Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Faia nickte ganz begeistert, als Amartius in seinem gebrochenen kuluarisch sprach. Sie unterstützte seine sämtlichen Versuche mit größter Leidenschaft, als wäre es ein Wunder der Welt, dem Jungen ihre Sprache beizubringen.
      "Ja! Ja, ich mag sie alle drei. Und Amartius mag ich auch. Aber das heißt Heimat, Kind. Haaaaaimat. Kannst du das sagen, Heimat? Der Junge lernt echt schnell, Ischyll!"
      Zoras grunzte nur und starrte weiter geradeaus, in Gedanken bereits weit über der Grenze in einem Eisland.
      "Wir kommen alle drei aus Kuluar, ja. Das ist ein großes Land, ein ganz großes Land. Soooo groß."
      Sie versinnbildlichte es mit ihren Armen, die sie weit ausstreckte, auch wenn Amartius die Karte schon gesehen hatte.
      "Und wir sind gaaanz weit oben, deswegen wird es auch nicht so weit sein bis zur Küste. Vielleicht ein paar Wochen."
      "Oder Monate, wenn wir weiter so langsam bleiben", brummte Omnar aus dem Hintergrund, dem ganz augenscheinlich schrecklich langweilig war. Zoras und Tysion ignorierten ihn, aber Faia ließ sich - wie immer - auf die Provokation ein.
      "Wir sind ganz adäquat unterwegs, Omnar! Wir wollen doch nicht die Tiere übermüden."
      "Würden wir auch nicht, wenn wir nicht zu fünft wären."
      "Amartius wiegt ja wohl kaum mehr als dein Schwert, also beschwer dich nicht!"
      "Sicher tut er das, sieh dir doch den Gaul an, wie er sich abmühen muss."
      "Ach, du Sch...", ihr Blick huschte zu Amartius, "... schlecht... gelaunter... Mann. Hör nicht auf ihn, Junge, wir sind schnell genug unterwegs. Erzähl mir nochmal von deinem Zuhause, von der Festung. Das meintest du doch schließlich, oder? Eine Festung? Feeestuuuung? Ist es drinnen auch so kalt wie draußen?"
      Omnar gab einen theatralischen Laut von sich, als würde er akustischer Folter unterzogen, und dafür warf Zoras ihm dann doch einen grimmigen Blick zu. Tysion schwieg weiterhin und schien in Gedanken versunken.
      Sie machten mittags eine Pause am Straßenrand, wo sie von ihrem Proviant aßen und sich düstere Blicke von vorbeiziehenden Soldaten oder Reisenden einfingen. Faia gab Amartius gönnerhaft von ihrem Essen, was Zoras ganz recht war, der dafür Kassadra ordentlich versorgte. Am Nachmittag zogen sie weiter und am Abend schlugen sie ihr Lager an einem Bauernhof auf, dessen Besitzer gütig genug war, um die Gruppe nach einer halben Stunde der Diskussion auf seinem Land zu dulden. Sie schlugen ihre Zelte neben einem Kartoffelfeld auf und aßen erneut von ihrem Proviant. Faia hatte mittlerweile begonnen, sich wie selbstverständlich um Amartius zu kümmern.
      Tysion und Zoras kreuzten wie jeden Abend die Schwerter, während Omnar mit Faia darüber diskutierte, wo sie den nächsten Auftrag finden sollten, ohne dabei Tage damit zu verschwenden, wie beim letzten durch die Wildnis zu ziehen. Niemand außer Zoras beachtete Amartius, der dem Übungskampf mit solcher Neugier folgte, als hätte er nie etwas interessanteres gesehen. Normalerweise hätte der jüngere Veteran kein Problem damit gehabt, sich von dem älteren Veteran niederringen zu lassen, wenn es überhaupt so weit kam, aber ein unterschwelliges Lehrgefühl verschaffte ihm eine gewisse Willensstärke. Er war noch immer nicht gänzlich davon überzeugt, Amartius in die Schwertkunst einzuführen, aber es könnte ja nicht schaden, dem wissensdurstigen Jungen ein paar Tricks zu zeigen, auch wenn er sie nur beobachten und höchstwahrscheinlich nicht verstehen konnte. Dafür gab er sich extra Mühe und schaffte es sogar, Tysion mit einem Aufschlag zu entwaffnen. Der ältere Mann ließ die Waffe sogleich los und der jüngere stoppte den Schwung, der in seiner eigenen noch steckte, und damit war der Übungskampf indirekt beendet. Faia klatschte kurz, Zoras richtete sich schnaufend auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor er den Kopf zu Amartius drehte, den Schwertgriff in seine Richtung haltend.
      "Möchtest du auch mal?"
    • Ein ganz kleines bisschen schien der junge Halbphönix auf dem Pferd zu wachsen als er Lob von Faia für seine Auffassungsgabe erhielt. Wenigstens aus diesem Talent musste er seine Vorteile schlagen und das gelang ihm außerordentlich gut. Wenn alle drei aus Kuluar kamen, dann erklärte es auch die einwandfreie Aussprache der Drei. Es sollte auch nicht sonderlich verwunderlich sein, drei Landsmänner auf einmal in einer Gruppe zu haben. Da bildete Zoras wohl eher das ungewöhnliche Bild.
      Omnar schaltete sich ein und achtete nicht auf seinen Tempus. Amartius musste sich anstrengen, um wenigstens ein paar Worten eine Bedeutung einzuflößen und musste sich den Rest der Unterhaltung zusammen dichten. Dass der Mann nicht mal einen Hehl aus seiner Abneigung machte, stimmte Amartius unpässlich. Er warf Omnar vielleicht keinen giftigen Blick zu, dass er nicht gerade erfreut über ihn war konnte man jedoch herauslesen. „Ich kann wechseln Pferde“, schlug er vor, wobei er Omnar regelrecht in den Boden stierte. Vermutlich würde dieser alles tun, um den Jungen loszuwerden, aber dann hätte er einen wutentbrannten Zoras buchstäblich am Arsch kleben. Wagte er das? Zumindest ging niemand wirklich darauf ein und sogar Faia lenkte das Thema wieder zurück auf seine Herkunft. Ungesehen seufzte Amartius, dann nahm er wieder die Rolle des Berichterstatters ein.
      Während der Pause am Mittag beobachtete Amartius die Menschen, die an ihrer Rast vorbeizogen. Es waren nicht nur die düsteren Blicke, die ihm auffielen, sondern eher die Haltung, mit der sie es taten. Ihm war nicht klar, warum man sie so seltsam beäugte und eine gewisse Tendenz der Feindseligkeit ausstrahlte. Vielleicht, weil sie ein Kind dabei hatten? Oder war es schlecht, ein Söldner zu sein? Er verstand diese Dynamik nicht, fragte aber noch nicht nach sondern ließ sich ein wenig von Faia durchfüttern.
      Gegen Abend peilte die Gruppe einen Bauernhof an und man ließ Amartius mit Faia draußen bei den Pferden warten. Als nach zwanzig Minuten noch immer keine Bewegung in die Sache kam, wurde selbst Amartius langsam unruhig. Er bedeutete Faia, dass er einmal nachsehen wolle und flitzte hinüber zu dem Bauernhaus. Vor der Tür hörte er bereits die Stimmen der Männer aus dem Inneren, von denen eine Zoras gehörte. Wieder verstand er nur Bruchstücke, aber er hörte die Unschlüssigkeit und einen gewissen Widerwillen aus der Stimme des Bauers hervor. Also schob sich Amartius ins Haus, suchte den Ort wo sie diskutierten und erschien in der Tür, völlig unangekündigt. Er stellte sich völlig erschlagen, mit kleinen Augen und rieb sich müde eben jene als er zuerst den Bauer, dann zu Zoras sah. „Müssen wir doch weiter?“, fragte er träge in perfektem kuluarisch mit den wenigen Worten, von denen er sich sicher war. Und vielleicht war das ausschlaggebend für den Bauern gewesen, der völlig überrascht das Kind anstarrte, das plötzlich aufgetaucht war. Kurz darauf wurde ihnen gewährt, über Nacht zu bleiben und richteten ihr Lager nahe eines Feldes ein.
      Amartius hielt sich anschließend vollkommen im Hintergrund. Er wollte sich nicht mehr als nötig in die Routine des Quartetts einmischen und folgte eher Zoras wie ein Schatten, der nur beobachtete und nichts dazu sagte. Genauso wie die Eule, die immer wieder zwischen Bäumen über ihren Köpfen hin und her segelte, lautlos wie der tödliche Killer, der sie war. Er hatte sich auf den Boden gesetzt, die Beine angezogen und beobachtete Tysion und Zoras dabei, wie sie Amartius demonstrierten, wie man Schwerter benutzte. Mit großen Augen folgte er dem Schwert, das durch die Luft flog nachdem Tysion entwaffnet worden war. Entgegen Faia klatschte er selbst nicht sondern behielt seine Rolle eisern bei. Zumindest bis Zoras ihm seine Aufmerksamkeit schenkte und ihm sogar den Schwertgriff hinhielt.
      Der Junge war so schnell an Zoras' Seite, dass er sich regelrecht teleportiert haben musste. „Ich darf das mal halten??“, fragte er euphorisch und das Leuchten in seinen Augen wurde noch stärker als man ihm das Schwert in die Hand legte. Er brauchte beide Hände, damit es nicht gänzlich lächerlich aussah und er bemerkte, dass sich hier beobachten und nachahmen als nicht ganz so einfach erweisen würde. Hier liefen mehrere koordinierte Muskelbewegungen ab, die er mit dem bloßen Auge nicht erkennen konnte. Also war er schon damit zufrieden, es halten zu dürfen und anzusehen.
      „Warum benutzt ihr Schwerter? Telandir trägt einen Speer“, sagte Amartius, der vielleicht eine handvoll Waffenarten kannte.

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    • Amartius war mit unglaublicher Geschwindigkeit bei Zoras, der bei dem plötzlichen Ansturm kurz zusammenzuckte. Sein Blick schoss in Tysions Richtung und dann zu den anderen beiden, aber Tysion bückte sich gerade nach seiner Waffe und Faia hatte sich wieder Omnar zugewandt, der sich darüber auszulassen schien, wie wenig gute Arbeit es in diesen Gegenden gab. Etwas beruhigt, aber noch immer aufgeregt genug, um gleich wieder grimmig dreinzusehen, wandte er sich wieder dem Jungen zu.
      "Immer mit der Ruhe... Denk dran, dass hier niemand etwas von deiner Herkunft wissen soll."
      Er gab ihm das Schwert trotzdem, wie könnte er auch dem Leuchten widerstehen, das in Amartius' Augen getreten war. Und vor allem nach dem vorherigen Auftritt bei dem Bauern, hatte das Kind sich diese Belohnung mehr als nur verdient.
      "Nimm es mit beiden Händen", instruierte er wieder etwas sanfter und half Amartius dabei, seine Hände richtig zu positionieren. Es war schon beinahe zu niedlich anzusehen, mit welcher Freude er die Waffe in die Hand nahm.
      "Jede Waffe hat ihre eigenen Vor- und Nachteile. Schwerter sind so ziemlich das Mittelfeld, man kann auf eine angemessene Distanz kämpfen und gleichzeitig auch parieren. Ein Speer kämpft auf längere Distanz, damit kann man sich die Feinde fernhalten, aber er hat auch nur eine kleine Angriffsfläche. Beim Schwert ist die Angriffsfläche recht hoch, siehst du?"
      Er fuhr mit dem Finger sachte die Klinge entlang nach oben.
      "Du kannst deinen Gegner mit zwei Seiten und der Spitze treffen. Und wenn du ganz stark zuschlägst, kannst du ihn sogar mit der flachen Seite verletzen, auch wenn sie eher zum Parieren gedacht ist. Eine Speerspitze geht im Vergleich dazu nur bis etwa hier."
      Er kennzeichnete es an der Schwertspitze.
      "Das ist sehr klein im Vergleich, nicht wahr? Mit einem Speer muss man präzise sein, sonst kämpft man nur mit einem Holzstab und der lässt sich sogar entzwei brechen, wenn man stark genug zuschlägt."
      Tysion richtete sich mittlerweile wieder auf und putzte die Klinge, bevor er dabei zusah, wie Zoras Amartius instruierte. Auch wenn er nichts dabei verstand.
      "Mit dem Schwert musst du dafür näher an den Gegner kommen."
      Er bewegte Amartius dazu, die Waffe auszustrecken, bis seine Arme durchgestreckt war und die Spitze noch ein bisschen von Tysion entfernt in der Luft hing.
