The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Lucas

      Das klang irgendwie süß. Lucas' Dad war auch super gut darin, Dinge zu reparieren, allerdings war es der blanke Horror, ihm dabei irgendwie zu helfen. Der typische 'Schraubenzieher, nein der andere, jetzt halt doch mal die Taschenlampe ordentlich' Dad. Trotzdem hatte er so manchen Nachmittag gerettet, wenn wieder irgendwas zu Bruch gegangen war, was ziemlich oft passiert war. Bei sechs Kindern musste man wahrscheinlich irgendwelche Fähigkeiten in diese Richtung entwickeln, wenn man nicht vollkommen durchdrehen wollte.
      "Ich gucke im Moment eigentlich nur, was man überhaupt alles so auf die Schnelle programmieren kann. Ich habe noch kein richtiges Ziel", erklärte er mit einem Achselzucken. Er hatte keinerlei Ambitionen, ein eigenes Spiel zu codieren, oder so und ansonsten fiel ihm keine App ein, die er irgendwie brauchen könnte. Es gab einfach alles schon. Der Klub war für ihn eher eine Gelegenheit ruhig etwas zu lernen und ein paar Kontakte zu pflegen. Er konnte ja nicht immer nur mit Emma, Wy und seinen Geschwistern abhängen.
      "Aber einen eigenen Computer zu bauen, oder etwas zu tunen habe ich mir auch immer schon vorgenommen. Richtig cool, aber richtig teuer, je nachdem, was du dir gönnen möchtest. Eigentlich ist es schon ein bisschen so, wie mit einem Fahrrad. Nur mit mehr Drähten und wenn du was kaputt machst, hast du ein größeres Problem." Er lächelte leicht, bevor er seinen Desktop ein wenig in Emerys Richtung schob. "Soll ich dir schon mal den Einstieg zeigen, während die anderen noch nach ihrem französischem Frühstück suchen?" Mittlerweile wurde die Diskussion zwischen Monique und Daniel ein bisschen lauter. Finn saß in der Mitte und sah aus, wie ein Reh im Scheinwerferlicht, aber er war alt genug, um sich selbst irgendwie zu retten.
      "Ich codiere in C++, das ist eine der meistgenutztesten Codiersprachen, also eine recht guter Einstieg." Auch, wenn er es selbst noch nie jemand anderem erklärt hatte. Bisher hatte er das den anderen überlassen, während er selbst sich auf seine Tests beschränkte, oder bei Fehlern aushalf. Aber er hatte gerade eh nicht wirklich was zu tun und Emery schien nett zu sein. Also wieso nicht?
    • Emery

      „Seit wann bist du im Klub?“, fragte Emery, als Lucas ihm sagte, dass er derzeit kein richtiges Ziel hatte, sondern nur ausprobierte. Eigentlich wirkte er so, als hätte er viel Ahnung von dem ganzen Kram und bot sogar an, Emery eine Einführung zu geben. „Wieso hast du das mit dem PC noch nicht ausprobiert? Weil es zu teuer ist? Ich hab auch nicht viel angespart, also sollte ich mir dann vielleicht eher was anderes vornehmen, oder?“ Er lehnte sich, tatsächlich interessiert, etwas in Lucas Richtung um besser auf den Desktop zu schauen. Es war irgendwie nicht so übel, mit ihm zu reden. Es war angenehm hier. Wenige Menschen. Nicht zu laut. Lucas redete bloß über PCs mit ihm und wirkte ziemlich entspannt. Wenn es so unaufwendig war, außerschulisch irgendeinem Hobby nachzugehen und mit Leuten zu reden, hatte er kein Problem damit. Er hatte bloß immer gedacht, dass ihn so etwas sofort auslaugen würde. Aber gerade zog er wirklich in Betracht, sich mehr damit auseinanderzusetzen. Verdammt. Hatte sein Therapeut wirklich recht gehabt? Obwohl sie praktisch Fremde waren?
      Emery hörte Lucas eine Weile zu und stellte mehr Rückfragen, als er eigentlich wollte. Aber er wollte das hier wirklich verstehen, damit er eine Grundlage für die Youtube Videos hatte, die er sich zuhause reinziehen würde.
      „Also… warte, es gibt ja unterschiedliche Programmiersprachen… Bist du sicher, dass das die einfachste ist? Ich hab keine Ahnung, wie ich mir das merken soll“ Er runzelte leicht die Stirn. Eine schriftliche Anleitung wäre super. Irgendwas, wo man immer wieder draufschauen konnte. Urgh… im Prinzip hieß das, dass er sich Notizen machen musste. Daran hätte er gleich denken sollen. Er seufzte leicht. „Okay, ich schreibe vielleicht lieber mit, warte kurz“, murmelte er und zog seinen Rucksack näher, um darin nach einem Notizbuch zu suchen, das er benutzen konnte. Seltsam, er war nicht lange hier und musste wohl von der ersten Sekunde voll committen, was?
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    • Lucas

      Das waren viele Fragen. Lucas blinzelte Emery kurz entgegen, bevor er sich bemühte, eine nach der anderen zu beantworten. "Ich bin seit etwas über einem Jahr dabei, glaube ich und ja, ich musste das mit dem PC verschieden, weil es wirklich teuer sein kann. Ich denke, dass man ein paar kleinere Reparaturen und Upgrades auch günstig machen kann, aber günstig bricht halt auch schneller wieder." Er zuckte kurz mit den Schultern. Emery musste selbst wissen, wie viel Geld er für sein Hobby in die Hand nahm. Wenn er sowas vorher noch nicht gemacht hatte und sich nicht sicher war, ob es langfristig etwas für ihn war, würde es wahrscheinlich mehr Sinn ergeben, wenn er damit abwartete. In der Zwischenzeit konnte Lucas zumindest schon mal mit dem Codieren aushelfen.
      Er hatte noch nie jemanden irgendwas in die Richtung erklärt. Phil, sein ältester Bruder, hatte mal aus Höflichkeit gefragt, wie es funktionierte, hatte aber recht schnell recht gelangweilt ausgesehen, als Lucas angefangen hatte, es tatsächlich zu erklären. Daher versuchte er, sich irgendwie kurz zu halten, ohne dabei zu viel wegzulassen. Es schien irgendwie zu funktionieren. Emery stellte ein paar Rückfragen, auf die er näher einging, bis Emery ihn stoppte und meinte, dass er besser mitschreiben sollte.
      "Verhältnismäßig einfach", lenkte Lucas ein wenig amüsiert ein. "Es wird leichter, wenn man sich etwas länger damit befasst. Ich hab ein paar Bücher zuhause. Wenn du willst, kannst du sie haben. Ich brauche sie eh nicht mehr. Dann musst du auch nicht mitschreiben." Außerdem gingen die paar Bücher die er hatte deutlich mehr auf Details ein, auch wenn sie auf Anfänger-Level waren. Lucas selbst hatte noch genug andere Bücher und Dateien in die er schauen konnte, falls er nochmal etwas nachlesen musste und diesen Klub hier für alle anderen Fragen. Wenn er Emery so ein wenig von diesem Hobby überzeugen konnte, wäre doch allen geholfen, oder? "Ich kann sie dir morgen gerne mitbringen. Oder du kommst gleich einfach kurz mit. Ich wohne nicht wirklich weit weg." Er zuckte kurz mit den Schultern, während er Emery die Wahl ließ.
    • Emery

