Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Malleus ignorierte die Tür, die langsam mit einem Klicken ins Schloss fiel. In diesem Moment rückte das Problem des fehlenden Fluchtweges in den Hintergrund. Sein Fokus lag ganz allein auf dem Ordensritter, der sich wenig beeindruckt zeigte und damit seine Vermutung noch einmal bestätigte, dass Malleus keinem Narren gegenüber stand. Den Gesichtsausdruck hinter dem geschlossenen Visier benötigte er nicht, um die Entschlossenheit in der Körperhaltung des Mannes zu erahnen.
      Ruhm und Ansehen waren dem Mann zweifellos gewiss, sollte er es fertig bringen, dem Epsisimos den Kopf der Signa Ignius als verschnürtes Bündel vor die Füße zu werfen. Wenn er dann Tava vor dem Haus noch in die Finger bekam und Devon, der allein im Gasthaus auf die Rückkehr seiner Freunde wartete, hatte er drei ganz besondere Geschenke für das Oberhaupt seines Ordens beisammen.
      Etwas zuckte bedrohlich um die Mundwinkel des Kultisten, der die Beleidigungen gegenüber Devon entschieden an die Seite schob. Der Lacerta benötigte weder einen Beschützer noch eine Person, die für ihn das Wort ergriff. Am Wichtigsten war jedoch gerade, dass sein Gegenüber keinerlei Schlüsse über die persönliche Beziehung zwischen Kultist und Gefangenem zog. Sollte er nur glauben, dass blinder Fanatismus den Mann zum Äußersten trieb. Malleus rührte sich nicht. Weder machte er einen weiteren Schritt auf den Hauptmann zu, noch wich er zurück.
      „Du bestätigst also hiermit, dass diese Rasse von Drachen abstammen und nicht anders behandelt werden sollten“, raunte der Mann
      Der Ton in seiner Stimme, blechern unter seinem Helm, triefte mit etwas, das Malleus absolut nicht gut hieß. Welche Gewissheit, der Mann auch aus der Situation zog, machte ihn taub für die Argumente seines unerwünschten Eindringlings. Über dieses neue Problem musste er sich Gedanken machen, sobald er wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte, denn in diesem Augenblick schoss der Ritter wuchtig aber mit überraschender Schnelligkeit trotz der massiven Rüstung nach vorn. Geschickt drehte sich Malleus über die Schulter weg und das Heft seines Dolches glitt in seine Hand. Die Malachitklinge sirrte erneut durch die Luft, ein grüner Schlieren in seinem Augenwinkel. Wieder duckte sich Malleus behände unter dem mächtigen Schlag weg, der ihm wohlmöglich den Schädel gespalten hätte.
      Als der Ritter mit dem gestohlenen Schwert zum dritten Angriff ausholte, drückte Malleus die Fersen in die Holzdielen und preschte mit einem einzigen Satz nach vorn. Sein Dolch schnellte hervor und beinahe sah es ganz so aus, als würde der Kultist tatsächlich versuchen die Malachitklinge mit der viel kleineren Waffe frontal parieren zu wollen. Nur leicht schrappte die grüne Klinge über den die Schneide seines Dolches, dessen Metall von einem dumpfe und schwärzlichen Schleier überzogen war, als hätte er zu lange in einer ätzenden Lösung verweilt. Das Geräusch von Eisen, das über Metall glitt, klingelte unangenehm in den Ohren.
      Eine Parade war jedoch nicht Malleus' Ziel gewesen. Der Vorstoß lenkte die Malachitklinge lediglich ein paar wenige Zentimeter von Malleus weg, was ihm ermöglichte dem Hauptmann seitlich auszuweichen. Dabei zog er den Dolch nach und nahm dabei die Lücke in den Rüstungsplatten ins Visier, die in Höhe der Achsel genügend Freiraum für einen Schnitt ließen. Mehr brauchte Malleus nicht. Als die Klinge des Dolches sein Ziel streifte, spürte Malleus einen unerwarteten Widerstand. Der Hauptmann hatte die Schachstellen der Plattenrüstungen ausgemerzt.
      Malleus wirbelte im Rücken des Ritters herum, um ihn nicht all zu lange aus den Augen zu verlieren. Wenn er nicht durch die Rüstung kam, waren alle seine Waffen nutzlos. Dennoch blieb sein Gesicht eine neutrale und ruhige Maske. Er ließ sich den Frust über die Fehleinschätzung nicht anmerken. Die Wucht des Schwertstreiches vibrierte noch durch sein Handgelenk und selbst bei diesem indirekten Manöver waren durch den Aufprall kleine Splitter aus der Klinge des Dolches gebrochen. Ein frontaler Hieb hätte den Dolch schwerer beschädigt, wenn nicht sogar zerbrochen.
      "Du stellst die falschen Fragen", antwortete Malleus mit einer der Situation nicht angemessenen Gelassenheit. Die regungslose Maske öffnete sich einen Spalt und zeigte den Anflug eines kühlen Lächelns. "Frag dich lieber, wie es um meinen Einfluss und meine Gunst bestellt ist, die Adrastus mir gewährt, wenn ich das Ziel seines Unmutes bestimmen kann. Frag dich, wie gefährlich und entschlossen ein Mann ist, der die Macht einer göttlichen Bestie zu lenken vermag. Wenn du auch nur das Geringste über mich weißt, dann auch, dass ich immer mein Wort halte."
      Malleus ließ sich tiefer in die Rolle des Mannes sinken, der ganz Oratis in seinen Bann geschlagen hatte. Es mochte nicht Adrastus sein, dessen Feuer Malleus' Worte untermauern würde, aber Tavas Künste mit explosiven Substanzen würden dieselbe zerstörerische Kraft entfalten.
      "Bevor die Sonne untergeht, ist hier alles zu Asche verbrannt...und das ist ein Versprechen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Der Hauptmann war darauf eingestellt, dass ihn Gegenwehr erwarten würde. Deshalb behielt er einen kühlen Kopf, als sich Malleus mit seinem Dolch auf ihn stürzte. Er schlug dieses Mal nicht nach ihm, sondern lenkte den Dolch mit einem hässlichen Geräusch ab. Dann strich der Kultist in einer schnellen Geschwindigkeit seitlich an ihm vorbei, jedoch nicht ohne ein Druckgefühl in seiner Achsel zu hinterlassen.
      Beide Parteien wirbelten im Rücken des jeweils anderen herum. Der Hauptmann ahnte bereits, was das gerade gewesen sein sollte. Es musste sich um einen hinterrücks ausgeführten Angriff gehandelt haben, vermutlich mit Gift. Das würde passen zu der hinterhältigen Art, die man dem Kopf der Signa unter den Reihen des Einen nachsagte.
      „Reicht die Expertise nur für winzige Dolche?“, spottete der Hauptmann weiter.
      „Du stellst die falschen Fragen“, kam es als Antwort zurück, während sich die Spur eines Lächelns in Malleus‘ Gesicht zeigte. Dann faselte der Mann wirres Zeug über seinen Monstergott und der Hauptmann machte sich wieder bereit.
      „Bevor die Sonne untergeht, ist hier alles zu Asche verbrannt… und das ist ein Versprechen.“
      „Schwachsinn könnt ihr alle spucken“, zischte der Hauptmann, dann war er schon wieder in der Vorwärtsbewegung.
      Wie zuvor holte beidhändig er mit seinem Schwert aus, um nach Malleus zu schlagen. Der wich ein paar Schritte rückwärts, der Hauptmann folgte ihm, bis die Wand gefährlich nah kam. Dann setzte er einen Abwärtshieb, dem der Kultist ganz das Wiesel, das er war, zur rechten Seite auswich. Der Kopf des Hauptmannes zuckte leicht herum – die einzige wirkliche Warnung. Dann ließ er mit seiner linken Hand das Schwert, das sich nur um einen Einhänder handelte, los. Mit Schwung riss er seinen Ellbogen zur Seite und erwischte den anderen Mann am Kopf.
      „Kein Wunder, dass dein Pack so hinterlistig ist. Schleichst dich mit deinen Leuten rein, befreist Monster, die deinem Glauben entsprechen und versuchst dann noch zu stehlen“, knurrte er dem taumelnden Malleus hinterher, der sich schneller wieder fing. Der Schlag war nicht gut genug platziert gewesen. Sei’s drum. „Ich dachte, du seist so gut im Reden. Hat’s dir die Sprache verschlagen, oder was?“
      Er ließ dem Kultisten keine Zeit zum Durchatmen, und sich selbst auch nicht. Dauerhaft die schwere Rüstung zu tragen erschöpfte einen, weshalb er ausdauernde Kämpfe nicht besonders in die Länge ziehen wollte. Mit zwei Schritten war er wieder am Kultisten dran, trieb ihn mit seinem Schwert weiter in die Ecke und zwang ihn immer weiter in die Defensive. Immer wieder wich dieses Wiesel seinen Hieben aus, bis der Hauptmann Malleus ganz plakativ mit seinem schweren Stiefel auf den Fuß trat. Erst da bekam er die lange Kutte mit seiner linken Hand zu fassen und riss Malleus zur Seite und auf den Boden.
      „Wer, denkst du wohl, hat den Leuten aufgetragen, diesem Monster die Speere aus dem Körper zu ziehen? Der Epsisimos würde ihn genauso gut tot nehmen, das stört ihn nicht“, sagte der Hauptmann und postierte sich demonstrativ zwischen dem Ausgang und Malleus. „Wo hast du diesen Lacerta versteckt, hm? Er muss noch in der Stadt sein. Er wird nicht ohne die Haut gehen und deswegen bist du hier, richtig?“
      Unterschwellig klopfte sich der Hauptmann mit seiner Faust auf seinen Brustpanzer, wohlwissend, dass sich darunter die gefaltete Haut befand, nach die so dringend gesucht wurde.
    • Der nächste wuchtige Hieb drängte Malleus erbarmungslos zurück und bedrohlich nahe mit dem Rücken zur Wand. Eine Position, die im Ernstfall tödlich für den Kultisten enden konnte. All die Wendigkeit, die ihm einen Vorteil schenkten sollte, nützte ihm nichts mehr sobald ihm die Puste ausging. Die gestohlene Akolythen-Robe war dabei keine Hilfe. Sie schränkte seine Bewegung stetig weiter ein, wenn er nicht über den langen Saum stolpern wollte. Ein Schritte trennte Malleus noch davon völlig in die Ecke, aus der es kein Entkommen gab, gedrängt zu werden. Noch einmal spannte der Kultist alle seine Muskeln an und hechtete förmlich zur Seite, fort von der Malachitklinge, die geradewegs auf seinen Kopf niederging. Den Punkt anvisierend, der erneut den Sicherheitsabstand zum Hauptmann etablieren sollte, bemerkte er nicht den fatalen Fehler, der ihm unterlaufen war.
      Der Schlag traf ihn mit voller Wucht seitlich am Kopf und augenblicklich explodierte der Schmerz in der getroffenen Gesichtshälfte. Der schwer gepanzerte Ellbogen kollidierten mit Knochen und es knirschte hässlich in seinen Ohren, als sein Kopf wie von einem Hammer getroffen zur Seite geschleudert wurde. Ein wenig tiefer, ein wenig mehr Kraft und es hätte ihm wohlmöglich den Kiefer zertrümmert.
      Malleus ächzte, als ihm kurzzeitig bis auf winzige und zuckende Lichtblitze schwarz vor Augen wurde. Der pulsierende Schmerz zuckte durch seine Schläfe und lähmte Malleus. Orientierungslos wankte der Kultist zur Seite. Die Stimme des Hauptmanns war nur ein verwaschenes und gedämpftes Gemurmel durch das Klingeln in seinem Schädel, das allmählich zu einem unangenehmen Fiepen anschwoll.
      Verkrampft umklammerte Malleus den nutzlosen Dolch und wischte sich fahrig mit der freien Hand über das Gesicht, als eine heiße Flüssigkeit über seine Braue, sein Auge und das Kinn tröpfelte. Der schwere, erstickende Geruch von frischem Blut stieg ihm in die Nase und es dauerte endlose Sekunden bis Malleus verstand, dass eine heftige Platzwunde über seiner Schläfe dafür verantwortlich war.
      Durch den Schleier aus Blut und pochendem Schmerz stierte Malleus in Richtung seines Gegners, als er endlich sein Gleichgewicht wieder gefunden hatte, doch der Hauptmann der Ordensritter ließ ihm keine Möglichkeit zu Atem zu kommen. Geschweige denn, sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten. Angeschlagen blieb dem Kultisten nichts anderes übrig, als wieder zurückzuweichen. Schritt für Schritt trieb der Mann seinen Gegner in einem nie enden wollenden Katz und Mausspiel durch das Zimmer. Möbel wurden umgestoßen, Gemälde von den Wänden gerissen, Teppiche und Vorhänge mit weiteren Hieben zerschnitten.
      Letztendlich brachte der Hauptmann den Kultisten mit dem beherzten Einsatz seines schweren Stiefels zu Fall. Mit Nachdruck und einem festen Griff schleuderte er Malleus zu Boden, dem der gleißende Schmerz seiner angeschlagenen Rippe die Luft aus den Lungen drückte. Keuchend und gekrümmt lag er am Boden. Er hatte nie und nimmer eine Chance, nicht in einem Kampf Mann gegen Mann.
      „Wer, denkst du wohl, hat den Leuten aufgetragen, diesem Monster die Speere aus dem Körper zu ziehen? Der Epsisimos würde ihn genauso gut tot nehmen, das stört ihn nicht“, schnaubte der Ritter.
      Das weckte durch die rasenden Gedanken nun doch eine unangebrachte Neugierde.
      "...du hast ein persönliches Interesse", wisperte er mit dünner Stimme, die lediglich mit Mühe einige Wörter herauspresste.
      Das war interessant...und besorgniserregend. Die Schultern des Kultisten bebten leicht und es dauerte einen Moment bis sich das dumpfe Brummen in seiner Brust als ein gequältes Lachen herauskristallisierte. Völlig unverhohlen folgte er der Faust, die das Versteck der Haut verriet. Es nagte an Malleus, dass er nicht mehr mit Gewissheit sagen konnte, ob er sein Versprechen gegenüber Devon wirklich halten konnte. Nur hatte er nicht vor an einem gottverdammten Ort wie Touvanen zu sterben.
      "Das, Hauptmann, wirst du nie herausfinden, sobald alles hier in Schutt und Asche liegt", antwortete Malleus.
      Ein Ass hatte er sprichwörtlich noch im Ärmel.
      Die verborgene Phiole glitt ungesehen in seine Hand, die er noch unter seinem Körper begraben hatte. Es war sein Glück, dass der Hauptmann ihn bereits als überwältigt betrachtete, dass er ihm genügend Zeit einräumte sich etwas aufzurichten. Mit zitternden Fingern umklammerte er die Phiole und betete stumm, dass er nicht gerade sein eigenes Grab schaufelte.
      "Du hättest mir einfach die Haut und das Schwert geben sollen", seufzte Malleus. "Ich hoffe dein Gewissen ist rein, mein Freund."
      Mit einem Ruck holte Malleus aus und schmetterte die Phiole geradewegs gegen das nahegelegenste Fenster. Das dünne Glas der Phiole zersprang in tausend Teile. Es dampfte und zischte am Fensterglas. Malleus riss geistesgegenwärtig den Arm vor seine Augen, da explodierte ein grellroter Lichtblitz gefolgt von einer heißen Stichflamme ehe das Fenster zerbarst. Der Knall übertönte die erschrockenen Aufschreie der Arbeiter darunter, die vor herunterfallenden Glassplittern in Deckung gingen.
      Malleus begann gedanklich zu zählen und wartete darauf, dass nun die Hölle über sie hereinbrach.
      “We all change, when you think about it.
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      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tava kauerte schon seit geraumer Zeit an der Begrenzung des Grundstücks, tief in einen Mantel verborgen, dessen Kapuze sie sich sogar über die Hörner gezogen hatte. Sie saß im Dreck und wartete voller Ungeduld.
      Die Mauer zu präparieren war nicht einfach gewesen. Selbst nach den Tagen der Ruhe, in denen die drei sich in ihrem Zimmer eingeschlossen und versteckt hatten, liefen die Sicherheitspatrouillen noch auf Hochtouren. Die Gegend um das Mayorhaus herum wimmelte geradezu von Uniformierten, und das hätte ihnen beinahe den Plan gekostet. In Zweiergruppen schritten sie voran, die Augen wachsam, die Ohren noch viel wachsamer. Vielleicht hatten Tava und Malleus mit ihrer Rettungsaktion ja ein bisschen übertrieben, aber anders wäre es sicher nicht möglich gewesen. Jetzt mussten sie eben mit der Kränkung irgendwie umgehen, die sie bei dem Hauptmann hinterlassen hatten.
      Mit von Herit lautlosen Sohlen hatte Tava sich von Malleus verabschiedet, der sich als erstes eine Verkleidung hatte besorgen wollen. Anhand des ausbleibenden Aufruhrs und dass Malleus nicht an ihrem vereinbarten Treffpunkt aufgetaucht war, hatte Tava geschlossen, dass er eine gefunden und es ins Haus geschafft hatte, weshalb nur noch alles davon abhing, wie schnell Tava sein würde. Und das war nicht besonders schnell. Sie mochte Erfahrung damit haben, ganze Häuser in Flammenkessel zu verwandeln, aber sie hatte nur schlechte Erfahrung damit, das vor Sicherheitsleuten geheim zu halten. Zu viele Verfolgungsjagden in der Vergangenheit zeugten davon, dass Tavas Expertise beim Feuer legen, nicht beim Feuer vertuschen lag. Und jetzt ging es nicht einmal nur um das Feuer, es ging um viel mehr, um Malleus, der drinnen war und auf ihre Rettung vertraute, und um Devon, der im Gasthaus saß und darauf vertraute, dass sie seine Sachen bargen. So wichtig war es, dass Tava nicht entdeckt wurde, wesentlich wichtiger als jemals zuvor. Deswegen brauchte sie auch so lange.