      "Wenn du ihn treffen willst, dann musst du sogar noch näher als das kommen. Aber weil du so nahe sein wirst, kann dich der andere auch treffen. Deswegen musst du immer darauf achten, wo sich die andere Waffe befindet. Schau deinem Gegner immer an die Brust, nie in die Augen, dann kannst du seine Arme und seine Beine gleichzeitig sehen und weißt, wie er sich als nächstes bewegen wird."
      Er deutete mit dem Finger auf Tysions Brust und der nahm Kampfhaltung an, als habe er verstanden. Das Schwert streckte er gerade vor sich aus.
      "Probier's mal, leg die Klinge an seine und drück sie zur Seite weg. Nur wegdrücken, nicht schlagen, in Ordnung?"
      Solange die Bewegungen keine Kraft erforderten, würde Amartius sich auch nicht als Gott entblößen - Zoras wollte dennoch vermeiden, dass er ausversehen zu stark für einen zehnjährigen schlug.
    • „Hat keiner gesehen“, hauchte Amartius direkt im Anschluss, die Aufmerksamkeit noch immer ununterbrochen auf der Waffe in seiner Hand. Er hörte sich die Anmerkungen und Erklärungen genau an, ging gedanklich bereits die Vor- und Nachteile durch. Nicht, dass er sie praktikabel umsetzen können würde, aber sein junger Verstand schlug bereits seine ganz eigenen Schlachten.
      „Das heißt, Telandir ist präzise.“ Das war leicht festzustellen. Der Phönix schrie förmlich nach Arroganz und da hätte eine so plumpe Waffe wie ein Schwert überhaupt nicht zu ihm gepasst. „Und er ist arrogant.“ Das Wort hatte er mehrmals von Kassandra zu hören bekommen, wenn sie sich über ihn das Maul zerriss. Sie mochte seine eitle Art nicht, wie er sich für etwas besseres hielt und allein schon Schwierigkeiten damit hatte, Menschen auch nur zu berühren. Amartius hatte nicht ein Mal gesehen, wie er die Zarin berührt hatte.
      „Warum will ich so nah dran sein?“, hinterfragte er die Tatsache, dass man mit einem Schwert deutlich näher heran musste. Ihm leuchtete ein, warum sowohl Kassandra als auch Telandir auf Waffen zurückgriffen, die in der Regel auf einen gewissen Abstand ausgelegt waren. „Das ist gefährlich. Ist doch klüger, wenn man weiter weg ist, oder nicht?“
      Der Junge folgte Zoras' Anweisung und streckte das Schwert von sich. Er musste seinen Stand korrigieren, um das Gleichgewicht neu auszurichten und kein Übergewicht vorne zu haben. Ihm gefiel es, ein Schwert in der Hand zu halten. Ihm gefiel es allerdings überhaupt nicht, dass an dessen Spitze Tysion stand. Er wollte die Waffe nicht auf jemanden richten, erst recht niemanden, der sich als Teil seiner eigenen Gruppe sah. Die Begeisterung verflog aus dem Gesicht des Halbphönix mit jedem Herzschlag etwas mehr. Er bemerkte, dass er niemanden Schaden zufügen wollte, wenn es sich verhindern ließ.
      „Muss Tysion unbedingt da stehen?....“ Seine Stimme war Zeuge seines Unwohlseins und als Tysion plötzlich in eine Kampfhaltung verfiel, bekam Amartius regelrecht Panik. Seine Augen waren geweitet, seine Haltung jedoch uneingeschränkt starr. Vor wenigen Minuten hatte er noch gesehen, wie die beiden Männer aufeinander losgegangen waren. Dagegen konnte der Junge rein gar nichts setzen. „Schlägt er mich dann nicht?!“ Da kam dann doch ein bisschen mehr als Unwohlsein aus ihm heraus als sein Blick zu Zoras schoss und dann wieder auf Tysions Brust lag, so wie man ihm gesagt hatte.
      Nicht schlagen!“, rief er auf kuluarisch aus Angst, dass der Veteran es doch plötzlich täte. Erst dann hob er wirklich das Schwert an, legte die Klinge mit einem eigenartigen Ton an Tysions und verzog das Gesicht. Er hatte extra gesagt, nicht schlagen. Sonst würde er ihn vermutlich direkt entwaffnen und das warf mehr Fragen auf als alles andere. War das denn anders, wenn er drückte? Er würde ihn auch so spielend leicht von sich weisen und das sollte man als schmächtiger Junge auch nicht tun... Amartius war überfordert mit dem, was nun am Klügsten zu tun wäre. Und so drückte er tatsächlich langsam mit aufbauendem Kraftaufwand, bis die Klinge unbeabsichtigt abrutschte und unter Tysions Schwert wegglitt. Amartius, gänzlich überrascht von diesem Auskommen, folgte der Bewegung und bugsierte die Spitze der Klinge sicher in den Boden, wo sie niemanden schaden würde. Nicht geplant, aber durchaus effektiv. Er schnaubte, teils erleichtert, teils frustriert, und zog die Klinge wieder aus dem Boden und reichte sie Zoras an.
      Dünne Arme“, versuchte er seinen Fauxpas zu erklären und rieb sich die Stirn, wobei er dunkle Staubschlieren hinterließ.

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    • "Weiter weg ist sicherer, das ist richtig. Aber wenn dein Gegner sich bis zu dir nach vorne durchschleicht und deine Klinge noch so weit hinten ist, ist es wieder nicht mehr sicher, hm?"
      Zoras brachte alle Geduld der Welt mit Amartius auf, um ihn richtig einzuweisen. Der Junge ähnelte in seinem leicht verunsicherten Stand sehr stark Teal, wie er auch die ersten Schritte des Schwertkampfes gelernt hatte - unfreiwillig, wie man anmerken musste, nachdem er viel lieber gelesen hätte. Und später wäre er wohl lieber bei seinem Pferd gewesen als zu kämpfen.
      "Ganz ruhig, Teal - Amartius. Tysion ist jetzt dein Gegner, nur zur Veranschaulichung natürlich. Komm, stell dich gut hin, beide Füße fest auf den Boden."
      Die aufkommende Panik in dem Jungen wurde schnell so groß, dass selbst Tysion sie zu bemerken schien, denn der Mann lockerte seine Haltung ein wenig. Zoras versuchte derweil, den Jungen zu beschwichtigen, indem er die Hand auf seine Schulter legte.
      "Niemand wird irgendjemanden schlagen. Alles in Ordnung, hörst du? Tysion steht da nur. Schau auf seine Brust und achte auf seine Waffe."
      Trotz allem schien Amartius mehr als in Panik zu verfallen, denn er bat sogar auf kuluarisch, nicht geschlagen zu werden. Tysion nickte auf die Bitte nur.
      "Ich schlage nicht."
      Dennoch hatte der Junge weiterhin Panik und Zoras zweifelte schon daran, ihm den Schwertkampf beibringen zu können. So wie er mit anderen Sachen wissensdurstig war, war er hier doch recht überfordert von was auch immer.
      Trotzdem brachte er es fertig, die Klinge wie gewollt zu manövrieren und kurz darauf schabte das Eisen schon entsetzlich langsam aneinander, bis sie schließlich ausglitten. Tysion trat einen respektvollen Schritt zurück, weil er wohl auch die Angst des Jungen erkannt hatte, und senkte die Waffe sofort, während Amartius mehr oder weniger seiner eigenen nachfiel. Die Erleichterung war ihm fast ins Gesicht geschrieben, als er die Klinge wieder an Zoras überreichen konnte.
      "Schon gut. Das war gut für den Anfang, sehr ordentlich. An den Armen werden wir noch arbeiten, hm?"
      Er lächelte, aber nur solange, bis er die Schlieren auf Amartius' Stirn sah - da verpuffte das Lächeln.
      Kassandra hatte auch solche Schlieren gehabt. Waren es dieselben? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die von Kassandra waren aus Asche gewesen, nachdem sie ihren Feuervogel entfaltet hatte. Und diese Schlieren jetzt, auf Amartius' Stirn? Auch Ruß? Aber von was, wenn er kein Feuer benutzt hatte?
      Zoras fasste ruppig nach der Stirn des Jungen, rieb sie ihm mit dem Daumen weg und griff dann dessen Hand, bevor er sie umdrehte, um die Finger zu inspizieren. Er konnte nichts sehen, nichts auffälliges zumindest, aber die Schlieren waren dagewesen. Rückstände von Magie? Aber er hatte doch gar kein Feuer entfacht.
      "Amartius."
      Er wollte schon weiterreden, da fiel ihm Tysion ein, der noch immer bei ihnen stand. Der alte Mann beobachtete sie mit ausdrucksloser Miene.
      "Wir sind fertig. Danke."
      Er nickte knapp, dann steckte er das Schwert zurück und ging zu seinem Platz am Lager, während Zoras bei Amartius stehenblieb. Er hätte den Jungen jetzt nicht freiwillig gehen lassen.
      "Was ist das? Was war das?"
      Er strich mit dem Finger über den Daumen und die wenigen Rückstände, die dort kleben geblieben waren.
      "Hast du etwa Magie verwendet? Du weißt, dass du das nicht darfst, nicht wahr? Unter keinen Umständen - nein, nur dann, wenn dein Leben davon abhängt. Hast du mich verstanden, Amartius?"
    • „Das war erbärmlich“, nuschelte Amartius schlicht auf Zoras' Kommentar und rümpfte die Nase. Was bis vor ein paar Sekunden noch seine volle Bewunderung genossen hatte, bekam plötzlich einen faden Beigeschmack. War er einfach nur zu friedliebend oder warum sträubte er sich so davor eine Waffe auf ein Lebewesen zu richten? Telandir hatte offensichtlich keinerlei Schwierigkeiten damit gehabt so wie Kassandra vermutlich auch nicht. War er in noch mehr Hinsichten... defekt?
      Amartius erschrak erneut fürchterlich, als Zoras unangekündigt nach seiner Stirn fasste. Er zuckte so heftig zurück, dass er den deutlich größeren Mann fast mit sich gerissen hätte. Es kam sogar soweit, dass er abwehrend bereits einen Arm erhoben hatte, sich dann aber selbst zur Raison rief und sein Gegenüber nur anstarrte. Er verstand nicht, warum er ihn plötzlich im Gesicht anfasste und stellte den Kontext nicht her, als darüber hinaus seine Hand in Augenschein genommen wurde. Als Zoras dann noch seinen Namen so bedeutungsschwanger aussprach, überkam ihn ein mehr als ungutes Gefühl. Er hatte etwas falsch gemacht und wusste noch nicht einmal, was.
      „Was ist was?“, kam die überaus plumpe Nachfrage, nachdem er noch immer nicht verstand. Zoras inspizierte etwas an seinen Fingern, etwas, das er von der Stirn des Jungen gerieben hatte. Fing er jetzt auch noch an, Dreck abzuwerfen oder was geschah hier? War seine Zeit schon geschlagen?!
      Seine Miene entglitt auf die folgenden Sätze komplett. Was hatte Kassandra getan, als dass dieser Mann es so sehr fürchtete, wenn Magie im Einsatz war? „Ich hab keine Magie benutzt! Gar keine! Das war Dreck vom Boden!“, erwiderte er hastig bevor er Zoras seine andereHand hinhielt. Diese hatte tatsächlich Staubschlieren vom Boden als er dem Schwert vorhin gefolgt war. Doch er sah in Zoras' Ausdruck, dass er ihm nicht vollends glaubte. Da schrumpfte Amartius ein kleines Stück, aus Furcht wurde Beschämung. „Ich... ich kann nicht richtig Magie nutzen. Ein bisschen Feuer kann ich, aber nicht viel mehr.“
      Er mochte diese Bekundung nicht. Er wollte nicht als noch schwächer erscheinen als er ohnehin schon war. Als defekt, wie man ihn sonst sogar noch beschreiben können würde. Vielleicht lag es an seinem Alter, vielleicht auch an seiner Herkunft. Er war ein Mysterium selbst unter den Himmelswesen und niemand wusste, wohin sein Weg führen würde.
