Fortune's Calling [Pumi feat. Codren]

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    • Lewis rannte nicht weg. Lewis drehte sich nicht um und versuchte selbst, weiterzuschlafen. Er saß einfach nur da und wartete. Dann zog er Santi an sich und kraulte ihm durch die Haare, plapperte vor sich hin, um Santi von seinem Traum abzulenken. Lewis war da und Lewis blieb auch da. Bis zum Schluss, als Santi ihn aufforderte, weiterzuschlafen.
      "Ich bin da, wenn du wieder einschläfst."
      Santi lächelte darüber, selbst als Lewis schon wieder eingenickt war und leise vor sich hin schnarchte.

      Santiagos Paranoia nahm in der folgenden Woche eine neue Geschmacksrichtung an. Er wurde immer noch hauptsächlich von verdeckten Polizisten und Killerkommandos von irgendwelchen kriminellen Superhirnen verfolgt, aber da waren jetzt auch neue Fragen, die sein Hirn ihm stellte. Sie kreisten um den verpatzten Job (Wer hatte sie verraten? Wer von ihnen arbeitete für die CIA? Welche Drogen/Toxine/Waffen hatten sie da klauen wollen, versteckt zwischen all den Museumsstücken? Arbeitete Apollo für Interpol und hatte das alles arrangiert, um sie zu verhaften? Hatte Jericho sie gedoxxt? Hatte Skye passenderweise Reißaus genommen, weswegen die Polizei sie überhaupt erst verfolgt hatte?), aber auch um seine neu etablierte Beziehung mit Lewis (Würde er ihn im Schlaf abstechen? In der Dusche erdrosseln? Vielleicht plante er ja, die Küche und den Rest des Apartments abzufackeln? Vielleicht waren 1,5 Milliarden Dollar nicht genug und er wollte das Ganze verdoppeln? Er was so eng mit seinem Bruder, vielleicht wollte der ja auch einen Anteil? Vielleicht versteckte sich Lewis vor jemandem, der ihm gefährlich werden konnte, und nutzte Santiago als lebenden Schutzschild?). Die Abwechslung war ja ganz nett, aber all diese Fragen, die er sich den ganzen Tag lang stellte, nervten ihn doch immens. Er hatte sein Apartment so eingerichtet, dass seine Paranoia ihn einigermaßen in Ruhe ließ, aber jetzt, mit Lewis hier, fand er keine Ruhe. Das war zwar ein bisschen störend, aber Lewis schaffte es immer, ihn genug abzulenken, als dass diese Gedanken zu mächtig werden konnten.

      Santiago hatte sich einen Alptraum geholt, bevor er zur Lewis gefahren war. Er wollte weder vollkommen übermüdet bei dem Treffen auftauchen, noch sich die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrechen müssen, wer ihn gleich aus dem Fenster stieß. Angespannt war er trotzdem.
      Sie trafen sich in einem alten Apartmentgebäude. Es stand nicht leer, war aber nah dran. Man wartete wohl einfach darauf, dass die wenigen restlichen Bewohner endlich auszogen oder wegstarben, damit man diesen Ort in ein Hotel oder sowas verwandeln konnte. jedenfalls kümmerte sich niemand mehr um diesen Ort, wenn man sich das Graffiti und den ganzen Müll einmal ansah. Santiago fühlte sich irgendwie an Bryce's Haus erinnert.
      Santiago klopfte an die Tür von Apartment 32. Und Apollo machte den Fehler, ihnen die Tür zu öffnen. Irgendwas in Santiago poppte in dem Moment, in dem er das sanfte Lächeln des Mannes sah.
      Apollo kam nicht einmal dazu, eins seiner freundlichen Hallos zu äußern, bevor Santiago ihn am Kragen packte und gegen die Wand neben der Tür stieß, wo er ihn festhielt.
      "Woah!" rief Jericho im Hintergrund aus, doch Santiago ignorierte den Knirps.
      "Spar dir deine Plattitüden, Schönling," fauchte Santiago. "Ich reagiere äußerst allergisch darauf, wenn man mich als Opferlamm benutzen will. Du hast zehn Sekunden, um mich davon zu überzeugen, dir nicht auf der Stelle einen Knochen zu brechen - ich bin in der Stimmung für einen Rückenwirbel. Zehn..."


    • Es kam gar nicht erst zu irgendeiner Art von anfänglicher Höflichkeit. Apollo öffnete die abgeriegelte Tür und in Santiago schien etwas durchzugehen. Bevor einer auch nur hätte reagieren können, rammte er ihn gegen die Wand bei der Tür.
      Apollos sonst so weiche, gar freundliche Miene, war steinhart und in seinen Augen funkelte es geradezu böse. Er packte Santiago an den Armen und bohrte die Finger in seine Haut.
      "Lass mich sofort los oder du wirst es bereuen, Natale", knurrte er zurück und die Muskeln an seinen Armen traten zum ersten Mal hervor. Noch übte er keinen Druck aus, aber es war wohl abzusehen, dass hier etwas mächtig losgehen würde, wenn die beiden Männer erstmal ihre Krallen ausgefahren hätten. Da würde sie selbst dieses leerstehende Apartment nicht retten.
      Lewis, der von der Situation mindestens genauso überfordert war wie die anderen beiden, die schon drinnen waren, besaß wenigstens noch die Geistesgegenwart, die Tür hinter sich zu schließen, knapp abzuriegeln und sich dann als Streitschlichter zu versuchen. Dabei war ihm durchaus mit nervösem Herzrasen bewusst, dass er hier direkt zwischen zwei sehr unangenehme Fronten geraten könnte, wenn das doch nach hinten losging.
      "Hey man, lass uns doch lieber nachher prügeln, oder? Wenn wir über die Sache geredet haben?"
      Er legte die Hand auf Santiagos angespannten Oberarm. Für einen Moment sah es so aus, als würde Santiago doch nicht auf ihn hören und Apollo erst recht nicht. Lewis war so angespannt, hätte er in diesem Augenblick auch nur einen Knoten in seinem Gesichtsfeld aufploppen sehen, er wäre wie eine Katze in hohem Bogen zurückgesprungen. Aber es kam kein Knoten und schließlich ließ Santiago Apollo auch wirklich los. Lewis blieb an seiner Seite, zum einen, damit er nicht noch einmal auf ihn losgehen würde, zum anderen, weil Santiagos Seite bei der ganzen Angelegenheit immernoch die sicherste war. Seine muskulösen Oberarme mochten furchteinflößend sein, aber Lewis würden sie nichts tun.
      Apollo bedachte Santiago mit einem solch abwerten Blick, dass man es in den Knochen spüren konnte. Er tat auch einen Schritt auf ihn zu, furchtlos bei dem Anblick des kampfbereiten Schlägers, dann wandte er sich abrupt von ihm ab. Nicht zum ersten Mal fragte sich Lewis, ob Apollos Selbstsicherheit auch von seiner Magie kommen mochte.
      "Wenn der Kindergarten dann vorbei ist, können wir anfangen?"
      Lewis kannte Santiago mittlerweile genug, um ihn unter der Oberfläche schäumen zu sehen. Er war wie eine Zeitbombe, die jeden Augenblick hochgehen konnte und solange Lewis nicht absehen konnte, was für Folgen eine derartige Explosion mit sich bringen würde, wollte er das auch nicht riskieren.
      Ganz vorsichtig ertastete er Santiagos Hand und drückte sie leicht. Dann ließ er sie wieder los, um sich nichts anmerken zu lassen.
      Es gab einen Tisch, um den sie sich versammelten. Apollo verschränkte die Arme vor der Brust und sah jedem einzelnen mit kühlem Blick ins Gesicht.
      "Die einzige Frage, die ich beantwortet haben möchte, ist: Was? Ist? Schief? Gelaufen? Ich möchte eine klare Antwort haben und zwar jetzt."
      Darauf gab es aber keine Antwort, zumindest keine, auf die Lewis gekommen wäre. Zumindest keine, die er laut ausgesprochen hätte, denn wenn es eine gab, dann trug er sicher eine Mitschuld daran und mit dem Gedanken ans eigene Versagen hatte er sich noch nicht abgefunden.
      Es dauerte einen Moment, dann meldete sich Skye, die ebenfalls deutlich angepisst aussah, aber auf eine andere Weise.
      "Alles, was ich weiß, ist, dass alles nach Plan funktioniert hat. Und dann haben die", sie deutete anklagend auf Santiago und Lewis, "auf einmal behauptet, es ist vorbei. Die Cops waren noch nichtmal an euch dran!"
      "Aber sie hätten zu uns aufgeholt", gab Lewis säuerlich zurück, der sich nicht irgendwelche Fehler vorhalten lassen würde, die es gar nicht gab. "Sonst hätte ich ja wohl kaum abgebrochen."
      "Achja? Wenn du mich fragst, war das ein Haufen Müll. Es hat alles funktioniert, dann seit ihr losgefahren und dann soll irgendwas schief gelaufen sein?"
      "Vielleicht hätte es auch funktioniert, wenn du nicht den scheiß Wagen gerammt hättest", keifte Lewis zurück. "Schonmal daran gedacht? Dass da vielleicht ein paar Cops auftauchen könnten?!"
      "Was hätte ich denn sonst tun sollen, Neunmalklug?! Irgendeinen Technik-Scheiß machen wie Jericho und sein Handy hacken?!"
      "Irgendwas anderes halt!"
      "Dann hättest du's mir eben sagen müssen! Was, bist du doch nicht so hellsehend, wie du dich immer gibst?! Es waren deine Calls und du hast sie allesamt versaut!"
      "Fick dich! Wenn ich nicht gewesen wäre, wärst du schon im scheiß Knast!"
      "Wenn du das auch wieder so vorhersiehst wie die Cops, muss ich mir ja keine ernsthafte Sorgen machen!"
      "FICK DICH!"
      "RUHE!", donnerte Apollo und Skye verkniff sich ihre weitere Erwiderung. Lewis verschränkte zornig die Arme vor der Brust.
      "Irgendetwas ist schief gelaufen und es ist dann schief gelaufen, als der Wagen übernommen worden war. Ich will also genau wissen, was passiert ist."
      Dabei richtete er seinen stechenden Blick auf Santiago.
    • Da war es. Dieses Etwas, das Apollo so vorsichtig vor allen versteckte. Santiago hatte gewusst, dass es nicht nur seine Paranoia war, die da die Alarmglocken schrillen ließ, wann immer Apollo in der Nähe war. Er arbeitete schon zu lange auf der falschen Seite des Gesetzes, um sich mit den Raubtieren nicht auszukennen.
      Er machte einen Schritt zurück, hielt Apollos Blick aber. Selbst als sich der Mann vor ihm aufbaute, zuckte er nicht einmal mit den Augenbrauen. Apollo machte ihm keine Angst, er frustrierte ihn schlicht. Und das machte ihn nur noch wütender. Der Boxsack würde heute Abend leiden. Da konnte leider auch Lewis' moralische Unterstützung nicht mehr ändern.
      Während sich die Bohnenstangen im Raum fetzten beobachtete Santiago ihren tollen Anführer ganz genau. Er wollte diesen Mann knacken, wollte wissen, wer dieser Typ war. Aber Apollo gab ihm absolut gar nichts. Santiago hatte noch nie jemanden gesehen, der so unendlich gefasst war.
      "Guck mich nicht so an, Schönling. Ich bin den Truck gefahren wie geplant. Und die Wachen waren ausgeschaltet, das hast du selbst überprüft. Und nur zu deiner Information," Santiago wandte sie mit diesen Worten Skye zu. "Die Cops haben uns mehrfach am Arsch geklebt, nach deiner kleinen Aktion. Wir können von Glück sagen, dass wir nicht erwischt wurden."
      "Okay, cool, haben wir jetzt alle unser überschüssiges Testosteron verballert?" meldete sich Jericho zu Wort. "Wundervoll."
      Dey saß an einem alten Plastiktisch, Laptop offen, Bildschirm an. Es wunderte Santiago ein wenig, dass der ach so strenge Apollo das erlaubte. Vielleicht war das aber auch nur Jerichos Art zu zeigen, dass dey auch keinen Bock mehr auf den ganzen Kram hatte.
      "Falls es euch interessiert: Ich hab alles dreimal durchgecheckt. Keine einzige Kamera hat uns gut erwischt, der GPS Sender hat genau wie geplant die falschen Infos gezeigt. Ich war so frei und hab mir auch den Polizeifunk zum betreffenden Zeitpunkt besorgt. Es gab keinen Anruf über einen gestohlenen Truck oder sowas. Das kam später, als unser Muskelprotz hier angefangen hat, Need for Speed zu spielen. Allerdings hab ich was interessantes gefunden, als ich ein weiteres Netz ausgeworfen habe: Die DEA war in Alarmbereitschaft wegen einem Einsatz im Hafengebiet. Die Polizei war also a) schon in Alarmbereitschaft, und b) mit erhöhter Präsenz auf unserer Strecke unterwegs. Der Sting wurde so geheim wie möglich gehalten, um niemanden von der falschen Sorte zu alarmieren und Planung kaputt zu machen - was wiederum unsere Planung kaputt gemacht hat. Der Rest was einfach nur schlechtes Karma."
      Jericho zuckte mit den Schultern, vollkommen unberührt von dem Gebrüll der Bohnenstangen und der beinahe-Prügelei der anderen Hälfte des Teams.
      "Manchmal muss man einfach nur das Hirn einschalten, Leute."
      Jericho wandte sich wieder dem Laptop zu und hämmerte entspannt wieder auf der Tastatur des Laptops herum.
      "Die gute Nachricht ist, dass wir nicht erwischt wurden. Meine Hacks waren - wie immer - unsichtbar, die Kameras haben uns nicht erwischt und die Mail wurde nicht als gefälscht enttarnt. Das Museum glaubt, dass das Ganze auf einem Missverständnis beruht, das dann zu dem Diebstahl des Trucks führt. Der Diebstahl wird einer Gang zugeschrieben. Ich habe mir noch eine Freiheit erlaubt und ein paar der entsprechenden Kanäle mit entsprechenden Informationen geflutet. Die kleine Gang, die ich dafür benutze, läuft sogar mit. Die wären in hundert Jahren nicht auf so ein Ding gekommen, also schreiben sie sich den ganzen Kram stolz auf die Fahne. Wir sind fein raus, unser Image ist intakt."
      Jericho drückte theatralisch auf die ENTER-Taste, bevor dey sich wieder der Gruppe zuwandte und lächelte.
      "Das war's mit meinem Vortrag. Ihr dürft euch jetzt gern wieder darum prügeln, wer den dickeren Schwanz hat. Ich wette auf Skye."
      Santiago grunzte bloß und wandte sich wieder Apollo zu. Jetzt wo die wichtigsten Fragen geklärt waren, hätte er gern diese Erklärung, nach der er eben noch verlangt hatte.
      "Jetzt bist du dran, Schönling. Du warst bereit, die Hälfte deines Teams dafür zu opfern, ein paar alte Klunker in die Finger zu bekommen. Die Hälfte des Teams, die mich beinhaltete. Erleuchte mich, du Sonnengott: Was war dein Plan, hm? Hinter dem Job steckte doch mehr. Wenn du das Museum hättest ausnehmen wollen, um abzukassieren, hätte es hundert einfacherer Wege gegeben. Du warst hinter was Bestimmten her. Und zieh jetzt keine Boss Nummer ab. Die 'Ich bin keine Rechenschaft schuldig' Sache zieht nicht. Nicht mehr. Das ist das Problem, wenn man mit einem Team arbeitet, weißt du? Also: Ich will eine Antwort."


