The Hero and the Thief [Nao & Stiftchen]

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    • Caleb

      Fuck.
      Caleb hatte das Gefühl, dass sein kompletter Kreislauf sich von ihm verabschiedete. Als würde alles in ihm irgendwie nach unten sacken, während bloße Panik von ihm Besitz ergriff. Er brachte instinktiv stolpernd wieder etwas Abstand zwischen sich und Richard, bereit, seinen Schild hochzureißen, wenn er ihm zu nah kommen würde. Diese Lektion hatte er schon vor Jahren schmerzlich gelernt und gerade war er sich ihren Größenunterschied überaus bewusst.
      Er konnte seinen eigenen Herzschlag in seiner Brust fühlen, zu schnell, zu laut, zu panisch. Er versuchte irgendeinen Ausweg aus der Situation zu finden, fand allerdings keinen. Es gab nichts, womit er sich rausreden könnte, keine logischen Ausflüchte, oder witzige Zufälle.
      "Ich wollte nicht mehr hier sein, wenn es dir auffällt", wehrte er sich. Er wusste nicht, wieso. Eigentlich änderte es nichts an der Situation und Richard würde es wahrscheinlich herzlich wenig interessieren, was Cals ursprünglicher Plan gewesen war. "Und wenn der Schnee nicht gewesen wäre, hätte ich mehr als genug Zeit dafür gehabt. Es hat lächerlich lange gedauert, bis es bei dir geklickt hat. Vielleicht solltest du mal über einen Jobwechsel nachdenken." Schrecklicherweise riet eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf ihn immer noch, sich zu entschuldigen und um Vergebung zu betteln. Er ignorierte sie, während er den Blick fest auf Richard gerichtet hielt. "Dein Chef ist bestimmt begeistert zu hören, wie du fast einen Stein verloren hättest, weil du einen vollkommen fremden Typen in einer Bar abgeschleppt hast." Er sprach mit einem Selbstbewusstsein, das er eigentlich nicht hatte, jedes Wort wie ein Projektil, das sein Gegenüber verletzen sollte. Alles, um die Stimme in seinem eigenen Kopf auszublenden.
      "Wäre ich naiv, hätte ich gestern Abend versucht, dich für den Stein zu bestechen und es auf mein Glück ankommen gelassen." Vielleicht wäre das der bessere Weg gewesen. Eine kürzere Auseinandersetzung und klarere Linien. Es war Richards Interesse gewesen, die ihn zu Fall gebracht hatte. Der Fakt, dass jedes bisschen Aufmerksamkeit in seine Richtung sich zu schön angefühlt hatte, um wahr zu sein.
      "Was willst du jetzt tun, Richard? Mich festnehmen? Es steht Aussage gegen Aussage. Ich kann dir versprechen, dass ich heute Abend schon wieder zurück in meiner Wohnung wäre."
    • Richard

      Nicht hier sein, wenn es ihm auffiel?! Richard stieß ein ungläubiges Lachen aus. Dass er das so offen zugab, machte es wirklich nicht besser, auch wenn es nichts mehr gab, das er leugnen konnte. Allerdings schien Caleb ein Talent dafür zu haben, seine eigene Situation zu verschlimmern. Ihn zu beleidigen würde ihn nicht weiterbringen.
      Richard verschrenkte die Arme. „Du bist mit mir nachhause gegangen, um mir einen Stein zu klauen“, wiederholte er, um sicherzugehen, dass er das richtig verstanden hatte. Das glaubte Cal aber selbst nicht, oder? Warum war er dann nicht einfach in der Nacht abgehauen? Stattdessen setzte er zehn Mal nervös an, sein Haus zu verlassen, und tat es dann nicht. „Kann es sein, dass das dein erster Diebstahl ist?“, fragte er perplex. Anders konnte es kaum sein. Alles an diesem Plan war vollkommen bescheuert. Allerdings konnte Richard nun davon ausgehen, dass Caleb von vornherein gewusst hatte, um welche Art von Stein es sich handelte. Sonst hätte er sich wohl kaum so viel Mühe gegeben. Also… was, hatte er eine dieser Begabungen, die ihn die Eigenschaft eines Steins erraten ließ?
      „Nur, um sicherzugehen. Meintest du nicht, dass deine Eltern verdammt viel Geld haben? Gibt dir Stehlen einfach einen Kick? Dafür siehst du gerade ein bisschen zu zittrig aus. Was willst du überhaupt mit dem Stein? Dir müsste längst aufgefallen sein, alleine an der Größe, dass er die Zeit nicht um mehr als ein paar Sekunden manipulieren kann. Dein armseliges Leben hätte das auch nicht großartig verändert“ Richard fragte sich einen Moment lang, warum er überhaupt mit Caleb diskutieren wollte. Es machte ihn bloß wütender und wütender. Der Vorschlag, ihn festzunehmen, war garnicht so schlecht. Allerdings würde das ziemlich nach hinten losgehen, sobald man hintefragte, warum Richard in erster Linie überhaupt einen Zeitmanipulierenden Stein besaß. Offiziell war er schließlich Held, sonst nichts.
      „Aussage gegen Aussage… Das Risiko würdest du eingehen wollen?“ Er grinste leicht. „Denkst du nicht, dass meine Aussage mit ein bisschen mehr Kredibilität einhergeht?“ In jedem anderen Fall würde er keine zwei Sekunden mit einer Anzeige zögern. Und wenn das nichts brachte, würde er einfach so lange nach Dreck in Calebs Vergangenheit suchen, bis es irgendeinen Grund gab, ihm eine Strafe aufzuhalsen. Aber das konnte er ja immernoch tun. Nur hatte er deutlich besseres zu tun, als minderwertigen Dieben hinterher zu laufen, die ihren Job nicht einmal zuende brachten.
      „Ich nehme dich nicht fest, ich hab frei“, sagte Richard letztlich ruhig. „Und ich sehe es ein bisschen als Kompliment, dass ich dich mit meinem Körper davon abgehalten habe, den Diebstahl zuende zu bringen. Und das, ohne dich überwältigen zu müssen. Du bist mir quasi auf den Schoß gesprungen. Also… ich wünsche dir viel Spaß im Schneesturm, falls du immernoch abhauen willst. Aber nachdem ich den Stein zurückhabe, solltest du jetzt ja weniger gestresst sein, oder? Ich bin kein Arschloch, also kannst du hier warten, bis du ein Taxi findest. Oder du verpisst dich einfach gleich, ich halte dich nicht auf. Oh-“ Er hob sein Shirt vom Boden auf und zog es sich wieder über den Kopf. „So, jetzt solltest du in der Lage sein, zu gehen“, fügte er hinzu und lächelte.
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    • Caleb

