Hidden Twin [Alea x Yumia]

    • Zephyrine wurde plötzlich äußerst aufmerksam auf jede Bewegung, die der König machte. Für andere mochte es eine beiläufige, harmlose Geste sein, doch als sein Daumen sanft über ihren Handrücken strich, schoss ihr Puls erschreckend schnell in die Höhe. Einen solchen Moment, still und zugleich so intim, hatte sie noch nie erlebt. Sie spürte, wie ihr Herz unruhig schlug, als wüsste es selbst nicht, wie lange es dieser Nähe standhalten würde. Ein warmes Kribbeln breitete sich über ihre Haut aus, als würde ein zarter Hauch sie streifen.
      Am liebsten hätte sie ihre Hand zurückgezogen. Nicht, weil sie seine Berührung abgelehnt hätte, sondern weil ihr schlicht das Wissen fehlte, wie sie sich in so einer ungewohnten Situation verhalten sollte. Dennoch ließ sie ihre Hand in seiner liegen, fast so, als hätte sie Angst, eine unbedachte Bewegung könnte etwas Bedeutendes zerstören.
      Der König schien bereits festgelegt zu haben, wann sie mit dem Reiten beginnen sollte. Zwei Tage erschienen ihr als ein guter Zeitraum. Genug Zeit, um sich innerlich vorzubereiten, sich in ein paar Büchern einzulesen und zumindest nicht völlig unbeholfen vor ihm zu stehen, wenn der Moment tatsächlich kam.
      Als er sie schließlich fragte, ob sie ihm etwas über sich erzählen wollte, wusste Zephyrine nicht sofort, was sie antworten sollte. Es gab nicht viel, das sie von sich preisgeben konnte, ohne ihre wahre Herkunft zu verraten. Sie wusste, wie Zwillinge in beiden Königreichen angesehen wurden, selbst wenn königliches Blut in ihren Adern floss. Dennoch spürte sie deutlich, dass der König aufrichtiges Interesse an ihr hatte. Damit hatte sie weniger gerechnet. Viel eher hatte sie erwartet, dass er höfliche Distanz bewahrte oder vielleicht sogar Desinteresse zeigte. Doch er bemühte sich sichtbar, und so wollte sie ihm zumindest ein wenig entgegenkommen.
      „Da gibt es tatsächlich nicht viel zu erzählen. Zumindest fällt mir auf Anhieb nichts ein“, sagte sie mit einem leicht entschuldigenden Lächeln.
      Dass er ihr erlaubte, stattdessen ihm Fragen zu stellen, empfand sie als Erleichterung. Während sie überlegte, welche Frage sie ihm stellen könnte, sprach der König plötzlich eine Bemerkung aus, die sie vollkommen überrumpelte. Sie hätte niemals damit gerechnet. Ihre Stimme blieb ihr im Hals stecken, eine warme Röte schoss ihr ins Gesicht und sie wusste für einen Augenblick nicht, wohin mit sich.
      „Danke… das ist mir nicht aufgefallen“, brachte sie schließlich hervor, wobei ihre Stimme ein wenig bebte, gar stotterte.
      Um die peinliche Stille zu überspielen, stellte sie hastig die erste Frage, die ihr eingefallen war. „Was habt Ihr in eurer Kindheit und Jugend gerne in eurer Freizeit gemacht?“ Dieses Mal stotterte sie etwas weniger, doch die Verlegenheit lag weiterhin wie ein schweres Gewicht in ihrem Brustkorb.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Es war nur ein kurzes Streicheln seines Daumens über ihren Handrücken, doch sorgte es für ein wohliges Kribbeln in seinem Bauch. Und genau dieses lockte das schüchterne Kompliment über seine Lippen. Maria hatte ihm nichts zu erzählen, das akzeptierte Caleb, da er sie nicht zwingen wollte. Und so ging er mit gutem Beispiel voran, als sie ihn fragte, was er gerne in seiner Kindheit und Jugend gemacht hatte. Er hielt dabei ruhig ihre Hand in seiner, verzichtete auf ein zweites Streichen und hielt ihre zarte Hand einfach nur sachte fest. Caleb musste aber sehr darauf achten, was er ihr nun erzählte, denn mit keinem Wort durfte er seinen Zwillingsbruder Viego erwähnen.
      "Als Junge ließ ich mir gerne Geschichten von meiner Mutter vorlesen. Außerdem war ich gerne draußen und tobte mit anderen Kindern, wobei das eher im Geheimen geschah, da es sich für einen Prinzen nicht gehört, mit dem Pöbel zu verkehren." fing er an zu erzählen. "Da meine Mutter leider früh verstarb, wurde ich von der Zofe meiner Mutter erzogen, was natürlich nicht das Gleiche ist, aber sie war stets liebevoll zu mir." sprach er weiter. "Im Gegensatz zu meinem Vater oder seinem Berater. Beide bereiteten mich auf meine Regentschaft als König vor und jeder wollte mich auf seine Seite ziehen." "Bis Viego beide tötete." ging es Caleb durch den Kopf, doch nichts dergleichen, verließ seine Lippen. "Schlussendlich töteten sich die beiden Männer gegenseitig in dem Wahn, mich als ihre Marionette zu benutzen" So jedenfalls stellten er und sein Bruder es am Ende dar. Noch heute graute es ihm davor, sich vorzustellen, wie Viego die Leiche von Xnther in den Raum mit dem König brachte und beiden einen blutigen Dolch in die Hand legte. Dieses Geheimnis liegt schwer auf dem Gewissen des jungen Königs, doch davon durfte nie jemand etwas erfahren. "Verzeiht, Prinzessin, dass ich euch solch eine düstere Geschichte erzähle." entschuldigte sich Caleb direkt und führte im Reflex ihre Hand an seine Lippen, für einen zarten Kuss, so fein, als hätte sich ein Schmetterling für einen kurzen Augenblick darauf niedergelassen, nur um gleich wieder weiterzufliegen. Caleb ließ dann auch direkt ihre Hand wieder los und sah etwas beschämt zur Seite. Gerade fühlte sich der junge Mann sehr verletzlich und bereute, dass er ihr von dem Ableben seiner Eltern erzählt hatte. "Ich … ähm … bin schon damals gerne reiten gegangen, und wenn ich mal für mich war, ging ich sogar im See oder im Fluss etwas baden." fügte er rasch an, damit seine Erzählung nicht so finster endete. "Als Prinz verkleidete ich mich auch oft und mischte mich unter das Volk, doch das funktioniert nicht mehr." erinnerte er sich an diese Tage, wo er sich für wenige Stunden, wie jemand ganz Gewöhnliches gefühlt hatte. Jemand, der nicht die Entscheidungsgewalt über ein ganzes Königreich besaß und rein theoretisch über Leben und Tod entscheiden konnte. Eine Macht, die ihm auch jetzt zuwider ist.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Zephyrine hörte ihm aufmerksam zu, jedes seiner Worte fand seinen Weg zu ihr. Als er von seiner Mutter sprach und davon, wie sie ihm Geschichten vorgelesen hatte, legte sich ein sanfter Ausdruck auf ihr Gesicht. Doch dieser verflog rasch, als er erwähnte, dass sie früh verstorben war. Für einen kurzen Moment senkte sie den Blick, ihre Lippen pressten sich leicht zusammen. Sie kannte den Schmerz des Verlustes nicht in dieser Form, doch allein die Vorstellung, so jung ohne Mutter aufzuwachsen, machte ihr Herz schwer.
      Als er jedoch davon erzählte, dass er trotz allem draußen spielen konnte, wenn auch im Verborgenen, huschte ein kleines, ehrliches Lächeln über ihr Gesicht. Es beruhigte sie zu wissen, dass er zumindest diese Freiheit gehabt hatte, dass seine Kindheit nicht ausschließlich aus Pflichten bestanden hatte.
      Doch dann verdunkelte sich ihr Blick erneut, als er von den beiden Männern sprach, die ihn auf seine Regentschaft vorbereiten sollten. Ihre Stirn zog sich leicht zusammen, und bei seinen Worten über deren gegenseitigen Tod lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Zephyrine hatte noch nie eine Leiche gesehen, nie Blut in solcher Menge, nie den Tod so nah vor Augen gehabt. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es wohl sein musste, mit solchen Bildern zu leben. Ob sie ihn nachts verfolgten. Ob sie ihm den Schlaf raubten. Ihre Finger zuckten leicht in seiner Hand, ohne dass sie es bewusst bemerkte.
