The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    • Valentin

      "Nein, es gibt keinen Anlass. Ich wollte dich einfach etwas verwöhnen. Zumindest bis zu dem Kommentar mit dem Brot. Jetzt habe ich langsam Zweifel." Valentin setzte ein kleines, gespieltes Schmollen auf. Sie hatten gefühlt einen Großteil ihrer Beziehung bisher damit verbracht, über das Abendessen zu streiten und waren immer noch nicht zu einer zufriedenstellenden Lösung gekommen. Mittlerweile war Valentin davon überzeugt, dass sie Schluss machen mussten, sobald der Essens-Krieg gelöst war, weshalb die gelegentlichen Seitenhiebe vielleicht gar nicht so schlecht waren.
      "Oh, das war ein Familienstreit. Nicht weiter interessant." Valentin hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Es war ja nicht gelogen, aber wenn er könnte, würde er Mateo sofort alles erzählen. Er wollte seine Einschätzung hören und seine eigenen chaotischen Gedanken mit Mateos Hilfe einordnen bis das alles irgendwie Sinn ergab und er sich selbst weniger Sorgen machte, aber das war unmöglich. Alles was er tun konnte war, sich an ihn zu lehnen und auf die Blumen zu starren, während er nach seinem Essen griff. Langsam wusste er selbst nicht mehr, was er machen könnte, um dieses Problem zu lösen. Mateo würde nicht bei MLO arbeiten, Valentin konnte nicht kündigen. Ihm alles zu erklären wäre zu riskant - entweder Mateo würde sofort mit ihm Schluss machen weil er ihn jahrelang belogen hatte, oder die Informationen die er durch ihn bekam so nutzen, dass es ziemlich offensichtlich war, dass Valentin eine Schwachstelle für MLO darstellte. Ihm blieb nichts anders übrig, als zu lügen, oder Sachen herunterzuspielen.
      "Ich hatte trotzdem einen ziemlich stressigen Tag. Ich bin wirklich froh, jetzt einfach sitzen zu können." Er lehnte sich zur Seite, um Mateo einen Kuss auf die Schläfe zu geben. Es war beinahe irritierend, wie schnell es ihm besser ging, wenn er Mateo zufrieden und glücklich sah. Sein Freund war seit Beginn ihrer Beziehung ein kleines Licht für ihn gewesen, egal, wie viele Kopfschmerzen er ihn bereitete.
      "Mom hat nochmal nach deiner Kleidergröße gefragt. Wahrscheinlich hat sie wieder irgendwo furchtbare Pullover gefunden, oder so. Ich fürchte, da müssen wir durch. Sie und Dad hatten heute wohl Strandtag. Sie hat nochmal betont, dass wir beim nächsten mal unbedingt mitkommen müssen, also müssen wir uns gleich schon mal gute Ausreden überlegen." Valentin liebte seine Eltern, wirklich, aber er konnte sich trotzdem deutlich besseres vorstellen, als seinen Urlaub mit ihnen zu verbringen. Seine Eltern hatten das Reisen wiederentdeckt, als er vor Jahren ausgezogen war, was nur ein kleines bisschen unfair gewesen war. Aktuell waren sie mit einem Wohnmobil in Griechenland unterwegs, klapperten Strände und Sehenswürdigkeiten ab und sammelten Mitbringsel für den Rest der Familie. Sie hatten nicht unbedingt den selben Deko- oder Modegeschmack, aber bisher hatten sie alles noch irgendwie recyceln können. Es könnte schlimmer sein.
      "Was hast du heute gemacht? Ich habe gesehen, dass du wieder wie ein Shrimp über dem Tablet gehangen hast, also hoffe ich, dass du dich nachher nicht über Rückenschmerzen beschwerst", neckte er, während er Mateo angrinste.
    • Mateo

      Ein ziemlicher abgefuckter Familienstreit, was? Hatten heutzutage alle ein persönliches Waffenarsenal zuhause? Irgendwas lief gewaltig schief in diesem Land.
      „Ah… das erinnert mich, dass meine Mom uns für morgen Abend wieder zum Essen eingeladen hat. Wenn du keine Lust hast, hole ich am Sonntag einfach nur ab, was sie zu viel gekocht hat“, meinte Mateo. Er konnte kaum reden, weil er so hastig Essen in seinen Mund schaufelte. Er musste anfangen, sich am Handy Reminder zu setzen, damit er nicht auf mehr aufs Essen vergaß.
      „Langsam geht es mir sowieso auf die Nerven, dass sie nicht entweder uns oder meine Großeltern einlädt. Ich halte dieses ‚Beste Freunde‘ Getue nicht mehr aus. Denkst du meine Mom köpft mich, wenn ich beim nächsten Mal einfach spontan ein Outing raushaue? Sie liebt mich vermutlich zu sehr, also vielleicht rasiert sie mir auch nur die Haare ab oder sowas“ Mateo schmunzelte belustigt. Seine Eltern hatten überhaupt kein Problem damit, dass er schwul war. Er war dazu sehr früh sehr lautstark gestanden und eigentlich hatte er ihnen kaum eine andere Wahl gelassen als damit klarzukommen. Die einzige Grenze seiner Mutter war, dass er es ihren Eltern nicht erzählen durfte, weil sie ziemlich altbacken und abergläubisch waren und wahrscheinlich einen riesigen Aufstand machen würden. Das hatte er sich selbst auch nie antun wollen, zumindest bis er in diese seltsame Situation mit Valentin gekommen war, in der seine Mutter darauf bestand, dass sie eine sehr enge Freundschaft vorspielen mussten. Hah.
      „Ich hab heute ein Pärchentattoo gemacht, aber es hat ein bisschen gewirkt als hätte die Frau ihren Freund total dazu gezwungen. Aber wahrscheinlich hatte er es verdient. Oh! Und dann kam so ein älterer, breiter Typ mit riesigem Bart auf dem Motorrad daher für ein Walk-In. Weißt du, was er wollte? Ein Hello Kitty Tattoo mit dem Geburtstag von seiner kleinen Tochter. Das war viel zu niedlich. Jedenfalls hab ich den halben Nachmittag lang Poster Ideen gezeichnet. Mein Handgelenk tut weh aber meinem Rücken geht‘s ganz gut seit ich Dehnübungen mache“ Mateo drehte sich zu seinem Freund. Er sah tatsächlich etwas fertig aus. „Was hast du heute so gemacht? Kann man dir irgendwie helfen? Ich bin immer absolut bereit für eine Massage oder Aromatherapie oder so etwas, du musst es nur sagen“ Er lächelte.
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    • Valentin

      "Ich würde es nicht ausprobieren. Ich mag deine Haare und außerdem gewöhne ich mich langsam an die 'beste Freunde' Nummer. Sie lässt sich ein bisschen so wirken wie ein komisches Kind, das keinen Partner findet und deshalb seinen besten Freund überall hin mitnehmen muss." Valentin verkniff sich ein Lachen, während er sich stattdessen auf das Essen konzentrierte. Es wäre gelogen zu sagen dass er es nicht nervig fand, so zu tun als ob Mateo und er nur befreundet waren, aber es gab auch hier wahrscheinlich schlimmeres. Wenigstens konnte er Mateo immer noch küssen, sobald seine Großeltern weg waren. Wenn sie die selbe Nummer bei seiner Mutter beibehalten müssten, wäre er wahrscheinlich irgendwann durchgedreht. Gemessen mit dem, was er heute gesehen hatte, konnten sie sich sowieso absolut nicht über ihre Eltern beschweren.
      "Ich-" Wie beschrieb Valentin seinen Tag am besten, ohne zu viel zu verraten? Er vermied es eigentlich über seinen Job zu reden und gab Mateo meistens nur genug Infos damit es so wirkte, als ob er in einem vollkommen normalen Dezernat arbeiten würde, was für gewöhnlich wirklich gut funktionierte. Seine Arbeit bei MLO war immerhin nicht allzu anders als die Arbeit aus der Zeit, in der er tatsächlich bei einem Dezernat gearbeitet hatte. Das heute war etwas komplexer.
      "Ich bin in eine Rolle gerutscht, in der ich eigentlich nicht sein wollte, weil sonst niemand da war, der sie übernehmen konnte und war insgesamt einfach etwas überfordert, schätze ich. Ab morgen sollte wieder alles beim alten sein, also versuche ich einfach nicht zu viel darüber nachzudenken." Es war ein wenig frustrierend. Obwohl er Mateo die Details wahrscheinlich selbst dann verschwiegen hätte, wenn er sie ihm hätte erzählen dürfen. Die Szene heute war nicht schön gewesen und er wollte sie seinem Freund so gut ersparen, wie es ging.
      "Weißt du, was helfen könnte? Wenn du mir ein Bild von dem Hello Kitty Tattoo zeigst." Er stieß ein dramatisches Seufzen aus, während er Mateo mit großen Augen ansah. Mateo war ein wirklich talentierter Künstler. Valentin wollte sich irgendwann selbst ein Tattoo von ihm stechen lassen, aber er wusste noch nicht was und wo, was...die grundlegenden Fragen bei einem Tattoo waren und den Vorgang erheblich erschwerte.
      "An welcher Kampagne arbeitest du gerade?", fragte er schließlich mit einem Nicken zum Tablet. Eigentlich war er sich gerade nicht sicher, ob er es wissen wollte. Mateo setzte sich durchaus für gute Zwecke ein, aber die Angst, ihn dadurch irgendwann mal zu verlieren, kochte immer noch etwas in Valentin hoch.
    • Mateo

