The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Caleb

      Hah. Wenn er sein eigenes Niveau suchen wollte, brauchte Caleb mittlerweile wahrscheinlich eine Lupe und einiges an Ausdauer. Und das, nachdem er eigentlich davon ausgegangen war, dass er nicht tiefer sinken konnte, aber anscheinend war sein Leben ein einziges schwarzes Loch mit mehr als genug Platz nach unten. Obwohl sich das tief-sinken ab und an lohnen konnte. Wenn Richard wirklich davon ausging, dass Ezra und er gleich nervig waren, hatte er offensichtlich keine Vorstellung davon, wozu Caleb im Stande war.
      "Ich weiß ja nicht, ob es dir auffällt, Sonnenschein, aber eigentlich rede ich kaum. Du textest mich hier ununterbrochen zu." Caleb schaffte es endlich, das Radio wieder mit Richards Handy zu verbinden und drehte sofort die Musik lauter, nur, um weitere Unterhaltung direkt im Keim zu ersticken. Er brauchte keinen weiteren Monolog, keine weiteren Anschuldigungen und keine weitere Erinnerung daran, wie unfassbar dämlich es gewesen war, je mit Richard ins Bett zu steigen. Alles war er brauchte war Ruhe und jemand, der ihn bewusstlos schlug, am besten so lange, dass er erst wieder wach wurde, wenn diese Mission zuende war und er Richard nie wieder sehen musste.
      Er wandte seinen Blick von seiner uncharmanten Reisebegleitung ab und sah stattdessen aus dem Fenster. Das hier war seine persönliche Hölle. Wahrscheinlich die Strafe für das schlechte Karma, das er bisher in seinem Leben gesammelt hatte. Irgendwo musste es eine höhere Macht geben, die gerade mit dem Finger auf ihn zeigte und lachte und er konnte nichts tun, außer zu hoffen, dass das hier alles schnell vorbei und sein Karma-Konto danach wieder ausgeglichen sein würde. Wenigstens war Richards Musikgeschmack nicht der schlechteste. Auch, wenn Caleb eher sterben würde, als ihm das zu sagen. Vielleicht hatte er ja Glück und Richard würde sie in einem Anflug seiner grenzenlosen Kompetenz gegen einen Baum lenken, oder so.
      Er warf einen kurzen Blick auf sein Handy, um sich selbst irgendwie auf andere Gedanken zu bringen. Er hatte eine kurze Nachricht von Ezra und mehrere relativ lange Nachrichten von Niamh. Wenigstens konnte er bei darauf zählen, dass seine Schwester sich nicht von dem allgemeinen Valentinstags-Quatsch einfangen ließ. Sie erwähnte ihren Mann nicht mal. Jede einzelne Nachricht war entweder arbeitsbezogen, Kritik an der Nachbarin, die sie nicht leiden konnte, oder eine Beschwerde darüber, warum er ihre Nachrichten ignorierte. Wenigstens würde er so die nächsten Stunden rumbekommen.
    • Richard

      Leider überlebten sie die Autofahrt. Was Richard nicht erwartet hatte, war allerdings, dass sie bei einer Art Wellness-Resort endeten. Er hatte keine Zeit gehabt, die Unterkunft zu checken, sondern war einfach mal drauf losgefahren, aber das war eine schöne Überraschung. Vielleicht konnte er sich hier ja einen zusätzlichen Urlaubstag einbauen und Caleb im Taxi nachhause fahren lassen. Er brauchte nach dieser Fahrt wirklich eine Auszeit. Ein kleiner Thermen- und Massageurlaub war gerade das richtige.
      Leider war dafür aber noch keine Zeit. Er stellte sein Auto auf dem Parkplatz ab und sie checkten ins Hotel ein, wo zwei separate Zimmer auf unterschiedlichen Stockwerken für sie reserviert wurden, weil das Resort über Valentinstag offenbar sehr beliebt war. Das war eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Aufmachung des Resorts war sehr gemütlich und winterlich, die Zimmer ebenfalls, nur hatte irgendjemand die grauenhafte Idee gehabt, überall kitschigen rosa-roten Schmuck aufzuhängen. Richard Bettwäsche war weiß mit roten Herzen darauf und der wirklich geschmackvolle Kamin in seinem Zimmer, war mit zig Kerzen und seltsamen 'LOVE' Schildern und Aufstellern verschandelt worden. Und was nicht unerwähnt bleiben konnte… waren die Milliarden Pärchen überall auf dem Gelände, in der Lobby, in den Gängen, im Speisesaal, die aneinander klebten und sich angrinsten wie Verrückte. Tja, das erwartete einen wohl, wenn man an einem Tag des Kommerzes ein Resort besuchte. Glück gehabt, dass man ihnen nicht unabsichtlich ein geteiltes Zimmer gebucht hatte. Dann hätte Richard vermutlich in seinem Auto geschlafen. Was- aus Zwangsgründen bereits passiert war und es war garnicht so unangenehm gewesen wie gedacht.
      Richard hatte einen kleinen, schwarzen Rucksack dabei und eine Winterjacke, als auch Schal, Handschuhe und Haube, als er Cal in der Lobby traf. Er wusste ja nicht, wie lange sie wirklich unterwegs sein würden, und es war immer gut, für jeden Notfall zu packen. Das waren aber auch ganz simple Regeln in beiden seiner Berufe. Er hatte zwar ein Erste Hilfe Set im Auto, im Rucksack nun aber ebenfalls eine Miniatur. Außerdem Taschenlampen, Regenjacken, einen Regenschirm, eine Rettungsdecke, Proteinriegel, Wasser… und so weiter. Jetzt musste er nur hoffen, dass Cal mindestens genau so viel für diese Mission tat und den Stein schnellstmöglich fand, damit sie nicht erfrierten, denn Richard hatte vor etwa zwanzig Minuten aus dem Fenster gesehen und sich ein paar Schneeflocken eingebildet. Wenn der Waldboden mit Schnee bedeckt war, hätten sie ein zusätzliches Problem. Da konnte man fast nur darauf hoffen, dass es eher anfing zu regnen. Auch wenn es dadurch nicht weniger kalt wurde.
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    • Caleb

      Nach der doch recht schweigsamen Fahrt war das Hotel ein sensorischer Albtraum, wobei sich Caleb weniger an der kitschigen Einrichtung störte - einem gut vermarktbaren Feiertag zu entkommen war in diesem kommerziellen Zeitalter sowieso unmöglich - und mehr an den anderen Gästen. Es war voll und die verschiedenen Steine, die in diversen Taschen und Schmuckstücken um sie herum steckten, bereiteten Caleb Kopfschmerzen. Er war froh, als er die Tür seines Zimmers hinter sich ins Schloss werfen konnte und der Effekt der Steine um ihn herum ein wenig abflachte. Es wäre bestimmt ein nettes Hotel, wenn nicht so viele Leute da wären und es von jemandem eingerichtet worden wäre, der tatsächlich ein kleines bisschen Stilempfinden hatte.
      Caleb zog seine Zigarettenschachtel aus seiner Tasche und lehnte sich an das geöffnete Fenster. Sein Zimmer war…okay. Etwas klein und definitiv mit zu vielen Herzchen dekoriert, aber wenigstens weit genug weg von Richards Zimmer. Dafür würde er auch mit der zartrosa Gesamtaura um ihn herum klarkommen. Caleb stieß das letzte bisschen Rauch aus, drückte die Zigarette in einen herzförmigen Aschenbecher und drehte ein kleines Engelchen zur Seite, das man als Deko auf der Fensterbank platziert hatte. Er wusste nicht, ob er langsam durchdrehte, aber irgendwie war die Deko so furchtbar, dass sie fast wieder gut war.
      Die Zigarettenschachtel wanderte zurück in seine Jackentasche, genauso wie sein Handy, Portmonee und - aus reiner Gewohnheit - seine Haustürschlüssel. Sonst gab es nicht viel, was er in seine zusätzliche Tasche einsteckte. Eine Karte, die ihn die halbe Nacht gekostet hatte und die hoffentlich dabei helfen würde, die ganze Sache möglichst schnell über die Bühne zu bringen, eine Flasche Wasser, eine Powerbank für sein Handy. Er schob seine blonden Haare unter eine Mütze und machte sich zurück auf den Weg ins Foyer.

