Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

    • "Der älteste Händler? Du schmeichelst ihm nicht gerade. In zehn Jahren werden mir auch die ersten grauen Haare wachsen, ich hoffe, das ist dir bewusst."
      Schmunzelnd sah Zoras auf Kassandra hinab, deren Stute sich stoisch neben Kassadra aufstellte. Kassadra streckte den Kopf zu dem anderen Pferd, stupste es mit den Nüstern an und schüttelte sich dann.
      "Bei unserem Reichtum kommen nur alte oder junge in Betracht. Ein mittelalter Händler hätte sich wohl kaum dazu herabgelassen, für drei einzige Silberstücke auch nur die Hand zu heben, ohne nicht wenigstens darum gefeilscht zu haben. Das ist kein Glücksspiel, das ist ein Verzweiflungsakt, den wir hier betreiben."
      Trotzdem war er von Kassandras Leichtfertigkeit angesteckt. Das schlimmste, was passieren konnte, war schließlich, dass sie ein paar Tage lang hier herumtrödeln müssten und dann erst weiterziehen würden.
      Für den restlichen Tag schien es auch so, als würde genau das in Erfüllung gehen. Der Händler kam nicht wieder und auch sonst niemand, der Ausschau nach den beiden gehalten hätte. Sie lungerten herum, unterhielten sich mit genauso gelangweilten Reisenden, feilschten auch mit Händlern, ohne letztlich etwas zu kaufen. Zoras verfiel in ein Gespräch mit einem Mann, der diesen Blick hatte, diese Art von Resignation, mit der man sein Leben akzeptierte, dass man es gerade so über die Runden schaffte, dass es niemals Ruhm und Ehre für einen geben würde. Der Mann schien denselben Blick auch in Zoras zu sehen, wenn auch auf eine andere Weise, und gravitierte wie selbstverständlich zu ihm hinüber. Sie tauschten Nichtigkeiten aus, wie geizig die Leute heutzutage geworden waren, dass es nicht einmal für Leute wie sie noch anständige Arbeit gäbe, dass jeder erwarte, sie würden aus purer Lebensfreude Arbeiten verrichten wollen. Zoras erzählte ihm gerade von einer Frau, die ihm nur die Hälfte des versprochenen Gehalts zahlen wollte, weil er mit seinem Pferd wohl Hufspuren im Feld hinterlassen hatte, was der andere mit mitfühlend grunzenden Tönen kommentierte, als Kassandra ihn mit einem Mal darauf aufmerksam machte, dass etwas am Tor geschehen war. Da entschuldigte er sich knapp, richtete sich auf und wandte sich dem Tor zu.
      Es glich einer kleinen, merkwürdigen Prozession, so wie die Frau dort hervormarschiert kam, der Gang fest und stramm, fast der eines Soldaten würdig, wären da nicht die aufgefächerten Haare, die das Bild ein wenig störten. Hinter ihr drängten drei der Wachen nach vorne, so als wollten sie einen entlaufenen Hund einfangen. Ihr Blick war aber unnachgiebig genug, um zu erkennen, dass sie die einzige war, die eine Leine in der Hand halten könnte.
      Allein die Tatsache, dass sich ihr überhaupt Wachen anschlossen, ließ keine Frage übrig, dass sie aus Santras Gibras engerem Kreis stammen musste. In einer größeren Stadt hätte sie genauso gut auch nur eine Adelige sein können, aber Paspatera war nicht groß genug, um unwichtigen Personen den Luxus von Wachen zu gönnen. Nein, diese Frau musste sich irgendwo bei Santras Gibra bewegen. Vielleicht seine Frau, vielleicht seine Schwester. Seine Mutter?
      Zoras stieg in jedem Fall von Kassadra ab. Kuluarern mochte der Höhenunterschied vielleicht egal sein, Therissern nicht. Kaum hatte er die Zügel losgelassen, warf Kassadra den Kopf herum, beäugte die nahende Frau mit kritischem Blick und marschierte dann mit einem selbstgefälligen Schnauben in die andere Richtung davon.
      Die Frau blieb in einiger Entfernung stehen und sprach mit dem allerersten Satz bereits ihre Meinung zu dieser Zusammenkunft aus. Kassandra quittierte das mit einem spitzen Kommentar, der ihr einen Seitenblick von Zoras einfing. Vorsicht. Sie mochte recht haben, dass sie nicht hier waren, um mit ihrer Anwesenheit ein paar Leute zu bespaßen, aber sie hatten sich auch längst noch keinen Namen in Kuluar gemacht, um mit einer solchen Überzeugung auftreten zu können. Genauso wenig konnte man den Kuluarern, die nichts von Göttern und Champions hielten, ein bisschen mehr Respekt einflößen, indem man sie nur darauf aufmerksam machte, dass genau so jemand anwesend war.
      Sie mussten etwas unterwürfiger an die Sache herangehen. Zoras befürchtete schon, dass Kassandra davon nichts hören wollen würde.
      "Ich bin Anwärter auf den Titel des Eviads. Man nennt mich Zoras, ähnlich wie den Göttervater."
      Er lächelte ihr mechanisch zu, alles einstudiert, und verbeugte sich dann förmlich. Eine Meisterin der Münze war definitiv ein höherer Titel als "bald Eviad, vielleicht aber auch nie", deswegen ging er lieber kein Risiko ein.
      Kassandra verbeugte sich nicht und war auch nicht höflich. Als Göttin musste sie das auch nicht, Eviad hin oder her.
      "Wir erhoffen uns die Ehre, bei Eurem", Bruder? Mann? Schwager? Sohn? Vater? "Herrn vorstellig zu werden. Wir beabsichtigen, in naher Zukunft ein Land zu regieren. Dafür müssen wir die Leute kennen, die es schon in Teilen regieren."
      Er hielt Ghislaine für keine sehr religiöse Frau, auch keine sehr abergläubische oder träumerische. Ghislaine wirkte wie jemand, der einmal zu fest auf dem Boden aufgeschlagen war und verlernt hatte, die Welt durch den Schleier seiner Fantasie zu betrachten. Sie würde sich nicht viel daraus machen, dass es möglicherweise einen richtigen König auf einem richtigen Thron geben konnte, weil ihr das im Hier und Jetzt nicht half. Ziemlich sicher hatte sie auch genug von anderen Träumern, die sich einbildeten, diesen Posten selbst einzunehmen.
      "Wir erbitten um ein Wort mit ihm. Wir können etwas über Paspatera lernen, er kann sich davon überzeugen, dass der Rat vom richtigen König abgelöst wird. Meine göttliche Begleitung wird sich sicher bereiterklären, sämtliche Zweifel über ihre friedvolle Anwesenheit aus dem Weg zu räumen."
    • Kassandra bemerkte Zoras' Absicht und wandte absichtlich den Kopf ab, um den genervten Ausdruck, der ihr eventuell entglitten wäre, zu kaschieren. Jetzt hatten sie es tatsächlich geschafft und eine Person des inneren Kreises zu sich geholt und dann wollte Zoras tatsächlich den Kopf einziehen. Sie würde auf jeden Fall nicht von ihrem Pferd absteigen. Noch nicht.
      Aus dem Augenwinkel bemerkte Kassandra, dass Ghislaine nicht eine Miene verzog als Zoras sein Lächeln präsentierte und sich verbeugte. Binnen Sekunden hatte die Phönixin begriffen, dass diese Frau dort nicht ohne Grund einen Rang bekleidete, der unüblich für Frauen in der menschlichen Kultur in diesen Breitengraden war. Sie war aufmerksam und scharfsinnig, so sehr, dass da ein Misstrauen in ihrem Blick lag, das dem für Fremde noch über stand.
      „Ihr beabsichtigt in absehbarer Zeit ein Land zu regieren?“, wiederholte sie, das Misstrauen nun auch deutlich hörbar. „Warum nennt ihr dieses ominöse Land nicht beim Namen? Wenn Ihr schon versucht, die Menschen zu bekehren, dann solltet Ihr deren Grund auch kennen.“
      Kassandras Kopf drehte sich kaum merklich wieder den Sprechenden zu. Ghislaine hatte innerhalb weniger Augenblicke erkannt, das Zoras nicht heimisch war. Sein Name schon nicht gängig in Kuluar war. Er war ein Fremde in einem Land, in das er gegen seinen Willen verschleppt worden war und nun die Dreistigkeit besaß, den Thron eben jenen zu verlangen.
      „Ihr urteilt vorschnell obzwar Ihr diesen Mann gar nicht kennt“, unterbrach die Phönixin den Redefluss und richtete glühende Augen auf blaue Iriden. „Ihr seht ihn als Fremden in diesem Land an und maßt Euch dennoch an, ein Urteil zu wagen. Betitelt mich wie Ihr wünscht, aber bezieht dies nicht auf Euresgleichen.“
      Ghislaine reagierte zunächst gar nicht, sondern stierte die wunderschöne Frau auf ihrem Pferd nur an. Sie wog ab über das nächste, was sie sagen würde. Das bedeutete, dass sie nicht wahllos mit Worten und Drohungen um sich werfen konnte, sondern auf etwas zu achten hatte. „Scheinbar schert Ihr Euch nicht nur um Euer Wohlergehen.“
      Kassandra lächelte. Scharf.
      Folglich richtete die Meisterin der Münze ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann direkt vor ihr. „Ich gestehe, Ihr seid seit langem mal wieder ein Mann, den man nicht sofort an den Füßen aufhängen sollte. In der Regel kommen solche Anwärter gar nicht erst hierher, sondern zielen direkt auf die Hauptstadt ab. Ihr hingegen“, sie schaute beiläufig zurück zu Wachen, bei denen auch der Soldat wieder stand, der scheinbar aus Balbad kam, „geht ungewöhnliche Wege. Wenn man den Worten Glauben darf, dann tragt Ihr das Brandmal am Leibe. Ich nehme an, es stammt von Euch?“
      Kassandra zuckte nicht einmal mit den Schultern. „Seht Ihr eine andere Göttin an seiner Seite?“
      „Ihr seid generell die erste Göttin überhauptan der Seite eines Anwärters. Alle anderen, die ich mitbekommen habe, waren allein.“ Irgendetwas lauerte da in Ghislaines melodischer, wenn auch tiefer Stimme. „Zeigt, dass dieser Mann nicht Euer Träger ist. Dass Ihr nicht sein Untertan seid.“
      Kaum merklich hoben sich Kassandras Augenbrauen und verliehen ihrem Gesicht einen spöttischen Ausdruck. Nichts leichter als das. Schon im nächsten Augenblick ließ sie ihren Einfluss auf die Meisterin der Münze hinabfahren, ließ sie ihren göttlichen Schein bewundern und die schiere Macht, die in ihrer Magie sang.
      Wie erwartet verschlug es Ghislaine die Sprache und Schweiß brach auf ihrem Gesicht aus.
      Selbstgefällig rückte sich Kassandra im Sattel zurecht und drosselte ihre Aura wieder auf ein Minimum.
      Schließlich räusperte sich Ghislaine, doch an Spannung hatte ihr Gesicht immer noch nicht verloren. „Santras wünscht keine Götter in seiner Stadt. Er will mit seiner Stadt einen sicheren Anlaufpunkt schaffen für all jene, denen die Götter auf Erden zu viel sind. Es würde Unruhen auslösen, wenn Eure Göttin innerhalb der Stadtmauern gesichtet wird. Wenn sie eintreten sollte, dann müsste sie absolut versichern, dass sie ihre Tarnung zu keiner Sekunde lockert. Ich kann nichts für den Herren versprechen, aber das wären die Grundvoraussetzungen.“
      Kassandra warf Zoras einen vielsagenden Blick zu. Das, was Ghislaine da über Santras sagte, war nur ein Teil der Wahrheit. Per se waren es keine Lügen, aber da fehlte ein Teil des Puzzles. Das konnte Kassandra deutlich erkennen.
    • Zoras ließ sich von Ghislaines direkter Weise nicht aus der Fassung bringen. Es war klar, dass die Frau hier auf Tuchfühlung ging, um Zoras vielleicht aus der Reserve zu locken und zu entlarven, was auch immer er wirklich im Schilde führen mochte. Aber Zoras hatte sicher genauso wie Ghislaine seine jahrelange Erfahrung in Politik und ließ sich von solchen Kleinigkeiten nicht aus der Ruhe bringen.
      "Ihr habt vollkommen recht. Wir beabsichtigen, in naher Zukunft Kuluar zu regieren."
      Es war wieder Kassandra, die in Zoras' Augen eine Spur zu weit ging. Ihre scharfe Zunge konnte sie auf den Rat loslassen, der in seine Schranken gewiesen werden sollte, aber nicht auf jene, die Zoras erst ermöglichen sollten, dem Rat gegenüberzutreten. Sie waren hier, weil sie um Unterstützung baten und nicht andersrum. Sie mussten sich in den Augen ihrer potentiellen Verbündeten gut stellen.
      Bei Ghislaine hatten sie trotzdem Glück. Anstatt von Kassandra eingeschnappt zu werden und ihnen den weiteren Aufenthalt bei Paspatera zu untersagen, gestand sie nun selbst eine Schwäche ein: Zoras war der erste Eviad in langer Zeit, der sich die Mühe machte, zuerst Paspatera aufzusuchen, bevor er in die Hauptstadt zog. Das war ihr Triumph und er wirkte auch, Ghislaine gab sich gewissermaßen beeindruckt. Sie erkundigte sich auch nach dem Brandmal, was Kassandra etwas zu schnippisch kommentierte. Zoras lächelte dabei nur fein. Er würde sich nachher eingehend mit ihr darüber unterhalten.
      Auch Ghislaine präsentierte Kassandra ihre Unabhängigkeit, was sogar recht unterhaltsam war zu beobachten. Die Frau verlor etwas von ihrer Selbstbeherrschung, als sie das erste Mal mit einer entfesselten Göttin in Berührung kam. Sie gewann sie auch nicht wieder, ihre Erschütterung in ihr Gesicht eingebrannt, selbst dann noch, als sie sich wieder gefasst hatte. Zoras rührte sich kein Stück und lächelte nur.