      Als Caleb sich entschuldigte, schüttelte sie sanft den Kopf. Noch bevor sie etwas sagen konnte, spürte sie, wie er ihre Hand an seine Lippen führte. Der Kuss war kaum mehr als eine Berührung, so leicht und flüchtig, doch er hinterließ ein deutliches Kribbeln auf ihrer Haut, das sich bis in ihren Arm zog. Ihr Blick folgte der Bewegung, ihre Wangen wurden warm, und für einen Augenblick vergaß sie, wie sie atmen sollte. Es schien ihm selbst unangenehm zu sein, denn er wandte sich ab und wechselte hastig das Thema. Zephyrine konnte das gut verstehen.
      Sie lauschte weiter, als er vom Reiten erzählte, vom Baden im See und davon, wie er sich einst verkleidet hatte, um unter das Volk zu gehen. Diese Bilder gefielen ihr. Sie wirkten frei, beinahe sorglos. „Danke, dass Ihr mir von Eurer Kindheit erzählt habt“, sagte sie schließlich leise und ehrlich, während sie ihn ansah. „Es bedeutet mir viel, dass Ihr das mit mir geteilt habt.“ Obwohl sie selbst ihm nichts Genaues erzählt hat.
      Einen Moment zögerte sie, dann legte sie den Kopf leicht schief. „Selbst mit Verkleidung werdet Ihr erkannt?“ fragte sie neugierig, aber auch mit einem Anflug von Bedauern in der Stimme. Der Gedanke, niemals wirklich unerkannt sein zu können, erschien ihr plötzlich schwerer als jede Krone. Aufgrund ihrer Pflichten und Alters, war ihnen nicht mehr möglich viele alte Erinnerungen im Freien nachzugehen. Doch das trauerte die Blondine nicht hinterher, doch sie machte sich ein wenig Sorgen, ob der König einen gesunden Ausgleich ausleben.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Caleb schenkte der Prinzessin ein verlegenes Lächeln, als sie meinte, dass es ihr viel bedeutete, dass er mit ihr seine Kindheit geteilt hatte. Dabei fehlte in der Erzählung quasi die andere Hälfte, denn der Name seines Bruders war kein einziges Mal gefallen. "Also das ist doch nichts, wofür ihr euch bedanken müsst." winkte der junge König ab.
      "Man muss dazu sagen, dass ich mir mit meinen Verkleidungen keine große Mühe gegeben habe." lachte er bei ihrer Frage auf. "Wenn es wieder ruhiger im Land zugeht, kann ich es ja noch einmal versuchen." überlegte er dann laut im Scherz. Er würde Talon wohl einen Herzinfarkt bescheren, wenn er einfach so, ohne sein Wissen, verschwinden würde, und sei es nur für ein paar Stunden. Das könnte er seinem Freund nicht antun.
      "Macht euch keine Sorgen um mich, deswegen. Ich bin das schon gewohnt." versuchte er Zyphrine die Sorgenfalte auf ihrer Stirn zu vertreiben, die für einen kurzen Moment aufgetaucht war. "Außerdem hat es auch seine Vorteile. Ich muss mich nicht wirklich vorstellen und die Menschen haben direkt Respekt vor mir. Manche freuen sich sogar, mich zu sehen, und wollen mir dann sogar etwas schenken. Das ist mir oft eher unangenehm." sprach Caleb von den Erfahrungen, die er schon gemacht hat. Er erwähnte lieber nicht, dass es auch einmal einen Mordanschlag auf ihn gegeben hatte. Seine Leibwache konnte dies vereiteln, doch dann musste er den Befehl geben, den man zu Exekutieren. Noch heute sah er die hasserfüllten Augen vor sich, die dann immer leerer wurden, bis sie sich schließlich schlossen. Ein Anblick, den er nie mehr wieder erleben wollte. Daher versuchte er alles, damit das Volk von Dromos, mit seinem König zufrieden ist. "Ihr werdet es nie schaffen, dass alle Bewohner des Landes zufrieden sind. Es wird immer welche geben, die versuchen, die Schuld an ihrer schlechten Situation auf euch zu schieben. Seid euch das bitte bewusst, eure Majestät." hallten die Worte von Talon da immer wieder in seinem Kopf. Recht hatte der Berater damit, doch Caleb wollte es dennoch versuchen.
      Und das Gleiche gilt auch für die Prinzessin. Er will, dass Zyphrine sich hier im Schloss wohlfühlt und es ihr an nichts fehlt. Vielleicht würde dann diese Ehe auch erfolgreich und gar schön sein.
      "Es ist schon recht spät. Soll ich euch zu euren Gemächern begleiten?" stellte Caleb dann fest, dass schon einiges an Zeit vergangen war, so wie die Kerzen auf dem Tisch heruntergebrannt waren. Er bot Zyphringe gerne sein Geleit an, damit er noch einen kurzen Moment länger mit ihr etwas Zeit verbringen konnte. Zeit, in der sie mehr für sich waren, ohne die neugierigen Blicke des Adels, die auf jeden Fehltritt von ihm und jetzt auch der Prinzessin geierten. Er vermag sich kaum vorzustellen, welchen Druck Zyphrine daher spürte. Ob es derselbe ist, der auch auf seinen Schultern lastet?
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Auch wenn er ihre Worte abgewinkt hatte, war es für Zephyrine keineswegs selbstverständlich, dass er so persönliche Dinge über seine Vergangenheit mit ihr teilte. Vielleicht hatte er darüber nicht einmal mit vielen anderen Adeligen gesprochen, und dennoch hatte er es ihr erzählt. Umso mehr fiel ihr auf, dass sie selbst ihm kaum etwas Bedeutendes über sich preisgegeben hatte.
      Vielleicht würde tatsächlich der Tag kommen, an dem sie gemeinsam verkleidet durch die Stadt gingen. Doch er hatte recht. Sich auch unverkleidet zu zeigen, um dem Volk zu beweisen, dass ihr König präsent war und nicht nur abgeschottet in seinen Gemächern lebte, war gewiss wichtig. Gleichzeitig fürchtete sie, dass irgendein Bürger oder gar ein Feind die Gelegenheit zu einem Angriff nutzen könnte. Vielleicht war es besser, sich darüber erst Gedanken zu machen, wenn dieser Tag wirklich bevorstand.
      Fast schien es, als hätte der König ihre Gedanken gelesen, denn er sprach genau den Punkt an, der sie beschäftigte. Was er sagte, war wahr. Dennoch wollte Zephyrine ihrer neuen Rolle gerecht werden, gerade wegen der Umstände, unter denen sie hierhergekommen war. Sie durfte sich keine Fehler erlauben, die jemanden dazu bringen könnten, ihre Herkunft genauer zu hinterfragen. Doch unabhängig davon wollte sie ihr Bestes geben, um wenigstens den Großteil der Menschen zufriedenzustellen. Schließlich stammte sie selbst aus einfachen Verhältnissen und kannte die alltäglichen Sorgen und Nöte des Volkes. Vielleicht konnte gerade das eines Tages zu ihrem Vorteil werden.
      Zephyrine hatte gar nicht bemerkt, wie spät es geworden war, so aufmerksam hatte sie seinen Erzählungen gelauscht.
      „Gerne“, antwortete sie leise auf sein Angebot.
      Die Atmosphäre zwischen ihnen war angenehm gewesen, ruhig und unerwartet vertraut. Es wäre schön, wenn sie dieses Gefühl bewahren konnten. Sein Angebot abzulehnen hätte die Stimmung nur gestört, und das wollte sie nicht riskieren.
      So erhob sie sich, noch angenehm satt vom köstlichen Essen, und ließ sich von Caleb durch die Gänge begleiten. Langsam bekam sie ein Gefühl dafür, welchen Weg sie zu ihren Gemächern nehmen musste. Nach einigen Schritten wandte sie sich leicht zu ihm.
      „Das Essen war wie immer sehr köstlich“, sagte sie mit ehrlicher Wärme. „Aber Ihr müsst meinetwegen nicht jedes Mal eine so große Auswahl vorbereiten lassen.“
      Sie konnte erkennen, wie viel Mühe und Aufwand hinter jeder Mahlzeit steckte, und beinahe fühlte sie sich unwohl bei dem Gedanken, dass all das nur für sie veranstaltet wurde, selbst wenn es jedes Mal hervorragend schmeckte. Vielleicht irrte sie sich auch, und diese Fülle war schon lange vor ihrer Ankunft üblich gewesen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Die Prinzessin erlaubte es ihm, sie zu ihren Gemächern zu begleiten. So erhob sich Caleb und schritt neben Maria her, die sich schon recht gut im Schloss auskannte. Vor ihrer Türe blieben sie stehen, und da wandte sie sich an ihn und sprach über die üppige Auswahl des Essens. Ihm selbst war das nie so aufgefallen, da der König es gewohnt war, immer die Wahl zu haben. Doch jetzt, wenn er so darüber nachdachte, standen wirklich viel mehr Speisen auf der Tafel, als er essen konnte.
