotzdem war es ungewohnt. So einfach, aber ungewohnt.
      Der Mann ließ sich sein Frühstück sichtlich schmecken, was Lewis wiederum als Kompliment hinnahm. So, wie Santiago niemals von jemandem Frühstück gemacht bekommen hatte, hatte Lewis noch nie jemandem Frühstück zubereitet. Als er aber jetzt sah, wie der andere Mann dabei strahlte, tat es ihm fast ein bisschen leid um die vergeudeten Jahre. Jetzt hatte er Lust, noch viel öfter früh genug aufzustehen, um ihn so beglücken zu können.
      "Abzug in der B-Note für die Präsentation, aber ansonsten war das das beste Frühstück, das ich je hatte."
      "Präsentation am Arsch. Wenn es dir nicht schön genug war, kannst du dir gleich ein anderes Paar Eier ansehen."
      Das Kompliment beflügelte ihn aber trotzdem und insgeheim war er auch stolz darauf. Er hatte selbst wieder in der Küche gestanden und jemanden damit auch noch glücklich gemacht. Was wollte er denn mehr?
      Santiago stand auf, kam zu ihm, legte ihm die Arme um die Hüfte und Lewis legte sie ihm dafür um den Nacken. Sie küssten sich, sanft und fast liebevoll. Santiagos Bernsteinaugen waren ganz weich, als sie sich auf Lewis legten.
      "Danke, dass du mir Frühstück gemacht hast. Das sollten wir bei Gelegenheit wiederholen."
      "Mhhh das sollten wir wirklich. Beim nächsten Mal bin ich besser vorbereitet."
      Er grinste zu ihm auf, dann löste er sich und begann, die Sachen auch wieder abzuräumen. Santiago wollte das eigentlich übernehmen, aber Lewis bestand darauf; teilweise, weil er sich ein bisschen vor der Arbeit drückte. Über Nacht hatte er sich zwar wieder erholt, aber heute würde trotzdem noch ein bisschen unangenehmer werden. Und morgen erst und am Tag darauf. Aber er versuchte gar nicht erst, so genau daran zu denken, sondern erfreute sich an Santiagos Glück, küsste ihn und zog sich dann auf die Couch zurück.
    • Lewis warf ihn doch tatsächlich aus seiner eigenen Küche. Die Nerven, die dieser Streuner an den Tag legte! Santi gab sich schließlich damit zufrieden, die beiden Tassen von letzter Nacht aus dem Schlafzimmer zu holen. Er blieb an der Kücheninsel sitzen, bis sich Lewis dazu durchrang, die Nachrichten gucken zu gehen.
      "Hey," meinte Santi und fing seine Hand ein. "Dreimal," sagte er. "Morgens, Mittags, und Abends. Bevor du was sagst: Ich hab ein paar Kontakte angehauen, die uns auch auf dem Laufenden halten können. Kontakte, die ein bisschen mehr als die Nachrichten sehen. Ich häng da genauso drin, wie du, also lass mich helfen, ja? Außerdem müssen wir einkaufen gehen, wenn wir hier noch eine ganze Woche festhängen - und falls du's vergessen hast: mir fehlt der fahrbare Untersitz."
      Er schenkte Lewis ein sanftes Lächeln und strich mit dem Daumen über seinen Handrücken.
      "Deal?"
      Er ließ Lewis ziehen und verzog sich mit seinem Smartphone auf die Dachterrasse, um endlich seine Mutter anzurufen. Sie nahm nach mitten im zweiten Klingeln ab.
      "¡Santiago! ¡Mi hijo! ¿Cómo estás? ¿Lo que pasó ayer?"
      "Relájate, mamá. Mir geht's gut. Ich hab nur richtig schlecht geträumt. Dir geht's auch gut, oder?"
      "Natürlich geht's mir gut, mi hijo. Ich mache mir nur Sorgen um dich! Dein papito auch."
      Seine Mutter wusste, dass er einen Traum gehabt hatte, der mit der Familie zu tun hatte. Sonst hätte er nicht angerufen. Er konnte mit allem umgehen, aber wenn es um Familie ging, dann ging ihm das an die Nieren und er wollte mit seiner Mutter reden. Aber er würde den Teufel tun und über den eigentlichen Traum sprechen. Sie musste das Ausmaß seiner Angst nicht kennen.
      "Wie geht es dem jungen Mann, den du mitgenommen hast? Wie war sein Name nochmal? Lewis?"
      Santi lächelte und schielte zu dem Streuner rüber, der auf seinem Sofa saß und sich die Nachrichten ansah. Sein Bein hibbelte auf und ab.
      "Lewis, ja. Ihm geht's auch gut. Er hat mir eine heiße Schokolade gemacht, nachdem ich aufgewacht bin."
      "¿Chocolate caliente? Oh, den musst du behalten, mi hijo!"
      Santi lächelte noch breiter.
      "Ich glaube, das werd ich," gab er leise zu.
      Er hörte seine Mutter auf der anderen Seite der Leitung vor Freude aufkeuchen. Dann rief sie nach seinem Vater, um ihm die guten Nachrichten mitzuteilen. Aus dem Hintergrund drang ihre aufgeregte Stimme.
      "Also magst du ihn?" fragte sie dann.
      "Ja, das tue ich. Und mamá: ich hab geschlafen. Richtig geschlafen, mehr als sechs Stunden."
      "¡No! ¡¿En realidad?! Nach einem so schlimmen Alptraum?!"
      "Sí. Sí. Ich weiß auch nicht, wie. Ich hab einfach... Lewis war da und ich bin einfach eingeschlafen. Und vorhin hat er mich dann geweckt und mir Frühstück gemacht. Ich habe deinen Anruf verschlafen, mamá!"
      "¡Estoy tan feliz, hijo mío! ¿Una noche entera? ¡A cambio podrás dormir durante cada una de mis llamadas!"
      Santi kicherte wie ein liebestoller Teenager.
      "Richte deinem Lewis aus, dass ich ihm sehr dankbar bin! Mach das, ja?"
      "Mach ich, mamá."
      Sein Lewis...
      "Und jetzt husch husch, mi hijo! Hör auf mit deiner alten mamá zu telefonieren und verbringe deinen Urlaub mit deinem Lewis!"
      "Está bien, está bien, lo haré. Te amo, mamá."
      "Yo también te amo hijo mío"
      Santiago legte auf und drehte sein Smartphone ein bisschen zwischen seinen Fingern, während er vor sich hin grinste. Sein Lewis... Das gefiel ihm.
      Er rauchte noch eine, dann ging er nach drinnen und ließ sich mit einem Buch dicht hinter Lewis auf das Sofa sinken. Irgendwann, während er entspannt las, legte er einen Arm um Lewis und strich ihm sanft mit dem Daumen über den Oberschenkel. Nicht, um ihn aus seiner kleinen Blase zu holen, sondern einfach nur so.
      Als die geplante Stunde um war, legte Santi sein Buch beiseite und zog Lewis einfach zu sich nach hinten, bis der halb auf seinem Schoß lag. Er strich ihm ein paar Strähnen aus dem Gesicht, dann beugte er sich vor und küsste ihn.
      "Zeit für eine Pause, callejero," raunte er. "Meine mamá bedankt sich übrigens bei dir. Du bist jetzt ihr persönlicher Held."


