Hidden Twin [Alea x Yumia]

    • Zephyrine wurde plötzlich äußerst aufmerksam auf jede Bewegung, die der König machte. Für andere mochte es eine beiläufige, harmlose Geste sein, doch als sein Daumen sanft über ihren Handrücken strich, schoss ihr Puls erschreckend schnell in die Höhe. Einen solchen Moment, still und zugleich so intim, hatte sie noch nie erlebt. Sie spürte, wie ihr Herz unruhig schlug, als wüsste es selbst nicht, wie lange es dieser Nähe standhalten würde. Ein warmes Kribbeln breitete sich über ihre Haut aus, als würde ein zarter Hauch sie streifen.
      Am liebsten hätte sie ihre Hand zurückgezogen. Nicht, weil sie seine Berührung abgelehnt hätte, sondern weil ihr schlicht das Wissen fehlte, wie sie sich in so einer ungewohnten Situation verhalten sollte. Dennoch ließ sie ihre Hand in seiner liegen, fast so, als hätte sie Angst, eine unbedachte Bewegung könnte etwas Bedeutendes zerstören.
      Der König schien bereits festgelegt zu haben, wann sie mit dem Reiten beginnen sollte. Zwei Tage erschienen ihr als ein guter Zeitraum. Genug Zeit, um sich innerlich vorzubereiten, sich in ein paar Büchern einzulesen und zumindest nicht völlig unbeholfen vor ihm zu stehen, wenn der Moment tatsächlich kam.
      Als er sie schließlich fragte, ob sie ihm etwas über sich erzählen wollte, wusste Zephyrine nicht sofort, was sie antworten sollte. Es gab nicht viel, das sie von sich preisgeben konnte, ohne ihre wahre Herkunft zu verraten. Sie wusste, wie Zwillinge in beiden Königreichen angesehen wurden, selbst wenn königliches Blut in ihren Adern floss. Dennoch spürte sie deutlich, dass der König aufrichtiges Interesse an ihr hatte. Damit hatte sie weniger gerechnet. Viel eher hatte sie erwartet, dass er höfliche Distanz bewahrte oder vielleicht sogar Desinteresse zeigte. Doch er bemühte sich sichtbar, und so wollte sie ihm zumindest ein wenig entgegenkommen.
      „Da gibt es tatsächlich nicht viel zu erzählen. Zumindest fällt mir auf Anhieb nichts ein“, sagte sie mit einem leicht entschuldigenden Lächeln.
      Dass er ihr erlaubte, stattdessen ihm Fragen zu stellen, empfand sie als Erleichterung. Während sie überlegte, welche Frage sie ihm stellen könnte, sprach der König plötzlich eine Bemerkung aus, die sie vollkommen überrumpelte. Sie hätte niemals damit gerechnet. Ihre Stimme blieb ihr im Hals stecken, eine warme Röte schoss ihr ins Gesicht und sie wusste für einen Augenblick nicht, wohin mit sich.
      „Danke… das ist mir nicht aufgefallen“, brachte sie schließlich hervor, wobei ihre Stimme ein wenig bebte, gar stotterte.
      Um die peinliche Stille zu überspielen, stellte sie hastig die erste Frage, die ihr eingefallen war. „Was habt Ihr in eurer Kindheit und Jugend gerne in eurer Freizeit gemacht?“ Dieses Mal stotterte sie etwas weniger, doch die Verlegenheit lag weiterhin wie ein schweres Gewicht in ihrem Brustkorb.
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    • Es war nur ein kurzes Streicheln seines Daumens über ihren Handrücken, doch sorgte es für ein wohliges Kribbeln in seinem Bauch. Und genau dieses lockte das schüchterne Kompliment über seine Lippen. Maria hatte ihm nichts zu erzählen, das akzeptierte Caleb, da er sie nicht zwingen wollte. Und so ging er mit gutem Beispiel voran, als sie ihn fragte, was er gerne in seiner Kindheit und Jugend gemacht hatte. Er hielt dabei ruhig ihre Hand in seiner, verzichtete auf ein zweites Streichen und hielt ihre zarte Hand einfach nur sachte fest. Caleb musste aber sehr darauf achten, was er ihr nun erzählte, denn mit keinem Wort durfte er seinen Zwillingsbruder Viego erwähnen.
      "Als Junge ließ ich mir gerne Geschichten von meiner Mutter vorlesen. Außerdem war ich gerne draußen und tobte mit anderen Kindern, wobei das eher im Geheimen geschah, da es sich für einen Prinzen nicht gehört, mit dem Pöbel zu verkehren." fing er an zu erzählen. "Da meine Mutter leider früh verstarb, wurde ich von der Zofe meiner Mutter erzogen, was natürlich nicht das Gleiche ist, aber sie war stets liebevoll zu mir." sprach er weiter. "Im Gegensatz zu meinem Vater oder seinem Berater. Beide bereiteten mich auf meine Regentschaft als König vor und jeder wollte mich auf seine Seite ziehen." "Bis Viego beide tötete." ging es Caleb durch den Kopf, doch nichts dergleichen, verließ seine Lippen. "Schlussendlich töteten sich die beiden Männer gegenseitig in dem Wahn, mich als ihre Marionette zu benutzen" So jedenfalls stellten er und sein Bruder es am Ende dar. Noch heute graute es ihm davor, sich vorzustellen, wie Viego die Leiche von Xnther in den Raum mit dem König brachte und beiden einen blutigen Dolch in die Hand legte. Dieses Geheimnis liegt schwer auf dem Gewissen des jungen Königs, doch davon durfte nie jemand etwas erfahren. "Verzeiht, Prinzessin, dass ich euch solch eine düstere Geschichte erzähle." entschuldigte sich Caleb direkt und führte im Reflex ihre Hand an seine Lippen, für einen zarten Kuss, so fein, als hätte sich ein Schmetterling für einen kurzen Augenblick darauf niedergelassen, nur um gleich wieder weiterzufliegen. Caleb ließ dann auch direkt ihre Hand wieder los und sah etwas beschämt zur Seite. Gerade fühlte sich der junge Mann sehr verletzlich und bereute, dass er ihr von dem Ableben seiner Eltern erzählt hatte. "Ich … ähm … bin schon damals gerne reiten gegangen, und wenn ich mal für mich war, ging ich sogar im See oder im Fluss etwas baden." fügte er rasch an, damit seine Erzählung nicht so finster endete. "Als Prinz verkleidete ich mich auch oft und mischte mich unter das Volk, doch das funktioniert nicht mehr." erinnerte er sich an diese Tage, wo er sich für wenige Stunden, wie jemand ganz Gewöhnliches gefühlt hatte. Jemand, der nicht die Entscheidungsgewalt über ein ganzes Königreich besaß und rein theoretisch über Leben und Tod entscheiden konnte. Eine Macht, die ihm auch jetzt zuwider ist.
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
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    • Zephyrine hörte ihm aufmerksam zu, jedes seiner Worte fand seinen Weg zu ihr. Als er von seiner Mutter sprach und davon, wie sie ihm Geschichten vorgelesen hatte, legte sich ein sanfter Ausdruck auf ihr Gesicht. Doch dieser verflog rasch, als er erwähnte, dass sie früh verstorben war. Für einen kurzen Moment senkte sie den Blick, ihre Lippen pressten sich leicht zusammen. Sie kannte den Schmerz des Verlustes nicht in dieser Form, doch allein die Vorstellung, so jung ohne Mutter aufzuwachsen, machte ihr Herz schwer.
      Als er jedoch davon erzählte, dass er trotz allem draußen spielen konnte, wenn auch im Verborgenen, huschte ein kleines, ehrliches Lächeln über ihr Gesicht. Es beruhigte sie zu wissen, dass er zumindest diese Freiheit gehabt hatte, dass seine Kindheit nicht ausschließlich aus Pflichten bestanden hatte.
      Doch dann verdunkelte sich ihr Blick erneut, als er von den beiden Männern sprach, die ihn auf seine Regentschaft vorbereiten sollten. Ihre Stirn zog sich leicht zusammen, und bei seinen Worten über deren gegenseitigen Tod lief ihr ein kalter Schauer über den Rücken. Zephyrine hatte noch nie eine Leiche gesehen, nie Blut in solcher Menge, nie den Tod so nah vor Augen gehabt. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es wohl sein musste, mit solchen Bildern zu leben. Ob sie ihn nachts verfolgten. Ob sie ihm den Schlaf raubten. Ihre Finger zuckten leicht in seiner Hand, ohne dass sie es bewusst bemerkte.
      Als Caleb sich entschuldigte, schüttelte sie sanft den Kopf. Noch bevor sie etwas sagen konnte, spürte sie, wie er ihre Hand an seine Lippen führte. Der Kuss war kaum mehr als eine Berührung, so leicht und flüchtig, doch er hinterließ ein deutliches Kribbeln auf ihrer Haut, das sich bis in ihren Arm zog. Ihr Blick folgte der Bewegung, ihre Wangen wurden warm, und für einen Augenblick vergaß sie, wie sie atmen sollte. Es schien ihm selbst unangenehm zu sein, denn er wandte sich ab und wechselte hastig das Thema. Zephyrine konnte das gut verstehen.
      Sie lauschte weiter, als er vom Reiten erzählte, vom Baden im See und davon, wie er sich einst verkleidet hatte, um unter das Volk zu gehen. Diese Bilder gefielen ihr. Sie wirkten frei, beinahe sorglos. „Danke, dass Ihr mir von Eurer Kindheit erzählt habt“, sagte sie schließlich leise und ehrlich, während sie ihn ansah. „Es bedeutet mir viel, dass Ihr das mit mir geteilt habt.“ Obwohl sie selbst ihm nichts Genaues erzählt hat.
      Einen Moment zögerte sie, dann legte sie den Kopf leicht schief. „Selbst mit Verkleidung werdet Ihr erkannt?“ fragte sie neugierig, aber auch mit einem Anflug von Bedauern in der Stimme. Der Gedanke, niemals wirklich unerkannt sein zu können, erschien ihr plötzlich schwerer als jede Krone. Aufgrund ihrer Pflichten und Alters, war ihnen nicht mehr möglich viele alte Erinnerungen im Freien nachzugehen. Doch das trauerte die Blondine nicht hinterher, doch sie machte sich ein wenig Sorgen, ob der König einen gesunden Ausgleich ausleben.
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    • Caleb schenkte der Prinzessin ein verlegenes Lächeln, als sie meinte, dass es ihr viel bedeutete, dass er mit ihr seine Kindheit geteilt hatte. Dabei fehlte in der Erzählung quasi die andere Hälfte, denn der Name seines Bruders war kein einziges Mal gefallen. "Also das ist doch nichts, wofür ihr euch bedanken müsst." winkte der junge König ab.
      "Man muss dazu sagen, dass ich mir mit meinen Verkleidungen keine große Mühe gegeben habe." lachte er bei ihrer Frage auf. "Wenn es wieder ruhiger im Land zugeht, kann ich es ja noch einmal versuchen." überlegte er dann laut im Scherz. Er würde Talon wohl einen Herzinfarkt bescheren, wenn er einfach so, ohne sein Wissen, verschwinden würde, und sei es nur für ein paar Stunden. Das könnte er seinem Freund nicht antun.
      "Macht euch keine Sorgen um mich, deswegen. Ich bin das schon gewohnt." versuchte er Zyphrine die Sorgenfalte auf ihrer Stirn zu vertreiben, die für einen kurzen Moment aufgetaucht war. "Außerdem hat es auch seine Vorteile. Ich muss mich nicht wirklich vorstellen und die Menschen haben direkt Respekt vor mir. Manche freuen sich sogar, mich zu sehen, und wollen mir dann sogar etwas schenken. Das ist mir oft eher unangenehm." sprach Caleb von den Erfahrungen, die er schon gemacht hat. Er erwähnte lieber nicht, dass es auch einmal einen Mordanschlag auf ihn gegeben hatte. Seine Leibwache konnte dies vereiteln, doch dann musste er den Befehl geben, den man zu Exekutieren. Noch heute sah er die hasserfüllten Augen vor sich, die dann immer leerer wurden, bis sie sich schließlich schlossen. Ein Anblick, den er nie mehr wieder erleben wollte. Daher versuchte er alles, damit das Volk von Dromos, mit seinem König zufrieden ist. "Ihr werdet es nie schaffen, dass alle Bewohner des Landes zufrieden sind. Es wird immer welche geben, die versuchen, die Schuld an ihrer schlechten Situation auf euch zu schieben. Seid euch das bitte bewusst, eure Majestät." hallten die Worte von Talon da immer wieder in seinem Kopf. Recht hatte der Berater damit, doch Caleb wollte es dennoch versuchen.
      Und das Gleiche gilt auch für die Prinzessin. Er will, dass Zyphrine sich hier im Schloss wohlfühlt und es ihr an nichts fehlt. Vielleicht würde dann diese Ehe auch erfolgreich und gar schön sein.
      "Es ist schon recht spät. Soll ich euch zu euren Gemächern begleiten?" stellte Caleb dann fest, dass schon einiges an Zeit vergangen war, so wie die Kerzen auf dem Tisch heruntergebrannt waren. Er bot Zyphringe gerne sein Geleit an, damit er noch einen kurzen Moment länger mit ihr etwas Zeit verbringen konnte. Zeit, in der sie mehr für sich waren, ohne die neugierigen Blicke des Adels, die auf jeden Fehltritt von ihm und jetzt auch der Prinzessin geierten. Er vermag sich kaum vorzustellen, welchen Druck Zyphrine daher spürte. Ob es derselbe ist, der auch auf seinen Schultern lastet?
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    • Auch wenn er ihre Worte abgewinkt hatte, war es für Zephyrine keineswegs selbstverständlich, dass er so persönliche Dinge über seine Vergangenheit mit ihr teilte. Vielleicht hatte er darüber nicht einmal mit vielen anderen Adeligen gesprochen, und dennoch hatte er es ihr erzählt. Umso mehr fiel ihr auf, dass sie selbst ihm kaum etwas Bedeutendes über sich preisgegeben hatte.
      Vielleicht würde tatsächlich der Tag kommen, an dem sie gemeinsam verkleidet durch die Stadt gingen. Doch er hatte recht. Sich auch unverkleidet zu zeigen, um dem Volk zu beweisen, dass ihr König präsent war und nicht nur abgeschottet in seinen Gemächern lebte, war gewiss wichtig. Gleichzeitig fürchtete sie, dass irgendein Bürger oder gar ein Feind die Gelegenheit zu einem Angriff nutzen könnte. Vielleicht war es besser, sich darüber erst Gedanken zu machen, wenn dieser Tag wirklich bevorstand.
      Fast schien es, als hätte der König ihre Gedanken gelesen, denn er sprach genau den Punkt an, der sie beschäftigte. Was er sagte, war wahr. Dennoch wollte Zephyrine ihrer neuen Rolle gerecht werden, gerade wegen der Umstände, unter denen sie hierhergekommen war. Sie durfte sich keine Fehler erlauben, die jemanden dazu bringen könnten, ihre Herkunft genauer zu hinterfragen. Doch unabhängig davon wollte sie ihr Bestes geben, um wenigstens den Großteil der Menschen zufriedenzustellen. Schließlich stammte sie selbst aus einfachen Verhältnissen und kannte die alltäglichen Sorgen und Nöte des Volkes. Vielleicht konnte gerade das eines Tages zu ihrem Vorteil werden.
      Zephyrine hatte gar nicht bemerkt, wie spät es geworden war, so aufmerksam hatte sie seinen Erzählungen gelauscht.
      „Gerne“, antwortete sie leise auf sein Angebot.
      Die Atmosphäre zwischen ihnen war angenehm gewesen, ruhig und unerwartet vertraut. Es wäre schön, wenn sie dieses Gefühl bewahren konnten. Sein Angebot abzulehnen hätte die Stimmung nur gestört, und das wollte sie nicht riskieren.
      So erhob sie sich, noch angenehm satt vom köstlichen Essen, und ließ sich von Caleb durch die Gänge begleiten. Langsam bekam sie ein Gefühl dafür, welchen Weg sie zu ihren Gemächern nehmen musste. Nach einigen Schritten wandte sie sich leicht zu ihm.
      „Das Essen war wie immer sehr köstlich“, sagte sie mit ehrlicher Wärme. „Aber Ihr müsst meinetwegen nicht jedes Mal eine so große Auswahl vorbereiten lassen.“
      Sie konnte erkennen, wie viel Mühe und Aufwand hinter jeder Mahlzeit steckte, und beinahe fühlte sie sich unwohl bei dem Gedanken, dass all das nur für sie veranstaltet wurde, selbst wenn es jedes Mal hervorragend schmeckte. Vielleicht irrte sie sich auch, und diese Fülle war schon lange vor ihrer Ankunft üblich gewesen.
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    • Die Prinzessin erlaubte es ihm, sie zu ihren Gemächern zu begleiten. So erhob sich Caleb und schritt neben Maria her, die sich schon recht gut im Schloss auskannte. Vor ihrer Türe blieben sie stehen, und da wandte sie sich an ihn und sprach über die üppige Auswahl des Essens. Ihm selbst war das nie so aufgefallen, da der König es gewohnt war, immer die Wahl zu haben. Doch jetzt, wenn er so darüber nachdachte, standen wirklich viel mehr Speisen auf der Tafel, als er essen konnte.
      "Wie wäre es, wenn ihr mit der Küche darüber sprecht? Teilt dem Koch am besten mit, welche Speisen nicht fehlen dürfen und worauf man verzichten kann. Und macht euch keine Sorgen um mich, ich werde das essen, was ihr auswählt." schlug Caleb ihr vor. "Morgen nach dem Frühstück könnt ihr euch gleich darum kümmern, wenn ihr wollt." fügte er an und sah dabei Maria in die Augen. Er fühlte sich in ihrer Gegenwart sehr wohl und ein leichtes Kribbeln, wuchs langsam aber beständig in seiner Magengrube immer mehr heran.
      "Ich wünsche euch eine gute Nacht, Prinzessin." wünschte er ihr dann und nahm dabei ihre Hand sanft in seine. "Schlaft gut und habt angenehme Träume." flüsterte er ihr zu und streichelte dabei sachte ihren Handrücken, ehe er sie wieder losließ. Caleb verneigte sich dann und wandte sich zum Gehen. Dabei klopfte sein Herz etwas schneller als gewohnt.
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    • Zephyrine blieb vor ihrer Tür stehen und hörte Caleb aufmerksam zu, als er ihr vorschlug, selbst mit der Küche zu sprechen. Für einen Moment zögerte sie.
      Sie wusste nicht so recht, wie sie mit dieser neuen Aufgabe umgehen sollte. Einerseits verstand sie seinen Gedanken. Es war tatsächlich eine große Auswahl, mehr als man je essen konnte. Andererseits fühlte es sich falsch an, etwas davon wegzulassen. Was, wenn sie genau das strich, was der König besonders gern aß? Sie hatte keinen Überblick über seine Vorlieben, kannte seine Gewohnheiten kaum.
      „Ich… werde darüber nachdenken“, antwortete sie schließlich vorsichtig.
      In Wahrheit fand sie jede Speise, die man ihr bisher serviert hatte, köstlich. Für jemanden wie sie, der nicht mit solchem Überfluss aufgewachsen war, war selbst die kleinste Auswahl bereits mehr als genug. Etwas davon bewusst zu reduzieren, fühlte sich beinahe undankbar an.
      Ihr Blick glitt kurz nachdenklich zur Seite, bevor sie ihn wieder ansah. Dann verabschiedete er sich.
      Seine Stimme war ruhig, beinahe sanft, als er ihr eine gute Nacht wünschte. Als er nach ihrer Hand griff, hielt sie für einen kurzen Moment die Luft an. Seine Berührung war warm, vorsichtig, fast schon behutsam. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, ohne dass sie es kontrollieren konnte.
      Es war kein unangenehmes Gefühl. Eher… fremd. Ein leises Kribbeln breitete sich von der Stelle aus, an der er sie angefasst hatte, und als sein Daumen noch einmal sanft über ihren Handrücken strich, wurde die Haut dort plötzlich ganz warm. Fast so, als hätte sich die Berührung in sie eingebrannt.
      Zephyrine wusste nicht, wie sie dieses Gefühl einordnen sollte. Sie hatte keine Erfahrung mit Männern. Keine Vergleichswerte, keine Erinnerungen, an denen sie sich orientieren konnte. Alles daran war neu. Zu neu.
      Als er ihre Hand wieder losließ, blieb ihre noch einen Moment in der Luft, bevor sie sie langsam zurückzog. Ihre Finger schlossen sich leicht, als wollte sie das Gefühl festhalten. Still sah sie ihm nach, wie er sich verneigte und sich dann abwandte. Sein Schritt entfernte sich langsam, bis er schließlich um die Ecke verschwand.
      Erst dann regte sie sich wieder.
      Leise trat sie in ihre Gemächer ein, wo bereits eine Zofe auf sie wartete. Wortlos ließ sie sich helfen, sich umzuziehen. Ihre Bewegungen waren ruhiger als sonst, fast nachdenklich. Immer wieder glitt ihr Blick unbewusst zu ihrer Hand.
      Im Bad angekommen, ließ sie sich in das warme Wasser sinken. Die Wärme umhüllte sie sofort, nahm ihr einen Teil der Anspannung, die sich über den Tag hinweg angesammelt hatte. Sie schloss die Augen und lehnte den Kopf leicht zurück.
      Vor ihrem inneren Auge ließ sie den Tag noch einmal Revue passieren.
      Die Gespräche. Die Eindrücke. Die Unsicherheiten. Und immer wieder tauchte sein Gesicht in ihren Gedanken auf.
      Seine Worte. Seine Stimme. Seine Berührungen.
      Ein leises Seufzen entwich ihr.
      Nachdem sie sich gewaschen hatte, ließ sie sich erneut ankleiden und begab sich schließlich ins Bett. Die Decke fühlte sich angenehm weich an, doch an Schlaf war zunächst nicht zu denken.
      Stattdessen lag sie auf dem Rücken und starrte an die Decke. Der Tag war wieder ereignisreich gewesen. Zu ereignisreich. Und während ihre Gedanken langsam zur Ruhe kamen, schlich sich ein leiser Wunsch in ihr Herz. Wie sehr sie sich wünschte, ihrer Mutter schreiben zu können. Ihr alles zu erzählen. Von dem Schloss, den Menschen, den Momenten, die sie selbst kaum verstand. Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt.
      Also lag sie still da, allein mit ihren Gedanken, bis die Müdigkeit sie irgendwann doch einholte. So ganz wahrlich sah sie diesen Ort weiterhin nicht als ihr Zuhause an, das würde viel Zeit kosten.
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    • Mit klopfendem Herzen lief Caleb zu seinen Gemächern, und vielleicht waren dabei seine Schritte ein wenig beschwingter als sonst. Zwar war der König müde, doch seine Laune hatte sich für diesen Moment etwas angehoben. In seinem Gemach war der junge Mann alleine und fing langsam an, seine Robe abzulegen. Caleb hatte schon sein Schlafgewand an, als er plötzlich ein Geräusch vernahm und im nächsten Moment sein Bruder Viego aus einer Geheimtüre trat. "Bruder? Gibt es etwas Neues?" fragte Caleb und setzte sich auf sein Bett. "Was auch immer Videus und Yanis beim Empfang der Bürger vorhatten, sie haben es entweder verworfen oder es ist misslungen." fing Viego an zusprechen. "Das sind doch gute Nachrichten." meinte Caleb und klopfte dann auf den Platz neben sich, dass sich sein Bruder zu ihm setzen sollte. Eher zögerlich kam Viego seinem Zwilling näher und setzte sich dann mit etwas Abstand auf das Bett. "Fürs Erste vielleicht ja, aber ich habe sie heute wieder tuscheln sehen. Sie hecken bestimmt etwas aus. Du musst auf der Hut sein, Bruder!" warnte er den jungen König eindringlich. Calebs Blick wurde etwas düsterer, denn die Warnung seines Bruders nahm er sehr ernst, auch wenn er manchmal übervorsichtig ist. "Ich werde aufmerksam bleiben." versicherte er daher Viego und sah ihm dabei ernst in die Augen, die seinen eigenen so sehr ähneln. "Versprochen." fügte Caleb dann auch an. Etwas ruhiger und zufrieden nickte Viego und zog dann ein Papier unter seinem Wams hervor. Das Pergament war zum größten Teil verbrannt, doch man konnte darauf eindeutig noch ein paar Worte lesen. Treffpunkt: alte Mine im Westen. "Woher hast du das?" fragte der junge König und runzelte dabei seine Stirn. "Videus hat versucht, es zu verbrennen. Doch ich konnte dieses Stück noch retten." erklärte Viego und sah dabei seinen Bruder an. Er kannte sich im Schloss wie kein anderer aus, doch von der Welt außerhalb der Schlossmauern hatte er kaum eine Ahnung. "Danke. Ich werde es Talon zeigen. Im Westen befinden sich die Berge. Dort wurde schon immer nach Erz und Eisen gesucht. Daher gibt es auch ein paar Minen, die schon stillgelegt wurden, da diese erschöpft sind." sprach Caleb nachdenklich. "Ich werde diesem Hinweis nachgehen. Danke Bruder." gab der junge Mann aufrichtig von sich und legte seine Hand auf die Schulter seines Zwillings. "In Ordnung. Aber pass bitte auf dich auf." nickte Viego, der sich wohl immer um seinen Bruder sorgte. "Das mache ich. Aber achte du auch auf dich." entgegnete ihm Caleb.
      Die Brüder saßen noch eine Weile zusammen, die meiste Zeit dann doch mehr schweigend, bis sich Viego wieder erhob und Caleb eine gute Nacht wünschte. Wie ein Phantom verschwand er dann aus dem Zimmer durch den Geheimgang. Der junge König sah seinem Bruder kurz nach, ehe er das Licht löschte und sich endlich ins Bett legte.