      Zum Glück wollte Richard die ganze Sache offenbar genauso schnell hinter sich bringen, wie Caleb. Zumindest tauchte er im Foyer auf, bevor der Blonde sich ernsthafte Gedanken darüber machen konnte, sich einfach aus dem Fenster zu stürzen, um den ganzen Eindrücken zu entgehen, die rege auf ihn einprasselten. Mindestens zwei Steine um ihn herum fühlten sich nicht jugendfrei an und er zwang sich dazu, die Besitzer nicht anzusehen. Man musste ja nicht alles wissen.
      “Ich hab heute morgen schon etwas vorgearbeitet", erklärte Caleb, als Richard neben ihm zum Stehen kam. Er sparte sich den Smalltalk und entschied sich stattdessen für eine neutrale Professionalität. Sie hatten gleich noch genug Zeit, sich gegenseitig anzufauchen, da musste er seine Energie nicht schon verschwenden, wenn sie noch nicht losgegangen waren.
      Er schob eine Vase voller Rosen auf einem der kleinen Beistelltische in der Lobby zur Seite und faltete die kleine Karte auseinander. Sie zeigte den Wald, durchzogen von präzisen Kreisen und Linien. "Wir haben ja schon festgestellt, dass deine Organisation nicht sonderlich gut darin ist, mir irgendetwas hilfreiches zukommen zu lassen-" Er schenkte Richard ein kurzes Lächeln, das mehr als deutlich machen sollte, dass der Held absolut mit eingeschlossen war "-also musste ich ein wenig kreativ werden. Bei der Größe des Steins müsste ich ihn auf mehr oder weniger 50 Meter genau orten können. Mit dem Radius im Hinterkopf wäre das also die ideale Route, um alles einmal abzudecken." Er tippte auf einen roten Weg, der sich relativ einfach und regelmäßig über das Blatt zog. Caleb musste nichts weiteres tun, als zu hoffen, dass seine nächtlichen Rechenkünste ihn nicht im Stich ließen und er die Bedingungen ungefähr richtig kalkuliert hatte. Es gab gefühlt unendlich Faktoren, die beeinflussten, wie gut er einen Stein fühlen konnte - die Größe des Steins, seine Fähigkeiten, die Umgebung und er könnte schwören, dass es teilweise sogar wetterabhängig war.
      "Also. Bereit, das ganze hinter uns zu bringen?"
    • Richard

      Richard konnte nicht anders als ein bisschen zufrieden und beeindruckt zu sein, dass Caleb das hier ernst nahm und ihm bis morgen nicht einfach nur auf die Nerven gehen wollte. Je schneller sie das hier hinter sich brachten, desto eher konnte Richard in den Indoor Pool springen und eine Massage genießen. Außerdem hatte er schon einen ausgiebigen Blick auf sie Menükarte geworfen. Jetzt musste er nurnoch Cal im Auge behalten, damit er den Stein nicht mitgehen ließ. Sobald sie ihn hatten würde Richard ihn konfiszieren.
      „Ja. Gehen wir los“, sagte Richard und hob den Blick von der Karte, jeden sarkastischen Spruch Calebs ignorierend, weil er seine Energie ein wenig sparen musste.
      Sie liefen zurück zum Auto, Richard ließ seinen Rucksack auf den Rücksitz fallen und zog sich Handschuhe und Haube wieder aus, als er vorm Lenkrad saß. Es war wirklich unnatürlich kalt heute, aber die Heizung tat ja zum Glück ihren Job. Er fuhr sie etwa fünfzehn Minuten in Richtung des Waldes, der zum Teil uu einem Kurpark zu gehören schien, aber sie würden sich leider nicht an dir vorgegeben Waldwege halten können. Dort, wo Cals Route begann, stellte Richard sein Auto am Waldrand ab. Dann stieg er wieder aus und schnappte sich seine Sachen.
      „Du gehst voraus, ich laufe dir nach“, kündigte er an, auch wenn es ihm physisch schmerzte, nicht wieder irgendetwas nachzuwerfen, wie: ‚Wenn du irgendeinen Schwachsinn versuchst, nehm ich dich auseinander‘. Aber der Punkt hatte mittlerweile vermutlich schon klargemacht, darum hielt er sich zurück. Jetzt zu streiten brachte sie nicht weiter. Es war Mittag und die Sonne ging immernoch etwa um fünf Uhr unter, das hieß sie hatten drei bis vier Stunden Zeit, um den kompletten Wald einmal zu durchrunden und den Stein direkt beim ersten Mal zu finden. Wenn sie ihn verpassten, konnten sie direkt mit der doppelten Zeit rechnen also hieß es jetzt Beten, dass Caleb wirklich so gut darin war, Steine aufzuspüren, wie er tat. Ansonsten verbrachten sie hier mehr als nur einen Nachmittag… Diese Mission wäre ja von Anfang als deutlich zeitaufwendiger ausgeschrieben gewesen.
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    • Caleb

      Zum Glück schienen sie beide nicht auf eine Konfrontation aus zu sein. Schweigen hatte sich noch nie so schön angefühlt. Schöner wäre es nur, wenn er vollkommen alleine wäre, aber das würde wohl ein Wunschtraum bleiben.
      Caleb schlug den Kragen seiner Jacke hoch, als sie ausstiegen und warf einen letzten Blick auf die Karte. Es dürfte nicht allzu schwer werden. Eigentlich mussten sie nur geradeaus durch den Wald, dann drehen und im richtigen Abstand zum vorherigen Weg wieder zurück und das so oft, bis sie was gefunden hatten. Mit ein paar gelegentlichen Blicken auf die Ortung auf dem Handy würde das ein Kinderspiel werden. Caleb hatte sich sogar die Mühe gemacht zu schauen, wo der Stein am wahrscheinlichsten verloren gegangen war, damit sie dort gezielt ansetzen könnten - was mit seinen begrenzten Informationen furchtbar schwierig gewesen war. Am Ende hatte er schlicht geschaut, ob es irgendwelche Nachrichten über Auseinandersetzungen im Wald gegeben hatte. Würde schon schiefgehen. Wenigstens mussten sie nicht die Spazierwege nehmen, die mittlerweile wahrscheinlich von verliebten Pärchen überrannt waren. Es war ruhig, Caleb spürte nur die wenigen Steine, die Richard und er dabei hatten und mit jedem Schritt tiefer hinein ins Unterholz hatte er das Gefühl, ein bisschen freier atmen zu können.
      Er schob seine Hände in seine Taschen, während er versuchte, seine Umgebung so bewusst wahr zu nehmen, wie es ging, um jede noch so kleine Spur von einem Stein zu spüren. Was eigentlich vollkommen gegen seine normalen Prinzipien ging, aber er wollte Richard wirklich gerne loswerden, zurück zum Hotel, zu seinem Tablet, seiner Ruhe und der Hotelbar in greifbarer Nähe. Er brauchte einen Drink. Irgendwas, was stark genug war, um ihn den One Night Stand vergessen zu lassen.
      “Was macht eure tolle Organisation eigentlich, wenn ihr nicht gerade Ostern vorzieht und Steine im Wald suchen geht?”, brach Caleb die Stille. Er wusste selbst nicht ganz, warum. Vielleicht hatte er eine unentdeckte, masochistische Ader, oder er brauchte einfach nochmal eine Bestätigung, dass Richard tatsächlich ein unaushaltbares Arschloch war. Er warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. Er konnte sich bei der Verschwiegenheit zumindest nicht vorstellen, dass es hier nur darum ging, irgendwelche Steine wiederzufinden.
    • Richard

