The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Ezra

      So viel zu der kleinen, offenbar extrem kurzlebigen, Freude Richard zu sehen. “Anders herum. Du bist eher derjenige, der mich behindert. Alleine einzusteigen ist einfach - für jemanden mitzuplanen, der ziemlich viel Ego für so wenig Meinung-”
      “Ladies, reißt euch zusammen.” Niamh verdrehte seufzend die Augen. “Es bringt nichts, wenn ihr euch jetzt schon gegenseitig an die Gurgel geht. Obwohl…”
      “Richard hat Recht.” Caleb sah von seinem Tablet auf. “Du schickst zwei Leute rein, die sich aktiv gegenseitig hassen. Es muss nur eine einzige Kleinigkeit schief gehen und wir sind alle geliefert.”
      “Und deine Lösung ist es, uns einen Babysitter an die Seite zu stellen?” Ezra sah seinen Bruder an, als ob dieser gerade behauptet hätte, dass es den Weihnachtsmann tatsächlich gab. Er fand es schon erstaunlich genug, dass Caleb überhaupt so ruhig bei dem Gedanken blieb, Richard in ihren Plan zu involvieren. Andersherum hätte Ezra alles daran gesetzt, Andrew so weit wie möglich von hier fernzuhalten, wenn seine Eltern Richard gekidnappt hätten. Sein Blick huschte immer wieder zurück zu seinem Handy. Der Bildschirm war mittlerweile aus, aber das Bild von Andrew hatte sich in seinen Kopf eingebrannt. Sie saßen schon viel zu lange hier. Sie mussten los. Sein Vater würde jeden dieser Schnitte, jeden Schlag zurückbekommen, egal, wie sehr Niamh versuchte, sie voneinander fernzuhalten.
      “Ihr bräuchtet keinen, wenn du dich im Griff hättest.” Caleb zuckte kurz mit den Schultern.
      “Ich?! Er hat angefangen!” Ezra hätte das alles hier überspringen und direkt zu seinen Eltern fahren sollen. Er wäre schon irgendwie reingekommen, er hätte es irgendwie zu Andrew geschafft. Sie wären jetzt wahrscheinlich schon auf dem Rückflug.
      “Von mir aus könnt ihr eine komplette Polonaise in das Haus führen. Ich wage nur zu bezweifeln, dass ihr das schafft, ohne gesehen zu werden und mein letzter Stand war, dass wir so wenig Leute wie möglich opfern wollen. Idealerweise niemanden. Wir wissen nicht mal, ob wir es hinbekommen die Kameras so lange auszustellen, dass ihr beide rein kommt. Noch mehr Personen in den Mix zu werfen kommt mir sinnlos vor.” Niamh überging den Streit nahtlos. “Holt Andrew raus. Was danach passiert, ist mir egal, solange ich nicht mit reingezogen werde.”
      “Es gibt nicht viel, was danach passieren kann. Wir müssen Mom und Dad irgendwie aus dem Verkehr ziehen, sonst wird das immer wieder passieren.” Sie hätten das schon viel früher machen sollen. Ezra hatte als Kind oft mit dem Gedanken gespielt, sich zu stellen, aber es war ihm immer unrealistisch vorgekommen. Es war unmöglich zu wissen, welche Helden auf den Gehaltslisten seiner Eltern standen. Sie hatten Geld und er war ein Kind - niemand hätte ihm geglaubt. In den letzten Jahren war es irgendwann einfacher gewesen, sie zu vergessen, als sich dem ganzen zu stellen und jetzt musste Andrew die Konsequenzen für ihn spüren. Es war nicht fair.
      “MLO dürfte durch das Kidnapping genug Grundlage haben, um sie wegsperren”, erklärte er, während er wieder zu Richard sah. “Ich steuere liebend gerne genug weitere Informationen bei, um sie bis an ihr Lebensende nicht mehr sehen zu müssen.” Noch lieber wäre es ihm, die beiden eigenhändig zu erwürgen.
    • Richard

      Es war noch immer ziemlich einfach, Ezra zur Weißglut zu bringen. Vielleicht war er momentan etwas gereizter als sonst, aber… hatte er wirklich Zeit dafür, zu streiten? Richard hatte nur Fakten ausgesprochen. Ezra war ein Sensibelchen, hm? Oder wollte er einfach nicht einsehen, dass er in einem Nahkampf ausgeliefert wäre?
      Richard antwortete nicht auf seinen Ausraster sondern setzte sich mit bitterem Blick neben Caleb auf einen Stuhl. Aber der schien ihm auch in den Rücken fallen zu wollen. "Was soll schiefgehen? Ich werde ihm schon nicht an die Gurgel gehen, aber ich hätte gerne Backup, das mir tatsächlich etwas bringt", murmelte er genervt. Ein Babysitter? Die einzige Person hier, die dringend eine Aufsicht brauchte, war Ezra. Keiner wusste, was er tun würde, wenn er nochmal so ein Foto zugeschickt bekam, oder Andrew in Person leiden sah. Er war eine Wild Card.
      Richard vermied es stolz zur Seite zu schauen, als Caleb ihm zustimmte. "Bist du ein Kleinkind?", fragte er Ezra. "Du könntest dich auch mal für die Hilfe bedanken, anstatt dich zu beschweren. Wir sitzen hier seit Stunden um Andrew aus dem Haus deiner Eltern zu holen" Okay, zugegeben, es fühlte sich ganz gut an, die Aufopferungs-Karte auszuspielen. Er würde Ezra und Andrew damit nerven, solange es ging. "Vergib mir, wenn ich keine Lust habe, alleine deinen Bodyguard zu spielen, sobald wir drin sind" Er sah zu Niamh. "Ich verstehe ja, dass du niemanden opfern willst, oder was auch immer, aber erstens ist es dafür wirklich schon zu spät, und zweitens steigt die Chance von Opfern, wenn wir zu schwach sind. Diese Opfer sind das außerdem wir. Dein Argument vermisst einiges an Logik" Richard traute Niamh einfach nicht über den Weg. Es wirkte unweigerlich so, als würde sie ihre Eltern und ihren eigenen Kopf schützen wollen, und gleichzeitig Andrew retten. Nur funktionierte so ein Plan nicht, wenn man einen Doppelagenten hatte.
      "Und, ja, es wäre kein Problem sie zu verhaften und nie wieder aus dem Gefängnis zu lassen. Aber mach das mit deiner Schwester aus. Sie scheint nicht dieselben Prioritäten zu haben, wie wir", fügte Richard and Ezra gewandt hinzu. "Wenn etwas schief geht und unser MLO Backup eine Sekunde zu spät dran ist, sind wir alle tot. Nicht nur Andrew"
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    • Ezra