      "Ein sehr löbliches Unterfangen für eine Stadt dieser Größe. Ich bin mir sicher, Euer Herr ist ein geachteter Mann in diesen Kreisen. Wir wollen kein Aufsehen erregen oder Euren Herrn in Bedrängnis bringen. Wir wollen lediglich vorstellig werden, wir wollen Kuluar kennenlernen. Sicher werdet Ihr bemerkt haben, dass ich in diesem Land nicht aufgewachsen bin."
      Zoras' Akzent war auch immernoch unüberhörbar; seine Zunge war zu lahm, um das R richtig zu rollen, und er sprach mit der abgehackten, schnellen Weise der Therisser. Er würde niemandem vormachen können, dass er Kuluarer war.
      Sein Blick huschte zu den Wachen.
      "Wenn Ihr Euch sicher sein könnt, dass auch Eure Männer stillschweigen bewahren können, dann wird niemand etwas über unsere Anwesenheit erfahren. Kassandra wird sich verschleiern und bei Bedarf können wir die Hauptstraße meiden, um zu Eurem Herrn zu gelangen. Ich lege unseren Aufenthalt ganz in Eure Hände, Meisterin."
      Er bemerkte Kassandras Blick, wusste aber nicht, was sie ihm mitteilen wollte. Wenn Santras keine Götter bei sich haben wollte, war das eben so. Zoras hätte sich gewundert, wenn man in ganz Kuluar göttliche Wesen einfach so bei sich aufnahm.
    • Ghislaine musterte Zoras eingehend. Noch immer stand ihr eine gewisse Anspannung ins Gesicht geschrieben, das eindeutig von der Göttin auf dem Pferd herrührte, die unberührt die Frau von oben herab betrachtete.
      Dann lockerte sich Ghislaines Rücken ein wenig, ihre Arme sanken an ihren Seiten hinab. „In der Tat. Ihr sprecht mit einem Akzent, der mir noch nicht untergekommen ist. Woher stammt er? Aus dem Süden oder dem Osten?“ Das genaue Land bekam sie natürlich nicht gesagt, aber die Himmelsrichtung schien ihr auszureichen. „Genau genommen sind es nicht meine Männer. Das Militär obliegt nicht meiner Gewalt sondern eher der des Kommandanten. Das ist der vorlaute Kerl mit dem Helm, der am Visier sieben statt fünf Zacken hat.“
      Kassandras Blick glitt zu den Wachen. Derjenige mit den sieben Zacken war kein Unbekannter. „Zavion ist der Kommandant der Stadtwache? Verschanzen die sich für gewöhnlich nicht immer in ihren netten Behausungen bis es irgendwo Auseinandersetzungen gibt?“
      Da formte Ghislaine irgendwelche Handzeichen über ihrem Kopf, nachdem sie Zavions Aufmerksamkeit erlangt hatte. Von Weitem nickte er, mehr unternahm er jedoch nicht. „Euch ist sicherlich aufgefallen, dass wir hier nach etwas anderen Spielregeln arbeiten. Santras hat nach seiner Übernahme etliche Systeme umgestellt. Beispielsweise darf der Meister der Münze nun auch eine Frau sein. Oder eben, dass der Kommandant sich nichtverschanzen darf.“ Sie lächelte ganz kurz, auch wenn es emotionslos war und nur Zoras galt. „Also gut, ich werde Euer Anliegen Santras zutragen. Ihr bekommt Kunde, ob er Euch einlässt oder nicht.“ Dann nickte sie Zoras und danach Kassandra zu ehe sie auf dem Absatz kehrt machte und zurück zum Tor stolzierte. Zavion fing sie am Eingang ab und zusammen verschwanden sie hinter der Stadtmauer.
      „Sie wirkt unglaublich vertraut mit Santras. Zumindest von der Art her, wie sie spricht. Sie hat uns allerdings nicht gänzlich verraten, warum hier keine Götter erwünscht sind. Sicher, es soll eine Anlaufstelle sein, aber da ist noch mehr“, gab Kassandra zu bedenken während sie erneut die Zinnen der Mauer begutachtete. „Aber ein Gefühl sagt mir, dass wir dahinter kommen werden und nicht erst die nächste Stadt in Angriff nehmen müssen.“
      Schließlich hatten die Moiren ihre Fäden schon gesponnen.

      Es dauerte lange, sehr lange, bis besagte Kunde bei Zoras und Kassandra eintraf. Sie erfolgte in Form von Zavion, der dieses Mal ohne Wache auf sie zugestapft kam und alles andere als begeistert aussah. Er hatte seine Hand durchgehend am Knauf seines schicken Schwertes als er bei ihnen ankam und sie kurz begrüßte. Dass es mittlerweile schon wieder zu dämmern begonnen hatte, wertete Kassandra als Vorteil. Schlechtere Lichtverhältnisse ließen auf weniger schnelles Erkennen schließen.
      „Ghislaine muss ein Wunder vollbracht haben.“ Er seufzte. „Ich soll euch hinein begleiten. Ihr weicht nicht von meiner Seite, sprecht niemanden an und bleibt nur stehen, wenn ich es ebenfalls tue, verstanden?“
      Sein Tonfall war nicht so herrisch, wie Kassandra es erwartet hätte. Stattdessen schwang da eine Unschlüssigkeit in seiner Stimme mit. Er wusste nicht, was er von dieser Situation halten sollte und das konnte sie ihm nicht einmal verübeln. Aus reiner Freundlichkeit stieg Kassandra von ihrem Pferd ab, damit sich Zavion nicht mehr so von oben herab behandelt fühlte. Denn eigentlich war es das, was Kassandra vermitteln wollte.
      „Das ist sehr freundlich. Wir werden es nicht überstrapazieren“, erwiderte die Phönixin und ging mit ihrem Pferd an den Zügeln am Kommandanten vorbei Richtung Tor.
      „Ihr dürft eure Tiere in den Stallungen abgeben, man wird sie dort für die Zeit tränken.“ Er wandte sich ab und holte zu Kassandra auf, um sich an die Spitze zu setzen. „Wundert euch nicht, er hat sich ein Gasthaus ausgesucht, um mit euch zu sprechen. Er mag es eher weniger, Fremde in seinen Sitz zu holen, wenn es nur Kleinigkeiten zu besprechen gibt.“
    • Ein Akzent, der ihr noch nicht untergekommen war. Zoras konnte nicht entscheiden, ob es gut war, dass man ihm nicht gleich einem Land zuordnen konnte, oder dass es schlecht war, dass sie so weit von Theriss weg waren, dass nicht einmal der Akzent herüberschwappte.
      Er übertönte die Zweifel mit einem weiteren Lächeln, das seine Gesichtsmuskeln langsam überspannte. Er war das viele Lächeln nicht gewöhnt und entschloss sich dazu, es sich auch gar nicht erst anzugewöhnen.
      "Ich komme aus dem Süden."
      Sie fragte nicht weiter nach, sie hätte wohl auch nichts mit Theriss anfangen können. Dafür offenbarte sie ihm, dass es sogar einen Kommandanten hier gab, nämlich niemand anderen als den jungen Zavion, der in seinem Leben wohl kaum mit etwas härterem zu kämpfen gehabt hatte als unwillige Händler. Interessant war dafür, dass der Kommandant sich wohl selbst freiwillig im Wachdienst eintrug.
      Zuletzt willigte sie endlich ein, Santras ihr Anliegen zuzutragen, was nur wieder weitere Wartezeit mit sich brachte. Es hieß auch, dass weder Zavion, noch der Händler oder Ghislaine Santras etwas mitgeteilt hatten. Wie verdammt zurückgezogen lebte er? Oder wie wichtig hielt er sich, um sich so rar zu machen?
      Aber auch hier lächelte Zoras nur und pfiff nach Kassadra, als die Meisterin der Münze schließlich wieder abgezogen war. Seine Stute tänzelte auf Abstand heran, betrachtete ihn mit hoch erhobenem Haupt und warf sich ein bisschen in Pose, bevor sie sich erst dazu herabließ, ganz heranzukommen. Sie ließ es sich gefallen, dass Zoras ihr das Kinn kraulte.
      "Sie hat uns kaum etwas verraten außer, dass dieser Santras in irgendeiner Verbindung mit dem Rat steht und wohl versucht, seine kleine Stadt zu revolutionieren. Außerdem scheint hier niemand wirklich verinnerlicht zu haben, dass es einen neuen Eviad geben könnte. Sie werden nicht sehr viel Hoffnung darin haben."
      Er kraulte Kassadra weiter und tat nichts dagegen, als sie versuchte, etwas essbares an ihm zu finden.
      Ein weiterer Tag des Nichtstuns schritt ins Lande. Weitere flüchtige Bekanntschaften und Runden auf Kassadra, die selbst irgendwann so wirkte, als wäre ihr sterbenslangweilig. Zwischendurch beschäftigte Zoras sich mit der Frage, was es mit den Zacken am Visier und der Zahl sieben und fünf auf sich hatte. Er wies auch Kassandra darauf hin, dass sie etwas demütiger sein konnten, stieß aber nur auf Ablehnung. Der Schwur mochte in der Lage sein, die Macht der Göttin zu bezwingen, niemals aber ihre Eitelkeit. Zwangsläufig musste er sich unterordnen.
      Die Sonne ging bereits langsam unter, als sich am Tor etwas änderte und der Kommandant sich abschälte, um zu ihnen hinüber zu marschieren. Er sah mürrisch aus und außerdem hatte er die Hand an seine Waffe gelegt, als würde er sich einbilden, dadurch etwas gegen eine Göttin ausrichten zu können. Kassandra gab sich aber zahm - vielleicht doch, weil Zoras es gewünscht hatte - und Zoras stieg sofort wieder von Kassadra ab und griff die Zügel absichtlich mit seiner Schwerthand, um dem Wachmann etwas von seiner Anspannung zu nehmen. Ob es half, wusste er nicht.
      "Verstanden. Ich danke."
      Als Trio setzten sie sich in Bewegung, Kassandra wie selbstverständlich vorneweg. Zavion musste sich seine Stelle zurück erkämpfen, um seinen Auftrag angemessen auszuführen.
      Das bedeutete, dass Zavion nicht sehen konnte, wie Zoras die Stirn in Falten legte. Kleinigkeiten. Santras sah es als Unannehmlichkeit, einen potentiellen Eviad und dessen entfesselte Göttin kennenzulernen. Er empfand es nicht als angemessen, dafür seinen eigenen Sitz zu opfern.
      Wenn das nicht genug über diesen Santras Gibra aussagte, wusste er auch nicht was.
      Kassandra und er tauschten einen Blick aus.
      Sie ließen ihre Pferde im Stall zurück und Zoras überließ Zavion dann höchst diplomatisch den Vortritt, um sie zu seinem Stadtherrn zu führen.
    • Paspatera sah von innen tatsächlich beeindruckend aus. Egal wohin man sah, nirgends saßen Menschen an den Gemäuern, niedergeschlagen und Kleider zerrissen. Stattdessen wirkte die Stadt selbst im Dämmerzustand noch überaus belebt. Die Straßen wurden von Kindern regelrecht überschwemmt, die sich durch die Gassen jagten und hoffentlich auf dem Weg nachhause waren. An manchen Ecken begegneten sie dann doch etwas zwielichtig anmutenden Gestalten, die ihre Umhänge und Kapuzen eng zugezogen hatten und mit den Schatten der Gassen zu verschmelzen schienen. Mit jedem Schritt wehte einem ein neuer Geruch entgegen; frische Backware, Öle und manchmal auch Stroh und Feuer.
      Die Gebäude waren allesamt aus grauem Stein erbaut, sorgsam waren die Ziegel aufeinander geschichtet worden und ließen so ein homogenes Stadtbild entstehen. Klassische schwere Holztüren baten entweder um Einlass oder verwehrten ihn und an manchen Gebäuden hingen an Eisenträgern Schilder herab, die mit handgemalten Zeichen auf das jeweilige Metier hinwiesen.
      Was jedoch sofort auffiel, war das Fehlen der Wachen. Während sie Zavion folgten begegneten sie nicht einem anderen Soldaten. So als existierten sie innerhalb der Mauern gar nicht. Dafür grüßten etliche der Erwachsenen den jungen Kommandanten, die ihn im Vorbeigehen erkannten.
      Suchend blickte Kassandra sich bei jeder Kreuzung neu um in der Annahme, den Sitz des Stadtherren ausfindig machen zu können. Aber die meisten Gebäude hoben sich kaum voneinander ab und so musste sie sich geschlagen geben, als Zavion vor einem sehr belebten Gasthaus zum Halten kam. Er schüttelte den Kopf, keine wirkliche Antwort auf eine ihrer Fragen, und deutete mit einem Wink in das Schankhaus.
      „Santras wird vermutlich wieder an dem Rundtisch hinten links in der Ecke sitzen. Er trägt das Abzeichen der Stadt an seiner Kleidung, eigentlich dürftet ihr ihn direkt erkennen. Ich warte derweil hier draußen.“
      Kassandra blickte Zavion irritiert an. „Ihr wartet draußen?“
      „Ja?“
      „Das ist... ungewöhnlich, möchte ich meinen. Normalerweise sind die Ranghohen immer schwer bewacht.“
      „Und?“ Er schnaubte leicht genervt und unterstrich damit, wie jung er eigentlich noch war. „Wenn er es wünscht und sich so fühlt, dann stellt er sich Wachen zur Seite. Aber er geht davon aus, dass ein potenzieller Eviad ihm kein Leid antun würde.“
      Kassandras Blick wurde einen Ticken wacher. „Ach, wenn das so ist“, sagte sie und spazierte an der Wache vorbei, um sich an der Wand des Gasthauses in die Hocke sinken zu lassen. Sie warf Zoras ein delikates Lächeln zu. „Dann kann ich den Eviad ja auch allein in das Gasthaus schicken. Ich muss ja nicht den Stadtherren überzeugen, sondern unser Eviad.“
      Zavion schien alles andere als begeistert zu sein und versuchte sich an seinem Kopf zu kratzen bis ihm auffiel, dass er ja noch einen Helm trug. Dann seufzte er erneut, löste den Kinnriemen und zog seinen Helm vom Kopf. Zum Vorschein kamen ähnlich kupferrote Haare, wie sie sie bereits am Tage gesehen hatten,
      „Dachte ich mir doch, dass Ihr und die Meisterin verwandt seid“, sagte Kassandra, nun wirklich grinsend so als hätte sie es nicht unlängst vorher gefühlt. „Zoras, geh einfach rein, ich unterhalte mich ein bisschen mit unserem Kupferkind.“
      „Kupfer....Kind?
