The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Steve

      Irgendwie war Steve seltsam stolz darauf, dass Thomas nicht sofort die Flucht ergriff, sondern erst auf seine Tante zusteuerte. Offensichtlich wollte er sich nicht kampflos geschlagen geben, oder er hoffte darauf, dass der Rest seiner Familie etwas offener war, als seine eigenen Eltern. Was ein wenig traurig war. Sollten die eigenen Eltern nicht immer hinter einem stehen? Vor allem bei so belanglosen Themen, wie der eigenen Sexualität? Welchen Unterschied machte es denn, ob Thomas einen Mann, oder eine Frau datete? Seine eigenen Eltern hatten sich nie dafür interessiert, wen er mit nach Hause brachte solange er glücklich war.
      Steve folgte Thomas weiter durch die Anwesenden hindurch, bis sie seine Tante und seinen neuen Onkel - Stiefonkel? Wie genau funktionierte sowas? - erreichten. Er bereitete sich bereits mental auf die nächste Konfrontation vor und atmete erleichtert aus, als das frischgebackene Paar ihre Beziehung nicht weiter kommentierte. Er merkte erst, wie fest er Thomas’ Hand gegriffen hatte, als er seinen Griff etwas entspannte. Also schien es zumindest einen Zweig der Familie zu geben, der sich nicht an ihnen störte. Das machte sie direkt unglaublich sympathisch. Trotzdem wollte Steve sie nicht lange aufhalten. Es gab noch genug andere Leute, die dem Brautpaar gratulieren wollten und sie deutlich besser kannten, als er, also blieb es bei einem kurzen Händedruck und einem beipflichtendem Nicken, als Thomas das Kleid der Braut kommentierte. Das war wirklich nicht der richtige Augenblick, um sich irgendwie vorzustellen, vor Allem, wenn sie sowieso direkt explizit auf die kleine anschließende Feier eingeladen wurden.
      “Sehr gerne”, stimmte Steve der letzten Frage zu, während Thomas das Angebot ebenfalls bestätigte. Offenbar waren sie auf einer Wellenlänge, was den restlichen Abend anging. Kleine Schritte, bis eine Grenze erreicht war und sie nach Hause gehen würden. “Wir freuen uns schon”, verabschiedete Steve sich, während er Thomas bereits mit sich zog. Ihr Platz wurde direkt von den nächsten Gästen eingenommen, die sich lauthals über die Hochzeit freuten.
      “Deine Tante ist nett”, merkte Steve mit einem kleinen Lächeln an, als sie ein wenig an den Rand der Veranstaltung traten. “Ihr seht euch sogar ein bisschen ähnlich. Sie hat das selbe Lächeln, das du immer hast, wenn du einen High Score schlägst.” Er lachte kurz, bevor er einen Arm um Thomas’ Taille legte und ihn damit etwas näher an sich zog. Es fiel ihm zunehmend schwer, seine Finger von Thomas zu lassen, was seltsam war, weil er dieses Bedürfnis in seinen vorherigen Beziehungen nie gehabt hatte. Vielleicht lag es daran, dass er zuvor noch nie so sehr das Gefühl gehabt hatte, seinen Partner irgendwie beschützen zu müssen. Er wollte einfach, dass Thomas nicht mal auf die Idee käme, dass er ihn je verlassen würde, egal, was er tat. "Ist bei dir noch alles okay? Wir können immer noch gehen, falls es dir lieber ist."
    • Thomas

      Thomas warf Steve als Antwort ein kleines Lächeln zu, während er den Kopf schüttelte. Manchmal war er einfach zu süß. Warum war Steve andauernd so süß? Vielleicht hätte Thomas von Anfang an damit rechnen sollen, sich irgendwann in seinen Freund zu verlieben. "Sie ist wirklich nett. Meine Cousins sind beide ungefähr gleich alt wie ich, darum waren James und ich als Kinder sehr oft bei ihr zu Besuch. Ich war seit Jahren nicht mehr in dem Haus, ich bin schon gespannt, ob alles noch aussieht wie früher. Wahrscheinlich nicht"
      "Tommy!"
      Thomas blieb stehen und drehte sich um. Seine Oma kam im schnellen Schritt auf sie zu, mit einem Gesichtsausdruck, der schrie 'Bleib stehen, ich bin nicht mehr 25'. Thomas lächelte. Das war eines der Gesichter, das er heute gerne sehen wollte. Seine Oma hatte ihn an Weihnachten ein wenig damit überrascht, so tolerant zu sein. Es war irgendwie schwer, sie zu durchschauen, weil sie immer tat und sagte, was sie wollte, und das irgendwie nach keinem Muster. Aber sie änderte ihre Meinung auch nicht so schnell, also wenn sie auch deutlich weniger liebevoll und überschwänglich als ihre Töchter war, die das wohl kompensierten, konnte Thomas sich darauf verlassen, dass sie ihn immernoch unterstützen würde. Und darum hatte er ausnahmsweise keine Angst, Steve vorzustellen.
      "Steve", stellte seine Oma allerdings früh genug fest, als sie zu stehen kam und ihn ausführlich musterte. "Du bist also der, der diese grässliche junge Frau abgelöst hat. Gott sei Dank. Ich sollte dir ein Fest schmeißen"
      Thomas blinzelte sich den Schock aus dem Gesicht, bevor er antwortete. "Ich- äh- abgelöst würde ich nicht sagen, das war kein… fließender Übergang", versuche er die Situation zu retten, damit Steve sich nicht unwohl fühlte. Obwohl zwischen der Trennung und ihrer Beziehung ja… wirklich nicht sehr viel Zeit lag. Im Nachhinein betrachtet war er vielleicht wirklich ein wenig schnell über Leona hinweg gekommen, aber irgendwie war das mit Steve für ihn nicht direkt eine völlig neue Beziehung gewesen, sondern… naja, sie kannten sich ja schon ewig. Außerdem war er viel zu überfordert und von seinem gebrochenen Herzen ziemlich schnell abgelenkt gewesen.
      "Nein, natürlich nicht", antwortete seine Oma und Thomas konnte einfach nicht eruieren, ob sie das sarkastisch meinte. Aber sie ging schnell über, Steve in eine kleine, begrüßende Umarmung zu ziehen, und ließ keine Zeit mehr fürs Hinterfragen. Sie war recht klein, also musste sogar Thomas ein wenig in die Knie gehen, um sie zu umarmen. Das war wohl eine Sache, an die Steve sich gewöhnen müssen würde, wenn er irgendwann öfter zu diesen Familien Events kam. Ein einfacher Händedruck war nicht invasiv genug und ließ zu viel persönlichen Freiraum.
      "Wie seid ihr hergekommen?", fragte sie plötzlich und ließ Thomas keine Zeit zu antworten, bevor sie sagte: "Ich nehme euch mit dem Auto mit, aber macht schnell, sonst parken die anderen die ganze Straße zu. Man würde ja meinen, dass man alten Leuten den Vorrang lässt. Soll ich 200 Meter weit gehen, nur weil alle anderen zu faul sind, zufuß zu gehen? Aber mein Lieblingsenkelkind nehme ich mit, im schlimmsten Fall müsst ihr beiden mich eben tragen" Während des Sprechens war sie bereits losgegangen und Steve und Thomas blieb kaum etwas anderes übrig, als ihr zu folgen. Das Wort Lieblingsenkel war irgendwie ziemlich gewagt, wenn man ganze sechs davon hatte, aber es war genau, was Thomas gerade hören wollte und er war froh, dass zumindest eine Person in seiner Familie einen zwar exzentrischen aber doch halbwegs normalen Eindruck vor Steve machte und es eine kleine Chance gab, dass ihn dieser grottige Tag nicht völlig verscheuchte.
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    • Steve

      Es war erstaunlich, wie sehr sich Thomas' Familie ins Positive steigern konnte. Obwohl es Steve auch einfach so extrem vorkam, weil Thomas' Eltern die Erwartungshaltung so weit nach unten gedrückt hatten. Aber langsam fühlte er sich immer wohler, während er hier mit Thomas stand.
      Seine Oma schien dem ganzen die Krone aufsetzen zu wollen. Steve blinzelte kurz, ein wenig irritiert, ein wenig amüsiert, während er versuchte zu verarbeiten, dass man ihm soeben dafür gedankt hatte, Thomas zu daten. Ihm war noch nie für eine Beziehung gedankt worden. Allerdings hatte er auch noch nie jemanden gedated, der vorher mit einer so furchtbaren Person wie Leona zusammen gewesen war. Wahrscheinlich sollte er sich wirklich nicht zu viel darauf einbilden. Er ließ sich mit einem "Freut mich" in die kurze, überraschende Umarmung ziehen und ging automatisch etwas in die Knie. So klein, wie Thomas' Oma war, wäre es tatsächlich nicht mal so abwegig, dass sie sie im Zweifelsfall tragen würden. Verdient hätte sie es - der Fakt, dass sie Leona nicht mochte und Thomas ihr Lieblingsenkel war, sprach eindeutig für die alte Dame. Er wollte sie fast nochmal umarmen.
      "Das ist sehr nett von Ihnen", bedankte er sich mit einem Lächeln, bevor sie ihr zum Auto folgten. Er ließ Thomas erst los, als sie einsteigen mussten, mittlerweile weitaus weniger nervös, als zu Beginn der Veranstaltung. Wenigstens konnte er sich also auf eine Hälfte von Thomas' Familie verlassen, was eine unglaubliche Erleichterung war - wenigstens musste er sich keine Sorgen darum machen, dass Thomas wegen ihm aus seiner kompletten Familie geworfen wurde. Er hielt seinem Freund die Tür zum Auto auf, bevor er selbst einstieg.
      Im Auto griff er wieder nach Thomas' Hand und spielte leicht mit seinen Fingern. "Was erwartet uns gleich?", fragte er, einfach, um irgendein Gespräch zu starten, um sie unglaublich kurze Strecke zu überspielen. "Feiert deine Tante gerne mit Musik und Tanz, oder Partyspielen?" Beides wäre ihm Recht. Mittlerweile hatte er sogar das Gefühl, dass er was essen könnte, ohne, dass ihm davon vor Nervosität übel werden würde...obwohl...gab es eine Sitzordnung? Würde er den Rest des Abends mit Thomas' Eltern an einem Tisch sitzen müssen? Sie konnten immer noch gehen, wenn es zu viel werden würde. Vielleicht hatten sie auch Glück und würden bei Thomas' Oma sitzen. Er könnte definitiv damit leben, sich den Rest des Abends Beschwerden über Leona anzuhören.
    • Thomas