      "Oh entschuldige, dass es gerade nicht meine Priorität ist, dir mit einem Blumenstrauß und einem Essen zu Danken, dass du uns hilfst, Andrews Leben zu retten." Ezra war nur einen Kommentar davon entfernt, über den Tisch zu springen und Richard einfach zu erwürgen. Sie könnten ja gerne direkt austesten, wer von ihnen beiden lebend aus einem Kampf herauskommen würde.
      "Ist mein Argument unlogisch, oder überschätzt du einfach den Stellenwert, den du bei mir hast? Ich denke, ich kann vielleicht doch mit ein paar Opfern leben", schloss Niamh sich eingeschnappt der Diskussion an, bis Richard andeutete, dass sie die Langzeitpläne ihre Eltern betreffend wohl schon ausdiskutiert hatten. Mit einem offenbar recht unbefriedigenden Ergebnis.
      "Was zum Fick ist dein Problem?" Ezra sah mit offenem Mund zu Niamh, die beinahe ebenso entsetzt zurück sah.
      "Oh bitte. Du kannst nicht ernsthaft mit dem Gedanken spielen, gegen Mom und Dad vorzugehen", antwortete sie. "Sie sind immer noch unsere Eltern. Weißt du, wie viele Kontakte ich verlieren würde?"
      "Weißt du, wie wenig mich das interessiert?" Ezra stand so schwungvoll auf, dass der Stuhl hinter ihm zur Seite kippte. "Andrews Leben steht auf dem Spiel und du-" Ezra schnappte überrascht nach Luft, als er seine Lippen bewegte, aber kein Ton mehr über seine Lippen kam. Niamhs amüsiertes Lächeln verschwand, als sie - offenbar mit der Absicht, einen bissigen Kommentar von sich zu geben - auf das selbe Problem stieß.
      "Können wir und für zehn Minuten zusammenreißen?" Eine der Bleidöschen mit Steinen, die Ezra mitgebracht hatte, lag offen vor Caleb, der den blassgrünen Stein, der darin gesteckt hatte, locker in den Händen hielt. "Wenn wir so weitermachen vergeuden wir Zeit, die wir nicht haben und kommen nie zu einem Ergebnis. Wenn wir ohne einen ordentlichen Plan dort auftauchen, können wir uns auch direkt selbst die Kugel geben und ich kann es selbst nicht glauben, aber - ich würde das alles schon ganz gerne überleben."
      Ezra sah kurz zu Niamh, die nicht sonderlich begeistert aussah, aber kurz nickte. Richard, der ähnlich stumm zu sein schien, bekam von ihm nur einen kurzen Seitenblick, während er den Stuhl wieder aufstellte und sich setzte. Das Eklige an der Sache war, dass Caleb vollkommen Recht hatte.
      "Sehr schön." Caleb ließ den Stein zurück in die Box fallen und schob selbige von sich. "Den Stein solltet ihr übrigens mitnehmen, falls ihr auf jemanden trefft, der Verstärkung anfordern könnte. Ich würde nur nicht empfehlen ihn bei mehr als einer Person anzuwenden." Er wischte kurz das Blut, dass ihm langsam aus der Nase tropfte zur Seite, bevor er wieder auf die Zeichnungen vor sich tippte. "Es gibt nur einen direkten Zugang zum Keller. Vielleicht sollten wir erst eine Route festlegen bevor wir abschätzen, wie viele Leute wir runterschicken."
    • Richard

      Richard merkte ziemlich schnell, dass Caleb seinen kleinen Scherz mit dem Stein auch auf ihn ausweitete. Er sah einen Moment lang tatenlos den Kleinkindern bei ihrem Streit zu, bevor er einfach den Kopf zur Seite drehte und Caleb für de restliche Zeit vorwurfsvoll anstarrte. Warum er? Er hatte garnichts getan. Er hatte nichtmal was gesagt. Nur die Wahrheit! Und sollten nicht alle Beteiligten volle Transparenz über etwaige Verräter am Tisch haben? Wie konnte Caleb es wagen, die ganze Zeit wie wild die Seiten zu wechseln? Er sollte auf Richards Seite stehen, nicht auf der von sonst irgendwem. Nichtmal auf der von seinen kriminellen Kleinkind-Geschwistern, aus offensichtlichem Anlass.
      Sobald Caleb die Wirkung des Steins auflöste und ihm plötzlich Blut aus der Nase tropfte, weigerte Richard sich, ihm instinktiv ein Taschentuch zu reichen, und murmelte ihm stattdessen zu: "Du wirst das sowas von bereuen." Sie würden später ja sehen, wer wem den Mund stopfte. Richard lehnte sich wieder vor und verschränkte die Hände auf dem Tisch. "Wir können dann ja in der Leben-oder-Tod-Situation nochmal drüber reden, wer wen verhaftet oder verrät", sagte er lächelnd und trank einen Schluck Wasser. Er sah Caleb wieder an. "Ich hoffe übrigens, du freust dich darauf, deinen besten Freund Valentin wiederzusehen, weil er mir die Gruppe nämlich zusammengestellt hat. Wir sollten später über… den Boss der Dublin Branche reden, wenn Andrew dazu aufgelegt ist. Bis dahin hoffen wir, dass er für uns kein Hindernis darstellt"
      Damit hatte er eigentlich auch gesagt, was zu sagen war. Wenn es hart auf hart kam, würde er die Kidnapper außerdem nicht verhaften, sondern außer Gefecht setzen, koste es was es wolle. Niamh konnte dann anschließend immernoch darüber heulen, dass sie irgendwelche Kontakte verlor.
      Nachdem Ezra sich vorrangig um die Route und den Einbruchsplan gekümmert hatte, läutete es an der Tür, und Richard nahm wie bestellt ein paar der MLO Ausrüstungen entgegen, die jemand für sie rausgeschmuggelt hatte. Gegen die meisten Steine gab es nicht viel Schutz, mit Ausnahme von weiteren Steinen, aber physische Attacken waren immer ein Problem, und ohne Schussweste sollte heute niemand mehr das Haus verlassen. Richard überreichte Ezra seinen Teil der Ausrüstung etwas widerwillig. Genau genommen schuldete er ihm wirklich einen Blumenstrauß und ein Essen.
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    • Caleb

      "Bring mich dazu", beantwortete Caleb Richards Drohung eben so leise, bevor er sich wieder über sein Tablet neigte, bemüht, irgendeinen Schwachpunkt im Kamerasystem seiner Eltern zu finden. Seine kleine Einlage mit dem Stein schien zumindest halbwegs gefruchtet zu haben. Ezra schien sich mehr auf die Pläne zu konzentrieren, als auf Niamh, welche sich damit begnügte, einfach beleidigt auf die Tischplatte zu starren, während Richard weiterredete.
      "Valentin? War das der niedliche Deutsche aus der Bar?", fragte sie ein wenig irritiert. "Der ist bei MLO?"
      "Offensichtlich. Wusste ich bis vor kurzem auch nicht." Außerdem kannte Caleb ihn überwiegend im angetrunkenen bis vollkommen betrunkenen Zustand, was wahrscheinlich nicht gerade für ihn sprach. Er mochte Valentin, aber er hatte keine Ahnung, wie hilfreich er sein würde. Vor allem, wenn die Dublin Abteilung parallel wohl mit ihren ganz eigenen Problemen zu kämpfen hatte. "Warum erinnerst du dich überhaupt an ihn? Du hast ihn nur einmal gesehen und das ist Jahre her."
      "Du hast nicht sonderlich viele Freunde. Das macht es ziemlich leicht, sie sich zu merken."
      Caleb sah von seinem Tablet hoch, starrte seine Schwester eine Sekunde lang an und griff wieder nach dem Stein.

      Es war erstaunlich dass sie es am Ende sogar schafften, einen halbwegs vernünftigen Plan auf die Beine zu stellen. Caleb und Niamh würden ihre Eltern mit ein paar Fragen ablenken und einfach dafür sorgen, dass sie möglichst lange möglichst weit weg vom Keller blieben. Es gab nur eine Kamera, die direkt auf die Tür gerichtet war, die den Keller mit dem Garten verband. Die Kamera würde einen Sicherheitsalarm auslösen, wenn sie für mehr als eine Minute ausgeschaltet war, also müssten Ezra und Richard sich beeilen, um reinzukommen. Caleb war ziemlich sicher, dass er die Kamera problemlos während des Gesprächs mit seinen Eltern vom Handy aus aus und wieder anschalten konnte, am Ende entschieden sie sich aber doch dafür, MLO zu nutzen. Wenn Valentin eh schon auf Standby war, konnte er sich auch nützlich machen und zwei Mal auf einen Knopf drücken. Der Haken an der Sache war, dass weder Niamh, noch Caleb einen Schlüssel zur Tür besaßen, was bedeutete, dass Ezra sie knacken musste. Er war sich ziemlich sicher, dass er es hinbekam. Caleb konnte nur hoffen, dass er sich dabei nicht überschätzte.
      Raus zu kommen wäre etwas einfacher, immerhin wäre die Tür nicht mehr verschlossen. Sie mussten es nur schaffen, Andrew in seinem Zustand innerhalb einer Minute hinter den Bereich der Kamera zu bringen. Caleb und Niamh waren sich noch nicht ganz einig, was sie anschließend tun würden. Caleb war dafür zu gehen, bevor jemandem auffiel, dass Andrew fehlte, damit sie sich nicht direkt mit den Konsequenzen auseinandersetzen mussten, während Niamh der Meinung war zu bleiben, um den Ärger irgendwie zu steuern. Wahrscheinlich war es sowieso egal. Caleb war sich ziemlich sicher, dass es tausende Schwachstellen in ihrem Plan gab, die ihnen in irgendeiner Weise auf die Füße fallen würden.
      Er folgte Richard und Ezra ins Wohnzimmer, als es klingelte und sah amüsiert dabei zu, wie Richard seinem Bruder eine Schussweste in die Hand drückte. Ezra sah kurz aus, als ob er sich selbst vor einen Bus werfen wollte, zwang sich offenbar zu einem ziemlich knappen "Danke", sah aus als wollte er noch mehr sagen, entschied sich offenbar dagegen, drehte sich um und ging zurück zu Niamh.
      "Vielleicht bin ich ein bisschen pessimistisch, aber ich habe das Gefühl, dass gleich alles schief geht, was wir in der letzten Stunde erarbeitet haben", kommentierte Caleb, bevor er sich auf die Zehenspitzen stellte, um Richard einen Kuss auf die Wange zu geben. Er wusste nicht ganz, was er von ihm erwartete. Ob es besser war, wenn Richard ihm zustimmte, oder ob er lieber die Lüge hören wollte, dass schon alles funktionieren würde. "Pass auf dich auf und...sei vielleicht nicht zu hart zu Ezra. Ich glaube ich wäre in seiner Situation nicht mal annähernd so brauchbar, wie er."
    • Richard

