Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Ein letztes Mal prägte Zoras sich Kassandras Singstimme ein. Ein letztes Mal prägte er sich ihre Klänge und ihre so wunderbare Melodie ein. Ein letztes Mal lauschte er dem tatsächlichen Text des Liedes und prägte sich dessen Verse ein. Ein letztes Mal schmiegte er sich an Kassandra und streichelte ihren Rücken, während er einschlief.
      Der Hauptmann seiner Garde war derjenige, der die Magie des erstarrten Zeitflusses brach und sie in die Realität zurückholte, in ein lärmendes Lager, in einen frühen Morgen, in Stunden vor dem Todeszeitpunkt. Er kam durch den Zelteingang herein und weckte Zoras mit den Worten, dass es soweit sei, die Truppen hätten sich versammelt. Der Herzog scheuchte ihn nach draußen, ohne die Augen zu öffnen. Er legte die Arme um Kassandra, die schon längst wach war, und drückte sie an sich.
      Die morgendliche Routine fiel an diesem Tag träge aus. Er wusch und stutzte sich den Bart, aus reiner Gewohnheit heraus, obwohl es gar nicht mehr nötig gewesen wäre, dann legte er die Uniform an und schnallte sich die Waffe um die Hüfte. Er würde noch seine richtige Rüstung anziehen, aber in einem anderen Zelt, wo man Ischgyll dann auch schon für ihn bereithalten würde. Er würde sich noch einmal die aktuellsten Berichte geben lassen und den Führungsstab zu einem letzten Treffen zusammenrufen. Dann würden sie auf ihre Posten gehen und in die Schlacht ziehen.
      Aber im Moment legte er seine ganze Aufmerksamkeit noch auf Kassandra, zog sie an sich und küsste sie innig. Er legte die Hände an ihre Wangen und strich über die Kontur ihres Gesichtes, die ihm so tröstlich vertraut war. Er richtete den Wirbelsturm ihrer Haare ein wenig und lächelte sie an.
      "Ich liebe dich."
      Sie reizten die Zeit für weitere Liebkosungen aus, weil schließlich noch keine Schlacht verloren wurde, wenn man fünf Minuten zu spät kam, und dann teilte sich der Zelteingang zu Zoras' Frust erneut. Er löste seinen Mund gereizt von Kassandra.
      "Ich bin ja gleich draußen, bei den vielen Göttern des -"
      "Zoras?"
      Bei seinem Namen drehte er sich doch zu dem Besucher um und obwohl es eine Sekunde brauchte, bis er sie erkannte, starrte er verdutzt auf Elive, die dort in voller Montur zwischen den Zeltplanen stand. Die Frau hatte die Haare nach hinten geflochten und trug eine glänzende, frisch polierte Rüstung der luorschen Infanterie, auf deren Brust das Wappen prangte. Er hatte sie noch nie in voller Montur gesehen, nicht außerhalb der Trainingsplätze und hatte entsprechend einen Moment gebraucht, bis er sie erkannt hatte.
      "Elive?"
      Die Frau - die Walküre - seine Schwägerin nickte. Sie sah zwischen ihm und Kassandra flüchtig hin und her, wobei ihre Aufmerksamkeit mehr auf ihm lag.
      "Ich dachte mir, ich möchte lieber kommen. Dich bei deinem... bei deiner Schlacht unterstützen. Das erschien mir nur richtig."
      Er blinzelte sie verwirrt an.
      "Weiß Ryoran, dass du hier bist? Weiß es Teal?"
      "Ich habe allen gesagt, dass ich meine Pflicht ausführen möchte, wenn ich schon die Gelegenheit dazu bekomme, sie für jemanden zu tun, den ich kennenlernen durfte."
      Sie kam einen weiteren Schritt in das Zelt hinein, blieb dann aber stehen, als könne sie die Zweisamkeit zwischen Zoras und Kassandra mit ihrer Präsenz nicht überschreiten.
      "Ich werde dich rüberbringen, Zoras. Ich weiß zwar nicht, ob es das ist, was von mir verlangt ist - ob es richtig ist - aber ich möchte es. Ich empfinde es als richtig und das muss für den Moment genügen."
      Der Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht, während Zoras noch nicht recht verstand, was sie gerade gesagt hatte. Sein Blick huschte kurz zu Kassandra.
      "Rüberbringen? Hast du ihr etwa davon erzählt?"
      "Oh bitte", fiel die Walküre ein, noch bevor die Phönixin antworten konnte, "ich habe es selbst herausgefunden. Selbst Teal hat etwas gemerkt und er ist gerade mal 14, Zoras. Du kannst vielleicht Ryoran was vormachen, du kannst auch dem ganzen Land etwas vormachen, aber doch nicht einer unsterblichen Walküre. Oder dessen höchst intelligenten Sohn."
      Wieder der Hauch eines Lächelns, ihre Augen blieben davon aber größtenteils unberührt.
      "Ich werde dich rüberbringen, das soll meine einzige Aufgabe sein. Es haben sich auch schon andere Schwestern hier versammelt, aber ich werde ihnen nicht die Entscheidung darüber überlassen."
      "... Okay."
      Er wusste nichts anderes dazu zu sagen und ein Blick zu Kassandra bezeugte, dass es zumindest nichts schlechtes war. Irgendwie tröstete es ihn sogar ein bisschen zu wissen, dass sein Übergang überwacht werden würde.
      "Okay. Danke."
      Elive nickte und dann lächelte sie tatsächlich.
      "Ich kann dir bezeugen, dass es nicht wehtun wird. Die wenigsten auf dem Schlachtfeld wissen überhaupt, was mit ihnen geschehen ist, wenn wir sie rüberbringen. Es ist wie eine Sicherung, die dich die letzten Momente vergessen lässt. Es wird alles gut gehen."
      Dasselbe hatte er auch Kassandra am Vorabend gesagt, aber irgendwie hatte es jetzt eine andere Bedeutung, eine endgültige Bedeutung. Es würde alles gut gehen, auf die eine oder andere Weise. Zoras hatte das Ende seines Lebens erreicht.
      "Verstanden. Du bist entlassen, Soldat."
      Sie salutierte, als hätte es nie etwas anderes gegeben als seine Schwägerin in seinen Reihen und dann ging sie nach draußen. Zoras wandte sich wieder Kassandra zu und küsste sie ein letztes Mal. Er lächelte sie auch an, aber wie schon bei Elive erreichte das Lächeln seine Augen nicht ganz.
      "Pass auf dich auf, meine schöne Phönixin. Ich liebe dich. Du bist das beste, was mir je passieren konnte."

      Eine Stunde später trabte der riesige Ischgyll mit seinem Reiter auf die Front zu.
      Die vereinten Truppen des Aufstands hatten sich einige hunderte Meter vor dem Lager auf der freien steinernen Ebene aufgestellt, alle drei Wappen nebeneinander, alle Einheiten in einer vereinten Formation. Zoras ritt an rievschen Bogenschützen vorbei, an tiumisischen Speerträgern und an den luorschen Fußsoldaten. Irgendwo dort musste auch Elive sein, wurde ihm gewahr, aber nichts wies darauf hin, dass ein übernatürliches Wesen unter den Soldaten wandelte. Genauso wie nichts darauf hingewiesen hätte, dass Kassandra dort gewesen wäre.
      Er warf einen Blick zurück auf die Reihen zehntausender Soldaten, die in Reih und Glied hinter ihm aufgestellt waren, die Banner weit erhoben, die Visiere heruntergeklappt, die Haltungen wie ein Meer Statuen. Nicht alle von ihnen würden sterben, aber viele würden Zoras in den Tod folgen. Nicht genug, dass es den Einsatz einer Phönixin gerechtfertigt hätte, aber durchaus genug, dass er diese Schuld mit in die Ewigkeit nehmen würde. Mit einem Mal war er froh darüber, dass Elive ihm ihre Überfahrt angeboten hatte, denn er war sich nicht sicher, ob eine ihrer Schwestern sich ihm erbarmt hätte.
      Er erreichte die Front und richtete den Blick auf das gegnerische Heer. Dort gab es keine unterschiedlichen Wappen, dort gab es lediglich das Königswappen, das über allen Einheiten schwebte wie verlassene Geister. Sie waren jetzt nur noch durch ihre Rüstungen zu unterscheiden und so wie er es sich gedacht hatte, war die königliche Einheit an der Spitze.
      Feris saß auf einem eigenen Pferd, eingehüllt in eine schillernde, goldene Rüstung, die das Sonnenlicht widerspiegelte und seine Erscheinung erstrahlen ließ. Er stand an der Spitze, allein, das Visier heruntergeklappt, das Pferd nach vorne ausgerichtet. Zoras verstand, trieb Ischgyll weiter, bis er die Sicherheit seiner Soldaten verlassen hatte, und dann kamen die beiden Reiter in langsamen Trab aufeinander zu, begleitet von eintretender, alles umfassender Stille. Es dauerte zwei Minuten, bis sie sich in der Mitte trafen. Feris’ Rüstung war zu groß, stellte Zoras fest, denn der sonst so schmächtige Junge saß ganz sicherlich nicht so erhaben auf seinem Gaul, wie er es jetzt tat. Natürlich, er würde ja auch nicht kämpfen, sie hatten ihn in größere Platten gesteckt, damit er eindrucksvoller aussah. Dafür konnte er noch immer nicht recht reiten und hielt sich an dem Knauf seines Sattels fest; nach einem Moment der Überlegung tat Zoras es ihm gleich.
      Feris.
      Der Junge antwortete nicht. Er starrte nur und nach einem Moment nickte Zoras.
      Ich, Zoras Luor, Herzog des Herzogtums Luor, erwirke mit dieser Schlacht meinen Anspruch auf die Krone. Was zuvor nicht anerkannt wurde, soll in einem einmaligen Kampf geschehen. Der Sieger wird gemäß den Regeln rechtmäßiger Besitzer der Krone und Herrscher über das Land Theriss. Sämtliche vorher herrschenden Umstände werden notfalls außer Kraft gesetzt. Der Sieger ist der neue König über Theriss.
      Er leierte lediglich hinab, was er in seinem Brief schon geschrieben hatte, aber Feris hielt sich an die Regeln und nickte gehorsam. Eigentlich wäre hier der Zeitpunkt für weitere Worte gekommen, für ein Plädoyer an Gnade und Erbarmen oder an eine außerkriegliche Einigung, aber nichts dergleichen geschah. Zoras starrte den König für eine Weile lang an und dann lenkte er Ischgyll um. Vielleicht war es ja auch besser so.
      Viel Glück.
      Die Reiter trennten sich und dann ritten beide wieder zu ihren Einheiten zurück.
      Als Zoras an seiner Front ankam, klappte er sein eigenes Visier herunter und zog sein Schwert. Er gab Ischgyll die Sporen und ritt an der schweren Infanterie entlang.
      ACH-TUNG!
      Eine Bewegung fuhr durch die Reihen der Soldaten, ein einvernehmliches Klirren, das den Zug von Waffen darstellte. Zoras sah noch einmal zurück in die Richtung des Lagers, in die Richtung seiner Geliebten, seiner Göttin, dann wandte er ihr den Rücken zu. Er streckte die Waffe in die Luft und 60.000 Soldaten setzten sich mit einem Ruck in Bewegung.
      Fünf Minuten später krachten die Truppen mit einem Lärm, der einer Explosion gleichen konnte, in der Mitte der Ebene zusammen.
    • Im Gegensatz zu Zoras war Kassandra während keiner Sekunde dem Schlaf verfallen. Sie konnte nicht eine Sekunde von dem Mann in ihren Armen ablassen, wollte nicht eine einzige Sekunde der Zeit verlieren. So gab sie sich damit zufrieden, permanent über irgendeinen Teil seines Körpers zu streicheln. Seinen Arm, seine Brust, manchmal auch sein Haar. Alles, sie greifen konnte, schien heilig zu sein. Und so verlor sie erneut jegliches Zeitgefühl, verloren in seinem gleichmäßigen Atemzug und dem Herzschlag in seiner Brust.
      Der Soldat, der sich ungefragt in ihr Zelt wagte und Zoras unmissverständlich klar machte, dass es soweit war, wurde barsch wieder nach draußen kommandiert. Die Phönixin hatte gar nicht auf den Mann reagiert sondern ließ sich nur noch einmal an Zoras' Brust ziehen. Angestrengt presste sie ihre Augen zusammen als würde das allein genügen um der Realität zu entfliehen. Schließlich gab er sie doch frei und musste sich fertig machen. Und wenn es nur Routine war, damit er nicht frühzeitig den Verstand verlieren würde.
      Während der gesamten Zeit über saß Kassandra wie gelähmt auf dem Feldbett und beobachtete Zoras. Sie sagte kein Wort, machte kein Geräusch sondern beobachtete ihn einfach nur wie er sich wusch und den Bart stutzte. Wie er sich seine Uniform anzog während sie selbst unlängst wieder die Uniform angezogen hatte, einfach nur um den Schein zu wahren. Es würde sowieso alles in Flammen aufgehen sobald sie ihr Herz wieder in ihrer Brust hatte. Sie würde inmitten der Schlacht stehen und alle, egal ob Freund oder Feind, dem Erdboden gleich machen. Denn das war es, was sie war. Zoras' höchstpersönlicher Todesengel und ein Monster.
      Nachdem er alles gerichtet hatte, lag seine Aufmerksamkeit wieder ausschließlich auf seiner Phönixin. Langsam, träge, erhob sie sich vom Feldbett damit der Herzog sie wieder an sich ziehen konnte. Nichts lag in ihrem Ausdruck - weder Liebe noch Trauer. Es war eine ausdruckslose Maske, die das letzte bisschen von ihr schützte, was noch unangegriffen war. Ihre dunklen Augen wirkten leicht getrübt als sie seinen Blick erwiderte und sich von seinen Daumen das Gesicht nachzeichnen ließ.
      "Ich liebe dich auch..." Worte verloren sich zwischen ihren Lippen, verschwanden in der Mischung ihrer beiden Atem bevor das Zelt erneut geteilt wurde und Zoras abermals gereizt reagierte.
      Kassandra war dermaßen abgelenkt, dass sie Elive gar nicht gespürt hatte. Doch sie fühlte nicht einmal die Not, überrascht zu sein. Oder gereizt. Oder generell irgendetwas zu fühlen. Sie war leer, noch leerer als zu jeder anderen Zeit ihrer Gefangenschaft auf Erden. Sie wusste bereits, dass in wenigen Stunden diese Leere von unbändigem Zorn und Schmerz erfüllt sein würde und so machte sie sich daran, dass Gefäß für unhaltbare Emotionen soweit auszudehnen, wie sie nur konnte. IHre Hand lag noch immer fest an seinem Ärmel und sie lauschte der Unterhaltung nur halbherzig.
      Bid das Wort rüberbringen fiel. Prompt versteifte sich Kassandra und was eigentlich die größtmögliche Ehre sein sollte war für sie ein Faustschlag ins Gesicht. Emotionen, die sie selbst nicht beschreiben konnte, fluteten ihr Gesicht während sie Elive mit geweiteten Augen anstarrte. Die Walküre wollte ihrer Aufgabe nachgehen. Sie wollte Zoras nach Valhall führen. Seine Seele von der Erde holen. Unweigerlich verkrampften sich Kassandras Finger in Zoras' Ärmel. Seit langer Zeit fehlten ihr die Worte um auch nur etwas zu dem Gespräch beizutragen. Aber sie war die Einzige, die allein zurückbleiben würde. Sie war es, die ihre Liebe verlieren würde.
      "Ich kann dir bezeugen, dass es nicht wehtun wird. Die wenigsten auf dem Schlachtfeld wissen überhaupt, was mit ihnen geschehen ist, wenn wir sie rüberbringen. Es ist wie eine Sicherung, die dich die letzten Momente vergessen lässt. Es wird alles gut gehen."
      Kassandras Herz wurde glasig. Elive log oder litt unter dem Umstand, dass sie nicht wusste, wie die Wirklichkeit war. Sie beschäftigte sich mit Seelen nach dem Tod wohingegen Kassandra den gesamten Prozess begleitete. Miterlebte. Fühlte. Sie starb jedes Mal mit, wenn einer ihrer Träger dahin schied und niemand auf dieser Welt konnte diesen Schmerz nachempfinden. Es würde gut gehen, dessen war sich die Phönixin bewusst. Aber genauso bewusst war sie sich, dass ihr Herzog nicht schmerzlos den Tod schlagen würde. Nicht so.
      Kassandra fand erst ihre Stimme wieder nachdem Elive gegangen war und Zoras ihr ein letztes Mal seine Liebe bekundet hatte. Erst dann, ihre Augen fraßen sich buchstäblich in seine, ihre Finger hielten seine Arme als wollten sie ihn nie wieder loslassen, konnte sie ihre Stimme dazu zwingen, einen Ton zu produzieren.
      "Ich werde für dich singen. Deinen Namen in die Zukunft tragen und ihn in die Geschichte dieser Erde brennen, mein Liebster."
      Er konnte ja nicht ahnen, dass sie diese Worte wortwörtlich auch so meinte als sie ihn schlussendlich friegab und ihm seinen Tod überließ.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die beiden Fronten verhakten sich in der Mitte, ein gewaltiges Knäuel aus Soldaten, die aufeinander rannten und steckenblieben. Der Trubel war groß, das Chaos noch viel größer und auf beiden Seiten schrien die Reihen sich an, als würde die Schlacht durch reine Lungenkraft gewonnen werden können. Das Getöse war laut, das Lärmen der kreischenden Soldaten hallte über den unfruchtbaren Boden hinweg, das Geräusch von Landsmännern, die Landsmänner umbrachten. Der Ansturm kam zu einem Nullpunkt, als die Kraft beider Seiten aufeinander traf.
      Der erste Pfeilhagel war bereits niedergegangen, jetzt folgte der zweite, der den Himmel verdunkelte und den Boden unsicher machte. Zoras lenkte seine Kavallerie unter dem himmlischen Angriff zur Flanke und wieder auf die Front zu. Er wollte Kerellin und deren tödlicher Phalanx ausweichen, aber Firion wollte er sich nicht stellen. Womöglich hätte er den anderen Herzog reißen können und genau deswegen wollte er es nicht. Stattdessen könnte er sich an den königlichen Heerführer wenden, den Mann, der die Armee in Vertretung zum König führte. Wenn er schnell sterben wollte, würde er diesen Mann suchen müssen.
      Die Kavallerie brach durch die Seiten der Front, wurde von Speerträgern abgehalten, zog weiter in Richtung der Bogenschützen. Zoras trieb Ischgyll zur Hochleistung an, während er an beiden Seiten Rüstungen malträtierte und Köpfe abschlug. Eine andere Kavallerie kam ihm entgegen, ein Manöver, um seine eigene Einheit abzudrängen, und die Pferde stießen aneinander, ein neuer Knäuel, das sich in der Nähe des anderen bildete. Weitere Pfeile flogen, Lanzen bohrten sich durch Pferderüstungen und stießen Reitern von ihren Satteln. Zoras kämpfte darum, nicht zu fallen und unter die Hufe zu kommen, bevor er einen Blick zurück auf seine Formation und seine Aufstellung warf. Die Bewegungen beider Armeen waren zu einem Stillstand gekommen, was gut war, wenn man bedachte, dass die königliche Armee jetzt die perfekte Möglichkeit hätte, um von der Seite einzufallen.
    • Kassandra war zurückgeblieben. Sie hatte weit genug Abstand gesucht, damit man nicht den Eindruck bekam, dass sie nur darauf wartete, dass Zoras sie zu sich rief. Stattdessen war sie spurlos aus dem Lager verschwunden und hatte sich die nächstbeste Anhöhe gesucht, von der aus sie über die Ebene blickte und das Heer aus abertausenden Köpfen begutachtete. Noch immer war ihre Miene völlig ausdrucksloser Natur, nur ihre Hand war geballt um den kleinen Anhänger, der in ihrer Faust verschwand. Fast schon schreckhaft wartete sie auf den stechenden Schmerz, die Eiseskälte und die Gewissheit, dass der Tod nahte. Doch noch prickelte nichts ihren Verstand, noch war er unversehrt, das spürte sie selbst über diese Distanz. Was hatte sie nur dazu getrieben, ihn wirklich seinen lächerlichen Plan durchbringen zu lassen? Seit wann nahm sie sich nicht mehr, was sie begehrte? Zur Hölle, sie hätte sogar jetzt schon wieder ihre Essenz zurückhaben können und hatte es abgelehnt. Nun war sie dazu verdammt abzuwarten bis der Schlussstreich fiel. Und dann gab es nichts mehr, was sie daran hindern würde, Feris persönlich den Kopf abzuschlagen.
      Und so verweilte Kassandra einer Statue gleich auf der Anhöhe und sah dem Spektakel zu. Fühlte selbst über diese Entfernung das zahlreiche Erlöschen von Lebenslichtern, als sich Menschen sinnlos gegenseitig abschlachteten. Denn mehr war es nicht. Zoras führte sie alle hinters Licht ohne zu wissen, ob sie seine Meinung teilten. Mit der Gewissheit, dass er seinen Champion nicht herrufen würden, selbst wenn die letzte Front fiel. An diesem Tag stand sie unter bedecktem Himmel und selbst die Vögel, die sich immer über sie lustig gemacht hatten, waren verschwunden.
      Dann erregte etwas Neues Kassandras Aufmerksamkeit und riss sie erstmals aus ihrer todesähnlichen Starre. Ganz langsam senkte sie die Hand, die sicherheitshalber den Kolibri umfasst hatte und richtete ihren Blick gen Norden. In eine Weite, wo niemand sonst etwas erkennen konnte. Die Phönixin war in die Pläne eingeweiht, wusste, wie sie von statten laufen würden und welche Gegner erwartet waren und welche nicht. Und mit jedem Herzschlag verschlimmerte sich die Annahme, dass es eine ungebete Fraktion gab, die nun in Aktion trat. Der Ausdruck in ihrem Gesicht wurde scharf als sie mit Sicherheit sagen konnte, dass sich etwas rasend schnell näherte. Dass es kein Mensch war sondern in ihrer Riege spielte. Dass ein Gott auf dem Weg war, der mittels Luftwege reisen konnte.
      Kassandras Puls beschleunigte sich. Wenn es jemand war, der für Feris eintrat, dann würden tausende Menschen sterben. Viel zu viele Unschuldige, die durch die Willkür eines Gottes ihr Leben ließen. Elive wäre darunter. Diesen Fall hatten sie nicht geplant. Und dadurch musste Kassandra eine eigene Entscheidung treffen unabhängig von dem, was Zoras wollte. Noch immer sah sie nichts am Horizont als sich die Phönixin in Bewegung setzte. Um sie herum brachen Flammen aus, als sie sich der Gestalt des Vogels bemächtigte, wenn auch nicht zu groß wie damals zur Abschreckung Kerellins. Groß genug jedoch, dass ihr Schatten bedrohlich über dem Land hinweg zog und die unter ihr kämpfenden Soldaten kurz einhalten ließ. Mit gewaltigen Schwingenstößen glitt sie über den Schauplatz hinweg in Richtung ihres Herzoges, den sie immer ausfindig machen können würde. Und da erschien endlich etwas am Horizont, das zu dem sich nähernden Champion gehören musste.
      Ein gewaltiger, hellroter Feuerball.
      Kassandras Herzschlag setzte aus, kaum spürte sie die sich nähernde Aura des Angreifers. Ihr gleichmäßiger Flug stockte, als die Verwirrung sie traf. Das war unmöglich. Sie kannte diese Signatur, sie kannte dieses Feuer, sie kannte denjenigen in dem Feuerball.
      Unter Kassandra ritt Zoras auf seinem Rappen und riss den Kopf nach oben, als ein ausladender Schatten über ihn und seine Einheit hinweg glitt. Der Feuervogel am Himmel beschrieb einen Kreis und die Soldaten um Zoras herum rissen plötzlich in allen Richtungen aus. Sowohl Freund als auch Feind mieden den Schatten, der unheilsschwanger über Zoras kreiste. Als nur noch er inmitten des Schattens stand ging Kassandra in Landeanflug und schrumpfte noch während des Sinkfluges. Noch bevor sie den Boden erreicht hatte, waren alle Flammen um sie herum erloschen und eine in schwarzer Platte gehüllte Einheit betrat das Schlachtfeld. Sie glühte, strahlte wieder diese unglaubliche Aura aus und zwang damit alle anderen Soldaten auf Abstand zu bleiben. Das hier war ihr Terretorium und sie sah finster in den Himmel, während sich der andere Feuerball genau ihrer Position näherte. Der Druck war so allmächtig, dass selbst Ischgyll nicht mehr bei Sinnen war. Das Tier stieg und buckelte, tat alles, um sich zu befreien und weg von diesem Monster in Schwarz zu kommen, das vor ihm stand. Dabei verlor Zoras schlussendlich doch den Halt und ging zu Boden, sein Hengst ergriff die Flucht. Mit weiten Schritten näherte sich Kassandra Zoras, einen Armschwung später hatte sie ihre Hellebarde in der Hand. Der Zeitpunkt war zu gut. Zu perfekt abgepasst. Das würde keine Hilfe sein, was sich da wie ein Meteorit über ihren Köpfen näherte. Sie hatte nicht einmal Augen für ihren Herzog sondern ließ den Feuerball nicht aus den Augen, der ebenfalls in den Sinkflug ging und genau auf sie zuraste.
      Nicht auf Kassandra. Auf Zoras.
      Die Phönixin schaltete schnell genug. Als sich der Boden bereits rot verfärbte und man die Hitze schon spüren konnte bewegte sich Kassandra binnen eines Wimpernschlages nach vorn. In ihrer schwarzen Rüstung ragte sie vor Zoras auf, das einzige, was er noch sehen konnte, bevor ein Lichtblitz ihm die Sicht nahm. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte und ein extremer Windzug, der ihn nach hinten riss, war alles was das eintreffen des Gegners für ihn ausmachte. Als die Sicht endlich wieder in seine Augen zurückkehrte entdeckte er sofort seine Phönixin, die einer fremden Person gegenüber stand. Ihre Hellebarde war mit einem schlanken Speer gekreuzt, ein Mann, mindestens einen Kopf größer als sie lehnte sich gegen sie und hielt ihrer Krafteinwirkung stand. Er hatte tiefrotes Haar, das er in einem Zopf gebunden trug. Im Gegensatz zu Kassandra trug er eine hellgraue Plattenrüstung, wesentlich filligraner geschnitten als ihre mit roten Ornamenten, die sich wie Flammen über die Platten zogen. Er stand mit dem Rücken zu Zoras, dafür konnte Kassandra ihn mit vor Schreck geweiteten Augen anstarren.
      "Telandir?!" Der Mann mit den strahlendgrünen Augen schenkte ihr einen unheimlich warmen Blick. So warm, dass ihre Kontrolle über ihre Hellebarde schwächelte und er mit seinem Speer ihre Waffe sanft, aber bestimmt zurückdrücken konnte. Er stellte den Speer neben sich auf dem Boden ab, so wie Kassandra es schon unzählige Male selbst getan hatte. Kassandra war nicht nur fassungslos, sie war erschüttert. Caphalor hatte recht gehabt. Sie war nicht der einzige Phönix auf Erden. Telandir war ebenfalls herabgestiegen und der Fakt, dass er nicht als Phönix gekommen war bedeutete, dass er ebenfalls seine Essenz abgegeben hatte. Und doch so viel Macht besaß, dass er sich wandeln konnte. "Was zum....?!"
      Telandir schien nur Augen für die vor sich zu haben. Sein Gesicht war weniger verhüllt durch Platte als er seine Hand nach ihrem Gesicht ausstreckte und sie ihn nur anstarren konnte. Alles um sie herum schien stillzustehen. Die Zeit schien angehalten zu haben. Die Geräusche starben und es gab für einen Moment nur sie und ihn. "Es ist vorbei, Kassandra."
      "Was ist vorbei?" Sie verstand nicht, sah ihn nur mit Verwirrung in die Augen, die sie längst zu vergessen geglaubt hatte.
      "Du musst nicht länger unter diesem selbstmörderischen Herzog dienen. Ich hole dich ab."
      Er holte sie ab? Sie diente unter Zoras? Telandir musste vollkommen verklärt sein, wenn das die Auffassung war, die er von ihrer Beziehung hatte. Auf der anderen Seite konnte er es ja nicht besser wissen. Wo auch immer er hergekommen war - es muss außerhalb Theriss sein. Ihm fehlten einfach die Informationen. "Wieso tauchst du jetzt hier auf? Du hättest einfach diese Schlacht abwarten können und dann wären wir gemeinsam fortgegangen!"
      Etwas Dunkles zog über Telandirs Gesicht. Etwas, das Kassandra bis in die Grundfeste ihres Selbst erschütterte. Das Timing war zu gut... Er wartete nicht... Er wollte verhindern, dass sie ihre Essenz zurückbekam. Warum zum Henker wollte er dies verhindern?! Es war ein winziges Zucken in Telandirs Augenpartie, die ihn verriet. Mit einem Mal rannte die Zeit wieder, das Getöse kehrte zurück und im Hintergrund sah Kassandra einen überrumpelten Zoras, der sich gerade zu ihnen umdrehte. Sie spürte Telandirs Motiv noch bevor er auch nur einen Schritt getan hatte. Es lief wieder nur binnen eines Wimpernschlages ab, da stürmte der Phönix auf Zoras zu mit der klaren Absicht, ihn niederzustrecken. Kassandra folgte mindestens genauso schnell, griff Telandir an und trieb ihn mit mehreren Schlägen wieder von Zoras weg. Als der Herzog mit seinem Wimpernschlag fertig war, standen die beiden Götter zu seiner rechten, die Waffen wieder gekreuzt.
      "Willst du ihn umbringen?!", schrie Kassandra Telandir wutentbrannt hat und stand dieses Mal zwischen ihm und ihrem Herzog.
      Telandirs Blick ging an Kassandra vorbei zu Zoras hinüber. Das Grün in seinen Augen wirkte eher wie Gift als alles andere. "Du da. Bist du eigentlich noch ganz bei Trost, ihr ihre Essenz zurückzugeben? Jetzt?"
      Kassandra grollte, als sie Telandir mit einem kräftigen Schlag zurückdrängte. Nichts war mehr da von der erhabenen Haltung, die sie sonst an den Tag legte. Vielmehr wirkte sie nun, als müsse sie wie ein Tier alles an den Tag legen, um nicht zu Fall gebracht zu werden. "Du solltest dich freuen, dass ich endlich aus meinem Sklavenbund komme und ihn nicht weiter aufrecht erhalten wollen!"
      Telandir ignorierte die furiose Phönixin und richtete das Wort wieder an den luorschen Herzog. "Mach es mir einfach. Gib mir ihr Amulett und die Erde darf weiter existieren wie du sie kennst."
      "SCHWEIG TELANDIR!"
      Kassandra ging in die Offensive über, wurde aber mit Leichtigkeit von Telandir abgehalten. Niemand aus ihnen beiden wusste, dass Alter unter Phönixen eine Rolle spielte. Je älter man war, desto größer die Macht. Und Telandir war eine geraume Zeit vor Kassandra in die Existenz getreten und selbst bei gleichem Ressourcenlevel wäre er ihr überlegen gewesen. So musste Kassandra zähneknirschend mit ansehen, wie er ihre Hellebarde aus ihrer Hand schlug, seinen Speer quer an ihre Kehle legte und sie ruckartig mit dem Rücken an seine Brust zog. Sein Gesicht war knapp neben ihres, während sie wortwörtlich Blut und Galle spuckte. In ihren Augen stand eine Mischund aus Wut, Angst und Verzweiflung als sie Zoras ansah, der das ganze Spektaktel nur mitverfolgen konnte. Er würde ihr Amulett nicht freiwillig abgeben. Das wusste sie mit jeder Faser ihrer Seele.
      "Ich weiß, dass er sich an dir vergangen hat und dass es dir gefallen hat. Aber das ist nicht dein Platz, Kassandra. Du gehörst an meine Seite. Ich bin nur wegen dir hier", hauchte er beinahe liebevoll an ihr Ohr, dass es ihr eiskalt den Rücken herunterlief. Er hob seine Stimme als er sie wieder an Zoras richtete, doch seine Lippen blieben gefährlich nah an ihrem Gesicht. "Zieh es aus und leg es vor deine Füße. Sonst muss ich dich töten und das bricht meiner Kassandra das Herz."
      Seiner Kassandra? Sie war niemandes Eigentum, und das musste wohl auch ein eitler Phönix wie Telandir lernen. Kassandra ging in Flammen auf, Schwarz durchzuckte ihre Flammen und reflexartig ließ Telandir sie frei. Er wich ein paar Schritte von ihr zurück, so als sei sie etwas Giftiges und sah sich ihr Feuer mit einem mitleidigen Ausdruck in den Augen an. "Sieh doch nur, was die Menschen mit dir angestellt haben, meine Liebe..."
      "Deine Liebe...", fauchte sie ihm entgegen, eine schwarzrote Nemesis. "Wo warst du vor Tausenden von Jahren, Telandir? Wo warst du, als du mich wirklich hättest befreien müssen und wo ich jemanden gebraucht hätte? Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist, verdammt nochmal!"
      Hass war nicht ausreichend genug um zu beschreiben, was in ihrer sonst so schönen Stimme lag. Telandir seufzte, erkannte den Widerstand, den Kassandra aufbringen würde und sich wie die letzte Bastion zwischen ihn und Zoras stellte. Dann wurde auch sein Blick ernst. "Wie du wünscht." Dann brachen aus den Spalten seiner Rüstung Flammen hervor, kräftig rot und gleißend weiße Zungen umhüllten ihn und bildeten einen immensen Kontrast zu dem, was Kassandra umgab. Als stünden sich Sonne und Mond gegenüber. "Ihr Menschen habt meine Kassandra verunreinigt und so sieht es dann aus!", verkündete er und ging dann erneut auf Zoras los.
      Telandir war leider nicht nur eitel, er war auch schlau. Sicherlich hätte er Kassandra frontal angreifen können, aber es war weitaus effektiver, sie in die Defensive zu zwingen indem er Zoras angriff. Und so musste sie ihn immer wieder abwehren in bahnbrechender Geschwindigkeit, die sich dem menschlichen Augen entzog. Mehr als nur einmal war Telandir viel zu nah an Zoras herangekommen, der erst wegzuckte als er den Luftzug spürte, der Sekunden später erst seinen Angriff verriet. Wo auch immer er untergekommen war, er besaß Macht. So viel Macht, dass er eine ernstzunehmende Gefahr darstellte, wie Kassandra befand und alles daran setzte, ihren Herzog zu schützen. Scheinbar war Telandir auch nicht so eingerostet wie Kassandra, denn seine Bewegungen waren noch präsziser als ihre, noch schneller, noch kräftiger. Und so schaffte er es in einer geschmeidigen Bewegung unter ihrer Hellebarde herzutauchen und seinen Speer durch ihre Plattenrüstung auf Brusthöhe zu treiben. Es musste ein grausames Bild sein, wie er sie aufspießte und sie beinahe triumphal vom Boden anhob, so als wiege sie nichts. Klirrend fiel ihre Waffe zu Boden als sie röchelnd nach dem Speer griff, der ihre Brust durchstoßen hatte. Er hatte ihre Lunge punktiert, sodass Blut am Rande ihres Mundwinkels hellrot erschien. Noch immer hatte Zoras weder das Amulett abgelegt noch sonst sich großartig bewegt. Es glich einer Schockstarre, die sich nun auch teilweise in den umstehenden Soldaten widerspiegelte. Kaum einem war ein echter Kampf zwischen Göttern bisher untergekommen und Telandirs Vorstellung war makellos.
      Sanft setzte er Kassandra ab, die in die Knie ging und röchelnd weiterhin den Speer hielt. Es tat weh, sie bekam kaum Luft. Ihre Sicht flackerte, als die Flammen um sie herum erstarben und sie versuchte einen klaren Gedanken zu fassen, wie sie Telandir von Zoras abhalten konnte. Er würde ihn umbringen. Sie wusste es, sie fühlte es.
      Sie hob ihren Kopf nicht, als leise Worte ihren Mund verließen. "T...Telan..dir... halt..." Sie hustete. Rosa Nebel lag in der Luft und sprenkelte den Griff seines Speeres mit Rot. "Mein Wu.. Wunsch."
      Mühsam löste Telandir seinen mörderischen Blick von Zoras und ging vor Kassandra in die Hocke. Er strich ihr eine Strähne liebevoll hinter das Ohr nachdem sich ihre Rüstung bereits begonnen hatte, aufzulösen. "Richtig. Ein Wunsch steht dir noch zu. Hab ich nicht vergessen."
      Kassandra reagierte nicht. "Nicht.... töten."
      Telandir erwiderte nichts sofort. Er musterte Kassandra, die mit ihrer Verletzung kämpfte und sich nicht auf ihre Beine erhob. Solche Wunden waren deswegen so desaströs weil sie von göttlichen Waffen stammten. Deswegen durfte man sich nie von ihnen treffen lassen. Schließlich atmete er einmal tief durch und tätschelte ihren Kopf. "Schön. Warte einen Moment."
      Dan erhob sich Telandir und schlenderte auf Zoras zu. Die grünen Augen waren ausnahmslos auf ihn gerichtet während er sich unaufhaltsam näherte. Die Flammen waren auch bei ihm größtenteils erloschen, hier und da zuckte noch eine Zunge durch die Ritzen hervor. "Sie hat darum gebeten, dass ich dich verschone. Lächerlich, nicht wahr?"
      Kassandra hörte die Worte und wenn ihr nicht bereits die Luft fehlte hätte sich ihr Brustkorb noch weiter zusammen gezogen.
      "Aber ich denke, du wirst es trotzdem nicht freiwillig abgeben. Verschonen heißt nicht, dich auch nicht zu verletzen, hm?" Telandirs Absicht war mörderischer Natur. Das konnte ein jeder der Anwesenden spüren, egal ob Mensch, Tier oder Gott. Er war so eindrucksvoll, dass er Zoras sogar dazu bewegte, einen Schritt zurück zu machen bevor er mit übermenschlicher Geschwindigkeit an der Kehle gepackt wurde. Telandirs freie Hand legte sich an den Brustpanzer des Herzoges und begann zu glühen. Schon kurz darauf tat es auch sein Brustpanzer, und die Absicht dahinter wurde klar: Der Phönix brannte sich durch das Plattenmaterial hindurch. Er scherte sich nicht um etwaige Schreie, scherte sich nicht darum, dass flüssiges Metall auf menschliche Haut traf und sie versengte. Scherte sich nicht darum, dass es nach verbanntem Fleisch roch oder das Kassandra leise zu Wimmern begonnen hatte.
      Alles, worum er sich scherte, war das Amulett, das in der nächsten Sekunde freigelegt war und um das sich Telandirs Hand schloss. Mit einer geschmeidigen Bewegung entriss er Zoras das Amulett und gab ihn fahrlässig wieder frei. Als sei nichts gewesen kam der Phönix zu Kassandra zurück, die durch den Wechsel des Trägers auch ihre Macht verloren hatte. Sie war zur Seite gesackt, japste nach Luft und sah zu Zoras, der ebenfalls zu Boden gegangen war. Dann war Telandir bei ihr, ließ seinen Speer verschwinden und schickte seine weißen, heilenden Flammen über ihren Leib, die die Wunden direkt schlossen. Anschließend bückte er sich zu ihr, schob ihr einen Arm unter die Kniekehlen und den anderen unter ihren Rücken, um sie auf seine Arme zu laden. "Keine Sorge, meine Liebste. Ab jetzt wird alles gut werden", hauchte er ihr mit einem Kuss auf den Scheitel. "Wenn du wüsstest, wie quälend es war, dich immer nur von oben zu beobachten wie du an der Seite eines Menschen gebunden warst..."
      Er war einer der Vögel gewesen, die immerzu über ihren Köpfen geschwebt war. Dessen Schrei sie aufzog, sie gehänselt hatte. Und ihr ständiger Begleiter war, egal wohin sie gereist waren. Wie einfältig war sie gewesen, dass sie das nie bemerkt hatte? Noch immer wimmerte Kassandra in seinen Armen, weinte stille Tränen als sie erkannte, dass sie verloren hatte. Mit ihr in den Armen schritt Telandir an Zoras vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. "Viel Spaß beim Verrecken in deinem lächerliche Machtspiel."
      Und damit verwandelte er sich wieder in den Feuerball und verließ das Schlachtfeld mit seiner Kriegsbeute in Richtung Norden.
      Weg aus Theriss.
      Weg von dem Krieg.
      Weg von Zoras und seinem Verbleib.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Truppen des Königs fielen gerade zur rechten Zeit in die ungeschützte Flanke ein.
      Man hätte behaupten können, sie hätten einen Glückstreffer gehalten und nur auf eine solche Gelegenheit gewartet, aber Zoras wusste es besser - und er war erleichtert, dass sein Plan aufging. Er schickte seine Verstärkung und im Gegenzug würde er die Front ein wenig vernachlässigen. Feris würde durch seine schwächeren Fußsoldaten einfallen und seinen Rückschlag mit der schweren Infanterie durch seine Bogenschützen eindämmen. Er würde Zoras davon abhalten, seine hintere Reihe zu erreichen und Zoras’ Kavallerie würde machtlos herumziehen müssen, auf der Suche nach einem Einschlagpunkt. Sie würden sich mit der gegnerischen Kavallerie anlegen, die es auf ihre eigenen Bogenschützen abgesehen hätte und dann würde die Front aufbrechen. Der König würde sie zurückdrängen und ihre Formation würde reißen. Zoras würde die Truppen seiner Verbündeten wegschicken und mit einem letzten Vorstoß sein Leben opfern. Eine Stunde, nicht mehr. Die letzte Stunde seines Lebens.
      Er hielt sich an den eigens ausersonnenen Plan, an den sich Feris selbst so wunderbar hielt, und sträubte sich weiter gegen die feindliche Kavallerie, während er immer wieder Blicke zurückwarf. Jeden Moment würde die Front aufweichen. Jeden Moment würde der Knäuel sich auflösen und stattdessen würden die königlichen Soldaten durchdringen.
      Aber dann geschah nichts dergleichen, sogar nichts, was Zoras in einem beliebigen Szenario hätte vorhersehen können. Ein Schatten fegte bei dem sonst wolkenlosen Himmel über ihm hinweg, ein viel zu großer Schatten, der auch die anderen Soldaten aufscheuchte. Schreie kamen auf, aber dieses Mal waren sie nicht mörderischer Natur, dieses Mal waren sie von Grauen durchsetzt, als sie in den Himmel sahen. Und Zoras tat es ihnen gleich.
      In der Form des flammenden Vogels jagte Kassandra über die Armee hinweg dahin und obwohl sie noch nichts getan hatte, obwohl sie allein ihre Schwingen ausgebreitet hatte und dahinsegelte, war der Effekt doch gleich zu bemerken. Die königlichen Soldaten verloren an ihrer Kampfeslust, stoben auseinander, boten den luorischen Einheiten die besten Schwachstellen und verloren ihre eigene Formation. Zoras’ Front stärkte sich, schob sich nach vorne und gewann Boden. Der Einfall in seine Flanke wurde restlos ausgemerzt.
      Zorn flammte in ihm auf, Wut, die er nicht empfinden wollte, die er nicht gegen seine Geliebte richten wollte, wenn er doch eigentlich glücklich über ihre Präsenz hätte sein sollen. Aber genau das, was sich gerade abspielte, war der Grund dafür gewesen, weshalb sie sich nicht einmischen sollte, weshalb er sie nicht auf das Schlachtfeld bringen wollte, weshalb er darauf gehofft hatte, dass sich alles ohne ihre Hilfe so ergeben würde. Die gegnerische Armee verlor ihren Mut und wenn sie ihn nicht schnellstens wieder bekam, würde er noch gewinnen. Wie sollte er da noch eine Niederlage rechtfertigen?
      Er zügelte Ischgyll, der bereits die Ohren anlegte und nervös tänzelte, während die umstehenden Einheiten schon längst reißaus nahmen. Er hatte den Kopf noch immer in den Nacken gelegt und überlegte, Kassandra bewusst wegzuschicken, bevor es noch ganz schiefgehen würde, als sie im Sinkflug schon zu ihm herunter kam. Die Form des Vogels verlor sich bereits, noch ehe sie nah genug heruntergekommen war, und dann stieg Kassandra aus ihren Flammen heraus, eine dunkle, erhabene Göttin, die allein mit ihrer Präsenz den entstandenen Platz auszufüllen vermochte.
      Eigentlich hätte Zoras sich ihr gerne gestellt, sie nach ihrem Auftreten gefragt, hoffentlich das Missverständnis geklärt, weshalb sie überhaupt hergekommen war, aber er kam nicht dazu, als Ischgyll noch nervöser wurde, als er den riesigen Kopf herumwarf, schnaubte und mit den Hufen aufstampfte, so fest, dass selbst Zoras es spüren konnte. Er versuchte, den Hengst unter Kontrolle zu bringen, hielt die Zügel eng und streichelte ihm über den Hals, murmelte sinnlose Wörter, die den einzigen Zweck hatten, dem Tier ein vertrautes Geräusch zu geben, aber alles brachte nichts, als Ischgyll sich bald sogar aufbäumen und Zoras nach einigen weiteren Versuchen selbst absprang, bevor er noch den Hufen zum Opfer fallen würde. Verwirrt und jetzt auch noch pferdlos, kam er auf Kassandra zu, die sich ihm selbst näherte, ihre Waffe kampfbereit gezückt.
      Kassandra? Was soll das, was ist los? Was hast du -
      Er brach ab, als er selbst den Meteorit am Himmel sah, oder eher den glühenden Stern, der auf sie zu zu kommen schien. Das war es also, weshalb die Phönixin hergekommen war, aber irgendwie schien ihm das doch nicht sehr einleuchtend zu sein.
      Kam der Stern etwa geradewegs auf sie zu…?
      Zoras hatte gerade noch Zeit zu begreifen, dass das Himmelsgeschoss tatsächlich geradewegs auf den kleinen Platz zuhielt, der sich durch Kassandra um sie herum gebildet hatte, als selbige schon vor ihm stand und ihre Waffe ausrichtete. Er rief noch einmal ihren Namen, aber wie schon davor reagierte sie nicht auf ihn und als die Hitze schon gleißend und unerträglich wurde, ging die Welt in einer grellen Lichtexplosion auf und Zoras musste das Gesicht abwenden. Er hielt das Schwert hoch, mehr aus Reflex als aus irgendeinem Erfolgsziel, und zwang sich dazu, die Helligkeit wegzublinzeln, bevor sie wieder verschwunden war. Als es endlich wieder vorbei war, richtete er seinen Blick sofort wieder auf Kassandra.

