The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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      Ezra

      "Danke." Er wäre tot gewesen, wenn Richard nicht dazwischengegangen wäre. Irgendwie war es schräg, wie egal Ezra dieser Gedanke gerade war. Adrenalin und Panik trieben ihn weiter und ließen ihn nicht richtig nachdenken, was wahrscheinlich besser so war. Sein Herz schlug eh schon schneller, als es sollte - wahrscheinlich würde er direkt ohnmächtig werden, wenn er genau darüber nachdenken würde was passiert wäre, wenn der Typ mit der Pistole nicht eingefroren worden wäre. Jetzt gerade war es so oder so wichtiger sich daran zu erinnern, wo die Treppe nach oben war, in der Hoffnung, dass sie Andrew dort finden würden und er nicht doch in einem der anderen Kellerräume stecken würde. Ezra würde nicht ohne ihn gehen. Zur Not würde er sich zurück nach unten kämpfen müssen.
      Ein weiterer Blitz zischte an ihnen vorbei, so nah, dass Ezra instinktiv über seine Haare strich um sicher zu gehen, dass er nicht Feuer gefangen hatte. Er hatte keine Ahnung, welcher von ihren Gegnern diesen unfassbar nervigen Stein hatte. Der Typ mit dem Schwert hatte irgendwas in einem der Regale in Brand gesetzt und lag zusammengesunken - aber nicht mehr brennend - auf dem Boden davor. Es war nicht mehr dunkel, aber nicht weniger chaotisch. Sie mussten es nur bis zur Treppe schaffen. Es würde leichter werden, wenn die Räume etwas offener wurden, nicht?
      Der Knopf in seinem Ohr stieß ein leises Knacken aus, Ezra konnte bei dem plötzlichen Lärm um sie herum aber kein Wort von dem verstehen, was Valentin versuchte, ihnen zu sagen. Wahrscheinlich hatte er auch irgendwie realisiert, dass das alles eine Falle gewesen war. Ein bisschen zu spät. Sie mussten es nur bis zur Treppe schaffen.


      Caleb

      Er zahlte seinem Therapeuten nicht genug und er hatte keine Ahnung, wie er das alles mit ihm durchgehen sollte, ohne sich dabei irgendwie strafbar zu machen. Bisher hatte das alles immer wunderbar funktioniert, indem Caleb Details vermieden hatte, oder Situationen etwas abgewandelt erzählt hatte, aber was war schon eine gute Umschreibung für Andrew, der ihm blutverschmiert und offenbar ohnmächtig gegenübersaß, während sein Vater am Kopf des Esszimmertischs saß, als ob sie zu einer netten Runde Kaffee und Kuchen eingeladen worden wären?
      Ihre Mutter hatte die Tür geöffnet, als Niamh und er geklingelt hatten. Sie sah wie immer vollkommen makellos aus - das Haar war frisch gefärbt und ordentlich hochgesteckt, der maßgeschneiderte Hosenanzug überspielte ihre viel zu magere Figur und das Botox ließ ihre Falten verschwinden, ohne, dass sie zu "gemacht" aussah. Sie war immer schon Perfektionistin gewesen. Ihr Auftreten war ihr wichtig gewesen und sie verheimlichte kaum ihre Enttäuschung darüber, dass keines ihrer Kinder diese Auffassung teilte. Wenigstens sorgte das Botox dafür, dass diese Enttäuschung nicht mehr ganz so sichtbar war, da sie ihre Stirn nicht mehr so kunstvoll in Falten legen konnte.
      Sie hatte mit Begeisterung von irgendeiner Kunstauktion erzählt, zu der sie heute Abend auf jeden Fall gehen wollte, weshalb ihr das alles hier wohl sehr ungelegen gekommen war. Niamh hatte Rückfragen gestellt, während Caleb zu sehr damit beschäftigt gewesen war, nicht ein Worst-Case-Szenario nach dem anderen durchzugehen, um überhaupt zuzuhören. Ihr Vater war kurz darauf zu ihnen gestoßen. Caleb hatte beiläufig sein Handy gezückt, um Valentin eine kurze Info zu geben, dass sie in Position waren, während sein Vater sie alle ins Esszimmer geführt hatte, was der Anfang vom Ende gewesen war.
      "Warum ist er hier?" Niamh nickte kurz in Andrews Richtung, bevor sie zu ihrem Vater sah, der sich auf die Tischplatte stützte, als ob er kurz davor wäre, einen seiner Deals auszuhandeln. Ihre Mutter saß links neben ihm, neben ihr war ein Platz frei, dann folgte Andrew, der auf der Tischplatte lag. Niamh und Caleb saßen rechts.
      "Ihr meintet, dass ihr Fragen hättet, also habe ich gedacht, dass wir das ganze abkürzen." Sein Vater lächelte, als ob das nicht alles vollkommen irre wäre. Caleb schaffte es nicht, seinen Blick von Andrew abzuwenden. Er sah schlimmer aus, als auf dem Foto und dass er überhaupt hier war bedeutete, dass Richard und Ezra hoffentlich durch einen vollkommen leeren Keller irrten. Was unwahrscheinlich war. Seine Eltern trugen zu viele Steine. Die Flut an unterschiedlichen Empfindungen überforderte Caleb fast. Ihm war furchtbar übel und es fühlte sich an, als ob nicht genug Luft im Raum wäre.
      "Das ist vollkommen unnötig", kommentierte Niamh bestimmt.
      "Warum?", fragte Caleb zeitgleich, während er zu seinem Vater sah, der ihn offenbar die ganze Zeit beobachtet hatte. Ihre Blicke trafen sich, während sein Vater ihm ein viel zu glattes Lächeln schenkte. Caleb wusste nicht ganz, was genau er sehen wollte. Seine Reaktion auf Andrew? Seine Reaktion auf die Übermacht an Steinen, die sein Vater wie eine Kriegserklärung mit sich trug?
      "Felim war immer schon ein unnötiger Schwachpunkt, den wir irgendwie loswerden mussten", antwortete sein Vater, ohne auf Niamhs Protest einzugehen.
      "Er wird nur zu einem Schwachpunkt, wenn ihr ihn zu einem macht", entgegnete Caleb scharf. Das mit der Ablenkung schien zwecklos geworden zu sein. "Er weiß nichts, was uns gefährlich werden kann. Wir hätten ihn einfach ignorieren können."
      "Und dann? Am Ende kommt ihr noch auf die Idee, dass es vollkommen okay ist, die Familie zu verlassen. Das können wir uns nicht leisten", entgegnete sein Vater.
      "Das ist Schwachsinn." Niamh schlug auf den Tisch, während ein Geräusch aus der Richtung des Kellers ertönte. Andrew bewegte sich leicht.
      "Ihr habt euch offenbar auf seine Seite geschlagen, also lagen wir mit der Vermutung nicht vollkommen falsch." Calebs Mutter sah nicht von ihrem Handy auf, während sie sprach. Sie sah immer noch genervt aus. "Wir haben mehr von dir erwartet, Niamh."
      "Es ist ein unnötiges Risiko." Niamhs Stuhl kippte fast nach hinten, während sie aufstand. "Ihr riskiert Leben für was? Eine Machtdemonstration?" Sie zog einen Stein aus der Tasche und schob ihn Caleb mit einem Nicken in Andrews Richtung entgegen. Ein Heilstein, wenn auch nur ein schwacher. Sie hatten den effektiveren Ezra mitgegeben.
      "So läuft das Geschäft. Ich dachte, das hättest du mittlerweile begriffen." Calebs Vater lehnte sich an Niamh vorbei, um nach dem Stein zu greifen, aber Caleb war schneller. Es würde nicht viel bringen, der Stein würde höchstens ein paar Kratzer heilen, aber das war besser, als nichts. Caleb schob seinen Stuhl zurück.
      "Nicht." So wie sein Vater es aussprach, klang es wie eine Drohung. Caleb sah ihm kurz entgegen, bevor er um den Tisch herum ging.
      "Ihr wolltet, dass wir ihm Fragen stellen, also sollte er auch in der Lage sein zu antworten, denkt ihr nicht?", fragte er selbstbewusster, als er sich fühlte, während er sich auf den Stuhl neben Andrew sinken ließ und vorsichtig nach seiner Hand griff, die immer noch am Stuhl gefesselt war. Darum würde er sich gleich kümmern müssen. Er konzentrierte sich auf den Stein, während er sich in Andrews Richtung lehnte. "Wir haben alles im Griff", versprach er leise.
      "Ihr verliert euren Fokus", verwickelte Niamh ihre Eltern erneut in eine Diskussion, über die Caleb unendlich dankbar war. So konnte er sich etwas näher an Andrew heranlehnen, um besser flüstern zu können.
      "Denkst du, du kannst aufstehen und gehen?" Das hier war nicht in ihrem Plan vorgesehen gewesen, also mussten sie wohl improvisieren. Andrews Fesseln loszuwerden wäre das geringste Problem, Caleb hatte nur keine Idee, was sie danach tun sollten, außer möglichst schnell zu laufen und MLO um Hilfe zu bitten.
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      Andrew