      Der Plan klang viel zu simpel. Viel zu simpel. Irgendetwas ging immer schief, wenn es zu einfach war. Das war beinahe Gesetz. Und Erfahrung. Entweder gab es Kameras, von denen Niamh und Caleb nichts wussten, oder Andrew war an einem anderen Ort, oder es gab — ziemlich sicher — Wachen, und vermutlich würde das mit dem Ablenken nicht klappen, aber wenn es klappte, dann fiel die Schuld sofort auf Niamh und Caleb zurück. Außerdem mussten sie Andrew mehr oder weniger sofort aus dem Land fliegen, und definitiv nicht zurück nach London, bis sie Calebs Eltern unter Kontrolle hatten. Außerdem musste mindestens einer von ihnen angeschossen oder abgestochen werden. Sie waren zu viert. Einer war immer dabei.
      Mehr fiel Richard nicht ein, er war sich sicher, dass es noch dutzende andere Arten geben würde, wie diese Sache schiefgehen konnte. Deshalb wusste er nicht so richtig, was er sagen sollte, als Caleb seine Sorge teilte. Er öffnete kurz den Mund, nur um ihn wieder zu schließen. Seine Skepsis war vermutlich schon in den letzten Stunden ausreichen rübergekommen. Jetzt ging es eher daran, zu hoffen, dass es entweder Niamh oder Ezra waren, die angeschossen oder abgestochen wurden, wenn es schon einer sein musste.
      Richard biss kurz die Zähne zusammen, als sein Freund ihn nochmal bat, netter zu Ezra zu sein. „Du wärst nicht in der Situation“, sagte er. „Du wärst garnicht erst in der Situation“ Er hatte das Bedürfnis, das noch ein paar Mal zu wiederholen. Richard ließ nicht so leicht kidnappen, und er ließ sich erst recht nicht ausschalten. Andrew mochte ihn schon seit der Schulzeit immer ausgestochen haben, aber in solchen Situationen fehlte ihm Biss.
      „Und wehe, dir passiert etwas. Ich finde dich und bringe dich mit meinen eigenen Händen ein zweites Mal um“, grummelte er, beugte sich zu Caleb und küsste ihn. Er zog ihn nochmal etwas fester an sich, bevor er los ließ. Dann richtete er seine Ausrüstung und verstaute die restlichen Steine. „Und du kriegst keine Entschuldigung von mir, falls ich am Weg unabsichtlich beide deiner Eltern ermorde“ Er zuckte mit den Schultern. Das war dann einfach etwas, über das Caleb in ihrer Beziehung hinwegsehen musste.
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    • Caleb

      "Du musst an deinen Drohungen arbeiten. Gleich zwei mal ermordet zu werden klingt nach einem ziemlich soliden Lebensziel für mich." Caleb lächelte schwach. Er hatte weniger Sorge um sich selbst und mehr um Andrew, Ezra und vor allem Richard. Er zweifelte nicht an dem Können seines Freundes, aber am liebsten würde er einfach einen Koffer packen und mit ihm ans andere Ende der Welt fahren, bis sich das alles irgendwie von selbst gelöst hatte. Was unfair und verdammt unrealistisch war, aber er wollte sich nicht vorstellen was passieren würde, wenn er Richard verlor. Genau so wenig, wie er sich vorstellen konnte, seine Eltern zu verlieren.
      Er wusste nicht ganz, was er von der gesamten Situation halten sollte. Er hatte das furchtbare Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen. Ja, es war vollkommen offensichtlich, dass irgendwas gegen ihre Eltern unternommen werden musste, weil das alles sonst nie aufhören würde. Richard und Ezra hatten in der Hinsicht absolut recht, auch wenn sie etwas sehr extrem waren. Aber am Ende musste Caleb Niamh irgendwie auch zustimmen. Sie waren immer noch ihre Eltern, egal, wie absolut durchgedreht sie waren. Er konnte sich nicht vorstellen was passieren würde, wenn heute einer von ihnen sterben würde. Er liebte und hasste sie zu gleichen Teilen und hatte keine Ahnung, was er mit diesen widersprüchlichen Gefühlen anstellen sollte. Also nickte er nach kurzem Zögern einfach nur.
      "Besser sie als du." Wenigstens war er sich in der Hinsicht absolut sicher. Er würde lieber Andrew oder seine Eltern verlieren, als Richard. Er würde...wahrscheinlich auch lieber seine Geschwister verlieren, als ihn, aber der Gedanke kam ihm so unheimlich vor, dass er ihn direkt verwarf. Sie würden es schon irgendwie schaffen.
      "Braucht ihr noch einen Moment, oder können wir langsam loslegen?" Niamh ging an ihnen vorbei, ohne ihnen sonst irgendeine Art von Beachtung zu schenken und schnappte sich ihre Autoschlüssel. "Ich wäre gerne da, bevor Dad die nächsten Bilder schickt. Ezra hat gerade noch welche bekommen und es sieht nicht sonderlich gut aus."
      "Oh. Sicher." Caleb stellte sich ein letztes Mal auf die Zehenspitzen, um Richard einen Kuss zu geben. Er und Niamh würden mit Niamhs Wagen vorfahren, Richard und Ezra würden etwas versetzt mit Calebs Wagen folgen und mit deutlichem Abstand zum Haus parken. Caleb hoffte, dass die beiden überhaupt so weit kamen, ohne sich gegenseitig die Köpfe abzureißen. "Viel Glück", wünschte er und wandte sich an Niamh, bevor er kurz zögerte und schließlich kurz nach seinem Hals griff, um eine der Ketten zu lösen, die er trug.
      "Erinnerst du dich an das Schutzschild, das wir als Windfang genutzt haben, als wir uns das erste mal getroffen haben?", fragte er, während er die Kette und den daran hängenden Stein in Richards Hand drückte. "Er funktioniert wie eine durchsichtige Wand. Du musst dir nur vorstellen, wo sie steht. Steine hält sie nicht ab, aber alles andere." Er lächelte Richard kurz entgegen und folgte Niamh, bevor Richard auch nur auf die Idee kommen würde, ihm den Stein zurück zu geben.
    • Richard

      Langsam wurde es etwas kitschig, oder? Richard war sich nicht sicher, was das leichte Kribbeln, das er spürte, bedeuten sollte, aber er hoffte dringend, dass es ein Signal dafür war, dass er kotzen musste. Er war recht froh darüber, dass Niamh sie unterbrach. Gerade, als er versuchte, sich mental darauf einzustellen, ein Fahrzeug mit Ezra zu teilen, drückte Caleb ihm allerdings seinen Schutzstein in die Hand. Richard wusste nicht, ob er mit den Augen rollen oder ihn Caleb hinterher werfen sollte. Gleichzeitig wurde er sich immer sicherer, dass das Kribbeln nicht für Kotzen stand. Er hing sich die Kette etwas widerwillig um. Dieser Idiot. Besser wäre es gewesen, wenn er den Stein behalten hätte. Was, wenn er ihn später brauchte? Richard würde alle im Haus umbringen, wenn er Calebs Einzelteile einsammeln musste. Er würde. Alle. Umbringen.
      Richard stand noch eine Weile alleine im Flur herum, um herauszuzögern, was auf ihn wartete, drehte sich nach einigen Sekunden dann aber schließlich um und ging wieder ins Wohnzimmer zu Ezra. Gott, er hasste diesen Anblick. Die Couch war nicht dafür da, dass dieses Arschloch darauf saß. Sie war für Sex. Mit Ausblick.
      "Der Hintergrund auf den Fotos ist noch derselbe, wie vorhin?", fragte Richard und setzte sich auf einen Stuhl, möglichst weit entfernt von Ezra. "Nicht, dass man die nicht schon vor Stunden im minutentakt hätte schießen können, aber wenn etwas seltsam aussieht, wäre es gut, das zu wissen, bevor wir im leeren Keller stehen während Andrew längst-" In der Leichenhalle lag. Gut, dass er sich rechtzeitig gestoppt hatte. Richard räusperte sich und nahm sich vor, sich von Caleb dafür später belohnen zu lassen.
      "Mann. Ich hoffe, ich bekomme diesen Monat ein doppeltes Gehalt", murmelte er und drehte seine Kaffeetasse am Tisch im Kreis.
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    • Ezra