      Kassandra lachte noch, als Zoras schon im Gasthaus eingetreten war und seine Göttin hinter sich im Freien zurückließ.

      Im Inneren des Gasthauses empfing Zoras der Duft von geratenem Fleisch, ausgelassener Musik und das reinste Stimmengewirr. Bereits jetzt war es gut gefüllt und fast alle Tische waren besetzt. Bedienung rauschten durch die Reihen, teilweise mit mehreren Krügen Bier auf einmal. Hinter der Theke beherrschten mindestens zwei Schankmeister das Geschehen.
      Tatsächlich musste Zoras mit Hilfe der Beschreibung nicht lange suchen. Ganz hinten links war ein kleinerer Rundtisch, an dem nur eine einzige Person saß. Die anderen drei Stühle waren nicht belegt. Santras hatte einen Bierkrug in der Hand und beobachtete das Treiben im Gasthaus, sein Gesichtsausdruck war am besten mit selig zu beschreiben.
      Santras war ein Mann in Zoras' Alter, vielleicht ein paar Jahre älter. Das war schwierig zu bestimmen, denn seine überraschend dunkle Hautfarbe ließ Falten fast gar nicht erkennbar werden. Ungewöhnlich hellgraue Augen verfolgten das Geschehen und wurden durch das Fehlen von Haaren nur noch stärker betont. Santras schien seine Haarlosigkeit mit Würde zu tragen, denn sein Schädel glänzte im Kerzenschein, so als hätte man ihn poliert. Er trug ebenfalls eine ungewöhnliche Kleidung: Anstelle von Hemden, Westen oder Jacken hatte er sich für eine Robe entschieden, die man eigentlich eher Geistlichen zugeschrieben hätte. Das kobaltblaue Gewand war allein schon durch seine Farbe Unsummen wert, sodass die Stickereien aus Silber gar nicht mehr nötig gewesen wären.
      Als sich Zoras näherte fiel Santras Blick sofort auf den anderen Mann. In wenigen Sekunden ließ er seine Augen über diese Gestalt wandern, erst dann entschied er sich für einen Gesichtsausdruck: Ein sanftes Lächeln. Solch eines, dass auch Kassandra Zoras manchmal schenkte, wenn sie seine Nähe genoss.
      Geschmeidig erhob sich Santras ehe er die Hand ausstreckte und auf einen der Stühle ihm gegenüber deutete. „Bitte, nehmt Platz. Was kann ich Euch bringen lassen? Bier?“ Seine Stimme war deutlich tiefer als die von Zoras, ein dunkles Brummen, das auch den hintersten Winkel der Seele zu erreichen schien.
      „Nennt mich Santras. Da hat Ghislaine ja nicht übertrieben als sie meinte, dieses Mal stünde kein komplett Irrer vor ihr und behauptet, Kuluar zu regieren. Ich hörte, Ihr reist mit einer Göttin zusammen. Wo ist sie? Wollte sie nicht mit hinein kommen?“
    • Der erste Eindruck von Paspatera war, dass die Stadt einen gewissen Wohlstand genoss. Der zweite war, dass selbst eine Stadt von diesem Wohlstand ihre Bewohner hatte, die wohl nicht ganz einverstanden damit waren, was auch immer hier vor sich ging. Nur zeigten sie sich nicht oder gingen schnell aus dem Weg, kaum als Zavion in ihrem Blickfeld auftauchte. Ganz auffällig war in jedem Fall, dass ihr Begleiter der einzige mit Waffe und Uniform war.
      Noch viel auffälliger war, dass er Zoras bedenkenlos alleine zu Santras gehen ließ. Zoras war immerhin ein Mann, dem man seine Kampferfahrung auf den ersten Blick ansehen konnte, selbst ohne das ominöse Schwert an seiner Seite. Eigentlich wäre es die Aufgabe des Kommandanten, sich darüber Sorgen zu machen, dass Zoras dort hineingehen und seinem geliebten Stadtherren die Klinge durch den Hals jagen würde.
      Aber wenn überhaupt, sah Zavion irritiert aus, so als könne er nicht glauben, dass er wirklich dazu abgestellt worden war, einen Mann und dessen entfesselte Göttin zu seinem Herrn zu bringen. Ja wirklich, wie konnten sie es sich auch anmaßen.
      Dafür stellte auch Kassandra sich jetzt quer und verzichtete ebenfalls darauf, Zoras zu begleiten. Das war schon wieder eine andere Sache. Zavion mochte sich über seinen Herrn keine Gedanken machen, aber Zoras machte sich durchaus darüber Gedanken, seine Phönixin nicht bei sich zu haben. Sie waren über drei Monate schon tagtäglich beieinander und so schnell hatte er sich wohl an die Sicherheit gewöhnt, die ihre Anwesenheit unmittelbar mit sich brachte.
      Beide Männer stierten sie überrascht an, dann zog Zavion seinen Helm ab. Zum Vorschein kamen Ghislaines Gene.
      "Wie großzügig", murrte Zoras und überließ Zavion seinem Schicksal, das Kassandra hieß.
      Drinnen war es ähnlich wie draußen: Voll, aber nicht überfüllt, geschäftig, aber nicht unkoordiniert. Wahrhaftig gab es auch hier keine sichtbaren Wachen und Zoras fragte sich unmittelbar, wie lange es wohl dauern würde, bis die erste Prügelei losbrach. Er schob sich durch die engen Tischreihen und hielt Ausschau nach einem Mann in der Ecke mit Abzeichen.
      Santras Gibra war augenscheinlich ein Priester. Sein Aussehen ließ auf für Zoras unbekannte Traditionen und vielleicht Rituale schließen, seine Anwesenheit hier schien in etwa so angemessen wie ein Soldat in einer Bibliothek. Um ihn herum herrschte eine Leere, nicht etwa, weil sich niemand zu ihm getraut hätte, sondern weil er schlicht unauffällig war, so wie er dort alleine in dieser Ecke saß. Zoras hätte ihn übersehen, wenn er nicht genau gewusst hätte, wonach er Ausschau halten sollte.
      Beim Näherkommen setzten sich die grauen Augen auf Zoras' Gestalt fest, auf allem, was ihnen unterkam. Auf Zoras' Gang, auf die Art und Weise, wie er sich aufrecht hielt, wie er sich durch die Menge schob, ohne jemanden zu berühren, wie sein eigener Blick auf Santras haftete. Ein paar Sekunden dauerte es, in denen wohl abgewogen wurde, ob ein Gespräch überhaupt zustande kam, und dann lächelte der andere. Weil ihn der Gesichtsausdruck so stark an Kassandra erinnerte, fühlte Zoras sich gleich etwas behaglicher.
      "Herr, es ist mir eine Ehre, Euch begegnen zu dürfen."
      Auch vor ihm verneigte Zoras sich und setzte sich dann erst. Immerhin war Kassandra nicht da, um aufsässig zu werden.
      "Ein Bier nehme ich gerne."
      Santras' Stimme schien auf eigenartige Weise zu seinem restlichen Aussehen zu passen. Auch sein Alter machte durchaus Sinn; also nicht Ghislaines Sohn. Dann gab es ja nur noch vier andere Möglichkeiten.
      "Zoras. Ich schließe aus jüngsten Erfahrungen, dass es keinen Eviad geben kann, der nicht wenigstens etwas Irrsinn in sich trägt, wenn er plant, sich dem Rat zu stellen. In diesem Sinn schmeichelt Eure Meisterin der Münze mir. Meine Göttin ist draußen geblieben, sie ist es schließlich nicht, die den Titel tragen wird und erachtet es damit nicht als notwendig, sich unserem Gespräch anzuschließen. Wenn Ihr wünscht, kann ich sie hereinbitten."
      Das Bier kam schneller als vermutet. Zoras nahm sich den Krug und prostete Santras auf kuluarische Weise zu. Das war nun sehr deutlich nach seinem Geschmack, viel besser als in irgendwelchen öffentlichen Räumen über trockene Politik zu palavern.
      "Ihr müsst verzeihen, dass ich die Geschichte von Kuluar nicht am eigenen Leib erfahren habe. Gibt es viele Anwärter auf den Titel, die sich bei Euch vorstellen? Sicher hat eine so strukturierte Stadt wie Paspatera so einige Zuläufe dieser Art?"
    • Es war nur ein unauffälliges Zeichen, das Santras einer der Bedienungen zeigte, um das Bier zu verlangen. Er wandte seinen Blick nicht für eine einzige Sekunde von Zoras ab als er sich ebenfalls setzte und die Hände auf dem Tisch faltete. Eine Geste der Harmlosigkeit, dass er nichts zu verbergen hatte. Nicht so, als hätte er nicht doch etwas unter seiner Robe verbergen können. Sichtlich interessiert musterte er das Gesicht seines Gegenübers und schien zu bemerken, dass der Möchtegern-Eviad irgendwelche Schlussfolgerungen tätigte.
      „Ah, Zoras also“, wiederholte Santras den fremdländischen Namen und sprach ihn erstaunlich richtig betont aus. Nicht wie Faia, die lange Zeit Schwierigkeiten mit dem harten Klang hatte. „Dann seid Ihr tatsächlich derjenige, der seit geraumer Zeit die äußeren Provinzen bereist. Das Wort hat sich natürlich auch bis hierher getragen, immerhin hat Zavion ein paar Männer aus den Provinzen in seiner Garde. Man munkelt, Eure Tätigkeiten sind kostenfrei?“
      Seine Modulation war leicht, beinahe beschwingt. Da kam bereits die Bedienung, ein junges Ding mit krausen Haaren, die nur einen Krug mit Bier abstellte und dann bereits weiter eilte. Vor Santras selbst stand immer noch sein weiteres Gefäß, aber der Inhalt blieb vor Zoras verborgen.
      „Ghislaine berichtete mir, dass sie echt ist. Eure Göttin, meine ich. Es gibt kaum bekannte Fälle, dass eine ungebundene Gottheit auf Erden verweilt, geschweige denn sich in Begleitung eines Menschens zeigt. Natürlich würde ich sie gerne zumindest einmal sehen, denn, wenn ich ehrlich bin, spüre ich nicht einmal, dass sie in der Nähe ist.“ Er erwiderte Zoras' Prost und nahm selbst einen Schluck aus seinem Krug. Es blieb keine Anzeichen einer Schaumkrone an seinen Lippen, einen Bart trug er nämlich nicht. „Es ist eher so, dass ich in Paspatera die Politik verfolge, Champions so gut es geht aus der Stadt fernzuhalten. Anders als Eure Göttin sind die Champions des Rates nicht so zurückhaltend, was die Demonstration ihrer Überlegenheit betrifft. Das mag wohl auch der Grund sein, warum es entweder keine Anwärter mehr gibt oder sie deshalb direkt die Hauptstadt aufsuchen. Um also Eure Frage zu beantworten: Nein, in den letzten fünfzehn Jahren war ein anderer Anwärter vorstellig und dieser war ein Quaksalber. Er zog alsbald weiter in die Hauptstadt und von da an wart er nicht mehr gesehen.“
      Mit genau der gleichen Unauffälligkeit signalisierte Santras der Bedienung erneut etwas. Es war nur ein Wink, bei dem die Fingerhaltung leicht variierte. Offensichtlich war er ein Stammgast in diesem Gasthaus, wenn er solche Zeichen etabliert hatte.
      „Die meisten Anwärter sind Einheimische, die die Geschichte zur Genüge kennen sollten. Trotzdem riskieren sie ihr Leben, um ihr aktuelles Dasein aufzupolieren. Es ist traurig, dass der Rat solch verirrte Seelen einfach vom Antlitz der Erde tilgt wenn es doch genügen würde, sie einfach des Landes zu verweisen. Ich unterstütze diese Herangehensweise nicht und mache auch keinen Hehl daraus.“
      Ein junger Mann trat dieses Mal an den Tisch. In seinen Händen hielt er einen geflochtenen Korb mit Backwaren, die er zwischen die Männer auf den Tisch stellte und sich wieder verabschiedete.
      „Ich nehme an, dass Ihr die meisten Phrasen der Prophezeiung erfüllt, also frage ich danach gar nicht erst. Mich interessiert viel mehr, was Euer Motiv ist. Ihr tragt Narben im Gesicht, Eure Haltung ist zu stolz dafür. Ich bin mir sicher, dass Euer gesamter Körper gezeichnet ist, und das nicht nur durch das Brandmal. Ihr habt schließlich eine Göttin an Eurer Seite, Ihr könntet alles haben, was Ihr begehrt. Wieso also der Aufwand, um ein Land zu bekehren?“
    • Zoras bestätigte mit einem Nicken.
      "Ich bereise Kuluar nicht um der Arbeit willen, sondern um seine Bewohner kennenzulernen. Wohlstand soll keine Voraussetzung sein, um mich kennenzulernen."
      Das Gespräch startete wie viele andere auch. Zoras beantwortete die Frage mit seinen einstudierten Antworten. Er bezweifelte, dass dieser Mann, so kryptisch er aussehen mochte, ihm etwas anderes entlocken könnte, als was er auch allen anderen Kuluarern präsentierte.