      „Ahja…“ Mateo sah Valentin skeptisch aus dem Augenwinkel an. Dann genoss die Nummer wohl wenigstens einer von ihnen. Eigentlich war es ja seltsam. Seine Abuelita zumindest fand Valentin unheimlich toll. Und Mateo war sich sicher, dass er sie mit nichts allzu sehr enttäuschen konnte. Aber seine Mutter machte ihn skeptisch. Sie wurde nahezu panisch, wenn Mateo überhaupt nur andeutete, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Schön, es war kein Weltuntergang, also würde er wohl noch eine Weile mitspielen.
      „Aw“, machte er und stoppte kurz beim Essen um Valentin mit einer Hand über den Rücken zu streichen. „Du kannst immernoch kündigen und mir im Studio assistieren“, neckte er ihn. Er nahm sein Handy vom Tisch, entsperrte es und scrollte durch den Instagram Account seines Tattoostudios, wo er das Bild heute glücklicherweise schon gepostet hatte. Mateo hielt seinem Freund das Bild vor die Nase.
      „Hier. Süß, oder? Er war auch echt nett und meinte er kommt später mal mit seiner Tochter zurück, damit sie matchen können. Und meinte, ich soll auf jedenfall mein Studio offen halten bis sie 18 ist. Tja. Jetzt hab ich keine andere Wahl mehr. Übrigens hab ich auch einen neuen Termin. Ich dachte an die Angel Wings, die Maeve mal skizziert hat“
      Maeve war Mateo‘s einzige Kollegin in seinem Studio und arbeitete deutlich seltener als er. Sie hatten sich über seine Aktivistengruppe kennengelernt. Er hatte noch nie jemanden getroffen, der den Goth-Look so rockte, und dafür tätowierte sie meistens die hübschesten Sachen. Mateo stand auf zierliche Tattoos, nur sammelte er sie so sehr, dass sie auf seinem Körper nunmehr alles andere als zierlich wirkten, durch die… schiere Menge. Er konnte einfach nicht aufhören. Vor allem, wenn er Maeve durch ihr Skizzenbuch blättern sah.
      „Ich zeig dir das Foto, wenn ich es finde. Es ist sogar gratis weil wir tauschen. Ich mache ihr diesen Ghibli Charakter, der mit der Maske… Das Ohngesicht?“ Er legte sein Handy zur Seite, aß kurz weiter und sagte schließlich: „In drei Wochen machen wir einen Sitzprotest vor dem Parlament. Dafür mache ich gerade die Poster. Du kannst ja mitkommen, wenn du willst“
      Und das sagte er in vollem Bewusstsein, dass Valentin als Held nicht wirklich an so etwas teilnehmen konnte, ohne parteiisch zu sein und bei der Arbeit vielleicht Probleme zu kriegen. Mateo nahm es ihm nicht übel, dass er sich raushielt. Irgendwie hatte er ja von Anfang an gewusst, worauf er sich einließ, wenn er einen Cop datete. Manchmal war es ein wenig enttäuschend, wenn er daran dachte, dass es irgendwie romantisch und heiß war, sich zusammen für etwas einzusetzen und gemeinsam verhaftet zu werden. Eh. Das war wohl eine Fantasie, von der er sich verabschieden konnte. Wenigstens konnte er darauf vertrauen, dass sein Freund ihn immer aus den Zellen abholte und nachhause brachte.
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    • Valentin

      "Ich kann nicht. Aber ich werde abrufbereit sein, falls der Protest wieder eskaliert." Das entsprach nicht komplett der Wahrheit. Theoretisch hielt Valentin nichts davon ab zu protestieren. Es war bei MLO nicht gerne gesehen, aber der Aufwand, ihn rauszuwerfen und sicher zu gehen, dass er danach nicht einfach mit allem an die Öffentlichkeit gehen würde wäre wahrscheinlich zu groß, als dass er in richtige Schwierigkeiten kommen würde. Aber es würde Mateo gegenüber sofort seine Deckung ruinieren. Außerdem war es schwer, seinen Freund aus der Zelle im Dezernat abzuholen, wenn man selbst daneben saß.
      Meistens bot Valentin sogar noch an, Mateos Mit-Protestierende ebenfalls nachhause zu bringen. Der einzige kleine Beitrag, den er leisten konnte, was schade war. Mateo war unfassbar heiß, wenn er leidenschaftlich für irgendwas protestierte. Das war das erste, was Valentin damals an ihm aufgefallen war, als er tatsächlich noch im Dezernat gearbeitet und mitbekommen hatte, wie Mateo selbst in der Zelle weiterhin über Gerechtigkeit redete. Er hatte keine Ahnung, warum Mateo gerade ihm eine Chance gegeben und einem Date zugesagt hatte, aber es war das beste, was ihm je passiert war. Je besser er Mateo kennen gelernt hatte, desto faszinierender war er geworden. Er hatte eine Begabung dafür, Dinge zu protestieren, über die Valentin sich vorher nie Gedanken gemacht hatte und bisher war er immer auf Mateos Seite gewesen, sobald er Zeit gefunden hatte, sich in die Themen einzulesen, die auf den Schildern und Bannern seines Freundes standen.
      Valentin hatte gekündigt, kurz nachdem sie ihre Beziehung offiziell gemacht hatten. Es hatte sich falsch angefühlt für ein System zu arbeiten, das gegen so wichtige Protestaktionen vorging, statt sie zu unterstützen. Sie hatten damals noch nicht zusammen gewohnt und er hatte es Mateo persönlich sagen wollen, was nie passiert ist, weil er vorher das Jobangebot von MLO erhalten hatte. Rückblickend war es wahrscheinlich die falsche Entscheidung gewesen, es anzunehmen. Valentin hatte gehofft, durch MLO etwas ändern zu können. Sie hatten einen gewissen Grad an Einfluss und waren nicht streng an die selben Gesetze gebunden, wie die Helden und Dezernate, aber am Ende war er irgendwie in der selben nutzlosen Position gefangen, wie vorher, nur mit der zusätzlichen Belastung, seinen Freund durchgehend anlügen zu müssen.
      "Hast du überhaupt noch Platz für die Angel Wings?", wechselte er zurück zu einem etwas leichteren Thema. Mateo hatte über die Jahre einiges an Tattoos gesammelt, jedes einzelne davon absolut perfekt, aber halt auch...viel.
    • Mateo

      „Das wird ganz sicher eskalieren. Ich versuche momentan, genug Steine als Tränengas-Schutz aufzutreiben, um sie auszuteilen. Ich rechne mit allem, auch wenn wir dort nur sitzen werden“, murmelte er vor sich hin und schob schließlich seinen leeren Teller von sich weg. Er drehte sich zu Valentin herum. „Eigentlich ist es besser, wenn du nicht dabei bist, wenn ich so darüber nachdenke. Wenn dir was passieren würde, würde mein friedlicher Protest sehr schnell unfriedlich werden“, sagte er und grinste. Er lehnte sich zu Valentin und zog ihn kurz in eine halbe Umarmung.
      „Oh, ich hab Platz“, sagte er schließlich. „Eigentlich muss das Tattoo ja dir gefallen, weil du es öfter siehst, als ich“ Er überlegte kurz und stand schließlich auf, stellte sich mit dem Rücken zu Valentin und hob seinen Pullover an. Sein Rücken war zu einem guten Teil mit Tattoos gefüllt, die meisten Sigillen und Pflanzen, aber auch mal eine Katze oder sehr abstrahierte Sonne. Prinzipiell ließ er sich schnell zu Motiven hinreißen, die ihm irgendwie gefielen, ohne eine tiefere Bedeutung zu haben.
      Mateo tippte mit den Fingern auf seinen eher leeren unteren Rücken, knapp über den niedrig sitzenden Bund seiner schwarzen Jogginghose. Er drehte den Kopf zu Valentin. „Tramp Stamp“, sagte er unschuldig. Es war zugegebenermaßen eine ziemlich spontane Idee gewesen, aber ihm ging am Oberkörper tatsächlich irgendwann noch der Platz aus, deshalb wurden die Positionierungen langsam etwas kreativer. Und kleine Flügel symmetrisch über seinem Arsch positioniert waren so exzentrisch dass Mateo sofort ein Fan von der Idee gewesen war. Es war sexy, witzig wenn man zu viel darüber nachdachte, und außerdem eine freie Stelle an seinem Körper.
      „Wie gruselig fändest du es, wenn Maeve noch ein paar Augen auf die Flügel tätowiert? Zu beobachtet?“, fragte er ernst. Es war natürlich ein Scherz. Aber er liebte es, seinen Freund ein bisschen auf den Arm zu nehmen. „Abgesehen davon fühle ich mich richtig… verbunden mit dem Design. Wenn meine Abuelita doch mal lästig wird, zeige ich ihr mein Arschgeweih und sage ihr, dass Gottes Bote persönlich dabei zusieht, wie ich ihre Religion schändige. Das ist… poetisch und wunderschön. Ich glaube, ich tätowiere mir auch Jesus auf die Brust“
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    • Valentin