      „Ich kann mich nicht verwandeln. Ich kann nur ein bisschen Feuer. Mehr Magie kann ich nicht. Deswegen wurde Telandir stutzig. Alle dachten, ich kann alles von Anfang an. Aber auf der Erde scheint es anders zu sein.“
      Er verlor sich für einen Moment wieder in den Erinnerungen, wie es in der Eisfeste gewesen war. Was sich zugetragen hatte, kurz bevor Telandir ihn von den Zinnen hatte werfen wollen. Dann schlug sein Verstand schon wieder die nächste Brücke, doch er behielt den niedergeschlagenen Tonfall bei. „Du hast Angst, wenn Kassandra Magie benutzt hat, oder? Was hat sie denn getan? Und wer ist Teal? Es gibt hier keinen Teal.“
      Es musste eine Person aus seiner Vergangenheit sein. Jemand, zu dem er ein enges Band gepflegt hatte und an den Amartius ihn erinnerte. Kassandra hatte nicht viel von Personen aus ihrer Zeit in Theriss erzählt, also musste Zoras ihn wohl oder übel aufklären.

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    • Es lag etwas dahinter, wie leicht und heftig Amartius stets zurückschreckte, wenn man ihn berührte. Es musste etwas dahinter liegen, denn selbst für einen Jungen, der niemals die richtige Welt erblickt hatte, war eine solche Reaktion auf so eine kleine Geste zu heftig. Es erinnerte Zoras schon fast an sich selbst, mit dem Unterschied, dass er genau wusste, woher seine eigene Reaktion stammte.
      Amartius hatte ja wohl in seinen jungen Jahren keine Folter ertragen müssen. Oder?
      Er runzelte die Stirn darüber, während er Amartius eindringlich betrachtete, der um seine Antwort rung. Dreck vom Boden. Konnte es eine solch lächerlich, einfache Antwort sein? Zoras bezweifelte es ernsthaft in Anbetracht der Tatsache, dass er einen Gottessohn vor sich hatte. Es mussten die gleichen Schlieren sein wie bei Kassandra, es sah einfach zu täuschend ähnlich aus.
      Aber dann rückte der Junge mit einem Geständnis heraus, mit dem er noch viel weniger gerechnet hätte. Ungläubig hob er beide Augenbrauen.
      Du kannst nicht richtig Magie nutzen? Wie?
      “Alles in Ordnung, Ischyll?”
      Faia hatte bemerkt, dass sie aufgehört hatten zu kämpfen, und beobachtete sie jetzt aufmerksam. Zoras schickte ein knappes “Ja” in ihre Richtung, bevor er sich wieder um Amartius kümmerte, der ihm gerade auch noch beichtete, sich nicht einmal verwandeln zu können. Auch das machte ihn mehr als stutzig. Sollte er als Phönix nicht in der Lage sein, wenigstens Feuer zu bändigen, wenn er schon nicht die Form eines Feuervogels annehmen konnte? Er hatte zwar keine Ahnung, wie Phönixe aufwuchsen, geschweige denn, ob sie die Magie erst erlernen mussten, aber er war sich ziemlich sicher, dass Kassandra ihm alles hätte beibringen müssen, was er wissen musste. Weswegen konnte er es dann also nicht? Weil er auf der Erde war? Weil er keine richtige Verbindung zum Olymp hatte?
      Zoras griff sich ans Kinn und kratzte sich dann dort.
      "Hat deine Mutter etwas davon gesagt, weshalb das so ist? Weil du auf der Erde bist, vielleicht? Ich bin mir sicher, dafür wird es eine ganz plausible Erklärung geben."
      Er rieb sich das Kinn noch immer, während Amartius bereits fortfuhr. Der Junge schien von dem Thema gänzlich niedergeschlagen und irgendwie befürchtete Zoras, dass das unter den beiden Phönixen wohl häufiger zur Sprache gekommen war, als ihnen vielleicht lieb gewesen wäre.
      "Ich habe keine Angst vor Kassandras Magie. Deine Mutter ist zwar eine mächtige, aber sehr weise Phönixin, sie bringt ihre Magie nie ungerechtfertigt über andere. Das verstehst du, oder? Aber manchmal kann selbst die größte Phönixin der Welt ihre Grenzen überschreiten und dann habe ich sehr wohl Angst. Aber eher um deine Mutter als vor ihrer Magie."
      Der Tonfall seiner Stimme wurde zunehmends sanfter, was ihm erst auffiel, als er die merkwürdigen Blick von Faia, als auch Omnar bemerkte. Es musste absurd aussehen, wie sie beide noch beieinander standen und über etwas redeten, was ganz offensichtlich tiefer ging als gewöhnliches Geschwatz. Zoras konnte quasi schon ihre Fragen hören, bevor sie sie aussprach.
      "Komm, geh dich hinsetzen."
      Er wischte sich die Klinge an seiner Stoffhose ab und ließ sie in ihr Heft zurückgleiten, bevor beide sich in Tysions Nähe setzten.
      "Teal hieß mein Neffe - heißt, meine ich. Er müsste jetzt ein paar Jahre älter sein als du", er müsste sich mittlerweile für das Amt des Herzogs befähigt haben, bei den Göttern, "und ähnlich wie du hat er auch nicht gern mit dem Schwert geübt. Er wollte viel lieber lesen, aber die Welt lässt sich nicht mit Büchern allein beschreiten."
      Er neigte sich ein wenig zu Amartius hinüber und senkte die Stimme, auch wenn sie sowieso niemand verstand.
      "Du musst nicht mit dem Schwert umgehen, wenn du es nicht möchtest, ich wollte dich nicht verunsichern. Aber wie du an den Räubern, die dich gefasst haben, sicher gut bemerkt hast, gibt es sehr viele Menschen dort draußen, die..."
      Zum Teufel, wie erklärte man sowas einem zehnjährigen Jungen, der vermutlich noch niemals ernsthaft mit Gewalt konfrontiert worden war?
      "... Mittel und Wege durch Gewalt finden. Und Gewalt lässt sich im schlimmsten Fall nur mit Gewalt lösen und für diesen Fall solltest du vorbereitet sein, Amartius. Verstehst du das? Ganz besonders, wenn du nicht ganz so mächtig wie deine Mutter bist oder wie Telandir. Haben sie dir denn irgendetwas beigebracht? Wie man einen Dolch führt, zum Beispiel? Oder mit dem Bogen schießt? Es gibt ganz unterschiedliche Waffen, vielleicht hast du deine richtige nur noch nicht gefunden, hm?"
    • Wie sollte der junge Amartius erklären, dass er keine Magie wirken konnte? Das wäre so, als würde man einen Menschen die Fähigkeit selbstbestimmt atmen zu können nehmen. So grundlegend war die Nutzung von Magie in den Kreisen der Gottheiten. Er sollte durch seine Herkunft den Himmel beherrschen, das Feuer als Erweiterung seines Selbst sehen und die Welt auf eine Art und Weise wahrnehmen, die den Menschen verwehrt blieb. Das tat er nur zu einem Bruchteil und es offen zuzugeben war noch viel schwieriger zu ertragen.
      „Ich bin der erste Nachwuchs auf der Erde. Keine weiß, ob besondere Regeln da gelten. Sie dachten, meine Entwicklung ist vielleicht verzögert. Die Zeit auf Erden läuft anders ab als im Himmelsreich, sagt Kassandra“, gab der Junge die Worte seiner Mutter weiter, die zu diesem Zeitpunkt noch gedacht hatte, er sei wirklich Telandirs Sohn. Als die Bestätigung kam, dass er zur Hälfte ein Mensch war, hatte sich die Erklärung schnell gewandelt. Aber nach so kurzer Bekanntschaft konnte Amartius es Zoras nicht sagen. Wenn er es tat würde er ihn vermutlich auf der Stelle zurücklassen. Dann war er nicht nur ein Klotz am Bein sondern ein Lügner in seinen Augen oben drein.
      Ihm wurde schwer ums Herz als er hörte, wie Zoras über seine Mutter sprach. In den wenigen monaten, die er auf der Erde existierte, hatte er Kassandra nicht ein einziges Mal in ihrer Blüte erlebt. Nie hatte er sie dabei gesehen, wie sie groß Magie gewirkt hatte oder dergleichen. Sie wirkte stets wie eine hübsche, zurückhaltende Gefangene mit Sehnsucht in den Augen. So hatte er seine Mutter kennengelernt. „Ich hätte sie gerne mal so gesehen...“, murmelte er leise ehe Zoras ihm bedeutete, sich mit ihm zu setzen.
      Er blickte weder Tysion noch Zoras an, der erklärte, welche Person hinter dem Namen Teal versteckt war, und nickte langsam. Dass man mit Wissen allein die Welt nicht bestreiten konnte, hatte er eindrucksvoll an seiner Mutter gesehen. Wissen besaß sie viel, doch ohne die notwendige Macht hatte selbst sie sich aus einigen Situationen nicht herausschlagen können. Insgeheim hatte sich Amartius bereits damit abgefunden, dass er den Stand seiner Mutter nie erreichen würde. Spätestes nach Telandirs Eingriff nicht mehr. Am Morgen hatte er festgestellt, dass er über Nacht nicht gewachsen war. Wie schon die Nächte davor. Das war jedoch geschehen solange er noch in der Eisfeste bei Kassandra gelebt hatte. Telandir hatte den Fluss unterbrochen, sein Leben künstlich beschränkt.
      „Ich dachte, jeder kann mit einem Schwert umgehen. Alle Menschen, die ich bisher gesehen habe, hatten eins. Es sah bei dir so... eindrucksvoll aus.“ Ohne es zu wissen eiferte er ein wenig einem Vorbild nach, das sich langsam zu formen schien. „Kassandra hat mir auch gesagt, dass es verschiedene Wege gibt, sich durchzusetzen. Sie hat gesagt, ich bin klug und finde meinen Weg.“ Er dachte erneut an seine Mutter. Es gab nicht einen Tag, an dem sie ihm nicht etwas Wichtiges beigebracht hatte. In den drei Monaten hatte sie ihr Bestes getan, um ihn mit dem nötigsten Wissen auszustatten, um die Eventualität, die nun eingetreten war, zu überstehen. Den Rest würde er sich selbst aneignen müssen. Vielleicht sollte er Zoras doch ein wenig in die Entwicklung von Götterkindern einweihen.
      Amartius beschrieb Kreise mit seinen Fingern an seinen Kniescheiben. Die Beine hatte er fest angezogen und kam nicht drumherum, verstohlene Blicke zu Tysion zu werfen, so als sei er sich nicht sicher, dass der Alte wirklich kein einziges Wort verstand. „Kassandra konnte mir nicht viel beibringen. Sie hatte nicht die Zeit dazu, weißt du? Die Kinder von Götter sind... schneller groß? Wie heißt das Wort?.... Wachsen? - ah, entwickeln. Gut. Sie entwickeln sich schneller. Deswegen lerne ich auch so schnell. Ich hab am Anfang gesagt, dass ich ein paar Monate alt bin. Das stimmt. Ich bin vor drei Monaten auf die Erde gekommen. Deswegen kann ich nicht kämpfen. Kenne keine Waffen und nichts. Eigentlich war ich noch gar nicht bereit.“
      Eine Anspannung wuchs in Amartius heran, die er gar nicht richtig zu benennen wusste. Die Sorge, dass Zoras nun Dinge interpretierte, beschlich ihn und so traute er sich nicht mehr, den Mann an seiner Seite anzusehen.
      „Ich weiß nicht, was man mit Kassandra gemacht hat bevor ich da war. Sie hat einmal gesagt, dass sie eingesperrt worden war. Ich glaube, man hat sie unter Druck setzen wollen. Aber ich weiß nicht, sie schwieg immer und Telandir sagte auch nichts. Ich war auch nur im oberen Teil der Feste und Kassandra sagte einmal zu Demataya, dass sie nicht wieder nach unten gehen würde, egal was passiert. Vielleicht ist sie deswegen unschlüssig, wer mein Vater ist?... Ich weiß nicht....“
      Die Stimmung der Niedergeschlagenheit und der Anspannung nahm zu während der Junge das Kinn auf seinen Knien absetzte und einfach geradeaus starrte. Er betete darum, dass Menschen keinen beschleunigten Puls wahrnehmen konnten oder bemerkten, wenn man nicht die ganze Wahrheit sagte. Denn Amartius wusste ganz genau, wer da an seiner Seite saß.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Dann lag es vermutlich tatsächlich daran, dass Amartius keine richtige Verbindung zum Olymp hatte. Mit der Erklärung konnte Zoras umgehen, wenngleich er keine Ahnung hatte, wie das Problem zu beheben wäre - das würde schon Kassandra regeln müssen.