      Langsam wurde Thomas etwas entspannter. Soweit es jedenfalls möglich war, nachdem man mehr oder weniger traumatisiert wurde. Wenn es irgendwie umsetzbar war, würde er gerne vermeiden, in der nächsten Stunde nochmal seinen Eltern unter die Augen zu treten, bis er sich von der Sache erholt und Energie für Runde 2 hatte. Natürlich wäre es vorzuziehen, wenn es keine zweite Runde dieses Gesprächs gab, sondern vor allem seine Mum sich einfach zusammen reißen konnte, aber er machte nicht noch einmal den Fehler, nicht auf absolut alles vorbereitet zu sein. Bis dahin würde er sich von weniger beschränkten Familienmitgliedern und Steve wieder Leben einhauchen lassen.
      Aber Steves Frage und die Vorsicht die dahinter mitschwang, waren auch völlig berechtigt. "Ich nehme an, dass es ein Catering Buffet gibt… Würde Sinn machen, wir sind nicht so wenige Leute. Es kommen bestimmt nur die engeren Familienmitglieder und Freunde mit, aber das geht sich mit Tischen in dem Wohnzimmer und Wintergarten wahrscheinlich trotzdem nicht aus, wenn in den letzten Jahren nicht das Haus völlig umgebaut wurde", dachte er laut nach. Die genauen Pläne kannte er selbst nicht.
      "Ich hab Christine ein Restaurant ans Herz gelegt, aber sie wollte uns unbedingt alle in ihr Haus pferchen. Wieso feiert man denn dann im Winter, hab ich sie gefragt. Wenn sie einen tollen, großen Garten hätte für eine warme Hochzeit", kam es von seiner Oma am Fahrersitz. Thomas schmunzelte. Er konnte die Entscheidung auch nicht so ganz nachvollziehen, immerhin war es ziemlich unwahrscheinlich, heutzutage eine Schneehochzeit zu erreichen. Wieso versuchte man es dann überhaupt? Oder wollte sie unbedingt im Kleid frieren? Wobei Thomas ja ganz glücklich war, nicht zu Tode schwitzen zu müssen. Noch so ein Nachteil der ihm an Anzügen einfiel.
      "Aber es wird definitiv nicht so gezwungen sein, wie in der Kirche, keine Sorge", sagte er an Steve gewandt und lächelte.

      Und er hatte recht gehabt. Das Haus sah völlig anders aus, und er war sich nicht sicher, ob es an den Feierlichkeiten lag, oder ob die Einrichtung grundsätzlich komplett ausgetauscht und umgestellt worden war, aber es war auf jeden Fall alles kleiner, als er es in Erinnerung hatte. Wer schon da war stand entweder oder hatte sich einen Platz auf dem großen Sofa oder auf Sesseln im Wohnzimmer ergattert und Thomas konnte sich vorstellen, dass auch das Esszimmer und der Wintergarten bald übergehen würden. Aber sobald sich alle mal ihren Platz gesucht hatten und die Leute aufhörten, herumzuirren um alle zu begrüßen, würde es sicher weniger eng wirken. Thomas hing seine Jacke auf und zog die Schuhe aus, nur um zu sehen, dass seine Eltern und Geschwister wohl schon da waren, gemessen an den Schuhen. Zumindest Cassys gigantische, bunte Platformsneaker erkannte man auch, wenn man halb blind war.
      "So, ich schmeiße mich ins Begrüßungsgemetzel", verabschiedete seine Oma sich vorerst und damit waren Steve und er wieder auf sich alleine gestellt.
      Thomas sah ihn an, als sie einen Moment alleine im Eingangsbereich standen. "Lass mich ja nicht allein", murmelte er, halb im Spaß, aber doch eher todernst. Sie waren beide nicht wirklich für solche Gatherings geeignet, wie sie mittlerweile wussten, und Thomas war sich jetzt schon sicher, dass er heute Abend tot umkippen würde und die nächsten drei Tage Gespräche mit allem und jedem vermeiden musste, um seine Batterien wieder aufzuladen. Mit Steve zusammen hatte er wenigstens jemanden, der im selben Boot saß und mitlitt.
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    • Steve

      Thomas hatte nicht untertrieben, als er gemeint hatte, dass wohl viele Leute kommen würden. Es war schon recht voll, als sie eintrafen und Steve war fast ein wenig enttäuscht, dass sich Thomas’ Oma so schnell von ihnen verabschiedete. Wenigstens hätten sie mit ihr eine Person gehabt, die sie kannten, mochten und an die sie sich dranhängen könnten, damit sie nicht so verloren aussahen - der typische Partytrick für Introvertierte. Wenigstens blieb ihm noch Thomas… der offensichtlich genau die selben Bedenken hatte, wie er.
      Steve fasste wieder nach seiner Hand, mehr, um sich selbst irgendwie zu beruhigen, als ihn, während sie sich langsam ins Getümmel vortasteten. “Ich glaube, du überschätzt meine sozialen Fähigkeiten, wenn du denkst, dass ich dich auch nur eine Sekunde aus den Augen lassen würde”, kommentierte er mit einem kleinen, nervösen Lachen. Er merkte nach wenigen Schritten schon, dass sie wieder zur Wand tendierten. Was beinahe schade war, immerhin gehörte ein Teil der Gäste zu Thomas’ Familie. Steve selbst bewegte sich auf seinen eigenen Familienfeiern immer deutlich freier. Wahrscheinlich wäre er den ganzen Abend damit beschäftigt gewesen, Thomas von einer Person zur nächsten zu ziehen und ihn allen vorzustellen und so, wie er seine Familie kannte, hätte die Hälfte der Anwesenden ihn sofort adoptiert und zu ihren nächsten Festen eingeladen. Vielleicht war es ganz gut, dass er Thomas’ erweiterte Familie kennen lernte, bevor er Thomas mit zu seiner zog.
      “Ich bin wirklich froh, wenn wir gleich wieder zuhause sind. Ich schlage einen Filmabend vor”, murmelte Steve, als sie ungefähr die Hälfte des Raumes hinter sich gelassen hatten. Alles, was ihn hier hielt, war die Neugierde darauf, was Thomas’ Vater zu sagen hatte und der Wunsch danach zu demonstrieren, wie sicher sie in ihrer Beziehung waren. “Denkst du, es fällt auf, wenn wir was vom Buffet mitnehmen?”, schob er amüsiert hinterher, um die Stimmung ein wenig zu heben und die eigene leichte Nervosität zu überspielen. Er warf Thomas ein kleines Lächeln zu, während sie anhielten…weil sie im Grunde kein richtiges Ziel hatten. Er wollte einfach nur nicht im Weg stehen. Obwohl die Menge um sie herum bei genauerem Hinsehen eigentlich ziemlich nett wirkte. Zumindest schallte vergnügtes Lachen durch die Luft und die Leute sahen ziemlich entspannt aus. Bisher hatten sie auch keine weiteren seltsamen Kommentare, oder bösen Blicke auf sich gezogen, obwohl Steve sich an Thomas' Hand klammerte.
    • Thomas

      Thomas lächelte. Steve war von ihnen beiden vermutlich der offenere und wenn es nur sie beide zur Auswahl gab, um jemanden mit dem Wort extrovertiert zu beschreiben, dann war es wohl auch er. Aber am Ende des Tages war es nicht sinnvoll, ihn nur in Kontrast zu Thomas zu stellen, denn sie wären beide absolut okay damit, nie wieder ihre Wohnung zu verlassen und mit Menschen reden zu müssen. Abgesehen von einander natürlich…
      "Mhm", machte Thomas zustimmend, als Steve einen Filmabend vorschlug. Er war gerade äußerst beschäftigt damit, sich wie ein Reh im Flutlicht zu benehmen und Ausschau nach möglicher Gefahr zu halten. Er zwang sich den Blick wieder seinem Freund zuzuwenden und seine Umgebung kurz bestmöglich auszublenden, um keinen Herzstillstand zu erleiden. Er war nicht dafür gemacht, so eine gigantische Familie zu haben. Aber Steve anzusehen beruhigte Thomas gleich wieder ein bisschen. Filmabend hatte er gesagt? Vielleicht sollte er sich das einfach vor Augen halten, bis sie dieser Hölle entkommen konnten. Langsam hatten sie aber wirklich jede Streaming Seite bis zur letzten Serie ausgequetscht, also vielleicht war es an der Zeit, den Horizont zu erweitern, mit K-Drama vielleicht, oder Anime… Oder sie zwangen sich all die Horrorfilme anzusehen, die sie vermieden hatten. Oder…
      "Ich hab eine bessere Idee", sagte er leise. Und nach einem Moment: "Ich sag's dir dann zuhause." Langsam wurde Thomas zumindest besser darin, ein Pokerface zu behalten, wenn er daran dachte, mit seinem besten Freund zu schlafen. Ja, ja, das war Vergangenheit, sie waren zusammen und nicht zuletzt genau aus dem Grund. Aber nachdem das bei ihnen nicht gerade ein tägliches Happening war, dauerte es eine Weile, sich nicht andauernd dezent peinlich berührt zu fühlen. Trotzdem, wozu hatten sie so viele Hürden überwunden und stellten sich seiner anstrengenden Familie, wenn sie nicht einen der wenigen Nutzen aus ihrer Beziehung zogen, die ihre Freundschaft nicht hatte? Dann hätten sie auf das alles auch verzichten und sich ihr Leben leichter machen können. Aber nein, Thomas würde ausnutzen, dass es abseits eines Filmabends noch ein deutlich besseres Licht am Ende des Tunnels gab. Zumindest zahlten sich die ganzen Eskapaden heute dann auch aus.
      Die definitiv nicht auf sich warten ließen. Einen Moment später stand James vor seiner Nase. Es war ungewohnt, seinen Bruder in etwas anderem als einer Jogginghose und einer College Jacke zu sehen, aber in dem Anzug sah er irgendwie wiedermal älter aus, als Thomas. Die Dynamik zwischen ihnen war auch immer schon etwas konträr zu ihrem Alter gewesen, was vermutlich daran lag, dass James schon als Kind absolut hyperaktiv gewesen war und dadurch letztlich lauter, gesprächiger, offener und extrovertierter im Allgemeinen, während Thomas sich meistens in eine Ecke verkrochen hatte um allein zu sehen. Nervig war James nicht zuletzt, aber mittlerweile waren sie ja beide erwachsen.
      "Steve", sagte James begrüßend und nickte ihm zu. Thomas bekam sofort die leise Panik, dass sein Bruder irgendwelche eigenartigen Fragen stellen könnte, wie an Weihnachten, aber scheinbar waren diese nur für seine Ohren gewesen. "Was machst du eigentlich? Von Thomas weiß ich nur, dass ihr beide zockt, aber arbeitest du auch?", fragte James neckend und lächelte. Thomas seufzte fast erleichtert. Ein normales Gespräch, Gott sei Dank.
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    • Steve