      Emery ließ von seinem Rucksack ab und sah Lucas etwas überrascht an. „Oh, echt? Bist du sicher?“, wollte er sich versichern. Wenn jemand, der tatsächlich Ahnung von dem Zeug hatte, ihm schon ein paar Bücher empfahl, waren die vermutlich nicht so übel und vielleicht sogar etwas hilfreicher als oberflächlich Youtube zu durchsuchen. Allerdings kannten sie sich seit kaum zwei Stunden und Lucas bot ihm direkt an, sie ihm zu schenken? Naja… Gab wohl noch Menschen auf der Welt, die einfach nur helfen wollten. Aber Leihen hätte vermutlich auch gereicht.
      Emery überlegte kurz und stimmte schließlich ein. „Das wäre echt super, denke ich. Wenn es wirklich kein Problem ist, komme ich nachher nur ganz kurz mit… für die Bücher. Dann kann ich sie mir später schonmal anschauen. Oh, ich geb sie dir auch gerne mal wieder, entweder im Klub oder… falls du mir sagst, in welche Klasse du gehst“ Emery zuckte leicht mit den Schultern. Er wollte den guten Willen von dem Kerl nicht gleich ausnutzen. Er setzte sich wieder richtig auf und folgte noch für die restlichen Minuten Lucas Einweisung, in der Emery ehrlicherweise schon irgendwie abgeschalten hatte. Vor allem, weil er ja jetzt schon wusste, dass er sich das Ganze später nochmal im Detail ansehen würde. Da machte sein Gehirn ganz automatisch nicht mehr mit. Er hoffte nur, dass es Lucas nicht auffiel und das hier zu einer sehr kurzweiligen Freundschafft wurde.
      „Du wohnst in der Nähe, meintest du…“ Emery stand auf und warf sich den Rucksack über die Schulter. Er verabschiedete sich knapp von den anderen drei Mitgliedern und winkte kurz bevor er mit Lucas aus dem Raum ging. „Ich auch. Ich wohne etwa 15 Minuten zufuß entfernt. Trifft sich also super, vielleicht müssen wir sogar in dieselbe Richtung“ Er lächelte kurz. Es war seltsam, aus dem Nichts neue Leute kennenzulernen. Normalerweise beschränkte sich sein Leben ziemlich auf zuhause und die Schule, also hatte er immer die exakt selben Menschen um sich. Er gab sich ja nie Mühe, jemanden anzusprechen, den er noch nicht kannte, oder so. Vielleicht hatte er deshalb eine verzerrte Vorstellung davon gehabt. Aber es war ganz simpel, was? Musste er echt mehr vor die Tür gehen? Irgendwie war es fast schon nervig wie schnell es sich die Meinung von seiner Mom und seinem Therapeuten bewahrheitete. Also… im Ernst jetzt. Es war beinahe lächerlich. Er würde nicht plötzlich zu einem grinsenden Volltrottel wie Jude werden ohne es mitzukriegen, richtig?
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    • Lucas

      Lucas winkte kurz ab, als Emery anbot, ihm die Bücher irgendwann wieder zurück zu bringen. "Brauchst du wirklich nicht. Alles gut." Bücher waren bei dem Hobby noch die günstigste Ausgabe und Emerys Reaktion verriet ihm schon, dass sie bei ihm gut aufgehoben sein würden. Vielleicht würde er sich nächste Woche ja schon an sein erstes eigenes kleines Projekt setzen. Falls er wiederkommen würde und nicht auch zu jemandem wurde, der nur sporadisch reinschaute, wenn er ein Problem hatte. Was eigentlich nicht schlecht war - wenn sie alle ständig hier wären, wäre es definitiv zu laut.
      Er fuhr mit seiner kleinen Erklärung fort und gab Emery noch ein paar abschließende Tipps, bevor sich der Klub langsam dem Ende zuneigte. Monique hatte ihr eigenes Problem schon längst gefunden, aber wohl mit einem Blick zu Emery und Lucas beschlossen, dass die beiden ganz gut alleine zurecht kamen und man keine allgemeine Einführung mehr brauchte, weshalb sie sich wieder mit ihrer eigenen App beschäftigt hatte. Sie schaute erst wieder auf, als der kleine Wecker, den sie sich immer stellten, weil man die Zeit so einfach vergessen konnte, wenn man konzentriert arbeitete, klingelte.
      "Bei mir sind es auch fünfzehn Minuten, aber mit dem Bus." Lucas lächelte leicht, während er nach seiner Tasche griff. "Scheinbar wohnst du also noch näher, als ich." Er warf sich den Rucksack über die Schulter und ging nochmal sicher, dass der Computer aus war, bevor er sich umdrehte und fast in Monique hinein lief, die sich scheinbar aus dem nichts neben ihm materialisiert hatte.
      "Und? Wie war die Schnupperstunde?", fragte sie Emery begeistert. "Können wir nächste Woche wieder mit dir rechnen, oder hat Lucas dich mit seinem Fachwissen verschreckt."
      "Ich habe versucht, bei den Basics zu bleiben", wehrte Lucas sich und erhielt dafür ein Lächeln in seine Richtung.
      "Wir würden uns auf jeden Fall freuen, wenn du nochmal vorbeikommen würdest", fuhr sie fort. "Und falls du eine Schwester, oder Freundin welcher Art auch immer hast kannst du sie auch gerne mitbringen. Wir brauchen wirklich mehr Mädchen im Klub." Moniques Strahlen schien kurz zu flackern. Theoretisch standen noch zwei Mädchen auf ihrer Kursliste, praktisch kamen beide nur sehr selten vorbei, was wirklich schade war. Obwohl Lucas selbst da auch keine große Hilfe gewesen war. Seine jüngere Schwester war zu jung für den Klub und Emma ging auf eine andere Schule. Ganz davon abgesehen, dass er sich lieber aus dem Fenster schmeißen würde, als vor ihr zuzugeben, dass er in einen Schulklub über Computer ging. Wy war der Nerd in ihrer Gruppe und das musste reichen.
    • Emery