      Am nächsten Morgen erwachte Caleb früh und richtete sich sogleich für den Tag. Leider konnte er nicht mit Maria frühstücken, da dies die Zeit nicht zuließ. Um ihr dennoch eine Freude zu machen, ging er persönlich in den königlichen Garten und suchte dort eine rote Rose aus, die man für sie in einer Vase auf den Tisch stellen sollte, wenn sie ihr Frühstück zu sich nahm.
      Er erzählte dann Talon von dem Hinweis. Auf die Nachfrage seines Beraters hin, meinte er, ein Spion hätte ihm diesen zukommen lassen. Damit gab sich Talon dann zufrieden und war damit einverstanden, dass sie den Mienen im Westen mal einen Besuch abstatten sollten. An sich war es an der Zeit, diesem Gebiet und seiner Bevölkerung etwas mehr Aufmerksamkeit zu schenken. So hatte der junge König, einen langen Tag vor sich. Dabei rief er sich den geplanten Ausritt mit Maria ins Gedächtnis, der ihm wie eine würdige Entlohnung vorkam.
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    • Zephyrine erwachte mit den ersten sanften Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster ihres Gemachs fielen und den Raum in ein warmes, goldenes Licht tauchten. Einen Moment blieb sie reglos liegen und lauschte der ungewohnten Stille. Kein Stimmengewirr aus der Schankstube, kein Klappern von Geschirr, keine Mutter, die sie bereits mit einer Aufgabe rief. Stattdessen war da nur die friedliche Ruhe des Schlosses.
      Ein leises Klopfen an der Tür riss sie schließlich aus ihren Gedanken.
      „Eure Hoheit? Dürfen wir eintreten?“
      „Ja, natürlich.“
      Kurz darauf betraten zwei Zofen den Raum. Mit routinierten Bewegungen halfen sie ihr beim Ankleiden, flochten ihr Haar zu einer schlichten, aber eleganten Frisur und legten ihr schließlich den letzten Schmuck an. Zephyrine ließ alles schweigend über sich ergehen. Noch immer war es ein seltsames Gefühl, dass andere sich um Dinge kümmerten, die sie ihr ganzes Leben lang selbst erledigt hatte.
      Während eine der Zofen die letzten Falten ihres Kleides glättete, ergriff sie vorsichtig das Wort.
      „Seine Majestät lässt ausrichten, dass Ihr heute allein frühstücken werdet. Er musste bereits früh zu wichtigen Angelegenheiten aufbrechen.“
      Zephyrine hob leicht den Blick.
      „Ist... alles in Ordnung?“
      Die Zofe lächelte höflich.
      „Soweit wir wissen, ja. Seine Majestät hat lediglich einen sehr vollen Tagesplan.“
      Die junge Frau nickte langsam. Ein kleiner Teil in ihr machte sich dennoch Sorgen. Sie erinnerte sich an Vortag, an die vielen Verpflichtungen, die Caleb auf seinen Schultern trug. Sie wollte nicht weiter nachfragen. Wenn es etwas Ernstes wäre, hätte man es ihr vermutlich ohnehin nicht erzählt.
      Gemeinsam gingen sie schließlich zum Speisesaal.
      Wie bereits am Morgen zuvor war der Tisch reichlich gedeckt. Doch bevor Zephyrine ihren Platz einnahm, fiel ihr Blick auf eine einzelne rote Rose, die in einer schlichten Vase mitten auf dem Tisch stand.
      „Wie wunderschön...“
      „Seine Majestät hat sie heute Morgen persönlich im königlichen Garten ausgesucht“, erklärte eine Bedienstete mit einem sanften Lächeln.
      Zephyrines Blick blieb an der Blüte hängen. Für einen Augenblick wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Er hatte sich trotz seiner vielen Pflichten die Zeit genommen, in den Garten zu gehen und eine Rose für sie auszuwählen. Es war nur eine Blume. Etwas Kleines. Etwas, das viele Menschen vermutlich kaum beachten würden. Und dennoch fühlte sich diese Geste für Zephyrine bedeutender an als jedes kostbare Schmuckstück. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sich zuletzt jemand solche Mühe nur ihretwegen gemacht hatte.
      Unwillkürlich legte sie vorsichtig ihre Fingerspitzen an den Stiel der Rose. Ein sanftes Lächeln erschien auf ihren Lippen.
      „Vielen Dank...“, murmelte sie leise, obwohl Caleb sie nicht hören konnte.
      Anschließend setzte sie sich und begann in Ruhe zu frühstücken. Währenddessen wanderte ihr Blick immer wieder zu der roten Rose. Sie erinnerte sich an das Gespräch des vergangenen Abends, an seine freundlichen Worte und daran, wie selbstverständlich er sie in seine Zukunftspläne einbezogen hatte. Noch immer wusste sie nicht, ob sie dieser Rolle wirklich gerecht werden konnte, doch diese kleine Aufmerksamkeit ließ einen Teil ihrer Unsicherheit etwas verblassen.
      Nachdem sie gegessen hatte, lehnte sie sich leicht zurück. Heute stand nichts Besonderes auf ihrem Plan. Zumindest noch nicht. Etiketteunterricht, Reitstunden, Politik, Geschichte, Diplomatie. All das würde früher oder später beginnen. Allein der Gedanke daran ließ sie innerlich beinahe erschöpft aufseufzen. Ihr Blick glitt erneut über die vielen Speisen auf dem Tisch. Es war viel zu viel. Selbst wenn Caleb hier gewesen wäre, hätten sie unmöglich alles essen können. Wie viel davon wohl später entsorgt wurde? Der Gedanke ließ ihr Herz schwer werden. Sie erhob sich schließlich.
      „Ich würde gern kurz in die Küche gehen.“
      Die Bediensteten tauschten überraschte Blicke aus, widersprachen jedoch nicht. Wenig später betrat Zephyrine erneut die große Schlossküche.
      Kaum hatte sie die Tür geöffnet, verstummten mehrere Gespräche. Die Köche und Küchengehilfen blickten überrascht auf. Offenbar hatte niemand damit gerechnet, dass die zukünftige Königin erneut zwischen ihnen auftauchen würde.
      „Guten Morgen“, begrüßte Zephyrine sie mit einem freundlichen Lächeln.
      Nach einem kurzen Moment löste sich die angespannte Stimmung.
      Die Bediensteten verbeugten sich höflich und gingen anschließend ihrer Arbeit nach. Einige räumten bereits benutztes Geschirr weg, andere sortierten Vorräte oder säuberten Arbeitsflächen. Zephyrine blieb einen Moment stehen und beobachtete das geschäftige Treiben.
      Erst jetzt fiel ihr auf, wie viel Arbeit hinter jeder einzelnen Mahlzeit steckte.
      Während sie noch zusah, trat eine junge Küchengehilfin etwas unsicher auf sie zu.
      „Kann ich Euch behilflich sein, Eure Hoheit?“
      „Ja, tatsächlich.“ Zephyrine lächelte freundlich. „Darf ich Euch etwas fragen?“
      „Natürlich.“
      „Habt ihr nach dem Kochen selbst genügend zu essen?“
      Die junge Frau blinzelte überrascht.
      „Ja, Eure Hoheit. Wir erhalten alle Mahlzeiten aus der Schlossküche.“
      Zephyrine atmete erleichtert aus.
      „Das freut mich.“
      Nach kurzem Zögern stellte sie ihre nächste Frage.
      „Gibt es bestimmte Gerichte, die Seine Majestät besonders gern isst?“
      Die Küchengehilfin überlegte einen Augenblick.
      „Seine Majestät bevorzugt eher einfache Speisen. Besonders Wildgerichte und gut gewürztes Gemüse. Außerdem isst er gern frisches Brot und Obst.“
      Zephyrine nickte interessiert.
      „Vielen Dank.“
      „Möchtet Ihr vielleicht mit unserem Küchenmeister sprechen?“
      „Ja, sehr gern.“
      Die junge Frau führte sie durch die große Küche bis zu einem älteren Mann, der gerade Anweisungen verteilte. Als er Zephyrine bemerkte, verneigte er sich respektvoll.
      „Eure Hoheit.“
      „Bitte, arbeitet ruhig weiter.“ Sie lächelte freundlich. „Ich wollte Euch lediglich etwas sagen.“
      Der Koch richtete sich wieder auf und hörte aufmerksam zu.
      „Zunächst möchte ich mich bedanken. Das Essen ist wirklich ausgezeichnet.“ Ihr Blick glitt über die zahlreichen vorbereiteten Speisen. „Man schmeckt und sieht, wie viel Mühe und Leidenschaft Ihr und Euer Team hineinsteckt. Das weiß ich sehr zu schätzen.“
      Für einen kurzen Moment huschte so etwas wie Stolz über das Gesicht des Küchenmeisters.
      „Es ehrt uns sehr, dass Ihr das sagt.“
      Zephyrine lächelte.
      „Gerade deshalb finde ich es schade, wenn so viele Speisen übrig bleiben.“
      Der Koch runzelte leicht die Stirn.
      „Ich verstehe.“
      „Für zwei Personen ist diese Menge einfach zu groß.“ Ihre Stimme blieb sanft. „Wäre es möglich, die Mahlzeiten künftig etwas kleiner zu gestalten? Vielleicht ein Fleischgericht, frisches Obst, Gemüse und ein oder zwei weitere Gerichte nach Eurer Wahl. Das wäre vollkommen ausreichend.“
      Der Küchenmeister schwieg einen Moment. Sein überraschter Blick verriet ihr nicht, ob er ihre Bitte für unangebracht hielt oder lediglich nicht mit einer solchen Anweisung gerechnet hatte. Schließlich nickte er langsam.
      „Wenn dies Euer Wunsch ist, werden wir ihn selbstverständlich umsetzen.“ Zephyrine lächelte erleichtert.
      „Vielen Dank. Natürlich gilt das nur für den Alltag. Wenn Gäste anwesend sind oder ein Ball stattfindet, soll selbstverständlich alles so prachtvoll bleiben wie bisher.“
      „Das wird berücksichtigt werden.“
      Sie verneigte leicht den Kopf.
      „Vielen Dank für Eure Arbeit.“
      Mit einem letzten Lächeln verabschiedete sie sich wieder aus der Küche. Ob die Bediensteten ihre Entscheidung nachvollziehen konnten, wusste sie nicht. Vielleicht hielten einige sie für sonderbar. Vielleicht verstanden andere ihre Beweggründe. Doch wenn dadurch weniger Lebensmittel verschwendet wurden und die Arbeit der Küche ein wenig erleichtert werden konnte, dann war sie zufrieden.
      Anschließend zog es Zephyrine nach draußen.
      Eine Hofdame reichte ihr einen hellen Sonnenschirm, den sie dankbar entgegennahm. Langsam schlenderte sie durch die weitläufigen Schlossgärten. Die Blumen standen in voller Blüte, Schmetterlinge tanzten zwischen den Beeten, und eine leichte Brise trug den Duft von Rosen und Lavendel mit sich. Sie genoss die Ruhe. Der Spaziergang half ihr, das reichhaltige Frühstück etwas zu verdauen, doch zugleich schweiften ihre Gedanken erneut in die Zukunft. Bald würden die Unterrichtsstunden beginnen. Etikette. Reiten. Politik. Geschichte. Diplomatie. Allein die Vorstellung ließ sie innerlich müde werden. Sie war körperliche Arbeit gewohnt. Stundenlang auf den Beinen zu sein, schwere Körbe zu tragen oder im Garten mit anzupacken, hatte sie nie gestört.
      Doch stundenlang still zu sitzen, aufmerksam zuzuhören und jede einzelne Regel auswendig zu lernen, erschien ihr beinahe anstrengender. Ein leises Seufzen entwich ihren Lippen. Viel lieber würde sie gemeinsam mit Caleb durch das Königreich reisen, die Dörfer und Städte mit eigenen Augen sehen und direkt von den Menschen lernen. Sie wollte ihre Sorgen hören, ihre Lebensweise kennenlernen und verstehen, was sie wirklich brauchten. Das erschien ihr sinnvoller, als all das ausschließlich aus Büchern zu lernen. Doch sie wusste auch, dass eine zukünftige Königin zuerst die Grundlagen beherrschen musste. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig zu sein.
      Mit dem Sonnenschirm in der Hand setzte sie ihren Weg durch den Garten fort und ließ ihren Blick über die farbenprächtigen Blumen schweifen, während sie versuchte, die Ruhe dieses Morgens noch ein wenig länger festzuhalten.
      Zephyrine war noch nicht weit gekommen, als sie hinter einer Hecke gedämpfte Stimmen vernahm. Zunächst schenkte sie ihnen keine weitere Beachtung. Im Schloss arbeiteten unzählige Menschen, und überall wurde gesprochen. Doch als sie ihren eigenen Namen hörte, verlangsamten sich ihre Schritte beinahe unwillkürlich.
      „...die zukünftige Königin...“
      Sie blieb stehen. Nicht, weil sie lauschen wollte. Sondern weil ihre Beine für einen kurzen Augenblick wie angewurzelt waren. Die Stimmen gehörten zwei Gärtnern, die offenbar nicht bemerkt hatten, dass sich jemand näherte.
      „Sie soll heute Morgen wieder in der Küche gewesen sein.“
      „Ja, das habe ich auch gehört. Sie hat wohl den Küchenmeister darum gebeten, weniger Speisen zuzubereiten.“
      „Seltsam... Welche Adelige bittet freiwillig darum, weniger aufgetischt zu bekommen?“
      Für einen Moment blieb es still.
      „Vielleicht möchte sie einfach einen guten Eindruck hinterlassen.“
      „Oder sie ist wirklich so.“
      Zephyrine wusste nicht, weshalb sie stehen blieb. Vielleicht hoffte sie auf die Antwort. Vielleicht wollte sie auch einfach wissen, welchen Eindruck sie hinterließ.
      „Ich habe gestern gesehen, wie sie sich bei einer Küchenhilfe bedankt hat.“
      „Dafür bedankt man sich doch nicht.“
      „Eben deshalb erinnere ich mich daran.“
      Ein leises Schnauben war zu hören.
      „Ich weiß nicht... Für mich wirkt sie eher fehl am Platz.“
      Diese Worte trafen sie überraschend tief.
      „Sie bewegt sich nicht wie jemand, der sein Leben lang am Hof gelebt hat.“
      Zephyrines Finger schlossen sich fester um den Griff ihres Sonnenschirms. Unbewusst hielt sie den Atem an.
      „Und? Muss sie das?“
      Der andere Gärtner schwieg kurz.
      „Nein... vermutlich nicht.“
      „Ich finde sogar, gerade das macht sie sympathisch. Seit Jahren laufen hier Menschen herum, die jeden Diener behandeln, als wäre er Luft. Wenn sie den Küchenleuten Arbeit ersparen möchte, ist das doch nichts Schlechtes.“
      „Vielleicht.“
      „Vielleicht sollten wir ihr einfach eine Chance geben.“
      Zephyrine senkte langsam den Blick. Eine unerwartete Wärme breitete sich in ihrer Brust aus. Sie wusste, dass nicht jeder sie mögen würde. Das war unmöglich. Aber allein zu hören, dass manche Menschen ihre Beweggründe verstanden, nahm ihr einen Teil der Unsicherheit.
      Gerade als sie weitergehen wollte, knackte unter ihrem Schuh ein trockener Ast. Die Gespräche verstummten augenblicklich.
      „Wer ist da?“
      Zephyrine trat langsam hinter der Hecke hervor. Die beiden Gärtner erschraken sichtbar. Binnen einer Sekunde verneigten sie sich tief.
      „Eure Hoheit! Wir... wir wollten keinesfalls...“
      „Schon gut.“
      Ihre Stimme blieb ruhig. Sie schenkte beiden ein kleines Lächeln.
      „Ich wollte Euch nicht erschrecken.“
      Die Männer wirkten dennoch sichtlich nervös. Zephyrine wusste genau, weshalb. Sie hatten über sie gesprochen.
      „Bitte arbeitet weiter.“
      Sie verbeugte leicht den Kopf.
      „Und... danke.“
      Die beiden blickten verwundert auf.
      „Wofür, Eure Hoheit?“
      „Dafür, dass Ihr Euch so gut um die Gärten kümmert.“
      Ihr Blick schweifte über die gepflegten Blumenbeete.
      „Sie sind wunderschön.“
      Die überraschten Gesichter der beiden Männer ließen sie lächeln. Ohne ein weiteres Wort setzte sie ihren Spaziergang fort. Erst als sie außer Hörweite war, hörte sie einen der Gärtner leise sagen:
      „Jetzt verstehe ich, was die Küche gemeint hat.“
      „Ja... sie ist wirklich anders.“
      Zephyrine konnte nicht verhindern, dass sich ein sanftes Lächeln auf ihre Lippen legte. Vielleicht würde es Zeit brauchen. Vielleicht würden ihr viele Menschen weiterhin misstrauen. Doch wenn sie mit kleinen Gesten nach und nach das Vertrauen der Menschen gewinnen konnte, dann war dieser Weg jede Mühe wert.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Noch am frühen Morgen verließ eine kleine Gruppe Reiter das Schloss.
      Caleb hatte bewusst darauf verzichtet, eine größere Eskorte zusammenzurufen. Videus oder Yanis sollten so keinen Verdacht schöpfen. Neben ihm ritten Talon und sechs Soldaten, die dieser persönlich ausgewählt hatte. Jeder von ihnen trug über der leichten Rüstung einen dunklen Reisemantel. Sie sollten aussehen wie eine gewöhnliche Patrouille, die auf dem Weg zu den westlichen Dörfern war.