      Wenn die Situation an sich nicht so ernst wäre, hätte Caleb es fast niedlich gefunden, dass Richard dachte, dass es auch nur den Hauch einer Chance gab, dass dieser Tag rechtliche Konsequenzen für ihn haben würde. Seine Familie war bereits in weitaus größere Fälle verstrickt gewesen und bisher immer vollkommen problemlos wieder herausgekommen. Sie kannten ihre Anwälte. Sie wussten, was sie sagen und wie sie sich vor Gericht verhalten mussten. Wenn man sie nur oft genug mitmachte, verloren Gerichtsverhandlungen ihren Reiz. Vor allem, wenn man vorher bereits wusste, wer im Raum geschmiert worden war und wie sie enden würden.
      Aber Richard hatte keine Ahnung, wer er war, wer seine Familie war und wie viele weitaus bessere Helden sich schon weitaus mehr Zeit genommen hatten, sie wegen irgendetwas dran zu kriegen, nur um daran zu scheitern. Die meisten von ihnen lebten nicht mehr, um ihm davon zu erzählen. Und Caleb würde es ihm sicher nicht auf die Nase binden. Nicht jetzt, wenn Richard aus irgendeinem Grund entschieden hatte, dass ihn der versuchte Diebstahl offensichtlich nicht interessierte.
      "Fünf Sekunden", korrigierte Caleb. "Der Stein dreht die Zeit um fünf Sekunden zurück. Sieben, wenn du ihn ausreizt. Vielleicht solltest du das in nächster Zeit nutzen, um länger darüber nachdenken zu können, wer dir auf den Schoß springt. Aber du scheinst in deiner Verzweiflung ja alles zu nehmen." Er hasste es. Er hasste es, dass die Situation so war, wie sie war. Er hasste es, dass Richard so tat, als ob Caleb der einzige war, der gestern diese seltsame Chemie zwischen ihnen gespürt hatte.
      Er konnte praktisch fühlen, wie all die Erinnerungen an letzte Nacht, die ihm eben noch so den Kopf verdreht hatte, einen faden Beigeschmack bekamen. Er wollte nur noch weg. Raus aus der Situation. Der Schneesturm war doch die bessere Alternative. Wäre er von Anfang an gewesen. "Ich würde an deiner Stelle zumindest nicht davon ausgehen, dass jemand wegen deiner Persönlichkeit mit dir geht." Damit war irgendwie alles gesagt, nicht? Caleb presste seine Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, drehte sich von ihm weg und verließ den Raum. Seine Gedanken rasten immer noch vollkommen durcheinander, während er in seine Schuhe schlüpfte und im Vorbeigehen seine Jacke von dem Fleck aufhob, an dem sie sie gestern Abend noch so sorglos fallen gelassen hatten. Mit ein bisschen Glück würde er draußen vielleicht wirklich erfrieren und musste sich zumindest nicht für den Rest seines Lebens mit den Erinnerungen an diesen beschissenen Tag rumschlagen.
    • Richard

      „Ich weiß nicht, das klingt für mich, als hättest du dich gerade selbst beleidigt“, lachte er, als Caleb ihm empfahl, sich zwei Mal zu überlegen, wen er abschleppte. „Nur dass du‘s weißt, mein Typ bist du auch nicht unbedingt, aber da sind wir wohl auf einer Wellenlänge“ Er lief ihm hinterher, als er aus dem Badezimmer ging. Nur um sicherzugehen, dass er auf dem Weg raus nicht noch etwas mitgehen ließ. Mann, was hatte er sich da für einen keifenden Chihuahua angelacht? Caleb war definitiv nicht der erste, der ein Problem mit Richards Persönlichkeit hatte, da musste er sich wirklich bessere Beleidigungen überlegen, wenn er es schon darauf ansetzte, ihn wütend zu machen. Außerdem wirkte er selbst auch nicht wie jemand, der von innen glänzte. Das war jedenfalls das gute an One Night Stands, niemand ging mit irgendjemandem wegen seines Charakters nachhause.
      „Du willst also echt in dem Wetter nachhause gehen?“, fragte Richard während er Caleb dabei zusah, wie er seine Schuhe anzog. Naja, ehrlich gesagt wollte Richard ihn sowieso ungern länger hier behalten, wenn er ständig ein Auge darauf haben musste, ob er noch irgendetwas einsteckte. „Dann hat sich das mit dem zufälligen Widersehen wahrscheinlich auch geklärt“, murmelte er. Die Aussage war vielleicht ein wenig makaber, aber wenn tatsächlich Autos unterwegs waren, die blind die Straßen entlang fuhren, hatte Caleb schlechte Chancen, in einem Stück zuhause anzukommen. Aber je kleiner die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich je wieder über den Weg liefen, desto besser. Es nervte Richard unheimlich, dass er darüber nachgedacht hatte, nach seiner Nummer zu fragen. Aber natürlich musste die erste Person, die er nach einer Ewigkeit mal nicht unausstehlich fand, ein Dieb sein. Er hatte nicht nur eine grenzwertige Ähnlichkeit mit Ezra, sondern hatte wohl auch dieselbe Berufung gewählt. Richard merkte, wie er begann, mit den Zähnen zu knirschen, während er darauf wartete, dass Cal aus der Tür raus war.
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    • Caleb

      "Oh, besser tot, als weiter hier", kommentierte Caleb flach, während er seine Jacke schloss. "Jede Vorhölle ist angenehmer, als deine Gesellschaft." Er warf einen letzten Blick auf Richard. In einem anderen Universum, nach einer anderen Entscheidung, hätte er jetzt in seinem Bett liegen können. Er war fast erleichtert, als er realisierte, dass der Gedanke nicht mehr ganz so verlockend war, wie vor ein paar Minuten noch. Er war ein überhebliches, selbstverliebtes Arschloch, mehr nicht. Caleb sparte sich die Abschiedsworte. Er zog die Wohnungstüre mit einem Knall hinter sich ins Schloss und beeilte sich, aus dem Hausflur zu kommen.
      Die Kälte, die ihn draußen empfing, war schneidend. Der Schnee war beinahe kniehoch und nur wenige Fußstapfen zeugten von anderen Menschen, die ebenfalls raus gegangen waren - die meisten nur bis zu ein paar der Mülltonnen, die an der Straße standen. Cal schob seine Hände in seine Taschen und atmete tief durch. Die Luft brannte in seinen Lungen. Irgendwie half ihm das.
      Er war zwei Blöcke weit gelaufen, bevor er realisierte, dass er keine Ahnung hatte, wo er überhaupt war. Zwei Blöcke, bevor er sein Handy zückte, um sein Navi anzuschmeißen und dabei bemerkte, dass er einen Anruf von Niamh verpasst hatte. Cal seufzte frustriert, ignorierte den Anruf und rief die Karte auf, was seine Stimmung nicht unbedingt hob. Taxen schien er bei dem Wetter tatsächlich vergessen zu können, aber die U-Bahn fuhr. Er stieg vorsichtig die Treppen zur nächsten Station hinab, in der tatsächlich ein bisschen Leben herrschte. Ein paar andere Menschen standen bereits am Gleis und warteten, während eine kleine elektronische Anzeige darauf hinwies, dass die Züge aufgrund der Wettersituation in unregelmäßigen Abständen fahren würden. Was ihm momentan vollkommen egal war. Er steuerte den hinteren Teil des Gleises an und sah wieder auf sein Handy. Kurz war er versucht, Niamh zurück zu rufen, einfach, um mit jemanden reden zu können, dann entschied er sich dagegen. Er brauchte ein paar Stunden, um selbst mit der Situation klar zu kommen, bevor er mit seiner Schwester lästern könnte.
      Stattdessen tippte er auf seinen Webbrowser. Er war schon viel zu lange in London geblieben. Vielleicht war das das Problem. Vielleicht war es Zeit, wieder zurück nach Dublin zu fliegen und einfach Abstand zu bekommen. Er konnte Ezra auch wunderbar aus der Ferne auf die Nerven gehen, seine Eltern waren eh in Manchester und Dublin kannte er gut genug, um allen aus dem Weg zu gehen, die er nicht sehen wollte. Dublin. Das klang nach einem Plan, nicht? Er atmete erneut tief durch und begann, die Flüge der nächsten Tage durchzugehen.
    • Thomas