    • Lewis hob die Hand an die Lippen und knabberte ein wenig an seinen Fingernägeln herum. Jerichos Aussage hätte eigentlich dafür sorgen müssen, dass sie sich alle weniger Gedanken darum machten, wo denn nun wirklich der Fehler lag, aber Lewis kam nicht drum herum, ihn bei dieser Aussage noch mehr bei sich selbst zu suchen. Hätte er von dem Einsatz wissen müssen? Vielleicht schon, immerhin besaß International Crossroads einen eigenen Anlegeplatz. War es ihm irgendwie entgangen? Und wenn das so wäre? Was war ihm noch alles entflogen?
      Hatte er dann doch mehr Schuld an dem ganzen Einsatz, als er anfangs gedacht hatte? Er, der noch nie auf eigene Faust irgendwelche Entscheidungen getroffen hatte, der immer darauf angewiesen war, dass ihm irgendjemand sagte, was mit seiner Magie anzustellen war? Vielleicht war er ja doch nicht für solche Aufträge geschaffen. Vielleicht war das erste Mal nur ein Glückstreffer gewesen.
      Eigentlich war Lewis kein unsicherer Mann, er war weit davon entfernt, aber wenn seine Magie versagte, da war es doch so, als würde ein beträchtlicher Teil von ihm in sich zusammen fallen. Das wollte er nicht. Viel lieber hätte er es, wenn einfach jemand anderes die Verantwortung tragen würde.
      Apollo trug zu der ganzen Sache ein Schnauben bei.
      "Es ist auch das mindeste, was wir hiervon haben. Hätte man uns erkannt, hätte ich eigenhändig dafür gesorgt, dass die Spur nicht weiter zurückverfolgt werden kann."
      Wie auch immer er das angestellt hätte.
      Santiago stellte nun die einzige wesentliche Frage, die ihnen wohl allen auf der Zunge lag: Was war Apollos Anreiz dahinter? Beim ersten Mal mochte es das Geld gewesen sein, das für sie alle ein Anreiz gewesen war, aber dieses Mal musste Lewis zugeben, dass der Mann ziemlich leidenschaftlich hinter genau diesem Transporter her gewesen war. Er war es auch, der diesen speziellen Transport gewählt hatte und nicht mit sich hatte diskutieren lassen. Nun verlangte Santiago nach der Antwort hinter diesem Verhalten.
      Aber es sähe Apollo wohl gar nicht ähnlich, wenn er ihnen auch eine klare Antwort darauf gegeben hätte.
      "Wenn ihr es genau wissen müsst: Ich bin ein Sammler."
      Er betonte das Wort so, als würde es eigentlich etwas anderes bedeuten.
      "Ein Sammler von exotischen Dingen. Ich bin ein reicher Mann, der es sich erlauben kann, verrückten Träumen nachzuhängen und die beinhalten, dass ich mein eigenes Museum nach meinen eigenen Wünschen kultiviere. In diesem Transporter war etwas, das ich dieser Sammlung gerne hinzugefügt hätte. Aber das ist nun nicht mehr möglich."
      Forsch schlug er mit der flachen Hand auf den mitgenommenen Esstisch vor sich.
      "Und es wird auch nie wieder möglich sein, denn Metropolitan hat - selbsterklärend - die Sicherheitsstufe erhöht und wird von nun an immer einen Zweitwagen mitschicken. Unser Akt hat es in die Nachrichten geschafft und von dort in jede gottverdammte Polizeistation der Stadt. Vom Metropolitan kriegen wir nichts mehr, nicht einen Cent."
      Er funkelte in die Runde.
      "Wenn es sich also nur um unvollständige Informationen und "schlechtes Karma" handelt, trennen wir uns schlicht mit dem Wissen, dass es bei einem Mal hätte bleiben müssen. Aber lasst euch gesagt sein", seine Stimme wurde finster und drohend, "wenn das Sabotage war, dann werde ich es herausfinden. Ich werde den Verantwortlichen aufspüren und ich werde dafür sorgen, dass er sich wünschen wird, niemals auf meine Nachricht geantwortet zu haben. Es wird Konsequenzen haben. Genauso wird es das, wenn jemand hier auch nur ein Wort über diese Treffen verliert. Für diese eine, letzte Warnung wollte ich ein letztes Treffen einberufen. Das ist hiermit offiziell beendet und ich wünsche, keinen von euch jemals wiederzusehen. Unter keinen Umständen."
    • "Sammler?" murmelte Santiago. "Das ist ernsthaft deine Begründung? Für all das?!"
      Er erhob die Stimme. Es war ihm vollkommen egal, welcher der unglücklichen Nachbarn hier mithören konnte.
      "Du bist ein reicher Sack, dem langweilig war und dafür riskierst du unser aller Arsch?! Weil du deine Baseballkarte haben willst?!"
      Santiago machte seiner Wut Luft, indem er Apollo unzeremoniell gegen die nächste Wand schubste. Hart.
      "Selbst jetzt denkst du nur an deinen kleinen Pokal, der dir durch die Hände gerutscht ist. Du willst deinen kleinen Club auflösen? Schön. Mit Lackaffen wie dir will ich sowieso nichts zu tun haben."
      Er marschierte in Richtung Tür und rammte Apollo dabei mit voller Absicht mit der Schulter. Auch das hart.
      "Hey Jericho," meint er, die Hand schon am Türgriff. "Vielleicht willst du in den richtigen Kanälen vor dem griechischen Sonnengott warnen. Der verbockt seine Jobs und zieht seine Crew mit runter."
      Damit riss er die Tür auf und verschwand durch den verdreckten Flur.

      Jericho sah dem sexy Prügelknaben hinterher, dann rüber zu Apollo. Prügelknabe hatte recht. So jemand wie Apollo kannte die Ehre unter Dieben gar nicht, weil er gar kein Dieb war. Die Arbeit hatten alle nur nicht Apollo erledigt. Der hatte wahrscheinlich alle seine Informationen erkauft - und war auch noch stolz drauf. Was für ein Trustfond-Baby. Jericho würde verbreiten, dass man mit dem Kerl nicht zusammenarbeiten sollte, so wie es Prügelknabe vorgeschlagen hatte. Nur weil sie alle auf der dunklen Seite des Gesetzes standen hieß das noch lange nicht, dass es keinen Code of Conduct gab.
      Jericho klappte den Laptop zu und schob ihn zurück in die Umhängetasche, dann schnappte sich dey deren Krücke und stand auf. Mit der freien Hand bestellte sich dey via Smartphone schon einen Uber.
      "Echt, Kumpel. Nicht cool," meinte Jericho als dey an Apollo vorbeihumpelte.

      Draußen zündete sich Santiago eine Zigarette an. Dann trat er eine Mülltonne so fest, dass sie über die Straße flog und zerbeult gegen die nächste Hauswand krachte.
      "Verwöhntes Arschloch," grummelte er.
      In ihm kochte eine Wut, die er so schon sehr lange nicht mehr gespürt hatte. Er drohte gern damit, jemanden umzubringen, weil es Dinge einfach machte. Menschen fürchteten sich vor dem Tod, das war ein schlichter Instinkt. Dieser Tage meinte Santiago diese Drohungen nur selten tatsächlich ernst. Doch gerade jetzt... Er wollte seine Drohung von vorhin wahr machen. Er wollte Apollo umbringen.
      Lewis tauchte hinter ihm auf, was genug Ablenkung war, um wieder in die Gegenwart zurückzufinden. Er schnickte seine Zigarette in Richtung der demolierten Mülltonne, dann ging er die zwei Schritte zu seinem Bike und schwang sein Bein darüber.
      "Lass uns verschwinden. Wenn ich hier noch länger bleibe, stirbt jemand."
      Lewis hatte dankenderweise keine Einsprüche und so waren sie schon einen Augenblick später wieder auf der Straße.

      Irgendwas stimmte nicht. Santiago fühlte sich beobachtet. Er hatte sich gerade erst einen Alptraum geholt, seine Paranoia war also nicht daran Schuld. Instinktiv drehte er also ein paar Extrarunden und nahm ein paar sehr unpassende Abbiegungen. Schnell wurde ihm klar, warum er sich beobachtet fühlte: sie wurden verfolgt.
      "Festhalten!" rief er Lewis über das Brummen seines Motorrads zu, als sie an einer Ampel standen.
      Er spürte, wie sich Lewis Griff um seine Taille verstärkte, dann ließ er den Motor aufheulen und brauste los. Dass die Ampel für ihn noch rot war, interessierte ihn nicht. Er bretterte mit voller Geschwindigkeit zwischen zwei Autos hindurch, ignorierte das Hupen und schlängelte sich durch den Verkehr. Doch damit eröffnete er nur die Jagd.
      Ihre Verfolger setzten ihnen ähnlich rücksichtslos hinterher. Und dann flogen auch noch Kugeln. Santiago hörte die Schüsse und duckte sich instinktiv so tief, wie es seine Maschine ihm erlaubte. Er hatte keine Zeit, sich darüber zu wundern, dass genau jetzt auf ihn geschossen wurde. Zum Denken war später noch genug Zeit, jetzt musste er erst einmal handeln.
      Er nutzte sein Wissen über das dichte Straßennetz New Yorks und seine Fahrkünste voll aus, um vor ihren Verfolgern zu flüchten. Doch nichts schien zu helfen. Er konnte nichts sagen, wie viele Einheiten sie beide jagten, aber es mussten viele sein. Sobald Santiago den einen abgehängt hatte, war der nächste schon an ihnen dran. Sie schossen auch nicht willkürlich auf ihn und Lewis, sondern nur dann, wenn sie glaubten, freies Schussfeld zu haben. Santiago musste alles aus sich und seiner Maschine herausholen, damit sie beide nicht in löchrigen Käse verwandelt wurden. Doch es war nicht genug.
      Ein weiterer Schuss fiel, Santiago bog ihm letzten Augenblick ab, war aber nicht schnell genug. Schmerz schoss durch seinen Oberarm. Er fluchte.
      "Schmeiß mal das Navi an!" brüllte er Lewis zu.
      Er konnte nicht immer nur auf ihre Verfolger reagieren, er musste sie abschütteln, bevor sie sie überhaupt erreichten. Er brauchte Lewis Hilfe hierbei genau wie vor einer Woche, als er die Cops hatte abhängen müssen.
      Santiagos Arm kribbelte unangenehm, aber er ignorierte das. Er hatte jetzt sowieso keine Zeit, sich darum zu kümmern.