      Das halbverbrannte Pergament hatte Caleb nicht mitgenommen. Es war in seinem Gemach versteckt. Er dachte noch einmal an das Gespräch mit seinem Bruder, als er von Talon aus seinen Gedanken gerissen wurde.
      "Hat Euer Spion auch erwähnt, um welche Mine es sich handelt?" fragte sein engster Berater.
      Sein Ross ging neben Calebs. Die Straße war hier schmaler geworden und führte zwischen flachen, mit dichtem Gras bewachsenen Hügeln hindurch. Dahinter erhoben sich bereits die westlichen Berge, die sich dunkel vom Horizont abhoben.
      "Nein." antwortete Caleb, worauf Talon ihn von der Seite ansah.
      "Das macht unsere Suche nicht gerade leichter." meinte dieser darauf.
      In der Tat machte diese die Suche eher schwerer. Da stellte der junge König nun selbst eine Frage.
      "Wie viele stillgelegte Minen gibt es in diesem Gebiet?"
      "Offiziell drei." antwortete Talon sofort.
      Caleb bemerkte die Betonung.
      "Und inoffiziell?"
      "Das werden wir wohl herausfinden müssen." entgegnete der Berater mit einem kleinen, verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Darauf musste auch Caleb leicht lächeln. Es hatte etwas von einem kleinen Abenteuer, was wirklich eine schöne Abwechslung war, zu den täglichen politischen Themen, denen er sich widmen musste.

      Sie erreichten das erste Dorf kurz vor der Mittagsstunde. Einige Bewohner blieben stehen, als sie den König erkannten. Andere verneigten sich hastig oder zogen ihre Kinder von der Straße. Caleb war an solche Reaktionen gewöhnt. Dromos hatte zu lange unter seinem Vater gelebt, als dass sich die Menschen innerhalb eines Jahres an einen anderen König gewöhnen konnten.

      Vor einem niedrigen Haus saß ein alter Mann auf einer Bank und reparierte einen Korb. Seine Bewegungen hielten inne, als die Reiter vor ihm anhielten.

      "Entschuldigen Sie bitte die Störung. Aber können Sie mir sagen, wie weit es von hier zur alten Eisenmine ist?" fragte Caleb höflich. Auch wenn er der König ist, will er seinem Volk mit demselben Respekt entgegenkommen, wie er es von Ihnen wünscht.

      Der Mann hob den Blick vorsichtig und mit leichter Verwunderung darin. Er hatte bestimmt nicht erwartet, dass er so angesprochen wurde. Seine Augen wanderten kurz über Calebs Kleidung und blieben schließlich an dem königlichen Wappen hängen.

      "Welche meint Ihr, Majestät?" fragte er und senkte dabei wieder seinen Blick auf den Korb.
      "Die westlichste." antwortete Caleb ruhig.
      Etwas veränderte sich im Gesicht des Alten, und er sah dabei kurz zu dem jungen König. Nur für einen Augenblick. Er senkte den Blick dann wieder auf den Korb.
      "Die ist seit Jahren geschlossen."
      "Das war nicht seine Frage." erhob Talon seine Stimme und warf dabei Caleb einen kurzen Blick zu. Dessen Stimme war ruhig geblieben, aber dem alten Mann war die Warnung darin nicht entgangen. Der junge König hob beschwichtigend seine Hand, was dem Alten bestimmt nicht entgangen war. Sein Körper, der sich kurz bei den warnenden Worten angespannt hatte, wurde wieder ruhiger.
      "Eine knappe Stunde", antwortete er. "Ihr müsst dem alten Fuhrweg folgen. Hinter einer großen, gespaltenen Fichte führt ein schmaler Pfad nach Norden."
      "Wird der Weg noch benutzt?" fragte Caleb.
      "Nicht von den Leuten aus dem Dorf."
      "Von wem dann?" wollte Talon sogleich wissen.
      Der Mann schwieg.
      Caleb stieg ruhig und vorsichtig von seinem Pferd. Das veranlasste zwei der Soldaten, es ihm gleichzutun, doch er bedeutete ihnen mit einer Handbewegung, zurückzubleiben. Er trat vor den Dorfbewohner, und begab sich auf seine Augenhöhe. Sein Schwert hing noch am Sattel, was Talon nur noch nervöser machte.
      "Ich bin nicht hier, um Euch für das Schweigen anderer Männer zu bestrafen", sagte der junge König. "Aber wenn dort etwas geschieht, das die Menschen dieses Dorfes gefährdet, muss ich davon erfahren."
      Der Alte betrachtete ihn lange. Schließlich legte er den Korb neben sich.
      "Nachts kommen Wagen durch das Dorf. Meistens zwei, manchmal drei. Sie fahren leer in die Berge und kehren schwer beladen zurück."
      "Was transportieren sie?"
      "Die Ladung ist mit Planen abgedeckt. Aber mein Sohn hat einmal gesehen, wie der Wind die Abdeckung zurück stieß." Der Mann zögerte. "Er hatte Waffen gesehen."
      Talon richtete sich im Sattel auf. "Waffen? Was für welche?" fragte der Berater.
      "Schwerter, Armbrüste, Schilde." zählte der Mann auf.

      Calebs Gesicht verhärtete sich.

      Stillgelegte Minen waren geeignete Verstecke für Schmuggelware. Doch niemand lagerte eine größere Menge Waffen ohne einen Zweck.
      "Habt Ihr ein Zeichen auf den Wägen gesehen?" fragte er.
      "Nein. Sie sind absichtlich unauffällig. Aber die Männer tragen manchmal grüne Tücher um den Arm."
      Caleb sah zu Talon.
      "Sagt Euch das etwas?" fragte er, worauf der Schwarzhaarige den Kopf schüttelte. "Nein."
      Der König wandte sich wieder an den Alten.

      "Ihr habt richtig gehandelt, mir davon zu erzählen. Niemand wird erfahren, von wem ich diese Auskunft erhielt."
      "Majestät", begann der Mann leise, "wenn Ihr wirklich zu dieser Mine wollt, solltet Ihr nicht den Fuhrweg nehmen. Dort steht fast immer jemand Wache."
      Caleb nickte. "Danke."
      Talon wandte sich an den Alten. "Dann zeigen Sie uns einen anderen Weg. Bitte."

      Der Sohn des Alten führte sie bis zum Waldrand. Von dort aus mussten sie zu Fuß weiter. Zwei Soldaten blieben bei den Pferden zurück, während Caleb mit Talon und den übrigen Männern einem kaum sichtbaren Wildpfad folgte.
      Je weiter sie in die Berge vordrangen, desto dichter standen die Bäume. Zwischen ihren Wurzeln lagen dunkle Steine, die das Vorankommen erschwerten. Feuchtigkeit hing in der Luft und das dichte Moos dämpfte ihre Schritte. Das Glück schien auf ihrer Seite zu sein.

      Die Mine lag in einer schmalen Felsschlucht. Ihr Eingang war durch morsche Balken gestützt und von außen mit Gestrüpp verdeckt worden. Auf den ersten Blick wirkte der Ort verlassen. Doch im feuchten Boden waren Hufabdrücke zu erkennen. Neben dem Eingang stand ein hölzerner Eimer, dessen Metallreifen noch keinen Rost angesetzt hatte.

      Talon hob die Hand.
      Die Gruppe blieb sofort stehen.
      Aus dem Inneren der Mine drang ein dumpfes Geräusch. Holz schlug gegen Holz. Kurz darauf folgten Männerstimmen.
      "Mindestens vier." flüsterte einer der Soldaten.
      "Wahrscheinlich mehr." erwiderte Talon.

      Caleb betrachtete die Felsen auf beiden Seiten der Schlucht. Wer den Eingang bewachte, konnte sie von oben sehen, lange bevor sie ihn erreichten.
      "Wir teilen uns am besten auf." schlug er vor. "Zwei Männer sichern den Rückweg. Die anderen umgehen den östlichen Hang. Talon kommt mit mir."
      "Majestät—" erhob Talon das Wort, doch er wurde von dem jungen König gleich unterbrochen. "Wenn dort Beweise gegen meine eigenen Berater liegen, will ich sie mit eigenen Augen sehen."
      Talon presste kurz die Lippen zusammen. Er kannte Caleb gut genug, um zu wissen, wann eine Diskussion sinnlos war. Außerdem war der Vorschlag gut. Er wollte den König nur keiner unnötigen Gefahr aussetzen, auch wenn ihm bewusst ist, dass Caleb alles andere als wehrlos ist. "Gut." nickte er, und so trennte sich die Gruppe auf.

      Sie erreichten den Eingang von der Seite. Ein Mann mit einem grünen Tuch um dem Arm stand einige Schritte vor der Mine und lehnte an einem Felsen. Sein Schwert hing locker an seiner Hüfte. Er bemerkte Talon erst, als dessen Klinge bereits an seiner Kehle lag.
      "Nicht bewegen." befahl Talon.
      Der Mann erstarrte.
      Caleb nahm ihm sofort die Waffe ab.
      "Wie viele Männer sind dort unten?" wollte der Militärberater wissen.
      Doch der Wächter schwieg.
      Talon verstärkte den Druck seiner Klinge gerade so weit, dass die Schneide die Haut berührte.
      "Ich frage nur einmal."
      Caleb vertraute dem Schwarzhaarigen, dass er hier kein unnötiges Blut vergießen würde.
      "Zehn." stieß der Mann hervor.
      "Wer führt sie an?" fragte nun der König.
      "Das weiß ich nicht."
      "Eine schlechte Antwort." knurrte Talon.
      "Ich kenne seinen Namen wirklich nicht! Wir erhalten unsere Befehle schriftlich."
      Der Militärberater zog das grüne Tuch von seinem Arm.
      "Wofür steht das?" wollte er wissen und hielt dem Mann das Tuch unter die Nase.
      Der Wächter wandte den Blick ab.
      Plötzlich ertönte hinter ihnen ein scharfer Pfiff.
      Talon stieß den Mann zu Boden und drehte sich herum. Oben auf dem Felsen erschien eine Gestalt. Im nächsten Augenblick schnellte ein Pfeil auf den König zu.
      Der Sachwarzhaarige prallte gegen Calebs Schulter und riss ihn zur Seite. Der Pfeil schlug dort in den Boden ein, wo der König eben noch gestanden hatte.

      Aus der Mine drangen panische Rufe. "Wir werden angegriffen!"
      Caleb fing sich, zog Talon hinter den Felsen und umklammerte festen Griff sein Schwert.
      "So viel zu unserem unbemerkten Besuch." seufzte er. Einem Kampf wäre er zu gerne aus dem Weg gegangen.
      "Beim nächsten Mal," knurrte Talon, während er zusätzlich seinen Dolch zog, "nehmen wir mehr Soldaten mit."

      Die ersten beiden Männer stürmten aus dem Stollen. Caleb fing den Hieb des vorderen Angreifers ab, drehte die Klinge zur Seite und rammte ihm den Griff seines Schwertes gegen die Schläfe. Der Mann brach zusammen. Der zweite versuchte, Caleb von der Seite zu treffen, wurde jedoch von Talon abgefangen.
      Stahl schlug schrill auf Stahl.
      Weitere Männer kamen aus der Mine, doch nun erreichten auch die Soldaten den Hang. Der Bogenschütze wurde von seinem erhöhten Platz vertrieben. Er sprang zwischen die Felsen und flüchtete in den Wald, bevor ihm jemand folgen konnte.

      Caleb duckte sich unter einer Klinge hinweg und trat seinem Gegner gegen das Knie. Als dieser das Gleichgewicht verlor, brachte Caleb ihn zu Boden und hielt ihm die Schwertspitze an die Brust.
      "Ergebt Euch!" rief der König.
      Einer der Männer ließ seine Waffe fallen. Ein zweiter folgte seinem Bweispiel. Talon entwaffnete einen weiteren, während die übrigen zu fliehen versuchten. Zwei wurden von den Soldaten überwältigt. Einer rannte in die Mine.
      Als wieder Ruhe einkehrte, lagen drei Männer leicht verletzt auf dem Boden. Einer davon war bewusstlos. Fünf weitere knieten mit gefesselten Händen vor dem Eingang.
      Talon wischte seine Klinge an einem zurückgelassenen Mantel ab.