      Ein Mann stand vor ihr, ein großer, schlanker, in eine graue Rüstung gekleideter Mann, der genauso wenig Menschliches an sich hatte wie Kassandra in ihrer tiefschwarzen Tracht. So wie auch sie hatte er eine Waffe und spätestens bei der Tatsache, dass beide Waffen gegeneinander drückten und keiner von beiden nachzugeben schien, geschweige denn auf ihre Kräfte verzichten wollten, ließ darauf schließen, dass er tatsächlich kein Mensch war - was noch lange keine Antwort darauf gab, was er denn war, weshalb er hier war und weshalb Kassandra gekommen war. Für den Moment konnte Zoras aber nichts anderes tun, als zuzuhören.
      Der Name Telandir kam ihm merkwürdig bekannt vor, aber erst, als er die ernstgemeinte Überraschung in Kassandras Stimme heraushörte, erinnerte er sich, von Telandir als dem anderen Phönix gehört zu haben, der auf der Erde wandeln sollte. Seine Augen weiteten sich ein wenig bei der Erkenntnis, was sich hier gerade abspielen mochte. Seit hunderttausenden von Jahren war Kassandra schon allein gewesen, nicht sicher darüber, ob tatsächlich einer ihrer Brüder oder Schwestern auf der Erde waren, und plötzlich stand einer vor ihr, ganz unmittelbar und ohne jegliche Warnung. Und kreuzte die Waffen mit ihr. Wenn Zoras bisher noch verwirrt gewesen war, war er jetzt regelrecht ratlos.
      Telandir gefiel ihm nicht. Ihm gefiel nicht, mit welchem Blick er Kassandra betrachtete und wie er von Zoras sprach. Ihm gefiel nicht, wie er nur Verwirrung stiften zu versuchen schien und dabei auch noch Erfolg hatte. Ihm gefiel nicht, dass er die Waffe gegen seine Phönixin erhoben hatte. Es gab nichts bei dem anderen Phönix, das ihm in irgendeiner Weise zugesagt hätte.
      Er wollte gerade seinen eigenen Beitrag zu dieser merkwürdigen Unterhaltung leisten, da verschwanden die beiden Götter vor seinen Augen und tauchten einen Moment später weiter rechts von ihm auf. Ein Luftzug streifte ihn, der einzige Beweis, dass er sich gerade nichts eingebildet hatte und dass es tatsächlich Götter waren, die sich hier bewegten. Aber erst, als Kassandra sprach, wurde ihm bewusst, dass das ein Angriff hätte sein sollen. Er wusste, dass er gegen ein göttliches Wesen niemals ankäme, nicht einmal nach den wenigen Übungsstunden mit Kassandra, aber damit hatte er auch nicht gerechnet. Er hatte nicht nur keinerlei Chance gegen diese Kreatur, er hätte noch nicht einmal bemerkt, dass er gestorben war.
      Die stechend grünen Augen des Phönix legten sich jetzt auf Zoras und wo vorher noch eine Zartheit für Kassandra Platz gefunden hatte, war jetzt ein kaltes Feuer, das sich in Zoras hinein brannte. Telandir hasste ihn und dafür hasste Zoras ihn zurück.
      Du hast kein Mitspracherecht in dieser Angelegenheit! Verzieh dich dorthin, woher du gekommen bist!
      Kassandras Reaktion war der Beweis dafür, dass sie es genauso zu sehen schien. Obwohl der Mann ihr Artgenosse war, war sie alles andere als glücklich, ihn zu sehen.
      Telandir forderte auch ihre Essenz ein und dafür schnaubte Zoras nur.
      Einen Scheiß werde ich.
      Er wurde in seiner Aussage von Kassandra unterstützt.
      Aber dann wandte sich das Blatt schlagartig und was ein unüberwindbarer Angriff der Phönixin hätte sein müssen, wurde von Telandir geblockt und entgegnet, als gäbe es nichts leichteres auf der Welt. Mit ansteigendem Grauen musste Zoras beobachten, wie die schöne Waffe der Phönixin aus ihrer Hand fiel und er sie ruckartig in seine Gewalt nahm. Was vorhin noch ein Anflug von Zorn gewesen war, explodierte jetzt regelrecht, als er beobachtete, wie die Kreatur ihre Waffe an Kassandras Wange presste und sie an sich drückte. Er war ihr zu nahe, viel zu nahe, und als er sich auch noch nach vorne beugte, um ihr Worte ins Ohr zu flüstern, die Zoras nicht hören konnte, glaubte er, dass er den Untergang der Welt gerade am eigenen Leib miterlebte. Er konnte nichts dagegen tun, er hätte kaum die Waffe heben können und der Phönix könnte ihn schon durchstechen. Aber das war ihm um ein tausendfaches lieber, als einfach nur dazustehen und zu beobachten, wie er sich Kassandra bemächtigte. Jedes einzelne Wort, das ihm dabei über die Lippen fiel, versetzte Zoras auf eine weitere Stufe der Rage, bis er unverfroren die Schwertspitze auf den Phönix richtete.
      Deine Kassandra? Sie ist nicht dein, sie ist niemandes! Und genauso wenig ist ihre Amulett jemandes, außer ihr selbst!
      Er verstand den Sinn nicht. Er verstand nicht, weshalb Telandir augenscheinlich gekommen war, um Kassandras Essenz zu beschlagnahmen, wenn er doch froh sein müsste, dass sie sie wiederbekam. Hatte Telandir seine eigene Essenz noch? Wenn ja, wäre er dann nicht in einer anderen Form hier? Was hatte das ganze also zu bedeuten?
      Er kannte die Antworten darauf nicht und Kassandra womöglich auch nicht, die sich noch immer mit ihrem ganzen Sein gegen ihn stemmte. Es wäre möglich, ihr ihre Essenz zuzuwerfen. Es wäre dabei aber auch möglich, dass Telandir sie sich zuerst schnappte.
      Das bewies schon der nächste Angriff, der wieder so schnell vonstatten ging, dass Zoras es gar nicht mitbekam. Er spürte den Lufthauch, er sah die Götter verschwinden, er hörte das Krachen von Waffen, aber alles verlief so schnell, dass er kaum einen Atemzug getan hatte, als beide schon wieder auftauchten. Was sich ihm dann allerdings präsentierte, war um ein tausendfaches schlimmer als der Schmerz, der ihm dabei durch die Brust schoss.
      Telandir hatte einen Treffer gelandet, aber so präzise, dass es nicht einmal für überirdische Verhältnisse hätte gerecht sein müssen. Sein Speer ragte aus ihrer Brust und während er ihn langsam anhob, ging auch Kassandra mit nach oben, wie ein aufgespießtes Stück Fleisch. Zoras vergaß zu atmen, als er beobachtete, wie sich ihr Blut auf die Waffe und den Boden ergoss, ihr Kopf gesenkt, fast so, als würde sie sich vor Telandir verneigen. Er konnte nicht begreifen, wie es so schnell hatte gehen können. Er konnte nicht begreifen, dass ein derartiger Anblick auf seine Geliebte, auf seine Göttin möglich war. Er konnte nicht begreifen, dass Kassandra unterliegen konnte.
      Kassandra..?!
      Langsam, wie ein zerbrechlicher Gegenstand, wurde sie abgelassen und auf dem Boden abgesetzt. Ihre Beine knickten ein. Blut quoll aus ihrem Mund. Ihre Haare klebten an dem nassen Speer und irgendwie fixierte er sich so auf diesen Anblick, dass ihre sonst so makellosen Haare von Blut getränkt wurden. Von ihrem Blut. Von ihrem Herzensblut.
      Kassandra!
      Er wollte sich in Bewegung setzen, wollte Telandir vernichten, wollte den Speer aus ihrer Brust reißen und das Loch verschließen. Er wollte das Blut wegwischen, sie in den Arm nehmen, zurück ins Lager tragen und waschen, die dumpfsinnige Routine ihres Waschvorgangs wiederholen, bei der er sich vor ihr hinkniete und sie wusch, trotz ihres Standes oder vielleicht auch gerade deswegen. Er wollte eine dumme Unterhaltung mit ihr darüber führen, was er alles bei ihr durfte und was nicht und wieso es sich nicht zierte, dass sie das gleiche für ihn tat und er wollte sie danach ins Bett tragen und nie wieder loslassen. Er wollte ihre Wunde verbinden und dann wollte er, dass sie gemeinsam die nächsten Wochen, oder auch Monate in seinem Zelt verbrachten, bis die Wunde verschlossen war, und sie nachhause reiten könnten. Er wollte all das und viel mehr tun, aber hauptsächlich wollte er, dass diese ganze Szenerie aufhörte, dass das Blut - Kassandras Blut - verschwand und sie in die Normalität zurückkehren könnten. Er wollte, dass Telandir zu Asche verpuffte und diese Asche über der Welt verteilt wurde, damit niemand auch nur einen Staubkorn von ihm mehr zu Gesicht bekommen würde. All das wollte er.
      Und nichts davon war möglich, nicht so, wie Kassandra auf dem Boden kniete. Er konnte noch nicht einmal zu ihr. Wäre er auch nur in die Nähe gekommen, hätte Telandir ihn sicher aufgespießt, bevor er auch nur denken konnte.
      Sie tauschten wieder Wörter aus, aber dieses Mal konnte Zoras zuhören, der sich noch immer nicht gerührt hatte. Er verstand noch immer nicht ganz, musste sich von dem Anblick der Phönixin ein wenig distanzieren, um nicht gleich den Verstand zu verlieren, als der Phönix sich aufrichtete und auf ihn zugeschlendert kam. Sein eigenes Schwert war völlig nutzlos, wie ihm auffiel, aber es war das einzige, das ihm blieb. Wenn es nötig war, würde er gegen den Phönix kämpfen, um seine Liebe zu retten.
      Du hast eine letzte Chance dich dorthin zu verziehen, woher du gekommen bist”, knurrte Zoras, vollkommen darüber im Klaren, dass es mehr als leere Worte waren. Er richtete sogar sein Schwert nach Telandir aus, auch wenn er dabei dennoch einen Schritt zurückwich. Sein Instinkt schrie ihn geradezu danach an, diesem Wesen nicht noch näher zu kommen, aber er hielt sich an Ort und Stelle fest, bevor es bereits zu spät war. Wieder sah er es nicht kommen und tatsächlich hatte er nicht den Hauch einer Chance, als sich eisenfeste Finger um seinen Hals schlossen und er überrascht nach Luft schnappte. Er hatte sein Schwert bei dem plötzlichen Ruck verloren, schlug jetzt aber die behandschuhten Finger in den Arm des Phönix, der so fest war, als wäre er selbst aus Eisen gemacht. Fern konnte er die andere Hand an seiner Brustplatte spüren und dann tauchte mit einem Mal eine Hitze auf, die sich sekündlich so weit vergrößerte, dass es nur wenige Herzschläge benötigte, bevor Zoras glaubte, dass ein Ofen um ihn errichtet worden war. Er biss die Zähne zusammen, riss an dem Arm, kratzte über die Rüstung des anderen, trat nach ihm, stemmte sich gegen ihn und alles, während die Hitze übermenschlich wurde, während sie nicht nur seine Brust ergriff, sondern auch seine Arme davor und seinen Kopf. Er wollte nicht schreien, er durfte nicht schreien, er konnte nicht schreien, für Kassandra nicht und erst recht nicht für Telandir, der keine solche Befriedigung erhalten sollte, aber es dauerte nur wenige weitere Sekunden, als ihn ein solcher sengender Schmerz an seiner Brust erreichte, dass er aufbrüllte und sämtliche anderen Gedanken vergaß. Es fühlte sich an, als würde ihm die Haut selbst weggebrannt, als würde sich ein glühender Dolch durch seine Brust schieben und sich hin und her drehen, um möglichst viel Fleisch zu erwischen. Der Schmerz war übermenschlich. Was ihm an bewusstem Willen geblieben war, verwandelte sich in primitive Überlebensangst, als er sich gegen den Griff des Phönix warf, als er nach seinen Augen zu kratzen versuchte, als er ihm mit der schieren Kraft seiner gemeinsamen Arme das Handgelenk zu brechen versuchte. Er stemmte sich so weit hinten, wie es nur möglich war, und dennoch nahm der Schmerz nur zu, erfüllte beinahe seinen gesamten Oberkörper und ließ sämtliche anderen Eindrücke im Nichts verschwinden. Es gab nichts mehr außer ihm und dem glühenden Dolch in seiner Brust, der seine Muskelmasse zerschnitt. Nichts außer einem sengenden Schmerz, der stark genug war, dass Zoras drohte, sich die Stimmbänder mit seinem Gebrüll zu zerreißen. Es dauerte eine Ewigkeit an. Es gab nichts mehr außer ihn und den Schmerz, der ihn in aller Unendlichkeit plagte.
      Dann war es vorbei, aber Zoras merkte es nur daran, dass er plötzlich mit einem dumpfen Schlag auf den Kopf zu Boden ging. In seiner Brust explodierte es, kalte Luft traf auf heißes Fleisch und abgebrannte Nervenenden. Sein Geschrei erstarb, als ihm der Atem dafür ausging und als die Welt ins Schwarze abfiel, als der Schmerz zu einem erträglichen Hintergrundstechen wurde. Aber als er den Griff zur Realität verlor, als alles vor ihm verschwamm und er abzutauchen drohte, schob sich ein kleiner, letzter Gedanke in sein sonst leergefegtes Gehirn und er zwang die Augen auf. Er drehte sich, auch wenn es ihm Höllenqualen bereitete, auch wenn er noch einmal geschrien hätte, wenn er die Kraft dazu hätte aufwenden können. Schemenhaft konnte er erkennen, wie der Phönix - er hatte kurzerhand seinen Namen vergessen - seine Phönixin aufnahm, Kassandra, seine Göttin, seine Phönixin, seine Geliebte, seine Haria. Er streckte den Arm nach ihr aus, spreizte die Finger, versuchte sie zu ergreifen, auch wenn er nicht bemerkte, dass sie viel zu weit dafür entfernt war. Er wollte ihren Namen rufen, aber heraus kam nur ein Röcheln, als der Phönix zu ihm und an ihm vorbei ging. Sein Handschuh streifte dessen Stiefel, aber seine Finger krümmten sich viel zu spät, als dass er ihn hätte festhalten können. Kassandra verschwand aus seinem Blickfeld. Im einen Augenblick war sie noch da gewesen, im nächsten war sie verschwunden und nicht einmal sein unsterblicher Wille, sie zurück zu sich zu führen, ließ sie wieder auftauchen. Sie war weg.
      Er fiel in sich zusammen und dann versank die Welt vor ihm.
    • Niemand ließ ihn verbluten. Niemand enthauptete ihn. Niemand verbrannte ihn. Niemand erdrosselte ihn. Als Zoras wieder aufwachte, hatte ihn niemand umgebracht. Als er aufwachte, lebte er und er glaubte, dass er in der Hölle lebte.
      Es dauerte lange, bis die Schmerzen so weit zurückgingen, dass er klare Gedanken fassen konnte. Noch länger dauerte es, bis die ersten Erinnerungen an die vorherige Zeit zurückkamen und wenn sie das taten, wenn er an Kassandra dachte und an das viele Blut, wie sie vor Telandir auf dem Boden kniete und er sie berührte, kniff Zoras die Augen zusammen und verschwand zurück in seiner Schwärze. Seine beruhigende, heilende Schwärze. In der Unendlichkeit existierte er nicht, niemand konnte ihm etwas anhaben, nicht einmal die Erinnerung an seine verlorene Phönixin.
      In der Unendlichkeit war er sicher.
      Seine Sicherheit endete mit einem Schlag, als ihn ein eiskalter Schauer erwischte und ihn jäh hervorriss. Er prustete, schlug die Augen auf und nahm einen tiefen Atemzug, der so sehr in seiner Brust schmerzte, dass er ihn beinahe wieder weg befördert hätte, wenn da nicht der zweite Eimer Wasser über ihm ausgeleert würde. Er prustete wieder, röchelte und zog an Armen, die sich nicht bewegen ließen. Sein Herz schlug Sprünge und als sein Blick sich halbwegs geklärt hatte, starrte er auf einen Mann in weißem Kittel, der ihn kritisch musterte.
      “Auch endlich wach?”
      Zoras blinzelte ihn an, dann sah er an sich hinunter. Seine Brust war von einem Verband verdeckt, unter dem noch Reste von einer ominösen Salbe hervorlugten. Er stank nach Kräutern und Gebäck, wie er fand. Bei dem Gedanken zog sein Magen sich zusammen. Seine Arme und Beine waren an eine Liege gefesselt.
      Der Mann klapste ihm gegen die Wange und zwang ihn dazu, wieder aufzusehen. Dann hielt er ihm eine Fackel direkt vors Gesicht und Zoras zuckte ächzend zurück. Hinter seinen Augen explodierten die Kopfschmerzen.
      “Ja, er ist wach.”
      Er versuchte sich noch einmal zu bewegen, aber die Fesseln waren stramm. Sein Rücken schmerzte, seine Brust schmerzte, sein Kopf schmerzte. Eigentlich tat ihm alles weh, aber er war noch zu weggetreten, um sich darüber vollständig Gedanken zu machen.
      Wo…
      Er musste sich räuspern, als seine kratzige Stimme ihm versagte. Das Wasser auf seiner Brust war kalt und gleichzeitig heiß.
      Wo bin ich?
      Der Mann verschwand kurz aus seinem Blickfeld, er hörte Geräusche im Hintergrund, dann kam er wieder.
      “Im Verlies, Luor. Aber Seine Majestät möchte dich sehen, er wird langsam ungeduldig.”
      Langsam ungeduldig…?
      Er verstand den Sinn der Worte, konnte ihn aber noch nicht recht zuordnen. Der Mann lächelte kalt.
      “Du warst fünf Tage weg. Wir mussten ganz schön um dich kämpfen, das hat eine Menge Zeit gekostet. Seine Majestät ist nicht sehr von geduldiger Art, wie du bestimmt weißt.”
      Das wusste Zoras, irgendwie wusste er das. Er leckte sich über die Lippen, die aufgerissen und völlig trocken waren.
      Was mache ich hier?Ich sollte tot sein.
      “Das werde ich dir nicht beantworten, ich bin nur der Heiler. Wir werden uns wahrscheinlich zum letzten Mal sehen. Es war mir kein Vergnügen.”
      Darauf wusste Zoras nicht recht zu antworten. Er musste auch gar nicht, als erneute Geräusche laut wurden und zwei Soldaten in seinem Blickfeld auftauchten. Sie lösten seine Fesseln, nur um ihn dann so unwirsch zu packen, dass er grunzte, als er von der Liege rutschte. Seine Beine gaben augenblicklich nach und sie mussten ihn unter den Achseln packen, um ihn weiterzuschleifen. Seiner explodierenden Brust gefiel das gar nicht, genauso wenig wie seinen nachschleifenden Füßen, die man von ihren Schuhen befreit hatte. Er zappelte auf ihrem unbarmherzigen Weg durch ein finsteres Loch, in dem er sich nicht auskannte, und dann schaffte er es endlich, sich halbwegs aufzustellen und selbst zu laufen.
      Sie verließen das Verlies. Draußen erwartete ihn helles Tageslicht und ein solch gleißendes Licht, dass er zurückzuckte und dafür gleich wieder vorangetrieben wurde. Eine Garde wartete auf sie, die allerdings das königliche Wappen trug und die Visiere heruntergeklappt hatte. Keiner reagierte auf ihn, nicht auf seine Geräusche, nicht auf die Fragen, die er stellte oder Kommentare, die er von sich gab. Sie schoben ihn weiter durch Gänge, die ihm bekannt genug waren, dass er den Weg selbst hätte finden können, wenn seine Beine stark genug gewesen wären, um ihn auch zu tragen. So stützte er sich auf seine beiden Begleiter und ließ sich größtenteils voranschleifen.
      Sie erreichten den Thronsaal. Die Wachen salutierten nicht. Sie kündigten ihn an, aber nicht, indem sie die Flügeltüren aufstießen und seinen Namen, sowie seine Titel in den Raum brüllten. Einer von ihnen schlüpfte lautlos in den Saal hinein, der andere stellte sich vor den Spalt und sah genauso unnahbar aus wie der Rest der Truppe, die Zoras umzingelte. Dann warteten sie.
      Je länger sie dort draußen in der Kälte, die Zoras am ganzen Leib spürte, standen, desto klarer wurden seine Gedanken. Er hatte Hunger und Durst. Er wusste nicht, was nach seiner Bewusstlosigkeit geschehen war. Er hätte sterben müssen, aber aus irgendeinem Grund war er noch am Leben. Kassandra war verschwunden. Telandir hatte sie und ihre Essenz weggenommen. Zoras hatte keine Ahnung, wo sie war oder was überhaupt vorgefallen war. Er wusste gar nichts.
      Er wusste nur, dass man ihn ins Verlies gesteckt hatte. Also war der Aufstand zerbrochen, aber das erklärte nicht, weshalb er noch am Leben war. Es war schließlich nicht so, als würde der König besondere Gefühle für ihn hegen oder sowas.
      Die Tür ging nach einer Weile wieder auf und dann blieb sie offen, während Zoras hinein geschoben wurde. Er blinzelte gegen die neue Helligkeit, dann ließ er sich durch den gewaltigen Raum nach vorne schleifen.
      Feris saß auf seinem Thron, so wie immer, so als wäre nichts geschehen, als wäre kein Jahr zwischen dem jetzigen Moment und dem letzten Tag vergangen, an dem Zoras dort gewesen war. Der Junge war jetzt 18 und zu Zoras kleinem Erstaunen, hatte er die ersten Auswüchse eines Bartes erhalten, der zwar noch große Kahlstellen aufwies und dessen Härchen mickrig klein waren, aber die doch immerhin ein Beweis seines Wachstums waren. Fast war Zoras ein bisschen stolz auf ihn. Nur fast.
      Das Gefühl verebbte spätestens dann, als er vor den Stufen des Throns zu Boden gestoßen wurde. Unvorbereitet auf die plötzlich ruppige Art, fing er sich nicht rechtzeitig auf und fiel auf die Brust, die in einem Vulkan aus Schmerzen überschwappte. Er schrie auf, ein Geräusch, das durch die Länge des Saales hallte, und dann schlossen sich Hände um seine Oberarme, die ihn in eine kniende Position zogen, wo er sich krümmte, anstatt sich auf dem Boden zu krümmen. Seine Brust pulsierte. Er kämpfte mit der Übelkeit, weil er sich nicht vor dem Thron übergeben wollte, weil ihm etwas sagte, dass das genau die schlechteste Idee war, die er umsetzen konnte, dann riss eine Hand seinen Kopf nach hinten und er schaute unweigerlich zu Feris auf. Aus dieser knienden Position, genau vor den Stufen, schaffte der Junge es, sogar ein wenig herrschaftlich auszusehen. Er war noch immer schmächtig, aber Zoras könnte schwören, dass seine Schultern ein wenig breiter geworden waren und dass er unter seinem ausschweifenden Gewand nicht mehr ganz so verloren wirkte.
      “Wo ist sie?”
      Zoras stöhnte. Er wusste schon jetzt, dass ihm nicht gefiel, wie alle nur in Stücken redeten. Wie wäre es einmal mit “Hallo Zoras, geht es dir gut? Ich habe eine Frage”? Stattdessen hatte er noch immer keine Ahnung, was vor sich ging.
      Wo ist wer…?
      Feris verdrehte die Augen in gar theatralischer Weise, die irgendwie lächerlich wirkte. Zoras hatte aber keine Zeit, sich dazu weiter Gedanken zu machen, denn ein Schwertknauf traf ihn in den Rücken und hätte ihn beinahe wieder nach vorne geworfen, was er nicht noch einmal überlebt hätte. Er ächzte angestrengt.
      “Wer wohl? Ist mit ihm auch wirklich alles in Ordnung?”
      Er wandte sich einem seiner Berater zu und ein Stich durchfuhr Zoras bei der kühlen Art, mit der er ihn behandelte. Er behandelte ihn nicht anders als sonst auch, aber irgendwie hätte er sich erhofft, dass der König beim Anblick eines hoffentlich alten Freundes in seinem Zustand etwas einfühlsamer gewesen wäre. Da hatte er sich wohl getäuscht.
      Der Berater schien das zu bestätigen, denn er wandte sich nach einer kurzen Unterredung wieder Zoras zu.
      “Wo ist Kassandra?”
      Überrascht zog er beide Augenbrauen hoch.
      Kassandra? Ich weiß es nicht. Woher soll ich das auch wi-
      Der Schwertknauf traf ihn erneut und diesmal so hart, dass er seinen verbliebenen Atem aus seiner Lunge stieß. Zoras krümmte sich erneut, dann waren die Hände wieder da und zogen ihn gerade und da überkam ihn der erste Zorn. Was sollte das? Woher sollte er es denn wissen? Und warum war er noch immer am Leben?
      “Ich frage noch einmal. Wo ist Kassandra?”
      Ich weiß es nicht.
      “Aber du hattest ihre Essenz, du weißt es.”
      Ich habe sie nicht mehr, sonst hättest du sie doch schon längst -
      Wieder wurde er unterbrochen, diesmal von einem Schlag an seinen Kopf, der ihn zur Seite fallen ließ, gefolgt von einem geblafften: “Sprich deinen König gefälligst mit Respekt an!”
      Diesmal stieg der Zorn an, überstieg sogar den Schmerz in seinem Kopf, der ihn schwindelig machte, als er sich wieder nach oben kämpfte, als er sein Stöhnen unterdrückte und sich von selbst aufsetzte. Das war genug, jetzt war es ihm genug mit dieser Geheimnistuerei. Er wollte wissen, was das Ganze zu bedeuten hatte.
      Ich weiß es wirklich nicht, Eure Majestät, ich habe keine Ahnung wo sie ist, ich habe keine Ahnung wo sie sein könnte, ich weiß nichts. Und jetzt beantwortet Ihr mir eine Frage: Wieso lebe ich noch? Wieso bin ich nicht tot? Habe ich die Schlacht etwa nicht verloren, haben die königlichen Truppen etwa nicht gesiegt? Wieso lebe ich noch, Feris?! Du hattest eine Aufgabe, einen Job, nur eine Sache, du hättest mich enthaupten sollen, du hättest mich als Anführer des Aufstands niederschlagen und -
      Der Schwertknauf kam erneut, aber diesmal waren es alle beide und sie hörten auch nicht auf. Die Soldaten schlugen in solcher rapider Abfolge auf ihn ein, dass Zoras die Luft wegblieb und er sich vor ihren Schwertern zu ducken versuchte, was nur darin endete, dass er auf den Boden fiel und seine Brust erneut explodierte. Er keuchte und schwindelte. Sein Kopf fühlte sich an wie Brei, sein ganzer Körper erzuckte in Höllenqualen unter der Tortur und als es schließlich vorbei war, als die Soldaten sich schließlich wieder aufrichteten, war er knapp davor, wieder in seine gesegnete Schwärze abzudriften. Die Stimmen drangen bereits gedämpft zu ihm durch und er konnte nur Bruchstücke davon ausmachen.
      “... weiß, dass du wissen musst, wo…”
      “... und wenn es das letzte sein wird…”
      “... der Aufstand ist noch nicht beendet…”
      “... du dafür verantwortlich…”
      “... aus dir herausbekommen…”
      Er spürte undeutlich die Hände, die nach ihm griffen und dann, wie er fortgezogen wurde. Ihm schwindelte noch immer und als er dann die Augen schloss, weil er schließlich keinen König mehr anzusehen brauchte, driftete er endlich in seine Sicherheit ab.