      Mit etwas mehr Belustigung, was die Situation so schon kaum hergeben konnte, betrachtete er den Jungen, der mit seiner Naivität ein vermutlich unbemerktes Kompliment aussprach. Das erinnerte ihn nicht an Teal, das erinnerte ihn eigentlich an niemanden, denn es gab schlicht niemanden, der Zoras einmal ernsthaft für seine Kampfkünste gelobt hätte. Natürlich hatte er stets positive Rückmeldungen seines Lehrmeisters erhalten, auch die unzähligen Frauen in seinem Leben hatten ihn angehimmelt, wenn er sich ihnen auf dem Übungsplatz präsentiert hatte, sogar seine Soldaten, allen voran sein Hauptmann und seine Offiziere. Aber alle von ihnen hatten entweder Motive für ihre Lobungen gehabt, oder sie hatten ihr Augenmerk schlicht auf etwas anderes gerichtet - sein Lehrmeister auf den Fortschritt, den er erzielte, die Frauen auf seinen Status und die Soldaten darauf, dass er ihnen besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen würde. Niemand hatte ihn je ernsthaft darin komplimentiert, denn wenn man eine gewisse Stufe erreicht hatte, war es auch keine besondere Leistung mehr, dann hatten sich alle schon daran gewöhnt, dass man gut war. Diese Bestätigung jetzt aber von Amartius zu bekommen, ließ ihn sich fast geschmeichelt fühlen.
      "Das kommt ganz auf die Kultur an. Schwerter sind hier weit verbreitet, weil es viel Eisen gibt, aber nicht jeder trägt eins, ganz davon abhängig, wofür man seine Waffe benutzt. Zum Jagen würde man Pfeil und Bogen verwenden, für hinterhältige Angriffe einen Dolch, mit leichter Rüstung trägt man Speere, mit schwerer Rüstung vielleicht Hellebarden. In großen Städten wird mit Kurzschwertern gekämpft, auf freiem Land womöglich mit Armbrüsten. Wenn man jemanden gezielt verletzten will, benutzt man Degen, wenn man ihn nur kontrollieren will, Keulen. Es gibt Äxte für Menschen, die wenig Feinmotorik und dafür große Kraft besitzen und Doppelschwerter für das Gegenteil. Es gibt auch Waffen, die nicht für den direkten Kampf gemacht sind, wie Kampfstäbe und Peitschen. Wie du also sehen kannst, sind Schwerter alles andere als selbstverständlich - und deswegen musst du dich auch nicht darauf festlegen. Da hat Kassandra vollkommen recht."
      So viel wollte er eigentlich gar nicht dazu sagen, der Junge schien eh schon gänzlich überfordert damit, überhaupt mit dem Konzept von Waffen umzugehen, aber er hatte sich wohl ein bisschen mitreißen lassen. Mitunter auch, weil er sich noch immer geschmeichelt dafür fühlte, mit "eindrucksvoll" betitelt zu werden.
      Ganz anscheinend hatte Amartius aber wenig Gedankenkraft für Waffen übrig, denn als er weitersprach, vermittelte er etwas anderes. Und obwohl er die richtigen Worte wählte und Zoras ihn mühelos verstehen und den Zusammenhang begreifen konnte, dauerte es doch einen weiteren Augenblick, bis er wirklich verstanden hatte. Bis er vollständig begriffen hatte, dass dieser zehnjährige Junge tatsächlich drei Monate alt war. Drei Monate! Er war mit drei Monaten ein voll ausgewachsenes Kind!
      Zoras konnte sich nicht davon abhalten, Amartius entgeistert anzustarren, jetzt, wo es endlich eingesackt war. Dabei gab es auch keinen Zweifel daran, dass der Junge die Wahrheit sprach, denn Zoras bezweifelte, dass er so gut lügen konnte. Und wozu auch? Wozu sollte er ein gar lächerlich geringes Alter angeben?
      "Drei Monate?"
      Bei allen Göttern im Olymp. Er hatte gedacht, dass etwas anderes vorgefallen war, das so sehr den Unmut von Telandir und der Zarin geweckt hatte, aber jetzt machte auch das irgendwie Sinn. Kassandra hatte ein Kind von einem anderen Mann bekommen und als man herausgefunden hatte, dass Amartius Telandir weder ähnelte, noch die gleichen Fähigkeiten besaß, hatte der Phönix ihn umbringen wollen. Das musste kaum einen Monat her sein, wenn überhaupt.
      Faia rief aus dem Hintergrund neugierig Zoras' anderen Namen, aber der ignorierte sie. Besonders jetzt wollte er sich nicht ablenken lassen.
      "Das ist..."
      Scheiße, was sollte das sein? Wie sollte man jeweils einen Ausdruck für eine derartige Situation finden?
      "... sehr merkwürdig. Soll das heißen sie weiß nicht, wer dein Vater ist? Hat sie denn etwa -"
      Er unterbrach sich selbst, bevor er noch mit Dingen anfangen würde, über die man lieber nicht mit einem zehnjährigen - halt, dreimonat...igen? - Jungen reden sollte. Hatte Kassandra mehr Liebhaber gehabt? Ihn, sicherlich, aber vor Jahren schon, und dann noch Telandir. Noch mehr, von denen Amartius nur nichts wusste? Aber Zoras hatte gesehen, wie Kassandra mit Telandir fortgeflogen war, der Phönix würde seine Beute kaum mit anderen teilen. Er bezweifelte bei den Aussagen des Jungen stark, dass Kassandra überhaupt etwas wesentlicheres getan hatte, als die Zeit in Gefangenschaft zu verbringen. Bei dem Gedanken weckte sich ein alter, dumpfer Zorn in ihm, der von den Strapazen der Jahren eigentlich schon fast vergessen worden war. Aber eben nur fast.
      Allerdings sollte er darüber nicht mit Amartius weiterreden, denn so, wie der Junge jetzt schon dasaß, schien ihn das deutlich mitzunehmen. Dazu kam dann auch noch die Tatsache, dass er wahrhaftig in einer Welt unterwegs war, die er kein bisschen kannte und dass er von seinem anderen Artgenossen zwangsläufig verstoßen worden war. Das ganze musste viel für einen Jungen sein - egal welchen Alters.
      "... Auch egal. Wir werden zurück zu Kassandra gehen und dann werden wir sie fragen, hm? Freust du dich darauf, deine Mutter wiederzusehen?"
      Eigentlich hätte er gerne in beschwichtigender Art die Hand auf dessen Rücken gelegt, aber so weit wollte er dann doch nicht gehen. Außerdem sah Faia noch immer hin und wieder zu ihnen hinüber und die Geste käme sicherlich merkwürdig für einen Mann, der sonst niemanden an sich heranließ.
      "Erklär mir dein Wachstum so gut, wie du kannst. Soll das heißen, du bist in den drei Monaten so groß geworden? Und du lernst vermutlich sehr schnell, oder? Vielleicht wirst du dann auch noch eine Fähigkeit zur Magie entwickeln, meinst du nicht?"
    • Amartius war im wahrsten Sinne weltfremd. Mit seinen drei, fast vier Monaten auf der Erde hatte er nicht genug Zeit gehabt, um sich mit der Welt um ihn herum anzufreunden. Er war nicht im Himmel geboren worden, durfte doch Jahrtausende zubringen und sich entwickeln bevor er einen Fuß auf die Erde setzte. Man hatte den jungen Halbphönix praktisch in diese Welt geworfen unter unvollendeten Tatsachen. Er hatte keine Ahnung, wie weitreichend Emotionen sein würden. Kannte keinen Hass, bis vor kurzen nicht einmal echt Todesangst. Wie sollte er das Konzept hinter der Liebe verstehen, wenn Familie für ihn nicht einmal greifbar war? Er wusste, dass es zwei Einheiten zu verdanken war, dass er existierte, und die eine hatte er kennen und mögen gelernt. Die andere trug lediglich einen Namen bis vor wenigen Stunden, und nun hatte er einen krassen Kontrast zu dem, was man in der Eisfeste ihm vorgelebt hatte. Er hatte nicht einmal hinterfragt, wie es überhaupt zu dem Erschaffen neuer Existenzen kam.
      Nach seiner Offenbarung scheute sich Amartius davor, auch nur ansatzweise in Zoras' Richtung zu sehen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er allerdings, wie er rigoros angestarrt wurde. Wie erwartet hatte die Erkenntnis, dass er in menschlicher Zeitrechnung unmöglich so alt aussehen konnte, einen einschneidenden Effekt auf den Mann. Wie schwer war es wohl für Menschen zu verstehen, was wider ihrer Auffassung der Natur lief? Er bestätigte sein Alter mit einem leisen „Mhm“ und kaute auf der Unterlippe herum. Auch Nervosität war ihm fremd. Er hatte nie in der Eisfestung nervös zu sein, schließlich war dort immer Kassandra gewesen, die eine schützende Hand über ihm ausgestreckt hatte. Erst jetzt wurde ihm langsam gewahr, wie sehr sie ihn wirklich geschützt hatte und wie verletzlich er hier draußen eigentlich war. Wäre er Zoras nicht durch Glück in die Arme gerannt, wäre er weiß Gott wo gelandet.
      Faia rief Ischyll, doch Zoras ignorierte sie komplett. Amartius' Blick driftete kurz zu ihr hinüber, dann fand Zoras seine Stimme wieder und hatte die Aufmerksamkeit des Jungen zurück. „Merkwürdig klingt falsch. Ich weiß, dass sie weiß, wer mein Vater ist. Ich habe ihn nur nie getroffen. Vielleicht hat Telandir ihn auch von einer Zinne geworfen...“, dachte er laut weiter und stellte sich vor, wie er einen fremden Mann ohne mit der Wimper zu zucken von den Türmen warf. Kassandra hatte ihrem Sohn frühst möglich erklärt, was die Kernpunkte eines Phönix waren und wie er es auch drehen und wenden mochte, selbst Telandir schien nicht alle diese Kriterien zu erfüllen. Sie sollten das Leben ehren und nicht mordend umherziehen. Dass das Töten eines Kindes zu den schwersten Delikten zählte, wusste der Junge natürlich nicht.
      Auf die Frage hin, ob er sich auf ein Wiedersehen mit seiner Mutter freute, erwiderte Amartius nichts. Täte er es nicht, hätte er nicht alles daran gesetzt, Zoras zu mobilisieren und Hilfe zu arrangieren. So wie der Mann es immer wieder schilderte klang es nach einer lächerlich einfachen Aufgabe, einfach nach Asvoß zu reisen, in die Feste einzudringen und Kassandra herauszuholen. Aber wenn es wirklich so einfach wäre, dann hätte sie sich zu aller erst allein bereits befreit. Hätte Amartius doch nur so viel Magie, um die Form zu wechseln, dann hätte er Zoras und Kumpanen ohne Umschweife direkt nach Asvoß fliegen können. Doch so waren sie auf den langsamen und beschwerlichen Fußweg beschränkt, ganz davon zu schweigen, dass sie eigentlich genug Kampfkraft für einen Sturm besaßen.
      „Ich würde dir ja zeigen, was ich kann. Aber du hast gesagt, ich soll es nicht.“ Er hatte eine Hand von seinen Beinen gelöst, hielt sie mit der Handfläche vor sich geöffnet nach oben. Er öffnete und schloss sie immer wieder, so als würde er pumpen. „Ich wachse sehr schnell, ja. Im Moment nicht mehr, scheinbar hab ich eine Grenze erreicht oder so. Deswegen lerne ich die Sprachen so schnell. Ich kann ein bisschen von dem, was meine Mutter kann. Sie orientiert sich an der Erde, daher weiß ich immer in welcher Richtung die Himmelsrichtungen liegen. Nachdem ich die Karte gesehen habe und weiß, wo wir liegen, kann ich uns auch ungefähr orten. Bis zu dem Zeitpunkt, wo wir die Grenze des Gezeigten übertreten.“
      Man hörte bereits an der Formulierung der Sätze, dass er sich kontinuierlich weiterentwickelte. Sie wirkten weniger laienhaft und fügten sich mittlerweile so richtig kohärenten Sätzen zusammen.