    • Lewis hatte rein gar nichts dagegen einzuwenden, so schnell wie möglich wieder abzuhauen. Er war nicht so schäumend wie Santiago, das nicht, aber er würde wohl froh sein, wenn er die ganze Vereinigung hinter sich lassen konnte. Man sollte sein Glück nicht allzu sehr herausfordern.
      Lewis hielt beim Motorrad fahren die Augen geschlossen, weil er sich sonst zu leicht vom Verkehr ablenken ließ. Das hatte er sich bei Santiago so angewöhnt, nachdem er ein paar Mal mit ihm gefahren war und sein Vertrauen in dessen Fahrkünste genug bestärkt hatte. Jetzt hielt er sie auch geschlossen.
      "Festhalten!"
      Irgendetwas an Santiagos Stimme ließ ihn aufhorchen und er hielt sich fest, sehr fest sogar. Da raste Santiago erst los und Lewis riss die Augen auf.
      In diesem Stadion bedurfte es nur eines einzigen Schulterblicks um zu sehen, dass sie verfolgt wurden. Wo sie gerade noch den Verkehr hinter sich ließen, schlängelten sich gleich mehrere Bikes hervor und nahmen eine sehr direkte, unverblühmte Verfolgung auf.
      Lewis war noch nie verfolgt worden - warum auch? Entsprechend panisch klammerte er sich an seinen Fahrer.
      "Man, wo kommen die denn her?!"
      Darauf gab es ganz global keine Antwort. Es interessierte sie beide einen Moment später auch nicht, als das Feuer auf sie eröffnet wurde.
      Santiago holte wirklich alles aus sich heraus, was er zu bieten hatte. Er kratzte die Kurven in einer Geschwindigkeit, bei der Lewis schwindelig wurde und bei der er sich in aller Lebensangst an den breiten Mann klammerte. Er raste in einem Tempo an den anderen Autos vorbei, dass Lewis sich schon zerquetscht und zermalmt zwischen dem Bike und einem dieser Autos vorstellen konnte. Er kreuzte Straßen mit todesmutiger Präzision.
      Doch was er konnte, hatten sich auch andere angeeignet. Und Lewis konnte unter dem Helm, dem Röhren des Motors und dem Hupen der Autos zwar nicht unbedingt hören, aber er konnte den Funkenregen ausmachen, wenn eine Kugel die Straße traf. Und als seine Bäume sich ausbreiteten, konnte er es auch noch in seinen Knoten sehen.
      "Fuck, willst du uns umbringen?!"
      Hauptsächlich Lewis, immerhin bedeckte er Santiagos Rücken mit seinem Körper. Er selbst hatte natürlich keinen Kugelschutz nach hinten.
      "Schmeiß mal das Navi an!"
      "Auf keinen Fall bremsen?!"
      Das war wohl eher ein verzweifelter Witz. Lewis hatte keine Ahnung, wohin er sie lotsen sollte.
      Immerhin fiel es ihm nach den anfänglichen Sekunden leichter, in seinen Bäumen zu navigieren und dabei nicht seiner Panik zum Opfer zu fallen. Er versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren, während er all die Pfade studierte, in denen sie von der Straße oder von Kugeln zerfetzt wurden und im nächsten Leichenhaus landeten. Davon gab es so viele, dass Lewis fast übel davon wurde.
      Er führte ihn in die Innenstadt und in den dichten Verkehr. Er führte ihn an Cops vorbei, die ihre Sirene aufheulen ließen und wiederum die Verfolgung ihrer Verfolger aufnahmen. Seine Knoten sagten ihm, dass ihnen das nichts brachte.
      "Die werden uns noch abknallen!", brüllte er über den Fahrtlärm hinweg und hoffte, dass Santiago ihn einigermaßen verstehen konnte.
      "Wir brauchen ein Auto! Auto!"
      Natürlich hatte Lewis selbst keins und Santiago war mit dem Motorrad gekommen. Außerdem hatten sie wohl nicht unbedingt die Zeit dazu, auf irgendeinen Parkplatz rauszufahren und sich ein Auto zu klauen.
      Lewis warf einen Blick zurück. Ihre Verfolger waren wegen des dichten Verkehrs ein wenig zurück geblieben, aber sie hatten es definitiv noch nicht aufgegeben.
      "Wir müssen anhalten! Irgendwo anhalten!"
      Wenn Santiago eines von ihren gemeinsamen Jobs gelernt hatte, dann war es, Lewis' Befehle nicht zu hinterfragen. Aber in diesem Moment hätte er sich gewünscht, dass die Last dieser Verantwortung nicht auf seinen Schultern alleine gelegen wäre.
      Er lotste ihn durch Seitenstraßen und dann schafften sie es, in eine offene Garage zu fahren und hinter sich das Tor zuzuknallen. Lewis sah in seinen Knoten voraus, wie viel Zeit ihnen blieb, bis sie hier wieder verschwunden sein mussten.
      Er riss sich den Helm vom Kopf.
      "Fuck! Halt das mal."
      Er drückte Santiago den Helm in die Hand, übersah in seiner Hast die blutende Wunde an dessen Oberarm, und holte sein Handy hervor. Es war eine Entscheidung aus dem Affekt, eine verzweifelte noch dazu, und Lewis hoffte, hoffte inständig, dass es eine richtige war. Er hatte sonst keine Ahnung, was er tun sollte.
      Es klingelte zwei Mal, dann hob sein Bruder, verlässlich wie immer, ab.
      "Was gibt's?"
      "Ich brauch einen Wagen, Jay!"
      Jay schnaubte.
      "Ich brauch auch vieles. Allen voran einen ordentlichen -"
      "Ich mach keinen Scheiß! Dad sagt, fick dich ins Knie, und jetzt gib mir eine scheiß Mitfahrgelegenheit!"
      Sie hatten ein Codewort, schon damals, als sie Kinder gewesen waren: Dad sagt, ein Abklatsch von Simon says. Es war einfach zu benutzen, weil ihr Dad immerhin tot war und zu seiner Lebzeit auch nie unbedingt etwas gesagt hätte, was man hätte zitieren müssen. Die Regel war einfach: Keine Fragen stellen, einfach machen.
      Dad sagt, ich bin im Supermarkt und werde mir gleich Bleach in die Augen kippen.
      Sein Bruder hielt sich dran.
      "Wo?"
      "Wo ich bin, irgendwo in der Nähe. Wir brauchen den nächstbesten, der irgendwie geht."
      Es gab immer irgendwo einen Wagen von International Crossroads, der unterwegs war.
      "Wir?"
      "Mein Freund."
      Die Fragen würden später kommen.
      Auf der Leitung war es still und Lewis wurde immer nervöser, weil ihnen die Sekunden davonliefen.
      "Machst du?!"
      "Es lädt. Warte."
      Zum Glück hielt Lewis sein Smartphone immer aufgeladen und mit dem Standort aktiviert. Er wäre sonst niemals schnell genug gewesen, ihn zu aktivieren.
      Sekunden verstrichen. Dann hörte er Jay auf der anderen Leitung irgendwas rumgruscheln und vor sich hin fluchen.
      "... Greg? Ich schick dir ein neues Ziel, hol meinen Bruder ab. ... Ja, ich weiß, dass der Wagen schon voll ist. Das ist mir egal, du wirst meinen Bruder abholen. Lewis, Columbian Street. Ist das machbar?"
      "Es muss schnell gehen. Wir haben - es wird geschossen."
      Dad sagt - keine Fragen stellen.
      "Kannst du dranbleiben?"
      "Nein."
      "Dann der Parkplatz an der Lorraine Street. Hörst du, Greg? Geht das klar, Lewis?"
      Der gab es an Santiago weiter und alles, was sie tun konnten, war es zu versuchen.
      "Die Tür ist auf, aber mach das Klopfzeichen. Und ruf mich sofort zurück."
      "Klar."
      Er legte auf und riss das Tor wieder auf. Nächstes Ziel: Lorraine Street und dort ein Wagen mit dem International Crossroads Firmenlogo.
    • Anhalten?! Ganz sicher nicht. Die Tatsache, dass Santiago's Motorrad mehr Power hatte war alles, was sie gerade am Leben erhielt. Er war gut, aber selbst er hatte seine Grenzen. Und eine unbekannte Nummer an Verfolgern mit Schusswaffen war definitiv eine dieser Grenzen.
      Mit Lewis' Hilfe nahm er ein paar sehr enge Kurven, suchte sich einen Weg durch Gassen, die nicht für eine Verfolgungsjagd mit hoher Geschwindigkeit gedacht waren. Schlussendlich lotste Lewis sie in eine private Garage, in der Santiago abrupt zum Halten kam. Er sprang von dem Motorrad und knallte das Tor zu in der Hoffnung, sich ein paar Minuten zu erkaufen. Er hatte seine Verfolger nicht gesehen, als sie hier rein gefahren waren, aber das musste nichts heißen. Er war hauptsächlich mit fahren beschäftigt gewesen.
      Er fing den Helm mit seinem guten Arm auf, als Lewis ihm den vor dir Brust zimmerte.
      "Du rufst jetzt deinen Bruder an?! Ernsthaft?!"
      Santiago schüttelte den Kopf. Viel machen konnte er ohne Lewis nicht, also hatte er wohl keine Wahl als das Telefonat auszusitzen. Er beschäftigte sich damit, sein Bike zu inspizieren. Irgendwie hatte er es geschafft, seine Maschine heil aus der Sache rauszuholen; sie hatte nicht einen Kratzer. Im Gegensatz zu ihm.
      Er betrachtete seinen Arm. Er konnte nicht sagen, ob es ein glatter Durchschuss oder ein Streifschuss war, ohne die Jacke auszuziehen. Dafür war keine Zeit. Die Jacke hatte jedenfalls zwei Löcher, was ihm zumindest verriet, dass er sich keine Kugel aus dem Arm ziehen musste. Das war schonmal gut.
      Santiago schnappte sich einen Lappen, der hier einfach rumlag. Er zog seinen Handschuh aus und wischte sich mit dem Lappen das Blut von der Hand. Dann streifte er den Handschuh wieder über und wartete.
      "Lorraine Street?"
      Santiago ging im Geiste die vielen Straßenkarten durch, die er von New York auswendig gelernt hatte.
      "Wird knapp, aber mit deiner Hilfe wird's hoffentlich gehen."
      Lewis gab die Info an seinen Bruder weiter und das war's dann. Ein Parkplatz auf der Lorraine Street... Santiago gab Lewis den Helm zurück. Während der sich den aufsetzte und auf sein Motorrad kletterte, machte sich Santiago bereit, die Garage wieder zu öffnen. Auf Lewis' Zeichen hin tat er das, dann sprang auch er auf sein Bike und sie brausten davon.
      Ihr kleiner Stint in der Garage hatte ihre Verfolger genug verwirrt, um ihnen ein Zeitfenster zu geben, das Santiago schon sehr viel mehr gefiel als die paar Sekunden, die sie vorher gehabt hatten. Viel war es trotzdem nicht. Er musste immer noch alles aus seiner Fahrerfahrung und seiner Maschine herausholen, um dieses Zeitfenster nicht kleiner werden zu lassen. Immerhin schossen ihre Verfolger nicht mehr auf sie, dafür war die Entfernung zwischen ihnen zu groß und die Manöver, die Santiago machte, zu aggressiv und unvorhersehbar.
      Und dann erreichten sie endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, die in nur einem Wimpernschlag verging, diesen verdammten Parkplatz. Santiago nahm sich die zwei Sekunden, seine Maschine ordentlich zu parken in der winzigen Hoffnung, sie vielleicht doch wieder aufsammeln zu können, sobald all dieses Chaos vorüber war. Er folgte Lewis joggend zu dem einsamen Transporter, der hier zwischen einem Haufen von kleinen Autos und Familienkutschen herumstand. Der Streuner klopfte in irgendeinem Code an, Santiago sah sich um. Niemand zu sehen. Die rückwertige Tür des Transporters öffnete sich und Lewis sprang hinein; einer von zwei bewaffneten Männern half ihm dabei. Wirklich vertrauenserweckend sahen die nicht aus. Genauso wenig wie der Haufen an kleinen Santa María Statuen, die sie offensichtlich bewachten. Die waren entweder voller Kokain oder voller Heroin. Aber das spielte jetzt keine Rolle.
      Santiago orientierte sich an dem Vertrauen, das Lewis diesen beiden Schlägertypen schenkte und sprang selbst in den Transporter. Er fluchte leise, als die Bewegung einen stechenden Schmerz durch seinen Arm jagte.
      Sie beiden Schlägertypen schlossen die Tür wieder, dann hämmerte einer der beiden gegen die Decke des Trucks. Kurz darauf fuhr der an - und brachte sie hoffentlich in Sicherheit.