      Andrew driftete alle paar Sekunden ab, soviel bekam er mit. Es war nicht leicht, wach zu bleiben oder sich zu konzentrieren. Nichts von dem was um ihn herum geschah, konnte er richtig deuten, aber langsam schlichen sich Vermutung ein. Der Knall unter seinem Kopf. Er lag auf einer Tischplatte. Niamh klang laut und wütend und Andrews kurzzeitige Erleichterung stellte sich als Dummheit heraus. Er wusste schließlich ungefähr, in welcher Situation er sich befand, und scheinbar schien diese sich nicht wirklich gebessert zu haben.
      Als Calebs Stimme fahl vor ihm erklang, war es das erste Mal, dass er Worte wieder sinngemäß verstand. Sie hatten alles im Griff? Was hatte es dann mit dem Lärm auf sich? Andrew bemühte sich, die Augen zu öffnen und blinzelte den verschwommenen, blonden Mann an, der ihm fast Tränen in die Augen jagte und seine Sicht noch weiter verschlechterte. Wo war Ezra?
      „Mhm…“, gab Andrew rau von sich. Er war sich zwar nicht ganz sicher, aber es gab auf diese Frage nur eine richtige Antwort und wenn es sein musste, würde er hier raus kriechen. Er bewegte seine Handgelenke ein wenig und stellte erleichtert fest, dass die Fesseln das Hauptproblem waren. Andrew strengte sich an, um seinen Kopf vom Tisch zu heben. Sein rechtes Auge fokussierte, das linke nicht. Sein Kopf pochte und er hörte ein Summen in den Ohren, das nicht normal war. Vermutlich eine Gehirnerschütterung, ihm war schwindlig. Vielleicht auch ein Problem mit dem Gleichgewichtssinn. Aber das würde ihn nicht vom Gehen abhalten. Er konnte seine Finger bewegen, seine Zehen. Er war nicht gelähmt, nur gefesselt. Und irgendetwas stimmte nicht mit seinem Auge.
      Nachdem er seinen Körper gescannt hatte, versuchte er durch das Summen hindurch zu verstehen, worüber gesprochen wurde. Was für ein… nettes Familientreffen. War das Tee? Und Kuchen?
      Andrew hörte erneut diesen entfernten, dumpfen Knall. Waren das Schüsse? Er hatte es vorhin nicht zuordnen können. Sein Kopf drehte sich mechanisch zu Caleb. Er sah ihn fragend an, vielleicht etwas verzweifelt. Was rechtfertigte einen Schusswechsel in unmittelbarer Nähe, wenn sie alle hier waren? MLO? Hatte Richard Caleb begleitet? Wieso saßen sie noch hier? Andrew hatte das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Er hatte keine Ahnung davon, was hier passierte.
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      Caleb

      Andrew wäre keine sonderlich große Hilfe, aber das musste er hoffentlich auch nicht sein. Es würde ausreichen, wenn er es schaffen würde, sich irgendwie alleine fortzubewegen, sobald sie aus dem Raum raus waren. Zumindest hoffte Caleb verzweifelt, dass das ausreichen würde. Improvisation war nie seine Stärke gewesen und er musste komplett darauf vertrauen, dass seine geschwisterliche Gedankenübertragung mit Niamh funktionierte, was selten der Fall war. Er drückte Andrew den heilenden Stein in die Hand. Andrews Fesseln waren gewöhnliche Handschellen aus Eisen, für die Caleb den passenden Stein hatte - ein kleiner Anhänger, der simple Schlösser sofort aufspringen ließ, nicht stark genug für Türschlösser und wahrscheinlich auch nicht dazu ausgelegt, mehrere kleine Schlösser auf einmal zu öffnen, aber er musste reichen.
      "Lasst ihn gehen. Wir können sicher irgendetwas aushandeln, womit beide Seiten zufrieden sind", erklärte Niamh gerade und bewies damit, dass die Geschwister-Telepathie wohl absolut nicht funktionierte. Caleb war sich zumindest ziemlich sicher, dass ihre Eltern absolut kein Verlangen nach irgendeinem Deal hatten.
      "Seit wann bist du so furchtbar naiv?", bestätigte sein Vater seine Vermutung. Seine sonst tendenziell eher überhebliche Maske brach langsam. Er sah ernsthaft genervt aus. Calebs Mom war immer noch mit ihrem Handy beschäftigt.
      Die Geräusche aus der Richtung des Kellers hatten abgenommen, was entweder sehr gut, oder verdammt schlecht war. Caleb betete, dass es ersteres war. Ezra war nicht zu unterschätzen und Richard war brillant in seinem Job, also musste Caleb sich keine Sorgen machen, oder? Hatten sie falsch gehandelt? Hätten sie den Keller ansteuern sollen sobald klar geworden war, dass ihre Eltern ihren Plan durchschaut hatten?
      "Es ist nicht naiv einen Weg zu suchen, bei dem niemand sein beschissenes Leben verliert!", regte Niamh sich auf. Caleb hatte immer noch das Gefühl, nicht atmen zu können, was er auf die aufsteigende Panik schob. Ein Fehler. Er realisierte erst, dass sein Vater einen Stein nutzte, als Niamh mitten im Satz aufhörte zu reden und sich zur Seite lehnte, um hustend das Wasser auszuspucken, dass plötzlich ihre Lungen füllte. Was wohl das Stichwort war, dass sie wirklich abhauen sollten.
      "Es ist meine Schuld", begann sein Vater, während Caleb nach Andrew griff und mit einem kurzen Impuls seines Steines die Fesseln löste, "Ich hätte das Problem viel früher lösen sollen."
      Niamh schnappte röchelnd nach Luft und warf sich mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, auf ihren Vater. Caleb nutzte die Rangelei, um Andrew mit sich hoch zu ziehen und ihn zur Tür zu schieben. Zu langsam. Sie waren viel zu langsam. Er griff nach der Türklinke, als sein Vater Niamh mit mehr Kraft, als er haben sollte, von sich stieß. Niamh stieß einen überraschten Schrei aus, bevor sie an die Wand knallte und in sich zusammensackte.
      "Ihr geht zu weit." Es war das erste mal, dass ihre Mutter von ihrem Handy aufsah. Sie stand auf und eilte zu ihrer Tochter, was der Kick war, den Caleb gebraucht hatte. Niamh war nicht in akuter Gefahr, solange ihre Mom noch eine kleine Schwachstelle für sie hatte. Er musste sich keine Sorgen um sie machen. Hoffte er zumindest, während er Andrew mit sich aus der Türe hinaus in den Gang zog.
      "Wir schaffen das", versicherte er, während er Andrew so gut stützte, wie er nur konnte. "Nicht nachdenken, einfach nur laufen. Wir finden Ezra und Richard und dann wird alles gut." Caleb war sich nicht ganz sicher, ob er Andrew motivieren wollte, oder sich selbst. Es funktionierte auf jeden Fall nicht.
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      Andrew

      Andrew ließ sich ächzend von Caleb auf die Beine helfen, den Heilstein fest umklammert. Er hatte sich stundenlang kaum bewegt und fühlte sich schwerfällig. Aber er hatte garkeine Zeit, um sich Sorgen darüber zu machen, Caleb runterzuziehen, weil er nahezu in der selben Sekunde die Bestätigung bekam, dass Ezra hier war, und Andrew sich in einer Mischung aus Wut und Schock auf einmal etwas energiegeladener fühlte. Nicht nur war Ezra hier… er musste auch noch gefunden werden? Andrew blieb stehen und ließ von Caleb ab.
      "Finden? Was heißt das?", fragte er, als er seine Stimme wiederfand. "Im Haus, in der Stadt, im Land?!" Er wurde lauter und drehte sich zu ruckartig um, was ihn ein wenig ins Schwanken brachte. Gleichgewicht. Ein Fuß vor den anderen. Andrew wandte sich von Caleb ab und marschierte zurück ins Wohnzimmer, wo er das volle Chaos endlich erfassen konnte.
      Die Dysfunktionalität in dieser Familie… Er wusste garnicht, wo er anfangen sollte. Bei dem Arschloch, das ihn beinahe ausbluten hatte lassen, vielleicht? Wenn Andrew nicht absolut versessen darauf wäre, jeden Stein umzudrehen, um Ezra zu finden und ihn nachhause zu bringen, dann hätte er seine letzte Energie gerne dafür genutzt, ein wenig Rache auszuüben. Er konnte kaum mehr klar denken. Die Blutspur, die er hinter sich herzog, war ziemlich zweitrangig, auch wenn ihm jetzt bewusst wurde, dass seine Beine nicht nur kribbelten, weil er zu lange gesessen hatte.
      Andrew war drauf und dran Ezras Vater mit seinen Händen zu erwürgen, bis er Antworten ausspuckte, als er hinter sich eine Tür aufstoßen hörte und er sich, wieder zu schnell, zurück zu Caleb drehte. In dem Moment, in dem er seinen Freund auftauchen sah als hätte Andrew ihn mit genügend Energie herbeigeschworen, hatte er das Gefühl, wieder ohnmächtig werden zu können. Das Bild vor seinen Augen waberte und war von schwarzen Flecken durchzogen, aber… er konnte Ezra trotzdem sehen.

      Richard

      Es war ein Wunder, dass sie sich durch diese Gruppe kämpfen konnten, ohne zu sterben. Die Ausstattung, die man ihnen zusammengestellt hatte, war kein Scherz. Richard war sich bei jedem neuen Stein, dessen Wirkung er selbst spüren durfte, sicher, dass es aus war, und dann machten sich die Schutzschilder doch wieder bezahlt. Er hatte das Gefühl, heute sechs von seinen sieben Leben verloren zu haben. Der letzte Mann ging mit einem Knacken seines Genicks zu Boden und Richard wischte sich mit dem Handrücken sein eigenes Blut aus dem Gesicht. Wenn er dafür nicht in die Hölle kam… Gut, dass er an solche Dinge nicht glaubte.
      Er drehte sich zu Ezra herum, der ebenfalls etwas mitgenommen aussah, und stand einen Augenblick lang einfach nur da und atmete. Dann griff er mit einem plötzlichen Wutanfall nach dem Handy in seiner Hosentasche, dessen Bildschirm völlig zersprungen war. Es funktionierte noch. Er klickte auf seine Kontakte, wählte eine Nummer, kickte einen Körper aus seinem Weg und lief durch den finsteren Gang weiter.
      "Erinnere mich daran, der Person den Hals umzudrehen, die für diese GOTTVERDAMMTEN Kommunikationsgeräte verantwortlich war, klar?! Ich hab sowas noch nie erlebt! Seid ihr Steinzeitmenschen?! Ich habe kein einziges Wort verstanden, das durch dieses ekelhafte Rauschen gekommen ist! Verdammte Scheiße… Und jetzt bewegt eure Ärsche hier rein" Und damit legte er wieder auf. Er drehte sich zu Ezra herum, um mit einem Blick zu checken, ob es ihm gut ging und er noch folgte, und widmete sich dann wieder seinem eigenen Orientierungssinn. Wenn sie jetzt nicht ohnehin nur noch Körperteile dort oben erwarteten, dann konnte MLO sich wenigstens für die letzten Hindernisse nützlich machen. Richard hatte nichtmal eine einzige Sekunde gehabt, um die Verstärkung anzufordern, aber spätestens nach zwei Minuten war auch klar gewesen, dass man sie da draußen kaum verstanden hätte. Vielleicht war dieser Keller ein Funkloch, vielleicht war es zu laut gewesen, vielleicht war die Technik aus dem letzten Jahrhundert- So oder so war das ein völliger Reinfall gewesen. Wozu Verstärkung haben, wenn sie nutzlos draußen herumstand?
      Als sie die Treppe endlich fanden, nahm Richards Herzschlag derartig an Geschwindigkeit zu, dass er kurz dachte, gleich zu kollabieren. Er gab der Türe oben einen heftigen Tritt und machte sich schon aufs Schlimmste gefasst, als Caleb mehr oder weniger vor seiner Nase stand. Das hatte er so wenig erwartet, dass er für eine Sekunde auf der Stelle fest fror. Dann glitt sein Blick weiter in den Raum hinein. Das war ein Bild, das man nicht alle Tage zu sehen bekam, aber zumindest schienen alle zu leben. Solange Andrew nicht gleich zusammenklappte und am Blutverlust starb. Richard sah sich etwas entgeistert die Schnittwunden an, aus denen Blut quoll, als hätte er zu viel davon im Körper.
      "Der sollte sich hinsetzen", murmelte Richard. Er sah Caleb wieder an. An ihm klebte massenweise Blut, aber er stand aufrecht. "Wortwörtlich einige Leichen im Keller, MLO ist jetzt verständigt", gab er einen knappen Lagebericht. "Wessen Blut ist das?", fragte er möglichst neutral und versuchte seine Stimme nicht zittern zu lassen. Er musste sich darauf konzentrieren, was in seinem Augenwinkel passierte. Er konnte sich jetzt nicht ablenken lassen. Nicht hiervon. Eigentlich durfte er Caleb nicht einmal ansehen. Er sollte ihn nicht ansehen.
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      Caleb