      Ab in den Wald. Gut, zumindest war das Planen ihres kleinen Ausflugs sehr unkompliziert gelaufen, jetzt mussten sie einander nur einige Stunden stillschweigend aushalten. Außer natürlich Cal entschied sich wieder für verbale Gewalt. Klar.
      Richard stieß ein kleines belustigtes Lachen aus. „Ich kann dir nicht mehr sagen, als du weißt. Gott, ich krieg selbst nichtmal alle Informationen wegen dem dämlichen Datenschutz. Find dich damit ab“, antwortete er und versuchte die Aggressivität in seiner Stimme etwas runterzuschrauben, weil er genau wusste, dass sie sich gegenseitig so lange provozieren würden, bis sie explodierten. Das war gerade ungünstig.
      Richard warf Caleb einen kurzen Seitenblick zu, während er die dünnen Äste unter sich niedertrampelte, die sie unbedingt zu Fall bringen wollten. „Ich kann‘s nicht glauben, dass Ezra die Verschwiegenheitserklärung nicht an Tag Eins gebrochen hat. Hat er dir echt garnichts erzählt? Und du hast trotzdem zugesagt?“ War deren Verhältnis so gut, dass sie ohne etwas zu hinterfragen in einen Wald laufen würden um stundenlang irgendwas zu suchen, mit dem sie nichts am Hut hatten? Naja, machte irgendwie Sinn. Dumm und dumm schienen sich anzuziehen. Richard musste sich anstrengend, sein Gesicht nicht jedes Mal angeekelt zu verziehen, wenn er daran dachte, dass die beiden verwandt waren. Mit dem One Night Stand konnte er noch eher leben, wenn Cal ihn nur ausrauben wollte, aber dass er dieselben Gene hatte wie Ezra? Urgh.
      „Alles, was ich dir sagen kann, ist, dass es nicht allzu schwer für dich sein sollte den Stein zu spüren, weil er nicht gerade winzig ist“, gab er kurz nach. „Und das ist genau der Grund, warum er nicht in irgendeinem Busch liegen darf. Naja, und, dass der Bestand immer kleiner wird, wenn wir diesen Vollpfosten nicht hinterherräumen, die die Steine in erster Linie verlieren. Was so schwer daran ist, diesen kleinen Gegenstand einfach bei sich zu behalten, werde ich nie verstehen. Aber die Idioten verlieren wahrscheinlich auch täglich ihre Hausschlüssel“ Richard wartete nur darauf, dass Ezra mal irgendetwas verlor und er das gegen ihn benutzen konnte. Vielleicht konnte wenigstens er aufhören bei MLO zu arbeiten. Dass Andrew seinen Job über Perfekt hinaus erledigte, war klar. Da nach Fehlern zu suchen war Zeitverschwendung.
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    • Caleb

      "Einzelkind, mhm?" Caleb warf Richard einen kurzen, kritischen Seitenblick zu. Für ihn war es vollkommen selbstverständlich, dass man seinen Geschwistern aushalf, egal, wie lange man nicht mehr miteinander geredet hatte, oder ob man aktuell nicht gut aufeinander zu sprechen war. Ihm war von kleinauf von seinen Eltern eingeschärft worden, dass er auf seine Geschwister aufpassen musste und diese Einstellung hatte ihn sein Leben lang begleitet. Außerdem erhoffte er sich immer noch einen kleinen Boost fürs Selbstbewusstsein, wenn er den Stein fand, auch wenn die Umstände anders waren, als gedacht. Und Ezra hatte ihm ein wenig Gossip versprochen.
      "Ezra ist bei weitem nicht so schlecht, wie du denkst", fuhr er fort. Eigentlich hatte er nicht vor, über seine Geschwister zu diskutieren, aber er konnte den kleinen Beschützerinstinkt nicht ignorieren. "Er ist ein helles Köpfchen, wenn es darauf ankommt." Chaotisch und etwas unkoordiniert, aber das konnte man wundervoll ausgleichen. Ezra und Niamh waren immer schon die Vorzeigekinder der Familie gewesen. Caleb selbst hatte es nie weiter gebracht, als zum menschlichen Sicherheitsdetektor und Molly war stets zu verträumt gewesen. Seine Eltern hatten keinen Hehl um ihre Favoriten gemacht. Es hatte...länger gedauert, als er zugeben wollte, bis Caleb gelernt hatte, dass seine Geschwister nichts für die ungleiche Behandlung konnten.
      "Wenn das Steine-verlieren so ein großes Problem bei euch ist, solltet ihr vielleicht mal über einen Personalwechsel nachdenken." Caleb duckte sich unter einem Ast durch, bemüht, sich bei den ganzen Sticheleien auf eventuelle Steine um sie herum zu konzentrieren. Die Unterhaltung war nicht gerade schön, das Wetter sah nicht sonderlich gut aus und er wollte das alles so schnell hinter sich bringen, wie es ging. Je eher er Richard einfach wieder als mittelmäßigen One Night Stand im Kopf haben könnte, desto besser. Er schob seine Hände in seine Jackentaschen und zwang sich, nicht zu sehr über seine Begleitung nachzudenken. Wie konnte eine furchtbare Bekanntschaft so schnell so viel schlimmer werden?
      "Ich glaube, da drüben ist was", merkte er mit einem Kopfnicken in besagte Richtung an. Er war sich nicht komplett sicher - das Gefühl war schwach und er wusste nicht, ob er es sich einbildete - aber er wollte nichts unversucht lassen, um das alles hier zu beenden.
    • Richard

      Ein helles Köpfchen… Ja, vielleicht wenn er sich eine Glühbirne in die Nase geschoben hatte. Idiot. Richard rollte mit den Augen. "Okay, klar. Ich glaube das, wenn ich es sehe", murmelte er in den Kragen seiner Jacke, um seine Nase zu wärmen. Bisher war Ezra ihm nur ein Klotz am Bein gewesen, in jeder Art und Weise. Richard atmete eine Weile in seine Kleidung hinein und versuchte sowohl die stechende Kälte als auch Caleb auszublenden. Keine Sekunde später traf ihn etwas auf dem Kopf und er sah irritiert hoch. Regen? War das ein Tropfen oder hatte Caleb ihn eben mal angespuckt, weil ihm langweilig wurde?
      Zum Glück schien dieser langsam eine Spur zu entdecken und ihr Suchfeld weiter einzuschränken. Das hieß zwar, dass sie jetzt noch weiter Wald-einwärts ins Unterholz laufen mussten, aber so sollte sich der Nieselregen auch etwas besser aushalten lassen. Ja… wenn er Nieselregen bleiben würde. Viel eher hatte Richard schon nach zwei Schritten die böse Vorahnung, dass der Regen nicht weniger, sondern mehr wurde, und es gleich wie aus Eimern schütten würde. Darum blieb er stehen.
      "Warte", wies Richard Cal an und nahm sich den Rucksack von der Schulter. Er zog an dem Zip und kramte einen Regenschirm heraus, den er gleich aufspannte. Dann sah er den Blonden kurz zögernd an. "Ich hab nur einen. Hast du einen Schirm mit? Oder eine Regenjacke?" Im Hotel hätten sie bestimmt etwas verkauft, oder? Wenn Caleb nicht ans Wetter gedacht hatte, war er selbst schuld. Wieso hatte Richard dann irgendwie das Verlangen, eine Lösung für ihn zu finden, damit er nicht klatschnass und krank wurde? Sie hatten schließlich die ganze Strecke auch wieder zurückzulaufen.
      Es blieb jedenfalls nicht viel Zeit, um darüber weiter nachzudenken, da die Vermutung richtig gewesen war. Es schüttete nach ein paar Sekunden. Was… auch nicht unbedingt besser war, als Schnee, weil der Boden zwar nicht bedeckt aber dafür aufgeweicht und matschig sein würde.
      Kurzerhand hielt Richard den Schirm einfach über Cal, sobald er nah genug an ihm stand, und schob ihn neben sich her. "Da lang?", fragte er, obwohl er genau wusste, in welche Richtung Caleb eben gezeigt hatte. Mann, wenn der Typ einfach für sich selbst denken würde, dann müsste Richard das nicht tun.
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    • Caleb

