Maledictio Draconis [CodAsuWin]

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    • Einen Augenblick lang herrschte völlige Regungslosigkeit zwischen den Männern, deren Blicke sich nicht voneinander lösen konnte...oder wollte. Malleus' Daumen strich über die bebende Kieferlinie des Lacerta. Es geschah ganz von allein, diese winzige und scheinbar bedeutungslose Berührung, bevor Malleus einen Gedanken an die Konsequenzen verschwenden konnte. Die Zufriedenheit, dass Devon sich fürs Erste seinen Worten beugte, erfüllte den Mann schleichend und, wie er wenige Sekunden später feststellte, eindeutig übereilt. Der Jäger hielt still und verlor kein Wort, doch es hielt ihn nicht davon ab, langsam und ungewöhnlich sanft nach der Hand zugreifen, die sein Kinn umfasst hielt. Raue und vom Schwertkampf schwielige Finger schlossen sich um seine Hand. Durch das weiche Leder nahm er dennoch kaum mehr wahr, als eine gedämpfte Wärme. Devons Hand war zum warm für seine Verhältnisse, aber das mochte an diesem verdammten Rotstaub liegen. Etwas veränderte sich in im Blick der roten Augen und seine Pupillen, viel zu weit und groß, tanzten über das Gesicht des Kultisten. Malleus' zog skeptisch seine Augenbrauen zusammen und begriff zu spät, dass ihm durch die mögliche Bedrohung im Nacken, doch noch geschnappt zu werden, ein Fehler unterlaufen war. Wieder einmal sobald Devon ins Spiel kam und eines Tages, keimte der unweigerliche Gedanke in Malleus auf, würde dieser Mann möglicherweise seinen Untergang einläuten.
      Ein überraschender Ruck katapultierte Malleus nach vorn. Spielend einfach hatte Devon den Kultisten aus dem Gleichgewicht gebracht, der mit einem letzten und verzweifelten Versuch nach Halt suchte. Malleus' freie Hand schlug gegen die Seitenwand der Stallbox. Das Holz erzitterte und ächzte unter der Wucht, was die Pferde in der benachbarten Box aufscheuchte. Auch die Wand hinter Devon war Malleus keine Hilfe. Er verhedderte sich in den Riemen seines Rucksacks. Dem Umhang, der sich um seine Beine wickelte. Devons Umhang, der ihm keinen festen Hals bot. Mit einem Ächzen prallte Malleus gegen die breite Brust des Jägers und ein unangenehmer Schmerz schoss durch seine Knie, als sie gegen die Kiste stießen. Er griff nach der letzten Möglichkeit, die übrig blieb, und seine freie Hand vergrub sich in der Front von Devons zerschlissenem Hemd, wo sie wirksam zwischen ihren Körpern eingeklemmt wurde.
      "Lass mich los", zischte Malleus überrumpelt.
      Als sich ein Arm wie ein Schraubstock um seinen Rücken legte, setzte Malleus' Fluchtinstinkt endgültig ein. Mit aller Kraft, die seine Muskeln erzittern ließ, stemmte er sich gegen den Arm. Er presste seine Hand gegen Devons Brust. Er zog und zerrte, drückte und strampelte, um freizukommen.
      "Devon. Lass. Los", forderte er mit zusammengebissenen Zähnen.
      Hitze kroch heiß und eindringlich durch die vielen Kleidungsstücke, als umzingelten ihn erneut die Flammen aus dem Herrschaftshaus. Schweiß brach in seinem Nacken aus, während blitzende Sterne vor seinen Augen tanzten und die Brandmale unter den unzähligen Schichten aus Stoff aufflammten, als wären sie lediglich wenige Minuten alt. Das Echo brennender Schmerzen durchzog seinen Körper, raubte ihm den Atem und hinterließ den kalten Geschmack von Asche und Blut auf seiner Zunge. Der Halt um seinen Leib wurde unerträglich.
      Ein unterdrücktes und vollkommen würdeloses Wimmern, halb verschluckt auf der Zunge, kämpfte sich aus seiner Kehle, als er den heißen Atem auf seiner Haut spürte. Sein Verstand wusste in diesem Moment nicht länger, ob er Devon am liebsten ins Gesicht geschlagen oder ihn unmöglich noch näher gezogen hätte.
      Da spürte er die glühendheiße, gespaltene Zunge an seinem Hals und die Empfindung war dermaßen überwältigend, dass Malleus von ganz allein das Kinn hob und sich für den Lacerta streckte. Er schauderte bei der Erinnerung an den leidenschaftlichen Biss und sein Körper spannte sich erwartungsvoll an. Die Widersprüchlichkeit von Geist und Körper hinterließ ein einziges Chaos, doch nun erstarb seine Gegenwehr. Er spürte nichts außer die feuchte Zunge an seinem Hals, den starken Brustkorb unter seiner Hand und die Beine, die sich gegen die Innenseiten seiner Oberschenkel presste. Das dunkle Brummen lockte den Atem stoßweise aus seinen Lunge bis ihm schwindelig wurde. Wie in Zeitlupe zwängte Malleus seine eingequetschte Hand von Devons Brust nach oben und seine Fingerspitzen hatten kaum die bloße Haut seiner Kehle erreicht, da ertönte eine vertraute aber aufgebrachte Stimme in seinem Rücken.
      Er hatte nicht bemerkt, dass Tava sie endlich gefunden hatte.
      Devon sagte etwas, doch er spürte nur die Vibrationen in unmittelbarer Nähe seines Halses.
      Ein zweiter Ruck, dieses Mal in die entgegengesetzte Richtung, zog ihn von Devons Schoß herunter. Von Devons...Schoß...Malleus blinzelte desorientiert und nachdem mehrfach hektisch blinzelte, hatte er plötzlich einen mahnenden Zeigefinger fast mitten im Gesicht.
      "Schäm dich, Malleus! Devon ist doch völlig drauf; ihn so zu überfallen!"
      Bitte was?
      Als hätte ihm jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen, schnappte Malleus nach Luft und der Druck auf seiner Brust ließ etwas nach. Der reizvolle Nervenkitzel, den Lust und Frucht ihm gänzlich unfreiwillig geschenkt hatten, verpuffte schlagartig und zurückblieb...Verärgerung. Über Devon. Über Tava. Über sich selbst.
      "Ich? Mich schämen? Aber er...Richtig, er ist völlig drauf. Vollkommen richtig. Und darf ich dich noch einmal daran erinnern, wessen brillanter Einfall das war ohne über die Konsequenzen nachzudenken?!", zischte er zurück. Es war harsch und unfair, aber Malleus war am Ende seiner Geduld, seiner Fassung und seiner Nerven.
      "Malleus, geh und hol die Pferde."
      "Sicher", kam es nüchtern zurück.
      "...... Malleus!! Hilf mir!"
      "Kannst du dich bitte entscheiden!", kam es ebenso aufgebracht zurück.
      Malleus hatte alle Mühe die Pferde ruhig zu halten und Tava zu helfen eine unwilligen Lacerta auf die Beine zu holen. Die Tiere scheute, stampften mit den Hufen auf den Boden und blähten aufgeregt die Nüstern auf. Er wusste haargenau, wie sie sich fühlten. Die größte Herausforderung war es Devon auf den Rücken eines Pferdes zu bekommen, das einfach nicht stillstehen wollte. Die Stimmung war dermaßen aufgeladen, dass er sich arg darüber wunderte, dass keines der Tiere kurzerhand nach ihnen austrat.
      Er hatte sich noch immer nicht beruhigt, als sie in die Nacht hinaus verschwanden.

      Die kühle Nachtluft tat ihr Übriges um Malleus' Verstand soweit zu klären, dass er sie auf einem halbwegs sicheren aber wenig besuchten Pfad von Touvanen wegführte. Nur waren sie für sein Verständnis viel zu langsam. Also nötigte er Tava zu Devon auf das Pferd zu steigen und ließ an diesem Punkt auch nicht mit sich diskutieren. Die Ungeduld zeigte sich in dem Zucken um seine Augenwinkel.
      "Es reicht jetzt! Steig auf das verdammte Pferd und gib mir die Zügel", bellte er fast.
      Malleus beherrschte sich gerade noch genug um der Cervidia die Zügel nicht einfach aus der Hand zu reißen. Etwas ruppig zog er das Pferd dicht an seine Seite und versicherte sich noch kurz, dass seine Gefährten einigermaßen sicher im Stalle saßen und trieb die Tiere dann etwas flotter voran. In der einen Hand die Zügel seines Pferdes, in der anderen Hand die Zügel der anderen braunen Stute. Von einem vollen Galopp sah er ab. Das Risiko war ihm dann doch zu groß.
      Das Tempo bremste Malleus erst, als er in der Ferne das sich drehende Rad einer alten Wassermühle erblickte. Die alte Ruine war ein Glücksgriff, nicht ideal aber für eine Nacht ausreichend. Aus der Nähe war sehr schnell zu erkennen, dass die Mühle bereits seit Jahrzehnten verlassen war. Ein Baum war durch das Dacht gebrochen, von dem nicht mehr übrig war als ein blankes Grippe aus morschen und mit Efeu überwachsenen Holzbalken. Das Mühlrad in dem idyllischen Bach erfüllte schon sehr lange keinen Zweck mehr. Die Schaufeln des Rades waren grün vor Algen und Moos und an der Unterseite hatten sich Schichten aus Süßwassermuscheln festgesetzt. Das Mauerwerk war bereits so sehr verfallen, dass sie durch eine großzügige Lücke einfach hindurchreiten konnten. Über ihren Köpfen raschelte das Blätterdach und ließ nur wenig von dem fahlen Mondlicht in die Ruine. Das monotone Plätschern des Mühlrades hatte schon jetzt eine beruhigende Wirkung auf Malleus, also konzentrierte er sich darauf.
      Schwerfällige rutschte er vom Rücken des Pferdes und musste sich am Sattel festklammern, als ihm fast die Beine wegknickten. Er biss lange genug die Zähne zusammen, wischte sich den Schweiß von der Stirn, um Tava dabei zu helfen, Devon wieder ohne Zwischenfall aus dem Sattel zu bekommen.
      "Kümmere dich um ihn. Sieh nach seinen Wunden. Ich versorge die Pferde", murrte er knapp und stampfte mit erhobenem Kinn und seinem letzten Bisschen an Würde mit den Tieren zu einer offenen Seite des verfallenen Gebäudes davon, an der es einen direkten Zugang zum Wasser gab. Er war war immer noch verärgert und erschüttert...und darunter blieb das Gefühl von heißem Atem und brennenden Lippen an seiner Kehle.


      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Auf dem Weg kam Tava sich vor wie die einzige, die einen Blick über die Schulter erübrigte. Sie wählten einen Weg, der sie auf dem schnellsten Weg von Touvanen wegbrachte, ohne dabei zu offen zu sein oder zu viele Spuren von ihren Pferden zu hinterlassen. Malleus ritt dabei voraus, den Blick nur auf den Weg vor sich gerichtet, außer zum Zweck, über seine Schulter nach hinten zu nörgeln, dass sie sich alle beeilen sollten. Und Devon sah sowieso überall und gleichzeitig nirgendwohin, geschweige denn über seine Schulter. Nur Tava kam es so vor, als würde sie ständig nach hinten sehen, auf der Suche nach Fackeln in der Dunkelheit, die schnell näher kamen. Was sie nur tun würden, wenn die Wachen zu früh auf ihre Spur kommen würden, das wusste sie nicht. Hierfür hatte sie zum ersten Mal keinen zerstörerischen Plan zur Hand. Zwar waren sie jetzt wieder in der Natur und damit umgeben von Brennstoff, aber Feuer konnte manchmal auch nicht alles aufhalten, in diesem Fall keine Truppe von Reitern, die sie zurückschleifen wollten. Sie mussten alle darauf vertrauen, dass die Dunkelheit sie verschluckte und ihnen die Flucht bot.
      Unter dem ganzen Zurückschauen und zu Devon hochschauen und das Pferd im Zaum halten versuchte Tava, eine ordentliche Geschwindigkeit an den Tag zu legen. Aber sie war nicht allmächtig und mehr als einmal bockte das Tier, aufgebracht von der vorherrschenden Stimmung, Tavas Hörnern und Devons Anwesenheit und Tava musste die Zügel kurz nehmen. Das waren auch die Momente, an denen Malleus sie anherrschte, sich gefälligst auch aufs Pferd zu setzen und zu reiten. Aber zwei Personen waren zu viel für das Tier und würden es auspowern, bevor sie irgendeine Sicherheit erreicht hatten. Nur war Tava nicht in der Lage, unter dem ganzen Stress auch noch ein überzeugendes Argument zu formulieren.
      "Es reicht jetzt! Steig auf das verdammte Pferd und gib mir die Zügel."
      Der Tonfall machte es dann doch aus. Tava zuckte, wirbelte herum, zeigte Malleus ihre Hörner und drückte ihm die Zügel in die Hand.
      "Rutsch nach vorne, Devon."
      Sehr viel konnte er sowieso nicht rutschen und als Tava sich hinter ihm nach oben schwang, tänzelte das Pferd unzufrieden und legte die Ohren an. Es war Malleus' kurz gehaltenen Zügeln zu verdanken, dass es nicht bockte und die beiden kurzerhand von seinem Rücken schleuderte. Mit rauen Worten brachte er die beiden Pferde zur Ruhe und trieb sie dann an.
      Tava schlang die Arme um Devon, weil sie sich sonst nirgends festhalten konnte, wobei sie jetzt zumindest besser aufpassen konnte, dass er nicht runterfiel. Immer wieder sah sie jetzt über ihre Schulter zurück, achtsam darauf bedacht, Devon ihre Hörner nicht in den Hinterkopf zu schlagen. Normalerweise wäre es sicher er gewesen, der sich um ihre Sicherheit kümmerte und den Weg vorgab, aber Devon war gänzlich außer Gefecht gesetzt. Ohne ihn fühlte Tava sich irgendwie ungeschützt und alleine, obwohl sie sich in diesem Moment an seinen Rücken schmiegte. Sie konnte nur hoffen, dass der Rotstaub mit seinem Lacerta-Gehirn nicht irgendetwas langwieriges angestellt hatte.
      Sie ritten eine gute Weile lang, bis Malleus sie zu der Ruine einer Wassermühle führte. Sie stand etwas abseits des Weges, den sie eingeschlagen hatten, war aber gut sichtbar, selbst in dem dünnen Mondlicht. Tava hätte vielleicht etwas darüber gesagt, aber das Pferd schwächelte, Tava schwächelte auch, eine bessere Idee hatte sie auch nicht und die Hörner wollte sie Malleus nicht nochmal zeigen. Das eine Mal, vor ein paar Stunden, war im Nachhinein betrachtet schon schlimm genug gewesen. Lieber überließ sie ihm den Fund und hoffte darauf, dass sie unentdeckt bleiben würden.
      Sie saßen vor den alten Mauern ab und widmeten sich in gemeinsamer Arbeit Devons Abstieg. Aufs Pferd hinauf zu kommen war einfach gewesen, schließlich brauchte man nur schieben und drücken und war dann irgendwie oben, aber hinab zu kommen war schon eine ganz andere Angelegenheit. Eine falsche Bewegung und der ganze Lacerta, in seiner vollen Pracht, würde genau auf sie drauffallen. Das würde für keinen Beteiligten gut ausgehen.
      "Zuerst dein Bein, Devon. ... Nein, das andere. Halt dich an meinen Hörnern fest, komm schon."
      Tava mochte das nicht. Sie hasste es sogar, der plötzliche Druck an ihren Hörnern, ihr natürliches Gleichgewicht, das völlig aus den Bahnen geriet. Sie musste dagegensteuern, und zu wissen, dass Devon stark genug war, ihre Hörner auch in eine andere Richtung zu ziehen, machte die ganze Angelegenheit nicht besser. Sie mochte das einfach nicht. Finster drückte sie dagegen und unterdrückte ihre Beschwerde.
      Devon fiel mehr, alsdass er hinabstieg. Von seiner eigentlichen Eleganz, die an eine Katze anmuten konnte, war jetzt keine Spur zu sehen, als er seine Glieder über den Sattel beförderte und dann zu Boden rutschte. Malleus war der einzige Grund, dass er nicht vollkommen auf dem Boden aufschlug, und Tava der einzige Grund, dass es nicht auch noch mit dem Kopf zuerst geschah. Ächzend brachten sie ihn auf beide Beine und dann zu einem Fleck an der Mauer, wo die Löcher nicht allzu groß waren. Kaum hatten sie ihn dort abgesetzt, richtete Malleus sich schon wieder auf.
      "Kümmere dich um ihn. Sieh nach seinen Wunden. Ich versorge die Pferde."
