The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

    Aufgrund einer größeren Serverwartung kann es aktuell zu vereinzelten Fehlern kommen. Meldet diese gerne unter: https://www.anime-rpg-city.de/index.php?board/7-fragen-ideen-und-probleme/

    • Caleb

      Ihre komische Beziehung hatte durchaus ihre Momente gehabt. Das war ja das Schlimme an alledem. Caleb könnte immer noch heulen, wenn er daran dachte, wie erleichtert er darüber gewesen war, dass Richard seinen kleinen Nervenzusammenbruch so gut weggesteckt hatte. Aber das war definitiv etwas, was er mit sich selbst ausmachen musste und kein Grund zu einer weiteren Diskussion.
      Er nickte kurz erleichtert, als Andrew das Taxi vorschlug und damit irgendwie zumindest ein bisschen Frieden zwischen ihnen wiederherstellte. Wenigstens ein Problem weniger. "Niamh hatte schon erwähnt, dass ihr zu Babysittern auserkoren wurdet", griff er das Gespräch wieder auf, während er einen letzten Blick auf Ezra warf, der im Schlaf leicht den Mund bewegte, so, als würde er immer noch vor sich hin reden. Die kleine Bewegung war definitiv schöner, als die absolute Stille und Bewegungslosigkeit, die ihn im Koma umgeben hatte. "Ein etwas ausgefallener Schachzug", fuhr er fort, während er die Tür für Andrew offen hielt. Er selbst kam meistens nur mit Kindern in Berührung, wenn er seine Neffen babysittete und die waren Niamh manchmal so ähnlich, dass es fast gruselig war. Obwohl er die beiden für nichts in der Welt hergeben würde. "Sind die drei wenigstens umgänglich?"


      Ezra

      Es dauerte zwei Tage, bis Ezras Gedanken langsam wieder Sinn ergaben. Andrew saß die meiste Zeit bei ihm, Caleb hatte Abends nochmal bei ihm vorbeigeschaut und selbst Niamh war vorbeigekommen, was mit Abstand die größte Überraschung gewesen war. Sie hatten sich nie sonderlich nah gestanden und Ezra hätte im Leben nicht darauf gewettet, dass sie für ihn zwei mal nach Russland kommen würde. Dafür war sie von allen drei Besuchern am besten gelaunt gewesen. Zumindest hatte ihr die Erleichterung nicht im Gesicht gestanden, während Andrew und Caleb ihm manchmal Blicke zuwarfen, die ihm fast ein schlechtes Gewissen verpassten.
      Der einzige Nachteil daran, dass sein Kopf langsam wieder begann zu arbeiten war, dass der Schmerz, der sich durch seinen kompletten Körper zog, ihm immer bewusster wurde. Als er sich am ersten Tag nach seinem Aufwachen in einem klaren Moment aufgesetzt hatte, um nach seinem Handy zu greifen, hatte der Schmerz ihn so plötzlich überrannt, dass er fast ohnmächtig geworden wäre. Was ihn nicht davon abgehalten hatte, Andrew kurz danach mit sich vor die Kamera zu zerren, um ein Selfie für Steve zu machen. Aus irgendeinem super guten Grund, der ihm zwei Minuten später schon nicht mehr einfallen wollte.
      Sonst waren die zwei Tage relativ monoton. Ab und an wurde er zu Untersuchungen abgeholt, auch, wenn er die Diagnosen nur halb verstand, dann bekamen sie was zu Essen, er wurde daran erinnert, dass der Gips an seinem Arm aus gutem Grund da war und er aufhören sollte, daran rum zu zupfen und dann schlief er. Obwohl die Müdigkeit relativ schnell wieder nachließ. Am Ende hatte er Andrew darum gebeten, ihm bei seinem nächsten Besuch sein Buch mitzubringen, damit er wenigstens irgendwas zu tun hatte, wenn die Besuchszeiten vorbei waren. Zumindest irgendwas anderes, als an die Decke zu starren und zu versuchen sich zu erinnern, was passiert war.
      In der kleinen Tüte mit seinem Habseligkeiten war nicht viel drin gewesen. Der Bildschirm seines Handys war noch zersprungener, als zuvor, aber sein Portmonee und seine Ringe hatten die ganze Tortur vollkommen unbeschadet überstanden. An seinem Schlüssel war lediglich ein Schlüsselanhänger zerbrochen und dann war da noch der Stein, den Caleb ihm vor Monaten gegeben hatte und der feinsäuberlich in drei Teile zersprungen war. Was nur deshalb seltsam war, weil er sich ziemlich sicher war, dass er ihn um seinen Hals getragen hatte und diese Region weitestgehend unverletzt geblieben war. Zumal die Fassung des Steins ebenfalls keinen Kratzer hatte. Caleb hatte nur mit den Schultern gezuckt, als Ezra ihm den Stein gezeigt hatte, also hatte er ihn zurück in die Tüte geworfen und sich vorgenommen, nicht weiter darüber nach zu denken. Was ganz toll funktionierte, wenn es nichts anderes zu tun gab, als sich sinnlos durch Social Media zu scrollen und darauf zu warten, dass die Besuchszeit anfing. Fünf Minuten noch. So lange würde er aushalten. Auch, wenn er wirklich einfach nur noch nach Hause wollte.
    • Andrew

      Andrew lachte. „Ein Schachzug von wem? Ich hab nämlich das Gefühl, dass Ezra das alles irgendwie manifestiert hat, um mir zu beweisen, dass ich mit Kindern klarkomme“ Und leider schien es zu funktionieren. „Genau genommen bin ich der Babysitter. Die Leute hier wissen nichts von unserer Beziehung, also darf ich der Überbringer der frohen Botschaft sein, dass wir wahrscheinlich für ein paar Tage drei kleine Kinder im Haus haben werden. Oder kürzer oder länger… Ich weiß nicht, wie lange der organisatorische Kram dauert, aber es kann gut sein, dass Ezra davon garnichts richtig mitbekommt, wenn er lange genug im Krankenhaus bleibt. Dabei könnte er damit sicher deutlich besser umgehen. Dieses Mal hätte wirklich ich der Schwerverletzte sein sollen“
      Andrew starrte voraus auf die dunkle Straße, während sie auf das Taxi warteten. Dann stockte er. „Sorry, keine Ahnung, warum ich dir das gerade erzähle. Ja, die Kinder sind ziemlich umgänglich. Irgendwie bin ich ja glücklich darüber, ein bisschen Gesellschaft zu haben“ Er schmunzelte. „Seltsam“

      Rückblickend hatte Andrew wohl einfach das dringende Bedürfnis, sich die Sorgen von der Seele zu reden, aber das machte alles keinen Sinn, wenn es nicht mit Ezra war. Zumindest war er davon selbst überzeugt. Einzelne unnötige Informationen ließ er dann trotzdem unabsichtlich auf andere Leute los und wunderte sich später selbst darüber. War er mittlerweile wirklich redebedürftig geworden oder wurde das einfach ein normaler Zustand, wenn man in so viele Unfälle verwickelt war?
      Andrew verbrachte den folgenden Tag wieder bei Ezra, mit dem er anfangs noch immer keine zusammenhängenden Gespräche führen konnte, aber alleine sein Lächeln über ein paar Snacks zu sehen, war völlig ausreichend um Andrews Laune gewaltig zu heben. Die Kinder ließ er wie die letzten Tage noch bei Niamh zurück, da Ezra sich nicht an sie zu erinnern schien. Besser, Andrew brachte ihm das alles schonend bei. Ganz zu schweigen von der plötzlichen Beförderung.