      Ganz anscheinend hielt man Zoras wirklich nicht nur im Verlies, weil man ihn unter Aufsicht haben wollte, sondern, damit er verraten konnte, wo Kassandra sich befand. Er wusste nicht, wer auf die Idee gekommen war, dass er es wissen könnte, aber das schien keine Rolle zu spielen. Was eine Rolle spielte, war, dass er Bekanntschaft mit dem Kerkermeister machen durfte.
      Der Mann war nicht gerade hoch gewachsen, ein wenig schmächtig, ein wenig bleich im Gesicht, aber er war Meister in seiner Kunst. Erst lernte Zoras ihn zu verachten, dann lernte er ihn zu hassen und schließlich lernte er ihn mit jeder Faser seines Körpers zu fürchten. Anfangs war es noch recht lästig gewesen, eine einfache Qual, der er sich unterziehen musste, aber als er darauf beharrte, nichts zu wissen, zog der Mann andere Geschütze auf. Und das jedes Mal. Zoras hatte niemals gewusst, was Schmerzen waren, bis er auf ihn gestoßen war. Er lernte von ihm, dass jeder Fleck seines Körpers Schmerzen verursachen konnte und dass es ein Segen war, den Schmerz einschätzen zu können. Er lernte von ihm, dass jedes Instrument, und sei es noch so divers, Schmerzen zufügen konnte. Er lernte von ihm, dass der Angriff des Phönixes nur ein Vorgeschmack darauf gewesen war, was er danach kennenlernen durfte.
      Seine Zelle war unter der Erde. Er hatte kein Licht bis auf das ferne Licht vom Gang, das hereinfiel, wenn das Essen durch die Klappe geschoben wurde. Niemand redete mit ihm, niemand außer dem Kerkermeister, der ihn immer und immer wieder fragte, wo Kassandra sei. Zoras hatte schon alles versucht, er hatte ihm erklärt, weshalb er es nicht wissen konnte, er hatte ihm vorgelogen, wo sie sein konnte, wo sie ganz sicher war, er hatte darauf beharrt, es nicht zu wissen. Er hatte ihn angeschrien, ihn verflucht, seine Blutlinie verflucht, ihn um Gnade angefleht, um Erbarmen, er hatte geweint, er hatte geschrien. Es kam dann stets nur ein lasches “Oh, Zoras” von dem Mann und dann wusste Zoras, dass es weiterging. Er sprach nie andere Worte, aber Zoras glaubte, bei ihm seinen gesamten Wortschatz aufzubrauchen.
      Wenn er nicht behandelt wurde, saß Zoras in seiner Zelle. Er hatte eine Ecke für sein Geschäft und eine Ecke für den Schlaf, er hatte die Tür und das war’s. Der Raum war in jede Richtung drei Schritte weit und war hoch genug, dass er mit den Händen nicht zur Decke kam. Er hörte nichts und er sah nichts. Manchmal kam das Essen und manchmal kam der Kerkermeister, ansonsten herrschte gähnendes Nichts.
      Er dachte an Kassandra. Manchmal dachte er an sie, während er sich von der Behandlung krümmte, während der kalte Steinboden so sehr seine Muskeln strapazierte, dass er keinen Schlaf fand und stattdessen zitternd auf dem Boden lag. Manchmal dachte er an sie, wenn er jegliches Gefühl für die Realität verloren hatte und sich an das letzte bisschen Verstand klammerte, das ihm blieb.
      Auch hier hatte er schon alles versucht, vom Hämmern gegen die Tür zum Schreien, zum Weinen, zum Bitten, zum Flehen. Er hatte den winzigen Raum bis zum letzten Kiesel abgesucht, hatte sämtliche Steine abgetastet und hatte dann wieder von vorne angefangen, nur damit er jetzt, eine unbekannte Zeit später, jeden einzelnen Fleck kannte. Er weinte viel. Manchmal saß er auch einfach nur da und dachte an gar nichts. Fast waren das die schlimmsten Momente.
      Kassandra tauchte nicht auf, egal wie viel er an sie dachte, egal wie sehr er sie zu sich beorderte. Er hatte schon angestrengt darüber nachgedacht, ob er nicht doch wusste, wo sie zu finden wäre, ob er nicht eine Idee hatte, ob er es nicht in dem ganzen Trubel vergessen hatte. Ob er ihr Amulett nicht noch hatte. Ob es nicht irgendeinen Hinweis gab, den er weiterreichen könnte, damit die Qual endlich ein Ende hatte. Er wusste gar nichts. Sein Gedächtnis zeigte deutliche Lücken auf, aber die hätte er nicht wiederherstellen können.
      Manchmal, wenn er besonders nahe daran war, den Verstand zu verlieren, sang er. Es gab nicht viel, an was er sich von Kassandra gut erinnerte, bis auf den Sommertag, bis auf das Licht auf ihrem Körper, bis auf ihr Lächeln, bis auf die letzten Momente mit ihr zusammen - aber das Lied, um das er sie gebeten hatte, das hatte er nicht vergessen. Er konnte nicht mehr alles vom Text, aber wenn er von seinen Schmerzen dem Wahnsinn verfallen war, wenn er sich auf dem kalten Steinboden vor und zurück wiegte, weil ihn das irgendwie bei Laune hielt, weil es verhinderte, dass er sich die Fingernägel blutig kratzte oder die Kehle heiser schrie, sang er.
      Es interessiert mich nicht was morgen ist…
      Und ich leb mit der Gefahr…
      Es interessiert mich nicht was morgen ist…
      Und er stellte sich Kassandra vor, er stellte sie sich in ihrer wunderschönen, türkisen Tracht vor, wie sie Töne erschuf, die eigentlich zu heilig wären, um von menschlichen Ohren gehört zu werden. Manchmal weinte er dazu und stellte sich vor, dass es ihre Tränen waren, die da seine Haut streiften.
      Es gibt noch den Moment…
      Ich lass mich fallen…
      Es interessiert mich nicht…
      Manchmal flüsterte er auch einfach nur ihren Namen, um sich zu vergewissern, dass es noch ein reelles Wort war. Kassandra. Die Phönixin Kassandra. Seine Kassandra. Kassandra. Vielleicht existierte sie ja gar nicht. Vielleicht war sie nur ein Hirngespenst und irgendjemand wollte ihm glauben machen, dass sie real wäre. Manchmal glaubte er das, manchmal rollte er sich aber auch in seiner Schlafecke zusammen, presste die Stirn an den kalten Stein und betete zu allem, was ihm wichtig war.
      Bitte… Komm zurück… Kassandra… Ich bitte dich… Komm zu mir… Hilf mir…
      Manchmal bildete er sich in der Dunkelheit ein, ihr Amulett noch zu haben. Er küsste sein imaginäres Gut und legte sich dann damit in seiner Faust schlafen. In besonders klaren Momenten war ihm bewusst, wie verrückt er wurde.

      Er verbrachte eine Ewigkeit in dem Verlies. Irgendwann waren seine Gebete verstummt, irgendwann waren seine Tränen versiegt. Er versuchte sich an einem Hungerstreik und bekam dafür eine Tracht Prügel. Das war sein letzter Versuch, der Hölle zu entkommen.
      Er wusste nicht mehr, was Zeit war. Er wusste vieles nicht mehr, einschließlich den Grund, weshalb er hier war, denn Wörter hatten schon lange ihre Bedeutung verloren. Es gab noch Kassandra, aber sie würde nicht wiederkommen. Kassandra war weg. Irgendwann - er wusste nicht mehr wann - war er sich dessen bewusst geworden.
      Als die Zellentür sich da ein weiteres Mal öffnete, aber etwas daran anders war, begriff er es daher für den ersten Augenblick nicht. Es waren nicht die üblichen Wachen, die ihn abholten und vor denen er sich stets zu verstecken versuchte, als wären sie die Teufel persönlich. Diesmal war es nur eine Wache und vor ihrer gehetzten Art fürchtete er sich.
      Sie kam zu ihm geeilt, kniete sich vor ihm nieder und sprach Wörter, die er nicht verstand. Er zuckte vor ihr zurück und begann seine altgewohnte Leier, die er abspielte, ohne noch darüber nachzudenken.
      Ichweißesnicht, ichweißesnicht, ichweißesnicht…
      In dem fahlen Licht vom Gang sah er die Figur die Hand nach ihm ausstrecken und er zuckte erneut zurück. Die behandschuhten Finger legten sich um seinen ganzen Oberarm, wie er bemerkte, und dann zog die Figur an ihm. Sie riss ihn nicht hoch, sie schrie ihn nicht an, sie zog nur ein bisschen und murmelte dabei etwas. Zoras starrte sie unverständlich an. Schließlich riss sie ihn doch mehr oder weniger nach oben und er fügte sich seinem unausweichlichen Schicksal.
      Sie gingen nicht in den Folterraum. Sie gingen eigentlich in überhaupt keinen Raum, sondern gingen in die andere Richtung, immer nur den Gang entlang, immer nur den Fackeln folgend. Auf dem Boden lagen leblose Körper, wie Zoras bemerkte, und aus der Ferne drangen Geräusche, die etwas in ihm weckten, das längst verloren gegangen zu sein schien. Er stieß ein Wimmern aus, die Figur zog ihn weiter.
      Sie erreichten Treppen, die nach oben führten. Zoras wehrte sich, unsicher über die plötzliche Veränderung, verängstigt sogar. Die Figur drehte sich zu ihm um, sagte etwas und legte den Arm um ihn. Sanft zog sie ihn weiter. Zoras wehrte sich und beteuerte:
      Ichweißesnicht.
      Sie sagte noch etwas, dann zog sie den Helm ab und Zoras erkannte, dass er ihn kannte. Er wusste nicht woher, er kannte auch nicht seinen Namen, aber er kannte diesen Mann. Irgendwoher.
      Fasziniert starrte er den Mann mit den braunen Locken und dem älteren Gesicht an, während er noch etwas zu ihm sagte und ihm dann den Helm aufsetzte. Das Gewicht war vertraut, beinahe tröstlich. Der Mann klappte das Visier hinunter, dann zog er Zoras wieder weiter und diesmal fügte er sich.
      Sie kamen nach draußen und obwohl er das Visier trug, stach das Sonnenlicht so hell durch die Ritzen hinein, dass er aufstöhnte und sich abwandte. Das Licht war aber nicht das einzige, das ihn traf, denn kaum hatten sie die schwere Stahltür hinter sich gelassen, drang Lärm an seine Ohren. Er versuchte, sich die Ohren zuzuhalten, traf aber nur Eisen mit seinen Händen und wimmerte auf. Sein Begleiter rief etwas und zog ihn dann weiter, härter, unnachgiebiger. Zoras fügte sich.
      Sie eilten eine Weile durch eine unendliche, gleißende Landschaft, von der er nicht viel mitbekam außer dem Licht und den Geräuschen, die er bald als Kampfgeräusche identifiziert hatte. Ein Teil von ihm wurde von dem vertrauten Lärm geweckt, aber er war zu müde, zu erschöpft, um dem irgendwie nachzugehen. Blind und größtenteils taub stolperte er dem unbekannten Bekannten nach, der ihn durch die gleißende Landschaft zu führen vermochte.
      Irgendwann erreichten sie einen ruhigeren Ort. Die Welt verdunkelte sich und dann zog ihm jemand den Helm ab, sodass Zoras jetzt auch etwas sehen konnte. Jetzt starrten ihn drei Leute an und er musste enttäuscht feststellen, dass sein Bekannter nicht unter ihnen war. Diese drei kannte er auch, aber nicht so sehr wie den ersten.
      Sie sprachen wieder zu ihm und er verstand nicht. Irgendwann reichte ihm jemand eine Schüssel undefinierbarem Inhalts, die aber warm war und so köstlich roch, dass ihm bereits der Speichel im Mund zusammenlief. Er leerte sie auf einen Zug, stürzte auch das Wasser herunter, das man ihm reichte, und wiederholte das Prozedere zwei weitere Male, bis er vollgefressen zusammensank und sich auf dem himmlisch weichen Boden zusammenrollte. Er hörte die drei Figuren noch etwas sagen, dann war er tief und fest eingeschlafen.
      Es dauerte drei ganze Tage, bis er sich soweit erholt hatte, dass er wieder klare Gedanken fassen konnte. Sein Retter war niemand anderes als der Hauptmann seiner ehemaligen Garde gewesen und Zoras hatte vier Monate im Kerker zugebracht, obwohl er das selbst bezweifelte. In seiner Auffassung waren es Jahrtausende gewesen.
      Der Aufstand war nicht beendet, er hatte sich sogar vergrößert. Die Schlacht war einvernehmlich abgesagt worden, aber dann hatte sich ein Aufbegehren darüber erhoben, dass Zoras gefangen genommen worden war. Man hatte ihn befreien wollen und man hatte der Krone vorgeworfen, Schuld an Kassandras Entführung gehabt zu haben. Zoras war der Held, der sich einem Phönix entgegenzustellen versucht hatte und Feris war der Idiot, der ihn jetzt dafür bestrafen wollte.
      Der Aufstand war nicht beendet, er lief noch in vollen Zügen.
      Ryoran hatte seine Befreiung angetrieben und obwohl der Mann nicht vor Ort sein konnte - immerhin trug er jetzt das offizielle Amt des Herzogs und musste seine Truppen in die Schlacht führen - wollte er seinen Bruder wieder nach Hause holen. Sie hatten alles so schnell wie möglich vorbereitet und ganz anscheinend hatten sie nur Erfolg gehabt, weil der Aufstand sich auch auf die Königsstadt ausgebreitet hatte. Zoras hatte das Gegenteil davon erzielt, was er eigentlich gewollt hatte. Ganz Theriss hasste den König und wollte ihn auf dem Thron sehen.
      Man würde ihn über die Grenze nach Restaris bringen, weil das Land zu aufgewühlt war, um ungeschoren bis zum Herzogtum Luor zu gelangen, und dann würde man von Restaris aus den weiten Umweg bis nach Hevisien machen und von dort die Grenze überqueren. Ein halbes Jahr, nicht länger, versprach sein Hauptmann. Seine Familie wisse Bescheid.
      Zoras fügte sich sämtlichen Plänen, unfähig dazu, eigene Entscheidungen zu treffen. Er hatte drastisch abgenommen während seiner Gefangenschaft und das letzte Bisschen an Muskeln war dünnen Gelenken gewichen, die gerade mal stark genug waren, um ihn aufrecht zu halten. Er aß viel, aber das Gewicht kam langsam, zu langsam, um ihm bei seiner Flucht behilflich zu sein. Also musste er sich auf seine Eskorte verlassen.
      Sie setzten ihren Plan um und verfrachteten Zoras in einen Flüchtlingstransporter, der alle vom Krieg leidenden Zivilisten über die Grenze und in Sicherheit bringen sollte. Niemand erkannte Zoras, der gerademal genug Pflege betrieben hatte, um nicht zu stinken, der aber mit seinen eingefallenen Wangenknochen kaum wie der Pferdeherzog aussah, der er vor wenigen Monaten noch gewesen war. Die meisten hielten ihn für einen senilen Reisenden und er machte keine Anstalten, dieses Image zu verbessern.
      Sie überquerten die Grenze. Sie kamen in Sicherheit. Sie wurden in einem Flüchtlingslager aufgenommen und Zoras setzte sich mit seiner unerkannten Eskorte ab, um südlich zu reisen, die Grenzen von Theriss zu umreisen und an der luorschen Grenze wieder rüberzuwechseln. Fünf Tage ritten sie, dann gerieten sie in einen Hinterhalt restarischer Banditen und verloren ihre Pferde. Zwei von ihnen starben. Zoras versuchte ein Schwert zu schwingen und unterlag seinem Widersacher haushoch. Anstatt getötet zu werden, fesselte man ihn und erklärte dann großmäulig, dass man schließlich noch ein wenig Gewinn vom Sklavenhandel machen müsse.
    • Kassandra versank in einer Art Delirium. Durch den Trägerwechsel wurde ihr schlagartig jegliche Macht entrissen, die sie so unbeschreiblich mächtig hatte fühlen lassen. Die Wunde in ihrer Brust war zwar verheilt, aber sie brannte noch immer eiskalt nach. Selbst wenn sie den Eindruck hatte, in völliger Sicherheit zu sein in Armen, die sie seit Äonen nicht mehr berührt hatte, fror sie bitterlich. Inmitten eines einzigen Feuerballes konnte die Phönixin nichts anderes tun als zitternd in den Armen Telandirs zu liegen und sich von ihm forttragen zu lassen. Jede Träne, die sich noch aus ihrem Augenwinkel löste, verdampfte auch genau dort. Sie hatte die Schreie gehört. Diese furchtbaren Schreie, die von einem Mann kamen, dem sie diese Geräusche niemals zugetraut hatte. Das gläserne Herz in ihrer Brust war über und über mit Rissen und Sprüngen überzogen. Wie lange konnte es unter diesem Druck noch bestehen?

      Erst als Telandir zu Boden ging und seinen Feuerball auflöste wagte es Kassandra, die Augen zu öffnen. Es war ein eiskalter Wind, der sie als Erstes begrüßte, und dann wurde ihr Sichtfeld im wahrsten Sinne des Wortes weiß. Sie musste mehrfach blinzeln bevor sich ihre Augen an das grell reflektierte Sonnenlicht gewöhnte, das von Eis und Schnee zurückgeworfen wurde. Dampfwölkchen stiegen sowohl aus ihrem als auch aus Telandirs Mund auf. Er hatte sie so weit in den Norden gebracht, dass sie der Polargrenze nah waren. Wie zur Hölle war er hierher gekommen?
      "Willkommen in Asvoß, die wohl nördlichste Monarchie auf diesem Planeten", verkündete Telandir mit einer seltsamen Genugtuung in seiner Stimme als er durch den Schnee schritt und seine Schritte aufgetauten, steinigen Boden hinterließen. Sie waren inmitten einer Stadt gelandet, so wie es aussah, denn rings um sie herum waren schneeverhangene Bauten errichtet worden. Häuser, wie Kassandra erkannte, aus deren Schornsteinen dichter Rauch stieg. Sie waren scheinbar direkt auf einem Platz gelandet, denn kreisrund rum sie herum war viel Platz. Die Häuser gingen in Reihen vom Platz ab, wirkten geplant und fachmännisch ausgerichtet. Sie waren aus Stein errichtet worden und glitzerten in der Sonne dank des Eispanzers, der sich über die Gemäuer zog. Bis auf den Qualm wirkte es jedoch menschenleer - sie sah nicht einen einzigen Menschen herumlaufen. Als sei es die reinste Geisterstadt.
      "Wo sind die Menschen?", fragte Kassandra schwach und ihr fiel auf, dass sie auf eine gewaltige Konstruktion zuliefen. Es dauerte einen Augenblick ehe sie erkannte, dass es ein Palast war, auf den sie zuliefen. Ein Palast aus weißem Stein, der im Schnee der Umgebung zu verschmelzen schien. Hohe Zinnen reckten sich dem Himmel entgegen und die Fenster waren allesamt von Eisblumen überzogen, sodass man nicht hineinsehen konnte. Das Ganze wirkte eher wie eine Festung als ein ehrvoller Palast. Wie etwas, das man nicht wieder verließ sobald man auch nur einen Fuß hinein gesetzt hatte.
      Telandir ließ sich nicht beirren als er mit seiner Beute die Treppenstufen hinauf ging. "In ihren Häusern. Zu dieser Tageszeit gibt es nicht sonderlich viel für die Menschen hier zu verrichten. Sie wärmen sich aktuell vor den Feuern ihrer Kamine wieder auf." Er bekam nicht einmal die Gelegenheit, an der schweren Flügeltür zu klopfen, da wurde sie ihm bereits geöffnet. Dahinter kamen Wachen zum Vorschein, die zwar Rüstungen trugen, diese aber über und über mit Fellen gepolstert waren. Ein Kälteschutz, damit das Metall ihnen nicht die Haut verbrannte. Ihre Gesichter waren nicht von Helmen oder Visieren verdeckt, sondern waren bemalt worden, sodass Kassandra einen Augenblick mit sich gehadert hatte zu erkennen, dass es Farbe war und nichts anderes. Diese Art der Kultur fand sich nirgends in Theriss. Körperbemalung war dort vollkommen ausgestorben, aber hier wurde sie noch praktiziert? Irgendwie fühlte sich die Phönixin in ein völlig anderes Zeitalter versetzt.
      Dieser Eindruck verstärkte sich nur noch als sie den Blick schweifen ließ. Der Saal, den sie betraten, war eine vollkommene Symbiose aus Eis, Stahl und Stein. Nichts hier drinnnen wirkte wahrlich wohnlich sondern schrie nach Kälte und Dominanz. Dabei waren die Techniken, die zum Bau der Bögen, Wände und Treppen eingesetzt worden waren, alles andere als schlecht. Selbst Firions Handwerker hätten sich hiervon noch etwas abschauen können. Asvoß... von diesem Reich hatte Kassandra noch nichts gehört. Es war gut möglich, dass sie sich einfach aus allen Belangen heraushielten und sich mit dem zufrieden gaben, was sie besaßen. Allerdings würde die Umgebung diese Vermutung nicht wirklich unterstützen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Telandir Kassandra nicht die Treppen in die höheren Stockwerke trug, sondern nach unten ging. Ein ungutes Gefühl manifestierte sich immer weiter in ihr. Auch hier hatte sie nur spärlich Wachen gesehen. Keine Bediensteten, keine Angehörigen, keine Botschafter, niemanden. Als sei es auch hier völlig ausgestorben. Alles wirkte, als wäre Telandir selbst der Herrscher über diesen Ort und doch wusste sie es besser.
      Es ging einige Windungen der Treppe abwärts. Mit jeder Wendelung wurde es etwas wärmer bis irgendwann die Wölkchen vor ihren Mündern verschwanden und eine halbwegs normale Temperatur einsetzte. Die Gänge hier unten waren schmal und dunkel ohne Tageslicht und nur von Talgkerzen erleuchtet. Mit einer Schulter stieß der Phönix scheinbar willkürlich eine Tür auf und schloss sie auf gleiche Weise nachdem sie eingetreten waren. Erst hier setzte er Kassandra ab, die noch immer die luorsche Uniform trug. Bevor sie jedoch Augen für Telandir hatte musterte sie den Raum. Er war klein, war vielleicht zehn Schritt im Durchmesser und vollkommen mit Stein ausgelegt. Rechts an der Wand stand ein schmales Bett, das eher einer Pritsche glich. Davor stand ein kleiner Tisch, ein Dreibein, zum Abstellen von irgendwelchen Gegenständen. Auf der anderen Seite war gar nichts, nur kahler, nackter Boden. Zumindest machte es den Anschein ehe Kassandra die Einbuchtungen an den Wänden und dem Boden auffielen. Ringe aus Eisen waren dort verankert worden und als sie den Kopf in den Nacken legte, um die niedrige Decke zu begutachten, entdeckte sie auch dort zwei Ringe. Mit einem Schlag wich ihr sämtliche noch vorhandene Farbe aus dem Gesicht. "Das ist nicht dein Ernst, Telandir."
      Der Mann erwiderte nichts darauf, sondern trat in ihren Rücken und legte seine Arme um ihre Taille. Alles in ihr schrie sie an, ihn von sich zu stoßen und ihm die Arme abzuhacken. Nichts dergleichen würde sie durchsetzen können während noch immer in Schock die Ringe betrachtete, die sie nur allzu gut kannte. "Warte doch erst einmal ab, meine Liebe. Die Monarchin kennt dich doch noch gar nicht und sie pflegt lieber gewisse Vorsichtsmaßnahmen."
      "Vorsichtsmaßnahmen? Telandir, wir besitzen mehr Raison als jeder Mensch. Man kann mit uns völlig gesittet reden."
      "Ich weiß." Seine Finger öffneten die ersten Knöpfe ihrer Jacke und Kassandra erstarrte. "Werden wir erst mal diese unanständige Uniform los. Das untermalt deine Schönheit nicht ansatzweise. Man sollte dich in viel edlere Gewänder stecken, aber vorerst muss das Fell von hier ausreichen." Dann begann er damit, Kassandra auszuziehen.
      Was von Außen wirken mochte wie eine schlechte Demütigungsszene war in der Auffassung der Phönixe völlig anders. Es war ein Zeichen von Wertschätzung und Hingabe, wenn er ihr die Kleider abnahm, die sie weltlicher wirken ließ. Da sie sich nicht so arg den niederen Trieben hingaben wie die Menschen, stand dies auch nie im Vordergrund. Es war die Handlung, die zählte, und somit hatte Kassandra auch nichts einzuwenden als er die Uniform achtlos zur Seite warf und sie in ein Fellgewand hüllte, das für diese Witterung deutlich besser geeignet war. Trotzdem. Sie fühlte sich leer und einsam ohne die Verbindung zu Zoras. Ob Elive ihre Aufgabe bereits erledigt hatte? War es schon lange vorbei oder quälte er sich gerade noch irgendwo auf dem Schlachtfeld und verblutete?
      Noch völlig in Gedanken fand Kassandra erst in die Realität zurück, als Telandir ihr Gesicht in seine Hände genommen hatte und mit seinen Daumen über ihre Wange strich. Er trug mindestens so viel Wärme in seinem Blick wie Zoras und sie wusste, dass er wahrlich nicht log wenn er sagte, dass er sie liebte. Sie konnte es sogar mit jeder Zelle spüren bei dem Puls, den er immer wiede entsandte. Sie verstanden sich auf einer Ebene, die ein Mensch niemals erreichen würde. Auch das hatte sie vermisst, all das hatte sie vermisst. Aber nicht unter diesen Umständen und so wurde ihr Blick strafend als sie die Stimme hob. "Nimm deine Hände von mir. Was soll der ganze Spuk hier, hm?"
      Gerade holte er Luft, um ihr eine Antwort zu geben, da klopfte es. Telandirs Blick glitt an der kleineren Frau vor ihm vorbei zur Tür als er schließlich einen Schritt zur Seite trat. "Sie ist soweit."
      Kassandra drehte sich zur Tür um, als sie geöffnet wurde und eine weitere Frau eintrat. Hinter ihr entdeckte Kassandra noch zwei Wachen, die den Raum allerdings nicht betraten. Die Tür fiel in ihre Angeln und die beiden Frauen musterten sich gegenseitig. Die Frau vor Kassandra war riesig - sie maß mindestens 1,90 Meter und hatte hellblondes, fast weißes Haar, dass sie zu kunstvollen Knoten und Webungen an ihrem Kopf befestigt hatte. Ihre Gesichtszüge waren fast so fein wie ihre eigenen und mit der schneeweißen Haut glich sie eher einer Porzellanpuppe mit stahlgrauen Augen. Selbst die Phönixin hatte Schwierigkeiten das Alter korrekt einzuschätzen und wäre ohne die Sicht auf die verbleibende Lebenszeit völlig aufgeschmissen gewesen. Ihre Statur gin völlig in schweren Nerzpelzen unter, die sie übbig bedeckten und sogar ihre Hände in befellten Handschuhen verschwinden ließen. Alles in allem konnte man zweifellos behaupten, dass diese Frau eine Schönheit des Nordens war.
      Mit genau der gleichen Taktik glitten jedoch ihre Augen auch über Kassandra hinweg und hielten kurz bei den Blutflecken an ihrem Kinn, nur um dann zu dem Chaos zu wandern, das ihr Haar war. Doch es ertönte kein Schnauben, kein Geräusch, gar nichts. Nur ein zufriedenes Lächeln erschien auf ihren schmalen Lippen als ihr Blick zu Telandir driftete. "Du hast nicht untertrieben."
      "Ich sagte doch, wir lügen nicht." Telandirs Brust schwoll sogar noch ein bisschen an in falschem Stolz. Er war stolz auf Kassandra. Was war mit ihm? Schweigend beobachtete sie ihn dabei wie er zu der Frau ging und aus einer Tasche ihr Amulett ans Tageslicht beförderte. Kassandras Augen wurden einen Augenblick lang größer als ihre Essenz den Besitzer wechselte und die Frau tief einatmete, als sie sich das Amulett um den Hals legte. Erst da fielen Kassandra die unheimlich schönen Ohrringe auf, die sie trug. Eine Komposition aus Gold und Rubinen, ähnlich ihres Amuletts. Das war der Gegenstand, der Telandirs Essenz beinhaltete.
      "Ich bin die Zarin Asvoß', Demataya Hrilvald. Ich hoffe, die Reise mit meinem Telandir war angenehm?" Dematayas Stimme war so kalt wie das Eis in diesem Land. Klar und schneidend, selbst wenn sie versuchte Freundlichkeit in ihre Worte zu legen.
      Kassandra hatte nur Feindseligkeit in ihren Augen für diese Zarin übrig. "Weder Telandir noch ich sind Objekte, die man besitzen kann...."
      "Richtig, richtig..." Sie sah zu Telandir, der entschuldigend mit den Schultern zuckte. "Er hat mir bereits gesagt, dass du etwas eigensinnig sein kannst. Wie dem auch sei, du bist auf Telandirs Wunsch hier. Er hat sich dich an seiner Seite gewünscht und ich freue mich, dass ihr wieder zusammengefunden habt."
      Keine Reaktion von irgendeinem der Phönixe. Kassandra war noch immer mehr als verwirrt. Sicher, Telandir hatte wohl nach ihr gesucht und sie nun auch gefunden, aber die Umstände waren mehr als nur fraglicher Natur. Irgendetwas stimmte nicht, sie konnte nur noch nicht den Finger darauf legen. Wenn sie ein Gast war, warum führte man sie Untertage in eine Zelle? Denn genau dort befanden sie sich gerade.
      "Ich lasse euch dann noch ein wenig Zeit, um euer Wiedersehen zu feiern. Komm zu mir, wenn du soweit bist, mein Feuervogel", richtete die Zarin das Wort an Telandir bevor sie sich verabschiedete und aus der Zelle verschwand. Zurück ließ sie eine verwirrte Kassandra und ihren verloren geglaubten Clanangehörigen.