    • Lewis verschwand wieder in seinen Nachrichten. Diesmal kamen die Kopfschmerzen ein Stück früher, was ein eindeutiges Zeichen dafür war, dass er sich über Nacht doch nicht 100 %ig erholt hatte. Außerdem brannten seine Augen stärker, aber das war auch normal. Vielleicht würde er sich später, wenn sie einkaufen gingen, irgendwo noch Augentropfen besorgen, dann hielt er es meist besser aus.
      Jetzt ertrug er es einfach, so wie es kam, denn irgendwann wurde es immerhin besser. Irgendwann wurde alles wieder besser.
      Diesmal versank er nicht ganz so sehr in seiner Magie, weil er alles schonmal irgendwie gesehen hatte und nicht viel über Nacht hinzugekommen war. Daher spürte er, wie sich eine Hand auf seinen Oberschenkel legte und wenn er sich mehr darauf konzentriert hätte, hätte er auch sicher Santiago bei sich gespürt. Es war irgendwie ein tröstliches Gefühl, den Mann bei sich zu wissen, während Lewis selbst so abwesend war. Er legte die Hand auf seine, hielt sie für einen Moment fest und ging dann dazu über, mit seinen Fingern zu spielen. Das tat er für die ganze restliche Zeit.
      Irgendwann verlor er die Konzentration und sah sich die Knoten nicht mehr ansatzweise so genau an wie zuvor. Er versuchte wirklich durchzuhalten, aber wenn seine Augen brannten und sein Schädel pochte und wenn er wusste, dass irgendwo neben ihm Santiago saß und ihn mit seiner Hand spielen ließ, war es eben schwierig, die Konzentration aufrecht zu erhalten. Sie bröckelte ihm nach und nach weg und zum Schluss war er sogar erleichtert darum, als Santiago ihn zurückzog und der Fernseher schwarz wurde. Da konnte er sich endlich lange und ausgiebig strecken und seine Augen reiben, bis zumindest das Jucken vorüberging.
      "Meine mamá bedankt sich übrigens bei dir. Du bist jetzt ihr persönlicher Held."
      "Ach echt?"
      Er grinste die Decke an, während seine Pupillen noch herum ruckten.
      "Du meinst, sie liebt mich schon, obwohl sie mich noch gar nicht kennt? Kann ich sie schon Schwiegermama nennen oder wäre das zu früh?"
      Es war irgendwie niedlich, dass der Mann seiner Mutter wohl von der Nacht erzählt hatte. Ob seine Mutter wusste, wer Lewis war oder was sein Beruf war? Vermutlich nicht, sonst wäre er wohl nicht ihr persönlicher Held geworden.
      Er drehte sich soweit herum, bis er Santiagos Kopf erreichen konnte und ihn küsste. Dann kletterte er mit wesentlich mehr Enthusiasmus nach oben, bis er seinen Thron eingenommen hatte.
      "Du bist dran."
      Und Santiago legte wirklich sein Buch weg, um seine Finger wieder durch Lewis' Haar zu schieben, um ihn zu kraulen, so, wie der es gern hatte und wie es ihm gut tat. Da ließ er sich mit zufriedenen Geräuschen auf seiner Brust nieder und schmiegte sich bequem an ihn, schloss die Augen und genoss die Wohltat. Vielleicht döste er dabei auch ein bisschen ein.
    • Santi grunzte leise.
      "Sie würde dich liebend gern ihren Schwiegersohn nennen, aber sag das nicht, wenn du dieses Versprechen nicht auch einhalten willst, callejero. Andernfalls kriegst du ihre Wut zu spüren und glaube mir: ich bin nichts gegen den Hurricane, der dich dann erwartet."
      Er erwiderte den Kuss, den Lewis ihm schenkte, liebend gern, hing ihm sogar einen Moment noch nach, bis Lewis sich erhob, um sich auf seinen Schoß zu setzen. Sofort schob er die Hände in Lewis' Haare, kraulte ihn, bis der Streuner gegen seine Brust sank. Sobald es sich Lewis ordentlich bequem gemacht hatte, bekam er seine Kopfmassage. Ihm war durchaus aufgefallen, dass Lewis' Augen stark gerötet waren und zu jucken schienen.
      Santi spürte, wie Lewis auf seinem Schoß nicht nur schmolz, sondern auch einnickte. Ein seliges Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Er blieb eine ganze Weile so mit Lewis sitzen, strich ihm sanft über den Rücken, und las sein Buch. Der Frieden dieses Tages war geradezu greifbar. Santi, mit seiner nur schwach ausgeprägten Fantasie, erwischte sich dabei, wie er sich vorstellte, dutzende solcher Tage zu verbringen, alle mit Lewis. Heiße Schokolade mitten in der Nacht, Frühstück von Lewis, dann eine Kopfmassage für den Streuner, während der ein Nickerchen auf seinem Schoß machte. Zum ersten Mal in seinem Leben stellte sich Santi vor, eine angenehme Zukunft zu haben.
      Nach ungefähr einer Stunde stand Santi vorsichtig auf, Lewis in seinen Armen, und trug ihn rüber zum Bett, wo er ihn sanft absetzte und dann zudeckte. In Stille ging Santi seinen Kühlschrank durch, um eine Einkaufsliste zu schreiben. Danach kümmerte er sich um seine Pflanzen. Insgesamt ließ er Lewis ungefähr neunzig Minuten lang schlafen - einen ganzen Zyklus. Das würde dem Streuner das Aufwachen erleichtern und ihm einen ordentlichen Energieschub für den Rest des Tages geben.
      Santi weckte Lewis, indem er sich neben ihn legte und anfing, Küsse auf seinem schlanken Bauch zu verteilen. Er suchte sich langsam einen Weg nach oben zu Lewis' Brust. Schließlich küsste er die voll ausgewachsenen blauen Flecken, die sich um die Bissspuren, die er gestern auf Lewis hinterlassen hatte, gebildet hatten. Grinsend küsste er erst den einen, dann den anderen.
      "Aufwachen, kleiner Welpe," raunte er, dann drückte er seine Zähne sanft auf eine der beiden alten Bissspuren.
      Er biss nicht voll zu, übte nur Druck auf die empfindliche Stelle aus. Dann küsste er die Stelle wieder sanft, bevor er sich Lewis' Kiefer nach oben arbeitete.


    • Lewis schlief tief und bequem. Seine Träume waren die Art von Unsinn, den sich ein Gehirn im Halbschlaf so ausdachte: Zusammengeschnittene Szenenfetzen, schwachsinnige Handlungen und doch ein merkwürdiges Realitätsgefühl. Er träumte davon, wie Santiago und er auf der Dachterrasse saßen, wobei das gleichzeitig der Treffpunkt für die wöchentlichen Treffen war, die aber nicht darum handelten, wie sie etwas stehlen konnten, sondern wie man einen Lastwagen ordentlich in die Luft sprengte. Er träumte auch davon, wie Santiago sich auf einmal zu ihm rüberbeugte, sein Shirt hochhob und ganz gezielt seinen Bauch zu küssen begann, obwohl sie gar nicht alleine waren. Aber ehrlich, hätte Lewis sich jemals an sowas gestört? Selbst im Traum machte er dem Mann Platz und kicherte dabei, weil es kitzelte.
      In der Realität murmelte er ein schwaches "Santiago..." und fing dann an zu lächeln. Wirklich aufwachen tat er aber erst, als er einen dumpfen Schmerz an einer bereits bekannten Stelle spürte und die genauso bekannte, raunende Stimme hörte.
      "Aufwachen, kleiner Welpe."
      "Mhhh."
      Er zuckte, als der Schmerz sich verstärkte, zeitgleich legte er aber auch den Kopf zurück, um dem anderen mehr Platz zu geben, und öffnete die Augen. Er hatte zwar noch kaum seine Orientierung wiedererlangt, aber das war ihm ganz egal; wenn Santiago ihn berührte, war alles egal. Er wölbte sich ihm nur entgegen und grinste.
      "Revanchierst du dich für die Nacht? Dann kannst du gerne härter zubeißen."
      Sein Vorschlag ging in einem Kuss unter, dann streckte er sich und begriff erst langsam, dass er im Bett lag und nicht mehr auf der Couch war. Santiago hatte ihn extra rüber gebracht, das war ja irgendwie niedlich.
      Er grinste noch breiter, schlang die Beine um dessen Hüften und die Arme um seinen Rücken.
      "Ich hoffe, du hast mich nicht schlafen gelassen, damit ich meine nächste Runde verpasse. Wie spät ist es überhaupt?"
      Es war noch kaum spät genug für Runde zwei - von dreien, wohlgemerkt. Lewis hatte sich weichklopfen lassen, was er ein bisschen bereute, was sein Kopf ihm aber sicherlich dankte. Seinen Augen ging's auch schon wieder gut.
      "Aber erst einkaufen. Du besorgst das Essen, ich besorg das Gras? Soll ich dir was davon mitbringen?"
      Er wackelte mit den Augenbrauen.
    • Santi ließ sich mit fast seinem vollen Gewicht auf Lewis nieder, als dieser die Arme um ihn schlang. Er stützte sich bloß mit seinen Ellenbogen ab, damit der Lewis ansehen konnte.
      "Ich hab dir einen vollen Schlafzyklus erlaubt, damit du nicht groggy bist. Das sind nur neunzig Minuten. Du hast also noch genug Zeit bis zu den Nachrichten, keine Sorge."
      Sie hatten sich nach dem Frühstück darauf geeinigt, dass Lewis nach jedem Essen eine Stunde Nachrichten gucken würde - und Santi hatte vor, sich an diese Abmachung zu halten. Nur, weil er etwas nicht mochte, konnte er es nicht immer umgehen. Und in dieser Sache war nun einmal Lewis der Experte, als musste er sich fügen.
      Santi schüttelte lächelnd den Kopf, als Lewis ihm eine Portion Gras anbot. Selbst ausgeschlafen empfand er keinen Drang dazu, mit Drogen zu experimentieren. Vielleicht besorgte er aber ein paar Zutaten für hausgemachte Cocktails? So zur Feier des Tages - oder besser der Nacht.