      Tava murrte zurück, da ging Malleus bereits davon. Sein Gang war steif und erinnerte nur allzu gut an seine vorherige Stimmung. Eine leise Stimme in Tava bemerkte voller Angst, dass sie daran Schuld war, aber Tava schob den Gedanken unwirsch beiseite. Sie war müde, sie waren alle müde. Dieser Tag war ganz und gar nicht einfach gewesen und sie konnte Malleus nicht übel nehmen, dass er seine Fassung verlor. Sie wäre selbst schon völlig fertig, wenn sie nicht ein so wunderbares Feuer entzündet hätte. Was so ein Inferno nicht für eine Wohltat sein konnte.
      Aber im Moment gab es kein Feuer mehr und wenn Tava ehrlich war, war sie einfach nur noch müde. Sie hatte die Nacht über um Devon herumgerollt verbracht, besorgt um seine Wunden und erleichtert, dass sie ihn gefunden hatten, und war den ganzen Tag mit Malleus auf den Beinen gewesen, um das Schwert und das Leder zu holen. Ganz zu schweigen von den vergangenen Tagen, in denen sie Devon hinterher gejagt waren, zu ängstlich, ihn letztlich zu verlieren, um sich eine ausreichende Pause zu gönnen. Und dann war da ja auch noch der gestrige Tag gewesen und... alles eben.
      Tava seufzte. Sie war müde. Sie hätte jetzt eigentlich auch viel lieber ein richtiges Bett gehabt, als sich wieder im Dreck zusammenzurollen. Aber man konnte ja nicht alles haben.
      "Komm, Devon, lass mich dich mal ansehen. Setz dich erstmal ein bisschen auf. Ich hab's wirklich übertrieben mit dem Rotstaub, was? Wer hätte ja auch..."
      Sie nahm sich seinen Arm und zerrte und zog ein wenig, um ihn in Position zu bekommen.
      "... denken können, dass... du... ah... so viel nimmst."
      Sie angelte sich ihren Rucksack und zog ihre Bandagen hervor. Und Schmerzmittel, wobei sie das bei kurzem Zögern wieder einpackte. Tava war keine Drogenexpertin, um einen solchen Effekt voraussagen zu können.
      "Aber ich bin froh, dass du wieder da bist. Ohne dich würde was fehlen. Was großes."
      Sie lehnte sich wieder vor und studierte seine Augen. Sie blieben unverändert, so groß und für den Lacerta unnatürlich. Sie wusste nicht einmal, ob ihr gesagtes bei ihm ankam, denn die meiste Zeit sagte er das erste, was ihm in den Sinn kam, und die andere Zeit schien er nur auf Stichwörter zu reagieren. Jetzt war vermutlich nicht die richtige Zeit für Gespräche, aber Tava redete trotzdem. Sie brauchte das jetzt und Malleus war bei den Pferden in der Dunkelheit verschwunden.
      "Er will dich auch zurück. Du hättest ihn mal sehen sollen, heute, bei dem Haus. Durch Feuer ist er gegangen, nur für dich. Wirklich durch Feuer. Ich dachte schon, er würde es nicht schaffen, und dann", sie griff nach Devons Tunika und begann, sie nach oben zu ziehen, "kam er da doch noch raus. Rauch überall und Feuer überall und Malleus mittendrin. Ich dachte doch, er hat so Angst vor Feuer, nicht?"
      Auf halbem Weg sah sie bereits eine der Bandagen, rot von geronnenem Blut. Tava runzelte die Stirn. Da war was aufgegangen und es sah wohl so aus, als würde das eine größere Arbeit werden. Sie unterdrückte ein zweites Seufzen. Am liebsten hätte sie ein Feuer gemacht und sich daneben zusammengerollt.
      Sie richtete sich wieder auf und zog weiter.
      "Aber für dich hat er's gemacht. Hat alles durchgezogen, ganz alleine."
    • Wie Devon auf das Pferd gelangt war, konnte er im Nachhinein nicht mehr sagen. Mit viel Gezerre und Geschiebe hatten sie ihn auf das arme Tier bugsiert, das sich am liebsten direkt davongemacht hätte. Der sonst so sicherwirkende Lacerta wirkte auf dem Pferd unfähig und verloren, hielt sich aber eisern an der Mähne fest. Lenken musste er glücklicherweise nicht, denn das übernahm Tava, die daraufhin mit Malleus und seinem zweiten Pferd den Stall verließen und Nachtluft den Jäger begrüßte. Der kühle Wind nahm ihm etwas von der inneren Hitze, während sich die Gruppe schleunigst daran machte, Touvanen so weit wie möglich hinter sich zu lassen.
      Devon konnte sich nicht wirklich auf etwas fokussieren. Er sah zu viel und zeitgleich zu wenig, das Geschaukel tat sein Übriges. Also beschäftigte er sich damit, die einzelnen Haare der Mähne zu zählen und fing dabei immer wieder neu an, weil der Wind alles durcheinanderwarf. Er hörte erst auf, als Malleus‘ Stimme gereizt laut wurde und sogar in seinen Ohren schmerzte. Selten hatte er den Mann so reden gehört, so… gereizt. Gestresst. Fertig mit allem. Tavas Antwort darauf war nicht weniger spannungsgeladen, sodass Devon ausnahmsweise nichts sagte, sondern etwas weiter nach vorn auf dem Pferd rutschte, das über die Zweitbelastung alles andere als erfreut war. Ihre Arme schlangen sich um seinen Körper und was eine schöne Empfindung hätte sein können wurde zu einem Spießrutenlauf. Tava drückte sich an seinen Rücken, rieb die Bandagen auf, die die Wunden bedeckten. Mit jedem Schritt des Pferdes flammte es an seinem Rücken auf und er versteifte sich, hielt sich jedoch bedeckt. Sie wollten schließlich möglichst viel Abstand zwischen sich und Touvanen bringen. Was war da schon ein bisschen mehr Schmerz?
      Ihr neues Ziel war eine Ruine einer alten Wassermühle. Die Natur hatte sich diesen Ort bereits zurückerkämpft und offensichtlich befand Malleus diesen Ort als abgelegen genug. Im Gegensatz zu seinen Begleitern kam Devon von seinem Pferd nicht so leichtfüßig herunter. Er koordinierte seine Beine falsch, suchte Halt, wo es keinen gab. Tavas Anweisungen halfen dabei nur bedingt, allerdings durfte er sich tatsächlich an ihren Hörnern festhalten, während er aus dem Sattel eher rutschte als stieg. „Wolltest du mir nicht was brechen, wenn ich deine Hörner anfasse?“, fragte er hörbar unterhalten nach, beeilte sich aber damit, seine Hände von ihren Hörnern wegzubringen. Man musste schließlich nichts riskieren.
      Im Hintergrund zog Malleus mit den Pferden bereits von Dannen. Sehr lange starrte Devon ihm einfach nur nach bis sich die Spur von Moschus in seiner Nase gänzlich verlor und Blattwerk und Wasser seinen Platz einnahmen.
      „Komm, Devon, lass mich dich mal ansehen. Setz dich erstmal ein bisschen auf. Ich hab’s wirklich übertrieben mit dem Rotstaub, was? Wer hätte ja auch…“, begann Tava.
      Aufsetzen? Devon runzelte die Stirn, wobei ihm erst da so recht auffiel, dass er sich einfach plump auf den Boden hatte sinken lassen, wo man ihm vom Pferd geholt hatte. Das kaum noch vorhandene Dach über ihren Köpfen und das verfallene Mauerwerk nahm ihm seine Orientierung. Ihm war körperlich kalt, sodass er den Boden gar nicht gespürt hatte. Als er nicht reagierte, nahm Tava seinen Arm und zog an ihm. Bis dahin ließ er sich noch lieblos ziehen.
      „… denken können, dass… du… ah… so viel nimmst.“
      „Viel hilft viel“, war seine sehr ausführliche Antwort darauf, wobei er seinen Rucksack von seiner Brust löste und zwischen seine Beine stellte. Die herausragende Rolle war nun an das Wichtigste in seinem Besitz und das würde er hüten.
      „Aber ich bin froh, dass du wieder da bist. Ohne dich würde was fehlen. Was großes.“ Tava zoh Bandagen hervor ehe sie sich vor den Jäger setzte und seine Augen studierte.
      „Was Großes? Du weißt doch erst sei Oratis, wie groß meiner ist“, schmunzelte der Lacerta und langte zwischen seine Beine, um den Rucksack etwas weiter weg zur Seite zu stellen. Somit hätte er die Beine frei. Sofern Tava das denn wollte. Aber er wäre bereit.
      Nur wollte Tava scheinbar nicht zwischen seine Beine, sondern erzählte irgendwelchen Schwachsinn. Irgendwas von Feuer und er. Devon wusste nicht, wen Tava meinte und runzelte die Stirn dabei. Doch da griff sie unvermittelt nach dem Saum seiner Tunika und Devon packte ihr Handgelenk. Nein, nein. Tava musste ihm schon wörtlich sagen, dass er sie nehmen sollte. Nicht einfach so ausziehen. Das war falsch.
      „Ich dachte doch, er hat so Angst vor Feuer, nicht?“
      „Wieso Angst vor Feuer? Es ist warm und lichtreich. Sei respektvoll, aber niemals ängstlich“, schüttelte Devon den Kopf.
      Ein Seufzen ging durch Tava, die scheinbar fest entschlossen war, die Fetzen von Devon zu ziehen. Er zog daraufhin nur eine Grimasse und drehte sich weg. Nur ließ die Cervidia einfach nicht von ihm ab. „Aber für dich hat er’s gemacht. Hat alles durchgezogen, ganz allein.“
      „Du warst auch da. Dein Feuer war dein Verdienst. Wer sonst macht so große Feuer?“ Devon schob Tava immer wieder sanft weg, aber sie kam immer wieder zurück. Sichtlich bemüht, ihm seine Sachen doch auszuziehen. Devons Gedanken drifteten wieder ab. Nackte Körper aneinander bedeuteten Wärme. Ihm wurde langsam wieder kalt, also warum nicht annehmen, was Tava ihm anbot?
      Da rollte Devon mit den Augen und ergab sich, damit Tava ihm die Reste seiner Tunika ausziehen konnte. Einige der Bandagen an seinem Rücken waren durch den Ritt verschoben und teilweise leicht angeblutet. Die an seiner Vorderseite saßen noch – immerhin hatte er die neu gewickelt. Die an seiner Brust war feucht und etwas verschoben. Die sah der Lacerta nicht so schnell, die Cervidia hingegen schon. Prompt lag ihre Aufmerksamkeit auf genau jener Stelle und Devon zog einen Schmollmund.
      „Lass das einfach, wie es ist“, forderte er sie auf, doch Tava lehnte ab. Sie bestand darauf, Wundversorgung zu betreiben und erinnerte ihn daran, dass seine Wunden auf dem Rücken und nicht an der Brust waren. „Der Rücken ist hinten, genau. Die Brust ist vorn. Geh nach hinten, dich interessieren meine Geschichten eh nicht.“
      Damit hatte sich Devon allen Anschein nach geirrt. Tava begann an den Bandagen an seiner Brust zu zupfen und jetzt musste er sie doch energischer von sich wegdrücken. Beherzt schob er ein paar Finger unter den Stoff, zog ihn fast bis zu seiner Brustwarze hinunter und enthüllte die frische Wunde, die er sich selbst zugefügt hatte. Da wurden Tavas Augen groß. Kommentarlos zog Devon die Rolle aus seinem Rucksack, wenn auch nach mehreren Anläufen, und rollte sie soweit aus, dass man erahnen konnte, dass es ein Körper und wo welche Gliedmaße gewesen war. Als er die Stelle mit dem Speer fand, zeigte er sie Tava und anschließend auf seine eigene Brust. Unter dem gebrochenen Speer war die Haut vollkommen vernarbt. Als wären zig Schnitte gesetzt worden, um das darunterliegende zu eliminieren.
      „Das steht für Jagdbrüder. єรςђ๏ɭ๏ภ war mein Bruder. Du gehst mit einem Gleichaltrigen auf Drachenjagd, damit der Stamm dich anerkennt. Wir waren zusammen, er hat mir viel gezeigt. Er bildete danach die Kinder aus. Als ich ging, hab ich es unkenntlich gemacht. Hab den Stamm verlassen und war nicht mehr sein Bruder“, erklärte Devon und rollte die Haut wieder zusammen, um sie im Rucksack zu verstauen.
    • „Was Großes? Du weißt doch erst sei Oratis, wie groß meiner ist.“
      Tavas Mundwinkel zuckten ein wenig. Sie sah gerade noch rechtzeitig auf, um das Schmunzeln in Devons Gesicht zu sehen, wobei es vermutlich extra lange dort geblieben wäre, bis sie es entdeckt hätte. Das war ja ganz fantastisch. Ob Devon morgen immernoch dieselbe Meinung haben würde? Ob sie ihn jemals dazu bringen könnte, so einen Satz auszusprechen, wenn er nicht völlig drauf war?
      Dennoch schien Devon nicht überzeugt davon zu sein, sich von Tava ansehen zu lassen. Er machte eine komische Bewegung, um sich von ihr wegzudrehen. Sie zog ihm einfach nach.
      „Wieso Angst vor Feuer? Es ist warm und lichtreich. Sei respektvoll, aber niemals ängstlich“, kam die nächste Entgegnung, die Tavas Blick forderte. Aufmerksam sah sie Devon an und unterließ es für einen Augenblick, seine Bandagen zu begutachten. Wie recht er doch damit hatte, wie voll und ganz recht. Eine solche Seite hatte sie bei ihm nie vermutet, obwohl sie nicht wusste, warum. Es war kein Geheimnis, dass der Lacerta Feuer mochte und es hätte eigentlich nichts überraschendes sein müssen. Aber trotzdem, es war wohl die... Wortwahl, die Tava so gefiel. Anerkennend kippte sie den Kopf zur Seite, nur ein kleines Bisschen.
      "Ja. Ja, da hast du sehr recht, respektvoll, aber niemals ängstlich. Feuer sind ungefährlich, wenn man es zu verstehen weiß. Das sollte doch jeder wissen, nicht?"
      Etwas lockerer nahm sie sich wieder seinen Saum, um ihn höher zu ziehen. Dass Devon so einer Meinung mit ihr war, stimmte sie zufrieden, wenn nicht sogar glücklich. Tava war bisher niemandem begegnet, der ihre Euphorie mit dem Feuer teilen konnte und so seicht Devons Kommentar auch sein mochte, es kam einem Verständnis näher als alle anderen vor ihn. Nicht einmal Malleus würde diese Meinung je teilen können, ein Dorn, der Tava sehr deutlich ins Auge stach. Damit musste sie sich zwar abfinden, aber umso schöner, dass es nicht für Devon galt.
      Diesmal drehte er sich nicht wieder von ihr weg. Sein Blick verließ sie nicht, auch wenn Tava sich nicht sicher war, wie viel er überhaupt mitbekam. Zumindest antwortete er direkt auf ihre Bemerkungen.
      „Du warst auch da. Dein Feuer war dein Verdienst. Wer sonst macht so große Feuer?“
      Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln auf Tavas Gesicht und dann ein Funkeln in ihre Augen. Wieder sah sie zu Devon auf und spürte Hitze in sich aufsteigen, in ihren Kopf, in ihre Brust, überall hin eigentlich. Richtig, wer machte so große Feuer? Tava, nur Tava. Und es hatte sich nicht wie Tadel angehört, es war eine schlichte Feststellung gewesen. Stolz reckte sie sich ein wenig, die Müdigkeit unter dem indirekten Kompliment einen Moment wie fortgewaschen. Sie machte große Feuer und es war ein sehr großes gewesen. Ein riesiges sogar.
      "Stimmt. Es war groß, Devon, so groß. Ist bis in den Himmel gegangen. Du hast es gesehen, oder? Richtig groß war es."
      Für einen Moment war in ihrer Welt alles schön und gut. Die bedrohliche Dunkelheit verwandelte sich in schlichte Abwesenheit von Licht und der harte Boden wurde zu einem recht angenehmen Untergrund. Tava machte große Feuer. Die Welt würde schon sehen, was für große Feuer sie machte.
      Dann geriet alles für sie ins Stocken, als sie einen neuen Verband entdeckte, direkt über Devons Brust hinweg. Wobei neu eigentlich übertrieben war, denn Tava wusste, dass sie die Brust durchaus mit verbunden hatte, um den Rücken zu erreichen, aber nicht so. Nicht so... unsauber. Es sah ja fast schon so aus, als hätte Devon die Bandagen selbst gebunden, was ja wirklich lächerlich war.
      "Was ist das?"
      Sie streckte die Hand nach dem schiefen Rand aus, als Devon doch tatsächlich einen Schmollmund zog. Einen Schmollmund! Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, hätte sie sich köstlich über ihn lustig gemacht.
      „Lass das einfach, wie es ist“, murmelte er, als könne er entscheiden, um welche Bandagen Tava sich kümmerte und um welche nicht. Sie schnaubte irritiert und gab die gekippte Kopfhaltung wieder auf.
      "Ich lass das nicht einfach, wie das ist. Ich habe dich am Rücken verbunden und der ist hinten, nicht vorne an der Brust. Was macht dieser Verband also da?"