      Emery zuckte unfreiwillig zusammen, als Monique neben ihnen auftauchte. Sie wusste sich anzuschleichen. Und sie hatte leider Wünsche, die Emery ihr nicht erfüllen konnte.
      „Oh… Ich hab ‘nen guten Einblick bekommen und nächste Woche bin ich hoffentlich etwas besser vorbereitet“, fing er an und lächelte ihr etwas zu. Er vermied es zwar allgemein immer solche Versprechungen zu machen aber es würde ihn wohl nicht umbringen, diesem Klub beizutreten. Er konnte jederzeit wieder austreten, nicht? Und soweit hatte er nahezu… Spaß gehabt. Wenn man das so nennen wollte.
      „Aber ich hab nur einen Bruder, der nicht auf diese Schule geht und gerademal sein Handy bedienen kann, also… Sorry“ Er zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Aber ich mache Werbung“ Ja, er konnte es zumindest versuchen, falls er mal wen kennenlernte. Aber Monique schien eher Mädchen dabei haben zu wollen, und damit konnte Emery noch weniger dienen. Die einzigen Mädchen in seinem Umkreis waren Judes Freunde und keine davon ging auf diese Schule.
      Emery verabschiedete sich noch einmal und machte sich mit Lucas auf den Weg zur Busstation. Es war ein wenig seltsam, einfach so mit ihm nachhause zu fahren, aber danach hatte Emery in dem Kurs zumindest schonmal jemanden, neben dem er sitzen konnte, und so. Das war ja was.
      „Monique hat ein bisschen verzweifelt gewirkt. Habt ihr sonst kein einziges Mädchen im Klub?“, fragte Emery, einfach nur um Konversation zu betreiben. Irgendwie war es ja doch seltsam. Er kannte sich selbst auch nicht wirklich aus, aber er konnte sich kaum vorstellen, dass dieser Kram zu schwer für Mädchen war — das klang nach stereotypem Müll. Vielleicht war es ein Teufelskreis. Je weniger Mädchen, desto weniger trauten sie sich einzusteigen. Oder so? Tja, Charlie wäre das perfekte Opfer um sie in den Klub zu bringen, weil sie alles irgendwie zu ihrem Hobby machen konnte. Aber sie ging eben in Judes Klasse.
      „Irgendwie tut sie mir jetzt leid, vielleicht sollte man ein paar Flyer basteln“, murmelte er. „Dafür wäre mein Bruder schon nützlicher“
      Wenn man spezifisch drauf schrieb, dass Mädchen willkommen waren… Oder das wirkte am Ende einfach nur unheimlich. Mundpropaganda war vielleicht wirklich die bessere Lösung.
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    • Lucas

      "Wir haben außer ihr noch zwei Mädchen im Team, aber die kommen beide nur sporadisch vorbei. Leider hält sich das Klischee, dass Computer eher Männersache sind." Lucas zuckte kurz mit den Schultern. Ihm war das ehrlich gesagt irgendwie relativ egal. Monique tat ihm leid, sicher, aber das sorgte nicht dafür, dass er es jetzt zu seiner persönlichen Angelegenheit machte, das Klischee aus der Welt zu schaffen. Er wusste dass es dem Computer egal war, welches Geschlecht die Person hatte, die vor ihm saß, auch wenn ein paar seiner Mitschüler das anders sahen.
      "Monique bemüht sich, möglichst viele Mädchen dazu zu bekommen, wenigstens mal vorbei zu schauen, aber offenbar sind die anderen Klubs einfach beliebter bei ihnen." Was Lucas auch ein wenig nachvollziehen konnte. CompSci war...speziell. Er war eigentlich schon beeindruckt, dass sich so viele Jungs fanden, die Codierungen lernen wollten. Emery eingeschlossen.
      "Ist dein Bruder werbetechnisch begabt?", fragte er einen Moment später, als sie in den Bus einstiegen. Sie erwischten zwei leere Plätze nebeneinander. "Und ist er jünger, oder älter als du? Ich bin ein Sandwich-Kind, also gibt es keine falschen Antworten." Er lächelte leicht. Geschwister waren ein weiteres Klischee in seinem Leben. Die verantwortungsbewussten älteren Geschwister, die freigeistigen jüngeren Geschwister, die vergessenen Geschwister in der Mitte. Er konnte das alles nicht komplett unterschreiben. Phil war als ältester ein wenig zu chaotisch, Dominic war alles andere, als vergessen - Lucas dafür schon. Dafür hatten Mila und Ben weitaus mehr Regeln, als er gehabt hatte. Wahrscheinlich, weil seine Eltern mit den größtenteils erwachsenen Kindern keine Arbeit mehr hatten und sich jetzt voll und ganz auf die jüngsten konzentrieren konnten. Lucas war zumindest ganz und gar nicht neidisch.