      „Kassandra vermutet, dass die Erde etwas mit mir macht. Sie sagt, im Himmelsreich ist das Wachstum nicht so rapide, das hat sie nur hier beobachtet. Ich bin ihr erstes Kind, daher kann sie nicht aus Erfahrung sprechen. Vielleicht hast du recht und meine Verbindung mit dem Himmelsreich muss sich erst noch bilden, damit ich richtige Magie nutzen kann. Was ich von Anfang an konnte, war Lügen zu erkennen und Lebenslichter sehen. Hat sie dir davon auch erzählt?“
      Seine geöffnete Hand wurde zu einem deutenden Finger, der sich auf Omnar richtete. „Sein Licht sieht komisch aus. Mama hat gesagt, das Lichter beeinflussbar seien. Mit Alter werden sie kleiner oder manche sind von sich aus schon kurz. Aber das von ihm wirkt fahl und hat eine andere Farbe. Ist das das, was man krank nennt?“
      Der Finger senkte sich und Amartius drehte den Kopf auf seinen Beinen, sodass er Zoras mustern konnte. Er runzelte die Stirn. Zoras' Licht sah für sein Alter entsprechend aus. Aber je länger her sich darauf konzentrierte und Nuancen herauszuarbeiten suchte, umso deutlicher wurde das vereinzelte Glitzern, was um das Licht lag. Seltsam.
      „Warum isst du kaum was? Menschen müssen essen, damit sie nicht sterben“, merkte er überflüssigerweise an und hatte damit direkt einen Bogen geschlagen auf ein Thema, das er sowieso noch ansprechen wollte. „Selbst Tysion isst regelmäßig. Nur du nicht. Und deine Haut war auch komisch. Warum ist sie hügelig und rau? Meine ist es nicht.“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras lauschte Amartius mit neu gewonnener Aufmerksamkeit. Jetzt wo er wusste, dass der Junge tatsächlich nur ein paar Monate alt war, schienen gleich viel mehr Sachen Sinn zu machen - seine Unerfahrenheit mit der Außenwelt, mit seiner Umgebung, mit Zivilisation. Es warf auch die Frage auf, wie viel der Junge noch wissen mochte, ohne Zoras darin einzuweihen, weil er es als nicht notwendig betrachtete.
      "Davon hat sie mir erzählt, ja. Das sind grundlegende Fähigkeiten eines Phönixes, genauso wie ihre Feuervogel-Gestalt. Es muss aber nichts heißen, dass du es nicht beherrschst."
      Er folgte Amartius' deutendem Finger auf den Rotschopf, der eigentlich noch immer mit Faia plauderte, jetzt aber einen düsteren Blick auf den Jungen warf. Er konnte nicht verstehen, was Amartius von sich gab, sah nur, dass die beiden Männer ein gewisses Interesse an ihm gewonnen hatten.
      "Was?"
      Zoras starrte ihn verblüfft an, überrumpelt mit der plötzlichen Nachricht, dass etwas mit dessen Licht nicht in Ordnung war. Das Konzept der Lebenslichter war ihm zwar nie gänzlich unbekannt gewesen, aber jetzt hatte er eine unerwünschte Diagnose erhalten, mit der er nichts anzufangen wusste. Sollte das heißen, Omnar würde bald sterben? Oder er hatte wirklich eine Krankheit in sich, die das beschleunigte?
      "Was?!"
      "Er sagt, dass du der hässlichste von uns bist."
      "Du kannst mich mal, Ischyll."
      Zoras griff nach Amartius' Hand und zog sie runter.
      "Auf fremde Menschen zeigt man besser nicht, Amartius."
      Jetzt, da er von dessen Alter wusste, sah er sich etwas mehr dazu verpflichtet, dem Jungen ein paar grundlegende Manieren beizubringen.
      "Ich weiß nicht, was es mit den Lichtern auf sich hat, weil ich sie selbst nicht sehe. Am besten fragst du das Kassandra."
      Die Nachricht war jetzt aber doch ein wenig verstörend und so warf er noch einmal einen Blick auf Omnar, der ihn dafür grimmig anstarrte.
      Bevor er aber noch einmal darauf eingehen konnte, wechselte Amartius schon wieder das Thema.
      Auch das wäre eine Sache gewesen, die der Junge vermutlich nicht angesprochen hätte, wenn er etwas mehr Weltkenntnis besaß. Er stellte einfach Fragen, die ihn in den Sinn kamen, ohne darauf zu achten, ob sie höflich waren.
      "In Ordnung."
      Zoras setzte sich ein bisschen angenehmer hin.
      "Ich werde dir jetzt zwei Dinge beibringen, die sehr, sehr wichtig in unserer Welt sind. Einverstanden? Pass gut auf.
      Auf der ganzen Welt - bestimmt auch in deiner Eisfeste - wird gehandelt; so wird es genannt, wenn man einen Gegenstand gegen einen anderen austauscht. In den meisten Ländern, auch hier, wird dafür mit Geld gehandelt, das sind die Münzen, die du heute Morgen gesehen hast. Alles hat einen Preis, also eine Angabe, wie viel Münzen dafür benötigt sind, um den Gegenstand zu kaufen. Das Brot von heute morgen kostete 15 Kupfermünzen - 100 Kupfermünzen bilden eine Silbermünze und tausend Silbermünzen eine Goldmünze. Soweit verständlich?"
      Er stellte sicher, dass Amartius ihm folgen konnte.
      "Alles, was man haben möchte, kostet Geld: Die Kleidung, das Essen, sogar die Schwerter hier. Kassadra kostet auch Geld, zumindest ihre Verpflegung und Ausrüstung. Wenn ich also etwas haben möchte, muss ich dafür bezahlen.
      Das Geld dafür bekomme ich - in unserem Fall - indem ich etwas für andere Leute mache, die mir dieses Geld dafür geben. Abhängig davon, was ich genau für sie tue, bekomme ich eine gewisse Summe, die ich wiederum für mein Essen und so weiter ausgeben kann. Als wir dich gestern gefunden haben, haben wir einen solchen Auftrag - so nennt man eine solche Dienstleistung - erledigt. Wir haben dafür als Gruppe, dass wir deine Entführer getroffen und umgebracht haben, 130 Silbermünzen erhalten, das sind etwa 32 Silbermünzen für jeden. Die eine Nacht in dem Zimmer hat 12 Silber gekostet, dein Essen von gestern 3. Der Stallplatz von Kassadra und ihre Verpflegung waren nochmal 10 - da bleiben nur etwa sieben übrig. Das ist zwar genug für Essen, aber ich spare auf das nächste Politurmittel, das wird mich rund 70 Silbermünzen kosten. Dazu kommt Spezialfutter für Kassadra und eine Rücklage dafür, dass sich ihr Sattel und ihr Zaumzeug abnutzt. Außerdem brauche ich Proviant für drei Tage, falls wir mal kein Gasthaus finden, und brauche einen Vorrat aus Bandagen, falls ich mich verletze. Desinfektionsmittel kostet etwa 15 Silber. Das sind viele Ausgaben, nicht wahr? Dafür spare ich an anderen Ecken."
      Er nickte zu Tysion.
      "Tysion hat sicherlich auch seine hohen Ausgaben und auch er wird irgendwo sparen. Aber er ist ein alter Mann - das siehst du an den grauen Haaren - er kann es sich nicht leisten, seine Gesundheit zu riskieren. Ich bin, vergleichsmäßig, noch recht jung, ich verkrafte das schon."
      Er musterte Amartius für einen Augenblick prüfend, ob der Junge ihm noch folgen konnte.
      "Hast du das verstanden? So, und die zweite Sache ist die, dass nicht alle Menschen dir gut gesinnt sind. Wir sind es, aber das ist im schlimmsten Fall nur eine Ausnahme - sehr viele andere, zum Beispiel die Räuber, die dich verschleppt haben, sind sehr selbstsüchtig und ehrgeizig. Andere Leben sind ihnen herzlichst egal und deswegen darfst du ihnen auch nicht zu nahe kommen - und sie erst recht nicht provozieren. Sonst werden sie ihre Waffen gegen dich erheben und das hinterlässt das hier."
      Er zeigte ihm noch einmal die Narben an seinem Arm. In letzter Sekunde hatte er sich noch dazu entschieden, Amartius nicht darüber aufzuklären, was Folter war.
      "Das passiert, wenn deine Haut verletzt wird, etwa weil jemand ein Schwert nach dir schwingt, und die Wunde nicht rechtzeitig versorgt wird. Dann bildet sich eine zweite Schicht Haut über der ersten, um die Wunde zu verschließen. Das kannst du berühren, das tut nicht weh."
      Er hielt ihm den Arm hin.
      "Du hast vermutlich noch keine Verletzung gehabt, oder? Ich denke auch, dass deine Haut keine Narben hinterlassen wird, weil Phönixe eine andere Art von... Regeneration besitzen."
      Er runzelte die Stirn.
      "Hat Kassandra dich darüber aufgeklärt, dass Phönixe Heilfähigkeiten besitzen, mit der sie Wunden verschließen können? Hast du eine solche Fähigkeit?"
      Das wäre nun wirklich wichtig zu wissen, denn wenn Amartius heilen konnte, könnte Zoras sich seine Bandagen sparen. Er könnte Geld einsparen und so lächerlich das auch klingen mochte, so sehr entzückte ihn der Gedanke, auf Ausgaben verzichten zu können. So sehr, wie er in seinem früheren Leben kein einziges Mal auf sein Gold hatte achten müssen, so sehr war er jetzt dazu verdammt, jede einzelne Kupfermünze zu zählen.
    • Egal, wie finster Omnar Amartius auch ansehen mochte, er konnte seinen scheinbar alles durchschauenden Blick nicht so schnell von dem Mann abbringen. Es waren ihm bereits diverse Lichter untergekommen und mit Sicherheit auch das ein oder andere Kranke war dabei gewesen. Es aber so nah bei sich zu wissen machte irgendetwas mit dem Jungen. Jetzt, da er wusste, dass es wohl eine Krankheit war, würde das auch diesen seltsamen Eindruck erklären, den er in seiner Anwesenheit immer verspürt hatte. Womöglich spürte er, wie sich das Leben aus ihm verabschiedete. Er brach den Blickkontakt erst, als Zoras ihm seine Hand mit Nachdruck senkte und belehrte.
      Dafür bekam Amartius endlich eine Aufklärung bezüglich der Währung und der Wirtschaft. Aufmerksame Augen verfolgten die Erklärung haargenau und speicherten sich alles ab. Besonders die Rechnung mit dem Gasthaus und dem Essen bestätigte seine unlängst getroffene Annahme. Er war ein weiterer Kostenfaktor und fiel demnach Zoras zur Last. Wenn er für Tätigkeiten Geld bekam, dann würde Amartius es sicherlich auch können. Es musste auch Tätigkeiten für Menschen in seinem Alter geben, wie sollten sie sich sonst durch das Leben schlagen, wenn alles einen Wert hatte, den man bezahlen musste? Hatten dann auch Menschen einen Wert, wenn sogar Tiere einen hatten? Hatte... Kassandra einen materiellen Wert gehabt in den Augen der Menschen?
      „Du solltest nicht am Essen sparen...“, meinte der Junge leise und schämte sich dafür, dass er wertvolle drei Silbermünzen verbraten hatte, die Zoras dringender gebraucht hätte. Dafür bekam er endlich eine Erklärung, warum so viele Menschen graue Haare hatten. Sie waren also nicht alle einer Art angehörig, sondern das war es, was das Alter mit einem anstellte. Soweit würde Amartius vermutlich niemals kommen.
      „Ich weiß, dass nicht alle nett zu mir sind. Ich kann das spüren, wenn mir jemand gegenüber steht. Deswegen hab ich gewusst, dass Omnar mich nicht mag selbst wenn ich seine Worte nicht verstanden habe“, erwiderte der Halbphönix und zuckte mit den Schultern. „Telandir mag mich auch nicht. Konnte gut an ihm lernen wie es sich anfühlt. Und lügen tat Demataya häufiger. Auch gut zum Üben. Ich verstehe nur nicht, warum sie auf Waffen zurückgreifen müssen. Weil es einschüchtert?“
      Die dunklen Augen folgten Zoras' Bewegung zu seinem Arm hin. Erneut bekam er einen guten Ausblick auf die Narben, die sich in allen Formen über seinen Arm zogen. Auch ohne Erklärung verstand er, dass man anhand der Narben bestimmen konnte, wie sie entstanden waren. Und er war sich sicher, dass einige von den Narben nicht von Schwertern stammen konnten. Wunden kannte Amartius ebenfalls nicht, mit dem Thema hatte er sich in der Festung nie auseinandersetzen müssen. Als Zoras ihm seinen Arm hinhielt, befanden sich Amartius' Finger eine Sekunde später bereits auf der Haut und befühlten die Unebenheiten. Er blieb dabei bei einer sehr alt wirkenden Narbe hängen, die keine Linie bildete, sondern kreisrund war und an den Rändern ausgefranst war. „Das hier ist nicht von einem Schwert“, stellte er fest. „Woher kommen solche?“
      Er sinnierte, ob sich seine Haut anders verhielt. Ob sich generell sein Körper mehr wie Mensch oder doch eher wie Gott verhielt. Das alles hatten sie nicht testen können. Es hätte genauso gut sein können, dass er den Fall von den Zinnen überlebt hätte oder wie Brei unten aufgeschlagen wäre. Alles wäre möglich gewesen, niemand wusste, wo seine Grenzen tatsächlich anfingen und endeten.