      "Jepp, immer noch der selbe." Ezra konnte nicht aufhören, auf das Foto zu starren. Er hatte die Beine hochgezogen, sein Kinn auf seine Knie gestützt und sah auf sein Handy, als würde sich das Problem durch anstarren von selbst lösen. Nach dem ganzen Hass, der sich in den letzten Stunden in ihm angestaut hatte, fühlte er sich gerade einfach seltsam leer. Ein furchtbar irrationaler Teil seines Kopfes wollte einfach nach Hause gehen, sich an Andrew kuscheln und das alles vergessen, was logischerweise nicht möglich war, aber jetzt gerade fühlte sich nichts von dem allen hier wirklich real an. Es war wie ein Albtraum, aus dem er nicht aufwachen konnte. Alleine mit Richard zu sein verstärkte den Effekt nur.
      "Ist das der Grund, warum du hilfst? Ich hab eher darauf getippt, dass du mehr Urlaubstage raushandeln möchtest." Ezra verzog bei seinen eigenen Worten kurz das Gesicht. Es hatte in seinem Kopf schon nicht richtig witzig geklungen und ausgesprochen war es noch schlimmer. "Sorry. Der war...nicht sonderlich gut." Er zuckte mit den Schultern, bevor er das Bild auf seinem Handy wegdrückte und stattdessen zu Richard sah, der eigentlich mit der ganzen Sache kaum etwas zu tun hatte und trotzdem hier saß. Was ihn nicht sympathischer machte, aber irgendwie konnte er sich selbst nicht mehr so leicht dazu bringen, ihn einfach zu hassen. Er spielte abwesend mit dem Stein um seinen Hals. Andrews Stein, der, der alles um ihn herum in Flammen aufgehen ließ. Er hatte ihn aus Reflex eingesteckt, als er nach Dublin aufgebrochen war, teils, um ihn Andrew wieder zu geben, teils um eine einfache Lösung parat zu haben, falls ihr Plan schiefgehen sollte. Es hatte in Russland funktioniert, warum also nicht auch hier? Ob Andrew ihm glauben würde, wenn er ihm erzählen würde, wie seltsam hilfreich Richard sich für ihn eingesetzt hatte? Ezra musste bei dem Gedanken daran fast ein wenig lachen.
      "Frieden?", fragte er in Richards Richtung. "Zumindest bis wir Andrew wieder zurück haben? Ich würde es wirklich hassen draufzugehen, nur weil wir uns gegenseitig mit irgendeinem Streit ablenken."
    • Richard

      Wahrscheinlich sollte ihm jemand das Handy aus der Hand nehmen, aber Richard fühlte sich dafür nicht verantwortlich. Es konnte trotzdem nichts Gutes heißen, dass Ezra sich die Fotos schon ewig lange ruhig ansah. Wie konnte er da überhaupt hinsehen? Richard wäre an seiner Stelle schon nach einem winzigen Blick ausgeflippt und wütend losgezogen. Mit genügend Hass blieb man schon am Leben, selbst wenn es nach einem Selbstmordkommando aussah. Alleine, dass Caleb gerade auf dem Weg in dieses Haus war, um mit seinen psychopathischen Eltern zu sprechen, machte Richard etwas nervös. Er versuchte nicht darüber nachzudenken, um sich von dem Plan nicht ablenken zu lassen. Das Level an Professionalität hatte er. Nicht, dass er seine eigene lockere, lustige Beziehung mit Andrew und Ezra's klinischer Obsession vergleichen wollte.
      Richard runzelte leicht die Stirn bei Ezra's traurigem Versuch an einem Witz und beschloss einfach, ihn zu ignorieren. Fakt war, dass er nach der Scheiße hier definitiv erstmal Urlaub brauchte. Richtigen Urlaub.
      Er sah erst wieder bei Ezra's peinlichem Friedensangebot auf. Wobei… vielleicht sollte er mitspielen, um später die optimale Opferkarte ausspielen zu können. "Ich hatte nicht vor, mich ablenken zu lassen", sagte er. "Allen Spaß beiseite, ich rette nicht nur meinen Boss oder deine… Klette, sondern jemanden, den ich seit dreizehn Jahren kenne, so beschissen die Beziehung auch sein mag. Und ich riskiere niemandes Leben wegen persönlichen Differenzen. Ich kann dich hassen und trotzdem dafür sorgen, dass du an natürlichen Ursachen stirbst"
      Richard wollte sich nach dieser Offenbarung am liebsten erdolchen, aber Ezra schien das bisschen Ehrlichkeit wirklich nötig zu haben, um nicht abgelenkt zu sein. Wie gesagt… ihm fehlte dieses Level an Professionalität. Richard manipulierte damit zwar seine eigene Chance auf die perfekte Opferkarte, aber solange er das Risiko minimierte, dass einer von vieren erschossen oder erstochen wurde, war es das vermutlich irgendwie wert. Man wurde die Glaubenssätze dieses Jobs ja nicht einmal im Schlaf los. Es war furchtbar. Warum hatte er sich nochmal entschieden, Held zu werden?
      "Sollen wir losfahren?", fragte er, um sich endlich in Bewegung setzen und dieses Gespräch hinter sich lassen zu können.
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    • Ezra

      "Ja, lass uns fahren", stimmte Ezra zu, teils, weil er mit jeder Sekunde nervöser wurde und selbst merkte, dass er vor dem nächsten Breakdown stand, teils, um das Gespräch einfach zu beenden. Richard war in der Hinsicht professioneller, als er. Er verstand, dass Richard und Andrew sich lange kannten und Richard nicht aus einem persönlichen Gefallen Ezra gegenüber half, aber er wusste nicht, was er getan hätte, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären. Hätte er Caleb geholfen, Richard zu retten? Er wollte wirklich gerne überzeugt 'natürlich' sagen, aber eigentlich...hatte er keine Ahnung. Aber jetzt war wohl auch der falsche Zeitpunkt, um sich damit auseinanderzusetzen.
      Es war ein wenig seltsam, wieder in alte Muster zurück zu fallen. Ezra ging vollkommen automatisch die selbe Checkliste durch, die er die letzten Jahre endlos oft routiniert abgearbeitet hatte. Er hatte nichts an der Kleidung, was reflektieren konnte, Uhr und Schmuck wurde zurückgelassen, damit er im Zweifelsfall nirgends hängen bleiben konnte. Sein Dietrich war sicher in seiner Jackentasche, auch, wenn er nicht genau wusste, wie gut er ihn beim Einbruch helfen würde. Seine Eltern hatten bestimmt kein gewöhnliches Schloss installiert. Anders als sonst war nur die Tatsache, dass er sein Handy einsteckte - auf stumm gestellt, natürlich - und deutlich mehr Steine dabei hatte, als sonst. Außerdem war er heute nicht alleine.
      "Wie ist die MLO Abteilung in Dublin so?", fragte er einen Moment später, als er sich auf den Beifahrersitzt von Calebs Auto fallen ließ und versuchte den Fakt zu ignorieren, dass sein Bruder eher Richard die Autoschlüssel in die Hand gedrückt hatte, als ihm. Wahrscheinlich nur weil er Angst gehabt hatte, dass Ezra...zu emotional zum fahren war, oder so und nicht, weil er Richard mehr vertraute, als ihm.
      "Es klang eben nicht so, als ob sie sonderlich harmonisch aufgestellt sind?" Das war wenigstens ein relativ neutrales Thema. Hoffte er zumindest. Gosspi funktionierte immer und vielleicht konnte er sich wenigstens irgendwie an die Idee klammern, dass Andrew und er das Problem in ein paar Tagen lösen müssten, wenn alles wieder normal war.
    • Richard