      Eine komplette Woche lang ließ man Kassandra aus dieser Zelle nicht hinaus. Sie wurde gut mit Essen versorgt und Telandir verbrachte mehr Zeit bei ihr als irgendwo anders. Er machte ihr Avancen, die sie jedoch rigoros ausschlug. Jegliche Rückfrage, wie der Aufstand in Theriss ausgegangen war wurde von dem Phönix komplett ignoriert. Er war der Einzige, mit dem sich die Phönixin unterhalten konnte und irgendwann verlor sich die Anspannung, die sie permanent begleitete. Man wollte ihr nichts auszwingen, sie zu etwas nötigen, dass sie nicht wollte. Scheinbar war Telandir wirklich nur darauf aus gewesen, sie wieder in seiner Nähe zu wissen. Völlig unabhängig davon ob sie seine Annäherungen annahm oder nicht. Vielleicht war die Zarin doch kein schlechter Vertreter ihrer Art und ließ ihren Champion wirklich seinen Herzenswunsch erfüllen. Nichts änderte es allerdings daran, dass sie erneut in einem goldenen Käfig saß und wieder von der Außenwelt abgeschnitten war.
      "Erklär mir doch einmal, wieso du überhaupt hier bist", fragte sie ihn bestimmt schon das hundertste Mal als sie auf dem Bett saß und Telandir vor ihr auf dem Boden lungerte und ihre Füße streichelte.
      "Wie schon gesagt, wir konnten dich von oben heraus beobachten. Niemand außer mir hat darauf plädiert, dich wieder zurückzuholen. Also beschloss ich, mich dem Rat zu widersetzen und auf die Erde geschickt zu werden. Ich wusste nicht, wo du warst, was du treibst, wo ich dich finden kann. Also musste ich mir Hilfe holen und was liegt da näher als ein hochrangiger Mensch?"
      "Du hast doch an meinem Beispiel gesehen wie dumm es ist, seine Essenz abzugeben. Bist du wahnsinnig, Telandir?"
      Er stellte seine Berührungen nicht ein als er zu ihr aufblickte. "Nicht wahnsinnig. Verliebt, Kassandra." Ausdruckslos starrte sie ihn nieder ehe er seinen Blick wieder abwandte. "Schon bevor man dich verbannt hatte... Dein Leid zu sehen war für mich unerträglich. Ich wollte dich an meine Seite holen, dich befreien. Und Demataya ließ es zu. Sie bietet uns eine Zuflucht auf Erden bis ich einen Weg finde, dich wieder mit in den Himmel zu nehmen."
      "Dir ist klar, dass die Menschen dir nicht einfach deine Essenz zurückgeben? Was hast du ihr geboten, damit sie dich mich holen lässt?"
      "Nichts. Ich habe ihr lediglich geäußert, dass ich meine Liebste wieder an meiner Seite wissen möchte. Das hat ihr gereicht."
      Bei jedem Mal, wenn Telandir seine Liebe zu ihr bekundete, grauste es Kassandra. Sie mochte Telandir, aber nicht auf diese Art und Weise. Nicht, wenn sie noch immer an Zoras hing und nun das Schicksal erleiden musste, dass sie immer schon gefürchtet hatte. Unwissenheit war das schrecklichste Schicksal von allen.

      Nach einem Monat hatte Kassandra ihre Zelle noch immer nicht verlassen. Noch immer war ihr nicht klar, warum man sie hier unten hielt wenn es doch eine Zuflucht für Telandir und sie sein sollte. Es ergab für sie keinen Sinn, dass er diesen Umstand, diese Behandlung nicht längst beanstandete. Und so langsam wuchs ihr Misstrauen in diesen Phönix immer weiter an. Noch immer beweifelte sie nicht, dass er sie wirklich liebte, aber diese Liebe war so anders wie jene, die Kassandra durch Zoras erfahren hatte. Menschen und Götter liebten doch nicht so anders, oder?
      Schließlich kam es zu dem ersten verhängnisvollen Ereignis. Völlig unangekündigt überfiel Telandir Kassandra eines Abends und stahl ihr einen Kuss. Die Reaktion, die ihn erwartete, ließ nicht lange auf sich warten als sie ihn mit dem bisschen Macht, dass sie hatte, von sich wies und ihm drohte. Er hatte sie nur angelacht und gemeint, dass er schon immer ihre aufbrausende Art gemocht hatte. Und dann hatte er sich erneut auf sie gestürzt und einen Kampf losgebrochen. Das Gerangel, das daraufhin entbrannte und sämtliches umliegendes Eis zum Schmelzen brachte, rief schlussendlich die Zarin auf den Plan. Als sie die Tür aufriss und Kassandra dazu zwang, ihren Widerstand einzustellen offenbahrte sich langsam, was das hier eigentlich werden sollte. Man hatte ihr einen Monat Zeit gegeben, sich Telandir zu fügen. Das hatte sie nicht getan und damit war die Geduld der Zarin am Ende.
      "Wie ich sehe hat es nicht ausgereicht. Nun, Telandir, deine Zeit ist um."
      Das war das erste Mal, dass Telandir Betroffenheit in seinem Gesicht zeigte. Er zog die schwer atmende Kassandra zu der anderen Seite der Zelle hinüber und drängte sie dazu, sich hinzuknieden. Woher die Ketten auf einmal kamen, wusste sie nicht. Nur das altbekannte Gefühl von schwerem Eisen an ihren Gelenken ließ die Wut in ihrem Inneren nur noch ansteigen. Noch immer verstand sie nicht, was das hier werden sollte und spuckte regelrecht Galle als sie Telandir anfuhr: "Du wagst es, mich in Ketten zu legen?!"
      "Du hättest doch einfach nur von deinem jämmerlichen Herzog ablassen müssen, Kassandra...", sagte Telandir unerwartet getroffen und schürte damit nur noch mehr Zorn in Kassandra. "Ich wollte es dir leicht machen. Dir selbst die Freiheit lassen zu entscheiden. Aber leider sind die Menschen nicht so geduldig wie wir, hm?"
      Telandir erhob sich und ließ Kassandra angekettet auf dem Boden zurück. Ihr Blick allein trug all das Feuer in sich, das sie zu bieten hatte als sich Demataya vor ihr aufbaute. Ihre kalten Finger legten sich an Kassandras Wange und für einen verlockenden Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, nach den Fingern zu schnappen.
      "Meine wunderschöne Phönixin. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie sehr es mich mit Stolz erfüllt, dass ich gleich zwei Phönixe in meinen Reihen wissen kann?" Dematayas Stimme war erstaunlich hoch und zart und bildete einen harten Kontrast zu dem Führungsstil, den sie zweifelslos an den Tag legte. Ihre Augen spiegelten wider, welche Dunkelheit in ihrer Seele tief vergraben war. "Ich bin die Einzige auf dieser weiten Welt, die ein Götterpaar besitzt. Weißt du eigentlich, wie lange ich auf diese Gelegenheit schon warte?"
      Ihre Finger zogen liebliche Spuren über Kassandras Lippen, die ganz allmählich zu verstehen glaubte. Das war ja noch viel schlimmer als alles andere bisher erlebte. Ab diesem Zeitpunkt hätte sie jede erdenkliche Art an Folter in Kauf genommen. Alles, um dem zu entgehen, was man ihr gleich vermutlich offenbahren würde. Ihr Blick brach den mit der Zarin und wanderte zu Telandir herüber. Seine Miene war ausdruckslos wie ihre eigene üblicherweise.
      Kassandra holte tief Luft, drückte den Rücken so sehr durch wie sie konnte und holte alles an Erhabenheit heraus, was sie in dieser Lage aufbringen konnte. "Phönixe sind ein stolzes und willensstarkes Volk. Du glaubst, du kannst meinen Willen so einfach brechen? Versuch dein Glück. Zwing mich. Du wirst scheitern wie so viele andere auch vor dir. Du kannst nicht zwei von uns deinen Willen aufzwingen. Dafür reicht dein minderbemittelter Verstand nicht aus."
      Telandirs Augenbrauen hoben sich in Erstaunen während Kassandra die Zarin wutentbrannt ansah. Doch Demataya begann nur wissned zu lächeln. Gewinnend, als wüsste sie bereits, wer den Kampf als Sieger verlassen würde.
      "Wir werden sehen, meine schöne Kassandra. Scheinbar hast du auch noch nicht die Bekanntschaft mit all den Abgründen der Menschheit machen können, wie du dachtest."
      Damit verließ sie zusammen mit Telandir die Zelle und ließ eine zornige, angewiderte und erschöpfte Kassandra am Boden ihrer Zelle zurück.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Mein Name ist Zoras Luor. Ich bin, oder war, Herzog in Theriss. Man wird nach mir suchen.
      Wieder waren es drei Leute, die ihn anstarrten, nur mit dem Unterschied, dass er diese drei erst hatte kennenlernen dürfen. Der eine hatte eine Glatze, der andere ein furchtbar hässliches Gesicht mit dicken Wangen und kleinen Augen und der dritte präsentierte eine Reihe von hässlichen Narben, die wohl seinen Charakter widerspiegelten. Zoras selbst saß auf dem Boden, er musste den Blick gehoben halten, um mit ihnen zu reden.
      “Luor? Doch nicht etwa der Rebellenherzog von Theriss? Persönlich?
      Das Trio brach in Gelächter aus. Es war genauso hässlich wie ihre Gesichter und so mancher Spuck Tropfen traf auf Zoras.
      Doch, der. Ein halbes Land steht hinter mir. Verkauft mich und ihr werdet bezahlen.
      Neues, frisches Gelächter folgte, bevor der Narbenverunstaltete prustete:
      “Ein halbes Land, sicher! He Leute, seht ihr dieses halbe Land hier irgendwo? Haben wir ein paar Leute übersehen, als wir sie überfallen haben? Hä?”
      Mehr Gelächter, das Zoras reizte. Er zog an seinen Fesseln. Die ganzen letzten Wochen - nein, Monate - hatte er irgendwie ertragen, war irgendwie zu dem Schluss gekommen, dass das sein neues Leben sein würde, aber das hier war nicht seins. Das war Unsinn. Wenn er nicht so schwach gewesen wäre, wenn er sich nicht gerademal auf den Beinen hätte halten können, wäre das ganz anders ausgegangen. Wann hatte er sich schließlich mal von Banditen überwältigen lassen?
      “Ich sage es mal so, Herr Luor, Sir: Hier ist kein Theriss. Hier ist nichtmal ein beschissener Aufstand. Wir sind hier im wunderbaren Restaris und das ist wesentlich kontrollierter als sein Nachbar. Weshalb sonst patrouillieren wir hier die Grenze ab? Damit wir natürlich Ausreißer wie dich finden. Nur, dass wir mit dir anscheinend einen Glückstreffer erwischt haben, hm?”
      Er kniete sich vor Zoras hin und fuchtelte mit seinem kümmerlichen Dolch vor dessen Gesicht. Der Herzog zuckte nicht zurück. In den letzten Monaten hatte er gelernt, vor Gegenständen Angst zu haben, die keine offensichtlichen Schmerzen zufügten. Ein Dolch machte ihm nichts aus, vor einer Feile hätte er sich in Acht genommen.
      “Ich sag dir also, wie wir es machen werden, Herr Herzog, Sir. Wir werden dich mitnehmen und uns über deine Anwesenheit freuen - ah, über Eure Anwesenheit, versteht sich, großartiger Herr.”
      Gekicher aus dem Hintergrund.
      “Wir werden ein hübsches Sümmchen von Theriss einfordern und dann werden wir dich umbringen. So einfach ist’s, nicht wahr? Wir wollen nämlich nicht zusätzliche Arbeit, wie du vielleicht verstehen kannst.”
      Nein, das verstand er nicht. Was er allerdings sehr wohl verstehen konnte, war, dass er um alles in der Welt verhindern sollte, die Aufmerksamkeit von ganz Theriss auf sich zu lenken.
      Er könnte ihnen sagen, wo sein Herzogtum lag, an wen sie sich wenden mussten. Denn obwohl er ihnen etwas vorgespielt hatte, würde niemand nach ihm suchen. Wo sollte man auch anfangen? Sein Bruder würde jemanden schicken, wenn er nicht kam, natürlich, aber erst in einem halben Jahr, wenn Zoras schon längst über alle Berge war. Oder tot.
      Aber auch das war eine durch und durch schlechte Idee. Er würde nur seine Familie in Gefahr bringen.
      Also schwieg er und dem Narbengesicht war das Antwort genug. Er stand auf und höhnte weiter über Zoras’ Herkunft, dann brach die ganze Truppe - es waren etwa 12 Leute insgesamt - ihr provisorisches Lager ab und zog mit ihren Gefangenen weiter.
      Der Hauptmann starb drei Tage später. An ihm wurde ein Exempel an alle anderen statuiert, die die Flucht gewagt hatten - inklusive Zoras. Dem Mann wurde die Kehle durchgeschnitten, aber nur sehr leicht, nur bis zu der Stelle, um die Hauptschlagader zu treffen. Er wand sich fünf Minuten lang auf dem Boden, bis er schließlich erschlaffte, seinen gesamten Bluthaushalt unter sich. Als nächstes musste ein blonder Mann daran glauben, den Zoras nicht kannte. Die Frauen unter ihnen wurden verschont, für sie gab es andere Verwendungen.
      Er versuchte die Flucht noch zwei weitere Male. Jedes Mal scheiterte er, jedes Mal wurde er eingefangen, jedes Mal bezog er eine Tracht Prügel. Nach dem dritten Mal schienen sie genug von ihm zu haben, wobei auch die allgemeine Stimmung zusehends gekippt war. Er wusste nicht woher, er wusste nur, dass sie ihn zurück an den Rand des Todes brachten, woher er schon einmal gekommen war. Er durfte nicht mehr essen, er durfte nicht mehr trinken, er durfte sich nicht mehr bewegen. Er war lediglich ein Stück Gepäck, das sie mit sich schleiften. Als sie schon so viele ihrer Gefangenen umgebracht hatten, dass bald nur noch wenige übrig waren, war er sogar nicht mehr als das. Er war eine Last, eine Aufgabe, vor der man sich wohl zu drücken versuchte. Vielleicht bekamen sie zusehends Angst, dass seine Drohung wahr wurde und therissche Einheiten sie verfolgen würden. Vielleicht wurden sie aber auch einfach ungeduldig damit, ihren Fang in Gold umzuwandeln.
      Er verbrachte seine Tage an ein Pferd gebunden und seine Nächte an einen Baum gebunden. Nachdem er es beinahe geschafft hätte, einem von ihnen einen Finger abzubeißen, trug er einen Knebel, der nach zwei Tagen selbst für ihn stank. Irgendwann, nachdem man ihn wieder als Boxsack verwendete, um den anstauenden Frust an ihm auszulassen, verlor er endgültig das Bewusstsein.

      Als er aufwachte, fütterte man ihn und gab ihm etwas zu trinken. Man säuberte ihn, ohne dass er viel davon mitbekommen hätte, und gab ihm etwas anderes zum Anziehen. Man stutzte seine Haare, kämmte sie und reinige manche seiner Wunden. Man brachte ihn auf Vordermann und drei Stunden später wurde er für 50 Silbermünzen an einen Sklavenhändler verkauft, den man lange hatte umstimmen müssen, nachdem er erfahren hatte, dass das Gut einen Adelstitel besaß. Sowas ließ sich schlecht verkaufen, denn hinter Adelstitel saßen Familien und hochrangige Persönlichkeiten, die den Sklaven zu retten versuchen würden. Schließlich konnte man sich aber wohl einigen und Zoras bekam ein Brandmal auf den Oberschenkel gedrückt. Er schrie, aber Tränen blieben aus. Die letzte Träne war im Kerker zurückgeblieben.
      Der Sklavenhändler brach ihn ein, so nannte man das, wenn jemand zum ersten Mal in die Sklavenschaft geriet. Er sollte gehorsam gemacht werden und den Befehlen seines zukünftigen Besitzers folgen. Er sollte nicht fliehen wollen und er sollte dankbar für alles sein, was ihm gegeben wurde, auch wenn es nur der Krümel eines Brotes war. Er sollte jemandem die Füße küssen wollen, allein wenn er es andeutete.
      Hier zeigte sich, dass selbst die 50 Silbermünzen Wucher gewesen waren, denn der Händler musste acht Monate mit ihm kämpfen. Zoras war ein Adelskind, Herzog und Soldat, wenn er sich jemandem unterwarf, dann nur einem König. Er sträubte sich gegen sämtliche Züchtigungsmaßnahmen und verletzte den Händler zwei Mal. Zwei Mal stand er dafür kurz davor, aussortiert und umgebracht zu werden, aber der Mann schien ein Auge für Sklaven zu haben und beteuerte, dass es irgendwo jemanden geben würde, der verrückt genug war, einen sonst recht gesunden Mann als Sklaven annehmen zu wollen.
      Dafür arbeitete die Zeit gegen ihn, denn nach acht Monaten brach er schließlich ein. Er akzeptierte sein Schicksal mit Resignation. Er kniete sich hin, küsste dem Mann die Füße und bedankte sich für die Peitschenhiebe, die er bezog. Zoras hatte einen starken Willen, aber er war nicht unsterblich. Eines Tages hatte er, genauso wie im Verlies, akzeptiert, dass das die neue Realität für ihn war.

      Zu diesem Zeitpunkt hatten sie die Grenze schon längst überquert und zogen weiter nach Osten, weg von Theriss und schließlich auch weg von Restaris. Zoras wurde in einem Land verkauft, dessen Namen für ihn unaussprechlich war und wo er dazu eingesetzt wurde, Eisenkisten von A nach B zu bringen. Den ganzen Tag, rund um die Uhr, von morgens bis abends. Zwei Kilometer musste er für die Strecke laufen und es dauerte drei Wochen, bis er sie zum ersten Mal schaffte, ohne dabei umzufallen. Danach bauten sich langsam die Muskeln wieder auf, die vom Kerker verloren gegangen waren.
      Er nahm wieder zu und als er sich einigermaßen normal fühlte, wagte er einen Ausbruch. Er wurde eingefangen und bestraft. Nachdem sich das ganze vier weitere Male wiederholt hatte, wurde er wieder verkauft.
      Der nächste Besitzer setzte ihn als Hilfe für einen Bau ein. Er durfte wieder schleppen, Wägen ziehen, Böden putzen. Er sprach die Sprache des Landes nicht, konnte nichts verstehen. Niemand sprach seine eigene Sprache. Er lernte in den wenigen Wochen gerademal nach Essen und Trinken zu fragen und ob er aufs Klo gehen dürfte.
      Bei seiner nächsten Flucht konnte er sogar jemanden umbringen, bevor er wieder eingefangen wurde.
      Manche seiner darauffolgenden Händler konnten ihn ein wenig verstehen, die meisten nicht. Er zog Wochen, Monate durch fremde Gebiete in eine unbekannte Richtung, wobei er manchmal nichtmal merkte, dass sie eine Grenze überquerten. In einem Land konnte er noch nicht einmal die Ortsschilder lesen. Er lernte stets nach Essen und Trinken zu fragen und manchmal konnte er sogar flüchtigen Smalltalk halten.
      Als er das siebte Mal weiterverkauft wurde und auf dem Podest stand, wo sein potentieller zukünftiger Besitzer ihn aussuchen konnte, glaubte er, die Sprache halbwegs schonmal irgendwo gehört zu haben. Was ihn aber so aufmerksam machte, war, dass der mögliche Besitzer etwas von “Pferd” sprach.
      Zoras wiederholte das Wort und sein Händler herrschte ihn an, wobei er ziemlich sicher war, dass es bedeutete, dass er ruhig sein sollte. Er wiederholte das Wort noch einmal, nickte dabei und zeigte auf sich. Er hatte keine Ahnung, um was es eigentlich ging, aber wenn er die Chance hatte, wieder mit Pferden in Berührung zu kommen, würde er sie mit Handkuss nehmen. Der Besitzer musterte ihn, dann sprach er weiter mit dem Händler, was Zoras wieder nicht mehr verstehen konnte. Später kaufte er ihn.

      Sein neuer Eigentümer war ein Gutsbesitzer, der eine größere Farm unterhielt, auf der mitunter auch Pferde gezüchtet und gepflegt wurden. Zu Zoras größtem Erstaunen sprach er sogar einige Worte therissisch und Zoras versuchte ihm mit allen seinen Möglichkeiten klarzumachen, dass er sich mit der Pflege von Pferden verstand. Der Mann musterte ihn eindringlich, dann sagte er etwas zu ihm, was Zoras nicht verstehen konnte. Aber schließlich nickte er.
      Zoras durfte die Pferde füttern. Er durfte das Heu abtransportieren, die Tröge füllen, den Stallboden kehren. Er durfte Sattel- und Zaumzeug polieren und nach einem Monat durfte er auch die Boxen reinigen. Nach zwei Monaten durfte er die Pferde striegeln, nach vier Monaten durfte er ihre Hufe reinigen, ihre Mähnen kämmen, sie auf Krankheiten untersuchen, sie satteln und sogar an den Leinen herumführen. Nach fünf Monaten fragte er in den wenigen Worten, die er von der Sprache verstand, ob er im Stall bleiben könne, um vollumfänglich für die Pferde da zu sein. Seinem Wunsch wurde stattgegeben.

      Nach insgesamt acht Monaten hatte er ein Auge auf eine kastanienbraune Stute geworfen. Sie war eine Zuchtstute, eigentlich, wie er aus dem Zusammenhang verstand, aber noch war sie noch nicht gepaart worden und durfte daher noch auf der Weide mit den anderen Pferden grasen, bevor sie einem Hengst zugewiesen werden würde.
      Es war ein schönes Pferd. Ihr Fell schimmerte im Sonnenlicht, aber was Zoras eigentlich interessierte, waren ihre strammen Beine, die gesunden Zähne, die ausgeprägten Muskeln an ihren Schultern und ihrem Rücken. Sie stammte wohl aus einer starken Blutlinie, denn ihre Gestalt strotzte geradezu vor Kraft. Wenn sie auf der Weide war, wenn sie mit den anderen graste, warf sie manchmal den Kopf so ruckartig nach oben, dass ihre lange Mähne flog. Zoras taufte sie nach einer weiteren Woche Kassadra.
      Kassadra war ein energisches Mädchen, aber ein kluges noch dazu. Sie trottete nicht wie manch anderer für den Zweck des reinen Auslaufs, sondern sie trottete mit Ziel. Sie hatte ihren Kopf stets würdevoll erhoben und manchmal ärgerte sie auch die anderen. Wenn Zoras sich ihr näherte, tat sie stets so, als wäre sie viel zu gut für ihn und trabte mit aufgestelltem Schweif davon.
      Weil er im Stall schlief, oder genauer gesagt auf dem Heuboden, konnte er sie abends in ihrer Box besuchen. Anfangs war es noch eine flüchtige Bekanntschaft, bei der er an ihr vorbeiging, doch wieder stehenblieb und ihr die Nüstern kraulte, wenn sie sie doch neugierig nach draußen streckte. Später ging er ganz gezielt zu ihr in die Box, legte sich rein und schlief bei ihr.
      Er fing an, mit ihr zu reden. Das musste er, wenn sie sich an seine Stimme gewöhnen sollte und dabei war es auch nicht wichtig, dass er nicht ihre Landessprache sprach. Wann immer er in ihre Nähe kam und niemand anderes dabei war, murmelte er eine Begrüßung und streichelte sie ein bisschen. Abends schlich er sich in ihre Box und redete eine Weile vor sich hin.
      Er erzählte ihr von Kassandra. Das war eines der ersten Themen, die ihm sofort in den Kopf kamen, weil sie niemals wirklich verschwunden waren. Er erzählte ihr von seiner Geliebten, wie schön sie war, wie schön ihre Haare waren, wie er sie stets gesehen hatte, wie schön sie gewesen war, wenn sie gelächelt hatte. Wie klug sie war, wie weise, wie vorausschauend, wie stolz, wie würdevoll. Er erzählte ihr von ihren Vorlieben und das wenige, was er über ihr Leben wusste, wie sie sich kennengelernt hatten und welche Momente er besonders mit ihr genossen hatte. Er erzählte von Telandir und schließlich von seinem gescheiterten Plan, wie er sich nichts anderes wünschte, als die Phönixin wieder bei sich zu wissen. Irgendwann erzählte er ihr auch, wie sehr er seine Familie vermisste, wie er sogar Feris in gewisser Weise vermisste und ein Land, in dem ihm alles bekannt gewesen war. Er vertraute ihr an, wie wenig er sich hier auskannte, wie viel Angst er manchmal hatte, wie verzweifelt er war, wie frustriert, wie fern er seiner Herkunft war, wie verloren. Er erzählte ihr von seinem Land und seinem Herzogtum, von den riesigen Koppeln, auf denen sie sich sicherlich gut ausgetobt hätte und von der wundervollen Landschaft, die es dort gab. Er erzählte ihr davon, dass er eigentlich Herzog war, dass er nicht begreifen konnte, wie es soweit hätte kommen können, was nur in den vergangenen zwei Jahren schief gelaufen war, dass er jetzt hier als einfacher Stallbursche arbeitete. Er erzählte ihr von seiner Reise mit dem Sklavenhändler, wie sehr er sich gewehrt hatte, nur um zum Schluss doch einzuknicken. Er erzählte ihr von seiner Hoffnung, Kassandra eines Tages wieder begegnen zu können.
      Dann sang er ihr das Lied vom morgen vor, obwohl er sich sicher war, den Text mittlerweile völlig verdreht zu haben, und legte sich schließlich in ihrer Box zum Schlafen.
      Kassadra gewöhnte sich an seine Anwesenheit. Sie lief auf der Weide nicht mehr von ihm fort, sondern kam zu ihm hin, streckte den Kopf über seine Schulter, beobachtete ihn aus dunklen Augen und peitschte dann mit dem Schweif, bevor sie doch wieder davon trabte. Sie streckte ihm freiwillig ihren Kopf hin, damit er sie kraulte, nur um dann doch vor ihm wegzuzucken und sich mit einem Wiehern über ihn lustig zu machen. Manchmal legte sie sich in ihrer Box zu ihm und ließ sich den Bauch von ihm streicheln. Er tat alles, was sie von ihm haben wollte.
      Er schmuggelte ihr das gute Futter in den Trog, er desensibilisierte sie mit allen möglichen Gegenständen, die er finden konnte, er setzte sich in ihrer Box auf ihren Rücken. Der Anfang war holprig, aber Kassadra gewöhnte sich an ihn. Sie akzeptierte ihn. Er streichelte ihr den Hals und summte das Lied vom morgen vor sich hin.

      Irgendwann erachtete er den Zeitpunkt für gekommen. Es waren warme Sommertage und die Nächte im Stall waren fast heiß, weshalb er sich aufmachte, das beste Sattel- und Zaumzeug holte und Kassadra sattelte. Das Tor wurde abends immer zugesperrt, aber Zoras hatte herausgefunden, dass er durch das Dachfenster vom Dachboden entkommen konnte und machte sich daher auf, den versteckten Sack zu holen, den er vor ein paar Tagen vergraben hatte. Er fand ihn und darin den geklauten Schlüssel. Er band ihn sich um, sperrte das Tor auf und ritt auf Kassadra nach draußen.
      Der Alarm wurde geschlagen, noch bevor er die Grenze des Guts erreicht hatte. Kassadras Hufe waren entsetzlich laut in der sonst so stillen Nacht und Zoras hatte auch nicht geglaubt, dass seine Flucht gänzlich unbemerkt bleiben würde. Aber er hatte ein Pferd und obwohl er seit zweieinhalb Jahren kaum mehr geritten war, kam die Bewegung von ganz alleine. Er presste die Schenkel an den Sattel, lehnte sich nach vorne und trieb Kassadra an. Die Stute schnaubte, als habe sie die Herausforderung akzeptiert, so schnell zu galoppieren wie noch nie zuvor.
      Seine Verfolger, die Wachmänner, kamen ebenfalls auf Pferden. Sie jagten ihm nach, aber dem Pferdeherzog konnten sie nicht die Stirn bieten. Er verschwand mit Kassadra in der Nacht, bis er bald nicht mehr ihre Schreie hören konnte.