      Super. Natürlich fing es jetzt noch an zu regnen. Als ob Richard nicht schon belastend genug für seine Psyche wäre.
      Caleb hatte natürlich nicht an einen Regenschirm gedacht. Alles, was ihm blieb war die Kapuze an seiner Winterjacke, die nur wenig gegen den Regen hefen würde, der ihm direkt ins Gesicht geblasen wurde. Was ihm irgendwie noch lieber war, als Richard unter dem Regenschirm noch näher zu kommen, aber er wollte sich nicht die Blöße geben, durch das eingeschränkte Sichtfeld irgendwo drüber zu stolpern. Wenn es nicht Richard an seiner Seite wäre, hätte der Moment fast etwas schönes an sich. Wie viele Pärchen machten gerade auf den Wanderwegen durch den Wald lachend und verliebt das selbe durch, wie sie? Ob eines von ihnen Partner tauschen wollen würde?
      Zum Glück gab es weitaus wichtigere Dinge, auf die er sich konzentrieren konnte. Die seltsame Spannung zwischen ihnen - und Richards unerwartet fürsorgliche Reaktion auf den Regen, die nicht so spurlos an Cal vorbei ging, wie er wollte - konnten warten. Der Blonde presste die Lippen aufeinander und nickte kurz, als Richard in die Richtung deutete, in die sie bis gerade unterwegs gewesen waren. Ein paar Schritte reichten, um seine Vermutung, was den Stein anging, zu bestätigen. Er spürte eindeutig was in dieser Richtung. Ein elektrisches Knistern. Entweder führte er sie zu einem Stein, oder geradewegs in einen Blitz hinein. Beides hatte seine Vorteile und er war sich nicht sicher, was ihm lieber wäre. Warum konnte Richard ihn auch nicht einfach durch den Regen laufen lassen? Warum konnte sein Kopf sich nicht auf das hier und jetzt konzentrieren und hing sich stattdessen immer wieder an der Person neben ihm auf?
      Am liebsten hätte Caleb vor Frustration aufgeschrien, oder Richard einfach direkt darum gebeten, wieder irgendwas blödes zu sagen, was seine Gedanken zurück in die richtige Richtung lenken würde. Stattdessen atmete er tief durch und konzentrierte sich auf den Stein und darauf, auf dem immer nasseren Boden nicht wegzurutschen. "Da drüben müsste- Oh."
      Caleb blieb wie angewurzelt stehen, als er sah, wohin er sie geführt hatte. Vor ihnen machte der Waldboden einen sanften Schlenker nach unten in eine Kuhle, in der ein Mann lag. Im ersten Augenblick sah der Mann aus, wie jemand, der gestolpert war und Hilfe brauchte - im zweiten Augenblick realisierte Cal, dass der Kopf in einem seltsamen Winkel abstand, ein Arm fehlte und der Waldboden um den Körper herum dunkel gefärbt war. Hilfe kam in diesem Falle wohl mehr als zu spät.
      "Oh", wiederholte er sanft, als er realisierte, dass sich ihr kleiner Ausflug in den Wald offenbar gerade auf unabsehbare Zeit verlängert hatte. Er biss sich auf die Unterlippe. Er hatte schon schlimmere Leichen gesehen, aber das bedeutete nicht, dass er sich daran gewöhnt hatte. Er konnte fühlen, wie sich eine leichte Übelkeit in ihm breitmachte.
      "Ich schätze, das ist dein Spezialgebiet", kommentierte er flach, während er sich etwas näher an einen der umstehenden Bäume stellte, um nicht nass zu werden, wenn Richard mit dem Regenschirm zur Leiche gehen würde. Er mochte Ezra und war gerne bereit, ihm einen Gefallen zu tun, aber das ging eindeutig über jeden Gefallen hinaus. Außerdem hatte er das ungute Gefühl, dass Richard irgendeinen Weg finden würde, ihm zu beschuldigen, wenn der Tatort gestört werden würde.
      "Der, ähm, Stein müsste in der linken Brusttasche sein", schob er hinterher.
    • Richard

      Es war seltsam. Richard konnte sich den ganzen Tag lang über nichts anderes lustig machen, als Calebs Zwergengröße. Und der Grund, weshalb er deshalb kein Stück schlechtes Gewissen hatte, war, dass Ezra ebenfalls so klein geraten war. Es lag also nicht daran, dass Caleb trans war, sondern dass er einfach furchtbare Gene hatte. Diese Winzigkeit hatte eigentlich absolut nichts Süßes an sich, sie unterstrich nur den gesamten Gremlin-Vibe, der die Brüder ummantelte. Aber… gerade hatte Richard einen ziemlich guten Ausblick über Cals Kopf hinweg und sein Gehirn hing an dem Gedanken fest, dass er garkeine Wahl hatte, als den Schirm selbst zu halten, weil er sonst am Boden kriechen musste. Und das war alles wirklich nichts besonderes. Aber Richard wurde ein kleines bisschen wärmer. Was bestimmt nur an der Körperwärme lag, weil sie gezwungen waren, so knapp nebeneinander zu gehen. Den Instinkt, einen Arm um Cal zu legen und ihn ein Stück zurückzuziehen, als sie auf einmal geradewegs auf eine Kuhle mit grausamen Anblick zusteuerten, konnte er sich dagegen nicht erklären. Richard ließ ihn recht schnell wieder los und stand dann einfach nur etwas entsetzt über Leiche. Sein Spezialgebiet? Leichen waren nicht unbedingt etwas, was er gerne sah. Üblicherweise bestand sein Job darin, dieses Endergebnis zu verhindern. Aber darüber waren sie gerade weit hinaus.
      Er sah über die Schulter, als Cal sich entfernte und an einen Baum stellte. Okay, er hatte auch nicht erwartet, dass er sich freiwillig melden würde, den Toten zu untersuchen. Außerdem konnte er keinen Passanten, auch wenn er gerade auf Zeit bei MLO angestellt war, an den Tatort heranlassen. Es führte eh kein Weg daran vorbei, mal kurz die Jacke zu durchsuchen. Trotzdem zog er zuerst sein Handy aus seiner Jackentasche und rief im Büro an. Der Anruf wurde nach nichtmal einem Klingeln angenommen und Richard sagte etwas Schnelles in Richtung "Leiche, Tatort, Verstärkung" und legte auf. Sie mussten schließlich darauf warten, dass jemand von der Forensik hierher kam und den Tatort absperrte, also verständigte er sie lieber gleich. Sie waren zwar recht tief im Wald, aber man konnte nicht riskieren, dass irgendwelche Fußgänger ins Loch stolperten und dem Mann da unten Gesellschaft leisteten, bis sie zusammen zu Kompost wurden.
      Richard ging ein wenig in die Knie und tastete sich an die Kuhle heran. Der Mann sah aus, als hätte er sich bei einem Fall das Genick gebrochen, und er wollte es ihm nicht gleichtun. Aber was hatte der Kerl bitte für schlechtes Karma? Er hatte den Stein bei sich, dafür hatte ihm aber ein wildes Tier den Arm abgebissen und bei seiner Flucht ist er wohl ins Loch gestürzt. Hm…
      Richard drehte den Kopf über die Schulter und sah Cal lang an, bevor er leicht grinste. "Das passiert, wenn man stiehlt", neckte er Caleb. Ja, vielleicht eine ungünstige Situation, aber er konnte einfach nicht anders.
      Er machte einen kleinen Sprung und fing sich glücklicherweise, ohne auszurutschen. Dann stieg er über die Leiche und tastete mit einer Hand die Brusttasche ab, bemüht nicht durch die Nase zu atmen. Der Regen schien den Verwesungsgeruch etwas abzudämpfen, aber Richard hing schließlich direkt über dem Opfer. Es war grenzwertig. Und seine Schuhe konnte er nachher auch gleich wegwerfen. Die Kombi aus Blut und Schlamm brauchte er in seinem Leben nicht.
      Richard stand auf, immernoch mit leeren Händen. Er warf Caleb einen genervten Blick zu. "Kannst du dich mal ein bisschen anstrengend? Links war der Stein nicht", beschwerte er sich, bevor er sich wieder bückte und die andere Tasche abklopfte. Aha. Na wenigstens war die allgemeine Theorie mit dem Diebstahl korrekt, der Stein war tatsächlich hier. Rechte Brusttasche. Caleb konnte den Stein also auf eine Brusttasche eingrenzen, vertat sich aber bei der Seite? Na klar.
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    • Caleb