      "Niemand betritt die Mine allein", befahl er. "Wir wissen nicht, ob sie weitere Ausgänge oder vorbereitete Fallen besitzt." Er deutete dann auf den gefangenen Wächter. "Er wird uns führen."
      Der Mann wurde blass. "Ich kenne den Weg nicht vollständig." warf er ein.
      "Dann solltet Ihr Euch gut daran erinnern." erwiderte Caleb. Damit packte Talon den Mann und trieb ihn vor sich her.
      Im Inneren roch es nach modriger Erde, Öl und Metall. An den Wänden brannten Fackeln. Die alten Schienen waren teilweise entfernt worden, doch der Boden zeigte deutliche Spuren schwerer Karren.
      Nach wenigen Minuten erreichten sie eine große Kammer.
      Dort standen ein paar Holzkisten aufgestapelt, daneben lagen ordentlich geschichtete Ausrüstungsgegenstände.
      Talon hebelte den Deckel der ersten Kiste mit seinem Dolch auf. Darin lagen sorgfältig in Tücher eingeschlagene Schwerter. Eine zweite Kiste enthielt Armbrüste inklusive Pfeilspitzen und eine dritte Schilde.

      "Ein kleines Waffenlager." murmelte Talon und blickte sich um. "Höchstens zwanzig, vielleicht dreißig Mann lassen sich damit ausrüsten. Keine Armee."
      "Nein." stimmte Caleb zu und hob eines der Schwerter an. "Das ist kein Lager für einen Umsturz. Das ist zu spezifisch."
      Talon ging an eine der Wände, wo mehrere Stangen für Kleidung aufgestellt waren. Er zog ein Wams hervor und hielt es ins Licht der Fackel.
      "Sieht das nicht vertraut aus?" fragte der Schwarzhaarige musternd.
      Caleb trat heran. Auf dem Stoff zeichneten sich die feinen Verzierungsmuster ab, die exakt jenen der königlichen Garde und der königlichen Reiter entsprachen. Direkt daneben lagen Prunkharnische, wie sie nur Gardisten bei offiziellen Patrouillen trugen. Doch gleich dahinter hingen grobe, ungewaschene Ledertuniken, abgewetzte Umhänge und Maskierungen – die typische Kluft von Straßenräubern und Wegelagerern.
      "Garderüstungen … und Räuberkleidung." stellte Talon fassungslos fest. "In ein und demselben Raum."
      Calebs Augen verengten sich, als er die Teile im Geist zusammensetzte.
      "Sie lassen ihre eigenen Männer als Räuber verkleidet die Dörfer und Händler überfallen." schlussfolgerte Caleb rasch, und eine düstere Kälte legte sich über seine Stimme. "Und kurz darauf tauchen dieselben Männer in den Rüstungen der königlichen Garde auf, um die Bürger scheinbar zu 'retten'."
      Talon stieß ein verächtliches Schnauben aus. "Ein inszeniertes Verbrechen. Sie schüren Panik und Angst vor Gesetzlosigkeit im ganzen Land – nur um sich danach als die einzigen Beschützer aufzuspielen. Die Menschen werden vor Angst bereitwillig höhere Abgaben zahlen, um für ihren 'Schutz' durch die Wache zu löhnen. Und Yanis steckt sich die überschüssigen Münzen in die eigene Tasche."
      In einer Nische fanden sie einen Tisch. Darauf lagen Karten des westlichen Gebiets, Steuerlisten der Dörfer und mehrere versiegelte Schreiben. Einige Dokumente waren hastig verbrannt worden. Andere hatte man offenbar nicht mehr vernichten können.
      Talon zog ein Blatt unter einer Karte hervor. "Listen über 'Sonderabgaben zur Verbrechensbekämpfung'." las er. "Abgepresst von den Dörfern, bezahlt aus Mitteln, die eigentlich für die Instandsetzung vorgesehen waren – und aufgeteilt zwischen Yanis und Videus."
      "Yanis zieht das Geld ein." knurrte Caleb. "Und Videus lässt die falschen Berichte absegnen." ergänzte Talon. Damit hatten sie den ersten handfesten Beweis gegen die beiden Männer.
      Caleb blätterte durch die übrigen Papiere. Viele enthielten Zeitpläne für fingierte Überfälle und Namenslisten. Dann fiel sein Blick auf eine Aufstellung mit Schichten der königlichen Wache.
      Nicht irgendeiner Wache.
      Der Wache des Schlosses.
      Neben einzelnen Namen standen Geldbeträge. Einige waren durchgestrichen, andere mit einem grünen Kreis versehen.
      Talon trat neben ihn.
      "Das sind Männer aus unserer unmittelbaren Umgebung. Sie haben Wachen geschmiert, damit die gefälschten Ausrüstungen unbemerkt aus den Waffenkammern geschmuggelt werden konnten."
      Caleb erkannte zwei Namen. Einer gehörte zu einem Wächter am inneren Burgtor. Der andere zu einem Soldaten, der während des Bürgerempfangs im großen Saal eingesetzt gewesen war.
      Caleb dachte an die Rose, die er an diesem Morgen für Maria ausgesucht hatte. An ihr bevorstehendes Frühstück. An den Ausritt, auf den er sich schon so lange freute.
      Und daran, dass sich in diesem Augenblick Männer im Schloss befanden, deren Namen auf einer Verräterliste standen.
      "Wir kehren sofort zurück." entschied er.
      "Was wird aus der Mine?" fragte Talon.
      Caleb überlegte kurz. "Vier Männer bleiben hier und bewachen die Gefangenen, bis weitere Soldaten eintreffen. Die Dokumente stellen wir am besten jetzt schon sicher."
      Talon musterte ihn. "Wenn Yanis und Videus erfahren, dass wir die Mine gefunden haben, werden sie versuchen, ihre Spuren zu verwischen."
      "Deshalb dürfen sie nichts davon erfahren." Caleb faltete die Liste zusammen und steckte sie unter sein Wams. "Wir lassen verbreiten, dass der Weg wegen eines Erdrutsches nicht passierbar war und wir die Dörfer besucht haben. Die Gefangenen werden nicht ins Schloss gebracht. Bringt sie in die Garnison von Donhal."
      "Und die bestochenen Wachen?" hakte Talon nach. "Sie bleiben vorerst auf ihren Posten." entschied Caleb. "Ich werde sie beobachten lassen." fügte er an und dachte dabei an seinen Bruder Viego. Nur ihn kann er damit beauftragen, da er neben Talon kaum jemanden trauen konnte.
      Talon hob zweifelnd die Brauen. "Ihr wollt Verräter in Eurem Schloss dulden?"
      "Ich will sehen, von wem sie ihre nächsten Befehle erhalten." erklärte der junge König.
      "Das ist ein gefährliches Spiel." meinte der Berater.
      "Für Yanis und Videus." entgegnete Caleb mit fester Stimme. Diese List war für ihn beschlossen und Talon wusste, dass er seinen König davon nicht abbringen konnte.

      Sie waren bereits auf dem Rückweg, als Caleb noch einmal innehielt. Aus einem tiefer gelegenen Nebengang war ein schwaches Geräusch gekommen.
      Ein Scharren. Dann ein dumpfer Schlag.
      Talon zog erneut sein Schwert.
      Gemeinsam folgten sie dem Gang. Hinter einer provisorisch errichteten Holzwand entdeckten sie eine schmale Kammer. Darin lagen keine Waffen, sondern Kleidungsstücke, mehrere persönliche Gegenstände und eine Reihe blutverschmierter Verbände.
      An der Wand waren Fesseln befestigt. Der Raum war leer. Doch erst vor Kurzem musste hier jemand gefangen gehalten worden sein.
      Caleb ging in die Hocke. Zwischen dem Stroh lag ein kleiner Anhänger aus hellem Metall. Er hob ihn auf und rieb mit dem Daumen den Schmutz von seiner Oberfläche.
      Darunter kam ein Wappen zum Vorschein.
      Ein Adler mit einer Krone auf dem Haupt, umgeben von fünf Sternen.
      Das Zeichen Themerias.
      Talon stieß langsam die Luft aus.
      "Vielleicht geht es hier nicht nur um erpresste Goldmünzen und fingierte Überfälle auf Bauerndörfer."
      Caleb schloss die Finger um den Anhänger. Wen hatte man hier festgehalten? Und wo war diese Person jetzt? Und die wichtigste Frage: Handelte es sich dabei wirklich um einen Bewohner aus dem Nachbarkönigreich, mit dem er vor wenigen Wochen einen Friedenspakt abgeschlossen hatte?
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Zephyrine hatte inzwischen eine ganze Weile im Garten verbracht. Der Spaziergang hatte länger gedauert, als sie ursprünglich beabsichtigt hatte, doch sie hatte schnell Gefallen daran gefunden, einfach ziellos umherzulaufen. Es war eine angenehme Abwechslung zu den vielen Gedanken, die ihr seit ihrer Ankunft beinahe ununterbrochen durch den Kopf gingen. Zwischen den sorgfältig gepflegten Beeten und den hohen Bäumen wirkte alles friedlich. Der Garten war so groß, dass sie vermutlich noch Tage brauchen würde, um jede Ecke zu erkunden. Vielleicht würde sie sich irgendwann sogar eine feste Route angewöhnen, überlegte sie, während ihr Blick über einen mit Rosen bewachsenen Bogen wanderte. Es wäre zumindest eine Möglichkeit, den vielen Stunden etwas Struktur zu geben.
      In ihrer Hand hielt sie noch immer den Sonnenschirm, den ihr eine Hofdame mitgegeben hatte. Die Sonne war inzwischen höher gestiegen und wärmte ihre Haut trotz des leichten Windes. Zephyrine blieb stehen und hob den Blick zu den Baumkronen. Zwischen den Blättern tanzten kleine Lichtflecken über den Weg, während irgendwo in der Ferne das Zwitschern eines Vogels zu hören war. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen.
      Es war seltsam.
      Zu Hause hatte es immer etwas zu tun gegeben. Selbst wenn sie einmal nichts Dringendes erledigen musste, hatte sie sich beschäftigt. Hier hingegen schien der Tag vor ihr zu liegen wie ein endloses, leeres Blatt Papier. Natürlich würde sich das bald ändern. Man hatte ihr bereits von Unterrichtsstunden erzählt. Etikette, Geschichte, Politik und vermutlich noch zahlreiche andere Dinge, die sie als zukünftige Königin lernen musste. Hinzu kamen die Reitstunden, auf die sie sich einerseits freute und die sie andererseits mit einer gewissen Nervosität betrachtete. Allein der Gedanke daran ließ sie innerlich seufzen. Vielleicht sollte sie sich wirklich langsam Gedanken darüber machen, wie sie das Reiten lernen konnte, ohne dabei sofort aufzufallen.
      Ein leises Rascheln ließ sie aus ihren Gedanken hochschrecken.
      Zephyrine öffnete die Augen und drehte den Kopf in die Richtung des Geräusches. Zwischen den Büschen bewegte sich etwas. Für einen Moment spannte sich ihr Körper unwillkürlich an, doch schon kurz darauf tauchte ein kleiner, brauner Hund zwischen den Pflanzen auf. Er blieb mitten auf dem Weg stehen und sah sie mit schief gelegtem Kopf an. Zephyrine blinzelte.
      "Du bist aber ein neugieriger kleiner Kerl."
      Der Hund wedelte leicht mit dem Schwanz, blieb jedoch zunächst auf Abstand. Zephyrine ging in die Hocke und hielt ihm vorsichtig die Hand entgegen. Nach kurzem Zögern kam er näher und schnupperte daran. Als er offenbar entschieden hatte, dass von ihr keine Gefahr ausging, wedelte er kräftiger mit dem Schwanz. Ein Lächeln schlich sich auf Zephyrines Lippen.
      "Na, komm."
      Der Hund näherte sich und ließ sich tatsächlich von ihr am Kopf streicheln. Sein Fell war überraschend weich. Zephyrine musste leise lachen, als er sich immer näher an ihre Hand drängte.
      "Du bist wirklich ein kleiner Schmuser."
      "Er scheint Euch zu mögen."
      Die Stimme ließ Zephyrine überrascht aufblicken. Ein junger Mann stand einige Schritte entfernt auf dem Weg. Er trug die Kleidung eines Bediensteten und hielt einen Korb in einer Hand. Offenbar hatte er gerade den Garten durchquert. Zephyrine richtete sich wieder auf und warf einen kurzen Blick zu dem Hund.
      "Er gehört Euch?"
      Der Mann schüttelte den Kopf.
      "Nein, Hoheit. Er gehört dem Gärtner. Normalerweise ist er in der Nähe der Gewächshäuser. Offenbar hat er heute beschlossen, einen kleinen Ausflug zu machen."
      Zephyrine sah wieder zu dem Hund hinunter, der nun völlig zufrieden neben ihr saß.
      "Er scheint jedenfalls sehr zufrieden mit seinem Ausflug zu sein."
      Der Bedienstete lächelte.
      "Das ist er meistens. Er hat allerdings eine besondere Vorliebe dafür, sich Dinge zu suchen, die ihm eigentlich nicht gehören."
      Als hätte der Hund verstanden, worüber gesprochen wurde, schnappte er plötzlich nach etwas, das neben dem Weg im Gras lag. Zephyrine erkannte erst beim zweiten Blick, dass es sich um einen kleinen Stoffbeutel handelte.
      "Moment."
      Sie ging einen Schritt auf den Hund zu, doch dieser wich sofort zurück und begann schwanzwedelnd davon zu laufen.
      "Oh nein."
      Der Bedienstete stellte seinen Korb ab und lief dem Hund hinterher. Zephyrine konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, während sie ihnen mit einigen Schritten Abstand folgte. Der Hund hatte offensichtlich überhaupt keine Absicht, seinen Fund freiwillig herzugeben. Schließlich blieb er bei einer niedrigen Hecke stehen. Der Bedienstete ging in die Hocke und lockte ihn mit ruhiger Stimme zu sich. Nach einigen Sekunden ließ der Hund den Beutel tatsächlich fallen.
      "Braver Junge."
      Er hob den Stoffbeutel auf und betrachtete ihn prüfend.
      "Zum Glück scheint nichts kaputt gegangen zu sein."
      Zephyrine trat näher.
      "Was war denn darin?"
      "Blumensamen."
      Sie hob überrascht die Augenbrauen.
      "Blumensamen?"
      "Der Gärtner wollte sie später aussäen. Wenn der Hund sie irgendwo im Garten vergraben hätte, hätten wir vermutlich im nächsten Jahr eine interessante Überraschung."
      Zephyrine musste erneut lachen. Die Vorstellung, dass plötzlich irgendwo zwischen den sorgfältig angelegten Blumen ein völlig fremdes Gewächs auftauchte, gefiel ihr.
      "Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht. Ein wenig Überraschung kann einem Garten doch nicht schaden."
      Der Bedienstete sah sie für einen Moment etwas überrascht an, ehe ein leichtes Lächeln über sein Gesicht huschte.
      "Das würde der Gärtner vermutlich anders sehen."
      Zephyrine lächelte ebenfalls. Es war eine vollkommen belanglose Begegnung gewesen und dennoch fühlte sie sich danach ein wenig leichter. Vielleicht lag es daran, dass sie zum ersten Mal seit ihrer Ankunft eine Unterhaltung geführt hatte, die nichts mit ihrer Rolle als zukünftige Königin zu tun hatte. Niemand hatte sie über ihre Pflichten belehrt oder ihr erklärt, wie sie sich zu verhalten hatte. Es war einfach nur ein kurzes Gespräch über einen Hund gewesen.
      "Bringt den kleinen Ausreißer lieber wieder zurück, bevor er noch mehr anstellt."
      "Das werde ich, Hoheit."
      Der Mann verneigte sich leicht und nahm den Hund am Halsband. Dieser blickte noch einmal zu Zephyrine zurück, als würde er sich von ihr verabschieden.
      "Auf Wiedersehen", sagte sie leise.
      Der Hund wedelte mit dem Schwanz. Zephyrine blieb noch einen Moment stehen und sah den beiden nach, bis sie zwischen den Bäumen verschwunden waren. Erst dann setzte sie ihren Weg fort.
      Während sie langsam über den Gartenweg schlenderte, musste sie über die kleine Begegnung nachdenken. Es war erstaunlich, wie schnell eine so einfache Unterhaltung ihre Gedanken von den Dingen weglenken konnte, die sie eigentlich beschäftigten. Ihr Blick wanderte über die Blumenbeete. Vielleicht sollte sie sich tatsächlich öfter hier draußen aufhalten. Der Garten war groß genug, um ihr eine gewisse Freiheit zu geben, ohne dass sie sich allzu weit vom Schloss entfernte. Und vielleicht würde sie dabei noch mehr über diesen Ort erfahren. Über die Menschen, die hier arbeiteten. Über die Gewohnheiten des Königs. Über das Leben hinter den hohen Mauern, das ihr bisher nur aus höfischen Gesprächen bekannt war.
      Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr kam ihr der Gedanke, dass sie nicht unbedingt jede Antwort durch Unterricht erhalten musste. Manche Dinge konnte man nur erfahren, wenn man aufmerksam beobachtete und mit den Menschen sprach.
      Zephyrine blieb schließlich an einem kleinen Teich stehen. Das Wasser bewegte sich kaum und spiegelte die Bäume und den hellen Himmel wider. Sie ließ den Blick über die Oberfläche wandern und atmete tief durch. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, einen freien Tag zu haben. Vielleicht musste sie nicht jede freie Minute mit einer Aufgabe füllen. Sie durfte auch einfach einmal nichts tun. Zumindest für heute.
      Mit diesem Gedanken setzte sie ihren Spaziergang fort. Doch tief in ihrem Inneren nahm sie sich vor, den Garten noch häufiger aufzusuchen. Nicht nur, weil er wunderschön war, sondern weil sie langsam begann zu verstehen, dass sie hier vielleicht mehr über ihr neues Zuhause lernen konnte, als sie zunächst angenommen hatte.
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      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Caleb ließ seinen Blick über die gefesselten Männer schweifen. Einige von ihnen saßen mit gesenkten Köpfen auf dem steinigen Boden, während andere die königlichen Soldaten mit unverhohlenem Trotz beobachteten. Einer hatte während des Kampfes eine Platzwunde an der Stirn davongetragen. Das Blut war inzwischen getrocknet und zog sich als dunkle Spur bis zu seiner Schläfe hinab. Ein weiterer hielt den verletzten Arm eng an seinen Körper gepresst.
      Bislang hatte keiner von ihnen etwas Brauchbares preisgegeben.
      Caleb war nicht überrascht. Männer, die sich an einem geheimen Ort trafen und offenbar für Videus und Yanis arbeiteten, ließen sich kaum durch einige eindringliche Fragen zum Reden bringen. Dafür würde es mehr Zeit benötigen – und einen Ort, an dem sie nicht darauf hoffen konnten, von ihren Auftraggebern befreit zu werden.