      Lautlos war sie an die Hauswand geschlichen, sobald sie eine Lücke in den Patrouillen entdeckt hatte. Ihren schwarzen Faden hatte sie bereit, ebenso wie das Fett, mit dem sie ihn an die Hauswand kleisterte, genauso, wie sie es in Celestia getan hatte. Nur diesmal verstärkte sie das ganze mit Schwarzpulver. Es gab hier viel Stein im Fundament und das musste sie irgendwie ausgleichen. In Celestia hatte sie ihr Feuer in Voraussicht gelegt, dass es zu schnell entdeckt werden würde, doch hier musste sie einen anderen Weg wählen. Sie brauchte viel Krach, viel Aufruhr und vorallem viel Flammen. Ja, viel, viel Flammen. Bei dem Gedanken hatte sie zusätzlich noch etwas in den Rasen gestreut, man konnte ja nie sicher sein.
      Aber die Blaumäntel hatten ihr nicht die Gelegenheit gegeben, ihre Arbeit in Ruhe durchzuführen. Mehr als einmal waren sie zu zeitig wieder zurückgekommen und Tava war in ihr Versteck gehechtet, gerade noch rechtzeitig, als der erste blaue Saum um die Ecke wehte. Ihr Versteck war nur die Natur des Gartens, aber für eine Cervidia reichte das aus. Sie passte sich den Formen der Sträucher an und verharrte mithilfe ihrer Hörner ganz regungslos. Die Wachen zogen vorbei, aber nicht, ohne dabei prüfende Blicke durch die Umgebung schweifen zu lassen. Teilweise hatte Tava gedacht, sie würden sie hören können, wenn sie nur zu laut atmete. Da hatte sie auch das eingestellt.
      Aber mit viel Vorsicht war es Tava schließlich gelungen, genug einzudecken, um den gewünschten Effekt zu erzielen, wenn auch nicht genug, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hoffte nur, dass es gelingen würde. Menschen waren unberechenbar und wenn sie zu schnell darauf kamen, wie das Feuer zu löschen wäre, wäre Malleus auch nicht geholfen. Dann würde sie wohl einen zweiten Ausflug zum Verlies machen müssen und ehrlicherweise wusste Tava nicht, ob sie das alleine bewerkstelligen konnte. Es musste einfach funktionieren. Alles andere brachte unschöne Gedanken mit sich, die sie lieber ignorierte.
      Jetzt saß sie also gebannt in ihrem Versteck und starrte abwechselnd die paar Fenster an, die sie von ihrer Seite aus sehen konnte. Sie wussten alle nicht, wo sich der Raum genau befand, aber deswegen hatte Tava Malleus auch ein Fläschchen mitgegeben, das erst recht viel Krach machte. Sie musste es nur hören, den Ring betätigen und dann war es aus.
      Also wartete sie, hibbelig vor Anspannung. Sie spielte mit der Schnur und sie spielte mit dem Ring und stellte sich mehr als einmal vor, wie das Haus in Flammen aufgehen würde. Sie wünschte sich, dass Malleus endlich zünden würde. Sie wünschte sich so sehr, dass er endlich handeln würde.
      Da ertönte ein Krachen und selbst die Sonne hätte nicht das Licht aufhalten können, das von der anderen Seite des Hauses in der Luft flimmerte. Tavas Herz machte einen Sprung, als sie es sah, und entzündete ihre Schnur. Malleus hatte gefunden, was er gesucht hatte, und jetzt würden sie ihren Fluchtplan in die Tat umsetzen.
      Das kleine Flämmchen fraß sich durch die Schnur und raste auf das Haus zu, zwei Sekunden, drei Sekunden, bis es sichtbar an der Hausmauer empor glitt. Wachen riefen sich bereits etwas zu, aber von der anderen Seite, von der Tür aus. Es krachte, als die Tür aufsprang und Leute ins Haus strömten, oder auch nach draußen. Hinten bei Tava war jetzt niemand mehr. Sollten sie nur, es war sowieso alles schon vorbei.
      Das Flämmchen erreichte den ersten Kleister mit Schwarzpulver und dann ging sowieso alles ganz schnell. Das Schwarzpulver explodierte in einem befriedigenden Krachen und riss den Stein auseinander, zwischen den Tava das Zeug gestopft hatte. Sie schrie auf, als Steinsplitter durch die Luft rasten und sie sich flach auf den Boden werfen musste. Ihr Schrei ging sowieso in dem riesigen Knall unter, der dem ersten Krachen folgte.
      Die anderen Klumpen Schwarzpulver waren nahe genug gesetzt worden, dass die eine Explosion ausgereicht hatte, um die anderen zu aktivieren. Jetzt knallte nicht nur ein Klumpen, jetzt knallte ein Dutzend und der Lärm war ohrenbetäubend. Mauerstein flog durch die Luft und Tava lachte schrill, als scharfe Splitter neben ihr einschlugen und die Erde hochwarfen. Das war fantastisch! Unter den Armen heraus, die sie schützend um ihren Kopf geschlungen hatte, betrachtete sie ihr Werk.
      Das Feuer explodierte insgesamt drei Mal: Beim ersten Schwarzpulver-Klumpen, dann bei den anderen, die auch auf der gleichen Hausseite lagen, und dann die beiden angrenzenden Seiten. Drei Kracher, jeder wesentlich lauter als der vorangegangene und verheerender. Die Mauer wurde genug beschädigt, dass sie von selbst bröckelte, und das Feuer selbst erreichte in Windeseile die Holzrahmen der Fenster. Es kletterte nach oben und es kletterte auch nach unten und der Rasen begann auch, nachdem Tava sich auch dort verewigt hatte. Sie lachte vergnügt bei der gewaltigen Feuerwand, die sich direkt vor ihr erhob. Es war wahrlich fantastisch.
      Natürlich war aber das Ziel nicht nur, das Haus abzubrennen, egal, wie viel Spaß Tava das machen würde, sondern hauptsächlich Malleus zur Flucht zu verhelfen. Vielleicht könnte sie es hinterher noch niederbrennen, aber das hatte erstmal Vorrang. Deswegen hatten sie ein Fenster vereinbart, das äußerste der Westseite, an dem Malleus unbeschadet herausklettern konnte und von dort aus mit Tava durch ein Loch in der Begrenzung verschwinden könnte. So war der Plan, er musste nur noch kommen. Malleus musste nur noch da rauskommen.
      Noch immer mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht sah Tava nach oben. Schreie ertönten jetzt, von innen und von außen, Panik bei dem unbekannten Feuer, das sie plötzlich ergriffen hatte. Menschen eben, so ängstlich gegenüber der Flammen, die so wunderschön waren. Tava wandte ihren Blick nach rechts und nach links um abschätzen zu können, ob irgendjemand todesmutig genug sein würde, das Grundstück nicht zu verlassen, sondern hinter das Haus zu eilen, wo noch viel mehr Flammen auf ihn warteten. Tava dachte es nicht, sie blieb aber trotzdem dort sitzen, inmitten der Flammen der Hauswand, die immer größer und größer wurden. Ihr selbst wurde schon heiß, dabei war sie noch weit genug von den nächsten Flammen entfernt. Fünf Minuten stünden Malleus zur Verfügung, fünf Minuten, die Tava ihm garantiert hatte, dass ihr Feuer nicht außer Kontrolle geriet. Sie war eine Spezialistin und deshalb wusste sie genau, wann es zu viel sein würde. Fünf Minuten hatte sie prophezeit. Jetzt musste Malleus nur herauskommen.
    • Das Erste, das Malleus hörte, war ein ohrenbetäubender Knall. Wenige Sekunde darauf erzitterte das ganze Herrschaftshaus unter der Wucht der ersten Explosionen. Die Dielen unter seinen Händen vibrierten besorgniserregend, doch bevor er sich wirklich Sorgen um die Stabilität der Zwischendecke machen konnte, folgte die zweite Explosion und kurz darauf bereits die Dritte. Beide Detonationen zusammen schüttelten das Gebäude mit solcher Heftigkeit durch, dass es Malleus, der gerade zurück auf die Füße kam, erneut zu Boden riss. Wieder landete er ächzend auf den harten Holzdielen und selbst den Hauptmann im Augenwinkel brachte das Beben ins Wanken. Die Genugtuung, den Mann fallen zu sehen, war ihm zu seinem Bedauern jedoch nicht vergönnt. Der Ritter klammerte sich eisern an die Trümmer, die einst ein Schreibtisch gewesen waren. Der Schock wischte ihm den hasserfüllten Ausdruck nicht aus dem Gesicht, mit dem er Malleus bedachte. Wenn Blicke töten könnten, wäre das Feuer, dass ihn zweifellos im Erdgeschoss erwartete, seine geringste Sorge.
      Sichtlich gefasster als Malleus ihm zugestanden hätte, eilte der Mann zur Tür und riss sie mit solcher Kraft auf, dass es sie beinahe aus den Angeln gehoben hätte. Im Rumoren, Knacken und Poltern aus dem Inneren des Hauses ging das Gebrüll, mit dem er wohl Befehle in den Korridor bellte, völlig verloren. Malleus jedoch fixierte den Fluchtweg, der sich ihm eröffnete.
      Er hatte fünf Minuten.
      Lächerlich wenig, um den Hauptmann im vorherrschenden Chaos abzuschütteln. Absurde fünf Minuten, um sein Versprechen gegenüber Devon einzulösen, wenn das Glück mit ihm war. Durch die geöffnete Tür drang ein Schwall sengender Hitze, der das Feuer ankündigte, dass sich im rasanten Tempo durch Mauerwerk und Gebälk fraß. Fünf Minuten...
      "Vergiss nicht, wer den Feuertod über Deine Männer brachte, Hauptmann", übertönte Malleus' Stimme mit neuer Kraft durch das Ächzen des Herrschaftshauses und das Geschrei in den Fluren. "Das hier ist ganz allein Dein Verdienst."
      Eine eiskalte Lüge, bei der Malleus keine Reue empfand. Für das, was sie Devon angetan hatten, hätte er Tava niemals die Freude genommen, ihr Werk in Aktion zu erleben. Für die Sünde, die sich Touvanen schuldig gemacht hatte, für das Leid, das die Händler über Devon gebracht hatten, hätte er die Cervidia die ganze Stadt am liebsten in ein Meer aus Feuer getaucht. Nur, war sein Ruf bereits genug in Mitleidenschaft gezogen worden und er zählte darauf, dass der Hauptmann nicht lange genug lebte, um die Kunde zu verbreiten. Wobei...vielleicht war es kein schlechter Verdienst, wenn sich das Gerücht verbreitete, dass der Anführer der Signa Ignius, der Kultist Malleus höchstpersönlich, die Macht besaß das Drachenfeuer über seine Feinde niederregnen zu lassen. Der Aberglaube der einfältigen Bauern rund um Touvanen kam ihm da ganz gelegen.
      Malleus wartete nicht länger, um nicht noch mehr wertvolle Zeit zu verlieren.
      Unter Schmerzen stemmte sich der Kultist auf die Beine, riss die störende Robe vom Leib. Angesichts der Flammen, die ihn erwarteten, wollte er nicht das Risiko eingehen, dass die wehenden Stoffe sich in eine brennende Todesfalle verwandelten. Schwindel erfasste ihn, als er endlich zurück auf die Füße kam, denn sein Schädel war erfüllt von dröhnenden Kopfschmerzen. Der Schlag hatte gesessen, auch wenn er ihn nicht in die Bewusstlosigkeit geschickt hatte.
      "Es hätte nicht soweit kommen müssen."
      Die Worte begleitete eine provokante Nuance, die ein letztes Mal unterstreichen sollte, dass er den Hauptmann für ganz allein verantwortlich für das Leid unter seinen Männern hielt.
      Malleus stürzte nach vorn, tauchte unter dem Arm des Ritters hindurch und entkam dabei nur knapp der Hand, die nach ihm griff. Ohne die Robe gab es keinen faltenschlagenden Stoff mehr, der leicht zu packen war. Flink wie ein Wiesel sprintete Malleus durch den Korridor davon und badete in dem kurzen Gefühl des Triumphes, als der Hauptmann ihm nachsetzte. Die Hitze war bereits im Korridor angekommen, doch als er die kleine Empore mit der Treppe zum Erdgeschoss erreichte, schlugen Malleus auch die Flammen entgegen. Ein kleiner Trupp von Soldaten, Hausdienern und Akolythen rettete sich gerade noch rechtzeitig durch die Vordertür, als der Balken darüber glühend und krachend nachgab und der Ausgang unwiederbringlich verschüttete. Schreie voller Todesangst drangen aus den Zimmern, aus denen es bereits kein Entkommen mehr gab. Sie würden elendig und qualvoll verbrennen. Wem der Tod gnädig war, der würde von all dem Rauch und der heißen Luft das Bewusstsein verlieren und ersticken, bevor das Feuer ihn erreichte.
      Er stürzte die Treppe herunter, übersprang mehrere Stufen und zog dabei ein Tuch vor Mund und Nase, als sich die Rauchschwaden um ihn herum verdichteten. Der Qualm brannte in den Augen, brachte sie gar zum Tränen. Dennoch war seine Orientierung gut genug, um den Weg zur Westseite des Hauses einzuschlagen. Malleus hechtete über heruntergestürzte Trümmer hinweg, stieß vergessene Möbel und Gepäck zur Seite und behielt dabei immer den Verfolger in seinem Rücken im Blick. Je beengter die Gänge wurden, umso stärker drückte die Hitze auf sie ein. Sei kroch durch Stoff, Leder und...Stahl.
      Malleus richtete den Blick wieder nach vorn und erspähte durch zusammen gekniffene Augen einen eingebrochenen Balken, der sich von der Decke gelöst hatte. Darunter erkannte er die angesengten Roben der Akolythen. Feuer kroch bereits an den weiten Ärmeln herauf und kurz darauf wurde aus dem sich nähernden Wimmern ein hohes und angsterfülltes Geschrei. Der Schmerz bei lebendigem Leib langsam gekocht und verbrannt zu werden übertraf sogar den Schmerz gebrochener Knochen. Als die Männer Malleus entdeckten, streckten sie in der Hoffnung nach Rettung die Hände flehend in seine Richtung. Er erkannte die gebrochenen Nägel und blutigen Fingerspitzen. Der letzte Versuch sich aus der ausweglosen Lage zu befreien.
      Doch Malleus stützte sich lediglich auf dem Balken ab und beförderte sich, etwas schwerfälliger als gewöhnt und kurzatmig durch die heiße Luft, mit Mühe darüber. Auf der anderen Seite blieb er kurz stehen. Er hatte noch ein wenig Zeit. Er musste noch ein wenig Zeit haben. Durch brennende Augen sah er dem Hauptmann entgegen, der in seiner schweren Rüstung noch schlechter vorankam, als der Kultist. Mit kratziger und angeschlagener Stimme übertönte er den Todeskampf der Akolythen, trotz des Tuches über seinem Mund.
      "Ich habe es Dir gesagt. Feuer...beugt sich meinem Willen. Du hättest mir lieber glauben sollen. War es das wert?"


      “We all change, when you think about it.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Phiole hatte der Hauptmann nicht erwartet.
      Als Malleus etwas aus seiner Hand warf, rechnete er damit, dass es ihm gegolten hatte. Also duckte er sich halb weg, doch der Einschlag blieb aus. Stattdessen hörte er etwas splittern und ehe er sich versah schoss ein greller Lichtblitz durch den Raum. Mit einem Knall, der das gesamte Haus in Aufruhr versetzte und auch den Hauptmann selbst kurz schrecken ließ, zerbrach das Fenster und rieselte nach drinnen sowie draußen.
      „Du geistverbrannter Narr“, knurrte der Hauptmann und packte die Malachitklinge nun wieder mit beiden Händen. Jetzt war sein Wille vollends geweckt, diesem Mann den Gar aus zu machen. „Wie viele Vergehen willst du dir noch auf die Haut schreiben?!“
      Eine Antwort bekam der gute Mann jedoch nicht mehr. Eine weitere Explosion erschütterte das gesamte Haus, so stark, dass er beinahe seine Waffe fallengelassen hätte. Überraschung erschien auf seinem Gesicht, als eine zweite und dritte Explosion folgte. Der gesamte obere Abschnitt des Hauses wackelte wie bei einem Erdbeben und zwang auch den Ritter beinahe in die Knie. Aber sein Stand war gut gewählt gewesen und so hielt er sich einigermaßen auf den Beinen. Das hier war kein lächerliches Drachenfeuer. Das hier war ein Anschlag, geplant von diesem Hundesohn.
      Noch schlimmer war das Wissen, dass es keine kleinen Explosionen gewesen waren. Umgehend ergriff ihn Sorge, als ihm bewusst wurde, welchen Schaden das alles angerichtet haben konnte. Fast augenblicklich machte er auf dem Absatz kehrt und riss die Tür auf, um in den Flur hinaus zu stolpern. Vergessen war der Eindringling, den er fast in Stücke gehackt hatte. Das hier hatte höhere Priorität.
      STATUS!?“, schrie er den Flur hinab, der sich mit panisch umherlaufenden Leuten aller Ränge füllte, und steckte sein Schwert weg.
      „Rykard!“ Einer seiner Ritter kam in den Flur gestolpert. „Die Westwand! Die ganze Front, sie…!“
      Der Hauptmann Rykard gab ein abfälliges Geräusch von sich. Die Integrität des gesamten Bauwerkes war je nach Ausmaß in Gefahr. Seitlich aus dem Raum sagte Malleus irgendetwas, aber Rykard hatte keine Ohren für ihn. Er musste planen. Die richtigen Entscheidungen treffen, und das konnte er ganz bestimmt nicht aus dem ersten Stockwerk heraus.
      „Es hätte nicht soweit kommen müssen.“ Ein Schatten schoss aus dem Gästezimmer und unter Rykards Arme hindurch den Flur entlang.
      „Stehen bleiben, du feiger Hundesohn!“, schrie Rykard ihm hinterher und rannte so schnell seine Rüstung es zuließ dem Kultisten hinterher.