      "Oh?" Steve warf einen fragenden Blick in Thomas' Richtung, als selbiger verkündete, eine andere Idee zu haben, allerdings blieb die erwartete Erklärung aus. Er stieß ein gespielt frustriertes Seufzen aus, als er auf später vertröstet wurde. "Mies", kommentierte er schlicht, während er ein kleines Grinsen nicht unterdrücken konnte. Es war schwer geworden, Thomas richtig einzuschätzen. Eine bessere Idee konnte von einer spontanen Zockernacht bis hin zum frühen zu Bett gehen, um den versäumten Schlaf der letzten Tage nachzuholen, alles sein und irgendwie...mochte er dieses Gefühl. Es war vollkommen schräg und wahrscheinlich nicht gerade Bilderbuchromantik, aber er fand es unheimlich spannend, nicht zu wissen, was in Thomas' hübschen Köpfchen vor sich ging. Zumindest solange er sich sicher sein konnte, dass die 'bessere Idee' nicht eine spontane Trennung beinhaltete, aber er war sich ziemlich sicher, dass das keine Option war. Außer, Thomas hatte ihn nur in der Hoffnung mit hier her gebracht, dass Steve seine Familie hassen und mit ihm Schluss machen würde, bevor Thomas diesen letzten Schritt gehen musste. Steve entschied sich dafür, nicht weiter darüber nach zu denken.
      Das Familienthema schien sich allerdings zu halten. Steve hätte den jungen Mann vor sich wahrscheinlich auch als Thomas' Bruder erkannt, wenn er eben nicht bei seinen Eltern gestanden hätte. Sie sahen sich so ähnlich, dass er kurz überlegte, ob Thomas je erwähnt hatte, was seine Eltern beruflich machten - vielleicht hatten sie als verrückte Wissenschaftler eine Klonmaschine erfunden und sie direkt an ihrem Ältesten getestet. Irritierenderweise war es gerade die Ähnlichkeit zu Thomas, die Steve ein wenig entspannen ließ, auch wenn die Frage, die ihm gestellt wurde, ihn jedes Mal in die Verzweiflung trieb.
      "Nicht, wenn es sich vermeiden lässt", scherzte er mit einem kleinen Lächeln. "Ich arbeite in einem Reisebüro." Warum hatte er sich nicht einen cooleren Cover-Job ausgesucht? Ein Reisebüro war das erste, was ihm in den Kopf gekommen war, als seine Mutter sich nach seinem Beruf erkundigt hatte und das auch nur, weil er in seiner ersten frustgefüllten Woche nichts anderes gemacht hatte, als genau das - Reisen und Hotels buchen, Flüge koordinieren, Länder nachschlagen, in die er selbst nie reisen würde. Es war ein Witz gewesen, der sich irgendwie durch sein Leben gezogen hatte. Vielleicht war es an der Zeit, seinen Fake-Job zu Fake-Kündigen, um sich irgendetwas besseres auszudenken. Vielleicht...vielleicht sollte er Thomas erklären, wo er eigentlich arbeitete und sie könnten sich zusammen etwas überlegen. Auch, wenn er damit mehrere Regeln brechen und seinen Job gefährden würde. Und vielleicht seine Beziehung.
      Wie würde Thomas reagieren, wenn er ihm von MLO erzählen würde? Würde er es verstehen? Könnte er nachvollziehen, wieso Steve ihn angelogen hatte? Ihm wurde ein wenig übel, wenn er daran dachte, dass sein Job irgendwann zu einem massiven Streitgespräch führen könnte. Irgendwie wollte er nicht länger darüber nachdenken. Stattdessen konzentrierte er sich auf James vor ihm, der ihm weitaus weniger ablehnend erschien, als seine Eltern.
      "Und du?", fragte er schließlich zurück. Er hatte vage im Hinterkopf, dass Thomas ihm mal etwas über seine Geschwister erzählt hatte, allerdings war er sich nicht ganz sicher.
    • Thomas

      „Ich würde ja sagen, ‚versucht das nicht jeder?‘, aber du bist mit Thomas zusammen, also wissen wir beide, dass es auch Verrückte gibt, die gerne arbeiten. Ich mach gerade meinen Master in Betriebswirtschaftslehre und allein das Trauma meiner Teilzeitjobs reicht mir“, antwortete James und lachte kurz. Thomas spürte, wie sich in ihm irgendetwas zusammenzog, als er diesen ersten Satz hörte, und er wusste sofort, dass seine Eltern vermutlich mehr Schaden hinterlassen hatten, als er gedacht hatte. Aber er verdrängte das Gefühl schnell wieder, schließlich hatte er bisher auch kein Problem damit gehabt, offen mit seiner Beziehung umzugehen. Es war bloß… dieses Haus. Und die Leute darin. Und das, obwohl James sich völlig normal verhielt, aber Thomas hatte es ihm bis gerade eben nichtmal wirklich zugetraut.
      „Ah, naja, ehrlich gesagt hab ich vor kurzem rausgefunden, wie es ist, zu schwänzen. Irgendwann musstet ihr mich ja mit dem Mindset anstecken“, schmunzelte Thomas. Er musste wieder lockerer werden. Andauernd mutig zu sein war irgendwie auch anstrengend.
      „Irgendwann… 23 Jahre mit mir aber es braucht nur ein paar läppische Wochen mit Steve um dich von einem Roboter zurück in einen Menschen zu verwandeln. Was hab ich falsch gemacht?“, erwiderte James melodramatisch.
      „Sagen wir so, dein Ansatz hat mich nicht gerade dazu gebracht, lieber Zeit zuhause zu verbringen“ Vermutlich war seine aufgedrehte Familie sogar der Grund, warum Thomas überhaupt begonnen hatte, so viel Wert auf seinen Job zu legen.
      James Blick schoss zu Steve. „Ahhh“, machte er. „Say less“ Er sah zurück zu Thomas. „Wenn ich meine Freundin 24/7 um mich hätte, würden mir auch bessere Sachen einfallen, als zu arbeiten“
      Thomas verzog kurz das Gesicht in einer Mischung aus angewidert und peinlich berührt und widerstand dem Drang, seinen Bruder zu kicken.
      „Oh, übrigens“, fing James an und ließ zum Glück keine Zeit, über die Zweideutigkeit länger nachzudenken. „Hast du schon mit Leo geredet? Wir wollten später nach oben gehen und uns in sein altes Zimmer verziehen, so um der alten Zeiten Willen“
      Oh. Das klang… garnicht so schlecht. Er hatte seit Jahren nicht mehr viel Kontakt zu seinen Cousins und so bekamen sie vielleicht eine Chance, sich eine Weile in einem normalen Kreis aufzuhalten. „Ich nehme Steve aber mit, dass das klar ist“, erwiderte er schnell, als ihm auffiel, dass Leo vermutlich nur eine Pause von seiner Frau und seinem Kleinkind wollte.
      James zuckte mit den Schultern. „Klar. Ich glaube aber, Dad will was von dir, also sehen wir uns später?“ Er zeigte hinter Thomas und dieser sah leicht erschrockend über seine Schulter. Er hatte recht. Sein Vater stand da und sah zu ihm herüber, wirkte irgendwie ein wenig verloren. Urgh. Zumindest konnte er sich danach wie früher auf ein Zimmer verziehen, als wäre er zehn.
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    • Steve

      Auch, wenn Steve nichts als Sympathien für Thomas' Oma über hatte - James kam ihm gerade wie die erste normale Person auf dieser Feier vor. Was fast ein wenig lustig war. Begann man nicht normalerweise mit den langweiligen Familienmitgliedern und bereitete seine Beziehung schrittweise auf den etwas eigensinnigeren Teil vor? Thomas schien sich an einer gegenläufigen Taktik zu versuchen. Wenigstens wirkte James nett und Steve war froh, dass sie doch noch mitgekommen waren. Zumindest hob sich sein negativer erster Eindruck der Familie gerade gewaltig, vollkommen egal, wie viele zweideutige Kommentare James auch machte. Zumal er nicht vollkommen daneben lag. Immerhin hatten sie die Zeit tatsächlich mit deutlich angenehmeren Dingen verbracht, als Arbeit.
      Leider war die Konversation viel zu schnell wieder vorbei. James informierte Thomas noch, dass seine Cousins offensichtlich eine kleine private Party in ihrem Zimmer schmeißen wollten, was Steve kurz in Panik versetzte, bevor Thomas darauf bestand, ihn mit zu nehmen. Er wäre alleine wahrscheinlich nicht vollkommen verloren, aber es war ihm deutlich lieber, in der Nähe seines Freundes zu bleiben. Obwohl er ein wenig befürchtete, zwischen den Cousins und Cousinen-Treffen zu stören. Trotzdem war das immer noch die bessere Alternative zum Rest der Familie. Vielleicht war Thomas ja auch nicht der einzige, der in einer Beziehung steckte, die er nicht los lassen wollte. Aber das würde er wohl erst herausfinden, nachdem sie das angekündigte Gespräch mit Thomas' Vater hinter sich gebracht hatten.
      Nachdem er ein paar andere Menschen aus Thomas' Familie kennen gelernt hatte, war Steve noch irritierter darüber, dass seine Eltern so waren, wie sie waren. Irgendwie schienen sie langsam nicht mehr ins Bild der restlichen Familie zu passen, die bisher ziemlich offen und normal-freundlich mit ihm umgegangen waren. Steve fragte sich unweigerlich, woran es lag. Ob Thomas' Eltern immer schon irgendwie aus der Reihe getanzt hatten? Steve folgte Thomas' Blick zu seinem Vater, der fast ein wenig verloren aussah.
      "Wir müssen nicht sofort mit ihm reden, falls du nicht willst", erinnerte er Thomas leise und drückte kurz seine Hand, während er ein leichtes Ziehen in seiner Brust spürte. Er würde so gerne mehr sagen, Thomas mehr Mut zusprechen, oder ihm versichern, dass alles gut werden würde, aber das konnte er nicht. Er kannte seine Eltern nicht und er war bei seinen eigenen Eltern nie auch nur ansatzweise in einer ähnlichen Situation gewesen. Das alles hier war ein vollkommener Blindflug für ihn.