      Die erste Leiche, bei der Caleb sich nicht den Kopf darüber zerbrechen musste, wie man sie loswerden würde, ohne Spuren zu hinterlassen und er schien trotzdem keine Ruhe zu bekommen - statt über die Logistik von moralisch fragwürdigen Entsorgungsaktionen nachzudenken, war sein Kopf gerade vollkommen damit überladen, irgendwie das gute Gefühl zu ignorieren, dass Richards Arm bei ihm hinterlassen hatte. Was wahrscheinlich kein Problem sein sollte, mit dem man sich zu sehr befasst, wenn man vor einer Leiche stand. Wann war sein Leben so vollkommen aus der Bahn geraten?
      Cal verschränkte die Arme vor der Brust und sah zu Richard hinab - nette Perspektive - der es sich offenbar nicht nehmen ließ, auch in dieser Situation nochmal auf den kleinen beinahe-Diebstahl an ihrem ersten Treffen hinzuweisen. "Werd ich mir merken, Mom", kommentierte Cal mit einem deutlichen Augenrollen. Dafür hatte es sich wirklich gelohnt, ihm die falsche Tasche zu nennen. Wenigstens konnte er mit den Sticheleien besser umgehen, als mit Regenschirmen und schützenden Berührungen. Er sollte sich in Richards Gegenwart nichtmal ansatzweise gut fühlen.
      "Upps. Anderes Links. Sorry", entschuldigte sich Cal in einem Tonfall der deutlich machte, dass er sich nicht weniger dafür interessieren konnte, dass Richard die Leiche unnötig lange durchsuchen musste. "Das war bestimmt der Schock." Er lächelte knapp. "Ich gehe davon aus, dass das nicht dein Kollege ist, der versehentlich zusammen mit dem Stein verlorengegangen ist?" Zumindest wirkte Richard nicht so, als ob er den Toten kennen würde. Was...wirklich blöd war. Zum einen bedeutete das, dass sie es hier mit einem komplett neuen Fall zu tun hätten, der sie unnötig aufhalten würde, zum anderen bedeutet es, dass der Stein in der Brusttasche nicht der Stein war, den sie suchen sollten und dieser noch irgendwo im Wald war. Also doch keine schnelle, leichte Mission mit kleinem Ego-Push. Wenn sie die Suche morgen fortsetzen müssten, würde Cal sich heute einfach aus dem Fenster seines Zimmers stürzen.
      "Sieht so aus, als würde er schon etwas länger hier liegen", kommentierte er, einfach um irgendwas zu sagen. Die Stille zwischen ihnen war deutlich angenehmer, wenn keine Leiche zwischen ihnen lag. Er schob eine nasse Strähne aus seinem Gesicht. Der Baum war leider nichtmal halb so gut wie ein Regenschirm mit etwas ungewollter Nähe. Worüber er nicht nachdenken wollte. "Hat er ein Portmonee mit Ausweis bei sich, oder so?"
    • Richard

      Anderes Links, mein Arsch… Mit dem Gedanken kletterte Richard grummelnd aus der matschigen Kuhle heraus und kam auf Caleb zu. Er stellte sich knapp neben ihn, um ihn mit dem Schirm zu schützen. „Wir müssen hier warten. Die Organisation hat vermutlich jemanden von der örtlichen Polizei verständigt, der mit der Lage vertraut ist, also wird es nicht zu lange dauern, aber…“ Er konnte kaum fassen, dass er das jetzt sagte. „Falls dir kalt ist, hab ich eine Wärmedecke“ Natürlich kümmerte Richard sich um die Bedürfnisse seiner Mitmenschen, wenn er sie nicht gerade sterben sehen wollte. Er war schließlich Held. Und selbst wenn er jemanden nicht leiden könnte, würde er sich um die Person kümmern. Cal mochte ihn vielleicht für ein Arschloch halten, und da war er nicht der einzige, aber er war kein Krimineller und auch kein Psychopath, sonst befand er sich im falschen Beruf.
      Dieses Pflichtgefühl war allerdings sehr spezifisch und gerade das machte ihn nun stutzig, denn er hatte nicht das Gefühl, dass Caleb ein hilfloser Passant war, der Unterstützung brauchte. Er wollte ihm einfach irgendwie helfen. Genau wie er ihn im Schneesturm nicht nach draußen gehen lassen wollte und ihm sogar nach dem versuchten Diebstahl erlaubt hatte, in seiner Wohnung zu bleiben. Es war bescheuert. Aber anscheinend hatte Caleb genau dieses Level an winzig und dumm und nervtötend erreicht, das in Richard eine Art… urgh… Beschützerinstinkt… auslöste. Worüber er vermutlich niemals hinweg kommen würde. Es war grauenvoll. Er wollte Caleb zurück ins Hotel tragen, ihm die Haare trocknen und eine Suppe kochen. Das war doch abartig. Vielleicht war er selbst hier derjenige, der Hilfe brauchte. Psychiatrische.
      Zudem wurde die Spannung zwischen ihnen, die Richard sich hoffentlich einbildete, langsam so unangenehm, dass er gewillt war, Smalltalk zu führen. Er musste sich wirklich zwingen, nicht den Mund aufzumachen. Vielleicht auch, weil er Angst hatte, dass am Ende doch noch eine sinnvolle Konversation zwischen ihnen zustande kam, wie vor der Bar damals.
      Was er gerade dringend brauchte, war, mit dem Mann in der Kuhle den Platz zu tauschen.
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    • Caleb