      Mateo hatte öfter ein paar exzentrische Ideen, aber die Flügel als Arschgeweih und die Hoffnung, seiner Oma damit eines auszuwischen, erwischten Valentin so unvorbereitet, dass er sich an seinem Essen verschluckte. Er stellte den Karton halb hustend, halb lachend zur Seite und wischte sich über den Mund, bevor er wieder zu seinem wundervollen, bescheuertenFreund sah.
      "Ich mache das nicht gerne, aber bei den Augen muss ich einen Veto einlegen. Bei Jesus auch." Er musste immer noch ein wenig lachen während er etwas näher an die Sofakante rutschte und immer noch sitzend seine Arme um Mateos Hüften legte. "Aber ich bin der Idee mit dem Arschgeweih seltsamerweise nicht abgeneigt." Er grinste leicht, während er einen Kuss auf die Stelle an Mateos Wirbelsäule drückte wo das Tattoo hin sollte. Wahrscheinlich hätten ihn die Augen auch nicht gestört, wenn Mateo sie nicht angesprochen hätte. Er nahm die Tattoos beim Sex meistens sowieso nicht mehr richtig wahr, weil er zu abgelenkt von allem anderen war, aber der Effekt funktionierte nicht richtig, wenn er plötzlich vorher schon super konzentriert auf eines von ihnen wäre. Es wäre ein wenig so, als ob er beobachtet werden würde und das wäre einfach furchtbar seltsam. Da bevorzugte er wirklich die Pflanzentattoos.
      "Ich hätte ein echt schlechtes Gewissen, wenn wir damit versehentlich deine Großmutter töten, weil sie so geschockt ist", fuhr er viel zu ernst fort, während er Mateos Wirbelsäule ein wenig hinauf küsste. "Denkst du, wir müssten auf ihrer Beerdigung dann immer noch so tun, als ob wir nur befreundet wären? Sie mag mich. Ich fänd es furchtbar, wenn sie uns als Poltergeist heimsuchen würde, oder so." Er grinste leicht, während er von Mateo abließ. "Nicht, dass du die Flügel am Ende noch mit Teufelshörnern covern lassen musst, oder so." Obwohl das manchmal wahrscheinlich eh besser zu ihm passen würde, wenn man Valentin fragte.
    • Mateo

      „Hm. Vielleicht hänge ich auch ein bisschen zu sehr an ihr für solche drastischen Maßnahmen“, gab er nach. Er hatte eigentlich nur ein wenig gescherzt und nicht vorgehabt, Valentin vom Essen abzuhalten, aber es tat Mateo mit jedem Kuss an seinem Rücken weniger leid.
      „Also bist du ein Fan von den Flügeln?“, fragte er, lächelte und drehte sich herum. Er legte seine Hände an Valentins Kopf und strich ihm durch seine hübschen Locken. Manchmal war das alles was Mateo brauchte um nach einem langen Tag zu entspannen.
      „Teufelshörner sind zu sehr in-your-face. Außerdem bin ich viel zu nett. Das hätte einfach nicht dieselbe Wirkung“ Er beugte sich zu ihm herunter und küsste Valentin. Der Geschmack von Curry hing an beider ihrer Lippen. „Wir haben keine Wochenend-Pläne, wenn wir das Essen morgen Abend ausfallen lassen, oder?“ Er lächelte. Sie waren beide recht beschäftigt mit ihrer Arbeit oder ihren… Hobbies, aber sie schafften es ziemlich gut, Zeit füreinander zu finden. Es war natürlich noch etwas einfacher, wenn man zusammen lebte, aber Mateo hatte trotzdem nicht vor, ihre Beziehung in den nächsten dreißig Jahren irgendwann einschlafen zu lassen. Dafür hatte er zu viele Date-Ideen und zu viel Spaß daran, Valentin mit sich herumzuschleppen, egal wohin.
      „Das ist super, weil ich nicht ins Studio gehe und meine Hand vom Zeichnen eine Pause braucht, bevor ich chronische Schmerzen entwickle und arbeitslos werde. Also, was machen wir? Es gibt noch ungefähr fünfzehn Museumsausstellungen diesen Monat, die ich noch nicht gesehen hab, ein paar interessante Kinofilme, Theateraufführungen und meine letzten paar Gutscheine für Yoga-Stunden. Ich lasse dich dieses Wochenende nicht mit deinen Bar-Buddies komasaufen, nur über meine Leiche. Du bist das einzige, das meinen Kopf abschalten lässt und ich brauche eine Pause. Wir könnten auch einkaufen gehen. Oder zu einem Kunstmarkt. Oder wir machen einen spontanen Roadtrip?!“ Mateo atmete kurz durch und zwang sich, runterzukommen. Er setzte sich wieder. Vielleicht hatte er auch zu viele Ideen. Aber gab es sowas überhaupt? Er war einfach nicht besonders gut darin, stillzusitzen, wenn er nicht gerade todkrank oder ein überarbeiteter Zombie war. Er hatte schon als Kind seine Eltern ziemlich auf Trab gehalten indem er sich mit höchster Motivation durch jeden Klub gearbeitet hatte, der in der Schule angeboten wurde. Mittlerweile klammerte er sich an diese Lebensfreude schon ein wenig, wenn ihn der Zustand der Welt zu sehr runtergezogen hatte.
      „Deine Wahl. Ich kann dir auch gerne noch mehr Dinge auflisten“ Er lehnte sich zurück und kippte ein kleines Stück zu Valentin. „Sauna… Stadtwanderung… Nightclub…“, flüsterte er. Man durfte die Liebe seines Lebens doch noch etwas belästigen, oder?
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    • Valentin

      “Ich lass das mal so stehen”, kommentierte Valentin grinsend, als Mateo behauptete, für Teufelshörner zu lieb zu sein. Seine Lippen brannten ein wenig von dem Kuss - Mateo hatte schärferes Essen immer schon deutlich besser verkraftet als er, aber Valentin konnte sich bei so einem wundervollen Kuss nicht beschweren. Er hatte auch gar nicht erst die Gelegenheit dazu, weil Mateo sich sofort in die Planung fürs Wochenende stürzte, das wohl zwei Monate lang sein musste, wenn sie mit all den Vorschlägen durchkommen wollten.
      “Möchtest du das spontan nach Gefühl entscheiden, oder soll ich eine Liste zusammenstellen, wie wir das meiste an den zwei Tagen schaffen? Oder jeder von uns bekommt einen Tag, um den anderen zu überraschen.” Eigentlich hatte Valentin auch nichts gegen ein gemütliches Wochenende auf dem Sofa, aber Mateos Energie war, wie immer, furchtbar ansteckend und wahrscheinlich wäre es wirklich von Vorteil, wenn sie beide aus der Wohnung raus kamen. Mateo konnte eh nie lange still sitzen und Valentin wollte nicht zu viel Zeit haben, um über die Arbeit nachzudenken. Da sah er wirklich lieber zu, wie Mateo von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück flitzte, oder begeistert einem Theaterstück folgte. Wenn Mateo glücklich war, hob sich Valentins Laune sowieso automatisch.
      "Oder du machst Theater und Yoga, ich mache in der Zeit Kino und Nightclub und dann tauschen wir uns danach darüber aus", schob er scherzhaft hinterher, während er nach Mateos Hand griff, um sie sanft zu massieren. "Dann müssen wir das Essen mit deiner Oma doch nicht ausfallen lassen, sondern nutzen das als Treffpunkt", scherzte er weiter. Streng genommen konnte er es sich eigentlich nicht erlauben, Pläne fürs Wochenende zu machen. Er hatte noch keine Ahnung, was ihn morgen bei MLO erwarten würde.
      Valentin ging nicht davon aus, dass ihre kleine Hilfsaktion unentdeckt geblieben war. Der Fall an sich rauschte schon durch die Medien und es würde wohl ziemlich offensichtlich werden, dass wenigstens ein paar seiner Kollegen involviert gewesen waren, auch, wenn sie kein offizielles Go bekommen hatten. Er würde nicht gekündigt werden, aber er hatte keine Ahnung, was ihn sonst erwartete. Eigentlich wäre er nicht mal überrascht, wenn er den kompletten Fall am Wochenende aufarbeiten dürfte. Aber diese Planung hier gefiel ihm deutlich besser.
    • Mateo