      "Wie wäre es, wenn ihr mit der Küche darüber sprecht? Teilt dem Koch am besten mit, welche Speisen nicht fehlen dürfen und worauf man verzichten kann. Und macht euch keine Sorgen um mich, ich werde das essen, was ihr auswählt." schlug Caleb ihr vor. "Morgen nach dem Frühstück könnt ihr euch gleich darum kümmern, wenn ihr wollt." fügte er an und sah dabei Maria in die Augen. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart sehr wohl und ein leichtes Kribbeln, wuchs langsam aber beständig in seiner Magengrube immer mehr heran.
      "Ich wünsche euch eine gute Nacht, Prinzessin." wünschte er ihr dann und nahm dabei ihre Hand sanft in seine. "Schlaft gut und habt angenehme Träume." flüsterte er ihr zu und streichelte dabei sachte ihren Handrücken, ehe er sie wieder losließ. Caleb verneigte sich dann und wandte sich zum Gehen. Dabei klopfte sein Herz etwas schneller als gewohnt.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Zephyrine blieb vor ihrer Tür stehen und hörte Caleb aufmerksam zu, als er ihr vorschlug, selbst mit der Küche zu sprechen. Für einen Moment zögerte sie.
      Sie wusste nicht so recht, wie sie mit dieser neuen Aufgabe umgehen sollte. Einerseits verstand sie seinen Gedanken. Es war tatsächlich eine große Auswahl, mehr als man je essen konnte. Andererseits fühlte es sich falsch an, etwas davon wegzulassen. Was, wenn sie genau das strich, was der König besonders gern aß? Sie hatte keinen Überblick über seine Vorlieben, kannte seine Gewohnheiten kaum.
      „Ich… werde darüber nachdenken“, antwortete sie schließlich vorsichtig.
      In Wahrheit fand sie jede Speise, die man ihr bisher serviert hatte, köstlich. Für jemanden wie sie, der nicht mit solchem Überfluss aufgewachsen war, war selbst die kleinste Auswahl bereits mehr als genug. Etwas davon bewusst zu reduzieren, fühlte sich beinahe undankbar an.
      Ihr Blick glitt kurz nachdenklich zur Seite, bevor sie ihn wieder ansah. Dann verabschiedete er sich.
      Seine Stimme war ruhig, beinahe sanft, als er ihr eine gute Nacht wünschte. Als er nach ihrer Hand griff, hielt sie für einen kurzen Moment die Luft an. Seine Berührung war warm, vorsichtig, fast schon behutsam. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ohne dass sie es kontrollieren konnte.
      Es war kein unangenehmes Gefühl. Eher… fremd. Ein leises Kribbeln breitete sich von der Stelle aus, an der er sie angefasst hatte, und als sein Daumen noch einmal sanft über ihren Handrücken strich, wurde die Haut dort plötzlich ganz warm. Fast so, als hätte sich die Berührung in sie eingebrannt.
      Zephyrine wusste nicht, wie sie dieses Gefühl einordnen sollte. Sie hatte keine Erfahrung mit Männern. Keine Vergleichswerte, keine Erinnerungen, an denen sie sich orientieren konnte. Alles daran war neu. Zu neu.
      Als er ihre Hand wieder losließ, blieb ihre noch einen Moment in der Luft, bevor sie sie langsam zurückzog. Ihre Finger schlossen sich leicht, als wollte sie das Gefühl festhalten. Still sah sie ihm nach, wie er sich verneigte und sich dann abwandte. Sein Schritt entfernte sich langsam, bis er schließlich um die Ecke verschwand.
      Erst dann regte sie sich wieder.
      Leise trat sie in ihre Gemächer ein, wo bereits eine Zofe auf sie wartete. Wortlos ließ sie sich helfen, sich umzuziehen. Ihre Bewegungen waren ruhiger als sonst, fast nachdenklich. Immer wieder glitt ihr Blick unbewusst zu ihrer Hand.
      Im Bad angekommen, ließ sie sich in das warme Wasser sinken. Die Wärme umhüllte sie sofort, nahm ihr einen Teil der Anspannung, die sich über den Tag hinweg angesammelt hatte. Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf leicht zurück.
      Vor ihrem inneren Auge ließ sie den Tag noch einmal Revue passieren.
      Die Gespräche. Die Eindrücke. Die Unsicherheiten. Und immer wieder tauchte sein Gesicht in ihren Gedanken auf.
      Seine Worte. Seine Stimme. Seine Berührungen.
      Ein leises Seufzen entwich ihr.
      Nachdem sie sich gewaschen hatte, ließ sie sich erneut ankleiden und begab sich schließlich ins Bett. Die Decke fühlte sich angenehm weich an, doch an Schlaf war zunächst nicht zu denken.
      Stattdessen lag sie auf dem Rücken und starrte an die Decke. Der Tag war wieder ereignisreich gewesen. Zu ereignisreich. Und während ihre Gedanken langsam zur Ruhe kamen, schlich sich ein leiser Wunsch in ihr Herz. Wie sehr sie sich wünschte, ihrer Mutter schreiben zu können. Ihr alles zu erzählen. Von dem Schloss, den Menschen, den Momenten, die sie selbst kaum verstand. Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt.
      Also lag sie still da, allein mit ihren Gedanken, bis die Müdigkeit sie irgendwann doch einholte. So ganz wahrlich sah sie diesen Ort weiterhin nicht als ihr Zuhause an, das würde viel Zeit kosten.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Mit klopfendem Herzen lief Caleb zu seinen Gemächern, und vielleicht waren dabei seine Schritte ein wenig beschwingter als sonst. Zwar war der König müde, doch seine Laune hatte sich für diesen Moment etwas angehoben. In seinem Gemach war der junge Mann alleine und fing langsam an, seine Robe abzulegen. Caleb hatte schon sein Schlafgewand an, als er plötzlich ein Geräusch vernahm und im nächsten Moment sein Bruder Viego aus einer Geheimtüre trat. "Bruder? Gibt es etwas Neues?" fragte Caleb und setzte sich auf sein Bett. "Was auch immer Videus und Yanis beim Empfang der Bürger vorhatten, sie haben es entweder verworfen oder es ist misslungen." fing Viego an zusprechen. "Das sind doch gute Nachrichten." meinte Caleb und klopfte dann auf den Platz neben sich, dass sich sein Bruder zu ihm setzen sollte. Eher zögerlich kam Viego seinem Zwilling näher und setzte sich dann mit etwas Abstand auf das Bett. "Fürs Erste vielleicht ja, aber ich habe sie heute wieder tuscheln sehen. Sie hecken bestimmt etwas aus. Du musst auf der Hut sein, Bruder!" warnte er den jungen König eindringlich. Calebs Blick wurde etwas düsterer, denn die Warnung seines Bruders nahm er sehr ernst, auch wenn er manchmal übervorsichtig ist. "Ich werde aufmerksam bleiben." versicherte er daher Viego und sah ihm dabei ernst in die Augen, die seinen eigenen so sehr ähneln. "Versprochen." fügte Caleb dann auch an. Etwas ruhiger und zufrieden nickte Viego und zog dann ein Papier unter seinem Wams hervor. Das Pergament war zum größten Teil verbrannt, doch man konnte darauf eindeutig noch ein paar Worte lesen. Treffpunkt: alte Mine im Westen. "Woher hast du das?" fragte der junge König und runzelte dabei seine Stirn. "Videus hat versucht, es zu verbrennen. Doch ich konnte dieses Stück noch retten." erklärte Viego und sah dabei seinen Bruder an. Er kannte sich im Schloss wie kein anderer aus, doch von der Welt außerhalb der Schlossmauern hatte er kaum eine Ahnung. "Danke. Ich werde es Talon zeigen. Im Westen befinden sich die Berge. Dort wurde schon immer nach Erz und Eisen gesucht. Daher gibt es auch ein paar Minen, die schon stillgelegt wurden, da diese erschöpft sind." sprach Caleb nachdenklich. "Ich werde diesem Hinweis nachgehen. Danke Bruder." gab der junge Mann aufrichtig von sich und legte seine Hand auf die Schulter seines Zwillings. "In Ordnung. Aber pass bitte auf dich auf." nickte Viego, der sich wohl immer um seinen Bruder sorgte. "Das mache ich. Aber achte du auch auf dich." entgegnete ihm Caleb.
      Die Brüder saßen noch eine Weile zusammen, die meiste Zeit dann doch mehr schweigend, bis sich Viego wieder erhob und Caleb eine gute Nacht wünschte. Wie ein Phantom verschwand er dann aus dem Zimmer durch den Geheimgang. Der junge König sah seinem Bruder kurz nach, ehe er das Licht löschte und sich endlich ins Bett legte.