    • Santiago schaffte es irgendwie, sie unversehrt zum Parkplatz zu bringen. Der Abstand zwischen ihnen und ihren Verfolgern war zwar größer geworden, aber sie waren nie ganz verschwunden. Das Straßennetzwerk von New York war zwar verflucht überfüllt und chaotisch, aber so sehr war es ihnen nun auch keine Hilfe gewesen. Wobei, ohne hätten sie sich vermutlich schon längst mehrere Kugeln eingefangen.
      Danach folgte der kurze Weg zum Transporter, den Lewis auf der Straße nie als einen von seinen erkannt hätte - was auch genau das Ziel war. In dieser kurzen Zeitspanne waren sie vermutlich so ungeschützt wie niemals sonst und wenn man sie beobachten würde, wie sie in diesen Transporter stiegen, dann würde es ihnen sowieso nicht viel helfen. Wobei die Wände immernoch sicherer waren als das offene Bike.
      Lewis klopfte an und kurz darauf öffnete sich schon die Tür. Der Motor wurde angelassen und Lewis ließ sich von einem blonden Schläger auf die Ladefläche helfen.
      "Lewis man, alles klar?"
      "Ja, grad so. Lass uns nur so schnell wie möglich abziehen."
      "Was habt ihr angestellt? Hört sich ernst an."
      Lewis drehte sich um, um Santiago hochzuhelfen, aber der andere kam ihm schon zuvor.
      "Berufsgeheimnis. Mach nur die scheiß Tür zu."
      Sie knallten sie zu und dann setzte sich der Wagen schon in Bewegung. Lewis konnte zum ersten Mal wieder ordentlich durchatmen und holte sein Handy hervor.
      Seid ihr drin?”, meldete sich Jay schon nach dem ersten Klingeln.
      Ja, hat funktioniert.
      Und wie ist die Lage?
      Das konnte Lewis erst beantworten, wenn er einen Blick auf die Straße warf. Zum Glück gab es hier kleine, hohe Fenster, zu denen er jetzt durch zu klettern versuchte, um durch die abgedunkelte Scheibe nach draußen zu blicken. Seine Bäume änderten sich nach den neuen Informationen, die ihm zugeflossen kamen.
      Sie fahren jetzt auf den Parkplatz. Sie werden das Bike finden und die Reifen durchstechen”, ein Seitenblick ging zu Santiago, dem das sicher gar nicht gefiel, “dann werden sie uns folgen. Aber sie schießen nicht, ich glaube, sie sind sich nicht sicher, ob wir wirklich drin sind.
      Das gefällt mir nicht. Nicht zu schießen ist gut, aber ich will sie nicht zur Station führen, egal wer das ist.
      Da fahren wir hin?
      Klar, was denkst du denn, was in diesem Transporter ist?
      Lewis sah sich um, aber er konnte ehrlich nicht zwischen ihren Lieferungen unterscheiden. Ob das jetzt die Santa Maria Figuren aus Mexiko waren oder die hohlen Computer-Gehäuse aus der Westside, für Lewis war irgendwie alles dasselbe.
      Ich werde Greg sagen, dass er auf der Hauptstraße bleiben soll, bis sie das Interesse verlieren. Dann verspätet sich zwar alles, aber das ist zu verkraften, ich kann das aushandeln.
      Sicher?
      Ganz sicher. Lass du dich nur nicht umbringen. Soll ich dir Männer schicken?
      Ich hab schon einen.
      Jay schnaubte.
      Scherzkeks. Ruf mich an, wenn was ist.
      Mach ich. Danke, Jay.
      Lass es dir nicht zu Kopf steigen, Idiot.
      Lewis legte auf und kam dann zurück geklettert. Santiago hatte einen Sitzplatz gefunden, bei dem er nicht bei jeder Kurve durch die Gegend geschleudert wurde und -
      Scheiße, du blutest ja!
      Vorhin war ihm das nicht aufgefallen, aber da war ein dunkler, nicht zu verkennender Fleck auf Santiagos Jacke, der sich bis nach unten zum Handgelenk zog. Lewis war so froh gewesen, dass er selbst keinen Rückenschuss erlitten hatte, dass er gar nicht daran gedacht hatte, dass es Santiago hätte treffen können. Zum Glück aber nicht lebensgefährlich - solange er jetzt nicht noch verblutete.
      Zieh das aus, lass mich das ansehen. Brauchst du einen Arzt? Wenn du mir hier drin verblutest, bring ich dich um.
      Sie versuchten die Wunde zu behandeln, so gut es eben ging, aber solange sie gewissermaßen in diesem Transporter fest steckten, konnten sie nicht mehr tun als zu hoffen, dass es keine allzu tiefe Wunde war. Lewis machte sich trotzdem ernsthafte Sorgen um ihn.

      Einige Minuten lang fuhren sie durch die Innenstadt von New York, dann wurde der Wagen langsamer, blieb stehen und fuhr auch nicht so schnell wieder an. Beide Wachen bei ihnen im Laderaum hoben die Hand zu ihren Funkteilen im Ohr. Beide Wachen wurden mit einem Schlag ernst.
      “Cops.”
      Hier? Wegen uns?
      “Straßensperre. Wegen der Schießerei.”
      Das war gewissermaßen wegen ihnen. Zum Glück nicht wegen dem Transporter.
      Aber eine andere Sache fiel Lewis trotzdem auf, als er in den Innenraum blickte, vollgestopft mit irgendwelchen Statuen und bewacht von gar vier Männern, von denen einer blutete. Es war, was den anderen in derselben Sekunde wohl auch auffallen mochte.
      Alleine wären sie durch eine Kontrolle vermutlich noch durchgekommen. Es war zwar nicht optimal, aber Jay hätte sie sicher irgendwie durchlotsen können. Aber zu viert, hinten drin? Mit einem, der sichtlich verwundet war? Man würde nur die Tür aufmachen und sofort den ganzen Wagen beschlagnahmen. Und was für Lewis zumindest viel schlimmer war, als verhaftet zu werden, war die ganze Ware zu verlieren. Es ging zwar nicht ums Geld, aber es ging um den Ruf, es ging um das Versprechen, das International Crossroads seinen Kunden mitgab. Die Ware wurde stets sicher an den vereinbarten Ort gebracht und der Versender mit keiner Unternehmung gefährdet.
      Mindestens gegen eine Sache würden sie hier verstoßen und wenn herauskam, wem der Transporter gehörte, wäre ganz Crossroads gleich mit dran. Das hier ging schon weit über die Gefahr einer gewöhnlichen Straßensperre hinaus.
      Das begriffen auch die anderen und mit einem Schlag war die Stimmung im ganzen Transporter spürbar verändert.
      Lewis musste das dringende Bedürfnis unterdrücken, sofort wieder seinen Bruder anzurufen. Nachdem Santiago ihn in der Garage deswegen so angefahren hatte, wollte er sie selbst aus dieser Lage befreien - immerhin war er auch im Vorstand und dazu auch noch magisch begabt! Er würde doch mit einer einfachen Straßensperre zurecht kommen?!
      Aber er hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Er hatte keine Ahnung, was er anordnen sollte. Gab es hier überhaupt irgendeinen Ausweg? Konnten sie hier überhaupt entkommen?
      Können wir aussteigen?
      Der blonde gab die Frage an Greg weiter.
      “Keine Chance. Die behalten alles im Auge.”
      Das wäre Lewis’ einzige Idee gewesen, wie er sich zu helfen gewusst hätte. Aber damit war auch das vorbei.
      Er kletterte wieder zum Fenster und starrte nach draußen. Ein paar Sekunden, dann eröffnete sich ihm, dass die Cops in etwa sechs Minuten auch bei ihnen angelangt wären und sich mit Greg unterhalten würden. Er wäre dazu gezwungen, die Ladefläche zu öffnen und sie ihnen zu präsentieren.
      Lewis wusste nicht weiter. Er hob eine Hand an die Lippen und knabberte an seinen Fingernägeln. Die Schläger unterhielten sich durch den Funk mit Greg.
      Dann klingelte sein Handy und Lewis versuchte, die Erleichterung zu verstecken, als er Jay’s Name auf dem Display sah.
      Ja.”
      Wann sind sie da?
      Jay machte sich gar nicht erst die Mühe, nach den Begebenheiten zu fragen. Erst die Situation klären, danach ihre Ursache erfragen.
      Sechs Minuten.
      Auf der anderen Leitung unterhielt er sich wieder mit Greg. Es war abgehackt, Greg lieferte kurze Antworten. Lewis konnte sich vorstellen, dass die meisten davon “Nein” waren.
      Dann war Jay wieder da.
      Wir brechen ab.”
      Was?
      Wir brechen die Lieferung ab.
      Wie?
      Notfallprotokoll, Lewis. Ich lass dich nicht von den Schweinen verhaften und ich lasse die auch sicher nicht meine ganze Ware beschlagnahmen. Wir brechen ab.
      Und was heißt das?
      Dass ihr euch jetzt alle sehr gut festhalten müsst und du mir die Lage der Straße weiter gibst.
      Lewis gab das weiter und kaum hatten sie alle einen Ort gefunden, an dem sie sich festhalten konnten, drückte Greg schon das Gaspedal durch. Der Transporter machte einen Satz, dann schoss er los. Fast zeitgleich heulten die Sirenen auf.
      Draußen krachte es. Der Transporter fuhr um eine Kurve, wurde durchgeschüttelt, riss sich in die andere Richtung. Der Wagen holperte unsanft über die Straße, nahm weiter Fahrt auf, ließ die Sirenen hinter sich. Fürs erste.
      Schaffen wir es in die 13th Avenue?
      Lewis sah nach draußen.
      Nein.”
      Der Wagen lenkte herum, Reifen quietschten, sie wurden in die andere Richtung geworfen. Lewis hätte sein Handy fast verloren und fluchte.
      Ocean Avenue?
      Nein.”
      49th Street?
      Wie lange brauchst du?
      Eine Minute für euch zum abhauen.
      Ja. Gut möglich.
      Der Wagen schlitterte. Sirenen kamen aus der Entfernung wieder näher, dann eine nächste Kurve und sie waren wieder weiter entfernt. Der Transporter kratzte an einer Wand entlang und der ganze Innenraum wurde herumgeworfen.
      Die Flucht dauerte keine fünf Minuten. Nach einer weiteren Kurve stieg Greg mit ganzem Gewicht auf die Bremse und beide Wachen rissen zeitgleich die Tür hinten auf.
      “Raus, raus, raus!”
      Sie gehorchten und verließen den Wagen. Der Blonde gab die Anweisung von Jay weiter, dass sie sich sofort aufteilen und verschwinden sollten. Die Sirenen waren schon zu hören.
      Greg blieb einen Moment noch im Wagen zurück. Er hantierte am Amaturenbrett herum und tippte ein paar Sekunden auf seinem Handy herum. Dann sprang er selbst heraus und lief, als wären die Hunde hinter ihm her.
      Es dauerte fünf Sekunden, dann hörte Lewis Jays Warnung an seinem Ort. Er sprintete mit Santiago um eine Hausecke - dann explodierte es hinter ihnen. Der Wagen ging vollständig in die Luft, ein ganzer Feuerball, der sich in den Himmel erhob. Der Boden vibrierte und das Krachen war so laut, dass Lewis davon die Ohren klingelten.
      Den Wagen gab es jetzt nicht mehr. Er brannte vollständig und mit ihm all die Ladung, die hinten drin gewesen war.
      Jetzt wurde auch klar, warum sie so um ihr Leben rannten: Die Polizei würde zuerst den Ort der Explosion anfahren und bis dahin sollten sie so viel Abstand wie nur möglich zwischen sich bekommen, um sich dann zurück in das Chaos der Innenstadt zu gliedern und zu verschwinden. Die Verbindung mit Crossroads gab es jetzt nicht mehr, es gab nur noch sie fünf, die sich aus dem Staub machen mussten.
      Lewis hielt sich dabei an Santiago, während Jay in seinem Handy schon seinen Namen rief.
      Lewis? Bist du noch da? Lew?
      Bin da.
      Bist du verletzt?
      Nein.”
      Gut, dann sieh zu, dass sie dich nicht noch kriegen. Bleib von der Firma fern und am besten auch von deiner Wohnung. Schaffst du das?
      Ja.”
      Ruf mich zurück, wenn du irgendwo sicher bist.
      Klar.”
      Und sie verschwanden.
    • Es war nicht Santiagos erstes Mal im Laderaum eines Transporters und es würde mit Sicherheit auch nicht das letzte Mal sein. Er hatte also schon Erfahrung damit, es sich halbwegs bequem zu machen, wenn keine richtigen Sitzplätze vorhanden waren. Da ihm gerade eher weniger nach stehen zumute war und er sich endlich mal seinen Arm ansehen wollte, sank er neben einem der Regale auf den Boden. Er erlaubte sich einen Moment, in dem er einfach nur durchatmete. Er lehnte den Kopf gegen eine der Streben des Regals in seinem Rücken und schloss die Augen. Seine Gedanken drifteten sofort zu all den Gründen, die diese Verfolgungsjagt haben könnte, aber er zwang sie alle zurück in ihre Kisten. Jetzt darüber nachzudenken brachte ihm nichts. Sie waren immer noch nicht in Sicherheit, er hatte also andere Prioritäten.
      Lewis telefonierte schon wieder mit seinem Bruder und begann, sich durch den Truck zu bewegen wie ein Kind auf einem Kletterspielplatz. Santiago war froh, dass er nichts abbekommen hatte.
      "Sie werden das Bike finden und die Reifen durchstechen."
      Santiago verzog das Gesicht. Er hatte gerade erst neue aufgezogen. Aber wenn es nur bei den Reifen blieb, konnte er damit leben. Besser das als seine Eingeweide. Was ihn wiederum an seinen Arm erinnert.
      Das Kribbeln war noch immer da, aber Santiago wusste, dass das normal war. So normal es eben war, angeschossen zu werden. Der Schmerz fraß sich von seiner Schulter bis hinab in seine Fingerspitzen, aber das war kein wirklich guter Indikator für den Schaden, den er erlitten hatte.
      Er zog sich den Handschuh wieder von den Fingern. Das Leder war ruiniert, so viel stand fest. Seine Hand sah aus, als hätte er jemandem das Herz aus der Brust gerissen, da sich sein Blut in dem Handschuh ausgebreitet hatte. Na toll. Er steckte den Handschuh weg - er würde hier drin nicht mehr Spuren hinterlassen als unbedingt notwendig. Dann warf er einen Blick auf das Loch in seiner Jacke. Durch das Loch konnte er nur sein eigenes Blut sehen, nicht die eigentliche Verletzung.
      "Scheiße, du blutest ja!"
      Im Bruchteil einer Sekunde war Lewis bei ihm.
      "Halb so schlimm, die Kugel ist durchgegangen," kommentierte Santiago schlicht, als wäre das nur ein gewöhnlicher Dienstag für ihn.
      Lewis half ihm aus seiner Jacke heraus. Er biss sich auf die Zunge als der Stoff über seine Wunde schabte. Sein Shirt war natürlich auch ruiniert. Der schwarze Stoff war an der gleichen Stelle gerissen wie seine Jacke und hatte sich mit seinem Blut vollgesogen. Sein Arm sah nicht viel besser aus als seine Hand.
      Jetzt, ohne die Jacke, konnte Santiago erkennen, dass es ein Streifschuss gewesen war. Die Wunde sah übel aus, als hätte die Kugel einen Teil seines Arms einfach herausgerissen. Er war sehr dicht an einem Durchschuss vorbeigeschrammt. Er würde das Nähen müssen. Krankenhaus kam natürlich nicht in Frage, die mussten alle Schusswunden - auch Streifschüsse - melden. Die Verletzung weg zu erklären würde schwer werden und Santiago hatte nur wenig Lust, so auf dem Präsentierteller zu sitzen, wenn sie noch immer aktiv verfolgt wurden.
      "Gib mir einfach den Erste Hilfe Kasten da," meinte Santiago.
      Lewis folgte seiner Anweisung dankenderweise ohne zu zögern. Er gab dem Streuner genaue Anweisungen, um seine Wunde zu versorgen, da das mit nur einer Hand deutlich komplizierter war und der fragwürdige Fahrstil des Truck Fahrers die ganze Sache nicht einfacher gestaltete. Unter seiner Führung desinfizierte Lewis die Wunde (nicht besonders angenehm; Santiago entwichen einige deftige Flüche auf Spanisch) und verband sie grob, um die Blutung endlich zu stoppen. Es war nicht besonders hübsch und nicht das, was Santiago wirklich brauchte, aber für den Moment würde es reichen. Es musste.