    • Thomas

      Thomas zögerte einen Moment, aber eigentlich wollte er hören, was sein Vater zu sagen hatte und er war der letzte, der jemandem keine zweite, dritte oder fünfzehnte Chance gab, wenn er darum gebeten wurde. Und auch, wenn er seine Mutter weit und breit nicht sah, schien es seinem Vater doch irgendwie leid zu tun, dass dieses erste Treffen mit seinem Freund so schief gelaufen war. Vielleicht hatte er doch irgendwo die selbe Einstellung wie Thomas: Solange jemand glücklich war und keinem damit wehtat, konnte er doch tun was er wollte. Gut, Thomas lernte selbst noch, wie man sich weniger um die Meinungen anderer Leute kümmerte, aber zumindest stand er völlig hinter diesem Motto.
      „Nein, schon okay“, sagte er zu Steve. „Er wird ja wahrscheinlich nicht nur herüberkommen um uns beide zu beleidigen“ Er schmunzelte, aber wirklich lustig fand er seine eigenen Worte auch nicht. Dieses Gespräch mit seiner Mum, wenn man es so nennen konnte, hatte ihm ein bisschen die Hoffnung genommen. Aber wenn das alles der Weg war, den er gehen musste, um am Ende ein angenehmes Miteinander mit seiner Familie und Steve erleben zu können, war es eben so. Er wollte seine Eltern nicht verlieren, nicht wegen so etwas. Das müssten sie doch selbst lächerlich finden, oder? Klar war es vielleicht erstmal ein Schock, vor allem nachdem sie am liebsten Thomas ganzes Leben durchgeplant hätten, aber sie konnten unmöglich so stur sein… Zumindest hoffte Thomas das.

      Er lächelte seinem Dad kurz zu, der das als Einladung sah, endlich nicht mehr seltsam herumzustehen und sich halb, unaufmerksam mit Cassy zu unterhalten, sondern tatsächlich zu Steve und ihm zu kommen, wo sie nun schön zu dritt in der Ecke standen. Die Raummitte war noch nie ein Ort gewesen, an dem Thomas sich gerne aufgehalten hatte.
      „Was gibt‘s?“, fragte Thomas möglichst locker und tat so, als wäre alles vergessen und vergeben. Da kam wieder die Versessenheit auf Frieden und Harmonie zum Vorschein.
      „Cassy hat mir erzählt, dass sie euch vor ein paar Wochen im Bus getroffen hat“, begann sein Vater und Thomas wusste nicht, worauf er hinaus wollte. „Also, fahrt ihr immer öffentlich? Hast du ein Auto, Steve?“ Und dann wandte er sich sogleich an Thomas: „Willst du dir nicht mal ein Auto kaufen? Du hast nicht umsonst einen Führerschein. Das Geld sollte kein Problem sein, deine Mum und ich unterstützen dich, wenn du willst“
      Thomas öffnete kurz verwirrt den Mund und schloss ihn wieder, bevor er etwas sagte. Wie kam er darauf denn jetzt? „Also… es geht ja nicht nur um den Kaufpreis. Es ist viel billiger für mich, einfach öffentlich mit einer Jahreskarte zu fahren. Ich brauche auch nur zwanzig Minuten zur Arbeit“ Wollte sein Vater ihm ein Auto andrehen weil er sich schlecht fühlte? „Ich brauche wirklich kein Auto“, schmunzelte er. Mitten in der Stadt… und dann würde er sowieso nur die Umwelt verpesten mit den Kurzstrecken, die er fahren musste. Es war ja nicht so, als hätte er abgesehen von seinem Arbeitsplatz und vielleicht dem nächsten Supermarkt noch Places to be.
      „Aha… und was ist mit Urlaub?“
      „Da kann ich mir ja schlimmsten Falls mal ein Auto ausleihen“ Nur, dass Steve vermutlich genauso heiß auf Roadtrips war, wie Thomas. Dieses Gespräch erinnerte ihn irgendwie wieder, dass seine Eltern nicht so richtig zu wissen schienen, was er mochte und wie er lebte. Aber, zumindest versuchte er, zu helfen, oder so?
      „Okay, na schön. Sag Bescheid, wenn du es dir anders überlegst“
      Thomas akzeptierte die Hilfestellung einfach mal und lächelte. „Okay“ Wenn er wirklich ein Auto wollte, konnte er es sich wohl auch selbst leisten, zumindest über die Arbeit, aber… was auch immer. „Wo ist Mum eigentlich?“ Wenn er schon davon sprach, dass sie ihn auch finanziell unterstützen wollte. Wie wäre es mal mit emotionaler Unterstützung für den Anfang?
      Sein Vater sah sich kurz um. „Wahrscheinlich im Wintergarten bei Christine“ Er sah wieder zu Steve und Thomas und schien noch etwas sagen zu wollen. Die Auto-Geschichte war vermutlich zum Aufwärmen gewesen. „Steve, du arbeitest in einem Reisebüro, stimmt‘s? Und was machen deine Eltern? Wohnst du schon lange in deiner Wohnung?“ Dieses Verhör sollte wahrscheinlich dazu dienen, sich einen Eindruck zu verschaffen. Thomas war fast stolz darauf, dass sein Vater sich an Steves Job erinnerte, und er beschloss sich nicht einzumischen. Wenn man mal mit ihm redete, würde seine ganze Familie Steve bestimmt sofort lieben. Also nahm er nur ganz nebenbei Steves Hand und stellte sich einen winzigen Schritt zurück. Mit seinem Freund anzugeben war eigentlich alles, was er tun wollte, also war es ganz nett, die Chance auch mal zu bekommen, statt direkt mit Vorurteilen abgeschossen zu werden ohne ein Wort gesagt zu haben.
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    • Steve

      Steve lächelte Thomas kurz aufmunternd zu, als sie seinen Vater ansteuerten, der mit einem Thema begann, mit dem Steve wahrscheinlich nie im Leben gerechnet hätte. Für einen kurzen Moment hatte er die Befürchtung, dass die Frage nach dem Auto irgendein vollkommen schräger Test war, bevor er realisierte, dass es sich wohl nur um ein überraschendes Einstiegsthema handelte. Eigentlich hatte er noch nie so wirklich darüber nachgedacht. Er hatte sein Motorrad, mit dem man im Straßenverkehr der Stadt schnell und wendig unterwegs war und für das er immer einen Parkplatz fand und wenn es zu kalt wurde, nutzte er halt die Straßenbahn. Er sah kurz zu Thomas, der über das Thema ähnlich irritiert zu sein schien. Wenigstens war es irgendwie eine Art von Friendensangebot, oder? Wenn er Thomas seine neue Beziehung nicht verzeihen könnte, würde sein Vater ihm wohl kaum anbieten, ihm ein Auto zu kaufen. Irgendwie war es fast ein bisschen beruhigend zu wissen, dass jede Familie auf ihre eigene Art und Weise ein wenig schräg war.
      "Oh", setzte Steve kurz überfordert an, als das Gespräch wieder auf ihn gelenkt wurde und fast ein wenig den Charakter einer Anhörung bekam. "Äh, ja. Ich bin nach dem Studium irgendwie im Job hängen geblieben", gab er zu und unterstrich den Punkt mit dem Karrierewechsel nochmal auf seiner mentalen Checkliste. "Meine Mom arbeitet als Sekretärin im Büro und mein Dad ist Elektriker. Er arbeitet aber nicht mehr Vollzeit, weil er wegen einem Bandscheibenvorfall momentan relativ viel Zeit beim Arzt verbringt. Er ist furchtbar genervt deswegen." War das zu viel Info?
      "Ich wohne seit vier Jahren in der Wohnung. Ich bin während des Studiums ausgezogen. Eigentlich wollte ich viel früher selbstständig sein, aber meine Eltern wollten erst sicher gehen, dass ich auch auf jeden Fall nicht versehentlich die Buntwäsche mit den weißen Hemden zusammen werfe und damit den Weltuntergang auslöse, oder so." Er lachte kurz etwas nervös auf. Oh Gott, er redete eindeutig zu viel.
      "Aber die Wohnung ist wirklich super. Die Lage ist gut und selbst zu zweit hockt man nicht immer aufeinander." Außer man wollte es. Nähe schien für sie ja kein Problem mehr zu sein. Was brachte schon die größte Wohnung, wenn er doch nur mit Thomas auf dem Sofa sitzen, oder ihn morgens im Bett nach dem ersten Wecker noch mal an sich ziehen und kuscheln wollte?
      "Und ich bin furchtbar froh, dass Thomas eingezogen ist. Vorher war es doch irgendwie furchtbar still." Er warf Thomas ein kleines Lächeln zu, während er seine Hand drückte. Zumindest kam er aktuell deutlich lieber zurück nach Hause, als vor Thomas' Einzug.
      "Ich denke Stille ist bei euch eher weniger das Problem?", fragte er mit einem amüsierten Lächeln und einem kurzen Seitenblick zu Thomas' Geschwistern zurück.
    • Thomas