      „Der Rücken ist hinten, genau. Die Brust ist vorn. Geh nach hinten, dich interessieren meine Geschichten eh nicht.“
      Jetzt kippte Tava doch wieder den Kopf, nur nach vorne. Rotstaub hin oder her, Tava regte sich trotzdem auf.
      "Spiel jetzt nicht den Besserwisser mit mir. Und sag nicht, dass mich deine Geschichten nicht interessieren."
      Sie lehnte sich zu ihm nach vorne, wobei ihre Hörner deutlich ins Gesichtsfeld kamen. Nur ein bisschen weiter und es wäre eine regelrechte Drohhaltung gewesen.
      "Ich bin mit Malleus von Oratis bis nach Touvanen gekommen, nur um deinen Hintern zu retten, was mir - uns beiden fast selbst den Kerker gekostet hat, also sag nicht, ich würde mich nicht für deine Geschichten interessieren." Was auch immer das überhaupt heißen sollte.
      Mit einer energischen Geste griff sie nach der Bandage, nur um von Devon mit einem erstaunlich starken Griff abgewehrt zu werden. Er war vielleicht high, aber hilflos war er deswegen noch lange nicht. Bevor sie allerdings einen zweiten Vorstoß wagen konnte, zog er sich selbst die Bandage herunter, bis es fast seine gesamte Brust enthüllte. Tava nahm einen scharfen Atemzug und setzte sich zurück. Auf seiner hellen Haut wanden sich rote, verbrannte Wunden, die sich unter seine alten, dünnen Narben stauten. Es hatte fast den Anschein, als ob... es sah aus wie...
      "Sind das... ist das ein Wort?"
      Tava war absolut davon überzeugt, dass das gestern noch nicht dagewesen war. Sie wusste noch sehr genau, wie sie sich vorsichtig auf Devon herumbewegt und die Decke nur soweit verzogen hatte, um ihn stellenweise zu verbinden und sie dabei eine geraume Zeit mit seiner Brust beschäftigt gewesen war. Das hier war frisch, aber wieso? Warum? Was sollte das überhaupt sein?
      Diesmal ohne eine fragwürdige Bemerkung nahm sich der Lacerta die Lederrolle, die sie mit seinem Schwert gerettet hatten. Er rollte sie auf, eine Art hellbraune Unterlage, so wie Leder aber irgendwie dünner, und überzogen mit dunklen Musterungen und leichten, für das Material zu helle Erhebungen. An den Rändern war sie unförmig, wie Tava bemerkte, ging auseinander und dann an den Seiten weg, irgendwie langgezogen, sodass es fast den Anschein machte, als wären das... als wären das...
      Tava stieß einen spitzen Schrei aus und warf sich nach hinten weg. Plötzlich wurde sie eiskalt, als sie die Form erkannte, als sie gar nichts mehr anderes sehen konnte als das, kein Leder mehr und keine Unterlage, sondern... sondern... das war...
      "Adrastus' Feuer", flüsterte sie und spürte Übelkeit in sich aufsteigen. Es war keine Lederrolle gewesen. Das dort war eine Brust und dort ging es zu den Schultern hinauf und dort weiter nach unten...
      Devon deutete auf die - die Haut, bei allen Feuern! - als wäre er den Anblick gewohnt und zeigte wie auf einer Landkarte. Tava war noch so geschockt von der Erkenntnis, um was es sich dabei wirklich handelte, dass sie beinahe verpasst hätte, auf was er genau zeigte, bevor er sich auf die Brust deutete. Sie versuchte, die Gemeinsamkeit an den Zeichen zu finden, aber alles, was sie im Moment denken konnte, war, dass das eine verdammte Haut war und Devon sich die eigene Haut aufgeritzt hatte, um die andere nachzuahmen. Oder zu spiegeln oder zu ergänzen oder...
      „Das steht für Jagdbrüder. єรςђ๏ɭ๏ภ war mein Bruder. Du gehst mit einem Gleichaltrigen auf Drachenjagd, damit der Stamm dich anerkennt. Wir waren zusammen, er hat mir viel gezeigt. Er bildete danach die Kinder aus. Als ich ging, hab ich es unkenntlich gemacht. Hab den Stamm verlassen und war nicht mehr sein Bruder."
      Tava spürte Galle in sich aufsteigen. Das da war... das war...
      Devon wickelte die Rolle - die Haut! Die Haut! - schon wieder ein, aber das Bild hatte sich in Tavas Gedächtnis gebrannt, eine dünne, lederartige Hülle, sauber abgetrennt von... und die hellen Erhebungen, das waren auch nur... und Devon, Devon...
      Hastig strampelte Tava sich auf die Beine.
      "Ich - äh - ich muss mal."
      Ohne ein weiteres Wort wirbelte sie herum und rannte an den Pferden vorbei, die aufgescheucht wieherten und auf der Stelle tänzelten. Sie hatte kaum den nächsten Baum erreicht, der im Schatten seiner eigenen Blätter stand, als ihr bereits alles hochkam und sie sich vornüber warf, um geräuschvoll in den Wald zu erbrechen. Der Anblick der Haut geisterte ihr vor den Augen herum und Tava würgte alles bei der schieren Andeutung der Gewalt hervor, die stattgefunden haben musste. Sie konnte nur hoffen, dass derjenige - єรςђ๏ɭ๏ภ? - schon tot gewesen war. Andernfalls hätte sie wohl niemals aufgehört, sich so zu übergeben.
      Neben sich hörte sie rascheln und dann Malleus' besorgte Stimme, als er zu ihr kam, aber sie winkte energisch ab. Devon war derjenige, dem es schlecht ging, und Malleus war heute auch schon durch Feuer gelaufen, Tava musste sich gefälligst ein bisschen zusammenreißen. Was war schon so ein bisschen... Haut! Aber von dem Gedanken musste sie gleich wieder würgen, bis sie sich vollends beruhigt hatte.
      "Ist schon... schon gut. Hast du gesehen, was er - Malleus, das ist eine... seine... das, das Leder, das ist..."
      Sie schüttelte den Kopf und schluckte Galle hinab.
      "Adrastus' Feuer soll mich holen. Komm, komm mit. Devon hat... Er hat seine Brust wie die... wie sein... oh, komm einfach."
    • Malleus atmete die kühle, klare Nachtluft ein und er stieß einen erleichterten Atemzug aus, als sie den puckernden Kopfschmerz ein wenig linderte. Gegen die juckende und brennende Glut unter seiner Haut war sie dennoch machtlos. Das kalte Flusswasser, mit dem er sich den Schweiß aus dem Gesicht wusch, vertrieb das erdrückende Gefühl der Müdigkeit für einen Augenblick länger. Es klärte seine Gedanken und ließ die wispernden Stimmen in seinem Kopf verstummen. Malleus schloss kurz die Augen und lauschte dem Schnauben der Pferde, dem Scharren ihrer Hufen am weichen Flussufer, dem leisen Knarzen des Mühlrades und dem sanften Wind im Blätterdach.
      Es hätte ein friedlicher Ort sein können, weit entfernt von der Bedrohung in Touvanen und dem drohenden Unheil, das Malleus möglicherweise mit seinen Worten herauf beschworen hatte. Er konnte nur hoffen, dass ihnen das Vergnügen von Rykards Gesellschaft in der Zukunft erspart blieb. Aber gerade Malleus wusste es besser. Die eigenen Taten holten einen zwangläufig über kurz oder lang immer ein.
      Ja, es hätte alles so friedlich sein können, wäre da nicht Tavas spitzer Aufschrei in der Dunkelheit gewesen.
      Plötzlich, mehr als nur alarmiert, sprang Malleus auf die Beine. Ein kurzer Schwindel ließ ihn besorgniserregend von einer Seite zur anderen schwanken. Wassertropfen wirbelten durch die Luft, als er den Kopf herumwarf und bereits mit zusammengekniffenen Augen nach der Bedrohung Ausschau hielt. Das war unmöglich. Rykards Männer konnten sie nicht eingeholt haben, nicht in dieser kurzen Zeit. Trotzdem überschlugen sich die Gedanken, als er in die Nacht hinaus spähte. Nein, Pferde hätte selbst er deutlich hören müssen und zu Fuß hätten die Ordensritter sie niemals so schnell erreicht. Malleus lauschte angestrengt, doch alles, was er hören konnte, waren gehetzte und stolpernde Schritte und die waren viel zu leicht auf dem morastigen Untergrund für die schweren Stiefel bepanzerter Ritter.
      Wenige Momente vergingen bis Tava aus der Ruine der alten Mühle eilte. Sie wankte, lief gekrümmt auf den nächstbesten Baum zu und augenblicklich setzte Malleus ihr nach. Was, wenn er sich irrte? War sie bereits verwundet und versuchte zu fliehen? Hatten sie Devon bereits lautlos zurück in ihre Gewalt gebracht? Nein, Tava würde Devon nicht von der Seite weichen ohne den Versuch alle Angreifer in Brand zu stecken. Das Adrenalin schoss zurück durch seine Adern und zerrte an seinen überreizten Nerven. Binnen ein Wimpernschlages war er an Tavas Seite angekommen.
      "Was ist passiert?", wisperte er sanft und sichtlich...besorgt. "Tava, lass mich..."
      Er war bereits versucht, die Hand nach ihrem zitternden Rücken auszustrecken während sie noch würgte und um Atem rang, da winkte sie schon ab und verdammte ihn zum Stillstand.
      "Ist schon... schon gut. Hast du gesehen, was er - Malleus, das ist eine... seine... das, das Leder, das ist..."
      "Langsam, Tava...Er? Devon?...Das Leder? Du...Tava, beruhig dich...", versuchte er es in der honigweichen Stimme, die Tava so vertraut war, als die Gewissheit durchsickerte, dass ihnen keinen Gefahr durch die Blaumäntel drohte. Heftig ruckten ihre Hörner herum als sie den Kopf schüttelte.
      "Adrastus' Feuer soll mich holen. Komm, komm mit. Devon hat... Er hat seine Brust wie die... wie sein..."
      "Er hat was?"
      "...oh, komm einfach."

      Der Anblick der blutigen Verbände über dem breiten Rücken des Lacerta erblickte Malleus als Erstes. Der Ritt hatte die sorgfältige Wundversorgung arg in Mitleidenschaft gezogen und er hätte das schlechte Gewissen darüber beinahe zugelassen, wenn er sich mit seiner Dringlichkeit nicht absolut im Recht fühlen würde und Devon war stark, heilte schnell. Er würde es verkraften. Malleus näherte sich Devon langsam und das fahle Licht über ihren Köpfen war sicherlich nicht perfekt, aber es reichte um selbst mit menschlichen Augen die ausgebreitete Haut im Schoß des Jägers zu sehen. Das musste Tava so aus der Fassung gebracht haben. Er hatte keine Gelegenheit gehabt, ihre seine Vermutung zu erläutern. Dafür war einfach keine Zeit gewesen.
      "Ich weiß...Nein, ich hatte eine Vermutung", wisperte er leise zu Tava. "Ich hätte es dir sagen müssen."
      Malleus erlaubte sich federleicht mit den Fingerspitzen über ihren Handrücken zu streicheln und hoffte, dass sie die Geste verstand. Über die Schulter des Lacerta hinweg sah er für einen Moment einfach nur zu, wie Devon über die Haut von єรςђ๏ɭ๏ภ strich.
      Vielleicht hätte er wenigstens jetzt Bestürzung zeigen müssen, aber Malleus hatte genug Gräueltaten in seinem Leben gesehen und ertrug den Anblick mit Fassung. Das machte es aber nicht weniger grausam. Es von Devon zu hören und es zu sehen, waren zwei völlig verschiedene Dinge. Schweigend umrundete er den Lacerta und ging etwas ungelenk vor ihm in die Hocke. Die Erschöpfung zeigte sich in jeder seiner Bewegungen. Sein Blick fiel auf die frische Wunde auf seiner Brust und er wusste, worauf Tava stockend hinaus gewollt hatte.
      "Darf ich?", fragte er und wartete bis Devon ihm die Erlaubnis gab.
      Vorsichtig berührte Malleus die Brust des Jägers und hakte den Zeigefinger unter den Verband, feucht nicht von Blut sondern von dem nässenden Wundsekret frisch versengter Haut.
      "Tava? Sieh dir die Wunden auf seinem Rücken an. Tu, was du kannst", sprach er, nun völlig ruhig. "Bitte."
      In Devons Rücken musste sie nicht ständig auf die gegerbte Haut sehen und hatte eine Aufgabe, auf die sie sich vorerst konzentrieren konnte. Malleus schob seine Erschöpfung, die Schmerzen und sein eigenes Chaos rigoros beiseite. Das konnte er, wenn es dringend notwendig war. Er hatte es über viele Jahre hinweg perfektioniert schlicht zu...funktionieren.
      Er warf einen flüchtigen Blick über Devons Schulter zu der Cervidia und streckte seine freie Hand aus, damit sie ihm etwas geben konnte, womit er die nässenden Schnitte reinigen konnte. Heilkunst war nicht sein Fachgebiet, aber eine Wunde zu reinigen, sollte keine großen Schwierigkeiten machen. Die Cervidia reichte ihm ein Tuch, getränkt in eine übelriechende Flüssigkeit, die Malleus sofort mit Wundreiniger und Alkohol in Verbindung brachte. Brandwunden, mit einem weißglühenden Eisen oder einer ebenso heißen Klinge zugefügt, waren heimtückisch. Niemand wusste das besser als Malleus.
      Behutsam tupfte er über die frischen Schnitte. Worte in sauberer geschwungener Handschrift drängten sich ihm auf. Analytische und nüchterne Berichte über rituelle Vernarbungen eines unerforschten Volkes, deren Bedeutung kein Lebender jemals niedergeschrieben hatte. Devon hatte sich diese Schnitte selbst zugefügt. Malleus fragte nicht nach einfach dem Warum, löcherte den Mann nicht mit bedeutungslosen Fragen während der Lacerta die Haut eines Freundes in den Händen hielt.
      "Was bedeutet es?", murmelte er mit weicher, aber schwerer Stimme.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devon bekam gar nicht richtig mit, wie sich Tavas Haltung veränderte. Wie ihr die Übelkeit aufstieg und sich Fassungslosigkeit in ihre Stimme mischte. Das waren allesamt Dinge, die er bei ihr noch nie erlebt hatte und sein Zustand sorgte dafür, dass seine Antennen in dieser Hinsicht eingefahren waren. Umso erstaunter war er, als sich Tava hastig aus ihrem Sitz erhob und ganz schnell das Weite suchte. Während er ihr so hinterher blickte, machte sich Beklommenheit in ihm breit. Vielleicht fand Tava doch alle Lacerta ekelhaft und nur ihn nicht, weil sie ihn kannte. Nur ihn nicht, weil er nicht diese makellose Haut wie sein Bruder hatte, sondern eine Abart war. Weil er etwas war, was sie erforschen konnte. Betroffen senkte er seinen Blick und streckte die Hand nach der sorgsam verstauten Rolle aus, um sie beinahe zärtlich zu streicheln. Irgendwann griff er sie sich doch und entrollte ein Viertel auf seinem Schoß, wobei er die einzelnen Geschichten zu lesen begann.
      Nur ein paar Minuten vergingen, doch für Devon zogen sie sich wie Stunden. Stunden, in denen man ihn allein auf dem kalten Boden zurückgelassen hatte, nachdem er über seinen Bruder gesprochen hatte. Die Beklommenheit wich auch dann nicht, als er Schritte hörte, zwei Paar um genau zu sein, und er sah halbherzig über seine Schulter, wo er Malleus und Tava entdeckte. Dann richtete er seine Augen auf die Haut und las kommentarlos weiter. Auch als sich der Kultist vor ihn hockte, begegnete er nur kurz dessen Blick.
      „Ihr habt nichts von meinen Geschichten“, sagte Devon knapp, richtete sich dennoch auf und gewährte Malleus Zugang zu dem Verband, der die jüngste Geschichte verdeckte. Wider Erwarten erschien keine Regung in dem dunklen Gesicht, auf der anderen Seite hatte Devon auch keine Ahnung, was er eigentlich erwartet hatte.
      Man wickelte ihm die Bandagen ab, um das Ausmaß seiner Verletzungen begutachten zu können. Sein Rücken hatte sich nur an wenigen Stellen geöffnet, dort, wo die Stiche sogar seinen Brustkorb penetriert hatten und Schuppen keinen Schutz geboten hatten. Jetzt würde Tava vielleicht aber auch auffallen, dass sich dutzende alter Narben, sehr bewusst platzierter Narben, auf seinem Rücken befanden. Durch die Schuppen wurden die meisten Geschichten verdeckt und unleserlich gemacht. Aber das waren jene, die Devon nicht hatte unkenntlich machen können oder mit eigenen überdecken konnte.