      Sie ritten durch unbekannte Landschaften. Zoras’ Proviant reichte für drei Tage, aber er hatte nicht vor, überhaupt so lange unterwegs zu sein. Das Gut musste einer Stadt recht nahe sein und nachdem er sich dicht an die Straße hielt, fand er sie bald.
      Er konnte einen Apfel stehlen, dann musste er vor den Wachen der Stadt fliehen und weiterreiten. Mittlerweile war er wieder einigermaßen gut genährt, hatte viel von seiner alten Muskelkraft wiederbekommen und sogar neue aufgebaut. Er floh und versteckte sich vor den Soldaten, ohne an seiner Kraft einbüßen zu müssen.
      Er stieß auf Reisende und überfiel sie. Er zog sich eine Wunde zu, die sich entzündete und ihn fünf Tage später fast das Leben kosten würde, aber er war erfolgreich mit seinem einschüchternden Auftreten auf Kassadra und dem darauffolgenden Handgemenge. Er erbeutete ein Messer und Kleidung. Er überlebte die Enzündung und fünf Tage später erbeutete er sich mit dem Messer ein richtiges Schwert, das er sich umschnallte. So zog er weiter, auf einer edlen Stute mit teurer Rüstung und einem Schwert an seiner Seite, gekleidet in zu enge Kleider, die ihn dafür warm hielten. Er fühlte sich noch lange nicht gänzlich wieder wie ein Herzog, aber er wusste, dass er einen einschüchternden Eindruck machen konnte und das war ihm wichtiger als alles andere geworden.
    • Nach diesem Ausbruch hatte man davon abgesehen, Kassandra die Fesseln wieder abzunehmen. Man erachtete sie nicht als Gefahr, dafür sorgte die Zarin schon, aber man wollte verhindern, dass sie ihrem eigenen Kopf nachging und tat, wonach ihr der Sinn stand. Sie sollte auf der Erde verweilen, angekettet, bis man es ihr zugestand, sich aufzurichten. Man ließ sie eine weitere Woche einfach so in der Zelle sitzen, abwartend auf Änderung, die nicht eintrat. Einzig und allein Telandir kam zu ihr, brachte ihr etwas zu essen und wusch sie, wann immer sie es wollte. Seine Haltung hatte sich seit dem Übergriff nicht geändert, noch immer tat er alles für sie und wirkte eher, als würde er ihr dienen als andersherum.
      Mehrmals hatte sie versucht, eine Unterhaltung mit ihm aufzubauen, um über den Zustand der restlichen Welt zu erfahren. Hier unten gab es kein Tageslicht, keine Uhr, keine Zeit. Nichts, was ihr auch nur ansatzweise gesagt hätte, wieviel Zeit verstrich. Jedes Mal hatte Telandir das Thema gewechselt, lenkte den Fokus auf andere Aspekte und führte sie immer weiter von dem ab, was sie eigentlich zu fragen gedachte. Irgendwann hatte sie vollkommen das Zeitgefühl verloren und lebte nur von Moment zu Moment, wann immer sich die Tür öffnete.
      "Was will sie eigentlich erreichen? Sammelt sie Götter unter ihrem Banner, um ihren Einflussbereich zu vergrößern? Ist echt Machtgier? Was ist es, Telandir?", fragte sie einmal während er schräng hinter ihr saß und ihre aschschwarzen Haare kämmte.
      "Hilft es dir, wenn du weißt, was sie bezweckt? Menschen verfolgen meistens Absichten, die in unseren Augen lächerlich erscheinen. Das solltest du doch eigentlich besser wissen als alle anderen. Die Zarin ist darin keine Ausnahme. Sie kaschiert ihre Ziele einfach nur viel besser." Er legte die Bürste zur Seite und schloss seine Arme um Kassandras Oberkörper. Sofort wurde sie steif, eisern und versuchte ihm allein mithilfe ihrer Gedanken zu verdeutlichen, dass er weichen sollte. Er tat es nicht und küsste ihre Halsbeuge, nachdem er den Fellkragen weggezogen hatte. "Ist es so schlimm wenn du ihr vorspielst, was sie haben will?"
      "Ich spiele nicht. Telandir." Worte der Absolution. Es gäbe nichts in dieser Welt was Kassandra dazu veranlassen würde, auch nur geheuchelt dem nachzugeben, was diese minderwertige Menschenfrau von ihr forderte. "Bist du wirklich so blind und tust, was sie von dir fordert?"
      Er kicherte und der Atem an ihrem Hals löste eine Gänsehaut bei ihr aus. "Du hast keine Ahnung was ich alles aufgeben musste, nur um auf die Erde zu dürfen. Ich habe Ewigkeiten allein verbracht in der Hoffnung, man ließe dich wieder zurück. Aber das war nicht so. Ich war das Warten irgendwann leid und nahm mein Glück selbst in die Hand. Und jetzt bin ich so, so nah dran, Kassandra. Kannst du dich nicht ein bisschen erweichen lassen? Für mich?"
      Kassandras Kiefermuskeln spannten sich an. "Wie kann es Glück sein wenn du sagst, ich soll mich erweichen lassen? Was du siehst in dein eigenes Glück und nicht meines. Du nimmst dir, was du willst ohne Rücksicht auf Verluste. Du bist nicht mehr im Götterhimmel, Telandir. Dein Recht dort gilt hier unten nicht. Du hättest deine Chance ergreifen sollen als ich noch neben dir im Himmel wanderte."
      Mit einem Seufzen zog sich der Phönix von seiner Geliebten zurück. Ihre Gespräche endeten häufig in dieser Form der Auseinandersetzung und es erstaunte Kassandra zunehmend, wie hartnäckig er sein konnte. Er stand wirklich vollkommen hinter dem, was er zu erreichen suchte. Ob er es jedoch wirklich aus Liebe zu ihr tat oder er sie einfach nur als eine Errungenschaft ansah, konnte sie nicht bestimmen.

      Alles, was Kassandra bisher widerfahren war, konnte man nicht als Folter bezeichnen. Sicher, sie hatte sich tiefgreifender von Telandir anfassen lassen müssen als sie es üblicherweise gestatten würde. Aber zu jeder Zeit waren sie nur zu Zweit in der Zelle gewesen und sie konnte ihre Haltung, ihren Stolz, in seiner Anwesenheit durchaus wahren. Sie gab nicht viel darauf, wenn er sie berührte. Sie spürte nichts dabei außer Abscheu und Kälte. Einmal versuchte er sie sogar erneut zu küssen, dabei biss sie ihm fast die Zunge ab. Er hatte nur gelacht und gemeint, dass er ihre Art schon immer geliebt hatte. Welch krankes Wesen liebte das Widerstreben eines Anderen?
      Irgendwann war scheinbar erneut zu viel Zeit verflogen. Als sich an diesem Tag? Abend? Wer wusste das schon - die Tür öffnete, trat Telandir in seiner leichten Robe ein, hinter ihm folgte die dick in Fell eingepackte Demataya. Ohne zu warten spazierte sie ganz die Monarchin die sie war durch die Zelle, setzte sich auf die Pritsche und überschlug die Beine. Kassandras glühende Augen folgten ihr bei jedem Schritt. Dass sie soweit die Zelle betrat war neu. Das hatte sie das letzte Mal getan als sie sich ihr vorgestellt hatte. Etwas würde anders laufen, das spürte Kassandra und wappnete sich mit allem Widerstand, den sie aufbringen konnte. Sie würde ihren Standpunkt klarmachen. Niemand hatte jemals ihren Willen gebrochen. Niemand.
      Telandir ging vor Kassandra in die Hocke und fing ihren Blick ein. Unsicherheit sähte sich winzig klein in ihren Kern als sie den Ausdruck in Telandirs Augen sah. Das Grün war so prägnant, dass er seine Aura gerade nutzte. Er hatte seine ausdruckslose Maske abgelegt und darunter kam zum Vorschein eine Mixtur aus Vorfreude und... Reue?
      "Was, brauchst du jetzt schon einen Zuschauer damit ich dir nicht noch mal etwas abbeiße?", spottete Kassandra, aber niemand lachte. Telandirs Blick zuckte zu der Zarin, die ihm nur wortlos zunickte. Dann richtete er seinen Blick wieder auf Kassandra und legte ihr eine Hand an ihr Kinn. Sollte bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht genug Gift in ihrem Blick gelegen haben, so wäre es nun der Fall gewesen. Der Phönix beugte sich zu ihr hinab, legte seine Lippen auf ihre und küsste sie. Prompt versteifte sich Kassandra, machte sich bereit, im nächsten Moment ihre Zähne auch einfach nur in seine Unterlippe zu versenken.
      "Lass es." Die Stimme war eisig kalt und eine unglaubliche Macht legte sich schwer über Kassandra. So schwer, dass sie sich nicht einmal widersetzen konnte als Telandir ihre Lippen teilte und nach ihrer Zunge fragte. Eine Hand hatte sich in ihr Haar vergraben und hielten sie an Ort und Stelle während sich ihre eigenen Hände zu Fäusten ballten. Mit zwei einfachen Worten demonstrierte die Zarin, welche Macht sie über Kassandra auszuüben wusste und nicht davor zurückschreckte, ihre Bindung auch dementsprechend einzusetzen. "Du sagtest ja, ich soll mein Glück versuchen. Wieso Glück versuchen, wenn meine Macht größer ist als deine?"
      Aus Kassandras Kehle löste sich ein Grollen, das selbst Telandir dazu nötigte, den Kuss zu brechen und auf Abstand zu gehen. Die Reue in seinen Augen war geschrumpft und war mehr einer Sehnsucht gewichen. Er hatte einen Vorgeschmack darauf bekommen wie es war, wenn das Objekt seiner Begierde ihn nicht ständig ablehnte. Das Verlangen nach Mehr, das nun in seinen grünen Augen aufleuchtete, ließ eine Übelkeit in Kassandra aufschwellen. "Willst du wirklich ausnutzen, dass sie mich zwingt, mich dir hinzugeben? Ist dir mein Wille so wenig wert, Telandir?" Sie hoffte, dass er mit ihr sympathisierte. Die Versprechen nicht vergaß, die sie sich einst gaben. Die Zeit im Hinterkopf hatte, die sie miteinander verbracht hatten. All die guten Erinnerungen, die sich langsam schwarz verfärbten.
      "Vielleicht brauchst du einen Anstoß. Damit du dich wieder daran erinnerst wie es ist, wenn dich deinesgleichen berührt", sagte er leise mit so viel Wärme in der Stimme, dass ihr die Magensäure bereits die Speiseröhre hinaufstieg. "Du kannst vergessen, wie dreckig dich die Menschen behandelt haben. Du kannst alles tun und lassen, was du möchtest. Es gibt nur eine einzige kleine Bedingung und die würde mich auch noch glücklich machen..."
      Unverwandt schnappte Kassandra nun doch nach Telandir, der zurückzuckte. Demataya richtete sich ein Stück weiter auf und da war sie wieder; diese allmächtige Schwere, die Kassandra regelrecht zu lähmen schien. Einzig ihr hoch erhobenes Haupt und der widersinnige Blick war ihr noch gegönnt. "Ich werde nichts tun was dich einfach glücklich stimmt und mir meine Würde nimmt. Verdien dir meine Zuneigung aus eigenen Stücken und nicht weil man mich dazu zwingt."

      Von diesem Zeitpunkt aus statteten Telandir und die Zarin gemeinsam Kassandra täglich einen Besuch ab. Immer zu anderen Uhrzeiten, wie sie schätzte, immer in anderen Gemütszuständen. Man schlug sie nicht, man verletzte sie nicht. Man strafte sie lediglich mit den Fessel um ihre Gelenke und dem Informationsentzug. Jeden Tag tasteten sich die beiden näher an Kassandras Grenze heran, jeden Tag rückten sie die Grenze ein Stück näher an ihren Kern heran, unaufhaltsam und unnachgiebig. Nach einigen Tagen, so vermutete Kassandra, hatte ihr Wille bereits empfindliche Rückschläge einstecken müssen und so kam es, dass die Zarin dabei zusehen durfte, wie Telandir die Fellkleidung zur Gänze von Kassandras Oberkörper streifte und sie nur noch ab der Hüfte abwärts bedeckte. Doch in den Augen der Phönixin lag keine Scham, nur abgrundtiefer Hass. Noch immer verstand sie nicht, wieso er so einvernehmlich mit dieser Frau dort auf dem Bett zusammenarbeitete. Sie musste ihm etwas unglaubliches eingeredet haben, dass er ihr so blind folgte. Oder er war tatsächlich willensschwächer als Kassandra und ließ sich dadurch leichter manipulieren. Auch dies war eine Option.
      "Was trägt sie da um den Hals?" Die Zarin war das erste Mal des Tages aus ihrer Stille erwacht, als sie etwas Glänzendes an Kassandras Hals erspähte.
      Telandirs Finger glitten über Kassandras Brust hinweg bis zu dem fein gearbeiteten Kolibri. Er hob das Schmuckstück etwas ab und begutachtete es. "Das ist die Kette, die der Luor Herzog ihr geschenkt hat."
      Kassandra schwieg. Sie durfte nicht sagen, dass sie ihm den Kopf abreißen würde, wenn er sie ihr weg nahm. Das letzte Bisschen, dass sie mit Zoras, mit ihrem Herzog, verband. Was ihr ein bisschen Hoffnung schenkte, noch immer etwas von ihm an sich zu tragen. Und nicht zu vergessen, dass er wirklich existiert hatte. Doch ihre Augen genügten, um genau das zu signalisieren und mit einem kräften Ruck riss der Phönix ihr die Kette vom Hals. In seinen grünen Augen flackerte etwas auf, das sie als besitzergreifend einordnen konnte. Sie sollte keinem anderen Mann außer ihm gehören. Vor ihren Augen ballte Telandir die Hand zur Faust. Es knackte, dann kam eine Stichflamme hervor und aus seiner geöffneten Hand tropfte flüssiges Gold und Rückstände von Steinen zu Boden. Kassandra Augen folgten den Tropfen, wie sie auf dem Steinboden eine Pfütze bildeten und dort erneut aushärteten zu einem Flatschen Nichts. Ohne Bedeutung, ohne Form. Niemand außer ihr wusste, was es einst gewesen war. "Du bist eine verachtenswerte, armselige Kreatur, Telandir!"
      Ohne Sinn und Verstand herrschte Kassandra ihren Artverwandten an, dem es offensichtlich egal war, was sie sagte oder wie sie ihn ansah. Viel zu sehr war er darin vernarrt, seine Hände über jede Wölbung ihres Körpers zu führen, die eigentlich nur Zoras gehören sollten.

      Es dauerte Wochen, vielleicht auch Monate, bis Telandir und Demataya die bockende Kassandra so weit hatten, dass sie nackt in ihrer Zelle aufrecht vor den Beiden stand. Die Zarin schien sich nur dafür zu interessieren, dass es endlich voran ging und verschwendete keinen Blick für Kassandras Körper. Gänzlich anders war das jedoch für Telandir. Er stand vor dem Objekt seiner Begierde, prägte sich jeden Quadratzentimeter ihres Körpers ein. Und sie ließ es widerstandlos geschehen, starrte ihn felsenfest von unten heraus an. Man hatte ihre Fußfesseln gelöst, sodass sie nur noch an den Händen verkettet war. Mehr als einmal hatte sie versucht, ihn niederzuringen und war kein einziges Mal siegreich gewesen. Also gab sie den physischen Widerstand auf und gab sich in dieser Hinsicht geschlagen. Sollte er sie doch anfassen. Sollte er sie misshandeln. Ihr gläsernes Herz würde er nicht bekommen.
      Fast schon grob zog Telandir Kassandra an sich, die Ketten rasselten wohingegen sie selbst völlig ruhig blieb. Zumindest bis er seine Lippen unterhalb ihres Ohres ansetzte und seine rechte Hand fahrig zwischen ihre Beine schob. Ungewollt verzog sie das Gesicht. Soweit hatte er es bereits in den letzten Tagen geschafft und ab hier begann der wahre Kampf zwischen ihnen. Bisher hatte die Zarin noch nicht erlebt, wie es war, wenn sich Kassandra wirklich mit Händen und Füßen gegen sie sträubte. Das würde sich gleich ändern.
      "Weißt du eigentlich, was der gewaltige Vorteil ist, wenn wir hier auf Erden sind und einen Teil unserer Göttlichkeit abgegeben haben?", raunte er ihr ins Ohr während er ungefragt zwei Finger in ihr versenkte und sie ihre Finger in seinen Rücken schlug.
      "Du wirst mich bestimmt aufklären", knurrte sie.
      "Hier müssen wir nicht auf den Segen des Allvaters warten um das Zeichen unserer Liebe zu empfangen."
      Das war der Augenblick in dem alles auf einmal Sinn ergab. Kassandra riss die Augen auf als sie endlich - endlich! - verstand, um was es hier ging. Mit einer Urgewalt stieß sie Telandir von sich, dass selbst die Zarin aus ihrer passiven Beobachterhaltung erwachte. Telandir war rückwärts getaumelt und starrte Kassandra mit großen Augen an. Keine Augen, die vor Überraschung geweitet waren. Das Grün in seinen Augen war von Hunger geprägt.
      "Deswegen bist du herabgestiegen?!", fuhr sie ihn an und das erste Mal in ihrer gesamten Existenz fühlte sie sich zutiefst bedroht.
      "Kassandra... Lautstärke", ermahnte die Zarin die Phönixin und blinzelte verwundert, als ihr Befehl ins Nichts lief. Bislang durfte die Zarin Asvoß' auch noch nicht die Bekanntschaft mit einer wutentbrannten Göttin machen.
      "Weil du nicht auf die Güte des Allvaters warten konntest? Weil du nicht sofort das bekommen hast, was du willst? Du bist krank, Telandir!"
      Doch Telandir war so schnell wieder an sie herangetreten, dass es für das menschliche Auge unsichtbar war. Er hatte seine Hand wieder in Kassandras Haaren vergraben und riss ihren Kopf in den Nacken, damit sie zu ihm aufsehen musste. Rot traf auf Grün und erzeugte zwischen ihnen eine Schwärze, die niemand von ihnen übertreten können würde. "Verstehst du nicht wie wundervoll es sein kann? Wir können selbst entscheiden, wen wir lieben und ob wir unsere Liebe bekunden können."
      Fast hätte Kassandra ihn angespuckt als er sich wieder zu ihr hinabbeugte. So viel Anstand besaß sie gerade noch, es nicht zu tun. "Unglaublich. Dass du den Umstand ausnutzt, dass wir nicht ganz menschlich sind. Du bist völlig durchgedreht. Hast du eine Ahnung welche Konsequenzen das Ganze mit sich bringt?"
      Da war Telandirs Hand bereits wieder zwischen ihren Beinen. Sichtlich ungehalten fauchte sie ihn an, doch er zwang sie wieder zu einem Kuss, den sie nicht wollte. Nichts von all dem hier wollte sie und sie würde sich selbst das Herz rausreißen bevor Telandir es auch nur wagen konnte, seinen Plan in die Tat umzusetzen. "Es wäre der erste auf der Erde geborene Gott. Kassandra, du wärst die erste Göttin, die eine neue Ära auf der Erde begründet. Du kannst dir hier mit mir das aufbauen, was man dir im Himmel genommen hat."
      Kassandra keuchte schmerzerfüllt auf, als er zwei weitere Finger in sie zwängte. "Du schaffst... eine Ära in der... wir alle seit der Geburt versklavt sind." Ungewollt wurden ihre Knie weich und sie musste sich von ihm halten lassen, um nicht erneut auf den Boden zu sacken.
      Die Zarin sah dem Ganzen völlig unbeeindruckt zu. Nach einer Weile schien sie etwas beschlossen zu haben und erhob sich vom Bett. "Ich denke, das Bett ist besser als der Boden, Telandir."
      "Mhm", bestätigte er seiner Trägerin Worte und wollte Kassandra nötigen, zum Bett zu gehen.
      Das war der Punkt, wo die allerletzte Grenze der Phönixin erreicht worden war. Sie griff notgedrungen auf ihre Lebensreserven zurück, als sie einen Impuls durch die Zelle schickte, die jeden Stein summen ließ, jedes Kettengleid einzeln erzitterte und Telandir samt Zarin von den Füßen holte. Sie atmete schwer, Haare hingen ihr wild ins Gesicht während sie die beiden Gegener in ihrer Zelle niederstarrte. Weiße Haare tauchten hier und da in ihrer Mähne auf, das Gesicht nicht mehr ganz so zart und weich wie zu Beginn.
      "Bevor ihr mich zur Brutmutter macht, lösche ich mein Licht eigenmächtig. Das schwöre ich hiermit."
      Sowohl in Telandirs als aus Demetayas Augen blitzte die Herausforderung auf. Dieses Spiel wollten sie eingehen und sehen, wer am Ende gewann. Und wenn sie Monate dafür in Anspruch nehmen mussten. Immerhin hatten sie Zeit, hier hoch oben allein Norden, wo niemand die Sammlerzarin angreifen würde.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras schloss sich einer Gruppe Banditen an.
      Normalerweise hätte sich alles an ihm dagegen gesträubt, sich auf die Seite jener Leute zu stellen, die ihn damals regelrecht um seine Freiheit gebracht hatten. Er wollte solchen Leuten nicht auch noch helfen, egal wie viel dabei für ihn rauskäme. Aber leider war er im Nachteil darüber, sich keineswegs in diesen Landen auszukennen.
      Sein erstes Bedürfnis war es gewesen, zurück nach Theriss zu gelangen, seinen Bruder zu finden, seinen Neffen, seine ganze Familie, herauszufinden, wie es um das Land stand, vielleicht sogar seinen ehemaligen Stand zurückzuholen. Das Herzogtum war durch seine Sklavenschaft in weite Ferne gerückt und Zoras bezweifelte, jemals wieder in einer herrschenden Position zu sitzen, aber er hatte es satt, durch eine unbekannte Welt zu ziehen, in der er niemand war und in der er nichts verstand. Er wollte zurück, er wollte nachhause. Zum ersten Mal in zwei Jahren hatte er die ernsthafte Chance, diesen Wunsch zu erfüllen.
      Aber niemand kannte ein Land mit dem Namen Theriss, nichtmal eines mit Restaris. Niemand konnte ihm sagen, wie er dorthin gelangen könnte. Natürlich könnte er versuchen, aufs Geratewohl in den Westen zu reiten, aber der Ausbruch aus dem Kerker und die Gefangenschaft in Restaris hatte ihn schon gelehrt, dass man nicht sicher sein konnte, nicht einmal in einer Gruppe und ganz sicher nicht alleine. Bevor er überhaupt die Grenze passiert hätte, hätte man das Sklavenmal an seinem Bein entdeckt und dann wäre er wieder dort, wo er angefangen hatte.
      Also kein Theriss, erstmal nicht. Erstmal musste er sich zurechtfinden und bevor er damit anfangen konnte, musste er wieder zu Geld kommen.
      Die Banditen, mit denen er reiste, machten sich hauptsächlich über seine Sprachfehler lustig und darüber, dass er nur die Hälfte verstand, was sie redeten, aber sie hatten Respekt vor seiner Stute und vor dem offensichtlich teuren Sattelzeug, das sie trug. Einen Monat lang reiste er mit ihnen, wobei er etwas auftaute. Er erzählte ihnen, von besagtem Land Theriss zu kommen und dass er eigentlich mal einen Titel besessen hatte. Sie wirkten überrascht und dann höchst angetan. Fast freundete er sich mit ihnen an.
      Zwei Wochen später versuchten sie, Zoras zu ermorden und Kassadra zu stehlen, und Zoras sah rot vor Augen. Er hatte schon lange die Hemmungen verloren, die Klinge gegen einen Unschuldigen zu erheben, und jetzt schlachtete er sich durch die gesamte Gruppe, ob sie beteiligt waren oder nicht. Er hinterließ ein Blutbad und trug hinterher lediglich eine Stichwunde an der Schulter davon. Er plünderte alle Gegenstände, die zu gebrauchen waren, dann zog er wieder alleine weiter.
      In der nächsten Stadt, wo er sich zur Abwechslung mal etwas zu Essen gekauft hatte, anstatt es nur zu stehlen, blieb er an einem schwarzen Brett hängen. Er konnte noch immer nicht viel von der Sprache verstehen, aber er erkannte einen Ausschrieb für eine Rekrutierung zur Armee, wenn er ihn sah. Zum ersten Mal dachte er, so etwas wie ein Ziel zu bekommen. Zum ersten Mal dachte er, dass es ja vielleicht möglich wäre, sich irgendwo anders niederzulassen.
      Aber zur gleichen Zeit wurde ihm bewusst, dass er sich niemals in die Armee einschreiben könnte. Er hatte quasi keine Herkunft, keine Geburtsurkunde, keine Papiere, die ihn ausgewiesen hätten, er hatte nur Kassadra, eine Waffe und ein Sklavenmal am Bein, durch das man ihn spätestens als eben solchen identifiziert hätte. Er könnte sich mit einem Empfehlungsschreiben bewerben, aber das brachte genau dieselben Probleme mit sich. Er sah einfach keine Möglichkeit, wieder zu altbekannten Wurzeln zurückzukehren.
      Also doch ein Leben der Flucht leben? Der Gesetzlosigkeit? Der ziellosen Wanderschaft, deren Highlights es war, genug Geld übrig zu haben, um sich ein Bier leisten zu können? Wenn das sein neues Leben sein sollte, hätte er sich auch längst umbringen können, als man ihn aus dem Kerker befreit hatte, das hätte keinerlei Unterschied gemacht. Nein, Zoras war kein Gesetzloser. Er war ein Herzog gewesen, vor langer, langer Zeit. Er mochte ein Sklave gewesen sein, aber ein Bandit war er nicht. Er würde niemanden umbringen, so wie sein Hauptmann umgebracht worden war.
      Also ging er in die nächstbeste Taverne und sah sich nach Arbeit um. Er bekam einen Auftrag zugesteckt, nur eine kurze Lieferung, und verdiente sich damit sein Bier. Später bekam er noch einen Auftrag und nachdem er glaubte, sich vielleicht ein paar Tage hier aufhalten zu können, nahm er noch mehr solcher kleineren Jobs an.
      Schließlich lernte er dadurch Tysion kennen.

      Tysion war ein Veteran, ein alter Mann mit weißem Bart, der ein ähnliches Ziel wie Zoras verfolgte und sich seinen Unterhalt mit kleineren Jobs verdiente, die er über die Tage hinweg annahm, nur um das Geld abends in der Taverne zu vertrinken. Tysion war ein Landsmann, aber er redete nicht viel. Und nachdem Zoras seit der therissischen Grenze nur schlechte Erfahrungen damit gemacht hatte, den Leuten auch nur einen winzigen Teil seines Lebens zu erzählen, schwieg er ebenso.
      Meistens tranken die beiden Männer zusammen, ohne jemals mehr als den Namen ausgetauscht zu haben. Dann saßen sie zusammen an einem Tisch und wenn einer schlafen ging, verabschiedete er sich vom anderen mit einem Kopfnicken. Zoras erfuhr von Tysion nie mehr, als das was er sehen konnte, nämlich dass der alte Mann Muskelkraft besaß und ein Leben des Kampfes hinter sich gehabt haben musste - und Tysion erfuhr nicht mehr von Zoras, als dass er ein kräftiger und schweigsamer Auslandsmann war, dessen Narben in beinahe rhythmischen Abständen seinen Körper bedeckten und dessen Blick stets mit einer gewissen Resignation ins Leere wanderte. Zoras ging noch immer mit durchgestrecktem Rücken und erhobenem Kopf, aber wenn ihn etwas berührte, ohne dass er es hatte kommen sehen, zuckte er zurück. Er mochte es nicht, von Leuten berührt zu werden, und hielt meistens eine Hand auf dem Griff seines Schwertes, das er nicht abnahm. Wenn er reden musste, sprach er nur so viel, wie nötig war.
      Sie trafen sich ein paar Tage lang jeden Abend, wo sie in schweigsamer Zweisamkeit ihr Bier tranken, dann brach Tysion plötzlich die Stille und erklärte Zoras eines abends, dass er weiterziehen würde. Er sei nur vorübergehend in der Stadt gewesen.
      Zoras nickte nur. Irgendwie stimmte ihn das traurig, aber es war wohl besser, als ähnliche Erfahrungen wie mit seiner vorherigen Truppe erneut zu machen. Sie tranken aus, dann trennten sich ihre Wege. Zoras blieb noch eine Weile lang sitzen.
      Entgegen seiner Aussage, war Tysion am nächsten Tag noch nicht verschwunden, sondern hatte eine Frau bei sich, als Zoras aus dem Gasthaus kam und auf ihn stieß. Die Frau war jung, höchstens 30 und trug eine Lederrüstung, was schon wesentlich mehr war als die Leinen, die Zoras noch immer anhatte. Sie hatte große Augen und war vergleichsweise hübsch; er konnte ihr eine gewisse Ähnlichkeit zu Kassandra anpreisen und irgendwie stimmte ihn das traurig.
      “Das ist Ischyll? Du bist Ischyll?”
      Zoras nickte. Nicht einmal seinen alten Namen traute er sich noch zu verwenden.
      Tysion beobachtete ihn in seiner stillen Art.
      “Wir bräuchten noch eine helfende Hand. Möchtest du mit uns kommen? Wir verdienen eigentlich recht gut, wenn mal die Dürre ein bisschen nachlässt, wenn du verstehst.”
      Er verstand nicht und musterte das merkwürdige Paar. Die Frau sah ihn mit großen Augen an, Tysion mit seiner typischen Regungslosigkeit. Schließlich nickte er, was sollte er denn auch großartig sonst machen.
      Okay.
      “Fein! Ich bin Faia, Tysion hast du ja schon kennengelernt.”
      Ischyll.
      Sie verließen den Platz zu dritt und Faia begann zu plappern, wobei sie sich nicht davon abhielt, Kassadra große Komplimente zu machen. Zoras warf ihr dafür gereizte und intensive Blicke zu, die sie zumindest in ihrem Redefluss etwas eindämmten. Aber auch sie stellte keine Fragen, so wie Tysion, und dafür war er sogar etwas dankbar.