      Dann ließ er aber doch eine Bemerkung fallen, die Zoras aufhorchen ließ. Santras war erstaunt über Kassandras Anwesenheit, weil er sie nicht spüren konnte. War das eine Anspielung darauf, dass Santras Gibra nicht menschlich war? Konnte es Sterbliche geben, die ein Gespür für göttliches hatten? Doch nicht ohne Hilfe, nicht wahr? Jetzt war er doch fast enttäuscht über Kassandras Abwesenheit, die sicher mehr gewusst hätte, die ganz bestimmt auch die richtigen Fragen gestellt hätte, die Zoras fehlten. Er konnte auf den Kommentar nur milde lächeln und an seinem Bier nippen.
      "Sie ist sowohl echt, als auch ungebunden und aus freiwilligen Stücken hier. Ich zwinge sie zu nichts, aber ihr Schwur erlaubt es mir, ihre Macht zu drosseln. Sie wird Paspatera in keinster Weise eine Bedrohung sein."
      Er verschwieg ganz nebenbei, noch nie versucht zu haben, Kassandra aktiv in ihren Fähigkeiten einzuschränken. Er verschwieg auch, dass Kassandra dazu neigte, einen Dickkopf zu besitzen und durchzusetzen, was sie sich in den Kopf setzte.
      "Es ist eine Schande, was die Champions, oder eher ihre Träger, in Kuluar angerichtet haben. Es ist eine Schande, dass niemand es schafft, sie zu bezwingen. Ich weiß von dem letzten Eviad und dessen einwöchiger Amtsdauer. Es gibt einen Ausweg aus dieser Lage, aber sie schaffen es recht effektiv, diesen Ausweg zu verbauen."
      Zumindest wusste er jetzt, in welchem Verhältnis Santras Gibra zum Rat stand. Er würde wohl bei einer Auseinandersetzung Zoras' Seite wählen.
      Oder die des Gewinners.
      Interessanterweise verlangte er nicht, das deutliche Markenzeichen des Eviads zu sehen oder etwa, was Zoras mit Kassandra auf den Tisch brachte. Stattdessen stellte er eine höchst persönliche Frage.
      Zoras könnte ihm eine der Lügen auftischen, mit der er die Wirkung seiner Prophezeiung stärkte. Er könnte ihm auch die Wahrheit ins Gesicht donnern und sehen, ob dieser Mann dann immernoch so ruhig dasaß. Aber nach einem Moment der Überlegung entschied er sich für etwas dazwischen.
      "Denkt Ihr nicht, es könnte möglich sein, dass ich genau das begehre? Ein Land zu bekehren, indem ich mich Schritt für Schritt darauf vorbereite, den Rat eines Tages in seine eigenen Schranken zu weisen und Kuluar zu regieren, wie es einst vorgesehen war? Ich habe Freunde hier. Ich habe meine eigene Geschichte, die mit Kuluar verbunden ist. Ich habe Erfahrung mit Champions und Trägern und ich habe auch Erfahrung mit Regentschaft. Sagt mir, hättet Ihr die gleiche Frage einem Anwärter gestellt, der gebürtiger Kuluarer ist?"
      Zoras wollte die Antwort gar nicht so genau wissen. Er wollte nur Grenzen testen.
      Er nahm sich ein Stück vom Brotkorb und biss ein Stück ab. Die schlechten Angewohnheiten eines Söldners kamen durch, als er direkt weitersprach.
      "Ich sehe ein Land, das einen König braucht, weil die Champions sich darum streiten, wer das größte Stück abbekommt. Ich sehe in all der Zeit, in der ich schon durch Kuluar reise, Unzufriedenheit und Argwohn, Hetzerei gegen alles, was göttlicher Natur ist, verbrannte Schriften und Artefakte, deren einzige Verbrechen sind, mit den Göttern verbunden zu sein. Meine eigene Göttin wurde betrachtet wie ein wildes Tier, bei dem jederzeit die Leine reißen könnte. Ich bin kein Träger und doch betreibt man die Blasphemie, mich über sie zu stellen, allein aus dem Grund, dass ich nicht göttlich bin. Das ist kein Zustand, der Kuluar eine Zukunft sichern wird. Selbst fünf erfahrene, starke Champions können Kuluar nicht vor sich selbst beschützen. Ich sehe seinen Untergang aus der Geschichte dutzender anderer Länder, die sich in diese Richtung entwickelt haben."
      Er faltete jetzt auch die Hände auf dem Tisch, ahmte absichtlich Santras' Haltung nach.
      "Mein Motiv ist also jenes, Kuluar ins Gleichgewicht zu bringen, so wie es Eviads Schrift prophezeit. Ich möchte die Kluft zwischen Menschen und Göttern schließen und das Land gegen das vereinen, was die Zukunft bringen wird. Nur so kann unser aller Leben gesichert werden, das meine und das Eure mit eingeschlossen."
    • Eine erste, nicht einstudiert wirkende Emotion flackerte über Santras' Gesicht als Zoras erwähnte, unter einem Schwur zu stehen. Es war eine Sache, sich einer Gottheit zu verschreiben, eine völlig andere, einen Schwur ihr abzuringen.
      „Ihr habt einen Schwur bei ihr erwirken können? Ganz ohne Zwang? Dann muss sie Euch wahrlich auserwählt haben. Ich nahm an, dass ihr Zeichen jenes ist, das dort auf Eurer Hand prangt.“
      Sein Blick zuckte kurz zu Zoras' Hand mit der er den Bierkrug hielt. Prominent fiel dadurch Amartius' Mal auf, das jeder natürlich erst einmal fälschlicherweise für Kassandras Zeichen gehalten hätte. Solange Zoras jedenfalls nicht das Symbol auf seinem Rücken präsentierte. Ganz beiläufig hatte der Stadtherr mit einer einfachen Geste, nämlich Zoras ein Bier auszugeben, schon selbst Informationen gewinnen können.
      „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich ja beinahe denken, Ihr unterstellt mir Rassismus“, bemerkte Santras noch immer mit seiner gutmütig wirkenden Stimme, aber seine Worte waren begleitet von einer anderen, schärferen Nuance. Nichts davon spiegelte sich jedoch in seinem Gesicht wider. „Mein Problem ist einfach, dass ich Euch nicht kenne. Ihr könnt hier auftauchen und den Menschen helfen, aber das ist noch lange kein Garant dafür, dass es auch das sein wird, was Eure Regentschaft prägen wird. Beispielsweise habe ich überhaupt keine Erklärung dafür, warum Ihr nicht einfach auf die Macht Eurer Phönix setzt und damit wesentlich schneller ans Ziel gelangt. Ich schätze einfach mal, dass sie den einzelnen Champions haushoch überlegen sein wird. Warum also nicht mit aller Macht das Land niederwalzen, um es dann aus seinen fruchtbaren Trümmern wieder neu auferstehen zu lassen?“
      Er ließ seine Frage im Stimmengewirr des Gasthauses verlaufen und während seine Haltung entspannt und lässig wirke waren seine Augen die eines Raubvogels. Scharf, aufmerksam und auf jedes Detail fokussiert. Wie zum Beispiel, dass Zoras noch vor Santras zum Korb griff und weitersprach, obwohl er nicht einmal geschluckt hatte. Trotzdem hörte er sich ohne einen Einwand die Worte an. Bis Zoras Santras' Haltung mit den Händen spiegelte und diesem ein wissendes Lächeln die Lippen kräuselten. Er löste seine Haltung nicht auf, obwohl er vielsagend auf ihrer beide Hände schaute.
      „Das Problem ist, dass Götter nicht dazu auserkoren sind, über menschliche Strukturen zu verfügen. Sie gehören hier nicht hin, sie sollten wieder in den Himmel aufsteigen. Andernfalls greifen die Menschen in ihrer schier endlosen Machtgier nach ihren Mächten und missbrauchen sie. So, wie es der Rat gerade tut oder weshalb man sich nicht getraut hat, die Feste in Asvoß zu attackieren. Auch dort eilten Worte voraus und schaffte Respekt und Ehrfurcht.“
      Erst jetzt griff Santras selbst nach einem Brot und begann es, in mundgerechte Stücke zu reißen. Währenddessen sah er nicht einmal auf, als er fortfuhr: „Ihr sagt, Ihr möchtet die Kluft zwischen Menschen und Göttern schließen. Ich sage, Götter gehören nicht auf die Erde. Ihr wollt eine diplomatische Lösung, die der Natur des Menschen widerspricht. Es wird immer die machthungrigen Individuen geben, die einen Krieg vom Zaun brechen werden. Ich kann verstehen, wenn Ihr das alles nur auf Kuluar bezieht.“
      Er warf ein Stückchen Brot vom Tisch. Ungesehen hatte sich dort ein kleiner Hund hingesetzt, ein graues Fellbündel, und machte sich direkt über das Stück Brot her. Dann hob Santras seinen Blick und fixierte Zoras.
      „Natürlich kann Eure Wortwahl gerade einfach nur ungünstig getroffen worden sein. Aber nur so kann unser aller Leben gesichert werden? Das klingt in meinen Ohren nicht danach, als ginge es Euch nur darum, die Lage in Kuluar zu ändern, sondern als verfolgt Ihr ein wesentlich größeres Motiv.“
      Schlauer Mann. Seine Augen waren wahrlich der Spiegel zu seiner Seele.
    • Über eine Sache hatten Kassandra und Zoras sich noch nicht geeinigt: Wie sie Amartius' Existenz handhaben wollten. Es wäre ein leichtes, die Wahrheit zu verbreiten und zu erklären, dass das Mal auf Zoras' Schwerthand seinem verstorbenen Sohn angehörte und mit seinem Schwert verbunden war, aber sie waren sich beide nicht sicher, ob die Mehrheit die Existenz eines halb göttlichen Sohnes gut oder schlecht heißen würde. Sie könnten von der Verbundenheit zwischen Göttern und Menschen begeistert sein, sie könnten Zoras aber auch mehr Eigennutzen unterstellen, als gesund war. Letztlich waren sie auf den Entschluss gekommen, das Thema einfach ein bisschen zu umschiffen.
      Entsprechend versuchte Zoras gar nicht erst, sein Mal zu verstecken, präsentierte es Santras sogar freiwillig, aber nur mit den Worten:
      "Nein, dieses Zeichen ist anderer Natur. Den Schwur trage ich auf dem Rücken."
      Nun konnte er aber durchaus erkennen, dass er Grenzen erreicht hatte. Auch wenn Santras immernoch die Ruhe in Person schien, wurden seine Worte ein Stück schärfer, wie einschneidige Klingen, die sich langsam zuspitzten. Auch jetzt wünschte Zoras sich, Kassandra hier gehabt zu haben, damit sie aufpasste, dass das Gespräch nicht in die falsche Richtung kippte.
      "Ich wertschätze Eure Offenheit und Euren Wissensdurst. Bitte, was auch immer Eure Zweifel schüren mag, fragt mich. Deswegen bin ich hier. Ihr sollt nicht mit Fragen über mich hier herausgehen müssen, für die ihr keine Antwort gefunden habt. Der Grund, weshalb ich nicht auf die Hilfe meiner Phönixin zurückgreife, ist schlichtweg der, dass ich niemanden durch die plötzliche Anwesenheit einer Phönixin verschrecken will. Sie soll niemandem Angst einflößen, allein durch ihre Anwesenheit. Ihr werdet vielleicht von Überlieferungen gehört haben, dass ein einzelner Phönix mehr als zehn Pferde umfasst, sie sind bei weitem keine kleinen Geschöpfe. Sogar ich würde mir nicht trauen, wenn ich auf einem solchen angeflogen käme. Ich möchte das Misstrauen der Leute nicht noch mehr anheizen. Das ist übrigens derselbe Grund, den ich Euch anführen werde, wenn Ihr mich danach fragt, weshalb ich meine Phönixin nicht auf die Champions hetze. Tyrannei lässt sich nicht mit Tyrannei bekämpfen. Das Problem würde sich nicht ändern, nur die Quelle dessen."
      Zoras hatte sich bis jetzt eigentlich ganz wohl gefühlt, an einem ihm vertrauten Ort mit einem ihm vertrauten Getränk, bei Gesprächen, in denen er sich sicher fühlte. Santras schaffte es aber mit der Kraft seines Blickes alleine, einen Samen an Zweifel in Zoras einzupflanzen und zwar so tief, dass er ihn nicht losbekam, selbst als er unter Santras Augen seine Hände wieder voneinander löste. Der Samen wuchs und Zoras kniff kurz die Augen zusammen.
      Er hätte diesen Zwischenfall sicher weggesteckt, wenn nicht nahtlos daran zwei einfache Worte fielen, die ihm in diesem Zusammenhang sofort das Blut in den Adern gefrieren ließ. Bitte was? Der Rat hatte darüber diskutiert, die Feste in Asvoß anzugreifen? Tat er es immernoch?
      Woher wussten sie von der Feste? Was war ihr Interesse? War es Kassandra, hinter der sie her waren? Aber nein, das wäre doch sicher zu vage, sicher hatten sie ausschließlich von der Zarin und ihren zahlreichen Champions gehört und sie als Gefahr für Kuluar eingestuft, weil Asvoß und Kuluar lediglich der Ozean trennte. Sicher war es das. Es musste das sein. Oder Zoras war nicht gut genug über dieses Land informiert, schließlich stammten seine Informationen von Söldnern, die mehr als einmal artikuliert hatten, nicht unbedingt hinter ihrem Land zu stehen. Sein Wissen konnte lückenhaft sein oder gar falsch.
      Doch dann, für einen weiteren, viel grauenhafteren Augenblick, glaubte er, eine Art Erkenntnis zu erleben, als er sich mit einem Schlag sicher wurde, dass Loki vor ihm saß. Loki, in einer seiner vielen Gestalten, der ihnen gefolgt war, mit seinem Gespür für göttliche Auren, der sich den nächsten Spaß mit ihnen erlauben wollte. Der Kassandra gesucht, sie jetzt gefunden hatte und jetzt nur noch mit ihnen spielte. Loki, der jeden Moment seinen Blick wieder heben würde und dann würden es nicht mehr diese grauen, gemütlichen Augen sein, dann würden es tiefe, endlose Schlunde sein und Zoras würde fallen, würde von diesem Gott aufgefressen werden, vor Loki gab es kein Entkommen. Nicht dieses Mal. Er hatte ihn einmal verschont, aber er war hier, um das Versäumnis nachzuholen.