      Am nächsten Morgen erwachte Caleb früh und richtete sich sogleich für den Tag. Leider konnte er nicht mit Maria frühstücken, da dies die Zeit nicht zuließ. Um ihr dennoch eine Freude zu machen, ging er persönlich in den königlichen Garten und suchte dort eine rote Rose aus, die man für sie in einer Vase auf den Tisch stellen sollte, wenn sie ihr Frühstück zu sich nahm.
      Er erzählte dann Talon von dem Hinweis. Auf die Nachfrage seines Beraters hin, meinte er, ein Spion hätte ihm diesen zukommen lassen. Damit gab sich Talon dann zufrieden und war damit einverstanden, dass sie den Mienen im Westen mal einen Besuch abstatten sollten. An sich war es an der Zeit, diesem Gebiet und seiner Bevölkerung etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. So hatte der junge König, einen langen Tag vor sich. Dabei rief er sich den geplanten Ausritt mit Maria ins Gedächtnis, der ihm wie eine würdige Entlohnung vorkam.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Zephyrine erwachte mit den ersten sanften Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster ihres Gemachs fielen und den Raum in ein warmes, goldenes Licht tauchten. Einen Moment blieb sie reglos liegen und lauschte der ungewohnten Stille. Kein Stimmengewirr aus der Schankstube, kein Klappern von Geschirr, keine Mutter, die sie bereits mit einer Aufgabe rief. Stattdessen war da nur die friedliche Ruhe des Schlosses.
      Ein leises Klopfen an der Tür riss sie schließlich aus ihren Gedanken.
      „Eure Hoheit? Dürfen wir eintreten?“
      „Ja, natürlich.“
      Kurz darauf betraten zwei Zofen den Raum. Mit routinierten Bewegungen halfen sie ihr beim Ankleiden, flochten ihr Haar zu einer schlichten, aber eleganten Frisur und legten ihr schließlich den letzten Schmuck an. Zephyrine ließ alles schweigend über sich ergehen. Noch immer war es ein seltsames Gefühl, dass andere sich um Dinge kümmerten, die sie ihr ganzes Leben lang selbst erledigt hatte.
      Während eine der Zofen die letzten Falten ihres Kleides glättete, ergriff sie vorsichtig das Wort.
      „Seine Majestät lässt ausrichten, dass Ihr heute allein frühstücken werdet. Er musste bereits früh zu wichtigen Angelegenheiten aufbrechen.“
      Zephyrine hob leicht den Blick.
      „Ist... alles in Ordnung?“
      Die Zofe lächelte höflich.
      „Soweit wir wissen, ja. Seine Majestät hat lediglich einen sehr vollen Tagesplan.“
      Die junge Frau nickte langsam. Ein kleiner Teil in ihr machte sich dennoch Sorgen. Sie erinnerte sich an Vortag, an die vielen Verpflichtungen, die Caleb auf seinen Schultern trug. Sie wollte nicht weiter nachfragen. Wenn es etwas Ernstes wäre, hätte man es ihr vermutlich ohnehin nicht erzählt.
      Gemeinsam gingen sie schließlich zum Speisesaal.
      Wie bereits am Morgen zuvor war der Tisch reichlich gedeckt. Doch bevor Zephyrine ihren Platz einnahm, fiel ihr Blick auf eine einzelne rote Rose, die in einer schlichten Vase mitten auf dem Tisch stand.
      „Wie wunderschön...“
      „Seine Majestät hat sie heute Morgen persönlich im königlichen Garten ausgesucht“, erklärte eine Bedienstete mit einem sanften Lächeln.
      Zephyrines Blick blieb an der Blüte hängen. Für einen Augenblick wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Er hatte sich trotz seiner vielen Pflichten die Zeit genommen, in den Garten zu gehen und eine Rose für sie auszuwählen. Es war nur eine Blume. Etwas Kleines. Etwas, das viele Menschen vermutlich kaum beachten würden. Und dennoch fühlte sich diese Geste für Zephyrine bedeutender an als jedes kostbare Schmuckstück. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sich zuletzt jemand solche Mühe nur ihretwegen gemacht hatte.
      Unwillkürlich legte sie vorsichtig ihre Fingerspitzen an den Stiel der Rose. Ein sanftes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
      „Vielen Dank...“, murmelte sie leise, obwohl Caleb sie nicht hören konnte.
      Anschließend setzte sie sich und begann in Ruhe zu frühstücken. Währenddessen wanderte ihr Blick immer wieder zu der roten Rose. Sie erinnerte sich an das Gespräch des vergangenen Abends, an seine freundlichen Worte und daran, wie selbstverständlich er sie in seine Zukunftspläne einbezogen hatte. Noch immer wusste sie nicht, ob sie dieser Rolle wirklich gerecht werden konnte, doch diese kleine Aufmerksamkeit ließ einen Teil ihrer Unsicherheit etwas verblassen.
      Nachdem sie gegessen hatte, lehnte sie sich leicht zurück. Heute stand nichts Besonderes auf ihrem Plan. Zumindest noch nicht. Etiketteunterricht, Reitstunden, Politik, Geschichte, Diplomatie. All das würde früher oder später beginnen. Allein der Gedanke daran ließ sie innerlich beinahe erschöpft aufseufzen. Ihr Blick glitt erneut über die vielen Speisen auf dem Tisch. Es war viel zu viel. Selbst wenn Caleb hier gewesen wäre, hätten sie unmöglich alles essen können. Wie viel davon wohl später entsorgt wurde? Der Gedanke ließ ihr Herz schwer werden. Sie erhob sich schließlich.
      „Ich würde gern kurz in die Küche gehen.“
      Die Bediensteten tauschten überraschte Blicke aus, widersprachen jedoch nicht. Wenig später betrat Zephyrine erneut die große Schlossküche.
      Kaum hatte sie die Tür geöffnet, verstummten mehrere Gespräche. Die Köche und Küchengehilfen blickten überrascht auf. Offenbar hatte niemand damit gerechnet, dass die zukünftige Königin erneut zwischen ihnen auftauchen würde.
      „Guten Morgen“, begrüßte Zephyrine sie mit einem freundlichen Lächeln.
      Nach einem kurzen Moment löste sich die angespannte Stimmung.
      Die Bediensteten verbeugten sich höflich und gingen anschließend ihrer Arbeit nach. Einige räumten bereits benutztes Geschirr weg, andere sortierten Vorräte oder säuberten Arbeitsflächen. Zephyrine blieb einen Moment stehen und beobachtete das geschäftige Treiben.
      Erst jetzt fiel ihr auf, wie viel Arbeit hinter jeder einzelnen Mahlzeit steckte.
      Während sie noch zusah, trat eine junge Küchengehilfin etwas unsicher auf sie zu.
      „Kann ich Euch behilflich sein, Eure Hoheit?“
      „Ja, tatsächlich.“ Zephyrine lächelte freundlich. „Darf ich Euch etwas fragen?“
      „Natürlich.“
      „Habt ihr nach dem Kochen selbst genügend zu essen?“
      Die junge Frau blinzelte überrascht.
      „Ja, Eure Hoheit. Wir erhalten alle Mahlzeiten aus der Schlossküche.“
      Zephyrine atmete erleichtert aus.
      „Das freut mich.“
      Nach kurzem Zögern stellte sie ihre nächste Frage.
      „Gibt es bestimmte Gerichte, die Seine Majestät besonders gern isst?“
      Die Küchengehilfin überlegte einen Augenblick.
      „Seine Majestät bevorzugt eher einfache Speisen. Besonders Wildgerichte und gut gewürztes Gemüse. Außerdem isst er gern frisches Brot und Obst.“
      Zephyrine nickte interessiert.
      „Vielen Dank.“
      „Möchtet Ihr vielleicht mit unserem Küchenmeister sprechen?“
      „Ja, sehr gern.“
      Die junge Frau führte sie durch die große Küche bis zu einem älteren Mann, der gerade Anweisungen verteilte. Als er Zephyrine bemerkte, verneigte er sich respektvoll.
      „Eure Hoheit.“
      „Bitte, arbeitet ruhig weiter.“ Sie lächelte freundlich. „Ich wollte Euch lediglich etwas sagen.“
      Der Koch richtete sich wieder auf und hörte aufmerksam zu.
      „Zunächst möchte ich mich bedanken. Das Essen ist wirklich ausgezeichnet.“ Ihr Blick glitt über die zahlreichen vorbereiteten Speisen. „Man schmeckt und sieht, wie viel Mühe und Leidenschaft Ihr und Euer Team hineinsteckt. Das weiß ich sehr zu schätzen.“
      Für einen kurzen Moment huschte so etwas wie Stolz über das Gesicht des Küchenmeisters.
      „Es ehrt uns sehr, dass Ihr das sagt.“
      Zephyrine lächelte.
      „Gerade deshalb finde ich es schade, wenn so viele Speisen übrig bleiben.“
      Der Koch runzelte leicht die Stirn.
      „Ich verstehe.“
      „Für zwei Personen ist diese Menge einfach zu groß.“ Ihre Stimme blieb sanft. „Wäre es möglich, die Mahlzeiten künftig etwas kleiner zu gestalten? Vielleicht ein Fleischgericht, frisches Obst, Gemüse und ein oder zwei weitere Gerichte nach Eurer Wahl. Das wäre vollkommen ausreichend.“
      Der Küchenmeister schwieg einen Moment. Sein überraschter Blick verriet ihr nicht, ob er ihre Bitte für unangebracht hielt oder lediglich nicht mit einer solchen Anweisung gerechnet hatte. Schließlich nickte er langsam.
      „Wenn dies Euer Wunsch ist, werden wir ihn selbstverständlich umsetzen.“ Zephyrine lächelte erleichtert.
      „Vielen Dank. Natürlich gilt das nur für den Alltag. Wenn Gäste anwesend sind oder ein Ball stattfindet, soll selbstverständlich alles so prachtvoll bleiben wie bisher.“
      „Das wird berücksichtigt werden.“
      Sie verneigte leicht den Kopf.
      „Vielen Dank für Eure Arbeit.“
      Mit einem letzten Lächeln verabschiedete sie sich wieder aus der Küche. Ob die Bediensteten ihre Entscheidung nachvollziehen konnten, wusste sie nicht. Vielleicht hielten einige sie für sonderbar. Vielleicht verstanden andere ihre Beweggründe. Doch wenn dadurch weniger Lebensmittel verschwendet wurden und die Arbeit der Küche ein wenig erleichtert werden konnte, dann war sie zufrieden.
      Anschließend zog es Zephyrine nach draußen.
      Eine Hofdame reichte ihr einen hellen Sonnenschirm, den sie dankbar entgegennahm. Langsam schlenderte sie durch die weitläufigen Schlossgärten. Die Blumen standen in voller Blüte, Schmetterlinge tanzten zwischen den Beeten, und eine leichte Brise trug den Duft von Rosen und Lavendel mit sich. Sie genoss die Ruhe. Der Spaziergang half ihr, das reichhaltige Frühstück etwas zu verdauen, doch zugleich schweiften ihre Gedanken erneut in die Zukunft. Bald würden die Unterrichtsstunden beginnen. Etikette. Reiten. Politik. Geschichte. Diplomatie. Allein die Vorstellung ließ sie innerlich müde werden. Sie war körperliche Arbeit gewohnt. Stundenlang auf den Beinen zu sein, schwere Körbe zu tragen oder im Garten mit anzupacken, hatte sie nie gestört.
      Doch stundenlang still zu sitzen, aufmerksam zuzuhören und jede einzelne Regel auswendig zu lernen, erschien ihr beinahe anstrengender. Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen. Viel lieber würde sie gemeinsam mit Caleb durch das Königreich reisen, die Dörfer und Städte mit eigenen Augen sehen und direkt von den Menschen lernen. Sie wollte ihre Sorgen hören, ihre Lebensweise kennenlernen und verstehen, was sie wirklich brauchten. Das erschien ihr sinnvoller, als all das ausschließlich aus Büchern zu lernen. Doch sie wusste auch, dass eine zukünftige Königin zuerst die Grundlagen beherrschen musste. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig zu sein.
      Mit dem Sonnenschirm in der Hand setzte sie ihren Weg durch den Garten fort und ließ ihren Blick über die farbenprächtigen Blumen schweifen, während sie versuchte, die Ruhe dieses Morgens noch ein wenig länger festzuhalten.
      Zephyrine war noch nicht weit gekommen, als sie hinter einer Hecke gedämpfte Stimmen vernahm. Zunächst schenkte sie ihnen keine weitere Beachtung. Im Schloss arbeiteten unzählige Menschen, und überall wurde gesprochen. Doch als sie ihren eigenen Namen hörte, verlangsamten sich ihre Schritte beinahe unwillkürlich.
      „...die zukünftige Königin...“
      Sie blieb stehen. Nicht, weil sie lauschen wollte. Sondern weil ihre Beine für einen kurzen Augenblick wie angewurzelt waren. Die Stimmen gehörten zwei Gärtnern, die offenbar nicht bemerkt hatten, dass sich jemand näherte.
      „Sie soll heute Morgen wieder in der Küche gewesen sein.“
      „Ja, das habe ich auch gehört. Sie hat wohl den Küchenmeister darum gebeten, weniger Speisen zuzubereiten.“
      „Seltsam... Welche Adelige bittet freiwillig darum, weniger aufgetischt zu bekommen?“
      Für einen Moment blieb es still.
      „Vielleicht möchte sie einfach einen guten Eindruck hinterlassen.“
      „Oder sie ist wirklich so.“
      Zephyrine wusste nicht, weshalb sie stehen blieb. Vielleicht hoffte sie auf die Antwort. Vielleicht wollte sie auch einfach wissen, welchen Eindruck sie hinterließ.
      „Ich habe gestern gesehen, wie sie sich bei einer Küchenhilfe bedankt hat.“
      „Dafür bedankt man sich doch nicht.“
      „Eben deshalb erinnere ich mich daran.“
      Ein leises Schnauben war zu hören.
      „Ich weiß nicht... Für mich wirkt sie eher fehl am Platz.“
      Diese Worte trafen sie überraschend tief.
      „Sie bewegt sich nicht wie jemand, der sein Leben lang am Hof gelebt hat.“
      Zephyrines Finger schlossen sich fester um den Griff ihres Sonnenschirms. Unbewusst hielt sie den Atem an.
      „Und? Muss sie das?“
      Der andere Gärtner schwieg kurz.
      „Nein... vermutlich nicht.“
      „Ich finde sogar, gerade das macht sie sympathisch. Seit Jahren laufen hier Menschen herum, die jeden Diener behandeln, als wäre er Luft. Wenn sie den Küchenleuten Arbeit ersparen möchte, ist das doch nichts Schlechtes.“
      „Vielleicht.“
      „Vielleicht sollten wir ihr einfach eine Chance geben.“
      Zephyrine senkte langsam den Blick. Eine unerwartete Wärme breitete sich in ihrer Brust aus. Sie wusste, dass nicht jeder sie mögen würde. Das war unmöglich. Aber allein zu hören, dass manche Menschen ihre Beweggründe verstanden, nahm ihr einen Teil der Unsicherheit.
      Gerade als sie weitergehen wollte, knackte unter ihrem Schuh ein trockener Ast. Die Gespräche verstummten augenblicklich.
      „Wer ist da?“
      Zephyrine trat langsam hinter der Hecke hervor. Die beiden Gärtner erschraken sichtbar. Binnen einer Sekunde verneigten sie sich tief.
      „Eure Hoheit! Wir... wir wollten keinesfalls...“
      „Schon gut.“
      Ihre Stimme blieb ruhig. Sie schenkte beiden ein kleines Lächeln.
      „Ich wollte Euch nicht erschrecken.“
      Die Männer wirkten dennoch sichtlich nervös. Zephyrine wusste genau, weshalb. Sie hatten über sie gesprochen.
      „Bitte arbeitet weiter.“
      Sie verbeugte leicht den Kopf.
      „Und... danke.“
      Die beiden blickten verwundert auf.
      „Wofür, Eure Hoheit?“
      „Dafür, dass Ihr Euch so gut um die Gärten kümmert.“
      Ihr Blick schweifte über die gepflegten Blumenbeete.
      „Sie sind wunderschön.“
      Die überraschten Gesichter der beiden Männer ließen sie lächeln. Ohne ein weiteres Wort setzte sie ihren Spaziergang fort. Erst als sie außer Hörweite war, hörte sie einen der Gärtner leise sagen:
      „Jetzt verstehe ich, was die Küche gemeint hat.“
      „Ja... sie ist wirklich anders.“
      Zephyrine konnte nicht verhindern, dass sich ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen legte. Vielleicht würde es Zeit brauchen. Vielleicht würden ihr viele Menschen weiterhin misstrauen. Doch wenn sie mit kleinen Gesten nach und nach das Vertrauen der Menschen gewinnen konnte, dann war dieser Weg jede Mühe wert.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Noch am frühen Morgen verließ eine kleine Gruppe Reiter das Schloss.
      Caleb hatte bewusst darauf verzichtet, eine größere Eskorte zusammenzurufen. Videus oder Yanis sollten so keinen Verdacht schöpfen. Neben ihm ritten Talon und sechs Soldaten, die dieser persönlich ausgewählt hatte. Jeder von ihnen trug über der leichten Rüstung einen dunklen Reisemantel. Sie sollten aussehen wie eine gewöhnliche Patrouille, die auf dem Weg zu den westlichen Dörfern war.

