The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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      Valentin

      "Nein, es gibt keinen Anlass. Ich wollte dich einfach etwas verwöhnen. Zumindest bis zu dem Kommentar mit dem Brot. Jetzt habe ich langsam Zweifel." Valentin setzte ein kleines, gespieltes Schmollen auf. Sie hatten gefühlt einen Großteil ihrer Beziehung bisher damit verbracht, über das Abendessen zu streiten und waren immer noch nicht zu einer zufriedenstellenden Lösung gekommen. Mittlerweile war Valentin davon überzeugt, dass sie Schluss machen mussten, sobald der Essens-Krieg gelöst war, weshalb die gelegentlichen Seitenhiebe vielleicht gar nicht so schlecht waren.
      "Oh, das war ein Familienstreit. Nicht weiter interessant." Valentin hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Es war ja nicht gelogen, aber wenn er könnte, würde er Mateo sofort alles erzählen. Er wollte seine Einschätzung hören und seine eigenen chaotischen Gedanken mit Mateos Hilfe einordnen bis das alles irgendwie Sinn ergab und er sich selbst weniger Sorgen machte, aber das war unmöglich. Alles was er tun konnte war, sich an ihn zu lehnen und auf die Blumen zu starren, während er nach seinem Essen griff. Langsam wusste er selbst nicht mehr, was er machen könnte, um dieses Problem zu lösen. Mateo würde nicht bei MLO arbeiten, Valentin konnte nicht kündigen. Ihm alles zu erklären wäre zu riskant - entweder Mateo würde sofort mit ihm Schluss machen weil er ihn jahrelang belogen hatte, oder die Informationen die er durch ihn bekam so nutzen, dass es ziemlich offensichtlich war, dass Valentin eine Schwachstelle für MLO darstellte. Ihm blieb nichts anders übrig, als zu lügen, oder Sachen herunterzuspielen.
      "Ich hatte trotzdem einen ziemlich stressigen Tag. Ich bin wirklich froh, jetzt einfach sitzen zu können." Er lehnte sich zur Seite, um Mateo einen Kuss auf die Schläfe zu geben. Es war beinahe irritierend, wie schnell es ihm besser ging, wenn er Mateo zufrieden und glücklich sah. Sein Freund war seit Beginn ihrer Beziehung ein kleines Licht für ihn gewesen, egal, wie viele Kopfschmerzen er ihn bereitete.
      "Mom hat nochmal nach deiner Kleidergröße gefragt. Wahrscheinlich hat sie wieder irgendwo furchtbare Pullover gefunden, oder so. Ich fürchte, da müssen wir durch. Sie und Dad hatten heute wohl Strandtag. Sie hat nochmal betont, dass wir beim nächsten mal unbedingt mitkommen müssen, also müssen wir uns gleich schon mal gute Ausreden überlegen." Valentin liebte seine Eltern, wirklich, aber er konnte sich trotzdem deutlich besseres vorstellen, als seinen Urlaub mit ihnen zu verbringen. Seine Eltern hatten das Reisen wiederentdeckt, als er vor Jahren ausgezogen war, was nur ein kleines bisschen unfair gewesen war. Aktuell waren sie mit einem Wohnmobil in Griechenland unterwegs, klapperten Strände und Sehenswürdigkeiten ab und sammelten Mitbringsel für den Rest der Familie. Sie hatten nicht unbedingt den selben Deko- oder Modegeschmack, aber bisher hatten sie alles noch irgendwie recyceln können. Es könnte schlimmer sein.
      "Was hast du heute gemacht? Ich habe gesehen, dass du wieder wie ein Shrimp über dem Tablet gehangen hast, also hoffe ich, dass du dich nachher nicht über Rückenschmerzen beschwerst", neckte er, während er Mateo angrinste.
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      Mateo