      „Vier Männer bleiben hier“, entschied Caleb und wandte sich an Talon. „Sie bewachen die Gefangenen und sichern den Zugang zur Mine. Niemand betritt sie, bis die Verstärkung eintrifft.“

      Talon nickte, ließ seinen Blick jedoch kurz über die kleine Truppe wandern.
      „Wenn noch weitere Männer in der Umgebung sind, könnten vier Soldaten zu wenig sein.“

      Damit hatte sein Berater Recht, also bleiben fünf Soldaten.
      Caleb bestimmte mit Talon jene Männer, denen sie ausreichend vertrauten, um ihnen diese Aufgabe zu überlassen. Zugleich befahl man ihnen, weder Feuer zu entzünden noch sich außerhalb der Mine offen zu zeigen. Niemand sollte bemerken, dass der Ort entdeckt worden war.

      „Wir schicken euch einen Gefangenenwagen“, erklärte Talon den Zurückbleibenden. „Er wird von Männern begleitet werden, die keine Fragen stellen und keine Zeichen des königlichen Heeres tragen. Die Gefangenen werden noch vor Einbruch der Dunkelheit abgeholt.“
      Einer der Gefangenen hob bei diesen Worten den Kopf. Für einen kurzen Moment zeigte sich etwas in seinem Gesicht, das Caleb zuvor nicht darin gesehen hatte.
      Unruhe.

      Der junge König trat vor ihn.
      „Ihr hattet offenbar gehofft, ins Schloss gebracht zu werden.“
      Der Mann presste den Mund zusammen.
      „Dort hätte man Euch vielleicht gesehen“, fuhr Caleb ruhig fort. „Vielleicht sogar jemand, der dafür gesorgt hätte, dass Ihr Eure Zelle nie erreicht.“

      Noch immer schwieg der Gefangene. Doch sein Blick glitt unwillkürlich zu einem der anderen Männer hinüber.
      Caleb bemerkte es.
      Talon ebenfalls.
      „Sie werden getrennt voneinander transportiert und untergebracht“, ordnete der König an. „Keiner von ihnen darf erfahren, wohin man die anderen bringt.“

      Damit war jede Möglichkeit genommen, sich auf eine gemeinsame Geschichte zu einigen. Die Gefangenen sollten in ein befestigtes Lager des königlichen Heeres gebracht werden, das abseits der großen Handelsstraßen lag. Dort dienten die Soldaten direkt unter Talons Befehl. Weder Yanis noch Videus würden ohne Weiteres erfahren, dass ihre Männer noch lebten – oder wo sie festgehalten wurden.
      „Versorgt ihre Verletzungen“, fügte Caleb hinzu. „Sie sollen befragt werden, nicht an Wundfieber sterben.“
      Talon sah ihn von der Seite an.
      „Ihr seid heute großzügig.“
      „Nein. Nur vorausschauend.“

      Ein Toter konnte keine Namen nennen. Und unnötiges Blut wollte der junge König nicht vergießen.
      Nachdem alle Anweisungen erteilt waren, brachen Caleb, Talon und die verbliebenen Soldaten auf. Sie nahmen nicht denselben Weg, über den sie gekommen waren, sondern folgten einem schmaleren Pfad, der sie zunächst durch die bewaldeten Ausläufer der westlichen Berge führte. Erst einige Stunden später trafen sie wieder auf die breite Straße, die in Richtung des königlichen Schlosses führte.
      Die Sonne stand bereits tief. Ihr Licht fiel rötlich über die Felder und ließ die Schatten der Reiter lang über den Weg wandern. Caleb saß schweigend im Sattel. Die Müdigkeit des langen Tages lag inzwischen schwer auf seinen Schultern und tief in seinen Knochen, doch seine Gedanken ließen ihm keine Ruhe.

      Die Mine. Die Gefangenen. Videus und Yanis.
      Sie mussten vorsichtig vorgehen. Eine offene Anklage würde beide Männer warnen, bevor ausreichend Beweise gegen sie gesammelt waren. Zugleich durfte Caleb ihnen nicht zu viel Zeit lassen, um ihre Spuren zu verwischen.
      Und dennoch kehrten seine Gedanken immer wieder zu etwas anderem zurück.

      Zu dem Ausritt, den er Maria versprochen hatte.
      Zu ihrem sanften Blick.
      Ihr doch recht schüchternes Lächeln.
      Er hatte gehofft, noch vor Einbruch der Dunkelheit zum Schloss zurückzukehren. Vielleicht hätten sie wenigstens gemeinsam zu Abend essen können. Nun war bereits fraglich, ob sie das Schloss vor Mitternacht erreichen würden. Enttäuschung machte sich in seiner Brust breit. Nicht deutlich. Eher wie ein unangenehmer Druck unter seinen Rippen.

      Sein Blick glitt über den Weg vor ihnen, als der vorderste Soldat plötzlich die Hand hob.

      „Dort vorne ist jemand!“

      Caleb richtete sich im Sattel auf.
      Etwas abseits der Straße lag ein Wagen schräg im Graben. Eines der hinteren Räder war tief in den aufgeweichten Boden eingesunken, während sich das andere mehrere Handbreit über dem Weg befand. Zwei Zugpferde standen unruhig davor. Die Geschirre hatten sich verdreht, und eines der Tiere stampfte nervös mit dem Vorderhuf auf.
      Neben dem Wagen lief ein älterer Mann aufgeregt hin und her. Er versuchte gleichzeitig, die Pferde zu beruhigen und einige der Kisten festzuhalten, die auf der schrägen Ladefläche gefährlich verrutscht waren.
      Als der Händler die Reiter bemerkte, hob er beide Arme.

      „Haltet ein! Bitte! Ich brauche Hilfe!“

      Talon ließ sein Pferd langsamer werden. Sein Blick wanderte aufmerksam über den Wagen, den Graben und die umliegenden Felder.
      „Es könnte eine Falle sein“, sagte er leise.
      „Dann ist es eine ausgesprochen umständliche und aufwendige“, erwiderte Caleb.
      Dennoch kam er nicht unbedacht näher. Zwei Soldaten untersuchten zunächst die Böschung und die wenigen Büsche am Straßenrand. Erst nachdem sie keine weiteren Personen entdeckt hatten, ritt Caleb zu dem verunglückten Wagen, dicht gefolgt von Talon.
      Der Händler verbeugte sich hastig. Beinahe wäre er dabei über eine seiner eigenen Kisten gestolpert.
      „Verzeiht, meine Herren. Die Straße ist an dieser Stelle abgesackt. Ich wollte dem tiefsten Loch ausweichen, doch dann ist das Rad weggerutscht. Allein bekomme ich den Wagen nicht heraus.“
      „Ist jemand verletzt?“, fragte Caleb.
      „Nein. Den Göttern sei Dank. Auch den Pferden fehlt nichts, soweit ich erkennen kann.“
      Caleb betrachtete das eingesunkene Rad. Die Achse schien unbeschädigt zu sein, doch solange die Tiere nervös am Geschirr zogen, konnte sich das rasch ändern.

      „Spannt die Pferde aus“, befahl er. „Zwei Männer sichern den Wagen. Die übrigen bringen die Ladung herunter.“
      Der Händler blinzelte ihn überrascht an.
      „Ihr wollt mir tatsächlich helfen?“
      „Wenn wir Euch im Graben zurücklassen, versperrt Euer Wagen morgen vermutlich die gesamte Straße.“
      Talon warf Caleb einen amüsierten Seitenblick zu.
      „Reine Sorge um die Reisenden“, stellte er trocken fest.
      „Selbstverständlich.“

      Die Männer machten sich an die Arbeit. Zuerst wurden die Pferde ausgespannt und ein Stück die Straße hinaufgeführt. Anschließend lösten sie die Seile, mit denen die Waren befestigt waren, und trugen eine Kiste nach der anderen vom Wagen.
      Caleb hätte lediglich Befehle erteilen können. Stattdessen legte er seinen Mantel ab, zog die Handschuhe aus und reichte beides einem der Soldaten. Dann packte er gemeinsam mit Talon eine der schwereren Kisten.
      Der Händler starrte ihn an.
      „Herr, das müsst Ihr doch nicht selbst tun.“
      „Je schneller der Wagen frei ist, desto eher können wir unseren Weg fortsetzen.“
      Die Kiste war schwerer, als sie zunächst ausgesehen hatte. Im Inneren klirrte Metall gegeneinander. Caleb spürte, wie sich seine Arme unter dem Gewicht anspannten, während er mit Talon vorsichtig über den unebenen Boden ging.
      „Wenn sich darin nur Löffel befinden“, murmelte Talon, „besitzt dieser Mann genügend davon, um ganz Dromos einzudecken.“
      Der Händler, der ihnen folgte, lachte unsicher.
      „Kerzenhalter, kleine Schalen und einige Armreifen. Alles ehrliche Handarbeit.“
      Nachdem die Ladefläche geräumt war, befestigten die Soldaten Seile an der Rückseite des Wagens. Zwei Männer stützten das eingesunkene Rad mit einem breiten Brett ab, während andere von der Straße aus zogen. Caleb stellte sich neben Talon an eines der Seile.
      „Auf mein Zeichen“, rief der König. „Jetzt!“
      Das Seil spannte sich schlagartig. Caleb stemmte die Stiefel in die weiche Erde und zog. Für einen Moment bewegte sich der Wagen nicht. Das Rad saß zu tief im Schlamm.
      „Noch einmal!“
      Holz knarrte. Erde löste sich unter dem Rad, und die Männer rutschten beinahe gleichzeitig einen Schritt nach vorn. Dann hob sich der Wagen langsam aus dem Graben. Die Soldaten an der Seite drückten gegen die Karosserie, bis beide Räder wieder festen Boden berührten.
      Der Händler stieß einen erleichterten Laut aus.
      „Er ist frei! Tatsächlich frei!“
      Die Achse wurde überprüft, anschließend luden sie die Waren wieder auf und spannten die Pferde ein. Inzwischen war die Sonne beinahe vollständig hinter den Hügeln verschwunden.

      Der Händler trat vor Caleb und verbeugte sich tief.
      „Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll. Ohne Euch hätte ich die Nacht hier verbringen müssen. Vielleicht wäre der Wagen weiter abgesackt oder jemand hätte meine Ware gestohlen.“
      „Haltet Euch künftig von den weichen Straßenrändern fern“, erwiderte Caleb und streifte seine Handschuhe wieder über.
      Der Mann richtete sich auf. Erst jetzt schien er Calebs Siegelring genauer wahrzunehmen. Sein Blick wanderte zu dem königlichen Wappen auf dem Mantel, den der Soldat Caleb gerade reichte. Alle Farbe wich aus dem Gesicht des Händlers.
      „Ihr seid …“
      Er schluckte schwer und sank so hastig auf ein Knie, dass es hörbar auf dem Boden aufschlug.
      „Majestät. Vergebt mir. Ich habe Euch nicht erkannt.“
      „Dann habt Ihr mit mir gesprochen, wie Ihr mit jedem anderen Mann gesprochen hättet“, sagte Caleb. „Dafür müsst Ihr nicht um Vergebung bitten.“
      „Aber Ihr habt selbst meinen Wagen aus dem Graben gezogen.“
      „Das habe ich bemerkt.“
      Talon wandte den Kopf ab, doch Caleb erkannte an der Bewegung seiner Mundwinkel, dass er ein Lächeln verbarg.
      Der Händler sprang wieder auf und eilte zur Rückseite seines Wagens.
      „Bitte, Majestät. Nehmt wenigstens etwas aus meiner Ware. Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren, Euch ohne einen Dank gehen zu lassen.“
      „Das ist nicht notwendig.“
      „Für mich schon.“
      Ehe Caleb erneut widersprechen konnte, öffnete der Mann mehrere Kisten. Zum Vorschein kamen fein gearbeitete Ketten, Ringe, kleine Anhänger, Armreifen und Haarspangen. Ein Teil bestand aus poliertem Holz, anderes war aus Bronze oder Silber gefertigt. In einem mit Stoff ausgeschlagenen Kästchen lagen sogar einige wenige goldene Schmuckstücke.
      Caleb wollte bereits ablehnen, als sein Blick an einer Haarspange hängen blieb.
      Sie bestand aus dunklem, sorgfältig geglättetem Holz. In die Oberfläche waren kleine Blumen geschnitzt, deren Blütenblätter sich in feinen Linien über die Spange zogen. Das Schmuckstück war nicht prunkvoll. Es besaß weder Edelsteine noch Gold, doch gerade deshalb wirkte es warm und auf eine stille Weise schön.
      Seine Gedanken wanderten unwillkürlich zu Maria.
      Er stellte sich vor, wie die Spange in ihrem langen blonden Haar aussehen würde. Vielleicht würde sie einige lose Strähnen damit zurückstecken. Vielleicht würde sie sich über das schlichte Geschenk sogar mehr freuen als über eines der kostbaren Schmuckstücke, die sich im Schloss befanden.
      Caleb nahm die Haarspange vorsichtig in die Hand.
      „Diese hier.“
      Der Händler sah von der hölzernen Spange zu den goldenen Stücken in seiner Auslage.
      „Majestät, Ihr dürft Euch ruhig etwas Wertvolleres aussuchen.“
      Caleb strich mit dem Daumen über eine der eingeschnitzten Blüten.
      „Diese ist wertvoll genug.“
      „Für eine Dame?“, fragte der Händler, bevor er sich offenbar daran erinnerte, mit wem er sprach. Sogleich senkte er den Kopf. „Verzeiht. Das geht mich nichts an.“
      Caleb antwortete nicht. Doch Talons vielsagender Blick entging ihm keineswegs.
      Der Händler wickelte die Spange sorgfältig in ein Stück weichen Stoff und legte sie anschließend in eine kleine Holzschachtel. Caleb nahm das Geschenk entgegen und verstaute es sicher in einer Innentasche seines Mantels.

      Als sie sich wieder auf den Weg machten, war die Dämmerung bereits der Nacht gewichen. Die Verzögerung hatte sie mehrere Stunden gekostet. Der nächste Wegabschnitt führte durch bewaldetes und teilweise unwegsames Gebiet, das Caleb bei Dunkelheit nicht mit erschöpften Pferden durchqueren wollte.
      „Wenn wir weiterreiten, erreichen wir das Schloss frühestens weit nach Mitternacht“, bemerkte Talon.
      Caleb wusste, dass sein Berater recht hatte. Auch wenn ihm der Gedanke missfiel, Maria noch länger warten zu lassen. Aber er musste zuerst an seine Männer denken und auch an die Pferde.
      „Im nächsten Ort gibt es ein Wirtshaus“, sagte einer der Soldaten. „Wir müssten es innerhalb einer Stunde erreichen.“
      „Dann verbringen wir dort die Nacht“, entschied Caleb. „Wir brechen bei Tagesanbruch wieder auf.“
      Das Wirtshaus stand am Rand eines kleinen Dorfes und wirkte von außen kaum groß genug, um alle Männer unterzubringen. Warmes Licht drang aus den Fenstern, und über der Eingangstür hing ein verwittertes Schild, auf dem ein schwarzer Hirsch abgebildet war.
      Der Wirt kam ihnen entgegen, als er die Pferde hörte. Zunächst begrüßte er die Gruppe wie gewöhnliche Reisende. Als Caleb die Kapuze seines Mantels zurückschob und der Mann ihn erkannte, blieb ihm der nächste Satz im Halse stecken.
      „M-Majestät?“
      „Wir benötigen Betten für diese Nacht, einen sicheren Stall und etwas zu essen für die Männer.“
      Der Wirt starrte ihn noch einen Moment an, bevor er hektisch eine Verbeugung machte.
      „Natürlich! Selbstverständlich! Es ist mir eine Ehre. Die größte Ehre, die dieses Haus je erfahren hat. Meine Frau wird sofort das beste Zimmer vorbereiten. Und ich lasse ein Mahl—“
      „Etwas Warmes genügt“, unterbrach Caleb ihn. „Wir sind keine Festgesellschaft.“
      Der Wirt ließ sich davon kaum beruhigen. Binnen weniger Augenblicke befand sich das gesamte Haus in heller Aufregung. Seine Frau scheuchte die Kinder die Treppe hinauf, frische Decken wurden aus Truhen geholt, und in der Küche klapperten Töpfe und Schüsseln.
      Das Abendessen bestand aus einem kräftigen Eintopf, dunklem Brot, Käse und gebratenem Gemüse. Für erschöpfte Reisende war es mehr als ausreichend. Caleb aß gemeinsam mit Talon und den Soldaten in der Schankstube. Er wollte nicht, dass man seinetwegen andere Gäste hinauswarf oder ihm ein gesondertes Mahl zubereitete.
      Der Wirt beobachtete ihn dennoch den gesamten Abend über, als fürchtete er, der König könne jederzeit seine Meinung ändern und das Essen für ungenügend erklären.