      Das halbverbrannte Pergament hatte Caleb nicht mitgenommen. Es war in seinem Gemach versteckt. Er dachte noch einmal an das Gespräch mit seinem Bruder, als er von Talon aus seinen Gedanken gerissen wurde.
      "Hat Euer Spion auch erwähnt, um welche Mine es sich handelt?" fragte sein engster Berater.
      Sein Ross ging neben Calebs. Die Straße war hier schmaler geworden und führte zwischen flachen, mit dichtem Gras bewachsenen Hügeln hindurch. Dahinter erhoben sich bereits die westlichen Berge, die sich dunkel vom Horizont abhoben.
      "Nein." antwortete Caleb, worauf Talon ihn von der Seite ansah.
      "Das macht unsere Suche nicht gerade leichter." meinte dieser darauf.
      In der Tat machte diese die Suche eher schwerer. Da stellte der junge König nun selbst eine Frage.
      "Wie viele stillgelegte Minen gibt es in diesem Gebiet?"
      "Offiziell drei." antwortete Talon sofort.
      Caleb bemerkte die Betonung.
      "Und inoffiziell?"
      "Das werden wir wohl herausfinden müssen." entgegnete der Berater mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Darauf musste auch Caleb leicht lächeln. Es hatte etwas von einem kleinen Abenteuer, was wirklich eine schöne Abwechslung war, zu den täglichen politischen Themen, denen er sich widmen musste.