      „Es reicht, wenn du dir ein oder zwei Dinge aussuchst“, schmunzelte Mateo. Er liebte es, dass Valentin mitspielte. „Wenn ich das Ziel hätte, in kürzester Zeit die Stadt zu erkunden, würde ich damit nicht genau dieses Wochenende anfangen. Außerdem fehlt dann der Knackpunkt: Du musst bei mir sein, damit ich nicht auf die Idee komme, zu arbeiten“ Er lehnte sich an Valentins Schulter und sah dabei zu, wie er an seiner Hand herumdrückte.
      „Du kannst einen Tag haben und bestimmen, was wir machen“, murmelte er schließlich. Auch wenn sie den ganzen Tag nur zuhause sitzen würden, könnte Mateo sich das wunderbar zur Aufgabe machen, wenn Valentin es sich wünschte. „Aber sei dir darüber im Klaren, dass ich nächstes Wochenende zum Großteil mit Freunden verplant habe und jede Sekunde zählt. Obwohl ich auch den Mehrwert darin sehe, im Vorhinein meinen Valentin-Speicher aufzuladen, indem wir den ganzen Tag im Bett verbringen“ Mateo genoss es schon, überhaupt nur zusammen hier zu sitzen und Pläne zu machen. Er wäre wohl mit jedem Endszenario zufrieden. Aber es stimmte: Manchmal wollte er so viel Quality Time wie möglich in einem kleinen Time-Slot unterbringen, weil es oft genug Phasen gab, in denen er zu beschäftigt war. Er konnte seinen Job gut vernachlässigen, weil er nicht schlecht verdiente, aber beim Aktivismus sah es anders aus. Wenn er zwischendurch noch Freiwilligenarbeit machte, übernahm er sich ab und zu und es blieb kaum Zeit übrig, die er mit Freunden, seiner Familie oder mit Valentin verbringen konnte. Wahrscheinlich kam der übermäßige Enthusiasmus auch ein bisschen vom schlechten Gewissen.

      Richard

      Richard zählte wie ein Vollidiot die Minuten auf der Uhr, bis etwa zwei Stunden vergangen waren, nur um die Information zu bekommen, dass Caleb wohl am Leben aber noch unter Narkose war. Um ihn herum kamen und gingen die Besucher und er saß, noch immer, wie versteinert auf demselben verdammten Stuhl wie vor drei Stunden. Gerade als er überlegte, Andrew einen knappen Besuch abzustatten, kam der Krankenpfleger von letztem Mal wieder vorbei und erlöste Richard. Es war ein wenig traurig, dass er mittlerweile der einzige war, der noch gewartet hatte. Wahrscheinlich sollte er Ezra recht schnell Bescheid geben, dass sein Bruder wieder ansprechbar war. Aber andererseits… gefiel ihm das Privileg ein wenig. Als hätte er nun eine wichtigere Stellung eingenommen, als Calebs Familie. Nach allem, was er für diesen Chihuahua getan hatte, war es auch besser so.
      Richard folgte dem Krankenpfleger und schluckte kurz, als er Caleb sah. Das letzte Mal hatte er noch im Krankenwagen im Sterben gelegen und jetzt sah er völlig normal aus. Müde… Aber nicht mehr blutverschmiert. Sein Gesicht hatte nicht den winzigsten Kratzer.
      Richard ging leise zu ihm herüber und beugte sich nach einem Moment etwas über ihn, um ihm seine völlig zerzausten Haare ein wenig zurechtzustreichen. „Na? Ich wusste garnicht, dass du mittlerweile Zauberkräfte entwickelt hast“, murmelte er. Wenn er eins wusste, dann, niemals wieder Steine in Calebs unmittelbare Nähe zu lassen.
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    • Valentin

      "Ich vermisse dich jetzt schon", antwortete Valentin trocken, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. "Das Bett hebe ich mir für das Finale am Abend auf, aber der Rest des Tages verplane ich schon noch mit irgendwas. Lass dich überraschen." Er drückte Mateo einen Kuss auf die Wange und machte sich die mentale Notiz, später auf Social Media nachzuschauen, was sein Freund in letzter Zeit geliked und geteilt hatte. Meistens war immer irgendeine neue Ausstellung oder eine Show dazwischen, zu der er Mateo einladen konnte. Zumindest hatte ihn diese Taktik in den letzten Jahren noch nie hängen gelassen. Für Notfälle hatte er sogar noch eine kleine Liste mit Dingen im Handy, die sie ohne Zeitbeschränkungen machen konnten, falls er mal nichts finden würde. Städtetrips und ähnliches. Mit Mateo zusammen zu sein war unfassbar einfach, wenn man ihm richtig zuhörte und sich ein wenig Mühe gab und Valentin war absolut bereit, alles in diese Beziehung zu stecken, was er hatte.


      Caleb

      Caleb hatte seine Hand auf den Stein in der Hand seines Vaters gepresst und konnte fühlen, wie er nach und nach die Kontrolle übernahm. Sein Vater war immer schon ziemlich gut im Umgang mit Steinen gewesen, aber er konnte sie nicht so fühlen, wie Caleb sie fühlte und er fühlte gerade jeden einzelnen Stein der auf der Haut seines Vaters lag. Hautkontakt, mehr brauchte es nicht, um einen Stein zu nutzen und den hatte er. Theoretisch. Indirekt. Er konnte fühlen, wie sein Vater einen Stein gegen ihn richtete und konzentrierte sich mit jeder Faser seines Bewusstseins darauf, den Stein von sich abzulenken.
      Für einen Moment herrschte irgendwas zwischen einem Blitzgewitter und einem Feuerwerk in Calebs Kopf. Es war, als ob diese eine kleine Verbindung zwischen seinem Vater, ihm und dem Stein zwischen ihnen eine Brücke zu den anderen Steinen geschlagen hätte. Eine Brücke, die Caleb wunderbar ausnutzen könnte. Er nahm nichts mehr um sich herum wahr. Sein komplettes Bewusstsein beschränkte sich auf die Steine um ihn herum, die immer mehr und mehr wurden, während irgendetwas furchtbar schief lief, sich aber nicht mehr stoppen ließ. Er wusste nicht mehr wer die Oberhand hatte, während die Steine ein Eigenleben entwickelten. Er gab ihnen nicht mehr seine Energie - sie nahmen sie sich, während Caleb von Sekunde zu Sekunde panischer wurde.
      Er konnte hören, wie sein Vater irgendwas sagte, verstand die einzelnen Worte und den Namen, den er seit Jahren nicht mehr gehört hatte und nie mehr hören wollte, konnte den kompletten Satz aber irgendwie nicht verarbeiten. Und dann wurde alles schwarz.

      Das erste, was Caleb bemerkte, als er wach wurde, war der Schmerz. Ein dumpfes Pochen, das durch seinen Körper strahlte. Er brauchte viel zu lange um zu realisieren, wo er war und bereute es fast wach geworden zu sein, als er endlich feststellte, dass er in einem Krankenhaus lag. Das war das dritte mal, dass er in einem Krankenhaus gelandet war und bisher war das Erlebnis immer furchtbar gewesen. Seine Eltern hatten ihn fast vollkommen alleine gelassen, als er mit 6 an den Mandeln operiert worden war, nach der Brust OP mit 19 war er von einer netten SMS begrüßt worden, dass er die OP nicht als Vorwand nutzen sollte, weniger zu arbeiten und als er vor ein paar Jahren nach einem Messerstich genäht werden musste, hatte er sich sogar selbst hergefahren. Krankenhäuser waren kalt, steril und deprimierend. Weshalb er kurz davon ausging, dass er halluzinierte, als Richard in den Raum kam.
      "Ich weiß nicht, was ich gemacht habe, aber das werde ich nie wieder tun", erklärte er überzeugt, während er Richard seine Arme entgegenstreckte, um ihn näher an sich zu ziehen und sicher zu gehen, dass er wirklich hier war und er ihn sich nicht bloß einbildete.
      "Wenn ihr nochmal sowas durchziehen wollt, bleibe ich zuhause, mit einem guten Buch, einem Film und vielleicht einem Hund. Wir sollten uns einen Hund holen. Können wir uns einen Hund holen?" Richard war tatsächlich hier. Caleb war sich trotzdem nicht ganz sicher, ob er selbst vielleicht nicht noch ein bisschen high von dem Schmerzmittel war. Sein Kopf fühlte sich vollkommen durcheinander an.
      "Du siehst furchtbar aus", fuhr er fort, während er seine Arme von Richards Hals zu seinem Gesicht wandern ließ und kurz sanft über die genähte Unterlippe strich. "Ich glaube, ich wollte das nicht laut sagen. Sorry. Was ist passiert? Sind die anderen okay?"
    • Richard