      Einkaufen ohne fahrbaren Untersatz gestaltete sich als schwer, weswegen Santi vorgesorgt hatte, während Lewis seinen Fernseher angestarrt hatte. Dankenderweise war es in New York schwer, nicht vom Fleck zu kommen. Mittels U-Bahn fanden sie ihren Weg zu einem Mietwagenverleih, wo Santi schnell den Papierkram ausfüllte (er hatte darin jahrelange Übung) und schon ein paar Minuten später hatten sie ein Auto. Danach war es leicht, den Einkauf zu erledigen.
      Santi besorgte einiges an Lebensmitteln (er hatte sich ganz altmodisch eine nicht ganz so kleine Liste geschrieben), während sich Lewis irgendwo sein Gras besorgte. Sobald sie wieder zusammengefunden hatten, machten sie einen Abstecher zur Apotheke, um Augentropfen und Kopfschmerztabletten für Lewis und Verbandsmaterial für Santi zu besorgen. Und ja, Santi kaufte auch ein paar Zutaten für einfache Cocktails in einem weiteren Laden. Er war zwar kein Barkeeper, aber er wusste, wie man Alkohol in ein Glas kippte, ohne dabei völlig ins Klo zu greifen. Sie waren überraschend effizient mit ihrem Einkauf, wie ein blick auf die Uhr verriet.
      Bevor sie aber zurück zu seinem Apartment fuhren, machte Santi noch einen letzten Schlenker; diesmal über ein Autohaus, wo er alles in die Wege leitete, um sich ein neues Motorrad zu kaufen. Er musste ausnutzen, dass er einen klaren Kopf hatte. In ein paar Tagen, wenn er das Motorrad abholte, würde er alles hinterfragen.
      Er ließ sich von dem Verkäufer nicht bequatschen, egal wie sehr der es versuchte. Er wusste genau, welches Modell er wollte, welche Farbe, welche Spezifikationen. Er ließ sich nicht davon abbringen. Nach dem dritten, schlecht verschleierten Versuch gab sich der Verkäufer schließlich geschlagen und verkaufte ihm endlich das Motorrad. Natürlich konnte Santi es nicht einfach so mitnehmen, aber der schwere Teil war erledigt. Seine zukünftige Paranoia konnte ihn also mal kreuzweise.
      Und dann waren er und Lewis auch schon wieder bei Santi zu Hause, wo der schnell ein einfaches Mittagessen zubereitete, bevor Lewis sich dann schon wieder den Nachrichten widmen musste. Santi verbrachte die Zeit damit, die Einkäufe ordentlich zu verstauen und schon einmal ein paar Dinge für das Abendessen vorzubereiten. Die Steaks mussten ein paar Stunden in der Marinade baden, damit sie auch wirklich gut wurden. Sobald das getan war, machte Santi den Grill auf seiner Terrasse sauber. Lewis würde heute in den Genuss eines argentinischen BBQs kommen. Zwar nicht zu einhundert Prozent authentisch, aber Santi gab sich Mühe, so nahe wie möglich dranzukommen. Und ganz im Geiste einer argentinischen Großfamilie machte Santi auch viel zu viel Essen, auf dass er morgen nichts kochen musste.

      Das Abendessen war ein absoluter Hit, so wie Lewis das Gesicht verzog und stöhnte, wann immer er sich ein Stück Steak in den Mund schob. Santi mochte es zu kochen. Er bekochte auch seine Eltern gern, wenn seine mamá ihn denn ließ. Aber es war etwas anderes, für Lewis kochen zu können. Es war besser.
      Diese erste Nacht nach einem Alptraum war immer die angenehmste. Santi konnte einigermaßen schlafen, abgesehen von kleineren miesen Träumen und einem allgemein recht leichten Schlaf, und seine Gedanken warnten ihn nur vor den dunkelsten Ecken seiner Wohnung, von denen er aber wusste, dass sie harmlos waren. Noch reichte Logik aus, um seine Nervosität zu besänftigen. Es half, dass Lewis und er eine sehr lange und ausgiebige Dusche nahmen, nachdem sie ihre Klamotten schon auf der Couch verloren hatten, kaum hatte der Streuner seine letzte Schicht and Nachrichten gucken beendet. Sie kuschelten sich so dicht aneinander im Bett, dass es schwer zu sagen war, wo der Streuner aufhörte und Santi anfing. Es war so nahe an Perfektion, wie man nur kommen konnte, fand Santi, während er seine Finger durch Lewis' wilde Mähne schob. Nach der letzten Nacht war das hier die beste, die Santi je gehabt hatte, beschloss er, während Lewis' sanftes Schnarchen ihn langsam einlullte wie eine Gute Nacht Geschichte.

      Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Lewis schaute Nachrichten, Santi ging seiner täglichen Routine nach. Er kümmerte sich um das Essen, seine Pflanzen, ein bisschen Papierkram. Er textete und telefonierte mit seiner mamá, informierte sich bei seinen Kontakten, leitete den offiziellen Teil vom Kauf seines neuen Motorrads in die Wege. Er kümmerte sich mit Präzision um seinen langsam heilenden Arm, machte sein Workout.
      Alles war friedlich. Doch, wie erwartet, begann Santi, diesen Frieden mehr und mehr zu hinterfragen.
      Es fing harmlos an: hatte er wirklich alle Schlösser an der Tür geschlossen? Hatte Lewis eins, zwei, alle blockiert? Beobachteten ihn seine Nachbarn und meldeten die Tatsache, dass jetzt noch jemand war, an irgendwen?
      Doch es wurde schnell schlimmer: Spionierte Lewis für jemanden, der es wirklich auf ihn abgesehen hatte? Wartete Lewis darauf, dass er einnickte, um ihn umzubringen? Würde der Verkäufer eine Bombe in seinem neuen Motorrad verstecken, weil Santi sich nicht hatte bequatschen lassen?
      Und von da aus steigerten sich die paranoiden Gedanken weiter und weiter, bis er an Tag drei beim Frühstück auf der Dachterrasse das erste Mal Ausschau nach einem Helikopter hielt. Den Rest des Tages rannte er dann wieder mit der Sonnenbrille auf der Nase rum, um Lewis nicht zu stören, weil er wusste, das mit seiner Paranoia auch seine unheimliche Aura an Stärke gewann. Santi ging nicht mehr auf die Dachterrasse. Er vermied es sogar, sich den großen Fenstern zu nähern. Fenster waren der Feind, denn sie hielten einen Sniper nicht auf - da spielte es auch keine Rolle, dass Santi wusste, das seine Fenster kugelsicher waren. Logik war nicht mehr stark genug, um seine Nervosität zu besänftigen.
      Für Santi war das nichts Neues. Er wusste, dass er zwei Tage Frieden bekam, bevor ihn seine eigenen Gedanken wieder in den Wahnsinn trieben. Der Tag nach dem Alptraum, dann noch einen, ab da ging es bergab. Von jetzt an war es ein Geduldsspiel zwischen ihm und seiner Magie - ein Spiel, das seine Magie schlussendlich immer gewann. Die Frage war nur, wie lange es Santi aushielt, seine Realität zu hinterfragen. Sein Rekord lag bei fast neun Tagen, aber da hatte er keinen Mitbewohner gehabt, keine offenen Ermittlungen im Hintergrund - die übrigens ein gefundenes Fressen für seine Paranoia waren - und keine Schusswunde, die seine eigenen Fähigkeiten beeinflusste. Der machtlose, logische Teil von Santis Verstand wusste, dass der Streifschuss zwar übel aussah und auch wehtat, ihn im Zweifelsfall aber weniger beeinträchtigen würde, als seine Magie ihm weismachen wollte.
      Und so fand sich Santi an seiner Kücheninsel sitzend wieder, wo er zähneknirschend das Verbandsmaterial anstarrte, mit dem er sich eigentlich um seinen Arm kümmern wollte. Er hatte die Wunde bereits freigelegt und behandelt, er musste nur noch einen neuen Verband anlegen. Aber seine Hände bewegten sich nicht. Er konnte sich einfach nicht dazu durchringen, denn seine Magie flüsterte ihm furchtbare Dinge über Kontaktgifte ins Ohr.


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    • Nach einem kleinen Abstecher nach draußen, bei dem Lewis doch etwas nervös darum war, irgendwo erkannt oder entdeckt zu werden, zogen sie sich wieder in die Höhle zurück, die sich Santiagos Wohnung nannte. Der Mann bereitete ein BBQ vor, in dem sich Lewis hätte wälzen können. Seine Annahme, Santiago könne gut kochen, war eine unverschämte Untertreibung. Santiago konnte zaubern und das tat er mit meisterlichem Können.
      Danach führten sie ein geradezu häusliches Leben, von dem Lewis niemals gedacht hätte, dass es ihm so sehr gefallen könnte. Frühstücken, Nachrichten schauen, auf der Dachterrasse herumlungern, Santiago beim Workout beobachten, Nachrichten, essen, aufräumen, Nickerchen, Nachrichten, schlafen. Sein sonstiges Leben bestand aus Schlafen, Essen besorgen, Birne wegkiffen und in die Clubs ausgehen. Niemals hätte er gedacht, dass er Gefallen am genauen Gegenteil finden könnte.
      Aber natürlich konnte der Frieden nicht allzulange anhalten. Zwei sehr einfache Sachen hinderte sie daran: Santiago benutzte seine Magie nicht und Lewis benutzte sie zu viel.