      Sie erreichten das erste Dorf kurz vor der Mittagsstunde. Einige Bewohner blieben stehen, als sie den König erkannten. Andere verneigten sich hastig oder zogen ihre Kinder von der Straße. Caleb war an solche Reaktionen gewöhnt. Dromos hatte zu lange unter seinem Vater gelebt, als dass sich die Menschen innerhalb eines Jahres an einen anderen König gewöhnen konnten.

      Vor einem niedrigen Haus saß ein alter Mann auf einer Bank und reparierte einen Korb. Seine Bewegungen hielten inne, als die Reiter vor ihm anhielten.

      "Entschuldigen Sie bitte die Störung. Aber können Sie mir sagen, wie weit es von hier zur alten Eisenmine ist?" fragte Caleb höflich. Auch wenn er der König ist, will er seinem Volk mit demselben Respekt entgegenkommen, wie er es von Ihnen wünscht.

      Der Mann hob den Blick vorsichtig und mit leichter Verwunderung darin. Er hatte bestimmt nicht erwartet, dass er so angesprochen wurde. Seine Augen wanderten kurz über Calebs Kleidung und blieben schließlich an dem königlichen Wappen hängen.

      "Welche meint Ihr, Majestät?" fragte er und senkte dabei wieder seinen Blick auf den Korb.
      "Die westlichste." antwortete Caleb ruhig.
      Etwas veränderte sich im Gesicht des Alten, und er sah dabei kurz zu dem jungen König. Nur für einen Augenblick. Er senkte den Blick dann wieder auf den Korb.
      "Die ist seit Jahren geschlossen."
      "Das war nicht seine Frage." erhob Talon seine Stimme und warf dabei Caleb einen kurzen Blick zu. Dessen Stimme war ruhig geblieben, aber dem alten Mann war die Warnung darin nicht entgangen. Der junge König hob beschwichtigend seine Hand, was dem Alten bestimmt nicht entgangen war. Sein Körper, der sich kurz bei den warnenden Worten angespannt hatte, wurde wieder ruhiger.
      "Eine knappe Stunde", antwortete er. "Ihr müsst dem alten Fuhrweg folgen. Hinter einer großen, gespaltenen Fichte führt ein schmaler Pfad nach Norden."
      "Wird der Weg noch benutzt?" fragte Caleb.
      "Nicht von den Leuten aus dem Dorf."
      "Von wem dann?" wollte Talon sogleich wissen.
      Der Mann schwieg.
      Caleb stieg ruhig und vorsichtig von seinem Pferd. Das veranlasste zwei der Soldaten, es ihm gleichzutun, doch er bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, zurückzubleiben. Er trat vor den Dorfbewohner, und begab sich auf seine Augenhöhe. Sein Schwert hing noch am Sattel, was Talon nur noch nervöser machte.
      "Ich bin nicht hier, um Euch für das Schweigen anderer Männer zu bestrafen", sagte der junge König. "Aber wenn dort etwas geschieht, das die Menschen dieses Dorfes gefährdet, muss ich davon erfahren."
      Der Alte betrachtete ihn lange. Schließlich legte er den Korb neben sich.
      "Nachts kommen Wagen durch das Dorf. Meistens zwei, manchmal drei. Sie fahren leer in die Berge und kehren schwer beladen zurück."
      "Was transportieren sie?"
      "Die Ladung ist mit Planen abgedeckt. Aber mein Sohn hat einmal gesehen, wie der Wind die Abdeckung zurück stieß." Der Mann zögerte. "Er hatte Waffen gesehen."
      Talon richtete sich im Sattel auf. "Waffen? Was für welche?" fragte der Berater.
      "Schwerter, Armbrüste, Schilde." zählte der Mann auf.