      „Besser ists“, erwiderte er und ignorierte das plötzliche, einzelne lautere Pochen seines Herzens, als er Calebs Stimme hörte. Okay, vielleicht hatte er zwischendurch gedacht, dass er ihn nie wieder sehen würde. Über den Tag vielleicht auch mehr als einmal.
      Richard stützte eine Hand aufs Bett und ließ sich von Caleb an ihn ziehen, hielt aber genügend Widerstand, um nicht versehentlich mit seiner Bauchgegend in Berührung zu kommen und das Krankenhaus mit Schmerzensschreien aufzuwecken, oder so etwas. Aber Caleb hatte ganz andere Sorgen. „Ähh… ich weiß nicht…“, fing Richard etwas verwirrt an, als Cal ihm etwas von einem Hund ins Ohr nuschelte. Er meinte das nicht ernst, oder? Besser, Richard ignorierte diese Aussage bis Caleb vergaß, sie gemacht zu haben.
      Er blinzelte den Blonden an, als er direkt mit einem Seitenhieb weitermachte. „Oh. Danke. Darf ich dich darauf hinweisen, dass die meisten Blutflecken deine Schuld sind?“ Er löste sich aus Calebs Griff und zog einen Stuhl an den Bettrand heran. Wenigstens war er munter und wohlauf, wenn er schon so viel Mist reden konnte. „Es geht allen gut. Oh, außer deinem Vater. Der ist tot. Aber Andrew ist wach, Ezra ist bei ihm und Niamh ist zuhause. Deine Mutter ist wohl erstmal in Untersuchungshaft“ Richard schwieg kurz und erinnerte sich plötzlich, dass sein eigener Hass auf Calebs Vater nicht automatisch hieß, dass dieser die neue Information nicht irgendwie kritisch fand. Anscheinend hatte er doch zu viel Zeit mit Ezra verbracht.
      „Ähm… ich weiß leider nicht, was das für eure seltsame Organisation bedeutet, aber falls es hilft… holen wir uns einen Hund“ Gab es irgendeine gute Methode, um seinem Freund zu erklären, dass seine Schwester ihren kriminellen Psycho-Vater abgestochen hatte? „Ich kümmere mich um den aber nicht. Ich kann Hunde absolut nicht leiden. Also wär‘s besser, wenn du erstmal wieder in der Lage bist, mit ihm spazieren zu gehen“, schob er direkt nach. Soviel dazu, das Thema nie wieder anzusprechen.
      Richard räusperte sich. „Du bist okay, oder?“, fragte er und blendete die Geräte aus, an die Caleb angeschlossen war. Klarerweise fragte er nach seinem Gemütszustand. Obwohl sie nach dem heutigen Tag vielleicht alle etwas traumatisiert waren. Aber hey… wenigstens würde Niamh Caleb‘s gemischte Gefühle abbekommen, und nicht Richard, weil sie die Mörderin war. Richard hatte heute dagegen sogar mindestens zwei Leben aktiv gerettet.
      „Sehr lange hätte er eh nicht mehr zu leben gehabt…“, murmelte Richard. Er hatte keine Ahnung, wie er Caleb trösten sollte, aber dieser Gedanke würde ihm zumindest helfen, wenn man seine eigenen Eltern vor seinen Augen erstochen hätte. „Und wenn es nicht heute passiert wäre, wäre Ezra definitiv zurückgekommen und hätte ihm das an einem anderen Tag angetan, so wie das ausgesehen hat. Er war immerhin drauf und dran ihn abzufackeln, das wäre vermutlich noch schmerzhafter gewesen. Okay, ich bin mir nicht sicher, was ich noch sagen kann, weil ich es alles andere als traurig finde. Und ehrlich gesagt war mir nur wichtig, dass du überlebst, weil ich deine ganze Familie sonst auch eigenhändig kalt gemacht hätte. Also Ende gut alles gut?“ Die einzige logische Schlussfolgerung.
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    • Caleb

      "Oh." Caleb erstarrte, als Richard ihm ohne irgendeine Art von mentaler Vorbereitung sagte, dass sein Vater tot war. Es war seltsam. Sein Vater war kein guter Mensch gewesen und trotzdem... Er war immer noch sein Vater, nicht? Caleb blinzelte während er versuchte seine Gefühle zu sortieren. Trauer, mehr um das was hätte sein können, als um die Person, die sein Vater gewesen ist. Erleichterung darüber, nicht mehr auf jedes Wort und jede Tat achten zu müssen. Entsetzen darüber, dass er tatsächlich erleichtert über den Tod seines eigenen Vaters war.
      Er zuckte mit den Schultern, als Richard ihn fragte, ob er okay war. Die Bewegung zog ein wenig, nicht schmerzhaft, nur furchtbar unangenehm. Er war eigentlich nie so richtig okay gewesen, aber er hatte auch noch nie das abartig niedrige Level erreicht, bei dem er auch nur annäherungsmäßig soetwas wie Freude über den Tod seines Vaters gefühlt hatte. Am Ende hatte er recht gehabt - Caleb war eine furchtbare Enttäuschung, nicht? Er konnte nicht mal richtig trauern.
      "Was genau ist passiert?", fragte er, ohne die Antwort eigentlich wirklich wissen zu wollen. Seine Erinnerung war seltsam. Er wusste irgendwie fast instinktiv, dass sein Vater auf ihn geschossen hatte, aber er konnte die Erinnerung daran nicht in seinem Kopf abspielen. Er wusste nicht mehr, wer wo gestanden und was gemacht hatte. Er war sich nicht mehr sicher, ob er nach dem Schuss wach, oder ohnmächtig gewesen war. Er hatte noch nie so ein Chaos in seinem Kopf erlebt.
      "Warte. Vergiss es. Ich glaube, es ist besser, wenn ich es nicht weiß." Zumindest noch nicht. Eins nach dem anderen. Er musste erstmal damit klarkommen, dass sein Vater überhaupt tot war, bevor er sich weitere Selbstvorwürfe machen konnte. Außerdem war Richards unsensible Art - so sehr er sie sonst auch schätzte - gerade nicht unbedingt das, was er brauchte. Vielleicht sollte er Ezra fragen, oder Niamh.
      "Wie geht es dir?", fragte er stattdessen. "Wie spät ist es? Hat das Krankenhaus dich angerufen, als ich wachgeworden bin, oder...?" Caleb hatte absolut kein Zeitgefühl mehr. Richard trug immer noch die blutverschmierte Kleidung, also konnte er nicht länger als ein paar Stunden im OP gelegen haben, außer Richard hatte sich direkt zurück in die Arbeit gestürzt und die Nacht durchgemacht, ohne seine Kleidung zu wechseln, was Caleb sich nicht vorstellen konnte. Obwohl...vielleicht schon, irgendwie. Vielleicht hatte Ezra ihn angerufen, als Caleb wachgeworden war und Richard machte nur eine kurze Pause, oder so.
    • Richard

      Richard setzte bereits dazu an, die Nacherzählung schnellstmöglich hinter sie zu bringen, als müsste er ein Pflaster abreißen, aber Caleb erlöste ihn davon zum Glück noch rechtzeitig. Oder eher sie beide. An Calebs Stelle würde er auf diese Hiobsbotschaft auch lieber noch eine Weile warten wollen.
      „Oh. Alles okay. Die paar Kratzer und ein blaues Auge sind nicht das Schlimmste, das ich erlebt habe“, sagte er und lehnte sich etwas zurück. „Mich angerufen?“, fragte er dann etwas ungläubig. Klar, als hätte irgendjemand den Kerl angerufen, der mit dem Patienten ab und zu das Bett teilte. Er sah kurz auf die Uhr. „Es ist halb 7. Ich weiß nicht genau, wie lange ich schon hier bin, aber mein Arsch tut vom Sitzen weh, also war das hoffentlich deine letzte Operation, die ich miterleben muss“ Gut, er hätte auch mal aufstehen und sich die Beine vertreten können, aber dann hätte er vielleicht den Krankenpfleger verpasst und Calebs Geschwister waren ja anderweitig beschäftigt.
      „Und nur, bevor das in den Erinnerungen aller untergeht und du es nie erfährst: Ich hab deinem anstrengenden Bruder das Leben gerettet und dir auch, wenn wir ehrlich sind. Irgendjemand sollte deinen Geschwister mal einen Erste-Hilfe-Kurs bezahlen, weil es nämlich keine Leben rettet, wenn man auf der Stelle einfriert“, sagte er und zeigte auf Caleb, als würde er ihm eine Lehre erteilen. Vielleicht tat er das auch. Immerhin wäre er selbst sicher auch einfach nur doof herumgesessen und hätte dabei zugesehen, wie Richard verblutete.
      „Oh, ich bin gespannt, wie du das ausgleichen willst. Diese Beziehung ist ab sofort völlig aus dem Gleichgewicht geraten“ Er schmunzelte leicht und lehnte sich schließlich wieder zum Bett vor. Er sah Caleb ernst an. „Das war ziemlich unheimlich, mach das nie wieder“, sagte er, als hätte das irgendjemand unter Kontrolle. Obwohl… das bisschen Kontrolle, das man über so etwas haben konnte, würde Richard ergreifen. Sie hielten sich ab sofort einfach von solchen Schnapsideen fern, wie zu viert eine Entführung zu stoppen. Er hatte es ja von Anfang an gewusst. Das konnte alles nur schiefgehen. Aber wie immer hatte niemand auf ihn gehört.
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    • Caleb