      Am dritten Tag ging es mit Lewis’ Magie bergab. Die Kopfschmerzen waren nie ganz verschwunden, trotz der vielen Massagen und Santiagos Fürsorglichkeit, mit der er sich wirklich selbst übertraf. Immerhin, was sich sonst schon am zweiten Tag angebahnt hätte, wartete bis zum Ende des dritten, bis es seine ersten Wurzeln schlug - aber ganz aufhalten konnte man es nicht. Lewis strapazierte seine mentalen Kräfte und irgendwann bekam er es immer zu spüren.
      Am vierten Tag waren die Kopfschmerzen konstant, ganz so, als wäre sein Kopf mit so viel Sperrmüll zugeschüttet worden, sodass es jetzt gar keinen Platz mehr für das eigentliche Gehirn gab. Es war wie ein ständiger Druck und ein ständiges Rauschen, das er nicht hören, aber fühlen konnte, so wie es durch seinen Kopf strich und seine Nervenenden reizte. Wenigstens eine gute Sache gab es dabei: Mit konstanten Kopfschmerzen konnte er von Nachrichten auch keine normalen Kopfschmerzen bekommen. Sie waren einfach immer da und so war es nach ein paar Stunden Eingewöhnung auch gar nicht mehr so schlimm, doch noch die ganzen Bäume zu betrachten.
      An diesem Tag setzte für Lewis auch das ein, was er selbst als “schlapp sein” bezeichnete, was aber von außen betrachtet noch weiter darüber hinausging. Er merkte es einfach selbst nicht, nachdem er es war, der davon betroffen war. Denn Lewis zeigte langsam, aber stetig, eine eigenartige Abkapselung von der Realität.
      Es fing ganz harmlos an, dass Santiago deutlich mehr Druck benötigte, um Lewis von seinen Nachrichten loszukriegen, wenn er sich einmal darin festgesetzt hatte. Dann reagierte er kaum auf seine Worte und seine Berührungen, bis seine Augen doch irgendwann mal ruhiger wurden und er auch Antworten von sich gab. Ein reiner Nebeneffekt seiner ganzen Kopfschmerzen, nichts weiter, und auch nichts, was Grund zur Beunruhigung gewesen wäre. Doch alleine dabei blieb es nicht; binnen eines Tages brachte Lewis merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag, die gar nicht zu ihm passten. Etwa passierte es ihm häufiger, dass er sich einen seiner Joints in den Mund steckte, das Feuerzeug nahm, einen Augenblick ganz still dasaß, während er ins Leere starrte, und das Feuerzeug dann einfach wieder weg legte, um an dem trockenen Joint zu ziehen. Oder er ging ins Bad, zog sich aus, stieg in die Dusche, blieb stehen, starrte für viele Sekunden lang den Duschkopf an, trat dann wieder heraus und “trocknete” sich mit dem Handtuch ab. Seine Bäume hatten ihm gezeigt, wie er das Wasser zum Laufen bringen würde, wie er sich duschen würde, wie er sich einseifen würde, und Lewis begriff nicht, dass er nichts dergleichen tat. Er stand einfach nur ein paar Sekunden lang da und kam dann trocken wieder heraus. In seiner Welt, die er vor sich gesehen hatte, hatte er geduscht. Er hinterfragte nicht, dass seine Welt und seine Bäume zwei verschiedene Dinge waren, eine Tatsache, die sonst ganz natürlich zu unterscheiden war. Aber genau das schien er zu verlernen: Wie er unterscheiden konnte.
      Am komischsten war dabei für ihn selbst aber nicht etwa angezündete Joints, die dann doch nicht mehr angezündet waren, oder Gegenstände, die er bewegte und die dann doch wieder da waren, sondern Santiago. Santiago, der angefangen hatte, in seiner Wohnung mit einer Sonnenbrille herumzulaufen, aber an dem doch irgendetwas nicht stimmte. Die Sonnenbrille versteckte zwar das meiste, dessen war Lewis sich sicher, aber wenn er den großgewachsenen, muskulösen Mann betrachtete, dann spürte er immer ein gewisses Kribbeln im Bauch, ein leichtes Unwohlsein, so als würde er fühlen, dass etwas dort auf ihn zukommen würde. Wenn Santiago ihn dann auch noch ansah, wenn er ihm direkt ins Gesicht blickte, da ergriff ihn stets ein Schauer, der ohne die Sonnenbrille sicher noch viel schlimmer gewesen wäre. Aber das war nichtmal das merkwürdigste, das ihn so sehr irritierte. Das merkwürdigste war, dass Lewis stets damit rechnte, etwas sehen zu können, wenn er ihn betrachtete.
      Es war wie das frühere Ziehen, das er in seinem Körper gespürt hatte, wenn seine Magie ihn darauf hingewiesen hatte, dass sie Informationen für ihn bereithielt. So wie damals konnte er es auch jetzt spüren, eine seltsame Vorahnung, die ihn ergriff, wenn er den gruselig wirkenden Mann betrachtete. Es war fast, als rechnete sein Körper ganz stark damit, dass Santiago jeden Augenblick in irgendeiner albtraumhaften Gestalt aufgehen würde, die die Quelle seines mulmigen Kribbelns darstellte. Als könnte er sich gleich bewegen und Lewis würde in einen Albtraum fallen, aus dem er nicht wieder aufwachen konnte. Als bräuchte es nur einen Funken und Santiago würde sich als der Inbegriff allen Übels entpuppen.
      Aber natürlich kam es nie so weit. Lewis bekam keine Bäume zu sehen, in denen Santiago überschnappte, in denen er seine Form veränderte oder in denen er sich auf Lewis stürzte. Wenn überhaupt sah er Bäume, in denen Santiago ein paar Mal zu oft zu den Schlössern an der Tür pilgerte, er sah voraus, dass Santiago ein paar Mal zu eindringlich aus dem Fenster starrte oder dass er sein Essen doch nicht anrührte, nachdem er es selbst gekocht hatte. Rundum sah Lewis voraus, wie Santiago nach und nach seiner Magie zum Opfer fiel, nicht etwa, wie er Lewis’ mulmiges Gefühl bestätigte. Das war letzten Endes wohl auch der Grund, weshalb er noch immer bei ihm war und nicht schon längst die Flucht ergriffen hatte. Unter all der gruseligen Aura konnte er immer noch Santiago erkennen, Santiago und sein Kampf gegen sein eigenes Gehirn.
      Ganz so einschüchternd kam es Lewis dann eben doch nicht vor, als er dabei zusah, wie Santiagos Knoten langsam wieder verblasste, während er sich aber kein Stück rührte, dort ganz alleine an der Kücheninsel. Lewis hatte schnell gelernt, dass er den Mann manchmal lieber in Ruhe lassen sollte, wobei ihm seine Bäume sehr viel dabei geholfen hatten. Jetzt interpretierte er aber eher das Gegenteil hinein; manchmal brauchte auch Santiago jemanden, der ihn von seiner Magie wegzerrte.
      Geräuschvoll stand er von der Couch auf, extra laut, um den Mann nicht zusätzlich zu triggern, und kam in einem Bogen auf ihn zu, damit er sich nicht in seinem Rücken näherte. Manch einer hätte solche Maßnahmen für absurd gehalten, aber wer war schon Lewis, den Mann für seine Magie zu verurteilen? Er hatte selbst einen Joint im Mundwinkel hängen, den er sich nur in seiner Vorhersage angezündet hatte. Trotzdem zog er daran wie an einem Qualmendem.
      Hey, man.
      Er starrte Santiago mit großen, geröteten Augen an, ganz darauf gefasst, jeden Moment die gefürchteten, schlimmen Knoten zu sehen. Aber sie kamen nicht und so war es für den Moment auch sicher bei dem Muskelpaket.
      Lewis zog an seinem trockenen Joint, lehnte sich ein bisschen nach vorne und begutachtete das ausgebreitete Verbandszeug.
      Soll ich mal nach Giften suchen? Oder nach Nadeln?
      Dabei meinte er das völlig ernst.
    • Santi sah auf, als er ein Geräusch zu seiner Linken wahrnahm. Ein Angreifer? Hatte der es auf Lewis oder auf ihn abgesehen? Auf sie beide?
      Sein Blick heftete sich auf Lewis, als der in sein Sichtfeld trat. Santi hatte durchaus bemerkt, wie sich Lewis verändert hatte in den letzten Tagen. Nicht nur, weil seine Magie seinen Preis forderte, sondern auch weil Santis Magie um Bezahlung bettelte. Sie beide hatten ihr Päckchen zu tragen, aber sie schafften es irgendwie, einander zu helfen. Santi duschte mit Lewis, um sicherzugehen, dass der auch tatsächlich sauber wurde. Er zündete Lewis die Joints an, wenn der es mal wieder vergessen hatte. Er erinnerte ihn daran, etwas zu essen, etwas zu trinken. Diese vergangenen Tage hatten Santi gezeigt, warum Lewis immer so zusammengewürfelt aussah. Im Gegenzug half Lewis ihm, indem er Essen vorkostete, die Terrasse absuchte, und sich laut genug bewegte, damit Santi nicht von seiner Anwesenheit überrascht wurde. Es war... seltsam angenehm. Jemanden zu haben, der so darauf achtete, was mit einem passierte. Natürlich wollte ihm seine Magie klarmachen, dass das eine große Schwäche war. Dass Lewis es ausnutzen würde, so viel über ihn zu wissen.
      "Kontaktgifte," antwortete Santi und deutete auf das Verbandsmaterial, das direkt vor ihm lag.
      Während Lewis seine paranoiden Gedanken ausschaltete, schnappte sich Santi dessen Joint und zündete ihn an, bevor er ihn wieder an Lewis zurückreichte. Der Streuner half ihm gleich darauf, seinen Arm wieder ordentlich einzuwickeln.
      "Was macht der Kopf?" fragte Santi, während er alles wieder aufräumte.
      Jetzt war die Gefahr gebannt, zumindest für den Moment. Er konnte immer noch das Knattern der Rotoren außerhalb seines Apartments hören. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er wieder steckenblieb und von allein nicht weiterkam.
      "Wie lange lässt dich das dein Bruder noch machen? Und wie lange brauchst du, um dich von sowas zu erholen?"