      Thomas sah Steve an, während er redete. Irgendwie fühlte er sich ganz stolz, als sein Freund sich vorstellte, so liebenswert nervös wirkte und trotzdem nur die richtigen Sachen sagte. Wie könnte man ihn nicht mögen? Steve war der sympathischste Mensch, den Thomas je kennengelernt hatte und sogar als besten Freund hätte er ihn auf ein Podest gestellt, wenn er ihn anderen vorstellen sollte. Aber er machte das wunderbar selbst. Thomas konnte ihm ewig zuhören, wenn er über seine Familie erzählte.
      „Aha, Elektriker also?“, meinte sein Vater interessiert, während er Steve zuhörte und keine Miene verzog. Sein Dad war schon immer eher ausdruckslos gewesen und hatte sich nicht sonderlich viel um tiefgehende Gespräche gekümmert, er war immer der typische Vater gewesen, der einen überall mit dem Auto hinfuhrund abholte und manchmal plötzlich im Zimmer stand, sich kurz umsah und wieder ging. Es war für Thomas irgendwie neu, dass er sich wirklich für sein Leben interessierte, aber vielleicht lag seinem Vater wirklich mehr an ihm, als er dachte, und er merkte gerade, dass Thomas das Interesse viel bedeutete. Allerdings war sein Vater Installateur und daher war das Interesse am Elektriker Beruf wohl nicht vorgegaukelt. Vielleicht überlegte er schon, worüber er mit Steves Vater reden konnte, wenn sie sich mal trafen. Auf Thomas Lippen schummelte sich ein kleines Lächeln bei dem Gedanken.
      Sein Dad lachte leicht. „Ja, naja, wir hatten zuhause den ein oder anderen Weltuntergang im Haushalt. Bei vier Kindern erlebt man jeden Fehler auch mindestens vier Mal. Aber es ist gut, dass deine Eltern dich ordentlich vorbereitet haben. Selbstständigkeit ist sehr wichtig“
      Tja, das sagte er jetzt, aber gleichzeitig hatte Thomas zuhause kaum wer etwas beigebracht weil seine Mutter allen irgendwann verboten hatte, im Haushalt zu helfen, damit keiner mehr etwas falsch machen konnte. Zum Glück war das meiste recht selbst erklärend und Steve konnte verdammt gut kochen, sonst würde er wohl auch nur Fertigessen auf den Tisch bringen. Aber… das sagte er jetzt besser nicht. Thomas war sich schmerzlich bewusst, dass er ohne Steves Hilfe nicht so schnell ausziehen hätte können und würde er alleine wohnen, hätte er deutlich weniger Geld, Lebensfreude und gesundes Essen. Und dabei war sein Freund sogar noch ein Jahr jünger als er. Naja, zumindest konnte er ihm im Gegenzug… Liebe anbieten.
      „Das ist sehr gut. Auch wenn es mich wundert, dass Thomas einen großen Unterschied bei der Stille macht. Bei uns zuhause hat er deutlich am wenigsten Lärm gemacht“ Bildete Thomas sich ein, dass das alles klang, als wäre er ein Haustier? Zumindest schien er pflegeleicht zu sein. „James war als Kind wirklich am schwierigsten und Thomas hat darunter wahrscheinlich am meisten gelitten, weil er das völlige Gegenteil war und immer nur seine Ruhe wollte. Du scheinst mir auch ein entspannter Mensch zu sein, da ist Thomas sicher glücklicher als bei uns“
      „Dad…“, murmelte Thomas, halb dankbar und halb im schlechten Gewissen. Er hatte zwar recht damit, aber auf der anderen Seite war Thomas ja froh, dass seine Eltern ihn nie rausgeworfen hatten oder so. Die wenigstens Leute konnten einfach so mitte zwanzig noch zuhause wohnen und seine Eltern würden ihn wahrscheinlich auch sofort wieder aufnehmen.
      „Achja, Steve, was hast du studiert? Nichts, das mit Reiseplanung zu tun hat, wie ich heraushöre? Ich finde es immer noch eine leichte Verschwendung, dass Thomas nichts macht, das seinem Kopf gerecht wird, aber naja… Solange man glücklich ist, nicht?“
      „Ich bin eigentlich ganz froh darüber, dass mein Job nicht total anstrengend ist“, murmelte Thomas dazwischen. Er wusste ja, dass seine Eltern sein Interesse an Computern und die Studienwahl nie ganz verstanden hatten, aber dafür hatten sie sich schnell daran gewöhnt, mit ihm in Familienkreisen anzugeben. Dass er jetzt quasi ‚nur‘ in der Cyber Security arbeitete, fanden sie wohl nur enttäuschend, weil sie keinen Plan hatten, woraus sein Job wirklich bestand und er für sie nur ein weiterer Büro-Kerl war. Trotzdem war ihm das deutlich lieber, als in irgendeinem Labor zu sitzen oder sowas. Er machte ja auch interessante Dinge, aber ohne die langweiligen Phasen wäre er völlig ausgebrannt. Und er brauchte schließlich Energie zum Zocken. Und jetzt auch Zeit für Steve.
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    • Steve

      "Ich finde deinen Job eigentlich super spannend", versicherte Steve aufrichtig, während er zu Thomas sah. Wenigstens hatte sein Freund etwas gefunden, was ihm offensichtlich Freude bereitete und womit er anderen Menschen helfen konnte. Oder zumindest einem anderen Menschen, immerhin schien er den Großteil seiner Zeit damit verbracht zu haben, Andrew irgendwie auszuhelfen. Aber dafür musste er sich nicht mit dem Gedanken herumschlagen, eigentlich mehr erreichen zu wollen. Hoffte Steve zumindest.
      "Ich hab Geologie studiert. Mit Schwerpunkt auf die magischen Steine. Wo sie herkommen, woher die Magie kommt, ob man sie irgendwie manipulieren kann und so weiter. Meistens hoch wissenschaftlich, obwohl ich zugeben muss, dass ich ab und an auch mal in die etwas, äh, theoretischen Kurse reingeschaut habe." Die Forschung war nicht gerade neu und doch schien sie noch keine sonderlich großen Fortschritte gemacht zu haben, wenn es darum ging, die Steine irgendwie wisschenschafftlich zu begreifen, daher lag es nicht sonderlich fern, dass ein paar seiner Professoren ihre ganz eigenen Theorien aufgestellt hatten, die von einer göttlichen Macht bis hin zu außerirdischen Leben reichten. Steve hatte von beiden Ansätzen nicht viel gehalten, aber die Vorlesungen waren immerhin nie langweilig gewesen.
      "Ich hatte eigentlich vor, selbst in die Forschung zu gehen, aber es ist ein hart umkämpftes Feld und ich mochte meine Kollegen zu sehr, um meinen ehemaligen Minijob aufzugeben, also hab ich vorerst einen richtigen Job draus gemacht", erklärte er. Was nicht komplett gelogen war. Er hatte tatsächlich einen Job in der Forschung angestrebt, bevor man ihm die Chance gegeben hatte, bei Magia Lapides anzufangen. Eigentlich hatte er sich auch noch einen Job in der Forschung vorgestellt, als er dort eingestellt worden war. Der Posten im Sekretariat war nur eine kleine Übergangslösung gewesen, bis er sein Studium beendet hatte. Leider waren die Aushilfen chronisch unterbesetzt und jeder kleine Versuch, irgendwie zu wechseln zum scheitern verurteilt gewesen. Er hatte öfter schon drüber nachgedacht zu kündigen und einfach irgendwo anders neu anzufangen, aber hier hatten ihn tatsächlich seine Kollegen zurückgehalten. Nicht, weil er sie so sehr mochte - einigen von ihnen ging er eigentlich lieber aus dem Weg - sondern einfach, weil er sie kannte. Ein neuer Job außerhalb der Organisation würde ein vollkommen neues Umfeld bedeuten und das versetzte ihn momentan zu sehr in Panik, um ernsthaft über einen Wechsel nachzudenken. Wahrscheinlich sollte er einfach ein neues Thema anschneiden, um sich nicht zu sehr den Kopf zu zerbrechen.
      Zumindest musste er feststellen, dass Thomas' Vater - Craig, es fühlte sich ein wenig seltsam an, ihn zu dutzen - sich wohl nach dem ersten Eindruck etwas gefangen hatte. Das Gespräch lief deutlich einfacher, als er gedacht hatte und weniger feindselig, als befürchtet. Zumindest schien er davon auszugehen, dass Thomas gerne bei ihm war, was ein guter Schritt in die richtige Richtung war.
      "Vielleicht ergibt sich ja irgendwann doch noch ein Karrierewechsel", schloss er das Thema mit einem Lächeln ab. Jetzt brauchte er nur ein neues Thema. Aber nichts leichter als das, oder?
      "Oh. Hast du Thomas' neuen Anzug eigentlich schon gesehen?", fragte er Craig mit einem immer breiter werdenden Lächeln, während er ihre immer noch ineinander verschränkten Hände dazu nutzte, Thomas einmal mit einem kleinen Lachen um sich selbst zu drehen.
      "Ich finde immer noch, dass er dir wirklich gut steht", wandte er sich mit einem kleinen Zwinkern an seinen Freund. Das änderte nichts daran, dass er sich jetzt schon darauf freute, die Anzüge heute abend auszuziehen und die nächsten Tage erst mal keinen Menschenkontakt zu haben.
    • Thomas