      Die eh schon kurze Fahrt ging heute noch schneller vorbei, als sonst. Emery war eine angenehme Begleitung. Wenigstens waren seine Antworten auf Fragen lang genug, um ein Gespräch am Laufen zu halten. Lucas selbst war in der Hinsicht meistens eher etwas kurz angebunden, auch wenn er merkte, dass er nach und nach auftaute. Als sie bei ihm zuhause ankamen, hatte er zumindest keinerlei Zweifel, dass er seine alten Bücher in die richtigen Hände gab.
      Er konnte Mila und Ben im Garten hören, als er die Schlüssel fürs Haus aus seiner Tasche kramte. Offenbar nutzten die beiden die langsam wärmer werdenden Nachmittage, um ihre Nachbarschaft zu informieren, dass ihre Lungen immer noch wunderbar funktionierten und sie jederzeit laut losschreien konnten. Dafür war es im Haus ausnahmsweise ruhiger. Lucas kickte seine Schuhe achtlos neben die Tür, bevor er Emery andeutete, ihm zu folgen.
      Er stoppte nur kurz in der Küche zwischen, als er Dominic am Herd stehen sah. Er schaltete kurz das Licht aus und an, als kleines Zeichen, dass er da war, was eigentlich irgendwie unnötig war - Dominic hatte irgendeinen schrägen siebten Sinn der ihm sagte, wenn jemand ins Zimmer kam. Lucas wusste nicht, ob er es irgendwie anders wahrnahm, durch...Bewegungen im Boden, oder so, aber das kleine Lichtzeichen hielt sich trotzdem hartnäckig. Dominic drehte sich zu ihnen und hob kurz die Hand zum Gruß, bevor er Lucas einen fragenden Blick zuwarf.
      "Das ist Emery. Ich wollte ihm ein paar Bücher von mir geben", erklärte Lucas, sowohl verbal, als auch mit seinen Händen. Er sprach immer laut, wenn er Gebärdensprache nutzte. Meistens achtete Dominic eh zusätzlich auf seine Lippenbewegungen und irgendwie verhaspelte Lucas sich seltener, wenn er beim gebärden redete.
      "Emery, das ist Dominic", fuhr er fort. "Nicht wundern, er ist taub. Wir fuchteln nicht zum Spaß mit den Händen." Lucas ignorierte das kleine "Manchmal schon", das Dominic unnütz einwarf. "Willst du zum Essen bleiben?", fragte er stattdessen, der plötzlichen Eingebung folgend, dass er gerade Gastgeber war. "Es gibt..." Er sah kurz zu Dominic, der schlicht mit dem Löffel in seiner Hand auf ein Glas Fertig-Bolognesesoße zeigte. "Nudeln, offenbar."
    • Emery

      „Ich würde nicht sagen, dass er ein spezifisches Talent hat, aber er interessiert sich irgendwie mehr für Kreatives, denke ich. Und er kann überzeugend sein, also… ja?“ Emery konnte aber beim besten Willen nicht sagen, ob Jude Kunst mochte, weil er gut darin war, oder ob er gut darin war, weil er es mochte. Er war in so gut wie allem mindestens okay. Er hatte die freie Wahl wenn es zu Hobbys und Jobs kam. Fast beneidenswert, wenn es nicht… Jude wäre.
      „Er ist… jünger“, antwortete Emery, aber er wusste, worauf die Frage abzielte, und eigentlich waren Jude und er gleich alt. Aber nachdem sie keine Zwillinge waren, ließ sich das schwer erklären, wenn man auf die ganze Hintergrundstory verzichten wollte.
      Emery war kein Stück neidisch, als Lucas meinte, dass er mehrere Geschwister hatte. Er hatte gegen Jude nichts einzuwenden aber ein noch volleres Haus würde irgendwie das ‚Zuhause bleiben’ sinnbefreit machen, weil er dann unterwegs vermutlich mehr Ruhe hatte. So ließ es sich ganz gut aushalten, weil Jude derjenige war, der ständig weg war.

      Vielleicht hatte Emery jedoch das Ausmaß unterschätzt, was Lucas Familie anging. Zumindest wohnte er in einem ziemlich großen Haus. Auch wenn Emery fairerweise selten in Häusern war, also war es vielleicht auch einfach standardmäßig. Er fand seine Wohnung aber auch schon groß im Vergleich dazu, wo sie vorher gelebt hatten. Eine Weile hatten sie neben Judes Familie gewohnt und das Wohnhaus hatte hauptsächlich kleinere 3-Zimmer-Wohnungen ohne Terasse oder Garten gehabt, mitten in der Stadt. Jetzt hatten sie 4 Zimmer, noch immer keine Terasse, aber wenigstens einen Innenhof? Lucas Zuhause war auf einem anderen Level.
      Er folgte Lucas ins Haus und versuchte, sich nicht zu offensichtlich umzusehen. Er war nur für die Bücher hier, nicht für eine Tour. Obwohl er anscheinend eine Tour durch seltsame Geschwister-Rituale bekam. Er runzelte leicht die Stirn, als Lucas mit dem Licht in der Küche flackerte, von seinem Bruder aber keine Reaktion außer einem knappen Blick bekam. Oookay…
      Emery zwang sich, neutral zu bleiben, als die beiden Handzeichen beim Reden durch die Luft warfen und kam letztlich aber sogar noch eine Sekunde vor Lucas Erklärung darauf, dass das Gebärdensprache war. Gut, dass er noch keine Gelegenheit gehabt hatte, um dumme Fragen zu stellen. Nur ein „Hi“ war ihm rausgerutscht, nachdem Lucas ihn vorgestellt hatte. Das war dann wohl unnötig gewesen.
      „Oh, okay“, akzeptierte er die neue Info einfach und nahm schließlich nach kurzem Zögern die Einladung an. „Wieso nicht. Danke“ Zuhause gab es sowieso nur die restliche Pizza von gestern und Jude hatte sich den Champignons nicht erfolgreich widersetzt, also… Er fühlte sich nur ein wenig unsympathisch, weil er nicht einmal wusste, wie man in Gebärden Hallo sagte, geschweige denn ‚Danke fürs Kochen‘. Er warf dem blonden Jungen noch einen Blick zu und registrierte endlich, dass er Lucas kaum ähnelte, bevor er schließlich fragte: „Sind deine Eltern zuhause?“ Vermutlich nicht, wenn Emery einfach spontan zu dem Essen eingeladen wurde, das Lucas Bruder kochte.
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    • Lucas