    • "Kontaktgifte."
      Lewis nickte fachmännisch, als wäre er hier irgendein Gift-Experte, der nur seiner Arbeit nachkam. Natürlich war es Unsinn, dass der Verband irgendwie sabotiert worden war. Lewis hatte selbst gesehen, wie Santiago das Siegel gebrochen hatte, und er war sich auch sicher, dass er das Zeug einfach aus der Apotheke hatte. Solche Massenproduktionen wurden nicht vergiftet, um möglicherweise irgendwann mal einen bestimmten Santiago zu treffen.
      Aber er wusste auch, dass es hier gar nicht um Logik ging. Santiago hatte mit seinem Kopf zu kämpfen und da konnte Lewis nur helfen, indem er sich ihm fügte. Dabei wollte er auch helfen; es gefiel ihm nicht, wie paranoid der Mann wurde. Es gefiel ihm nicht, wie sehr es ihn in seinem Leben einschränkte.
      Also tat er sein bestes, nahm sich den Verband und rollte ihn auf. Er ließ sich auf einen Hocker gegenüber gleiten und begann ganz systematisch, jeden Zentimeter abzutasten, auf der Vorder- und Rückseite. Dabei stellte er sicher, dass Santiago ihn genau dabei beobachten und erkennen konnte, wie sorgfältig er dabei vorging. Die Erfahrung hatte ihm gezeigt, dass der andere so viel Einfluss auf seine Suche haben musste, wie es nur möglich war, damit er nicht dachte, Lewis würde etwas vor ihm verschleiern. Das machte ihm auch nichts aus; er tat einfach, was nötig war, damit es seinem Freund für eine kurze Zeit wieder besser gehen würde.
      Der andere zündete ihm seinen Joint an, danach half Lewis ihm, den Verband anzulegen. Es war schon rührend zu sehen, wie viel Vertrauen Santiago ihm noch entgegen brachte, auch wenn er sich in einem derartigen Zustand befand. Lewis machte es schon ein wenig stolz, dass der andere sich so auf ihn verlassen konnte.
      "Fertig und frisch verpackt."
      Lewis lehnte sich zurück und Santiago stand auf um aufzuräumen.
      "Was macht der Kopf?"
      "Er ist da, er tut auch weh. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass er jemals nicht wehgetan hätte."
      Er zog wieder an seinem Joint und diesmal ging das irgendwie besser. Manchmal war es eben so.
      "Wie lange lässt dich das dein Bruder noch machen?"
      "Sicher nicht mehr lange. Sie waren jetzt bei dem Hersteller von diesen Statuen und bald wird's sich wohl verlaufen. Wirklich nicht mehr lange."
      "Und wie lange brauchst du, um dich von sowas zu erholen?"
      "Vielleicht einen Tag wenn ich mir die Augen verbinde", schätzte er vorsichtig. Er machte sowas eigentlich immer Zuhause; es war komisch, jemandem davon zu erzählen.
      "Vielleicht auch zwei, aber es geht schneller, wenn meine Magie gar nicht zum Einsatz kommt."
      Er blies den Rauch aus der Nase und sah dann dabei zu, wie Santiago seine Wohnung inspizierte. Der Mann war schlichtweg gruselig, so wie er dort stand, aber Lewis blieb trotzdem. Seine Bäume beschützten ihn.
      "Wie lange hältst du noch aus? Wird es nicht langsam wieder Zeit für einen Albtraum?"
    • Einen Tag, vielleicht zwei. Ihre Magie schien einen ähnlichen Zeitplan zu haben, stellte Santi fest. Was er mit der Information anfangen sollte, wusste er nicht. Es fiel ihm einfach nur auf. Wäre er klarer im Kopf gewesen, hätte er sich vielleicht gefragt, ob es jedem Magier auf der Welt so erging. Dass sie alle in Segmenten von drei bis fünf Tagen lebten.
      "Wie lange hältst du noch aus? Wird es nicht langsam wieder Zeit für einen Alptraum?"
      Santi ließ sich mit einem Seufzen wieder auf einen der Barhocker sinken. Er achtete darauf, nicht direkt neben Lewis zu sitzen, solange der es nicht selbst wählte.
      "Ich könnte wahrscheinlich noch ein bisschen länger. Normalerweise versuche ich zumindest, auf fünf Tage zu kommen," antwortete er. "Aber ich glaube, ich will dieses Mal nicht. Normalerweise habe ich keinen Mitbewohner, keine Schusswunde... ich weiß auch nicht. Dass du da bist macht es schlimmer und besser gleichzeitig und das sprengt mir gerade ein bisschen den Kopf weg."
      Er fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
      "Ich kann mein Motorrad morgen abholen und der Verkäufer ist mir auf die Nerven gegangen. Ich dachte mir, da kann ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erlegen. Kommt dir ja auch zu Gute. Keine undefinierbare Bedrohung mehr, auf die du instinktiv ein Auge hast."
      Er konnte Lewis nicht allein hier lassen, wenn er ging. Der würde ihm doch die ganze Wohnung verwanzen und verminen. Er würde die Cops reinlassen, ihnen alles zeigen. Er würde Auftragskiller reinlassen, die dann auf ihn warteten.
      "Willst du mitkommen oder wäre dir das zu viel? Egal wie, morgen Abend kannst du dich mit deiner Kopfmassage wieder entspannen."
      Anstatt deinen Mordkomplott weiter zu planen.


    • “Dass du da bist, macht es schlimmer und besser gleichzeitig und das sprengt mir gerade ein bisschen den Kopf weg.”
      Lewis lächelte mitfühlend, denn er konnte es exakt nachempfinden. Bei Santiago zu sein während seinem Dauereinsatz war ein wahrer Segen, auf der anderen Seite wurde er ständig daran erinnert, wie merkwürdig alles war, was er hier abzog. Es musste absolut verrückt zu beobachten und gar damit zu leben sein. Nur verurteilte Santiago ihn nicht dafür, genauso wenig wie es Lewis tat. Sie verbrachten ihre Tage in einer eigenartigen Harmonie, die sowohl erfrischend, als auch beängstigend war.
      "Ich kann mein Motorrad morgen abholen und der Verkäufer ist mir auf die Nerven gegangen. Ich dachte mir, da kann ich gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erlegen. Kommt dir ja auch zu Gute. Keine undefinierbare Bedrohung mehr, auf die du instinktiv ein Auge hast.”
      Das hört sich doch gut an. Ich mochte den Kerl auch nicht, der kam mir irgendwie schnöselig vor.
      Und Lewis kam ihm im Gegenzug sicher wie ein Junkie vor.
      "Willst du mitkommen oder wäre dir das zu viel? Egal wie, morgen Abend kannst du dich mit deiner Kopfmassage wieder entspannen.”
      Von der Aussicht grinste er. Aber ob er mitkommen wollte? Irgendwie nicht. Sein Gehirn hämmerte ihm gegen den vollen Schädel, wie um mehr Platz zu verlangen, und er war sich sicher, dass er keine Straßenbäume ertragen konnte. Nein, am liebsten würde er in der Wohnung bleiben und noch viel besser wäre es, sich Opium reinzuziehen.
      Aber alleine zurückbleiben? Eine Stunde oder länger, wenn Santiago wieder seine Umwege fuhr? Lewis gefiel das nicht. Ihm gefiel nicht… alleine zu sein. Nicht jetzt. Vielleicht sogar gar nicht?
      Nein, das läuft schon, ich komm mit. Solange wir keine Verfolger abhängen müssen.
      Er grinste auf andere Weise, dann rutschte er ein bisschen vorsichtig auf den Hocker neben Santiago. Der Mann hielt stets einen gewissen Abstand zu ihm, hinderte Lewis aber nie daran, näher zu kommen.
      Probeweise nahm Lewis sich vor, was er tun wollte, und als ihm nicht prophezeit wurde, dass er von irgendeinem gewaltigen Maul aufgefressen wurde, legte er den Arm um Santiagos Schultern und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.
      Außerdem find ich es sexy, wenn du Leute leiden lässt.
    • "Ich hoffe doch mal nicht. Ein Motorrad ist Kollateralschaden, zwei eine Beleidigung. Erst recht, wenn ich es gerade erst gekauft habe."
      Natürlich war das immer ein Risiko. Das letzte Mal hatten diese Typen sie ja auch gefunden und hatten die nötigen Fähigkeiten gehabt, um sich nicht abhängen zu lassen. Jetzt wussten sie, was Santi drauf hatte, also würden sie vorsichtiger sein, besser vorbereitet. Vielleicht würden sie ihn in Stille verfolgen und dann hier erledigen? Oder sie würden ihn in voller Stärke überrennen, um den Job schnell zu erledigen...
      Santi sah auf, als Lewis sich vorsichtig direkt neben ihn setzte. Santi rührte sich nicht, um ihn nicht zu verunsichern - oder eine aggressive Reaktion zu provozieren. Er zuckte kurz zusammen, als Lewis ihm den Arm um die Schultern legte (nein, Lewis wollte ihn nicht in einen Headlock ziehen). Hautkontakt, auch wenn es mit Lewis war, war immer noch seltsam, wenn seine Paranoia mächtiger war als seine Logik.
      Er lächelte und legte Lewis nun seinerseits einen Arm um die Taille.
      "Der Typ war schnöselig. Ich wette, der hat noch nie auf einem Bike gesessen und wollte mir trotzdem weismachen, dass ich eine Maschine mit weniger Pferdestärken brauche. Idiot."
      Er stahl sich einen schnellen Kuss von Lewis - etwas woran er mehr und mehr Gefallen fand, je länger sie Zeit zusammen verbrachten.
      "Was glaubst du, wovor der Angst hat? Falscher Haarschnitt? Schief sitzende Krawatte?"
      Santi scherzte, aber er konnte sich auch weniger lustige Dinge vorstellen: Bikergangs, Autodiebstahl-Banden, private Schuldeneintreiber. Menschen verbargen viel hinter einem sauberen Hemd und einem breiten Lächeln. Jeder Mensch hatte vor etwas Angst, das war unvermeidbar. Was auch immer dieser spezielle Mensch fürchtete, Santi würde es schon bald am eigenen Leibe erfahren. Aber für den Moment musste er sich nur mit dem Helikopter auseinandersetzen, der nicht über seinem Apartment kreiste.
      "Wie sieht's mit deinem Gras-Vorrat aus?" fragte er und legte den Kopf auf Lewis' Schulter ab. "Wenn wir schon draußen unterwegs sind, können wir auch gleiche eine ordentliche Runde drehen. Nachdem ich mir den Verkäufer vorgeknöpft habe - weniger Umwege und so weiter."