      „Ich hatte noch keine Verletzungen, richtig. Mama hat mir erzählt, was wir eigentlich können, darüber weiß ich Bescheid. Nur ausprobiert haben wir das alles noch nicht. Vielleicht kann ich das auch nicht wenn ich keine richtige Magie benutzen kann?“
      Er nahm seine Hand wieder zu sich und kratzte sich am Kopf. Wenn er sich richtig entsann, dann hatte er bei Faia doch.... „Warte mal.“
      Amartius sprang auf die Füße und joggte unbefangen zu Faia herüber. Die hatte sich noch immer mit Omnar in den Haaren, der seine Unterhaltung abbrach kaum war der Junge näher gekommen. Der Halbphönix ignorierte den Rotschopf geflissentlich und hockte sich vor Faia auf den Boden. Seine Augen fanden schnell, was er vermutet hatte.
      Darf ich ausleihen?“, fragte er sie auf kuluarisch und deutete auf den Dolch, den sie in einer Scheide an ihrer Hüfte mit sich führte. Wenn er ihr jetzt noch erklären musste, wofür, war er aufgeschmissen. Also fügte er das wohl Sinnvollste hinzu, was er an dieser Stelle sagen konnte: „Für Training?
      Es entstand eine seltsame Pause, dann kam Faia seiner Bitte nach und gab ihm die Waffe samt Scheide. Er strahlte sie förmlich an und kehrte dann zu Zoras zurück. Bewusst setzte er sich so, dass er nun den Rücken zu dem Rest der Truppe hatte und nur Zoras seine Front sah. Er erklärte sein Handeln nicht weiter als er die Klinge aus ihrer Scheide befreite , ohne zu zögern seine linke Hand um die Schneide schloss und dann einmal schnell an der Klinge zog. Das war so schnell, dass Zoras nicht einmal hatte eingreifen können.
      Es dauerte ein paar Sekunden, dann quollen Amartius' Augen über. Er ließ den Dolch los und krümmte sich, die verletzte Hand zur Faust vor seiner Brust geballt. Die erste echte Bekanntschaft mit gleißendem Schmerz hatte er sich gänzlich anders vorgestellt und so bekam er nicht einmal einen Schmerzensschrei heraus. Nur ein gequältes Stöhnen entrang sich seiner Kehle während er versuchte, das fürchterliche Brennen aus seiner Hand loszuwerden. Seine Augen tränten als er sich die zittrige Hand vor die Augen führte und sie langsam öffnete. Das Fleisch in seiner Hand klaffte auf und sein eigenes, dunkelrotes Blut rann bereits seinen Arm hinab. Eigentlich hätte Schmerz und vielleicht Schock in seinen Augen stehen müssen. Doch mit jeder Sekunde, die er seine Hand und den Fluss des Lebenssaftes betrachtete, verschwanden diese Empfindungen aus seinen Iren und wichen einer nüchternen Erkenntnis. Er machte gerade eine Erfahrung, die bahnbrechend für sein Wesen war und das war etwas, das niemand unterbrechen durfte. Selbst für Zoras war dieser Moment so leicht zu erkennen, dass er es nicht wagte, Amartius zu berühren.
      Dann ging Bewegung durch den Jungen, der kräftig die Hand zur Faust ballte und die Lippen hart aufeinander presste. Seine komplette Faust wurde leicht weiß, so fest drückte er sie zusammen. Anschließend warf er einen Blick zu Zoras. „Noch spür ich keine Magie, ich glaub, es blutet auch noch...“ Er sah kurz nach, sog die Luft scharf ein und ballte wieder die Faust. „Jap. Blutet noch. Okay, so schnell geht das also nicht. Ähm... vielleicht... warten wir einfach ein bisschen und gucken, was passiert?“ Der Junge war ein bisschen blass um die Nase geworden. Danach schüttelte er sich kurz bei dem Gedanken, wie warm sich gerade seine Hand angefühlt hatte. Die erste echte Begegnung mit Schmerz war nicht schön, aber wichtig gewesen. Und wenn er sich so überlegte, dass ein jede Narbe, die Zoras auf den Armen trug, von so einem Schmerz herrührte, dann hatte der Mann mehr Schmerzen erlebt als es ein Mensch ertragen konnte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras gab einen beschwichtigenden Laut von sich.
      "Ich spare nur, soweit nötig ist, das ist schon in Ordnung. Mach dir darum keine Sorgen, Junge."
      Der Gesichtsausdruck des Kindes bereitete ihm Magenschmerzen. Ob nun drei Monate oder zehn Jahre, kein Kind sollte mit solchen Problemen konfrontiert werden. Es war der Zarin und der Eisfeste zu verdanken, dass er nicht vorbereitet war, dass er mit einem vermeindlichen Vater aufgewachsen war, der ihn zuerst von den Zinnen hatte werfen wollen und dann in einer fremden Welt ausgesetzt hatte. Jetzt musste er hautnah miterleben, was normalen Menschen widerfuhr.
      "Waffen sind schnell und effektiv, um einen Willen umzusetzen. Und ja, sie sind einschüchternd. Immerhin möchtest du keinem Mann widersprechen, der mit einem Schwert auf dich zeigt, hm?"
      Auch das war etwas, das Amartius jetzt auf die harte Weise lernen musste. Zoras hasste die Zarin dafür, und Telandir sowieso.
      "Es hat auch etwas mit Macht zu tun, aber das ist zu kompliziert, das erkläre ich dir ein andermal."
      Er beobachtete mit einiger neu entfachter Belustigung, wie sich Amartius seinen Narben widmete, als wären sie Kunstwerke. Seine dünnen Finger strichen so leicht über seine raue Haut, dass er die Berührung kaum gemerkt hätte, wenn er ihn nicht dabei beobachtet hätte. Sie blieben an einer runden Narbe hängen.
      "Das war -"
      Oh, zum Teufel. Zoras hätte ahnen müssen, dass der Vergleich mit einer Schwertwunde nicht angemessen für manche Narben war, die auf seinem Arm lagen, und er hätte auch ahnen müssen, dass Amartius schlau genug war, dass es ihm auffiel. Aber es war ihm nicht klar gewesen und jetzt musste er sich etwas anderes dafür ausdenken.
      "ein -"
      Er hätte schon beinahe damit herausgerückt, als ihm in letzter Sekunde noch einfiel, was Amartius jetzt schon mehrfach erwähnt hatte: Er konnte sehen, wenn jemand log. Und was würde er tun, wenn er es bei Zoras bemerkte? Weitere Fragen stellen? Scheiße.
      "... Also das war quasi ein Unfall, so könnte man das wohl nennen. Ist schon eine Weile her. Aber du hast recht, das kommt nicht von einem Schwert."
      Das musste ausreichen. Er schob den Ärmel wieder hinab, damit Amartius nicht auf die Idee kam, weitere unangenehme Fragen zu stellen, und wandte sich ihm dann wieder zu. Es war ja schon ganz niedlich zu beobachten, wie die Räder hinter seinem Gehirn ratterten, wie er alles soeben gelernte mit solcher Energie in sich aufnahm, als ob es nie genug Wissen für ihn geben könnte. Auch das erinnerte Zoras ein bisschen an Teal, wenngleich Teal eher höheres Wissen angestrebt hatte.
      Plötzlich beflügelt von einer Idee, sprang Amartius auf und trottete auf Faia zu, die neugierig und mit deutlicher Freundlichkeit zu ihm aufsah. Zoras sah dem Jungen erst hinterher, dann beobachtete er stattdessen Omnar, der verstummte und Amartius griesgrämig anstarrte. Er mochte nicht, wie der Mann den Jungen manchmal betrachtete, wie ein Raubtier, das sein Revier zu verteidigen versuchte. Sollte er es wagen, noch einmal seine Laune an Amartius abzulassen, würde er erneut Bekanntschaft mit Zoras' Faust machen. Nach dem ersten Mal fiel es ihm wesentlich leichter, darüber nachzudenken, ihm die Nase erneut zu brechen.
      Als Amartius wieder zurückkam, erkannte Zoras mit einiger Skepsis, dass er Faias Dolch bei sich trug. Er setzte sich beschwingt zurück zu Zoras, dann legte er zu seinem wachsenden Entsetzen die Hand um die Klinge.
      "Hey, warte mal, ganz langsam, so macht man das nicht, du wirst dich noch -"
      Seine Prophezeiung wurde eine Sekunde später erfüllt, aber nicht, weil der Junge auskam, sondern weil er sich ganz gezielt die Hand aufzuschneiden schien. Zoras' Augenbrauen schossen in die Höhe, dann wollte er nach ihm greifen, während Faia aus dem Hintergrund auch schon nach ihnen herüberrief. Für einige Sekunden sah es so aus, als würde Amartius wieder anfangen zu weinen, eine äußerst berechtigte Reaktion auf so eine Wunde, aber dann richtete er sich auf und in die tränenverschleierten Augen trat ein neuer Blick, ein Wissenshunger, mit dem er die soeben gemachte Erfahrung in sich aufnahm. Auch darüber runzelte Zoras die Stirn, jetzt in seinem Vorhaben erstarrt, ihm den Dolch wegzunehmen. Jetzt war er hauptsächlich verwirrt, zumindest so lang, bis Amartius davon sprach, dass die Wunde sich noch immer nicht verschlossen hatte. Da griff er doch noch nach vorne und nahm ihm den Dolch grob ab.
      "Bei allen Göttern. Das war eine dumme Idee, Amartius, hörst du? Es gibt andere Methoden, um zu experimentieren. Rühr dich nicht."
      Er legte den Dolch beiseite, griff zu seinem Beutel und zog eine Rolle sauberen Verband und Desinfektionsmittel hervor. Mit den Tüchern wischte er grob das Blut weg, das über Amartius' Hand floss, bevor er zu dem Mittel griff.
      "Das wird jetzt wehtun, okay? Richtig wehtun, aber ich mache schnell. Bereit? Zähne zusammenbeißen."
      Er kippte das Mittel über seine Hand, dann war er sofort mit dem Verband zur Stelle und wickelte ihn fest um den Schnitt. Er war nicht tief, sicherlich, aber die oberflächlichen schmerzten noch viel mehr als die tiefen.
      "Das war's schon."
      Er fixierte den Verband, dann sah er zu Amartius auf.
      "Alles gut, alles in Ordnung? Hat weh getan?"
    • „Das war keine dumme Idee, das war eine richtig gute Idee“, brummelte Amartius nachdem Zoras ihm den Dolch abgenommen hatte und in einer seiner Reisetaschen zu wühlen begann. Teilweise fasziniert bemerkte der Junge den Anstieg seines eigenen Pulses. Wie das Blut in seinen Ohren rauschte und der gleißende Schmerz zu einem dumpfen Vertreter wurde, der bei jeder Bewegung wieder aufbrannte. Aufbrannte... Vielleicht konnte er seine Wunde ja kauterisieren und da er ja resistent gegenüber Feuer war so eine schnellere Heilung herbeiführen? Das würde er beim nächsten Mal testen müssen, wenn er keine Zuschauer hatte.
      „Das ist mein Körper und ich muss lernen. Was wäre, wenn es erst in einem Notfall passiert wäre und ich dann so geschockt wäre, dass ich mich nicht rühren kann? Ich kannte keinen Schmerz vorher. Jedenfalls nicht so einen Schmerz.“ Er reichte Zoras widerwillig seine Hand, der den Schnitt inspizierte und eine Flüssigkeit bereithielt. „Der Schnitt tat schon weh, ich glaub nicht, dass Wasser- AAAARGH!?“
      Der Rest ging in einem Aufschrei unter und Amartius igelte sich in eine Kugel ein. Zoras hatte nicht untertrieben; das war beinahe noch schlimmer als der Schnitt. Das Brennen in seiner Hand war übermächtig und ließ seinen Magen dermaßen schnell zusammenziehen, dass er für einen Moment dachte, sich von seiner Ration verabschieden zu müssen. Er schüttelte sich, mehrfach, doch Zoras gab seine Hand nicht frei. Als er wieder aufsah, rannen ungetrübte Tränen über seine Wangen hinab und er schniefte leicht.