      Für einen Moment war Thomas sich gestern Vormittag nicht sicher gewesen, ob er sich darüber freuen sollte, dass das Abendessen bei Steves Eltern verschoben wurde. Um einen Tag… Und jetzt wusste er definitiv, dass er sich gefreut hatte. Die Freude schwand nämlich mit jeder Stunde, die sie näher an das Treffen brachte und in der keine unnatürlichen Massen Schnee vom Himmel fielen.
      Auf der anderen Seite war er nun schon seit über 24 Stunden so angespannt, dass er mit seinem Körper Elektrizität erzeugen könnte. Warum machten sie das nochmal? Steve und er waren noch nicht so lange zusammen, dass es wirklich notwendig war, seine Eltern zu treffen, oder? Auch, wenn sie theoretisch seit Jahren befreundet waren und Thomas bei ihm eingezogen war. Schön, vielleicht hatten sie einen Punkt, ihn kennenlernen zu wollen. Und es war nicht so, als würde er das nicht auch wollen, er hatte nur Panik, sich komplett zum Affen zu machen. Ihm fiel noch nichtmal ein Worst Case Szenario ein, weil er sich immer wieder selbst damit überraschte, wie peinlich er sein konnte. Im schlimmsten Fall sah Steve ihn am Ende mit völlig anderen Augen. Thomas konnte sich bereits seinen verstörten Gesichtsausdruck vorstellen und das anschließende 'Das war ein Fehler. Du bist ein furchtbarer Mensch. Meine Eltern halten mich jetzt für verrückt'. Oh Gott.
      "Deine Eltern werden mich hassen", sagte er aus dem Nichts zu Steve, als er sich das Hemd zuknöpfte. Das Weihnachtsgeschenk, für das er immer dankbarer wurde. "Wieviele Menschen hast du ihnen eigentlich schon vorgestellt, die sie am Ende lieber mögen werden, als mich? Ich will nur einschätzen können, wie unbeliebt ich mich machen kann. Wie lang ist die Liste, auf der ich den letzten Platz machen werde?" Er steigerte sich schon seit einer Weile völlig in die Situation rein, irgendwann musste er damit herausplatzen. Aber es war nicht so, als wären seine Panikschübe nicht von einem gewissen Bekanntheitsgrad. Wie konnte Steve ihm das antun? Thomas würde es nicht ertragen, wenn Steves Mutter einen Blick auf ihn warf und dann sagte 'Wieso hast du mit Alex Schluss gemacht?! Ihr hättet heiraten sollen! Du bist eine Enttäuschung'. Vielleicht war Steve tatsächlich nicht ganz dicht, wenn er dachte, dass es eine gute Idee war, Thomas seinen Eltern vorzustellen.
      Wieso fühlte sich seine Lunge plötzlich so eng an? Hyperventilierte er? Oh, gut, dann starb er vielleicht, bevor sie ankamen.
      Mit einem leicht weinerlichen Seufzen ließ er sich aufs Bett fallen, indem er unrechtmäßig schlief. Aber, naja, vielleicht war das ja spätestens morgen auch vorbei. Nur musste er dann wahrscheinlich für den Rest seines Lebens wach bleiben, weil er definitiv nicht ohne Steve schlafen konnte. Waren seine Exfreunde auch so anhänglich gewesen oder war Thomas einfach herausstechend armselig?
      Er klatschte sich beide Hände ins Gesicht, als könnte er sich damit vor dem Grauen verstecken, das auf ihn zukam. "Wieso tust du mir das an?", nuschelte er.
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    • Steve

      Blau, oder Orange? Steve sah grübelnd auf die beiden Jacken vor sich, unsicher, welche er anziehen wollte. Die orangene war bequemer, aber die blaue stand ihm besser. Sicher, es war nur ein Essen bei seinen Eltern und in jeder anderen Situation hätte er Komfort über Aussehen gestellt, aber er musste zugeben, dass er vielleicht ein bisschen Hoffnung hatte, Thomas zu beeindrucken. Thomas, der aus dem Nichts anfing, sich in eine kleine Panikattake reinzureden und Steve damit so aus der Bahn warf, dass er die ersten paar Sekunden nur irritiert zuhören konnte. Er kannte wirklich niemanden, der selbstzerstörerischer unterwegs war, als sein Freund. Wenn Thomas dabei nicht jedes Wort so furchtbar ernst meinen würde, müsste Steve fast lachen.
      “Tommy”, setzte er an, während er die Jacken liegen ließ und sich stattdessen zu ihm umdrehte. Er lag auf dem Bett, als würde er darauf warten, jede Sekunde zu versterben. “Du bist der größte People-Pleaser, den ich kenne. Es ist unmöglich, dich nicht zu mögen. Meine Eltern werden dich so oder so lieben. Die mochten dich schon, als wir noch befreundet waren und ich ihnen nur von dir erzählt habe.” Gut, wahrscheinlich waren sie damals einfach nur froh zu hören, dass er überhaupt Freunde hatte, die er ab und an auch mal offline traf.
      Er ließ sich neben Thomas auf das Bett sinken, drehte seinen Kopf in seine Richtung und griff nach seiner Hand, um sie bestätigend zu drücken.. “Sie sind wirklich umgänglich”, versicherte er, versucht, einen Scherz zu machen, den er nur ließ, weil er befürchtete, dass er Thomas am Ende versehentlich noch mehr Panik machen würde.
      Dabei waren seine Eltern wirklich nichts, wovor man Panik haben musste. Bisher hatten sie jeden Freund geliebt, den er mitgebracht hatte, einfach, weil sie ihn glücklich gemacht hatten und bei Thomas würde es definitiv nicht anders sein. Ihre Beziehung mochte nicht die natürliche Leichtigkeit haben, die er sonst gewohnt war, aber glücklich war er auf jeden Fall.
      “Hör auf, dir so viele Sorgen zu machen”, beschwichtigte er sanft, während er mit dem Zeigefinger auf Thomas’ Nasenspitze tippte. "Du bist eine wundervolle Person und ich freue mich schon darauf, heute abend wieder mit dir auf dem Sofa zu kuscheln, egal, was passiert." Am liebsten würde er das Essen einfach absagen und direkt zum Sofa übergehen, aber seine Mutter hatte leider darauf bestanden. Wenn er Thomas schon nicht zu Weihnachten mitgebracht hatte, wollte sie ihn wenigstens jetzt kurz kennen lernen. Seine Eltern interessierten sich einfach zu sehr für sein Leben. Er bekam jetzt schon Kopfschmerzen, wenn er an all die Fragen dachte, die sie ihnen stellen würden.
      Steve gab sich einen Ruck und setzte sich wieder auf. "Es wird schon alles gut", entschied er und wusste dabei nicht genau, ob er mit Thomas, oder sich selbst sprach. Er lehnte sich über seinen Freund, um ihm einen Kuss auf die Lippen zu drücken. "Und jetzt hilf mir zu entscheiden, welche Jacke ich anziehen soll."
    • Thomas