      "Nope. Unsere Eltern sind beide berufstätig." Lucas übersetzte Emerys kleine Bestätigung kurz für Dominic und deutete seinem neugefundenen Freund erneut an, ihm zu folgen. Sie hatten zwar einen kleinen Tisch in der Küche, aber der war größtenteils zugestellt mit all dem Zeug, das nicht mehr in die Schränke passte, also saßen sie meistens im Wohn- oder Esszimmer. Dominic bevorzugte Letzteres, also steuerte Lucas das Zimmer direkt gegenüber der Küche an und deutete auf einen der Stühle.
      "Setz dich gerne schon mal", merkte er an, während er selbst zu einem der Schränke an der Wand des Zimmers ging, um Teller und Besteck zu holen. "Meine jüngeren Geschwister essen wohl noch mit. Die beiden sind ganz okay, aber ziemlich energiegeladen. Nur so als Vorwarnung." Lucas warf Emery einen kurzen Blick über die Schulter zu, um seine Augen verdrehen zu können. Mila war 12, Ben war gerade 10. Sie waren entsprechend aktiv, was okay war. Solange die Hausaufgaben gemacht waren und sie regelmäßig für die nächsten Klausuren lernten, durften sie ihre Nachmittage verbringen, wie sie wollten. Der Ernst des Lebens begann für die beiden spät Nachmittags, wenn seine Mom nach Hause kam, die Hausaufgaben prüfte und versuchte, den beiden zumindest ein kleines bisschen Kultur näherzubringen. Wenigstens tobten die beiden sich gerade im Garten aus, also hatten sie zumindest eine kleine Chance auf ein bisschen Ruhe. Sie waren deutlich schlimmer, wenn es regnete und sie nicht raus kamen. Manchmal waren Kinder irgendwie wie wilde Tiere. Lucas konnte sich gar nicht vorstellen, auch mal so gewesen zu sein.
      "Hast du nur einen Bruder, oder hast du auch noch mehr Geschwister?", fragte er, um die Konversation nicht abbrechen zu lassen. Zum Glück war es wenigstens nicht ungewöhnlich, dass einer von ihnen irgendjemanden zum Essen mitbrachte. Mila und Ben brachten manchmal Schulfreunde mit, Lucas hatte regelmäßig Emma dabei und Dominic hatte neuerdings diverse Lerngruppen, die er gerne einlud. Gekocht wurde entsprechend sowieso im Übermaß. Reste hielten sich hier eh nie lange.
    • Emery

      Oh, okay. Dann aßen sie wohl gleich und die Bücher kamen später. Emery kramte am Weg ins Esszimmer schonmal sein Hand aus seiner Jackentasche, um dem Familien-Chat eine kleine Nachricht zu hinterlassen. Mom drehte gerne am Rad, wenn jemand ohne Info zu spät nachhause kam. Meistens war das Jude aber Emery ging lieber kein Risiko ein. Er setzte sich auf einen der Stühle und fühlte sich sofort wie eine Belastung. Vor allem, als Lucas erzählte, dass er immer mehr und mehr Geschwister hatte.
      „Wow, ihr seid zu viert? Also wenn deine Eltern nicht zuhause sind, kümmern dein Bruder und du euch um die Jüngeren? Klingt anstrengend“ Emery murmelte den letzten Satz mehr zu sich selbst. Er wusste, dass er schon längst nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte, wenn er sich jeden Tag um Kinder kümmern müsste. Er kam mit sich selbst schon nicht zurecht.
      „Ah, nur einen- Also… eigentlich hab ich keine Geschwister“
      Je mehr Fragen Lucas stellte, desto mehr Antworten musste Emery geben und immer, wenn er zur Einfachheit seine Konstellation mit Jude als „Brüder“ beschrieb, hatte er irgendwie das Gefühl, zu lügen oder jemanden zu hintergehen. Immerhin hatte er ja einen großen Teil seiner Kindheit als Einzelkind verbracht aber… Seine Eltern hatten Jude auch wirklich adoptiert. Ab wann konnte man jemanden also einfach als Familienmitglied bezeichnen? Jude gehörte zu seiner Familie, egal ob sie verwandt waren, oder ob sie zusammen wohnten. Egal, ob irgendein Papier das offiziell bestätigte. Für Emery änderte sich nichts. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass andere das vielleicht nicht so sehen würden. Also hatte er das Bedürfnis, Erklärungen abzugeben, nach denen kein Mensch gefragt hatte.
      „Er ist mein Adoptivbruder, aber ich war ziemlich lange Einzelkind. Sonst hab ich keine Geschwister“, stellte Emery klar. Er fragte sich manchmal, wie Jude über ihn und über seine Eltern sprach, wenn er mit Leuten redete, die er noch nicht lange kannte, aber er hatte es nie über sich gebracht, zu fragen. Er fände es natürlich seltsam, wenn Jude sie als ‚seine Eltern‘ beschrieb, aber… Er wollte ihm das lassen, falls er diese Normalität irgendwie manchmal haben wollte. Also fragte er lieber nicht, bevor er etwas falsches sagte. Ihre Situation war nicht ganz simpel, obwohl es am Papier total simpel aussah.
      „Wir kennen uns aber schon unser ganzes Leben, also zählt es ja vielleicht doch“ Er lächelte knapp. Wem er das einreden wollte, wusste er nicht. Für ihn selbst zählte es auf jeden Fall. Vermutlich wäre auch alles viel besser gewesen, wenn Jude von Anfang an sein Bruder gewesen wäre. Dann hätte er die Leute, deren Wohnung abgebrannt war, nichtmal gekannt.
      „Wie alt bist du überhaupt, Lucas?“, fragte Emery in einer plötzlicher Einleuchtung. Den Kurs konnten schließlich alle Stufen besuchen, oder?
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    • Lucas