      „Du fragst echt noch, ob das weh tat?“ Er riss seine Hand zu sich zurück und befühlte den Verband. Das waren erneute Silbermünzen, die er ihn gerade gekostet hatte. Ein dunkler Ausdruck machte sich auf Amartius' Gesicht breit. So ging das nicht weiter. „Das nächste Mal verbindest du nur, wenn ich das auch will.“ Trotz und Bockigkeit schwangen in seinen Worten mit. Aber er musste mehr testen um zu sehen, zu was er fähig war. Er wollte nicht im Falle des Falles auf eine Option zurückgreifen müssen von der er nicht wusste, ob die überhaupt funktionierte.
      „Können wir uns darauf einigen, dass ich bei der nächsten Verletzung erst mal probieren darf? Wie ist das eigentlich, wenn einem von denen was passiert? Muss ich dann immer noch aufpassen, mich nicht zu verraten?“
      Das Adrenalin, das er sich ohne sein Zutun in seine Blutbahn geschwemmt hatte, klang langsam ab und ließ seine Hand nur noch deutlicher ziehen. Er zog eine Schnute und starrte die bandagierte Hand an, er konzentrierte sich regelrecht darauf.
      Komm schon.... Zu irgendetwas muss mein Götterblut doch zu gebrauchen sein... Was mach ich denn, wenn ich mich nicht mal selbst heilen kann...
      Frustriert stieß er den angehaltenen Atem aus, dann sah er zu Zoras hinüber. Taktgefühl war etwas, das man erst im Laufe der Zeit entwickelte und dementsprechend fehlte es dem Halbphönix noch komplett. „Du druckst manchmal um Sachen herum. Als suchst du die richtigen Wörter, aber du weißt sie längst schon. Warum? Ich versuche auch dir alles zu erzählen, von dem ich weiß und was uns weiterhelfen kann. Schon klar, es ist nicht gut, dass ich so schwach bin. Du hast mit mehr gerechnet. Aber ich muss mich doch irgendwie nützlich machen... Irgendetwas tun...“

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • So wie erwartet war das Desinfektionsmittel Amartius' Ende. Er schrie, als hätte Zoras ihm der Todesfolter unterzogen und Faia im Hintergrund sprang glatt auf. Der Blick, den sie jetzt auf die beiden Männer warf, war voller konzentrierter Eindringlichkeit, die Art von gebündeltem Elan, mit dem sie auch sonst alle Aufgaben ihres Lebens bestritt. Es war der Grund, weshalb Faia stets die Richtung angab.
      "Ischyll! Was tust du da?!"
      Diesem Blick konnte Zoras nicht ausweichen, nicht wenn er damit nicht den Funken entfachen wollte, der das ganze Feuer entzünden würde.
      "Nichts. Alles in Ordnung."
      Hin und hergerissen davon, entweder Faia abzuwimmeln oder sich um Amartius zu kümmern, dem jetzt doch noch die Tränen über die Wangen liefen, packte er zunächst das Verbandzeugs weg und bemühte sich dann um einen höchst ruhigen Tonfall, als er wieder mit dem Jungen sprach.
      "Von mir aus. Probier beim nächsten Mal, aber nicht lange, nur fünf Minuten, verstanden? Sonst wird sich die Wunde infizieren und das wird dann noch viel mehr weh tun als das Zeug hier." Er senkte die Stimme. "Und wenn jemand anderem etwas passiert, wirst du dich immer noch nicht verraten. Okay? Nicht bei mir und nicht bei den anderen. Für alle bist du nur ein normaler Junge und als solcher hast du keinerlei Begabung zu irgendwelchen Kräften. Egal was passiert. Haben wir uns da verstanden?"
      Aus dem Augenwinkeln sah er ihn bereits kommen, den Drachen, der die Schwingen ausgebreitet hatte. Er bemühte sich noch immer um eine gänzlich entspannte Unterhaltung mit Amartius, aber das schien die nahende Gefahr nicht abzubringen. Und als Amartius weitersprach, kurz bevor die Drohung sie erreicht hatte, war Zoras sogar ernsthaft erleichtert darüber, in diesem Moment erlöst zu werden. Amartius war ihm zu schlau, das wusste er jetzt schon. Der Junge hatte ein feines Augenmerk und keine Scham, seine Gedanken auszusprechen - eine Kombination, die ihm höchstes Unwohlsein bescherte.
      Aber eine Antwort blieb ihm sowieso erspart, als Faia bei ihnen auftauchte, jetzt eine hochaufragende, fast furchteinflößende Gestalt gegen den dunkel werdenden Himmel. Das war jetzt nicht mehr die Faia, die sich mit Omnar über zu niedrige Löhne ausließ, das war die Faia, die Männer hinrichtete, ohne mit der Wimper zu zucken. Das war die Faia, die ihren Platz als Söldnerin wahrlich gefunden hatte.
      "Was soll das?! Was machst du mit dem Jungen, Ischyll?!"
      Zoras sah sie, nahm sie zur Kenntnis und lehnte sich dann zurück. Diesen Kampf würde er nicht gewinnen, also verschwendete er gar nicht erst Energie darauf.
      "Komm her, Amartius, du musst dich nicht von ihm Foltern lassen. Ischyll du [i]Kurrokoh[/i]!"
      Jetzt war er sich ziemlich sicher, dass das Wort eine Beleidigung sein sollte, reagierte aber auch nicht darauf, während Faia Amartius beim Arm packte und ihn auf die Beine zog. Sie schnappte sich ihren Dolch und besah sich dann für einen Moment seine bandagierte Hand.
      "Bei den königlichen Eiern, was hat er angestellt?! Komm mit mir Amartius, du musst nicht hier bleiben. Schäm dich!"
      Auch das ignorierte Zoras und beobachtete nur, wie Faia den Jungen dazu nötigte, mit ihr zu gehen. Es war ganz offensichtlich, dass er keinerlei Bedürfnis danach hatte, aber zumindest konnte er so seine ersten Erfahrungen mit Faias Dickkopf machen.
      Sie gingen zurück zu Faias Platz, wo sie sich zu Omnar setzen und die Frau wieder die Bandage entfernte.
      "Lass mich das mal ansehen. Hast du gesehen was er gemacht hat, Omnar?! Melikh!"
      "Vielleicht ist er ja ein Sadist."
      "Ich will es gar nicht wissen! Tut es weh, Amartius? Das tut mir so leid, ich hätte dich nicht bei ihm lassen sollen! Bleib jetzt hier bei uns, okay? Ischyll ist manchmal ein bisschen gewöhnungsbedürftig."
      "Und ganz anscheinend ein Kinderschänder."
      "Omnar!"
      "Wieso nicht? Kann doch sein. Würde dazu passen, so wie er mit ihm umspringt."
      "Sag doch sowas nicht vor dem Jungen!"
      "Er ist alt genug, um sowas zu lernen."
    • Amartius hätte beinahe mit den Zähnen geknirscht. Es gab nur einen einzigen Punkt, wo er sich seiner Herkunft und Fähigkeiten wirklich sicher war, und das war, dass er selbst nicht krank werden konnte. Das hatten sie nämlich überprüft und ihn als Säugling der Eiseskälte ausgesetzt, aus der er ohne Anzeichen einer Erkältung wieder zurückgekommen war. Ergo sollten sich seine Wunden auch nie entzünden dürfen oder er in einer vergleichsweise ähnlichen Situation landen können. Darüber hinaus hörte er zwar Zoras' Worte, stritt sie jedoch gedanklich direkt wieder ab. Wenn diesem Mann etwas widerfuhr, dann war seine einzige Chance auf die Rettung seiner Mutter vertan. Nicht nur das, er hätte dann auch noch seinen Vater auf dem Gewissen, was er definitiv nicht ertragen könnte.
      Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen, als Faia an ihrer Seite auftauchte. Amartius starrte beinahe ehrfürchtig zu ihr hinauf, deren Gestalt wie ein unüberwindbarer Berg aufragte. Konnte sich die Frau insgeheim auch verwandeln? Zumindest war sich der Junge nicht sicher, wie sich sonst die Atmosphäre um einen Menschen derart drastisch verändern konnte. Er hörte die Worte, die sie an ihn richtete und verstand sie größtenteils. Bis auf zwei Wörter, das eine war eine Bezeichnung für Zoras, das andere kannte er noch nicht. Bevor er nachfragen konnte packte sie ihn beim Arm und hielt ihn sogar davon ab, sich ihrem Griff zu entwinden. Mit erstaunlicher Kraft zog sie ihn auf die Beine nachdem sie ihre Waffe zurückgeholt hatte und fischte nach seiner verletzten Hand, die er ihr vorenthalten hatte. „Hey!“, fuhr er sie entrüstet an als sie die Bandage begutachtete. Er stemmte sogar regelrecht die Fersen in den Boden damit sie ihn nicht einfach mitziehen konnte. „Lass mich! Alles gut!“, versuchte er ihr noch klarzumachen, doch Faias Weg war bereits beschlossene Sache.
      Zumindest verschlimmerte sich Amartius' eigene Laune je näher sie ihn zu ihrem lager und damit zu Omnar zog. Er mied seinen Umgang nach bestem Willen weil er die ständige Feindseligkeit nicht ertragen konnte. Ob es dafür einen triftigen Grund gab, interessierte den Halbphönix nicht. Es ging dabei um das reine Gefühl, das der Söldner in seiner Anwesenheit verströmte. Folglich blieb er selbst einfach bockig stehen während sich Faia zu Omnar setzte und dem Jungen einen Blick zuwarf. Noch immer bewegte sich der Junge nicht, dann packte Faia ihn erneut und zwang ihn zu sich auf den Boden. Sofort rückte er ein Stück von ihr ab, doch sie griff nach seiner verletzten Hand und zog ihn daran wieder näher. Amartius fluchte und schnitt Grimassen als sie ihm die Bandage wieder abnahm.
      Nicht er. Ich selbst geschnitten“, versuchte er den Sachverhalt zu klären und fragte sich, was ein Sadist sein sollte. Hier fielen gerade viel zu viele Worte, die er nicht verstand und auch nicht recht ableiten konnte. „Ja, tut weh. Lass los.
      Faia ließ jedoch nicht los sondern inspizierte den Schnitt genauer. Amartius tat das gleiche, nur dass sich seine Augen minimal weiteten. Die Ränder des Schnittes waren nicht mehr so sauber definiert sondern verloren gerade an den Anfängen ihre Schärfe. Die Haut hatte bereits begonnen zu heilen.
      Aha....
      Ein Austausch entstand zwischen Omnar und Faia und erneut fielen Worte, die er nicht verstand. Der ohnehin schon schlummernde Frust bekam wieder neues Futter während er feststellen musste, dass er der Unterhaltung nicht mehr folgen konnte.
      Ich verstehe nicht. Was ist Sadist? Was ist...“, Amartius' Augen verschmälerten sich als er versuchte, sich an den Wortklang von Omnar zu erinnern, „ Kinaschehnda? Was ist Folter?“
      Gerade das letzte Wort, nach dem er fragte, war für ihn interessant. Faia hatte es in Bezug auf Zoras genutzt und daher musste es etwas beschreibendes sein. Das Wort hatte er auch noch nicht in seinem Sprachgebrauch gehört. Wie der Sadist musste es etwas sein, das man nur selten sagte oder gebrauchte. Eine Ausnahme, die es zu erklären galt.

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    • Faia ließ sich nicht davon abbringen, Amartius ihren Willen aufzuzwängen, egal wie sehr der Junge sich dagegen sträubte. Irgendjemand in ihrem Verbund hätte wohl der direkte Kontrast auffallen müssen, nachdem Amartius kein Problem damit hatte, sich an Zoras zu hängen und sich sogar von ihm eine Waffe in die Hand drücken zu lassen, aber sehr wohl ein Problem damit hatte, Faia jetzt ein paar Meter in die andere Richtung zu folgen. Es schien auch niemandem aufzufallen, auch wenn Tysion den Kopf hob und das ungleiche Paar beobachtete, während es an ihm vorbei ging.
      Faia besah sich Amartius' Wunde, ohne auf seine Proteste zu achten, allerdings sah sie doch verwundert zu ihm auf, als er ihr offenbarte, sich selbst geschnitten zu haben. Im Hintergrund gab Omnar ein Geräusch von sich, als müsse er sich aktiv davon abhalten zu lachen.