      Als Caleb später die Bezahlung übergab, wehrte der Mann erschrocken ab.
      „Das kann ich nicht annehmen, Majestät. Dass Ihr unter meinem Dach übernachtet, ist Bezahlung genug.“
      „Eure Vorräte füllen sich nicht mit Ehre“, entgegnete Caleb.
      Er legte mehrere Münzen auf den Tisch – deutlich mehr, als die Unterkunft und das Essen gekostet hatten.
      „Das ist zu viel.“
      „Dann verwendet den Rest, um das Dach über dem Stall auszubessern. Es wird den nächsten strengen Winter sonst nicht überstehen.“
      Der Wirt blickte zu der dunklen Decke, als könne er das schadhafte Dach von dort aus sehen. Seine Augen glänzten, als er sich erneut tief verbeugte.
      „Danke, Majestät.“
      Caleb zog sich kurz darauf in das kleine Zimmer zurück, das man für ihn hergerichtet hatte. Es war schlicht, aber sauber. Das Bett knarrte bei jeder Bewegung, und durch die dünnen Wände waren gedämpfte Stimmen aus der Schankstube zu hören.
      Bevor er sich schlafen legte, holte Caleb die kleine Holzschachtel aus seinem Mantel.
      Er öffnete sie und betrachtete die Haarspange im schwachen Licht der Kerze.
      Maria würde wissen wollen, weshalb sie nicht zurückgekehrt waren. Er konnte ihr nicht die ganze Wahrheit erzählen, solange noch unklar war, wem im Schloss sie vertrauen konnten und wem nicht. Doch er wollte auch nicht, dass sie glaubte, er habe ihr Versprechen vergessen.
      Mit diesem Gedanken schloss er die Schachtel wieder und legte sie sicher zu seinen persönlichen Dingen. Dann legte er sich hin und dank des anstrengenden Tages schlief er recht bald ein.

      Noch vor Sonnenaufgang wurde an seine Tür geklopft.
      Caleb war bereits wach. Wenig später versammelten sich die Männer im Hof des Wirtshauses. Der Morgen war kalt, und weißer Atem stieg vor den Nüstern der Pferde auf.
      Der Wirt kam eilig aus dem Haus.
      „Majestät, wollt Ihr nicht wenigstens frühstücken? Meine Frau hat Brot vorbereitet. Die Eier wären gleich fertig.“
      „Wir dürfen keine weitere Zeit verlieren.“
      Er bedankte sich für die Gastfreundschaft und stieg in den Sattel. Noch ehe die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont fielen, verließ die Gruppe das Dorf.

      Sie ritten zügig, legten jedoch kurze Pausen ein, um die Pferde nicht zu überlasten. Mit jeder Meile, die sie sich dem Schloss näherten, wurde Caleb unruhiger. Es ging nicht allein um die Beweise aus der Mine oder die Fragen, die auf ihn warteten.
      Er wollte Maria sehen.

      Als die Türme des Schlosses schließlich über den Hügeln erschienen, stand die Sonne bereits am Vormittagshimmel. Ein Späher auf dem äußeren Wehrgang bemerkte ihre Rückkehr zuerst. Kurz darauf ertönte vom Tor ein Hornsignal.
      „Der König kehrt zurück!“
      Der Ruf wurde von einem Wachposten zum nächsten getragen.
      „Öffnet das Tor! Seine Majestät ist zurück!“
      Die schweren Torflügel bewegten sich knarrend auseinander. Im Innenhof entstand sofort rege Betriebsamkeit. Stallburschen eilten herbei, Soldaten nahmen Haltung an, und mehrere Bedienstete liefen ins Innere des Schlosses, um die Nachricht von Calebs Ankunft zu überbringen.
      Der König lenkte sein Pferd durch das Tor.
      Seine Reise war länger und aufschlussreicher gewesen, als er erwartet hatte. Die Mine hatte ihnen eine Spur geliefert, die bis in die Nähe seines eigenen Hofes reichte. Gefangene warteten darauf, befragt zu werden, und Videus sowie Yanis durften noch nicht erfahren, wie nahe Caleb ihnen inzwischen gekommen war.
      Doch während er vom Pferd stieg und einem Stallburschen die Zügel übergab, glitt seine Hand unwillkürlich zu der kleinen Schachtel unter seinem Mantel.
      Noch bevor er Talon für später in sein Arbeitszimmer bestellte, wandte er sich an einen Bediensteten.
      „Wo befindet sich Prinzessin Maria?“

      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Es war seltsam, wie viel wohler sie sich in seiner Gegenwart inzwischen fühlte, obwohl sie einander noch gar nicht so lange kannten. Vielleicht lag es daran, dass er ihr zuhörte, ohne ihre Gedanken sofort abzutun, oder daran, dass er sie nicht bloß als Prinzessin betrachtete, die sich den Erwartungen anderer zu beugen hatte.
      Mit einem leisen Seufzen machte sie sich schließlich auf den Rückweg zum Schloss. Sie wollte den restlichen Tag nutzen, um sich ein wenig abzulenken. In ihrer Kammer angekommen, zog sie sich um und ließ sich mit einem der Bücher, die sie sich aus der Bibliothek ausgeliehen hatte, am Fenster nieder. Das Licht fiel sanft über die Seiten, während sie zu lesen begann. Für eine Weile gelang es ihr tatsächlich, in die Geschichte einzutauchen und ihre Gedanken von den Verpflichtungen am Hof fernzuhalten. Doch immer wieder wanderte ihr Blick zum Fenster hinaus.
      Caleb hatte ihr nicht genau gesagt, wann er zurückkehren würde, und sie wusste, dass seine Aufgaben als König nicht immer vorhersehbar waren. Trotzdem hoffte sie, ihn am Abend wiederzusehen. Sie hatte sich an seine Gesellschaft gewöhnt, vielleicht sogar mehr, als sie sich selbst eingestehen wollte. Es war ein angenehmes Gefühl, jemanden in ihrer Nähe zu wissen, der sich zumindest ein wenig für sie einzusetzen schien.
      Als die Sonne langsam tiefer sank, legte Zephyrine das Buch beiseite und machte sich für das Abendessen fertig. Sie strich ihr Kleid glatt und band ihr Haar sorgfältig zurück, bevor sie sich auf den Weg zum Speisesaal machte. Dort angekommen, fiel ihr als Erstes auf, dass Calebs Platz noch immer leer war. Sie setzte sich dennoch und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Vielleicht hielt ihn eine wichtige Besprechung auf. Vielleicht war unterwegs etwas dazwischengekommen. Als die Bediensteten schließlich das Essen servierten, blickte sie mehrmals zur Tür, in der Hoffnung, dass Caleb jeden Augenblick eintreten würde. Doch er kam nicht.
      Mit jeder verstrichenen Minute wurde die Sorge in ihrer Brust schwerer. Sie schob das Essen auf ihrem Teller hin und her und brachte kaum einen Bissen herunter. Ihre Gedanken kreisten einzig um den König.
      Caleb war bisher der Einzige gewesen, der ihr das Gefühl gegeben hatte, am Hof nicht vollkommen allein zu sein. Er hatte ihr zugehört, ihre Ansichten ernst genommen und ihr gegenüber eine Freundlichkeit gezeigt, die sie nicht als selbstverständlich betrachtete. Allein der Gedanke, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, ließ ihr den Magen schwer werden. Sie machte sich nicht nur Sorgen, weil sie ihn vermisste. Sie sorgte sich um ihn selbst. Was, wenn er auf seiner Reise in Schwierigkeiten geraten war? Was, wenn jemand ihm nach dem Leben trachtete? Sie wusste, dass die politischen Verhältnisse am Hof kompliziert waren und nicht jeder dem König wohlgesinnt sein musste. Hatte sie sich vielleicht zu sehr darauf verlassen, dass er immer zurückkehren würde?
      Schließlich legte sie das Besteck nieder. Ihr Appetit war längst verschwunden.
      Als sie sich später in ihre Gemächer zurückzog, versuchte sie, sich mit einem weiteren Buch abzulenken. Doch diesmal wollten die Worte einfach keinen Sinn ergeben. Sie las dieselben Zeilen mehrfach, ohne sich daran erinnern zu können, was sie gerade gelesen hatte. Schließlich gab sie auf, legte das Buch auf den Nachttisch und bereitete sich auf die Nacht vor. Im Bett zog sie die Decke bis zu den Schultern und starrte in die Dunkelheit. Sie redete sich ein, dass Caleb sicherlich einen guten Grund hatte, nicht zurückzukehren. Ein König trug schließlich Verantwortung, die weit über seine persönlichen Wünsche hinausging. Es wäre ungerecht, von ihm zu erwarten, dass er seine Pflichten ihretwegen vernachlässigte. Doch diese vernünftigen Gedanken konnten die Unruhe in ihr nicht vertreiben.
      Immer wieder stellte sie sich verschiedene Szenarien vor. Vielleicht war sein Pferd gestürzt. Vielleicht hatte er sich verletzt und konnte nicht zurückkehren. Oder vielleicht war er in eine Auseinandersetzung geraten, aus der es keinen einfachen Ausweg gab. Je länger sie darüber nachdachte, desto schlimmer wurden die Bilder in ihrem Kopf. „Bitte lass ihn wohlauf sein“, flüsterte sie schließlich in die Stille hinein. Sie wusste nicht einmal genau, an wen sie diese Bitte richtete. Vielleicht an die Götter. Vielleicht an ihre Mutter. Oder einfach an irgendjemanden, der ihr diesen nagenden Kummer nehmen konnte. Erst spät in der Nacht gelang es ihr, einzuschlafen, doch selbst dann fand sie keine wirkliche Ruhe.
      Am nächsten Morgen erwachte sie mit einem unguten Gefühl, das sich über Nacht nicht gelegt hatte. Kaum hatte sie sich angekleidet, machte sie sich auf den Weg zum Frühstück. Sie hoffte insgeheim, Caleb dort anzutreffen, als wäre sein gestriges Fehlen nur ein Missverständnis gewesen. Doch auch diesmal blieb sein Platz leer. Zephyrine versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Sie nahm etwas Brot und Obst, doch schon nach wenigen Bissen verlor sie den Appetit. Sie legte das Besteck beiseite und verschränkte die Hände in ihrem Schoß. Ihre Gedanken überschlugen sich, und sie ertappte sich dabei, wie sie jedes Geräusch im Flur aufmerksam verfolgte.
      Als schließlich eine Bedienstete den Raum betrat, hob sie sofort den Kopf. Doch die Frau hatte lediglich eine Nachricht für einen anderen Gast überbracht und verschwand wieder. Zephyrine senkte den Blick. Sie kam sich töricht vor, weil sie sich derart sorgte, obwohl sie nicht einmal wusste, was geschehen war. Vielleicht war Caleb lediglich länger aufgehalten worden. Vielleicht hatte er beschlossen, die Nacht außerhalb des Schlosses zu verbringen. Es gab zahlreiche harmlose Erklärungen, und dennoch konnte sie keine davon wirklich beruhigen.
      Sie stand schließlich auf und kehrte in ihre Gemächer zurück. Dort versuchte sie, sich mit ihren gewohnten Beschäftigungen abzulenken. Sie ordnete einige Briefe, las ein paar Seiten und ging sogar ihre Notizen durch, die sie sich über die Gepflogenheiten des Hofes gemacht hatte. Doch nichts davon hielt ihre Aufmerksamkeit lange fest. Immer wieder trat sie ans Fenster und blickte hinunter in den Innenhof. Die Zeit schien sich endlos hinzuziehen.
      Erst gegen Vormittag drangen plötzlich aufgeregte Stimmen aus dem Korridor zu ihr. Schritte hallten über den steinernen Boden, und irgendwo rief jemand, dass der König zurückgekehrt sei. Zephyrine erstarrte für einen kurzen Moment. Dann stellte sie das Buch, das sie gerade in den Händen gehalten hatte, achtlos auf dem Tisch ab und eilte zur Tür. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie es bis in ihre Fingerspitzen spüren konnte. Sie öffnete die Tür und trat in den Korridor, wo sie eine Bedienstete gerade noch am Arm erwischte.
      „Der König ist zurück?“, fragte sie hastig, bemüht, ihre Stimme ruhig zu halten. Die Frau bestätigte es, und mehr brauchte Zephyrine nicht zu hören. Sie hob ihr Kleid ein wenig an, um sich beim Laufen nicht darin zu verfangen, und eilte die Treppe hinunter. Dabei achtete sie kaum auf die überraschten Blicke, die ihr einige Bedienstete zuwarfen. Normalerweise hätte sie sich für eine solche Unbeherrschtheit geschämt, doch in diesem Augenblick war ihr das gleichgültig. Sie musste Caleb sehen. Mit eigenen Augen feststellen, dass er unverletzt war. Der Einzige, der ihr gegenüber wohlgesinnt war.
      Als sie den Innenhof erreichte, verlangsamte sie ihre Schritte schließlich. Sie wollte nicht völlig außer Atem vor ihm erscheinen und zwang sich, tief durchzuatmen. Dennoch konnte sie ihre Nervosität kaum verbergen. Ihre Hände lagen ineinander verschränkt vor ihrem Körper, während ihr Blick unablässig zum geöffneten Tor wanderte. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, sobald sie ihm gegenüberstand. Sollte sie ihn fragen, wo er gewesen war? Sollte sie ihm gestehen, wie sehr sie sich gesorgt hatte? Oder wäre das angesichts seiner Verantwortung als König zu aufdringlich? Ihre Finger verkrampften sich leicht ineinander.
      Schließlich blieb sie am Rand des Innenhofs stehen und wartete auf Calebs Ankunft. Die Erleichterung darüber, dass er wieder im Schloss war, vermischte sich mit einer leisen Unsicherheit. Sie wollte ihn nicht mit ihren Sorgen bedrängen, doch gleichzeitig konnte sie nicht leugnen, wie erleichtert sie war, ihn bald wiederzusehen. Als sie schließlich die ersten Reiter am Tor erkannte, hielt sie unwillkürlich den Atem an. Ihr Blick suchte zwischen den Männern nach einer vertrauten Gestalt. Nach dem König, auf dessen Rückkehr sie die ganze Nacht gehofft hatte.
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    • Bereits vor dem vollständig geöffneten Tor drangen die Rufe der Wachen bis zu Caleb herüber.
      Die Nachricht wurde über den Wehrgang weitergetragen, von einem Posten zum nächsten, bis sie im geschäftigen Stimmengewirr des Innenhofes unterging. Stallburschen eilten aus den Nebengebäuden, Soldaten nahmen an beiden Seiten des Eingangs Aufstellung, und mehrere Bedienstete verschwanden mit hastigen Schritten im Inneren des Schlosses, um seine Rückkehr auch dort zu verkünden.
      Caleb hätte auf all das verzichten können.
      Nach dem langen Ritt, der unbequemen Nacht im Wirtshaus und den wenigen Stunden Schlaf verlangte es ihn weder nach einem förmlichen Empfang noch nach den Fragen seiner Berater. Der Staub der Straße lag auf seinem Mantel, seine Beine und sein Allerwertester schmerzten vom Reiten, und unter der Erleichterung über die gewonnenen Erkenntnisse arbeitete sein Verstand längst an den nächsten Schritten. Die Gefangenen mussten unbemerkt ins Lager gebracht, die sichergestellten Schriftstücke ausgewertet und die Männer ausfindig gemacht werden, die innerhalb seiner eigenen Mauern für Yanis und Videus arbeiteten.
      Dennoch war es nicht die Aussicht auf diese Aufgaben, die sein Herz schneller schlagen ließ, als er durch das Tor ritt.
      Sein Blick suchte automatisch den Innenhof nach blondem Haar ab.
      Zuerst sah er nur die Soldaten, die Bediensteten und einige neugierige Bewohner des Schlosses, die am Rand stehen geblieben waren. Dann entdeckte er sie.
      Maria stand ein wenig abseits der anderen. Ihr Irden ruhte auf den heimkehrenden Reitern und glitt suchend von einem Mann zum nächsten, bis schließlich Caleb ihren Blick fand.
      Für einen kurzen Moment vergaß er die Müdigkeit, welche einem sanften Lächeln wich.
      Die Anspannung, die ihn seit dem Fund in der Mine begleitet hatte, löste sich nicht vollständig, doch sie trat in den Hintergrund. Er saß unwillkürlich gerader im Sattel. Beinahe hätte er seinem Pferd die Fersen in die Flanken gedrückt, um die letzten Schritte schneller zurückzulegen.
      Der Wunsch, vor allen Augen zu ihr zu reiten, vom Pferd zu springen und sie so zu begrüßen, wie es der Erleichterung in ihrem Gesicht angemessen gewesen wäre, traf ihn mit überraschender Wucht.
      Doch Caleb hielt sich zurück.
      Er war nicht allein zurückgekehrt. Zu viele Augen folgten jeder seiner Bewegungen, und am Hof konnte bereits eine kleine Geste ausreichen, um Gerüchte hervorzubringen, die sich innerhalb weniger Stunden durch sämtliche Gemächer fraßen. Maria war eine Prinzessin und seine zukünftige Gemahlin und er der König, und dem entsprechend musste er die Etikette wahren. Zudem durfte er nicht zulassen, dass irgendjemand erkannte, wie leicht man seine Aufmerksamkeit inzwischen auf sie lenken konnte.
      Also verlangsamte er sein Pferd und ritt mit derselben kontrollierten Haltung in den Hof, die man von ihm erwartete.
      Nur sein Blick verriet mehr, als er beabsichtigt hatte.
      Er blieb auf Maria gerichtet.
      Erst als einer der Stallburschen herbeieilte, brachte Caleb sein Ross zum Stehen und schwang sich aus dem Sattel. Seine Stiefel trafen fest auf das Pflaster, und für einen Augenblick spürte er, wie sehr die lange Reise in seinen Gliedern steckte. Er ließ sich davon nichts anmerken, übergab dem Jungen die Zügel und klopfte sachte seinem Pferd noch einmal den warmen Hals.
      „Lasst es versorgen. Es hat die letzten Tage gute Dienste geleistet.“
      „Ja, Majestät“, nickte der Bursche und führte das Pferd zu den Stallungen.
      Talon stieg wenige Schritte entfernt ebenfalls ab. Caleb wandte sich ihm zu und senkte die Stimme so weit, dass nur sein Berater ihn verstehen konnte.
      „Gebt die nötigen Anweisungen. Der Wagen soll unverzüglich aufbrechen, aber ohne königliche Kennzeichnung. Wählt die Begleiter selbst aus.“
      Talon nickte. „Und die Männer im Schloss?“
      „Vorerst bleibt alles, wie es ist. Niemand darf erfahren, was wir gefunden haben.“
      „Ich werde mich darum kümmern.“
      Talon folgte Calebs Blick, der bereits wieder zu Maria gewandert war. Für einen kaum merklichen Moment hob sich eine seiner Brauen.
      „Natürlich erst, nachdem Ihr Euch von der beschwerlichen Reise erholt habt“, fügte er vollkommen ernst hinzu.
      Caleb sah ihn an.
      „Wir treffen uns dann später in meinem Arbeitszimmer.“
      „Selbstverständlich, Majestät.“
      Das verräterische Zucken um Talons Mundwinkel entging ihm dennoch nicht.
      Caleb schenkte ihm keine weitere Beachtung. Er richtete den Mantel über seine Schultern und ging auf Maria zu.
      Mit jedem Schritt nahm er mehr Einzelheiten wahr. Sie war offenbar nicht gemächlich in den Hof gekommen. Eine blonde Strähne hatte sich aus ihrer sorgfältig gebundenen Frisur gelöst. Ihr Atem ging ein wenig schneller, obwohl sie inzwischen stillstand. In ihren Zügen lag Erleichterung, doch auch etwas von der Unruhe, die noch nicht vollständig von ihr abgefallen war.
      War sie seinetwegen so hastig hergekommen?
      Der Gedanke wärmte ihn stärker, als er sollte.
      Caleb blieb in angemessenem Abstand vor ihr stehen. Am liebsten hätte er nach ihren Händen gegriffen oder ihr zumindest versichert, dass es ihm gut ging, bevor sie überhaupt danach fragen musste. Stattdessen neigte er lediglich den Kopf.
      „Prinzessin.“
      Seine Stimme war ruhiger als sein Herzschlag.
      „Verzeiht, dass meine Rückkehr länger auf sich warten ließ als erwartet.“
      Mehrere Bedienstete standen nahe genug, um jedes Wort zu hören. Einer der Soldaten führte sein Pferd an ihnen vorbei, während auf der anderen Seite des Hofes Gepäck entladen wurde. Es war nicht der richtige Ort für das, was Caleb ihr sagen wollte.
      Sein Blick glitt kurz über ihr Gesicht. Die dunklen Schatten der vergangenen Nacht lagen nicht nur unter seinen eigenen Augen. Maria wirkte ebenfalls müde.
      Der Anblick ließ sein schlechtes Gewissen wachsen.
      Er hatte nicht gewusst, dass sich seine Reise über Nacht hinziehen würde. Trotzdem hätte er einen Boten vorausschicken lassen können, sobald sie das Wirtshaus erreicht hatten. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits spät gewesen, und die Straßen waren in der Dunkelheit nicht sicher. Einen einzelnen Reiter loszuschicken, nur damit im Schloss niemand auf ihn wartete, war ihm unnötig erschienen.
      Jetzt war er sich dieser Einschätzung nicht mehr sicher.
      „Kommt“, sagte er leiser. „Lasst uns hineingehen.“
      Caleb bot ihr seinen Arm an. Es war eine höfische Geste, nichts, was in den Augen der Umstehenden ungewöhnlich wirken musste. Dennoch spürte er eine unerwartete Erwartung, während er darauf wartete, dass sie die Hand auf seinen Unterarm legte.
      Sobald sie an seiner Seite war, führte er sie durch den Innenhof zum Hauptgebäude. Er zwang sich zu einem angemessenen Schritt, obwohl ein unvernünftiger Teil von ihm das Bedürfnis verspürte, sie möglichst schnell aus der Reichweite aller neugierigen Blicke zu bringen.
      Hinter ihnen rief Talon bereits die ersten Befehle. Pferde wurden zu den Ställen geführt, Soldaten entlassen und die wenigen mitgebrachten Gepäckstücke ins Schloss getragen. Caleb hörte das alles nur am Rande.
      Seine Aufmerksamkeit galt Maria.
      „Ihr seht aus, als hättet Ihr schlecht geschlafen“, bemerkte er, als sie die Eingangshalle erreicht hatten.
      Kaum waren die Worte ausgesprochen, fragte er sich, ob sie zu direkt gewesen waren. Seine Sorge verbarg er normalerweise besser. Bei ihr gelang es ihm zunehmend weniger.
      Er führte sie nicht in den Thronsaal und auch nicht in sein Arbeitszimmer, wo bereits die nächsten Pflichten auf ihn warteten. Stattdessen wählte er einen kleineren Salon im östlichen Flügel. Der Raum wurde zu dieser Tageszeit selten genutzt und bot ausreichend Privatsphäre, ohne dass es unangemessen wirkte, sich dort mit ihr zurückzuziehen.
      Vor der Tür blieb Caleb stehen und wandte sich an die beiden Bediensteten, die ihnen gefolgt waren.
      „Wir wünschen für einen Augenblick nicht gestört zu werden.“
      Beide verneigten sich und zogen sich zurück.
      Erst als die Tür hinter ihnen geschlossen war, erlaubte sich Caleb, die Schultern ein wenig sinken zu lassen und ein leises Seufzen von sich zugeben. Die formelle Haltung fiel nicht vollständig von ihm ab, doch zumindest musste er nun nicht länger darauf achten, welche Bedeutung der Hof in jeden seiner Blicke hineinlesen könnte.
      Der Salon war vom hellen Vormittagslicht erfüllt. Durch die hohen Fenster fiel die Sonne auf einen runden Tisch, mehrere gepolsterte Sessel und einen niedrigen Schrank, auf dem eine silberne Karaffe stand. Caleb hätte sich gerne gesetzt, doch zuerst wandte er sich Maria zu.
      Nun, da sie einander ohne neugierige Zuhörer gegenüberstanden, schien die zurückhaltende Begrüßung im Hof unzureichend.
      „Ich bedaure, dass ich Euch keine Nachricht zukommen ließ“, sagte er. „Unsere Rückkehr hat sich durch mehrere unvorhergesehene Umstände verzögert. Als wir erkannten, dass wir das Schloss nicht mehr vor Einbruch der Nacht erreichen würden, waren wir bereits zu weit entfernt, um gefahrlos einen einzelnen Boten vorauszuschicken.“
      Er wollte ihr von der Mine erzählen. Von den Männern, den Waffen und dem Verdacht, der schwerer wog als zuvor. Doch solange er nicht wusste, wie weit der Einfluss seiner Gegner reichte, musste er vorsichtig sein. Jedes Wissen konnte Maria in Gefahr bringen, selbst wenn sie es niemals freiwillig weitergegeben hätte.
      „Wir haben die Nacht in einem Wirtshaus verbracht und sind noch vor Sonnenaufgang aufgebrochen“, erklärte er daher. „Es bestand zu keinem Zeitpunkt ein Grund zur Sorge.“
      Er hielt inne.
      Sein Blick glitt über ihre müden Züge und die gelöste Haarsträhne.
      „Zumindest glaubte ich das.“
      Caleb trat näher. Zwischen ihnen lag nur noch ein einziger Schritt. Die Freude darüber, sie wiederzusehen, war nicht länger vollständig hinter seiner königlichen Zurückhaltung verborgen.
      Er nahm vorsichtig ihre Hand.
      Die Bewegung war formell genug, um als höfische Begrüßung zu gelten. Doch die Art, wie sein Daumen für einen flüchtigen Augenblick über ihre Finger strich, gehörte keinem einstudierten Zeremoniell an.
      Caleb hob ihre Hand an seine Lippen.
      Der Kuss war sanft und währte einen Herzschlag länger, als es nötig gewesen wäre.
      „Ich bin froh, wieder bei Euch zu sein, Maria.“
      Als er sich aufrichtete, ließ er ihre Hand nicht sofort los. Seine blauen Augen suchten ihren Blick, als könnte er darin die Antwort auf eine Frage finden, die er nicht offen auszusprechen wagte.
      Hatte sie ihn vermisst?
      Hatte sie tatsächlich auf seine Rückkehr gewartet, oder bildete er es sich nur ein, weil er selbst sich auf ihr Wiedersehen gefreut hatte?
      Er wollte sie danach fragen. Doch die Worte erschienen ihm plötzlich zu anmaßend. Sie kannten einander noch nicht lange, und ihre Verbindung war durch einen Vertrag bestimmt worden, an dessen Entstehung keiner von ihnen einen Anteil gehabt hatte. Nur weil ihre Gesellschaft ihm inzwischen mehr bedeutete, durfte er nicht voraussetzen, dass sie ebenso empfand.
      Caleb löste seine Finger langsam von ihren.
      Dabei erinnerte er sich an die kleine Schachtel in seinem Mantel.
      „Es gab noch einen weiteren Grund für unsere Verzögerung“, begann er, und ein Anflug jener seltenen Wärme trat in seine Züge, die am Hof nur wenige Menschen von ihm kannten. „Auf dem Rückweg begegneten wir einem Händler, dessen Wagen in einen Graben geraten war. Wir konnten ihn nicht dort zurücklassen.“
      Er verschwieg, dass er selbst mit den Händen im Schlamm gestanden und gemeinsam mit seinen Männern am Seil gezogen hatte. Talon würde diese Einzelheit vermutlich noch häufig genug zu seinem eigenen Vergnügen erwähnen.
      „Aus Dankbarkeit bestand der Mann darauf, dass ich mir etwas von seinen Waren aussuche.“
      Caleb griff in die Innentasche seines Mantels und holte die kleine Schatulle hervor. Er hatte sie während des gesamten Rittes so sorgfältig verwahrt, dass das Holz keine Schramme davongetragen hatte.
      Mit einem Mal fühlte er sich unsicherer als während des Kampfes bei der Mine.
      Es war nur ein kleines Geschenk. Nichts Kostbares. Eine schlichte Haarspange aus Holz, deren materieller Wert kaum mit dem Schmuck vergleichbar war, den eine Prinzessin gewohnt sein musste. Im Wirtshaus war sie ihm passend erschienen. Nun fragte er sich, ob Maria die Geste als unangemessen, das Geschenk als zu gewöhnlich empfinden könnte oder sie es gar als Beleidigung auffassen konnte.
      Trotzdem reichte er ihr die Schachtel.
      „Sie ist für Euch.“
      Caleb wartete, bis sie sie angenommen hatte, bevor er den Deckel öffnete.
      Auf dem hellen Stoff lag die Spange aus dunklem, poliertem Holz. Feine Blumen und geschwungene Blätter waren in die Oberfläche geschnitzt worden. Der schmale Befestigungsstab besaß an seinen Enden kleine bronzene Verstärkungen, die im Sonnenlicht matt schimmerten. Die Arbeit war sorgfältig, aber nicht übermäßig prunkvoll. Gerade das hatte Caleb gefallen.
      Sein Blick fiel auf ihr zurückgebundenes blondes Haar.
      „Ich weiß, dass sie nicht mit dem Schmuck zu vergleichen ist, den Ihr aus Maglia kennen müsst“, sagte er. „Aber die Schnitzerei erinnerte mich an Euch.“
      Er stockte kaum merklich.
      An Maria?
      Eigentlich hatte er beim Anblick der Spange nicht an die maglianische Prinzessin gedacht, über die ihm Gesandte und Schriftstücke berichtet hatten. Nicht an die Tochter eines Königspaares, nicht an seine zukünftige Gemahlin und nicht an den lebenden Teil eines Friedensvertrages.
      Er hatte an die junge Frau gedacht, die lieber las, als sich über Stoffe und Edelsteine zu unterhalten. Die sich für das Leben der einfachen Menschen interessierte. Die in seiner Gegenwart zunehmend weniger wie eine einstudierte Prinzessin und mehr wie sie selbst wirkte.
      „Sie ist schön, ohne sich in den Vordergrund zu drängen“, fügte Caleb ruhiger hinzu. „Und sie besitzt etwas Natürliches. Etwas Aufrichtiges.“
      Erst nachdem er die Worte ausgesprochen hatte, wurde ihm bewusst, wie persönlich sie klangen.
      Sein Blick blieb dennoch auf ihr ruhen.
      „Ich dachte, sie könnte Euch gefallen.“
      Für einige Augenblicke vergaß Caleb die Gefangenen, die Mine und die Männer, die womöglich selbst innerhalb des Schlosses auf seinen Tod warteten. Er vergaß sogar Talon, der ihn vermutlich schon bald in seinem Arbeitszimmer erwarten würde.
      In diesem kleinen Salon gab es nur Maria, die hölzerne Haarspange zwischen ihnen und die leise Hoffnung, dass er mit seiner Wahl richtiggelegen hatte.