      Das war definitiv die falsche Formulierung gewesen. Caleb blieb vollkommen perplex stehen, als Andrew sich von ihm losriss und umdrehte. Er sah so aus, als ob er eigentlich gar nicht mehr in der Lage sein sollte, überhaupt alleine zu stehen, also was genau wollte er ausrichten? Andrews Chance, Ezra irgendwie alleine im Haus zu finden, lag praktisch bei null. Aber offenbar musste er sich darum keine Gedanken machen, weil Ezra stattdessen sie fand.
      “Andy!” Ezra huschte an Caleb vorbei, um seinen Freund in seine Arme zu ziehen. Wahrscheinlich hatte er nicht mal wahrgenommen, dass er nicht alleine war, was…fair war. Caleb hatte ebenfalls nur Augen für Richard.
      “Andrews. Ich bin nicht verletzt”, beantwortete er die Rückfrage nach dem Blut auf seiner Kleidung, während Horror und Erleichterung zugleich in ihm aufstiegen. Erleichterung darüber, dass Richard lebte, aufrecht stand und offenbar noch klar denken konnte. Horror über seinen sonstigen Zustand. Richard war deutlich blutverschmierter als er. Caleb hatte die Vorstellung, dass Richard irgendwas passieren könnte, so weit zurückgeschoben, dass ihn die Realität viel härter traf, als sie sollte. “Was ist mit-”
      “Oh, sieh an.” Caleb, der eigentlich gerade einen Schritt auf Richard zugehen wollte, blieb erstarrt stehen und sah zurück zu seinem Vater, der selbstbewusst im Türrahmen zum Esszimmer stand, offenbar vollkommen unbeeindruckt von der Szene vor ihm und der Tatsache, dass er in der Unterzahl war. Sein Fokus lag offenbar auf Ezra, der Andrew noch immer an sich gedrückt hielt. “Der verlorene Sohn ist wieder zurückgekommen.”
      Caleb und Ezra hatten sich oft gestritten, egal ob um den Fernsehsender, ein Buch, einen missglückten Einbruch oder jüngst ihre Partnerwahl. Trotzdem hatte Caleb noch nie so viel Hass auf Ezras Gesicht gesehen, wie in diesem Moment. Ironischerweise hatte er seinem Vater noch nie so ähnlich gesehen, wie jetzt.
      “Du hast uns deutlich mehr Ärger gemacht, als du wert bist”, fuhr ihr Vater fort. Die Türen um sie herum schlugen eine nach der anderen zu. Caleb fühlte, dass sein Vater dazu irgendeinen Stein nutzte, konnte bei der schieren Menge an Steinen, die im Raum waren, aber nicht genau sagen, welchen.
      “Du hättest mich in Ruhe lassen können. Du hättest mich direkt angreifen können, aber stattdessen nimmst du Andrew?” Ezra schob seinen Freund zur Seite, während er auf ihren Vater zuging. Caleb wollte automatisch einen Schritt auf Andrew zugehen, um ihn zu stützen, verlor bei dem Versuch aber fast selbst das Gleichgewicht. Dünne Zweige waren aus den Dielen unter seinen Füßen gesprossen und hatten sich um seine Beine gewickelt. Sie stiegen mit jeder Sekunde höher und wurden kräftiger. Die selben Ranken schlangen sich um Andrew und Richards Beine. Sein Vater hielt den Stein in der Hand, der dafür verantwortlich war. Holz. Er konnte Holz kontrollieren. Wahrscheinlich hatte er damit auch die Türen zugeschlagen. Caleb könnte sie wieder öffnen, wenn er an den Stein herankäme. Er war sich absolut sicher! Er musste nur die Zweige loswerden. Es würde wahrscheinlich vollkommen ausreichen, seinen Vater dafür irgendwie abzulenken, damit er die Konzentration verlor.
      “Warum sollte ich dir diesen Gefallen tun?”, fragte sein Vater, ohne sich auch nur ansatzweise Anstalten zu machen, Ezra auszuweichen. “Du verschwindest für über zehn Jahre und erwartest, dass wir das auf die leichte Schulter nehmen?”
      Caleb stieß ein kleines “Nein!” aus, als Ezra, wie Niamh vorhin, zu husten begann und auf die Knie fiel, während er Wasser spuckte.


      Ezra

      Langsam fühlte es sich überraschend gut an, wütend zu sein. Der kurze Moment der Erleichterung darüber, Andrew wieder in den Armen zu halten, war genau so schnell vergangen, wie er gekommen war. Andrew sah furchtbar aus und verlor definitiv zu viel Blut. Ezra hatte sofort den Heilstein ausgepackt, den er mitgebracht hatte, aber selbst der würde nicht viel nutzen. Sie mussten ins Krankenhaus. Sofort. Und der einzige, der ihm im Weg stand, war sein Vater.
      Er war deutlich älter, als Ezra ihn in Erinnerung hatte, sonst hatte sich an ihm nicht viel verändert. Der gleiche überhebliche Blick, das gleiche selbstbewusste Auftreten. Es hatte eine Zeit gegeben, in der er genau so hatte sein wollen. Jetzt fühlte er nur noch Ekel und Hass, die ihn antrieben, während seine Lungen sich mit Wasser füllten. Nadia hatte mal etwas ähnliches versucht, vor einer gefühlten Ewigkeit in Paris. Damals war es Rauch gewesen, statt Wasser, aber das Ergebnis würde das selbe sein. Ezra drückte sich immer noch hustend vom Boden auf und griff nach seinem Vater, während er sich auf Andrews Stein konzentrierte. Er wollte ihn brennen sehen. Irgendwie war es fast beängstigend, wie wenig ihm dieser Gedanke ausmachte.
      Er griff nach der Schulter seines Vaters, während Flammen zwischen seinen Fingern aufstiegen und zog ihn an sich, um ihm die zweite Hand an den Kopf zu drücken. Es begann nach verbranntem Fleisch zu riechen, aber wenigstens schien die Konzentration seines Vaters gebrochen worden zu sein. Ezra konnte wieder atmen. Das Wasser war verschwunden. Er konnte hören, wie um ihn herum Holz knackte, hatte aber keine Zeit, über seine Schulter zu sehen, während sein Vater aufschrie und ihn mit einem Stoß, der deutlich kräftiger war, als er sein sollte, nach hinten schleuderte. Ezra schrie überrascht auf, während er strauchelte, über irgendetwas stolperte und fiel. Äste begannen, aus dem Boden zu sprießen und sich um seine Beine und Arme zu wickeln. Ezra hatte kurz das seltsame Gefühl, wortwörtlich im Fußboden zu versinken.
      “Du wirst als letztes sterben”, versprach sein Vater, während er eine Pistole zückte. “Ich werde sicher gehen, dass du-” Sein Vater stockte, ähnlich wie der Schütze im Keller. Ezra war sich nicht ganz sicher, ob es Richards Werk war, oder schlicht daran lag, dass Caleb nach seiner Hand gegriffen hatte.
      Einen Moment lang war es ein furchtbar kurioses Bild. Sein Vater mit der Waffe in der Hand und einem irritierten Blick auf dem Gesicht, während Caleb seine Hand hielt und ihm entgegen starrte. ALs würden sie sich mit einem Händedruck grüßen. Ezra begriff erst, was gerade passierte, als sich die Äste um seine Beine zurückzogen, nur um einen Bruchteil später wieder zurück zu kommen. Eine der Türen flog auf und knallte sofort wieder zu, flog wieder auf, knallte wieder zu und flog wieder auf, als Caleb und sein Vater offenbar über die Kontrolle über den Stein kämpften. Ezra konnte Geräusche aus dem Flur hören, einen überraschten Aufschrei, als das Licht zu flackern begann, als ob sie in einem Horrorhaus wären.
      Caleb stieß ein nasses Husten aus, schüttelte kurz den Kopf und atmete durch, während sein Vater zu würgen begann und mit absoluter Panik auf dem Gesicht seinerseits Wasser aushustete, was vollkommen unmöglich war. Ezra starrte auf seinen Bruder, als von einer Sekunde auf die nächste das absolute Chaos ausbrach.
      Die Tür wurde aus den Angeln getreten, während sich auf dem Gesicht seines Vaters ein Schnitt öffnete und Ezras Hände Feuer fingen, ohne dass er den Stein benutzt hätte. Er schrie überrascht auf und versuchte, den Stein abzustellen, was nicht funktionierte, während um ihn herum ein Feuerwerk an Steinen ausbrach. Irgendwo links von ihm öffnete sich ein Loch in der Wand, nur um sich direkt wieder zu schließen, es wurde eiskalt, warm, dunkel, hell, es roch nach Rauch und Elektrizität, Blitze und Feuer zischen durch die Luft, während alle Steine zeitgleich losgingen. Ezra verstummte, als der Stein, den Caleb heute Mittag noch genutzt hatte, um ihm das Wort abzuschneiden, losging. Er wusste nicht genau, was passierte. Die wenigen Zweige, die sich noch um seine Beine rankten, begannen zu blühen.
      Calebs Nase blutete. Er hatte die Lippen fest aufeinander gepresst. Ezra sah zum ersten mal in seinem Leben sowas wie Angst auf dem Gesicht seines Vaters. Nur für einen flüchtigen Moment. Dann hob er die Waffe. Ezra wollte aufschreien, Caleb irgendwie warnen, aber seine Stimme war immer noch weg.
      “Du warst immer so eine Enttäuschung, Saoirse.” Der Knall der Pistole war viel zu laut. Caleb war im Gegenzug vollkommen stumm. Er schnappte lediglich überrascht nach Luft, bevor er in sich zusammenfiel wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hatte. Das Chaos stoppte so plötzlich, wie es gekommen war. Irgendjemand schrie auf. Dann bohrte sich ein Speer aus purem Eis durch die Brust seines Vaters.
      “Es tut mir so leid, Dad.” Niamh zog den Speer ruckartig zurück. Ezra hatte sie in dem Chaos um sie herum nicht kommen sehen. Blut verklebte ihre Haare auf einer Seite und sie schwankte ein wenig. Ezra war sich nicht sicher, ob sie weinte, während sie zusammen mit ihrem Vater auf den Boden sank, den Blick starr auf Caleb gerichtet, der viel zu schnell viel zu viel Blut verlor.
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      Richard