      Nur hatte Malleus den Vorteil von leichter Bekleidung und schoss regelrecht hinweg, immer eine Ecke voraus. Dafür bekam der Hauptmann von dem dichten Rauch dank seines Helmes und Visiers weniger mit als erwartet. Wesentlich langsamer kam er Malleus hinterher und die Schwere seiner Rüstung forderte ihren Tribut. Für Verfolgungsjagden war sie nicht geschaffen und nach kurzer Zeit schnaufte Rykard. Aber sein Ziel war gesetzt und damit preschte er auch durch die Leute, die sich aus dem Haus retteten. Denn diejenigen konnten noch laufen und schafften es auch ohne ihn. Als sie auf der Treppe ins Erdgeschoss zu preschten, brach ein Balken unter lautem Getöse und Feuerschwaden ein. Der Haupteingang war verschüttet worden und zwang Malleus sowie den Hauptmann kurz zum Einhalten. In diesem Moment hörte Rykard all die Schreie aus den Zimmern, wo sich Menschen nicht mehr zu retten vermochten. Da zögerte der Hauptmann, während die Hitze sich immer weiter aufbaute und auch langsam ihren Weg durch seine Stahlrüstung finden würde. Er knirschte mit den Zähnen, unschlüssig, ob er seine Verfolgung abblasen sollte. Doch da setzte sich Malleus wieder in Bewegung und er folgte dem Mann geistesgegenwärtig. Jedoch nicht ohne das Versprechen abzugeben, gleich zurück zu sein.
      Mit seiner Rüstung brach sich Rykard mehr einen Weg durch die Trümmer als Malleus, der sie relativ galant überwand. Durch die Hitze flimmerte sein Blick und Schweiß brannte in seinen Augen. Die Atmung fiel ihm schwerer und doch ahnte er, wohin es den Kultisten zog. Genau dahin, wo die Explosionen gewesen waren. Zu seinem Komplottpartner. Mit neuer Wut preschte der schwergepanzerte Ritter dem Kopf der Signa hinterher, vorbei an Trümmern, Möbel und Allerlei. Direkt bis zu dem nächsten herunter gebrochenen Balken, über den Malleus hinweg geklettert war. Mit entschlossener Miene näherte sich auch Rykard dem Hindernis, da sah er die Hände, die sich hilfesuchend in die Luft reckten. Er hörte die Schreie, nein, das Gekreische von verbrennenden Menschen. Voller Entsetzen sah er die Leute unter dem Balken begraben, über den sich Malleus einfach hinweg geschwungen hatte. Da hinten, in Sichtweite, stand der Mann nun und hielt es für nötig, noch Reden zu schwingen.
      „Ich habe es dir gesagt. Feuer… beugt sich meinem Willen. Du hättest mir lieber glauben sollen. War es das wert?“
      Rykard brüllte in einem frustrierten Laut. Wie gern er diesem Mann den Kopf abgeschlagen hätte, aber im Gegensatz zu dem Kultisten konnte er die Leute, seine Leute, vor sich nicht ignorieren. Billigend nahm er in Kauf, dass Malleus das Weite suchte, als er beherzt nach den ersten brennenden Trümmern griff und sie beiseite warf. Er trat gegen den Balken, packte ihn und zerrte ihn mit allem was er hatte von den armen Menschen. Dabei schrie er unter Aufbegehren seiner Kräfte, während die ersten Leute aus ihrem Gefängnis kraxelten. Jeden Einzelnen befreite Rykard aus seiner flammenden Hölle, während das Metall an seinem Körper immer heißer wurde. So heiß, dass er nicht einmal mehr sagen konnte, von dem der Geruch nach verbranntem Haar und Haut stammte. Die Platten an seinen Händen verfärbten sich bereits, doch er stoppte erst, als er auch den letzten Akolythen befreit hatte.
      Raus hier“, befahl er den Männern und hustete aufgrund der Anstrengung, Hitze und Rauches. Die teilweise verbrannten Männer rauften sich zusammen, blieben aber hinter dem Hauptmann zurück, der nun die Vorhut bildete und brennende Trümmer mit Händen und Füßen aus dem Weg warf und trat. Fort war Malleus, aber das scherte ihn nicht. Er musste die Leute rausbringen und noch viel wichtiger: Die Rüstung loswerden. Sie brannte sich schon in seinen Körper, das befürchtete er unlängst. Das Brennen war zu Stechen und schließlich zu unbeschreiblichen Schmerzen verkommen, sodass er nur mit zusammengebissenen Zähnen und blindem Willen den Weg freimachte bis zur Westwand, wo mehrere große Löcher in der Fassade klafften und frische, kühle Luft ihnen die Freiheit schmackhaft machte.
      Kaum war Rykard draußen riss er sich die Stulpen von den Händen. Unter dem Trageleder der Plattierung war seine Haut feuerrot, nässte und warf Blasen. Er schleppte sich einige Meter weg von dem Tumult und den herausströmenden Menschen, wobei er sich fahrig den Kinnriemen seines Helmes löste und ihn samt angesengter Helmzier vom Kopf zog. Auch unter dieser Kappe war sein leicht ergrautes Haar intakt, aber die Haut darunter stark gereizt. Sein Gesicht war eben gerötet, warf allerdings keine Blasen. Unter Stöhnen und Ächzen schälte er sich aus seiner Rüstung, warf Teil um Teil ab, ehe sich zwei Akolythen zu ihm gesellten und ihrem Hauptmann hastig dabei halfen, die kochend heiße Rüstung abzustreifen. Achtlos warf man den Stahl auf das Gras zwischen Trümmern und Steinen. Irgendwo landete die Malachitkling, irgendwo landete der Brustpanzer, darin versteckt das wertvolle Gut. Aber dafür hatte Rykard keine Gedanken. Er litt Schmerzen aus der Hölle und wurde sofort von den zwei Akolythen gestützt und aufgerichtet. Der Hauptmann brauchte sofort etwas gegen die Verbrennungen, auch dort, wo die feinen Kettenglieder ein netzartiges Muster auf seiner Haut hinterlassen hatten.
      Während man den Hauptmann wegführte, brüllte er konsequent, wenn auch unter Schmerzen, Anweisungen. Wo das Löschwasser zu holen war, auf welche Stockwerke man nicht mehr gehen sollte. Wo die armen Leute in Räumen verschüttet waren und als Erste geholt werden mussten. Bevor er den Schauplatz verlassen würde, sorgte Rykard dafür, dass so wenige Leute wie möglich dem Anschlag zum Opfer fielen. Danach konnte er sich immer noch darum kümmern, diesen Hundesohn von Ketzer ausfindig zu machen.
    • Tava zählte die Sekunden - oder eher die Bewegungen der Flammen, die sich ungezügelt und wild in die Höhe schlängelten. Normalerweise wäre es atemberaubend gewesen, so nahe an dem Feuer zu sitzen, einen Fluchtweg zu haben und dabei darauf warten zu können, dass hier vollends alles in Chaos ausbrach, ehe sie abhauen musste. Aber das hier hatte etwas anderes. Je länger sie hier saß, desto besser fühlte sie sich nicht, sondern desto... unruhiger wurde sie. Wo blieb Malleus? Er hatte nur fünf Minuten, aber mit der Lichtbombe hätte er gleich rauskommen müssen. Wie schwierig war es denn, aus einem der Fenster im Westen zu klettern? War er aufgehalten worden? Und wenn es so war, konnte Tava ihm irgendwie helfen? Was sollte sie denn tun?
      Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr war ihr Blick einer sorgenvollen Natur, mit der sie die Flammen betrachtete. Tava hatte alles richtig gemacht, hatte alles nach Plan gemacht, nur Malleus fehlte noch. Und wenn er nicht kommen würde? Wenn sie etwas falsch gemacht hatte?
      Bei dem Gedanken, dass Malleus gar nicht da sein könnte, um Tava dafür zu rügen, einen Fehler gemacht zu haben, wurde ihr plötzlich ganz kalt. Da konnte das Feuer auch nichts daran ändern, weder der Anblick der Flammen, noch die Hitze selbst. Wenn er in Schwierigkeiten steckte, dann wäre das furchtbar. Tava würde hier nicht ohne Malleus verschwinden, Sachen hin oder her. Devon würde das verstehen können.
      Wie auf glühenden Kohlen saß sie inmitten ihres Versteckes und versuchte auszuharren. Vor ihr wuchsen die Flammen höher und höher, nährten sich von Holz und Leim und stoben in die Höhe. Schreie und warnende Rufe erklangen über das Grundstück, von vorne und auch von der Seite. Irgendwas vom Eingang und natürlich Wasser, jemand solle Wasser besorgen. Wo bliebe nur das Wasser?
      Tava blieb wo sie war, reglos, bis sie plötzlich eine Bewegung in der klaffenden Mauer sah. Der Gedanke an Malleus ließ sie aufspringen und sie wäre beinahe zur Mauer gelaufen, um ihm rauszuhelfen. Wie auch immer er im Erdgeschoss gelandet war, hauptsache er käme jetzt nach draußen. Aber als sie einen Fetzen blau schimmernden Stoff sah, blieb sie wie angewurzelt stehen.
      Es war nicht Malleus, der sich dort seinen Weg in die Freiheit erkämpfte, sondern der Mann vom Marktplatz, derjenige, der Devon wegbeordert hatte. Seine Rüstung war von Ruß übersäht und der Stoffteil von Flammen angesenkt. Er schlug sich einen Weg nach draußen, torkelte durch das Loch und riss sich noch in der Bewegung die Handschuhe von den Händen, die er sofort vor sich ins Gras warf. Tava wich wieder zurück, aber er hatte sie gar nicht bemerkt; seine Aufmerksamkeit lenkte sich sofort weiter zu seinem eigenen Helm. Hinter ihm kamen weitere Menschen nach draußen, begleitet von einem Schwall Rauch, verrußt, teilweise angesenkt, die Gesichter vor Panik oder Schmerz verzogen. Das Feuer des Gebäudes lenkte sie an der Seite entlang, weg von Tava und auch weg von ihrem Hauptmann, bis sie bald in die Richtung verschwunden waren, aus der auch noch mehr Schreie erklangen. Nur zwei von ihnen blieben zurück und packten bei der Rüstung mit an. Rote, aufgequollene Haut kam zum Vorschein, eindeutige Brandverletzungen, die sich über seine Wangen und seinen Hals hinab zogen. So sehr Tava ihr Feuer liebte, so wenig konnte sie den Auswirkungen davon etwas abgewinnen. Allerdings hatte sie dafür auch eine sehr einfache Einstellung: Wer das Feuer unterschätzte, trug selbst Schuld daran. Und bei diesem Kerl sah es nicht so aus, als hätte er den Flammen den gebührenden Respekt gezollt.
      Tavas Aufmerksamkeit wurde abgelenkt, als der Kerl erst den Waffengurt abwarf und dann das Schwert aus seinem Heft rutschte, eine grüne, einzigartige Klinge. Eine, die Tava genauso leicht erkannt hätte wie schwarze Locken oder dünn geschlitzte Augen. Und der Mann trug sie sogar bei sich.
      Tava starrte erst ihn und dann seine Gefährten an. Mehr Teile fielen auf den Boden und der Erfahrung nach musste das Eisen bereits glühen; entsprechend schnell wurden sie beiseite geworfen. Kaum ein paar Sekunden vergingen, dann griffen sie ihm unter die Achseln und führten ihn mit unsicheren Schritten fort, die er mit energischen Rufen begleitete. Wasser, wo bliebe nur das Wasser, hauptsache Wasser. Er sah nicht noch einmal zurück. Tava hielt die Luft an.
      Und dann rannte sie. In der letzten Stunde hatte sie sich daran gewöhnt, die Lücken der Patrouillen auszunutzen, um ihre Arbeit durchzuführen, und jetzt war es nicht anders. Der Mann hatte kaum einen Fuß weiter gesetzt, da stob Tava bereits aus ihrem Versteck heraus, den Kopf eingezogen, den Rücken gebeugt, perfektes Gleichgewicht durch ihre Hörner. Sie hechtete über die Wiese, damit rechnend, dass jederzeit ein Warnruf ertönen würde und die nächsten Soldaten um die Ecke stoben. Aber niemand rief und niemand kam, selbst dann nicht, als sie sich die grüne Klinge schnappte und zurück hechtete, zurück zu ihrem Versteck, wo ihr Ausgang wartete. Die Klinge war geschafft - und jetzt? Wo war Malleus? Ihre Sorge war kaum gemildert, als sie herum wirbelte und die Gegend nach ihm absuchte.
    • Mit brennenden Lungen bewegte sich Malleus durch die unerträgliche Hitze. Mittlerweile flirrte die heiße Luft in seinem Blickfeld und das Atmen wurde zum Überlebenskampf. Überall versperrten ihm Trümmer und Feuer den Weg. Er war gezwungen einen Umweg durch die anliegenden Zimmer zunehmen, vorbei an wimmernden Menschen und bereits rot glühenden Leibern. Der Gestank von verbrannter Haut und Haaren schwängerte die Luft und erschwerte das Atmen zusätzlich. Malleus verdrängte mühevoll die verschwommenen Erinnerungen an ein brennenden Bauernhaus. Das Gefühl von Trümmerteilen, die auf seinen Brustkorb drückten, und geschmolzenem und verkohltem Fleisch unter seinen nackten Fingern, lähmte ihn kurzzeitig. Ein wenig zu lange verweilte er in dem dichten Qualm, der in seinen Augen brannte und bei dem auch hektisches Blinzeln keine Abhilfe brachte. Malleus senkte den Blick auf seine verhüllten Händen, die unkontrolliert zitterten während die in Flammen getauchten Wände immer näher rückten. Gleißende Hitze sickerte durch seine Haut, glühte in seinen Knochen und drohte seine Eingeweide zu versengen. Er würde verbrennen... Ein panischer Schrei katapultierte Malleus zurück ins Hier und Jetzt.
      Beinahe verlor der erstarrte Kultist das Gleichgewicht, als eine panische Gestalt in seinen Rücken stolperte. Flüchtende Soldaten und Akolythen hatten den Fluchtweg durch die Zimmer gefunden und drängten nun unaufhörlich in Richtung der klaffenden Löcher in der Westwand. Es war Glück im Unglück, dass die Panik allgegenwärtig um sich griff und die Frucht vor einem qualvollen Feuertod sie für alles Andere blind machte. Geistesgegenwärtig mischte sich Malleus unter die Flüchtenden und begrüßte wenige Augenblicke später den blauen Himmel. Seine Augen juckten und tränten von Hitze und Qualm. Stolpernd setzte sich Malleus von der angsterfüllten Masse ab und gelangte ungesehen hinter ein großzügiges Trümmerteil, dass vom Giebel auf den Rasen gestürzt war. Dahinter blieben ihm wenigstens ein paar wenige Augenblicke vergönnt um sich zu sammeln. Energisch presste er die geballte Faust gegen seine Brust, als könnte er damit den viel zu schnellen Herzschlag beruhigen. Er war nicht annähernd weit genug weg um der flirrenden Hitze zu entkommen, aber der freie Himmel über seinem Kopf vertrieb zumindest das erdrückende Gefühl sich nähernder Wände.
      Flüchtig sah er an sich herab.
      Die Flammen hatten ihn weitestgehend verschont. Die Kleidungsstücke waren von Kopf bis Fuß mit Staub und Ruß bedeckt. Hier und dort fand sich ein versengter Saum und aufgeschlitzte Stellen im Stoff. Grob wischte sich Malleus mit dem Unterarm über das Gesicht, verschmierte Asche, Blut und Tränenspuren auf seiner Haut. Prüfend betastete er die blutige Seite seines Kopfes. Seine Fingerspitzen zuckten ruckartig zurück, als sich der Kopfschmerz dadurch intensivierte.
      Vorsichtig spähte er über die Trümmer hinweg, als sich die Unruhe in all den panisch umherlaufenden Menschen noch einmal steigerte. Mit geradezu glühender Rüstung stürzte der Hauptmann, Rykard, wie er nun erfuhr, aus dem brennenden Gebäude. Akolythen brüllten seinen Namen durch das tosende Feuer und das Knarzen und Ächzen des einstürzenden Herrschaftshauses. Den Namen prägte sich Malleus gut ein, denn er hatte das untrügliche Gefühl dem Ritter nicht das letzte Mal begegnet zu sein. Um die Folgen dieser Begegnung konnte er sich allerdings später noch den Kopf zerbrechen. An dem Schaden ließ sich nun eh nichts mehr ändern. Egal wie Malleus es drehte und wendete. Unter anderen Umständen hätte der Kultist vielleicht ein trockenes Lachen darüber verloren, das alles, was mit Devon zusammenhing, nie ohne schwerwiegende Konsequenzen endete.
      Der Platz vor der Westwand leerte sich, die Rufe nach Wasser und Wunderversorgung verloren sich im Lärm der gefräßigen Flammen. Malleus wartete auf den richtigen Augenblick, da huschte eine Gestalt blitzschnell und mit vertrauter Leichtigkeit über den verkohlten und glühenden Rasen. Tava hatte ihre Deckung verlassen und Malleus fluchte leise. Schnell ging sein Blick zu Rykard und seinen Männern, deren Aufmerksamkeit zu ihrem Glück gerade woanders lag. Die Cervidia stürzte sich auf die verstreute Rüstung des Blaumantels und hechtete bereits wenige Momente später mit der Malachitklinge davon. Malleus stieß erleichtert den Atem aus. Er wartete bis Tava zurück in ihrer Deckung war und dann noch ein paar Sekunden länger, so lange, wie er es in der erdrückenden Hitze in unmittelbarer Nähe zum Herrschaftshaus aushielt. So lange, bis sich die Löscharbeiten auf die Wände konzentrierten, die im Gegensatz zu Westseite vielleicht noch zu retten waren.
      Malleus verließ sein Versteck und wurde sofort mit einem neuen Schwall unerträglicher Hitze begrüßt. Ungeschützt hechtete er durch die frischen Flammen, die nun beinahe den gesamten Rasen um die Westwand verzehrten. Seine Lungen brannten, sein Körper schmerzte von der Anstrengung. Er hatte ihm alles abverlangt.