      Dann hob Santras aber wieder den Blick und Zoras war sich nicht mehr sicher, ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn Loki vor ihm gesessen hätte. Bei Loki wäre es nur folgerichtig, den Verstand zu verlieren. Santras' Augen hingegen bohrten sich tief in sein Gehirn und höhlten es aus, nahmen sich, was auch immer sie kriegen konnten und vor ihm durfte er nicht nachgeben.
      Zoras zögerte, bevor er es geschafft hatte, seine Fassung gewaltsam zurück an sich zu reißen. Das war nicht der richtige Ort, um den Verstand zu verlieren. Er lehnte sich zurück und ließ seine Hände unter die Tischplatte in seinen Schoß fallen. Mit dem Stiefel stieß er ausversehen gegen den Hund, der aus dem Nichts aufgetaucht war.
      "Die Götter sind nicht das Problem. Es sind die Träger, die sie hier festhalten. Es sind die Menschen, die sich weigern, ihnen ihre Essenzen zurückzugeben. Das schließt jeden Träger dieser Welt mit ein, denn würde er seinen Gott entlassen, wäre er kein Träger mehr. Das ist die Kluft, die es zu schließen gilt. Erst mit dieser Vereinigung können die Götter zurückkehren."
      Zoras war aus dem Konzept gebracht. Er konnte jetzt nicht mehr aufhören darüber zu sinnieren, woher der Rat von Asvoß wusste und wie viel er noch wissen konnte. Vom Himmelsbruch? Von Kassandra? Loki?
      Er widerstand gerade noch dem Drang, die Hand um Amartius' Griff zu schließen.
      "Die Lage in Kuluar steht stellvertretend für die Welt. Wenn sie hier gerichtet werden kann, kann sie auch woanders gerichtet werden. Man wird einem Mann mit Herrschaftstitel mehr glauben als einem Mann ohne Namen und ohne Herkunft."
      Da hatte er sein Motiv, schön verpackt in ein bisschen Wahrheit, wenn auch noch längst nicht alles. Zoras fühlte sich jetzt gänzlich unwohl, es war zu laut dort drinnen und er musste damit rechnen, dutzende von diesen lächerlich winzigen Zeichen übersehen zu haben, mit denen Santras und dessen Leute wohl kommunizierte. Soviel er wusste konnte in diesem Moment eine Falle über ihren Köpfen zuschnappen, ohne, dass sie etwas davon mitbekommen hätten.
      "Habt Ihr noch eine Frage, die ich Euch beantworten darf?"
    • Der erschrockene Laut des Hundes, gegen den Zoras trat, riss ein kurzes Loch in die Anspannung, sie sich unwissentlichen zwischen den Männern am Tisch aufgebaut hatte. Doch Futter lockte das Tier, und so setzte es sich einfach näher an Santras und setzte den besten Dackelblick auf, den er beherrschte. Ohne hinzusehen warf Santras ihm einen weiteren Krumen herunter.
      „Ihr sagt, die Träger seien das Problem. Diese Aussage unterstreiche ich gerne so. In den meisten Fällen zwingen sie ihre Champions dazu, all diese Gräueltaten zu begehen. Die Gefangenen sind nicht emotionslos, aber sie denken anders als wir Sterblichen. Handeln anders. Wie kommt es also dazu, dass Ihr in der Lage seid, eine entfesselte Phönixin an Eurer Seite zu wissen? Wie habt Ihr sie verzaubert, sodass sie nicht einfach ihrer Wege geht nach all dem, was ihr widerfahren sein wird? Dankbarkeit, falls Ihr derjenige gewesen wart, der sie freigelassen hat?“ Sein Blick fiel für den Bruchteil einer Sekunde auf die Hand mit Amartius' Mal. „Oder vielleicht Liebe? Aber dann frage ich Euch, Zoras: Woher wollt Ihr wissen, dass diese Göttin wahrlich weiß, was Liebe oder Dankbarkeit ist? Wenn sie so lange versklavt war, dann müsste der Wunsch nach Vergeltung immens sein. Wieso ist das bei ihr nicht so?“
      Santras' Bewegungen froren vollständig ein. Alles, was an ihm zu brennen schien, waren seine Augen. Sie loderten, wenn auch mit einer Intensität, die eher schmutzigem Packeis ähneln mochte. Noch immer waren seine Hände gefaltet, beinahe so, als würde er im Geheimen beten. Und wenn man ganz genau darauf geachtet hatte, dann war einem aufgefallen, dass er seit dem Brotkorb seine Hände kein einziges Mal mehr bewegt hatte.
      „Kuluar ist vergleichsweise ein eher mittleres Reich. Es kann sich nicht mit besonderen Waren brüsten wie unsere Nachbarn und war deswegen immer uninteressant, kriegerisch erobert zu werden. Ihr versucht also, ein Land zu regieren rein aus der Hoffnung, etwas zu bewegen? Ihr wollt hier beginnen und dann Euren Einfluss erstrecken. Es geht Euch nicht um Kuluar, nicht nur. Euer Blick geht weit darüber hinaus.“
      Die Stimmen wurden mittlerweile ausgelassener, noch einen Deut lauter als zuvor. Die Bedienungen mussten ihre Geschwindigkeit anziehen, um mit den hoch schießenden Händen und Rufen mitzuhalten. Auch der Schankmeister war in seinem Fokus angekommen.
      Santras schwieg einen Moment, doch sein Blick schien aufmerksam wie eh und je zu sein. „Ich weiß noch immer nicht, wer Ihr eigentlich seid. Ich weiß, was Ihr bezwecken wollt, wie Euer Name lautet. Aber mich würde brennend interessieren, wieso sich ein Mann zu einem Regenten aufschwingen will, wenn ihm eine einfache Unterhaltung in einer Gaststätte derart unwohl fühlen lässt.“ Erst jetzt löste er seine Hände voneinander und griff wieder zu seinem Getränk. Für einen kurzen Moment schlossen sich seine Lider und nahmen den Druck von seinem Gegenüber. „Eure Hand hat vorhin gezuckt. Ich vermute, Ihr wart einst ein Krieger. Wenn ich mir die Narben ansehe, würde ich auf einen Soldaten schließen. Das passt aber nicht ganz zu der Haltung, mit der Ihr vorhin die Stätte betreten habt. Sicher, als Eviad solltet Ihr eine gewisse Haltung präsentieren, aber Ihr habt so viel Raum allein dadurch gefordert, dass die Bürger von ganz allein Euch ausgewichen sind. Also kein einfacher Soldat, sondern etwas mit einem höheren Rang.“
      Er stellte den Krug wieder ab und wischte sich mit seinem Daumen seinen Mundwinkel aus. Dann schob er den Korb mit dem Brot betont langsam ein Stück weiter in Zoras' Richtung.
      „Ich spreche offen: Es wäre ein Traum, wenn dieser vermaledeite Rat endlich in seine Schranken gewiesen wird. Allerdings wissen wir alle, dass dies nicht ohne Blutvergießen geschehen wird. Seht es mir nach, aber Ihr werdet Eure Göttin brauchen, damit die Fünf Euch nicht direkt den Kopf abschlagen. Nur ist sie eben ungebunden und wer versichert mir, dass sie Euch verteidigen wird? Dass sie nicht plötzlich einen Wandel erfährt und einfach verschwindet? Dann habe ich nicht nur meine Ressourcen sondern auch meine Stadt aufs Spiel gesetzt.“
    • Die Frage nach Kassandra und danach, weshalb sie Zoras unterstützen würde, war die unliebste, der er sich aber bisher nicht hatte stellen müssen. Die wenigsten dachten weit genug, um sich zu fragen, ob das Bund zwischen Zoras und Kassandra bestehen würde, nachdem sie recht unverblümt zeigten, dass sie ein starkes Team waren.
      Aber Santras dachte weiter. Santras dachte an Dinge, die anderen gar nicht erst in den Sinn kamen und strickte sie dann zu weiteren, klügeren Fragen aus. Fragen, von denen er genau wusste, dass sie Zoras in Bedrängnis brachten.
      Der Grund, weshalb Kassandra an seiner Seite blieb, war primär der, dass sie nicht entfesselt werden konnte, ohne den Weltuntergang heraufzubeschwören, solange sie ihr Ziel nicht erreicht hatten.
      "Ich habe ihr Amulett erhalten, damals, in meinem Heimatland. Ich war für ein Jahr ihr Träger und habe ihr versprochen, ihre Essenz zurückgegeben. Ich habe eine Odyssee veranstaltet um dieses Wort einzuhalten. Ich habe meine geistige und körperliche Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um sie zu befreien. Ich bin über alle Hindernisse gestiegen, die sich mir in den Weg gestellt haben. Ich habe Götter herausgefordert. Ich habe das Schicksal herausgefordert. Im Gegenzug liebt sie mich."
      Trotz dessen, dass Zoras hinter seinen Worten stand, konnte es nichts daran ändern, dass er sich von Santras' Blick aufgesaugt fühlte.
      "Ihr mögt über die Götter sagen, was Ihr wünscht, und ich werde darauf vertrauen, dass Ihr Eure Gründe dafür habt. Aber Ihr könnt meiner Phönixin nicht unterstellen, dass sie nicht weiß, was Liebe ist. Wenn sie es nicht weiß, wird sie es von mir gelernt haben. Und wenn ihr Wunsch nach Vergeltung noch immer besteht, würde die ganze Welt brennen. Nichts weniger als das."
      Auch das war nicht die ganze Wahrheit. Aber es war alles, was Santras wissen musste.
      Mit seiner unangenehmen Unbeweglichkeit ließ er seinen Blick auf Zoras wirken. Langsam überkam ihn der Verdacht, dass nichts, keine Bewegung an diesem Mann, nicht geplant war. Alles verfolgte ein Ziel.
      "Ihr habt recht, dass es mir nicht nur um Kuluar geht. Vor Euch kann ich es wohl nicht verschleiern. Aber Ihr missversteht, wenn Ihr sagt, dass ich hoffe, etwas zu bewegen. Die Regentschaft von Kuluar wird den Anfang ausmachen. Ich werde Kuluar zu einem sicheren Land machen und dann werde ich diese Sicherheit nutzen, um mir davon in anderen Ländern den Rücken zu stärken. Kuluar mag nicht allzu groß oder allzu wichtig sein, aber es besitzt fünf starke Champions, die in einer Einheit handeln. Wenn ich sie regiere, wird es nicht nur meine Göttin und ich sein, dann wird es meine Göttin, ich, fünf Träger und ihre fünf Champions sein. Das ist mehr, als manche Kontinente besitzen."
      Zoras lächelte freudlos. Er hatte langsam seinen Schwung wieder, aber das trübte nicht das Bild, das Santras vor sich sah - was auch immer es sein mochte. Zu gern hätte er erfahren, was in dem Kopf des Mannes vor sich ging, welche Erfahrungen er mit sich brachte, um solche waghalsigen, aber vollkommen richtigen Schlüsse zu ziehen. Ein solches Geschick war absolut notwendig in der Politik und könnte ganze Kriege entscheiden. Dieser einzelne Stadtherr in dem kleinen Paspatera hatte das Zeug dazu, als politischer Berater zu agieren.
      Umso wichtiger und essentieller, dass Zoras ihn auf seine Seite holte. Koste es, was es wolle.
      Unverblümt nickte er auf die weiteren, folgerichtigen Schlüsse. Wenn Santras so weitermachte, würde er an einem Abend Zoras' ganze Geschichte aufgedeckt haben.
      "Ihr habt ein gutes Auge. Euch kann wohl nichts entgehen."
      Trotzdem ließ er die Hände unter dem Tisch und ging nicht mehr dazu über, die Haltung des anderen zu kopieren.
      "Und Eure Sorgen sind mehr als berechtigt. Ihr wollt gewährleisten, dass Paspatera auch in Zukunft weiter existieren wird, in Ruhe und Frieden, ganz egal, was sich im Rat zuträgt. Das respektiere ich. Sollte ich scheitern, wird man als Mahnung auch jene heimsuchen, die hinter mir gestanden sind. Keine gute Voraussetzung, um Euer Gesicht öffentlich zu zeigen.
      Aber Eure Zweifel werdet Ihr bei jedem Eviad haben. Keiner wird es schaffen, sorglos den Rat zu überlisten und seinen rechtmäßigen Platz einzunehmen - dafür haben sich die Champions schon zu sehr in Kuluar niedergelassen. Es braucht eine ungebundene Gottheit, um sie in ihre Schranken zu weisen, oder mindestens einen namenhaften Champion wie Ares, oder Artemis mit einem weiteren zur Hilfe. Oder gar sechs Champions und eine Armee. Ihr werdet erkennen, dass das Problem nicht verschwinden wird, es wird sich nur verschieben."
      Jetzt lehnte er sich doch vor, eindringlich. Er hatte eine Chance, eine Chance Santras auf seine Seite zu holen.
      "Aber ich weiß, wie es sich lösen lässt. Ich weiß, dass die Champions sich nicht mit roher Gewalt aufhalten lassen werden, weil darauf nur größere Gewalt und größeres Leid folgen wird. Ich weiß, dass es nicht darum geht, die Champions von meiner Würdigkeit zu überzeugen, denn sie werden sich nie überzeugen lassen. Ich weiß, dass es um das Land und seine Bevölkerung geht. Ich weiß, dass es darum geht, hunderttausend Kuluarer davon zu überzeugen, dass ich der einzig erwählte, bestimmte Eviad bin, der das Land regieren und die Champions unter seine Gewalt bringen soll. Denn die Champions sind nur das: Champions. Aber Kuluar ist der ganze Rest in diesem Land, jeder Mann und jede Frau und jedes Kind, jeder Stadtherr und jeder Soldat und jeder Bauer, alle, die Kuluar zu dem machen, was es ist. Sie sind diejenigen, die überzeugt werden müssen und sie sind auch diejenigen, die den Eviad durchbringen können. Meine Phönixin kann dafür sorgen, dass mir nicht der Kopf abgeschlagen wird, sobald ich den Göttern meinen Rücken zukehre, aber nur Kuluar kann dafür sorgen, dass ich den Thron halte. Deswegen reise ich durchs Land um Karren zu schieben und Vieh zu schlachten, deswegen campiere ich zwei Tage vor Eurem Tor, nur um mit Euch zu reden, weil Ihr ein Teil von Kuluar seid. Ihr könnt dafür sorgen, dass ich es bis zum Thron schaffe, nur durch Eure Anwesenheit. Nur dadurch, dass Ihr und der Rest von Kuluar den fünf Champions zeigt, dass Ihr hinter dem Eviad steht. Und im Gegenzug bekommt Ihr genau das, was Ihr hier vor Euch habt."