      "Nein", antwortete er und startete das Auto. Er konnte nicht leugnen, dass er sich ein wenig darauf gefreut hatte, wieder Calebs Wagen zu fahren. Ein Vorgeschmack, vielleicht? Wenn er später genügend davon schwärmte, bekam Caleb ja möglicherweise Ideen für ein Geburtstagsgeschenk. Obwohl er nach der letzten Woche schon ungefähr wissen musste, was Richard gefiel. Viel schwieriger war es umgekehrt. Richard war noch nie in einer Beziehung gewesen, in der es ansatzweise erforderlich gewesen war, über Geschenke nachzudenken, die über Dessous hinausgingen. Naja- die waren auch noch im Spiel. Aber wahrscheinlich sollte er demnächst mal kleine Zwischenfragen stellen und herausfinden was Caleb außer… Musicals und Zigaretten eigentlich gefiel. Ein kleines bisschen wollte Richard sogar sehen, wie Caleb sich freute, wenn er ihm etwas schenkte. Urgh.
      "Sie haben definitiv interne Probleme. Das beste wäre, den Leiter zu feuern, bevor sie völlig auseinander brechen. Ich meine, diese kleine Aktion hier verläuft erstmal unter dem Radar, aber sobald es auffällt, wird O'Hare ihnen Feuer unter dem Arsch machen" Richard trat ein wenig aufs Gas, weil er irgendwo im hinteren Eck seines Gehirns immernoch ein paar Sorgen hatte, dass Caleb von seinen Eltern zum Sündenbock erklärt wurde.
      "Ich weiß nicht, ob er korrupt ist, aber diese alten, machtgeilen Ärsche sind es immer. Fakt ist, dass wohl fast die gesamte Abteilung ein Problem mit ihm hat. Darum sollte sich später also jemand kümmern" Mit Jemand meinte Richard natürlich Andrew, aber er hatte das Gefühl, dass er das für ihn übernehmen würde, wenn er im Krankenhaus lag. Es gab kaum jemand anderen, der die Autorität hatte, für so etwas einzuspringen. Eigentlich war Richard sich deshalb immer sehr sicher gewesen, dass er seinen Job bei MLO nie verlieren könnte. Er war zu wichtig. Er übernahm einen Haufen Aufgaben, die sonst kaum jemand erledigen konnte. Aber jetzt? Er erhöhte seine Chancen mit dieser Rettungsmission aber er konnte nicht ausschließen, dass Andrew ihn trotzdem zumindest in eine fremde Abteilung verbannte, wenn ihm danach war. Andrew war ein Idiot. Richard traute ihm also zu, so etwas idiotisches zu tun.
      "Irgendwelche Wünsche, wohin es geht, wenn deine Eltern überleben? Fijis? Italien? Ich weiß nicht, wie motiviert sie sind, aber ich würde an eurer Stelle möglichst viele Kilometer zurücklegen", sagte er unbeeindruckt. "Die Kinder kann man ja vielleicht hinterher schicken, falls ihr euch nicht überlegt, sie aus Sicherheitsgründen sowieso zurückzugeben. Ich meine, ihr zieht ja echt alle mit in euer Unglück" War das zu harsch? Naja, die Realität war es eben manchmal.
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    • Ezra

      Das klang tatsächlich weniger nach Gossip und mehr nach einem großen Problem, dem sie sich irgendwann stellen mussten, wenn Andrew wieder sicher bei ihm war und sich ordentlich auskuriert hatte, was seltsamerweise ein Gedanke war, an dem Ezra sich festklammern konnte. Es war schräg, sich an To-Do's zu klammern - die Hausbesichtigung, Max' Einschulung, offenbar Problembewältigung in der Dubliner Abteilung, er würde das alles ganz normal mit Andrew abarbeiten, während sie sich von alle dem hier erholten. Er war sich absolut sicher. Wahrscheinlich müssten sie seinen Geschwistern und Richard noch einen ausschweifenden Dankesbrief schreiben, aber den zu formulieren würde er ganz und gar Andrew überlassen. Das konnte nur schief gehen, aber Ezra wusste nicht, ob er es über sich bringen könnte, Richard aufrichtig zu danken.
      "Ich habe nicht vor meine Eltern in einer Position zu lassen, in der sie uns noch gefährlich werden könnten. Sie werden heute abend mindestens hinter Gittern sitzen. Es ist mir vollkommen egal, was Niamh will. Ich werde ihnen alles zurückgeben, was sie Andrew angetan haben." Darüber war Ezra sich auch absolut sicher. Das, was sie Andrew angetan hatten, war nur die Spitze auf dem Eisberg. Er hätte viel früher dafür sorgen sollen, dass seine Eltern ihm nicht mehr schaden könnten und jetzt gerade könnte er sich selbst dafür schlagen, dass er es nicht getan hatte. Das alles hier hätte nicht sein müssen. Caleb und Niamh hätten ihn wahrscheinlich gehasst - wenn sie nicht zusammen mit ihren Eltern untergegangen wären - aber das wäre es wert gewesen, nicht?
      "Also habe ich keine Pläne, nein. Ich werde ganz normal mit Andrew zurück nach London zu unseren Kindern fahren." Ezra sprach deutlich ruhiger, als er sich fühlte, während sich seine Finger in seine Jeans krallten. Irgendwie war es ein wenig schräg, mit Richard über die Kinder zu reden. Er war praktisch nur einen Schritt davon entfernt, ihr Onkel zu werden, was furchtbar fake klang. Ezra konnte sich Richard in absolut keiner Familienkonstellation vorstellen.
      "Was ist mit dir? Fliegst du direkt zurück nach London, oder bleibst du, um den Fallout noch zu sehen?"
    • Richard

      Verdammt. Wenn Ezra über seine Eltern sprach, erwischte sich Richard immer dabei, sich zu wünschen, dass Caleb sich das bei seinem Bruder abschaute. Es gab nur eine einzige Sache, die Richard an seinem Freund auszusetzen hatte, und das war die seltsame emotionale Abhängigkeit von seiner Familie. Wären sie nicht die verdammte Mafia, könnte Richard das ignorieren. Aber er war wortwörtlich gerade dabei, eine Entführung zu stoppen. Sie waren Psychopathen und Caleb hatte definitiv eine Gehirnwäsche hinter sich. Er schien langsam die Augen zu öffnen, aber trotzdem zu viel Angst vor ihnen zu haben.
      "Da hast du meine volle Unterstützung", kommentierte Richard flach, als Ezra seine Drohung beendete. "Wenn du sie los wirst, muss ich es wenigstens nicht mehr tun" Dann konnte Caleb seine Wut weiterhin auf Ezra richten und Richard da raus lassen, während sie alle einen Vorteil aus der Sache zogen.
      "Ich hab kein Interesse an diesem ganzen Stress, aber mir wird nicht viel anderes übrig bleiben. Wenn Andrew im Krankenhaus liegt, wird ihn jemand ablösen müssen und er kann lange warten, wenn er denkt, noch irgendjemanden zu finden, der sich diese Verantwortung antun will. Vor allem, nachdem der neue Chef gerade gekidnappt wurde. Wer begibt sich da freiwillig in die Schusslinie? Nachdem ich schon hier bin und… Warum erkläre ich dir das überhaupt? Im Endeffekt muss es sowieso Andrew entscheiden. Falls du mich nach Wunschvorstellungen fragst, würde ich mir direkt zwei Wochen Urlaub nehmen und Caleb irgendwo hinbringen, wo er von dem Zerfall seines Familien-Imperiums abgelenkt ist. Sizilien. Hurghada. Ko Samui" Außerdem würden sie sich von hohen Gebäuden und Klippen fernhalten müssen, also war Dublin nicht die erste Wahl.
      Richard parkte den Wagen wie vereinbart ein gutes Stück vom Zielobjekt entfernt und atmete einmal durch, um sich geistig auf Milliarden Fehlschläge einzustellen. Er würde ja Glück haben, wenn er Andrews Arbeit später überhaupt übernehmen konnte und ihm im Krankenhaus nicht Gesellschaft leistete. Oder im Grab. Die Möglichkeiten waren noch ziemlich offen.
      "Ich hoffe, dass Andrew dich nicht nur jahrelang laufen gelassen hat, weil er dich hübsch fand. Wehe, du hast nichts drauf", murmelte Richard. Er machte sich tatsächlich ein wenig Sorgen. Das war untypisch. Aber es war nicht wirklich er selbst oder die Mission, um die er sich sorgte. Richard fädelte den Stein, den Caleb ihm zugesteckt hatten, unter seine Klamotten, und stieg aus dem Auto.
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    • Ezra