      Er fiel mehr zu Boden, als dass er sich hinkniete und drehte den Brustpanzer herum. Malleus zischte vor Schmerz, als sich das heiße Metall in das Leder seiner Handschuhe presste, die ihn vermutlich davor bewahrten sich die Fingerspitzen zu verbrennen. Nun wurde der Kultist doch hektisch. Was, wenn die Haut unter dem glühenden Metall erheblichen Schaden genommen hatte? Er biss die Zähne zusammen und tastete halbblind durch die flirrende Hitze die Rüstung ab. Ihm wurde schwindelig, als er endlich das Begehrte zu fassen bekam. Ohne sich den Zustand zu besehen, steckte er die zusammengerollten Haut unter sein Hemd.
      Mit einem letzten Blick zu allen Seiten rappelte sich Malleus auf und hechtete über den Rasen bis er endlich Tava erreichte. Vollkommen atemlos schlug er auf den Knien neben Tava auf, riss sich das Tuch vom Mund und hustete so stark, dass er befürchtete seine Lungen damit in Stücke zu reißen. Vornübergebeugt stützte er sich am Boden ab. Mit einem gehetztes Gesichtsausdruck warf er den Kopf zurück und blickte in zwei große Augen, die ihn erleichtert ansahen. Malleus konnte sich nur vorstellen, wie er gerade aussehen musste. Hatte sie sich Sorgen gemacht, er würde es nicht schaffen die Haut zu besorgen?
      Malleus wankte, als er in gebückter Haltung aufstand um weiterhin in Deckung zu bleiben.
      "Ich...", wieder ein gequältes Husten. "Hab sie. Wir müssen weg. Zu den Pferden und raus aus Touvanen. Sofort."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Fünf Minuten waren vergangen. Tava erkannte das nicht daran, dass sie mitgezählt hatte - wobei es auch nur eine Richtung gewesen war, Feuer hielt sich an keinen Zeitplan - sondern an den Flammen, die in den Himmel leckten. Für jeden Außenstehenden mochte der Brand unverändert wirken, genauso groß und ziellos wie schon davor, aber Tava merkte den Unterschied. Tava konnte genau den Moment bestimmen, an dem es zu wenig Holz und zu viel Feuer gab, an dem die Hitze eine gewisse Schwelle übertrat und ab dem die Beschränkungen des Feuers aufgehoben waren. Ab jetzt war es ein wildes, ungezügeltes Feuer, dem nicht einmal Tava hätte Einhalt gebieten können. Ab jetzt war es nicht mehr zu kontrollieren, nur noch zu löschen.
      Und Malleus war immer noch nicht da. Dabei hatte Tava ihn vorgewarnt, sie hatte ihm extra ein Zeitlimit gegeben, denn so lange konnte sie ihm garantieren, dass die Westfenster frei blieben. So lange hatte sie die Kontrolle über das Feuer. Aber jetzt war es frei, ungebändigt und als wollte es das auch beweisen, ging in diesem Moment etwas in die Luft und ein Feuerball schoss nach oben in den Himmel. Flammen streckten sich nach rechts und links aus und bekamen ein Fenster im Westen zu fassen. Sofort stand das Holz in Flammen.
      Nur Malleus fehlte. Tava presste die Klinge samt Heft an sich, während sie mit beunruhigter Begeisterung den Brand beobachtete. Mittlerweile kamen die ersten Wasserträger heran, aber sie gossen das Wasser an das lichterloh brennende Fundament und machten alles falsch. So würde es sicher noch Stunden lang brennen.
      Ein dunkler Fleck vor den lichterlohen Flammen ließ Tava aufschauen und sie drückte sich noch tiefer in ihr Versteck, als sie unter dem Ruß die blaue Farbe der Uniform erkannte. Der Akolyth rannte an der Feuerwand entlang, stob durch Flammen hindurch, die an seiner Kleidung leckten, und warf sich auf den noch unbefleckten Teil des Rasens, wo der Hauptmann seine Rüstung weggeworfen hatte. Tava hob ein wenig den Kopf, als der Akolyth sich den Brustpanzer schnappte und irgendetwas daran herumfummelte. Er trug schwarze Lederhandschuhe und da erkannte Tava erst mit unermesslicher Erleichterung, dass es Malleus war. Den Feuern sei Dank, es war Malleus!
      "Malleus!"
      Er hörte sie über das Geschrei der Menschen und dem Brechen des Feuers nicht. Seine Aufmerksamkeit lag vollends auf dem Brustpanzer, was Tava nicht verstehen konnte. Was wollte er denn damit?
      "Malleus!"
      Unruhig sah sie nach links und nach rechts, aber Malleus war der einzige gewesen, der sich durch das Feuer des Rasens gewagt hatte. Alle anderen blieben vor dem Haus zurück, wo sie einen Zugang zum Wasser hatten.
      Tava rief noch einmal, da kam Malleus endlich auf die Füße, wirbelte herum und rannte auf sie zu, als hätte er sie schon vom ersten Mal gehört. Tava wich erleichtert zurück, um ihm auch etwas von der Deckung zu gewähren, als er vor ihr auf die Knie fiel. Sein Kopf war voller Ruß - und Blut? War das Blut? - und er fing an grässlich zu husten, als er sich das Tuch vom Mund riss. Tava streckte die Hand nach ihm aus und zog sie rechtzeitig zurück, nachdem sie sich erinnert hatte, dass er nicht Devon war. Stattdessen neigte sie den Kopf und versuchte seinen Blick zu erhaschen.
      "Alles gut? Geht's dir gut?"
      "Ich..."
      Malleus rang sichtbar nach Atem und hustete wieder.
      "Hab sie."
      Erst da entdeckte Tava das Leder, das er sich an die verkohlte Brust presste. In ihrer Aufregung hatte sie es schon wieder ganz vergessen. Sie hatte sich solche Sorgen gemacht, sie hatte nur nach Malleus Ausschau gehalten und hätte sich damit zufrieden gegeben, dass er zurückgekommen war. Aber er hatte daran gedacht und jetzt hatten sie sogar Devons Sachen besorgen können.
      "Wir müssen weg. Zu den Pferden und raus aus Touvanen. Sofort."
      "Ja. Ja, ja. Komm, hier raus."
      Sie kroch rückwärts und suchte in der Mauer das Loch, das sie hinterlassen hatte und wo sie sich jetzt durchquetschte. Malleus folgte ihr nach einiger Anstrengung und dann rannten sie, rannten so schnell, wie ihre Beine sie tragen konnten, bis sie um die nächste Ecke schlitterten. Malleus riss sich die Verkleidung vom Körper und Tava zog ihm ihren Umhang auf, dessen Kapuze er sich tief ins Gesicht zog. Es war ein Risiko, dass Tava unverkleidet durch die Stadt ging, aber ein geringeres als Malleus. Tava war ein Niemand und nur durch schlecht gezeichnete Hörner erkennbar, Malleus war ein Kultist, der in allen Städten seine Anhänger und seine Rivalen hatte. Er versteckte sein Gesicht, während Tava sich einfach nur unauffällig hielt.
      Sie erreichten das Gasthaus und stürmten nach oben. Jetzt, wo die größte Sorge um Malleus vorbei war, war Tava wieder vollends begeistert von ihrem Meisterwerk.
      "Wir haben es geschafft, Devon!"
      Sie präsentierte ihm voller Stolz seine Klinge, die sogar noch in ihrem Heft steckte. Neben ihr überreichte Malleus zeremoniell den Lederbund.
      "Es hat gebrannt wie sonst was, du hättest es sehen müssen! Höher als das ganze Haus hat es gebrannt! Und dann erst die Explosion - ohhh!"
      Völlig verzückt tänzelte sie auf der Stelle. Nur Malleus neben ihr besaß noch die Geistesgegenwart, sie alle daran zu erinnern, dass sie schnellstmöglich verschwinden sollten.
      "Ja richtig."
      Sie half ihm aus dem Umhang, dann beförderte sie Wasser zutage, damit Malleus sich waschen konnte. An seinem Kopf klebte wirklich Blut, aber ihre besorgte Nachfrage tat er elegant ab. Ihm ginge es gut und sie sollten nur schauen, dass sie verschwinden konnten.
      Sachen wurden zusammengeschmissen und gepackt. Devon musste seine alte, zerschlissene Kleidung anziehen, aber er konnte den Mantel darüber tragen und sie verdecken. Das Schwert packte er in seinen Rucksack, bevor die Klinge noch irgendjemand wiedererkennen würde. Malleus entfernte all seinen Ruß, bis er halbwegs normal aussah.
      Dann waren sie eigentlich bereit zum Aufbruch, nur dass sie sich unbewegt gegenseitig anstarrten. Oder eher die Männer sich gegenseitig, während Tava sie nacheinander ansah.
      "Das geht so nicht", sprach sie schließlich aus, bevor es einer der anderen beiden getan hätte. Selbst mit der Dunkelheit der Nacht würden sie zu dritt niemals das Tor passieren können, nicht wenn die Soldaten ihnen Fackeln ins Gesicht hielten und sie mit den ausgehängten Zeichnungen verglichen. Tava vielleicht, sie hatte gute Chancen, aber Malleus nicht mit seiner dunklen Haut und seinen ausfallenden Locken und Devon nicht mit seinen zu schlitzen verengten Augen. Sicher nicht. Der schnelle Aufbruch fand ein jähes Ende.
      "Und wenn... Malleus, wenn wir ein Puder finden, ein dickes Puder, färben wir dein Gesicht ein. Dein Gesicht und deinen Hals. Und einen Hut! Ja, einen Hut. Du machst die Haare hoch und versteckst sie unter einem Hut, dann sieht man dir nicht an, dass sie lang sind. Nur das Puder brauchen wir, Puder und einen Hut. Und Devon... lass dich ansehen."
      Er setzte sich, nachdem Tava sich umständlich zu ihm hoch zu strecken versucht hatte, und ließ über sich ergehen, dass Tava sich zu ihm vorbeugte und ihm suchend in die Augen starrte. Ein paar Sekunden lang studierte sie ihn.
      "Du siehst auch nicht aus wie auf den Bildern, aber deine Augen werden dich immer verraten. Wenn wir nur... wenn sie nur groß wären. Verstehst du? Dann bist du nur ein sehr großer Mensch. Aber sie müssen groß werden. Wie werden deine Augen groß, Devon?"
      Sie ließ sich eine Antwort geben, während sie an seinem Augenlid zog. Devons Missmut war ihm deutlich anzusehen.
      "Nein... das geht nicht... ich könnte - aber das mache ich nicht gern. Augen sind so empfindlich und wenn ich was falsch mache, vielleicht mache ich dich blind. Ich werde keine Augentropfen herstellen. Aber..."
      Sie richtete sich auf und sah einmal zu Malleus und wieder zurück.
      "Lacerta sind doch nicht immun gegen Drogen, oder? Ein bisschen Rotstaub und deine Augen sollten größer werden als dein Kopf."
    • Der Rückweg verschwamm für Malleus zu einem nervtötenden Wirbel aus Lärm und Farben. Von überall drang das Geschrei zu ihnen herüber, Menschen rannten kreuz und quer über die Straßen vor dem Herrschaftsgebäude. Blind stolperte er Tava hinterher und hatte dabei tatsächlich arge Schwierigkeiten mit der flinken Cervidia mitzuhalten. Er war am Ende seiner Kräfte, doch eine Pause war ihm noch lange nicht vergönnt. Obwohl er spürte, wie alle Muskeln in seinem Körper langsam streikten, legte er seine letzten Reserven in den kraftraubenden Sprint zurück zum Gasthaus. Der Schankraum wirkte wie leer gefegt. Die Explosionen hatten alle hinaus auf die Straßen gelockt und in dem Chaos fielen die zwei Gestalten nicht auf, die sich durch die Tür zwängten und die Treppe hinauf quälten.
      Endlich fiel die Tür hinter ihnen ins Schloss und Malleus lehnte sich mit pfeifenden Atemzügen gegen das spröde Holz. Durch den Tränen- und Blutschleier nahm er kaum die Umrisse im Raum. Er bildete sich ein, dass die Nachwehen der Explosion noch immer im Boden zu spüren waren bis er bemerkte, dass es seine Beine waren die zitterten. Während Tava bereits mit dem Schwert zu Devon eilte, rang Malleus um Fassung. Seine flache Hand presste er gegen die schmerzende Brust und das eingerollte Leder, dass sich unter seinem Hemd verbarg. Etwas anderes darunter zu spüren als den eigenen, harten Herzschlag erinnerte ihn daran, wofür er gerade Kopf und Kragen, mehr noch als das, riskiert hatte.
      Schwerfällig stieß sich Malleus von der Tür ab und als er sich Devon mit bedächtigen Schritten näherte, fehlte ihm dabei die übliche Geschmeidigkeit in seinem Gang. Seine Füßen lösten sich kaum vom Boden, als er mehr voran schlurfte als ging. Ein verkrampftes Husten schüttelte auf halbem Weg seinen gesamten Körper durch und er presste die Hand gegen die Lippen als er Ruß auf der Zunge schmeckte. Die letzten Schritte um die Distanz zu Devon zu überwinden, hielten eine Ewigkeit an. Mit vom Qualm brennenden und tränenden Augen führte er seine Hand unter sein Hemd und zog das verschnürte Leder hervor. Behutsam legte er die zurückgeholte Haut in seine Handflächen und blickte mit blutverschmiertem und verdrecktem Gesicht in geschlitzte Pupillen, als er Devon überreichte, wofür dieser durch unzählige Speere beinahe sein Leben gelassen hatte. Respektvoll neigte Malleus das Kinn auf die Brust und wartete. Vielleicht hatte er so ein wenig seiner Schuld abtragen können.
      "Es hat gebrannt wie sonst was, du hättest es sehen müssen! Höher als das ganze Haus hat es gebrannt! Und dann erst die Explosion - ohhh!"
      Neben ihnen tänzelte Tava berauscht von ihrem Werk auf der Stelle, doch die Stille zwischen den Männern breitete sich aus und erst als der Lacerta ihm endlich die Haut aus den zitternden Händen nahm, löste sich der Kultist aus seiner Starre. Langsam hob das Haupt wieder an und versuchte durch den milchigen Schleier seiner Augen den Ausdruck in seinem Gesicht zu erkennen.
      Obwohl er an Tava gewandt sprach, sah er immer noch Devon an.
      "Tava...", krächzte er mit angeschlagener Stimme, die jegliche Weichheit vermissen ließ. Nicht, weil er unzufrieden mit der Cervidia war, sondern weil Rauch und Feuer sich über seine Stimmbänder gelegt hatten. Die heiße, flirrende Luft einzuatmen, blieb nicht ohne kurzweilige Folgen. "Wie haben keine Zeit...pack deine Sachen zusammen. Schnell."
      Er blinzelte, doch Devons Gesicht blieb unscharf.
      "Du solltest dich schonen, aber ich befürchte, das muss warten. Wir müssen gehen, Devon. Wenn es vorher nicht sicher war, hier Schutz zu suchen, ist es ab jetzt lebensmüde", wisperte er heiser. "Wir müssen uns irgendwo anders versteck..."
      Malleus schlug erneut die Hand vor den Mund, als ihn ein Hustenkramp ereilte und nahm dankbar die nassen Tücher und das Wasser von Tava entgegen. Das erste Wasser für seine verbrühte Kehle, das zweite Wasser um sich von Schmutz und Blut zu befreien. Er wusch sich sogar die Augen soweit es ging aus. Mit Mühe stützte sich Malleus ab während er in den kleinen Spiegel im Zimmer sah und sorgfältig die Wunde an seiner Schläfe säuberte. Die Haut war geschwollen und empfindlich, aber musste zu seiner Erleichterung nicht genäht werden. Hilfe lehnte er ab. Obwohl er sowohl Tava und Devon wenige Stunden ein lang überfälliges Zugeständnis gemacht hatte, ertrug er den Gedanken an eine Berührung im Augenblick nicht. Der Schlafmangel tat sein Übriges dazu. Er fürchtete, dass sein Körper sich dann auf der Stelle der Erschöpfung hingab, sobald er auch nur den Hauch einer fürsorglichen oder sanften Berührung zuließ.
      Als alles gepackt war, tobte die Unruhe noch immer vor ihrem Fenster. Mit einem forschenden Blick sah Malleus zu Devon, der sich zwar auf den Beinen hielt, aber weit davon entfernt war reisefähig zu sein.
      "Das geht so nicht."
      Malleus zuckte leicht zusammen.
      Er lauschte ihrem Vorschlag und stieß ein Seufzen aus, aber konnte nicht verleugnen, dass Tava wohlmöglich Recht hatte. Die Männer waren angeschlagen und die Flucht direkt durchs Stadttor am schnellsten, wenn sie niemand entdeckte.
      "Kümmere Dich erst um Devon, ich..."
      Mitten im Satz brach Malleus ab und schlurfte durch den Raum um seine Tasche zu durchsuchen. Während er lauschte, was sich Tava für Devon ausdachte, zog er einen Schal hervor. Ganz in Devons üblicher Manier, wickelte er sich den Schal mit bebenden Fingern um den Kopf. Mehr fühlend als sehend stopfte er alle Haarsträhnen unter den dunklen Stoff und zupfte den Schal so zurecht, dass er auch die Kopfwunde halbwegs kaschierte. Damit war das erste Problem gelöst.
      "Lacerta sind doch nicht immun gegen Drogen, oder? Ein bisschen Rotstaub und deine Augen sollten größer werden als dein Kopf."
      "Auf gar keinen Fall", krächzte Malleus protestierend. "Du willst ihn in diesem Zustand unter Rotstaub setzen?"

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Aus dem Fenster konnte Devon die rennenden Menschen beobachten. Er hatte das Messer wieder weggepackt und seine Verbände gerichtet, damit niemand so schnell darauf kam, dass er sich eine Geschichte aufgeschrieben hatte. Nachdem er fertig war und seine lauernde Position bezogen hatte, war ihm der Feuerball am Horizont nicht entgangen, der am Herrenhaus hochgegangen war. Seine Befürchtungen, dass Tava und Malleus einen sehr waghalsigen und dummen Plan verfolgten, schien sich zu bewahrheiten.
      Umso erleichterter war er, als er zwei sehr schnell huschende Gestalten ausmachen konnte, die direkt ins Gasthaus zu stürmen schienen. Eine davon trug eine Scheide samt Schwert bei sich und er stieß einen angespannten Atemzug aus.