      Wenn er nicht so am verzweifeln wäre, dann hätte ihn der Kuss in Kombination mit Steves Worten wohl zum Schmelzen gebracht. Thomas wartete einen Moment und starrte gen Decke, bevor er sich aufsetzte. Er sollte sich wirklich weniger Sorgen machen, weil das bloß zu einer Abwärtsspirale führte, aber das war leichter gesagt als getan.
      "Blau", antwortete Thomas, immernoch ein wenig in Gedanken. "Ich zieh einen dunkelroten Wollpullover drüber an. Besser wir flashen deine Eltern nicht mit der grauenvollsten Farbkombi, die man sich vorstellen kann", murmelte er. Wenn er so darüber nachdachte, war es wirklich schrecklich anstrengend, andauernd auf jedes Detail zu achten, um nichts falsch zu machen. Aber er konnte Steves auch nicht beim Wort nehmen, dass seine Eltern ihn wirklich wegen nichts verurteilen würden. Vielleicht sagte er das nur so. Steve würde wahrscheinlich alles sagen, um Thomas den Stress zu nehmen. Aber nachdem es zwischen ihnen endlich mal gut zu laufen schien und die schiere Nervosität langsam schwand, war es ja nur natürlich, dass Thomas sich das nächste Problem suchen musste, das ihm den Verstand rauben konnte. Mit Steve mochte alles passen, aber es gab immernoch etliche andere Menschen, denen er es recht machen wollte. Auch wenn das bei weitem nicht mehr so dramatisch war, wie sich Sorgen um seine Beziehung zu machen. Trotzdem wollte er gut bei Steves Eltern ankommen. Er wollte seinem Freund keinen Grund geben, die Beziehung infrage zu stellen und manche Menschen legten nunmal viel Wert auf die Meinung ihrer Familie.
      "Okay, merk dir deine eigenen Worte", sagte Thomas während er aufstand. "Egal was passiert. Daran erinnere ich dich, wenn irgendetwas Grauenvolles passiert, das wir uns momentan noch nicht einmal vorstellen können" Er sah Steve eindringlich an und zog sich dann seinen Pullover als zweite wärmende Schicht über den Kopf. "Und lass uns bitte ein Taxi nehmen. Die Luft ist so kalt, dass sie eher zum Ersticken als zum Atmen geeignet ist"
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    • Steve

      Dieses mal konnte Steve nicht verhindern zu lachen. Thomas' Drohung war wohl nicht mal halb so wirksam, wie er es sich gedacht hatte. Steve war sich vollkommen sicher, dass nichts passieren könnte, was dazu führen würde, dass er Thomas je weniger lieben könnte. "Ich werde dran denken", versprach er, während er nach der blauen Jacke griff und sie sich über zog. Es war wohl wirklich keine schlechte Idee, ein Taxi zu rufen. Es war zu glatt, um mit dem Motorrad zu fahren und er wollte nicht durch die Kälte zur nächsten Straßenbahn laufen. Er konnte nur hoffen, dass Thomas während der Fahrt nicht noch nervöser werden würde.

      Die Taxifahrt verlief einigermaßen unproblematisch. Der Schnee war weit genug weggetaut, um eine gute Geschwindigkeit zuzulassen und der Taxifahrer war keiner der übermäßig gesprächigen Typen. Steve beschränkte sich darauf, Thomas' Hand zu halten in der Hoffnung, seine Nervosität irgendwie zu beschwichtigen. Mit mäßigem Erfolg - irgendwie schwappte seine Nervosität ein wenig auf Steve über. Was ein seltsames Gefühl war. Er war noch nie nervös darüber gewesen, jemanden mit nach Hause zu bringen.
      Er kam vor der Tür kurz zum stehen, lächelte Thomas nochmal aufmunternd zu und klingelte, mehr um sich anzukündigen, als darauf zu warten, dass die Tür aufging, immerhin hatte er immer noch seinen alten Haustürschlüssel. Aber seine Mutter öffnete, bevor Steve auch nur die Chance hatte, nach seinem Schlüssel zu kramen.
      "Hey Stevie!", grüßte sie, bevor sie ihren Sohn in eine kurze Umarmung zog und ihn anschließend bestimmt zur Seite schob und zu Thomas sah. Steve seufzte und bereitete sich auf den Wahnsinn vor.
      "Mom, das ist Thomas, Thomas, das ist meine Mom."
      "Du kannst mich gerne Janisha nennen. Freut mich, dich kennen zu lernen", grüßte seine Mutter, während sie Thomas die Hand entgegen hielt und sie beiden anschließend an sich vorbei ins Haus winkte. "Kommt rein!"
      "Wo ist Dad?", fragte Steve. Vielleicht könnte sein Vater wenigstens ein paar der drohenden Fragen stoppen, bevor seine Mutter zu sehr in Fahrt kam.
      "In der Küche. Er hat mich rausgeworfen, als ich helfen wollte. Wie war die Fahrt hier hin? Es ist so kalt geworden die letzten Tage." Sie wartete nicht auf eine Antwort, bevor sie zu Thomas sah. "Wie war dein Weihnachten? Steve hatte schon erzählt, dass du mit deiner Familie gefeiert hast. Ich hoffe, es war schön." Sie führte sie durch das Wohnzimmer ins Esszimmer, das bereits gedeckt war. Mittlerweile gab es keine Weihnachtsdeko mehr, nur der eigenwillige Stil seiner Eltern.
    • Thomas

      Mit jedem Meter und jedem Schritt in Richtung der Haustür von Steves Eltern schien Thomas Nervosität zuzunehmen, bis er letztendlich ein leichtes Zittern in den Händen spürte. Es war vielleicht ein wenig lächerlich aber die ganzen überdramatischen Gedanken von vorhin wirkten immer weniger überdramatisch und Thomas bekam immer mehr Angst, dass Steves Eltern ihn hassen würden, was bestimmt irgendwelche unangenehmen Konsequenzen nach sich ziehen würde, auch wenn Steve nicht direkt mit ihm Schluss machte. Was würde denn aus Familienfeiern werden? Obwohl es Thomas ja irgendwie zugute kommen würde, zu nichts eingeladen zu sein, damit er weniger Gelegenheiten bekam, sich zu blamieren.
      Als Steves Mutter die Tür öffnete schien eine letzte Schockwelle durch Thomas Körper zu schwappen, die ihn beinahe umwarf. Ihr die Hand zu geben war alles, das ihn aufhielt.
      „Mich auch“, murmelte Thomas mit einem
      Lächeln, unglaublich darauf bedacht, seine ersten Worte nicht zu stottern oder in einem Stimmbruch hervorzubringen, den er eigentlich seit fünf Jahren hinter sich hatte. Glücklicherweise schien Janisha nicht großartig darauf zu achten, ob und was Thomas antwortete, da sie direkt weitersprach und ihre Fragen irgendwie selbst beantwortete. Er ging hinter Steve ins Haus und atmete ein wenig erleichtert die warme Luft ein, bevor er antwortete. „Es war schön, ja“, sagte er nachdem er etwas zu lange überlegt hatte, ob Ehrlichkeit hier die beste Wahl war. Das war ein entschiedenes Nein. Trotzdem wurde er direkt wieder panisch, als er merkte, wie kurz seine Antwort gewesen war.
      „Bei uns ist nur immer ziemlich viel los. Ich hab drei Geschwister“, fügte er hinzu und lächelte verlegen. Okay, gerettet. Er zog sich die Schuhe aus und folgte ins Esszimmer. In seinem jetzigen Zustand würde er allerdings kaum etwas runterkriegen.
      Thomas sah sich ein wenig um, es war irgendwie interessant zu sehen, wie Steve wohl aufgewachsen war. Vielleicht gab es irgendwo alte Bilder? Bisher hatte Thomas sich nie so sehr dafür interessiert, wie seine Freunde oder Freundinnen wohnten, aber heute lag auf einmal seine ganze Aufmerksamkeit darauf, irgendwelche Familienfotos zu entdecken. Was gut war, da es ihn ein wenig ablenkte. Vielleicht sollte er einfach um eine Tour durchs Haus bitten, oder so. Haha. Wen wollte er eigentlich verarschen.
      „Bei meinen Eltern steht der Weihnachtsbaum immer bis Mitte Februar“, murmelte er nebenbei, als er bemerkte, dass etwas ganz wesentliches zu fehlen schien: Weihnachtsdeko. Gab es tatsächlich normale Menschen, die schon nach zwei Wochen alles wegräumten?
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    • Steve