      Ein ziemlicher abgefuckter Familienstreit, was? Hatten heutzutage alle ein persönliches Waffenarsenal zuhause? Irgendwas lief gewaltig schief in diesem Land.
      „Ah… das erinnert mich, dass meine Mom uns für morgen Abend wieder zum Essen eingeladen hat. Wenn du keine Lust hast, hole ich am Sonntag einfach nur ab, was sie zu viel gekocht hat“, meinte Mateo. Er konnte kaum reden, weil er so hastig Essen in seinen Mund schaufelte. Er musste anfangen, sich am Handy Reminder zu setzen, damit er nicht auf mehr aufs Essen vergaß.
      „Langsam geht es mir sowieso auf die Nerven, dass sie nicht entweder uns oder meine Großeltern einlädt. Ich halte dieses ‚Beste Freunde‘ Getue nicht mehr aus. Denkst du meine Mom köpft mich, wenn ich beim nächsten Mal einfach spontan ein Outing raushaue? Sie liebt mich vermutlich zu sehr, also vielleicht rasiert sie mir auch nur die Haare ab oder sowas“ Mateo schmunzelte belustigt. Seine Eltern hatten überhaupt kein Problem damit, dass er schwul war. Er war dazu sehr früh sehr lautstark gestanden und eigentlich hatte er ihnen kaum eine andere Wahl gelassen als damit klarzukommen. Die einzige Grenze seiner Mutter war, dass er es ihren Eltern nicht erzählen durfte, weil sie ziemlich altbacken und abergläubisch waren und wahrscheinlich einen riesigen Aufstand machen würden. Das hatte er sich selbst auch nie antun wollen, zumindest bis er in diese seltsame Situation mit Valentin gekommen war, in der seine Mutter darauf bestand, dass sie eine sehr enge Freundschaft vorspielen mussten. Hah.
      „Ich hab heute ein Pärchentattoo gemacht, aber es hat ein bisschen gewirkt als hätte die Frau ihren Freund total dazu gezwungen. Aber wahrscheinlich hatte er es verdient. Oh! Und dann kam so ein älterer, breiter Typ mit riesigem Bart auf dem Motorrad daher für ein Walk-In. Weißt du, was er wollte? Ein Hello Kitty Tattoo mit dem Geburtstag von seiner kleinen Tochter. Das war viel zu niedlich. Jedenfalls hab ich den halben Nachmittag lang Poster Ideen gezeichnet. Mein Handgelenk tut weh aber meinem Rücken geht‘s ganz gut seit ich Dehnübungen mache“ Mateo drehte sich zu seinem Freund. Er sah tatsächlich etwas fertig aus. „Was hast du heute so gemacht? Kann man dir irgendwie helfen? Ich bin immer absolut bereit für eine Massage oder Aromatherapie oder so etwas, du musst es nur sagen“ Er lächelte.
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      Valentin

      "Ich würde es nicht ausprobieren. Ich mag deine Haare und außerdem gewöhne ich mich langsam an die 'beste Freunde' Nummer. Sie lässt sich ein bisschen so wirken wie ein komisches Kind, das keinen Partner findet und deshalb seinen besten Freund überall hin mitnehmen muss." Valentin verkniff sich ein Lachen, während er sich stattdessen auf das Essen konzentrierte. Es wäre gelogen zu sagen dass er es nicht nervig fand, so zu tun als ob Mateo und er nur befreundet waren, aber es gab auch hier wahrscheinlich schlimmeres. Wenigstens konnte er Mateo immer noch küssen, sobald seine Großeltern weg waren. Wenn sie die selbe Nummer bei seiner Mutter beibehalten müssten, wäre er wahrscheinlich irgendwann durchgedreht. Gemessen mit dem, was er heute gesehen hatte, konnten sie sich sowieso absolut nicht über ihre Eltern beschweren.
      "Ich-" Wie beschrieb Valentin seinen Tag am besten, ohne zu viel zu verraten? Er vermied es eigentlich über seinen Job zu reden und gab Mateo meistens nur genug Infos damit es so wirkte, als ob er in einem vollkommen normalen Dezernat arbeiten würde, was für gewöhnlich wirklich gut funktionierte. Seine Arbeit bei MLO war immerhin nicht allzu anders als die Arbeit aus der Zeit, in der er tatsächlich bei einem Dezernat gearbeitet hatte. Das heute war etwas komplexer.
      "Ich bin in eine Rolle gerutscht, in der ich eigentlich nicht sein wollte, weil sonst niemand da war, der sie übernehmen konnte und war insgesamt einfach etwas überfordert, schätze ich. Ab morgen sollte wieder alles beim alten sein, also versuche ich einfach nicht zu viel darüber nachzudenken." Es war ein wenig frustrierend. Obwohl er Mateo die Details wahrscheinlich selbst dann verschwiegen hätte, wenn er sie ihm hätte erzählen dürfen. Die Szene heute war nicht schön gewesen und er wollte sie seinem Freund so gut ersparen, wie es ging.
      "Weißt du, was helfen könnte? Wenn du mir ein Bild von dem Hello Kitty Tattoo zeigst." Er stieß ein dramatisches Seufzen aus, während er Mateo mit großen Augen ansah. Mateo war ein wirklich talentierter Künstler. Valentin wollte sich irgendwann selbst ein Tattoo von ihm stechen lassen, aber er wusste noch nicht was und wo, was...die grundlegenden Fragen bei einem Tattoo waren und den Vorgang erheblich erschwerte.
      "An welcher Kampagne arbeitest du gerade?", fragte er schließlich mit einem Nicken zum Tablet. Eigentlich war er sich gerade nicht sicher, ob er es wissen wollte. Mateo setzte sich durchaus für gute Zwecke ein, aber die Angst, ihn dadurch irgendwann mal zu verlieren, kochte immer noch etwas in Valentin hoch.