      Was Caleb nicht wusste, war, dass sie nicht so unbeobachtet waren, wie er glaubte.
      Hinter der holzvertäfelten Wand verlief einer der schmalen Geheimgänge, die nur einem Menschen bekannt waren. Kein Licht fiel in den engen Korridor. Zwischen den Brettern befand sich jedoch ein kaum sichtbarer Spalt, durch den sich ein Teil des Salons überblicken ließ.
      Viego stand reglos dahinter.
      Er war schon in der Nähe des Innenhofes gewesen, als die Rufe von Calebs Rückkehr durch das Schloss gedrungen waren. Erst als er seinen Bruder mit eigenen Augen gesehen hatte, war die Anspannung aus seinem Körper gewichen. Caleb lebte. Er war unverletzt zurückgekommen. Die Schrecken, die Viegos Gedanken während der vergangenen Nacht ausgemalt hatten, waren nicht eingetreten.
      Für einen Moment hatte nichts anderes gezählt.
      Nun beobachtete er, wie Caleb vor der Prinzessin stand.
      Er sah den Handkuss. Sah die Wärme im Blick seines Bruders und die Behutsamkeit, mit der er ihr das Geschenk überreichte. Caleb wirkte müde, aber zugleich leichter, als hätte allein ihre Gegenwart einen Teil der Last von ihm genommen.
      Viego wollte sich für ihn freuen.
      Ein Teil von ihm tat es sogar.
      Wenn diese Frau Caleb zum Lächeln brachte, wenn sie ihm etwas von jener Wärme zurückgab, die ihm das Leben so oft genommen hatte, dann durfte sie keine Feindin sein. Caleb verdiente es, nicht immer nur von Pflichten, Verrat und drohendem Krieg umgeben zu sein.
      Doch unter dieser Erleichterung regte sich etwas Dunkleres.
      Ein feiner Stachel bohrte sich in Viegos Herz.
      Caleb hatte früher nur ihn auf diese Weise angesehen. Zumindest hatte Viego das geglaubt. Sein Bruder war sein einziger Halt gewesen, als seine ganze Welt aus feuchtem Stein, Dunkelheit und eisernen Fesseln bestanden hatte. Caleb hatte ihm Essen gebracht, mit ihm gesprochen und ihm versprochen, ihn nicht zu vergessen. Jede heimliche Stunde war für Viego zum Beweis geworden, dass er trotz allem noch einen Platz im Leben seines Bruders besaß.
      Nun stand dort eine Frau, die nichts von diesen Jahren wusste, und Caleb sah sie an, als könnte sie eines Tages einen Platz einnehmen, der bisher nur Viego gehört hatte.
      Seine Finger legten sich fester um die Kante der schmalen Sichtöffnung.
      Die Eifersucht kam leise. Nicht als klarer Hass und noch nicht als Wunsch, Maria zu schaden. Sie war nur ein bitterer Tropfen, der in seine Erleichterung fiel und sie langsam vergiftete.
      Viego schämte sich dafür.
      Und dennoch konnte er den Blick nicht abwenden.
      „Du bist zurück“, flüsterte er so leise, dass Caleb ihn nicht hören konnte.
      Seine Augen ruhten auf seinem Bruder.
      Dann glitten sie zu Maria und zu dem Geschenk in ihren Händen.
      „Aber nicht zu mir.“
      "Vergessen ist wie eine Wunde. Es mag zwar verheilen, aber dabei wird es eine Narbe hinterlassen."
      Monkey D. Ruffy