      Er nahm sich nicht vor, an diesem Morgen mit Ezra das große Gespräch darüber zu führen, was alles passiert war, aber es stand offen. Das hing ausschließlich davon ab, wie Ezras Zustand war, aber da er am Vorabend schon wieder recht klar gewirkt hatte und jetzt sogar sein Buch Verwendung fand (was Andrew zu Beginn des Flugs nach Moskau ja noch belächelt hatte), bereitete Andrew sich zumindest innerlich schon etwas darauf vor. Eigentlich war es ja kein Weltuntergang, eigentlich war mindestens eine Nachricht eine gute, aber Andrew hatte einfach absolut genug von Neuigkeiten und Veränderungen und er würde es Ezra nicht verübeln, wenn es ihm genauso ging.
      „Gut geschlafen?“, fragte er, sobald er die Tür zu Ezras Zimmer öffnete. Er lächelte und kam ihm entgegen. „Gab‘s irgendwas nicht furchtbares zum Frühstück?“
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    • Ezra

      “Hey!” Aufsetzen ging mittlerweile wieder ganz gut, wenn er die Zähne zusammenbiss und den ziehenden Schmerz ignorierte, der durch seine linke Seite zuckte. Generell schien es seine linke Körperhälfte schwerer getroffen zu haben, als die rechte. Sein Arm war gebrochen, sein Bein bandagiert und er hatte offenbar eine Platzwunde am Kopf. Jedes mal, wenn er die Bettdecke zurück schlug, schien er einen neuen Kratzer zu finden und als er gestern seine Handykamera in den Selfiemodus gestellt hatte, hatte er sich selbst kaum wiedererkannt. Aber er war nicht tot und das war irgendwie die Hauptsache, oder?
      “Sollten wir wirklich über Krankenhausessen richten, wenn keiner von uns beiden Kochen kann?” Er lächelte, während er Andrew näher heran winkte, um ihn für einen Kuss an sich heranzuziehen. Es war vielleicht kitschig und etwas zu abhängig, aber ihn vermisste er am meisten. Wie sollte er ohne ihn gut geschlafen haben? Es war mittlerweile furchtbar irritierend, nachts aufzuwachen, ohne halb unter Andrew begraben zu sein. Er hatte sich selbst mehrfach dabei erwischt, automatisch den Raum neben sich nach ihm abzutasten, als er gestern zwischendurch immer wieder wach geworden war.
      “‘Gut’ ist relativ, aber ich habe zumindest ausreichend geschlafen. Mir ist sogar schon angedroht worden, dass ich heute Abend versuchen soll, aufzustehen. Offensichtlich wollen sie prüfen, wie mobil ich bin.” Er lächelte leicht, während er seinen Freund musterte. Die letzten Tage waren ein einziger verwischter Fleck in seinen Erinnerungen, aber er wusste noch genau, wie fertig sein Freund ausgesehen hatte, als er aufgewacht war. Koma. Irgendwie kam ihm das selbst vollkommen irreal vor. Er hatte wirklich das Gefühl, einfach sehr lange geschlafen zu haben. Er wusste nicht mal genau, für wie lange. Irgendwie hatte er sämtliches Zeitgefühl verloren. Er konnte jetzt zwei Tage wach sein, drei, eine Woche - alles verschwamm irgendwie zu einem absoluten Einheitsbrei.
      “Ich hoffe, dass die Ärzte feststellen, dass das alles doch nicht so schlimm ist, wie es aussieht”, fuhr er fort, während er nach Andrews Hand griff. “Ich würde wirklich gerne duschen und einfach generell nicht mehr im Bett liegen, so seltsam es auch klingt.” Jedes Hobby wurde halt zu viel, wenn man es im Übermaß ausführte, hm? Sonst hätte Ezra sich nie darüber beschwert, ein paar Tage zu liegen und nichts zu tun.
      “Wie geht es dir?”, fragte er schließlich. Andrew sah nicht mehr ganz so fertig aus, wie beim letzten mal, aber trotzdem immer noch müde. Was besser war, als Ezras eigener Zustand. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie schlimm die ganze Situation hätte ausgehen können.
    • Andrew

      „Ich urteile, weil ich hoffe, dass du dich darüber freust“, antwortete Andrew und zog aus einer Umhängetasche, mit der er die letzten Tage grundsätzlich herumlief, weil er sich das irgendwie angewöhnt hatte, ein eingepacktes, fertiges Sandwich aus dem Supermarkt, von dem er nicht hundertprozentig wusste, was drin war. Er hatte es selbst probiert, weil er mittlerweile haufenweise Snacks im Minikühlschrank und in den Schubladen im Hotel verstaut hatte, weil Kinder erschreckend oft am Tag essen wollten und der Zimmerservice langsam etwas teuer wurde.
      „Aber das ist gut, irgendwie musst du es ja auch ins Flugzeug und nachhause schaffen, auch wenn man da vielleicht einn Rollstuhl arrangieren kann“, überlegte Andrew. „Wenn das nächste Mal ein Arzt zu dir kommt, frag mal, wann das absehbar ist, damit ich entweder etwas buchen kann oder wir übers Krankenhaus irgendwie privat fliegen, Cal wird das schon bezahlen“ Andrew schwieg kurz. Es war angenehm, mit Ezra zu reden, wenn er wieder wie er selbst wirkte. Die Frage war nur, wieviel er wirklic schon verkraften konnte.
      „Weißt du, es war echt anstrengend, hier an irgendwelche Informationen zu kommen. Caleb musste jedes mal seine Erlaubnis erteilen“ Er schmunzelte. Es war zumindest nicht mehr so dramatisch gewesen, wie am ersten Tag, an dem er hier alleine war, aber nervig war es immernoch. Jetzt bekam vermutlich sowieso wieder Ezra erstmal alle Infos und konnte sie Andrew zumindest gleich mitteilen, was doch etwas angenehmer war, als über Cal zu kommunizieren.
      Und wie es Andrew jetzt ging? „Gut“, sagte er, ohne großartig darüber nachzudenken. Brachte es jemandem etwas, wenn er das tat? „Etwas müde. Darüber… wollte ich auch mit dir reden“ Er zögerte, bevor er weitersprach. Zumindest saß Ezra bereits und konnte nicht umkippen, oder so. „Also… ich fang mal… mit der ersten Sache chronologisch an. Ich bin irgendwie gerade sowas wie die Pflegefamilie für drei Waisenkinder, die du tatsächlich wortwörtlich mit deinem Leben beschützt hast. Übrigens, tu das nicht mehr, ja? Nicht in gefährliche Situationen stürzen, um Fremde zu retten, wir haben beide daraus gelernt“ Irgendwie. Die Beförderung stand trotzdem im Raum. „Jedenfalls… kommen die drei mit uns nach London. Es war irgendwie eine organisatorische Entscheidung, weil alle überlebenden Kinder und Mitarbeiter mehr oder weniger an andere Orte evakuiert werden, auch wenn ich England völlig blödsinnig finde, weil die Kinder kein englisch können. Noch mehr Trauma also“ Andrew versuchte seine Gedanken zu ordnen, bevor er Ezra noch jede Einzelheit erzählte, die er über die Kinder erfahren hatte.
      „Sie kommen dann in London in ein Waisenhaus, aber das kann vielleicht eine Weile dauern. Aber vielleicht musst du sowieso noch eine Weile im Krankenhaus bleiben, dann betrifft dich das… sowieso nicht wirklich. Obwohl du damit sicher besser klarkommen würdest, als ich“ Andrew seufzte erschöpft.
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    • Ezra