      Lucas warf Emery kurz einen irritierten Blick zu als dieser erklärte, dass er eigentlich gar keine Geschwister hatte, bevor die sinnvolle Erklärung folgte. Lucas musste irgendwie automatisch lächeln, während er schlicht mit den Schultern zuckte.
      “Er zählt, wenn du willst, dass er zählt. Das ist die einzige Voraussetzung, wenn du mich fragst.” Er zog Besteck aus einer Schublade und setzte sich neben Emery an den Tisch. “Wir sind eine Patchworkfamilie. Ich habe eine ältere Schwester, zwei Stiefbrüder”, er nickte kurz in Richtung Küche, “und zwei jüngere Halbgeschwister. Keiner von uns nimmt das wirklich so genau. Wir sind Geschwister und fertig.” Obwohl Lucas sich zugegebenermaßen nicht an eine Zeit ohne die anderen erinnern konnte. Er war gerade 2 gewesen, als sein Dad angefangen hatte, seine Stiefmutter zu daten. Ein Jahr später waren sie zusammengezogen. Seine Eltern behaupteten immer, dass es absolut perfekt und komplikationslos gewesen war, was Lucas ihnen nicht ganz glauben konnte. Nicht, dass er das Gegenteil beweisen könnte. Die perfekte Harmonie war über die Jahre auf jeden Fall bis zum Äußersten getestet worden. Gestritten hatten sie sich immer schon wie richtige Geschwister.
      “Die komplette Familie springt beim Babysitten ein, also müssen nicht immer Dominic und ich aufpassen.” Das würde sowieso nicht richtig funktionieren. Dominics Seminarplan war recht wild über die Woche verteilt und beide jüngeren Geschwister waren meistens vor Lucas zuhause. Wenn keiner von ihnen Zeit hatte, hatten sie einen ganz gewöhnlichen Babysitter.
      “Ich bin im April 18 geworden. Du?” Emery musste ungefähr in seinem Alter sein, alles andere würde Lucas überraschen. “Wie kommt es, dass du dir so, naja, ‘spät’ noch einen neuen Klub gesucht hast?”, schob er fragend hinterher. Es war natürlich nicht ungewöhnlich, zwischendurch Klubs zu wechseln, aber die meisten suchten sich einen aus und blieben dort, oder fingen jedes Schuljahr etwas Neues an. Mitten im Schuljahr zu wechseln war eher unüblich.
    • Emery

      "Verstehe. Also seid ihr zu sechst" Emery schluckte seinen nächsten Satz herunter, um nicht unabsichtlich etwas zu sagen, das Lucas nicht mochte, aber er war eigentlich neugierig, wie man sich in einer so großen Familie überhaupt gegenseitig aushielt. Er stritt sich mit Jude schon oft genug, wenn einer von ihnen einfach schlecht gelaunt war und man sich nicht aus dem Weg gehen konnte. Das hier klang… grauenvoll. Obwohl es vielleicht nett war, dass man immer jemanden zum Reden hatte? Wenn man das wollte. Für Emery wäre es kaum ein Trost. Aber es war trotzdem irgendwie interessant, so etwas zu hören. Eine Patchwork-Familie, hm? Würde man seine eigene Familie auch so bezeichnen?
      "Oh, ich bin im Dezember 18 geworden", antwortete Emery. Dann waren sie doch in derselben Stufe. Emery wäre über alles andere überrascht gewesen. Wenn Lucas jünger wäre, würde er vermutlich noch 3 Meter groß werden, oder so. "Ich hab eigentlich nicht gewechselt, ich war noch nie in einem Klub. Ich dachte mir… es ist nie zu spät, sich ein neues Hobby zu suchen?" Er lächelte leicht. Von der Antwort war er selbst nicht ganz überzeugt aber er wollte nicht direkt damit anfangen, dass er nur tat, was sein neuer Therapeut im riet. "Ich hatte die Wahl zwischen einem Klub oder meinem Bruder zu irgendeinem seiner Hobbys zu folgen und dann war die Antwort recht klar" Er zuckte mit den Schultern. "Ich hab nichts gegen Fußball, Malen oder… Backen, und was auch immer er alles macht. Ich glaube nur nicht, dass ich es auf Dauer durchziehen könnte. Jude hat einfach zu viel Energie. Ich hab lieber meine Ruhe und konzentriere mich alleine auf etwas, schätze ich" Das klang ziemlich assozial, war aber nur die Wahrheit. Er wusste, dass Judes Freunde auch nett waren, Emery kannte einige davon oberflächlich. Aber es wurde ihm schnell zu viel und er wollte niemanden enttäuschen, wenn er plötzlich nicht mehr auftauchte und sich nie wieder meldete. Also hielt er generell einfach etwas Abstand.
      "Hast du mal einen anderen Klub besucht oder immer CompSci?", fragte Emery.
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    • Lucas

      Jude. Der Name schien ihn offenbar zu verfolgen. Lucas versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, als er das Besteck verteilte. Vielleicht war das irgendein Zeichen, auch wenn er keine Ahnung hatte, wofür. Er konnte ihn unmöglich anschreiben. Was sollte er auch sagen? Wahrscheinlich erinnerte Jude sich gar nicht mehr richtig an ihn. Er war halt nur irgendein Typ, mit dem er an Wys Geburtstag Klamotten getauscht hatte. Warum war Lucas das überhaupt so wichtig? Gott, er wünschte, er könnte einfach seine Gedanken löschen, um sich nicht mit diesem komischen Gefühl auseinandersetzen zu müssen. Dieses leichte Ziehen in der Magengrube, irgendwo zwischen unbegründeter Vorfreude und Übelkeit.
      "Nein, das ist auch mein erster Klub, wenn man Kindheitshobbys nicht mitzählt." Lucas lächelte schwach. Er war eigentlich immer gerne aus der Schule raus gewesen, hatte mit Emma abgehangen, geraucht, getrunken, oder sonst was gemacht. Ein Hobby zu haben war netter, als er gedacht hatte. Wahrscheinlich würde Emery einen ähnlichen Effekt erleben. Zumindest hoffte Lucas das irgendwie für ihn.
      Er sah kurz auf, als Dominic ins Zimmer kam, eine Schüssel mit Nudeln in einer Hand, einen Topf mit Soße in der anderen, damit jeder selbst wählen konnte, wie sehr er seine Nudeln ertränken wollte. Er stellte beides ruckartig auf den Tisch, bevor er kurz mit den Händen wedelte und ein schlichtes "Heiß" kommentierte, das Emery wahrscheinlich auch ohne Übersetzung verstand.
      "Dafür gibt es Topflappen", kommentierte Lucas flach und bekam als Antwort einen kleinen, beleidigten Blick, bevor Dominic sich umdrehte, um ihre beiden jüngeren Geschwister zu holen.
      Ben hatte Milas halbes Haarklammer-Arsenal in den dunklen Haaren, als er sich freudestrahlend an den Tisch setzte und nach den Nudeln griff, ohne auch nur zur Kenntnis zu nehmen, dass außer ihm noch jemand im Raum war. Mila trug ein goldenes Plastikkrönchen auf dem Kopf und war wohl mittendrin, sich über ihren jüngsten Bruder zu beschweren, als sie mit Dominic ins Zimmer kam.
      "Er weigert sich den Tee zu trinken! Können wir ihn nicht einfach aussetzen? Ich wette, Mom wäre super- Oh, hi." Sie sah kurz irritiert zu Emery, während sie sich neben Ben an den Tisch setzte. Dominic setzte sich an ein Tischende, von wo aus er die beste Sicht auf die Gebärden seiner Geschwister hatte.
      "Mila, Ben, das ist Emery. Emery, das sind Mila und Ben." Lucas deutete kurz auf die beiden. Mila zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen, bevor sie schlicht das "Hi" wiederholte. Ben winkte kurz, zu beschäftigt mit der Soße, um hochzuschauen.
      "Bedien dich." Lucas schob die Nudeln in Emerys Richtung, bevor Dominic kurz seine Aufmerksamkeit auf sich zog, die Hände schon für den nächsten Kommentar gehoben. "Dominic meint, dass du dich nicht zurückhalten sollst und möchte anmerken, dass er sonst deutlich mehr Zeit ins Kochen investiert und es nicht immer Nudeln mit Soße gibt", übersetzte er amüsiert. "Was übrigens absolut gelogen ist, weil keiner von uns gerne kocht", fügte er hinzu, natürlich mit den passenden Gebärden, damit Dominic die kleine Stichelei nicht entging. Sein Bruder hob eine entrüstete Hand an seine Brust, entschied sich allerdings dagegen, die Anschuldigung irgendwie zu kommentieren.
    • Emery