      Richard nickte knapp, als Caleb ihm sagte, dass er nicht verletzt sei. Sein Herz beruhigte sich etwas. Seltsamerweise gab ihm das noch mehr Anlass, um alles um ihn herum zu ignorieren. Er spielte kurz mit dem Gedanken, Caleb am Arm zu packen und aus dieser Shitshow rauszuziehen. Aber dann wandte der Blonde sich wieder ab und bevor Richard seinem Blick noch richtig folgen konnte, zuckte er zusammen, da um sie herum ruckartig alle Türen ins Schloss fielen. Er war müde. Er hatte keine Lust, sich mit zwei alten Leuten anzulegen. Konnten sie nicht endlich aufgeben?
      Scheinbar sah Ezra das nicht so. Und jetzt war es ohnehin zu spät. Richard sah sich irritiert die Ranken an, die sich um seine Beine schlangen und ihn bewegungsunfähig machten. Er griff sofort nach einem Messer, um sie loszuschneiden. Sein Blick hing sich kurz an Ezra auf, der auf einmal Wasser zu spucken begann, Andrew dahinter, der sich ebenfalls nicht bewegen konnte und langsam in die Knie sackte. Richard beugte sich runter, um an den Ranken zu zerren, aber sobald er eine durchschnitt, wuchs die nächste nach. Was für eine lästige Kraft. Danach ging alles schneller, als es sollte. Ezra plante wohl für einen Moment, seinen Vater am lebendigen Leib verbrennen zu lassen, wurde in eine Ecke geschleudert, Andrew war überraschend regungslos und Caleb…
      "Caleb", sagte Richard streng, als er sah, wie sein Freund sich schneller von den Ranken befreite, als er, und zielsicher auf seinen Vater zulief. Als er nicht einmal zögerte, stieg in Richard eine eigenartige Panik auf. Er trat die Pflanzenreste von seinen Beinen ab, machte einen großen Schritt und wuchs erneut am Holzboden fest. Er konnte nur voller Schock dabei zusehen, wie Caleb auf den Verrückten mit der Waffe in der Hand zuging, ihn packte, und auf einmal alles ins Chaos stürzte. Richard fror sich selbst unfreiwillig mitten in der Bewegung ein. Er konnte nur zusehen. Einer der Blitze, die aus seiner Jackentasche schossen, hüllte ihn ein und ließ ihn dank des Gefrierens nicht einmal zu Boden gehen. Ezra brannte, Caleb lief Wasser aus dem Mund, Blut aus der Nase, und Richard war sich sicher, dass sein Herz stehen blieb. Vielleicht wegen der Elektrizität, oder weil er regungslos dabei zusehen musste, wie seinem Freund eine Waffe auf den Körper gezielt wurde.
      Ein lauter Knall, und es war vorbei. Richard fiel hustend zu Boden und rappelte sich sogleich wieder auf. Er stolperte die wenigen Schritte vorwärts, die er von Caleb entfernt gestanden hatte. Es waren nur ein paar verdammte Schritte.
      "Caleb… Caleb…" Richard kniete sich vor seinen Freund und drückte ihm sofort beide Hände auf den Unterleib. Nur eine Sekunde später stürmte ihre Verstärkung durch Fenster und Türen. Eine Sekunde zu spät. Richard hob kurz den Blick, dann starrte er wieder auf seine Hände, die sich auf eine Lache aus hellrotem Blut pressten. Er hatte keine Worte mehr übrig, um Anweisungen zu geben. "Ähm… einen… Krankenwagen", stammelte er, aber das war vermutlich selbsterklärend. Er ließ für einen kurzen Moment, der sich viel zu lang anfühlte, mit einer Hand von Caleb ab um einen Stein aus seiner Tasche zu ziehen und zwischen seine Hände zu legen. Ein Stein dieser Größe würde gerade mal das Blut einer Schnittwunde gerinnen lassen.
      Richard bekam die Hektik um sie herum nur zweitrangig mit. Es dauerte nicht lange, bis die Krankenwagen ankamen und man ihn aus seiner Starre zerren musste, um bei Caleb noch auf der Trage Erste Hilfe zu leisten. Die Menschen um ihn herum bewegten sich wie in Zeitlupe. Andrew wurde ähnlich gehetzt auf eine Trage gehoben, aber mehr bekam Richard nicht mit, weil er aus dem Haus lief um sich in den Krankenwagen zu Caleb zu zwingen.
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      Ezra

      Im Krankenhaus herrschte ein geschäftiges Treiben. Der kleine Aufenthaltsraum, in dem sie saßen, war von dem meisten Trubel abgeschirmt, aber Ezra konnte die Ärzte und Pfleger sehen, die vor den Glasscheiben hin und her liefen. Er wusste nicht, wie lange sie schon hier saßen. Es kam ihm wie Tage vor, auch wenn es realistisch betrachtet wahrscheinlich nur ein paar Stunden gewesen waren. Keiner von ihnen sprach wirklich. Valentin saß am Fenster des Raumes und hielt den dritten Becher mit Kaffee in den Händen, während er immer wieder auf sein Handy sah. Richard saß neben ihm. Ezra hatte sich auf die Stuhlreihe gegenüber der beiden fallen lassen, als man ihn endlich gehen gelassen hatte. Er war nicht wirklich verletzt. EIn paar Kratzer und Schnitte, aber nichts, was Pflaster und Zeit nicht regeln könnten.
      Niamh war als nächstes zu ihnen gestoßen. Sie hatte immer noch Blut in den Haaren, aber die Platzwunde, die dafür verantwortlich gewesen war, war genäht worden. Sie hing am Handy, seit sie reingekommen war und telefonierte leise, wahrscheinlich mit ihrem Mann. Sie sah unfokussiert aus, so, als ob sie nicht richtig anwesend wäre. Sie saß auf Ezras Reihe, auf dem Sitz, der am weitesten von seinem entfernt war. Ezra traute sich nicht, sie anzusprechen.
      Andrew und Caleb waren noch im OP. Ihnen war versichert worden, dass beide durchkommen würden, aber Ezra konnte nicht entspannen, solange er sie nicht gesehen hatte. Wenn er die Augen schloss, konnte er immer noch Andrew sehen, blutverschmiert, und Caleb, der so furchtbar still zu Boden gegangen war. Sein Blut klebte immer noch an Richards Jeans. Andrews Blut klebte an Ezras Pullover. Ezra hätte sich eine deutlich fröhlichere Parallele gewünscht.

      Es war Valentin, der als erster mit dem Reden anfing. Er war unverletzt, blutfrei und offenbar nur hier, um sicher zu gehen, dass keiner von ihnen sich aus dem Fenster schmiss. Er räusperte sich kurz, bevor er den Blick vom Handy hob, um in die Runde zu schauen.
      “Unser Team ist soweit durch, falls ihr den ersten Lagebericht hören wollt.” Verglichen zu dem leicht genervten Ton, den Valentin angeschlagen hatte, als sie sich das erste mal gesehen hatten, klang er jetzt seltsam mitfühlend. Ezra nickte kurz. Er wusste selbst nicht ganz, warum. Vielleicht wollte er Ablenkung, vielleicht Gewissheit, vielleicht hielt er auch einfach die Stille nicht mehr aus.
      “Neben euch waren nur zwei unserer Agenten nah genug an dem Zimmer, um die Fehlfunktion der Steine mitzuerleben. Einer wurde leicht verletzt. Mrs. Bailey hat einen weiteren Agenten bewusstlos geschlagen, ansonsten gibt es auf unserer Seite keine Verluste”, begann Valentin mit einem kurzen Blick zurück aufs Handy. “Wir wissen immer noch nicht genau, was passiert ist, dass die Steine sich überhaupt so verhalten, aber ich bin mir sicher, dass Caleb uns weiterhelfen kann, wenn er wieder ansprechbar ist. Nach einer entsprechenden Zeit zur Erholung, natürlich.” Valentin warf Richard einen kurzen Seitenblick zu. “Wir haben fünf Personen aus dem Keller geholt und zwei Tote gefunden. Der Rest der Angreifer ist wahrscheinlich geflohen, als ihr aus dem Keller rausgekommen seid. Mr. Bailey ist tot. Es- Ich- Mein…Beileid?” Valentin sah etwas hilflos von ihm zu Niamh. Niamh reagierte kaum. Ezra zuckte mit den Schultern.
      Es war offensichtlich gewesen, dass Niamhs Angriff tödlich gewesen war. Sein Vater hatte so viel Blut verloren, dass sie das Herz getroffen haben musste. Ezra hatte gesehen, wie sein Vater mit leeren, toten Augen an die Wand gestarrt hatte, bevor der Krankenwagen gekommen war. Seine Mutter hatte geschrien und versucht, sich zu ihm durchzukämpfen und dabei einen der MLO Agenten, der sie festhalten wollte, bewusstlos geschlagen. Sie hatte versucht, nach Niamh zu greifen, bevor sie endlich jemand aufgehalten hatte.
      “Mrs. Bailey ist festgenommen worden. Die Presse hat bereits mitbekommen, dass wohl etwas passiert ist, wir arbeiten gerade an einer offiziellen Story. Es wird wahrscheinlich nicht schön werden.” Valentin sah auf den Kaffee in seiner Hand. Irgendwie hatte Ezra erwartet, dass er wenigstens mit etwas Positivem enden würde. Irgendein ‘das wird schon’ oder etwas ähnlich Sinnloses, aber offenbar war der Bericht damit beendet. “Ihr werdet wahrscheinlich Aussagen machen müssen, aber ich versuche das soweit nach hinten zu schieben, wie es geht. Möchte noch jemand Kaffee?”
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      Richard