      Thomas ließ sich verlegen im Kreis drehen, die leichte Panik unterdrückend, dass sein Vater irgendwelche Gedanken auszusprechen begann, die lieber unausgesprochen blieben, aber als er wieder gerade stand, lächelte sein Vater leicht.
      „Ja, hab ich gesehen. Finde ich gut, ist mal etwas anderes. Und ich kann mir vorstellen, dass du ihn trotzdem nie wieder anziehen willst“
      Thomas schmunzelte. „Ja… naja. Ich werde mich nie ganz mit Anzügen anfreunden“, stimmte er zu.
      Auf einmal wandte sein Vater sich mit seltsamer Energie an Steve. „Thomas wollte sich bei seiner Abschlussfeier krank stellen, um den Anzug nicht tragen zu müssen. Kannst du dir das vorstellen? Hast du auch so einen Anzughass? Ich kann das überhaupt nicht nachvollziehen, aber Thomas Geschwister sind genau so. Ich dachte, Cassy explodiert im Auto. Sie hat sich die ganze Fahrt lang über ihr Kleid und die Schuhe aufgeregt. Woher kommt das nur?“
      Es kam unglaublich selten vor, dass sein Vater in einen Redeschwall geriet und Thomas fand es ziemlich witzig, dass es genau jetzt passierte, aber er war froh, dass Steves magische Sympathie auch auf ihn zu wirken schien. Man wollte eben einfach mit ihm reden. Thomas fühlte, wie er immer lockerer wurde und gleichzeitig fester Steves Hand drückte, weil er ihn am liebsten umarmen wollte.
      Sein Vater schüttelte kurz lachend den Kopf und dann sagte er: „Thomas, deine Mum meint es nicht böse, sie macht sich nur Sorgen. Wir wollen beide das beste für dich aber manchmal überschneiden sich Marys Pläne nicht mit dem, was dich glücklich macht, und sie wird ein bisschen brauchen, um sich daran zu gewöhnen“
      Oh. Das kam irgendwie aus dem Nichts. „Ja, d-das dachte ich mir schon. Solange sie das nicht nochmal an mir auslässt… Kann ich auch warten“, erwiderte Thomas etwas kleinlaut.
      „Und Gott hat dich so geschaffen, wie du bist, also hat niemand ein Recht, dich zu verurteilen. Wir waren nur überrascht, und kein Elternteil wünscht seinem Kind ein schweres Leben. Aber es ist besser, man selbst und glücklich zu sein, als es irgendjemandem recht machen zu wollen. Das weiß deine Mum auch, aber sie hat es lieber, wenn Sachen nach Plan laufen“ Sein Dad lächelte leicht und schnappte Thomas bei den Schultern. „Gib ihr Zeit. Aber wir wollen beide nicht, dass du dich deshalb distanzierst, Thomas“ Aus dem Griff an den Schultern wurde ein leichtes Klopfen, bevor er ihn wieder losließ und einen Schritt zurück trat. „Also dann, ich hab überhört, dass Leo und James schon verschwunden sind, dann solltet ihr wohl auch langsam zur geheimen Zweitparty gehen“
      Und damit verabschiedete er sich wieder und traf ein paar Schritte weiter schon auf irgendeinen Großonkel, den Thomas kaum kannte, und verfiel ins nächste Gespräch. Thomas war noch ein wenig überwältigt und von der letzten Ansage seines Vaters sprachlos, aber dieses leichte Kribbeln in seinem Körper ließ trotzdem nicht nach. Er wusste ja, dass jeder Steve lieben würde. Vermutlich stammte die Hälfte der Akzeptanz seiner Familie nur daher, dass er mit Steve hier war. Er war einfach perfekt.
      „Ich, äh, glaube wir müssen zu unserer geheimen Party“, murmelte Thomas endlich und blinzelte Steve an. „Ehrlich gesagt reicht mir pro Tag eine Party und ich kann kaum abwarten, endlich wieder mit dir alleine zu sein“ Anzüge waren ja schön und gut, aber das beste an ihnen war, sie auszuziehen. Und das würde Thomas bei der ersten Gelegenheit tun. „Aber ich fände es schön, wenn du meine Cousins kennenlernst. Nur ganz kurz zumindest. Das ist der Teil meiner Familie, zu dem ich bei jeder Familienfeier geflohen bin“ Er lächelte.
      Verrückt waren sie alle irgendwie, aber manche mehr als andere und soweit Thomas wusste, waren Leo und Aaron noch immer gute Menschen und irgendwie waren sie als Kinder wie Brüder für James und ihn gewesen, darum wäre es seltsam, wenn Steve alle kennenlernte und die beiden dann ausließ.
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    • Steve

      Offensichtlich hatte er das richtige Ausweichthema angeschnitten. Steve war unglaublich froh darüber, dass sich Craig für ein Kompliment entschied und Thomas darüber glücklich aussah. Vielleicht hatte ihr Gesprächspartner ja doch zumindest ein ungefähres Gefühl dafür, wie unglaublich toll sein Sohn eigentlich war. Mindestens einem Elternteil musste es doch früher oder später auffallen, oder?
      Steve lächelte zufrieden und musste kurz über die Story mit dem Abschlussball lachen. Er selbst war auch nicht gerade begeistert über seine Feier gewesen, aber es hatte geholfen, dass er und seine damalige Freundesgruppe ihre Klamotten mit Glitzer aufgewertet hatten. Die Bilder mussten immer noch irgendwo bei seinen Eltern hängen und der Glitzer wahrscheinlich noch in den Sofaritzen zu finden sein. Am Ende war es irgendwie doch ein netter Abend gewesen.
      Das Lächeln auf Steves Gesicht wurde etwas sanfter, als Craig die Gelegenheit nutzte, um eine kleine Akzeptanz-Rede zu halten. Immer noch etwas sehr religiös behaftet, aber offensichtlich aufrichtig und versöhnlich und das war alles, was Steve sich für Thomas erhofft hatte. Der erste Eindruck von seinen Eltern schien wirklich einfach etwas unglücklich gewesen zu sein und es bestand noch Hoffnung auf Besserung. Vielleicht sollten sie sie einfach mal zum Essen einladen, oder so, um sich nochmal in Ruhe kennen zu lernen. Wahrscheinlich brauchten sie wirklich einfach nur etwas Zeit. Obwohl er das wahrscheinlich erst mit Thomas absprechen und wahrscheinlich den weiteren Verlauf der Feier abwarten sollte. Beziehungsweise der Feiern.
      "Kann man wirklich von zwei Partys reden, wenn die eine im Rahmen der anderen stattfindet?", fragte Steve mit einem kleinen Lachen. "Partyception, würde ich sagen, oder? Wenigstens scheint dein Vater sich etwas entspannt zu haben." Er zog Thomas etwas näher an sich, um einen Kuss auf seine Schläfe zu drücken. Eigentlich hätte er ihn im Moment am liebsten einfach in eine Umarmung gezogen und nicht mehr los gelassen, aber er wollte ungerne irgendwelche Grenzen mit seiner Familie austesten.
      "Erzähl mir von deinen Cousins", bat er schließlich mit einem kleinen Lächeln. Offenbar lagen sie seinem Freund sehr am Herzen, wenn er sich immer zu ihnen geflüchtet hatte. Sicher würde es nicht allzu anstrengend werden, sie zu treffen, aber Steve wollte trotzdem zumindest ein kleines bisschen vorbereitet sein. Das letzte Bisschen Einsatz, zu sozialisieren, bevor sie nach Hause gingen und endlich wieder alleine waren.
    • Thomas