      Schon kurz darauf kamen Tava und Malleus in das Zimmer gerannt. Tava, die offensichtlich absolut keine Blessuren davongetragen hatte, strahlte Devon regelrecht an. „Wir haben es geschafft, Devon!“, frohlockte sie und hätte ihm vermutlich seine Malachitklinge direkt in die Arme geworfen, hätte er Tava nicht auf halbem Wege davon abgehalten. Er hätte dem Schwert mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, aber im Hintergrund befand sich noch Malleus, der die Tür geschlossen hatte. Das Schwert legte der Jäger auf das Bett, ehe er sich vollends dem Kultisten widmete, der nach Feuer und Schweiß und Furcht stank. Ein Blick genügte, dann fielen ihm die zitternden Beine auf. Wo Tava ungeschoren davongekommen war, hatte Malleus nicht dasselbe Glück gehabt. War er etwa Opfer der Explosion geworden?
      Devon kam ihm einen Schritt entgegen und stutzte dann. Der andere Mann schlurfte über den Boden, an seiner Wange waren dunkle Blutschlieren kaum von seiner Haut zu unterschieden. Er hatte eine Platzwunde, die wenigstens nicht mehr blutete, aber…
      Devons Augen wurden groß, als er wahrhaftig die Haut seines Freundes zum Vorschein kommen sah. Ihm blieb beinahe das Herz stehen, als Malleus die Rolle unter seinem Hemd hervorzog und sie ehrsam in die Hände des Jägers legte.
      Noch nie hatte sich eine einzelne Haut so schwer in seinen Händen angefühlt.
      „Es hat gebrannt wie sonst was, du hättest es sehen müssen! Höher als das ganze Haus hat es gebrannt! Und dann erst die Explosion – ohhh!“
      Üblicherweise hätte der Lacerta die Cervidia nun zurechtgewiesen. Stattdessen senkte er seinen Blick auf die Haut in seinen Händen. Seine Daumen strichen sanft über die Rolle, die durch das Feuer von außen ein wenig verrust worden war. Er hatte sie wieder. Malleus und Tava hatten sie zurückgeholt. Die Lippen wurden ganz schmal, als er sie zusammenpresste und Malleus ein einziges, dankbares Nicken zukommen ließ.
      „Tava… Wir haben keine Zeit… pack deine Sachen zusammen. Schnell“, sagte Malleus in einem sehr angeschlagenen Tonfall und setzte noch eine Erklärung hinterher, wieso. Nur unterbrach er sich selbst durch einen Hustenanfall und Devons Kopf zuckte plötzlich gereizt zu Tava. „Bring Wasser, mach schon.“
      Devon nötigte Malleus hinüber zum Stuhl und Tisch zu gehen allein durch seine Körperpräsenz. Erst als er sich gesetzt hatte und mit dem Wasser die Spuren ihrer Selbstmordaktion wegwusch, entspannte sich der Jäger augenscheinlich ein bisschen. Während Tava ihre Sachen packte und Malleus sich frisch machte, verharrte Devon mit der Rolle in der Hand, als sei es das Wichtigste in seinem Leben. Er liebkoste sie regelrecht bis er sie schweren Herzens in seinem Beutel verstaute. Oben aus der Öffnung schaute das Ende der Rolle hinaus. Das Schwert musste er trotzdem irgendwie in seinen Rucksack zwängen. Das Heft stand wie das Ende der Rolle heraus. Da Devon nichts anderes mehr hatte, musste er seine löchrige Tunika überwerfen, würde sich aber mit einem Mantel behelfen. Das war alles andere als gut, aber etwas anderes blieb ihnen nicht übrig.
      Tava war derweil in ihrem eigenen Tempo unterwegs. Scheinbar nahm sie es sehr ernst, dass Malleus vorgeschlagen hatte, die Stadt zu verlassen, und plante lautstark herum. Ihr Vorhaben für Malleus wäre umsetzbar gewesen, dieser lehnte aber rigoros ab und hatte eine Alternative im Angebot. Dafür hing sie nun an Devon, der es immerhin schaffte, gerade und aufrecht zu stehen. Als Tava frustrierte Geräusche machte, seufzte er und ließ sich auf das Bett sinken.
      "Du siehst auch nicht aus wie auf den Bildern, aber deine Augen werden dich immer verraten. Wenn wir nur... wenn sie nur groß wären. Verstehst du? Dann bist du nur ein sehr großer Mensch. Aber sie müssen groß werden. Wie werden deine Augen groß, Devon?"
      „Groß?“, fragte der Lacerta verwundert ehe er wohl verstand, was sie meinte. „Du meinst meine Pupillen, ja? Die weiten sich in der Regel in der Dunkelheit. Stockdunkel, um genau zu sein. Dann weiten sich die Pupillen…. Ack, kannst du mein Lid loslassen?“
      Er schob Tava unwirsch von sich, damit sie seine Augen in Frieden ließ. Er rieb es sich während Tava weiter sinnierte. Nein, er hätte keine Lust ihre Tinkturen oder Tropfen oder was auch immer zu nehmen, ohne dass sie zertifiziert waren. Nachher vergiftete sie ihn aus Versehen noch. Oder ließ ihn tatsächlich erblinden. Da richtete sie sich etwas auf und sah verstohlen zu Malleus. Aha. Die Kleine hatte einen Einfall.
      „Lacerta sind doch nicht immun gegen Drogen, oder?“
      Nein, waren sie nicht. Immerhin waren manche von ihnen Teil von Riten.
      „Ein bisschen Rotstaub und deine Augen sollten größer werden als dein Kopf.“
      „Auf gar keinen Fall“, schaltete sich Malleus dazwischen, dem das Wasser nicht ausreichend gutgetan hatte. „Du willst ihn in diesem Zustand unter Rotstaub setzen?“
      „Warum nicht? Ist ein valider Plan oder nicht?“ Devon zuckte mit den Schultern und verzog das Gesicht, als sein Rücken mit zahllosen Stichen antwortete. „Zeig mal wo du das hast. Ich kenn’s nicht.“
      Tava warf Malleus einen weiteren Blick zu, den Devon dieses Mal nicht deuten konnte. Dann flitzte sie los, kramte in ihrer Tasche und kam mit einem kleinen Glasgefäß mit Stopfen zurück. Als sie den Stopfen zog, hatte sich Malleus schon halb aufgerichtet. Offensichtlich wollte er das wirklich unterbinden. Devon sah ihn über Tavas Schulter immer näher kommen, also griff er rigoros nach dem Fläschchen, schüttete sich einen nicht gerade geringe Menge des Rotstaubes auf die Hand und zog es einfach durch die Nase ein.
      Ob das nun die richtige Nutzungsweise war, wusste Devon natürlich nicht. Er wusste nur, dass es schrecklich in seiner Nase kitzelte und er hüsteln und fast niesen musste. Tava nahm das Fläschchen wieder an sich, verkorkte es und zuckte zusammen, als Malleus wirklich nicht begeistert darüber war. Gut, er hatte auch nicht die Menge gesehen, die er geschnupft hatte. Tava schon und ihr Gesichtsausdruck gefiel Devon nicht wirklich. Jetzt war der Schaden angerichtet und abwarten war nun die nächste Devise. „Pack auch deine Sachen, Malleus. Wir warten, bis es kickt und dann geht’s los.“

      Es dauerte nur ein paar Minuten.
      Man hatte Devon auf dem Bett sitzen gelassen, um alles andere an Gepäck reisefertig zu machen. Ihm war es gar nicht recht aufgefallen, aber so langsam bekam er den Eindruck, dass die Lage gar nicht so ausweglos schien. Sie hatten die Haut, sein Schwert und waren alle noch im Besitz ihrer Gliedmaßen. Sogar sein Rücken tat nicht mehr so weh, also machte die Regeneration auch endlich ihren Job. Gleich konnten sie die Stadt verlassen und waren dann endlich wieder unter sich. Und dann konnte Devon sich gleich mal darum kümmern, den Beiden richtig zu danken. Das hätte sein Freund schließlich auch von ihm erwartet, wenn er ihm schon die letzte Ehre erwies.
      Unterdessen hatte der Lacerta damit begonnen, seine Füße hin und her zu rollen während er wartete. Dabei fiel sein Blick auf Tava, die sich gerade vornüberbeugte, um noch etwas in ihre Tasche zu stecken.
      „Tava, das nächste Mal nehm ich dich von hinten. Dein Arsch ist anbetungswürdig“, durchbrach Devons dunkle Stimme plötzlich die Stille und sowohl Tava als auch Malleus starrten ihn verdutzt an. „Was denn?“
      Devon lehnte sich nach hinten und stützte sich mit seinen Händen ab. Dabei musterte er nun Malleus, der mit dem Schal fast so unkenntlich aussah wie Devon üblicherweise. Dieser fing plötzlich verschmitzt an zu grinsen. „Glaub mal nicht, dass ich dich nicht finden könnte. Verkleidung hilft da nicht viel. Ich weiß, du wie riechst. So oder auch wenn du erregt bist.“ Devon tippte sich an seine Nase, seine Pupillen waren mittlerweile fast so kreisrund wie die von Menschen. Er hatte aktuell noch Schwierigkeiten, den allumfassenden Gestank von Asche auszublenden und Tava und Malleus herauszuriechen. Aber dann würde er eben ihren Herzschlägen folgen müssen. Die hörte er schließlich auch so. Durfte er nur nicht mit denen des Wirts verwechseln oder der Gäste zwei Zimmer weiter. Solange das Pärchen zwei Zimmer weiter bald mal mit seinem Balzspiel aufhörte, würde es auch endlich wieder ein bisschen leiser werden. Devon rechnete Tava und Malleus es ohnehin schon hoch an, dass die Beiden bei dem Stöhnen der Frau noch keinen hochroten Kopf bekommen hatten. Dabei war es doch laut genug, dass sie es bestimmt auch hören mussten.
    • "Auf gar keinen Fall. Du willst ihn in diesem Zustand unter Rotstaub setzen?"
      "Ja natürlich. Du etwa nicht?"
      „Warum nicht? Ist ein valider Plan oder nicht?“, mischte Devon sich ebenfalls dazwischen. Mit einem Schulterzucken tat er den Einwand ab, was Malleus eine Grimasse entlockte, die hervorragend zu seinem umwickelten Kopf passte. Tava zog triumphierend die Augenbrauen in seine Richtung nach oben. Dass so viele ihrer Pläne in letzter Zeit akzeptiert wurden, machte sie noch ganz übermütig.
      „Zeig mal wo du das hast. Ich kenn’s nicht.“
      Unter Devons neugierigem Blick und Malleus' sichtbarem Misstrauen ging Tava zu ihrem Rucksack und beförderte dann wahrhaftig eine Phiole Rotstaub zu Tage. Sie schleppte etwa 100 Gramm mit sich, was ihr auf dem Schwarzmarkt sicher ein Vermögen einbringen könnte - hätte sie eine Alchemisten-Lizenz. Dass sie das Zeug trotzdem dabei hatte, tat sie mit einem unbeteiligten Achselzucken ab.
      "Es brennt gut."
      Malleus sah so aus, als hätte er eine ganze Menge dazu zu sagen, aber Tava gab ihm nicht die Gelegenheit dazu. Sie ging zu Devon und hielt es ihm unter die Nase.
      "Du musst das inhalieren, am besten über die Nase."
      Devon zog den Korken, augenscheinlich um einmal dran zu riechen. Sein Blick ging über Tavas Schulter hinweg, wo Malleus sich im Hintergrund regte.
      "Ich kenn die genauen Maße nicht, aber die Daumenregel ist so etwa einen -"
      Ohne weiter auf sie zu hören, kippte er sich ein bedeutendes Häufchen auf die Hand und schniefte es einmal auf einen Schlag hinein. Tava blieb der Mund offen stehen und hinter ihr erstarrte Malleus.
      "... kleinen Fingernagel."
      Devon starrte erst sie an, dann Malleus und gab schließlich kommentarlos die Flasche zurück. Tava nahm sie wieder entgegen, bevor auch sie sich voller Sorge zu Malleus umdrehte, die Augen riesig, der Kopf ganz gerade. Ohh er würde nicht glücklich darüber sein, er würde gar nicht glücklich sein. Die dunklen Augen richteten sich auf sie und Tava dachte schon, dass sie jetzt sofort im Boden versinken würde.
      „Pack auch deine Sachen, Malleus. Wir warten, bis es kickt und dann geht’s los“, kam es da von Devon und lenkte den Kultisten sichtlich ab. Er ersparte sich die Rüge und wandte sich wieder seinen Taschen zu, das ließ Tava aber nicht besser fühlen. Beschämt schlich sie zu ihrem Rucksack zurück und verstaute wieder alles sicher dort. Er würde doch deswegen nicht böse auf sie sein. Oder?
      Sie packten die restlichen Sachen in Schweigen zusammen. Das Zimmer war ein einziges Chaos gewesen, aber nachdem Tava ihre ganze Ausrüstung wieder verstaut hatte, sah es sogar wieder halbwegs ordentlich aus. Nur das Blut auf dem Bett konnten sie nicht entfernen, was wohl auch nicht so schlimm war. Sie würden längst durch das Tor sein, wenn es jemandem auffiel.
      "Tava, das nächste Mal nehm ich dich von hinten. Dein Arsch ist anbetungswürdig."
      Tava schoss sofort nach oben und wirbelte herum, so heftig, dass nur ihre Hörner sie davon abhielten, hinzufallen. Devon saß auf dem Bett, genau dort, wohin sie ihn vorhin noch dirigiert hatte, und starrte sie aus unbeteiligten Augen an. Seine Pupillen waren schon ein wenig geweitet, das konnte sie sehen. Aber - was?! Blut schoss ihr in den Kopf und auch überall sonst hin, spürbar heiß.
      "Was?!"
      Auch Malleus war erstarrt und sah den Lacerta ähnlich verblüfft an. Alle Bewegungen waren jetzt eingestellt und Devon sah unter der Aufmerksamkeit langsam vom einen zum anderen.
      "Was denn?"
      "Äh..."
      Hilfesuchend sah sie zu Malleus. Der konnte auch noch nichts erwidern, da hatte sich Devons Blick bereits auf ihm festgesetzt.
      „Glaub mal nicht, dass ich dich nicht finden könnte. Verkleidung hilft da nicht viel. Ich weiß, du wie riechst. So oder auch wenn du erregt bist.“
      Tava hätte nicht gedacht, dass ihr jemals heißer werden könnte, aber das wurde es. Jetzt war es Malleus, der völlig überrascht war und sich nicht rühren konnte. Und Tava, die nichts einzuwerfen hatte.
      Vorsichtig ging sie auf Devon zu und beugte sich zu ihm hinab. Seine Pupillen waren noch etwas unförmig, irgendwie ein bisschen oval, aber es sah gut aus. Wenn man nicht auf sowas achtete, würde man nie erahnen, dass dahinter ein Lacerta steckte.
      "Es wirkt... anscheinend... Wie geht's dir, Devon?"
      Sie trat wieder einen Schritt zurück, plötzlich nervös. So einen Kommentar hatte Devon noch nie fallen gelassen und sie glaubte auch nicht, dass er ihn jemals wieder fallen lassen würde. Sie wusste noch nicht, was sie mit der plötzlichen Direktheit des Lacertas anfangen sollte.
      Ein bisschen mehr um ihr Hinterteil bewusst, packte sie ihre restlichen Sachen und schulterte ihren Rucksack. Malleus tat dasselbe und half dann Devon dabei, den Beutel zu schultern. Als der Lacerta aufstand, war bereits klar, dass er nicht alleine die Treppe runtergehen würde, geschweige denn bis zum Tor. Tava ging zu ihm, bevor noch irgendjemand auf dumme Ideen kommen würde - hauptsächlich Devon in seinem Zustand.
      "Okay, gib mir deinen Arm, wir machen das schon. So ein bisschen... um die Schultern vielleicht. Nicht auf die Hörner, Devon! Lass das... nicht obendrauf! Hinten lang. Hinten - stell dich nicht so an! Ja, um den Nacken. Da kannst du dich abstützen. Mach deine... lass deine Hand da weg!! Weg, Devon! Wir gehen gleich nach draußen, du kannst mir nicht - weg hab ich gesagt!! Benimm dich! Komm jetzt - kannst du gehen? Dann auf geht's. Stütz dich auf mich."
    • "Ja natürlich. Du etwa nicht?
      "Nein", zischte Malleus energisch.
      „Warum nicht? Ist ein valider Plan oder nicht?“
      "Nein, Devon, ist es nicht. Es ist leichtsinnig...", mischte Malleus sich ein, doch Tava und Devon hörten ihm gar nicht richtig zu.
      Das konnte er nun wirklich nicht leiden. Plötzlich hatte er das Gefühl der einzige vernunftbegabte Erwachsene im Raum zu sein. Unter Malleus' finsterem Blick eilte die Cervidia zu ihrer Tasche und zog eine kleine Phiole hervor. Da er um den Inhalt wusste, war die winzige Phiole alles andere als unscheinbar. Misstrauisch beäugte der Kultist, wie Tava den Rotstaub übergab und ihm dabei einen zurückhaltenden Blick über die Schulter zuwarf. In Malleus' Gesicht zeichnete sich vollkommene Empörung ab. Es hatte nichts damit zu tun, dass sie ein heißbegehrtes Mittelchen bei sich trug, sondern eher damit, dass seine absolut berechtigten Einwände auf taube Ohren stießen.
      Missmutig verschränkte er die Arme vor der Brust.
      "Ich kenn die genauen Maße nicht, aber die Daumenregel ist so etwa einen -"
      "Nimm nicht zu viel, wenn es unbedingt sein muss. Wir wissen nicht, wie du darauf reagierst und...Devon! Nicht!"
      Malleus setzte einen übereilten Schritt nach vorn, doch der wiederkehrende Schwinde machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Ächzend stützte er sich auf dem Nächstbesten ab, das er greifen konnte. Der Stuhl ruckelte knarzend über den Boden, als er die Rückenlehne mit beiden Händen umfasste und mit großen, dunklen Augen den Lacerta anstarrte. Er hatte die Menge nicht genau gesehen aber das war zu viel gewesen. Viel zu viel. Mit einem gedehnten Seufzen fuhr sich Malleus durchs Gesicht und bedachte Tava mit einem verdrießlichen Blick.