    • "Was glaubst du, wovor der Angst hat? Falscher Haarschnitt? Schief sitzende Krawatte?”
      Lewis grinste ein bisschen und zog Santiago ein Stück näher. Vorsichtig, weil das Monster immernoch jeden Moment hervorspringen und nach ihm schnappen könnte.
      Ich denke, er hat Angst vor einer Scheidung. Leute wie er haben immer irgendwelche häuslichen Probleme. Seine Kinder haben angefangen zu kiffen und seine Frau hat ihm ein Ultimatum gestellt: Entweder er oder sein Kollege, weil der mehr Verkäufe erzielt oder weil sein Schwanz größer ist.
      Er wusste ganz genau, dass das hier ein Ablenkungsmanöver vom eigentlichen Problem sein sollte. Denn dieser Kerl würde mitnichten vor irgendwelchen Lappalien Angst haben, es würden Dinge sein, wegen denen Santiago sich im Bett herumwälzen und stöhnen würde. Lewis konnte nicht sagen, dass er sich darauf freute, aber zumindest würde er ihn dann wieder ordentlich anfassen können, ohne jede Bewegung zu hinterfragen. Er wollte ihn wieder anfassen können und sich an ihn kuscheln wie sonst auch.
      Santiago legte seinen Kopf auf seiner Schulter ab und Lewis küsste vorsichtig seine Stirn. Dazu musste er sich fast durchringen, weil Santiago aus dieser Nähe wirklich verdammt gruselig war.
      Mein Gras reicht noch, aber ich hätte echt Lust auf einen Burger. Wir könnten welche zum Mitnehmen besorgen? Ich ess die auch kalt, das macht mir nichts.
    • Santi brummte.
      "Burger zum Mitnehmen. Da bekoche ich dich ordentlich und du willst immer noch Zeug, das in Fett ertränkt wird?"
      Mit einem leisen Lachen hob er den Kopf wieder, schüttelte ihn kurz.
      "Wir können dir einen Burger besorgen," gab er dann ohne große Gegenwehr nach. "Aber irgendwann mach ich dir mal einen. Einen guten, mit selbstgemachten Patties und Buns. Dazu Süßkartoffel-Fritten. Du wirst Fast Food nicht mal mehr angucken können, wenn ich mit dir fertig bin."
      Er stahl sich noch einen kurzen Kuss, dann stand er auf und schnappte sich sein T-Shirt von der Lehnte, zog es sich über den Kopf. Dabei achtete er genau darauf, wie sich sein Arm anfühlte, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie die Schusswunde verheilte. Seine Erfahrung hatte ihm verraten, dass es den Muskel erwischt hatte, aber keine großen Blutgefäße oder Sehnen. Schmerzhaft, sollte aber ohne Probleme heilen. Trotzdem hatte er Probleme damit, Dinge mit dem linken Arm zu heben oder zu drücken. Er achtete bei seinen Workouts darauf. Noch ließ er seinen Arm einfach heilen, aber sobald er die Fäden ziehen konnte, würde er sich selbst eine ordentliche Ladung Physiotherapie verschrieben. Auch das tat er nicht zum ersten Mal. Er hatte aber Glück im Unglück gehabt: Die meisten Bewegungen funktionierten ohne große Probleme. Solange er den Muskel nicht beanspruchte, war eigentlich alles in Ordnung. Was Santi sehr in die Hände spielte, denn so musste er keine Pillen einwerfen während ihm sein Kopf verklickerte, dass er Cyanid-Kapseln schluckte.
      "Soll ich auf der Couch schlafen?" fragte er, als er zum Kühlschrank rüber ging.
      Er wollte nicht auf der Couch schlafen. Aber es wäre die logische Entscheidung. Lewis brauchte eine ordentliche Portion Schlaf, wenn er morgen das Haus verlassen wollte - etwas was beinahe unmöglich war mit Santis bloßer Anwesenheit.
      Santi steckte den Kopf in den Kühlschrank und sah sich nach einem Bier um, um Lewis' Blick nicht begegnen zu müssen. Und ihm den seinen zu ersparen.
      "Nur für die Nacht."
      Natürlich verneinte Lewis. Santi wollte protestieren, aber schlussendlich war er zu selbstsüchtig, um sich gegen Lewis' Entscheidung zu wehren. Also schlief er im gleichen Bett wie Lewis, ungeachtet seiner Ausstrahlung und den Konsequenzen, die das für Lewis nach sich ziehen könnte.

      Santi schlief einigermaßen. Natürlich ließ ihn seine Paranoia nicht tief schlafen und er wachte auch ständig auf, um sich in seinem Apartment umzusehen, aber Alpträume plagten ihn keine. Am Morgen stand er mit dem mittlerweile vertrauen Schmerz in seinem Arm und einem verspannten Nacken auf, um Frühstück zu machen. Lewis schlief noch über eine Stunde weiter, bevor er den Streuner aus dem Bett schmiss, damit der sich die Morgennachrichten angucken konnte.
      Während Lewis sich mit seiner Arbeit beschäftigte, duschte Santi schnell. Dank seiner Paranoia, die ihn vor Angreifern, die sich hinter dem Duschvorhang versteckten, warnte, duschte er keine zehn Minuten. Er hüpfte unter das Wasser, wusch sich, und war wieder draußen. Nicht genug Zeit für Lewis, um sich völlig in den Was-wäre-wenns zu verlieren.
      Santis Apartment war nur dimm beleuchtet, auch wenn die Sonne um diese Jahreszeit schon früh aufging. Santi hatte am Abend die Läden geschlossen und sie am Morgen nur soweit gehoben, dass seine Pflanzen Licht abbekamen. Jetzt starrte er durch die Fenster, darauf wartend, ein oder mehrere Paare an Beinen zu sehen, wo sie nicht hingehörten. Aber seine Terrasse war leer. Genauso wie der Rest seines Apartments, abgesehen von Lewis, der am Rand seines Sofas saß und den Fernseher anstarrte.
      Santi zog sich schnell an - dunkle jeans, schwarzes T-Shirt mit V-Ausschnitt, Sonnenbrille - und kehrte dann zu Lewis ins Wohnzimmer zurück, wo er ein Auge auf den Streuner und sein Apartment gleichzeitig hatte, und drehte ihm einen Joint für gleich. Die Nachrichten kündigten die Folgesendung an - irgendeine Doku über renaturierte Flussufer - und schaltete dann auf Werbung. Das war Santis Stichwort. Er schaltete den Fernseher aus und legte Lewis eine Hand in den Nacken. Er drückte leicht zu, massierte die Muskeln, die auch bei Lewis etwas verspannt waren. Als der Streuner immer noch nicht reagierte, schob er die Hand weiter nach vorn, bis er sie um Lewis Hals gelegt hatte. Wieder drückte er leicht zu. Zeitgleich lehnte er sich vor und biss Lewis ins Ohrläppchen.
      "Komm zu mir zurück, callejero," raunte er. "Ich will mir einen Alptraum fangen gehen."