      Die Fahrt war zeitgleich unendlich lange und erschreckend kurzweilig gewesen. Richard hatte sich in einer Ecke des Krankenwagens geweigert, die Aufmerksamkeit der Sanitäter von Caleb zu ziehen, weil er schließlich aufrecht saß, atmete und nicht derjenige mit der Schusswunde war. Im Krankenhaus hatte er sich schließlich aus Vernunft behandeln lassen. Ihm war eine aufgeplatzte Lippe genäht worden, ein paar Wunden desinfiziert und abgeklebt und das Blut, das nicht ihm gehörte, bestmöglich von den Händen gewaschen worden. Ansonsten ging es ihm gut. Er wusste nicht, was er hätte anders machen können. Vermutlich hätte er seinem egoistischen Instinkt nachgehen und Caleb nach draußen zerren sollen, als er die Möglichkeit gehabt hatte. Stattdessen hatte er nun das Bild von ihm in seine Erinnerung gebrannt, wie er am Boden lag und ausblutete. Er hatte Ezra davor bewahrt, erschossen zu werden, aber Caleb nicht. Was für eine ekelhafte Ironie des Schicksals.
      "Die erste gute Nachricht des Tages", murrte Richard, als Valentin erzählte, dass Calebs Vater zumindest mit dem Tod für diese Aktion bezahlte. Richard wäre es recht gewesen, wenn er derjenige mit dem eisernen Speer gewesen wäre.
      Er saß nun schon eine ganze Weile mit verschränkten Armen in diesem Wartezimmer. Niemand hatte bisher ein Wort gesprochen und es war Richard kaum aufgefallen, weil er zu beschäftigt damit war, die Uhr anzustarren, die gegenüber von ihm an der Wand hing. Soweit er wusste, konnte es ein paar Stunden dauern, bis Caleb aus dem Operationssaal kam, und dann würde er noch aufwachen müssen, bevor er ansprechbar war. Richard wollte sich keine Sorgen machen, weil er den Aussagen der Ärzte vertraute, aber er schaffte es nicht, die Uhr aus den Augen zu lassen. Andrew würde sich schneller erholen. Keine Organe verletzt, seine linke Gesichtshälfte war zugerichtet und er hatte massenweise Blut verloren und würde womöglich nicht Narbenfrei hier rauskommen, aber ihre Mission war damit eigentlich erfolgreich gewesen, wenn man es so ausdrücken wollte. Richard wusste nicht, was er davon hielt. Er war erleichtert, dass alle am Leben waren, aber am liebsten würde er die Zeit zurückdrehen und sich nie einmischen. MLO die Arbeit erledigen lassen. Caleb mit Händen und Füßen in seiner Wohnung zurückhalten, damit es garnicht erst so weit kam. Und doch saßen sie jetzt alle hier, zugerichtet und stumm. Und wofür? Weil ein paar Helikoptereltern sich die falsche Person für eine Entführung ausgesucht hatten.
      "Ich hol mir einen Kaffee, du kannst nachhause fahren. Oder dich mit den Konsequenzen in deinem Büro auseinandersetzen, wenn dir danach ist", antwortete Richard auf Valentins Nachfrage. "Ich kümmere mich zeitnah um O'Hare, um das Chaos abzufangen, also… danke für die Hilfe und wir sehen uns wohl morgen oder so", fügte er hinzu. Er musste schließlich für Andrew einspringen, falls dieser sich nicht ohnehin entgegen ärztlichem Rat aus dem Bett kämpfen würde. Sie hatten viel zu tun.
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      Ezra

      Valentin lachte kurz ein wenig auf, bevor er stockte. "Oh. Du meinst das ernst. Okay." Er stand auf und warf seinen leeren Pappbecher in den Mülleimer. "Kümmer dich erst um Caleb und dich selbst, bevor du wieder an die Arbeit denkst. Solltest du morgen auftauchen, kann ich dir die Zelle neben deiner Schwiegermutter anbieten." Valentin hob kurz die Hand zum Abschied, den er wohl durchziehen wollte, bevor Richard reagieren könnte. "Ich bin übers Handy erreichbar falls mich einer von euch braucht."
      Ezra sah ihm hinterher, mindestens genau so von Richards Arbeitsmotivation irritiert, wie Valentin. MLO war das Letzte, was ihm gerade durch den Kopf ging. Er wollte nur zu Andrew, sicher gehen, das es ihm gut ging und dann zurück mit ihm nach Hause zu ihren Kindern. Nichts konnte so dringend sein, dass es sofort gelöst werden müsste. Die Abteilung in Dublin könnte auch noch ein paar Wochen länger mit schlechter Führung leben.
      "Ich mache mich auch auf den Weg", meldete Niamh sich, während sie ihr Handy in ihre Tasche schob. "John holt mich ab und ist so lieb, danach noch eine Runde zu drehen und frische Kleidung und so für euch vorbeizubringen. Ich würde gerne warten bis Cal wieder wach ist, aber wir haben keinen Babysitter mehr." Ihre Stimme wurde zum Ende hin etwas brüchig. Sie sah so aus, als ob sie kurz davor stand zu weinen. Ezra streckte die Hand nach ihr aus und zog sie wieder zurück, als Niamh kurz bestimmt mit dem Kopf schüttelte. Sie stand auf und ging an ihnen vorbei nach draußen. Ezra starrte eine Weile auf die Tür, bevor er wieder zu Richard sah.
      "Danke. Du hast mit im Keller das Leben gerettet. Wahrscheinlich mehr als einmal. Es tut mir leid, dass wir dich überhaupt erst in all das reingezogen haben." Die Mission wäre wohl mit deutlich mehr Verlusten abgelaufen, wenn Richard nicht dagewesen wäre. Ezra hätte den Keller nicht überlebt, sein Dad hätte Andrew und seine Geschwister vielleicht überwältigt. Ezra wollte sich das alles gar nicht erst ausmalen. Er wollte gerade weiterreden, als sich die Tür öffnete und eine junge Krankenschwester den Kopf reinsteckte.
      "Mr. Fitzsimmons? Mr. Morgan ist ansprechbar."
      Ezra nickte und sah wieder zu Richard. "Gib bitte kurz Bescheid, wenn Cal wach ist", bat er während er aufstand, um der jungen Frau zu folgen. "Vielleicht laden wir dich in Zukunft ja doch ab und an mal zu den Familienfesten ein." Nicht, dass das irgendwer nach dem heutigen Tag noch hören wollen würde.

      "Andy! Hey!" Ezra setzte sich vorsichtig auf die Kante von Andrews Bett, und strich mit seiner Hand über seine Wange. Andrew trug mittlerweile einen von den Krankenhauskitteln und war deutlich weniger blutig, sah insgesamt aber nicht viel besser aus, als vorhin. Ezra strich ihm eine Haarsträhne aus dem Gesicht bevor er sich vorsichtig nach vorne lehnte um ihm einen Kuss auf die Stirn zu hauchen. Mehr traute er sich nicht.
      "Wie geht es dir, Darling?", fragte er sanft, während ein großer Teil der Anspannung, die er bis gerade noch gefühlt hatte, von ihm abfiel. "Im Krankenhaus aufzuwachen ist eigentlich mein Part."
    • Neu

      Richard

      Haha. Was sollte er denn sonst tun? Ihm selbst ging es gut und Caleb würde man so schnell nicht aus dem Krankenhaus entlassen. Sollte er sich hier einkugeln und sich den Vorfall noch einige tausend Mal durch den Kopf gehen lassen? Er hatte in diesem Job noch nie so viel Angst gehabt, wie heute. Also, ja, auch wenn er kein großer Fan davon war, sich in die Arbeit zu stürzen, hatte er dieses Mal wenigstens genügend Anlässe.
      Richard nickte knapp, als Ezra sich bei ihm bedankte und ließ schließlich wortlos den Kopf an die Wand kippen. Andrew ging es also gut. Schön für ihn.
      …Noch ein paar Stunden. Richard blinzelte die Zeiger auf der Uhr an, die sich nicht weiterbewegen zu wollen schienen.