      Santiago saß noch immer auf dem Boden, den Kopf gegen das Regal gelehnt, die Augen wieder geschlossen, als der Truck anhielt. Er fragte sich kurz, ob sie ihr Ziel erreicht hatten, doch diese Frage wurde schnell beantwortet.
      "Cops," sagte einer der beiden Schlägertypen.
      Dieser Tag ließ einfach nicht locker, dachte Santiago und stand auf. Was auch immer gleich passieren würde, er wollte dafür nicht einfach nur rumsitzen. Lewis telefonierte schon wieder mit seinem Bruder und die Schlägertypen unterhielten sich jetzt mit ihrem Fahrer. Santiago fühlte sich ein bisschen außen vor und das machte ihn nervös.
      "Festhalten," informierte Lewis ihn dann.
      Das musste er nicht zweimal sagen. Santiago hielt sich sofort mit einer Hand and einer Schlaufe an der Decke fest und schob einen Fuß unter eines der Regale für weiteren Halt. Kurz darauf wurde der fragwürdige Fahrstil halsbrecherisch. Santiago wusste nicht, was gerade passierte, aber irgendetwas sagte ihm, dass das eine sehr dumme Aktion war, um sich vor den Cops zu drücken. Ändern konnte er es jetzt nicht mehr.
      Er hörte das Hupen von anderen Autos, die Sirenen der Polizei, das Krachen von diversen Sachschäden. Der Truck wurde ordentlich durchgerüttel. An einem Punkt musste er sogar Lewis auffangen, der halb durch den Truck geschleudert wurde. Er ignorierte den Schmerz, der dabei durch seinen verletzten Arm schoss, den er gerade um Lewis' Hüfte geschlungen hatte.
      Der Truck blieb schließlich stehen und die Hecktür wurde aufgerissen.
      "Raus! Raus! Raus!" brüllten die Schlägertypen.
      Das mussten sie Santiago nicht zweimal sagen. Er sprang aus dem Wagen, dann folgte er Lewis, der sofort Hackengas gab und zur nächstbesten Hausecke sprintete. Sie waren kaum abgebogen, da bebte eine Explosion durch die Gasse. Instinktiv packte Santiago Lewis am Shirt und warf ihn gegen die Wand. Er presste ihn mit seinem eigenen Körper dagegen, schützte ihn vor eventuellen Schrapnellen. Erst, als ein brennender Reifen an ihnen vorbeirollte, ließ Santiago den Streuner los. Dann packte er ihn an der Hand und rannte los. Sie sollte nicht hier sein, wenn die Cops in neunzig Sekunden hier aufkreuzten.
      Santiago konnte nichts hören, das Klingeln in seinen Ohren war zu laut. Er sorgte sich nicht darum, das war normal nach einer Explosion. In ein paar Minuten wäre das wieder in Ordnung.
      Er zerrte Lewis hinter sich her durch ein paar weitere Gassen, durch einen eingezäunten Parkplatz und auf eine belebtere Straße, während der sich kurz bei seinem Bruder abmeldete. Santiago hatte seine Jacke wieder angezogen, was das Blut auf seinem Arm verbarg, und schob seine blutige Hand jetzt in die Jackentasche, um auch das Blut zu verstecken. Er verlangsamte seine Schritte bis es aussah, als gingen sie einfach nur Hand in Hand durch die Straße wie so viele andere New Yorker auch. Schließlich zog er Lewis in einen Supermarkt hinein, wies ihn an, sich einen Korb zu nehmen, und schlenderte mit ihm durch die Regalreihen.
      Santiago warf einen Eimer Eiscreme in den Korb, zusammen mit einem Netz Orangen, Eiern, Thunfisch, und einem Eimer Joghurt. Er ließ Lewis ein paar Snacks einpacken, dann gingen sie bezahlen. Santiago wusste, wie surreal es für Lewis sein musste, einfach einkaufen zu gehen, nachdem auf sie geschossen worden war, die Polizei sie nun auch verfolgte, und sie einen Truck in die Luft gejagt hatten. Aber Santiago wusste, was er da tat - das war tatsächlich nicht sein erstes Rodeo. Sein erstes in New York, aber nicht sein erstes.

      Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie bei Santiago ankamen. Er hatte darauf bestanden, dass sie eine absurde Anzahl an Bussen und Umwegen nahmen und auch viel der Strecke zu Fuß erledigten. Das war nicht seiner magischen, sondern seiner professionellen Paranoia geschuldet. Aber schlussendlich schloss Santiago alle seine Schlösser hinter sich, noch bevor das Eis in der Tüte geschmolzen war.
      Mit Lewis' Hilfe schälte er sich wieder aus der Jacke heraus und diesmal auch aus seinem Shirt. Sein Arm sah furchtbar aus.
      "Da oben in meinem Büro ist eine Truhe," meinte er und deutete auf einen hölzernen Koloss, den man von der Küche aus auf der zweiten Ebene sehen konnte. "Da ist eine weiße Kiste drin. Die brauch ich."
      Er schob Lewis einen kleinen Schlüssel über die Kücheninsel zu. Während der Streuner ihm seine Sachen brachte, räumte Santiago den Einkauf in den Kühlschrank. Er hielt sich noch immer davon ab, über alles nachzudenken. Seine Priorität war zwar nicht mehr, vor irgendwelchen Verfolgern zu flüchten, dafür lag sie jetzt darauf, sich selbst wieder zusammenzuflicken.
      Lewis stellte die Kiste vor ihm ab.
      "Ich werde jetzt meinen Arm nähen. Wenn dir das auf den Magen schlägt, dann guck nicht hin," warnte er den Streuner, während er sich zurecht legte, was er brauchen würde.
      Er hatte tatsächlich verschlossene Näh Kits, wie man sie in Notaufnahmen vorfand Er ließ sich von Lewis eins aufreißen und die Nadel vorbereiten, während er selbst die Wunde ordentlich desinfizierte. Er nahm Lewis die Nadel ab und wartete einen Augenblick, um Lewis Zeit zu geben, sich zu entscheiden. Dann widmete er seine volle Aufmerksamkeit der Aufgabe, die sich ihm präsentierte.
      Santiago nähte seinen Arm mit präzisen, geübten Bewegungen, selbst wenn er nur eine Hand zur Verfügung und keinerlei Schmerzmittel genommen hatte. Er blendete alles um sich herum aus, um die Konzentration für diese Sache zu finden. Es dauerte wahrscheinlich länger als es mit einem Arzt gedauert hätte, aber das war ihm egal, solange er es hinbekam. Und das tat er. Seine Naht sah ziemlich gut aus, als er die Nadel weglegte und Lewis darum bat, den Faden abzuschneiden und ihm mit dem Verband zu helfen. Ohne das Ruckeln des Trucks war dieser Teil sehr viel einfacher und das Endergebnis sah sehr viel sauberer aus. Santiago beendete seine eigene Behandlung damit, dass er eine ordentliche Ladung Ibuprufen einwarf und sich mit dem Eimer voller Eis und einem Löffel auf sein Sofa sinken ließ.
      Er hatte keine Lust mehr auf diesen Tag.