      Die Gruppe war, mit Zoras, zu viert. Der vierte im Bund war ein Rotschopf mittleren Alters, der auf den Namen Omnar hörte und die geschmeidigen Muskeln einer Katze hatte. Omnar war ein wenig großmäulig und redete fast genauso viel wie Faia, nicht selten auch gegen die kleinere Frau. Alle drei anderen trugen Waffen bei sich und Zoras filterte schnell heraus, dass sie Söldner waren.
      Er schloss sich ihnen an. Die Aufträge waren, wie Faia bereits angedeutet hatte, nicht sehr schlecht und bezahlten größtenteils gut. Es war stets Faia, die verhandelte und Omnar, der die Werbung für die kleine Truppe betrieb. Zoras und Tysion waren mehr die ausführenden Kräfte, wie er irgendwann begriff, denn obwohl alle sich mit Waffen auskannten, hatten er und Tysion bei weitem am meisten Erfahrung mit ihnen.
      Die Truppe war auf ihre eigene Art freundlich. Faia plapperte meistens irgendwas vor sich hin, Omnar versuchte irgendwelche ominösen Diskussionen loszutreten und Tysion saß meistens schweigend dabei und rauchte etwas, von dem er später auch Zoras etwas anbat. Er nahm an und gemeinsam lehnten sich beide zurück und ließen die anderen beiden streiten. Manchmal war das sogar ganz lustig.
      Zoras lernte die Sprache, wenn auch sehr holprig. Seine Zunge war nicht für die feinen Vokale gedacht, die die anderen aussprachen, und er hatte Mühe, die Wörter richtig ineinander überfließen zu lassen. Aber er konnte sich verständigen und Faia gab sich größte Mühe, die Sprache ihm verständlich zu machen. Er lernte, dass er in einem Land namens Kuluar war und er lernte auch ein wenig von der Kultur. Er lernte von dem Alltag, den die Gruppe verfolgte und fügte sich dort schließlich ein. Er lernte von den Gebräuchen, von den Traditionen und kreuzte irgendwann die Übungsschwerter mit den anderen. Tysion war ihm der größte Gegner und bald wurde es zum Ritual, dass die beiden Männer kämpften und die anderen ihnen zusahen.
      Er fing an, seinen Bart abzuschneiden. Zuerst hatte er ihn nur grob gekürzt, aber nachdem er sich einmal vollständig im Spiegel gesehen hatte - er hätte sich so schon nicht wiedererkannt - legte er sich ein Rasiermesser zu und rasiert sich, jeden einzelnen Tag. Er war kein Herzog mehr, er war kein Luor mehr, er war kein Therisser mehr, der Bart musste weg. Er war jetzt Ischyll und Ischyll hatte - trotz seines neuen Namensvettern, der sein eigener Vater war - keinen Bart. Ischyll war kein Luor.
      Sie verbrachten manche Abende in Tavernen und während Faia vor sich hin plapperte, bezahlte Tysion dafür, dass sich eine junge Schankdame auf seinem Schoß niederließ und ihm den Bart kraulte. Auch Omnar war nicht dazu abgeneigt, sich regelmäßig Huren anzulegen, aber Zoras verweigerte alle. Wenn sie ihm doch zu aufdringlich wurden, weil er, wie Faia zu sagen pflegte, doch ein richtiger Fang war, stieß er sie grob fort und knurrte in seinem gebrochenen Dialekt, dass sie ihn in Ruhe lassen sollten. Manche Frauen brachte er sogar zum Weinen, aber Zoras interessierte das nicht. Er trank dann nur das Bier und ließ Faias Geplapper über sich ergehen.
      Eines Tages musste das Schicksal ihn ja in irgendeiner Weise einholen, denn Faia und Omnar hatten sich - wie auch immer sie das geschafft hatten - in eine Diskussion darüber verstrickt, was sie alles tun würden, wenn sie Träger wären. In Kuluar waren alle genannten Adeligen Träger und obwohl es nicht viele Champions gab, gab es doch wesentlich mehr als aus der Gegend, aus der Zoras gekommen war. Faia beteuerte daher stets, dass sie das Leben als Adelige genießen würde, während Omnar betonte, dass er mit einem Champion alles machen könnte. Alles. Während er sich also in Ausführungen darüber verstrickte, wie er Aphrodite einfangen und über den Tisch beugen würde, dachte Zoras unweigerlich an Kassandra. Er dachte daran, dass sie auch noch irgendwo dort draußen sein musste, dass sie ihre Essenz nicht zurückerhalten hatte, dass er in dem letzten Plan versagt hatte, der vielleicht sogar noch am wichtigsten gewesen wäre. Er hätte ihr damals am Morgen schon die Essenz zurückgeben müssen, dann wäre alles anders gelaufen. Er hätte darauf bestehen müssen.
      Also stand er irgendwann auf, ging zu Omnar hinüber und donnerte ihm die geballte Faust mitten ins Gesicht. Der Mann flog von seinem Stuhl und fiel auf den Rücken, wo er sich sofort die blutende Nase hielt und mit geweiteten Augen zu Zoras hochstarrte.
      Hab Respekt vor den Göttern”, spuckte der ihn an und ließ die anderen drei dann alleine, um sich um Kassadra zu kümmern.
      Später öffnete sich die Tür zum Gasthaus, aber heraus kam nicht etwa Omnar oder Faia, um die Sache aufzuklären, sondern Tysion. Er kam schweigend zu Zoras in den Stall, reichte ihm eine Zigarre und setzte sich dann auf einen Heuhaufen, während Zoras damit beschäftigt war, Kassadra zu striegeln und ihr sinnlose Wörter zuzuflüstern. Er hörte auch mit der Anwesenheit des anderen nicht auf, aber irgendwann erhob der die Stimme.
      “Wie heißt sie?”
      Da sah Zoras, der noch nie ernsthafte Wörter mit Tysion gewechselt hatte, zu ihm rüber.
      ... Kassadra.
      “Cas-hata?”
      Kassadra. Das S ist geschwungen.
      “Cassa?”
      Fast. Ja.
      Sie rauchten und schwiegen und Kassadra, die schöne, treue Kassadra, stupste Zoras in die Brust und gab ein Schnauben von sich. Irgendwann sprach Zoras von selbst weiter, obwohl er gar nicht wusste, wieso.
      Ich habe sie nach einer Frau benannt, die ich mal kannte. Die ich immernoch kenne. Sie heißt Kassandra.
      Tysion sagte nichts, sondern rauchte nur weiter, während Zoras weiterhin Kassadra kraulte und striegelte.
      Ich habe viele Fehler gemacht, weshalb ich sie verloren habe. Wenn ich könnte, würde ich die Zeit so weit zurückdrehen, wie es nötig ist. Ich habe mein Zuhause verloren und ich habe Kassandra verloren, ich würde mir beides wieder holen.
      Tysion schwieg für einen Moment, aber dann fragte er:
      “Wieso holst du es dir nicht wieder?”
      Weil das nicht möglich ist. Weil ich nicht wüsste, wo ich zu suchen anfangen müsste.
      Daraufhin schwiegen sie wieder beide und Zoras drückte Kassadra einen Kuss auf die Nüstern.
    • Kassandra hielt Monate aus. Beinahe täglich musste sie sich gegen Angriffe von Telandir und der Zarin wehren und ließ die Müdigkeit erst dann zu, wenn die Beiden erneut aufgegeben hatten. Bis die Beiden eintrafen sammelte Kassandra ihre Kräfte, widersetzte sich ihnen und verfiel in Trauer und Müdigkeit sobald man sie wieder allein ließ. Diese Abfolge wiederholte sich täglich zu unregelmäßigen Tageszeiten. Irgendwann hatte man sogar davon abgesehen sie wieder anzukleiden und hatte ihr in der Kälte nur die dünne Decke gelassen, die auf der Pritsche ausgebreitet worden war. So bestand Kassandras Leben in Asvoß nur aus Kälte, Abscheu, Gegenwehr und Müdigkeit. Das war das einzige Wort, mit dem sie es beschreiben konnte: ermüdend. Zu oft wurde ihr schon das Tageslicht genommen, als dass sie das noch störte. Zu oft hatte man sich an ihr vergangen, als dass sie sich um ihren Körper noch scherte. Was sie wirklich und abgrundtief traf war der Fakt, dass es einer ihresgleichen war, der sie nun ebenfalls quälte. Aus rein egoistischen Motiven. Motiven, die ihn von anderen Menschen nicht sonderlich unterschied.
      Allerdings lernte Kassandra während dieser Tage noch weitere Sachverhalte kennen. Kassandra hatte bis zum jetztigen Zeitpunkt nicht ein einziges Mal ein Kind zur Welt gebracht. Man mochte glauben, dass Götter und Menschen sich nicht fortpflanzen konnten, aber das stimmte so nicht. War der Gott weiblich und der Mann menschlich, so musste sich die Göttin bewusst dafür entscheiden, ein Kind von einem Menschen zu gebären. War es andersherum, so hatte die menschliche Frau praktisch kein Mitspracherecht. Hatte der Gott auch nur ansatzweise die Intention, ein Kind zu zeugen, hatte die Frau sprichtwörtlich verloren. Diese Erkenntnis war es auch, die Kassandras Entschluss so festmauerte wie ihren Willen. Sie würde Telandirs Schwanz nicht mal ansatzweise in ihre Nähe lassen. Diesem Bastard schenkte sie kein Kind.
      Die zweite Erkenntnis kam durch Zufall. Während eines Angriffs von Telandir auf sie hatte die Zarin einmal weniger Pelz am Leibe. Sofort fiel Kassandra auf, dass die Frau nicht nur ihr Amulett um den Hals und Telandirs Ohrringe trug. Darüber hinaus hatte sie immer eine gut versteckte Haarnadel, die aber auch genau einfach nur das sein konnte, sowie eine kleine, mit Mäander verzierte Dose, die sie manchmal hervor zog und aufklappte. Recht schnell ging Kassandra ein Licht auf, dass diese beiden Teile ebenso Essenzen oder Schwüre beinhalteten. Spätestens bei der Dose, die sich einige Zeit später als aufklappbarer Taschenspiegel entpuppte, war sie sich sicher, dass das Teil zu einem Gott gehören musste. Demataya musste noch mindestens einen weiteren Gott versklavt haben, denn anders konnte sie nicht erklären, wieso ihr Telandir in Form eines Vogels über ihrem Kopf nie aufgefallen war. Dieser Gott musste ein Meister der Illusionen sein. Und Illusionen waren außerordentlich gefährlich.
      Die Zeit verflog regelrecht und Dematayas Versuche liefen ins Nichts. Mehr als Finger bekam Telandir nie in Kassandra, deren Widerstand nicht einmal zu bröckeln schien. Es war zum Verzweifeln, beide Lager waren festgefahren. Keine der beiden Seiten wollte nachgeben und wenn nicht einer auf die Idee kam, seine Trumpfkarte auszuspielen, würde sich das auch noch länger so hinziehen. So versuchte Kassandra am Ende einfach nur noch, auszuharren. Auch wenn man ihr die Kette genommen hatte, so blieben ihre Erinnerungen bei ihr. Mehr als gut war dachte sie zurück an Luor. An die Tage, die sie dort mit Zoras verbracht hatte. Wie sie sich mit Elive angelegt hatte und Teal sie löcherte. Ob Solair den Weg zurück gefunden hatte und ob Zoras die Schlacht überlebt hatte. Ob sie ihn noch einmal zu Gesicht bekommen würde, nur noch ein Mal spüren durfte, wie er beim Namen rief und ihre Lippen küsste. Wie warm er sich angefühlt hatte. Wie es war, wahrlich und kompromisslos geliebt zu werden. Jeden Abend lag sie im Bett, umarmte ihr nacktes Selbst und stellte sich vor, sie hätte Zoras bei sich liegen, der ihr Wärme schenkte.

      Alles nahm eine katastrophale Wendung, als Demataya eines Tages allein zu Kassandra in die Zelle kam. Kassandras Hände waren noch immer gefesselt, sie durfte sich allerdings im Raum nun frei bewegen. So setzte sie sich auf als die Zarin den Raum betrat und die Arme vor der Brust verschränkte. Irgendetwas in ihrem Ausdruck ließ die Phönixin aufhorchen. Da lag dieses Funkeln in den Augen der Zarin, das ihr überhaupt nicht gefiel...
      "Sag bloß, dir ist eine neue Schandtat eingefallen? Na los. Zeig mal, was dein krankes Köpfchen sich ausgedacht hat", höhnte Kassandra, die ihre Füße mittlerweile auf den kalten Boden aufgesetzt hatte und die Zarin herausfordernd ansah.
      Die Zarin gab sich davon völlig unbeeindruckt, schenkte der Phönixin jedoch ein zuckersüßes Lächeln. "Ich finde, du hast dich bisher extrem gut geschlagen. Das verdient eine Belohnung, findest du nicht?"
      Kassandra schnaubte abfällig, als sich Demataya bereits wieder aus dem Raum verabschiedete. Wenn diese kranke Frau von einer Belohnung sprach, dann war es höchstwahrscheinlich genau das Gegenteil. Nie im Leben würde diese Frau ein Verhalten belohnen, das ihr nicht das bescherte, was sie haben wollte. Keine Logik der Welt unterstützte dies und so wappnete sich Kassandra für alle Eventualitäten, die man ihr entgegenwerfen würde als sich die Tür ein zweites Mal öffnete und ein Mann eintrat.
      Kassandra hörte regelrecht, wie ein Teil ihres gläsernen Herzens splitterte.
      Die Tür fiel erneut in die Angeln und nun war sie allein mit dem Mann im Raum, der an der Tür verweilte und die nackte Phönixin mit geweiteten Augen ansah. Stumm starrten sich die Beiden an, so als könne keiner von ihnen glauben, den jeweils anderen zu sehen. Ein Kloß bildete sich in Kassandras Kehle als sie sich dazu zwang, bitter zu grinsen. "Nettes Trugbild. Aber die kenne ich leider schon."
      Trotzdem war es ein Stich ins Herz ihren Herzog wiederzusehen. Zoras stand in seiner Gänze vor ihr, wirkte nicht ganz so gepflegt wie sonst und wies sogar die Narben auf, die er zuletzt erhalten hatte. Er trug seine Uniform, die mit dem luorschen Wappen drauf und den unzähligen Knöpfen, die ihn immer so gestört hatten. Mit jeglicher Macht, die ihr zur Verfügung stand, redete sich Kassandra ein, dass es ein Trugbild war. Es musste ein Trugbild sein. Es gab keinen Grund, warum der echte Zoras hier sein sollte. Nicht einen einzigen.
      "Meine Hübsche...", begann er leise und trat einen Schritt näher auf Kassandra zu.
      Ihre Augen weiteten sich. Die Stimme passte. Die Worte passten. Alles an seiner Gestik, an der Optik, stimmte. Ihr fiel es plötzlich schwer zu atmen, zog die Arme enger vor die Brust als schämte sie sich mit einem Mal, doch einfach nackt vor ihm zu sitzen. Ganz entfernt kam ihr der Gedanke, was der echte Zoras wohl davon halten würde wenn er erführ, dass man sie vergewaltigt hatte. Sie benutzt hatte wie ein Straßenweib und sie nicht mehr die Göttin war, die er kannte.
      Er kam näher, vorsichtig und sachte, bis er sich vor ihr auf die Knie fallen ließ und vorsichtig nach ihren Händen griff. Er führte sie an seine Lippen und küsste ihr den Handrücken. "Meine Kassandra... Was um Himmels Willen haben sie dir angetan?"
      Kassandra schwor, dass sie seine Mischung aus Pferd und Rasurmittel riechen konnte. Ihre Brust wurde so eng, dass sie keine Luft mehr bekam. Sie kannte gute Trugbilder, aber nicht eines von ihnen vereinte sämtliche Merkmale unter sich. Nicht so perfekt wie dieses hier. "Welcher Gott vermag solch perfekte Trugbilder zu erschaffen? Bitte sag mir wenigstens das, Telandir."
      Zoras' Augen richteten sich auf Kassandras Gesicht und da wusste sie, dass sie richtig lag. Es war Telandir in einer Täuschung, einer Illusion. Eine, die er nicht selbst geschaffen hatte sondern in dessen Deckmantel er zu ihr herein gekommen war. Das war Dematayas Trumpfkarte und sie traktierte ihr gesprungenes Herz viel zu präzise.
      "Es spielt keine Rolle, wer es ist, meine Liebste." Sie musste ihr Gesicht abwenden, damit er nicht den Schmerz und die Sehnsucht in ihrem Gesicht ablesen konnte. "Kassandra. Sieh mich an. Bitte."
      Das war die einzige Schwachstelle, die die Phönixin nun noch besaß. Der einzige Weg, wie man es um ihre Grenzen hindurch schaffte ohne auf sofortige Gegenwehr zu stoßen. Langsam wandte sie den Kopf und sah ihrem Zoras ins Gesicht. Es war perfekt. Alles an ihm war perfekt. Wenn sie nicht so schlau gewesen wäre, wäre ihr vermutlich nicht einmal aufgefallen, dass es eine Illusion war. Sie war so mächtig, dass sie von einem hochrangigen Gott stammen musste. Demataya hatte einen namenhaften Gott in ihrem Repertoire.
      "Nimm sie mir ab", brachte Kassandra leise hervor und hielt ihm ihre Hände entgegen. Zoras sah sie einen Augenblick lang an, dann berührte er die Fesseln, die aufsprangen und ihre Hände das erste Mal seit Monaten freigaben. Zittrig brachte sie ihre Finger an sein Gesicht. Fühlte wie sich seine Haut unter ihren Fingern anfühlte, verglich die Empfindung mit dem, was sie sich eingeprägt hatte. Ja, es stimmte. Alles stimmte.
      "Es wird alles gut. Glaube mir, meine Liebste... Ich liebe dich, meine Haria."
      Kassandra hatte gar nicht gemerkt, wie ihr die Tränen in die Augen geschossen waren und sich über ihre Wangen ergossen. Nun saß sie vor dem Mann, den sie liebte und für tot hielt, unter dessen Tarnung ein anderer Gott steckte und sie es ganz genau wusste. Aber Kassandra war müde, so erschöpft von all dem. Sie hatte sich nicht einmal verabschieden können. Sie wusste nicht einmal ob er noch lebte und nun servierte man ihr einen Fiebertraum. Aber es wirkte so... echt. Sie ließ ihre Hände über seinen Hals, seine Brust abwärts wandern und suchte eigenmächtig seine Lippen. Er schmeckte sogar genau so, wie sie ihn Erinnerung hatte. Das war keine Belohnung, das war die schlimmste alter Foltermethoden, die man ihr hätte anbringen können.

      Irgendwo mittendrin meinte Kassandra zu hören, wie es brach. Etwas klirrte, hell und schneidend, und hallte durch ihr ganzes Sein. Sie wusste nicht genau, was es war, was da gerade gebrochen war, aber es konnte unmöglich in dieser Zelle sein. Denn hier gab es nur das Bett, sie und Zoras über ihr. Zoras, der sie liebkoste, sie küsste und sie nach so langer Zeit endlich wieder gut fühlen ließ. Selbst wenn er nur ein Trugbild war. Vielleicht hatte sie in der Zeit doch den Verstand verloren. Vielleicht musste es so sein, wenn man nicht mitbekommen hatten, dass das eigene Herz in tausend Teile zerbrochen war. Sie war gebrochen, auf mehr als nur einer Ebene, und hielt sich nur durch dieses Trugbild bei Sinnen. Und so hinterfragte sie es nicht, als er sie nahm, so wie der echte Zoras es einst getan hatte. Er liebte sie wie der echte Zoras, flüsterte ihr die gleichen Worte zu wie der echte Zoras. Streichelte sie wie der echte Zoras, nachdem er sich erschöpft aus sie gezogen hatte und sich neben sie gelegt hatte. Fast hätte sich Kassandra gewünscht, dieser Fiebertraum möge niemals enden.
      Bis Zoras irgendwann aufstand und die Zelle wieder verließ. Zurück blieb eine Kassandra, die der Tür hinterher starrte und schließlich in Tränen ausbrach. Sie schaffte es gerade noch so, aus dem Bett zu krabbeln und mit zittrigen Gliedmaßen auf dem Boden zu verweilen. Sie hatte sich gerade freiwillig vergewaltigen lassen. Sie wusste, dass es nicht der echte Zoras sein konnte. Was war aus ihrem Willen geworden, seit wann war sie so schwach? Sie schüttelte sich erneut, als sie etwas warmes an ihren Oberschenkeln spürte und kurz hinsah. Eine übermächtige Übelkeit überkam sie und sie erbrach sich herzhaft. Wie sollte sie sich selbst jetzt noch ansehen und ihre Würde behalten können?

      Der Horror hörte nach diesem Erfolg der Zarin nicht auf. Fast täglich kam der Trugbild-Zoras zu Kassandra und suchte sie heim. An Tagen, wo es ihr besonders schlecht ging, konnte sie sich ihm nicht erwehren und flüchtete sich in die temporäre Rettung aus dieser Misere. Jedes Mal danach bereute sie ihre Tat, erbrach sich und fühlte sich so dreckig, wie sie es eigentlich war.
      Irgendwann kam die Zarin Kassandra erneut besuchen. Ihrer Seite folgte Telandir, er lächelte und trug Freude in seinem Gesicht, die für zwei gelten mochte. Mühsam quälte sich Kassandra aus dem Bett und sah sie beiden Besucher an. Telandir wollte sich ihr zuerst nähern, wagte es dann aber doch nicht, ihr noch näher zu kommen. Ihnen gegenüber hatte Kassandra das Feuer in ihren Augen nicht vergessen.
      "Du bist dir sicher, Telandir?" Die Zarin ließ ihren Blick über Kassandra gleiten, als prüfe sie etwas. "Steh auf."
      Kassandra gehorchte und stand auf. Ihre Arme hingen zu ihrer Seite hinab während sie die Zarin und den Phönix böse ansah. Telandirs Blick schien sich sekündlich aufzuhellen, je länger er die Phönixin ihm gegenüber ansah. "Ich bin mir vollkommen sicher. Sieh sie dir an. Sie wird keine neun Monate brauchen wie ein gewöhnlicher Mensch. Immerhin trägt sie einen Gott unter dem Herzen."
      Kassandras Wut verpuffte und wich etwas, das sie nie gedacht hatte, gegenüber sich selbst zu spüren. Sie richtete den Blick an ihrem Körper abwärts. Erst da fiel ihr auf, dass sie tatsächlich nicht mehr so glattbäuchig war wie zuvor. Sie sah sogar ihren eigenen Venushügel im Stehen nicht mehr. Dazu die Übelkeit, die sie regelmäßig heimsuchte... Gott, sie dachte, das wäre gewesen weil sie von sich selbst so angewidert war.
      Ihr Puls beschleunigte sich als sie einmal gezielt die Sicht nach Lebenslichtern und Auren einsetzte. Mehrere in dieser Festung leuchteten sie durch die Wände hindurch an. Dematayas und Telandirs Licht war stark wie eh und je....
      Und jetzt erschien ein kleines Licht auch unterhalb ihres Herzens.
      Kassandra wurde erneut übel und sie schlug sich die Hand vor den Mund. Dieser Bastard hatte sie tatsächlich geschwängert. Sie wartete einen Kind von diesem Bastard. Sie würde einen Gott auf Erden gebären. "Nein...."
      Dematayas Gesicht hellte sich merklich auf und machte sie jünger als je zuvor. Sie klatschte sogar freudig in die Hände bei dieser Nachricht. "Na wunderbar! Dann können wir sie ja endlich von hier unten hoch holen. Mir ging der Weg nach hier unten sowieso auf die Nerven."
      Kassandras Schwangerschaft beendete ihre Gefangenschaft in der dunklen Zelle und holte sie hinauf zurück ins Tageslicht. Aber zu welchem Preis?

      Kassandras Schwangerschaft dauerte nur gut fünf Monate. Länger als Telandir erwartet hatte, aber sie war die erste Göttin auf Erden, die ein himmlisches Kind erwartete. Was gab es dort schon für Normen und niemand hinterfragte die Dauer. Hauptsache, das Kind, welches aus den beiden Phönixen entsprang, war gesunder Natur.
      Man versorgte Kassandra mit allem, wonach es sie verzehrte. Das Einzige, was sie bewusst ablehnte, war Zuneigung egal in welcher Form. Selbst der Trugbild-Zoras wurde von ihr rigoros abgelehnt und man entdeckte sie immer häufiger, wie sie, in langen Fellmanteln gehüllt, an den Fenstern mit den Eisblumen stand. Ihre Hand lag auf der Glasscheibe so als sehnte sie sich nach draußen. In der gesamten Zeit, in der ihr Telandir nicht von der Seite wich und ihr Bauch immer größer wurde, sprach sie nur noch kaum ein Wort. Sie war soweit von der stolzen, edlen Phönixin entfernt, wie es nur irgendwie möglich war.
      Dann schließlich kam der Tag der Geburt. Man hatte Kassandra einen Arzt zur Seite gestellt, der dank Telandir nicht von Nöten war. Hilfreicher waren dagegen die drei Hebammen, die Kassandra durch die Geburt leiteten von der sie später sagen würde, dass es der schlimmste Schmerz war, den sie jemals durchleben musste. Stunden zogen sich hin, in denen sie in den Wehen lag und weder ein noch aus wusste. Schlussendlich waren die Presswehen genug und ein schreiendes Kind kreischte die eisigen Hallen zusammen während Kassandra einfach nur entkräftet auf der Liege lag, die man ihr gebracht hatte. Noch während man sie versorgte, legte man ihr das kleine Würmchen, eingewickelt in Stoff, an die Brust und sie sah zum ersten Mal das Kind, welches sie in die Welt gesetzt hatte.
      Lebensgeister, die Kassandra für tot gehalten hatte, erwachten mit einem Mal. Mit fahrigen Fingern strich sie dem kleinen Jungen durch das Geischt und spürte seinen Lebenswillen unter ihren Fingernspitzen. Er besaß ein genauso kräftiges Lebenslicht wie Telandir und sie und schlagartig verpuffte die Angst und der Ekel, den sie bis jetzt empfunden hatte. Das hier war von nun an ihr Schatz. Ihr Sohn war von nun an das, was es zu schützen galt. Niemand konnte wissen, ab wann ihr Sohn eine Essenz abgeben konnte und sie würde ihn solange davor bewahren, wie es nur irgendwie möglich war.

      Kassandra taufte ihren Sohn auf den Namen Amartius.
      Von dem Tag seiner Geburt an wich Kassandra ihrem Sohn nicht von der Seite und sie akzeptierte sogar Telandir als Vaterfigur neben sich. Selbst die Zarin hielt sich vorerst im Hintergrund, hatte sie ihr übergeordnetes Ziel doch erreicht. Was menschliche Kinder an Jahren der Entwicklung brauchten geschah bei Amartius binnen kürzester Zeit. So war er nach eine Monat bereits auf dem Stand eines Dreijährigen. Das war auch der Zeitraum, in dem Kassandra Kleinigkeiten auffielen, die auch Telandir irgendwann auffallen müssten.
      Amartius Augen waren bei seiner Geburt wie alle Babys blau gewesen. Mittlerweile hatten sie diese Farbe verloren und hatten ihre endgültigen Farbton angenommen. Dieser war jedoch weder rot noch grün sondern braun. Vielleicht eine Mischung aus ihren Augenfarben, wie sich Kassandra einzureden suchte. Amartius hatte auch kein rotes Haar, wie alle Phönixen außer Kassandra hatten. Seine Haare waren ebenfalls braun mit schwarzen Akzenten. Nichts wirkte so recht, als wäre Telandir sein leiblicher Vater und Argwohn stieg auch langsam in Kassandra auf. Es konnte nicht sein...
      Es ließ sich gerade noch zwei weitere Monate vertuschen, da entwickelte auch Telandir Argwohn gegenüber seinem Sohn. Amartius war mittlerweile auf dem Stand eines Zehnjährigen, ein quicklebendiger kleiner Junge, der nichts von seinem Vater geerbt zu haben schien. Auch schien sein Lebenslicht eine andere Dauer zu haben als die von gewöhnlichen Phönixen. Ihm mangelte es an der naturgegebenen Kontrolle über das Feuer, obzwar er Feuermagie beherrschte, aber nicht meisterte. Kassandra lehrte ihrem Sohn alles an Wissen, was sie besaß, rüstete ihn ab dem Moment, wo sie selbst Zweifel hegte, für den schlimmsten Fall. Ihr Junge war klug, so klug und gerissen wie sein Vater. Sie musste es nur schaffen, ihn so weit zu kriegen, dass er allein über die Runden kam und dann würde sie ihn in den Götterhimmel schicken. Sofern man ihn denn dort hin ließ. Jede Nacht bevor sie schliefen erzählte sie ihm von Theriss, von Luor und von dem Mann, der ihr viel beigebracht hat. Den sie liebte und der vermutlich in einer Schlacht gefallen war. Sie nannte ihm den Namen Zoras und dass sie hoffte, dass er irgendwann ein genauso hinreißender Mann werden würde wie er. Telandir bekam davon nicht viel mit. Er wurde ausquartiert und durfte keine Zeit mit den Beiden verbringen.
      Nur Tage später äußerte Telandir gegenüber Kassandra und im Beisein der Zarin den Verdacht, dass Amartius nicht sein Kind sei.
      Was daraufhin folgte war fast noch schlimmer als die Kerkerzeit im Keller der Festung. Telandir lieferte Beweise, dass Amartius nicht sein Kind war. Die Farben passte nicht, er konnte seine Gestalt nicht ändern, beherrschte die Magie nicht wie seine Natur, die es hätte sein müssen. Schlussendlich kam der Verdacht auf, dass es nur einen Mann auf Erden gab, der dann des Kindes Vater sein musste. Kassandra musste bereits schwanger gewesen sein, als Telandir sie vom Schlachtfeld entführt hatte.
      Kassandra setzte alles ein, was sie hatte, um ihren schreienden Sohn vor Telandir zu schützen. Doch der wälzte sich wie eine Eruption durch die Festung, um das aus seinen Mauern zu werfen, was nicht seines war. Kassandra schrie, fluchte, weinte. Alles, was in ihrer Macht stand setzte sie ein, damit Telandir ihren Sohn nicht umbrachte. Aber er war nicht das, was er noch die Zarin gewollt hatten. Er war ein Mischblut - nicht das Ziel ihrer Reise. Hoch oben auf den Zinnen der Festung schaffte Kassandra es ein letztes Mal, Telandir zu stoppen. Er hatte den schreienden Amartius unter seinen Arm geklemmt und war gerade bei, ihn über die Zinnen zu werfen. Ein Halbblut würde diesen Sturz nicht überleben.
      "Telandir, bitte!", flehte sie ihn erneut an. "Bitte, er kann doch nicht dafür! Bei allem was dir Heilig ist, lass ihn einfach gehen! Ich bitte dich!"
      "Du hast gewusst, dass er nicht mein Sohn ist. Du wusstet, dass du bereits schwanger warst und hast dich deshalb von mir besteigen lassen", stellte er kalt fest, doch Kassandra realisierte, dass er verletzt war.
      Ihre Lippen wurden zu einem smalen Strich. Es gab einen Weg, wie sie wenigstens ihren eigenen Sohn retten konnte. Wenigstens das. Der einzige Hinweis, dass es Zoras gegeben hatte. "Lässt du ihn in Ruhe wenn ich meine Gegenwehr einstelle?"
      Amartius schrie noch immer wie am Spieß und Telandir schüttelte ihn bis er endlich Ruhe gab. Dann richtete er seinen Blick auf Kassandra. Ungläubig. "Jetzt willst du deine Gegenwehr einstellen? Wer versichert mir denn, dass du dein Wort hältst und nicht in der nächst besten Minute wieder deine Meinung änderst?"
      "Ich schwöre auf mein Schattenfeuer. Wenn du mich wirklich liebst, dann tu mir diesen einen Gefallen. Nur diesen."
      Telandir sah sie eindringlich an. Er überlegte, überlegte lange. Dann seufzte er, setzte den Jungen jedoch nicht ab. "Schön. Ich lasse ihn gehen. Ich bring ihn weg von hier und setz ihn aus. Du wartest solange in meiner Kammer, okay?"
      Kassandra nickte. Schwer schluckte sie den Kloß in ihrem Hals hinunter als sich Telandir in den Feuerball verwandelte und ihren Sohn mit sich nahm. Sie verfolgte den Ball am Himmel bis er aus ihrer Sicht verschwand, um sich dann in Telandirs Kammer einzufinden.

      Telandir kam nach Stunden ohne Amartius zurück. Er fand Kassandra in seiner Kammer wartend vor und bewies ihr, dass ihr Sohn noch lebte. Wenn auch nicht in welchem Zustand, aber sie hoffte einfach, dass Telandir im Kern noch immer der gute Phönix war, als den sie ihn kennengelernt hatte. "Er lebt noch?"
      "Ja, er lebt noch. Ich hab ihn auf einem anderen Kontinent abgesetzt in einem Wald. Das reicht dir sicherlich", sagte Telandir, kam zu Kassandra und strich ihr die Haare hinter die Ohren. Noch immer fasste er sie lieblich an mit Zärtlichkeit, die sie ihm nicht entgegenbringen würde. Aber sie hatte ihm ihr Wort gegeben und an das hielten sich Phönixe ihrer Ehre nach.
      "Ja, das reicht..." Hoffentlich. Hoffentlich hatte sie ihrem Sohn alles mitgeben können, was er brauchte um dort draußen klar zu kommen.
      Telandir beugte sie zu ihr, küsste sie lang und innig und brummte zufrieden, als er nicht auf die erwartete Gegenwehr stieß. Er nötigte sie zurück zum Bett, auf dass sie sich fallen musste bevor er bereits anfing, ihre Schnüre des Fellmantels zu lösen. Etwas zu grob wischte sie seine Hände beiseite. "Ich habe gerade meinen Sohn aussetzen lassen. Könntest du also -"
      Er erstickte ihren Protest mit seinen Lippen und fing ihre Hände ein mit denen sie nach ihm schlagen wollte. "Keine Gegenwehr hast du gesagt. Ohne Zeitbegrenzung."
      Widerwillig ließ Kassandra ihre Hände sinken. Das waren ihre Worte gewesen, unklug im Eifer des Gefechts gesprochen. Das letzte bisschen an Ehre, das sie noch besaß, zwang sie dazu, ihr Wort einzuhalten. Und so ließ sie sich ein weiteres Mal von Telandir vergewaltigen und kehrte in den leeren Zustand zurück, der ihr zersplittertes Herz war.

      .....

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • ....