      Thomas schmunzelte. "Apropos. Wie wärs mit Inception heute Abend?", fragte er, während er Steve schon an der Hand in Richtung der Treppen lotste. Und dann überlegte er kurz. "Hmm… Leo ist so alt wie ich, verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Jedes Mal wenn ich dran denke, bin ich vollkommen verstört. Aber die zwei sind echt süß, Zwillinge. Du hast sie wahrscheinlich eh schon kurz gesehen. Und Aaron ist zwei Jahre älter und holt gerade ein Studium in Sozialer Arbeit nach während er im Büro von so einem… Jugendzentrum arbeitet. Also, sie sind beide keine Menschenfeinde und sehr umgänglich" Er lächelte Steve nochmal an, bevor er im Obergeschoss eine Tür öffnen wollte, aber durch James abgefangen wurde, der gerade aus dem Zimmer herauskam.
      "Oh. Endlich. Ich muss Aaron mal kurz suchen, weil Leo nicht mehr raus kann, ohne von Claire und Sophie entdeckt zu werden", erklärte sein Bruder und hielt Steve und ihm die Türe offen. "Bis gleich" Und dann war er weg. Drinnen saß Leo auf dem Boden, angelehnt an de Rahmen eines schmalen Bettes, das Thomas noch erkannte. Er lächelte. "Hi, wir haben uns heute noch garnicht gesehen", begrüßte er seinen Cousin und setzte sich nach kurzem Zögern gegenüber von ihm ebenfalls auf den hellen Holzboden. "Das ist Steve, mein Freund", stellte er dann seine Begleitung vor, mit unglaublicher Anstrengung, nicht zurückhaltend zu klingen. Die Überzeugung musste er sich noch antrainieren. Fake it until you make it.
      Leo sah auf. "Oh, hey, ich bin Leo", lächelte er ihm entgegen, stand aber nicht auf. "Sorry, ich bin unglaublich müde, das ist eigentlich der Hauptgrund für diese Versammlung. Eine kleine Ausrede um eine winzige… kurze Pause zu bekommen. Ich war die ganze Nacht wach"
      Ah, Redebedarf? Thomas warf Steve sofort einen kleinen wissenden Blick zu. Das war es, was er gemeint hatte. Es war völlig verrückt, darüber nachzudenken, dass Thomas locker in Leos Haut stecken könnte, hätte Leona einen Kinderwunsch gehabt. Ob er die Beziehung dann vielleicht doch selbst beendet hätte? Naja, darüber wollte er garnicht nachdenken.
      "Ah, ist irgendwas passiert?", fragte Thomas nach. Er kannte sich mit Kindern nicht besonders aus, aber mit zwei Jahren war es doch möglich, wieder durchzuschlafen, oder?
      "Claire hat sowas wie einen Sensor für besonders anstrengende Tage und in der Nacht davor gibt es dann verlässlich immer eine Mischung aus Schrei- und Weinkrämpfen, für die uns die Nachbarn wahrscheinlich auch irgendwann steinigen werden. Jedenfalls… Freund? Seit wann seid ihr zusammen?" Aus der Frage hörte man das 'Was ist mit Leona passiert?' förmlich heraus. Allerdings war der Mangel an Überraschung über die neue Information sehr erfrischend. Thomas hatte aber ausnahmsweise auch nicht wirklich etwas anderes erwartet. Seine ganze Familie bestand auch nicht aus Steinzeitmenschen. Aus Control Freaks, ja, aber selbst würde er schließlich auch nie negativ reagieren, wenn einer seiner Freunde oder Familienmitgliedern nicht heterosexuell waren, und das kam nicht von irgendwo.
      "Oh, seit… naja, garnicht so lange. Seit anderthalb Monaten? Circa?", beantwortete er die Frage. "Ähm, ich kenne Steve eigentlich schon seit ein paar Jahren, aber… ja" Er wusste nicht, was er dazu noch sagen sollte.
      "Und, wie haben deine Eltern reagiert?", fragte Leo interessiert.
      "Sie… reagieren immernoch. Es wird langsam besser", murmelte er.
      Leo nickte. "Das klingt total bescheuert, aber mutig von dir, die ganze Familie einzuweihen. Ich kann mir schon vorstellen, wie Mary reagiert hat. Meine Mum war auch nicht gerade glücklich über Aarons Coming Out, aber zumindest hat sie keine Szene gemacht. Trotzdem; genau deshalb weiß keiner davon, außer uns beiden. Und ich bin mir sicher, dass Aaron dir in etwa drei Minuten selbst davon erzählen wird, wenn er Steve kennenlernt. Darum ist es okay. Das Geheimhalten war auch nur Mums Idee" Er presste etwas genervt die Lippen aufeinander. "Mir geht die ganze Heimlichtuerei schon extrem auf den Sack, ich hoffe echt, dass eine meine Töchter einfach lesbisch wird und allen ins Gesicht schreit, wer sie ist, damit ich einen guten Grund hab, diese fünftausend Großtanten nie wieder zu sehen. Ich versteh auch nicht, warum Aaron klein bei gegeben hat, aber das ist Jahre her also haben wir uns wohl alle schon daran gewöhnt"
      Thomas war mitten in der Tirade kurz ausgestiegen und erst wieder eingestiegen, als er zustimmend nicken musste, um Leo in seiner Meinung zu unterstützen. Auf der anderen Seite konnte er Aaron auch verstehen. Christine hatte ihm vermutlich nochmal zusätzlich Angst gemacht, wann auch immer dieses Gespräch stattgefunden hatte. Und im Endeffekt… ging es auch niemanden wirklich etwas an, also musste man sich auch nicht mit Diskussionen herumschlagen, wenn man sie vermeiden konnte. Nur hatte Thomas nicht das Gefühl, dass er damit leben könnte, so etwas vor seinen eigenen Eltern zu verheimlichen und nachdem diese die größte Hürde waren, konnte es der Rest der Welt auch wissen. Aaron wollte sich vermutlich einfach ein paar familiäre Probleme ersparen.
      Trotzdem sollte Thomas langsam vielleicht mal wieder etwas sagen, aber seine Gedanken überschlugen sich ein bisschen. Er war überrascht, aber glücklich, da irgendwie nicht allein drin zu stecken, wobei… er es ja trotzdem irgendwie tat, denn Aaron hatte sonst keinem von seiner Sexualität erzählt.
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    • Steve

      Es war immer wieder spannend zu sehen, wie unterschiedlich verschiedene Leben verlaufen konnten. Steve kannte das selbst zur genüge, wenn er online alte Schulfreunde nachschlug nur um festzustellen, dass die ersten von ihnen verheiratet waren und andere schon auf ein eigenes Haus sparten, während er noch im Studium gehangen hatte. Hier schien es nicht anders zu sein. Obwohl Leo und Thomas gleich alt waren, schienen ihre Leben nicht unterschiedlicher sein zu können. Zumindest auf den ersten Blick. Leos Versuch, sich auf einer Party irgendwie ein wenig Ruhe zu stehlen, erinnerte Steve dann doch wieder an seinen Freund.
      Er begrüßte Thomas' Cousin mit einem freundlichen "Hey, freut mich" und einem kurzen Winken. Leo sah...fertig aus. Was bei zwei kleinen Kindern absolut nachvollziehbar war. Steve selbst könnte sich so ein Leben aktuell absolut nicht vorstellen. Er war ja schon damit überfordert, eine halbwegs normale Beziehung aufrecht zu erhalten, während sein Job ihn den letzten Nerv raubte - Kinder waren vorerst vollkommen ausgeschlossen und so langsam, wie Thomas und er es angingen, schien das für die nächste Zeit absolut kein Problem zu sein. Obwohl Leo nicht unzufrieden aussah, sondern einfach nur müde. Steve selbst fühlte sich aktuell nicht sehr viel besser. Es war unglaublich energieraubend, sich so viele Leute merken zu müssen und dabei irgendwie damit klar zu kommen, dass Thomas Eltern 'Immer noch reagierten', wie er es selbst so nett formuliert hatte. Der Heimweg war gerade sein einziger Lichtblick. Zumindest, bis Leo das Coming Out seines Bruders erwähnte.
      Offensichtlich war Thomas' Familie doch etwas diverser, als es ursprünglich den Anschein gemacht hatte. Gut, statistisch gesehen war es bei der Menge an Leuten auch irgendwie unwahrscheinlich, dass alle cis-hetero waren, aber zu hören, dass einer von Thomas' Cousins, denen er offensichtlich so nahe stand, ebenfalls nicht straight war, war irgendwie wirklich schön. Vor allem, weil sein Teil der Familie damit zumindest ein kleines bisschen selbstverständlicher umzugehen schien. Auch nicht ganz perfekt, aber welche Familie war das schon? Wenigstens schien die jüngere Generation offen zu sein.
      "Vielleicht wollte er dem möglichen Drama noch ein bisschen aus dem Weg gehen", merkte Steve sanft an, als Thomas offensichtlich nicht wusste, was er sagen sollte. Was...so ziemlich alles war, was er selbst zu dem Thema beisteuern konnte, immerhin kannte er die Familie nicht sonderlich gut und wollte sich auf keinen Fall zu weit aus dem Fenster lehnen. Also wechselte er stattdessen das Thema.
      "Können wir dir noch irgendwas gutes tun? Essen vom Buffet klauen, oder so? Du siehst müde aus, wenn ich das anmerken darf." Er lächelte Leo kurz verständnisvoll entgegen, auch, wenn er selbst keine Ahnung hatte, wie es war, mitten in der Nacht von Kindergeschrei geweckt zu werden. Er wurde höchstens mal wach, wenn Thomas neben ihm im Schlaf vor sich hin nuschelte, oder angetrunkene Leute vor seinem Fenster her gingen und schräg sangen.
    • Thomas

      Thomas nickte erneut zustimmend. "Ah, aber keine Sorge, ich sag keinem was. Im Nachhinein betrachtet hätte ich mir das alles auf der Hochzeit heute auch ersparen und mal klein mit meinen Eltern anfangen können, aber… naja. Zumindest ist es jetzt irgendwie erledigt", fügte er noch hinzu.
      "War anstrengend, hm? Vielleicht sollte man euch beiden lieber was gutes tun. Mehr als diesen super Zufluchtsort hier kann ich euch wahrscheinlich garnicht anbieten", meinte Leo und zuckte einmal kurz lächelnd mit den Schultern. Da ging hinter Thomas auf einmal die Türe auf. "Oh, aber vielleicht hilft das ja", sagte Leo plötzlich, den Blick auf etwas hinter ihnen gerichtet. Thomas brauchte sich garnicht mehr herumzudrehen, denn James und Aaron ließen sich bereits nebeneinander in ihren zufällig entstandenen Sitzkreis fallen, James mit einer Flasche Champagner und zwei Gläsern in den Händen, Aaron mit weiteren drei. Thomas fiel sofort ein, dass es entgegen der Meinung seines Vaters ja doch einige positive Aspekte daran gab, nicht selbst Auto zu fahren. Nachdem sie sowieso ein Taxi nehmen mussten, konnte er ja ein oder zwei Gläser trinken. Thomas lächelte Aaron dankend an, als dieser ihm 2 der Gläser gab und er eins an Steve weiterreichte. Aarons Blick folgte sogleich dem Glas.
      "Steve, oder? Ich hab da unten ein paar Gerüchte aufgeschnappt, die sich jetzt schon verbreiten", meinte er mit einem kleinen Grinsen, dann wandte er sich an Thomas. "Ich wusste garnicht, dass du so gerne im Mittelpunkt stehst. Der Thomas den ich kenne, hätte sich sein Coming Out für einen flüchtigen Skype Anruf aufgehoben, wenn überhaupt"
      "Ja, ich bin mir auch noch nicht ganz sicher, was besser gewesen wäre", antwortete Thomas belustigt. Aaron hatte auf jeden Fall recht, aber Thomas hatte selten darüber nachgedacht, wie er sich wohl bei seiner Familien outen würde, weil die ganze Sache recht spontan in seinem Leben aufgeploppt war.
      "So war es besser. Das hätte ich ganz genauso machen sollen, aber mit achtzehn hat man noch mehr das Gefühl, von seiner Familie abhängig zu sein", antwortete Aaron und kassierte einen kurzen, verwirrten Blick von James, der gerade die Gläser nach und nach auffüllte. "Ich bin Single, also hab ich für so einen Auftritt gerade keinen guten Grund, aber mein nächster Freund muss genauso leiden, wie du, Steve" Aaron lachte. "Dann können wir ja den Klub der Familien-Freaks starten, oder so. Aber, wenn ihr mich fragt, gehört da eher Jeffrey rein. Vielleicht Susan. Definitiv Alicia"
      "Hey, ich komm nicht ganz mit. Seit wann bist du bi? Schwul? Bin ich der einzige, der davon keine Ahnung hatte?" James warf einen Blick in die Runde und landete nach einem langen, fragenden, hilfesuchenden Blick auf Thomas wieder bei Aaron.
      "Ich weiß es seit ungefähr zweieinhalb Minuten, keine Sorge", erklärte Thomas. Oh Mann, der Blick hatte ihn kurz zurückversetzt. James war in ihrer Konstellation immer der jüngste und manchmal ganz untypisch unsicher gewesen, als hätte er Angst, ausgeschlossen zu werden. Was interessant war, da Thomas in 90 Prozent der Fälle in jeder Form von Gruppe derjenige gewesen war, der am Rand gestanden hatte. Aber James hatte ihn dann meistens aus Solidarität extra genervt, so quasi 'zumindest bist du jetzt nicht alleine'. Wie dankbar Thomas ihm dafür genau war, wusste er immer noch nicht. Aber es hatte ihm zumindest immer ein wenig das Gefühl gegeben, das sie auf der selben Seite waren.
      "Bisexuell, James. Erinnerst du dich nicht an Zehnte-Klasse-Emma? War zwar auch ein Fehler, aber aus anderen Gründen", meinte Aaron. Oh, ja, Emma, die einzige Freundin Aarons die Thomas je kennengelernt hatte und er war einfach davon ausgegangen, dass er seitdem zu traumatisiert war, um wieder Beziehungen einzugehen. Aber, offensichtlich waren sie einfach heimlich gewesen.
      "Bis jetzt wussten es auch nur meine Mum und Leo. Oh, aber, falls dir jemand blöd kommt, Thomas, dann kann das ja mein guter Grund fürs Outing sein. Ich meine, ich steh gern mit dir an der Front. Ist nur alles irgendwie ein bisschen traurig, wenn man keinen heißen Freund vorzuweisen hat- und mit ner Freundin wäre es irgendwie unglaubwürdig, oder? Ich weiß nicht, ob unsere Familie das Konzept 'Bi' wirklich geschnallt hat. Aber für dich mach ichs!" Und da war es wieder, das laute, irgendwie ansteckende Aaron-Lachen. Thomas war das alles zwar etwas zu peinlich, um richtig mitzulachen, aber die Stimmung wurde definitiv wieder lockerer.
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    • Steve