      Anders sah es bei seinen Beinen, Armen und Vorderseite des Torsos aus. Viele Geschichten hier waren überschrieben oder unsauber neu geschrieben worden. So wie das Zeichen an seiner Brust, welches Malleus offenbar reinigen wollte. Als der Mann mit einem widerlich riechenden Lappen anfangen wollte, fing Devon ihn am Handgelenk ab und starrte ihn mit eindringlichem Blick an. „Das heilt auch so. Wir behandeln das nicht, es verändert das Bild.“
      Doch Malleus‘ Miene war ebenso eindringlich wie der seine. Während Tava bereits seinen Rücken malträtierte und er immer wieder dabei zuckte, starrten sich die Männer wortlos an, nicht gewillt, abzulassen. Schließlich knickte Devon doch ein – ihm war kalt und er wollte, dass die Nacht einfach vorbei war.
      Mit seinen rauen Fingern strich er weiterhin über das Leder und erzeugte dadurch einen leisen Ton, während Malleus ihm die neue Geschichte abtupfte. „Was bedeutet es?“, murmelte der Mann in die sonstige Stille hinein und Devon sah auf.
      „Dass er tot ist. Dass sein Fleisch und seine Knochen irgendwo liegengelassen wurden und man nur seine Haut haben wollte.“ Daraufhin: Schweigen. Kurz hob sich Malleus‘ Blick und dem Lacerta fiel auf, dass er nicht von der Haut gesprochen hatte. Er räusperte sich. „Den Speer oberhalb des Herzens kriegst du, wenn du in jungen Jahren mit deinem Partner die erste Jagdprüfung bestehst. Das macht euch zu Brüdern und ihr schreibt die Geschichte des jeweils anderen fest. Man jagt einen Drachen und erst danach seid ihr Männer. Das hier hab ich damals gemacht. Es war das erste und ich bin echt schlecht.“
      Devon fuhr die wulstigen Erhebungen auf der Haut seines Freundes mit seinem Zeigefinger nach. Der Speer, den er vor mehr als einem halben Jahrhundert dort eingeritzt hatte.
      „Seiner war richtig gut, obwohl ich geweint und geschrien habe. Sehr sauber, sehr gerade. Als ich gegangen bin, hab ich ihn unkenntlich gemacht, weil ich kein Stammeskind mehr bin. Viele Geschichten musste ich ändern. Aber jetzt, da ich weiß, dass er tot ist, kann ich sie abschließen. Deswegen der gebrochene Speer. Wir waren Brüder und wenn einer stirbt, ändert der Andere eben seine Geschichte.“
      Die schwarzen Tätowierungen bekam ein Lacerta unabhängig von dessen Taten. Aber all die Narben auf Devons Körper, die nicht wie Kampfverletzungen aussahen, bildeten seine Vergangenheit ab. Deswegen nannte man sie Geschichten und daran konnte man ablesen, was derjenige alles erlebt hatte. Sofern man diese Sprache sprach.
    • Gemeinsam kamen sie wieder zurück zu dem wieder zusammengesunkenen Lacerta, der seine Haut - seine Haut - zurück auf den Schoß genommen hatte, um sie wie ein Haustier zu halten. Tava wurde augenblicklich langsamer und ging nur weiter, weil Malleus mit spürbarer Zuversicht weiterging. Sie wollte sich nicht schon wieder übergeben und außerdem kroch ihr die Galle noch immer im Hals herum. Wenn sie Devon so ansah, bildeten sich auch gleich noch viel schlimmere Gedanken. Was wenn jemand seine Haut so...
      Es schüttelte sie dabei fast. Was, wenn es bei der Rettungsaktion im Kerker ein zu spät gegeben hätte?
      "Ich weiß...Nein, ich hatte eine Vermutung. Ich hätte es dir sagen müssen", murmelte Malleus wie eine Beichte und sanft schüttelte Tava den Kopf.
      "Dann hätte ich das Ding lieber zurückgelassen. Das ist..."
      Sie schüttelte sich wieder.
      "Widerlich ist das."
      Malleus' Finger strichen dabei zart über Tavas Handrücken und ein Prickeln breitete sich von der Stelle aus, an der er sie gestreift hatte. Es war fast schon entschuldigend, wobei Tava nicht wusste, wofür. Es war ja nicht so, dass Malleus jemandem mal die Haut vom Körper ab... Eben die Haut entfernt hatte. Nein... oder?
      Devon schenkte ihnen ein Blick, als sie in Hörweite kamen, wandte sich dann aber wieder seiner Haut - urgh - zu. Ganz der menschennahe Kultist, den Malleus manchmal verkörperte, ging er vor dem Lacerta in die Hocke und fragte mit vorsichtiger, sanfter Stimme nach Erlaubnis. Tava stand unbewegt hinter ihm und versuchte dabei den Anblick der Haut zu ertragen, ohne gleich ihr ganzes Essen zu verlieren. Es war trotzdem widerlich. Und wozu? Weil sie schön aussah? Wollte das etwa jemand als Zierde hernehmen, so wie man sich auch die Felle von Tieren umhängte? Oder sollte es nur dazu dagewesen sein, dass man -
      "Tava?"
      Malleus riss sie aus den Gedanken.
      "Sieh dir die Wunden auf seinem Rücken an. Tu, was du kannst."
      Sie war froh darum, dass die vorherige Gereiztheit jetzt vollständig aus Malleus' Stimme verschwunden war. Als er dann auch noch ein Bitte hinterherschob, dachte Tava gar nicht erst darüber nach, was sie tun sollte. Sie folgte von ganz alleine dem Impuls seiner Stimme, nicht minder froh darum, sich in Devons Rücken kauern zu können. Mit seinen Wunden hatte sie keine Probleme und solange sie nicht allzu intensiv darüber nachdachte, dass die Haut - es schüttelte sie dabei noch immer - in seinem Schoß nicht seine eigene sein könnte, war auch alles relativ normal. Behutsam öffnete sie seine Verbände, um die Wunden darunter freizulegen.
      Auf den ersten Blick konnte sie bereits erkennen, dass etwas auf dem Rücken genauso wenig stimmte wie der Verband auf seiner Brust. Tava hatte nur sehr oberflächliche Erfahrung mit Wundheilung, von der Notwendigkeit herrührend, sich größtenteils selbst versorgen zu müssen, aber es reichte aus, um sie zum Stocken zu bringen. Die Löcher, die die Speere gestern in Devons Fleisch hinterlassen hatten, waren merklich kleiner. Kleiner. Wie zusammengewachsen, nur war Tava sich sicher, dass sowas nicht an einem Tag passieren konnte. Wenn das so wäre, hätte sie sich selbst schon so einige Aufenthalte in Krankensälen sparen können, weil sie ihre eigene Wunde nicht behandelt bekam. Das war einfach nicht möglich und doch war sie sich sicher, so sicher, dass genau das der Fall war. Gestern hatten die Wunden noch ausgesehen wie tiefe, blutende Löcher, heute wirkten sie schon eher nur oberflächlich. Niemals war das in irgendeiner Weise möglich.
      Die Neugier ihres Forschungstriebs überschattete für den Moment ihren Ekel vor der Haut. Sie beugte sich näher heran und zog mit einem Finger vorsichtig an einem unverletzten Stück Haut. Die Wunde daneben bewegte sich und ein feines Rinnsal Blut kam heraus, um über die dunkelgrüne Schuppe darunter zu laufen. Tava beobachtete, wie sich das Blut auf einer wulstigen Erhebung direkt darunter verlief und sich in alle Richtungen ausbreitete. Moment - war die Narbe nicht ein bisschen wie... und auf der - der Haut, da war doch auch sowas wie...
      Vorsichtig, nachdem Malleus vor Devon irgendetwas herumwerkelte und der Lacerta sie nicht von seinem Rücken verscheuchen sollte, berührte Tava die blutige Schuppe und zog ein bisschen daran. Sie verhielt sich wie Haut und machte nicht den Anschein, als säße sie an irgendeiner Stelle locker genug, um sie von der richtigen Haut zu trennen, aber Tava bekam doch den Eindruck, dass die Narbe unter der Schuppe hindurch verlief. Mit offenem Mund starrte sie darauf. Das war höchst interessant. Dann waren die Schuppen nach den Narben entstanden? Das heißt - hatten sie sich aus der Haut heraus gebildet? Ohne äußerliche Einwirkung?
      „Was bedeutet es?“, fragte Malleus von vorne und Tava riss den Kopf hoch, ertappt in ihren Forschungen, für den Moment überzeugt davon, angesprochen zu sein. Was das bedeuten sollte? Sie öffnete den Mund.
      „Dass er tot ist", entgegnete Devon und Tava klappte den Mund zu, bevor sie sich noch selbst verraten hätte. Ein flüchtiger Blick zeigte ihr, dass Malleus Devons frische Wunde meinte, nicht etwa ihre Entdeckung in seinem Rücken.
      "Dass sein Fleisch und seine Knochen irgendwo liegengelassen wurden und man nur seine Haut haben wollte."
      Oh, nein, er hatte die Haut gemeint. Tava spürte Ärger in sich aufkriechen bei dem Gedanken, dass jemand einen Lacerta wie Wild gejagt haben könnte. Wenn sie demjenigen jemals über den Weg laufen würde, sie würde sein ganzes Viertel in Schutt und Asche verwandeln. Und ihn selbst auch noch.
      Devon räusperte sich, wie um ihre Aufmerksamkeit wieder zu bekommen.
      „Den Speer oberhalb des Herzens kriegst du, wenn du in jungen Jahren mit deinem Partner die erste Jagdprüfung bestehst. Das macht euch zu Brüdern und ihr schreibt die Geschichte des jeweils anderen fest. Man jagt einen Drachen und erst danach seid ihr Männer. Das hier hab ich damals gemacht. Es war das erste und ich bin echt schlecht.“
      Tava lauschte, während sie sich wieder Devons Wunden widmete, diesmal, um sie erneut zu verbinden. Gerne hätte sie nochmal einen Blick auf die betreffende Narbe geworfen, die er meinte, aber sie wusste sowieso, wie sie aussah. Unglaublich war nur, dass er wirklich mit diesem єรςђ๏ɭ๏ภ zusammen einen Drachen gejagt hatte. Und das machten alle Lacerta so?
      „Seiner war richtig gut, obwohl ich geweint und geschrien habe."
      Tava verzog das Gesicht. Was für eine dumme Sache, wenn man dabei Schmerzen haben musste.
      "Sehr sauber, sehr gerade. Als ich gegangen bin, hab ich ihn unkenntlich gemacht, weil ich kein Stammeskind mehr bin. Viele Geschichten musste ich ändern. Aber jetzt, da ich weiß, dass er tot ist, kann ich sie abschließen. Deswegen der gebrochene Speer. Wir waren Brüder und wenn einer stirbt, ändert der Andere eben seine Geschichte.“
      Jetzt runzelte sie die Stirn.
      "Geschichten kann man doch nicht ändern. Deswegen sind es doch Geschichten, weil sie schon längst passiert sind. Und wieso musst du sie ändern, wenn du gegangen bist? Kannst du sie nicht so lassen, ob du jetzt im Stamm bist oder nicht?"
      Sie blickte über Devons Schulter hinweg auf die Haut hinunter, schluckend. Neben der Tatsache, dass єรςђ๏ɭ๏ภ auch Tattoowierungen hatte, die vielleicht eine erweiterte Geschichte erzählten, stach jetzt etwas anderes Tava auch ins Auge.
      "Wo sind denn eigentlich seine Schuppen?"

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    • „Das heilt auch so. Wir behandeln das nicht, es verändert das Bild", hielt Devon ihn mitten in der Bewegung auf.
      Tatsächlich überlegte Malleus ihm seinen Willen zu lassen, doch Devon fällte die Entscheidung bereits für ihn als er sein Handgelenk wieder freigab. Mit dem Nachhall des Gefühl kühlte, schwieliger Finger über der Haut widmete sich Malleus den Schnitten. Der gebrochene Speer glühte unter seinen Bemühungen, wie es nur frische Wunden konnten. Ohne ausreichend Licht blieb es seiner Vorstellungskraft überlassen, sich das Bild geröteter und empfindlicher Haut ins Gedächtnis zu rufen. Er hielt die Wundversorgung so kurz wie möglich und letztendlich riss er vom sauberen Ende des Tuches ein Stück ab, das groß genug war um die neue...Geschichte zu verdecken.
      Behutsam fuhr er mit seinem Daumen unter dem vernarbten Gebilde entlang und berührte gerade so mit der Spitze seines Daumen die alten Narben, mit denen der Speer darunter unkenntlich gemacht wurde. Durch seine Handschuhe war es Malleus unmöglich den Unterschied zwischen den Schnitten zu fühlen. Er unterdrückte ein Seufzen als er den Tuchfetzen mit der flachen Hand vorsichtig über den gebrochenen Speer drückte.
      "Nur für heute Nacht", sprach er beruhigend. Zumindest hoffte er das, denn Devon war anders als Tava. Malleus' Stimme würde niemals die gleiche, intensive Wirkung entfalten wie bei der Cervidia. Es war Fluch und Segen zugleich.
      „Dass er tot ist. Dass sein Fleisch und seine Knochen irgendwo liegengelassen wurden und man nur seine Haut haben wollte.“
      Eine bedrückende Stille breitete sich aus, bis Devon erneut die Worte fand um Tava und Malleus ein klein wenig seiner Vergangenheit zu offenbaren. Noch immer ruhte seine Hand auf Devons Brust, federleicht nun und hoffentlich tröstlich.
      „Den Speer oberhalb des Herzens kriegst du, wenn du in jungen Jahren mit deinem Partner die erste Jagdprüfung bestehst. Das macht euch zu Brüdern und ihr schreibt die Geschichte des jeweils anderen fest. Man jagt einen Drachen und erst danach seid ihr Männer. Das hier hab ich damals gemacht. Es war das erste und ich bin echt schlecht.“
      Malleus konnte zur erahnen, wie innig die Bindung der Männer gewesen sein musste, die sich so nahe gestanden hatten wie Brüder. Er hatte vergessen wie es war, eine Familie zu haben. Ganz langsam zog er seine Hand zurück und ein kalter Schwall der Nachtluft fegte durch das verfallene Gemäuer. Der Wind streifte seinen Nacken und ließ Malleus erschaudern. Ohne Kommentar schlüpfte Malleus aus seinem Umhang und legte ihn griffbereit neben sich auf den Boden. Sofort kroch ihm die Kälte, die eigentlich für diese Gegend recht mild war, unter seine Kleidung. Müdigkeit und Kälte waren eine dankbar schlechte Kombination und es war nicht Malleus, dem die Kälte am Meisten zu schaffen machte.
      „Seiner war richtig gut, obwohl ich geweint und geschrien habe. Sehr sauber, sehr gerade. Als ich gegangen bin, hab ich ihn unkenntlich gemacht, weil ich kein Stammeskind mehr bin. Viele Geschichten musste ich ändern. Aber jetzt, da ich weiß, dass er tot ist, kann ich sie abschließen. Deswegen der gebrochene Speer. Wir waren Brüder und wenn einer stirbt, ändert der Andere eben seine Geschichte.“
      Warum ist er nicht mit dir gegangen? Der Mann, der wie ein Bruder für dich gewesen war.
      Die Frage lag ihm auf der Zunge, wie so oft und wie jedes Mal würde er auf den richtigen Zeitpunkt warten um sie zu stellen. Den richtigen Zeitpunkt für wichtige Gespräche hatte sie bereits zu oft verpasst, dachte Malleus bitter. Entweder sie waren getrennt worden, wütend aufeinander oder vor einer Bedrohung auf der Flucht.
      Sorgfältig richtete er den Verband, damit nichts über Devons Brust verrutschte und wusste selbst ohne zusätzliches Licht, dass er eine gerade mal akzeptable Arbeit geleistet hatte. Für eine Nacht würde es reichen.
      "Geschichten kann man doch nicht ändern. Deswegen sind es doch Geschichten, weil sie schon längst passiert sind. Und wieso musst du sie ändern, wenn du gegangen bist? Kannst du sie nicht so lassen, ob du jetzt im Stamm bist oder nicht?"
      "Du änderst sie, damit andere Lacerta es wissen, wenn sie es sehen. Dass du mit deinem Stamm gebrochen hast. Damit sie wissen, was geschehen ist. Sie können die Geschichten lesen im Gegensatz zu uns. Nicht wahr?", murmelte er dazwischen. Mehr ein ausgesprochener Gedanke, eine Überlegung. Wieder eine Pause, die sich ins Unendliche ausdehnte.
      Es war Tava, die ihre Stimme als Erstes wiederfand.
      "Wo sind denn eigentlich seine Schuppen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Geschichten kann man doch nicht ändern.“
      „Doch.“
      „Deswegen sind es doch Geschichten, weil sie schon längst passiert sind. Und wieso musst du sie ändern, wenn du gegangen bist? Kannst du sie nicht so lassen, ob du jetzt im Stamm bist oder nicht?“ Tava ließ sich nicht beirren. Sie sah allerdings auch nur Geschichten aus ihrem Blickwinkel und nicht aus seinem.