      Amartius wachte mitten in einem Wald auf. Vor ihm ragte Telandir auf, in der Gänze seiner Feuergestalt, und starrte auf den Jungen nieder. Das Kind konnte ihn nur mit großen Augen ansehen, er bewunderte diesen Phönix auf eine ganz eigene Art und Weise. Er hatte verstanden, warum seine Mutter ihn so hasste und ablehnte, aber dafür konnte der Junge schließlich nichts.
      Allerdings wurde er schnell eines Besseren belehrt. Telandir wandelte sich in seine menschliche Erscheinung und ging vor Amartius in die Hocke. Sie musterten sich gegenseitig, dann legte der Phönix dem Jungen eine Hand auf den Kopf und seine Augen beganne zu glühen. Amartius begann zu schreien, bitterlich zu schreien als würde man ihm die Organe einzeln entnehmen. Telandir entriss dem Jungen seine Lebenskraft, ohne dass der Junge alterte. Er setzte sein Sterbedatum künstlich nach vorn und als es ihm reichte, löste er seine Hand von dem Jungen und sah hämisch auf ihn hinab."Viel Spaß mit deiner restlichen Zeit." Dann flog ein Feuerball wieder von Dannen und ließ einen weinenden Jungen zurück.
      Irgendwann waren Amartius' Tränen versiegt und der Junge kämpfte sich auf die Beine. Ihm war noch immer kalt, er war hungrig und müde als er sich umsah. Nichts als Wald sah er um sich herum und dachte an seine Mutter zurück. An das Symbol für Stärke. Sie hatte ihm früh eingebläut, dass er sich womöglich eines Tages allein drch die Welt schlagen müsste. Scheinbar war dieser Moment nun gekommen.
      So begann eine Reise für den Jungen ohne wirklich Ziel. Er traf schnell auf ein Dorf, wo man sich dem Jungen annahm und sich fragte, woher der kleine Mann eigentlich kam. Denn wie ein Bettlersjung sah er nicht aus mit seinen wohlgenährten Wangen. Man war ihm freundlich gesonnen, gab ihm Essen und Trinken und erzählte ihm, dass er in einem Land namens Kuluar war. Lange hielt es den Jungen jedoch nicht bei diesem Dorf und bald wanderte er weiter mit einem kleinen Rucksack, den die freundlichen Dorfbewohner ihm aus Ziegenleder geschneidert hatten. Für ihn gab es nur zwei Hauptmotive: Einen Weg zurück finden und seine Mutter befreien oder diesen ominösen Zoras finden und ihn um Hilfe bitten. Aber irgendwie musste er seine Mutter aus dem Eispalast holen. Ihre großen, traurigen Augen waren alles, was er kannte. Er wollte sie einmal mit dem Leuchten in den Augen sehen, das sie gehabt haben musste, als es diesen Zoras noch gegeben hatte.

      Ein allein umherwandernder Junge mit einem Rucksack war leichte Beute für jedermann. So war es nicht verwunderlich, dass eine Truppe Räuber auf den Jungen stießen und ihn hops nahmen. Amartius wehrte sich nach Leibeskräften, kam aber den Haufen an kräftigen Männern natürlich nicht an. Sie entrissen ihm seinen Rucksack, fesselten und knebelten ihn und packten den Jungen auf den Rücken eines ihrer Pferde. Zum Sklavenhändler wollte man den Wildfang bringen, wohlgenährte Kinder ohne Herkunft fanden oft spezielles Klientel.
      Besonders weit kamen die Räuber jedoch nicht. Der Trupp an Räubern überfiel regelmäßig die angrenzenden Dörfer, sodass man ein Kopfgeld auf diese Truppe ausgeschrieben hatte. Und da Söldner in diesen Breiten recht häufig vertreten waren wunderte es niemanden sonderlich, dass sich eine Gruppe Söldner auf dem Weg zeigten und die Räuber und Plünderer abfingen. Amartius bekam auf dem Rücken des Pferdes nicht viel mit. Er verstand die Sprache nicht, die gesprochen wurde und hörte nur die steigende Aggression heraus. Dann brach auf einmal ein Kampf aus, das Pferd auf dem der Junge hing, stieg, und verlor seine wertvolle Beute. Dumpf knallte Amartius auf dem Boden auf und rollte sich so schnell es ging von den trampelnden Hifen fort. Als er auf der Seite zum Liegen kam sah er nur, wie sich vier Söldner durch die Plünderer metzelten. Was anderes war es auch gar nicht, die Räuber waren deutlich schlechter koordiniert als die vier Söldner. Einer von ihnen war eine Frau, die anderen drei Männer in unterschiedlichen Gestalten. Nur einer ritt auf einem braunen Pferd, die anderen hatten einen Rappen und zwei Füchse. Schnell hatte sich der Tumult gelegt, Blut säumte nun den losen Weg und Waren wurden gesichtet, Köpfe abgetrennt. Amartius machte große Augen als sich die Frau aus dem Gespann ihm näherte. Er begann wie am Spieß sich zu winden und Geräusche von sich zu geben, die der Knebel unkenntlich machte. Das sich windende Bündel machte sich bemerkbar, sodass die Frau ankam und sich vor ihn hockte, um ihm den Knebel aus dem Mund zu nehmen. Sie sprach ihn an, doch erneut verstand er kein Wort und machte große Augen. Langsam näherten sich auch die anderen aus der Gruppe. Ein drahtiger, kleinerer Mann und zwei recht kräftige Vertreter. Einer mit Bart, einer ohne. Aber es war der Braunhaarige ohne Bart, auf dem Amartius Blick hängen blieb. Er war zwar nicht Herr über sämtliche Magie, aber er war durchaus in der Lage, Auren zu spüren. Und diese eine Aura war die einzige warme, die ihm seit seiner Mutter untergekommen war. Amartius braune Augen wurden groß als er den Mann wie ein Weltwunder anstarrte. Das war unmöglich. Telandir hatte nicht den Fehler begangen und Amartius genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit abgesetzt. Das Schicksal war manchmal ein mieser Verräter.
      "Ich heiße Amartius! Ich bin... äh... entführt worden! Ich komm hier gar nicht her, ich suche jemanden!", fing er wild an zu brabbeln in asvoßisch, das hier selbstverständlich niemand verstand. Er hatte allerdings noch eine andere Sprache parat, auf die er zurückgriff, als man ihn noch immer nur verwirrt anschaute. "I heiß Amartius!", versuchte er erneut, dieses Mal auf therissisch, das er etwas unkenntlicher sprach weil er erst einmal wieder in die Sprache kommen musste. "Danke! I bin 'führt worde. Danke!" Er räusperte sich und blickte in genau drei irritierte Gesichter. Nur eines, das des braunhaarigen Mannes, wirkte eher überrumpelt als irritiert. Das war Amartius Ziel. Der musste es richten. Seine Aura war warm, er war mit Sicherheit ein guter Mann.
      In der Zwischenzeit hatte man ihm die Fessel gelöst und er konnte sich richtig aufsetzen. Er rieb sich die Handgelenke, als er noch immer zu diesem einem Mann aufsah. Etwas war komisch an ihm. Definitiv. Er kam ihm irgendwie bekannt vor, aber vielleicht lag das auch einfach daran, dass Amartius einfach zu wenig Menschen in seinem Leben gesehen hatte. Das änderte sich jedoch schlagartig, als sich der Mann abwendete, irgendetwas zu seinen Mitstreitern sagte und dann zu seinem braunen Pferd ging.
      Und wenn sich Amartius nicht ganz verhört hatte, dann hatte der Mann da gerade Kassadra gesagt.
      "Genau, Kassandra!", platzte der Junge wahllos hervor. Sein Gesicht fing voller Hoffnung an zu strahlen. Er war zu jung, als dass er an Wahrscheinlichkeiten oder Schicksal glaubte. Er war naiv und fühlte sich zu einem Fremden hingezogen. Fühlte, dass er ihm helfen konnte. Also holte der Junge tief Luft und sprach voller Überzeugung die Worte, die ihm seine Mutter mit auf den Weg gegeben hatte. Nur für den Fall. Für genau diesen Fall.
      "Sie sucht dich! Deine Haria sucht dich noch immer!"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Nur drei Tage später sollten Zoras' Wunschgedanken auf ominöseste Art und Weise erfüllt werden.
      Sie hatten einen Patrouillen-Auftrag angenommen, auch wenn Faia fest dagegen gestimmt hatte - für sie war es langweilig, durch die Straßen zu reiten und nach Gesetzlosen Ausschau zu halten. Für Zoras gab es nichts besseres; seit seiner Arbeit als Stalljunge hatte es nur wenige Dinge gegeben, die auf ihre Weise genauso befriedigend waren.
      Und als sie daher drei Tage später sogar auf Spuren stießen, wurde sogar Faias Geduld belohnt.
      Mittlerweile waren sie ein gutes, eingespieltes Team. Faia übernahm den Ansturm, Zoras und Tysion waren für die Seiten verantwortlich und Omnar für ihre Rückendeckung. Dabei war eindeutig Zoras ihr stärkster Punkt, denn obwohl Faia einen unermüdlichen Elan mit sich brachte und Tysion einen starken Schwertarm hatte, besaß Zoras die nötige Technik zu Pferd, um seine Widersacher einzukreisen, niederzustrecken oder vom Sattel zu stoßen. Und Kassadra hatte sich trotz ihrer wenigen Übung so wunderbar an ihn gewöhnt, dass er nur einmal an ihren Zügeln zupfen musste, um zu lenken. Manchmal beschwerte sie sich noch, aber sie ließ sich fast augenblicklich besänftigen, wenn er Unsinn vor sich hin plapperte.
      Sie begegneten einer sechsköpfigen Truppe und als die Unterhaltung sich zusehends verschärfte, griffen sie schließlich an. Der Kampf war lasch, ein lediglicher Schatten dessen, was Zoras auf dem Schlachtfeld erlebt hatte - und vermutlich auch Tysion. Die beiden Veteranen pflückten durch die Gesetzlosen wie Bauern auf ihren Feldern und obwohl es Zoras schmerzte, die Pferde zu verletzen, tat er doch genau das. Zwei von ihnen starben, zwei büchsten aus, zwei konnten sie noch einfangen. Von den Räubern waren nach wenigen Minuten auch nichts mehr übrig als leblose Fleischhaufen.
      Sie teilten sich auf, um die Leichen zu plündern, als Faia plötzlich überrascht aufrief.
      "He, da ist jemand! Ein Kind, da ist ein Kind!"
      Zoras blickte auf, selbst Tysion hielt inne. Eine Truppe Gesetzloser zu fällen war eine Sache, unter ihrer Beute ein Kind zu finden eine ganz andere. Selbst Gesetzlose sollten sich eigentlich daran halten, solch unschuldige Wesen nicht zu verletzen, aber das wäre wohl eher die Ausnahme.
      Sie sahen zu, wie Faia eines der Pferde beiseite scheuchte und sich auf den Boden kniete. Zoras kam selbst ein Stück näher, während Tysion ihre Umgebung im Blick behielt.
      "Tot oder lebendig?"
      Omnar erntete für diese Frage einen solch garstigen Blick von Zoras, dass er zusammenzuckte. Ganz anscheinend konnte er sich noch gut an den Schlag vor ein paar Tagen erinnern, immerhin war seine geschwollene Nase der beste Beweis dafür.
      Faia kniete sich zu dem Bündel auf den Boden, Zoras kam hinter ihr zum Stehen. Sie befreite den Jungen mit braunen, strubbeligen Haaren, der kaum älter als zehn sein konnte - wenn überhaupt. Leise knirschte Zoras mit den Zähnen.
      "Geht's dir gut, Junge? Hörst du mich? Bist du verletzt?"
      Der Junge antwortete für einen Moment nicht, stattdessen starrte er mit riesigen Augen erst Faia und dann Zoras an. Der Veteran starrte zurück in dunkle, tiefe Augen und für einen Augenblick, für einen winzigen Moment, glaubte er, Kassandra darin zu entdecken. Allerdings war der Gedanke so aberwitzig, dass er ihn gleich wieder wegscheuchte.
      Schließlich antwortete er, aber selbst Zoras konnte verstehen, dass das nicht kuluarisch war. Er hätte noch glauben können, dass es ein Nachbarland wäre, aber Faia starrte ebenso hilflos drein und die anderen beiden Männer beteiligten sich sowieso nicht groß.
      Als er dann aber noch einmal ansetzte, jagte Zoras ein eiskalter Schauer über den Rücken. Der Junge sprach therissisch, wenn auch recht dürftig. Er konnte nicht aus seinem Heimatland kommen, aber die Tatsache, dass er die Sprache etwas beherrschte, ließ darauf schließen, dass er Verbindungen dazu hatte - vielleicht Verwandte, vielleicht Besitztümer. In jedem Fall war er eine Verbindung zu Zoras' Heimat und auch wenn der Junge gerademal zehn und kaum etwas von dem ganzen Krieg mitbekommen hätte können, war er doch das erste, was Zoras seit Jahren mit seiner Herkunft verband. Er konnte gar nicht anders als zu starren, dann riss er sich endlich los, schob die verdutzte Faia beiseite und kniete sich an ihrer Statt vor den Jungen.
      "Amartius? Du heißt Amartius?"
      Er drehte sich zu Faia und bestätigte den Namen in kuluarisch, dann drehte er sich wieder zu dem Jungen um und musterte ihn kritisch, wie er sich aufsetzte. Er schien gesund zu sein, etwas durch den Wind vielleicht, aber immerhin wohlauf. Zoras würde unbedingt von ihm wissen wollen, woher er stammte.
      Er richtete sich wieder auf und ging zu Kassadra zurück.
      "Wir nehmen ihn mit. Setz ihn auf dein Pferd Faia, ich werde mit Kassadra versuchen ein Lager -"
      Er unterbrach sich, als Amartius plötzlich dazwischenrief. Die Worte erreichten ihn wie ein Schlag auf den Hinterkopf.
      Langsam drehte er sich wieder um, bedacht um seine Bewegungen, weil ihm sein eigenes Blut plötzlich so vorkam, als wäre es in seinen Adern gefroren. Sein Herz raste und in seinem Kopf wirbelten die Gedanken, von denen nicht wenige davon handelten, dass er sich verhört hatte, dass der Junge nur durch Zufall Kassandras Namen ausgesprochen hatte, dass es etwas ganz anderes war, als er jetzt glaube. Woher sollte er schließlich von der Phönixin wissen? Das war Unsinn, völliger Humbug. Ein reiner Zufall, nicht mehr als das.
      Dann sprach Amartius aber weiter und Zoras' Welt kippte in sich zusammen.
      Er merkte noch nicht einmal, wie sein Körper sich in Bewegung setzte. Faia musste an seinem so bleich gewordenen Gesicht erkannt haben, dass etwas nicht stimmte, denn sie sagte etwas, aber Zoras ging einfach weiter. Er ging geradewegs auf den Jungen zu und als er ihn erreicht hatte, packte er ihn bei den Schultern. Das Kind war dünn, aber nicht schmächtig, war eindeutig gesund und hatte harte Knochen. Unter Zoras' schwieligen Händen, sah es allerdings klein und gebrechlich aus.
      "Was hast du gesagt? Was hast du da eben gesagt?!"
      Er schüttelte ihn und da kam Faia von der Seite angelaufen.
      "Ischyll, was soll das?!"
      Sie berührte Zoras an der Schulter, wollte ihn zweifellos von Amartius wegziehen und Zoras spürte die Berührung wie ein Stromschlag, der ihm durch den Körper zuckte. Sein vom Kerker zerbrochener Instinkt rief eine primitive Panik hervor, mit der er augenblicklich nach hinten schlug. Er verfehlte Faia, die noch rechtzeitig nach hinten wegsprang. Sein Griff um die Schultern des Jungen verlor sich.
      "Er soll mir wiederholen, was er gesagt hat! Woher weißt du das, wer hat dir davon verraten?! Wer hat dir etwas von Haria erzählt?!"
      "Ischyll, was redest du?!"
      Faia, genauso wie Omnar, starrten entsetzt auf den fast wild gewordenen Mann, der in ihrer Gegenwart vermutlich noch nie so viele Wörter auf einmal benutzt hatte. Aus dem Hintergrund kam Tysion herbei, der aber auch bei Zoras stehenblieb.
      "Ich kenne die Person, von der er redet", brachte Zoras schließlich zischend hervor, der darum ringen musste, die Fassung zu bewahren und gleichzeitig den Jungen dennoch niederzustarren. Es war Tysion, der antwortete.
      "Cassata?"
      "Ja."
      Schweigen kam für einen kurzen Augenblick auf, dann hob Faia beschwichtigend die Hände, bevor sie wieder auf Amartius zukam.
      "Wir sind alle müde, nicht wahr? Lasst uns ins nächste Gasthaus gehen und da können wir alles klären."
      Sie beugte sich zu dem Jungen hinab und setzte ein ehrlich freundliches Lächeln auf, mit dem sie Zoras' mürrische Miene verdeckte.
      "Und du wirst mit uns kommen. Okay? Amartius? Amartius kommt mit uns?"
      Sie versuchte es mit ihren Händen ein wenig zu visualisieren, konnte aber nur begrenzten Erfolg damit erzielen. Zoras hätte es vermitteln können, aber der Mann war noch zu sehr damit beschäftigt, Amartius anzustarren.
      "Na komm, du kannst bei mir mitreiten."
      Sie legte ihm die Hand auf den Rücken und schob den Jungen langsam auf ihr Pferd zu.
      "Ihr nehmt ihre Sachen mit, dann kommt ihr nach. Und reiß dich am Riemen Ischyll, Herrgott! Was ist nur in dich gefahren?"
      Zoras wandte sich mit einem Schnauben ab, dann schwang er sich zurück in den Sattel. Kassadra wandte ihren stolzen Kopf herum und gab ein eigenes Schnauben von sich, als wolle sie den Gemütszustand ihres Herrn spiegeln. Dann starrte er noch einmal Amartius an, bevor er sie herumlenkte und in die Richtung preschte, aus der die Gruppe gekommen war.
    • Das war der entscheidende Augenblick für mehr als nur eine Person. Dass das Schicksal Kassandras Sohn zu Zoras führte, musste ein Zeichen gewesen sein. Anders hätte es kein Geschichtenschreiber besser niederlegen können.
      Amartius hatte darauf gesetzt, irgendeine Reaktion auszulösen. Dass er bereits mit seiner Zweitsprache Erfolg gehabt hatte, war schon überwältigend genug für ihn gewesen. Jedes Wort, das Zoras ihm auf therissisch entgegenbrachte, brauchte der Halbphönix nur ein einziges Mal zu hören und hatte es in seinem Sprachschatz abgespeichert. Einer der Vorteile, zum Teil göttlich zu sein. Noch strahlte Amartius wie die junge Morgensonne als Zoras bei seinen Worten innehielt und sich ganz langsam zu ihm umdrehte. Mit jeder Bewegung des Mannes funkelten die Augen des Jungen ein Stückchen heller. Bis zu dem Moment, wo Zoras direkt auf ihn zu kam, gerade als er wieder auf den eigenen Beinen stand. Der Griff an seinen Schultern war ungewöhnlich hart - in Asvoß hatte es niemand gewagt, ihn anzufassen außer seiner eigenen Mutter. Und dem einen Mal, als Telandir ihn ausgesetzt hatte. Abseits davon kannte der Junge fast nur zärtliche Berührungen, das Geschüttelte an seinen Schultern erschreckte ihn mehr als er zugeben wollte. Das Funkeln in seinen Augen verlor sich augenblicklich und nur verschreckte Geräusche kamen aus seiner Kehle. So schnell es geschehen war, brach es jedoch wieder ab und er taumelte ein paar Schritte zurück. Die Frau hatte den Mann von ihm abgelenkt und so konnte Amartius ihn aus augenscheinlich sicherer Distanz beäugen. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Wieso reagierte der Mann so barsch auf den Namen seiner Mutter? Er dachte, man hatte sie gemocht und war ihr nicht mit Zorn gegenübergetreten.
      Amartius verfiel in angespanntes Schweigen und beobachtete die Erwachsenen. Er war sowieso schon davon fasziniert, wie unterschiedlich sie alle aussahen. Als hätte man wild in eine Kiste gegriffen und danach diese Menschen zusammengebaut. Amartius hatte nur die beiden Phönixe und ein paar Vertreter des Asvoßen kennengelernt und die sahen, gelinde ausgedrückt, sich sehr ähnlich. Nun jemanden zu sehen, der das gleiche Haar hatte wie er selbst oder sogar noch eine ganz andere Hautfarbe als weiß wie Porzellan war mindestens so spannend wie einschüchternd. Gerade der Mann mit den weißen Haaren im Gesicht erntete vollste Bewunderung und Furcht des Jungen.
      Seine Aufmerksamkeit zuckte allerdings wieder zu der Frau, die sie ihm näherte. Sie hatte nicht solch barschen Tonfall an den Tag gelegt und blickte allgemein nicht so fies einher. Sie lächelte ihn sogar ein wenig an, was ihn ein bisschen weniger argwöhnisch stimmte. Das alles jedoch half nicht bei ihrer Sprachblockade. Fragend blickte Amartius die Frau an, die irgendwas sagte und gestikulierte. Tatsächlich verstand er nur den Teil Komm mit und speicherte es in seinem Gedächtnis ab. "Amartius kommt mit", verkündete er absolut akzentfreiem kuluarisch, was ihm einen erstaunten Blick der Umstehenden einbrachte. Mehr als das verstand er allerdings nicht und wurde von der Frau zu seinem Glück geschoben. Er wurde eher behelfsmäßig auf das Pferd gesetzt und brauchte viel zu lange, um sich darüber klar zu werden, dass er das Gleichgewicht auf dem Tier halten musste. Völlig unbefangen klammerte er sich an die Frau, die vor ihm auf dem Pferd saß, aus purer Todesangst noch mal vom Rücken des Tieres zu rutschen. Als geknebelte Ware war er wenigstens sicher vertaut gewesen, als Reiter musste er hingegen selbst drauf achten. Noch immer verstand er kein Wort, aber er sah beinahe sehnsüchtig dem Mann hinterher, der einfach mit der braunen Stute abgezischt war. Er musste hinterher.
      "Kommt mit?", fragte er drängend wobei er die Frau anklopfte und mehrfach in die Richtung zeigte, in die Zoras verschwunden war. Mehr Worte konnte er kausal nicht zusammensetzen und hoffte, dass man ihm bald das ein oder andere Wort erklären würde. "Amartius Asvoß!", setzte er dann noch hinzu. Vielleicht kannte man das Land ja und konnte ihm sagen, wie weit Telandir ihn abgesetzt hatte. Ohne Flügel rückte eine schnelle Rückreise nämlich immer weiter in die Ferne. Und wer wusste schon, wie viel Zeit dem Jungen noch blieb.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Antwort des Jungen auf Faias Aufforderung hin war erschreckend glasklar. Er hatte nur ihre Wörter nachgeplappert, sicherlich, aber ihm schien mit Leichtigkeit von den Lippen zu fallen, womit Zoras selbst nach solch langer Zeit noch immer Schwierigkeiten hatte. Und dabei sprach er kuluarisch wohl kein bisschen.
      Das war eine weitere Tatsache, die dafür sorgte, dass Zoras' Nackenhaare sich aufstellten und er nicht wusste, was genau er empfinden sollte. Woher zum Teufel kannte der Junge Haria? Es war unmöglich, dass er etwas mit Zoras' Kultur gemein haben konnte, wenn er noch nicht einmal therissisch gut sprach, und Zoras hatte auch niemand anderen darin eingeweiht.
      Bis auf Kassandra. Bis auf die Phönixin hinter dem Namen, den auch der Junge mit einer solchen Inbrunst aussprach, als wäre er Mittelpunkt seines Feuers.
      Er wollte augenblicklich alles wissen. Die Welt war mit einem Schlag unwichtig geworden und die neue Welt bildete der unbekannte Junge, der gefühlt aus dem Nichts gekommen war und jetzt von der einen Sache sprach, die Zoras' Herz noch aufrichtig vereinnahmte. Er hatte auch Theriss lange nachgetrauert, seiner Heimat und seiner Familie, seinem Land und sogar Feris, aber nach Theriss konnte er nicht zurück, selbst wenn er den Weg gefunden hätte - nicht, ohne sich selbst und schlussendlich seine Familie zu gefährden. Zu Kassandra konnte er nicht zurück, egal wie sehr er es wollte. Kassandra war unwiderbringlich verschwunden und er hatte ihr noch nicht einmal ihre Essenz wiedergegeben. Alles, was ihm geblieben war, waren ein paar flüchtige Erinnerungen und ein eingebranntes Abschiedsbild, als der Phönix - sein Name war ihm schon früh entfallen - sie auf seinen Armen fortgetragen hatte. Zurück war eine gähnende Leere geblieben und Zoras hatte herausgefunden, dass kein Inhalt der Welt sie füllen konnte.
      Vielleicht war er auch noch nicht bereit dafür. Vielleicht hatte er sich daran gewöhnt, eine Leere zu empfinden, wann immer er in seinem Einzelzimmer im Gasthaus aufwachte. Kassandra war hunderttausende Jahre alt und sie würde noch viel älter werden, die Chance, dass er ihr in seinem Leben zwei Mal begegnen würde, war fast null. Sie war für ihn für immer verloren und irgendwann hatte er sich irgendwie damit abgefunden.
      Aber jetzt musste ein Junge auftauchen, ihren Namen erwähnen, Haria aussprechen und schon fühlte Zoras sich, als würde er jeden Moment einknicken, als könnte er gleich brechen, so wie er im Kerker gebrochen war. Es gefiel ihm nicht. Er spurtete auf Kassadra davon, weil das besser war, als sich der Gefahr weiter auszusetzen.
      Faia bemühte sich dabei mit Leibeskräften, mit Amartius umzugehen, der unruhig auf dem Pferderücken zappelte. Sie schob ihn ein wenig zurecht, noch immer lächelnd, noch immer selbst unsicher über die Situation und dann musterte sie ihn und seine bescheidenen Versuche für eine richtige Kommunikation.
      "Ischyll? Ischyll kommt mit? Ja, Ischyll kommt auch. Keine Sorge, hm?"
      Sie sah sich hilfesuchend nach den beiden anderen Männern um und Omnar nickte bekräftigend.
      "Klar, wir kommen alle. Brauchen ja ein verdammtes Bett für die Nacht. Und du, kleiner Mann, brauchst unbedingt einen Plan, welchen deiner Eltern wir wo kontaktieren können, damit wir das Findegeld bekommen."
      "Omnar!"
      "Was? Er versteht mich doch eh nicht. Nicht wahr?"
      Er setzte eine freundliche Stimme auf.
      "Nicht wahr du kleiner Scheißer? Bist ganz dumm und zurückgeblieben, oder? Jaa, das bist du."
      Er nickte noch einmal, so als wolle er auch Amartius dazu bewegen zu nickten und grinste dann mit seinem Resultat. Tysion blieb im Hintergrund, ein Schatten, der die Aufgaben übernahm, die die beiden anderen vernachlässigten.
      Sie setzten sich in Bewegung.
      "Amartius Asvoß, ja", bestätigte Faia, die den Ausdruck für seinen Namen hielt.
      "Mich kannst du Faia nennen. Okay? Faia."
      Sie zeigte auf sich.
      "Und das ist Omnar", sie zeigte auf ihn, "und Tysion. Und Ischyll hast du ja mehr oder weniger schon kennengelernt. Oder? Amartius Ischyll? Und äh... Tysion, wie spricht man das aus?"
      "Cassata."
      "Ja, und Cassata. Nicht wahr? Cassata."
      Sie sah sich noch einmal nach Amartius um und übernahm dann die Führung.
      Zoras traf nach einigen Minuten wieder dazu und reihte sich hinten ein. Er hatte einen fast ungehinderten Ausblick auf Amartius' Rücken und konnte sich nicht davon abbringen, ihn nicht anzustarren. Der Junge hatte dunkelbraunes, leicht gelocktes Haar und einen gesunden Körperbau. Er hatte eine breite Brust und Beine, die eines Tages sicher mal lang und stark sein würden. Seine Arme schienen etwas schmächtig und alles in allem sah er ein wenig wie ein entflohenes Adelskind aus. Außerdem war seine Kleidung nicht ganz passend für einen Straßenjungen.

      Sie ritten etwa eine halbe Stunde lang zum Gasthaus zurück, wo sie ihr Hab und Gut noch verstaut hatten. Sie brachten ihre Pferde in den Stall und gingen augenblicklich zu ihren Zimmern hinauf. Es mussten keine Worte gewechselt werden, um jeden in Faias Raum einzulassen, die Amartius noch immer bei sich hatte und ihn nicht losließ. Manchmal wiederholte sie Sätze wie "Amartius, komm mit" und lächelte dann besonders freundlich. Zoras starrte ihn meistens nur düster an.
      Nachdem sie aber gemeinsam entscheiden mussten, was mit dem Jungen geschehen sollte und Zoras außerdem der einzige war, der halbwegs mit ihm kommunizieren konnte, blieb er da. Er stellte sich hinter der Tür auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Zu viert wurde der Raum doch recht eng.
      Faia nötigte Amartius derweil dazu, sich auf ihrem Bett niederzulassen, wo sie ihm ein bisschen durch die zerrauften Haare fuhr. Dann trat sie bei Seite.
      "Oh Ischyll, hör schon auf so eine Miene zu ziehen! Du wirst ihm noch Angst machen!"
      Zoras schnaubte. Tysion verharrte still an Ort und Stelle, Omnar musterte Amartius mit spöttischem Blick. Die Stimmung war äußerst merkwürdig, um es gelinde auszudrücken.
      "Komm jetzt her und rede mit ihm! Freundlich! Frag ihn, woher er kommt, wo seine Familie ist."
      Zoras war gewillt, es einfach nicht zu tun. Stattdessen kam er ein Stück nach vorne, baute sich vor dem Jungen auf und blickte auf ihn hinab.
      Es war in dem Augenblick, als die großen, dunklen Augen zu ihm aufsahen, dass er sich ein wenig erweichen ließ. Es mochte die Unschuld des Jungen sein, der seine schlechte Stimmung nicht verdient hatte, der auch nicht verdient hatte für etwas bestraft zu werden, was er selbst womöglich gar nicht verstand und kontrollieren konnte. Vielleicht waren es auch die kindlichen Backen, die dünnen Arme, der angespannte Blick, was etwas in Zoras umlegte, das die Steifheit aus seinen Gliedern nahm. Er beugte sich zu ihm hinab und stützte die Hände auf den Knien auf.
      "Wir werden von vorne anfangen, einverstanden, Amartius? Wo kommst du her, wo ist deine Familie? Wie bist du bei den Räubern gelandet?"
    • Amartius verstand zwar kein einziges Wort, was da in einer fließenden Konversation zwischen den verbliebenen Männern und Faia enstand. Zu seinem eigenen Glück tat er das auch nicht, allerdings spielte ihm sein Erbe in die Hand. Selbst wenn er die Worte nicht verstand, bekam er dank seiner Aurafühlung eine Stimmung, eine Absicht, mit. Das war der einzige Grund gewesen, warum er sich so einfach von Faia hatte auf ihr Pferd schieben lassen. Warum er wahllos die Worte gefaselt hatte, die seine Mutter ihm nur für eine einzige Person mitgegeben hatte. Und selbst als der drahtige Mann neben ihnen urplötzlich einen freundlicheren Tonfall anschlug und ihm zunickte, verengte der Junge lediglich die Augen und sah den Mann misstrauisch an. Da war keine besondere Wohlgesonnenheit in der Stimmung sondern Hohn, den der Junge selbstverständlich noch nicht kannte. Trotzdem würde er zehn Eisvögel wetten, dass der Kerl gerade etwas nicht so Nettes gesagt hatte. Trotzdem würde er sich den Namen jeder Person hier merken. Die waren wenigstens eindeutig zu verstehen wobei er allerdings befürchtete, dass man seine Herkunft fälschlicherweise für einen weiteren Namen hielt. Aber mehr konnte er von seinem wackeligen Sitz aus nicht tun.
      Was ihn jedoch am meisten irritierte war der Punkt, dass der Mann scheinbar nicht Zoras hieß. Wenn Zoras nicht Zoras war, wieso hatte er denn dann so sehr auf den Namen seiner Mutter reagiert? Warum kam ein Mensch überhaupt auf die Idee, seinen Namen zu ändern? Amartius runzelte die Stirn. Als das Thema sich dann wieder auf etwas lenkte, mit dem er durchaus etwas anfangen konnte, kehrte Lebendigkeit in den Jungen zurück.
      "Kassaaaaaah-dra. Kassadrrrra", korrigierte er das, was scheinbar Kassandra heißen sollte. Oder eher Kassadra ohne N. Warum auch immer er ein Pferd nach der Phönixin benannte. Noch eine Sache, der er auf den Grund gehen musste.