      Was war jetzt los? Hatte er was verpasst? Caleb warf Richard einen Blick zu, als hätte selbiger soeben chinesisch mit ihm gesprochen, als der Held sich offenbar tatsächlich Sorgen um ihn zu machen schien. Das einzige, was ihn davon abhielt, sich selbst zu kneifen um zu prüfen, ob er nicht doch in die Kuhle gefallen war und das alles hier ohnmächtig vor sich hin träumte, war der Fakt, dass Richard selbst nicht sonderlich begeistert darüber aussah, dass er sich Sorgen machte.
      "Nein danke", antwortete er, ein wenig irritierter, als er wollte. Es war kalt und nass, aber die Winterjacke tat ihren Dienst. Er fühlte sich insgesamt nicht sonderlich wohl, aber Kälte hatte damit nicht viel zu tun. "Sicher, dass ich mit dir warten soll? Meine Familie steht für gewöhnlich auf der anderen Seite von diesen Fällen. Es könnte eventuell ein wenig seltsam werden, wenn du erklären musst, warum wir hier sind." Und er musste sie in Dublin schon oft genug auf diversen Dezernaten aus sämtlichen illegalen Machenschaften rausquatschen, um jetzt in England auch noch damit anzufangen. Auch, wenn es hier deutlich einfacher sein dürfte, immerhin kannte er den Toten tatsächlich nicht. Trotzdem hatte er sich den Tag anders vorgestellt, auch wenn er mit Desaster hätte rechnen sollen, als er Richard gesehen hatte. Richard, der zum zweiten Mal den Regenschirm über ihn hielt und es damit ein wenig schwerer machte, ihn zu hassen, so gerne er dies auch tun würde. Es half nicht, dass er genau wusste, wie es war, eine Nacht mit Richard zu verbringen.
      Caleb schob den letzten Gedanken beiseite und konzentrierte sich stattdessen auf den Toten vor ihnen. Es gab nichts, was irgendwelche fragwürdigen Gefühle schneller beseitigte, als fahle Haut und glasige Augen. Der Tote schien nicht sonderlich alt zu sein. Was genau er mitten im Wald wollte, war Caleb schleierhaft. Vielleicht hatte er sich hier mit jemandem treffen wollen, dem er den Stein unter der Hand verkaufen könnte, fernab von Zeugen. Für die Größe des Steins hätte er sicherlich eine beachtliche Summe bekommen. Cal konnte immer noch das elektrische Prickeln auf seiner Haut fühlen, das jetzt unvorteilhafterweise aus Richards Richtung kam. Er merkte viel zu spät, dass er viel zu nah an den Helden herangerutscht war. Er schob es auf den Regenschirm und realisierte, dass er dringend einen Aschenbecher und Alkohol benötigte.
    • Richard

      Richard rollte genervt mit den Augen. Warum bemühte er sich überhaupt um Cal? Sogar sein ‚Danke‘ klang wie Schlag ins Gesicht.
      „Sicher, dass du mir davon erzählen solltest?“, fragte er im Gegenzug und sah Caleb mit hochgezogenen Brauen an. Dass seine Familie nicht ganz koscher war, wusste Richard längst, aber Caleb mangelte es wohl ein bisschen an Überlebensinstinkt, wenn er das einem Helden immer wieder ins Gesicht sagte. Vielleicht sollte Richard auch mal aufhören darüber hinwegzusehen… Bestimmt könnte er tonnenweise Dreck aus Calebs Vergangenheit ausgraben und ihn ins Gefängnis stecken.
      Er blinzelte auf den Blonden hinab. Lange würde er im Gefängnis vermutlich nicht durchhalten. So klein wie er war. Und er war vielleicht zickig, aber sonderlich gefährlich wirkte er ja nicht. Richard wandte sich wieder von ihm ab und landete mit dem Blick auf der Leiche vor ihnen. Was für ein schöner Valentinstag.

      Nach einigen Schweigeminuten, in denen Richard Calebs Frage vollkommen ignoriert hatte, wurden sie endlich von ein paar örtlichen Polizisten und einer hübschen Forensikerin begrüßt. Die junge Dame zögerte nicht lange, bevor sie sich ans Untersuchen der Leiche machte, was ein seltsames Bild abgab.
      „Also dann. Wir machen uns auf den Rückweg“, verabschiedete Richard sich nach einem kurzen sachlichen Gespräch von einem der Detectives. Glücklicherweise hatte MLO überall Kontakte, die ihnen das Leben deutlich erleichterten. Seine eigenen Kollegen würden in ein paar Stunden hier aufkreuzen und die Situation nutzen, um weitere Informationen über den letzten Fall zu suchen, der zum Verlust dieses Steins geführt hatte. Irgendwie musste der Tote in der Kuhle damit ja zu tun gehabt haben. Nachdem sie den Stein aber wiederhatten und Richard dem Fall nicht zugeteilt gewesen war, war seine Arbeit hiermit getan. Jetzt brauchte er erstmal ein langes Bad, um sich aufzuwärmen und die Leiche zu vergessen.

      Es regnete immernoch so stark am Rückweg, das der Regenschirm mehr oder weniger nutzlos wurde. In Kombination mit dem Wind kam der Regen beinahe schon von unten. Richards Jeans waren komplett durchweicht und für die letzten 100 Meter klappte er den Schirm wieder ein, da es völlig sinnlos war, gegen diesen Sturm länger anzukämpfen. Er gab auf. Sie waren sowieso schon nass.
      Trotzdessen lief Richard weiterhin so knapp an Calebs Seite. Irgendwie automatisch. Vermutlich, weil ihm arschkalt war. Im Kopf hatte er gerade nur die Sitzheizung in seinem Auto und die Sauna im Hotel. Vielleicht kam Caleb ja mit. Er sollte sich auch gut aufwärmen, damit er nicht krank wurde…
      … Moment. Was ging das Richard an? Urgh, warum strahlte Caleb auch so viel Hilflosigkeit aus?!
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    • Caleb

      “Es ist nichts, was du nicht googeln könntest. Bisher sind wir immer für unschuldig befunden worden.” Caleb zuckte kurz mit den Schultern, was eine furchtbar schlechte Idee gewesen war - er konnte fühlen, wie sich das Wasser seinen Weg an seinen Kragen vorbei in seine Kleidung suchte. Aber offensichtlich schien Richard sich an seinem Ruf nicht zu stören, oder an der Tatsache, dass Cal ihn durchaus mit sich nach unten reißen könnte. Ihm persönlich war das vollkommen egal. Selbst Schuld.
      Es war fast schon traurig, dass die Untersuchung im Anbetracht des restlichen Tages überraschend langweilig war. Sie verabschiedeten sich relativ schnell, es gab keine weiteren Fragen, oder Vermutungen, nur ein durchnässtes Team, das offenbar schnell nach Hause wollte. Cal ging es nicht anders. Im Nachhinein ärgerte er sich darüber, dass sie nicht mit getrennten Autos gefahren waren - Fahrtweg hin oder her, Cal hatte momentan das dringende Verlangen, einfach nach Hause zu fahren, sich unter der Bettdecke zu verkriechen und die Welt um sich herum auszublenden, bis er wieder genug Energie gesammelt hatte, um das einigermaßen professionelle Bild aufrecht zu erhalten, das er sich so hart erarbeitet hatte. Der Gedanke, noch länger mit Richard zusammen zu sein, der seinen Kopf so furchtbar durcheinander brachte, war unschön. Trotzdem konnte er sich nicht dazu bringen, den viel zu geringen Abstand zwischen ihnen irgendwie zu vergrößern.

      Sie waren klatschnass, als sie das Auto erreichten. Caleb war noch nie so froh über eine Sitzheizung gewesen. So tief unten, wie seine Gefühlslage gerade war, würde er wahrscheinlich vor Freude anfangen zu weinen, wenn er gleich unter der warmen Dusche stand. Und dann war der Tag praktisch fast rum. Vielleicht konnte er sich noch in etwas Arbeit vergraben und den restlichen Tag so verkürzen. Er spielte gedankenverloren mit seinen nassen Haarsträhnen, während das Hotel vor ihnen in Sicht kam.
      Die Lobby war etwas leerer, als heute morgen. Wahrscheinlich hatten die meisten Pärchen irgendwas zu tun gefunden, oder waren bei dem Regen schlicht auf ihren Zimmern geblieben. Nur eine kleine nasse Spur auf dem Boden zeugte davon, dass Richard und Caleb nicht die einzigen waren, die sich vor dem Regen zurück ins Hotel gerettet hatten.
      Die junge Frau am Check-In warf ihnen einen mitleidsvollen Blick zu, als sie sie mit einem kleinen “Hallo” grüßte, das Caleb mit einem Nicken erwiderte.
      “Tja. Das lief nicht ganz, wie geplant”, stellte Cal nüchtern fest, als er neben Richard stehen blieb. “Ich schätze, wir sehen uns dann morgen zur Abfahrt.” Abstand. Abstand war gut. Er wollte nicht, dass das alles komplizierter wurde, als es werden musste. Trotzdem stoppte er nach dem ersten Schritt zurück in die Richtung seines Zimmers, um Richard einen kurzen Blick zuzuwerfen. “Oh. Und, ähm, danke für den Regenschirm. Und das Angebot mit der Decke, schätze ich..” Nicht sonderlich tiefgründig, aber er meinte es ernst. Er hoffte nur, dass Richards fürsorgliche Phase damit ihr Ende erreicht hatte, bevor er noch auf blöde Ideen kam.
    • Richard