      Irgendwie hatte Ezra das dumpfe Gefühl, dass Andrew darauf bestehen würde, MLO auch aus dem Krankenhaus heraus zu leiten, egal wie oft er ihm sagen würde, dass er sich einfach entspannen und erholen sollte. Was ein seltsam schöner Gedanke war. Wenn Andrew darauf bestehen würde, selbst im Krankenhaus weiterzuarbeiten musste es zumindest bedeuten, dass es ihm so schlimm nicht gehen konnte. Irgendwie wünschte er sich jetzt fast, dass nicht mal seine Eltern Andrew vom Workaholic-Lifestyle abhalten konnten. Richard hatte ja sowieso schon Alternativpläne, die deutlich netter klangen.
      Caleb vorerst irgendwo anders hinzubringen, um ihn abzulenken, wäre wahrscheinlich eine wirklich gute Idee. So, wie er seinen Bruder kannte, würde es keine fünf Minuten dauern, bis Caleb das alles in seinem Kopf so zurechtdrehte, dass er selbst wieder Schuld am Zerfall seiner Familie war. Vielleicht konnten sie diesen Vorgang irgendwie pausieren, wenn er danach beschäftigt war ein Hotel zu buchen, oder so. Ezra konnte das nur nicht laut sagen, weil er Richard um keinen Preis recht geben wollte. Der Gedanke, dass er sich aufrichtig um Caleb kümmerte, erschien ihm immernoch vollkommen abwegig. Der kleine Seitenhieb gefiel Ezra da deutlich besser. Er lachte kurz auf, während er aus dem Auto ausstieg.
      "Ich bin mir ziemlich sicher, dass Andrew mich die ersten paar Jahre abgrundtief gehasst und sich alle Mühe gegeben hat, mir irgendwas zu brechen. Du kennst ihn. Er ist verdammt gut. Ich habe nur das größere Improvisationstalent." Außerdem war er immer schon ein bisschen schneller gewesen und hatte eine deutlich niedrigere moralische Hemmschwelle. Dafür hatte er bisher allerdings auch immer ungefähr gewusst, was ihn in den Häusern erwartet hatte und es hatte nie ein Leben auf dem Spiel gestanden. Jetzt hatten sie mit minimaler Zeit einen Plan aus der Luft gezaubert, der unmöglich funktionieren konnte. Aber darüber würde er sich Sorgen machen, wenn es soweit war. Zuerst hangelte er sich an den Dingen entlang, die einfach waren.
      Zuerst würden sie sich mit MLO kurzschließen müssen, wer die Überwachungskamera wann ausschaltete, damit sie Zeit hatten, in den Keller zu kommen. Danach müsste er entsprechend die Tür in den Keller knacken. Bis dahin war er ziemlich optimistisch, dass alles nach Plan laufen würde. Erst wenn sie im Haus waren, war er verloren. Caleb hatte ihm die Grundrisse gezeigt und ihm den Weg erklärt, bis Ezra ihn im Schlaf hätte aufsagen können, aber das würde nicht helfen, wenn sie direkt irgendeiner Art von Wache in die Arme liefen. Oder Andrew nicht mehr da war. Oder es hinter der Tür noch andere Sicherheitsvorkehrungen gab. Oder die Störung der Kamera zu früh entdeckt wurde. Oder- okay, nein, auf das hier und jetzt fokussieren.
      Schritt eins war einfach. MLO - oder die kleine Abteilung davon, die bereit gewesen war zu helfen - hatte einen schmalen, dunkelhaarigen Mann geschickt, der seine Zigarette ausdrückte, als sie sich näherten und sich als 'Valentin' vorstellte. Offenbar kannte er Richard bereits, aber Ezra war nicht in der Stimmung nachzufragen, wie man Richard kennen und ihm trotzdem helfen konnte.
      "Du bist also der Technikspezialist von MLO in Dublin?", fragte Ezra, um sich irgendwie abzulenken, während sie sich vorsichtig dem Haus seiner Eltern näherten. Es lag etwas abseits der anderen Häuser, umgeben von einer kleinen Baumgruppe, wohl um abzuschirmen, wer sonst so bei ihnen ein und aus ging.
      "Nope. Profiling und Recherche, aber ich muss nur auf einen Knopf drücken, um die Kamera auszuschalten, unser IT-Typ ist letzte Woche verschwunden und ich habe deine Todesurkunde in einer meiner Akten, was mich dann doch etwas stutzig gemacht hat, als Richard erklärt hat, wem genau wir helfen, also wollte ich selbst helfen. Du hast Jahre meiner Recherche durcheinander gebracht."
      Das alles war so absurd, dass Ezra fast lachen musste. "Mir wäre es lieb, wenn die Todesurkunde einfach in meiner Akte stecken bleiben und sie damit abschließen würde", merkte er an. "Das macht uns beiden wahrscheinlich am wenigsten Arbeit."
      "Die wenigste Arbeit hätte ich, wenn du heute bei der Aktion draufgehen würdest", antwortete Valentin flach, ohne ihn anzusehen. Er war zu beschäftigt mit seinem Handy, über das er wohl die Kamera steuern würde. Ezra sah ihm kurz kritisch entgegen, bevor er sich zu Richard drehte.
      "Bist du sicher, dass wir ihm mit der Kamera vertrauen können?" Warum löste er in letzter Zeit so viele Todeswünsche in anderen Personen aus?
    • Richard

      Das war irgendwie zu erwarten gewesen und nicht so befriedigend, wie gedacht. Richard war verwundert genug gewesen, dass Andrew einem Kriminellen überhaupt eine Chance gab, aber dass das erstmal neun Jahre gedauert hatte, klang zumindest nach ihm. Die ganze Zeit über eine Affäre zu haben und ihn laufen zu lassen, klang eher nach etwas, das Richard tun würde. Dafür hatte er sich von Caleb wiederum ziemlich schnell in etwas Ernstes zwingen lassen.
      Richard lief mit großzügigem Abstand neben Ezra her zu ihrem Treffpunkt mit Valentin. Heute liefen einige seltsame Kennenlern-Situationen ab, aber Richard merkte langsam, wie er abhärtete. Selbst, wenn jetzt von jedem Involvierten noch ein Ex auftauchen würde, konnte der Tag nicht überraschender werden. An Valentin gewöhnte man sich außerdem seltsam schnell. Richard mochte seine leicht trockene Art. Und am meisten mochte er ihn jetzt gerade.
      Richard schnaubte amüsiert, als Valentin Ezra einen völlig zusammenhangslosen Seitenhieb verpasste. Er konnte nicht anders, als zu grinsen. Der Tag wurde doch noch etwas witziger.
      Richard sah Ezra kurz an und meinte schließlich zu Valentin: „Du willst nicht, dass er stirbt. Das ist der Augapfel vom Boss von deinem Boss“ Richard deutete auf Ezra. Auch, wenn es definitiv traurigeres gäbe. Aber Valentin musste seine Karrierechancen nicht genauso manipulieren wie Richard es tat.
      „Und wenn du ihm nicht traust, kümmere ich mich um den Knopf und du vertraust auf die optimistische Einschätzung deiner Schwester, dass es keine Wachen gibt“, erwiderte Richard auf Ezras Frage und zuckte lächelnd mit den Schultern. „Spaß beiseite, drück den verdammten Knopf damit mein Freund heute nicht drauf geht“ Er warf Valentin einen strengen Blick zu. Sie hatten hier eine wirklich seltsame Familienkonstellation am Laufen, aber das war bloß noch mehr Grund, nur Menschen zu involvieren, denen man traute. Richard hatte nicht aus irgendeinem Grund nach Valentin gefragt. Er war immerhin der einzige, von dem Richard wusste, dass er mit Caleb befreundet war. Das musste reichen. In einem fremden Land hatte man eben nicht dieselben Ressourcen wie zuhause.
      „Also dann. Ich hab schon länger mein Leben nicht mehr riskiert, wird Zeit“ Richard dehnte seine Arme ein wenig. Er zweifelte keine Sekunde daran, gleich irgendjemanden vermöbeln zu müssen. Und wenn es nur Calebs Eltern waren.
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    • Ezra