      Ezras Gesicht hellte sich ein wenig auf, als Andrew das Sandwich aus der Tasche zog und das, obwohl er ihn gestern schon mit Snacks verwöhnt hatte. Wenigstens musste er sich keine Gedanken darum machen, langsam abzumagern, während er rumlag und nichts tat.
      Er stieß ein kurzes “Oh” aus, als Andrew erwähnte, dass er vorher alle Informationen über Caleb bekommen hatte. Ezra selbst hatte sich noch absolut keine Gedanken darüber gemacht, warum seine Geschwister überhaupt hier waren. Es war nett sie zu sehen und das hatte ihm irgendwie als Info gereicht. Aber natürlich hatten sie wohl irgendwie seine Familie informiert, dass- Stopp. Irgendwas passte hier nicht. Ezra hatte seit Jahren offiziell keine Familie mehr. Zugegeben, er hatte sich nie wirklich sorgsam darum gekümmert, wie gut seine neue Identität einer eingehenden Prüfung standhalten konnte, aber er hatte getan, was er konnte, um sämtliche Verbindungen zu seinen Eltern und seinen Geschwistern zu trennen. Offiziell war er Einzelkind mit Eltern, deren Kontaktdaten irgendwo ins Nirgendwo führten, was bedeutete, dass entweder eines seiner Geschwister irgendwelche Fäden gezogen haben musste, um an Informationen zu kommen, oder jemand etwas zu gut in seine Vergangenheit geguckt hatte und er wusste nicht wirklich, welches Szenario er unheimlicher fand. Er wollte über keines von beiden so wirklich nachdenken, weshalb er sich voll und ganz auf Andrew konzentrierte.
      Blöderweise war das nächste Thema nicht weniger skurril. Als Andrew anfing zu erzählen, dass er aktuell für drei Kinder zuständig war - für die Ezra sich im übrigen immer wieder opfern würde, immerhin waren es Kinder - hielt Ezra es für einen Witz. Er merkte erst, dass es Andrew vollkommen ernst war, als die Pointe ausblieb.
      “Okay?”, antwortete er ein wenig überfordert. Er konnte sich schwach an Kinder erinnern, war sich aber nicht vollkommen sicher, ob es tatsächlich die Kinder waren, für die er sich offenbar geopfert hatte, oder ob sein Hirn einfach welche erschaffen hatte, um das Große Gar Nichts zu füllen, das über den letzten Tagen lag, wie eine KI, die den Begriff “Waisenhaus” hörte und sofort ein paar Kinder dazu erfand.
      “Ich glaube, ich habe ungefähr zehntausend Fragen”, erklärte er langsam, während er das Sandwich auf den Nachttisch legte und sich bemühte, dabei nicht allzu sehr das Gesicht zu verziehen, als seine Rippen die Bewegung protestierten. “Wer ist auf die glorreiche Idee gekommen, dir in so einer Situation noch Kinder aufs Auge zu drücken und hast du wenigstens jemanden, der dir irgendwie hilft?” Ezra selbst hätte sich wahrscheinlich gefreut, wenn man ihn gebeten hätte, zeitweise auf ein Kind aufzupassen, aber eines war schon aufwändig genug und Andrew hatte immer noch ziemlich viel Zeit mit ihm verbracht. Was vielleicht auch daher rührte, dass Andrew noch nie so viel mit Kindern anfangen konnte?
      “Kannst du sie mal mitbringen?”, fuhr er mit seinen Fragen fort, bevor er kurz stockte. “Du gibst ihnen nicht die Schuld daran, was passiert ist, oder?” Immerhin hielt er ihm jetzt schon vor, dass er sich selbst geopfert hatte, auch, wenn Ezra sich nie vorstellen könnte, dass Andrew so direkt mit Kindern wäre, wie mit ihm. Trotzdem sollte er nicht mal in diese Richtung denken.
    • Andrew

      „Niamh passt auf sie auf, wenn Besuchszeit ist und ich hier bin“, erklärte er. „Aber sie sind verhältnismäßig umgänglich, würde ich sagen, außer dass Babies unfassbar viel Arbeit sind und ich vor Amy momentan den zehnfachen Respekt habe“ Dennoch verbrachte er die meiste Zeit alleine mit ihnen, viel mehr Hilfe außer den Schutz von Bodyguards bekam er leider nicht, weshalb er Ezra wirklich gerne als Unterstützung gehabt hätte, aber daran ließ sich nichts ändern. „Aber ich hab wenigstens eine Beschäftigung und war nicht zu sehr in Gedankenspiralen gefangen“, fügte er hinzu. Er wollte außerdem nicht, dass Ezra sich Sorgen darum machte, wie es ihm ging. Er sollte sich mal lieber auf sich selbst konzentrieren und Andrew würde versuchen ihm eine Hilfe zu sein, nicht etwa noch eine zusätzliche Bürde. Alleine ihn über die Kinder zu informieren war irgendwie etwas, mit dem er Ezra lieber nicht stressen wollte, zumal Andrew bisher ganz gut alleine damit zurechtgekommen war. In Notfallsituationen bekam man wohl alles irgendwie hin.
      „Ich nehm sie heute Nachmittag mit, wenn du willst, aber sie sprechen kein Wort Englisch und wir kommunizieren über Fingerzeichen und Bilder, also…“
      Andrew stockte, als Ezra ihm eine, wohl zu erwartende, Frage stellte. „Nein, tu ich nicht“, sagte er sogleich. In keinem Szenario der Welt wären die Kinder an der Sache Schuld. Wenn schon, dann eher Ezra, weil er sich opfern wollte. Aber das konnte man ihm auch nicht verübeln und Andrew hätte wohl nichts anderes getan. Wenn hier jemand Schuld war, war es Andrew selbst, weil er sie in diese dämliche Lage gebracht hatte. Oder, wenn sie noch einen Schritt weiter gehen wollten, dann war es Nadias Schuld, dafür, dass sie ein Waisenhaus angezündet hatte, dafür, dass sie überhaupt existierte. „Trotzdem laufen wir nicht mehr ohne Schutzkleidung in brennende Häuser“, fügte er noch mahnend hinzu, auch wenn die Mahnung ebenso ihm selbst galt.
      „Aber da ist noch was“, meinte er dann etwas zögerlicher. „Godwin hat mich befördert und will, dass ich ihm assistiere, bis ich die Geschäftsleitung übernehmen kann“ Besser schnell raus damit. Schönreden konnte man da eh nichts. Und… außerdem hatte er dem gerade auch nichts hinzuzufügen. Es gab zu vieles zu bedenken.
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    • Ezra

      "Dann müssen wir uns jetzt immer gleich anziehen, weil ich dir auch ohne Schutzausrüstung absolut überall hin folgen würde, Darling." Ezras Versuch zu Zwinkern war mehr ein beidseitiges Augen zusammenkneifen, was ein Problem war, um das er sich später dringend kümmern müsste. Aber hey, offensichtlich waren sie sich zumindest beide einig, dass es seine eigene Aufopferungsbereitschaft gewesen war, die ihn ins Krankenhaus gebracht hatte und es war wirklich gut zu hören, dass Andrew durch seine neugefundenen Schützlinge wenigstens etwas Abwechslung gehabt hatte. Wer wusste schon, wozu es gut war? Vielleicht- Ezra versuchte, die Erinnerungen an ihr letztes Gespräch über Kinder zu ignorieren, als sie sich wieder in seinen Kopf drängen wollten. Wahrscheinlich wäre es wirklich besser, sich keine allzu großen Hoffnungen zu machen. Er hatte doch sowieso schon längst entschieden, dass Kinder im Vergleich zu seiner Beziehung mit Andrew eher zweitrangig waren. Also lieber direkt in die nächste Offenbarung stürzen.
      Er blinzelte irritiert, als Andrew die Beförderung erwähnte. Und was für eine Beförderung! "Okay. Also die Sache mit den Kindern hätte ich dir noch abgekauft, aber langsam wird es ein bisschen viel", merkte er vorsichtig an. War das die Pointe, die er eben noch gesucht hatte? Aber Andrew sah nicht so aus, als ob er ihn nur verarschen wollte. Zumal das wirklich nicht zu ihm passte.
      "Ich meine...warum? Also, Gott, bitte versteh mich nicht falsch, du bist mit Abstand die fähigste Person, die ich kenne, aber...wir sind noch nicht so lange dabei und haben uns jetzt nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert." Er versuchte nicht vollkommen überrascht zu klingen und scheiterte kläglich. Er hatte in den letzten Stunden kein einziges Mal an ihren Job gedacht, aber jetzt gerade löste das ganze irgendwie Panik in ihm aus, die er runterschluckte, so gut er konnte. Sein Instinkt riet ihm einfach, die Arbeit hinter sich zu lassen und sich irgendwas zu suchen, was ihn nicht direkt wieder ins Krankenhaus bringen würde, aber nur, wenn Andrew mitzog. Was, wenn ihre Rollen beim nächsten mal vertauscht waren? Andrew, der im Koma lag, während Ezra hilflos daneben stand? Das Problem war nur, dass er nicht gelogen hatte - Andrew war die kompetenteste Person, die er kannte. Und immer schon karrieregetrieben gewesen. Wer käme für den Posten in Frage, wenn nicht er?
    • Andrew