      Calebs Gefühlschaos wurde von purer Irritation abgelöst, als Richard ihm erklärte, dass er offenbar die ganze Zeit hier gesessen hatte. Davon war er keine Sekunde lang ausgegangen, weil ihm die bloße Idee so vollkommen abwegig vorkam, was verrückt war. Sie waren zusammen. Caleb hätte auch auf Richard gewartet, wenn er derjenige im Krankenhausbett gewesen wäre. Trotzdem machte das alles ihn irgendwie unverhältnismäßig glücklich, vollkommen ohne schlechtes Gewissen wegen irgendwas. Als Richard in seine kurze Ansprache über den Erste Hilfe Kurs ausartete, musste er sogar ein wenig schmunzeln, obwohl er nicht genau sagen konnte, wie lange sein eigener letzter Kurs zurück lag.
      "Ich habe nicht vor, mich bei sowas nochmal einzumischen. Ich meine das mit dem Zuhausebleiben wirklich ernst." Das war definitiv mehr Action gewesen, als er ausgehalten hatte. Genug, um für den Rest seines Lebens doppelt so vorsichtig zu sein. Er war nicht für sowas gemacht - die Anspannung, die Gewalt, die Nahtoderfahrung. Er hatte keine Ahnung, wie sich Richard aktiv für so einen Job entscheiden konnte.
      "Danke. Für das doppelte Lebenretten und dafür dass du überhaupt geholfen hast, auch wenn du eigentlich auch einfach hättest gehen können." Er lächelte leicht, während er zu Richard sah, der wirklich etwas ramponiert aussah. Für ihn mochte das nicht schlimm sein und Caleb glaubte ihm irgendwie, dass er schon schlimmeres durchgemacht hatte, aber all diese Schnitte und Kratzer hätte er sich theoretisch auch komplett sparen können. Es hätte für Richard wahrscheinlich keine richtigen Konsequenzen gegeben, wenn er zuhause geblieben wäre. Genau so, wie er jetzt zuhause sein könnte. Es wäre vollkommen logisch gewesen, wenn Richard nachhause gegangen wäre. Sich frisch machen, umziehen, vielleicht etwas schlafen, aber stattdessen hatte er stundenlang hier darauf gewartet, dass Caleb wach wurde, was immer noch nicht so richtig in seinen Kopf rein wollte. Am liebsten würde er ihn an sich ziehen und im Gegenzug für die nächsten Stunden nicht los lassen, aber das dumpfe Pochen irgendwo in seinem Unterleib verriet ihm, dass das keine gute Idee wäre, also entschied er sich für die nächstbeste Lösung.
      "Ich liebe dich." Es fühlte sich seltsam an, es auszusprechen und Caleb hatte leiser gesprochen, als er vorgehabt hatte. Sein Herz schlug ein wenig zu schnell, aber er wusste nicht, ob es Panik oder Nervosität war. "Ich hätte dir das wahrscheinlich schon viel früher sagen sollen." Aber er hatte sich nie getraut. Er hatte allerdings auch nie damit gerechnet, dass es vielleicht irgendwann einen Punkt geben würde, an dem es zu spät wäre.
    • Richard


      "Hmm… Dann sollte ich vielleicht auch kündigen und wir verlassen beide nie mehr das Haus. Mir reicht es nämlich auch langsam", murmelte Richard, halb im Scherz. Er war wirklich erledigt. Ein gut vorbereitetes, trainiertes Team versus… ihre völlig unfähige Chaos-Truppe – da lagen Welten dazwischen, auch wenn Richard sich selbst über seine Kollegen genügend beschweren konnte. Er hatte das Gefühl, mit dieser Aktion sämtlichen Willen verloren zu haben, sich nochmal um irgendeinen Menschen zu kümmern. Mit Ausnahme von Caleb, der allgemein einfach vollkommen hilflos war und einem keine andere Wahl ließ. Außerdem war es irgendwie eher süß als nervig, wenn er rettungsbedürftig war. "Ich hätte nicht wirklich einfach gehen können", widersprach Richard deshalb leise. Er erwiderte Calebs langsames Blinzeln in seine Hand gestützt und wurde ein wenig müde. Vielleicht würde er sich zu ihm ins Bett zwängen und eine Runde schlafen?
      … Hatte er das eben richtig verstanden? Richard widerstand dem Drang, 'Hä?' zu sagen, damit Caleb seine Worte wiederholte, weil sie noch rechtzeitig sinngemäß in seinem Kopf ankamen. Das war völlig aus dem Nichts gekommen. Richard überlegte kurz, ob er durch seine Müdigkeit halluzinierte, aber Caleb setzte noch eins drauf. Oh Gott, er hätte es ihm definitiv nicht früher sagen sollen und vermutlich auch jetzt nicht. Richard konnte fast spüren, wie die Zahnräder in seinem Gehirn einfach stoppten und ihn mit dieser Angelegenheit völlig alleine ließen. Caleb liebte ihn? So richtig auf… 'Ich kann nicht ohne dich' und er sprach das freiwillig aus? Richard hatte darüber so einige Witze gerissen und jetzt das Gefühl, dass die natürlichste Antwort gerade sein musste 'Klar tust du das, ich hab dein Leben gerettet' aber seltsamerweise brachte er weder das über die Lippen, noch eine richtige Antwort.
      Es war irgendwie… nett zu hören.
      Richard beugte sich zu Caleb vor und küsste ihn instinktiv. Warum das seine Antwort war, wollte er nicht zu genau hinterfragen. Es wäre schön, wenn sie das hier beide einfach vergaßen und ganz normal weitermachen konnten. "Ich liebe dich auch"
      Huh? Nein, das… Wieso hatte er das eben gesagt?
      Richard strich mit den Fingern sanft ein paar Strähnen von Calebs Stirn während er die Sensation bestmöglich verdrängte, dass in ihm gerade eine Art Krieg ausgebrochen war. "Wenn du das nochmal hören willst, musst du wohl wieder so einen dramatischen Auftritt hinlegen wie heute" Wenn sein Herz weiter so pochte, als würde er geradewegs in eine Panikattacke schlittern, machte er Caleb den dramatischen Auftritt vermutlich auch gleich nach.
      "Mh… ich sollte Ezra endlich Bescheid geben, dass du wach bist, damit ihr euch gegenseitig nerven könnt", brachte er endlich heraus und stand auf. Er brauchte nur etwas Luft und einen größtmöglichen Radius ohne Menschen um ihn herum.
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    • Caleb

      Er hatte so viel Zeit damit vergeudet zu überlegen, was er tun würde, wenn Richard ihn abweisen würde, dass Caleb irgendwie nie so richtig überlegt hatte, was er tun würde, wenn Richard seine Gefühle erwidern würde. Obwohl ihm das wahrscheinlich sowieso nicht viel geholfen hatte. Irgendwie reagierte er vollkommen automatisch mit einem viel zu glücklichen Lächeln, während in seinem Kopf erneut ein Feuerwerk explodierte, diesmal im positiven Sinne. Der Moment war widerlich kitschig, eigentlich überhaupt nicht ihre Art, unnötig dramatisch und doch irgendwie absolut perfekt.
      "Dann werde ich es wohl nie wieder hören", antwortete er amüsiert, während er überrascht feststellen musste, dass er es Richard wirklich gerne nochmal sagen hören würde. Irgendwie hatte er sich darüber auch nie Gedanken gemacht. Ob es sich jedes mal so absolut berauschend anfühlen würde, wenn Richard ihm sagte, dass er ihn liebte? Caleb unterdrückte den plötzlichen, viel zu starken Drang sofort nach Hause zu gehen und nach Wegen zu suchen, um ihm die drei Worte nochmal zu entlocken. Das war ihm vorher nie so wichtig vorgekommen - jetzt erschien es ihm überlebensnotwendig.
      "Oh. Okay. Klar", antwortete Caleb, als Richard beinahe fluchtartig den Raum verließ, was...absolut nichts zu bedeuten hatte, richtig? Caleb verwarf die Selbstzweifel so schnell, wie sie gekommen waren. Nein. Das würde er sich nicht vermiesen lassen. Er seufzte, als Richard die Tür hinter sich zuzog und ließ sich zurück auf das Kissen fallen. Er hoffte wirklich, dass er schnell wieder hier raus kam.


      Ezra

      Das Formular, um im Krankenhaus übernachten zu können, war zum Glück recht kurz. Ezra hatte es noch am Schwesternzimmer ausgefüllt und direkt zurückgegeben, bevor er über einen Umweg über die kleine Krankenhauscafeteria mit einem Stück Kuchen zurück zu Andrew gegangen war. Es gab sonst nicht viel, womit er seinen Freund gerade irgendwie helfen könnte und Essen machte ihn normalerweise glücklich. Danach hatten sie einfach geredet. Ezra hatte kurz zusammengefasst, was in den letzten Stunden passiert war, bevor er versucht hatte, das Thema bestmöglich zu verdrängen und einfach über irgendwas belangloses zu reden. Zwischendurch war ein zweites Bett für Ezra ins Zimmer geschoben worden und John hatte ihm tatsächlich zwei Taschen vorbeigebracht - einmal die, die Ezra selbst mit nach Dublin gebracht hatte und einmal eine für Caleb. Ezra nahm beide entgegen, um seinem Schwager etwas Zeit zu sparen, erkundigte sich kurz nach Niamh und entließ John damit auch schon wieder, damit er ihr weiterhin Beistand leisten konnte.
      "Ich hatte ein paar von deinen Sachen mit eingepackt", erklärte er, während er Andrews Handy aus der Tasche zog und seinem Freund überreichte. Damit könnten sie zumindest schonmal die Sache mit dem Haus klären. "Ich bin mir nur nicht ganz sicher, was. Ich war ein bisschen abgelenkt." Er blinzelte kurz irritiert, als er eines von Nikos Kuscheltieren aus der Tasche zog, ohne sich daran erinnern zu können, es eingepackt zu haben.
      "Ich war absolut überzeugt davon, dass ich dich da raus hole, aber nicht entspannt genug dafür um sicher zu gehen, dass ich alles für dich dabei habe. Ich glaube, ich hab zwei Schlafanzüge eingepackt, aber keine Socken. Aber hey, dafür kannst du mit Nikos Topfpflanze kuscheln." Er stellte die Plüsch-Aloe-Pflanze auf Andrews Nachttisch. Ihr Zweitältester hatte einen furchtbar schrägen Sinn für Spielzeug und Ezra hoffte, dass sich das nie ändern würde.
      "Sollen wir die Kinder noch anrufen? Um gute Nacht zu sagen?", fragte er, während er sein eigenes Handy zückte. Er würde wahrscheinlich so oder so kurz anrufen, um Ada zu versichern, dass es ihnen allen gut ging, aber wenn Andrew zu müde war, würde er dafür schlicht raus gehen.
    • Richard