      Andrew

      Als er wieder aufwachte, fühlte er sich taub und zeitgleich schwer. Es war beruhigend, sich im Krankenhaus wiederzufinden, aber die Beruhigung schwand, sobald er sich mit zwei Krankenschwestern und ohne Ezra im Zimmer wiederfand. Er blinzelte und hob leicht seine Hand und noch bevor er etwas sagen konnte, bekam er zur Antwort: "Mr. Morgan, lassen Sie sich Zeit. Ihre Schnitte sind genäht worden, also sollten Sie sich nicht zu viel bewegen um die Nähte nicht aufzureißen" Eine warm lächelnde Krankenschwester beugte sich über ihn. "Wenn Ihnen kalt wird oder Sie Schmerzen haben, melden Sie sich. Sie können auch gerne etwas trinken, wenn Ihnen danach ist"
      Viele Worte. Das waren wirklich, wirklich viele Worte. Andrew runzelte leicht die Stirn, ließ seinen Arm fallen und murmelte: "Ezra Fitz-"
      "Mr. Fitzsimmons wird gerade von meiner Kollegin geholt. Durch die Nachwirkungen der Narkose könnte es Ihnen noch schwerfallen, wach zu bleiben, aber strengen Sie sich nicht zu sehr an. Es ist jetzt alles in Ordnung"
      Das war merkwürdig beruhigend. Andrew hatte keine Ahnung, was diese Krankenschwester wusste oder ob ihre Worte überhaupt irgendeine Bedeutung hatten, aber sie zu hören war ganz nett. Er sah sich kurz ein wenig um, während er wartete. Alles war noch ein wenig dumpf und drehte sich, aber Ezra war hier, und alles war scheinbar okay. Er entdeckte eine Infusion, an die er angehängt war, und etliche Verbände an seinen Armen, die noch einmal nacheinander von der netten Krankenschwester kontrolliert wurden. Sein Auge schien zugeklebt zu sein, aber er traute sich nicht den Arm zu heben, um nachzufühlen, nach den Worten die er eben gehört hatte. Als er endlich seinen Namen in Ezras Stimme hörte, interessierte ihn aber selbst das nicht mehr.
      Er hob seinen Unterarm doch an und legte seine Hand an Ezras Arm. "Gut, gut", antwortete er leise und lächelte Ezra sanft an. "Ich weiß. Das war meine erste Operation aber ich kann mich garnicht daran erinnern", murmelte er.
      Er hörte ein leises Kichern im Hintergrund und dann: "Mr. Morgan ist noch ein bisschen neben der Spur. In ein, zwei Stunden legt sich das. Es könnte sein, dass er wieder einschläft. Helfen Sie ihm gerne, wenn er etwas trinken will, um den Kreislauf nach der Transfusion in Schwung zu bringen. Bei Fieber, Schüttelfrost oder jeglichen Schmerzen melden Sie sich. Und, Mr. Fitzsimmons, wenn Sie Kaffee oder etwas zu Essen haben wollen, steht Ihnen auch die Cafeteria zur Verfügung. Um sechs Uhr wird den Patienten Abendessen ausgeteilt und falls Sie mit Mr. Morgan bis morgen im Krankenhaus bleiben wollen, kann ich Ihnen ein Formular bringen. Die Kosten sind dann am Ende Ihres Aufenthalts zu begleichen. Kann ich Ihnen sonst irgendwie helfen?"
      Andrew wusste jetzt schon nicht mehr, was die Frau gesagt hatte, aber er mochte ihre Stimme. Man wollte ihr wirklich abkaufen, dass alles okay war. Andrew strich einfach nur etwas abwesend mit den Fingern über Ezras Arm.
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      Ezra

      "Danke, wir kommen vorerst zurecht, denke ich." Ezra schenkte der jungen Frau ein aufrichtiges Lächeln, bevor er kurz den Raum scannte um sicher zu gehen, dass sie wirklich zurecht kommen würden. Andrew schien langsam zu sich zu kommen, die Infusionen schienen zu funktionieren, eine Flasche Wasser stand auf dem schmalen Tisch neben dem Bett. Um die Übernachtung würde er sich Sorgen, sobald Andrew wieder einigermaßen auf der Höhe war. Eigentlich war es vollkommen selbstverständlich, dass Ezra über Nacht bleiben würde, aber er wollte nichts überstürzen. Vielleicht brauchte Andrew Ruhe. Vielleicht sollte Ezra den Abend lieber damit verbringen, sich Gedanken um die Kinder zu machen.
      Er hatte Ada unterwegs eine kleine Entwarnung geschickt, nur ein kurzer Satz, ohne weitere Details, aber wahrscheinlich waren sie und Thomas über Steve eh im Thema. Zumindest hoffte er das. So oder so konnte er eigentlich nicht verlangen, dass die drei sich für die restliche Woche um die Kinder kümmerten. Er hatte keine Ahnung, wie lange Andrew überhaupt bleiben musste oder wollte. Am einfachsten wäre es wahrscheinlich, wenn Ada mit den Kindern nach Dublin kommen würde, aber das wäre einerseits ein ziemlicher Aufwand und andererseits eventuell etwas verstörend für die Kinder. Aber er wollte seine Kinder bei sich haben. Er wollte sicher gehen, dass sie wohlauf und alle zusammen waren. Er brauchte Andrews Einschätzung zu dem Problem. Andrew würde weitaus logischer sein, als er.
      "Das war deine erste Operation?", ging Ezra auf Andrews Kommentar ein. Vielleicht war es ganz gut, ihn ein bisschen wach zu halten. Es gab so viele so ernste Themen, die er mit ihm besprechen musste und dieses kleine vollkommen leichte Gespräch war eine wunderbare Ablenkung. "Du hast dir vorher noch nie was gebrochen, oder den Blinddarm entzündet, oder so?" Ezra lachte ein wenig, während er nach Andrews freier Hand griff.
      "Das schlimmste an Operationen ist immer das Krankenhausessen, aber keine Sorge - ich schmuggel dir ab morgen alles rein, was du möchtest." Jetzt, wo sich sein Stresspegel langsam senkte, fühlte Ezra sich selbst unfassbar müde. Er konnte immer noch nicht ganz glauben, dass sie hier waren, dass es Andrew gut ging und dass sie keine größeren Verluste gehabt hatten.
      "Kann ich jetzt schon irgendwas für dich tun? Hast du Durst? Hunger?" Er sah besorgt zu seinem Freund, während er sich nach vorne lehnte, um die Wasserflasche zumindest schon mal in die Hand zu nehmen.
    • Neu

      Andrew

      Andrew nickte lächelnd. „Das hab ich dir ganz sicher erzählt. Ich hab mir nie etwas gebrochen. Ich bin unbesiegbar. Meine Feinde können mir nichts“, erklärte er rau. Er ließ etwas unkoordiniert seinen Kopf von links nach rechts nach links auf dem Kissen kippen. So richtige Kontrolle über seinen Körper schien er ja noch nicht zu haben. Das lag aber an der Operation, oder? Es würde nicht für immer so schwer sein, sich zu bewegen, oder?!
      „Ezra…“, murmelte er und griff wieder etwas fester nach dem Arm seines Freunds. Er hatte nicht wirklich was zu sagen, also blinzelte er ihn nur eine Weile an. Dann schüttelte er wieder den Kopf, etwas sanfter. Er hatte keinen Hunger und keinen Durst. Okay, ein wenig Durst vielleicht. Hauptsächlich fühlte sein Hals sich trocken an. Wie lange war er eigentlich in dem Haus gewesen?
      Andrew strich mit den Fingern über die Hand, die Ezra in seine gelegt hatte. Vielleicht war jetzt wirklich alles okay. Die Krankenschwester konnte vielleicht hellsehen…
      „Wie geht‘s dir?“, fragte Andrew leise. Es war furchtbar schwer seine Augen offen zu halten, aber er wollte auf keinen Fall aufhören, Ezra anzusehen. „Die Kinder sind zuhause?“ Natürlich waren sie das, alles andere wäre seltsam und so sehr Andrew sie gerade auch sehen wollte, so gut wusste er, dass man Kinder nicht mit dutzenden Schnittwunden verstören wollte. Und auch nicht damit, wie eine Mumie auszusehen.
      „Oh… ist mein Auge noch da?“, fragte er, als ihm plötzlich einfiel, dass er garnicht wusste, was es damit auf sich hatte. „Ich will nicht… Ich brauche das 3D Sehen… Sonst falle ich die Stiegen runter“ Wie sollte er Niko nachhause tragen, wenn er im Auto eingeschlafen war? Sie würden zusammen die Stiegen runterfallen, wenn Andrew keine Entfernungen einschätzen konnte. „Ugh… ich kann dann auch keine Bälle fangen… Niko wird mich hassen“ Andrew seufzte.
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      Ezra

      Er sollte Andrew öfter high bekommen, oder betrunken, oder so. Irgendwie war das alles seltsam niedlich. Ezra konnte nicht anders, als zu lächeln. Sich in Andrew zu verlieben war das Beste, was ihm je passieren konnte.
      "Niko könnte dich nie hassen. Er hängt viel zu sehr an dir", versicherte er. "Aber dein Auge ist noch da. Du brauchst nur etwas Erholung." Hoffte er zumindest. Sie hätten ihm gesagt, wenn Andrew ein Auge fehlen würde, oder? Das war immerhin eine ziemlich große Sache. Er würde gleich nachfragen müssen, wenn Andrew wieder schlief. Oder konnte man sowas an dem Verband erkennen?
      "Die Kinder sind zuhause. Wir können sie gleich zusammen anrufen, wenn du möchtest." Obwohl Ezra damit noch warten würde, bis Andrew wieder komplett bei sich war. Nicht, dass er am Ende irgendwas sagen würde, was den Kindern versehentlich Angst machen würde. Gespräche über fehlende Augen waren definitiv aus dem Telefonat gestrichen, egal wie süß seine Sorge um das Ballspielen mit Niko war. Nur, weil sie jetzt vielleicht einen Psychologen hatten, mussten sie die Kinder ja nicht komplett überfordern. Was ein ganz anderes Thema war, was er anschneiden musste, wenn Andrew wieder auf der Höhe war. Jetzt gerade wollte er einfach einen Moment lang genießen, dass Andrew hier und außer Gefahr war.
      Gott, er hätte das alles verlieren können. Ezra hatte diese Sorge so lange unterdrückt, dass sie ihm den Hals zuschnürte, als sie wieder aufstieg. Das Alles war so eng gewesen. Ein falscher Schritt und er hätte nie wieder Andrews Lächeln gesehen, seine Wärme gespürt, oder seine Stimme gehört. Er hätte ihm nie wieder die viel zu perfekte Frisur zerstören können. Es war so verdammt knapp gewesen.
      "Sicher, dass du nichts trinken willst?", fragte Ezra, während er krampfhaft versuchte, die Tränen zurückzuhalten, die in ihm aufstiegen. Erleichterung und nachgelagerter Stress. Seine Hände zitterten ein wenig. Er hätte nicht ohne Andrew leben können.
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      Andrew

      „Okay“, flüsterte er beruhigt. Er hatte noch beide Augen, beide Arme, beide Beine. Er brauchte das alles schließlich um zu verhindern, dass so etwas wie heute nochmal passierte.
      „Ruf später an, ich mache nur kurz meine Augen zu“, murmelte er mit bereits geschlossenen Augen. Er wollte nicht schlafen, nur einen Moment lang seine Augen entspannen, jetzt, wo er wusste, dass noch beide da waren. „Ich trinke durch die Infusion“, murmelte er müde. Vielleicht sollte er doch ganz kurz schlafen. Nur zwei Minuten. Oder fünf Minuten.