      Er lächelte über Ezras zugedrückte Augen und vergaß beinahe, worüber sie gesprochen hatten. Achja. „Es ist… leider kein Scherz“, sagte er. Leider? „Und ich weiß, dass du sicher alles andere willst, als diesen Job weitermachen, hab ich recht? Selbst wenn nicht, mir wäre es lieber, du machst nichts allzu gefährliches mehr. Und ich hab ehrlich gesagt auch keine Lust mehr darauf, solche Dinge zu durchleben, aber… ist die Beförderung da nicht eigentlich eine gute Sache?“ Andrew versuchte, motivierend zu lächeln. „Wenn ich irgendwann Haralds Position habe, kann ich uns beide ja völlig aus der Gefahrenzone rauslassen nicht? Und das Gehalt ist… es ist absolut irre, ich kann das noch nicht ganz verarbeiten“
      Andrew stockte. Das reichte mit dem überschwänglichen Optimismus. „Aber es gibt wirklich wichtigeres, als Geld, und wenn du kündigen willst, steh ich voll hinter dir. Ich muss… es mir… selbst noch überlegen. Ich meine, ich werde wahrscheinlich nie wieder die Chance haben, jemals so einen Aufstieg zu haben, darum… ist das eine schwere Entscheidung. Wenn ich kündige, hab ich jetzt zwar sicher bessere Chancen zu meinem alten Job zurückzugehen, aber das kann mir keiner versprechen und das Gehalt war auch unterdurchschnittlich, geschweige denn von den Verrückten, die nicht nur in Moskau sondern auch bei uns herumlaufen“
      Irgendwie war er etwas nervös. Er wusste selbst nicht genau, wieso. Wahrscheinlich, weil er wusste, dass er sofort mitziehen würde, wenn Ezra meinte, dass sie beide kündigen mussten. Es würde erstmal ein wenig weh tun, wie verpasste Chancen es so an sich hatten, aber deutlich schlimmer war es, irgendwann wegen dieser dummen Situationen zu sterben, nur weil er zu blöd gewesen war, zu kündigen. Und wer wusste schon, wie ernst Harald es wirklich meinte. Nur, weil er einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben hatte, hieß das noch lange nicht, das man ihn nicht feuern konnte. Dem Alten traute Andrew nicht ganz über den Weg. Und dann? Dann war dieses Gespräch sowieso umsonst gewesen.
      „S-sag mir ehrlich, was du davon hältst“, meinte er zögernd. Das letzte, was er brauchte, war irgendeine Art von Zwang, Überredung oder Misskommunikation, wenn sie so schon genügend durchgemacht hatten.
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    • Ezra

      Wie konnte man sich nicht in jemanden verlieben, der so passioniert über etwas so dämliches wie einen Job sprach? Es war vollkommen offensichtlich, dass Andrew diese Beförderung wollte, Ezra war sich nur nicht sicher, was er davon halten sollte. Die leichte Panik, die in ihm aufgeflammt war, als Andrew die Beförderung angesprochen hatte, pochte noch immer in ihm, aber er wusste nicht, ob sie gerechtfertigt war. Vielleicht hatte Andrew recht und die Position als Leitung würde mehr Sicherheit bedeuten. Vielleicht würde sie aber auch mit ganz neuen Gefahren einherkommen, Leute, denen MLO vor den Kopf gestoßen hatte, gab es bestimmt genug und die wenigsten würden sich für einen Führungswechsel interessieren. Und trotzdem…
      “Du solltest die Stelle annehmen.” Ezra zupfte nervös an dem Gips, der sich bis hin zu seiner Handfläche zog. “Ich…bin mir nicht ganz sicher, ob es das Richtige ist, wenn ich ehrlich bin, aber, also…du kannst den Posten ja immer noch abgeben, falls es doch irgendwie zu gefährlich werden würde.” Was eigentlich auch ihr Mantra für ihren aktuellen Job gewesen war. Funktionierte auf jeden Fall gut. Ezra hoffte nur, dass das ungute Gefühl an seinen Medikamenten lag und keine üble Vorahnung war. Nein, wahrscheinlich würde er nächste Woche schon viel entspannter über das alles nachdenken. Wie hoch war schon die Chance, dass sie nochmal im Krankenhaus enden würden? Alltagsunfälle ausgenommen. Harald schien ja jetzt schon nicht mehr viel im aktiven Dienst zu machen und die Tatsache, dass Andrew Action irgendwie zum Überleben brauchte, hatte bestimmt nichts zu bedeuten.
      “Ich meine, ich kann mir keine bessere Person für diesen Posten vorstellen, als dich”, fuhr er fort, unsicher, ob er Andrew, oder sich selbst überzeugen wollte. “Du wirst das sicher gut machen. Ich freue mich für dich.” Er lehnte sich ein wenig nach vorne mit der Intention, Andrew über die Wange zu streichen und schnappte hörbar nach Luft, als die Bewegung geradewegs in seinen Rücken zog. Okay, offenbar war aufrecht sitzen aktuell wirklich das Maximum an Bewegungsfreiheit für ihn. “Wir sollten das feiern, wenn wir wieder in London sind”, redete er über den Schmerz hinweg, während er sich langsam wieder nach hinten lehnte. Es würde schon alles gut werden, irgendwie.
    • Andrew

      Andrews Herz setzte sicherlich für einen Moment aus, als er Ezra sagen hörte, dass er den Job annehmen sollte. Er hatte ein Verneinen wohl doch mehr gefürchtet, als er gedacht hatte, aber wenigstens wusste er jetzt, wo er gefühlsmäßig selbst stand.
      Er nickte. „Ich kann immer kündigen, wenn etwas passiert“, stimmte er zu. Selbst wenn er sich relativ sicher war, dass er in vielen Fällen zu hartnäckig wäre. Wenn es schonmal plötzlich seine eigene Organisation war, würde er sich nicht mehr so leicht davon trennen können. Aber natürlich sollte man nicht so leicht mit seinem Leben spielen.
      Andrew lächelte etwas, als Ezra ihm gratulierte, selbst wenn es sich noch etwas unverdient anfühlte. Doch der Blick wich gleich wieder der Sorge. „Beweg dich nicht zu viel“, meinte er und ließ die Augen über Ezras verbundenen Körper schweifen. Dann kam ihm eine Eingebung und er stand auf, zog seine Schuhe aus und quetschte sich kurzerhand ganz vorsichtig neben Ezra ins Bett. Er musste ein Bein auf den Boden stellen, weil er definitiv nicht genug Platz hatte, und er zögerte kurz, bevor er den Arm um den Blonden legte, aber dann dachte er sich, dass das Pflegepersonal sich längst seinen Teil gedacht haben musste.
      „Hm. Unser Doppelbett ist mir lieber“, meinte er etwas trocken und lachte. „Oh, aber ich glaube ich hab gelernt, fast regungslos zu schlafen. Ich kann auch im Sitzen schlafen. Und wie Delfine, die mit einer Gehirnhälfte wachbleiben und sie abwechseln“, erklärte er. „Anscheinend kann sogar jemand wie ich das, wenn man nur genug Panik davor hat, ein Baby unabsichtlich zu ermorden. Der Vorteil ist, dass ich jetzt wahrscheinlich auch in deinem eingegipsten Zustand keine Gefahr für dich bin“ Er lächelte.
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    • Ezra