    • Keine halbe Stunde später standen sie in einem Supermarkt, vor einem Regal mit Süßigkeiten, das Lewis mit offenem Mund anstarrte. Er hatte nicht ganz begriffen, was hier gerade abging; gerade eben waren sie noch vor einer Explosion und heulenden Polizeisirenen geflüchtet, Santiagos Arm und Hand voller Blut, jetzt standen sie in einem rege besuchten Supermarkt, der kühl und von dem Piepen der Kassen erfüllt war, und Lewis sollte etwas zum snacken aussuchen. Etwas zum snacken? Hatte er irgendwie den Übergang von einer Szene in die nächste nicht ganz mitgekriegt? Träumte er? Wie fand man heraus, ob man träumte?
      Er zwickte sich, was mächtig wehtat, und sah dann genauso fassungslos auf seinen Arm hinab. Vor seinen Augen schwebten noch immer die Knoten seiner Bäume, aber es war nicht so schlimm, um nichts anderes mehr sehen zu können. Er konnte sehr wohl sehen, dass er noch immer im Supermarkt stand und Santiago dicht bei ihm darauf wartete, dass er seine Wahl traf.
      "Man, ich bin nicht high genug für sowas", murmelte er zu niemandem direkt. Dann griff er sich eine neongrüne Verpackung, die ihm am meisten hervorstach, und warf sie zu den scheiß Orangen, dem Thunfisch, dem... was taten sie hier eigentlich? Energisch rieb er sich die Augen und folgte Santiago zur Kasse, der kein Problem damit hatte, alles einhändig zu erledigen. Nur Lewis wusste wohl, dass seine Jackentasche jetzt voller Blut war, aber das sorgte nicht dafür, dass ihm die Situation realer vorkam. Wenn er alleine gewesen wäre, hätte er wohl für die nächste Stunde U-Bahn-Hopping betrieben, bis ihm keine Cops mehr über den Weg liefen, und dann hätte er in irgendeinem Diner die Zeit totgeschlagen, bis er in den ersten Club flüchten konnte. Ab dann hätte er sich wohl sicher sein können, dass ihm niemand mehr auf die Schliche kam.
      Santiago fuhr zumindest für den Heimweg eine ähnliche Schiene, aber etwa 10x schlimmer, wie Lewis es getan hätte, und auch doppelt so lang. Sie benutzten alle möglichen Transportmittel, um quer durch die Stadt und wieder zurück zu fahren, und weil Lewis nervös genug war, hielt er die Augen dabei geöffnet und auf die Straße gerichtet. Sie mussten sich dann langsam zurückziehen, als ihm die Kopfschmerzen zu viel wurden und er genauso hibbelig mit geschlossenen Augen im Bus saß, während er Santiago alle paar Sekunden fragte, ob auch wirklich noch alles okay war. Lewis war es nicht gewöhnt, nicht den Überblick zu haben. Er mochte es nicht und konnte kaum stillhalten.
      Erst bei Santiago Zuhause konnte er aufatmen und half dem anderen aus der Jacke. Es sah so aus, als wäre sein ganzer Arm zerfleddert, auch wenn Lewis wusste, dass es nur eine einzige Wunde war. Der Anblick war trotzdem grausam.
      "Brauchst du Schmerzmittel?"
      Santiago brauchte seine weiße Kiste und die holte Lewis ihm sofort.
      "Ich werde jetzt meinen Arm nähen."
      "Du? Selbst? Dir selbst?"
      "Wenn dir das auf den Magen schlägt, dann guck nicht hin."
      "Ich kotz dir in den Schoß. Lass mich trotzdem zusehen."
      Er half Santiago, alles vorzubereiten, dann sah er mit entsetzter Faszination dabei zu, wie der Mann einhändig seinen eigenen Arm nähte - und das auch noch gut. Die Stiche waren sauber, regelmäßig und er zuckte kein einziges Mal, wenn er den Faden durchzog. Lewis wurde davon wirklich ein bisschen schlecht, aber er konnte einfach nicht wegsehen. Viele, endlose Minuten lang saßen sie in Schweigen gehüllt, bis Santiago seine Arbeit schließlich beendete. Besser hätte es auch ein Arzt nicht hinkriegen können.
      "Warum kannst du das so gut?"
      Die Antwort war vermutlich offensichtlich: Aus demselben Grund, weshalb Santiago so zielgerichtet in den Supermarkt marschiert und sie gezwungen hatte, einzukaufen. Das hier war nicht sein erstes Mal und das in sämtlichen Aspekten.
      Lewis half ihm, die Arbeit zu beenden, dann zogen sie sich auf die Couch zurück. Santiago löffelte sein Eis, Lewis versuchte sich am Joint drehen; allerdings waren seine Hände nicht ruhig, seine Augen brannten noch von der langen Fahrt und als seine Bäume ihm zeigten, wie schlecht seine Arbeit zum Schluss aussehen würde, durchdrang ihn für jeden neuen Knoten scharf stechende Kopfschmerzen. Er hatte schon zu viel Magie für diesen Tag benutzt. Den Joint brachte er fertig, aber nur unter viel Geschimpfe und viel Gemurre und gleichmäßig war er zum Schluss auch nicht. Dann konnte er ihn aber anzünden und alles wurde etwas besser.
      Sie schalteten den Fernseher an wie an einem gewöhnlich verfluchten Abend unter der Woche und Santiago sah sich an, was auch immer lief, während Lewis die Augen geschlossen hielt, kiffte und sich mit seinem ansteigenden Heißhunger über die Snacks hermachte. Die neongrüne Verpackung stellte sich als Apfelringe heraus und er aß genug davon, dass ihm vom Geschmack alleine schlecht wurde. Dann lehnte er sich an Santiago und der legte einen kräftigen, gesunden, Arm um ihn.
      "Ich glaub, es war kein Zufall, dass sie uns direkt nach dem Treffen aufgelauert haben. Hatten die anderen auch mit Verfolgern zu tun? Hast du Jerichos Nummer?"
    • Santiago verschlang den halben Eimer Eis, während er er Folge um Folge Storage Wars guckte. Das Konzept war einfach genug und er hatte schon davon gehört, dass unbezahlte Lagerräume versteigert wurden. Mehr als ein Meth Labor war auf diese Weise entdeckt worden. Eher suboptimal, wenn man ein großes Business aufziehen wollte, aber für Kleinkriminelle war es ein billiger Start - nur leider hatten die meisten von denen nicht genug Hirn, um sich nicht nur räumlich von ihren Machenschaften zu trennen, sondern um den Papierweg auch zu unterbrechen. Die unterzeichneten doch tatsächlich mit ihren eigenen Daten, wenn sie so einen Ort anmieteten.
      "Ich glaub, es war kein Zufall, dass sie uns direkt nach dem Treffen aufgelauert haben. Hatten die anderen auch mit Verfolgern zu tun? Hast du Jerichos Nummer?"
      Santiago seufzte. Es war wohl an der Zeit, sich die Gedanken zu machen, die er sich nicht hatte machen wollen.
      "Nein," beantwortete er den einfachsten Teil. "Ist mir ehrlich gesagt auch egal, ob die anderen verfolgt wurden. Was mir nicht egal ist, sind unsere Ärsche."
      Er stand auf und ließ Lewis auf seinen nun leeren Sitzplatz plumpsen. Er ging zurück in die Küche, wo er zuerst den Eimer wegpackte, dann schnappte er sich sein Smartphone und suchte sich eine bestimmte Nummer raus. Es klingelte einmal, zweimal.
      "Finance & Solution, Grace am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?"
      "Ich muss mit Garcia sprechen."
      "Ich fürchte hier arbeitet kein Garcia."
      "Da hast du Recht Grace. Du arbeitest für ihn. Jetzt leg auf, ruf ihn an, und sag ihm, dass Santiago mit ihm sprechen muss. Sofort."
      Grace grunzte am anderen Ende der Leitung, doch Santiago legte zuerst auf. Er drehte sein Smartphone ein paarmal in der Hand, dann klingelte es.
      "Santiago! Welches Feuer muss ich heute für dich löschen? Noch ein paar Goldbarren?"
      Diego klang außer Atem. Santiago konnte eindeutige Geräusche im Hintergrund hören.
      "Wirst du gerade gevögelt?" fragte er.
      "Natürlich nicht! Preston hält gerade schön still, damit ich mich mit dir unterhalten kann." Diego's Grinsen war nicht zu überhören.
      "Stell mich auf Lautsprecher."
      Ein leises Klicken ertönte, dann konnte Santiago genau hören, was gerade auf der anderen Seite der Leitung passierte.
      "Mach weiter, aber langsam. Lautsprecher aus."
      Ein weiteres Klicken. Santiago konnte hören, wie Garcia seinem Boy Toy sagte, auf ihn zu hören, gefolgt von einem genüsslichen Seufzen des Bänkers.
      "Zuhören, Diego, sonst sag ich ihm, dass er ganz aufhören soll. Ich muss wissen, ob jemand ein neues Kopfgeld auf mich ausgesetzt hat."
      "Kopfgeld? Davon hast du doch schon seit Jahren keins mehr abbekommen."
      "Mach einfach, Diego."
      "Okay, okay, gib mir eine Minute."
      Santiago schnappte sich in der Zeit, in der er auf eine Antwort wartete, eine der Orangen und begann damit, sie zu schälen. Dafür klemmte er sich das Smartphone zwischen seine gute Schulter und sein Ohr.
      "Ich seh hier nur die, die du schon seit Ewigkeiten hast," antwortete Garcia schließlich. "Nichts neues in drei Jahren."
      "Gut. Check die Kopfgelder auf einen Lewis..."
      Er sah zu Lewis rüber und ließ sich von ihm seinen Nachnamen geben.
      "Lewis Castro. Und check auch, ob was auf International Crossroads steht."
      "So fordernd heute, was war denn los?"
      "Diego..." Santiago knurrte geradezu in den Hörer, was Garcia ein leises Stöhnen entlockte.
      Dafür, dass der Mann so viel Macht hatte, konnte Santiago ihn ziemlich leicht um den Finger wickeln. Natürlich nur, weil Garcia es zuließ und seinen Spaß daran hatte. Er könnte Santiago mit einem Fingerschnippen das Genick brechen, wenn er wollte - nicht unbedingt auf körperlicher Ebene, aber dafür auf so ziemlich jeder anderen.
      "Nichts. Sowohl dein Lewis, als auch diese Firma sind clean. Verrätst du mir jetzt, was los ist? Du weißt doch, wie neugierig ich bin."
      Santiago seufzte und ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Er aß ein Stück Orange in der Zwischenzeit.
      "Ich war auf dem Heimweg von einem Job und dann wurde plötzlich auf mich geschossen. Wer auch immer die Eier dazu hatte, hat offen im New Yorker Verkehr rumgeballert. Null Diskretion. Sowas spricht normalerweise für viel Geld im Hintergrund. Und die waren gut. Haben mich auf dem Motorrad durch die halbe Stadt gejagt."
      "Klingt nicht besonders gut. Ich halte die Augen und Ohren offen. Vielleicht will sich ja ein Newcomer einen Namen machen."
      "Check auch die privaten Sicherheitsfirmen. Wäre nicht das erste Mal, dass die ihre Leute hinter mit her schicken, um zu gucken, ob die's drauf haben."
      "Wird gemacht."
      "Danke. Lautsprecher."
      Garcia kicherte, dann klickte das Telefon.
      "Fick ihn hart, aber lass ihn nicht kommen. Er kriegt drei Edges, dann drei Orgasmen. Und du bleibst in ihm drin; er soll deinen Schwanz im Nachhinein schön warmhalten. Lautsprecher aus."
      Klick.
      "Wie großzügig von dir," säuselte Garcia.
      "Wie heißt das?"
      "Danke, Sir."
      "Braver Junge."
      Santiago legte auf und warf sein Smartphone zurück auf die Kücheninsel. Keine neuen Kopfgelder, es war also nicht seine Vergangenheit, die ihn da eingeholt hatte. Lewis hatte Recht: das Timing des Angriffs war fragwürdig. Hatte Apollo geplant, sie alle loszuwerden? Wäre nur logisch, nachdem sein ach so toller Plan geplatzt war. Der Mann hatte zugegeben, flüssig genug zu sein, um sowas abzuziehen - und selbst wenn nicht, er hatte jetzt Zugriff auf 1,5 Milliarden Dollar.
      Santiago wusch sich die Hände und begann, ein paar Nachrichten zu schreiben. Er würde herausfinden, wer dieser Apollo war und warum er der Meinung war, einfach auf ihn schießen zu können.
      bewaffnet mit einer zweiten Orange ging er zurück zu Lewis auf der Couch. Er schaltete den Fernseher aus, da er sich daran erinnerte, dass Lewis es nicht besonders mochte. Er reichte Lewis die Orange, damit dieser mal etwas anderes als seine Apfelringe essen konnte. Dann lehnte er sich über das Gras und das andere Zubehör und begann, Lewis einen neuen Joint zu drehen, der nicht ganz so furchtbar aussah wie der letzte.
      "Ich weiß nicht, woher der Angriff kam," meinte er schließlich mit einem Seufzen. "Auf uns sind keine Kopfgelder ausgesetzt, also muss ich davon ausgehen, dass es Apollo war. Ich hab ein paar Leinen ausgeworfen, um zu gucken, ob jemand ihn kennt und mehr über ihn weiß. Ich mach mir allerdings keine großen Hoffnungen."
      Er reichte Lewis den Joint und fischte eine Zigarette aus der Packung auf dem Tisch. Er zündete Lewis' Joint mit seinem Zippo an, dann seine Zigarette. dann ließ er sich nach hinten sinken und starrte an die Decke seines Apartments. Er hatte die Rollläden ganz nach oben gefahren, sodass seine Decke eigentlich nur eine Glasscheibe und ein paar gebogene Stahlträger waren. Dahinter lag der Himmel über New York.
      "Haben die nur die Reifen an meiner Maschine zerstochen?" fragte er nach einer kleinen Weile des Schweigens.