      „Wir lesen aus den Geschichten. Wenn jemand einen toten Lacerta findet, dann weiß derjenige auch, wer er war und was er vollbracht hat“, wehrte sich Devon, der ein wenig Schwierigkeiten hatte, sich zu konzentrieren. Auch wenn Malleus seine Handschuhe trug, war das Gefühl des Leders auf seiner Haut eine seltsame Empfindung. Irgendwie zu viel und doch viel zu wenig. Als könne es sich nicht entscheiden, in welche Richtung es eingeordnet werden wollte.
      „Du änderst sie, damit andere Lacerta es wissen, wenn sie es sehen. Dass du mit deinem Stamm gebrochen hast. Damit sie wissen, was geschehen ist. Sie können die Geschichten lesen im Gegensatz zu uns. Nicht wahr?“, waren es Malleus‘ leise Worte, die in Devons Ohren überdeutlich nachhallten.
      Devons Hals war trocken, aber er nickte langsam. Die Geschichte dahinter, warum die Lacerta es taten, reichte weiterhin zurück und nun war es ein Kult, den sie aufrechterhielten. Für den Fall, dass man jemals einem seiner Art über den Weg laufen würde und ihm dann berichten konnte, was man alles erlebt hatte. Dass Malleus so schnell schaltete verwunderte den Jäger nicht wirklich, aber es stimmte ihn zufrieden, dass er es nicht wörtlich wiederholen musste.
      „Wo sind denn eigentlich seine Schuppen?“, schaltete sich Tava unvermittelt hinter seinem Rücken ein und ein nicht sonderlich angenehmes Ziehen machte sich auf seinem Rücken bemerkbar.
      Devon bewegte sich, um das Gefühl zu vertreiben. Als zöge jemand an seiner Haut und das mochte er nicht. Es ließ die nächstbeste Wunde ziepen, aber nach ein wenig bewegen hörte es schlagartig auf.
      Devons Blick senkte sich erneut auf die Haut in seinem Schoß. Was Tava nicht sehen konnte war das wehmütige Lächeln, das sich auf die Lippen des Jägers stahl. „Weil єรςђ๏ɭ๏ภ nicht so dumm gewesen ist wie ich. Keiner war so dumm wie ich. Wer kommt schon auf die Idee, einen Drachen zu essen?“
      Da lachte Devon auf, ganz kurz und hart, sodass es gar nicht zu dem Thema passte. Er erinnerte sich gut an den Abend, als er sich zu etwas Höherem berief und dafür alles andere hinter sich ließ. Wie єรςђ๏ɭ๏ภ ihn am Rande des Dorfes abgefangen und die Meinung gegeigt hatte. Die letzte Begegnung, die sie miteinander gehabt hatten.
      „Lacerta haben keine Schuppen. Das Einzige, was sie wirklich unterscheidet, ist die Körpergröße und Kraft. Und natürlich unsere Augen.“ Wie konnte er die bloß vergessen? Er würde die Augenpaare am Markt jedenfalls nicht mehr aus dem Kopf bekommen. „Alles andere… ist doch nur Schmuck.“
      Recht energisch hob Devon seine Hand und legte sie an seine Schulter, die Handinnenfläche nach oben gerichtet. Er wackelte mit den Fingern, so als erwarte er von Tava etwas. „Deine Hand. Gib sie mir“, forderte er die Cervidia auf, ohne hinzusehen, nachdem sie nicht reagiert hatte. Es dauerte eine beträchtliche Zeit ehe sie der Aufforderung nachkam. Seine kalten Finger schlossen sich um ihre Hand und ertasteten die Fingerspitzen, die er zwischen seine nahm. Dann führte er ihre Finger an sein gespitztes Ohr und drückte zu.
      „Fühlt sich nicht so an, als wird man damit geboren, was?“
      Dafür war der Knorpel zu fest, die Haut zu starr und wulstig. Beide Ohren waren zu unsymmetrisch, als dass man mit ihnen geboren wurde. „Unser ganzer Stamm ist eigentlich ein Pack von Gewaltfanatikern. Man schneidet Kindern die Ohren spitz zu, weil es… keine Ahnung warum. Die Zunge?“ Er streckte sie für Malleus kurzerhand aus. „Wird mit fünf Jahren gespalten, weil sich besserer Geschmackssinn erhofft wird. Frag mich nicht, ob da was dran ist. Lacerta können weder lesen noch schreiben. Deswegen greifen wir auf sowas zurück.“
      Ohne Vorwarnung griff er nun nach Malleus‘ behandschuhter Hand. Er führte die Finger, von denen er sich recht wenig Feingefühl erhoffte, an seine rechte Brust. Dort, wo ein abstraktes Schwert mit floralen Ornamenten eingeritzt wurde. Die einzige Geschichte auf seiner Vorderseite, die er nicht verunstaltet hatte.
      „Dein Talent, deine Aufgabe im Dorf. Ich war schon immer gut mit dem Schwert und deshalb wurde ich zum Krieger. Das Schwert gab es zur Feier meiner Rolle. Tolles Geschenk, was? Ein Utensil, womit man nur töten kann.“
    • "Es ist keine Dummheit mehr zu wollen", raunte Malleus beim Anblick des wehmütigen Lächelns.
      Das freudlose Lachen trug eine Verletzlichkeit mit sich, die nur der vernahm, der ganz genau hinhörte. Die Trauer über den Verlust von єรςђ๏ɭ๏ภ, seines Bruders, schleppte der Lacerta nicht erst seit dem Fund der Haut mit sich. Sie musste tief zurückreichen bis zu dem Tag, an dem sich ihre Wege durch Devons Entscheidung trennten und єรςђ๏ɭ๏ภ ihm nicht folgen konnte...oder wollte.
      „Lacerta haben keine Schuppen. Das Einzige, was sie wirklich unterscheidet, ist die Körpergröße und Kraft. Und natürlich unsere Augen. Alles andere… ist doch nur Schmuck", fuhr Devon fort.
      Es war das erste Mal, das Devon ihm mehr oder minder unverblümt bestätigte, dass die Schuppen und seine deformierten Schulterblätter im direkten Zusammenhang mit dem Verschlingen der Drachenherzen standen. In der Nacht am See war er Malleus noch mit einer bissigen Antwort ausgewichen und in Oratis, nun ja, es war nicht das vordringliche Thema gewesen.
      Schmuck...Malleus störte sich an der Bezeichnung für die unzähligen, wenn auch beinahe künstlerisch gesetzten Narben, die den Körper des Jägers zierten. Nicht in einhundert Jahren wäre er dazu in der Lage, die Narben auf seinem eigenen Körper als Schmuck zu bezeichnen. Obwohl sie mit ähnlicher, archaischer Brutalität entstanden waren, fehlte ihnen jegliche Präzision. Willkürlich und ohne erkennbares Muster hatten sie ihm seine Kindheit aus dem Leib gebrannt. Die vernarbten Muster, die Devon trug, besaßen wenigstens eine tiefere Bedeutung. Für seine Kultur. Sein Volk. Für Devon selbst.
      Malleus ließ sich aus seiner gehockten Haltung endgültig auf den Boden sinken, als seine Muskeln aus Protest zu zittern begangen. Noch immer saß er Devon gegenüber, obwohl er das Tuch jetzt nur noch nutzlos in den Händen hielt. Er gehen und Abstand gewinnen können, aber ihm gingen allmählich die Energiereserven aus. Seine Lungen brannten. Sein Kopf dröhnte. Einfach existieren und zu atmen schmerzte. Sich wieder auf die Beine zu stemmen und eine weitere Nacht rastlos umher zu streifen, klang selbst in seinen Gedanken nicht verlockend.
      Bevor er sich gedanklich mit der dringenden Frage einer Nachtwache beschäftigen konnte, wandte sich Devon an Tava. Er forderte ihre Hand ein und führte sie geradewegs an seine spitzen Ohren.
      „Fühlt sich nicht so an, als wird man damit geboren, was? Unser ganzer Stamm ist eigentlich ein Pack von Gewaltfanatikern. Man schneidet Kindern die Ohren spitz zu, weil es… keine Ahnung warum. Die Zunge?“
      Augenblicklich zuckte Malleus' Blick auf die gespaltene Zunge, die Devon herausstreckte um seine Worte zu unterstreichen. Etwas völlig Undefinierbares flackerte über das Gesicht des Kultisten: Unangebrachte Neugierde.
      So schnell wie sie gekommen war, schob er sie beiseite und beschäftigte sich gedanklich mit dem Fakt, dass diese Merkmale in beinahe allen wissenschaftlichen Abhandlungen über die Lacerta als angeboren beschrieben wurden. Eine Mutation, die sich über Generationen hinweg durch den gemeinsamen Ursprung mit Reptilien entwickelt hatte. Zumindest bei der Zunge waren sich die Gelehrten einig gewesen.
      „Wird mit fünf Jahren gespalten, weil sich besserer Geschmackssinn erhofft wird. Frag mich nicht, ob da was dran ist. Lacerta können weder lesen noch schreiben. Deswegen greifen wir auf sowas zurück.“
      Da ergriff Devon seine Hand. Nicht seinen Arm, nicht sein Handgelenk. Kräftig umschloss er das weiche Leder und führte die Fingerspitzen zu der einzigen Stelle an seiner Brust, die nicht einem Schlachtfeld ähnelte. Im dürftigen Mondlicht konnte Malleus die erhabenen Linien unter seinen Fingerspitzen kaum erkennen, so dass er sich ein kleines Stückchen vorlehnte um besser sehen zu können, was Devon ihm zeigen wollte.
      „Dein Talent, deine Aufgabe im Dorf. Ich war schon immer gut mit dem Schwert und deshalb wurde ich zum Krieger. Das Schwert gab es zur Feier meiner Rolle. Tolles Geschenk, was? Ein Utensil, womit man nur töten kann.“
      Als Devon ihm etwas mehr Freiraum zugestand, fuhr er mit den verhüllten Fingerspitzen die floralen Ornamente nach, die bei genauer Betrachtung ein Schwert formten. Trotz der Rohheit seines Ursprung wirkte es durch die Darstellung mit filigranen Blättern und Verästelungen beinahe anmutig.
      "Ein Schwert kann mehr als nur töten, Devon. Das solltest du mittlerweile wissen. Es kann Leben nehmen, aber auch Leben beschützen. Du hast vielleicht hunderte Leben in Celestia gerettet und du hast zwischen den Trümmern einen Mann, der es für eine gute Idee hielt sein Schicksal herauszufordern, vor einem leichtfertigen und sinnlosen Tod bewahrt. Du hast verhindert, dass noch mehr Unschuldige an einem verseuchten Seeufer zu Tode kommen. Ich weiß, du wirst es nutzen um Tava zu beschützen. Vielleicht auch mich, wenn ich Glück habe", erwiderte er mit einer weichen, warmen Nuance in den Silben. Er schenkte auch der Cervidia über Devons Schulter hinweg ein blasses, müdes Lächeln "Es ist wie Tava gesagt hat. Wir sind ein Team."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Devons Antwort kam genauso unerwartet wie die Entdeckung der Haut. Tava richtete sich kerzengerade auf, als sich bei ihren Worten Unglauben in ihr breitmachte.
      „Lacerta haben keine Schuppen. Das Einzige, was sie wirklich unterscheidet, ist die Körpergröße und Kraft. Und natürlich unsere Augen. Alles andere… ist doch nur Schmuck.“
      Plötzlich bekamen die Schuppen auf seinem Rücken eine ganz andere Bedeutung. Plötzlich wusste Tava, dass die halbe Narbe auf seinem Rücken unter den Schuppen verlief, wenngleich sie sich nicht vorstellen konnte, wie es aussah. Wölbten sich die Schuppen darüber? Ersetzten sie die Haut? Hatten sie das Narbengewebe aufgebrochen, um ihren Platz zu nehmen? Ihr Blick schoss hinab und sie versuchte mit der Kraft ihres Blickes alleine die Geheimnisse zu unterschlüsseln, die dort unter den grünen Plättchen verborgen lag. Ob es wohl wehtat, wenn man sie entfernen würde? Ob sie Haut aufreißen würden?
      „Deine Hand."
      Tava sah auf, unterbrochen in ihren Gedankengängen, und begegnete zuerst Malleus' Blick. Der Mann sah sie an, aber in seinem Blick schwang etwas anderes, nicht die Neugier, die Tava verspürte, nicht das drängende Bedürfnis ihres Wissensdrangs. Woran auch immer Malleus dachte, er hatte noch nicht den Rückschluss gezogen, dass unter den Schuppen noch Haut verborgen war, dass sich diese Schuppen nachträglich gebildet hatten. Oder es interessierte ihn schlichtweg nicht. Dafür bekam Tava das Gefühl, dass er sich mehr für Devon selbst interessierte.
      "Gib sie mir."
      Erst jetzt entdeckte Tava die Hand und übergab Devon ihre eigene. Sie hätte im Moment womöglich alles getan, wenn es nur dazu führte, ihre nagenden Fragen zu beantworten. Ob sie mal versuchen könnte, eine der Schuppen zu entfernen? Ob Devon dann böse sein würde?
      Er führte ihre Hand zu seiner Ohrspitze und legte ihre Finger darum. Ihr Interesse an seinen Schuppen wurde zwar nicht ersetzt, aber es wurde doch eingedämmt von dem deutlichen Gefühl von Knorpeln, die dort nicht hingehören sollten. Soviel wusste Tava, auch ohne von der Anatomie eines Lacertas zu wissen. Es war schlicht zu ungewöhnlich, zu unmöglich, dass es sich so anfühlen sollte, wie es tat.
      „Fühlt sich nicht so an, als wird man damit geboren, was?“, sagte Devon, als hätte er ihre Gedanken erraten. Tava schüttelte nur den Kopf und dachte sofort an die Schuppen zurück. Nein, die Schuppen fühlten sich wohl auch nicht so an, als wäre man damit geboren worden. Jetzt wusste sie es.
      „Unser ganzer Stamm ist eigentlich ein Pack von Gewaltfanatikern. Man schneidet Kindern die Ohren spitz zu, weil es… keine Ahnung warum. Die Zunge? Wird mit fünf Jahren gespalten, weil sich besserer Geschmackssinn erhofft wird. Frag mich nicht, ob da was dran ist. Lacerta können weder lesen noch schreiben. Deswegen greifen wir auf sowas zurück.“
      Noch eine Sache, die sie nicht gewusst hatte. Viele Sachen sogar. Lacerta konnten nicht lesen und schreiben? Devon schon? Und warum sollte man besser schmecken können, wenn die Zunge gespalten war? Ob da was dran lag? Tava dachte an die Drachenzunge zurück, die sie geschlachtet hatte, konnte sich aber an keine sonderliche Veränderung erinnern. Es war einfach nur eine Zunge gewesen, davor wie danach. Hätte sich etwas verändert, hätte sie es in ihren Forschungen entdeckt.
      Den Gedanken behielt sie aber für sich, auch wenn Devon nicht so wirkte, als würde er viel von dieser Tradition halten. Ob das wohl einer der Gründe war, warum er den Stamm verlassen hatte? Ob andere Lacerta auch so dachten - ob er deswegen alleine unterwegs war?
      Tava nahm die Hand wieder weg. Devons Stimme bekam einen dunkleren Unterton, als er wieder weitersprach.
      „Dein Talent, deine Aufgabe im Dorf. Ich war schon immer gut mit dem Schwert und deshalb wurde ich zum Krieger. Das Schwert gab es zur Feier meiner Rolle. Tolles Geschenk, was? Ein Utensil, womit man nur töten kann.“
      Darauf wusste Tava nun keine Antwort. Sie hätte mit einem Schwert nichts anfangen können, aber Devon konnte damit umgehen, sogar gut genug für einen Drachen. Aber von welchem Nutzen war dieses Können, wenn er es selbst nicht zu schätzen wusste? Was hatte er dann davon?
      Wieder dachte sie unweigerlich an die Schuppen zurück. Devon wollte das Schwert nicht, aber die Schuppen wollte er schon. Was wollte er sein?
      "Ein Schwert kann mehr als nur töten, Devon", klinkte sich Malleus in die Lücke ein, ruhig und sanftmütig. Fast so, wie er mit Tava sprach, nur ohne den verlockenden Unterton. "Du hast verhindert, dass noch mehr Unschuldige an einem verseuchten Seeufer zu Tode kommen. Ich weiß, du wirst es nutzen um Tava zu beschützen. Vielleicht auch mich, wenn ich Glück habe."
      Er warf Tava ein Lächeln zu, die ihn daraufhin wieder ansah. Es war ein tröstendes, fast versöhnliches Lächeln. Wie um die vergangenen Stunden wieder auszugleichen.
      "Es ist wie Tava gesagt hat. Wir sind ein Team."
      "Ist es."
      Tava lächelte zurück. Sie hätte Malleus sowieso niemals lange böse sein können.
      "Und wir brauchen ein Schwert wie deines. Wie hätten wir sonst die Drachen erlegen können?"