      "Dad ist Hindu und Mom räumt zu gerne um, um etwas lange stehen zu lassen", antwortete Steve mit einem kleinen Lächeln, während seine Mom nach einem Feuerzeug griff, um die Kerzen anzuzünden, die auf dem Tisch standen. "Meine Familie ist kulturell etwas durcheinander", schob er nach.
      "Sonst wäre es ja auch langweilig. Bitte, setzt euch", bestätigte seine Mom mit einem Nicken, bevor sie zu Thomas auf sah. "Aber Langeweile dürfte bei vier Kindern ja wahrscheinlich auch nie aufkommen. Sind deine Geschwister älter, oder jünger, als du?"
      Steve war sich ziemlich sicher, dass er ihr schon oft genug von Thomas' Familie erzählt hatte, aber er unterbrach sie nicht. Im Zweifelsfall war das ihr Versuch, Thomas ein wenig die offensichtliche Nervosität zu nehmen. Er zog Thomas den Stuhl neben seinem zurecht und ließ sich auf den Platz nieder, auf dem er seit seiner Geburt gesessen hatte. Seine Mom nahm gegenüber von ihnen Platz und wartete überraschend geduldig auf Thomas' Antwort.
      Es dauerte nicht lange, bis sein Dad dazu stieß. Er trug einen Topf in seinen Händen, den er in die Tischmitte abstellte, bevor er sie mit einem Lächeln begrüßte und zu Thomas sah. "Ich bin Rahul, freut mich." Er trug den wohl furchtbarsten Winterpulli, den Steve je gesehen hatte, dunkelgrün mit weißen Tannenbäumen und hatte die Brille noch ein wenig beschlagen von den Dämpfen aus der Küche. "Ich hab Steve vorher gefragt. Ich hab einfach etwas Querbeet gekocht und hoffe, dass was für dich dabei ist." Sein Dad war immer wundervoll unkompliziert gewesen. Obwohl Steve gerade beide seine Eltern einfach umarmen könnte. Zum Glück hatte er sie vorgewarnt, dass Thomas etwas nervös sein könnte, obwohl er nicht damit gerechnet hatte, dass sein Freund zwischendurch anfangen würde zu zittern.
      "Soll ich dir Tragen helfen?", fragte er seinen Vater, der das Angebot mit einem kleinen Wink ablehnte.
      "Passt schon. Ich will nicht, dass deine Mutter die Chance verpasst, euch auszufragen." Er zwinkerte seiner Frau kurz entgegen, bevor er wieder in der Küche verschwand.
      "Ich frag niemanden aus", wehrte sich seine Mom. "Es ist doch vollkommen normal, dass man sich als Mutter für das Leben seines Kindes interessiert." Sie sah wieder zu Thomas. "Kocht Steve noch regelmäßig? Ich hab das Gefühl, dass ihr beide noch was mehr auf den Rippen vertragen könntet."
      "Meine Güte, Mom!", beschwerte sich Steve. "Wir fallen schon nicht vom Fleisch." Vor allem er nicht.
    • Thomas

      „Oh, äh, jünger“, erwiderte Thomas, als er sich setzte. „Aber wir liegen alle ein gutes Stück auseinander. Meine Schwester ist 18 und meine Brüder sind 10 und 23“ Wussten Steves Eltern eigentlich, wie alt er war?! „Und ich bin 25“, hing er ein wenig unsicher an, als wüsste er es auch nicht genau und versuchte sich gerade selbst zu überzeugen. „Es ist jedenfalls ungewohnt, so viel Ruhe zu haben“ Er lächelte. Ungewohnt, aber ein Segen. Steve war so etwa der angenehmste Mensch, den er kannte. Er war nicht laut oder wahnsinnig gesellig und sie hatten dieselben Hobbies. Wenn Thomas von der Arbeit nachhause kam war er ausnahmsweise mal nicht sensorisch noch überforderter als vorher.
      Thomas sah schnell hoch, als auf einmal Steves Vater im Raum stand. „Oh, danke“, erwiderte er verlegen und hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass Rahul sich wohl so viel Mühe gemacht hatte wenn er ihm auch einfach eine Portion Pommes Frittes vor die Nase hätte stellen können. Oder was auch immer sie sonst hinten in ihrer Gefrierlade hatten, das eins mit dem Kühlschrank geworden war. Thomas war in der Hinsicht recht unkompliziert und eigentlich wusste Steve das. Er hätte es seinem Vater ruhig weitererzählen können.
      Thomas war trotzdem unglaublich dankbar, als Steve neben ihm sitzen blieb und ihn nicht alleine ließ. Aber… langsam verstand er auch, was er damit gemeint hatte, dass seine Eltern umgänglich waren. Sie waren völlig anders, als Thomas Eltern, die nur aus eigenem Interesse Fragen stellten, aber nicht wirklich, um eine Konversation zu führen. Auch wenn Steves Mutter ebenfall ziemlich gesprächig wirkte war das bisher nur von Vorteil, da kein seltsames Schweigen aufkam und sie stellte vor allem keine unangenehmen Fragen. Sie schienen beide sehr nett zu sein, aber abgesehen davon… konnte Thomas sich nun vorstellen, wieso Steve so ein toller Mensch war. Und er hätte wohl damit rechnen sollen, dass seine Eltern sich nicht seltsam verhalten würden, weil er einen Mann mitbrachte, aber es war doch irgendwie ein unangenehmes Gefühl, so offen mit allem umzugehen. In seinem eigenen Zuhause würde es definitiv nicht so locker zugehen…
      Thomas lachte leicht, als Janisha kommentierte, dass sie mehr essen sollten. Zumindest diese Aussage kannte er selbst auch von zuhause.
      „Steve ist eigentlich der einzige, der kocht, weil er fast immer vor mir zuhause ist. Und es gab noch nie etwas, das nicht super geschmeckt hat, also mache ich mir auch keine Sorgen wegen dem Essen hier. Irgendwo muss er das Talent ja her haben“, erwiderte Thomas, der langsam etwas lockerer wurde. Gut, dann konnte er vielleicht endlich anfangen, einen guten Eindruck zu machen, statt wie ein Grundschüler zu wirken, der seine erste Präsentation vor der Klasse hielt.
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    • Steve

      Es war schön zu sehen, dass Thomas sich einigermaßen normal mit seinen Eltern unterhielt. Bei seiner anfänglichen Nervosität hatte Steve mit Schlimmeren gerechnet. Er griff unter dem Tisch nach Thomas’ Hand und drückte sie. Es war vollkommen offensichtlich, dass seine Eltern ihn lieben würden. Sein Freund war die Liebenswürdigkeit in Person.
      “Dad hat mir beigebracht, wie man kocht”, erzählte er, während sein Vater mit den nächsten Töpfen und Schüsseln ins Esszimmer kam. “Es war die Grundvoraussetzung dafür, dass ich ausziehen durfte. Kochen, Wäsche waschen, bügeln…” Er zuckte kurz mit den Schultern. Damals hatte es ihn unglaublich genervt, mittlerweile war er seinen Eltern allerdings ziemlich dankbar dafür, dass sie ihn irgendwie auf das Leben alleine vorbereitet hatten. So war er wenigstens nicht vollkommen aufgeschmissen gewesen.
      “Steve ist mittlerweile besser, als ich”, behauptete sein Dad mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, während er sich schlussendlich zu ihnen setzte.
      “Das behauptest du nur, damit ich das nächste Familienessen übernehme”, antwortete Steve mit dem selben Lächeln.
      “Das käme mir überhaupt nicht in den Sinn”, wehrte sein Dad ab und wechselte nahtlos das Thema. “Greift zu. Ich hoffe, ich habe nichts versalzen.”
      Steve musste ein kleines Lachen unterdrücken, während er zu den Speisen auf der Tischmitte sah. Sein Vater hatte sich wirklich selbst übertroffen. Ein paar klassisch indische Gerichte standen neben Braten und Fisch. Entweder wollte er angeben, oder er hatte einen stressigen Tag in der Praxis mit etwas Entspannung hinter dem Herd ausgleichen wollen. So, wie er seinen Vater kannte, war beides möglich.
      “Das sieht wundervoll aus”, kommentierte seine Mom mit einem fröhlichen Lächeln, während sie nach der ersten Schüssel griff. “Ich glaube, da können wir die nächsten zwei Wochen noch von leben”, schob sie etwas leiser hinzu, mit einem Blick, als ob sie jetzt schon daran verzweifeln würde, die Reste in den Kühlschrank zu bekommen. Sie blinzelte kurz, bevor sie wieder zu Thomas sah. “Steve hatte schon erzählt, dass du im Dezernat arbeitest. Was genau machst du da? Macht es Spaß?”
    • Thomas

      Steves Hand unter dem Tisch zu halten hatte eine beruhigende Wirkung auf Thomas. Vielleicht hatte er doch nicht gelogen, als er meinte, dass er, egal was passierte, bei ihm blieb und ihr Leben einfach ganz normal weitergehen würde. Aber Thomas fiel es eben schwer, so etwas zu glauben, bevor es ihm demonstriert wurde. Und gerade hatte er wirklich das Gefühl, dass Steve ihn nicht alleine lassen würde.
      Trotzdem musste er seine Hand langsam lösen, als das Essen auf dem Tisch stand. Die Menge war gigantisch und auch für vier Leute deutlich zu viel. Das waren mindestens drei volle Hauptgerichte und etliche Beilagen, Thomas fühlte sich wie bei einem Buffet im Restaurant. Er bemühte sich, von allem etwas auf seinen Teller zu bekommen, aber letztendlich musste er doch eine Auswahl treffen, um nicht von allem nur eine Gabel zu essen. Genauso gut wie es roch, schmeckte es jedenfalls. Wenn es nicht mit so viel Nervosität verbünde wäre, hätte Thomas direkt vorgeschlagen, öfter vorbeizukommen.
      "Ich mache den ganzen Computer Kram", antwortete er. Die Standardaussage, weil er nicht wusste, ob es tatsächlich irgendwen interessierte, wen er mit Fachbegriffen um sich warf. "Also… ich kümmere mich mit ein paar anderen Leuten um die Technik und hab Zugriff auf alle Akten. Also, wenn irgendwelche Passwörter umgangen werden müssen oder jemand gesucht wird, dann helfe ich" Unter anderem. Es gab interessantere Tätigkeiten aber auch weitaus langweiligere. Das waren dann meistens die, die ihm bloß untergeschoben wurden, weil sich sonst keiner darum kümmern wollte. "Es macht mir Spaß. Ich meine, es gibt immer Tage, an denen nicht viel passiert, aber großteils ist es spannend" Er lächelte leicht. Es war deutlich spannender, als Andrew noch da war, weil er sich meistens auch um interessantere Fälle gekümmert hatte und Thomas immer sein erster Ansprechpartner gewesen war. Aber gut… hin und wieder konnte er ja immer noch unbezahlt seinen Kram erledigen. Er war sich aber nicht sicher, ob er sich darüber freuen oder aufregen sollte.
      Thomas hatte auch nicht vorgehabt, dauerhaft beim Dezernat zu bleiben, als er vor vier Jahren dort angefangen hatte, aber irgendwie war es einfach passiert. Zumindest hatte er sich eingelebt. Sein Job war schon ganz angenehm. Und vor allem war er sicher. Jetzt, wo er ausgezogen war, konnte er sich nicht leisten, irgendwo zu arbeiten, wo sie ihn jederzeit rauswerfen konnten.
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    • Steve

      "Dass es Spaß macht ist die Hauptsache", erklärte Steves Mom entschieden. Das war immer schon ihre Grundeinstellung gewesen und der alleinige Grund dafür, dass Steve nie in Erklärungsnot gekommen war, was seinen recht fragwürdigen Cover-Job anging. Solange er sagte, dass alles okay war und er Spaß am Job hatte, waren seine Eltern beruhigt. Seine Mom schob sich die Gabel zwischen die Lippen und nickte ihrem Mann kurz zu. "Nicht versalzen."
      Rahul nickte kurz erleichtert zurück, bevor er sich wieder an Thomas wandte. "Technik klingt interessant. Im heutigen Zeitalter dürftest du ja ziemlich gefragt sein, nicht?"
      "Fast ein bisschen zu gefragt", mischte sich Steve ein. "Ein paar weniger Überstunden würden dir gut tun." Nicht, dass sie ihre Zeit nach der Arbeit besonders produktiv nutzen würden, aber er hatte ihn trotzdem gerne bei sich. Kochen würde weitaus unterhaltsamer werden, wenn er jemanden dabei sitzen hätte, mit dem er sich unterhalten konnte. Zumal sich ihre Beziehung langsam immer normaler anfühlte, je mehr Zeit sie miteinander verbrachten.
      "So schlimm?", fragte seine Mutter amüsiert, bevor sie wieder zu Steve sah. "Und wie läuft es bei dir, Stevie?"
      "Ganz gut. Die Kollegen sind nervig wie immer, aber das ändert sich ja nie." Steve seufzte kurz. Mit Blick auf den Lebenslauf einiger ihrer Neuzugänge würde es tendenziell wahrscheinlich nur noch anstrengender werden, aber darüber wollte er sich nicht auslassen. Er hatte es immer lieber, wenn man ihm so wenig Rückfragen stellte, wie es ging. Je weniger er lügen musste, desto geringer war die Chance, dass jemandem auffiel, dass er keine Ahnung hatte, wie die Arbeit in einem Reisebüro eigentlich ablaufen würde.
      "Ach, das ist wahrscheinlich überall so. Man trifft in jedem Brüojob die selbe Art von Menschen", beschwichtigte seine Mutter. Im Fall von Thomas und ihm war das wahrscheinlich ein bisschen zu sehr auf den Punkt getroffen. "Ich hatte mal eine Kollegin, die mir immer ihre komplette Krankheitsgeschichten erzählt hat. Das war anstrengend", fuhr seine Mom fort und leitete damit gekonnt in einen Monolog über ihre Arbeitsbekanntschaften über, der zumindest die Stille beim Essen überbrückte.
    • Thomas

      Weniger Überstunden… Störte es Steve sehr, dass Thomas häufig spät nachhause kam? Hm, ehrlich gesagt würde er seine Zeit selbst auch lieber mit seinem Freund verbringen. Sein Job war bisher immer eine Ausflucht gewesen, ein ruhiger Ort, an dem alles seine Ordnung hatte und wo man ihm tatsächlich zuhörte, wenn er etwas sagte. Aber eigentlich hatte er jetzt einen Ort, an dem er noch viel lieber war. Nachdem die Überstunden sowieso nicht ausbezahlt wurden sondern sie im Dezernat mit Zeitausgleich arbeiteten, ließ es sich ja ziemlich leicht umsetzen, einfach mal rechtzeitig nachhause zu gehen. Das konnte ihm keiner verübeln, er hatte schließlich auch ein Leben. Und mittlerweile sogar eines, das ihn nicht miserabler machte, als er sich ohnehin fühlte. Vielleicht hatte er mittlerweile sogar so viele Urlaubstage, dass sich irgendwann mal eine Reise ausging. Mit Steve zu verreisen klang wie ein absoluter Traum… Auch wenn sie vermutlich nie ihr Hotel verlassen würden. Und eigentlich war es zuhause sowieso am schönsten. Na schön, sie konnten ja mal in einen Park gehen, wenn Thomas sich frei nahm. Das würde auch reichen.

      Thomas hörte Steves Mutter dankbar bei ihrem Monolog zu. Was sie erzählte, war ganz witzig, aber wichtiger war, dass Thomas nicht allzu viel zum reden kam. So war er Familienessen eigentlich auch gewohnt und irgendwie kehrte eine gewisse Entspannung in ihn zurück, je länger er schwieg. So, dass er letztendlich sogar das Gefühl hatte, sich ganz normal unterhalten zu können, ohne Panik, etwas falsches zu sagen. Aber Steves Eltern hatten auch etwas an sich, das einen willkommen fühlen ließ. Es war eine schöne Abwechslung.
      Am Ende war Thomas trotzdem fix und fertig. Nicht, weil sie so lange geblieben waren, sondern weil er sich mit der anfänglichen Panik einfach selbst die Energie geraubt hatte. Nach einem Glas Wein, das nicht unbedingt Thomas auf Wunschliste gestanden hatte aber hin und wieder war es wohl zu ertragen, und paar weiteren lustigen Geschichten fielen Thomas dann auch irgendwann fast die Augen zu und er konnte das ein oder andere Gähnen nicht mehr unterdrücken, bis irgendwie allen bald klar war, dass es Zeit war, zu gehen. Zumindest dachten sie das. Thomas hatte bereits Schuhe und Jacke an und hatte sich den Schal halb um das Gesicht gewickelt, er hatte sich sogar mit einer kleinen Umarmung von Rahul und Janisha verabschiedet, da mussten sie bei geöffneter Türe feststellen, dass sie nichtmal die Hand vor Augen sehen konnten, weil alles weiß und neblig war. Die Tür ging erstmal wieder zu. Der Schneesturm hatte sie verarscht. Und jetzt?
      Thomas warf Steve einen fragenden Blick zu. „Ähm… vielleicht geht das ja… noch vorbei“, meinte er unsicher. Nur war es schon relativ spät und wenn Thomas länger hier saß würde er am Esstisch einschlafen. Nachdem er sich den ganzen Abend so schön zusammenreißen konnte wäre das echt unvorteilhaft.
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    • Steve

      Sie waren deutlich länger geblieben, als Steve eigentlich geplant hatte, was wahrscheinlich ein ziemlich gutes Zeichen war. Thomas schien sich mehr und mehr zu entspannen und es war deutlich einfacher, seine Eltern zu ertragen, wenn man sich den aufkommenden Fragen zwischendurch nicht alleine stellen musste. Die Stimmung war gelöst, das Essen eindeutig mehr als zu viel und als sie schließlich aufbrechen wollten…standen sie vor einem Problem.
      “Ich glaube nicht, dass ihr bei dem Schnee noch ein Taxi bekommt”, kommentierte sein Vater trocken, während Steve mit dem Schal um seinen Hals spielte, verzweifelt bemüht, irgendeine Lösung zu finden. Er war müde und er hatte sich eigentlich ziemlich darauf gefreut, endlich wieder seine Ruhe zu haben. Aber es sah wirklich so aus, als ob sie hier festsitzen würden.
      “Ihr könnt hier übernachten”, bot seine Mom an, während sie von Thomas zu Steve sah. “Dein altes Zimmer ist soweit noch in Schuss und du hast noch ein paar alte Klamotten im Schrank, wenn ich mich nicht irre. Dein Vater kann euch dann morgen früh auf dem Weg zur Arbeit bei eurer Wohnung absetzen.”
      “Ich fürchte, wir haben gar keine andere Wahl”, seufzte Steve und zog sich den Schal wieder aus. Es war irgendwie ein seltsames Gefühl, jemanden von ‘eurer’ Wohnung reden zu hören. Sicher, Thomas wohnte jetzt schon eine ganze Weile bei ihm, aber irgendwie hatte er das ganze gedanklich immer noch als ‘seine’ Wohnung untergespeichert. Er musste dringend an sich selbst arbeiten.
      Seine Mutter lächelte. “Gut. Du kennst dich ja hier aus. Thomas, fühl dich wie zuhause.”
      Steve nickte kurz, zog Jacke und Schuhe wieder aus und wartete darauf, dass Thomas das selbe tat, bevor er nach seiner Hand griff und ihn mit sich zog. “Ich denke, wir gehen direkt ins Bett. Ich bin unglaublich müde. Gute Nacht”, verabschiedete er sich von seinen Eltern, welche beide so aussahen, als ob sie auch nicht mehr lange wach bleiben würden. Dann zog er Thomas mit sich die Treppe hinauf in den zweiten Stock.
      Der eigenwillige Einrichtungsstil seiner Mutter hatte sich auch hier durchgesetzt. Der Flur im zweiten Stock bestand aus einer wilden Mischung aus Familienfotos und Gemälden, durchsetzt mit kleineren Dekoartikeln. Steve blieb kurz stehen. “Also, das da ist mein Zimmer, das ist das Bad, das daneben ist ein Arbeitszimmer und da ist der Speicher. Du wirst merken, wenn du die falsche Tür erwischst.” Er grinste Thomas entgegen und öffnete die Tür zu seinem alten Zimmer. Sein Zimmer war relativ klein. Es bestand hauptsächlich aus einem Bett, einem Kleiderschrank, einem Schreibtisch mit Stuhl und einem leeren Regal, in dem früher seine Spiele gestanden hatten, die er bei seinem Auszug natürlich mitgenommen hatte.
      “Ist bei dir alles okay?”, fragte er sich schließlich, “Meine Mom kann ziemlich lange reden, wenn sie Lust hat. Das kann ein bisschen überfordernd sein.” Er drückte Thomas’ Hand, bevor er sie los ließ und zum Kleiderschrank ging. Es lagen tatsächlich noch ein paar alte Shirts drin, die er immer mal mitnehmen wollte und es nie getan hatte. Er zog zwei heraus und reichte eines an Thomas weiter. Das Bett war etwas schmaler, als das in seiner - ihrer - Wohnung, aber es würde schon irgendwie funktionieren.
    • Thomas