      Calebs Gesicht verhärtete sich.

      Stillgelegte Minen waren geeignete Verstecke für Schmuggelware. Doch niemand lagerte eine größere Menge Waffen ohne einen Zweck.
      "Habt Ihr ein Zeichen auf den Wägen gesehen?" fragte er.
      "Nein. Sie sind absichtlich unauffällig. Aber die Männer tragen manchmal grüne Tücher um den Arm."
      Caleb sah zu Talon.
      "Sagt Euch das etwas?" fragte er, worauf der Schwarzhaarige den Kopf schüttelte. "Nein."
      Der König wandte sich wieder an den Alten.

      "Ihr habt richtig gehandelt, mir davon zu erzählen. Niemand wird erfahren, von wem ich diese Auskunft erhielt."
      "Majestät", begann der Mann leise, "wenn Ihr wirklich zu dieser Mine wollt, solltet Ihr nicht den Fuhrweg nehmen. Dort steht fast immer jemand Wache."
      Caleb nickte. "Danke."
      Talon wandte sich an den Alten. "Dann zeigen Sie uns einen anderen Weg. Bitte."

      Der Sohn des Alten führte sie bis zum Waldrand. Von dort aus mussten sie zu Fuß weiter. Zwei Soldaten blieben bei den Pferden zurück, während Caleb mit Talon und den übrigen Männern einem kaum sichtbaren Wildpfad folgte.
      Je weiter sie in die Berge vordrangen, desto dichter standen die Bäume. Zwischen ihren Wurzeln lagen dunkle Steine, die das Vorankommen erschwerten. Feuchtigkeit hing in der Luft und das dichte Moos dämpfte ihre Schritte. Das Glück schien auf ihrer Seite zu sein.

      Die Mine lag in einer schmalen Felsschlucht. Ihr Eingang war durch morsche Balken gestützt und von außen mit Gestrüpp verdeckt worden. Auf den ersten Blick wirkte der Ort verlassen. Doch im feuchten Boden waren Hufabdrücke zu erkennen. Neben dem Eingang stand ein hölzerner Eimer, dessen Metallreifen noch keinen Rost angesetzt hatte.

      Talon hob die Hand.
      Die Gruppe blieb sofort stehen.
      Aus dem Inneren der Mine drang ein dumpfes Geräusch. Holz schlug gegen Holz. Kurz darauf folgten Männerstimmen.
      "Mindestens vier." flüsterte einer der Soldaten.
      "Wahrscheinlich mehr." erwiderte Talon.

      Caleb betrachtete die Felsen auf beiden Seiten der Schlucht. Wer den Eingang bewachte, konnte sie von oben sehen, lange bevor sie ihn erreichten.
      "Wir teilen uns am besten auf." schlug er vor. "Zwei Männer sichern den Rückweg. Die anderen umgehen den östlichen Hang. Talon kommt mit mir."
      "Majestät—" erhob Talon das Wort, doch er wurde von dem jungen König gleich unterbrochen. "Wenn dort Beweise gegen meine eigenen Berater liegen, will ich sie mit eigenen Augen sehen."
      Talon presste kurz die Lippen zusammen. Er kannte Caleb gut genug, um zu wissen, wann eine Diskussion sinnlos war. Außerdem war der Vorschlag gut. Er wollte den König nur keiner unnötigen Gefahr aussetzen, auch wenn ihm bewusst ist, dass Caleb alles andere als wehrlos ist. "Gut." nickte er, und so trennte sich die Gruppe auf.

      Sie erreichten den Eingang von der Seite. Ein Mann mit einem grünen Tuch um dem Arm stand einige Schritte vor der Mine und lehnte an einem Felsen. Sein Schwert hing locker an seiner Hüfte. Er bemerkte Talon erst, als dessen Klinge bereits an seiner Kehle lag.
      "Nicht bewegen." befahl Talon.
      Der Mann erstarrte.
      Caleb nahm ihm sofort die Waffe ab.
      "Wie viele Männer sind dort unten?" wollte der Militärberater wissen.
      Doch der Wächter schwieg.
      Talon verstärkte den Druck seiner Klinge gerade so weit, dass die Schneide die Haut berührte.
      "Ich frage nur einmal."
      Caleb vertraute dem Schwarzhaarigen, dass er hier kein unnötiges Blut vergießen würde.
      "Zehn." stieß der Mann hervor.
      "Wer führt sie an?" fragte nun der König.
      "Das weiß ich nicht."
      "Eine schlechte Antwort." knurrte Talon.
      "Ich kenne seinen Namen wirklich nicht! Wir erhalten unsere Befehle schriftlich."
      Der Militärberater zog das grüne Tuch von seinem Arm.
      "Wofür steht das?" wollte er wissen und hielt dem Mann das Tuch unter die Nase.
      Der Wächter wandte den Blick ab.
      Plötzlich ertönte hinter ihnen ein scharfer Pfiff.
      Talon stieß den Mann zu Boden und drehte sich herum. Oben auf dem Felsen erschien eine Gestalt. Im nächsten Augenblick schnellte ein Pfeil auf den König zu.
      Der Sachwarzhaarige prallte gegen Calebs Schulter und riss ihn zur Seite. Der Pfeil schlug dort in den Boden ein, wo der König eben noch gestanden hatte.

      Aus der Mine drangen panische Rufe. "Wir werden angegriffen!"
      Caleb fing sich, zog Talon hinter den Felsen und umklammerte festen Griff sein Schwert.
      "So viel zu unserem unbemerkten Besuch." seufzte er. Einem Kampf wäre er zu gerne aus dem Weg gegangen.
      "Beim nächsten Mal," knurrte Talon, während er zusätzlich seinen Dolch zog, "nehmen wir mehr Soldaten mit."

      Die ersten beiden Männer stürmten aus dem Stollen. Caleb fing den Hieb des vorderen Angreifers ab, drehte die Klinge zur Seite und rammte ihm den Griff seines Schwertes gegen die Schläfe. Der Mann brach zusammen. Der zweite versuchte, Caleb von der Seite zu treffen, wurde jedoch von Talon abgefangen.
      Stahl schlug schrill auf Stahl.
      Weitere Männer kamen aus der Mine, doch nun erreichten auch die Soldaten den Hang. Der Bogenschütze wurde von seinem erhöhten Platz vertrieben. Er sprang zwischen die Felsen und flüchtete in den Wald, bevor ihm jemand folgen konnte.

      Caleb duckte sich unter einer Klinge hinweg und trat seinem Gegner gegen das Knie. Als dieser das Gleichgewicht verlor, brachte Caleb ihn zu Boden und hielt ihm die Schwertspitze an die Brust.
      "Ergebt Euch!" rief der König.
      Einer der Männer ließ seine Waffe fallen. Ein zweiter folgte seinem Bweispiel. Talon entwaffnete einen weiteren, während die übrigen zu fliehen versuchten. Zwei wurden von den Soldaten überwältigt. Einer rannte in die Mine.
      Als wieder Ruhe einkehrte, lagen drei Männer leicht verletzt auf dem Boden. Einer davon war bewusstlos. Fünf weitere knieten mit gefesselten Händen vor dem Eingang.
      Talon wischte seine Klinge an einem zurückgelassenen Mantel ab.