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    • Ganz so weit, dass Santiago ihm selbst Burger machen wollte, hatte Lewis ihn eigentlich nicht treiben wollen, aber er würde sich nicht beschweren. Wenn ihm seine Kochkünste eins sagten, dann dass seine Burger besser werden würden als alle, die Lewis jemals probiert hatte. Nur würden sie nicht fettig sein, das einzige, worauf er wirklich Lust hatte, wenn er so high war wie jetzt. Aber Santiago-Burger mit Süßkartoffelpommes? Bei dem Gedanken allein lief ihm schon das Wasser im Mund zusammen.
      Dann kam die unsichere Frage, die Santiago stets zu quälen schien, wenn er mit einem seiner Extremen zu kämpfen hatte: Sollte er auf der Couch schlafen? Und auch, wenn Lewis mit einer unangenehmen Nacht rechnete, weil er Santiagos gruselige Gestalt im Dunkeln ausfindig machen würde, gab es doch nur eine Antwort für ihn.
      Auf keinen Fall.
      “Nur für die Nacht.”
      Nope.
      Der Mann drehte sich mit einem Bier zu ihm um und Lewis konnte selbst mit der Sonnenbrille seine Unsicherheit erkennen. Santiago plagte es, zu wissen, dass er Lewis Umstände machen könnte und das war eine seiner sehr fürsorglichen Eigenschaften, die den großen Mann erstaunlich einfühlsam machten. Lewis mochte das so sehr an ihm und er würde es wohl nie leid werden, ihn dahingehend zu beruhigen.
      Schlaf bei mir. Das ist doch der schönste Teil meines Aufenthalts.
      Er grinste wegen des Kitschs seiner Aussage, aber irgendwie war es auch wahr. Er genoss in vollsten Zügen, neben Santiago einzuschlafen und von ihm aufgeweckt zu werden.
      Auch wenn er, so wie in dieser Nacht, mehrfach aufwachte und dachte, dass ein Dämon irgendwo neben dem Bett lauerte und nur darauf wartete, dass Lewis ihn zur Kenntnis nahm. Selbst dann bereute er es nicht, als er mit rasendem Herzen und weit aufgerissenen Augen auf die dunkle Gestalt neben sich starrte, den Atem angehalten bei der Erwartung aller unheilvollen Knoten, die er sich nur vorstellen konnte, bei der Gefahr, die von dieser Silhouette ausging. Wenn diese Knoten dann doch nicht kamen, was sie nie taten, schlief er langsam und vorsichtig wieder ein, nur um von Santiagos hektischen Bewegungen wieder aufgeweckt zu werden, wenn der Mann seine Wohnung inspizierte. Allerdings stellte er sich dann stets schlafend, bis auch der andere wieder schlief.
      Natürlich besserte das seine Verfassung nicht, auch wenn eine ganze Nacht tiefsten Schlafs es auch nicht getan hätte. Lewis überlebte nur mit Kopfschmerztabletten, die er sich aus Vorsorge besorgt hatte, und starrte eine geraume Weile seinen vollen Frühstücksteller an, bevor Santiago ihm erst die Gabel in die Hand drückte. Dann aß er aber auch und schleppte sich vor die Nachrichten.
      Diesmal verlor er schnell das Gefühl für seinen Körper, schneller als noch am Vortag. Als Santiago ihn rausholte, dauerte es lange, sehr lange, bis er überhaupt Hautkontakt wieder spürte. Sein Körper schien von weit her zu kommen, als bräuchten Körper und Geist einen Moment, bis sie sich wieder vereint hatten. Danach kamen die Kopfschmerzen in all ihrer Wucht zurück und Lewis ließ seinen schweren Kopf nach hinten fallen.
      "Komm zu mir zurück, callejero.”
      Hmmm.” Die tiefe Stimme war eine Wohltat für seine Ohren.
      "Ich will mir einen Alptraum fangen gehen.”
      Stimmt ja, Albtraum und Burger. Bei der Aussicht, wieder ordentlich mit seinem Freund kuscheln zu können, mühte Lewis sich gleich damit ab, lebendig zu werden. Es wurde auch Zeit, dass sie langsam wieder Normalität in ihren Alltag bekamen.
      Gute Idee. Auf geht's.
      Er griff sich den Joint, den Santiago extra für ihn bereithielt, zündete ihn an und ging zur Tür, um sich anzuziehen. Dort wartete er erst geduldig an, bis Santiago alle Schlösser aufgeschlossen hatte und ging dann als erstes nach draußen, so wie sie es auf der Dachterrasse auch taten - nur, dass er mit einem Mal Kopf voran gegen die geschlossene Tür knallte. Seine Nase dankte es ihm mit Schmerz.
      Ow! Fuck.
      Er rieb sich die Nase und sah sich dann zu Santiago um, der gerade mal seinen Schlüssel in die Hand genommen hatte. Seine Bäume waren wieder viel zu schnell gewesen. Sein Joint war auch noch trocken. Lewis blinzelte ein paar Mal.
      ... Sorry.”
      Er trat zurück und wartete diesmal wirklich ab. Beim rausgehen tastete er allerdings mit der Hand vor; man konnte nie vorsichtig genug sein.
      Santiago brauchte so einige Minuten, um die Gegend zu checken, aber als er sie als sicher betrachtete, verließen sie das Grundstück. Seine Gestalt war im hellen Tageslicht absolut furchteinflößend und Lewis konnte sich einfach nicht dazu durchringen, seine Hand zu nehmen. Zum Glück schien das Santiago aber nicht allzu sehr aufzufallen, denn er war mit schnellen Schritten unterwegs und darum bemüht, so schnell wie möglich von der offenen Straße runterzukommen. Lewis musste sich darum bemühen, mit ihm Schritt zu halten.
      Sie kamen zurück zum Autohaus und fanden auch den Verkäufer wieder, der das Bike bereithielt. Lewis blieb zurück und beobachtete ein bisschen die Straße, während er Santiago machen ließ. Es würde ihnen gar nichts bringen, wenn sie hier als Magier noch die falsche Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden.
    • Wenn du ihn so weitermachen lässt, wirst du ihn verlieren.
      Santi stockte, während sich Lewis gegen ihn lehnte und versuchte, in die Gegenwart zurückzukehren. Für einen Moment war er derjenige, der abwesend war. Das war das erste Mal, dass seine Paranoia sich um jemand anderen sorgte.
      "Gute Idee. Auf geht's."
      Lewis war schneller verschwunden, als er gucken konnte. Und natürlich war sein erster Instinkt, in die entgegengesetzte Richtung zu schauen, um die Gefahr zu sehen, vor der Lewis gerade nicht wegrannte. Da war nichts, keine Beine auf der Dachterrasse, kein versteckter Attentäter, nicht einmal ein Helikopter.
      Santi schüttelte den Kopf und stand auf. Er schnappte sich sein Smartphone und seine Schlüssel von der Kücheninsel und-
      Ein Schlag ließ ihn aufsehen. Lewis hielt sich die Nase. Santi zählte schnell eins und eins zusammen und unterdrückte ein leises Kichern. Lewis war gegen die geschlossene Tür gelaufen.
      "Relájate, callejero," grinste er und ging zur Garderobe, um seine Schuhe, Jacke und Handschuhe anzuziehen. "Versuch, neben mir zu bleiben, dann rennst du nicht aus Versehen in irgendwas rein."
      Nicht hinter ihm, das konnte Santi gerade nicht aushalten. Und er wusste, dass Lewis wahrscheinlich auch nicht ganz kitschig Händchen halten wollte - Handschuhe hin oder her.
      Santi öffnete die Schlösser an seiner Haustür und warf einen Blick nach draußen. Er machte drei taktische sweeps, bevor er mit Lewis nach draußen ging. Er schloss die drei Schlösser wieder, überprüfte sie dreimal. Das Gleiche machte er mit den fünf an dem Tor seiner Einfahrt.
      "Sag Bescheid, wenn du eine Pause brauchst, okay? Mir wird hier nicht der Kopf zerhämmert."
      Und damit machten sie sich auf einen recht umständlichen Weg zurück zu dem Autohaus, wo er sein neues Motorrad und einen neuen Alptraum abholen würde.

      Der schleimige Verkäufer grinste sie breit an, bis Santi auf ungefähr zwei Meter an ihn heran kam. Mit jedem weiteren Schritt fiel das Lächeln weiter und weiter bis es eher ein verkrampftes Zähnefletschen war. Die Maske des freundlichen Verkäufers saß ziemlich schief in dem Botoxgesicht, als Santi direkt vor ihm stand.
      "Ich brauche nur noch eine letzte Unterschrift und dann können Sie Ihr neues Motorrad direkt genießen," presste der Verkäufer durch zusammengebissene Zähne.
      Santi lächelte.
      "Klingt gut."
      Er war es, der dem Verkäufer den Weg zu dessen Büro deutete, damit Santi ebenjene Dokumente unterzeichnen konnte. Er wusste, dass das Motorrad nicht aufgetankt war und er sich gleich eine Tankstelle würde suchen müssen, aber das war ihm egal - denn er würde keine Bomben an den Zapfhähnen vermuten, sobald er hier fertig war.
      Santiago ging sicher, die Tür zu schließen, sobald sie in dem kleinen Eckbüro des schleimigen Verkäufers waren. Er ließ sich den Papierkram aushändigen und unterschrieb ganz friedlich, wo der Verkäufer seine Unterschrift haben wollte, auch wenn das Kerlchen einen Meter Sicherheitsabstand zu ihm hielt. Santiago legte den Stift beiseite und richtete sich auf.
      "Das war's?" fragte er.
      "Das war's," bestätigte der Verkäufer. "Die Nummernschilder, die Sie uns geschickt haben sind bereits installiert, wie Sie sicher gesehen haben. Und Ihre georderten Helme sind gleich hier drüben."
      Der Verkäufer deutete auf ein Regal, in dem mehrere Helme lagen, alle markiert mit Nachnamen, die zu Kunden gehörten. Santiago fand sein Regalbrett mit einem schnellen Blick. Im gleichen Atemzug sah er sich noch einmal nach Kameras um, nur um wieder keine zu finden. Security in diesem Laden war unterirdisch. Im Verkaufsraum waren auch nur zwei, keine von beiden mit 360° Abdeckung, und er war sich ziemlich sicher, eine von den beiden war kaputt.
      "Perfekt," meinte Santiago.
      Er hatte seine Handschuhe ausgezogen, bevor sich der Verkäufer wieder zu ihm umdrehte, und hielt ihm nun mit einem freundlichen Lächeln die Hand hin.
      "Schön, mit Ihnen Geschäfte zu machen," meinte er.
      Auch wenn alle Alarme im Kopf des Verkäufers ihn davor warnten, ergriff der Mann Santiagos Hand für einen professionellen Handschlag. Santiago zog ihn eng an sich und schob seine Sonnenbrille hoch.
      "Eine Sache noch," raunte er und ließ seine Magie von der Leine.

      Bewaffnet mit zwei Helmen verließ Santi das Büro wieder, in dem ein Verkäufer ohnmächtig auf dem Boden hinter seinem Schreibtisch lag. Santi schwang ein Bein über sein Bike - die Schlüssel steckten - und reichte Lewis einen der beiden Helme. Er half dem Streuner, die richtige Größe einzustellen, bevor er das gleiche mit seinem eigenen neuen Helm tat.
      "Fettige Burger. Willst du welche zum Mitnehmen oder können wir uns in ein halb-leeres Diner setzen?" fragte Santi, während er sich mit den Schaltern vertraut machte.
      Das Bike war genau das, was er hatte haben wollen, entsprechend schnell fand er sich mit allem zurecht.
      "Ich werd kurz tanken müssen, bevor wir dir dein ungesundes Essen besorgen können," warnte er Lewis vor.
      Der konnte das zwar alles vorhersehen, aber irgendwas sagte Santi, dass es aktuell besser war für den Streuner, einen genauen Plan zu haben, anstatt mit allen Optionen auf einmal konfrontiert zu werden.