      Ezra versuchte, ihm ein wenig Platz zu machen, als Andrew sich zu ihm ins Bett setzte und ignorierte das Ziehen dabei so gut es ging. Wenigstens lenkte es ihn ein wenig von den Bedenken über die Beförderung ab. Der Themenwechsel half auch.
      Er musste unfreiwillig lachen, als Andrew seine veränderten Schlafgewohnheiten ansprach und hielt sich die Rippen, bevor er sich an seinen Freund kuschelte, so weit es ihm möglich war. Es war seltsam, wie einfach ihn die Nähe alleine schon beruhigte. Wenn sie gerade nicht in Russland wären, hätte er darauf bestanden, dass Andrew bei ihm bleiben dürfte, was Nadia und Jelenas Vendetta fast ein wenig zu nachvollziehbar machte. Obwohl er wahrscheinlich nicht direkt ein Krankenhaus in die Luft jagen würde, um ein Umdenken in der Gesellschaft zu provozieren. Trotzdem wusste er nicht, wie er heute Abend ohne Andrew an seiner Seite einschlafen sollte. Er musste wohl einfach darauf hoffen, dass die Medikamente ihr übriges taten und ihn zwischendurch einfach müde machten.
      “Oh, ich freue mich für das Baby, aber ich glaube, ich würde es ein bisschen vermissen, nachts erdrückt zu werden, mein kleiner Delphin.” Er strich mit einer Hand durch Andrews Haare und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. “Kannst du wenigstens durchschlafen? Ich kann mich noch daran erinnern, als Liz ein Kleinkind war. Ada hat irgendwann ausgesehen wie ein Zombie und als ich ihr angeboten habe, Liz ab und an nachts bei mir schlafen zu lassen, wusste ich warum. Sie hätte damals wunderbar in einer Heavy Metal Band mitmachen können, so laut und schrill, wie sie geschrien hat.” Bei Ada musste er sich auch noch melden, aber er hatte es noch nicht über sich gebracht, sich den Vorwürfen und Belehrungen zu stellen, die sie ihm machen würde, also hatte er ihre tausenden Nachrichten, die sie ihm in den letzten Tagen geschickt hatte nur mit einem kleinen ‘Es geht mir gut’ Text beantwortet und das Handy direkt wieder zur Seite gelegt. Er wollte wirklich wieder nach Hause, oder zumindest nach London. Wahrscheinlich sollte er wirklich bei nächster Gelegenheit fragen, wann er wieder fliegen könnte, auch wenn ihm die Vorstellung davon, dafür im Rollstuhl zu sitzen, nicht sonderlich gut gefiel.
      “Und wie ist das Hotel? Das Zimmer, das Essen, die Aussicht…erzähl mir irgendwas schönes.” Irgendwas, worüber er nicht zu sehr nachdenken musste, während seine Gedanken immer noch in Zeitlupe durch seinen Kopf krochen.
    • Andrew

      „Ich hab seit letzter Woche Freitag wenn es hoch kommt drei Stunden am Stück geschlafen“, sagte er. „Aber das ist okay, das hält mich fit und jung… oder so… glaube ich. Ich bin es sowieso von der Arbeit damals gewohnt, du hast mich oft genug gezwungen, wach zu bleiben“ Eigentlich war es sogar ganz nett, alle paar Stunden von jemandem aus seinen Alpträumen gerissen zu werden, nur half der Schlafmangel wahrscheinlich im Großen und Ganzen nicht, diese mal endgültig loszuwerden. Aber damit wollte er Ezra nicht belasten. Vor allem nicht, wenn dieser vielleicht aufgrund von Schmerzen ebenso wenig schlafen konnte, oder auch Alpträume hatte, oder sich einfach unwohl fühlte, weil er alleine im Krankenhaus war. Zumindest war Andrew nicht ganz alleine.
      „Ich wünschte, ich könnte den ganzen Tag bei dir bleiben. Ich hasse den Gedanken, dass du ständig alleine bist“, murmelte er. Alleine die Tatsache, dass er nach seinem Koma alleine hier aufgewacht war. Andrew hätte hier sitzen müssen, aber diese Idioten erlaubten es ihm nicht. Oder vielleicht war er selbst der Idiot, weil er sich mit dem Antrag so viel Zeit ließ. Es sollte eben perfekt werden, aber… vielleicht sollte sein Ziel eher sein, ihn noch über die Bühne zu bringen, solange sie beide am Leben waren.
      „Du würdest das Hotel mögen, es hat eine kleine Küche… Alles in allem erinnert es ein bisschen an meine alte, winzige Wohnung. Es hat zwei kleine Betten und eine winzige Couch, was mehr ist, als ich hatte. Sogar eine Badewanne gibt es, das ist super. Die Kollegen, die vor der Tür stehen, sind auch ganz nett. Die wechseln sich ab und haben in der Nacht, als du aufgewacht bist, auch auf die Kinder aufgepasst. Ich denke, alle versuchen mir irgendwie zu helfen, aber wissen auch nicht wirklich, wie und es ist immer einfacher, sich rauszuhalten. Würde ich an ihrer Stelle wohl auch machen“ Andrew schmunzelte. „Aber wenn man sich mal darauf einlässt, ist das alles garnicht so furchtbar. Ich meine, ich verdiene sicher keine Medaille für den mittelmäßigen Job, den ich mache, aber bisher leben noch alle, was ja irgendwie das einzige Ziel war, also…“ Wo redete Andrew sich da gerade rein? Wollte er Ezra erklären, dass er vielleicht garkein grauenvoller Vater wäre?
      Als ihm das auffiel, stoppte er sogleich. Er war sich bei alldem nicht sicher. Ja, die Kinder waren okay, sie lebten noch, sie schienen ein wenig aufzutauen und sich etwas sicherer zu fühlen, soweit das möglich war, aber perfekt war die Situation bei weitem nicht und Andrew hatte ständig das Gefühl, irgendetwas zu übersehen oder zu vergessen und bald würden die kleinen Fehler ihn aufholen, oder so. Simple Paranoia.
      „Ähm, das… Essen ist auch gut. Ich glaube, ich mag russische Küche. Aber lass uns niemals hier Urlaub machen“
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    • Ezra

      “Ich glaube, ich bin mit Urlauben sowieso durch. Von mir aus können wir auch einfach bis zu unserem Lebensende in London bleiben. Obwohl- ich würde eine Ausnahme für Island machen, um die Polarlichter zu sehen.” Wenigstens war Ezra froh, dass Andrew es mit dem Hotel wohl gut angetroffen hatte. Sie mussten ja nicht beide in einem unbequemen Bett liegen und sich langweilen. Andrew schien generell alles andere als Langeweile zu haben. Was wahrscheinlich gut für ihn war. Ezra hasste die Vorstellung, dass sein Freund irgendwo rum saß und sich Sorgen um ihn machte. Es ging ihm gut. Den Umständen entsprechend halt. Andrew sollte nicht wegen ihm noch zusätzlichen Schlaf verlieren.
      “Frag Niamh oder Cal, ob sie mal eine Nacht für dich übernehmen, damit du genug Schlaf bekommst. Ich hätte dich auch gerne die ganze Zeit hier, aber du musst dich dafür nicht extra wegen Schlafmangel einweisen lassen. Dafür komme ich wirklich gut genug alleine zurecht. Es bringt ja nichts, wenn die Kinder noch leben, aber du den Geist aufgibst.” Was wahrscheinlich noch ein weiterer Grund war, weshalb Ezra so schnell wie möglich fragen sollte, wann er wieder zurück nach London konnte. Andrew wollte wahrscheinlich nicht länger als nötig für die Kinder zuständig sein und für sie wäre es wohl auch das Beste, möglichst schnell wieder in eine Einrichtung zu kommen, die auf sie ausgelegt war, statt in einem Hotelzimmer zu versauern. Auch wenn ihn die generelle Vorstellung davon, Kinder in ein Heim zu bringen, nicht gefiel. Irgendwie dachte er dabei immer noch automatisch an all die schlechten Waisenhäuser und Heime, die man aus Filmen kannte und die so wahrscheinlich gar nicht existierten.
      “Sonst kannst du sie auch einfach heute Nachmittag bei mir lassen und dich nochmal hinlegen. Uns fällt sicher schon was ein, was man auch mit Handzeichen und schlechten Übersetzungsapps machen kann.” Er griff nach Andrews Hand und drückte sie. “Ich habe hier ja sowieso sonst nichts zu tun.”
    • Andrew