      "Niemand betritt die Mine allein", befahl er. "Wir wissen nicht, ob sie weitere Ausgänge oder vorbereitete Fallen besitzt." Er deutete dann auf den gefangenen Wächter. "Er wird uns führen."
      Der Mann wurde blass. "Ich kenne den Weg nicht vollständig." warf er ein.
      "Dann solltet Ihr Euch gut daran erinnern." erwiderte Caleb. Damit packte Talon den Mann und trieb ihn vor sich her.
      Im Inneren roch es nach modriger Erde, Öl und Metall. An den Wänden brannten Fackeln. Die alten Schienen waren teilweise entfernt worden, doch der Boden zeigte deutliche Spuren schwerer Karren.
      Nach wenigen Minuten erreichten sie eine große Kammer.
      Dort standen ein paar Holzkisten aufgestapelt, daneben lagen ordentlich geschichtete Ausrüstungsgegenstände.
      Talon hebelte den Deckel der ersten Kiste mit seinem Dolch auf. Darin lagen sorgfältig in Tücher eingeschlagene Schwerter. Eine zweite Kiste enthielt Armbrüste inklusive Pfeilspitzen und eine dritte Schilde.

      "Ein kleines Waffenlager." murmelte Talon und blickte sich um. "Höchstens zwanzig, vielleicht dreißig Mann lassen sich damit ausrüsten. Keine Armee."
      "Nein." stimmte Caleb zu und hob eines der Schwerter an. "Das ist kein Lager für einen Umsturz. Das ist zu spezifisch."
      Talon ging an eine der Wände, wo mehrere Stangen für Kleidung aufgestellt waren. Er zog ein Wams hervor und hielt es ins Licht der Fackel.
      "Sieht das nicht vertraut aus?" fragte der Schwarzhaarige musternd.
      Caleb trat heran. Auf dem Stoff zeichneten sich die feinen Verzierungsmuster ab, die exakt jenen der königlichen Garde und der königlichen Reiter entsprachen. Direkt daneben lagen Prunkharnische, wie sie nur Gardisten bei offiziellen Patrouillen trugen. Doch gleich dahinter hingen grobe, ungewaschene Ledertuniken, abgewetzte Umhänge und Maskierungen – die typische Kluft von Straßenräubern und Wegelagerern.
      "Garderüstungen … und Räuberkleidung." stellte Talon fassungslos fest. "In ein und demselben Raum."
      Calebs Augen verengten sich, als er die Teile im Geist zusammensetzte.
      "Sie lassen ihre eigenen Männer als Räuber verkleidet die Dörfer und Händler überfallen." schlussfolgerte Caleb rasch, und eine düstere Kälte legte sich über seine Stimme. "Und kurz darauf tauchen dieselben Männer in den Rüstungen der königlichen Garde auf, um die Bürger scheinbar zu 'retten'."
      Talon stieß ein verächtliches Schnauben aus. "Ein inszeniertes Verbrechen. Sie schüren Panik und Angst vor Gesetzlosigkeit im ganzen Land – nur um sich danach als die einzigen Beschützer aufzuspielen. Die Menschen werden vor Angst bereitwillig höhere Abgaben zahlen, um für ihren 'Schutz' durch die Wache zu löhnen. Und Yanis steckt sich die überschüssigen Münzen in die eigene Tasche."
      In einer Nische fanden sie einen Tisch. Darauf lagen Karten des westlichen Gebiets, Steuerlisten der Dörfer und mehrere versiegelte Schreiben. Einige Dokumente waren hastig verbrannt worden. Andere hatte man offenbar nicht mehr vernichten können.
      Talon zog ein Blatt unter einer Karte hervor. "Listen über 'Sonderabgaben zur Verbrechensbekämpfung'." las er. "Abgepresst von den Dörfern, bezahlt aus Mitteln, die eigentlich für die Instandsetzung vorgesehen waren – und aufgeteilt zwischen Yanis und Videus."
      "Yanis zieht das Geld ein." knurrte Caleb. "Und Videus lässt die falschen Berichte absegnen." ergänzte Talon. Damit hatten sie den ersten handfesten Beweis gegen die beiden Männer.
      Caleb blätterte durch die übrigen Papiere. Viele enthielten Zeitpläne für fingierte Überfälle und Namenslisten. Dann fiel sein Blick auf eine Aufstellung mit Schichten der königlichen Wache.
      Nicht irgendeiner Wache.
      Der Wache des Schlosses.
      Neben einzelnen Namen standen Geldbeträge. Einige waren durchgestrichen, andere mit einem grünen Kreis versehen.
      Talon trat neben ihn.
      "Das sind Männer aus unserer unmittelbaren Umgebung. Sie haben Wachen geschmiert, damit die gefälschten Ausrüstungen unbemerkt aus den Waffenkammern geschmuggelt werden konnten."
      Caleb erkannte zwei Namen. Einer gehörte zu einem Wächter am inneren Burgtor. Der andere zu einem Soldaten, der während des Bürgerempfangs im großen Saal eingesetzt gewesen war.
      Caleb dachte an die Rose, die er an diesem Morgen für Maria ausgesucht hatte. An ihr bevorstehendes Frühstück. An den Ausritt, auf den er sich schon so lange freute.
      Und daran, dass sich in diesem Augenblick Männer im Schloss befanden, deren Namen auf einer Verräterliste standen.
      "Wir kehren sofort zurück." entschied er.
      "Was wird aus der Mine?" fragte Talon.
      Caleb überlegte kurz. "Vier Männer bleiben hier und bewachen die Gefangenen, bis weitere Soldaten eintreffen. Die Dokumente stellen wir am besten jetzt schon sicher."
      Talon musterte ihn. "Wenn Yanis und Videus erfahren, dass wir die Mine gefunden haben, werden sie versuchen, ihre Spuren zu verwischen."
      "Deshalb dürfen sie nichts davon erfahren." Caleb faltete die Liste zusammen und steckte sie unter sein Wams. "Wir lassen verbreiten, dass der Weg wegen eines Erdrutsches nicht passierbar war und wir die Dörfer besucht haben. Die Gefangenen werden nicht ins Schloss gebracht. Bringt sie in die Garnison von Donhal."
      "Und die bestochenen Wachen?" hakte Talon nach. "Sie bleiben vorerst auf ihren Posten." entschied Caleb. "Ich werde sie beobachten lassen." fügte er an und dachte dabei an seinen Bruder Viego. Nur ihn kann er damit beauftragen, da er neben Talon kaum jemanden trauen konnte.
      Talon hob zweifelnd die Brauen. "Ihr wollt Verräter in Eurem Schloss dulden?"
      "Ich will sehen, von wem sie ihre nächsten Befehle erhalten." erklärte der junge König.
      "Das ist ein gefährliches Spiel." meinte der Berater.
      "Für Yanis und Videus." entgegnete Caleb mit fester Stimme. Diese List war für ihn beschlossen und Talon wusste, dass er seinen König davon nicht abbringen konnte.

      Sie waren bereits auf dem Rückweg, als Caleb noch einmal innehielt. Aus einem tiefer gelegenen Nebengang war ein schwaches Geräusch gekommen.
      Ein Scharren. Dann ein dumpfer Schlag.
      Talon zog erneut sein Schwert.
      Gemeinsam folgten sie dem Gang. Hinter einer provisorisch errichteten Holzwand entdeckten sie eine schmale Kammer. Darin lagen keine Waffen, sondern Kleidungsstücke, mehrere persönliche Gegenstände und eine Reihe blutverschmierter Verbände.
      An der Wand waren Fesseln befestigt. Der Raum war leer. Doch erst vor Kurzem musste hier jemand gefangen gehalten worden sein.
      Caleb ging in die Hocke. Zwischen dem Stroh lag ein kleiner Anhänger aus hellem Metall. Er hob ihn auf und rieb mit dem Daumen den Schmutz von seiner Oberfläche.
      Darunter kam ein Wappen zum Vorschein.
      Ein Adler mit einer Krone auf dem Haupt, umgeben von fünf Sternen.
      Das Zeichen Themerias.
      Talon stieß langsam die Luft aus.
      "Vielleicht geht es hier nicht nur um erpresste Goldmünzen und fingierte Überfälle auf Bauerndörfer."
      Caleb schloss die Finger um den Anhänger. Wen hatte man hier festgehalten? Und wo war diese Person jetzt? Und die wichtigste Frage: Handelte es sich dabei wirklich um einen Bewohner aus dem Nachbarkönigreich, mit dem er vor wenigen Wochen einen Friedenspakt abgeschlossen hatte?
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle