Ezra
Das einzig gute an der letzten Nacht war, dass die Panik vor der Zukunft Ezra fast seine Flugangst vergessen ließ. Fast.
Es kam ihm mehr als gelegen, dass Andrew nach den ersten paar Minuten des Fluges einschlief und er so ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen konnte, während er mit den Fingern des Heldens spielte, ohne es selbst so richtig zu merken. Er hatte definitiv genug Probleme. Er musste sich jetzt nicht auch noch mit der Frage auseinandersetzen, seit wann er sich in Andrews Nähe so irritierend sicher fühlte. Vielleicht waren es Wahnvorstellungen aufgrund seiner Übermüdung. Waren Wahnvorstellungen ein Anzeichen für zu wenig Schlaf? Ezra könnte es nachschlagen, aber er war zu unkonzentriert dafür.
Ezra hatte generell das Gefühl, als würde der ganze Morgen wie ein Film vor ihm ablaufen. Eine Szene, die er zwar mitbekam, in die er aber selbst nicht richtig eingreifen konnte. Er folgte Andrew mechanisch zur Gepäckausgabe und danach zum Ausgang. Fast hätte er automatisch wieder nach seiner Hand gegriffen, hielt sich aber im letzten Augenblick zurück. Erstens wäre das hier in Russland wahrscheinlich keine sonderlich gern gesehene Geste und zweitens schien Händchenhalten nur im Flugzeug zu funktionieren. Ugh, das alles tat seiner Psyche nicht gut. Ezra war schon fast froh darum, im Taxi hinter Andrew zu sitzen, damit er sich keine Gedanken darum machen brauchte, wieder nach seiner Hand zu greifen.
Offensichtlich war das Glück heute allerdings auf seiner Seite - immerhin musste er sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, wie er mit Andrew umgehen sollte, als ihnen eine Waffe entgegengestreckt wurde.
Es dauerte einen kurzen Moment, bis Ezra verarbeitete, was gerade geschehen war. Sein erster Reflex war es, sich auf den Windstein an seinem Finger zu konzentrieren, aber er verwarf die Idee so schnell, wie sie gekommen war. Sie saßen in einem kleinen Auto, bei voller Fahrt. Wind wäre hier sicher nicht die richtige Lösung, außer, er wollte sie alle in den Tod reißen.
“Ihr werdet nicht wieder zurück kommen”, antwortete der Mann, der neben ihm saß auf Andrews Vorschlag hin. Sein russischer Akzent war gut hörbar und er klang so, als ob das nicht das erste mal wäre, dass er jemanden bedrohte. “Handy”, fügte er schließlich hinzu, während er Ezra eine Hand entgegen streckte.
Vielleicht nur ein Raubüberfall? Ezra schob langsam seine Hand in seine Hosentasche, um sein Handy rauszuziehen und ließ dabei seinen Ring unauffällig in der Tasche verschwinden. Vielleicht wären die beiden ja mit Handy und Geld zufrieden und würden sie anschließend gehen lassen. Oder auch nicht, gemessen daran, dass das Handy umgehend aus dem Fenster geworfen wurde. Ezra musste sich auf die Zunge beißen, um den Drang zu unterdrücken, sich zu beschweren.
Die Fahrt dauerte nicht lange. Was sie nicht angenehmer machte.
Der Asphalt der Straße wich einem Kieselpfad, als sie die Einfahrt zu einem Haus hochfuhren, das eigentlich seltsam normal aussah. Es gab drei Stockwerke, große Fenster, eine grüne Umgebung und eine Garage. Der Fahrer ignorierte letzteres und fuhr stattdessen um das Anwesen herum, bis er eine Hintertür erreichte. Wer auch immer die beiden geschickt hatte, hatte offenbar ein prall gefülltes Bankkonto.
Das Auto kam knirschend zum stehen. Der Mann neben Ezra deutete kurz mit seiner Pistole zur Autotür. “Aussteigen.”
Ezra nickte kurz, während seine Gedanken rasten. Es gab nichts, was sie tun konnten. Sie waren irgendwo im Nirgendwo. Eine Pistole war schneller und tödlicher, als alles, was sie mit ihren Steinen versuchen konnten. Nervös wie er war, brauchte Ezra zwei Anläufe, bevor er die Tür öffnete und ausstieg. Der Fahrer nahm ihn in Empfang. Er winkte in die Richtung der unscheinbaren Tür zum Haus. Ezra warf einen Blick über die Schulter zu Andrew, der von dem Mann mit der Pistole in die selbe Richtung verwiesen wurde.