      Im Gegensatz zu seinen Rettern besaß Amartius nur noch den Rucksack mit dem bisschen Proviant, das man ihm eingepackt hatte. Nichts bis auf seine Fellkleidung, die für die hiesigen Verhältnisse viel zu warm war, deutete darauf hin, dass er fehl am Platze war. Er war im Stall fast von dem Pferd gefallen und war mehr mit Interesse als Furcht unterwegs. Er war fasziniert von den Gebäuden, die nicht nur aus Eis und grauem oder weißen Stein bestanden. Stroh im Allgemeinen war ihm neu und er friemelte so lange an den Halmen herum bis Faia ihn an der Hand nahm und mit Worten weg von dem toll riechenden Gelb und raus zur Gaststätte. Die er sich übrigens noch gerne länger von außen angesehen hätte, doch Faias Weg war zielstrebig.
      Im Inneren quollen Amartius' Augen beinahe über. Die Wärme kannte er aus der Küche und den Speisesäälen in Asvoß, aber die Musik, die Menschen, die Gerüche und die Optik erschlugen ihn regelrecht. Faia musste ihn eher mit sich zerren als alles andere und er sah zum ersten Mal in seinem Leben Betrunkene. Und dann war da immer dieser stechende Blick in seinem Nacken, der von Ischyll unentwegt stach. Er folgte der Frau Treppen nach oben und ließ sich in ein verdammt kleines Zimmer führen. So klein, dass er Beklemmungserscheinungen bekam als seine vier Retter sich ebenfalls nicht bitten ließen. Man nötigte ihn aufs Bett und er konnte nicht anders, als bei jeder Berührung Faias ein Stück weiter von ihr abzurücken. Sie folgte ihm zu seinem Leidwesen. Erneut verstand er keine Worte, sah nur fragend zwischen den Parteien hin und her und war sich nicht mehr sicher, ob er sich nicht doch den falschen Leuten anvertraut hatte. Seine Mutter hatte ihn gewarnt, nicht den Menschen leichtgläubig zu vertrauen und vorallem nicht zu verkünden, dass er von einem Phönix abstammte. Diese Schiene würde er beibehalten.
      Dann baute sich Ischyll vor Amartius auf und unterbrach seine Gedankengänge. Mit großen Augen blickte er zu dem Mann auf, dessen Gemüt primär noch Verwirrung äußerte. Und vielleicht Bestürzung, aber das konnte er beim besten Willen nicht bestimmen. Egal, wie böse er dreinschauen mochte, der Grundton seiner Aura blieb so warm wie im ersten Augenblick. So konnte Amartius keine Furcht vor dem Mann entwickeln, der womöglich sein Vater sein konnte. Eine echte Vaterfigur in seinem Leben... Nicht der ständig triezende Telandir, der sich immer nur dafür interessiert hatte, wann er denn seine Gestalt ändern würde. Nein - ein Mann, der ihn als das sah, was er am Ende des Tages noch war; ein Kind. Also tat er das, was er manchmal bei seiner Mutter beobachtet hatte und faltete die Hände in seinem Schoß während er einfach nur abwartete.
      Schließlich beugte sich Ischyll zu ihm hinunter und verlor ein wenig der Bissigkeit in seinen Augen. Er sprach ihn auf therissisch an und sofort prägte er sich die Worte und Aussprache ein, die für Räuber gebräuchlich waren. Endlich konnte er ein wenig von dem Einsetzen, was seine Mutter ihm beigebracht hatte.
      "Ich komme aus Asvoß! Du kennen Land?", er zog ein Gesicht. "Kennst du das Land?" Richtige Satzfolge, Amartius.... "Fellmantel gegen die Kälte dort. Schau?" Er hob den Arm und präsentierte das Nerzfell, mit dem sein Mantel gestopft worden war. Nerz gab es in diesen Breitengraden bestimmt nicht. "In Asvoß auch Familie. Familie aber nicht gut geführt... ah..." Ihm fehlten Worte und er suchte offensichtlich nach dem besten Weg, es zu umschreiben. "Meine Mutter festgehalten und ich nicht gewollt. Also hat man mich weg gebracht. Weit weg gebracht und dann gegangen ich bin. Weit gegangen, Stadt gefunden... Eh.... Wenig Stadt. Ding daher." Er deutete auf den Rucksack am Fuße des Bettes. Er verfluchte sich selbst für diese grottigen Satzbauten, die selbst er nur mager verstand. Er musste Ischyll dazu bewegen, mehr zu reden. Dann konnte er sich noch mehr von ihm aneigenen.
      "Räuber", er zelebrierte das Wort gar, "einfach gefunden. Gereist auf Weg und dann angegriffen. Weiß nicht, wieso. Ich habe Nichts. Außer in Asvoß, da ist Kassandra!" Sein Gesicht hellte sich wieder merklich auf während er Ischyll eindringlich ansah. "Warum Ischyll? Kassandra sagte, anderer Name kennt Haria?" Er benutzte absichtlich nicht den Namen, den man ihm genannt hatte. Er war jung, aber nicht auf den Kopf gefallen und so hütete er sich davor, zu viele falsche Dinge sagen zu können.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Sehr holprig, aber dennoch mit ausreichend Verständlichkeit begann Amartius die Erklärung, wie er hierher gekommen war. Er stammte aus einem Land namens Asvoß, wobei er bei der Erzählung schon genügend Grips besaß, um eigenständig seinen Satz anzupassen. Jemand musste ihm einen grundlegenden Unterricht in therissisch gegeben haben, denn andernfalls müsste er wohl kaum auf so etwas wie Satzbau achten. Noch eine Frage, die Zoras mehr verwirrte, als dass es Fragen aufdeckte. Wer brachte einem zehnjährigen Jungen Grundzüge von therissisch bei, nur damit er dann so weit von Theriss entfernt gelandet war, wie es augenscheinlich nur möglich war? Aber das würde er aufklären müssen, sobald er wusste, wo Asvoß lag.
      Er nickte, als der Junge ihm sein Gewand präsentierte. Ja, der Aufzug war deutlich zu kalt für diese Ländereien - nicht einmal Zoras hatte jemanden mit etwas vergleichbarem gesehen.
      "Ja, durchaus. Asvoß. Aus Asvoß kommt är."
      Er wechselte ins kuluarisch hinüber, was ihm einen holprigen Anfang bescherte, nachdem er noch nie von einer zur anderen Sprache gewechselt hatte. Die anderen verstanden ihn dennoch und wechselte ratlose Blicke.
      "Ahvoh?", wiederholte Faia dürftig, allerdings verzichtete Zoras darauf, sie zu verbessern. "Das sagt mit gar nichts. Euch?"
      Zustimmendes Schweigen. Zoras machte eine Geste, dass sie wieder leise sein solle, als Amartius fortfuhr.
      Die Erläuterung seiner Herkunft war mehr als dürftig. Zoras versuchte, so viel es nur ging aus seinen wenigen Wörtern zu ziehen, aber das meiste musste er sich dennoch irgendwie zusammenreimen.
      "Ich denke, er kommt aus armen Verhältnissen. Seine Mutter ist gefangen. Er wurde verstoßen", übersetzte er für die anderen. Alle vier starrten in ihrer Konzentration auf Amartius, um sich einen Reim aus seiner Erzählung zu machen. Nur Zoras zeigte zuerst Regung, als er wieder von Kassandra sprach. Das Gesicht des Jungen strahlte bei dem Namen förmlich und so, wie ein weiterer, eiskalter Schauer über Zoras' Rücken schoss, versetzte ihn auch die Freude des Jungen in Nervosität. Das war sie doch, oder? Wie viele Kassandras mochte es auf der Welt geben, die einen solchen Effekt auf Menschen ausüben konnte? Die von Haria wusste? Wie viel hätte man noch vortäuschen müssen, um Kassandras Aufenthalt in Asvoß realistisch genug zu machen, dass Zoras es glaubte?
      Er richtete sich auf, wandte sich ruckartig von Amartius ab und griff sich ans Kinn. Der Bart war schon lange verschwunden, seine Finger fuhren über unerkenntliche Stoppeln, aber er gab sich der ehemals gewohnten Geste trotzdem hin. Sein Herz raste in seiner Brust. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen, nicht hier, nicht jetzt, aber dennoch kristallisierte sich schon etwas in seinem Gehirn heraus: Kassandra war in Asvoß. Kassandra war noch irgendwo auf der Welt und sie war in einem Land, das Amartius Asvoß nannte. Das musste stimmen. Der musste der Wahrheit entsprechen.
      "Cassataha?", wiederholte Faia in dem Augenblick, in dem Zoras sich doch wieder zu dem Jungen umwandte. Er ignorierte sie, stattdessen beugte er sich erneut zu ihm hinab.
      "Du hast mit ihr gesprochen, oder? Mit Kassandra?"
      Anders konnte er schließlich gar nicht davon wissen, aber Zoras musste es trotzdem hören. Der Junge musste es ihm bestätigen.
      "Mit... Mit der Kassandra, die ich meine? Mit der Phönixin? Ist deine Kassandra eine Phönixin?"
      Er beugte sich vor, eindringlich, während er Amartius' eigenen Fragen ignorierte. Er musste es mit eigenen Ohren hören.
      "Ischyll? Was sagt er?"
      Er machte eine unwirsche Geste nach hinten.
      "Beschreib sie mir, deine Kassandra. Wie sieht sie aus? Hat sie schwarze, lange Haare?"
      Ihm fiel ein, dass sie auf eine Hülle angewiesen war, dass es gut hätte sein können, dass sie die Hülle schon gewechselt hatte.
      "Oder... scheiße. Ihre Essenz, wenn sie eine Phönixin ist, hat sie eine Essenz. Ist es ein Amulett? Ist es ein hübsches, kleines, goldenes Amulett?"
      "Ischyll!"
      "Wer hat das Amulett? Wer ist ihr Träger? Was macht sie in Asvoß? Geht es ihr gut? Hast du auch wirklich mit ihr gesprochen, bist du da ganz sicher? Wie... hat sie..."
      Er starrte Amartius für einen Moment an, dann rieb er sich den Nasenrücken. Komm schon Zoras, alter Junge, streng dich an! Du hast dich doch früher nicht so ungeschickt angestellt!
      Er richtete seinen Blick wieder eindringlich auf den Jungen.
      "Sag mir, ob es ihr gut geht. Ob es ihr wirklich gut geht."
    • Amartius war sich unsicher darüber, ob sein Schachzug wirklich klug war. Aber vor ihm stand nun mal der Erste, der ihn wirklich verstand mit seinem limitierten Sprachschatz. Immerhin hatte er nun kuluarische Wörter für Mutter und gefangen. Damit konnte er also nun auch arbeiten. Aber er brauchte mehr, viel mehr Wörter, wenn er in diesem Land noch länger bleiben sollte. Ansonsten wäre er ein Sprechender unter Stummen.
      Faia wiederholte den Namen falsch und Amartius drehte sich ihr halb zu, um ihr die korrekte Aussprache des Namens seiner Mutter einzutrichtern. Zeitgleich schenkte Ischyll ihm aber wieder seine Aufmerksamkeit, beugte sich zu ihm hinab und forderte die volle Konzentration des Jungen. Da geschah es, dass sich seine Augen immer weiter weitete, unabhängig davon, was der Mann ihn fragte. Seine Hand wanderte automatisch zu seiner eigenen, schmächtigen Brust und fasste sich auf Herzhöhe in den Fellmantel. Ohne es wirklich zu wollen spürte er das rasende Herz seines Gegenübers. Die Aufregung, die ihn durchflutete, die seine Gefühlswelt in ein Chaos stürzten, ließen Amartius wortwörtlich aufhorchen. Mit geweiteten, verwunderten Augen starrte er Ischyll an in einer Empfindung, die er so gar nicht kannte. Der plötzliche Redefluss irritierte ihn ein wenig, nur mit Mühe verfolgte er den Wortschwall und zog sich all das heraus, was er für wichtig erachtete. Glücklicherweise verstand er besser als dass er selber sprach.
      "Ich habe mit Kassandra gesprochen. Jeden Tag, jede Nacht. Ja, sie ist die Phönixin", bestätigte der Junge und wurde beinahe übermannt von der sich daraus ergebenden Flut an Emotionen des Mannes ihm gegenüber. Er spürte Erleichterung, wenn auch nur ganz kurz. Zweifel, primär deswegen ob er den Worten eines fremden Jungen einfach so trauen konnte. Und noch so viel mehr, zu dem Amartius schlichtweg keinen Namen hatte. Schließlich war der Junge erst ein paar Monate alt.
      Als der wirre Fluss endlich endete, erwachte auch er wieder aus seiner Stille. Er wuchs sichtlich in seiner Haltung als er sein freudiges Lächeln wiederfand und sich emsig daran machte, die Fragen zu beantworten. Für ihn existierte gerade nur der Mann vor ihm, der seine Sprache sprach. Und vielleicht seine Mutter kannte und ihn zurückführen könnte. "Langes, schwarzes Haar, ja." Er deutete mit seiner Hand hinter seinem Rücken eine imaginäre Länge an. "Augen rot wie tiefes Feuer." Er zeigte auf seine eigenen, wenn auch braunen Augen. "Kleine Frau, kleiner als Faia. Aber ob Essenz Amulett ist, weiß ich nicht..."
      Er hatte nie gesehen, wie Kassandras Essenz in physischer Form aussah. Früh hatte sie ihn aufgeklärt und ihm eingetrichtert, seine eigene, sollte er denn eine besitzen, niemals an wen anders abzugeben. Sich nicht verleiten zu lassen, denn dann wäre er gebunden wie sie ebenfalls. Allerdings hinterfragte er sich langsam, ob es einen Unterschied gemacht hätte. So einfach wie Telandir ihn einfach ausgesetzt hatte, würde ein Verlust seiner Essenz ihn wohl nicht so hart treffen. Dafür wusste der Junge hingegen ein paar andere delikate Details. "Kassandra ist eingesperrt in riesigem Haus und darf nicht gehen. Telandir passt auf. Telandir auch ein Phönix und mag Kassandra, mich aber nicht...." Seine Stirn kräuselte sich, so als hadere er bereits mit diesem Gedanken. "Frau des Hauses hat alle Essenzen. Denke ich. Sie hat komischen Namen, sehr schwierig. Demataya... Hri...Hrivel... Eh... Hrivo... argh, zu schwierig."
      Dann jedoch verlor sich die Freude aus dem Gesicht des Jungen. Ging es seiner Mutter wirklich gut? Wenn er die Frage ehrlich beantwortete, dann warf das vielleicht ein schlechtes Licht auf sie. Phönixe waren ehrhaft, schön und stolz. Sie litten nicht und zeigten es nicht. Aber wenn er es weiterhin verschwieg, dann würde er vielleicht niemals weiterkommen. Als er erneut den Blick hob und dem von Ischyll begegnete, war Schwermut in die kindlichen Augen getreten.
      "Geht ihr nicht gut, nein... Sie lebt dort mit Telandir und der Frau. Aber glücklich ist sie nicht. Sie erzählte mir, Phönixe singen ganz toll. Manchmal habe ich Telandir dabei gehört. Aber nie Kassandra. Schaut oft aus den Fenstern, sehr oft. Ich glaube, Telandir will trösten, aber M-.... Kassandra schlägt ihn weg." Oft genug hatte er mit ansehen müssen, wie sich Telandir ihr versucht hatte, sich aufzudrängen. Immer wieder hatte sie ihn in die Schranken gewiesen und vor den Augen ihres Sohnes war sie stets standhaft geblieben. Was sich wirklich hinter verschlossener Türe bei ihnen abspielen mochte, davon hatte der Junge keine Ahnung.
      "Warum Ischyll? Sie sagte, Haria kennt einen anderen Namen", versuchte er es erneut.

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    • Amartius hatte also mit ihr gesprochen, jeden Tag, jede Nacht. Es war fraglich, ob der Junge tatsächlich die Wahrheit sprach oder nicht vielleicht etwas übertrieb, weil er die momentane Aufmerksamkeit genoss, die die Erwachsenen ihm gegenüber brachten. Aber er kannte auch ihr Aussehen, er musste ein Kontakt zu Kassandra sein, die wahrhaftig irgendwo in Asvoß zu sitzen schien. Es war viel mehr, als Zoras in den letzten drei Jahren gefunden hatte.
      Zoras saugte die Worte des Jungen in sich auf, als wären sie pures Gold, während der Rest des Quartetts noch immer verwirrt und größtenteils ungeduldig dreinblickte. Nur Tysion regte sich am wenigsten, auch wenn er ein paar Mal leicht den Kopf neigte, wenn er Kassandras Namen hörte.
      Und schließlich kam der letzte, alles entscheidende Beweis, der auch Zoras' letzte Zweifel völlig hinfort wusch. Ein Name entschlüpfte Amartius, den kein anderer im Raum jemals in irgendeiner Weise hätte erwähnen können, den Zoras selbst kein einziges Mal in den vergangenen Jahren ausgesprochen hatte, weil er ihm selbst entfallen war. Telandir. Der Phönix in der grauen Rüstung, der Kassandra erstochen hatte, der ihre Essenz entwendet und Kassandra mit sich genommen hatte, der für die riesige, gräuliche Narbe an Zoras' Brust verantwortlich war, die an besonders schlechten Tagen dumpf pochte, so als hätte er einen Teil von sich zurückgelassen, der Zoras jetzt stets an seine Niederlage erinnerte. Telandir. Der Speerträger, der Kassandra mit Leichtigkeit entwaffnet hatte. Den Zoras gedanklich schon auf tausend verschiedenen Arten umgebracht hatte.
      Er war in Asvoß und Kassandra war bei ihm.
      Zoras war so sehr mit diesen Gedanken beschäftigt, dass ihm beinahe der nachfolgende, genauso wichtige Teil von Amartius' Aussage entging. Eine Frau besaß die beiden Essenzen der Phönixe, die sich Demataya und vermutlich irgendwas mit H nannte. Es sagte Zoras genauso wenig wie der Name des Landes, aber es war doppelt so wichtig bei der Mission, Kassandra wiederzufinden.
      "Demataya, sagst du? Ja?"
      Der Name speicherte sich in einem Teil seines Gedächtnisses ein, von dem er nie wieder verschwinden würde. Die Trägerin hieß Demataya von Asvoß. Sie würde die längste Zeit so genannt worden sein.
      Amartius' Freude verschwand wieder etwas mit Zoras' eigentlicher Frage und der Junge hatte noch nicht einmal eine Antwort formen müssen, da bildete sich bereits das Grauen in Zoras' Brust, der sich schon vorstellen konnte, wie die Antwort aussehen würde. Nein, Kassandra war dort nicht glücklich. Nein, allem Anschein nach war sie nicht freiwillig an Telandirs Seite und nein, sie schien wohl nicht vorgehabt zu haben, sich dort langfristig niederzulassen.
      Er nickte geistesabwesend.
      "Ja, Phönixe singen wunderschön..."
      Das war doch ein gutes Zeichen, oder etwa nicht? Es zeigte, dass sie sich vielleicht von dort verabschieden könnte, dass sie zu Zoras zurückkehren könnte. Dass sie wieder zusammenfinden könnten. Dass sie irgendwohin gehen könnten und... ach, er wusste es doch auch nicht. Er wusste gar nichts mehr. Er hatte mal ein Ziel gehabt in seinem Leben, seinen offensichtlichen Tod, aber seitdem hatte es nichts mehr gegeben. Erst war es Kassandra zu finden, dann irgendwann zu überleben. Letzteres hatte er ja wohl irgendwie geschafft, aber es war kein Ziel, das ihn in irgendeiner Weise weiterbrachte.
      Er starrte Amartius noch immer an, während der erneut nach seinem Namen fragte. Aus dem Hintergrund hörte er leises Geraschel von Kleidung, als vermutlich Faia ungeduldig vom einen auf das andere Bein wechselte. Wie schnell doch alles kompliziert geworden war. Wie schnell er sich plötzlich fühlte, als wäre er die ganze Zeit über in ein Loch hinabgestiegen, obwohl er gedacht hatte, nach der Sklavenschaft nach und nach wieder nach oben zu kommen.
      "Haria kennt meinen richtigen Namen, aber das tun auch viele andere Personen. In diesen Ländereien vermutlich nicht, aber ich möchte nur auf Nummer sicher gehen und ihn verbergen. Ich heiße Zoras."
      Dann, vielleicht aus Impuls, vielleicht weil seine Gedanken schon seit mehreren Minuten die Struktur aufgegeben hatten, lächelte Zoras. Es war nur ein sehr feines Lächeln, hauchdünn und dazu verurteilt, nach nur wenigen Augenblicken wieder spurlos zu verschwinden, aber es trat dennoch in sein Gesicht und er präsentierte es Amartius als etwas, das nur ihnen beiden zustand, ein Geheimnis, das vor den anderen verborgen bleiben würde. Dann war es auch schon wieder verschwunden, aber seine Stimme hatte sich um eine Spur aufgelockert.
      "Jeder kennt mich aber unter dem Namen meines Vaters, so wirst auch du mich nennen. Das sprichst du übrigens gut aus, viel besser als die anderen hier, wie du vielleicht hören kannst."
      Wie auf Kommando kam da ein weiteres drängendes "Ischgyll..." von Faia aus dem Hintergrund. Omnar schien endgültig die Geduld ausgegangen zu sein, denn er schlurfte schließlich zur Tür hinaus in den Gang und verschwand dann vermutlich zu seinem eigenen Zimmer. Nur Tysion war noch immer die Ruhe in Person, als Zoras sich endlich wieder aufrichtete und sich zu ihnen umdrehte.
      "Und?!"
      "... Was ist die Frage?"
      "Worüber habt ihr geredet?!"
      Er sah von Faia zu Tysion. Eigentlich hatte er keine Lust, sie in diese Sache einzuweihen, denn wenn er es täte, würde man irgendwann begreifen, dass er einst Träger gewesen war und ganz abgesehen davon, dass man Träger in Kuluar deutlich anders behandelte, bezweifelte er, dass ihm das irgendwelche Vorteile bringen würde. Nein, er durfte es nicht erzählen, er musste sich irgendwas anderes einfallen lassen.
      "Er kennt meine Frau, er weiß, wo sie ist."
      Tysion blickte noch immer unbeeindruckt drein, aber Faia sog scharf die Luft ein und weitete dann die Augen, als habe er ihr gerade präsentiert, dass er der Königserbe sei. Dabei war sie wohl über etwas ganz anderes schockiert, als er gedacht hätte.
      "Du hast eine Frau?! Ich dachte... naja..."
      Er sah sie unbewegt an und zum ersten Mal in den vielen Monaten, die sie zusammen schon reisten, schien Faia etwas unter seinem Blick zu schrumpfen.
      "... Ich dachte, du bist schwul."
      Zoras blinzelte, Tysion sah zu Faia hinüber. Es entstand ein Moment der Pause, der sich etwas zu lange dehnte, um noch gerechtfertigt zu sein.
      "Nein."
      "... Okay. Und sie ist in Ahvoh?"
      "Asvoß."
      "Ahvoh?"
      "Asvoß."
      "Ah-"
      "As."
      "As."
      "Voß."
      "Voß."
      "Asvoß."
      "Ahvoh."
      "Zum Teufel mit dir, Frau."
      "Was?"
      Er drehte sich halb zu Amartius um.
      "Sowas merkst du dir gefälligst nicht, das sagt man nicht."
      "Isch-"
      "Ja, in Asvoß. Ich brauche eine Weltkarte."
      "Hast du etwa vor, dorthin zu gehen?!"
      "Ja."
      Er drehte sich wieder zu Amartius um und streckte ihm die Hand entgegen.
      "Du wirst mir noch ein paar Fragen beantworten müssen, Kleiner. Aber vorher gehen wir nach einer Karte suchen, hm?"
      Er wartete darauf, dass der Junge sich an ihn hängen würde und dann ging er, zum größten Erstaunen der anderen beiden, mit dem Kind an der Hand nach draußen.

      Der Wirt knöpfte ihm satte 15 Silbermünzen für die einzige Weltkarte ab, die er selbst noch in seinem Keller besaß, und damit hatte Zoras schon einen Großteil seines erwarteten Lohns wieder ausgegeben. Es hatte mal eine Zeit gegeben, in der Geld für ihn keine Rolle gespielt hatte - und dann hatte es eine Zeit gegeben, in der er sich nicht einmal einen Apfel hatte leisten können. Jetzt war die Zeit angebrochen, in der er von Mahlzeit zu Mahlzeit lebte und dazwischen noch etwas für Kassadra und Bier übrig hatte, wenn er sich nicht zufällig eine Weltkarte zulegen musste. Damit hatte er erst lernen müssen, sparsam zu sein.
      Jetzt warf er das aber wieder über den Haufen, als er einen Blick auf Amartius warf und zurück an den Tresen trat. Er bestellte für den Jungen gebratenes Schweinefleisch und geröstete Nüsse und leitete ihn dann zu einem der freien Tische, wo auch bald Faia und Tysion hinzustießen. Dort breitete er die Karte aus, bevor er Amartius bat, ihm Asvoß zu zeigen. Und im besten Fall auch gleich noch, wo sich Kassandra dort genauer aufhielt.
    • "Haria kennt meinen richtigen Namen, aber das tun auch viele andere Personen. In diesen Ländereien vermutlich nicht, aber ich möchte nur auf Nummer sicher gehen und ihn verbergen. Ich heiße Zoras."
      Da war er endlich. Der Name, auf den Amartius die ganze Zeit gewagt hatte zu hoffen und bereits befürchtet hatte, enttäuscht zu werden. Als der Name endlich fiel erschien es ihm so, als öffnete sich eine neue Tür mit strahlend weißem Licht dahinter. Wenn er den Worten seiner Mutter Glauben schenken durfte - und ja, bei allen Ebenen, das tat er - dann hatte er endlich den fehlenden Teil zu seiner Herkunft gefunden. Die andere Hälfte der Medaille, die ihn formte. Die zweite Figur, die dafür Sorge trug, dass er auf Erden wandelte und dessen Blut in seinen Adern floß. Fast hätte er alles über Bord geworfen und Zoras gesagt, wer der Junge vor ihm war. Dass er das Bindeglied zwischen Zoras und Kassandra war und er ihn zu seiner Haria führen konnte.
      Fast genauso überwältigend wie die Enthüllung von Zoras' Namen war das kaum vorhandene Lächeln, dass er ohne es zu wissen seinem Sohn entgegenbrachte. Und dieses kleine Zeichen brachte einfach alles in dem Jungen zum Aufblühen, der bisher nur die Zuwendung seiner Mutter kannte. Er konnte nicht widerstehen, sein Schmollen zu vergessen und Zoras mit allem, was er hatte, anzustrahlen. Fast nichts in diesem Raum besaß mehr Wichtigkeit für ihn als Zoras. Keine Faia, die ihre Ungeduld kundtat, kein Onmar, der einfach das Zimmer verließ weil es ihm zu langweilig wurde. Nicht mal der Alte im Hintergrund nahm irgendeine Rolle ein.
      Die sich anschließende Unterhaltung zwischen Zoras und seiner Gruppe verstand Amartius jedoch nur wieder in einzelnen Wörtern. Irgendwas hatte der Therisser gesagt, denn Faia wirkte mehr als nur verstört. Sie sagte irgendwas, Pausen entstanden und seltsame Blicke wurden ausgetauscht. Was auch immer es war, es löste extremes Unbehagen in ihr aus, sodass sie plötzlich auf die Betonung Asvoß' hinausliefen. Amartius runzelte die Stirn, verstand nicht den Kontext, dafür aber sehr wohl, wie unfähig sich Faia anstellte, das Land auszusprechen. Dass es sich dabei einfach um Vokale handelte, die im kuluarischen Sprachraum ungewöhnlich waren, wusste er natürlich nicht. Stattdessen war er hellauf begeistert von dem Satz, den er nicht sagen sollte. Er verstand die Worte, jedoch nie die Bedeutung dahinter. Nur der Klang der Worte war wie Musik in seinen Ohren. Folgsam nickte er einfach nur und konnte sein Glück gar nicht fassen, als Zoras ihn sogar noch seine Hand hinhielt und ihn freiwillig berühren wollte. ES dauerte nicht mal eine Sekunde, da war die Kinderhand in die große, schwielengeprägte Hand geglitten. Er würde ihm nicht bis ans Ende der Welt folgen, aber die letzte Klippe war doch auch schon mal ein Anfang.

      Unten im Schankraum sah Amartius das erste Mal den Einsatz von Geldmitteln. Er wusste, dass es eine Währung war, die Zoras dem Wirt in Form von Münzen überreichte, aber woher man sie bekam und wie man den Wert bemaß war ihm schleierhaft. Karten hingegen hatte Amartius nicht wirklich ausführlich zu Gesicht bekommen. Er hatte nur ein einziges Mal von seiner Mutter eine Karte gezeigt bekommen, die ihm grob verdeutlichte, wie die Welt aufgebaut war und wo er sich gerade befand. Er war ja nur ein paar Monate alt, da war das Wissen, das man ihm hatte vermitteln können, leider stark begrenzt. Folglich brauchte er eine ganze Weile nachdem sie an einen leeren Tisch getreten waren, um sich auf der Karte zu orientieren. Die Umgebung mit den zahlreichen Gästen und der Lautstärke halfen ihm nicht sonderlich sich zu konzentrieren. Irgendwann hatte er jedoch den rechten Blickwinkel gefunden und konnte zielsicher auf den nördlichsten Bereich der Kartedeuten, der sich dank der weißen Bemalung wegen der Eisfelder deutlich vom Rest abhob. Asvoß war das, was man als einen einzigen Kontinent beschreiben konnte. Was einst viele kleine Herrschaftsgebiete gewesen waren, fassten sich nun unter einer Monarchin zusammen. Die Zarin Hrilvald besaß die Kontrolle über den gesamten Kontinent, der tatsächlich nur eine kleine Kontinentalplatte war, die vom Festland abgedriftet war. Nun war sie vollkommen von Eis und Schnee bedeckt und mittels eines Meeres vom restlichen Land abgeschintten. Eine weite Strecke, wenn man keine Flügel besaß.
      Dass Faia und Tysion wieder hinzustießen, bedeutete Amartius praktisch nichts. Er versuchte auf der Karte irgendetwas zu entdecken, was er als Orientierungspunkt nutzen konnte. Da er jedoch nichts von der Umgebung kannte und auch nicht versiert im Kartenlesen war, musste er irgendwann nur ernüchternd den Kopf schütteln. "Land und Hauptstadt heißen gleich. Glaube, großes Haus....", er unterbrach sich und dachte kurz nach. Dann fiel ihm ein besseres Wort auf therissisch ein. "Glaube, Festung liegt weit drinnen. Ich bin nie weit weg gegangen. Ich war immer nur in Festung. Ganz schön weite Strecke..." Er murmelte als er sich die Strecke so besah. "Telandir weit geflogen um mich weg bringen. Du siehst, er mag mich nicht." Dann grinste Amartius. "Zum Teufel mit Telandir!"
      Er erntete einen strafenden Blick seitens Zoras und einen fragenden von Faia. Er zog ein wenig den Kopf ein in Erwartung, eine Rüge zu halten, aber diese blieb aus. Anstelle dessen kam jemand, der einen Teller mit Fleisch abstellte und eine Schale mit Nüssen. Sofort richtete sich die Aufmerksamkeit des Halbphönixen vollkommen auf das Essen vor ihm. Er hatte gar nicht gemerkt, wie hungrig er eigentlich war und dass der Geruch allein ihm schon das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
      Fragend blickte er zu Zoras bevor er sich über das Fleisch hermachte. "In Asvoß gut Küche. Besseres Fleisch als hier, aber wenig anderes. Sehr kalt und sehr wenig Grün." Wie es im Sommer in Asvoß aussah, wusste Amartius ebenfalls nicht. "Kassandra hat wenig Essen. Sie sieht schamal aus. Viel schmaler als Faia, ist das richtig?"
      Dass Kassandra nur noch wenig aß war ein Umstand, den ihr Sohn nie anders erlebt hatte. Hätte sie es gekonnt, hätte sie vollkommen auf Nahrung verzichtet oder sich gar zu Tode gehungert, um dem Elend zuentkommen. So hielt sie ihren Körper gerade so bei Laune, was sie selbst als Taktik erachtet hatte, um gewisse Umstände zusätzlich zu vermeiden. Ein gestresster Körper würde sich keine zusätzliche Last aufbürden.
      Es waren allerdings die Nüsse, die den Jungen in völlig neue Höhen bugsierten. Er hatte es gewagt, exakt eine geröstete Nuss zu probieren, nachdem er sie inspiziert hatte. Es gab durchaus Samen und Nüsse in Asvoß, nur wurden die meist teuer importiert und waren mehr als nur Mangelware. Zur Zeit herrschte Hochwinter in Asvoß und somit kannte er keine Nüsse. "Das ist traumhaft", stieß er verzückt hervor und griff beherzt mit der vollen Hand in die Schale, um mehr Nüsse zu sich zu bugsieren. Ein besseres Wort kannte er nicht, und das war sein absolutes Maximum. Kassandra hatte ihm das Wort in verschiedenen Zusammenhängen gelehrt und besser passte es in seinen kindlichen Augen nicht. Überaus begeistert stopfte sich der Junge Hand um Hand der Nüsse in den Mund und strahlte Zoras noch immer an. Pausenlos.
      "Demataya will, dass Kassandra Telandir mag. Aber sie hat mir gesagt, sie mag ihn nicht. Sie will ihn nicht nah bei haben. Sie streiten oft, auch wegen mir. Telandir mag auch mich nicht und wollte mich von den Türmen werfen. Kassandra hat sich eingesetzt", erklärte er weiter, nun sicherer, dass er Zoras mehr verraten konnte. "Dann flog Telandir mit mir fort. Hat mich ausgesetzt weil Kassandra ihm versprochen hat, ihn nicht mehr zu schlagen. Warum soll man nicht mehr schlagen, wenn man den Anderen nicht mag?"
      Er konnte einfach nicht aufhören, sich permanent die Nüsse in den Mund zu schieben. Da verlor sogar das Fleisch an Bedeutung, so verzückt war er von den kleinen Energiebomben.
      "Kassandra ist traurig. Sie hat Geschichten aus Theriss erzählt, deswegen spreche ich ein bisschen. Es wird besser, wie du merkst. Hoffe ich. Sie hat von dir erzählt aber weiß nicht, dass du lebst. Wo du lebst. Sie denkt, du bist tot. Sie hofft, dass du lebst und hat mir den Namen gesagt. Ich denke, Kassandra ahnte, dass ich weg gehen werde." Wenn auch nicht freiwillig.
      "Magst du Kassandra?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"