      Emery hatte keine Ahnung, wann er zuletzt bei jemand anderem zuhause gegessen hatte, geschweige denn, wann er zuletzt bei jemandem zu Besuch gewesen war. Seine sozialen Kontakte beschränkten sich auf die Schule und… kleine Ausflüge nach oder statt dem Unterricht. Er hatte auch nicht erwartet, hier so eingebunden zu werden, aber es war garnicht so übel. Lucas war nett. Seine kleine Schwester ein bisschen weird.
      Emery runzelte bei ihrem Blick für einen Bruchteil einer Sekunde die Stirn und lächelte. „Hi“, erwiderte er ganz simpel mit demselben Wort. War sie kein Fan von Besuch? Dafür war der Junge neben ihr so fokussiert auf das Essen, dass er Emery nicht einmal richtig wahrgenommen hatte.
      Er bedankte sich knapp bei Lucas, der ihm den Topf zuschob und stockte schließlich, als Dominic etwas… zeigte, das Emery nicht verstand. Mann, es war ziemlich unpraktisch, wenn Lucas ständig übersetzen musste, was? Außerdem war Emery sich nicht sicher, ob er die Dollmetscher-Skills ausnutzen sollte oder ob er sich lieber kurz halten sollte, um Lucas nicht auf die Nerven zu gehen. Obwohl es ja irgendwie beeindruckend war, dass er gleichzeitig auch noch redete.
      „Das hier toppt eindeutig, was ich mir zuhause aufgewärmt hätte. Nudeln mit Soße gehen immer“ Emery zuckte leicht mit den Schultern und schmunzelte, als Dominic nach Lucas Anmerkung schockiert dreinsah.
      „Mein bestes Werk bisher war gebratener Reis, also kann ich schlecht über andere urteilen“, fügte er hinzu. Wie es irgendjemanden Spaß machen konnte, zu kochen, war Emery ein Rätsel. Man tat es schließlich, weil man Hunger hatte, aber dann war man ewig lang gezwungen sein unfertiges Essen anzustarren, bis es fertig war. Bis dahin hätte Emery vor Ungeduld schon zehn Mal was beim Lieferservice bestellt. Jude dagegen half Mom ziemlich oft beim Kochen. Vielleicht aber auch nur, weil er zu jeder Tageszeit Unterhaltung brauchte.
      „Schmeckt übrigens super“ Emery gab einen Daumen Hoch in Dominics Richtung, in der Hoffnung, dass das auch ohne Übersetzung ausreichend Information war.
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    • Lucas

      Lucas musste kurz auflachen, als Dominic Emerys Daumen nach oben mit zwei enthusiastisch nach oben gestreckten Daumen beantwortete. Er hatte übersetzt, während Emery geredet hatte, was immer eine kleine Herausforderung an sich war, weil er praktisch zeitgleich zuhören und reden musste. Theoretisch war Dominic durchaus in der Lage, Lippen zu lesen, aber nicht immer komplett fehlerfrei und, naja, am Ende des Tages war Gebärdensprache für ihn einfacher. Dominic behielt seinen Enthusiasmus in seiner kurzen Antwort in Form eines begeisterten Grinsens bei.
      "Er sagt, dass ich dich ruhig öfter mitbringen kann." Lucas nahm sich etwas von den Nudeln. Dominic war schnell von anderen Leuten zu begeistern, auch wenn Lucas nie richtig abschätzen konnte, wie natürlich seine extrovertierte Art war und wie viel sein Bruder sich über die Jahre antrainiert hatte, um sozial nicht auf der Strecke zu bleiben.
      "Ich kann alles kochen, was unter 15 Minuten dauert", fügte er hinzu. "Ich habe kein Problem mit kochen, aber es dauert immer so lange." In der Zeit konnte man auch vor dem Computer sitzen, oder was mit Freunden unternehmen, oder so. Es machte einfach absolut keinen Sinn, dass das Kochen doppelt so lange brauchte, wie das Essen. Wozu eine halbe Stunde irgendwas braten, wenn man es dann in zehn Minuten runterschlang?
      Das restliche Essen war verhältnismäßig leise. Mila erzählte ein wenig von ihrem Tag und einer Hausaufgabe, bei der sie nicht weiterkam und als Ben wenig später realisierte, dass er tatsächlich nicht alleine war, steuerte er eine Geschichte über den Milchzahn bei, den er heute wohl verloren hatte, als sie in der Schule Fußball gespielt hatten. Lucas hatte das ungute Gefühl, dass der Milchzahn irgendwo in einem Taschentuch in Bens Schultasche versauern würde, bis seine Mom die Tasche fürs nächste Schuljahr sauber machte. Ben steckte mit seinem Kopf einfach zu sehr in den Wolken, um sich auf das hier und jetzt zu konzentrieren. Dafür mussten sie ihn davon abhalten, eine Nudel durch die neugewonnene Zahnlücke zu ziehen um zu demonstrieren, dass der Zahn auch wirklich weg war.
      Mila und Ben sprangen auf, sobald sie fertig waren, um noch möglichst viel Zeit zu nutzen, bevor ihre Eltern nach Hause kommen würden. Dominic war irgendwann in sein Handy versunken, während Lucas die Teller einsammelte, um sie in die Spülmaschine zu sortieren.
      "Es ist normalerweise nicht ganz so...seltsam, wenn wir essen", versicherte Lucas in Emerys Richtung, während er nach Milas Teller griff. "Aber das letzte mal, als Ben einen Zahn verloren hat war er überzeugt, dass er bald sterben würde, also war das irgendwie ein Fortschritt, denke ich." Er zuckte kurz mit den Schultern. "Sollen wir kurz die Bücher holen?"
    • Emery