      „Pack auch deine Sachen, Malleus. Wir warten, bis es kickt und dann geht’s los“, warf Devon ein.
      Richtig. Sie mussten weg.
      Seiner Empörung über die Ignoranz und Leichtsinnigkeit konnte er später noch eine Predigt halten, dachte der Mann, der sich vor wenigen Minuten bewusst ein ein Gebäude begeben hatte, dass ihm planmäßig um die Ohren geflogen war. Während er packte, schielte er immer wieder verstohlen zu Devon herüber, der regungslos auf dem Bett saß.
      Gewöhnlich wirkte der Rotstaub belebend, schärfte Sinne und öffnete den Geist. Anders gesagt: Der Rotstaub blies alle Hemmungen in den Wind. Da er nicht wusste, wie ein Lacerta das Zeug verkraftete, wäre es wohl das Schlimmste, wenn die Wirkung ins Gegenteil umschlug und Devon sich mit der Menge in die Bewusstlosigkeit beförderte...dachte Malleus zumindest.
      "Tava, das nächste Mal nehm' ich dich von hinten. Dein Arsch ist anbetungswürdig."
      "Was?!"
      Was?
      Malleus' Kopf fuhr ruckartig herum und bestrafte ihn gleich darauf mit hämmernden Kopfschmerzen. Verdutzt sah er Devon an und als ihm eine Augenbraue sichtlich erstaunt in die Höhe schoss, beinahe bis zum Ansatz seiner neuen Kopfbedeckung, bekam er nur ein "Was denn?" als Reaktion. Die Art wie Devon ihn nun ansah, war...mehr als merkwürdig. Die geweiteten Pupillen schienen seinen Anblick ganz ohne die gewohnte Zurückhaltung zu verschlingen. In dem Blick lag keine Erregung oder gar Begehren...es war mehr als spuckte Devon ganz offenherzig alle Gedanken aus, die ihm durch den Kopf schossen.
      „Glaub mal nicht, dass ich dich nicht finden könnte. Verkleidung hilft da nicht viel. Ich weiß, du wie riechst. So oder auch wenn du erregt bist", sagte Devon.
      Was?!
      Er sog scharf einen Atemzug ein und bereute es augenblicklich. Seine kratzige Kehle und pfeifenden Lungen nahmen ihm das harsche Einatmen sichtlich übel. Hustend krümmte sich Malleus vornüber. Nein, das hier war schlimmer als ein bewusstloser Lacerta, den sie an den Füßen aus Touvanen hätten schleifen müssen. Je schneller sie die Stadt verließen desto besser. Malleus beeilte sich seine wenigen Habseligkeiten noch schneller zu verstauen.
      Malleus' Befürchtungen milderten sich nicht ein Bisschen, während Tava sichtlich bemüht war den berauschten Lacerta in Schach zu halten. Wie es schien hatte sich nicht nur seine Zunge sondern auch seine Hände gelockert. In diesem Tempo würden sie Ewigkeiten bis zum Stadttor brauchen. Schnaubend heftete sich Malleus an die Fersen seiner Gefährten und hielt ihnen den Rücken frei. Er war alle Zeit bereit seine Unterstützung anzubieten, sobald es Tava zu viel wurde. Sei es Devons Gewicht oder seine freimütigen Gliedmaßen, die der Lacerta offensichtlich nicht mehr richtig unter Kontrolle bekam. Malleus kam sich vor wie eine überfürsorgliche Glucke während er hinter ihnen her trottete und als Einziger wirklich die Umgebung im Blick behielt. Der Weg über die Treppe war schon abenteuerlich, doch draußen vor dem Gasthaus besserte sich die Lage nicht unbedingt. Seine Augenbrauen zuckten gestresst.
      "Tava, pass mit den Stufen auf..."
      Tief ein- und ausatmen.
      "Der Türrahmen. Vorsichtig, sein Kopf."
      Ein und aus.
      "Könnt ihr bitte etwas leiser sein."
      Ein und aus.
      "Tava, die Leute gucken schon."
      Ein und...
      "Reißt euch zusammen, verdammt...!"



      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon beobachtete, wie Tava plötzlich Farbe ins Gesicht lief und er nickte. Passend zu dem Aufschrei zwei Zimmer weiter. Also hörten sie es doch.
      „Schlimm die Zwei da drüben. Aber immerhin haben sie Spaß“, meinte Devon lapidar und seine Nasenflügel blähten sich. Er bekam direkt eine Nuance von Tava herangeweht, die sich eindeutiger lesen ließ, als es ihr vermutlich lieb war. So eindeutig, dass Devon sich ein wenig umsetzen musste.
      Dafür kam Tava ihm jetzt näher und seine Augenbrauen hoben sich mit einer gewissen Erwartung. Aha, so sehr hatte es sie also doch mitgenommen. Eben noch wollte sie, dass sie alle drei sofort die Stadt verließen und jetzt saß sie bestimmt gleich wieder auf seinem Schoß. Dann konnte er sie dieses Mal bewusster nehmen, ja. Er bräuchte sich nicht mehr schämen. Scham war nicht angebracht. Da beugte sie sich zu ihm hinab und er legte ihr wie selbstverständlich eine große Hand an die Wange. Jetzt würde sie ihn gleich küssen. Wie war das auf cervidisch? Devon haderte einen Augenblick und neigte den Kopf leicht zur Seite. Doch Tava hatte scheinbar nur Augen für… nun, seine Augen.
      „Es wirkt… anscheinend… Wie geht’s dir, Devon?“, fragte sie und er verstand die Frage nicht.
      „Gut? Unverändert? Ich merk zumindest meinen Rücken nicht mehr so stark. Aber du duftest unglaublich… Setz dich, komm her.“
      Devon klopfte auf seine Oberschenkel, da wich Tava beinahe erschrocken zurück. Sie war nervös, auch das schmeckte er aus dem Luftschwall, den sie mit sich zog. Natürlich war sie das. War sie beim letzten Mal auch. Immerhin war er… gut bestückt.
      Unvermittelt wandte Tava sich ab und packte ihre Sachen. Verdrossen beobachtete der Jäger die Cervidia dabei, immer einen Blick auf ihren Hintern habend. Er schwor sich, dass er beim nächsten Mal ganz bestimmt sie von hinten nehmen würde. Er müsste ihr einfach nur auf ihrer Sprache ein bisschen begegnen, dann würde sie ihn wieder wollen. Das dachte sich Devon jedenfalls.
      Als alle bereit waren, erhob sich Devon und schwankte ein wenig. Er war zu schnell aufgestanden und sein Puls raste viel zu schnell. Er kniff die Augen zusammen, als er sich seinen Beutel auf die Brust schnallte. Irgendwie hatte er sich das einfacher vorgestellt. Dankbar für Tavas schnelle Auffassungsgabe ließ er sie an seine Seite.
      „Okay, gib mir deinen Arm, wir machen das schon. So ein bisschen… um die Schultern vielleicht.“
      Schultern. Alles klar. Devon legte einen langen Arm um Tava, oder hatte es zumindest vor. Er blieb an ihren Hörnern hängen, aber auch da fühlte sich sein Arm ganz wohl.
      „Nicht auf die Hörner, Devon! Lass das… nicht obendrauf. Hinten lang.“
      Hinten lang? Auch kein Problem. Er ließ seinen Arm schlaff werden, sodass er über ihre Hörner hinten herabfiel und er ihre Schulter in Beschlag nahm. Aber das war zu tief. Er musste was höher, fand ihren Nacken.
      „Hinten – stell dich nicht so an! Ja, um den Nacken. Da kannst du dich abstützen.“
      „Hmhm“, brummte Devon, als er seine Hand über ihr Schlüsselbein geradewegs auf ihre Brust zubewegte. Auch da war es nicht schlecht.
      „Mach deine… lass deine Hand da weg!! Weg, Devon!“
      Er zuckte kurz zurück, spähte zu Tava und wagte einen neuen Vorstoß. Sie hatte immerhin abstützen gesagt.
      „Wir gehen gleich nach draußen, du kannst mir nicht – weg hab ich gesagt!! Benimm dich! Komm jetzt – kannst du gehen? Dann auf geht’s. Stütz dich auf mich.“
      „Wieso tust du so als würde es dir nicht gefallen? Du riechst so, als würde es das doch“, beschwerte sich Devon, ging aber bereitwillig mit Tava die Stufen der Taverne hinunter und raus aus dem Schankraum auf die Straße, Malleus wie ein korrigierender Schatten in ihrem Nacken.
      Draußen traf Devon dann fast der Schlag. Er nötigte Tava zum langsamer gehen, als er selbst stolperte. Er lief regelrecht in eine Wand aus Gerüchen, die seine Wahrnehmung komplett überforderten. Er roch Essen, einen Brand, Alkohol, Schweiß, Ekstase, Angst, Holz, Räucherwerk, Myrrhe, …
      „Shit, wieso riecht das alles so… stark?“
      Nur war das bei Weitem nicht das Schlimmste. Hier draußen war es vorbei mit gedämpften Farben wie im Zimmer. Hier leuchteten Fackeln lichterloh, Leute mit den verschiedensten Farben in ihren Kleidungen rannten vorbei, Schilder und Waren strahlten den Betrachter regelrecht an. Alles um ihn herum schien zu strahlen und die Farben gingen fließend ineinander über. Rechte Konturen zu erkennen fiel ihm sichtlich schwer und er kniff die Augen zusammen. „Das ist doch krank. Alles strahlt wie die Sonne selbst. Welche Stadt macht so was? ...“
      Tava, die einen orientierungslosen Lacerta, der gigantisch im Gegensatz zu ihr war, nicht allein lenken konnte, brauchte Hilfe. Sie sah flehend zu Malleus zurück, der sich überwinden musste, ihr zur Seite zu stehen. Eine kräftigere Schulter schob sich unter Devons anderen Arm und er lehnte sich instinktiv auf diese Seite, die auch etwas größer war. Dann musste er wenigstens nicht mehr so gekrümmt gehen.
      Moschus, Duftwasser, Asche und Blut stiegen dem Lacerta sofort in die Nase und er seufzte mit einem sehr unpassenden genüsslich anmutenden Geräusch. Sein Kopf sackte mit jedem Schritt weiter hinab bis sein Kinn fast auf Malleus‘ Schulter aufsetzte.
      „Du riechst nach Moschus, weißt du das?... und das gepaart mit dem Geruch deines Blutes ist so… wie heißt das… ar… archa… archaisch“, raunte Devon dem Mann ins Ohr und neigte den Kopf. Jeder seiner Atemzüge hätte üblicherweise Malleus‘ Hals gestreift, dank seines Schals blieb er größtenteils unversehrt. „Das hat mich in Oratis auch gekriegt. Ihr… Du… Wolltest mehr, aber konntest nicht, oder? єรςђ๏ɭ๏ภ wäre stolz auf dich gewesen, wie du seine Haut geholt hast…“
      Danach gluckste Devon ein bisschen und gab sich Mühe, den Kopf wieder zu heben. Ein weiteres Mal versuchte er, die Augen zu öffnen, damit er wenigstens sah, wohin er trat. Dabei suchte er sich immer die möglichst dunklen Stellen in den Seitengassen aus, die ihn weniger blendeten. Zwischendurch blieb er einfach ruckartig stehen, ging dann aber weiter.
      „Die Gassen. In den Gassen sind alles Monster. Die Schatten… Die Schatten werden zu Monstern“, stellte er mit wachsendem Entsetzen fest. Er war angeschlagen, so konnte er nicht kämpfen. Das Schwert war zu weit weg. Wie sollte er Tava und Malleus denn verteidigen?!
    • Tava machte sich mit Devon an einen wackeligen Abstieg. Der Lacerta war schwer und außerdem noch unfassbar unkoordiniert. Im einen Moment stützte er sich noch auf Tava, im nächsten Moment wankte er nach vorne und nahm die nächste Stufe schneller als die vorige. Tavas Hörner waren ihr eine große Hilfe, aber sie konnten auch nur so viel tun, wenn es darum ging, einen riesigen Lacerta dabei mitzuschleppen. Tava fluchte und schimpfte dabei.
      "Tava, pass mit den Stufen auf..."
      Rechtzeitig nach Malleus' Warnung stolperte Tava noch ums Eck, um nicht die Stufe zu verpassen. Devon schien das gar nicht zu bemerken.
      "Der Türrahmen."
      Ja, richtig. Sie bog sich zur Seite, um ihre Hörner aus dem Weg zu geben, und bewegte Devon gleich mit.
      "Vorsichtig, sein Kopf."
      Es ertönte ein dumpfer Schlag, als Devons Stirn gegen den Türrahmen knallte. Tava zog ihn wieder zurück.
      "Pass doch auf Devon! Hast du noch alle Sinne beisammen?!"
      "Könnt ihr bitte etwas leiser sein."
      "Bin ich ja! Aber wenn er - bleib doch einmal hier, Devon! Hier! Und fass mir nicht - Devon!"
      "Tava, die Leute gucken schon."
      "Sollen sie es nur wagen!"
      Sie schwenkte ihre Hörner herum.
      "Devon! Aus!"
      "Reißt euch zusammen, verdammt...!"
      Irgendwie schafften sie es heil nach draußen. Dort fuhr Devon zusammen, als hätte der Schlag am Türrahmen ihn erst jetzt erwischt und er geriet ins Stolpern. Es benötigte Tavas ganze Muskelkraft, um ihm am Fallen zu hindern.
      "Devon..!"
      „Shit, wieso riecht das alles so… stark?“
      Shit?! Der Lacerta sagte shit?! Tava versuchte ihn anzusehen, während sie ihn gleichzeitig in den Griff bekam. Aber Devon schien selbst kein Bewusstsein dafür zu haben, was er da sagte, und starrte nur mit zusammengekniffenen Augen durch die Gegend.
      „Das ist doch krank. Alles strahlt wie die Sonne selbst. Welche Stadt macht so was? ...“
      "Was denn für eine Sonne, Devon?"
      Tava sah sich selbst um. Die Fackeln der Straßen gaben ein warmes Licht ab, das aber nicht weit genug reichte, um auch die Gassen zu beleuchten. In der Entfernung brannte noch das Herrenhaus, aber nicht mehr so stark. Und erst recht nicht so hell wie eine Sonne.
      Devon schwankte erneut und Tava hebelte dagegen. Dann sah sie sich hilfesuchend nach Malleus um.
      "Ein bisschen Hilfe, wenn's geht?"
      Sie wollte den Mann eigentlich nicht damit belasten, aber wenn sie beide noch zu Boden fielen, würden sie Aufmerksamkeit erregen, bevor sie überhaupt beim Tor waren. Malleus kam auch, auch wenn er dabei nicht sehr überzeugt aussah. Er nahm sich Devons anderen Arm und Tava versuchte ihn davon abzuhalten, sich zu sehr auf den Mann zu stützen. Sie zog, während Devon sich zur anderen Seite neigte und dann fast mit Malleus kuschelte. Grimmig zerrte sie an ihm. Devon nuschelte etwas, dann schien er zu lachen. Erst dann gab er dem Zug erst nach und richtete sich wieder etwas auf.
      So stolperten sie die Straße entlang. Sie sahen sicher nicht aus wie ein Trio von ordentlichen Bürgern, aber vermutlich hatten sie auch nicht die Aura von drei Hochkriminellen. Wer würde schon damit rechnen, dass sie sich betrunken benehmen und dann aus dem Tor torkeln würden?
      „Die Gassen. In den Gassen sind alles Monster. Die Schatten… Die Schatten werden zu Monstern.“
      "Hier gibt's keine Gassen - ähh, Monster", fauchte Tava ungeduldig zurück. Sie hatten jetzt Devon soweit, dass er einigermaßen regelmäßig ging, aber jetzt stockte er wieder. Sie zog an ihm.
      "Geh weiter, Devon. Weiter. Wir haben's fast geschafft, danach kannst du tun, was du möchtest. Keine Monster. Weiter jetzt. Alles klar, Malleus?"
      Sie bogen um eine Straße und landeten auf dem Vorplatz des Tores. So spät abends wäre es hier vermutlich leer gewesen, aber der Brand am Herrenhaus hatte die Leute verschreckt und jetzt wollten so einige Reisende das Tor verlassen. Nur war hier die Sicherheit am größten; Patrouillen standen an fast allen abzweigenden Straßen und eine weitere zog sogar durch die Menge am Tor, um jeden zu inspizieren. Der Hauptmann war wohl ordentlich wütend, dass er ein solches Soldatenaufgebot verlangte.
      Sie blieben zu dritt stehen. Ihre Bewegung erhaschte die Aufmerksamkeit zweier Soldaten, die misstrauisch zu ihnen rübersahen.
      "Äh..."
      Tava löste sich vorsichtig von Devons Arm. Wenn er ihr hier jetzt an die Brüste fasste, würde sie ihn umbringen.
      "Malleus, wir können da nicht zusammen durch. Wir sind viel zu auffällig, drei Leute mit einer Cervidia, das geht nicht. Schaffst du das mit Devon? Ich treff euch drüben. Nur das kurze Stück bis zum Tor, ich treff euch dann da. Devon, benimm dich, bei allen vier Feuern. Vertrau Malleus. "
      Damit distanzierte sie sich von ihnen, um so schnell wie möglich in die Menge zu schlüpfen.
    • Malleus blieb dicht hinter Tava und Devon.
      Es hatte seine Vorteile im Schatten des großen Lacerta zu laufen, weil niemand seinem Gesicht die geringste Beachtung schenkte. Devon allein zog die Blicke schon aufgrund seiner Größe auf sich. Die zierliche Cervidia, die schimpfend unter seinem Arm hing und deren Hörner – soweit Malleus es beurteilen konnte – in Touvanen ein seltener Anblick waren, tat ihr Übriges dazu. Dennoch hielt der Kultist das Kinn gesenkt und war bemüht, den Vorteil eines breitschultrigen Jägers so lange wie möglich auszunutzen. Bis auf die kurzen und knappen Anweisungen hielt sich Malleus zurück. Jedenfalls bis Devon in unregelmäßigen Abständen ruckartig stoppte und irgendwelchen Unsinn über grelle Lichter faselte. Es kostete Malleus den letzten Nerv.