      Steve verstand auf Anhieb, warum Thomas sich immer gerne zu seinen Cousins geflüchtet hatte. Die beiden machten einen wirklich guten ersten Eindruck - zumindest das, was er aktiv von ihnen mitbekam, bevor der Gedanke, der Mittelpunkt der Gerüchteküche zu sein, ihn in eine kleine Starre und leichte Panik versetzte. Er hatte natürlich damit gerechnet, dass das passieren würde, aber es aktiv bestätigt zu bekommen, war irgendwie nochmal etwas ganz anderes. Der einzige kleine Lichtblick war, dass Thomas selbst nicht sonderlich beeindruckt von dem Gerede seiner Familie zu sein schien. Was bei seiner Familie irgendwie nachvollziehbar war, Steve aber trotzdem ein wenig überraschte. Er hatte Thomas deutlich mehr Panik und Nervosität zugetraut. Gut, vielleicht war er selbst auch einfach zu gewohnt, seinen Freund mit Samthandschuhen anzupacken. Eventuell sollte er irgendwann mal daran arbeiten.
      Abgesehen davon war es wirklich sehr viel entspannter hier zu sitzen, als sich unten in das Getümmel der anderen Gäste zu werfen. Zwar hielt die Tür nicht den ganzen Lärm von ihnen ab, aber die wenigen Stimmen und gelegentlichen Lacher, die noch leise durch das Holz zu ihnen hinein summten, waren gedämpft und damit wunderbar erträglich. Trotzdem hoffte Steve, dass niemand anderes in Thomas' Familie so schnell vor hatte, zu heiraten.
      "Ich würde dem ganzen vielleicht etwas Zeit geben, bevor Fronten aufgebaut werden", merkte Steve mit einem Lachen an, während er mit dem Glas zwischen seinen Fingern spielte. Jetzt, wo ein bisschen Ruhe reingekommen war, war er sich nicht ganz sicher, ob Thomas ihm nicht schon mal ein Bild von seinen Cousins gezeigt hatte. Bestimmt, irgendwann mal im Verlauf ihrer nun doch schon recht langen Freundschaft. Oder die ganze Familie sah sich einfach zu ähnlich. "Vielleicht klappt es bis dahin ja auch mit dem heißen Freund", schob er nach. "Behalte deinen Freundeskreis mal im Auge. Manchmal sind die nächsten Dates näher, als man denkt." Er grinste, bevor er es sich nicht nehmen lassen konnte, Thomas einen schnellen Kuss auf die Schläfe zu drücken. Was sich im Kreise seiner Familie zum Glück nur ein kleines bisschen seltsam anfühlte.
      "Wie hast du deine Frau kennen gelernt?", fragte er an Leo gewandt, um die Konversation nicht abreißen zu lassen. Es war immer wieder ein wenig seltsam, in eine Gruppe hinein zu kommen, in der sich schon alle gegenseitig kannten. Steve konnte sich noch genau an die Nervosität aus seinen ersten Tagen bei MLO erinnern, als fremde Leute ihn vor anderen fremden Leuten gewarnt, oder über sie hergezogen hatten. Man hatte das Gefühl, immer einen Schritt zurück zu liegen. Obwohl die kleine Gruppe hier ihm tatsächlich recht offen vorkam.
    • Thomas

      „Ahhh, ich weiß nicht, eure Story klingt irgendwie nach etwas, das man in einem Roman liest. Gibt‘s dafür nicht einen Namen? Friends to lovers? Ihr kennt euch doch schon ewig, nicht?“, erwiderte Aaron gleich.
      „Ewig… naja, seit ein paar Jahren. Vier?“, meinte Thomas und warf Steve einen kleinen, fragenden Blick zu, aber generell war es einfach beruhigend, Steve hin und wieder anzusehen und sich nochmal bewusst zu werden, dass er bei ihm war.
      Auf den kleinen Kuss reagierte Aaron mit einem unüberhörbar lauten Seufzen und James lachte leicht in sein Glas hinein. Thomas wollte ein bisschen im Boden versinken, aber alternativ rutschte er sogar noch ein Stück näher, irgendwie um Solidarität zu seinem Freund zu zeigen. Was Steve nämlich nicht wusste, war, dass das hier eigentlich eine Beziehungsfreie Zone war. Zumindest war sie das, als sie alle noch jugendlich waren und sich über ihre Freundinnen aufregen mussten, wie Pubertierende das so machten. Aber Thomas war von Anfang an klargewesen, dass Steve und er heute zusammengeschweißt waren und seine Familie konnte sich ein einziges Mal damit abfinden. Immerhin kam es nicht oft vor, dass Thomas sich so wohl in jemandes Nähe fühlte, dass er die Person 24 Stunden am Tag um sich haben wollte. Es fühlte sich fast an, als würden sie langsam zu einem Menschen werden. Man bekam sie halt nur mehr im Doppelpack.
      „Vanessa“, begann Leo und löste die kleine Welle aus Kichern und Augenrollen endlich ab, „und ich haben uns vor vier Jahren auf einem Konzert zufällig kennengelernt. Eigentlich bloß in der Schlange für die Getränke. War nichts besonderes, aber sie hat mir gefallen und später hat sich herausgestellt dass ihre Persönlichkeit auch nicht ganz übel ist“ Leo grinste leicht. „Eigentlich waren die Zwillinge auch nicht geplant, aber man nimmt die Dinge wie sie kommen. Und wir sind echt glücklich, also wenn die zwei uns nicht mehr ganz so viel Energie kosten, heiraten wir. Vielleicht in ein, zwei Jahren“
      Das klang wirklich wie jede x-beliebige Kennenlerngeschichte, aber Thomas hatte Vanessa schon ein oder zwei Mal kurz getroffen und sie schien wirklich nett zu sein. Auch wenn er nur den Facebook Posts nach urteilen könnte, ob sie wirklich glücklich mit ihrer kleinen Familie waren, aber Thomas hatte keinen Grund, es nicht zu glauben. Sie arbeiteten beide und bekamen mindestens die Unterstützung von Leos Mum und Aaron, hatten also auch keine Geldprobleme und bestimmt hin und wieder Zeit füreinander. Aber so schön das auch klang, Thomas war froh, dass Steve und er ihr Leben so schneckentempomäßig angingen und einfach Zeit hatten, größtenteils sorgenfrei zusammen zu sein. Und was irgendwann in der Zukunft kam… Naja, darüber würden sie sich früh genug Gedanken machen. Solange waren sie ja auch noch garnicht zusammen.
      „Aber hey, Thomas, wohnst du immernoch in London? Ness und ich arbeiten ja beide in der Stadt, und wir haben endlich ne richtig gute Wohnung zum kaufen gefunden. Mit vier Zimmern und allem, aber total leistbar. Du kannst deine Nichten… Großnichten? ja auch mal besuchen, wenn dir langweilig ist. Aaron hat mit dem Studium jetzt sowieso so viel zu tun, dass er zum Babysitten immer wie eine wandelnde Leiche auftaucht“, unterbrach Leo seinen Gedankenschwall.
      „Oh, klar. Eigentlich wohnen Steve und ich auch zusammen“, erwiderte Thomas. Und eigentlich wurde er gerade zwar nur zu einem unbezahlten Job verdonnert, aber er hatte kein Problem damit, auf Kinder aufzupassen und ehrlich gesagt sollte er sich wohl wirklich mal drum kümmern, eine Beziehung zu seinen Großnichten aufzubauen.
      „Oh, danke für das Kompliment“, warf Aaron etwas sarkastisch ein. „Aber wir sollten alle mal was trinken gehen, oder so. Manchmal vergesse ich, dass ich außer Leo noch andere Familienmitglieder hab, von denen ich mich ausnutzen lassen kann. Obwohl, das traue ich sowieso nur James zu“
      „Hey“ James hob den Kopf von seinem Glas. Dann schien ihm aber ein neuer Gedanke zu kommen. „Oh, aber dann bringe ich mal Cleo mit, Leo bringt Ness und Thomas Steve und vielleicht findet irgendeiner von uns noch wen, mit dem wir Aaron verkuppeln können, damit es nicht so traurig ist“
      Aaron legte einen Arm um James und sah ihn eindringlich an. „Das ist die erste gute Idee, die du je hattest“, murmelte er.
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