      Zoras krempelte den Ärmel seines Schwertarms hoch, gerade soweit, bis die erste Narbe zum Vorschein kam. Definitiv keine Kampfnarbe.
      "Ich bin Kavallerist. Ich bin ehemaliger Herzog, dafür gibt es keinen kuluarischen Ausdruck. Es ist eine Herrschaftsform, ein verlängerter Arm des Königs. Ich bin Stratege. Ich bin Aufstandsanführer. Ich bin Schwurpartner. Ich bin all das, wozu mein Leben mich gemacht hat. Und nur durch Euch kann ich Eviad sein. Für Kuluar und ein höheres Wohl."
    • Noch immer beobachteten hellgraue Iren aufmerksam den Mann ihnen gegenüber. Jedes Wort, das aus diesem Mund quoll, klang wahr und zeitgleich absolut verrückt in Santras Ohren. Ein einfacher Mann hatte eine Essenz in Händen halten dürfen und ernsthaft versprochen, den Champion freizusetzen? Wie konnte er sich selbst auf Messers Schneide setzen, um etwas zu befreien, das sich seinem Horizont entzog? Fragen über Fragen, die sich vielleicht klären ließen sobald Santras einen Blick auf besagte Göttin werfen konnte. Dann, vielleicht dann, würde auch er verstehen.
      Das freudlose Lächeln erwiderte der Stadtherr nicht. Stattdessen erschienen leichte Anzeichen von Falten auf seiner Stirn während er wohl über etwas nachdachte. „Ihr wollte das Verhältnis zwischen Götter und Menschen richten. Dafür müsstet Ihr die Champions freisetzen. Demnach hättet Ihr keine Champions unter Eurer Regentschaft. Außer, Ihr schafft es, auch sie wie durch Magie an Euch zu binden.“
      Also schlussfolgerte Paspateras Herr gnadenlos weiter und offenbarte Zoras, was er aus seiner Haltung, seiner Sprechweise und Mimik lesen konnte. Auf das meiste bekam er ein Nicken, jedoch war auch Santras nicht fehlerfrei. Er hätte nur durch Raten auf den tatsächlichen Rang schließen können, den Zoras einst bekleidet haben mochte. Nur gab er das nicht preis. Ganz diplomatisch zog er sich immer weiter zurück und schaffte dadurch eine Atmosphäre, die den ehemaligen Herzog dazu verleitete, zu reden. Viel zu reden und vermutlich auch mehr zu offenbaren als er ursprünglich geplant hatte. So lockte Santras viele seiner Besucher in Hinterhalte, indem er erst die Gespräche führte und dann sukzessiv in den Hintergrund abdriftete. Kaum ein Mensch dehnte sich nicht in den Freiraum aus, den er ihnen vor der Nase präsentierte. Überdeutlich zeigte dies auch Zoras, als er sich inmitten seiner Wortschlacht eindringlich vor lehnte und sogar die Stimme ein wenig weiter senkte, statt sie hörbar anzuheben.
      Und das war der Augenblick, wo Santras nicht verheimlichte, dass ein gewisser Funken Anerkennung in seinen hellen Augen aufblitzte.
      „Ich bekomme Euch oder eher das Abbild, das Ihr schaffen wollt?“ Santras lächelte, so dezent, dass man es beinahe nicht sah. Er fühlte sich gut unterhalten, nicht so, wie wenn einer dieser Quaksalber auftauchten und versuchten, ihm ein Ohr abzukauen. Währenddessen krempelte Zoras unverwandt den Ärmel seiner Rechten nach oben und Santras' Augen folgten ganz von selbst dieser Bewegung. Sein Blick streifte über die Narbe, die unmissverständlich einer dunklen Vergangenheit bedurfte. Nun war das Lächeln vollkommen ausradiert und ein neuer Ausdruck trat in diese hellen, aufmerksamen Augen.
      Erkenntnis.
      Mit einem tiefen Atemzug, der seine Robe an seiner Brust spannte, lehnte sich Santras nach hinten. „Ich gestehe, ich habe eigentlich nur Narben des Kampfes erwartet. Nicht die Zeichen der Unterdrückung. Aber ich verstehe schon. Ihr habt Hochverrat begangen in Eurem ehemaligen Land.“
      Es schwang kein Hohn oder Spott in seiner Stimme mit. Lediglich nüchterne Ernsthaftigkeit. „Das erklärt natürlich Eure Dominanz, die sich wie ein Schatten an Eure Ferse heftet, wenn Ihr nicht darauf achtet. Ein... Hahrzog also.“ Hier merkte man, dass seine Aussprache doch nicht ganz so fehlerfrei war wie angenommen. „Ich nehme an, Ihr verratet mir, wieso Ihr einen Aufstand erzwungen habt, sollte ich Euch danach fragen. Korrekt?“
      Es stellte sich ein sachtes, sich mehrfach wiederholendes Nicken bei dem haarlosen Mann ein. Er hatte den Blickkontakt gebrochen und schien einen Moment abwesend zu sein. Er wog seine Gedanken, das Für und Wider, ab. Dann hob er den Blick zusammen mit einer seiner Hände und formte wieder eines dieser seltsamen Handzeichen. Kurz darauf war ein Kellner verschwunden.
      Dann lag Santras' Aufmerksamkeit wieder auf Zoras. „Gut. Dann würde ich zu gerne den anderen Teil kennenlernen, der Euch ausmacht.“

      „Ich habe doch mehrfach gesagt, dass die Farbe von unserer Mutter kommt!“
      Zavions Tonfall war mittlerweile nur noch genervt. Kassandra saß noch immer an der Hauswand und hatte das Kinn auf die Hände gestützt, die Ellbogen waren auf ihren Beinen aufgesetzt. Sie schmunzelte Zavion an, den sie seit der ersten ungestörten Minute mit privaten Fragen löcherte, weil er sich so herrlich darüber erpichte. So hatte sie erfahren, dass Zavion und Ghislaine Geschwister waren.
      „Ich finde, es ist eine schöne Farbe. Sie sieht im Licht noch viel lebendiger aus als im Dunkel“, fuhr Kassandra ungehemmt fort und sah, wie Zavion gerade noch das Gesicht abwandte, dessen Farbe langsam kräftiger wurde.
      Zu seiner Rettung kam der junge Kellner gerade aus dem Gasthaus, geradewegs auf den Kommandanten zu. „Santras hat nach Euch geschickt. Ihr sollt die Begleitung herein bitten?“ Der Ton war fragend, da der junge Mann Kassandra nicht direkt in Zavions unmittelbarer Nähe zuordnete. Nach überbrachter Nachricht zog er sich wieder ins Gasthaus und zu seiner Arbeit zurück.
      Kurz darauf streckte Zavion energisch seinen Arm aus und deutete auf die Tür. „Ihr habt es gehört. Wenn Ihr so frei wärt und ihnen die Gesellschaft versüßen würdet?“
      Kassandra blickte Zavion stirnrunzelnd an, dann erhob sie sich geschmeidig aus ihrer Hocke. „Schade. Ich fand, wir entwickeln gerade eine so schöne Unterhaltung.“
      Zavion starrte sie schockiert an. Kassandra lachte kurz auf. „Wir sehen uns bestimmt gleich noch einmal.“
      Noch immer hatte Kassandra ihren Schleier über sich geworfen, damit es niemanden auffiel, dass sie eine Göttin war. Trotzdem fing sie sich etliche Blicke von Männern und Frauen ein, als sie das Gasthaus betrat und sich nicht einmal großartig orientieren musste. Sie hatte binnen einer Sekunde Zoras' Gestalt ausfindig gemacht, selbst wenn er nur saß. Ihre Schönheit war selbst mit Schleier noch eindrucksvoll und so machten ihr die Leute aus einem anderen Grund als bei Zoras Platz, während sie auf den letzten Tisch hinten in der Ecke zu schritt.
      Sie war noch nicht einmal in Hörweite, da trafen sich Santras' und ihr Blick. Sofort bemerkte sie etwas an diesem Blick, diese Augen. Irgendetwas stimmte hier nicht, denn dieser Mann sah sie nicht lüstern an oder interessiert oder gar ehrfürchtig. In seinem Blick lag etwas gänzlich anderes und genau das war es, das Kassandra zum sofortigen Halten brachte.
      Ihr gegenüber war Santras in Schweigen verfallen. Er hatte nur Augen für diese Frau, die gerade im Begriff gewesen war, sich ihnen zu nähern. Diese Frau, die zu Zoras gehören sollte und erschreckend wenig wie eine Göttin wirkte. Sie war außerweltlich schön, aber sie hatte nicht diesen Druck, diese Präsenz, die die Champions förmlich ausatmeten. Dann hielt dieses wunderschöne Geschöpf plötzlich inne und es hielt den Mann nicht mehr auf seinem Stuhl. Er sprang so schnell auf, dass die umstehenden Gäste verstummten und ihren Stadtherren anstarrten. Doch der hatte seine Hände auf dem Tisch abgestützt und starrte diese Frau an.
      Kassandra erwiderte das Starren. Erst dann griff sie auf ihre Fähigkeit zu, Auren zu sehen und in ihrem Gesicht machte sich aufrichtiges Entsetzen und Fassungslosigkeit breit. Ihr Herz schien mit einem Mal wie in Ketten gelegt und die Töne der Umwelt setzten aus. Die Bewegungen setzten aus, alles schien anzuhalten außer ihr und Santras.
      Und Zoras, der sich mittlerweile zu ihr umgedreht hatte.
      Was Kassandra in Santras' Augen gelesen hatte, war eine milde Form des Wiedererkennens. Aber das war nichts zu dem, was Kassandra aus seiner Aura lesen konnte. Und sie schlussendlich dazu bewegte, die Flucht zu ergreifen. Mit einer aberwitzigen Geschwindigkeit floh die Phönixin aus dem Gasthaus, rauschte auch an Zavion vorbei, der draußen noch Wache hielt, und verschwand in den Dunkeln der Straße.
      „Wartet!“, rief Santras umgehend hinterher und sein Fuß hatte sich bereits um den Tisch herum bewegt, damit er ihr folgen konnte. Doch er besann sich rechtzeitig eines Besseren und folgte ihr nicht. Dafür raste sein Herz gerade viel zu sehr und in seinem Gesicht zeigte sich ein Schmerz, der von einer verzerrten Sehnsucht rühren mochte. Er griff sich selbst an seine Robe auf Herzhöhe, er war hörbar außer Atem.
      „Was ist passiert?!“, schnitt Zavions Stimme durch den Schankraum, der durch Santras' Ausruf mucksmäuschenstill geworden war. Der Kommandanten schob grob die Leute beiseite bis er am Tisch ankam und seine Hand bedrohlich an den Knauf seines Schwertes gelegt hatte. Seine Feindseligkeit galt einzig Zoras.
    • Zoras konnte genau den Moment erfassen, in dem Santras ihm sein Vertrauen schenkte. Er hatte wissen wollen, wer Zoras war und das hatte er ihm gesagt, mit all seinen schmutzigen Details, die dazu gehörten. Nicht, dass alles davon nötig gewesen wäre, denn sicherlich hätte der Mann mit seiner schaurigen Begabung, Zoras zu lesen, auch alles nur mit der Hälfte seiner Ausführung begreifen können. Aber so konnte Zoras ihn zumindest dabei erwischen, wie sein Gesicht endlich eine Regung von sich gab.
      "Ihr bekommt beides. Das eine beinhaltet das andere."
      Mit der Offenbarung seiner Narben schließlich hatte er Santras zu gewissen Teilen überzeugt. Es war stets ein Risiko, sie so freizügig preiszugeben, denn sie waren ein unmissverständlicher Beweis dafür, dass Zoras eine Niederlage davongetragen hatte. Es warf kein gutes Licht auf jemanden, der dieses Land regieren und durch Konflikte führen sollte. Aber wie er sich gedacht hatte war Santras schlau genug, um weiter als das sehen zu können. Er vermutete, dass der Mann einfach nur an der reinen Wahrheit interessiert war, bei all den Lügen, die man ihm als Stadtherr sonst wohl auftischen mochte.
      Konzentriert lehnte der andere sich zurück und auch dieses Mal traf er direkt ins Schwarze. Durchaus eine gruselige Fähigkeit.
      "Ich habe mich geweigert ein Kind zu töten", entgegnete Zoras trocken, eine Antwort auf alles, wenngleich es nicht alles deutlich machte. Zoras wusste gar nicht, warum er ihm das überhaupt sagte, es kam einfach mit dem restlichen Schwall seiner Wörter heraus.
      Einige Momente schwiegen sie sich an, dann nickte Santras und formte das nächste seiner merkwürdigen Zeichen. Für einen kurzen Augenblick dachte Zoras doch ein Muster erkennen zu können, womöglich etwas mit einer fünf und einer sieben wie bei den Soldaten, aber das Zeichen war zu kompliziert, um es sich zu merken. Er konnte sowieso nicht ausmachen, was es nun wieder bewirken sollte. Naiverweise fragte er noch nach, ob er seine Göttin holen solle.