Ob es so enden würde? Erschossen in irgendeinem Keller?
“Stopp.”
Ezra erstarrte auf der Stelle, als der Fahrer auf ihn zu kam. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen griff der Mann nach seiner Kette und zog sie ihm ruckartig vom Hals. Ezra stieß ein unfreiwilliges, kurzes “Fuck” aus, während er seine Hand automatisch zu seinem Hals wanderte. Der Mann lachte und ließ den Anhänger in seiner Brusttasche verschwinden, offenbar davon überzeugt, dass er sonst keine Steine mit sich trug.
Irritierenderweise drängte sich Ezra kurz der Gedanke auf, dass sein Bruder vollkommen enttäuscht darüber sein würde, dass er den Anhänger verloren hatte. Was irrsinnig war. Er hatte seinen Bruder seit über zehn Jahren nicht gesehen und gerade deutlich größere Probleme.
Der Keller sah nicht mal halb so luxuriös aus, wie das Anwesen darüber. Er war eng, kalt, feucht und roch übel. Offenbar hatt er er mal als Weinkeller angefangen, war mittlerweile aber als Abstellkammer zweckentfremdet worden. Sie gingen an einigen kleinen Zimmern vorbei, in denen Möbel und gefüllte Regale standen, bevor sie auf einen Gang einbogen, der etwas aufgeräumter zu sein schien. Eine kleine Kamera hing in einer Ecke. Offenbar war dieser Bereich des Kellers öfters in Benutzung.
“Hier rein.” Der Fahrer hielt eine Tür auf und stieß Ezra ungeduldig hindurch.
Der Raum war klein, eine nackte Glühbirne hing von der Decke, ein schmales Fenster - zu schmal, um sich durch zu quetschen - war an der Wand angebracht…sonst war es leer. Ezra drehte sich, um Andrew abzufangen, der hinter ihm in das Zimmer gestoßen wurde und konnte gerade noch sehen, wie ihre beiden Entführer hinter ihnen die Tür schlossen. Man konnte hören, wie sich ein Schlüssel drehte, dann Schritte, die sich entfernten. Dann Stille.
“Fuck”, hauchte Ezra, während sich seine Finger in Andrews Jacke krallten. “Alles gut bei dir?”
Das einzig gute an der letzten Nacht war, dass die Panik vor der Zukunft Ezra fast seine Flugangst vergessen ließ. Fast.
Es kam ihm mehr als gelegen, dass Andrew nach den ersten paar Minuten des Fluges einschlief und er so ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen konnte, während er mit den Fingern des Heldens spielte, ohne es selbst so richtig zu merken. Er hatte definitiv genug Probleme. Er musste sich jetzt nicht auch noch mit der Frage auseinandersetzen, seit wann er sich in Andrews Nähe so irritierend sicher fühlte. Vielleicht waren es Wahnvorstellungen aufgrund seiner Übermüdung. Waren Wahnvorstellungen ein Anzeichen für zu wenig Schlaf? Ezra könnte es nachschlagen, aber er war zu unkonzentriert dafür.
Ezra hatte generell das Gefühl, als würde der ganze Morgen wie ein Film vor ihm ablaufen. Eine Szene, die er zwar mitbekam, in die er aber selbst nicht richtig eingreifen konnte. Er folgte Andrew mechanisch zur Gepäckausgabe und danach zum Ausgang. Fast hätte er automatisch wieder nach seiner Hand gegriffen, hielt sich aber im letzten Augenblick zurück. Erstens wäre das hier in Russland wahrscheinlich keine sonderlich gern gesehene Geste und zweitens schien Händchenhalten nur im Flugzeug zu funktionieren. Ugh, das alles tat seiner Psyche nicht gut. Ezra war schon fast froh darum, im Taxi hinter Andrew zu sitzen, damit er sich keine Gedanken darum machen brauchte, wieder nach seiner Hand zu greifen.
Offensichtlich war das Glück heute allerdings auf seiner Seite - immerhin musste er sich nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen, wie er mit Andrew umgehen sollte, als ihnen eine Waffe entgegengestreckt wurde.
Es dauerte einen kurzen Moment, bis Ezra verarbeitete, was gerade geschehen war. Sein erster Reflex war es, sich auf den Windstein an seinem Finger zu konzentrieren, aber er verwarf die Idee so schnell, wie sie gekommen war. Sie saßen in einem kleinen Auto, bei voller Fahrt. Wind wäre hier sicher nicht die richtige Lösung, außer, er wollte sie alle in den Tod reißen.