      „Niamh ist immer bei ihnen, wenn ich hier bin. Auf Cal… war ich eine Weile nicht so gut zu sprechen und wir gehen uns noch etwas aus dem Weg, denke ich“ Andrew wollte Ezra nicht anlügen, aber jetzt fiel ihm auch keine Ausrede ein, für die Stimmung zwischen Caleb und ihm. Er hatte ihn darum gebeten, Ezra selbst von Richard erzählen zu dürfen, also sollte er wohl ganz einfach das Thema wechseln. „Es war ein bisschen stressig die letzten Tage aber mach dir keine Sorgen“, fügte er hinzu. Dann wechselte er das Thema. „Denkst du, es ist okay, wenn ich die Kinder hier lasse?“, murmelte Andrew skeptisch. „Ist das erlaubt?“ Irgendwie hatte Andrew auch kein gutes Gefühl dabei, die drei immerzu bei anderen Leuten sitzen zu lassen. Ezra war zwar derjenige, den er am liebsten einbinden wollte, aber er war nunmal im Krankenhaus und Andrew war auf die Hilfe von anderen angewiesen gewesen, auch wenn er im Hinterkopf immer diese kleine Stimme hatte, die ihm sagte, dass er bei den Kindern bleiben musste. Wenn irgendetwas passierte, während er weg war, war es immernoch seine Schuld. Und ganz abseits davon würde er anstelle der Kinder in einer solchen Situation auch nicht gerne andauernd zwischen Menschen hin und hergeschoben werden. Sie vertrauten Andrew einigermaßen, weil er jeden Tag bei ihnen war. War er zu… überfürsorglich mit diesen Gedanken?
      „Wenn das Pflegepersonal kein Problem damit hat, wär es vielleicht garnicht so schlecht, mal wieder etwas Zeit für MLO zu haben“
      Zeit, die er einfach alleine mit seinem Job verbrachte, so wie früher. Das würde ihn sicher wieder auf ein normales Level bringen, wo er sich nicht ständig Sorgen um fremde Kinder machte.
      „Und einen… Nap“, fügte er hinzu und merkte, alleine schon weil er die Option vielleicht hatte, wie müde er eigentlich war. Alles hier hielt ihn ständig auf Trab, weshalb ihm die Erschöpfung immer erst auffiel, wenn er bereits im Bett lag.
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    • Ezra

      Ezra stieß ein kleines, irritiertes “Oh?” aus, als Andrew andeutete, sich mit Caleb zerstritten zu haben. Sicherlich hatte er seine eigenen Streitigkeiten mit seinen Geschwistern gehabt, aber Cal gab normalerweise zu schnell nach, als dass ein tatsächlicher Streit ausbrechen könnte. Dann wiederum…waren beide wahrscheinlich nicht unbedingt die einfachsten Personen, wenn man sie nicht gut genug kannte. Er konnte nur hoffen, dass es sich um irgendein blödes Missverständnis handelte, oder so.
      “Keine Ahnung, ob es erlaubt ist, aber was soll groß passieren? Ich hab das Zimmer für mich, also stören sie niemanden und ich habe etwas mehr Abwechslung, als nur Bücher.” Er zuckte mit der Schulter, die er noch problemlos bewegen konnte. Das einzige Problem wäre, wenn er einem der Kinder nachlaufen musste, aber die Ärzte wollten ihn doch sowieso möglichst schnell wieder auf den Beinen sehen und ein kleiner Adrenalinrausch würde da sicher helfen. Und er konnte so immerhin Andrew ein bisschen helfen. Auch, wenn der direkt wieder mit kontraproduktiven Plänen um die Ecke kam. Wahrscheinlich brauchte er seine Arbeit so sehr, wie Ezra den Tropf neben seinem Bett.
      “Arbeit in Ehren, aber hol deinen Schlaf nach, Darling. Wir sind keine Teenager-” Er stockte, als ihm etwas furchtbares bewusst wurde und er sich wieder aufsetzte. “Ich habe deinen Geburtstag ruiniert.” Er blinzelte, während er zu Andrew sah. Irgendwie traf ihn das härter als der gebrochene Arm. “Das tut mir so leid! Ich meine, ich weiß, dass er dir nicht so wichtig, war, aber…trotzdem.” Er presste die Lippen aufeinander, während das Stechen in seiner Brust diesmal nicht auf irgendeine Schramme zurückzuführen war. Sicher, sie hatten sich darauf geeinigt, den Geburtstag einfach zu ignorieren, aber trotzdem hatte er sich eher vorgestellt, den Tag gemütlich mit einem Film ausklingen zu lassen, oder so, statt im Krankenhaus zu enden. Sie mussten ja nicht feiern, aber nicht fast zu sterben, war irgendwie das absolute Minimum, oder? Und das, nachdem der Valentinstag schon so ein Chaos gewesen war. Er hatte sich ihre Beziehung ganz anders vorgestellt.
    • Andrew

      Andrew nickte. „Okay. Sie wissen ja sowieso, wer du bist. Du hast sie gerettet und außerdem hab ich sie irgendwie gezwungen, stundenlang hier zu sitzen und mir bei meinen Nervenzusammenbrüchen zuzusehen“ Er lachte leicht, dann drückte er Ezra einen Kuss auf die Wange. Und dann verging ihm das Lachen wieder. „Hey, ich wollte sowieso nicht feiern, hab ich dir ja gesagt. Ich wollte zwar auch nicht, dass du im Koma liegst, es hätte sicher noch einen Mittelweg gegeben, aber der Tag an sich war ziemlich nebensächlich“ Er schmunzelte. „Das einzig wichtige ist, dass du wieder wach bist. Das ist deutlich besser als eine Geburtstagsparty oder ein Geschenk… Oh, ich hab den Pullover gefunden. Das war… echt süß, danke. Und echt hinterhältig“ Er warf Ezra einen gespielt vorwurfsvollen Blick zu. Der Pullover hatte ihn deutlich mehr zum heulen gebracht, als gewollt. Das alles hatte denkbar schlechtes Timing gehabt. Nächstes Jahr sollte er vielleicht doch seinen Geburtstag planen, nur um Ezra an irgendeinem sicheren Ort einzubinden, wo er keinen Unfall haben kann.