      "Und wenn er der Papst höchstpersönlich wäre. Ich hasse es, Fehler in meiner Arbeit zu haben. Vor allem solche, bei denen ich alles nochmal von vorne aufrollen darf." Valentin sah eher genervt darüber aus, dass er zusätzliche Arbeit hatte, als darüber, dass er nicht gewusst hatte, dass Ezra noch lebte. Seiner Meinung nach war das definitiv kein Fehler, den er je ausbessern müsste. Ezra hatte absolut kein Problem damit, dass 'Felim' seit Jahren tot war, im Gegenteil, je weniger Leute von der Verbindung zwischen ihm und dem Rest seiner Familie wussten, desto besser.
      "Ihr seid euch aber schon noch bewusst, dass ich euch hören kann, oder?", fragte Ezra ein wenig eingeschnappt, während die anderen beiden über ihn hinweg redeten und dabei hoffnungslos übertrieben. Richard ließ es ja fast so klingen, als ob Ezra außer seiner Beziehung zu Andrew nichts zu bieten hätte.
      "Okay", setzte Valentin an, ohne auf die Beschwerde einzugehen. "Wir gehen das Ganze noch einmal durch und danach schicke ich euch hoffentlich nicht in euer Verderben. Die Kamera macht alle 30 Sekunden ein Bild. Wir können sie ein mal aussetzen lassen. Sobald ich das Go gebe, habt ihr also eine Minute Zeit, um rein zu kommen. Um zur Tür zu kommen, müsst ihr eine Treppe runter. Es gibt einen minimalen toten Winkel, falls die Minute nicht reicht. Dazu müsstet ihr euch in die Ecke gegenüber der Tür quetschen, wir sind uns allerdings nicht ganz sicher, ob das funktionieren würde, also schafft es bitte innerhalb der Zeit." Valentin schob kurz seine Hand in seine Jackentasche und zog zwei Ohrstecker heraus. "Wir haben zwei Kanäle eingerichtet. Einer besteht nur aus uns dreien, der zweite aus dem kompletten Team. Wir können darüber miteinander reden, die Qualität ist aber... vollkommen beschissen. Sorry, ich weiß nicht, wie ich das netter ausdrücken soll." Er schob sich einen der Stecker ins Ohr, was Ezra ihm sofort nach tat. "Solltet ihr Hilfe brauchen, meldet euch."
      Valentins Stimme drang seltsam metallisch und etwas zu leise durch den Kopfhörer. Außerdem war Ezra sich nicht ganz sicher, ob es im Hintergrund rauschte, oder ob er sich das einbildete. Wahrscheinlich müssten sie früher oder später klären, ob das Equipment generell eine schlechte Qualität hatte, oder ob die Stecker einfach das einzige gewesen waren, was Valentin hatte entwenden können, ohne dass es auffiel. Aber das war ein Problem für später.
      Sie hatten mittlerweile das Grundstück seiner Eltern erreicht, bis zum äußersten Punkt, den die Kameras aufnahmen. Das Haus war überraschend modern, groß, mit einer dunklen Fassade und einer verwinkelten Bauweise. Es war von einer Mauer umgeben, die ein paar Meter vor ihnen stand und ein weiteres Hindernis darstellte, das sie innerhalb der Minute überwinden mussten. Ein Kinderspiel, aber so konnte Ezra die Tür nicht sehen, durch die sie durch mussten. Er hoffte, dass sie sich nicht zu lange orientieren mussten.
      "Seid ihr bereit?" Valentin sah kurz von Ezra zu Richard. Ezra nickte und zückte sein Handy, um einen Timer von einer Minute einzustellen, damit er sich nicht auf sein pures Zeitgefühl verlassen musste.
      "Okay." Valentin starrte auf sein eigenes Handy, wartete kurz und nickte schließlich. "Go."
      Ezra drückte auf den Timer und rannte, ohne über irgendetwas anderes nachzudenken. Die Mauer war innerhalb eines Sekundenbruchteils überwunden. Er zog sich in einer fließenden Bewegung hoch und ließ sich auf der anderen Seite ins Gras fallen, wie er es schon tausende male zuvor getan hatte. Die letzten neun Jahre mit Andrew hatten ihn hierauf bestens vorbereitet. Er ignoriere den Rest des Gartens und fokussierte sich stattdessen auf das Haus. Die Tür lag ein kleines Stück links von ihnen, der Weg bis zu ihr war vollkommen offen. Sie würden komplett darauf vertrauen müssen, dass Caleb und Niamh ihre Eltern ablenkten, sonst niemand da war, der sie bemerken könnte und Valentin die Kamera ausstellte, aber sie hatten so oder so keine andere Wahl. Ezra lief über den Rasen und zückte sein kleines Schloss-Set bevor er die Tür überhaupt erreichte. Er übersprang die Stufen runter zur Tür größtenteils und warf sein Handy schließlich in Richards Richtung, bevor er den Dietrich in das Schloss rammte.
      "Gib Bescheid, wenn der Timer auf zehn Sekunden runter ist." Das wäre noch gerade genug Zeit für einen Plan B. Hoffte er zumindest, während das Schloss sich offenbar mit allen Mitteln dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Ezra biss sich auf die Unterlippe, während er sich zwang, trotz des Zeitdrucks nicht zu schnell zu arbeiten und Flüchtigkeitsfehler zu machen. Sein Herz schlug zu schnell. Er war sonst nie so panisch gewesen, wenn er irgendwo eingebrochen war. Er realisierte jetzt erst richtig, dass dieser Teil des Plans komplett von ihm abhängig war. Wenn er das Schloss nicht aufbekam, hatten sie verloren.
      Er würde mit Andrew sterben. Es war eine seltsam beruhigende Erkenntnis. Wenn er das Schloss nicht aufbekommen würde, würde er zu seinen Eltern gehen und entweder den Platz mit Andrew tauschen, oder mit ihm sterben. Es würde keine andere Option geben. Er hatte komplettes Vertrauen darin, dass Ada, Steve und Thomas schon jemanden finden würden, der sich um die Kinder kümmern würde. Er würde dieses Haus nicht ohne Andrew verlassen.
      Und vielleicht musste er das auch nicht. Ezra atmete kurz erleichtert aus, als das Schloss schließlich klickte und die Tür aufsprang. Er zog sie auf, winkte Richard hinein und zog sie schließlich hinter ihnen zu. Schritt eins wäre damit erfolgreich erledigt. Was absolut nichts an seinem Adrenalinspiegel änderte. Sein Herz schlug immer noch wie wild. Seine Hände zitterten ein bisschen, als er sein Werkzeug zurück in seine Tasche schob und er sich in dem kleinen Gang umsah, in dem sie gelandet waren.
      Geflieste Wände, gekachelter Boden. Vielmehr konnte er nicht sehen. Es war stockfinster und die Tür hinter ihnen ließ nur einen kleinen Spalt Licht durch, aber er traute sich nicht, eine Taschenlampe zu nutzen.
      "Wir müssen ein kleines Stück geradeaus", flüsterte er, während er hoffte, sich den Lageplan richtig eingeprägt zu haben. Es war irritierend beruhigend zu wissen, dass er nicht alleine war.