      Quelle
    • Als die ersten Rufe von den Wachen erklangen, hatte Zephyrine kaum gewagt, ihnen Glauben zu schenken. Sie war bereits seit einer Weile im Innenhof und hatte jeden Reiter, der sich dem Tor näherte, mit einer Unruhe betrachtet, die sie sich selbst kaum eingestehen wollte. Die vergangene Nacht hatte ihr deutlich gemacht, wie wenig sie darüber wusste, was außerhalb der Schlossmauern geschah, sobald der König auf Reisen war. Sie wusste nicht, welchen Gefahren er begegnete, mit welchen Menschen er verhandelte oder wie viele Feinde er sich im Laufe seiner Herrschaft gemacht hatte. Und gerade weil sie so wenig wusste, hatte ihre Fantasie genügend Raum gehabt, um die schlimmsten Möglichkeiten auszumalen.
      Als sie ihn endlich zwischen den heimkehrenden Reitern entdeckte, schien für einen Moment die gesamte Anspannung aus ihrem Körper zu weichen. Caleb saß auf seinem Pferd, aufrecht und lebendig, und obwohl die Spuren der Reise an ihm zu erkennen waren, schien er unverletzt. Zephyrine merkte erst da, dass sie unbewusst den Atem angehalten hatte. Langsam atmete sie aus, doch das Gefühl der Erleichterung war so überwältigend, dass sie am liebsten sofort auf ihn zugelaufen wäre. Sie wollte sich selbst davon überzeugen, dass es ihm wirklich gut ging, dass er nicht nur eine Gestalt in der Ferne war, die gleich wieder hinter den Schlossmauern verschwinden würde.
      Doch sie blieb stehen.
      Sie war eine Prinzessin, und er war der König. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob ihre Freude über seine Rückkehr in einem solchen Maß überhaupt angemessen war. Es war nicht so, dass sie ihn schon seit Jahren kannte oder dass sie eine tiefe, vertraute Beziehung verband. Ihre Verbindung war ursprünglich aus politischen Gründen entstanden, und sie hatte sich lange dagegen gewehrt, dass andere Menschen über ihre Zukunft bestimmten. Dennoch hatte Caleb in den vergangenen Tagen etwas getan, womit sie nicht gerechnet hatte. Er hatte ihr zugehört, ihre Gedanken ernst genommen und ihr das Gefühl gegeben, dass ihre Meinung nicht bedeutungslos war. In einer Umgebung, in der sie sich häufig fremd und fehl am Platz fühlte, war das mehr gewesen, als sie erwartet hatte.
      Vielleicht war es gerade deshalb so beunruhigend, wie sehr sie sich um ihn gesorgt hatte.
      Als sein Blick schließlich ihren fand, blieb ihr Herz für einen kurzen Moment beinahe stehen. Dann lächelte er. Es war nur eine kleine Veränderung in seinem Gesicht, doch sie nahm sie wahr, als hätte er ihr damit eine ganz persönliche Botschaft geschickt. Ihre eigenen Lippen formten ein erleichtertes Lächeln, das sie diesmal nicht unterdrückte. Sie wollte nicht, dass er glaubte, seine Rückkehr wäre ihr gleichgültig gewesen.
      Sie beobachtete, wie er sich um sein Pferd kümmerte und noch einige Worte mit seinem Berater wechselte. Zephyrine wartete geduldig, obwohl sie sich innerlich wünschte, er würde sich beeilen. Als er sich schließlich zu ihr wandte und auf sie zukam, richtete sie sich unwillkürlich ein wenig auf. Erst jetzt fiel ihr auf, wie ungeordnet sie aussehen musste. Sie war so hastig in den Hof geeilt, dass sich eine Haarsträhne gelöst hatte, und ihr Atem war noch immer nicht ganz ruhig. Ihre Finger verschränkten sich vor ihrem Körper, während sie versuchte, ihre Nervosität zu verbergen.
      „Majestät“, erwiderte sie leise auf seine Begrüßung und neigte den Kopf. „Ihr müsst Euch nicht entschuldigen. Ich bin froh, dass Ihr wohlbehalten zurückgekehrt seid.“
      Sie meinte jedes Wort davon. Dennoch spürte sie, wie unzureichend die höfliche Antwort für das war, was ihr tatsächlich auf der Seele lag. Sie hätte ihm sagen wollen, dass sie kaum geschlafen hatte, dass sie beim Abendessen ständig zur Tür gesehen hatte und dass sie sich am Morgen bei jedem Geräusch auf dem Flur gefragt hatte, ob jemand endlich Nachrichten von ihm bringen würde. Aber all das kam ihr plötzlich viel zu persönlich vor. Sie wollte nicht, dass er sich verpflichtet fühlte, sich für ihre Sorge zu rechtfertigen, und noch weniger wollte sie den Eindruck erwecken, sie würde von ihm erwarten, dass er seine Pflichten ihretwegen vernachlässigte.
      Als Caleb ihr seinen Arm anbot, sah sie für einen kurzen Moment darauf hinab. Die Geste war vollkommen angemessen, nichts Ungewöhnliches für einen König und seine zukünftige Gemahlin. Trotzdem löste sie etwas in ihr aus, das sie nicht recht einordnen konnte. Vielleicht lag es daran, dass er sie nicht einfach aufforderte, ihm zu folgen, sondern ihr die Möglichkeit gab, sich freiwillig an seiner Seite einzufinden. Es war eine Kleinigkeit, doch Zephyrine begann allmählich zu verstehen, dass es häufig gerade diese Kleinigkeiten waren, die einen Unterschied machten.
      Behutsam legte sie ihre Hand auf seinen Unterarm.
      Durch den Stoff seines Mantels spürte sie die feste Wärme seines Arms. Sie war sich plötzlich sehr bewusst, wie nah sie ihm stand, und zwang sich, den Blick nicht verlegen zu senken. Gemeinsam gingen sie auf das Schloss zu. Um sie herum herrschte geschäftiges Treiben. Diener eilten mit Gepäck über den Hof, Pferde wurden zu den Stallungen geführt, und die Soldaten begannen, sich wieder ihren Aufgaben zu widmen. Zephyrine nahm all das wahr, doch ihre Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zu dem Mann an ihrer Seite zurück.
      Er sah müde aus. Das bemerkte sie nun deutlicher als zuvor. Seine Kleidung war vom Staub der Reise gezeichnet, und trotz seiner aufrechten Haltung schien eine gewisse Erschöpfung in seinen Bewegungen zu liegen. Sie fragte sich, wie lange er geritten war und ob er überhaupt ausreichend Gelegenheit gehabt hatte, sich auszuruhen. Der Gedanke ließ ihre Erleichterung von neuer Sorge überlagert werden. Sie hätte ihn am liebsten gefragt, ob er etwas gegessen hatte, ob er Schmerzen hatte oder ob auf der Reise etwas geschehen war. Doch sie hielt sich zurück. Es war nicht ihre Aufgabe, ihn mit Fragen zu überhäufen, kaum dass er zurückgekehrt war.
      Als er bemerkte, dass sie schlecht geschlafen hatte, hob sie überrascht den Blick. Für einen kurzen Augenblick fragte sie sich, ob ihre Unruhe tatsächlich so offensichtlich war. Sie hatte gehofft, dass sie sich zumindest äußerlich besser im Griff hatte.
      „Ein wenig“, gab sie schließlich zu und versuchte, ein kleines Lächeln zustande zu bringen. „Aber das ist nicht weiter wichtig. Ich habe wohl zu viel gelesen.“
      Es war keine ganz offene Lüge, aber auch nicht die Wahrheit. Sie hatte tatsächlich gelesen, doch ihre Gedanken waren ständig abgeschweift. Die Buchstaben hatten sich vor ihren Augen zu Worten geformt, ohne dass sie den Inhalt wirklich aufgenommen hatte. Immer wieder war sie bei denselben Fragen gelandet, bis sie das Buch schließlich beiseitegelegt hatte. Sie wollte nicht, dass Caleb sich wegen ihr schlecht fühlte. Er hatte schließlich nicht wissen können, wie sehr seine Abwesenheit sie beschäftigen würde.
      Als sie den kleineren Salon betraten, war sie zunächst überrascht. Sie hatte erwartet, dass er sie vielleicht in einen der großen Empfangsräume führen würde, wo sie sich wieder in die vertrauten höfischen Formen einfügen mussten. Stattdessen war der Raum still und hell, beinahe gemütlich. Die Sonne fiel durch die hohen Fenster und ließ die Möbel weniger streng wirken, als sie es aus den übrigen Räumen des Schlosses kannte. Es war ein Ort, an dem man sich unterhalten konnte, ohne ständig daran erinnert zu werden, welche Stellung man innehatte.
      Als Caleb die Bediensteten bat, sie einen Augenblick nicht zu stören, spürte sie, wie sich ihre Schultern unwillkürlich entspannten. Sie hatte nicht bemerkt, wie sehr sie sich im Innenhof zusammengenommen hatte, bis sie nun nicht mehr darauf achten musste, wer ihre Worte hören könnte. Trotzdem blieb eine gewisse Unsicherheit bestehen. Sie wusste nicht genau, was Caleb ihr sagen wollte, und konnte nicht verhindern, dass sie sich fragte, ob seine Reise vielleicht Schwierigkeiten mit sich gebracht hatte, von denen er im Hof nicht hatte sprechen können.
      Seine Entschuldigung ließ sie den Kopf schütteln.
      „Bitte, Ihr müsst Euch nicht rechtfertigen“, sagte sie aufrichtig. „Ich verstehe, dass es auf einer Reise zu unvorhergesehenen Verzögerungen kommen kann. Und wenn es zu gefährlich gewesen wäre, einen Boten vorauszuschicken, dann war es sicherlich vernünftiger, auf Eure sichere Rückkehr zu warten.“
      Sie hielt kurz inne und strich mit dem Daumen über ihre eigenen Finger, die noch immer ein wenig kühl waren. Sie wollte nicht, dass ihre Worte so klangen, als wäre ihr seine Abwesenheit gleichgültig. Gleichzeitig wollte sie ihm keine zusätzliche Last aufbürden.
      „Ich war nur nicht sicher, ob alles in Ordnung war“, fügte sie leiser hinzu. „Da ich nichts gehört hatte, wusste ich nicht, ob Ihr Euch verspätet habt oder ob etwas geschehen ist. Ich glaube, ich bin einfach nicht daran gewöhnt, so wenig zu wissen.“
      Das letzte Geständnis überraschte sie selbst. Sie hatte nicht vorgehabt, so offen zu sprechen, doch in der ruhigen Atmosphäre des Salons schienen die Worte leichter über ihre Lippen zu kommen. Sie war es gewohnt, dass andere über ihre Zukunft entschieden, ohne ihr alle Einzelheiten mitzuteilen. Sie hatte gelernt, sich mit Ungewissheit abzufinden, doch das bedeutete nicht, dass es ihr leichtfiel. Und bei Caleb war es inzwischen anders. Sie wollte wissen, ob er sicher war. Sie wollte verstehen, was in seinem Leben geschah, und nicht bloß darauf warten, dass er eines Tages zurückkehrte oder ihr eine Entscheidung mitteilte, die sie hinnehmen musste.
      Dann trat er näher.
      Zephyrine hob den Blick zu ihm, und für einen Moment schien die Luft zwischen ihnen stillzustehen. Sie hatte ihn bereits häufig aus der Nähe gesehen, doch diesmal war es anders. Vielleicht lag es daran, dass sie seine Müdigkeit nun deutlicher wahrnahm, oder daran, dass sie erst vor wenigen Minuten geglaubt hatte, ihn möglicherweise nicht rechtzeitig wiederzusehen. Die Erleichterung, die sie im Hof empfunden hatte, war noch immer in ihr, vermischte sich nun aber mit einer ungewohnten Verlegenheit.
      Als er ihre Hand nahm, hielt sie unwillkürlich den Atem an.
      Seine Berührung war vorsichtig, beinahe fragend. Sie hätte ihre Hand zurückziehen können, doch der Gedanke kam ihr gar nicht wirklich in den Sinn. Stattdessen ließ sie zu, dass er ihre Finger umschloss. Als er ihre Hand an seine Lippen hob, breitete sich eine Wärme in ihrem Gesicht aus, die sie nicht rechtzeitig verbergen konnte. Sie spürte den sanften Kuss deutlicher, als sie erwartet hätte, und ihre Finger bewegten sich unmerklich in seiner Hand.
      Es war keine große Geste. Zumindest hätte sie das früher gedacht. Bei Hofe waren Handküsse nichts Ungewöhnliches, und sie hatte bereits oft genug gesehen, wie Männer Frauen mit solchen Gesten begrüßten. Doch bei Caleb fühlte es sich nicht wie eine bloße Formalität an. Vielleicht war es der Blick, mit dem er sie ansah, oder die Tatsache, dass er ihre Hand nicht sofort losließ. Vielleicht war es auch einfach ihre eigene Unsicherheit, weil sie nicht wusste, was sie in diesem Moment empfinden durfte.
      „Ich bin froh, wieder bei Euch zu sein, Maria.“
      Seine Worte waren ruhig, aber sie erreichten sie auf eine Weise, die sie nicht erwartet hatte.
      Zephyrine sah zu ihm auf. Für einen kurzen Augenblick verlor sie sich in seinen blauen Augen und vergaß, dass sie sich eigentlich eine passende Antwort zurechtlegen sollte. Sie wollte etwas sagen, etwas, das ihm zeigte, wie sehr sie sich über seine Rückkehr freute. Doch je länger sie ihn ansah, desto bewusster wurde ihr, dass ihre Gefühle vielleicht nicht mehr ganz so einfach waren, wie sie es sich eingeredet hatte.
      Sie hatte sich geschworen, sich nicht vorschnell an diese Verbindung zu gewöhnen. Sie wollte nicht vergessen, dass ihre gemeinsame Zukunft ursprünglich von anderen geplant worden war. Sie wollte selbst entscheiden, wem sie vertraute und wie viel von sich sie preisgab. Doch Caleb machte es ihr nicht leicht, auf Abstand zu bleiben. Er hatte ihr nie das Gefühl gegeben, dass sie ihm etwas schuldete, nur weil sie eines Tages seine Gemahlin werden sollte. Er hatte ihr Raum gelassen, ihre Meinung gehört und sie nicht dazu gedrängt, etwas zu empfinden, das sie noch nicht verstand.
      Und nun stand er vor ihr, müde von einer langen Reise, und sagte ihr, dass er froh war, wieder bei ihr zu sein.
      „Ich bin ebenfalls froh, dass Ihr wieder hier seid“, erwiderte sie schließlich. Ihre Stimme war leiser als beabsichtigt, aber sie wich seinem Blick nicht aus. „Das Schloss war ohne Euch ungewöhnlich still.“
      Sie wusste selbst nicht, warum sie gerade diese Worte gewählt hatte. Vielleicht war es einfacher, über das Schloss zu sprechen als über sich selbst. Doch es entsprach der Wahrheit. Ohne Caleb hatte sie sich in den langen Stunden noch fremder gefühlt. Die Gespräche mit den Bediensteten waren freundlich gewesen, die Bücher hatten ihr Gesellschaft geleistet, und dennoch hatte sie immer wieder das Gefühl gehabt, auf etwas zu warten, ohne genau zu wissen, worauf.
      Als er ihre Hand schließlich losließ, vermisste sie die Wärme seiner Finger beinahe augenblicklich. Der Gedanke erschreckte sie so sehr, dass sie sich hastig auf etwas anderes konzentrierte. Sie wollte nicht, dass ein einziger Augenblick ihr ganzes Denken durcheinanderbrachte. Doch dann holte Caleb eine kleine Schatulle aus seinem Mantel, und ihre Aufmerksamkeit richtete sich neugierig auf das unerwartete Geschenk.
      „Für mich?“, fragte sie leise, ehe sie die Schachtel entgegennahm.
      Sie öffnete sie vorsichtig. Auf dem hellen Stoff lag eine Haarspange aus dunklem Holz, deren Oberfläche mit feinen Blumen und geschwungenen Blättern verziert war. Zephyrine beugte sich ein wenig darüber, um die sorgfältige Schnitzerei genauer betrachten zu können. Das Sonnenlicht ließ die kleinen bronzenen Verstärkungen an den Enden matt schimmern. Es war kein Schmuckstück, das durch Größe oder kostbare Edelsteine Aufmerksamkeit erzwang. Es war schlicht, aber gerade darin lag etwas Schönes.
      Ihre Lippen öffneten sich leicht, während sie die Spange betrachtete.
      Sie war nicht an Schmuck gewöhnt. Dieses kleine Geschenk war anders. Caleb hatte es auf einer Reise entdeckt, fern von den höfischen Räumen und den Erwartungen, die sie beide umgaben. Er hatte an sie gedacht, obwohl er mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war.
      Und plötzlich erschien ihr die Haarspange viel kostbarer, als es ihr materieller Wert vermuten ließ.
      Als Caleb erklärte, dass die Schnitzerei ihn an sie erinnert hatte, hob sie den Kopf. Sie lauschte seinen Worten aufmerksam, und als er sie als natürlich und aufrichtig beschrieb, regte sich etwas in ihrer Brust. Es war ein ungewohntes Gefühl, so gesehen zu werden. Nicht als Prinzessin aus Maglia, nicht als zukünftige Königin und auch nicht als Teil eines politischen Bündnisses, sondern als die junge Frau, die sie selbst zu sein versuchte.
      Sie strich mit der Fingerspitze behutsam über eine der geschnitzten Blumen. Für einen Moment musste sie daran denken, wie oft sie sich gefragt hatte, ob Caleb überhaupt wusste, wer sie wirklich war. Sie hatten erst begonnen, einander kennenzulernen, und es gab noch vieles, das sie ihm nicht erzählt hatte. Trotzdem hatte er offenbar etwas an ihr wahrgenommen, das sie selbst manchmal nur schwer in Worte fassen konnte.
      „Sie ist wunderschön“, sagte sie schließlich und sah wieder zu ihm auf. „Nicht nur die Schnitzerei. Ich meine, dass Ihr an mich gedacht habt, obwohl Ihr auf Reisen wart.“
      Sie senkte kurz den Blick auf die Schatulle, weil ihr bewusst wurde, wie offen ihre Worte klangen. Ein zartes Lächeln trat auf ihre Lippen, und diesmal versuchte sie nicht, es zu verbergen.
      „Ich glaube, ich habe noch nie ein Geschenk bekommen, bei dem ich mich so sehr gefragt habe, was derjenige dabei gedacht hat.“ Sie hob die Spange vorsichtig aus der Schatulle. „Darf ich sie ausprobieren?“
      Sie wartete einen Moment, dann trat sie an einen kleinen Spiegel, der über einer schmalen Kommode hing. Dort legte sie die Schatulle ab und betrachtete ihr Spiegelbild. Ihr Haar war noch immer nicht ganz so ordentlich, wie es sein sollte. Die lose Strähne fiel ihr über die Wange, und sie strich sie hinter das Ohr, ehe sie die Spange in den Händen drehte. Sie war sich nicht sicher, wie sie am besten befestigt werden sollte, ohne dass sie ihr Haar zu fest zusammenzog. Nach einem kurzen Versuch hielt sie inne und betrachtete die Spange nachdenklich.
      Ein leises, beinahe verlegenes Lachen entwich ihr.
      „Ich fürchte, ich bin nicht besonders geschickt darin, mir die Haare selbst zu richten.“ Sie drehte sich halb zu Caleb um und hielt ihm die Spange entgegen. „Würdet Ihr mir helfen? Natürlich nur, wenn Ihr Euch nach der Reise dazu noch in der Lage fühlt.“
      Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, wurde ihr bewusst, wie ungewöhnlich sie war. Sie bat den König, ihr eine Haarspange ins Haar zu setzen. Nicht einen Diener, nicht eine Hofdame, sondern ihn. Ein Teil von ihr wollte die Bitte sofort zurücknehmen, doch ein anderer hoffte, dass er sie nicht als anmaßend empfand. Vielleicht war es gerade die Schlichtheit des Geschenks, die sie dazu brachte, eine ebenso schlichte Geste zurückzugeben. Für einen Augenblick wollte sie nicht Prinzessin und König sein. Sie wollte einfach Zephyrine sein, die sich über ein kleines Geschenk freute und dem Menschen, der es ihr gemacht hatte, erlaubte, ihr nahe zu sein.
      Während sie auf seine Reaktion wartete, legte sie die Hände locker vor sich zusammen. Ihre Nervosität war noch da, aber sie fühlte sich nicht mehr ganz so unangenehm an. Sie war nicht sicher, was zwischen ihnen entstand, und wollte sich nicht einreden, bereits eine Antwort darauf zu kennen. Doch zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Schloss hatte sie das Gefühl, dass ihre Zukunft vielleicht nicht ausschließlich aus Pflichten und Entscheidungen bestehen musste, die andere für sie trafen.
      Vielleicht konnte sie mit Caleb etwas Eigenes aufbauen. Etwas, das nicht allein durch Verträge und Erwartungen bestimmt wurde, sondern durch die vielen kleinen Entscheidungen, die sie von nun an miteinander treffen würden.
      Für einen Moment herrschte Stille im Salon. Draußen ging das Schloss seinem gewohnten Alltag nach, und irgendwo in den Fluren warteten sicher bereits Menschen auf den König. Zephyrine wusste, dass diese Ruhe nicht lange anhalten würde. Dennoch hoffte sie, dass ihnen noch ein paar Minuten blieben, in denen sie nicht an Pflichten, Politik oder die Zukunft denken mussten.
      Sie wollte einfach nur erfahren, wie es sich anfühlte, Caleb wieder bei sich zu haben, ohne dass gleich die nächste Verpflichtung zwischen ihnen stand.
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