      Sie sah wieder auf die Schuppen hinab, von einem plötzlichen Gedanken abgelenkt. Ein weiteres Mal beugte sie sich hinunter und kratzte mit dem Fingernagel über die Schuppe, über die gerade noch Blut gelaufen war. Es wurde teilweise von ihrer Haut aufgesogen.
      "Vielleicht brauchen wir auch Schuppen wie deine", murmelte sie leiser für sich selbst und betrachtete die Narbe, die unter den Schuppen verschwunden war. Unvorstellbar, dass sie sich wirklich über die Haut gebildet hatten.
      ... Ob das bei Drachen auch so war?
      "Devon?", fragte sie vorsichtig und setzte sich auf. In ihren Augen glitzerte es von einer Euphorie, die sie sonst nur von schönen, großen Feuern empfand.
      "Bekomme ich eine Schuppe von dir?"
    • „Sicher kann ein Schwert mehr als das. Aber seine Natur bleibt trotzdem ungebrochen“, erwiderte Devon schlicht. Ein Schwert war zum Töten, zum Verletzen da. Was er aber am Ende mit der Waffe wirklich tat und welche Folgen es mit sich zog, war eine andere Geschichte. Dessen war er sich bewusst, trotzdem hätte er wohl nie seine Rolle in Frage gestellt, hätte er sich nicht zu einem Größeren berufen gefühlt. Doch als Malleus von dem Team sprach, hob Devon den Blick und sah Malleus eingehend an.
      Ein Team. So etwas hatte es in seinem Leben noch nie gegeben. Einen Bruder, einen Partner. Aber niemals ein Team.
      „Ist es“, bestätigte Tava indes von hinten und ein warmes Gefühl machte sich in dem Jäger breit. Ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das ihm lange, lange abhanden gekommen war. „Und wir brauchen ein Schwert wie deines. Wie hätten wir sonst die Drachen erlegen können?“
      „Indem ihr deinen Kopf und Malleus' Worte benutzt“, befand Devon, obwohl er selbst nicht genau wusste, wie sie beiden das bewerkstelligen wollten. Vielleicht baute Tava einfach eine lebensgroße Bombe und sprengte den Drachen einfach. Oder löste ihn auf. Das war auch denkbar.
      Dann kratzte die Cervidia unvermittelt über eine seiner Schuppen und Devons versteifte sich kaum merklich. Es sandte ein Vibrieren durch seinen Körper, nicht schmerzhaft, aber durchaus bewusst. Die Schuppen waren ein Teil von ihm, wenn auch weniger empfindsam als die nackte Haut. Bis dahin war Malleus auch die Ornamente an seiner Brust nachgefahren, hielt bei seinem Zucken jedoch inne. Diese kleine Berührung ließ ihn leicht schaudern.
      „Devon?“, fragte Tava vorsichtig und Devon legte den Kopf etwas schräg.
      „Ja?“ Sein Angebot bestand noch. Wenn sie zwischen seine Beine wollte, würden Malleus kein Hindernis sein. Er konnte ihn einfach wegschieben und dann -
      „Bekomme ich eine Schuppe von dir?“
      Nur Malleus sah, wie Devon langsam und mehrfach blinzelte. Wäre er nicht auf Rotstaub, würde er sich vermutlich angegriffen uns ausgeschlachtet fühlen. Jetzt aber dachte er nicht sonderlich lange darüber nach. Eine Schuppe stammte zwar von ihm, aber er brauchte sie nicht. Vielleicht wollte Tava ein Andenken. Etwas von ihm an ihrem Körper tragen, um sich an ihn zu erinnern. Ja... Das war ein schöner Gedanke.
      „Wenn du unbedingt willst.“ Er hob eine Hand und glitt mit einem Finger unter eine seiner grünlichen, jungen Schuppen am Oberarm. Er klappte sie hoch und packte sie mit seinem Daumen, ehe er beherzt an ihr riss. Ein leises Knirschen und Reißen ertönte, dann hatte er die etwa Fingerglied große Schuppe zwischen seinen Fingern und reichte sie blind über seine Schulter nach hinten. Am Ansatz, dort, wo die Schuppe mit seiner Haut verwachsen war, hingen kleine fleischige Fetzen und Blut troff herunter. An seinem Arm setzte eine Blutung ein, wie immer, wenn man einen lebenden Organismus aus einem anderen heraus riss. In feinen Linien bahnte sich das dunkle Blut seinen Weg in den Kratern zwischen den Schuppen bis hinunter zu seinem Ellbogen.
      „Kann Tava ein Feuer machen?“, fragte Devon nach einem weiteren Moment und ließ den Blick dabei auf Malleus ruhen. Seine übliche Beobachtungsgabe war etwas eingeschränkt, trotzdem wirkte der Mann mehr als nur geschafft. „Wenn wir hier schlafen ist mir das zu kalt. Ich steh dann nicht mehr auf.“
    • Malleus behielt den Blick gesenkt, beobachtete seine mit Leder verdeckten Fingerspitzen, die unablässigen über die Narben hinweg wanderten. Die Bewegung hatte beinahe etwas Hypnotisches an sich und er spürte wie die Ruhe des Moments seine Augenlider schwer werden ließ. Nicht mehr lange und keiner von ihnen würde sich noch genug auf den Beinen halten können, um die letzten notwendigen Vorbereitungen für ein Nachtlager zu treffen.
      "Devon?" Etwas an Tavas Tonfall gefiel Malleus nicht. „Bekomme ich eine Schuppe von dir?“
      Mitten in der Bewegung erstarrte Malleus, die Fingerspitzen noch gegen Devons Brust gedrückt, und warf einen warnenden und gleichzeitig entsetzten Blick über die Schulter des Lacerta in Richtung der Cervidia.
      "Tava!", zischte er.
      Die Fassungslosigkeit in seiner Stimme stach für seinen Geschmack ein wenig zu sehr hervor, aber sie hatte ihn mit der Frage ehrlich überrascht und...schockiert. Er biss sich auf die Zunge um nicht erneut Öl ins Feuer zu gießen. Hatte Tava ihn nicht noch wenige Stunden zuvor wie einen ungezogenen Schuljungen belehrt und ihm vorgeworfen Devons Zustand schamlos auszunutzen? Die Falten zwischen seinen Augen gruben sich noch tiefer in sein Gesicht, als ihm genau diese Worte auf der Zungenspitze brannten und es immer schwerer wurde, sie zurückzuhalten. Niemand würde übersehen können, dass er Tava am liebsten geschüttelt hätte. Im Stillen hielt nur die Gewissheit, dass Devon niemals diesem Vorschlag zustimmen würde...
      „Wenn du unbedingt willst.“
      Malleus' Gesichtszüge entgleisten auf eine Art, die er sich bei Tageslicht wohl nie erlaubt hätte. Bevor er einschreiten konnte, hatte Devon sich bereits mit einem Ruck eine der grünen Schuppen aus seinem Oberarm gezogen. Sofort floss neues Blut seinem Arm hinab und Malleus hatte kaum einen Gedanken an seine Handlung verschwendet, da hatte er bereits den Ellbogen des betroffenen Armes gepackt und ein wenig zu sich gezogen. Warmes Blut lief über seinen Handrücken, über den Saum seiner Handschuhe hinweg und seinen eigenen Unterarm hinab in den Ärmel seines Hemdes hinein. Mangels einer Alternative drückte Malleus den Ärmel seines Hemdes gegen die offene Wunde.
      "Bist du verrückt geworden?"
      Die Worte galten sowohl Devon als auch Tava.
      Da machte er dieses Mal keinen Unterschied. Nur der scharfe, anklagende Blick war für Tava ganz allein bestimmt.
      "Und, nein. Wir können kein Feuer machen. Es sei denn ihr möchtet ein Signalfeuer für alle Soldaten und Ritter im Umkreis von Touvanen entzünden", antwortete Malleus, ruppiger als Devon es verdiente und zu Tavas Enttäuschung, als er einen weiteren - Malleus seufzte tief - Verband um Devons Arm wickelte und die Blutung durch die ausgerissene Schuppe sich kaum tilgen ließ.
      "Ihr werden...wohl enger zusammenrücken müssen", sprach er weiter und zog den Knoten fest.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • "Wenn du unbedingt willst."
      Das waren vermutlich die aufregendsten Worte, die Tava jemals in ihrem Leben gehört hatte, ganz abgesehen von "du kannst zündeln so viel du willst". Sie würde wirklich eine Schuppe von Devon bekommen - wirklich! Dabei hätte sie niemals gedacht, dass es so einfach gehen könnte.
      "Tava!", zischte Malleus auf eine Art, die sofort Tavas Aufmerksamkeit beanspruchte. Sie sah auf und in dem Blick aus Unglauben, den Malleus ihr zuwarf, konnte sie auch Zorn herauslesen, die Art, die ihr ein mulmiges Gefühl bereitete und sie dazu drängte, ihre Hörner zu bewegen. Aber anstatt es zu tun, wurde sie sich mit einem Schlag gewahr, warum es so einfach ging, diese Schuppe zu bekommen.
      Devon war ja unter Rotstaub. Er hätte vermutlich nichts dagegen gehabt, wenn sie gefragt hätte, einen Abstrich von seinen Augen zu machen. Natürlich stimmte er zu, ihr eine Schuppe zu geben.
      Aber die erwartete Reue, die Tava bei diesem Gedanken empfinden sollte, blieb irgendwie aus. Stattdessen war sie völlig fasziniert davon, als Devon ohne jegliche Umschweife seinen Arm ergriff und einen Finger unter eine seiner Schuppen schob. Er griff zu und mit einem kräftigen Ruck, mit dem man ein Haar ausreißen konnte, riss er sich die Schuppe von der Haut. Tava starrte mit unverholener Faszination auf das freigelegte Stück Haut, das jetzt leicht zu bluten begann. Ein Riss hatte sich dort aufgetan, wo die Schuppe einen Moment zuvor noch verbunden gewesen war. Ansonsten war die Haut gänzlich unversehrt.
      Tava konnte sich kaum rühren, als Devon ihr die Schuppe überreichte. Mit spitzen Fingern nahm sie sie entgegen, voller Ehrfurcht, um sie mit genauso viel Vorsicht und Rücksicht in eine ihrer leeren Phiolen fallen ließ. Ihr Bauch kribbelte vor Aufregung und sie spürte den ihr bekannten Forschungsdrang in ihr aufsteigen. Am liebsten hätte sie jetzt sofort damit angefangen, die Schuppe auseinander zu nehmen.
      Aber Malleus hielt sie hauptsächlich an Ort und Stelle. Er und das Blut, das jetzt Devon über den Arm rann.
      "Bist du verrückt geworden?"
      Ohne nachzudenken ließ Tava wieder die Hörner in seine Richtung nach vorne fallen. Doch zu ihrem Glück verzieh Devon mehr als Malleus und kümmerte sich schon gar nicht mehr um die verlorene Schuppe.
      „Kann Tava ein Feuer machen?“
      Tava machte sich in seinem Rücken ein bisschen klein, damit sie Malleus' Blick entging. Mit glitzernden Augen betrachtete sie die Phiole mit der Schuppe.
      "Nein", gab Malleus gleich zurück. Vorne raschelte es, als Malleus sich wahrscheinlich darum machte, die neue Wunde zu verbinden. Noch ein Verband, den sie um Devons Körper schlingen würden - aber für einen guten Zweck. Einen sehr guten Zweck.
      "Wir können kein Feuer machen. Es sei denn ihr möchtet ein Signalfeuer für alle Soldaten und Ritter im Umkreis von Touvanen entzünden. Ihr werdet...wohl enger zusammenrücken müssen."
      Das war auch für Tava eine traurige Nachricht, aber sie konnte sich mit der Schuppe genug ablenken, um sich nicht zu beschweren. Wenn sie einen ruhigen Moment hatte - und vielleicht auch eine richtige Ausrüstung - würde sie sich daran machen, sie zu untersuchen. Dafür würde sie sich extra Zeit nehmen, diese Schuppe bedurfte Meisterarbeit.
      "Es geht auch ohne Feuer", versuchte sie Devon zuzureden und Malleus gleichzeitig von der Schuppe abzulenken. Sie sah ihn nicht an, als sie hinter Devon hervorkam und seine Verbände fixierte.
      "Es wird schon nicht so kalt werden. Zieh dir was an. Hier."
      Sie reichte ihm das Oberteil, das sie ihm ausgezogen hatte, und dazu noch seinen Mantel. Dann drehte sie sich etwas zögernd zu Malleus um, vorsichtig bedacht, seinen Zorn zu umschiffen. Sie versuchte, zu ihrem vorherigen Selbstvertrauen zurückzufinden, aber ihre Konzentration war stark gestört durch die Schuppe, Malleus' Irritation und ihre eigene Erschöpfung. Sie war so müde, dass sie vermutlich auch ohne Feuer direkt hätte einschlafen können.
      "Lass dich auch anschauen. Ich berühre dich nicht", setzte sie schnell hinzu, um ihm vorweg zu kommen, "aber lass mich sehen, ob du dir was getan hast. Du bist durch Feuer gelaufen, Malleus. Zieh wenigstens dein Hemd aus."
      Malleus kam ihrer Aufforderung schließlich nach, vielleicht auch nur, weil er selbst müde genug war, um keinen weiteren Widerstand zu liefern. Devons Zustand hatte ihnen beiden zugesetzt und sie waren auch noch lange nicht aus der Gefahrenzone heraus. Morgen würden sie sehr lange und sehr weit reisen müssen und dafür mussten sie alle ausgeruht sein.
      Tava kümmerte sich auch um ihn, mit spitzen Fingern, die sie behutsam davon abhielt, seine Haut zu streifen. Dabei verband sie, was verbunden werden musste, und flößte Malleus zum Schluss einen Schluck von ihrem Schmerzmittel ein. Seine Augen wurden sofort ein Stück kleiner, als es zu wirken begann, und sie konnte förmlich beobachten, wie das Mittel seine Muskeln beruhigte und die Erschöpfung zu Tage förderte. Dafür blieb es an Tava hängen, ihnen noch eine geeignete Schlafstätte aufzubauen.
      Sie bemühte sich nicht sehr viel um ihr Lager, stattdessen warf sie einfach nur Kleider auf den Boden, um Devon eine weiche Unterlage zu geben und Malleus etwas, womit er sich zudecken konnte. Ohne Feuer war es wirklich kalt, wie Tava bemerkte, kaum hatte sie sich selbst in eine zusätzliche Kleiderschicht gehüllt. Aus den Lücken in den Wänden kam ein leichter Wind, der ständig abflaute und dann wieder zunahm, um einen frösteln zu lassen. Die Nacht war kalt und ohne das viele Adrenalin, das sie hergebracht hatte, wurde es tatsächlich kalt. Die Kälte kroch einem unter die Haut, um sich dort in unangenehmer Weise niederzulassen.
      Malleus hatte sich bereits in Devons Nähe gesetzt, um auf ihn aufzupassen, während Tava am Vorbereiten war. Allerdings war dem Lacerta noch immer sichtbar kalt und so setzte sie sich zu ihm, bevor sie Arme und Beine ausbreitete.
      "Komm her. Kuscheln. Wie im Bett, erinnerst du dich?"
      Devon kam und es benötigte doch ein paar Anweisungen, bis er sich so ausgelegt hatte, wie Tava es haben wollte und nicht der Lacerta. Wenn sie schon kuschelten, dann ja wohl auch richtig. Tava hielt nichts davon, stumpf Arme und Beine übereinander zu legen, stattdessen rollte sie sich wieder zusammen und wickelte sich unweigerlich um den Oberkörper des Lacertas. Sie drückte Devons Kopf gegen ihren Bauch, wo es warm war und die Hörner aus dem Weg wären, hätte er denn welche gehabt. Trotz ihrer gemeinsamen Verbundenheit durchschoss Tava ein leichter Stich der Enttäuschung, als sie über seinen hornlosen Kopf strich. Devon schien dafür ganz zufrieden, sie fest an sich zu drücken, um jedes bisschen ihrer Wärme aufzusaugen. Tava versuchte ihm so viel zu geben, wie sie nur konnte.
      "Schlaf."
      Das sagte sie zu Malleus, der sich in ihrer Nähe niedergelassen hatte, so alarmbereit wie immer. Aber sie hatte seine Erschöpfung gesehen und seine Wunden und Tava wusste, dass er den Schlaf mehr brauchte als sie. Tava würde es gutgehen. Tava schaffte es immer, dass es ihr irgendwie gut ging.
      "Ich pass schon auf. Ich wecke euch, wenn jemand kommt."
      Malleus schien nicht zufrieden, so, wie sie dort selbst auf dem Boden lag und mit Devon kuschelte, aber er war zu müde, um ihr noch weiter zu widersprechen. Stattdessen legte er sich hin und einige Minuten später erfüllten die sanften Atemzüge der beiden Männer die Luft.
      Tava blieb bei Devon und starrte in den dunklen Wald vor sich. Dabei strich sie ihm manchmal über den Kopf und manchmal auch über den Rücken, wo sie seine Schuppen unter den Kleidern spüren konnte. Er hatte ihr eine Schuppe gegeben und das würde sie zu schätzen wissen. Das mindeste, was sie als Gegenleistung tun konnte, war auf sie aufzupassen und ihn warmzuhalten.