      "Wir haben den Stein, mehr war für die Mission nicht wichtig", antwortete Richard. Klar, die Leiche war ungünstig gewesen und der Regen ebenfalls nicht ideal. Ihre erzwungene Partnerschaft auch nicht, aber sie hatten den Stein. Das war alles, was zählte. Und damit konnte Richard sich jetzt guten Gewissens entspannen und von dem Kälteschock erholen. Da es erst später Nachmittag war, war jetzt ein kurzer Wellness Urlaub angesagt. Wer auch immer ihr Hotel gebucht hatte, verdiente eine Gehaltserhöhung.
      Cals kleiner Stopp, um sich zu bedanken, überraschte Richard irgendwie. Vielleicht hatte er seinen Tonfall vorhin auch nur falsch interpretiert? Nein, vermutlich nicht. Caleb sah auch jetzt gerade aus, als würde es ihm furchtbar schwer fallen, Dankbarkeit zu zeigen. Er war definitiv jemand, der nicht wusste, wie Entschuldigungen funktionierten. Aber da sollte Richard vielleicht nicht zu laut reden.
      Er lächelte leicht, wenn auch noch etwas verwirrt, weil dieser Tag in eine seltsame Richtung lief. "Klar", sagte er. Und dann… "Sieh zu, dass du nicht krank wirst"
      Dann lief er in die andere Richtung. Er hatte schon die ganze Autofahrt über geplant, in welcher Reihenfolge er diesen Nachmittag genießen wollte. Zuerst kaufte er sich im Shop neben dem Wellnessbereich eine Badehose, dann duschte er auf seinem Zimmer, zog sich den Hotel-Bademantel an und lief zur Sauna. Er hatte zwar noch nie ein Problem damit, sich nackt in der Sauna aufzuhalten, aber gerade war ihm viel zu bewusst, dass Caleb sich im selben Gebäude befand und ihn ja vielleicht irgendetwas überkommen würde, das ihn auch zur Sauna gehen ließ. Also ließ er die Badehose an, zu seinem Vergnügen war er aber tatsächlich alleine. Was wohl irgendwie Sinn machte. Bestimmt waren heute fast nur Pärchen hier, die sich nicht in Geschlechter-getrennte Saunen setzen würden. Wenn er nachher zum Pool ging, würde er dort vermutlich überrannt werden.
      Richard hing seinen Mantel auf und setzte sich auf eine der Holzbänke, dann seufzte er tief. Nach einigen Sekunden hatte er schon das Gefühl, locker einschlafen zu können. Bis ihn plötzlich im Halbschlaf heimtückisch eine Erinnerung an seinen One Night Stand packte und er die Augen wieder aufriss. Er hatte das alles schon fast vergessen, bis er Cal heute wiedergesehen hatte.
      Etwas schlechter gelaunt schloss er die Augen wieder. Wie lange würde es diesmal dauern, bis er die Bilder verdrängt hatte?
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    • Caleb

      Die Dusche war verdammt traumhaft. Caleb drehte die Wassertemperatur so hoch, dass ein deutlicher Nebel zurückblieb, als er das Wasser abstellte und die Duschtüre öffnete. Das einzige, was ihn jetzt noch störte, war die verhältnismäßig kühle Luft in seinem Zimmer. Er drehte die Heizung auf und föhnte seine Haare deutlich länger als nötig, aber es half nicht sonderlich. Er hatte das Gefühl, dass der Regen dermaßen tief in seine Knochen hineingesunken war, dass er die Kälte nie mehr abschütteln könnte. Was nicht mal das Schlimmste an diesem Tag war.
      Mit einem Seufzen setzte er sich auf sein Bett und zückte sein Tablet in der Hoffnung, sich irgendwie anderweitig ablenken zu können. Leider bestanden seine Mails größtenteils aus Spam, Werbung und Zahlen, für die er gerade wirklich keinen Kopf hatte. Er versuchte, sich in den Monatsbericht einer der kleinen offiziellen Stein-Läden reinzudenken, die sie als Front - und komfortable Geldwäschestation - nutzen und musste aufgeben, als ein weiterer Kälteschauer ihn durchschüttelte. Er flexte seine kalten Finger, während er krampfhaft nach irgendeiner Lösung umsah und nichts fand, außer dem Spa Angebot des Hotels. Sauna klang wunderbar. Leider klang es nur auch nach mehr nackter Haut, als er sich selbst in der Öffentlichkeit zutraute. Er konnte die Blicke praktisch besser spüren, als Steine. Und trotzdem hatte er keine bessere Lösung parat.

      Wenn seine Famiie ihn nicht irgendwann ins Grab bringen würde, dann wahrscheinlich der zusätzliche Stress, den er sich selbst machte und der generelle Hass, den das Universum für ihn zu hegen schien.
      Er fühlte sich trotz Shorts seltsam nackt, schaffte es aber, die zugehörige Nervosität mit dem Fakt zu beschwichtigen, dass auf dem Weg zur Sauna nicht viel los war und alle wahrscheinlich deutlich romantischere Aktionen geplant hatten. Was er sich nicht schönreden konnte war die Tatsache, dass Richard wohl die selbe Idee gehabt hatte, wie er.
      Cal seufzte genervt, als die Tür hinter ihn ins Schloss fiel. “Gibt es irgendeinen guten Tipp, wie ich dich langfristig loswerde?” Er warf Richard einen kurzen Blick zu, während er überlegte, einfach wieder zu gehen, was ihm nur widerstrebte, weil er sich die letzten Minuten so erfolgreich davon überzeugt hatte, dass es keine Alternative zur Sauna gab.
      Er gab sich einen Ruck und setzte sich neben Richard, aus dem einfachen Grund, dass er ihn so nicht direkt ansehen musste. Zum Glück hatte er sich ebenfalls für eine Hose entschieden, aber das half auch nicht viel. Die nackte Haut und durchtrainierte Figur hatte Cal in den letzten Wochen immer wieder in seinen Träumen heimgesucht - und manchmal hatte er sich der Vorstellung vielleicht ein bisschen zu sehr hingegeben, aber da war er noch davon ausgegangen, dass er Richard nie wieder sehen würde. Zwischen Phantasie und Realität lag doch ein ziemlicher Unterschied.
    • Richard