      Andrew wachte auf, als jemand an seinem Arm zupfte. Er blinzelte leicht. Eine Krankschwester entfernte die Nadel aus seiner Armbeuge. War‘s das mit der Infusion?
      Er fühlte sich sehr viel klarer als vor einer Weile. Ehrlich gesagt konnte er sich kaum erinnern, worüber er mit Ezra gesprochen hatte. Das waren alles eher gefühlsmäßige Eindrücke, die er noch hatte.
      Andrew versuchte sich etwas aufzusetzen und schluckte, als er das leicht schmerzhafte Ziehen in seinem ganzen Körper spürte. In der selben Sekunde merkte er, wie trocken sein Hals war.
      „Oh, hey. Wie war Ihr Name?“, fragte er die Krankenschwester rau.
      „Maria Collins. Wollen Sie etwas essen, Mr. Morgan? Sie können das Bett mit der Fernbedienung hochlagern, um Ihre Nähte noch zu schonen“ Die junge Frau kam sanft lächelnd wie eh und je zurück zu ihm, nachdem sie die Infusion zur Seite geschoben hatte. „In zwei Stunden gibt es Abendessen. Solange Sie sich gut fühlen, können Sie essen oder trinken was sie wollen. Dr. White möchte Sie ein oder zwei Tage hier behalten, dann können Sie die Wundversorgung auch zuhause übernehmen“
      „Oh… super. Danke. Ich warte einfach auf das Abendessen“ Andrew griff nach kurzem Zögern nach der Fernbedienung, die magnetisch am Bettgestell festhing. Er war irgendwie kein Fan davon, sich nicht einmal selbstständig aufzusetzen, aber es wäre besser, wenn er jetzt nichts tat, um diesen Aufenthalt irgendwie unnötig zu verlängern.
      „Ich darf mich aber schon bewegen, oder?“, fragte er schließlich unsicher.
      „Sie dürfen sich ein wenig bewegen, aber behalten Sie im Hinterkopf, dass die Wundränder zusammenwachsen müssen und deshalb möglichst still bleiben sollten. Dr. White wird mit Ihnen darüber nochmal sprechen, sobald sie Zeit hat“, erklärte Maria.
      „Ah… danke. Und wie sieht es damit aus?“ Er deutete auf sein verklebtes Auge.
      Maria lächelte. „Eine Hornhaut Verletzung und geplatzte Adern. Die Abklebung ist hauptsächlich zum Schutz. Soll ich noch einmal nach Dr. White fragen, damit Sie mit ihr sprechen können?“
      „Nein, nein, schon gut. Ich kann warten. Tut mir leid, ich wollte Sie auch nicht ausfragen“, winkte Andrew ab und spürte sofort, wie seine Haut zog. Zumindest wiesen die Schmerzen ihn konstant darauf hin, sich nicht zu viel zu bewegen. Vergessen konnte er das also nicht.
      „Kein Problem. Falls Sie etwas brauchen, drücken Sie einfach den Knopf“, erwiderte Maria und verabschiedete sich schließlich aus dem Raum und ließ Ezra und ihn wieder alleine.
      Andrew wusste garnicht so richtig, wo er anfangen sollte. Er griff erstmal nach der Wasserflasche und trank einen kleinen Schluck, um seinen Stimmbändern zu helfen.
      „Hey… geht es allen anderen eigentlich gut? Ist zumindest irgendetwas bei der Sache rausgekommen? Die Kinder sind zuhause, richtig? Ich kann mich vage erinnern, dass ich das schon gefragt habe“ Andrew seufzte. Das alles war verdammt anstrengend. Wie konnten sie überhaupt in diese Lage geraten? Andrew juckte es in den Fingern, sich um Sicherheitsmaßnahmen in ihrem Haus zu kümmern.
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      Ezra

      In Andrews Zimmer war es deutlich ruhiger, als im Wartebereich. Zumindest konnte Ezra die ganzen Ärzte, die vor der Tür hin und her liefen, nicht mehr sehen und irgendwie ließ das das Zimmer seltsam sicher wirken. Ezra war von dem Bett runter gerutscht, als Andrew eingeschlafen war, um ihm mehr Platz zu geben und hatte sich stattdessen einen der beiden Plastikstühle im Zimmer ans Bett gezogen. Er war ein wenig unbequem, aber verglichen mit dem, was Andrew fühlen musste, konnte Ezra sich nicht beschweren.
      Er nutzte die Zeit, in der Andrew schlief, um Ada ein ordentliches Update zu geben und sich kurz bei Thomas und Steve für das Babysitting zu bedanken. Nach der letzten Nachricht hatte er sich endlich selbst erlaubt, sich ein kleines bisschen in einem mentalen Zusammenbruch zu verlieren.
      Andrew hätte sterben können. Wenn sie zu langsam gewesen wären, oder irgendeine Kleinigkeit schiefgegangen wäre, wäre Andrew jetzt tot. Ezra wäre selbst fast erschossen worden, wenn Richard nicht dagewesen wäre. Wenn sein Vater besser gezielt hätte, wäre Caleb tot. Ezra bemühte sich, nicht zu hyperventilieren, während die Tränen über seine Wangen liefen. Es fühlte sich überraschend befreiend an, zu weinen.

      Er hatte sich wieder im Griff, als die junge Pflegerin, Maria, zurückkam, um Andrew von seiner Infusion zu befreien und ihn damit wohl endgültig aufweckte. Zumindest klang Andrew deutlich klarer und wacher als bei ihrem ersten Gespräch. Als sie wieder alleine waren, zog Ezra den Stuhl noch näher ans Bett, um nach Andrews Hand greifen zu können. Er musste ein wenig lächeln, als Andrew seine Frage nach den Kindern wiederholte.
      “Sie sind sicher zuhause”, bestätigte er. “Steve hat eben ein paar Bilder geschickt. Offenbar haben Niko und Liz alle zum Basteln genötigt. Ich fürchte, dass wir Glitzerkleber nachkaufen müssen, wenn wir wieder nach Hause kommen.” Womit der leichte Teil des Reports bereits abgeschlossen war.
      “Cal ist noch nicht richtig aufgewacht, aber wohl zumindest nicht in Lebensgefahr. Den anderen geht es gut. Physisch zumindest.” Ezra atmete einmal tief durch, während er mit Andrews Fingern spielte. “Mein Vater ist tot. Zum Glück. Ich mache mir ein bisschen Sorgen um Niamh, aber ich denke, sie kommt klar. MLO hat meine Mutter festgenommen. Ich bin mir nicht ganz sicher, was normalerweise die nächsten Schritte in so einem Fall sind, aber solange sie nicht frei kommt, ist mir eigentlich alles egal.” Er wusste immer noch nicht richtig, was er darüber denken sollte. Er war froh, dass er sich keine Gedanken über seinen Vater machen musste, aber insgesamt fühlte er irgendwie einfach nichts, zumindest nichts, was ihn betraf. Er wollte nach Hause, zu seinen Kindern und sicher gehen, dass sie die beste Kindheit hatten, die je ein Kind gehabt hatte. Er wollte sich von Max alles über Dinos und Planeten erklären lassen und mit Niko jeden einzelnen Spielplatz in London ausprobieren. Er wollte herausfinden, welche schrägen Hobbys Elli entwickeln würde und sie vollkommen darin unterstützen.
      “Ich könnte über Nacht bleiben. Ich müsste nur ein Formular ausfüllen, aber ich war mir nicht sicher, ob dir das helfen würde, oder ob du Ruhe brauchst. Oh und wir müssen überlegen, was wir mit den Kindern machen. Du musst immerhin noch ein paar Tage hierbleiben und offenbar hat die dubliner Abteilung interne Probleme, bei denen ich davon ausgehe, dass du sie lösen willst, wenn wir eh schon hier sind, aber ich würde mir schlecht vorkommen, wenn wir Thomas, Steve und Ada so lange fürs Babysitten ausnutzen würden. Ich werde dich definitiv nicht alleine hier lassen, also müssen wir überlegen, ob wir möglichst schnell wieder nach Hause fliegen, oder die Kinder herholen.”
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      Andrew

      „Wahrscheinlich bleibt sie in Untersuchungshaft, bis sie vor Gericht kommt. Ich denke, dass das eine Weile dauern wird und wir alle Aussagen machen müssen, wenn es eine offizielle Geschichte gibt. Hoffentlich hat MLO die Presse im Griff“, erklärte Andrew leise. Es war tatsächlich erschreckend beruhigend von Mr. Baileys Tod zu hören. Andrew war sich nur nicht ganz sicher, was Caleb passiert war, dass er wieder aufwachen musste. Andrew war irgendwann in dem Durcheinander einfach schwarz vor Augen geworden. Aber solange es allen gut ging, konnte er später noch seinen Rundgang mit Fragen und Danksagungen machen.
      „Bleib bitte hier“, murmelte er und drückte Ezras Hand fester. Er hatte viel zu viele Stunden damit verbracht, sich zu fragen, wo Ezra war und ob es ihm gut ging. Er konnte ihn nicht so schnell wieder aus den Augen lassen. Andrew legte den Kopf gerade und überlegte einen Moment, was die restlichen Fragen betraf.
      „Ähm… Nein, ich denke die Kinder sollten zuhause bleiben, das ist unnötiger Stress. Ich kann Serena fragen, ob sie Thomas, Steve und Ada zumindest an einem Tag ablöst. Ich hab für sie oft genug auf Sarah aufgepasst. Aber was sind das für interne Probleme? Muss ich dafür wirklich hier sein? Wer hat dir das gesagt? Es wäre mir lieber, alles irgendwie von zuhause aus zu erledigen, wenn es geht“ Falls Richard noch hier und in Arbeitslaune war, konnte Andrew ihn vielleicht auch einfach den Job erledigen lassen. Von dem was Andrew über seine Position wusste, war das eigentlich ganz sein Ding. Aber vermutlich kam es auf die Art von Problemen an, die gelöst werden mussten.
      „Wenn wir morgen oder übermorgen nachhause fliegen können, mache ich mir um die Kinder keine Sorgen. Wir telefonieren einfach viel mit ihnen. Das ist besser als sie schon wieder in ein fremdes Land und ein Krankenhaus zu zerren. Ist das für dich auch okay? Ich werde mich auch darum kümmern, dass von MLO jemand beim Haus vorbei schaut und den Einbruch überprüft, damit wir wissen, was wir besser machen können“ Andrew blinzelte zu der Uhr, die über der Tür hing. „Und wir müssen uns bei der Frau entschuldigen, die uns heute das Haus gezeigt hätte. Am besten bettle ich sie an, dass sie es nicht verkauft, bevor wir es gesehen hab“ Er runzelte leicht die Stirn, und ließ es dank der Schmerzen in seinem Gesicht gleich wieder bleiben. Er sog schmerzerfüllt Luft ein. „Ouch… Wie sehe ich eigentlich aus? Ich hoffe wirklich, dass wir im Lager irgendeinen Stein haben, der bei Narbenheilung hilft, bevor ich nachhause komme und den Kindern wirklich noch Angst mache“ Warum bloß sein Gesicht?
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    • Neu