    • Lewis blieb bei den ganzen Ausstellungsstücken zurück, während Santiago mit dem Kerl in seinem Büro verschwand. Vermutlich durfte er hier nicht kiffen, aber seine Kopfschmerzen waren zu groß, alsdass er sich um andere Leute gekümmert hätte, und er tat es trotzdem. Wenn sie ihn doch rauschmissen, würde er eben draußen warten, aber so lange brauchte sein Freund sowieso nicht. Fünf Minuten, dann kam er mit zwei Helmen wieder heraus, munter und frisch und ganz sicher nicht mehr das Monstrum, das Lewis in der Nacht Albträume beschert hatte. Vor Erleichterung grinste er groß und breit.
      Da ist er ja wieder. Ich frage mich jedes Mal, wie ich diesen Prachtkörper nicht sexy finden kann.
      Damit ging er zu ihm und ließ sich mit dem Helm helfen, bevor sie aufsaßen. Wenn er ehrlich war, grauste es ihm bereits vor der Fahrt und auch vor der ganzen Welt drum herum mit ihren tausenden und abertausenden Reaktionen um Reaktionen, mit der sie Lewis heimsuchen wollte. Wie gerne er gleich wieder nachhause fahren und sich die Ruhe gönnen würde.
      "Fettige Burger. Willst du welche zum Mitnehmen oder können wir uns in ein halb-leeres Diner setzen?"
      Mitnehmen. Ich will wieder nachhause.
      Er stutzte, korrigierte sich.
      Zu dir mein ich. Ich will wieder zu dir.
      Dagegen hatte Santiago nichts einzuwenden. Er hielt es aber für notwendig, Lewis über das Tanken zu informieren, was ihm weniger gefiel, auch wenn er versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen.
      Kein Problem.
      Zumindest konnte er sich jetzt wieder an Santiagos Rücken schmiegen und das ganz, ohne dabei Panik zu bekommen. Das hatte er ehrlich vermisst; als Santiago losfuhr, drückte sich Lewis ausgiebig an ihn und schloss dabei die Augen. Vieles schien jetzt besser zu ertragen, jetzt da Santiago sozusagen wieder da war. Zumindest musste er sich wegen der gruseligen Gestalt keine Gedanken mehr machen.
      Sie hielten bei der Tankstelle, wobei Lewis beim Bike zurückblieb und den Boden anstarrte, um keine Bäume zu provozieren. Hier konnte er nichtmal kiffen, was alles nur viel schlimmer machte. Sein Gehirn hämmerte ihm gegen den Schädel und er stand auf eine für ihn untypisch ruhige Art da, um es zu ertragen. Aber es würde schon besser werden. Irgendwann wurde es immer besser.
      Auf dem Weg zurück fuhren sie durch den Drive Thru, wo sich Lewis einen Doppeldecker besorgte und ihn auf der weiteren Fahrt mit seinem Leben beschützte. Er hatte wirklich Heißhunger auf das fettige Teil, aber als sie wieder bei Santiago waren, drehte er sich erst zu ihm um, ergriff ihn bei den Armen und zog ihn für den ersten ordentlichen Kuss seit Tagen zu sich. Dann grinste er.
      Das hab ich schon vermisst. Sonst muss ich immer Angst haben, dass du mich gleich auffrisst oder sowas.”
      Er löste sich von ihm und betrachtete ihn für einen Moment.
      Steht die Massage noch, die du mir gestern angekündigt hast?
    • Santi beeilte sich an der Tankstelle. Jetzt, wo sein Hirn sich wieder ordentlich auf die Realität konzentrieren konnte, fiel ihm das sehr viel leichter. Dennoch behielt er ein Auge auf ihre Umgebung, sollte sich doch wieder jemand an ihre Fersen heften. Das war aber auch schon alles, was Santi auf dem Weg zur Tanke, zum Burgerhaus, nach Hause machte. Er fuhr keine Umwege, er machte keine Extratouren. Er gab Lewis sogar die Schlüssel für die Schlösser an der Haustür, damit der schonmal vorgehen konnte, während er die an seinem Tor schloss, kaum standen sie wieder in seiner Einfahrt.
      Er hatte gerade oben zugemacht, da zog Lewis ihn an sich und küsste ihn. Einen Herzschlag lang war er überrascht, dann lehnte er sich lächelnd in den Kuss hinein, schlang einen Arm um Lewis Taille. Blind legte er seine Schlüssel auf der Kücheninsel zu seiner linken ab.
      "Oh, ich will dich mit Haut und Haaren verschlingen, egal was mein Kopf mir sagt, callejero," raunte er.
      Lewis ließ ihn los und Santi schlüpfte aus seinen Schuhen, schälte sich aus seiner Jacke, seinen Handschuhen. Smartphone, Handschuhe und Sonnenbrille landeten mit den Schlüsseln auf der Kücheninsel.
      "Ich stehe zu meinem Wort," antwortete er auf Lewis' Frage hin, während er einen Teller aus einem seiner Hängeschränke holte und ihn Lewis hinstellte.
      Wenn er den Streuner schon so einen Unfall von Burger essen lassen musste, dann konnte er wenigstens auf einen ordentlichen Teller bestehen. Er selbst griff sich einen Salatkopf und ein vorgemachtes Dressing aus dem Kühlschrank. Den Salat hatte er sich schnell zurecht gemacht. Er würde sich sehr viel später eine ordentliche Portion an Proteinen einverleiben, aufdass er gut durch die Nacht kam. Noch bevor sie das Autohaus verlassen hatten, hatte Santi beschlossen, dass er heute Nacht nicht schlafen würde. Lewis brauchte Ruhe, eine ordentliche Nacht Schlaf. Und einen Tag ohne verdammte Nachrichten.
      Mit diesem Gedanken setzte sich Santi neben Lewis und drückte auf die Fernbedienung, die die Läden öffnete. Ein bisschen Sonnenlicht würde ihnen beiden schon nicht schaden.
      "Wie wär's, wenn du dir morgen frei nimmst? Du hast selbst gesagt, dass das Schlimmste vorbei ist. Bevor du protestierst," Santi hielt seine Hand beschwichtigend in die Höhe, "lass mich ausreden. Du bist vorhin gegen die Tür gerannt, weil du gesehen hast, wie ich sie dir öffne. Du vergisst, zu essen."
      Santi deutete auf den triefenden Burger und die labbrigen Fritten, die unangetastet auf dem Teller lagen, obwohl er Lewis eben kauen gesehen hatte.
      "Du hast genug getan. Ich hab meinen Verstand für die nächsten drei Tage beisammen. Wie wär's, wenn du deinen in der Zeit einsammelst, hm? Ich mag deinen Verstand nämlich."


    • Lewis ließ sich auf einen Barhocker gleiten und nahm die triefende Köstlichkeit in beide Hände. Santiago bereitete sich derweil wirklich einen Salat zu, worum er ihn keineswegs beneidete, während er in seinen Burger beißen durfte. Allein schon vom Zusehen drohte ihm das Fett über die Finger zu laufen und das war doch viel besser als ein paar mickrige Salatblätter.
      "Wie wär's, wenn du dir morgen frei nimmst? Du hast selbst gesagt, dass das Schlimmste vorbei ist.”
      Lewis verzog das Gesicht.
      Aber -
      “Bevor du protestierst, lass mich ausreden. Du bist vorhin gegen die Tür gerannt, weil du gesehen hast, wie ich sie dir öffne. Du vergisst, zu essen.”
      Lewis war bereit für allen möglichen Protest, sah aber bei dem Wink auf seinen Burger hinab, der unberührt auf seinem Teller lag. Das Fett war ihm nicht über die Finger gelaufen und der Burger hatte nichtmal Bissspuren. Lewis hatte sich all die Sekunden nach dem Hinsetzen nur eingebildet.
      Da gab er sich doch geschlagen.
      Nagut. Aber nur, weil du mich nicht ausgelacht hast.
      Da nahm er seinen Burger und biss doch endlich ab. Eigentlich wollte er selbst schon längst eine Pause machen und nur sein Pflichtgefühl gegenüber seines Bruders hielt ihn davon ab. Aber wenn ein großer, kräftiger Kerl ihm auftrug, eine Pause zu machen… Nun, er würde doch wohl sein Schicksal nicht herausfordern. Es würde schon nichts passieren in der Zeit.
      Er verschlang den Burger mit schmatzenden, obszönen Geräuschen und zündete sich seinen Joint an. Als Santiago auch fertig war und sie gemeinsam abgeräumt hatten - Lewis dachte zumindest, dass er dabei half, aber in Wahrheit starrte er nur ins Leere während der andere alles wegräumte - ging er zum Bett hinüber, zog sich aus und schlüpfte unter die Decke. Er wollte seine Massage abholen und dabei kuscheln - ordentlich kuscheln. Jetzt, wo er Santiago wieder ansehen konnte, ohne sich zu fürchten, merkte er auch, wie sehr er seine Nähe vermisst hatte. Das wollte er jetzt ohne weitere Umschweife nachholen.