      Hatte er sie noch alle? Wieso hatte er das laut ausgesprochen? Es wäre schlimm genug gewesen, wenn er es nur gedacht hätte.
      Richard bewegte sich schnurstracks auf den nächsten Aufzug zu und brauchte trotz schnellen Schritten um die fünf Minuten um das Krankenhaus zu verlassen. Dann ging er eine Weile weiter, quer über den Parkplatz, stoppte und erinnerte sich, dass sein Auto nicht hier war. Es war nicht einmal in diesem Land.
      Die Luft war spät Abends immernoch ziemlich kalt. Richard wurde dank des sanften Windes gerade bewusst, dass er noch seine blutverschmierten Klamotten trug und für Außenstehende eher aussehen musste, als hätte er jemanden ermordet, als jemand, der einen viel zu kitschigen Moment mit seinem Freund erlebt hatte. Richard wollte sich den Kopf abreißen, wenn er darüber nachdachte. Doch, natürlich hing er an Caleb, das wagte er nichtmal mehr zu leugnen. Aber das war schon abartig genug. Er bekam eine Gänsehaut wenn er nur darüber nachdachte, dass es ihn wieder zum Betteln bringen würde, wenn sie sich je trennten. Seine Gefühle für Andrew waren auf ähnliche Art unheimlich gewesen, aber wenigstens waren sie immer unterschwellig von Wut begleitet gewesen, weil er keine Chance bei ihm hatte. Bei Caleb driftete alles in eine… erniedrigende Richtung ab. Und gerade eben war es noch weitaus erniedrigender geworden. Er hatte mit diesen dämlichen Worten komplett das Fünkchen Kontrolle abgegeben, das er noch hatte. Das einzige, das schlimmer war, als sich von seinen Gefühlen versklaven zu lassen, war, wenn die dafür verantwortliche Person auch noch darüber Bescheid wusste.
      Richard starrte kurz die Stoßstange eines Autos an, das in bester Entfernung für einen saftigen Tritt geparkt war, und drehte sich schließlich wieder um, um zurück ins Krankenhaus zu gehen. Er musste ja noch zu Ezra. Das war genau, was er gerade brauchte. Einen Blick in seine eigene gottverdammte Zukunft. Wenn er anfing, so an Caleb zu kleben, wie Andrew an Ezra, musste ihn jemand mit einem Kopfschuss erlösen.

      Andrew

      „Oh“, machte Andrew, als Ezra ihm auf einmal sein Handy reichte. Da war es ja. Dann konnte er wohl doch noch ein paar Anrufe machen…
      „Ja!“, unterbrach er seinen eigenen Gedanken laut, als Ezra fragte, ob sie gemeinsam die Kinder anrufen wollten. Nichts lieber als das. Die Maklerin konnte sicher noch ein wenig warten, wenn Andrew eine so verdammt gute Ausrede hatte, oder?
      „Und bist du die sicher, dass du derjenige warst, der die Pflanze eingepackt hat? Wie neben der Spur warst du?“, fragte er leicht amüsiert. Okay, Andrew hätte wahrscheinlich einfach garnicht gepackt und wäre zufuß und ohne Plan losgezogen. Insofern durfte er keine Ansprüche stellen. Aber er hatte das Gefühl, dass Niko die Pflanze in Ezras Tasche gequetscht hatte, weil Andrew auch schon ein oder zwei Mal seine Kuscheltiere in Ellis Wickeltasche gefunden hatte. Es war süß. Wenn er nicht selbst dabei sein konnte, sollte man halt zum Trost sein Zeug als Erinnerung haben. Eigentlich wollte Andrew am liebsten einen Videocall mit ihnen machen — ein Gedanke, der ihm im Leben zum ersten Mal kam. Aber so süß das mit der Pflanze auch war, die Wunden in seinem Gesicht hatten eher was von Frankenstein.
      Andrew setzte sich etwas auf, als Ezra sein eigenes Handy gefunden hatte, wurde aber plötzlich von der Tür abgelenkt, die sich öffnete. Da er entweder seine Krankenschwester oder die Ärztin erwartet hatte, war Richards Anblick ein kleiner Jumpscare. Er sah, gelinde ausgedrückt, mitgenommen aus, und brauchte dringend etwas frisches zum Anziehen. Allerdings hieß sein Besuch wohl, dass Caleb wach war.
      „Hey“, sagte Richard etwas leiser, als man von seiner Stimme gewohnt war, und sah Andrew an, als würden ihm dieselben Gedanken durch den Kopf gehen. Sie hatten beide bessere Tage erlebt.
      „Caleb ist wach, seine ersten Worte waren eine Beleidigung und ich würde sagen, minus der Schusswunde ging es ihm nie besser. Oder zumindest wird er das bald realisieren, wenn der Schock über Satans Tod verarbeitet wurde“, fügte er in Ezras Richtung hinzu. Eine interessante Anreihung an Worten. „Ich hole mir jetzt eins dieser Formulare, also… bis dann“ Richard wandte sich so schnell wieder zum Gehen, dass Andrew kaum noch dazu kam, ihn aufzuhalten.
      „Was- warte! Danke für deinen… Einsatz, heute. Ich bin mir sicher, dass es ohne dich nicht so gut ausgegangen wäre, also… wenn ich irgendetwas für dich tun kann, sag Bescheid“ Es war irgendwie gewöhnungsbedürftig, mit Richard außerhalb eines Streits zu sprechen, aber nachdem er Ezra davor bewahrt hatte, das Hirn weggeblasen zu bekommen, stand Andrew wahrscheinlich für immer in seiner Schuld. Noch besser wäre es gewesen, wenn Richard ihn irgendwo an einem sicheren Ort festgekettet hätte, aber man konnte nicht alles haben.
      Richard blinzelte Andrew ein paar Sekunden lang ungläubig an, bevor er antwortete, und irgendwie fragte Andrew sich in dieser kurzen Wartezeit bereits, ob er ihm so ein Versprechen wirklich hätte machen sollen.
      „Wow. Okay. Ich hätte dich das sowieso nie ableben lassen, aber wenn du es schon von dir aus ansprichst… Ich will eine Beförderung. Denk dir meinetwegen eine Position aus, die höher ist, als meine, und noch unter deiner liegt. Oh, außerdem eine fette Gehaltserhöhung und viel mehr Urlaub. Deutlich mehr Urlaub. Mein Vertrag mit dem Dezernat geht noch viel zu lange und ich muss das alles irgendwie wett machen. Mein Freund ist wegen dir fast draufgegangen also wenn du den Hauch von einem Gewissen hast-“
      „Okay, okay, ich hab noch garnichts gesagt. Das lässt sich alles einrichten…“, unterbrach Andrew ihn, bevor er sich selbst noch weiter in Rage reden konnte. Auch wenn es wohl verständlich war und Andrew ihn zum ersten Mal tatsächlich als Menschen wahrnahm.
      Richard nickte. „Jedenfalls… gut zu sehen, dass ihr beide so ekelhaft aneinander klebt wie eh und je. Bis dann“
      Andrew blinzelte zur Tür, als sie hinter Richard wieder zufiel. „Kann dieser Typ eigentlich mal einen normalen Auftritt machen?“, murmelte er und wollte wirklich unbedingt die Stirn runzeln, aber die Schmerzen war es einfach nicht wert. „Oh… willst du schnell den Anruf machen und dann zu Caleb?“, fragte er Ezra, fast etwas dringlich. „Oder ich telefoniere noch alleine mit ihnen, bevor sie schlafen gehen. Du hast die Kinder sowieso heute Morgen gesehen und ich das letzte Mal gestern Abend“ Andrew streckte den Arm leicht aus, soweit es ging, um Ezras Handy anzufordern.
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    • Ezra