      Die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen, da war Tava aber schon selbst eingeschlafen, überwältigt von ihrer eigenen Erschöpfung und dem beruhigenden Gefühl eines warmen Körpers an ihrem.
    • Devon gab ein nasales Geräusch von sich, als Malleus ihm eine neue Bandage um den Arm wickelte. Er hatte den Schmerz beim herausziehen natürlich bemerkt, aber er flachte schnell ab dank der Kälte, die sich langsam aber sicher in seinen Körper kroch. Der Boden schickte die Kälte von unten herauf, während der Wind sein übliches tat. Verrückt war ein dehnbarer Begriff. Einer, der natürlich nicht auf den Jäger zutraf. Dessen war sich Devon vollkommen bewusst.
      Dennoch schnitt er eine enttäuschte Grimasse, kaum verbot Malleus ihnen das Feuer. Da würde Tava sicherlich auch drüber toben. Sie und kein Feuer machen? Das glich einem Unding. Menschen konnten doch nicht so weit sehen. Sie würden das Feuer niemals bemerken. Also warum kein Feuer machen? Es war schließlich kalt. Sehr kalt.
      Doch Tava brauste nicht auf und Devon fuhr fast schon schockiert zu ihr herum. „Es geht auch ohne Feuer“, sagte sie einfach und Devon starrte sie fassungslos an. Er hatte gerade einer falschen Tava eine seiner Schuppen gegeben! Wieso hatte Malleus denn noch nicht bemerkt, dass sie nicht ihre Tava war?!
      Paranoid rutschte Devon von Tava weg, geradewegs ins Malleus' Arme, der sich steif in Sicherheit brachte. Doch da kam diese Doppelgängerin schon wieder auf ihn zu, nun mit seinen Klamotten in den Armen. „Es wird schon nicht so kalt. Zieh dir was an. Hier.“
      Der Lacerta beäugte misstrauisch seine eigene Kleidung ehe er sie zögerlich annahm und sich fast so steif wie Malleus hinein zwängte. Das gestaltete sich schwierige rals gedacht. Er brauchte Minuten bis er die Öffnung der zerpflückten Tunika gefunden hatte. Und dann noch mal, um seine Arme richtig in den Mantel zu schieben. In der Zwischenzeit hatte Tava Malleus bereits begutachtet und entsprechend behandelt.
      Sehr zufrieden zog Devon seine Tasche zu sich heran, langsam kehrte das Zittern in seine Glieder zurück. Das bemerkte die Doppelgängerin, die sich plötzlich zu ihm setzte und ihre Arme und Beine für ihn ausstreckte. „Komm her. Kuscheln. Wie im Bett, erinnerst du dich?“
      Devon blinzelte. Wie im Bett? Ach, das Bett... Oder doch ein anderes Bett? Das in Oratis? Wollte sie hier etwa... Okay, nein, dann war das keine Doppelgängerin mehr. Er war offensichtlich hin und her gerissen, kam schließlich doch zu ihr herüber gekraxelt. Nach ein wenig umorientieren hatte Devon eine mehr oder weniger angenehme Liegeposition gefunden mit Tava um seinen Oberkörper gewickelt. Die Wärme begrüßte ihn und lullte ihn ein, nahm ihm das Misstrauen, welches er dieser Doppelgängerin gegenüber entwickelt hatte. Wer so warm war, konnte nichts böses im Schlide habe. Diese Wärme lenkte ihn von der schneidenden Kälte ab, die sich an seinen Füßen labte und bis zu seinen Beinen hinauf kroch. Er gab ein zufriedenes Geräusch von sich und suchte mit seinen Händen nach Teilen ihres Körpers, um sich noch mehr zu erden.
      Ja, das war gut so. Nicht perfekt, aber ganz gut. Dafür musste Tava nicht einmal nackt sein, befand Devon bevor er in einen traumlosen Schlaf überging, begünstigt durch den Rotstaub in seinem Kreislauf.

      Die Sonne stand schon hoch am Himmel als Devon seine verklebten Augen öffnete. Er fühlte sich schrecklich; sein Rücken stach, seine Glieder waren steif und eiskalt. Sein Kopf dröhnte und sein Hals war trocken, die Nase gereizt. Es fühlte sich ein wenig so an wie nach zu viel Alkohol und doch noch zehnmal schlimmer.
      Er stöhnte leise, während er sich unheimlich langsam und stockend aufsetzte. Mit seinen Händen wischte er sich über sein Gesicht und rieb sich die Augen, damit er endlich etwas besser sehen konnte. Das Licht brach durch die Ruine nicht weit genug herein, aber das offene Dach gab Einblick darüber, wie hoch die Sonne breits am Himmel stand. Die Kälte der Nacht hatte sich verzogen, ebenso wie der Rotstaub aus seinem System.
      Devons Herz fing an zu rasen, als all die Erinnerungen in Lichtgeschwindigkeit vor seinem geistigen Auge abliefen. Wie er sich verhalten hatte. Was für einen Schwachsinn er gefaselt hatte. Wie er Tava einfach angegraben hatte, wie er... Malleus... auf seinen Schoß im Stall... und Tavas Hörner... wie Malleus den Namen seines Bruder ausgesprochen hatte... die... Schuppe...
      Devon fluchte leise und weckte dadurch auch Tava, die hinter ihm noch immer eingerollt gelegen hatte. Schwankend und umständlich kam Devon auf die Beine, die ihm nicht gänzlich gehorchen wollten. Seine nun wieder schmalen Pupillen durchsuchten den Ort nach Malleus, der in geringer Entfernung auch auf dem Boden lag und schlief.
      „Gottverdammte...“, fluchte er erneut und starkste heraus aus der Ruine, was ihn fürchterlich viel Zeit kostete. Er biss die Zähne zusammen, wohl wissend, dass der Rotstaub alles andere als gut für seinen Organismus gewesen war. Und noch schlimmer: es hatte ihm nicht die Erinnerungen an den Vorabend nehmen können.
      Der Jäger schleppte sich vor die Ruine, direkt in die Sonne hinein. Sie brannte auf seinen Kleidern und seiner freien Haut, eine sehr willkommene Empfindung. An der verfallenen Wand direkt neben dem Loch sank er wieder auf den Boden zurück und lehnte sich vorsichtig mit dem Rücken an. Er verzog kurz das Gesicht, ob es am Schmerzstich lag oder den Erinnerungen konnte man nicht sagen.
      Also fuhr sich Devon mit beiden Händen durch das Gesicht. Das war das erste und letzte Mal, dass er Rotstaub nehmen würde.
    • Tava schlief in dieser Nacht so tief, dass sie weder den Sonnenaufgang mitbekam, noch wie die Sonne über den Himmel wanderte, bis sie im Zenit stand. Tief und fest schlief sie, durch jeden Wind und jedes Geräusch hindurch, bis Devon sie schließlich weckte. Devon bewegte sich, löste sich von ihr und als er einen Fluch ausstieß, der mehr an das Zischen einer Schlange erinnerte, kam Tava zu sich. Sie blinzelte die Müdigkeit weg, die ihre Muskeln noch schwer und träge hielt.
      Vor ihr kam der Lacerta auf die Beine, eine große Gestalt in der hellen Sonne. Sein Schatten wanderte über den Boden und vertrieb die Hitze für einen Moment, die sich auf Tava festgesetzt hatte. Langsam entrollte sie sich, ließ ihre Glieder knacken und streckte sich. Von dem harten Boden tat ihr Körper weh und trotzdem war sie noch müde genug, dass sie direkt hätte weiterschlafen können. Sie gähnte herzhaft.
      „Gottverdammte...“
      Devon stand immernoch vor ihr, aber als er unwirsch über Malleus hinweg stakste und in Richtung Bäume marschierte, dämmerte es Tava erst, dass dort etwas nicht stimmte - oder eher, dass dort etwas wieder stimmte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, dass der Fluch typisch Devon gewesen war. Irgendwie dachte sie, dass er nicht mehr wie gestern drauf war.
      Vorsichtig setzte sie sich auf, da war Devon schon hinter der Mauer verschwunden. Sorge keimte in ihr auf, dass er sich ein Pferd schnappen und verschwinden könnte, immerhin hatte er jetzt seine... seine Haut wieder und könnte sich dazu entschieden haben, Malleus doch wieder den Rücken zu kehren. Tava konnte das nicht zulassen. Sie waren für ihn in eine Festung eingebrochen, sie hatten ihn befreit und ihm seine Sachen wieder besorgt. Devon konnte nicht einfach so gehen.
      Beunruhigt stand sie auf und ging Devon nach. Malleus war bereits wach, sah sie an und Tava warf ihm einen ratlosen Blick zu. Er erwiderte ihn, ohne selbst aufzustehen.
      Devon hatte sich kein Pferd genommen und war sogar weit davon entfernt, einfach abzuhauen. Tava fand ihn an der Mauer lehnend in einem Fleck von Sonne, die seine gesamte Gestalt erhellte. So wie es auf den ersten Blick aussah, sonnte er sich nur.
      Auf den zweiten Blick sah sie erst, wie verspannt seine Miene war und mit welcher Eindrücklichkeit er den Blick hob, als sie neben ihn trat. Seine Augen waren definitiv wieder normal und mit einem Mal war Tava verunsichert. Gestern hatte sie noch alles geplant und durchgezogen, aber da war es auch aus der Notwendigkeit erstanden. Vielleicht war Devon ja nicht so zufrieden damit, wie sie ausgegangen war.
      "Hey... äh... wie geht's dir?"
      Sie sah einmal an seinem Körper hinab, immernoch eingewickelt in den Mantel. Die Blutspuren seiner Tunika waren noch deutlich darunter zu sehen und Tava dachte verdrießlich, dass er irgendwo neue Kleidung benötigte. Wo bekamen sie denn Kleider für so einen großen Lacerta her?
      "Wie geht's deinem..."
      Sie zeigte erst auf ihren Kopf, dann wich sie ein bisschen ab und zeigte stattdessen auf ihren Torso und irgendwie vage auf alles.
      "Wie geht's halt - dir? Wie fühlst du dich?"
    • Devons Blick hob sich, kaum erschien Tava an seiner Seite. Sie sah weniger mitgenommen von der Nacht aus als er, aber wirklich frisch sah sie auch nicht nicht. Außerdem roch sie nicht sonderlich frisch. Eher nach abgeklungenem Stress und Schweiß.
      „Hey... äh... wie geht’s dir?“, fragte sie scheinbar peinlich berührt.
      „Wie es mir geht?“, wiederholte er leicht ungläubig mit rauer Kehle. „Es war scheißkalt, ich hatte Drogen intus und...“ Er hob den Blick noch weiter, seine Miene verfinsterte sich. „Du hast eine verdammte Schuppe von mir.“
      Zum Glück war Tava nicht Malleus. Denn was er Malleus zu sagen hätte, wäre eine ganz andere Nummer gewesen. Er fühlte sich wie gerädert und die Erinnerungen an die Eindrücke der letzten Nacht wogen schwer. Und erst recht sein loses Mundwerk...
      „Wie geht’s deinem...“ Tava gestikulierte herum und Devon schüttelte leicht verwirrt den Kopf. „Wie geht’s halt – dir? Wie fühlst du dich?“
      „Fertig mit allem.“ Eine kurze Antwort, so, wie sie es von ihm gewohnt waren. Er senkte seinen Blick wieder und schaute nach Westen in die Richtung, aus der sie gekommen waren. So weit waren sie vermutlich gar nicht gekommen. Jedenfalls bildete er sich ein, noch Rauchschwaden aus Touvanen am Horizont ausmachen zu können.
      „Mach das nie wieder, okay? Das mit dem Rotstaub.“ Devons Stimme war nicht warnend, sondern einfach geschafft und bar jeglicher Rückhaltung. „Die Eindrücke waren zu extrem. Es ist, als höre und schmecke ich alles doppelt so intensiv.“
      Dass er dabei ein loses Mundwerk entwickelt und keinen Hehl aus gewissen Bedürfnissen gemacht hatte, verschwieg er natürlich. Trotzdem legte er sich eine Hand vor die untere Gesichtshälfte und blickte weiterhin stur in die Ferne. Was er zu Tava gesagt hatte... das mit ihrem Hintern trieb ihm ein gewisses Schamgefühl hoch. Es war ja nicht einmal gelogen gewesen. Nur hätte er es nie so plump gesagt. Niemand mochte plumpe Leute.
      „Immerhin hat dein Plan geklappt. Das war doch die halbe Miete. Und wir haben noch alles beisammen. Aber...“ Er rieb sich peinlich berührt über das Kinn. „Vergiss einfach, was ich unter Drogeneinfluss gesagt habe, okay? Ich danke euch trotzdem für eure Hilfe und euren Einsatz. Ihr hättet das nicht tun müssen.“
      Niemand hätte sein eigenes Leben für einen anderen riskieren müssen. Dass Tava und Malleus es getan hatten, zeugte davon, wie viel Devon ihnen wohl bedeutete. Jetzt und zu diesem Zeitpunkt hatte der Lacerta schlichtweg nicht mehr die Kraft dazu, allem mit Misstrauen zu begegnen. Wie viele Beweise hätte er denn noch gewollt? Die Beiden waren losgezogen, um die Haut seines toten Freundes zu beschaffen, nachdem der Jäger die Beiden verlassen hatte. Ohne ein Wort waren sie ihm gefolgt und hatten ihn gerettet. Das konnte nicht nur reiner Eigennutz sein, das wusste er. Umso mehr schmerzte es ihn zu wissen, dass er Beide ein weiteres Mal zurücklassen musste. Vielleicht sogar auf ewig. Denn dort, wohin diese Haut gehörte, würde er weder Tava noch Malleus mitnehmen können. Nach Tel'Aquera würde nur Deovn reisen und selbst seine Rückkehr in sein Heimatdorf war mit einem ungewissen Ausgang versehen.
    • „Wie es mir geht?“
      Tava hatte ein bisschen Angst vor dem rauen Tonfall. Sie wollte sich nicht mit ihm streiten, nicht so früh am Morgen - so früh am Mittag. Ihre erste ernsthafte Unterhaltung mit Devon nach seinem Abgang sollte kein Streit werden.
      „Es war scheißkalt, ich hatte Drogen intus und... Du hast eine verdammte Schuppe von mir.“
      Tava zuckte ein bisschen zusammen. Ihr erster Drang war es, die Hörner nach vorne zu nehmen, aber das wäre falsch gewesen. Devon hatte sie ihr gegeben - aber Tava hatte sie ihm auch entlockt. Er hatte sie wesentlich leichtfertiger von sich gegeben, als sie gedacht hatte, und das auch nur wegen Rotstaub. Wenn es so war, hatte sie ihn womöglich ein wenig ausgenutzt.
      "Ja. Ähm. Danke dafür. Für die Schuppe. Wirklich."
      „Mach das nie wieder, okay?"
      Ihre Augen wurden ein bisschen größer. Noch eine Schuppe zu verlangen? Sie fühlte sich jetzt schon für die erste schlecht, dabei hatte sie noch gar keine Gelegenheit gehabt, sie irgendeiner Untersuchung zu unterziehen.
      "Das mit dem Rotstaub", setzte Devon hinzu, als hätte er ihre Gedanken gelesen. Erleichtert nickte sie.
      "War ja nur ein Notfall. Und es hat immerhin geklappt. So schlimm war es doch nicht, oder?"
      „Die Eindrücke waren zu extrem. Es ist, als höre und schmecke ich alles doppelt so intensiv.“
      "Richtig..."
      Das war definitiv nicht, wie Rotstaub sonst wirkte, aber Tava hatte bereits begriffen, dass die Droge bei Lacertas andere Reaktionen auslöste, als Devon bereits den ersten unflätigen Satz gesagt hatte. Dass jetzt auch noch die Sinneseindrücke hinzu kamen, kam zwar ein wenig unerwartet, war aber nicht weiter überraschend. Er hatte sich schließlich sehr ausführlich über Schatten ausgelassen, die sie verfolgen sollten. Und er hatte die verdammten Haare der Pferdemähne gezählt.
      "Nie wieder", wiederholte sie noch einmal und lächelte dabei ein wenig. Devon erwiderte das Lächeln zwar nicht, aber sein Blick schien sich zumindest etwas aufzuweichen.
      „Immerhin hat dein Plan geklappt. Das war doch die halbe Miete. Und wir haben noch alles beisammen. Aber...“
      Er fuhr sich über das Kinn, was irgendwie merkwürdig aussah. Tava hatte ihn das noch nie tun gesehen und dabei hatte sie ihn schon in sehr vielen Situationen beobachtet. Es wirkte so... unbeholfen bei dem großen Mann.
      „Vergiss einfach, was ich unter Drogeneinfluss gesagt habe, okay?"