      „Das ist doch krank. Alles strahlt wie die Sonne selbst. Welche Stadt macht so was? ...“
      "Was denn für eine Sonne, Devon?"
      „Das ist der Rotstaub, Tava. Ich weiß nicht, was du erwartest hast, als du ihm unbedingt dieses Zeug in die Hand drücken musstest…“ zischte Malleus ungehalten aus dem Hintergrund und er hatte auch nicht länger die nötige Geduld und Muße sich für seinen schneidenden Tonfall gegenüber Tava schlecht zu fühlen.
      Reflexartig riss Malleus die Hände hoch, als der Lacerta ein weiteres Mal höchst besorgniserregend wankte und Tava sein Gewicht kaum noch schultern konnte. Er las die Verzweiflung deutlich in ihren großen Augen, als sie sich hilfesuchend zu ihm herumdrehte. Malleus verzog das Gesicht ein wenig zu einer gequälten Grimasse, kam der Bitte jedoch mit der nötigen Eile nach bevor Devon die Frau noch zu Boden riss. Beherzt, um das Unvermeidliche nicht länger als notwendig heraus zu zögern, packte er den Arm des Jägers und legte ihn kurzerhand um seine Schultern. Als hätte sich die Gravitation um Devon schlagartig verändert, zog den Lacerta nun alles zu Malleus. Das Gewicht drückte schwer auf seine Schultern und heißer Atem streifte seine Wange.
      „Du riechst nach Moschus, weißt du das?... und das gepaart mit dem Geruch deines Blutes ist so… wie heißt das…ar…archa… archaisch“, vibrierte die raue Stimme durch seinen Körper.
      Die Andeutung des Atems gefährlich nahe an der Stelle seiner Kehle, die Devon bereits mit seinen Zähnen gekostet hatte, bescherte ihm einen völlig unangebrachten Schauer. Die geflüsterten Silben krochen ihm geradewegs und heiß unter die Haut. Äußerlich betrachtet wirkte der Mann hochkonzentriert während er bedächtig einen Fuß vor den Anderen setzte, doch wer genau hinsah, würde das Muskelzucken seines Kiefers bemerken. Die Art, wie er tief und langsam durch die Nase einatmete. Er wusste, dass Devon die verräterischen Signale seines Körpers wittern konnte. Malleus mochte sich noch so gut beherrschen, aber das entzog sich gänzlich seiner Kontrolle.
      „Das hat mich in Oratis auch gekriegt. Ihr… Du… Wolltest mehr, aber konntest nicht, oder?“
      Malleus dachte an die kühle und raue Hand, die sich schwer auf seine Flanke gepresst hatte, als wollte sie sich nie wieder dort wegbewegen. Die nächsten Worte erfüllten den Kultisten mit einer gänzlich anderen Form der Wärme. Diese reichte viel weiter als nur unter seine Haut, verankerte sich tief in ihm.
      „єรςђ๏ɭ๏ภ wäre stolz auf dich gewesen, wie du seine Haut geholt hast…“
      Die Haut für die er seinen Hals riskiert hatte, bekam endlich einen Namen und das machte die Tat noch tausendmal grausamer.
      Er hätte sich wirklich gewünscht diesen Satz ohne den Einfluss des Rotstaubes aus seinem Mund zu hören.

      Der Weg zum Tor zog sich in nicht zuletzt durch Devon unnötig in die Länge und als sie den Vorplatz endlich erreichten, fühlte Malleus wie ihm vor körperlicher Anstrengung der Schweiß zwischen den Schulterblättern hinabperlte. Seine Atmung verließ stoßweise seine Lippen, als wäre er gerade mehrere Meilen im Sprint gerannt.
      "Äh..."
      „Was?“, presste Malleus zwischen knirschenden Zähnen hervor.
      Mittlerweile war er mehr darauf bedacht, nicht über all die Stellen an seinem Körper nachzudenken, gegen die Devon unweigerlich gedrückt wurde, was ihm abwechselnd heiße und kalte Schauer bescherte. Dabei war es nicht sonderlich hilfreich, dass Tava sich von Devon löste und somit die gesamte Last auf Malleus’ Schultern fiel. Der Kultist schwankte unter der plötzlichen Gewichtsverlagerung und schnaubte protestierend. Tava mochte Recht haben. Allerdings hieß das nicht, dass er von der Idee sonderlich angetan war.
      „Tava, einen Moment. Jetzt warte doch…“
      Da war die Cervidia bereits im dichten Gedränge der Menge verschwunden, die aus Touvanen flüchtete um ihr Glück woanders zu versuchen. Als ein Arm nicht mehr ausreichte um den Mann an seiner Seite halbwegs auszubalancieren, schoss seine Hand hervor und presste sich gegen das Brustbein des Lacerta um zu verhindern, dass er vornüberkippte.
      "Wunderbar...", murmelte er und zerrte Devon weiter in Richtung der Soldaten, die in Reihen vor dem Stadttor auf und ab marschierten.
      Der Lärm und schiere Masse an Menschen, Gerüchen und Eindrücken durften eine ganze neue Herausforderung für den berauschten Lacerta sein, der sich wie ein Hundewelpe von allem ablenken ließ, das sich bewegte. In dem Moment, als sie die ersten Wachen passierten und durch die Reihen schlüpfte, neigte Malleus den Kopf zur Seite bis seine Wange sich beinahe in die Schulter des anderen Mannes drückte. Suchende und alarmierte Soldaten bekamen nun nicht mehr zu sehen als einen flüchtigen Eindruck seines Profils.
      Mit dem Gesicht so nah zu Devon gewandt, roch selbst er die letzte verblichene Note von Blut, die der Jäger wohl ebenso verströmte wie der Kultist selbst...und er roch noch mehr als das. Unter den Verbänden und dem zerschlissenen Umhang sickerte der Geruch von verbranntem Fleisch. Es mochte auch Einbildung sein. Vielleicht hatte sich der beißende Gestank aus der Feuerhölle des Herrschaftshauses in seiner Nase festgsetzt.
      Jetzt standen nur noch die Soldaten unmittelbar vor dem Tor zwischen ihnen und der Freiheit. Malleus neigte das Kinn noch ein bisschen mehr während ihm das Herz mittlerweile bis zum Hals schlug. Die Ruhe war schon lange vergessen. Er war kein Mann, der ihre Lage leichtfertig betrachtete. Die dicht gedrängten Körper und Devon, der ihn fast vollständig umgab, machten es selbst Malleus schwierig mit ruhigen Schritten voranzugehen.
      "Erzähl mir von ihm", wisperte Malleus in der Hoffnung Devon von all dem überwältigen Chaos abzulenken und sich ganz auf den winzigkleinen Kosmos zu konzentrieren, den sie bildeten. Er mühte sich etwas ab, die fremdklingenden Silben zu formen. "Wer war er? єรςђ๏ɭ๏ภ."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Als Tava plötzlich verschwand, musste Devon sich notgedrungen neu orientieren. Da kam ihm Malleus gerade recht, der jetzt eben fast das gesamte Gewicht des Lacertas tragen durfte. Dem Jäger war dabei mehr oder weniger entgangen, dass der arme Mann sich absolut nicht mehr wohlfühlte. Angefangen von dem Moment, als er ihm gesteckt hatte, wonach er eigentlich duftete. Stattdessen duellierter er sich lieber mit den Schatten, die sich immer näher anzuschleichen schienen. Dabei kippte er bei einem besonders fies ausschauenden Schatten fast vornüber, als er sich in Lauerstellung begeben wollte. Eine beherzte Hand bewahrte ihn jedoch davor.
      Wunderbar…“, murmelte Malleus und Devon wurde hellhörig.
      „Seit wann findest du Schattendrachen wunderbar? Ich dachte, du verehrst nur die aus Feuer“, erwiderte Devon fast schon geschockt bis ein vorbeiziehender Pulk an Menschen mit Eimern seine Aufmerksamkeit einforderte. Dann die nächste Ansammlung von Fackeln. Dann eine Pfütze aus dem Boden. Dann… es ging ständig so weiter. Da entging ihm sogar, dass sie sich an Wellen von Wachen vorbeischoben, die anscheinend nicht wirklich erpicht darauf waren, ein schwules Pärchen aufzuhalten. Diesen Anschein erweckte Devon jedenfalls, als er sich wieder besonders nah an Malleus‘ Ohr lehnte, primär, um ihn vor dem nächsten Schatten zu warnen.
      Irgendwann verrenkte sich Malleus beinahe und Devon grinste ihn ungesehen an. Mit einem weiteren Schritt drückte er dem Mann seine Schulter tatsächlich an die Wange und fing allen Ernstes an, dabei zu grinsen. Aber Malleus war im Modus ‚Flucht‘ angekommen und richtete unberührt seine Sicht wieder nach vorn, um die letzte Hürde zu überwinden. Das schmeckte dem Lacerta offensichtlich nicht, der seinen Arm nur noch weiter um den armen Mann schlang und die Hand schon fast auf dessen Brust lag.
      „Dein Puls, Malleus…“, raunte Devon ihm ins Ohr, so nah, dass er den beschleunigten Puls regelrecht auf seinen Lippen schmecken konnte. „Man könnte meinen, du versuchst mich, anzumachen…“
      Darauf machte Malleus irgendein Geräusch, was Devon wieder zum leisen lachen brachte. Am liebsten hätte er seine Nase jetzt in der Halsbeuge von Malleus vergraben, aber das doch recht hohe Level an Spannung stach in seiner Nase sehr unangenehm. Doch genauso schaffte es der Kultist sich immer näher an die Wachen am Tor zu schleichen.
      „Erzähl mir von ihm“, wisperte Malleus zu Devon. „Wer war er? єรςђ๏ɭ๏ภ?“
      Der Lacerta stutzte, als er seine Stammessprache in schlecht aus dem Munde eines Menschen hörte. Das brachte auch den Menschen aus dem Tritt, der leise fluchte und Devon am Arm vorwärts riss. „Das hast du wirklich gut ausgesprochen“, sagte Devon erstaunt und dachte einen Augenblick lang nach. „єรςђ๏ɭ๏ภ ฬคг ร๏ฬคร ฬเє ๓єเภ ๒гย๔єг. ๒гย๔єг เภ ๔єг ןคﻮ๔. ฬเг ђค๒єภ ๔єภ เภเՇเเєгยภﻮรгเՇยร չยรค๓๓єภ ﻮє๓คςђՇ ยภ๔ รเภ๔ ๔ค๔ยгςђ คยŦﻮєรՇเєﻮєภ. เςђ кคภภՇє เђภ รєเՇ кเภ๔єรคɭՇєг คภ ยภ๔ ฬเг ฬคгєภ ยภչєгՇгєภภɭเςђ. ฬเє չยรค๓๓єภﻮєรςђฬєเßՇ. єг ђคՇ ๓เг שเєɭ ﻮєչєเﻮՇ ยภ๔ ๒єเﻮє๒гคςђՇ. Շ๏ɭɭєг ๓คภภ ฬคг єг...“
      Dabei fiel es Devon nicht auf, dass er völlig unbedacht in seine Stammessprache abrutschte, die so scharf klang mit ihren Hisslauten, dass eine Verwechslung fast ausgeschlossen war. Da reagierte Malleus umgehen und schüttelte den Lacerta fast schon unwirsch durch. Er fauchte ihn an, es zu lassen, und Devon zog ein beleidigtes Gesicht.
      „Du bist ein verdammter Kulturbanause. Lern mal mehr Sprachen, wenn das deine Waffe sein soll“, grollte er missmutig und nuschelte dann unverständliches Zeug, was eher nach jemanden klang, der gerade auf einem Trip war. So schaffte es Malleus tatsächlich mit dem großen Lacerta, der die Gestalt des Menschen fast schon unter sich begrub, an den Torwachen vorbei zu schleusen. Unvermittelt neigte Devon einmal den Kopf, um diesen hundsgemeinen Typ von Wache böse anzustarren, der im Gegenzug Devon genauso finster anblickte. Aber scheinbar tat der Rotstaub seine Wirkung und man ließ Devon und Malleus passieren. Doch anstelle sich direkt vom Kultisten zu lösen, hielt er sich weiterhin eisern an dem Mann fest, sichtlich angetan von der Wärme und den Gerüchen, die ihm der Mann so bereitwillig anbot.
    • "Dein Puls, Malleus...", raunte Devon. „Man könnte meinen, du versuchst mich, anzumachen…“
      Malleus. An die Art und Weise wie der Lacerta seinen Namen raunte, würde er sich auch in einhundert Jahren nicht gewöhnen geschweige denn daran satt hören. Devons Stimme ertönte mit einer Rauheit nah an seinem Ohr, dass er die einzelnen Silben mehr spürte als hörte. Es ging ihm durch Mark und Bein. Keine Substanz, keine Droge oder Aphrodisiaka der existierenden Welt würde jemals diese Wirkung kopieren können. Malleus spürte, wie eine sengende Hitze seinen Nacken herauf kroch. Die Hand, die sich langsam über seine Brust schob, war da nicht wirklich hilfreich. Malleus schnappte hörbar nach Luft, was den Lacerta anscheinend sehr amüsierte. Das leise, rumpelnde Lachen spürte er bis in die Zehenspitzen. Seine Sinne standen kurz vor einem Kollaps. Devon plötzlich mit dieser Intensität zu fühlen, überforderte den Kultisten, dessen Reflexe damit haderten, den Lacerta mit einem groben Stoß auf Abstand zu bringen. Doch Malleus rührte sich nicht und blieb in dem innigen Klammergriff wie gefangen, denn sobald er sich einen Zentimeter zu weit entfernte, zog Devon ihn zurück.
      Malleus und Devon ließen die nächste von Soldaten formierte Absperrung hinter sich.
      Niemand in den Reihen der bewaffneten Amtsträger schien wirklich erpicht darauf zu sein, sich zwischen die zwei augenscheinlichen Turteltauben zu drängen, die über den Platz mehr torkelten als gingen. Im Augenwinkel bemerkte Malleus teils belustigte und teils angewiderte Mienen. Beiden war ihm Recht. Sollten sie darüber lachen oder die Nase rümpfen...Hauptsache sie sahen zügig wieder in eine andere Richtung.
      Seine Frage brachte Devon zunächst aus dem Tritt.
      "Devon! Verdammt nochmal, geh weiter! Ein kleines Stück noch. Geh einfach weiter.", zischte er leise.
      Mittlerweile war seine kratzige Stimme nicht mehr allein von den angeschlagenen Stimmbädern aufgerieben. Mit einem Ruck zerrte Malleus seinen Begleiter Meter für Meter vorwärts. Dunkle Augen, deren umrahmendes Weiß gereizt und gerötet daherkam, fixierte das rettende Stadttor. Bis ihm das Herz bis in die Stiefel rutschte. Es dauerte nur ein Blinzeln bis das flatternde Gefühl über das seltene Lob verflog und seine Gesichtszüge vollkommen entgleisten.
      Devon benutzt die Sprache seines Volkes. Bereits nach den ersten gezischten Silben begannen die Menschen um sie herum zu starren. Energisch griff die Hand auf Devons Brust in das verdreckte und zerfetzte Hemd darunter und zerrte mit deutlicher Verärgerung daran. Er hatte nicht einmal genügend Zeit um einen Funken Unmut darüber zu verspüren, dass er bedauerlicherweise kein einziges Wort verstanden hatte.
      "Sei still!", zischte er wieder. "Bei Adras...Sei einfach still."
      Eng umschlungen passierten die Männer die letzte Hürde, doch die Entspannung blieb Malleus fern. Sie befanden sich noch immer unter freiem Himmel, umringt von Menschen, von Soldaten, von vielen potentiellen Bedrohungen, die sich einfach nicht ordentlich kalkulieren ließen...und Malleus hatte mehr als zuvor Mühe sich überhaupt noch auf den Beinen zu halten.
      "Devon, du kannst loslassen."
      Keine Reaktion.
      "Komm schon, Devon. Nur ein Bisschen."
      Ein unwilliges Grollen direkt neben seinem Ohr.
      "Ich kann nicht vernünftig gehen, wenn du..."
      Die Muskeln in Devons Arm sperrten sich gegen seine Bemühungen.
      Malleus seufzte geschlagen.
      "Fein...aber geh weiter."
      Der Weg hinüber zu Ställen war mehr als mühselig und dauerte für Malleus' Geschmack fiel zu lange.
      Auch hier bugsierte er Devon und sich selbst durch die aufbrechenden Reisenden in das Innere des Gebäudes, dass mehr Ähnlichkeit mit einem windschiefen Verschlag hatte. Es roch nach Tier, Heu und dem Leder der Reitgeschirre. Es dauerte nicht lange bis Malleus die zwei braunen Pferde in ihren Boxen ausmachte. Für Kompromisse mit einem einem sehr anhänglichen Lacerta hatte er nun keine Geduld mehr. Rigoros schob er den größeren Mann zurück. Schritt für Schritt bis er ihn dazu zwang sich auf einer der Kisten in der Ecke der Box zu setzen. Zu seiner Erleichterung hatte der Stallbursche ihre gesamte Ausrüstung in der Box gelassen, dass ersparte ihm die lästige Sucherei und er musste Devon nicht aus den Augen lassen. Als Devon endlich seine langen Glieder soweit sortiert hatte, dass er halbwegs bequem auf der Kiste saß, stand Malleus ihm so nah, dass ihre Knie gegeneinander stießen. Es vermisste die gewohnte Geschmeidigkeit als der Kultist ein Stückchen zurückzuckte.
      Er vibrierte noch vor Anspannung und dem heißen Kribbeln überall dort, wo sich ihre Körper berührt hatten.