      "Ich glaube aufrichtig, dass Richard sich sofort in Luft auflösen würde, wenn er einmal wie ein normaler Mensch drauf wäre. Zum Glück. Ich hatte gerade das Gefühl, irgendwie doch mit ihm warm zu werden." Ezra sah ein wenig irritiert auf die Tür, die Richard hinter sich hergezogen hatte. Sie hatten ihm nicht mal sagen können, dass John eine Tasche für Caleb vorbeigebracht hatte. Ezra würde sie gleich mitnehmen, das war selbstverständlich, aber der Auftritt war...typisch Richard gewesen. Uncharmant und gerade heraus. Ezra würde nie verstehen, was Caleb in ihm sah, aber das musste er zum Glück ja auch nicht. Er musste es offenbar einfach nur irgendwie akzeptieren.
      "Natürlich möchte ich bei dem Anruf dabei sein!" Ezras Aufmerksamkeit schnellte sofort zurück zu Andrew, als dieser den vollkommen unmöglichen Vorschlag machte, alleine zuhause anzurufen. Nur, weil er seine Kinder heute morgen noch gesehen hatte hieß es ja nicht, dass er sie nicht vermisste! Wenn Caleb zu Beleidigungen aufgelegt war, war es vielleicht sowieso ganz gut, wenn Ezra ihm noch etwas mehr Zeit zum Aufwachen gab. Er setzte sich wieder auf Andrews Bett, während er Adas Nummer antippte und sich das Handy ans Ohr hielt.
      "Ezra!" Ada hatte den Anruf so schnell entgegen genommen, dass Ezra ein wenig zusammenzuckte.
      "Ada, hey! Ich stelle auf laut." Ezra nahm das Handy vom Ohr und schaltete den Lautsprecher an. "Wir wollten uns nur kurz melden um Bescheid zu geben, dass alles okay ist. Wie sieht es bei euch aus?"
      "Durchwachsen. Wie geht es euch?"
      "Andrew ist ein bisschen lädiert, aber wach. Cal ist wohl auch gerade wieder wach geworden. Was meinst du mit 'durchwachsen'?" Ezra konnte sich schon vorstellen, dass es nicht sonderlich leicht gewesen war, auf vier Kinder aufzupassen, nachdem er etwas überstürzt gegangen war, aber irgendwie beunruhigte ihn das ein wenig.
      "Die Kinder sind ein bisschen...aufgekratzt. Max ist etwas angespannt und Niko lässt sich irgendwie zu leicht davon anstecken. Thomas und Steve waren eine wirklich gute Hilfe, aber ich habe die beiden über Nacht nach Hause geschickt. Ein paar Leute von MLO behalten das Haus von draußen im Auge und die Jungs übernachten bei Liz. Elli schläft schon bei mir im Zimmer", erklärte Ada. Sie klang furchtbar müde, was Ezra absolut nachvollziehen konnte.
      "Wir wollten den Kindern noch Gute Nacht sagen. Und sie vielleicht ein bisschen beruhigen."
      "Oh. Klar. Warte." Ezra konnte hören, wie Ada durch ihre Wohnung ging und eine Tür öffnete. Man konnte ein leises 'Jungs, eure Dads sind am Telefon' hören, bevor Adas Stimme von Niko übertönt wurde. Ezra konnte nicht ganz verstehen, was der Junge sage, aber es klang wie ein Mix aus Begeisterung und Erleichterung.
      "Geht es euch gut?", klang Max' Stimme verzweifelt aus dem Handy und brach Ezra fast das Herz. Es war furchtbar, den Jungen nicht direkt in die Arme ziehen und fest drücken zu können.
      "Uns geht es gut, Max. Es tut uns leid, dass das heute morgen so überstürzt war. Wir hatten nur einen kleinen Arbeitsnotfall", erklärte Ezra in der Hoffnung, den Jungen so zumindest ein bisschen zu beruhigen. "Wir sind auch ganz, ganz schnell wieder bei euch. Liz? Kannst du Max von mir umarmen?"
      "Ja!", schrie Liz beinahe durch den Hörer, auch wenn sich die nachfolgenden Geräusche eher wie eine Rangelei anhörten, als eine Umarmung.
      "Ihr übernachtet alle zusammen?", fragte Ezra, nur, um die Kinder irgendwie abzulenken.
      "Ja." Max klang, als ob er weinen würde.
      "Das ist doch cool!", munterte Ezra ihn auf. "Ihr könnt den ganzen Abend aufbleiben und reden! Sagt es nur nicht Andrew." Er zwinkerte Andrew kurz zu.
      "Aber ihr kommt ganz sicher wieder, oder?", fragte Max so leise, dass Ezra es fast überhört hatte. Er würde wirklich alles in seiner Macht stehende tun, damit Andrew möglichst schnell hier raus kam und sie wirklich ganz schnell wieder bei ihren Kindern sein konnten.
    • Andrew

      Andrew rutschte etwas an Ezra heran, um besser mitzuhören. Ada klang ein wenig erschöpft, was bei dem Chaos wahrscheinlich Sinn machte, und Andrew überlegte bereits, wie er sich schon wieder bei Steve und Thomas bedanken sollte. Es war jedenfalls gut, dass die Kinder so viele Leute um sie gehabt hatten, um sie abzulenken, aber Andrew bezweifelte, dass es bei Max großartig half, ihn auf Trab zu halten. Was Ada ihnen auch direkt bestätigte.
      „Oh, Ada“, wandte Andrew schnell ein, bevor sie das Handy abgeben konnte. „Falls sie nicht schlafen können, ist oben in der Küche in einer Holzbox auf der Theke so ein Früchtetee, den Niko sich ausgesucht hat, und beide Abends trinken“, informierte er sie. „Danke für deine Hilfe heute…“
      Andrew hatte zu Beginn von Nikos Alpträumen ein wenig recherchiert, was den Kindern helfen könnte, besser zu schlafen, und auch, wenn er nicht viel von Kräuterheilkunde hielt — weshalb es letztlich ein Früchtetee geworden war — schien die Routine und Entspannungsarbeit ja doch irgendwie geholfen zu haben. Hoffentlich hatten sie die Arbeit mit heute nicht zunichte gemacht, indem sie ihnen neues Alptraummaterial beschafft hatten. Max klang jedenfalls, als wäre er sich bereits sicher gewesen, sie nie wieder zu sehen. Andrew hielt seine weinerliche Stimme kaum aus. Er hatte immer Angst, dass sie ihn verlassen würden. Und Andrew hatte heute selbst ausreichend Angst gehabt, sie ungewollt endgültig zu verlassen.
      „Wir kommen so schnell zurück, dass du die Zeit mit einer einzigen Doku-Serie überbrücken könntest. Mach dir keine Sorgen“, antwortete er. Aus dem Telefon hörte er ein Nuscheln, das irgendwie nach „Darf ich echt…?“ klang, aber direkt wieder verschluckt wurde. „Und je früher ihr ins Bett geht, desto schneller sehen wir uns auch wieder“, fügte Andrew etwas strenger hinzu und warf Ezra einen Blick zu. Nachdem die Kinder in den letzten Wochen nicht mehr getrennt von ihnen geschlafen hatten, wenn überhaupt in unterschiedlichen Räumen, musste Ezra ihnen wahrscheinlich sowieso keine zusätzliche Motivation geben, um nicht zu schlafen. Aber besser, Andrew leistete etwas Gegenarbeit. Er fragte sich ja auch, wie Elli damit klarkommen würde. Oh… er vermisste den Geruch von Ellis Baby-Haaren.
      „Seid brav und macht Ada keinen Stress. Niko, kein Schlafen auf dem Fußboden. Max, sortier kein Gemüse aus. Ich sehe und höre alles, auch von hier“ Andrew überlegte kurz während Nikos Lachen durch den Lautsprecher schallte. Er war erschreckend leicht zu belustigen, aber Andrew machte sich trotzdem etwas Sorgen, wenn er morgen den ganzen Tag mit seinem eindeutig melancholischen Bruder alleine war. „Ich… ich hab euch lieb. Wir telefonieren morgen nach dem Aufstehen wieder“
      „Andrew…“, murmelte Max ins Telefon.
      „Ja?“, fragte er blinzelnd. Es war schön, Max wieder mehr reden zu hören, gleichzeitig zog sich in Andrew aber alles zusammen. Er konnte nicht anders, als sich unheimlich schlecht zu fühlen, wenn er sich daran erinnerte, wie hart es ihn selbst getroffen hatte, seine Eltern plötzlich nie wieder sehen zu können. Es war furchtbar, dass sie Max ständig mit diesem Gefühl kämpfen lassen mussten.
      „Was war der Notfall? Bist du echt okay…?“
      Aus irgendeinem Grund hatte Andrew das Gefühl, demnächst Tränen zurückhalten zu müssen, wenn er so etwas noch einmal hörte.
      „Mir geht es gut. Es…“ Wie zur Hölle sollte man so etwas erklären? „Es gab einen spontanen Einsatz bei der Arbeit und ich muss mich jetzt ein bisschen erholen. Aber Ezra hat sich so gut um alles gekümmert, dass sowas nicht mehr passieren kann, okay? Ab sofort geht niemand mehr irgendwohin ohne Bescheid zu sagen“ Zumindest konnte niemand von einem toten Mann entführt werden.
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