      Oh… Fast wäre er eingeschlafen, als er noch das Klacken der Kabinentür vernahm, die geöffnet wurde. Eigentlich war das ganz gut, sonst hätte er hier vermutlich die nächsten zehn Stunden verbracht. Was Richard weniger freute, als er sich aufsetzte und sich den Schlaf aus den Augen blinzelte, war Calebs Anblick. Wirklich? Ein ganzes Hotel voller Menschen und die einzigen zwei, die auf die Idee kamen, in die Sauna zu gehen, waren sie beide? Richard war für das genervte Augenrollen, das eigentlich in seinem Instinkt lag, zu müde. Stattdessen zuckte er leicht mit den Schultern. „Selbstmord?“, antwortete er nüchtern. Oder er zog ganz einfach in ein anderes Land. Aber bei ihrem Glück trafen sie sich dann im Urlaub.
      Richard verschränkte die Arme und lehnte den Kopf wieder an, als Cal saß. Warum zur Hölle setzte er sich genau neben ihn? War es nicht schlimm genug, dass sie beide halbnackt in einem engen Raum saßen? Was sollte das?
      Richard war fast geneigt, provokativ an den äußersten Rand der Sitzbank zu rutschen, aber aus irgendeinem Grund ließ er sein. Vielleicht, weil ihm Cals Präsenz neben sich gerade unglaublich bewusst war und die ganze nackte Haut ihm das ein oder andere Flashback gab, das sich so sehr in sein Gehirn brannte, dass er garnicht mehr versuchen brauchte, an etwas anderes zu denken. Leider waren es keine unangenehmen Erinnerungen.
      Er hatte die Augen wieder sanft geschlossen, um auf andere Gedanken zu kommen, aber das Gegenteil war der Fall. In seinem Kopf spielten sich die zahlreichen Berührungen, Orgasmen und zugehörigen Geräusche wieder ab, als hätte ein Pubertierender zum ersten Mal einen Porno gesehen. Es war einerseits nervtötend, andererseits einfach nicht zu ignorieren. Dass die Person aus diesen Visionen gerade neben ihm saß, schien vor allem Richards Körper sehr bewusst zu sein. Durch die Stille und geschlossenen Augen fiel ihm umso mehr auf, wie sein Herzschlag an Geschwindigkeit aufnahm. Aber er musste es ignorieren. Noch ein paar Minuten, dann würde er aufstehen und gehen, ohne dass es so wirkte, als würde er vor Caleb davonrennen.
      „Hast du dir das Menü schon angeschaut?“, murmelte er, weiter in seiner Position verharrend, um sich selbst abzulenken und die Zeit zu überbrücken.
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    • Caleb

      Das war ungefähr so unangenehm, wie er gedacht hatte. Caleb hätte gar nicht erst auf die Idee mit der Sauna kommen sollen. Es war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Aber jetzt saß er hier, versucht, möglichst nicht an ihren One Night Stand zu denken. Was ihm viel leichter fallen sollte. Das war immerhin der Typ, der versucht hatte Ezras Beziehung zu ruinieren. Das alleine sollte abturnend genug sein.
      Caleb schüttelte leicht mit dem Kopf. "Nein. Ich bin sowieso nicht sonderlich wählerisch." Wenn er sich überhaupt daran erinnerte, was zu essen. Meistens war Kochen so ein nervender Mehraufwand, dass er es einfach ganz ausfallen ließ und sich mit Snacks über den Tag half. Nicht unbedingt gesund, aber in seinen Down-Phasen war er schon froh genug, wenn er es überhaupt aus dem Bett schaffte, um sich noch zusätzliche Gedanken um seinen Vitaminhaushalt zu machen. Bisher war er noch nicht verhungert und das war irgendwie die Hauptsache.
      "Darf ich dich was fragen?" Caleb warf Richard einen Seitenblick zu, vollkommen fokussiert darauf, in sein Gesicht zu schauen und den Blick nicht tiefer sinken zu lassen. Die Situation war eh schon beschissen genug. Die Wärme um sie herum war unglaublich angenehm, Cal nahm sie aufgrund seiner eigenen Angespanntheit allerdings kaum richtig wahr. Im Grunde hätte er genausogut einfach auf seinem Zimmer bleiben können.
      "Als ich versucht habe den Stein zu stehlen, hast du mich gehen lassen. Wieso?" Er hatte es ursprünglich einfach darauf geschoben, dass Richard nach der gemeinsamen Nacht einfach etwas sentimental gewesen war, oder Mitleid gehabt hatte, oder schlicht nicht in einem Verhör zugeben wollte, das sie miteinander geschlafen hatten, aber je mehr Zeit er mit ihm verbrachte, desto unwahrscheinlicher erschienen ihm diese Erklärungen. Richard war ihm gegenüber garantiert nicht sonderlich sympathisch eingestellt. Obwohl Caleb selbst nicht wusste, welche Antwort er eigentlich hören wollte. Die Flirts und der One Night Stand waren unglaublich berauschend gewesen, aber eben auch nichts, was irgendeinen Zukunftscharakter besessen hatte. Und es war wirklich besser so gewesen.
    • Richard

      "Ah… ich hab gesehen, es gibt Trüffelpasta", murmelte er erneut. Aber Caleb schien diese Unterhaltung nicht sonderlich zu interessieren. Anstatt zu schweigen, kam er aber lieber mit einem Thema auf, das Richard eher vermeiden wollte. Warum er ihn hatte gehen lassen? Ja, warum?
      "Weil ich dich nicht anzeigen könnte, ohne eine riesen Sachen daraus zu machen. Der Stein, den du stehlen wolltest, ist nicht einmal für Helden zugänglich, weil er die Zeit manipulieren kann. Ich hätte selbst rechtfertigen müssen, warum ich ihn überhaupt besitze, und das kann ich nicht" Warum war er heute so verdammt ehrlich? Er wandte langsam den Blick zu Caleb neben sich, was eindeutig ein Fehler gewesen war. "Ich hab schließlich zwei Jobs, und einen davon haben wir heute erledigt", erklärte er. "Und von meinem Arbeitgeber hab ich den Stein. Langsam kannst du dir vielleicht denken, worum es hier geht. Darum ist es auch ein ziemliches Problem, wenn irgendwelche Idioten Steine verlieren, weil wir die Suche dann selbst übernehmen müssen und dafür hat kein Mensch Zeit. Ich nehme an, dass du deshalb mit offenen Armen empfangen worden bist, du hast uns sicher eine Woche an Arbeit eingespart"
      So ungern Richard Caleb auch ein Kompliment machen wollte, das war tatsächlich sehr hilfreich. Es wäre wundervoll, wenn sie bei MLO eine eigene Truppe hätten, die sich dem Suchen verlorener Steine widmete, oder einfach jemand, der bei jeder Mission dabei war, um die ganze Arbeit zu erleichtern. Aber Cals Fähigkeit war nicht gerade weit verbreitet.
      "Jedenfalls", fing er an und drehte den Kopf wieder weg. "Denk garnicht daran, irgendeinen unserer Steine zu stehlen. Mein Chef nimmt das ziemlich ernst. Auch wenn es uns dafür deutlich an Personal mangelt, er würde dir jeden letzten Mitarbeiter an die Kehle jagen. Planung ist nicht so sein Ding, aber die Steine sind seine Babys" Richard schloss die Augen wieder. Ja, Harald hatte die Organisation nicht ohne Grund gegründet. Die gesamte Sammlung an Steinen die sie bei MLO hatten, war sein Verdienst. Irgendwie. Naja, zumindest hatte er was ziemlich Großes aufgebaut. Nur war er jetzt leider alt, leicht dement und noch immer nicht besser darin, eine Firma zu führen. Es konnte nicht mehr allzu lange dauern, bis er gezwungenermaßen einen Nachfolger auswählen musste. Und Richard würde so lange an seiner Seite kleben, bis er sich des Jobs sicher war.
      "Oh, übrigens" Da war noch was, das er jetzt nicht mehr zurückhalten konnte, nachdem er schon ewig geredet hatte. "Du kannst zugeben, dass du damals nicht in der Nacht mit dem Stein abgehaut bist, weil du mich auf verschrobene Art irgendwie mochtest. Von wegen ich bin nicht dein Typ. Und wenn ich dich wirklich hassen würde, hätte ich meinem Chef von dem kleinen Möchtegern-Diebstahl auch erzählt" Den letzten Satz hatte er gerade irgendwie erstmals vor sich selbst zugegeben. Er hätte diese 'riesen Sache' locker riskieren können, aber er wollte Caleb nicht nachjagen, wenn er den Stein sowieso wieder zurückhatte. Manchmal war Richard einfach ein bisschen schwach, wie es aussah. Vielleicht musste er das mal akzeptieren.
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