      "Keinen Mucks mehr, verstanden? Devon, ich mein es Ernst", wisperte er eindringlich. Als Devons Blick etwas davon driftete, fasste er mit vor Erschöpfung zitternden Fingern nach dessen Kinn und zwang den Lacerta dazu ihn anzusehen. "Keinen Laut. Bleib einfach brav sitzen bis Tava hier ist. Kannst du das für mich tun?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Draußen vor dem Tor ließen die schrecklich grellen Lichter endlich nach und Devons Sinne kamen wenigstes im visuellen Bereich etwas zur Ruhe. Aber ihm drangen immer noch viel zu viele Geräusche an die Ohren, Malleus‘ Puls dröhnte in seinem Schädel und jeder Schritt klang wie ein Trommelschlag. Dazu bekam er ständig eine Duftnote um die Nase geweht, die ihn nicht verzauberte, wie Tava es konnte, sondern roh und ungefiltert seine Aufmerksamkeit verlangte. Wäre er doch nur besser zu Fuß und Herr über seine Gliedmaßen…
      „Beschissenes Zeug… nehm ich nie wieder“, beschloss er daraufhin, ohne darauf einzugehen, dass Malleus sich gerade von ihm lossagen wollte. Er hielt einfach weiter fest. Das konnte man ihm schließlich nicht verübeln. Deswegen grummelte er auch weiter vor sich hin, ehe Malleus sich seinem Schicksal ergab und Devon ein wenig kooperativer mit ihm mitging.
      Jedenfalls bis sie an einem Stall ankamen und Devon angewidert das Gesicht verzog. Der Geruch nach Mist und Säure trieb ihm die Tränen in die Augen, weshalb er sich fehlgeleitet dirigieren ließ. Je länger er hier drin war, umso besser filterte er anschließend noch andere Gerüche heraus: Leder, Heu, Silage und irgendetwas undefinierbares. Grob ließ er sich rückwärts schieben, torkelte dabei ein wenig, bis ihm eine Kiste in die Kniekehlen drückte und er sich notgedrungen draufsetzen musste.
      „Es sind Pferde. Natürlich sind es Pferde, diese gottlosen misstrauischen Geschöpfe…“, beschwerte sich der Jäger weiter, der bisher immer zu Fuß gereist war. Zum einen traute er den Tieren einfach nicht, zum anderen mochte er die körperliche Betätigung einfach. Da Malleus mit Tava hierher geilt waren, hatten sie höchstwahrscheinlich auch nur zwei Tiere dabei. Laufen während die beiden ritten kam allerdings für niemanden in Frage.
      Also gab sich Devon vorerst geschlagen und zog die Beine etwas an. Gerade soweit, dass Malleus mit seinen dagegen stieß und umgehend zurückzuckte. Das lenkte die Aufmerksamkeit des Lacertas effektiv auf Malleus Schuhwerk, das irgendwie ziemlich versengt aussah, wenn er sich das genauer anschaute. Bisschen verkokelt und angeschmort. Die hinterließen bestimmt Aschebröckchen, wenn man sie anfasste…
      „Keinen Muchs mehr, verstanden? Devon, ich mein es Ernst“, flüsterte Malleus eindringlich, aber Devon starrte noch immer fasziniert diese Schuhe an. Ob er seine Stiefel auch so schwarz bekäme, wenn er sie einfach nur lange genug im Feuer röstete? Vielleicht gab es dann auch noch Geschmack oder so dazu, die meisten Entdeckungen waren doch Ergebnisse von Zufällen…
      Da legten sich plötzlich Finger an Devons Kinn und nötigten ihn dazu, aufzusehen. Er wurde schlagartig ganz steif und starrte zu Malleus hinauf. Sein Kinn vibrierte, einzig und allein wegen den zitternden Fingern des Kultists.
      „Keinen Laut. Bleib einfach brav sitzen bis Tava hier ist. Kannst du das für mich tun?“
      Devon blinzelte etliche Male. Seine künstlich geweiteten Pupillen sprangen zwischen Malleus‘ Augen hin und her, seine Atmung wurde ungewöhnlich tief und gedehnt. Fast so, als würde er jede Nuance aus der Luft ziehen wollen, die er bekommen konnte. Er wollte die Antwort auf die Frage nicht geben, die fand er nämlich verdammt falsch. Aber die Art, wie Malleus sein Kinn im Griff hatte, ihn dazu nötigte, aufzusehen… Das steckte irgendetwas in dem Lacerta in Brand. Seine Augen wurden immer größer, je länger er sich auf Malleus fixierte. Der absolut und überhaupt nicht verstand, welche Macht in so einer einfachen Geste steckte.
      Er sollte schweigen. Das bekam Devon hin. Er sollte sitzen bleiben. Auch das konnte tun. Aber Malleus hatte ihm nicht verboten sich zu bewegen. Also ließ er langsam seine Hand steigen, höher und höher, bis er seine größere Hand sanft, aber bestimmt, die von Malleus umschloss. Dabei blinzelte Devon nun kaum noch. Alles, was er wusste, war, dass er sich nicht so einfach in die devote Rolle pressen ließ. Nicht bei einem Spiel, bei dem Malleus die Regeln nicht verstand.
      Devon nickte, dann zog er ruckartig an Malleus‘ Hand.
      Völlig überrumpelt fiel der Kultist nach vorn und Devon breitete sich aus, damit der Mann einen Ort zum fallen hatte. In dem schwachen Versuch sich abzufangen stolperte Malleus eher auf Devon als alles andere, kam jedoch umständlich auf dessen Beine zum Sitzen. Sofort schlang sich Devons anderer Arm um Malleus unteren Rücken und verbot ihm damit, auch nur ein winziges Bisschen zu weichen. Einen Moment später war Devons Gesicht schon an Malleus‘ Halsbeuge angelangt und dort atmete er einmal tief durch. Ja, seine Nase hatte sich nicht getäuscht. Der Mann hier war scheinbar vom Jäger auf Droge mehr angetan, als er zugeben wollte.
      In viel zu fahrigen Zügen schob Devon seine Finger unter den Schal, den Malleus sich noch als Schutz umgewickelt hatte. Er zog den Stoff so weit weg, wie er es brauchte, um endlich seine Nase und auch seine Lippen auf die dunkle Haut zu lesen.
      Es war berauschend. Er schmeckte Schweiß, Ruß und ein bisschen Blut auf seiner Zunge, die nur kurz über Malleus‘ Haut tanzte. Er roch die zum zerreißen gespannte Anspannung, gemischt mit einer enormen Dosis an Verlangen. Ein Zwiespalt, den selbst er fühlen konnte und als Antwort darauf ein tiefes, gutturales Brummen ausstieß.
      Und es wieder herunterschluckte, als er etwas hörte und über Malleus‘ Schulter spähte.
      Tava war hereingekommen und starrte sie beide mit großen Augen an. Unschlüssig, wie er reagieren sollte, verharrte Devon einige Herzschläge lang in seiner Position, so wie auch die anderen beiden. Dann, schließlich, hob Devon seinen Kopf ein wenig an und grinste Tava an.
      „Ihr habt gesagt, ich darf machen was ich will, sobald wir raus sind. Wir sind raus. Also komm her, Tava. Ich hab da noch eine Rechnung mit dir offen“, raunte der Jäger seiner kleinen, grazilen Beute am anderen Ende des Stalles zu.
    • Tava entfernte sich von den beiden Männern so schnell und unauffällig wie nur möglich. Unter den Argusaugen der Soldaten schlüpfte sie möglichst souverän in die Menge hinein und griff sich ihre Haare. Normalerweise stellte Tava nicht sehr viel mit ihren Haaren an, sondern ließ sie - wie jede Cervidia - frei herunterhängen, damit sie nicht von der Pracht ihrer Hörner ablenkten, aber jetzt war sie größtenteils unter Menschen und Menschen waren dumm, was die Oberseite eines Kopfes anbelangte. Sie konnten Hörnerstrukturen nicht voneinander unterscheiden und wenn ein Paar Hörner ein Stück länger als ein anderes Paar war, sonst aber identisch, war es für sie dasselbe. Noch schlimmer war es mit Frisuren. Ein bisschen Haare und schon waren Hörner quasi nicht wiederzuerkennen.
      Tava bündelte die Haare auf der Oberseite ihres Kopfes, wo sie sich zwischen den unteren Teil ihrer Hörner ballten und somit einen Großteil davon untergehen ließen. Da, schon waren sie unverkennbar. Natürlich nicht für Cervidia, aber Tava hatte auf ihrem Weg nur zwei andere Cervidia gesehen und die waren sowieso mit der Panik um sich herum beschäftigt. Kein Cervidia unter den Wachen.
      Von dort an schob sich Tava möglichst langsam, damit sie nicht auffiel, durch die Menge hindurch. Immer wieder sah sie zurück, wo sie Devon und Malleus gelassen hatte, aber von den beiden war keine Spur mehr zu sehen. Devon hatte sich bei ihrem Abgang auch sehr stark auf Malleus gestützt, so stark, dass seine Größe gar keine Rolle mehr gespielt hatte. Tava konnte nur hoffen, dass er dem Mann nicht noch mehr Leid verursachte als ohnehin schon.
      Sie erreichte die Nähe des Tores, wo bereits schon heftig diskutiert wurde. Reisende verlangten sofortigen Durchgang und Wachen ließen sich nicht von ihren Kontrollen abbringen. Tava wurde ein bisschen heiß um den Kragen herum. Sie hatte sich noch nicht überlegt, was sie tun sollte, wenn sie nicht durchgelassen würde. Noch etwas anzünden? Ja, wahrscheinlich.
      Die Menge bewegte sich nach vorne und jetzt stand Tava an der Front. Das Wachpärchen hatte gerade noch ein Trio durchgeschoben, jetzt hob einer von ihnen die Fackel und beleuchtete damit direkt Tavas Gesicht. Sie versuchte, unter dem Licht nicht allzu verdächtig auszusehen und kniff die Augen zusammen.
      "Halt!"
      Schweiß trat ihr auf die Stirn. Sie klickte mit ihrem Ring und hätte sich gewünscht, dass die Flamme irgendwas zum Beißen gefunden hätte.
      Die Wachen trugen die Zettel mit den Zeichnungen bei sich. Jetzt konnte sie deutlich beobachten, wie der rechte von ihnen die Hörner auf der Zeichnung mit Tavas Hörnern verglich. Ihr wurde noch ein bisschen heißer, als er rief:
      "Tretet zur Seite, Cervidia!"
      Okay, das sah schonmal nicht gut aus. Tava musste sich willentlich davon abhalten, in einer Abwehrreaktion ihre Hörner nach vorne fallen zu lassen. Das hätte die Situation vermutlich nur verschlimmert.
      Stattdessen plusterte sie sich auf.
      "Warum?"
      "Tretet zur Seite! Es besteht ein Verdacht, dass Ihr -"
      "Ich?! Ein Verdacht?! Ich glaube, ich höre nicht richtig!"
      Entweder alles oder gar nichts. Tava holte so tief Luft, dass sie im Zweifel der ganze Platz gehört hätte.
      "Wollt ihr andeuten, dass ihr mich mit dieser... dieser Ziege verwechselt, die ihr ausgeschrieben habt?! Auf welcher Grundlage?! Dass ich eine Cervidia bin?!"
      Sie kreischte es fast und die Traube um sie herum wich betroffen von ihr zurück. Der Soldat öffnete den Mund, um etwas zu sagen.
      "Ich sehe gar nicht wie sie aus! Gar nicht! Und meine Hörner - seht ihr nicht meine Hörner?! Und mein Gesicht?!"
      Sie rückte näher zu ihnen heran und einer legte die Hand auf sein Schwert.
      "Die Dame, ich muss Euch bitten -"
      "Nichts müsst ihr! Mich für eine Kriminelle zu halten, das ist ja wohl die Höhe! Denkt ihr, dass alle Cervidia schuldig sind?! Denkt ihr das?! Nur weil wir Hörner haben?! Nur weil einer von uns - und dann weil wir Hörner haben?!"
      Jetzt sah der Soldat irgendwie unwohl drein. Sein Blick glitt über die Menschen um Tava herum, die jetzt kritisch dreinsahen.
      "Die Dame, wir haben nicht -"
      "Oh doch, das habt ihr! Genau das habt ihr! Und deswegen wollt ihr mich jetzt einsperren, eine unschuldige, nur weil ich Hörner habe! Ich dachte, in Touvanen wäre man offen gegenüber dem freien Volk! Anscheinend gilt das nur für euresgleichen!"
      Die Soldaten sahen sich unwohl um.
      "Ich verlange, dass ihr mich passieren lasst, damit ich aus diesem Chaos entkommen kann! Oder wollt ihr, dass ich lange genug hierbleibe, um das nächste Opfer zu sein?! Das würde euch so passen, oder?! Eine Cervidia weniger, die verdächtig sein kann!"
      Der Soldat nahm jetzt wieder die Hand von seinem Schritt. Der andere trat zurück.
      "Wir wollten Euch nicht zu nahe treten."
      "Zu nahe treten! Tretet lieber denen zu nahe, die es verdient haben, anstatt anständigen Bürgern!"
      Ihre laute Stimme tat schließlich den Rest. Eine andere Patrouille kam an und als gefragt wurde, was hier los war, ließ man Tava mehr oder weniger kommentarlos passieren. Zufrieden, aber mit rasendem Herzen, schritt sie durch das Tor hindurch und bog dann gleich zu den Ställen ab. Wenn das nur schiefgegangen wäre. Sie hätte Malleus niemals erklären können, wieso sie aufgehalten worden wäre.
      Der Stall war beleuchtet von den vielen Abreisenden, die es zu dieser späten Stunde noch gab, und Tava marschierte ohne weiteres Aufsehen hinein. Vor ihr erstreckten sich die Boxen mit den Pferden und auf der Seite -
      Auf der Seite lagen Malleus und Devon zusammen auf einer Kiste.
      Tava starrte die zwei ineinander verschlungenen Männer mit offenem Mund an. Sie hatten es herausgeschafft, ja, sie hatten es auch zum Treffpunkt geschafft, ja, aber... was zum Teufel taten sie da? Jetzt? Wo sie doch eigentlich alle abhauen sollten?!
      Mit langen Schritten kam Tava auf die beiden zu, da richteten sich Devons unheimlich menschliche Augen auf sie. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie gesagt, dort drin stand nichts als Lust.
      „Ihr habt gesagt, ich darf machen was ich will, sobald wir raus sind. Wir sind raus. Also komm her, Tava. Ich hab da noch eine Rechnung mit dir offen."
      "Devon!", zischte sie aufgebracht und wurde davon schon wieder ganz rot. Nicht hier - nicht jetzt! Bei allen Feuern, sie hätte es ja unter anderen Umständen getan, aber - nicht jetzt!
      "Malleus!", zischte sie gleich kurz darauf. Der Lacerta schien sich an dem Hals des Menschen vergriffen zu haben und wenn es nicht schon schlimm genug war, dass Devon solche Launen zeigte, wo sie doch eigentlich abhauen sollten, war es doch viel schlimmer, dass Malleus augenscheinlich gerade jetzt Lust darauf bekam, die Nacht im Gasthaus zu wiederholen. Gerade Malleus! Sie hatte ihn für vernünftig gehalten.
      "Was machst du denn mit ihm?! Runter da! So meinte ich das nicht mit dem Treffen!!"
      Sie schnappte sich Malleus' Saum und zog daran, bis der Mann aus den Fängen des Lacerta glitt und auf die Beine kam. Da stellte sich Tava vor ihn und bedrohte ihn mit einem anklagenden Finger.
      "Schäm dich, Malleus! Devon ist doch völlig drauf; ihn so zu überfallen!"
      Dann wirbelte sie zu dem anderen herum.
      "Und du, schäm dich sowieso! Schau mich nicht so an und Malleus erst recht nicht! Wir müssen hier weg, bevor sie noch auf die Idee kommen können, dass wir die Stadt verlassen haben. Malleus, geh und hol die Pferde. Devon, steh auf. Steh auf jetzt!"
      Sie schnappte sich Devons Hand, nachdem er nicht so aussah, als würde er es aus eigenem Antrieb von den Kisten schaffen. Dann zog sie und erreichte gar nichts, außer dass er ein bisschen nach vorne rückte.
      "Devon! Komm... jetzt... runter... da... Malleus!! Hilf mir!"
      Der arme Mann kam wieder zurück geeilt, sichtlich gestresst von... von allem eigentlich und nahm sich Devons anderen Arm. Zusammen bekamen sie ihn auf die Beine und dann ging Malleus zurück zu den Pferden und Tava zerrte Devon nach vorne. Schritt für Schritt.
      "Wir müssen ihn... auf ein Pferd... Devon, wenn du mir noch einmal an den Hintern fasst, dann bekommst du ihn nie wieder! Nie wieder, hörst du?! Malleus, wo bleibst du denn mit den Pferden?!"
      Der Mann kam an und dann stellte sich ihnen die größte Herausforderung überhaupt: Devon auf ein Pferd zu bekommen. Das Pferd alleine tänzelte schon unruhig vor ihnen weg, angespannt von Tavas Hörnern und Devons Ausstrahlung. Malleus war der einzige, der es halbwegs ruhig halten konnte.
      "Wir machen das in der Box. Devon - komm einfach. Malleus, bleib da stehen. Devon, da hoch. Halt dich am Sattel fest. Am Sattel. Sat-tel. Jetzt - komm her. Ein Bein hier und - stütz dich hier auf. Hier. Nein, nicht - okay, weißt du was, ja, halt dich an den Hörnern fest. Das passt schon. Hoch jetzt mit dir. Hoch da. Ein Bein rüber... da... da rüber... komm schon Devon... Malleus, mach mal - nein, nein passt schon. Nein, er hat's. Ein bisschen noch, Devon. So - ja! Halt dich jetzt da fest und lass meine Hörner los. Devon, meine Hörner - lass los oder ich brech dir die Hand!! Na geht doch. Halt dich fest. Malleus, du... nein, du nimmst lieber das andere Pferd. Ich laufe, das passt schon. Irgendjemand muss ja dafür sorgen, dass Devon nicht runterfällt, ich krieg das schon hin. Wir gehen nur ein Stück von Touvanen weg, eine Stunde, vielleicht zwei, dann können wir Lager aufschlagen. Okay? Gut. Ich hab deine Zügel, Devon, halt dich nur fest. Und bleib sitzen, bis ich dir sage, dass du absteigen kannst. Verstanden? Dann los."