      Er nippte wieder an seinem Bier als die Tür in seinem Rücken aufging und unweigerlich Kassandra hereinließ. Selbst ohne hinzusehen konnte er die Stimmungsschwankung im Raum bemerken, so wie die Leute sich zu ihr umdrehten, nur um zu sehen, dass sie nur eine einfache Frau war, auch wenn ihre verschleierte Präsenz etwas anderes andeutete. Zoras hatte aber selbst kein Bedürfnis, sich nach seiner Geliebten umzusehen; er fand es viel interessanter, Santras zu beobachten. Es war eine eigene kleine Erleuchtung, jetzt dabei zu sein, wenn diese grauen Augen sich dem nächsten Opfer zuwandten, das sie verschlingen würden.
      Santras sah auf, als Kassandra näher kam, und seine grauen Augen nahmen ihre Gestalt ein, ihr ganzes Wesen, ihre Präsenz. Normalerweise wäre das der Moment gewesen, an dem die Pupillen sich merklich weiteten; Zoras hatte es schon oft genug beobachten dürfen. Die Augen wurden groß, ungläubig gegenüber dieser bildschönen Erscheinung, die menschlich sein sollte. Das Gesicht wurde vielleicht ein bisschen bleich, der Körper nervös, die Hände unruhig. Man versuchte, sich vor der Göttin gut zu stellen, eine stolze Haltung einzunehmen oder auch einfach nur mit seinem Körper zu signalisieren, dass man Interesse an ihr hatte. Kaum ein Mensch, weder Mann noch Frau, schaffte es, gänzlich ruhig auf Kassandras Anwesenheit zu reagieren.
      Aber Santras verhielt sich anders. Seine Augen wurden groß, ja, aber da lag noch etwas anderes in ihnen, das Zoras nicht beschreiben konnte. Es fiel ihm auch nur auf, weil er die letzten Minuten höchst intensiv damit verbracht hatte, eingehend in diese Augen zu starren und sich im Gegenzug genauso eindringlich anstarren zu lassen.
      Dann sprang der Mann aber plötzlich auf und ein Stich Adrenalin schoss durch Zoras' Körper. Santras wirkte nicht wie jemand, der so plötzlich von seinen Gefühlen übermannt wurde. In ihrem ganzen Gespräch war er nicht ein einziges Mal seinen Gefühlsregungen unterlegen gewesen und dass dies jetzt geschah, gerade im Anblick von Kassandra, war auf sämtlichen Ebenen höchst beunruhigend. Zoras richtete sich auf, jetzt erst recht aufmerksam geworden, und wandte sich dann zu seiner Göttin um.
      Kassandra stand mitten im Raum, sämtliche Leute in respektablen Abstand zu ihr, die Augen mindestens genauso weit aufgerissen, jeder Muskel in ihrem Körper auf einen Schlag so angespannt, dass man es selbst auf die Entfernung erkennen sollte. Nur war das... Angst? War das Furcht, die in ihren Augen glomm, an der Stelle, wo sonst ihr mächtiges Feuer loderte? Nein, das konnte nicht sein. Das war unmöglich. Kassandra und Angst? Nein, ganz sicher nicht.
      Zoras öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber da wirbelte die Phönixin auf dem Absatz herum, ihr dichtes Haar in einem weit aufgefächerten Schwung hinter ihr, und preschte die Tür hinaus, schnell genug, dass das menschliche Auge sie im einen Augenblick sah und im nächsten schon nur noch der Luftzug ihres Abgangs zurückblieb. Entsetzt sprang Zoras auf.
      "Kassandra!"
      Kassandra!
      Zavion war gleich zur Stelle, guter, loyaler Kommandant Zavion, der sich nur um das Wohlergehen seines Stadtherrn sorgte; aber wo Zoras sonst vielleicht Verständnis für den Mann übrig hatte, weil er seine Lage schließlich kannte, spürte er jetzt nur Irritation bei der Tatsache, dass der Soldat sich ganz zielgerichtet direkt vor Zoras aufbaute. Er hatte seine Waffe nicht gezogen, aber seine Hand lag unmissverständlich auf dem Griff. Er würde hier niemanden gehen lassen, bis die Lage nicht geklärt wäre.
      Vermutlich könnte Zoras sich seiner recht einfach entledigen. Er war jung, hatte ziemlich sicher noch keinen Kriegserfahrung, vielleicht höchstens ein paar Duelle und Straßenkämpfe. Er mochte eine Rüstung tragen, aber das hätte Zoras auch zuvor schon nicht aufgehalten. Wenn er die ganze Sorge, die sich mit einem Mal in ihm für Kassandra staute, richtig kanalisierte, könnte er das ganze Gasthaus niederreißen wenn nötig. Zavion wäre kein Hindernis.
      Aber sein Titel stünde dafür auf dem Spiel, die ganze Mühe, die sie sich dafür aufgehalst hatten. Er durfte sich nicht von seinen Emotionen lenken lassen, egal wie stark sie sein mochten. Egal, um wen es sich handeln mochte. Er durfte keine Fehler begehen.
      Langsam, weil es ihm ziemlich widerstrebte, einfach gar nichts zu tun, hob er beide Hände in die Luft, ein Zeichen an Zavion, dass er nichts getan hatte und auch nichts tun würde. Er sah den Mann an, aber dann kam ihm etwas viel eindrucksvolleres in den Sinn und er sah scharf zu Santras hinüber.
      "Was war das? Habt Ihr mit ihr kommuniziert? Kennt Ihr sie?"
      Draußen konnte er spüren, dass Kassandra erst nur hundert Meter, dann aber zweihundert und dreihundert entfernt war. Er musste noch nicht einmal zur Tür sehen, er hätte sie auch gar nicht ausgemacht, es war viel eher wie ein Instinkt, der ihm genau sagte, in welche Himmelsrichtung er zu gehen hatte, um wieder auf sie zu stoßen. Das hieß aber nicht, dass er in irgendeiner Weise davon beruhigt war, eine solche Reaktion bei ihr zu beobachten.
    • Hausfassaden und Gemäuer fegten am Rande von Kassandras Sichtfeld vorbei während sie immer mehr Abstand zwischen sich und dem Gasthaus brachte. Ihre rennende Gestalt fiel niemanden auf, da sie zwischenzeitlich wieder einen vollständigen Schleier über sich geworfen hatte und wie eine Erscheinung zwischen den Menschen hindurch huschte. Dank der Verbindung zu Zoras konnte sie genau bestimmen, dass er sich von seinem Platz nicht fortbewegt hatte, und dafür war sie ihm dankbar. So konnte sie bis ans andere Ende der Stadt entkommen, wo sie mit nur einem kräftigen und grazilen Sprung auf der Stadtmauer aufsprang. Erst dort fiel der Drang von ihren Schultern ab und sie ließ sich schwer seufzend auf der quadratischen Steinzinne nieder. Ihre Beine baumelten über die Kante, ihr Blick war diffus in die Weite gerichtet, wo die schwarzen Schatten schon so lang waren, dass die Nacht unmittelbar bevorstand.
      Das war ihr in den letzten fünftausend Jahren nicht passiert. Schon immer wusste sie, um die Wahrscheinlichkeit, aber dass es ausgerechnet jetzt eintritt erwischte die Phönixin schlichtweg auf dem falschen Fuß. Sie konnte sich diesem Mann nicht nähern. Er durfte keine Zeit mit ihr verbringen. Niemals.

      Zavions Gesichtsausdruck war immer noch steinern, doch seine Anspannung fiel merklich ab als Zoras völlig Deeskalation signalisierte. Dennoch blieb die Hand brav an dem Knauf, sein Blick auf war seinen Stadtherren gerichtet. „Hat sie Euch verzaubert oder dergleichen?“
      Santras reagierte weder auf Zoras' Fragen noch auf die seines eigenen Kommandanten. Noch immer sah er einem Geister in der Tür des Gasthauses hinterher und es dauerte volle weitere Sekunden bis der dunkelhäutige Mann einen stockenden Atemzug machte und endlich wieder Bewegung in seinen Leib fuhr. Überraschend schwerfällig sackte er auf seinen Stuhl und als wäre dies ein unsichtbares Zeichen kam auch das Leben in die Schenke zurück. Gespräche zogen wieder an, Bestellungen wurden aufgegeben, Bedienungen eilten.
      „Verzaubert ist vielleicht ein gar nicht so unzutreffendes Wort“, sagte er schließlich nachdem seine Hand sich von seiner Robe gelöst hatte und beinahe Halt suchend nach seinem Krug griff. Sein ganzes Haupt glitzerte leicht, so als wäre er in leichtem Schweiß ausgebrochen. „Bezichtigt Ihr mich der Lüge, wenn ich sage, dass ich selbst nicht weiß, was das war?“ Diese Frage galt Zoras. „Ich habe nicht mit ihr kommuniziert. Wie denn auch? Sie hat mich nicht einmal zu Worte kommen lassen und hat direkt die Flucht ergriffen. Habt Ihr... Kenntnisse, von denen ich nichts weiß und ihr Wissen damit gespickt?“
      Zavion schien mit jedem Wort weiter verwirrt zu sein. Inzwischen war sogar seine Hand vom Knauf abgerutscht und er blickte seinen Herren nur irritiert an. „Das heißt, Ihr habt sie... verjagt?“
      „Völlig unabsichtlich.“ Mit jeder Sekunde schien sich Santras weiter zu fangen, aber nun lag dauerhaft etwas Neues in seinen grauen Augen. Die Ruhe von vorhin war verschwunden. Stattdessen hatte sich etwas anderes eingenistet. „Könnt Ihr mit ihr sprechen? Sie zurückholen? Was auch immer das gewesen war, sie hat es auch gespürt. Da war eine... Verbindung. Ich weiß, dass ich diese Phönixin noch nie zuvor gesehen habe. Doch als sich unsere Blicke trafen....Kassandra....“ Er liebkoste regelrecht den Namen, als er ihn das erste Mal aussprach. Dann schüttelte er leicht den Kopf und tupfte mit dem weiten Ärmel seiner Robe sanft seine Stirn ab.
      „Wie wäre es mit einem Handel, Zoras? Ich ziehe in Erwägung, dass Paspatera Eure Kunde teilen wird. Bringt mir dafür Eure Göttin. Ich will sie nicht besitzen – bei den Heiligen – ich möchte nur mit ihr sprechen. Das ist wie ein... Drang, den man befriedigen muss. Ich muss wissen, was dies bedeutet. Stimmt Ihr zu?“
    • Die Stimmung beruhigte sich nur zögerlich und das auch erst, als Santras sich überraschend schwerfällig wieder auf den Stuhl fallen ließ. Bisher war er wie ein Mann erschienen, der jederzeit von allem Kenntnis hatte und sich von nichts aus der Ruhe bringen ließ, aber eine einzige Begegnung mit einer Göttin, die er womöglich kannte - verzaubert? Hatte er das wirklich gesagt? - schien sein ganzes Bild zunichte zu machen. Plötzlich war er nicht mehr dieser aufstrebende, unglaublich gerissene Stadtherr, plötzlich war er einfach nur noch ein Mensch.
      "Etwas scheint es gewesen zu sein. Lüge oder nicht, Kassandra würde nicht grundlos verschwinden."
      Dafür war sie zu stolz, aber das musste Zoras nicht unbedingt aussprechen.
      "Was auch immer ich weiß, weiß auch sie. Ich habe ihr nichts vermittelt, was ihre Meinung ändern könnte."
      Er mochte es nicht, so gänzlich tatenlos hier noch herumzustehen und sich auf das Gespräch konzentrieren zu müssen, wenn er viel dringender nach Kassandra sehen wollte. So hatte er sie noch nie erlebt, so wollte er sie nicht erleben.
      Schließlich wurde ihm doch gewährt sie zurückzuholen, wobei Zoras weder angetan davon war, wie Santras ihren Namen über die Zunge rollen ließ, noch, dass sie plötzlich Gegenstand eines Handels sein sollte. Der Mann hatte wohl noch nicht gänzlich verstanden, dass über Kassandra nicht verhandelt wurde. Nicht mehr.
      "Ich gehe keinen solchen Handel ein, denn ich besitze Kassandra nicht, Herr. Ich werde Euch aber den Gefallen erweisen, sie um ihre Rückkehr zu bitten. Dafür ist keine Gegenleistung vonnöten."
      Er verneigte sich wieder vor ihm, tief genug, um seine Respektserweisung zu bekunden, nicht tief genug, um unterwürfig zu erscheinen. Dann drehte er sich um und guter, loyaler Zavion betrachtete ihn mit einem warnenden Blick, bevor er ihn durchließ. Zoras stellte sicher, seine Hand weit von seinem Schwertgriff wegzuhalten, während er das Gasthaus verließ.
      Es hätte Zoras gewundert, wenn Zavion ihm nicht gefolgt wäre. Schließlich streunte jetzt eine höchst gefährliche, entfesselte Göttin durch die Straßen und würde sicherlich die Bewohner Paspateras knechten und tyrannisieren. Es wäre die rechtmäßige Pflicht des Kommandanten, sicherzustellen, dass seine Stadt sicher war.
      Zoras bemerkte ihn aber nicht, als er hinausging und die Straße entlang schritt. Er sah sich einmal um, konnte aber weder Zavion, noch andere uniformierte Männer sehen.
      Dafür machte er sich auch keine Mühe zu verschleiern, dass er genau wusste, wo Kassandra war. Die Straße entlang, westlich halten, möglichst gradeaus. Es war wie die Augen zu schließen und trotzdem instinktiv zu wissen, wo oben und unten war. Oben, unten, Kassandra.
      Er musste den ganzen Weg zurücklaufen und dann an einer Straße abbiegen, bevor er bei der Mauer herauskam, seine Göttin ganz in der Nähe. Danach musste er mit den dortigen Wachen darüber verhandeln, kurz nach oben gelassen zu werden. Wie auch immer Kassandra es geschafft hatte, sie war wohl nicht gesehen worden.
      Er ging die Treppe hinauf zu den Zinnen und lief dann wieder ein Stück in die andere Richtung, bis er sie sah. Sie saß auf dem Stein, die Beine über den Rand baumelnd, als wäre vor ihr kein Abgrund, der sicher fünf Meter in die Tiefe führte.