      Hervorragend. So viel dazu, dass sie heute Abend auf der Couch kuschelten, egal was passierte. Was jetzt, Steve? Du hast wohl nicht damit gerechnet, heute noch einen Teleporter erfinden zu müssen?!
      Thomas seufzte und zog sich wieder aus. Es hatte ja sowieso keinen Sinn, jetzt zu verzweifeln. Das hier fühlte sich sowieso seltsam nach Übernachtungsparty an und Thomas hatte als Kind immer gerne bei Freunden geschlafen, weil ihn das vor seinen lästigen kleinen Geschwistern gerettet hatte. Bevor Cassy geboren war hatte James auch niemanden gehabt, dem er sonst auf die Nerven gehen konnte. Thomas erinnerte sich erschreckend genau an seine Brutalitäten, was einen wirklich hinterfragen ließ, wie es sein konnte, dass er selbst der älteste gewesen war. Prügeleien im Trampolin… Kämpfe um die Decke auf dem Sofa… Urgh. Am Ende hatte immer irgendjemand geheult. Cassy war von ihnen dreien tatsächlich am resistentesten gewesen. Irgendwann musste Thomas ihr nochmal dafür danken, dass sie so eine tolle Ablenkung für James dargestellt hatte und Thomas irgendwann wieder ein bisschen mehr Ruhe hatte.
      Glücklicherweise war Steve ein Einzelkind, seine Eltern normal, und sie beide mittlerweile erwachsen. Er musste sich heute wohl keine Sorgen um einen Kampf um die Bettdecke machen, oder sowas. Nein, im Gegenteil, Thomas freute sich wirklich darauf, nach diesem auslaugenden Tag an Steve zu kleben und damit wieder Energie zu tanken.
      „Ich bin nur müde. Deine Mum ist total nett“, antwortete er und sah sich in dem kleinen, ziemlich leeren Zimmer um. „Hey, fühlt sich das für dich auch seltsam an? Ich weiß nicht, wann ich das letzte mal bei jemandem übernachtet habe, der bei seinen Eltern gewohnt hat“ Er schmunzelte. „Ich krieg richtige Flashbacks. Nur, dass es früher deutlich öfter Pizza und Cola gab statt Braten und Wein“
      Thomas nahm ein Tshirt entgegen und war auf einmal im siebten Himmel. Vor ein paar Jahren hätte er sich nicht gedacht, dass es ihn so übertrieben glücklich machen konnte, in Steves Kleidung in seinem alten Bett zu schlafen, aber der Tag war gekommen. Es hatte was von einem Abenteuer. Ein Abenteuer namens ‚Wie wäre dein Leben wohl abgelaufen, wenn dein Freund dein Teenager Crush gewesen wäre?‘. Thomas konnte nicht anders, als Steve kurz an sich zu ziehen, um ihn zu küssen. „Ich finde das super. Das stand nicht auf meiner Bingokarte aber ich freue mich ein bisschen über diesen Schneesturm“, lachte er.
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    • Steve

      Steve musste automatisch mit Thomas mitlachen und legte seine Arme um seinen Freund. "Es ist ein bisschen komisch", gestand er. "Ich hab ja selbst auch schon lange nicht mehr hier übernachtet. Ich glaube, du bist die erste Person seit meiner Schulzeit, die hier schläft." Er hatte es irgendwie die letzten Jahre über vermieden, bei seinen Eltern zu übernachten. Zuerst aus dem Grund heraus, dass er sich in seinem Elternhaus immer noch wie ein Kind fühlte und in seinen ersten Studentenjahren ernst genommen werden wollte, dann, weil er hier schlicht nichts mehr hatte, womit er sich beschäftigen konnte. Wie sollte er hier spät am Abend zocken, wenn sein PC und sämtliche Konsolen in seiner Wohnung waren?
      "Aber du kannst dich geehrt fühlen. Alle anderen, die hier übernachtet haben, mussten immer auf einer Luftmatratze auf dem Boden schlafen. Das Schicksal erspare ich dir." Er grinste Thomas entgegen und gab ihm nun seinerseits einen Kuss. "Ich bin froh, mit dir hier festzustecken." So hatte das ganze irgendwie wenigstens etwas seltsam abenteuerliches. Sicher, nichts reißerisches, wie die Missionen, die er bei MLO plante und bestimmt auch nicht so wild, wie die Fälle im Dezernat, aber wenigstens könnten sie in ein paar Jahren zurückblicken und sich über das eine mal unterhalten, in dem sie in einem Schneesturm bei seinen Eltern gestrandet waren. Irgendwie war das eine schöne Vorstellung.
      "Ich bin nur froh, dass du unsere Wohnung kennst. Ich schwöre, dass es hier nicht immer so leer war." Es sah fast ein wenig so aus, wie in den Memes von Typen, die ihre eigene Wohnung haben, eine Matratze auf den Boden legten, einen Fernseher daneben stellten und damit fertig waren. Steve mochte zwar nicht die überaus dekobegeisterte Seite seiner Mutter übernommen haben, aber das war selbst für ihn zu viel. Oder zu wenig.
      "Ich nehme an, dass du genauso fertig bist, wie ich?" Er ließ Thomas los um den Pullover gegen das Shirt in seinen Händen auszutauschen. "Ich schlage vor, wir gehen uns waschen, ab ins Bett und schauen dann morgen, wie weit wir kommen."
    • Thomas

      "Keine Sorge, es sieht nur halb so armselig aus, wie mein Ex-Zimmer im Keller meiner Eltern" Thomas verzog das Gesicht. "Es ist schlimm genug, wenn man mit 25 überhaupt in einem Keller wohnt, aber dann bei seinen Eltern? Und als Zocker? Ich weiß nicht, aber ich bin froh, dass ich die Klischees irgendwie durchbrochen hab" Auch wenn erst vor ein paar Wochen. Aber Steve musste er ja nichts vormachen. Er wusste, wie und wo Thomas vorher gelebt hatte und dass er theoretisch in die recht große Wohnung seiner Exfreundin hätte einziehen können, diese aber ihre Privatsphäre haben wollte. Was Thomas natürlich respektiert hatte. Er hatte den Zusammenzug nach dieser Antwort nie wieder erwähnt. Und jetzt war er darüber ziemlich froh, denn es wäre deutlich stressiger gewesen, von ihr rausgeschmissen zu werden, als seine Sachen einfach nach und nach bei Steve einzulagern. Alles hatte er ja immer noch nicht geholt.
      Er nickte zustimmend auf Steves Vorschlag. Die kleine Umstellung, jetzt hier zu schlafen, hatte ihn kurzzeitig ein wenig aufgeweckt, aber die Müdigkeit kam Stück für Stück zurück und er sollte besser duschen, bevor es zu spät war und er im Stehen einschlief.

      Als er nach seiner Dusche in Steves Klamotten schlüpfte, beschloss er für sich selbst, dass es Zeit war, das Zuhause auch mal zu machen. Mit den Sachen, die tatsächlich nach Steve rochen und nicht einfach nur nach Kleiderschrank. Es war ein wenig verrückt, wie sehr Thomas sich in Steve verschossen hatte, nachdem eigentlich erst ein paar Wochen vergangen waren, seitdem er realisiert hatte, dass die Option überhaupt existierte. Einerseits hatte er Steve schon vorher als Freund so geliebt, dass es ein wenig suspekt war, aber dazu kam jetzt noch das Gefühl, das sein Herz täglich explodieren könnte, wenn er Zeit mit ihm verbrachte und plötzlich realisierte, dass sie zusammen waren. Denn irgendwie war das noch nicht wirklich ein durchgehendes Bewusstsein in Thomas Gehirn, sondern nur ein Gedanke, der in willkürlichen Momenten aufploppte. So wie jetzt, als Steves Shirt trug, das eine Nummer zu groß war.
      Thomas hatte sich bereits ins Bett gerollt und scrollte durch sein Handy, während er auf Steve wartete. Alleine in diesem fast leeren Zimmer zu sein, war dann doch irgendwie recht ungewohnt, also lenkte er sich mit Social Media ab. Irgendwie trug das alles bloß zum Übernachtungsparty-Feeling bei.
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