      Ezra

      “Offenbar sind sie mit ihrer Leitung unzufrieden. Strenggenommen haben sie uns nicht mal offiziell geholfen. Richard hatte sich mit einem der Kollegen direkt in Verbindung gesetzt, statt die Leitung anzufragen. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie aussagekräftig das alles ist, weil Richard ja bekanntlich tendenziell niemanden leiden kann, aber es wäre unfair, wenn unsere Kollegen den Job darüber verlieren würden, oder so. Eigentlich ist es nichts, was man vor Ort regeln muss. Wir können auch einfach ein paar Leute nach London einladen”, fasste Ezra zusammen, was ihm von den Problemen in Dublin im Kopf geblieben war. Er hatte nicht sonderlich gut aufgepasst und konnte sich nicht mal an den Namen der Leitung in Dublin erinnern, aber das Problem konnte so oder so noch ein bisschen warten.
      “Wir müssen Thomas und Steve dringend zum Essen einladen, wenn wir wieder in London sind. Sie haben keine Sekunde gezögert, um zu helfen. Ich hätte die Kinder gerne hier, aber größtenteils nur, weil ich sie vermisse. Es wäre wirklich zu viel Aufwand, sie irgendwie nach Dublin zu bekommen.” Er wollte ja selbst nicht mal hier sein. Keine einzige seiner Erinnerungen an Dublin waren auch nur ansatzweise positiv. Er wollte zurück nach London und einfach verdrängen, dass Andrews Job immer ein gewisses Risiko mit sich brachte.
      “Du kannst mir gerne die Nummer der Dame geben, dann entschuldige ich mich und verschiebe den Termin, falls das noch möglich ist. Entspann dich einfach so weit es geht.” Andrew würde definitiv noch etwas Zeit brauchen, wenn ihn selbst sein kritisches Runzeln schon Schmerzen bereitete. Ezra war bereits halb von seinem Stuhl aufgestanden als er realisierte, dass er im Grunde eh nichts tun konnte. Am liebsten würde er den Platz mit Andrew tauschen. Irgendwie würde das alles einfacher machen. Er lehnte sich über ihn und drückte ihm stattdessen einen sanften Kuss auf die Wange.
      “Du siehst ein bisschen mitgenommen aus, aber das wird schon wieder. Wenn wir eine Augenklappe finden, wird Niko bestimmt vollkommen begeistert sein.” Max war ein anderes Thema. Wahrscheinlich wäre es wirklich besser, wenn die Kinder ihn erst wieder sehen würden, wenn er von alleine stehen konnte.
      “Ein paar Narben würden dir eigentlich ganz gut stehen. Lässt dich verwegen aussehen”, merkte Ezra mit einem kleinen Lächeln an, während er sich auf die Bettkante stützte. Das Lächeln verschwand ein wenig, als er erneut daran denken musste, wie knapp das alles gewesen war. “Ich bin wirklich verdammt froh, dass du noch lebst.”
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      Andrew

      "Unzufrieden?", murmelte Andrew. Rechtfertigte das wirklich, das man sich einmischte? Er selbst war bisher auch nicht unbedingt beliebt. Wahrscheinlich musste man wirklich ein paar Leute zusammentrommeln und herausfinden, was diese Unzufriedenheit auslöste. Andrew hatte noch keinen allzu guten Überblick was die Leistung der anderen Abteilungen anging. Aber wenn dahinter nichts schwerwiegendes steckte, konnte er das sicher von zuhause aus regeln. "Wenn Richard weiß, worum es geht, rede ich später mit ihm. Er ist wahrscheinlich hier und und wartet auf Caleb, richtig?" Andrew warf gerade einen Blick in den Raum, um Ezra sein Handy zu übergeben, als ihm plötzlich auffiel… dass er hier mit nichts als seinem Pyjama angekommen war. Er seufzte frustriert auf.
      "Ich hab die Nummer auf meinem Handy. Ich fürchte, du musst zuhause anrufen und irgendjemanden durch mein Handy manövrieren. Ich fasse es nicht, dass ich mit nichts außer meinem Pyjama in einem anderen Land bin. Und den kann man mittlerweile wahrscheinlich auch verbrennen" Wie sollte er irgendetwas erledigen, wenn er nicht einmal sein Handy hatte? Ganz zu schweigen von seinem Laptop. Zumindest wusste Ezra, welche lächerlichen Sachen er sagen musste, um Andrew abzulenken. Er schmunzelte. "Ich hatte noch nicht vor, zum Piraten zu werden" Aber wahrscheinlich würde ihn das bei Niko wirklich noch beliebter machen. Andrew hörte trotzdem sofort auf zu scherzen, als etwas weniger amüsiertes über Ezras Gesicht huschte.
      "Hey. Dir geht es gut? Ist mit deiner Lunge alles in Ordnung? Das Wasser hat ziemlich brutal gewirkt" Er hob seinen Arm und strich Ezra über die Wange während er sich auf die Zunge biss und den Schmerz herunterschluckte. "Ich bin nicht so leicht kaputt zu bekommen, aber dir macht es Spaß, direkt vor meinen Augen am Tod vorbeizuschrammen, hm? Ich werde unser zukünftiges Haus in eine Art Bunker verwandeln, nur so als Vorwarnung" Er lächelte leicht.
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      Ezra

      “Nur müde und erleichtert”, antwortete Ezra, während er den nächsten Kuss vorsichtig auf Andrews Stirn platzierte. “Das mit dem Wasser war eine furchtbar merkwürdige Erfahrung. Wie verschlucken, nur dauerhaft. Choking ist definitiv vom Tisch.” Er seufzte, während er sich wieder zurück auf den Stuhl sinken ließ. Eigentlich wollte er die komplette Erinnerung an den Tag einfach verdrängen und so tun, als ob Andrew, er und die Kinder eine vollkommen normale Familie wären, mit normalen Problemen wie Zeitüberschneidungen bei irgendwelchen Hobbys, oder so.
      “Ich glaube, ich habe dein Handy eingepackt”, merkte er an. “Ich war nicht ganz bei mir und hab ziemlich schnell gepackt, also bin ich mir nicht ganz sicher, aber Niamhs Mann wollte gleich wohl die Tasche vorbeibringen, dann können wir nachsehen. Ich hab auch Kleidung für dich bei, deine Uhr und so.” All das Zeug, das Andrew brauchen würde. Nur seine vollkommen überzogene Skin-Care-Routine Sachen hatte er nicht angefasst, aber die würde er momentan ja wahrscheinlich eh nicht brauchen.
      “Ich geh mich mal um den Übernachtungszettel kümmern, bevor da irgendeine Frist abläuft, oder so. Ich bin sofort wieder da.”


      Valentin

      Was für ein beschissener Arbeitstag.
      Valentin hatte sich ins Auto gesetzt, durchgeatmet und war wieder ausgestiegen, um noch eine Zigarette zu rauchen. Eigentlich tat er das so gut wie nie. Er rauchte auf Feiern oder in Kneipen, wenn er mit Freunden zusammenstand, aber nie alleine. Nur, wenn er Stress hatte. Das war seine dritte Zigarette heute.
      Er war kein Einsatzleiter. Das war nie seine Position gewesen. Im Gegenteil, eigentlich arbeitete er anderen Leuten zu und traf selbst kaum Entscheidungen. Aber er hatte keine andere Wahl gehabt, als Richard angerufen hatte. Sicher, die anderen hatten ihm geholfen, wo sie nur konnten und am Ende des Tages war er nur irgendwie in jede Entscheidung involviert gewesen, weil er der Kontaktmann für Richard war, aber das hatte zumindest gereicht, um ihm zu beweisen, dass er mit seinem Job mehr als zufrieden war. Er brauchte keine Verantwortung und er konnte ziemlich gut damit leben, nie wieder zusehen zu müssen, wie zwei Menschen fast auseinandergerissen wurden. Das Bild von Richard, der die Hand auf Calebs Wunde presste, würde ihm wohl nie wieder aus dem Kopf gehen. Genau so wie Ezra, der sich an Andrew geklammert hatte, bis der Krankenwagen gekommen war. Selbst Mrs. Baileys Schreie nach ihrem Mann verfolgten ihn. Von Niamhs verstörten Blick vollkommen abgesehen.
      Er hatte das dringende Bedürfnis, Mateo bei sich zu haben und seine Eltern anzurufen, als er wieder ins Auto stieg. Ersteres ging nicht ohne weiteres, also wählte er die Nummer seiner Mutter, während er den Krankenhausparkplatz verließ.

      Seine Mutter anzurufen war, naja, es war kein Fehler gewesen, aber es hatte ihn definitiv mehr Zeit gekostet, als er gedacht hatte. Am Ende kam er viel später nach Hause, als er gewollt hatte, dafür aber zumindest nicht mit leeren Händen.
      Er rief ein kleines “Hey!” in die Wohnung hinein, während er das mitgebrachte Essen und die Blumen, die er im Arm hielt, auf die kleine Anrichte neben der Tür stellte und Schuhe und Jacke auszog. Er fand Mateo im Wohnzimmer auf dem Sofa sitzend, offenbar hoch konzentriert.
      “Ich hab Essen mitgebracht. Indisch. Ich hätte angerufen und gefragt, was du willst, aber ich habe es nicht geschafft, meine Mom abzuwürgen, also habe ich dir das selbe wie immer mitgebracht. Ich soll dich aber ganz lieb von ihr grüßen. Und ich habe dir Blumen mitgebracht.” Er schon Mateo den Strauß in die Arme und stahl sich dabei einen Kuss von seinen Lippen. Er brauchte dringend einen anderen Job und Mateo ein anderes Hobby. Vielleicht sollten sie einfach…mit Kindern arbeiten, oder so. Da konnte nicht viel lebensbedrohliches passieren, oder? “Ich geh kurz Besteck und eine Vase holen.”