“Ihr werdet nicht wieder zurück kommen”, antwortete der Mann, der neben ihm saß auf Andrews Vorschlag hin. Sein russischer Akzent war gut hörbar und er klang so, als ob das nicht das erste mal wäre, dass er jemanden bedrohte. “Handy”, fügte er schließlich hinzu, während er Ezra eine Hand entgegen streckte.
Vielleicht nur ein Raubüberfall? Ezra schob langsam seine Hand in seine Hosentasche, um sein Handy rauszuziehen und ließ dabei seinen Ring unauffällig in der Tasche verschwinden. Vielleicht wären die beiden ja mit Handy und Geld zufrieden und würden sie anschließend gehen lassen. Oder auch nicht, gemessen daran, dass das Handy umgehend aus dem Fenster geworfen wurde. Ezra musste sich auf die Zunge beißen, um den Drang zu unterdrücken, sich zu beschweren.
Die Fahrt dauerte nicht lange. Was sie nicht angenehmer machte.
Der Asphalt der Straße wich einem Kieselpfad, als sie die Einfahrt zu einem Haus hochfuhren, das eigentlich seltsam normal aussah. Es gab drei Stockwerke, große Fenster, eine grüne Umgebung und eine Garage. Der Fahrer ignorierte letzteres und fuhr stattdessen um das Anwesen herum, bis er eine Hintertür erreichte. Wer auch immer die beiden geschickt hatte, hatte offenbar ein prall gefülltes Bankkonto.
Das Auto kam knirschend zum stehen. Der Mann neben Ezra deutete kurz mit seiner Pistole zur Autotür. “Aussteigen.”
Ezra nickte kurz, während seine Gedanken rasten. Es gab nichts, was sie tun konnten. Sie waren irgendwo im Nirgendwo. Eine Pistole war schneller und tödlicher, als alles, was sie mit ihren Steinen versuchen konnten. Nervös wie er war, brauchte Ezra zwei Anläufe, bevor er die Tür öffnete und ausstieg. Der Fahrer nahm ihn in Empfang. Er winkte in die Richtung der unscheinbaren Tür zum Haus. Ezra warf einen Blick über die Schulter zu Andrew, der von dem Mann mit der Pistole in die selbe Richtung verwiesen wurde.
Ob es so enden würde? Erschossen in irgendeinem Keller?
“Stopp.”
Ezra erstarrte auf der Stelle, als der Fahrer auf ihn zu kam. Mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen griff der Mann nach seiner Kette und zog sie ihm ruckartig vom Hals. Ezra stieß ein unfreiwilliges, kurzes “Fuck” aus, während er seine Hand automatisch zu seinem Hals wanderte. Der Mann lachte und ließ den Anhänger in seiner Brusttasche verschwinden, offenbar davon überzeugt, dass er sonst keine Steine mit sich trug.
Irritierenderweise drängte sich Ezra kurz der Gedanke auf, dass sein Bruder vollkommen enttäuscht darüber sein würde, dass er den Anhänger verloren hatte. Was irrsinnig war. Er hatte seinen Bruder seit über zehn Jahren nicht gesehen und gerade deutlich größere Probleme.
Der Keller sah nicht mal halb so luxuriös aus, wie das Anwesen darüber. Er war eng, kalt, feucht und roch übel. Offenbar hatt er er mal als Weinkeller angefangen, war mittlerweile aber als Abstellkammer zweckentfremdet worden. Sie gingen an einigen kleinen Zimmern vorbei, in denen Möbel und gefüllte Regale standen, bevor sie auf einen Gang einbogen, der etwas aufgeräumter zu sein schien. Eine kleine Kamera hing in einer Ecke. Offenbar war dieser Bereich des Kellers öfters in Benutzung.
“Hier rein.” Der Fahrer hielt eine Tür auf und stieß Ezra ungeduldig hindurch.
Der Raum war klein, eine nackte Glühbirne hing von der Decke, ein schmales Fenster - zu schmal, um sich durch zu quetschen - war an der Wand angebracht…sonst war es leer. Ezra drehte sich, um Andrew abzufangen, der hinter ihm in das Zimmer gestoßen wurde und konnte gerade noch sehen, wie ihre beiden Entführer hinter ihnen die Tür schlossen. Man konnte hören, wie sich ein Schlüssel drehte, dann Schritte, die sich entfernten. Dann Stille.
“Fuck”, hauchte Ezra, während sich seine Finger in Andrews Jacke krallten. “Alles gut bei dir?”