    • Santiago stand auf und Lewis beschlagnahmte dafür seinen Platz. Jetzt konnte er sich der Länge nach auf der Couch ausstrecken, was er auch gleich tat. Santiago ging hinüber in den Küchenbereich und fing an zu telefonieren. Das hörte sich reichlich langweilig an, weshalb Lewis einen Arm unter den Kopf schob, die Beine überkreuzte und den Zucker von einem Apfelring lutschte. Dabei schloss er wieder die Augen und versuchte sich zu entsinnen, ob ihm beim Treffen irgendwelche Details entgangen waren, die vielleicht auf etwas derartiges hingedeutet hatten. Auf der anderen Seite hatte er nichts gesehen, als sie herausgegangen waren, was darauf schließen ließ, dass die ganze Sache geplant sein musste. Wenn jemand erst entschieden hätte, ihnen zu folgen, nachdem sie das Gebäude verlassen hatten, hätte Lewis es vorhergesehen.
      "Wirst du gerade gevögelt?"
      Da öffnete Lewis doch wieder ein Auge. Dieses Gespräch war soeben interessant genug geworden, dass er aufmerksamer zuhörte.
      "Stell mich auf Lautsprecher. Mach weiter, aber langsam. Lautsprecher aus."
      Leider erfuhr er keine weiteren Details, was die ganze Sache wieder eher uninteressant gestaltete. Zumindest handelte es sich um einen gewissen Diego und dieser Diego schien irgendwas mit Kopfgeldern zu tun zu haben und diese Kopfgelder standen auf Santiago aus. Wie viele das waren und wofür, das wusste Lewis nicht, aber es rührte ihn ein wenig, dass der Mann so sorglos in seiner Gegenwart davon sprach. Damit hatte er jetzt Lewis nicht nur in sein wohl behütetes Zuhause gelassen, er eröffnete ihm auch noch indirekt, dass es gewisse Leute da draußen gab, die es auf Santiago abgesehen hatten. Er musste genug Vertrauen in Lewis besitzen, um ihm eine solche Information zu gestatten.
      Der Rest des Gesprächs war nichts neues. Santiago überprüfte wohl Kopfgelder und von denen gab es keins - wohl auch nicht für Lewis oder seine Firma. Das war ein gutes Zeichen, auf der anderen Seite hätte man ein Kopfgeld sicher irgendwie zurückverfolgen können. Jetzt hatten sie aber gar nichts, nicht einmal eine Richtung, in die sie sehen konnten. Wie sollten sie die Sache sonst aufklären? Etwa warten, bis es wieder geschah?
      "Fick ihn hart, aber lass ihn nicht kommen."
      Da war Lewis doch wieder auf etwas anderes konzentriert.
      "Er kriegt drei Edges, dann drei Orgasmen. Und du bleibst in ihm drin; er soll deinen Schwanz im Nachhinein schön warmhalten. Lautsprecher aus."
      Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und er schloss wieder die Augen, aber nur, um seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Diesen Diego stellte er sich als irgendeinen exotischen Schönling vor mit dunkler Haut und leuchtenden Augen, seinen Partner als einen Santiago-artigen Hünen mit großen, brutalen Händen. Und wenn er ihn jetzt richtig hart ficken würde... wenn er Diegos Beine spreizen würde, bis es nicht mehr ging, und wenn er ihn ohne Rücksicht auf Verluste ins Bett hämmern würde...
      Santiago kam zurück und Lewis zog sich ein wenig die Hose zurecht, bevor er die Beine anzog, um ihm Platz zu machen. Der andere machte den Fernseher wieder aus und das machte es ungefährlicher für Lewis, die Augen wieder zu öffnen. Er erwischte Santiago dabei, wie er sich an seinem Gras-Vorrat zu schaffen machte und nahm die Orange entgegen.
      "Ich weiß nicht, woher der Angriff kam. Auf uns sind keine Kopfgelder ausgesetzt, also muss ich davon ausgehen, dass es Apollo war. Ich hab ein paar Leinen ausgeworfen, um zu gucken, ob jemand ihn kennt und mehr über ihn weiß. Ich mach mir allerdings keine großen Hoffnungen."
      "Was, wenn's Skye war? Sie war schon ziemlich angepisst, als wir gekommen sind, und mal ehrlich: jeder von uns ist jetzt reich genug, um sich ein paar gute Schützen im Dark Web zu leisten. Es hätte jeder sein können. Vielleicht hat jemand auch nur mitbekommen, dass wir uns treffen?"
      Er ließ sich den Joint geben und auch noch anzünden; Santiago verwöhnte ihn schon sehr. Und Lewis genoss es in vollsten Zügen. Wann war ihm ein solches Vergnügen denn auch vergönnt?
      "Haben die nur die Reifen an meiner Maschine zerstochen?"
      "Als wir weggefahren sind schon. Aber vielleicht sind sie hinterher nochmal hin, das weiß ich nicht. Ich kann nicht hellsehen. Ich würde mich aber an deiner Stelle lieber davon verabschieden, die werden da sicher noch abwarten um zu sehen, ob du zurück kommst."
      Er nahm einen langen Zug, ließ den Rauch durch die Nase raus und schälte seine Orange fertig. Dann setzte er sich auf und schwang sich auf Santiagos Schoß.
      "Mund auf."
      Santiago nahm seine Zigarette zwischen seine Finger und ließ sich von Lewis ein Stück Orange füttern. Das zweite schob er sich selbst in den Mund.
      "Interessante Freunde hast du da. Wer ist dieser Diego?"
      Er grinste ihn an.
      "Du solltest uns mal miteinander bekannt machen."
    • Santi seufzte erneut. Das hatte er befürchtet.
      "Man darf ja wohl noch träumen..."
      Er würde sich also ein neues Motorrad kaufen müssen. Naja, das Kleingeld dazu hatte er jetzt ja. Nicht, dass er es vorher nicht gehabt hätte. Trotzdem. Er hatte sein Bike gemocht, sie hatte ihm gute Dienste geleistet und jetzt auf einem einsamen Parkplatz zu versauern war irgendwie nicht das Ende, dass er für diese Maschine gesehen hatte.
      "Mund auf."
      Er nahm die Kippe aus dem Mund, blies den Rauch zur Seite aus und tat, wie befohlen. An Vitamin C mangelte es ihm schonmal nicht mehr. Fehlten noch Eisen und Protein. Aber um die konnte er sich auch später kümmern, jetzt, wo er nicht mehr blutete. Viel machen würde er in den nächsten paar Tagen sowieso nicht, dafür war ihm die Straße gerade ein bisschen zu heiß.
      "Diego ist sehr vorsichtig, was neue Kunden angeht," meinte Santiago, lächelte aber. "Ich bin überrascht, dass du ihn nicht kennst. Ich dachte, du und dein Bruder führt zwielichtige Geschäfte? Und da kennst du Diego Garcia nicht? Der ist ja bloß der Bänker der Unterwelt."
      Santiago zuckte mit den Schultern, verzog dann aber kurz das Gesicht, als ihn sein Arm daran erinnerte, dass er angeschossen worden war. Die Ibus von vorhin dämpften den Schmerz, verhinderten ihn aber nicht vollständig.
      "Diego würde dich zum Frühstück verspeisen," meinte er dann weniger jovial.
      Er legte seine freie Hand auf Lewis Oberschenkel, weil sie da einfach so gut hinpasste, und nahm einen Zug von seiner Zigarette. Er musterte Lewis durch den Rauch hindurch, den er langsam durch die Nase ausatmete.
      "Er spielt in einer anderen Liga als du. Er spielt in einer anderen Liga als ich. Ich hab mal für ihn gearbeitet, aber das ist Jahre her. Er mag mich für das, was ich ihm geben kann. Was ich ihm gegeben habe. Aber wir sind keine Freunde. Ich bin sein Spielzeug gewesen, mehr nicht."


    • "Wir sind nicht unbedingt wichtig genug, um mit den ganz großen Haien im Becken zu schwimmen."
      Lewis rutschte herum, bis er es sich seitlich auf Santiago bequem gemacht hatte, die langen Beine ausgestreckt. Zufrieden verschlang er seine Orangenscheiben.
      "Wir kriegen es nur mit Zwischenmännern zu tun oder mit den Zwischenmännern der Zwischenmännern. Immerhin besorgen wir die Ware nicht und wir verscherbeln sie auch nicht, wir bringen sie nur von A nach B, wo sie jemand anderes wieder abholt. Unsere Haftung ist so gering wie möglich und wenn doch was auf unserem Weg schief gehen sollte, dann kann man nicht zum Versender zurückverfolgen. Auf dem ganzen illegalen Weg eines Drogendeals sind wir noch die mit den wenigen Risiken und deswegen haben solche großen Leute auch nicht die Zeit, sich mit einem Transportunternehmen rumzuschlagen. Da schicken sie lieber ihre Vertretung."
      Ein Stück für Santiago, eins für ihn.
      "Diego würde dich zum Frühstück verspeisen."
      "Ich lass mich gern zum Frühstück verspeisen. Du weißt doch, wie ich meine Eier mag", gab er grinsend zurück.
      "Er spielt in einer anderen Liga als du. Er spielt in einer anderen Liga als ich. Ich hab mal für ihn gearbeitet, aber das ist Jahre her. Er mag mich für das, was ich ihm geben kann. Was ich ihm gegeben habe. Aber wir sind keine Freunde. Ich bin sein Spielzeug gewesen, mehr nicht."
      "Du? Sein Spielzeug?"
      Demonstrativ ließ Lewis seinen Blick an Santiagos Armen herabwandern. Der eine war jetzt zwar verbunden, aber das machte keinen Unterschied.
      "Wie muss ich mir das vorstellen? Hat er dich erpresst? Ist er größer als du? Breiter? Hast du dich etwa von ihm benutzen lassen?"
      Die Vorstellung kam Lewis irgendwie zu absurd vor um wahr zu sein.
    • Santi lachte leise und schob seine freie Hand in Lewis Haare, kraulte den Streuner.
      "Er war mein Boss. Und die Art meines Berufes hat mich zu einem Werkzeug gemacht. Ich steh in der Ecke rum und sehe bedrohlich aus. Manchmal breche ich ein paar Knochen. Ich werde nicht nach meiner Meinung gefragt, und ich stelle keine Fragen. Man sagt mir, was ich zu tun habe und ich tue es."
      Sein Griff in Lewis Haaren wurde stärker und er zog den Kopf des Streuners ein bisschen nach hinten, sodass er ihm in die Augen sehen musste. Santi lächelte.
      "Diego ist ein gutaussehender Mann und er denkt ähnlich über mich. Er hat gern mit mir geflirtet und irgendwann hatte ich einen schlechten Tag und wollte einfach ein bisschen Dampf ablassen. Er war da, er hat angefangen, der Rest ist Geschichte. Er hat mich nicht erpresst. Er ist ein paar Zentimeter kleiner als ich. Er hat die Muskeln eines Schwimmers. Ich habe ihm erlaubt, mich zu benutzen. Weil er mir erlaubt hat, ihn zu benutzen. Ich war sein Lieblingsspielzeug im Bett und seine Lieblingswaffe auf der Straße. Und ich hatte absolut nichts dagegen."
      Santi lockerte seinen Griff in Lewis' Haaren wieder und ging wieder dazu über, ihn zu kraulen. Er streckte sich kurz in Richtung Aschenbecher und drückte den kläglichen Rest seiner Zigarette darin aus.
      "Dieser Teil unserer Bekanntschaft ist aber vorbei. Diego hätte es gern anders, aber wenn ich zu dem einen Ja sage, muss ich das auch zum anderen."


    • Lewis seufzte zufrieden. Er wurde ganz weich auf Santiagos Schoß und ließ sich die Kraul-Einheit gefallen.
      "So, wie du auch Bryce fertig gemacht hast? Du warst sicher ein super Werkzeug für ihn. Vielseitig einsetzbar und scharf wie sonst was."
      Der war schlecht genug gewesen, dass Lewis ihn in seinem bekifften Zustand ziemlich witzig fand. Dafür grinste er - und sah Santiago gleich wieder an, als der an seinem Kopf zog. Die Bernsteinaugen sahen für ihn heute wieder keineswegs unheimlich aus.
      Sein inneres Bild von dem exotischen Schönling erweiterte sich um die entsprechenden Angaben. Jetzt sah er ihm an einem Strand, der geschmeidig gebaute Körper von Wassertropfen glitzernd, einen größeren Santiago neben ihm, der einfach nur dastand und auf seinen Befehl wartete, ganz nach seinem typischen Sag mir, was ich tun soll. Ob so jemand in Clubs auftauchte? Wahrscheinlich nicht; und wenn, dann eher in gehobenen Clubs wie das Crypt. Nichts, wo Lewis ihm hätte begegnen können.
      Was schon fast schade war. Aber auch nur fast. Immerhin war er jetzt derjenige, der auf Santiagos Schoß saß, und kein hübscher Schwimmer mit dem Namen Diego. Und wenn Lewis zwischen beiden wählen müsste, würde er ganz ohne Umschweife dieselbe Wahl wie jetzt treffen.
      "Die Vorstellung ist scharf. Bitte sag mir, dass ihr mal einen Porno gedreht habt, ich muss das sehen."
      Santiago fing wieder zu kraulen an und Lewis schmiegte sich ganz schamlos an seine Schulter. Solange er nicht aufhörte, war Lewis gerade zufrieden.
      "Ich nehme mal stark an, du willst aber nicht mehr. Um was von beiden geht's, ums Bett oder die Straße?"
    • "Diego mag seine Privatsphäre viel zu sehr, um einen Porno zu drehen. Ich übrigens auch. Die Idee kannst du dir also gleich aus deinem hübschen Köpfchen schlagen."
      Santi lachte leise. Eine Menge Leute würden eine Menge Geld für so ein Video bezahlen, selbst wenn man die Möglichkeiten für Erpressungen mal außen vor ließ. Diego war ein gutaussehender Mann, da gab es nichts dran zu rütteln.
      "Um was von beidem geht's, ums Bett oder die Straße?"
      Santi seufzte. Er hatte schon lange nicht mehr darüber nachgedacht.
      "Die Straße. Es ist ziemlich schwer, Diego von der Bettkante zu stoßen. Der Mann ist so unsagbar heiß, wenn er bettelt..."
      Wollte er Lewis ein bisschen eifersüchtig machen? Vielleicht. Ach was, ja, das wollte er. Lewis war nämlich unsagbar heiß, wenn er etwas wollte und es nicht bekommen konnte. Das änderte aber nichts am Ernst der Frage und seiner Antwort darauf.
      "Ich hab ein paar ziemlich hässliche Dinge getan, während ich für ihn gearbeitet habe," beichtete Santi leise. "Die hässlichsten. Ich verleugne nicht, was ich getan habe, aber ich werde so etwas nie wieder tun. Mir ist egal, was ich aufgeben muss, um so etwas nie wieder zu tun. Diego war nett genug, um mich einfach gehen zu lassen. Er ist clever. Er weiß, dass es durchaus die Möglichkeit gibt, dass er meine Dienste irgendwann einmal wieder wirklich brauchen wird. Wahlweise wartet er auf den Tag, an dem ich wieder für ihn arbeiten werde. Er ist geduldig genug, um so zu warten. Viele andere hätten mich umgebracht. Oder es zumindest versucht."
      Wieder seufzte Santi und kämmte ein paar Knoten aus Lewis Haaren.
      "ich will nicht weiter drüber reden. Was macht dein Kopf?"