      Der Anblick hätte etwas von vier Jahren zuvor gehabt, die Art und Weise, wie sie sich auf ihrem Platz zurücklehnte und in den Himmel hinaufblickte, wie hinter ihr die Schatten lang wurden. Aber es war nicht dasselbe und in diesem flüchtigen Zeitraum, in dem Zoras sich ihr näherte, erkannte er erst, wie einzigartig dieser Moment gewesen war, wie sehr alles aufeinander abgestimmt war. Wie wenig er wirklich gewertschätzt hatte, an diesem Tag im Sommer auf Kassandra zu stoßen, wie sie sich auf dem Zaunpfahl gesonnt hatte. Wie sehr er es vermisste.
      Er kam zu ihr, laut genug, dass sie ihn hören konnte, und lehnte sich an ihrer Seite gegen die Zinnen. Sie hatte ihren Blick auf die Entfernung gerichtet, ein Punkt, der nur ihr das offenbaren konnte, was sie in ihm sehen mochte.
      "Hey."
      Zoras blickte auch kurz nach draußen, entschied sich dann aber dafür, seine Göttin dem Sonnenuntergang vorzuziehen. Kassandras Profil war sanft beleuchtet, die Augen selbst in der Dunkelheit noch stechend scharf. Er wusste, dass das Mondlicht ihr bald einen glitzernden Schein verleihen würde, etwas ganz und gar göttliches, in dem er vollständig versinken würde, aber dafür war es noch nicht spät genug.
      Sanft legte er die Hand auf ihren unteren Rücken und schob sie weiter, bis er den Arm um ihre Hüfte gelegt hatte.
      "Möchtest du mir sagen, was gerade passiert ist?"
    • Hier oben auf den Zinnen spielte die leichte Brise mit Kassandras nachtschwarzen Haaren seine ganz eigenen Spiele. Er zerzauste ihre sanften Wellen und zog an einzelnen Strähnen während sie weiterhin in die Weite blickte und nur mittels ihrer Aura alles um sich herum in gut einem Kilometer Entfernung erspürte. Ob es nun Familien in den Häusern beim Essen waren oder Trunkenbolde, deren Zeit viel zu früh gekommen war. So war es auch nicht verwunderlich, dass sie binnen Sekunden Zoras bemerkte, als dieser ihren Radius betrat.
      Zoras war wie ein Leuchtfeuer in der Nacht. Seine Aura flackerte und brannte so hell, dass die angrenzenden Lichter nur wie durch mattiertes Glas zu scheinen schienen. Er ging langsam, zielgerichtet, und sie ließ zu, dass ein müdes, aber zufriedenes Lächeln kurzzeitig auf ihrem Gesicht erschien. Er lernte, ohne es gezielt zu tun. Lernte mit den Fähigkeiten zu arbeiten, die der Schwur ihm eingebracht hatte. Das Lächeln verschwand schließlich, als sie ihn bei den Wachen unten am Aufstieg zur Mauer spürte. Jetzt war er ihr schon so nah, dass sie die Wärme seiner Aura beinahe fühlen konnte. Sie wartete, unbeweglich wie eine Statue, ob er es an den Wachen vorbei schaffen würde oder nicht. Es dauerte einen Augenblick bis sich seine Aura wieder in Bewegung setzte, er die Treppe hinauf kam und endlich in ihre Richtung kam.
      Kassandra wandte den Blick von der Ferne nicht ab, als sich Zoras mit deutlichen Schritten näherte. Stattdessen rollte sie ihre Fersen über den Stein, von links nach rechts, von rechts wieder nach links. Dass er dachte, er könne sich ungesehen anschleichen oder sie gar erschrecken war lächerlich in ihren Augen, aber sie würde ihn dafür nicht rügen. Wie auch, immerhin war es nun sein Augenblick, um Fragen zu stellen. Dafür sah sie nicht nur, sondern fühlte, wie sich seine Augen auf sie richteten und sie musterten. Ihren Anblick in sich aufsogen und ihn bewahren würden. Die Hand, die er ihr an den unteren Rücken legte und weiter gleiten ließ, war nicht so aufdringlich, wie sie zunächst erwartet hätte. Im Gegenteil; es hatte etwas Beruhigendes, eine Bestätigung.
      „Sagen wir, ich war milde überrascht. Hat Santras dir nichts gegenüber erwähnt?“ Ihr Blick flackerte kurz zu Zoras herüber ehe er sich wieder der Weite widmete. „Bis zu dem Augenblick, in dem ich herein gebeten worden bin, dachte ich, es liefe gut. Ich vermute, er ist ein besonnener Mann, seiner Gewandung nach zu urteilen. Ich wusste nur in dem Moment, in dem ich ihn sah, dass ich kein weiteres Wort mit ihm reden sollte.“
      Worte, so unendlich viele ungesagte Worten sprudelten in Kassandras Geist. Worte, die sie nie laut ausgesprochen und eigentlich auch längst vergessen hatte. Wie ein Geysir waren sie wieder hervorgebrochen und rissen alte trockene Spalten entzwei. Heraus quoll Verwirrung, Bestürzung und Sorge.
      Sanfte lehnte sie sich an Zoras kräftige Seite und stützte den Kopf an seinem Rumpf ab. „Ich versichere dir, er ist kein Gott. Er ist ein Mensch wie du und stellt demnach keine Gefahr dar. Aber in einem Punkt hast du Recht: Ich kenne ihn. Und dann wieder auch nicht. Ich erinnere mich an ihn so wie er sich an mich erinnert. Das kann keiner von uns leugnen. Nur sollte ich als Göttin nicht in sein Leben treten und es aus der Bahn werfen. Das ist nicht... meine Aufgabe.“
      Ein Pause entstand, in der Kassandra noch einmal die Umgebung überprüfte und nichts außergewöhnliches feststellte. Zavions Aura war noch immer bei dem Gasthaus zu spüren, er hatte sich von dort also nicht bewegt. Also verdächtigte man Zoras nicht des... des was eigentlich?
      „Lass mich raten: Er will mit mir sprechen. Zumindest lässt sein Ausruf darauf schließen. Möchtest du das? Gib mir deine Gedanken dazu, deinen Rat.“
    • "Milde überrascht?"
      Zoras schmunzelte ein bisschen. Wenn Kassandra es so nennen wollte...
      "Er meinte, dass "verzaubert" ziemlich nahe kommen würde. Er meinte aber auch, dass er selbst nicht wisse, was genau es gewesen sein mochte. Wie eine Verbindung, das war es."
      Ganz kurz nur huschten ihre feuernden Augen zu ihm hinüber, dann lagen sie wieder auf dem Horizont, als wäre es angenehmer, sich mit der Weite der Welt zu beschäftigen als mit dem, was in ihr lag. Zoras konnte es ihr nicht verübeln. Er konnte es sogar nachempfinden, wenngleich seine eigene Welt eher in göttlicher Schönheit neben ihm saß.
      Sanft lehnte sie sich an ihn und Zoras küsste ihren Scheitel, bevor er in kleinen Bewegungen über ihren Bauch streichelte. Kassandras Duft nach Freiheit hüllte ihn ein, ein Sinneseindruck, den er mit unbeschreiblicher Zuneigung verband.
      "Du kennst ihn, aber auch nicht, und du kannst nicht mit ihm reden, weil es nicht deine Aufgabe ist?"
      Er sprach leise, auch wenn das eigentlich unsinnig war, nachdem sie sowieso niemand verstehen konnte. Aber in dieser kleinen Blase, die sich unbewusst geschaffen hatten, in diesem kleinen Moment der Privatsphäre, schien ihm etwas anderes unangemessen.
      Außerdem konnte er so seine eigene Verwirrung über die ganze Angelegenheit verbergen. Wenn Santras ein Mensch war, was hielt Kassandra dann auf, mit ihm in Kontakt zu treten? Abgesehen davon wäre er doch sicherlich nicht der erste Mensch, dessen Leben durch ihre Anwesenheit gänzlich aus der Bahn geworfen war.
      Immerhin stand der Beweis dafür direkt neben ihr.
      "Er hat mir einen Handel vorgeschlagen, dass er mit dir sprechen kann und dafür meine Kunde verbreitet. Ich habe ihm gesagt, dass ich keinen Handel über dich eingehen werde, weil ich dich nicht besitze."
      Er lehnte sich ein bisschen nach vorne, um ihren Blick aufzufangen. Dabei schob er auch den anderen Arm um ihren Leib und schirmte sie mit seinem Rücken vor neugierigen Blicken ab.
      "Und dir werde ich sagen, dass du nicht mit ihm reden musst, wenn du es nicht willst. Ich werde mich bei ihm entschuldigen und wir können heute noch weiterziehen. Wir können auch ohne Paspatera weiterkommen.
      Aber wenn wir wirklich erfolgreich sind, werden wir eines Tages wieder mit Paspatera in Kontakt kommen - vielleicht durch Zufall, vielleicht durch Geschäfte, vielleicht durch etwas anderes. Und wenn es dann unvermeidbar ist, dass ihr wieder aufeinandertrefft, könnte es unangenehm werden. Unangenehmer als jetzt, wenn uns keiner kennt und die wenigsten sich für uns interessieren."
      Er beobachtete das winzige Zucken von Kassandras Pupillen, der aufmerksame Blick, wenngleich der ganze Rest ihres Körpers gänzlich entspannt war. Genauso zärtlich wie gerade eben küsste er ihre Schläfe.
      "Geh zu ihm. Hör dir an, was er zu sagen hat. Lass ihn sprechen, so viel er möchte, und entscheide dann, ob du etwas dazu sagen willst. Wir können immer gehen, niemand wird uns aufhalten. Hm?"
    • Bei dem Wort Verzaubert hätte sich Kassandra beinahe kurz geschüttelt. Das Wort war in der Tat ziemlich erschreckend nah an der Wahrheit, aber es war keine Magie der Welt dazu fähig, diese Wirkung auf diesen Menschen zu entfachen. Kein magisches Wort, das einen Bann ausgelöst hätte. Kein Schwur, der Zeichen hinterließ. Es war unsichtbar und unumstößlich, das hatte sie mit eigenen Augen bezeugen können. Dass Santras nicht wusste, was es war, untermauerte nur noch weiter die Theorie, die Kassandra unlängst aufgestellt hatte.
      „Zwischenkönnen und wollen liegt der Unterschied, Zoras. Ich kann vermutlich Kontinente neu entstehen lassen. Wieso sollte ich dann nicht mit einem einfachen Sterblichen sprechen können?“ Sie lachte kurz bitter auf, was einem Schnauben näher als allem anderen kam.
      Sie ließ sich von Zoras gefangen nehmen, Stück für Stück. Sein gesamter Körper schien sie nun zu umhüllen und die Wärme war nicht mehr nur ihrer Magie geschuldet. Er schob sich gerade so in ihr Blickfeld, was sie mit einem fragenden Blick quittierte.
      „Es klingt so furchtbar einfach. Sprich mit dem Mann und er wird ein Unterstützer werden. Du weißt, welche Macht Worte besitzen können und wenn ich diesen Mann halbwegs richtig einschätze, dann ist er sehr wortgewandt. Mehr als das.“
      Kassandra war kein Eigentum. Und doch hatte man ihr Amulett wie genau das umher gereicht, dafür gemordet und Intrigen gesponnen. Jetzt sollte ein einfaches Gespräch ausreichen, um ihr Ziel ein wenig greifbarer zu machen. Für Zoras, der nicht das gespürt hatte, was Kassandra und Santras von dem jeweils anderen gesendet bekommen hatten, war das Ausmaß dieses Treffens nicht greifbar. Stattdessen wurde der Phönixin gewahr, weshalb sie so einfach in Paspatera gekommen waren. Wieso die Zahnräder alle plötzlich ineinander griffen und es eher wie glückliche Fügung ausgesehen hatte.
      „Du gehst davon aus, dass wir ihn loswerden. Dass wir einfach weiterziehen und viel später erst wieder in Kontakt mit ihm geraten. Diesen Wind muss ich dir sofort aus den Segeln nehmen. Santras wird sich nicht mit einer Entschuldigung zufrieden geben. Er wird uns nachstellen, vermutlich eher subtil, bis er das Wort mit mir bekommt. Ich bin mir sicher, dass er sich wie unter Zwang fühlt. Er muss wissen, was er da gespürt hat. Es hat seine Grundfesten seiner Seele erschüttert. So mächtig war es“, erklärte sie weiter und hielt nur kurz inne, als warme Lippen ihre Schläfe streiften und sie sich nichts anderes vorstellen konnte, als in einem ordentlichen Zimmer mit ihm zusammen unter einer Decke zu liegen und nur den Herzschlag des jeweils anderen zu lauschen. „Du willst also dabei sein, ja? Was ist denn, wenn er auf deine Anwesenheit verzichtet? Wenn er ungestört sein will? Wenn seine Worte nicht für die Ohren Dritter bestimmt sind? Oder wenn ihm Worte nicht ausreichen und er mehrbraucht, als jene?“
      Das wahre Ausmaß, wie stark diese Verbindung wirklich war, konnte selbst Kassandra nicht bestimmen. Das Auskommen war für sie ebenso wenig absehbar und sie befürchtete, dass Santras seine Grenzen überschritt. Sie würde sich einbläuen, ihn nicht zu töten, aber ihn maßgeblich zu verletzen war mindestens so tragisch. Vermutlich würden es jedoch die Worte sein, die am meisten schmerzen würden. Wie sollte sie einem Sterblichen etwas erklären, was nicht für ihren beschränkten Geist gemacht ist?
      „Es wird nicht schön. Du hast recht, dass wir ihn später irgendwo ein weiteres Mal treffen werden. Das ist mir schon klar. Deswegen sagte ich vorhin, ich sei milde überrascht. Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass so jemand existiert. Aber wenn er dich fragt, was es gewesen war, was er da gespürt hat, dann fehlt ihm viel Wissen. Und das will er von mir haben. Wenn du es erträgst und mir versprichst, kein Wort einzuwerfen, dann treffen wir ihn auf seinem Sitz. Nicht in einem Gasthaus oder in einer Seitengasse. Dafür brauchen wir sichere und geschlossene Wände.“