      Die Stunde Besuchszeit verging unglaublich schnell, aber jetzt hatte Andrew immer den Lichtblick, bei ihren Treffen auch mit Ezra reden zu können, statt ihn bloß anzustarren, was das alles viel erträglicher machte. Und das bisschen Freizeit am Nachmittag hatte er sicherlich auch dringend nötig, danach würde er sicher etwas entspannter sein. Und vielleicht konnten sie übers Wochenende ja endlich nachhause? Andrew konnte nicht anders, als sich Hoffnungen zu machen, nachdem er sich deutlich zu lange hoffnungslos gefühlt hatte. Wenn alles zurück zur Normalität kehrte, würde er es definitiv mehr schätzen. Außerdem wartete der neue Job auf ihn, was in seinen Augen mehr positiv als negativ war. Jetzt wo Ezra sogar endlich beinahe alle Neugikeiten hatte, fühlte Andrew sich viel leichter. Nur die Angelegenheit mit Richard fehlte noch. Oder eher… zwei Angelegenheiten mit Richard, aber das konnte noch etwas warten, eins nach dem anderen.
      Mental schrieb Andrew bereits eine Schritt-für-Schritt Liste der nächsten Tage, um sich von der Vorfreude etwas Energie zu holen. Vielleicht bildete er es sich ein, aber er hatte an dem Vormittag auch etwas das Gefühl, dass seine Erleichterung auf die Kinder überschwappte. Bevor sie ins Krankenhaus fuhren setzte Andrew mit den zwei älteren sein kleines Kartenspiel fort, indem er russische Worte gegoogelt, sie aufgezeichnet und auf englisch übersetzt hatte. Er hatte keine Ahnung, wie schnell Kinder Dinge lernten und in welchem Alter was angebracht war, aber nachdem sie später in ein englisches Waisenhaus sollten, wollte Andrew nicht, dass sie dann völlig überfordert waren. Irgendwie musste er ihnen doch helfen. Er fühlte sich deutlich zu verantwortlich.
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    • Ezra

      "Ich hatte eigentlich vor dir einzureden, dass du den Pullover die ganze Zeit schon hattest, aber ich glaube, das würde im Moment nicht so gut ankommen." Ezra lächelte schwach. Geschenk hin oder her, Andrew hatte eindeutig was Besseres verdient. Ezra wünschte ihm nicht weniger, als das perfekte Leben und er würde sich anstrengen, ihm genau das zu bieten. Zum Ausgleich musste er sich einfach etwas wirklich gutes einfallen lassen, um Andrews Beförderung zu feiern. Zum Glück hatte er gerade ja mehr als genug Zeit, um sich was zu überlegen, auch, wenn es irgendwie schwer war. Früher waren die Ideen nur so aus ihm herausgesprudelt, aber da hatte er sich nur Gedanken darum gemacht, was ihm selbst gefallen würde. Jetzt, wo er Andrew richtig kannte, fiel es ihm irgendwie viel schwerer, irgendwas zu finden, was ihn positiv überraschen würde. Andrew war einfach mit deutlich weniger zufrieden, als er sein sollte, was wahrscheinlich das dümmste Problem war, das man haben konnte. Aber irgendwas würde sich schon finden lassen.

      Die Besuchszeit ging viel zu schnell vorbei. Ezra überbrückte die Zeit danach kurz mit seinem Buch, bevor einer der Ärzte ihm einen Besuch abstattete, um das weitere Vorgehen mit ihm zu besprechen, jetzt, da Ezra sogar einigermaßen behalten konnte, was man ihm sagte.
      Offensichtlich war er mit seinen Operationen vorerst durch und die Situation musste nur im Auge behalten werden. Es gab wohl noch ein paar Fäden, die gezogen und Wunden, die neu verbunden werden mussten, sowie den Gips, der wohl erst in knappen fünf Wochen abgenommen werden konnte, aber damit konnte Ezra leben. Die empfohlene Physiotherapie danach war ihm da deutlich unangenehmer. Es würde frustrierend werden, den Arm und die Hand nach so langer Zeit langsam wieder zu benutzen und irgendwie wollte er diesen Frust lieber mit sich selbst, als mit einem armen Physiotherapeuten ausmachen, obwohl er wusste, dass das absoluter Blödsinn war. Wenigstens stellte der Arzt ihm außerdem in Aussicht, spätestens am nächsten Mittwoch zurück nach London zu können, je nachdem, wie gut die Wunden heilten. Zwar verfügte das Krankenhaus über ein paar Steine, die dabei unterstützend wirken könnten, aber der Wundheilungsprozess schien bei jedem so anders zu sein, dass Ezra nichts präziseres als 'Wenn es gut aussieht, ab Montag, sonst ab Mittwoch' zu hören bekam. Aber immerhin besser, als noch wochenlang hier festzusitzen. Der Arzt verabschiedete sich mit dem Versprechen, ihm ein paar Unterlagen zu Flügen durch das Krankenhaus zukommen zu lassen und Ezra wandte sich wieder dem Buch zu, auf das er sich absolut nicht konzentrieren konnte.
      Er gab auf, als er die selbe Seite zum dritten mal lesen musste und legte es vollends zur Seite. Mit einem kleinen Seufzen schaltete er den uralten Fernseher in der Ecke des Zimmers an, um etwas Hintergrundgeräusche zu haben, während er vorsichtig austestete, wie weit er sich bewegen konnte. Sämtliche Bewegungen im Oberkörper zogen ihm direkt in den Rücken oder die Rippen. Sein linker, eingegipster Arm war vollkommen nutzlos, aber seine rechte Seite schien keinen größeren Schaden genommen zu haben. Er konnte sogar sein rechtes Bein anwinkeln, ohne zu sehr zu fluchen, während das linke ihm deutlich mehr Probleme bereitete. Aber wenigstens hatte er noch alle Gliedmaßen. Seinem Kopf schien es ebenfalls weitestgehend gut zu gehen, auch, wenn er das dringende Bedürfnis hatte, seine Haare zu waschen. Aber es hätte ihn deutlich schlechter treffen können. Mit der Hilfe einer der Krankenschwestern schaffte er es sogar, das unangenehme Krankenhausleibchen gegen eine Jogginghose und ein Shirt zu tauschen. Auf Schmuck verzichtete er, auch, wenn er Andrews Weihnachtsgeschenk an seinem Finger vermisste. Als die nachmittagliche Besuchszeit näher rückte, fühlte er sich fast wieder menschlich, was ihn ein wenig hoffen ließ, dass der Rückflug doch eher Montag, als Mittwoch anstehen könnte. Jetzt musste er nur noch darauf warten, Andrew diese Neuigkeit mitteilen zu können.