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    • Neu

      Richard

      Gut, zumindest musste man Ezra nicht mit sich ziehen oder über die Mauer werfen. Im Gegenteil, er war ziemlich flink. Vielleicht ein wenig von Panik getrieben, aber solange es ihn schneller werden ließ… Richard folgte ihm auf den Fersen, die Aufmerksamkeit auf alles gerichtet, was um sie herum passierte. Ein Hinterhalt war noch immer ziemlich wahrscheinlich. Aber sie schafften es problemlos zur Kellertüre. Es war fast ein wenig seltsam, dass hier draußen niemand gewartet hatte. Konnten diese Leute sich wirklich so sehr in Sicherheit wiegen? Der einzige Schluss, den Richard daraus ziehen konnte, war, dass es drin umso schlimmer sein musste. Entweder das, oder Andrew war… tot oder weg.
      Richard behielt den Timer im Blick, während er sich umsah. Es war tatsächlich nicht ganz einfach, ruhig zu bleiben, wenn man kaum Schutz hatte, kein richtiges Team, und eine hohe Wahrscheinlichkeit, aus dem Nichts abgeknallt zu werden. Er hielt sich zurück, Ezra Druck zu machen, als der Timer sich Richtung der 10 Sekunden Grenze bewegte. Als die Tür schließlich endlich aufging, atmete Richard erleichtert auf und schob sich hinter Ezra in den… düsteren, kalten Gang. Es roch trocken und sauber. Vielleicht ein Weinkeller, um den man sich gut kümmerte? Waren Weinkeller immer Labyrinth-artig gebaut?
      Richard machte Gebrauch von seinen Steinen und erleichterte sich selbst die Sicht im Finsteren. Er ging vor, drehte sich aber noch einmal um. "Du behältst den Bereich hinter uns im Auge", wies er ihn an. Sie gingen eine Weile den Gang entlang, und Richard ließ sich von Ezra anweisen, wo sie abbiegen mussten. Es war ruhig und auch von oben kein Laut zu hören. Als wären sie vollkommen alleine. Richard wollte nicht voreilig sein, aber es war seltsam, überhaupt keinen Widerstand zu haben. Sie bahnten sich ihren Weg zum Hauptraum des Kellers vollkommen problemlos. Was war das hier? Interessierte Andrew sie so wenig? Vielleicht hatten sie ihn wirklich nur für die Fotos gebraucht und der Rest war ihnen egal? Dann konnte mittlerweile sonst was mit ihm passiert sein.
      Einige Meter bis zur Tür zu ihrem Ziel war er sich bereits sicher gewesen, dass es so war. Dann blieb er abrupt stehen und hielt Ezra auf. Er hörte doch etwas. Nur einmal, ein mechanisches Klacken, dann nichts mehr. Richard seufzte leise und überlegte, was sie tun sollten. Das war das Laden einer Waffe gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese nicht auf Andrew gerichtet wurde, nachdem er stundenlang nur verprügelt geworden war, sondern auf sie, die jetzt einige Meter entfernt standen, war ziemlich hoch. Genau auf diesen Moment zu warten… war allerdings dämlich, wenn sie nicht irgendwie die Möglichkeit hatten, genau festzustellen, wann sie wo waren.
      Richard wollte da nicht reingehen. Er war sich zu sicher, dass es eine Falle war, auch wenn die Möglichkeit bestand, dass Andrew tatsächlich in dem Raum war. Vielleicht bewusstlos?
      "Deine Eltern würden dich nicht umbringen lassen, oder?", fragte Richard so leise wie möglich. Wenn nicht, würde er Ezra vorschicken, damit sie nicht beide sofort außer Gefecht gesetzt wurden. Richard hatte keine Ahnung, was auf sie wartete, wer, oder wieviele. Ein Stein dafür wäre gerade wundervoll. Wenn sie durch Wände sehen könnten, hätten sie es allerdings schon deutlich leichter gehabt.
      "Wenn du vorgehst und Andrew nicht siehst, laufen wir. Nach oben" Richard deutete nach oben, wo Caleb und Niamh hoffentlich unverletzt waren. Genau wie Ezra kaum ohne Andrew aus dem Haus rennen würde, um sich einen neuen Plan zu überlegen, würde Richard Caleb nicht hier lassen, ohne dass er wusste, in welcher Situation er gerade war. Sie hatten immernoch ein paar MLO Agenten als Backup, also wäre nicht alles verloren.
      Wenn Andrew doch da war, hatten sie zwar das Problem, sich der Situation direkt zu stellen, aber Richard hatte einen Stein, der zumindest eine Person einfrieren ließ und mit dem Rest… kam er hoffentlich klar, solange Calebs Schutzstein ihn nicht im Stich ließ und Ezra kein völliger Waschlappen war.
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      Ezra

      Der Keller war größtenteils dunkel. Ab und an kam ein bisschen Licht durch die Türen links von ihnen, wo die Räume entweder schmale Fenster, oder eine durchgehende schwache Beleuchtung hatten. Ezras Augen brauchten einen Moment, um sich an das fahle Licht zu gewöhnen, während er seinen Blick auf den Gang hinter ihnen gerichtet hielt. Die Gänge waren relativ weit und ziemlich leer. Ab und an stand ein Regal an der Seite, zwischendurch mal ein Besen, aber insgesamt sah es irritierend aufgeräumt aus. Außerdem war es widerlich leise, so dass Ezra das Gefühl hatte, viel zu laut zu atmen. Es schien, als ob sie vollkommen alleine hier unten wären, was...unwahrscheinlich war. Was war der Plan?
      "Nicht so unspektakulär", antwortete Ezra leise auf Richards Frage. Er war nicht verstrahlt genug um davon auszugehen, dass seine Eltern auch nur ansatzweise an seinem Leben hingen, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass sie Andrew entführen lassen würden, nur um Ezra dann unspektakulär im Keller erschießen zu lassen. Das war nicht ihre Art. Was nichts heißen musste. Er nickte kurz, als Richard ihm direkt den passenden Fluchtplan mitlieferte und starrte gegen die Tür. Entweder hätte er gleich Andrew im Arm, oder ein riesiges Problem. Er atmete tief durch und streckte die Hand nach der Türklinke aus.
      Ezra öffnete die Tür ruckartig mit einem Tritt, was offenbar die richtige Wahl gewesen war. Die Tür schwang nach innen und traf irgendjemanden, der einen dumpfen, überraschten Ton von sich gab. Andrew war eindeutig nicht mehr im Zimmer, dafür wurden sie von einer Hand voll Leuten begrüßt, die Waffen auf sie richteten.
      "Fuck." Ezra stolperte einen Schritt nach hinten und wich damit einem gezielten Messerschwung aus, der stattdessen ins Leere ging. Irgendwo rechts von ihnen gingen weitere Türen auf. Offenbar war das der Plan seiner Eltern gewesen und sie waren geradewegs hereingestolpert. Panik ließ die Zeit ein wenig langsamer werden. Die Männer in dem Raum schienen sich selbst kurz sortieren zu müssen. Der Mann mit dem Messer war immer noch im Schwung, einer war von der Tür getroffen worden. Ezra unterdrückte den albernen Reflex, die Tür wieder zuziehen zu wollen und wich stattdessen dem nächsten Schlag nach rechts aus.
      "Hoch", rief er, wahrscheinlich absolut überflüssig, während er an dem Regal neben sich zog, um den Weg hinter ihnen zu versperren. Das würde nichts gegen die Männer vor ihnen tun, aber zumindest die hinter ihnen vielleicht etwas aufhalten. Er zuckte kurz zusammen, als irgendwas an ihm vorbeizischte und mit einem dumpfen Knall in der Decke einschlug. Keine Kugel, auch wenn er mindestens eine Pistole gesehen hatte, also mussten ihre Gegner offenbar Steine bei haben. Super.
      Ezra duckte sich an der Tür vorbei, um sich in die Richtung der Treppe durchzuschlagen. Sie müssten nicht weit gehen. Zwei Mal abbiegen, dann waren sie da. Vor ihnen gingen weitere Türen auf, hinter ihnen fing irgendwas an zu brennen - ein Schwert, wie Ezra nach einem kurzen Schulterblick sah. Er konzentrierte sich kurz auf den Luftstein an seinem Finger und schickte eine kleine Böe über seine Schulter. Das Schwert fiel, als die Flammen dem Mann entgegenschlugen und sich an seiner Kleidung festfraßen. Ein kurzer Erfolg. Ezra zuckte zusammen, als der erste Pistolenschuss nur knapp seine Schulter verfehlte und neben ihm in die Wand einschlug. Das Geräusch war in dem engen Keller ohrenbetäubend laut. Ezra zuckte zusammen.
      Nach der Stille von eben war das Chaos furchtbar überfordernd. Irgendwo vor ihnen öffnete sich die nächste Tür. Ezra wurde von irgendwas an der Wange getroffen. Irgendjemand versuchte, nach ihm zu greifen, aber er wandte sich aus dem Griff, stolperte und konnte nur mit Mühe sein Gleichgewicht halten, was wahrscheinlich vollkommen egal war. Als er hoch sah, sah er direkt in den Lauf der Pistole. Fuck.