      Ohhh. Ein wissendes Grinsen schlich über ihr Gesicht, als sie nur daran dachte, was er gesagt hatte. Jetzt im nachhinein konnte man darüber lachen, jetzt wo immerhin die Gefahr vorbei war. Nun, vielleicht nicht vorbei, aber fast vorbei, sobald sie eine ordentliche Entfernung zwischen sich und Touvanen bringen konnten. Waren Devon diese Sachen denn etwa peinlich?
      "Sicher."
      "Ich danke euch trotzdem für eure Hilfe und euren Einsatz. Ihr hättet das nicht tun müssen.“
      "Hätten wir nicht", stimmte Tava zu und zuckte dann knapp mit den Schultern. "Aber ich schätze, wir hätten auch niemals einen Drachen gemeinsam jagen müssen. Oder zusammen reisen müssen. Aber das wollten wir. Und..."
      Sie scharrte mit einem Fuß ein bisschen auf der Erde.
      "Wir haben dich vermisst. Ich habe dich vermisst."
      Nervosität stieg in ihr auf, dann gab Tava sich einen Ruck, der schon etwas unangenehm war. Dabei hatte sie mit Devon bereits die Nacht verbracht, hatte mit ihm gekuschelt und ja schon viel mehr mit ihm getan. Was war schon dabei? Dennoch waren ihre Bewegungen etwas fahrig, als sie über Devon stieg, sich kurzerhand auf ihn setzte und ihn für eine Umarmung an sich zog. Dabei drehte sie die Hörner auf die Seite, schlang die Arme um Devons Nacken und schob ihr Gesicht in seine Halsbeuge.
      "Ich bin froh, dass du wieder da bist."
      Genauso schnell wie sie sich überwunden hatte, wurde Tava sich jetzt seiner Wunden bewusst, die sie schon vermehrt versorgt und betrachtet hatte. Schnell löste sie sich wieder und strich ihm stattdessen über den hornlosen Kopf, so wie sie es in der Nacht bereits so oft getan hatte.
      "Ich bin wirklich froh. Du hättest mir gefehlt, Devon."

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    • Malleus träumte.
      Gesichtslose Schattengestalten mit langen, knochigen Fingern seine Arme und zerrten an seinen Füßen. Die Berührungen waren schneidend kalt und brannten sich auf befremdliche Art durch seine Haut. Wie Säure ätzte sich die Schwärze bis in die Knochen und verfärbte seine Haut schwarz. Es roch nach Asche und verbrannter Haut. Das Echo hunderter verschiedener Stimmen hallte durch seine Erinnerungen. Ein heilloses Durcheinander, das er nicht entwirren konnte und ihn langsam in den Wahnsinn trieb. Die Stimmen weinten, schreiten, flehten, wimmerten und schluchzten. Malleus verlor das Gefühl über seinen Körper. Irgendwann konnte er nicht mehr unterscheiden, wo sein Körper aufhörte und die Schattengestalten anfingen. Die klauenartigen Händen hatten sich geradewegs in seine Haut hineingebrannt.
      Der beginnende Morgen riss Malleus aus seinen Träumen und fort von den Horrorgestalten mit den verzerrten Fratzen, deren hohles Gelächter ihn noch verfolgte als er bereits in die Morgensonne blinzelte. Es dauerte einen Augenblick bis er wieder die Kontrolle über seine Gliedmaßen zurückbekam. Steif durch die Nacht auf dem harten, kahlen und vor allem ausgekühlten Boden aber auch von dem eisigen Klammergriff des Albtraumes, konnte sich Malleus kaum bewegen. Sein ganzer Körper war selbst im wachen Zustand wie gelähmt. Selbst seine Stimme ließ ihn im Stich, als er die Lippen zu einem Ächzen öffnete. Kein Ton verließ seine Lippen.
      Vielleicht lag es an der Erschöpfung oder an dem heftigen Schlag gegen den Kopf. Vielleicht lag es auch an dem Schmerzmittel, das Tava ihm eingeflößt und Malleus nur sehr widerstrebend angenommen hatte. Wer wusste schon, was die Cervidia ihm untergejubelt hatte, obwohl sie sicherlich nur Bestes dabei im Sinn hatte. Malleus unterstellte ihr keine Böswilligkeit, aber dieser Funken seines Misstrauens ließ sich nur schwer ersticken. Tava konnte nicht wissen, dass er es vermied leichtfertig irgendwelche Tränke oder Gebräue zutrinken.
      Schwerfällige Schritte, die eindeutig aus dem Takt geraten waren, stolperten an ihm und über ihm vorbei. Sein Blick gewann gerade rechtzeitig seinen Fokus zurück, als Devon die Flucht ergriff. Anders konnte Malleus den Abgang des Lacerta nicht beschreiben. Die Erinnerungen mussten seinen nüchternen Verstand mit einem Schlag eingeholt haben. Als Malleus sich aufsetzte, kehrte das rhythmische Pochen in seinem Schädel zurück. Er musste sich eingestehen, dass Tavas kleines Mittelchen vielleicht doch gar nicht so schlecht gewesen war. Zumindest hatte es ihm einen halbwegs ordentlichen Schlaf beschert...bis auf die üblichen Albträume. Besagte Cervidia schenkte ihm zur Begrüßung einen kurzen Blick und folgte dann Devon. Sie hatte Devon so gut es eben ging die ganze Nacht über gewärmt. Übel nehmen konnte er Tava ihre Priorität nicht. Devon war im Moment ihr Sorgenkind.
      Malleus kam schon zurecht.
      Wie immer. Irgendwie
      ...und er hatte sich einfach nicht überwinden können die Nähe der beiden Anderen zu suchen.
      Seufzen bettete er die Hände in seinem Schoß, hob das Kinn leicht an um die kühle Morgenluft einzuatmen. Das Brennen und der dumpfe Druck in seinen Lungen hatte etwas nachgelassen und als er vorsichtig die Wunde an seinem Kopf betastete, fühlte sich die Partie seines Gesichtes weniger geschwollen an. Selbst durch die dünnen Lederhandschuhe meinte Malleus spüren zu können, dass die Haut weniger glühte als noch in der Nacht zuvor. Trotzdem war er sich sicher, dass sich eine beindruckende Palette dunkler Schatten selbst auf seiner Haut abzeichnete - Dank eines schweren, bepanzerten Handschuhes und eines sehr präzisen Schlages. Tava hatte ganze Arbeit geleistet. Und die Kopfwunde war neben den Prellungen und Schürfungen, die er davon getragen hatte, die schlimmste Blessur.
      Die Stimmen drangen wie ein Flüstern durch die brüchige und mit Lücken übersäte Fassade der alten Mühle. Da niemand die Stimme erhob, ließ er Tava und Devon einen Moment. Er ließ ihnen genau so lange Zeit, bis sich der drängende Gedanke, dass sie nicht hier bleiben konnten, nicht mehr ignorieren ließ. Mit knirschenden Knochen und protestierenden Muskeln stemmte sich Malleus auf die Beine. Es dauerte ein paar Schritte bis er sein Gleichgewicht gefunden hatte und endlich den zerfallenen Türbogen erreichte, der einst in den Hinterhof der Mühle geführt haben musste. Malleus lehnte sich mit der Schulter gegen den bröckeligen Stein, kreuzte die Knöchel dabei übereinander und wagte die leise Hoffnung, dass er dabei nicht so wackelig auf den Beinen aussah wie er sich fühlte. Selbst für seine Verhältnisse wirkte der Kultist fast ein wenig...blass um die Nase. Obwohl er wohl mehr Stunden geschlafen hatte, als in den vergangenen Nächten zusammen, zeichneten sich tiefe Schatten unter seinen Augen ab. Schweigend verschränkte er die Arme vor der Brust und sah aus dem Schatten der Ruine zu Tava und Devon herüber.
      Sie saßen im Licht der Morgensonne, eng umschlungen und Tava im Schoß des Lacerta. Er konnte sehen, wie sie ihm dabei über den Kopf streichelte, als wollte sie ihn beruhigen oder trösten. Die Geste war schwierig zu deuten, weil er Devons Gesicht nicht sehen konnte. Es verschwand hinter einem dichten Haarschopf und aufragender Hörner, während Tava sich an seiner Halsbeuge verbarg. Ein befremdliches Flattern durchzog seiner Brust und Malleus spannte die Muskeln an, weil er einen Schwindel erwartete, der nicht kam. Stattdessen erschien ein sanftes, warmes Lächeln auf seinem Gesicht, dass für ihn ebenso befremdlich war wie der unstete Herzschlag unter seinem Schlüsselbein. Eine ganze Weile nahm er das Bild einfach in sich auf, fixierte es in seinem Gedächtnis.
      Seine Stimme war noch etwas angeschlagen, als er die Stille endlich brach. Etwas zu kratzig. Etwas zu rau, aber gefüllt mit einer echten Wärme, von der er nicht wusste, dass er sie überhaupt besaß.
      "Seid ihr beiden in Ordnung?", raunte er laut genug um auch auf die Distanz gehört zu werden. "Wir sollten bald aufbrechen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Von Tava zu hören, dass all das, was sie gemeinsam bisher unternommen hatten, alles andere als notwendig gewesen war ließ Devon gedehnt ausatmen. Er selbst hatte es die meiste Zeit auch so wahrgenommen, dass sie mehr Zweckgemeinschaft als alles andere gewesen waren. Der Augenblick, in dem sich genau dieses Verhältnis gewandelt hatte, war ihm gar nicht aufgefallen. Deshalb knetete er nachdenklich seine einzelnen Fingerglieder in seinem Schoß. Ganz sicher hatte er nicht wirklich dazu beigetragen, ihr Verhältnis zu ändern. Er war derjenige gewesen, der schroff geantwortet hatte. Der sich wegen seiner Herkunft und Andersartigkeit distanziert hatte. Der keinen von beiden wirklich nah an sich hatte heranlassen wollen.
      Dann kam Oratis und da hatte sich bereits einiges verändert.
      Dann fand er die Haut von seinem Freund und die Dinge hatten sich ein weiteres Mal geändert. Die Mauer um sein Herz war gebrochen und eingestürzt.
      In seinem Augenwinkel sah er Tava mit dem Fuß scharren. „Wir haben dich vermisst.“
      Devon richtete seine roten Augen auf die Cervidia.
      „Ich habe dich vermisst.“
      Sein Mund wurde trocken und sein Herz schwer. Er wusste, wie schwer sich Herzen anfühlen konnten, wenn er sie blutig in Händen hielt. Aber sein eigenes wog niemals so schwer. „Ich...“, begann er und brach ab, weil er nicht wusste, was er sagen sollte.
      Devons Augen weiteten sich Überraschung, als sich Tava kurzerhand über ihn stellte. Er richtete sich auf, sein Rücken spannte sich, aber das war egal. Rittlings setzte sie sich auf seinen Schoß und wieder fand er seine Hände als nutzloses Anhängsel vor. Sie war so leicht auf seinem Schoß. So... weich. Ihre Arme legten sich um seinen Nacken, wohlbedacht, sie nicht zu sehr auf seinem Rücken abzulegen. Ihr Gesicht verschwand in seiner Halsbeuge und dieses Mal, das erste Mal überhaupt, fühlte es sich nicht wie ein Angriff, eine Degradation an. Ihr Atem an seinem Hals kitzelte und reizte ihn nicht. Die Wärme nah seiner Kehle war keine Bedrohung, sondern ein beruhigendes Gefühl. So sehr, dass sich Devons Körper entspannte und sein Hinterkopf an der Wand zum ruhen kam.
      „Ich bin froh, dass du wieder da bist“, murmelte Tava an seinem Hals und Devon hob endlich seine Arme, um sie um Tava zu legen.
      Doch da war sie bereits verschwunden und hinterließ seine Halsbeuge kalt und fröstelnd. Seine Hände griffen nach Luft und er verzog das Gesicht, was für die Cervidia wohl so aussah, als hätte er gerade Schmerzen gelitten. Stattdessen tätschelte sie nun seinen Kopf.
      „Ich bin wirklich froh. Du hättest mir gefehlt, Devon.“
      Da sank sein Herz ein weiteres Mal etwas tiefer und er gab sich den längst überfälligen Ruck. Beherzt schlang er Tava einen Arm um die Taille und zog sie kräftig an sich. Ihr schmaler Körper prallte gegen seinen, sein Rücken protestierte unter dem plötzlichen Druck gegen den Stein. Aber das zählte nicht. Vielmehr zählte dieser weihe Körper in seinen Armen, als er sich leicht nach vorn beugte, um seine Wange seitlich gegen ihr Horn zu lehnen. Noch weiter krümmen würde seinen Rücken zu sehr strapazieren.
      „... Es war viel zu leise ohne euch“, sagte er schließlich leise, denn er hatte unlängst die ungleichmäßigen Schritte gehört, die im Eingang der Ruine verstummt waren. Dann breitete sich eine Stille aus, während Devon Tava einfach nur an sich hielt, den Blick über die Weite schweifen ließ und ihren, zugegeben, signifikanten Duft aufnahm. Aber das war okay. Es war ursprünglich. Es war wild. Es erinnerte ihn an seine Heimat.
      Nach einer gefühlten Ewigkeit entschied sich der Dritte im Bunde die Stimme zu heben. „Seid ihr beiden in Ordnung? Wir sollten bald aufbrechen.“
      Nicht unbedingt das, was Devon hätte hören wollen nach dieser doch sehr brisanten Nacht. Es dämmerte ihm, dass Malleus vielleicht genauso beschämt über das war, was Devon mit ihm angestellt hatte. Oder aber, er wusste nicht, wie er dem Lacerta gegenübertreten sollte, nachdem...
      Devon murrte leise. Warum konnte der Mann nicht einmal seine Waffe richtig einsetzen? Oder ging es einfach darum, dass er sie nicht gegen Devon einsetzen vermochte?
      „Was stehst du da um die Ecke? Komm raus“, forderte Devon mit unmissverständlichem Ton, dass er etwas anderes nicht akzeptieren würde.
      Mit langsamen, fast schon zögerlichen Schritten kam Malleus der Aufforderung nach, trat aber lediglich aus dem Schatten. Die Sonne, die sich auf seiner dunkle Haut abzeichnete, malte ein furchtbares Bild. Das Gesicht war sichtbar mit dunklen Farben unterlaufen, seitlich an seinem Kopf, und das Weiße in seinen Augen wirkte immer noch leicht gerötet. Hier fiel Devon erst richtig auf, dass Malleus einen Schlag gegen den Kopf kassiert haben musste.
      Bei dem Versuch, die Haut zu beschaffen.
      Das Murren von vorhin erklang erneut, dieses Mal allerdings noch eine Oktave tiefer. Sanft gab er Tava frei und lenkte sie ein wenig von seiner Brust weg, damit er sich halb zur Seite drehen konnte. Devon hob seine Hand und winkte Malleus heran. Ein kleiner, bescheidener Wink unter einem sehr eindrücklichen Blickaustausch in vollkommener Stille. Er wiederholte die Geste nicht. Er wartete einfach nur. Eine Sekunde. Zwei. Fünf. Neun...
      Malleus setzte sich in Bewegung und folgte der Aufforderung. An Devons Seite, gut eine Armlänge entfernt, ging der Kultist in die Hocke, sodass sich die beiden Männer beinahe auf Augenhöhe befanden. Wieder hob der Jäger die Hand und streckte sie langsam nach Malleus' Gesicht aus. Langsam, bedacht, frei von jeglicher Hektik, damit der Mann jederzeit unterbrechen konnte, sofern er es wünschte. Doch Devon berührte nicht Malleus' Gesicht. Seine Hand verschwand aus dessen Blickfeld bis der Mann die große Hand an seinem Hinterkopf wahrnehmen konnte. Mit sanftem Druck zog Devon Malleus' Kopf zu sich heran, immer näher und näher, während sich seine Augen in die dunklen Iriden zu bohren schienen. Bald berührten sich ihre Nasenspitzen, bald sah es so aus, als würde Devon in Betracht ziehen, den anderen Mann zu küssen.
      Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen presste Devon seine Stirn an die von Malleus und hielt ihn dort fest. „Du hättest nicht durchs Feuer gehen müssen. Du hättest keinen Schlag erleiden müssen. Nicht für mich und hast es trotzdem getan.“ Eine kurze Pause entstand, in der Devon seine Stammessprache in die gemeine Zunge übersetzte. „Du warst der Pfeil an meiner Sehne und ich bin dankbar.“
      Damit entließ er Malleus aus dem Griff.
      „Es... hm...“ Devon wich mit dem Blick aus und war drauf an dran, wieder eine übliche Ausrede anzusetzen. Aber er riss sich zusammen und suchte erneut den Blick des anderen Mannes. „Tut mir doch nicht leid, was da im Stall passiert ist. Ich wusste, was ich mache. Der Rotstaub hat einfach nur... mh... Hemmungen gelockert. Aber ich würd's wieder tun“, schloss er und bei den Gedanken daran schlich sich unweigerlich wieder dieser samtene Unterton in seine Stimme, den er nicht kontrollieren konnte.
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