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    • Andrew

      Die Jungs schienen untereinander mittlerweile deutlich mehr zu reden. Das war gut, der ältere war also vielleicht nicht so dermaßen verstört worden, dass er nie wieder sprechen wollte. Irgendwie war es ganz süß, den beiden beim spielen zuzusehen, egal wie wenig Andrew verstand. Aber interessanterweise schien er sich langsam einige Worte und Ausdrücke auf russisch zu merken und: Es war nicht schwer, Namen herauszuhören. Oder eher Spitznamen. Niko und Max war mehrmals klar verständlich, was Andrew irgendwie dazu verleitete, die Abkürzungen auch zu benutzen und er schien deutlich bessere Reaktionen von den Kindern zu bekommen, wenn er es tat. Eigenartigerweise war er ein wenig stolz darauf, langsam eine Bindung aufzubauen. Er wollte irgendwie alles daran setzen, dass die Kinder sich einigermaßen wohl bei ihn fühlten. Er konnte sich kaum vorstellen, wie furchtbar es war, so knapp hintereinander in so viele verwirrende, neue Situationen zu kommen. Er selbst war beim Tod seiner Eltern wenigstens fast Achtzehn und nicht völlig auf die Hilfe Fremder angewiesen gewesen.
      Er versuchte sowohl seinen MLO Kollegen, als auch den Kindern, schonend beizubringen, dass er sie mit ins Krankenhaus nahm. Niemandem schien das sehr zu gefallen. Und leider konnte Andrew nicht auf russisch davon schwärmen, wie toll Ezra war, und dass Kinder ihn liebten, und dass das für alle eine nette Auszeit wäre.
      Andrew packte die Tragetasche mit den paar Spielen und Karten, die er gebastelt hatte, und dem ganzen Zubehör, das mit einem Baby kam, dann machte er sich mit dem Kinderwagen auf den Weg. Max lief glücklicherweise brav neben ihm her, was allerdings auch etwas befremdlich war, bei einem Sechsjährigen. Er sollte nicht so self-aware sein müssen.
      Bis sie in Ezras Zimmer ankamen, bekam Andrew milliarden Seitenblicke zugeworfen, einige mit Herzenaugen, die anderen bloß skeptisch, sobald sie ihn erkannten. Ja, er besuchte nicht seine Frau, sondern seinem Freund, und das waren nicht seine Kinder, sorry. Am liebsten wollte er ein paar Schnuller nach diesen Leuten werfen.
      Andrew öffnete die Tür und schob Max vor, bevor er den Kinderwagen nachzog und sich mit dem Gepäck durch die Tür quetschte. Es musste ein eigenartiges Bild abgeben, für jemanden, der ihn kannte. Und wenn er gerade einen Spiegel hätte, wäre er wohl ebenso geschockt.
      Andrew stellte die Kinder der Reihe nach vor, dann beugte er sich herunter und befreite Niko aus seinem Sitz. „Und das ist Ezra. Ezra“, wiederholte er für die Kinder und zeigte auf den Blonden, auch wenn er keine Ahnung hatte, ob sie Ezra als Namen verstanden oder dachten, es hieß irgendetwas anderes. Andrew ließ Elli im Kinderwagen liegen, da sie schlief, was ein seltenes Ereignis war, das nicht gestört werden sollte. Und dann wandte er sich endlich seinem Freund zu.
      „Oh! Du trägst Klamotten“, meinte er deutlich zu freudig überrascht. Auch ein Satz, den er nicht vorhergesehen hätte. „Geht‘s dir besser? Kannst du aufstehen?“, fragte er und kam zu Ezra rüber. Niko lief schnurstracks neben ihm her und sah mit großen Augen über die Bettkante zu Ezra rauf. Er erkannte ihn hundertprozentig wieder, da bestanden keine Zweifel.
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    • Ezra

      “Hi!” Ezra konnte nicht anders, als strahlend zu lächeln, als Andrew mit den Kindern ins Zimmer kam. Irgendwie sah das Bild zu perfekt aus. Vielleicht war Andrew nicht sonderlich begeistert von den Kindern, aber die Art, wie er mit ihnen umging, sah so selbstverständlich aus, als ob sie immer schon zu ihm gehört hätten. Er sollte sich wirklich nicht zu sehr an dieses Bild gewöhnen.
      “Der Kittel war dann doch nicht ganz mein Stil”, scherzte er, als Andrew seine Kleidung kommentierte. “Es geht mir nicht deutlich besser, als heute morgen noch, aber das wird schon”, fuhr er mit einem Lächeln fort, während er Andrew zu sich heran winkte, um ihn wenigstens kurz an sich drücken zu können. “Aufstehen ja, laufen nein, denke ich. Ich kann das linke Bein nicht belasten und durch den Arm sind Krücken erst mal ausgeschlossen. Aber das ist ja nur vorübergehend.” Er lehnte sich vorsichtig an Andrew vorbei, um Nikolai, der ihm wie ein Schatten zu folgen schien, durch die Haare zu wuscheln, bevor er sich ebenso vorsichtig wieder aufrichtete. Wenigstens waren die Kinder, von ein paar kleineren Kratzern abgesehen, weitestgehend unbeschadet und unfassbar niedlich, auch wenn der Älteste ihm einen Blick zuwarf, der für sein kindliches Gesicht viel zu kritisch aussah. Obwohl kritisch wohl besser war, als ängstlich oder verstört.
      Der erhoffte Aha-Effekt, sich wieder an den Unfall erinnern zu können, wenn er die Kinder sah, blieb trotzdem aus. Ezra war sich nicht ganz sicher, ob er die drei in einer Gruppe von Kindern wiedererkannt hätte, vielleicht höchstens an der Kind-Kleinkind-Baby Konstellation. Es war gruselig, plötzlich am eigenen Leib zu spüren, wie einfach es dem eigenen Kopf fiel, Erinnerungen zu löschen. Obwohl er sich fast wünschte, dass es bei den Kindern ähnlich war, was…unwahrscheinlich war, wenn er sich Niko ansah. Der Junge schien ihn auf jeden Fall wiederzuerkennen.
      “Aber ich habe nachgefragt, wann wir wieder zurück nach London können und der Arzt hat mir spätestens den Mittwoch zugesichert. Vielleicht aber auch schon Montag. Er hat mir einen ganzen Stapel an Papier dazu dagelassen.” Er deutete kurz auf seinen Nachttisch, den er so gut sortiert hielt, wie es auf der kleinen Fläche möglich war. “Ich hatte vor, das alles Cal oder Niamh zum Durchlesen anzudrehen. Aber das klingt doch insgesamt gut, oder?” Er sah von Andrew zu Niko, der ihn immer noch anstarrte und klopfte kurz auf die freie Fläche neben seinen Beinen auf dem Bett. “Willst du hoch?”

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    • Andrew

      Andrew hob Niko wie selbstverständlich hoch und platzierte den sofort lachenden Jungen neben Ezra auf dem Bett, wo er die Beine herunter baumeln ließ. „Das klingt gut. Wie beschleunigen wir das?“, fragte Andrew schmunzelnd. „Wovon hängt das ab, ob wir Montag oder Mittwoch fliegen? Wie gut du laufen kannst? Das macht nichts, ich trage dich auch bis zum Flughafen“
      Andrew hatte so etwas wie ein Supergehör entwickelt, weil er sich sofort herumdrehte, als er ein kleines Stimmchen hinter sich meckern hörte. Er sah, wie Elli sich zwang ihre Augen aufzumachen und mit dem Sitz kämpfte, also beeilte er sich um sie da raus zu holen, bevor sie ihr Lungenvolumen präsentieren konnte. Dann kam er zurück zu Ezra, drehte sich mit der Kleinen am Arm und sagte: „Da, jetzt musst du nicht mehr ausgeschlossen fühlen“ Beinahe automatisch küsste er die winzige Stirn und genoss das belohnende Lächeln.
      „Hey, kannst du sie mit dem Arm halten?“, fragte Andrew und nickte zu Ezras eingegipsten Arm. „Eher nicht, oder? Ich kann sie auch einfach mal neben dich setzen, das kann sie ganz gut, wenn du sie auf längere Zeit nur ein bisschen stützt“ Andrew setzte Elli damit vorsichtig an Ezras rechte Seite und betrachtete belustigt das Bild vor sich. Max fehlte noch, und dann hatte Ezra absolut keinen Platz mehr in seinem Bett. Aber so wie Andrew ihn kennengelernt hatte, würde er so schnell nicht mitspielen. Aber wenigstens wusste Andrew, dass er sich gut um seine Geschwister kümmern konnte, was es deutlich leichter machte, sie guten Gewissens mal alleine bei jemand anderem zu lassen.
      „Oh, ich hab äh… Uno mitgenommen, ein paar Snacks, der ganzen Babykram ist in der Tasche unter dem Wagen und ich hab Karten gemacht…“ Er wühlte in seiner Schultertasche, zog die Papierstücke heraus, die er mit einem Gummiband zusammengebunden hatte, und reichte sie Ezra. „Ich bin nicht so weit gekommen, hab mal mit Objekten begonnen, weil das einfacher ist. Katze, Hund, Auto, das Zeug, und dann noch simple Sachen wie Hunger, Schlafen… Weil ich mir dachte, dass sie in London nicht komplett aufgeschmissen sein sollten. Vielleicht kannst du das mit Niko nochmal durchgehen, später. Ich hole mir jetzt einen Kaffee, willst du irgendwas haben?“
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