      Emery lachte, als Lucas Dominic Gesten übersetzte. Irgendwie fiel es ihm heute erschreckend leicht, sich mit Leuten anzufreunden, oder? Vielleicht lag der Unterschied zu sonst darin, dass er nicht versteift darauf war, wegzulaufen und so wenig mit anderen zu reden wie möglich. Er wusste noch nicht, ob das etwas gutes war, aber die Bestätigung, dass er soweit in der Lage war, Freunde zu finden, war trotzdem ganz nett.
      Nach dem Essen half Emery Lucas dabei, das Geschirr einzusammeln und in die Küche zu bringen, um nicht wieder nutzlos und hilflos herumzusitzen wie vorhin. „Seltsam?“, wiederholte Emery aufrichtig irritiert als Lucas sich für die Stimmung am Esstisch entschuldigte. „Hey, ich bin schlimmeres gewohnt. Ein ausgefallener Zahn ist wenigstens noch irgendwie ein rechtfertigbares Highlight. Wart‘s ab bis du einen 18-Jährigen beim Essen von dem verschimmelten Toastbrot in seinem Schulrucksack erzählen hörst“ Was vermutlich noch nicht das Schlimmste war, aber abartig genug, um sich nicht damit befassen zu wollen. Emery war kein Reinheitsfreak aber er hatte noch nie drei Wochen lang Essen irgendwo vergessen. Jude lebte nach dem ‚Aus den Augen aus dem Sinn‘ Prinzip. Er brauchte nicht nur einen durchsichtigen Rucksack sondern ein durchsichtiges Alles. Sich ein Zimmer mit ihm zu teilen ging auch nur gut, weil Emery einfach wortlos hinter Jude her räumte. Er machte das ja nicht absichtlich. Auf der anderen Seite war seine Reaktion auf diese Dinge immer nur in einen Lachkrampf auszubrechen, was seine Unschuldigkeit nicht ganz glaubwürdig machte.
      Emery folgte Lucas in sein Zimmer, um die versprochen Bücher abzuholen und sich dann vermutlich langsam auf den Heimweg zu machen. Er nahm sich fest vor, beim nächsten Klubtreffen nicht nur herumzusitzen sondern tatsächlich an irgendetwas arbeiten zu können, also musste er die Bücher schnell in Angriff nehmen. Hoffentlich war die Motivation morgen aber überhaupt noch vorhanden.
      „Interessieren sich deine Geschwister auch für… Computer?“, fragte Emery. Das war zwar etwas breit gefächert aber Lucas wollte die Bücher vielleicht doch wieder zurückhaben, wenn bei jemandem in seiner Familie noch Interesse bestand.
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    • Lucas

      "Das klingt verstörend", merkte Lucas an, als Emery von verschimmelten Toast sprach. Zugegeben, seine jüngeren Geschwister aßen auch ziemlich interessante Sachen, aber die waren wenigstens sicher konsumierbar und nicht lebensbedrohlich. Meistens zumindest. Unter den Umständen könnte Lucas fast verstehen, wenn Emery sich nicht ganz sicher war, ob er Jude als seinen 'Bruder' bezeichnen wollte. Obwohl seine Geschwister - und Lucas selbst - auch schon so manche Tiefpunkte gehabt hatten. Von viel zu langen Zeitabschnitten ohne Duschen bis hin zu deutlich zu lange gesammelten Geschirr hatten sie ebenfalls eine recht weite Palette an Dingen gesammelt, die Lucas lieber vergessen würde. Vielleicht räumten sie auch deshalb jetzt alles immer sofort in den Geschirrspüler.
      "Oh, nein", antwortete Lucas über seine Schulter hinweg, während er ein paar Bücher aus seinem Schrank zog und zur Seite legte, um an die Coding-Bücher zu kommen, die irgendwo in zweiter Reihe standen. Sein Zimmer war nicht besonders groß und das eine schmale Bücherregal, das er hatte, war hoffnungslos überladen. Eigentlich war es echt ein Segen, dass er ein paar Bücher abgeben konnte. Das Regal stand zwischen seinem Schreibtisch und dem Bett, gegenüber von seinem Kleiderschrank. Viel mehr Mobiliar hatte er nicht. An den Wänden hing ein wilder Mix aus Band- und Gamingplakaten und Fotos. Ein schmales Regalbrett zog sich knapp über Augenhöhe einmal durch den kompletten Raum, vollgestellt mit all den verschiedenen Bechern und Tassen, die Lucas über die Jahre gesammelt hatte. Kitschige aus Zoos und Freizeitparks, langweilige aus Restaurants, eine aus Wys Küchenschrank, was ihm bisher zum Glück noch nicht aufgefallen war.
      "Ein paar von ihnen zocken, das ist aber auch schon das Äußerste an Computererfahrung, die sie haben", fuhr Lucas fort, während er die Bücher zu fassen bekam und vorsichtig aus dem Schrank zog. "Meine beiden älteren Geschwister stehen irgendwie total auf Brettspiele, die beiden jüngeren sind eher sportlich aktiv und Dominic schreibt an irgendwelchen Geschichten." Den Brettspielen konnte Lucas noch etwas abgewinnen, der Rest war ein absoluter Albtraum. Sport war pure Selbstfolterung und zum Schreiben fehlte ihm eindeutig die Kreativität.
      "Hier." Er hielt Emery mit einem kleinen Lächeln die Bücher entgegen. "Falls du Fragen hast, kannst du dich auch einfach gerne melden. Dann musst du nicht immer auf den Klub warten. Wir können Nummern austauschen, oder Socials, oder so." Falls Emery das wollte. Lucas hatte nie wirklich was mit den anderen Klubmitgliedern anfangen können, aber Emery war nett. Unkompliziert, irgendwie.