    • Da gehen meine Hoffnungen und Wünsche dahin”, murrte Lewis, meinte es aber nicht wirklich ernst. Er konnte sich vorstellen, dass ein derartiges Video mit enormen Risiken verbunden war.
      Ein bisschen musste er aber schon schmollen, als die erste Schwärmerei zu Wort kam. Leider besaß Lewis nämlich eine derart lebhafte Fantasie, dass er sich nicht nur den Schwimmer am Strand, sondern auch im Bett vorstellen konnte, wie Santiago mit ihm anstellte, was er bereits mit Lewis getan hatte. Lewis war zwar nicht naiv, er wusste, dass er nichts besonderes für Santiago in dieser Hinsicht war, aber niemand wollte schon mit dem Gedanken konfrontiert werden, dass jemand anderes einem schon zuvor gekommen war. Und wer bettelte wohl besser - Diego oder Lewis? Darüber musste er jetzt leider nachdenken.
      Hmm. So heiß kann er auch wieder nicht sein.
      Lewis hob den Blick um Santiago zu betrachten, während er erzählte. Der Mann hatte bisher wenig von seiner Arbeit preisgegeben oder davon, was er so hässliches angestellt hatte, was über Knochen brechen und Angst einjagen hinausging. Es war auch kaum vorstellbar: Der große, rücksichtsvolle, sanfte Mann, der Lewis schon beinahe auf Händen trug, sollte derart Schlimmes vollbracht haben, dass er nicht einmal darüber reden wollte. Lewis gönnte es ihm, neugierig war er trotzdem. Aber egal, wie sehr er sich anstrengte, seine Fantasie wollte ihm auch keine Antwort darauf liefern.
      “Ich will nicht weiter drüber reden. Was macht dein Kopf?”
      Es wird besser. Es wird immer irgendwann wieder besser. Aber hör nicht auf.
      Er ließ es sich nämlich gern noch weiter gefallen.
      Es war auch nicht schlimm genug für die Augenbinde. Wenn ich zu weit gehe - wenn ich wirklich zu weit gehe - knockt mich eine einzige Reaktion schon aus. Aber das würdest du merken, dann bräuchte ich nämlich schon Hilfe beim Kiffen.
    • Wieder lachte Santi leise. Er würde sich hüten, die Streicheleinheiten zu beenden. Er hatte schon gelernt, dass Lewis das mochte. Sehr sogar. Und nach einem Tag wie heute hatten sie beide sich ein bisschen Entspannung verdient.
      "Nur, weil du dir nicht die Augen verbinden musstest, heißt das noch lange nicht, dass du keine Kopfschmerzen oder sowas haben könntest," meinte er. "Mal ganz davon abgesehen: warst du schonmal in eine Schießerei verwickelt? Eine Verfolgungsjagd? Warst du schonmal so nah an einer Explosion dran, dass dir die Ohren geklingelt haben?"
      Irgendwas sagte Santi, dass das alles neue Erfahrungen für Lewis waren. Er nahm es ihm nicht übel - die meisten Leute erlebten sowas nie in ihrem Leben, selbst wenn sie sich in den gleichen Gefilden herumtrieben, wie Santi und Lewis.
      "Danke, übrigens. Du hast uns beide da ziemlich gut durchgelotst. Und du hast uns einen Ausweg gefunden. Allein hätte ich das nicht geschafft."
      Santi unterbrach seine kleine Streicheleinheit kurz, aber nur, um Lewis einen Kuss auf die Stirn drücken zu können. Danach machte er ganz brav sofort weiter.
      "Du hast uns heute mehrfach den Arsch gerettet. Danke."
      Natürlich war er froh, dass Lewis nichts abbekommen hatte. Tat es ihm um sein Motorrad leid? Ja. Aber sowas konnte man ersetzen. Lewis nicht. Und das nicht nur wegen seinen magischen Fähigkeiten. Als Mensch konnte man ihn nicht ersetzen. Santi konnte nicht sagen, was das zwischen ihnen war oder werden könnte, aber er wusste, dass es ihm nicht gefallen hätte, wenn es ihm so früh schon wieder weggenommen worden wäre. Vielleicht hätte es sogar weh getan.
      Santi legte seine andere Hand, die mit der er nicht gerade durch Lewis' Haare strich, auf dessen Rücken, und zog dort ähnliche kleine Bahnen. Das Gewicht des Streuners auf seiner Brust war angenehm. Lewis passte da einfach viel zu gut hin, befand Santi.
      "Du wolltest deinen Bruder anrufen," merkte er nach ein paar Minuten an. "Ihm Bescheid sagen, wenn du in Sicherheit bist."


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    • Lewis machte ein gespielt entrüstetes Gesicht.
      "Du unterschätzt meine Fähigkeiten. Denkst du etwa, jemand wie ich könnte sich in eine Schießerei verwickeln lassen? Wenn sich sowas anbahnt, kann ich das schon von Weitem riechen, weil ein Schuss kaum unbeantwortet bleibt. Und entweder deeskalier ich die Situation, oder ich zieh Leine, bevor's wirklich noch dazu kommt. Das heute war anders: Das war gezielt geplant und deswegen konnte ich das auch nicht vorhersehen. Aber mich hat noch nie jemand versucht, gezielt umzubringen."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Wofür auch? Jay ist der mit dem Titel, sozusagen, und der sich damit auch in Schusslinie begibt. Wenn ich mitkomme, dann nur für die Sicherheit und dann dröhn ich mir dafür vorher ordentlich die Birne voll, damit ich auch aushalten kann, was auch immer kommen sollte. Das sieht man mir aber an und für alle Geschäftspartner, die Jay so hat, bin ich nur der unfähige Versager eines Bruders, der Glück gehabt hat, durch Erbe in den Vorstand der Firma aufzusteigen, der aber sonst nichts damit zu tun hat."
      Er zwinkerte Santiago zu.
      "Das ist mein Berufsgeheimnis, halt also deinen hübschen Mund darüber geschlossen. Aber Jay, der hat schon ein paarmal sowas mitgemacht, wenn ich nicht dabei war. Er ist aber nicht alleine, er bringt immer seine Sicherheitsleute mit." Liebevoll tätschelte er Santiagos Wange. "Leute wie du, die sich dann für ihn die Kugel einfangen lassen können. Es war auch seine Idee mit dem Notfallplan vorhin, er ist der Geschäftsmann. Ich glaube übrigens, ihr beide könntet euch gut verstehen."
      Lewis hatte bisher nur wenige Männer seinem Bruder vorgestellt, weil es sich kaum lohnte. Bei den meisten wusste er eh, dass es nicht lange halten würde oder nur eine lose Sache war. Und was hatte Jay schon davon, seine Partner kennenzulernen? Er hatte sicher besseres zu tun. Aber bei Santiago, da konnte Lewis es sich irgendwie vorstellen.
      "Danke, übrigens. Du hast uns beide da ziemlich gut durchgelotst. Und du hast uns einen Ausweg gefunden. Allein hätte ich das nicht geschafft."
      Lewis grinste, groß und breit. Erstaunlicherweise war es erfrischend, einen Dank zu hören, wenn Lewis sonst immer nur mit seinem Bruder zu tun hatte, der immerhin genau das von ihm erwartete. Nicht, dass ihm der Dank fehlte, aber es freute ihn einfach umso mehr, ihn von Santiago zu bekommen.
      "Du hast uns heute mehrfach den Arsch gerettet. Danke."
      "Willkommen in meiner Welt", schnurrte er zurück und richtete sich auf seinem Königsplatz anders aus, als er die Hand an seinem Rücken spürte. Wenn er gekonnt hätte, hätte er jetzt wirklich geschnurrt, bei der Hand, die ihn dort synchron streichelte, aber so beließ er es bei einem friedlichen Seufzen. Es gefiel ihm sehr, sehr gut, dort in Santiagos Armen, auf seinem Schoß. Dort war die Welt angenehm und schön.
      "Du wolltest deinen Bruder anrufen. Ihm Bescheid sagen, wenn du in Sicherheit bist."
      "Oh, ja. Das sollte ich wohl wirklich."
      Er rührte sich keinen Meter, navigierte aber zu seiner Hosentasche und zückte sein Handy. Seinen Bruder konnte er blind anwählen und der hob nach dem ersten Klingeln auch sofort ab.
      "Alles in Ordnung?"
      "Ja. Bin in Sicherheit."
      Seine Stimme hatte sich wohl etwas zu weich angehört, denn Jay folgte mit:
      "Alter, bist du zugedröhnt oder stör ich dich bei was intimen?"
      "Das erste. Mir wird aber auch der Kopf gekrault." Er grinste.
      "Ich will das gar nicht so genau wissen. Kannst du dort bleiben, die nächsten Tage, bis alles wieder abflaut? Wenn es da sicher ist?"
      "Da muss ich den Herrn des Hauses fragen."
      Er drehte den Kopf zu Santiago.
      "Kann ich Kleider von dir haben, wenn meine ausgehen?"
      Darauf bekam er eine ganz klare Antwort.
      "Mach keinen Scheiß Lewis, das ist eine ernste Sache. Wir sind grade noch der Polizei entwischt - die übrigens nur wegen euch so aktiv war. Was war da los?"
      "Weiß nicht. Hinterhalt, sowas in die Richtung. Es ging alles gut, nur hinterher sind uns welche gefolgt. Was ist mit dem Wagen?"
      "Alles verbrannt, keine Beweismittel. Schalt die Nachrichten an, da siehst du's."
      "Kann ich nicht, hab vorhin zu viel Straße geschaut."
      "Dann hör sie dir an. Man hat das Koks entdeckt, aber sie wissen nicht woher oder wohin. Du musst die nächsten Tage im Dauereinsatz bleiben, damit wir früh genug handeln können, wenn sie doch eine Spur bekommen. Wir haben gerade unsere Quote versaut, Lewis, und wir werden nicht noch mehr Fehler machen."
      "Jedem kann sowas passieren, wir sind nicht allmächtig."
      "Aber jemandem mit einer 100 %igen Quote passiert das nicht mal eben so. Das ist ernst, Lewis. Wir müssen uns die Bullen vom Hals halten und dem Boss irgendwie klar machen, dass das kein Sabotageakt gewesen war - von unserer Seite. Ich krieg das schon irgendwie geregelt, aber um die Polizei musst du dich kümmern."
      Er hörte sich verbissen an und Lewis bekam unmittelbar ein schlechtes Gewissen. Deswegen war sein Bruder auch derjenige, der alles leitete, weil Lewis selbst einfach nie so weit dachte.
      "Okay. Tut mir leid, Jay, mit dem... mit allem. Das war immerhin unsere Schuld."
      Da wurde Jays Stimme ein wenig weicher.
      "Ich hol dich immer und jederzeit aus so einer Situation raus, egal was es für Opfer gibt. Ich spreng die ganze Firma in die Luft, wenn's sein muss, um dir den Arsch zu retten, aber jetzt musst du wieder selbst ein wenig mithelfen. Klar?"
      "Verstanden, Chef."
      "Leck mich."
      "Du mich auch."
      Damit verabschiedeten sie sich und Lewis kuschelte sich wieder zurück an Santiago. Er würde seinen Aufgabenteil erfüllen, aber heute nicht mehr. Was er heute verpasste, würde er auch alles morgen nachholen können.