      "Warum das denn? Das ist eine schlechte Idee Amartius, ganz schlecht!"
      "Vielleicht ist er ja ein Masochist. Würde doch zusammenpassen, hehe."
      "Sei du still, darüber macht man keine Witze!"
      "Mach ich auch nicht, lustig ist es trotzdem."
      Der Rotschopf setzte sich ein bisschen aufrechter hin und lehnte sich mit einem diebischen Gesichtsausdruck zu Amartius nach vorne.
      "Ich sag dir, was ein Sadist ist, Junge. Das ist jemand -"
      "Omnar!"
      "- der einen davon hochkriegt anderen Schmerzen zuzufügen. Und ein Masochist ist jemand -"
      "Halt die Klappe!"
      "- der sich darauf einen abwichst, Schmerzen zu spüren."
      "Jetzt reicht's aber!"
      "Und bei einer Folter -"
      "Still!"
      "- kommen diese beiden Menschen zusammen und haben richtig Spaß miteinander, weil der eine dem anderen richtig schön eins reinwürgt. Bis zum Tod manchmal, je nachdem, wie extrem man es haben will."
      "Bei den vier Gründungsvätern, du hältst jetzt die Klappe und du hörst gar nicht auf ihn, Amartius. Omnar redet nur Schwachsinn."
      "Wenn Ischyll dir jetzt also die Hand aufschlitzt und du dich nicht wehren kannst -"
      "Hat er ja wohl nicht!"
      "- ist das Folter. Wenn ihn das dabei geil macht, ist er ein Sadist und wenn es ihm gefällt, weil du so jung bist, ist er ein Kinderschänder. Dann mag er es nämlich, sich an kleinen Jungen zu vergehen, die kaum wissen, was Sex ist."
      "Das reicht jetzt, wir werden über etwas anderes reden!"
      Jetzt lachte Omnar doch, entweder über Amartius' Gesichtsausdruck oder über Faias Reaktion. In jedem Fall schien er sich köstlichst zu amüsieren.
    • Von Natur aus sollte Amartius nicht wissen, wie man jemanden einen feindseligen Blick zuwarf. Genau das tat er allerdings gerade bei Omnar, der Geräusche von sich gab, als würde er gerade ersticken. Der Gesichtsausdruck passte allerdings überhaupt nicht und dann dämmerte es ihm, dass sich der Rotschopf gerade amüsierte. Auf seine Kosten. Amartius setzte an, sich zu erklären und warum der Schnitt eine ganz fabulöse Idee gewesen war, da grätschte Omnar ihm wieder dazwischen und er schluckte seine Erklärung herunter. Wieder musste er sich mehr als sonst anstrengen, dem Wortlaut zu folgen, besonders wenn Faia ihn immer wieder unterbrach. Am liebsten hätte der Junge die Frau einfach fortgewischt, damit er sich in Ruhe auf die neuen Worte konzentrieren konnte. Unverständnis zeigte sich alsbald in seinem Gesicht, da er die Erklärung nur teilweise verstand. Dieser Ausdruck verschwand jedoch als Omnar den Tod mit in seine Erklärung nahm. Diesen Teil verstand Amartius problemlos und schlagartig war nichts mehr von Verwirrung, jugendlicher Naivität oder Leichtigkeit in seinem Gesicht zu lesen. Noch während Omnar zu lachen begann und Faia versuchte die Situation aufzulösen, konnte Amartius seinen Blick nicht von Omnar lösen. Er reagierte nicht sofort, doch als er es tat wirkte seine Stimme nicht mehr zugehörig zu einem Kind.
      Kein Spaß, wenn Tod naht. Keiner will sterben. Wieso macht das Spaß? Ischyll sieht nicht nach Spaß aus.“
      Er wusste nicht, was es bedeutete, jemanden eins reinzuwürgen. Durchaus verstand er jedoch, dass es mit Schmerzen verbunden war und definitiv nichts war, das unter Einverständnis geschah oder man beabsichtigte. Zumindest nicht auf der einen Seite. Und dann wurden seine Augen größer, als ein Zahnrad klickte. Er hatte es selbst gerade gesagt. Zoras sah nicht aus, als würde Folter ihm Spaß machen. Dabei war es möglicherweise genau andersherum. Die Narbe, die er ihm nicht hatte erklären wollen... Was, wenn die von Folter rührte? Was, wenn viele davon von Folter rührten? Wie sah der Rest seines Körpers eigentlich aus?
      Ihm wurde schlecht, und das schien auch Faia aufzufallen, denn sein Gesicht nahm eine etwas andere Farbe an. Wie krank waren Menschen, sich an dem leid anderer zu ergötzen? „Du bist krank, Omnar“, fügte Amartius hinterher und meinte es auf allen Ebenen, die er kannte. „Ich verstehe viele Worte nicht. Ich bin lustig für dich. Das gemein. Strenge mich an, das ist das Danke? Ich wissen, ich Klotz am Bein. Trotzdem. Du auch anstrengen, wenn erklären Worte.“
      Amartius hatte Puls, den er wieder in seinen Ohren rauschen hörte. Das war ein Vorgeschmack auf Wut, die er bisher nicht kannte. Vieles kannte er nicht und lernte ständig mehr über sich. Wut war etwas, auf das Kassandra ihn nicht vorbereitet hatte. Wut war eine nur zu menschliche Emotion, die den Göttern fernbleiben musste, damit sie ihre Macht nicht missbrauchten. Doch der Halbphönix befand sich genau dazwischen und niemand sagte ihm, dass man Wut regulieren sollte. Und so ballte er die verletzte Hand wieder zur Faust, sodass sein Blut wieder rann und ungeachtet von ihm in Faias darunter tropfte.

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    • Amartius' plötzlicher Wechsel in seinem Gehabe fiel beiden Erwachsenen auf und genauso beunruhigte es sie beide gleichermaßen. Omnar vergaß für einen Moment sich lustig zu machen und Faia starrte erstaunt auf den Jungen hinab, der mit einem Mal um 10 Jahre älter wirkte, auch wenn sein Aussehen das nicht hergeben mochte. Die Worte des Kindes hingen schwer in der Luft und schienen den Mann für einen Moment ernsthaft dazu zu bewegen, über sein eigenes Benehmen nachzudenken.
      Dann hatte er ganz augenscheinlich die Kontrolle wiedererlangt und spielte das überhebliche Lächeln zurück in sein Gesicht, auch wenn es jetzt etwas brüchiger und unsicherer wirkte als noch davor.
      "Ach. Weiß nicht, was Folter ist, aber kann große Reden schwingen der Kleine, was? Machen sie das so, wo du herkommst, Bursche? Fressen sie da die Weisheiten mit dem Löffel?"
      "Nun ist aber wirklich gut. Amartius -"
      Faia stockte, als sie das Blut an ihrer Hand spürte und zu dem feinen Rinnsal hinabsah, das von Amartius' Hand in ihre floss. Sie nahm sich gleich wieder seine Hand und musste seine Finger entkrampfen, um sie von der Wunde zu lösen.
      "Lass locker Amartius, Menschenskind! Omnar redet doch nur dummes Zeug, hör gar nicht auf ihn."
      Sie wickelte seinen Verband wieder auf, um ihn auszutauschen, während der Rotschopf sich langsam wieder zurücklehnte und wohl zufrieden damit war, was auch immer er hatte erreichen wollen. Jetzt war allerdings etwas in seinem Blick verschwunden, eine Art Maske, mit der er bisher Amartius mit einer Art Belustigung betrachtet hatte. Zum Vorschein kam jetzt, was die ganze Zeit schon darunter gelegen war, eine Art von Verachtung oder sogar Abneigung.
      "Außerdem bist du kein Klotz am Bein, sag doch sowas nicht."
      "Der Meinung wäre ich nicht gerade."
      "Schluss."
      "Wie lange ist es bis zur Küste? Ein paar Wochen? Monate? Und wer wird ihn da durchfüttern? Ich ganz sicher nicht."
      "Dann mach es nicht, so einfach ist's."
      Sie verband Amartius' Hand neu, diesmal mit ihren eigenen Bandagen, wobei sie mehrere Blicke auf den Schnitt warf und dabei die Stirn runzelte. Allerdings sagte sie darüber nichts.
      "Du bist kein Klotz am Bein, wir haben genug Geld, um hier jeden durchzufüttern. Wir müssen es ja nur nicht übertreiben."
      Omnar grunzte.
      "So."
      Sie schloss seine neu verbundene Hand und umfasste sie mit ihren eigenen Händen.
      "Wir werden jetzt damit aufhören. Wir sind alle ein bisschen gereizt, was ganz in Ordnung ist, weil du sicherlich einen sehr langen Weg hinter dir hast und wir anderen einen Lebensstil führen, der nicht unbedingt zukunftssicher ist. Du weißt, dass wir Söldner sind, nicht wahr? Und was ein Söldner macht? Wir haben ein sehr unregelmäßiges Einkommen und da muss man sich bei Zeiten eben ein wenig anpassen, aber wir haben keine Pflichten und können unsere Aufträge frei wählen, oder in unserem Fall, dass wir den Ozean überqueren, um in ein anderes Land zu kommen. Da können wir uns nicht alles erlauben, aber wir werden es schon schaffen, dich durchzufüttern. Es wird nur nicht so schön und so viel sein in deinem Zuhause; das vermisst du bestimmt, oder? Da hattest du sicherlich ganz viel zu essen, nicht wahr? Das wirst du auch bald wieder bekommen, nur keine Sorge."
      Der Ausdruck in Omnars Augen verdunkelte sich ein wenig weiter bei der Erwähnung von Amartius' Herkunft und schließlich wandte er ihm die kalte Schulter zu, so als hätte der Junge seine Aufmerksamkeit nicht einmal mehr verdient.
    • Nicht eine Sekunde lang nahm Amartius seinen Blick von Omnar, der schneller als gedacht seine Fassung zurückerlangte und direkt wieder eine dicke Lippe riskierte. Natürlich tat er das, was sollte ein schmächtiger Knabe auch schon groß anstellen können? Omnar konnte ja nicht wissen, dass Amartius ihn mit einem einzigen Faustschlag womöglich weiter fliegen lassen konnte, als er möglich sein dürfte.
      Er bekam nicht einmal richtig mit, wie Faia versuchte, seine Finger zu entspannen um an den in seiner Handinnenfläche liegenden Schnitt zu kommen. So sehr hatte er seinen Fokus auf den Rotschopf gerichtet. Und dann meldete sich ganz zart der Geruch von etwas Verbranntem in seiner Nase und riss Amartius aus seinem Fokus. Kurzweilig suchten seine hektischen Augen nach etwas, fanden jedoch nichts und ließen die Spannung in seinen Gliedern wieder versiegen. Da gelang es Faia, seine Hand zu öffnen und ihm einen neuen Verband anzulegen. Den er bereits morgen wohl nicht mehr benötigen würde, der Farce halber jedoch weiter tragen würde. Dieses Mal hielt er es jedoch für weiser, sich nicht erneut in die Unterhaltung einzumischen. Er hatte daraus gelernt, was er wollte, und darüber hinaus.

      Amartius setzte sich nach dieser Auseinandersetzung etwas von der Gruppe ab. Er sagte, er müsse sich mal kurz die Beine vertreten und hatte sich vom Lager entfernt. Die Dämmerung war fast zur Nacht fortgeschritten, sodass nur noch der Feuerschein den Weg zum Lager wies und die Sterne über ihren Köpfen ein wenig vom aufgehenden Halbmond verschluckt wurden. Es waren keine achtzig Meter, die sich der Junge vom Lager entfernte und in die Wildnis schlug, wo er sich am Ende einfach auf den Boden sinken ließ. Als Ort der Wahl hatte er sich einen kräftigen Baum ausgesucht, dessen Stamm ihm nun den Rücken stärkte. Leise stieß er den angehaltenen Atem aus, als er den Hinterkopf an das Holz lehnte und die Augen schloss. Es gab so viele Dinge, die er noch nicht verstand. Dafür war er auf umso mehr Hilfe angewiesen und bis jetzt hatte er nicht gedacht, dass er das Gefühl der Hilfsbedürftigkeit so sehr verabscheuen würde. Er war einfach in das Leben dieser vier Menschen geprescht, von denen er eigentlich nur ein Einziges wirklich tangieren wollte. Immerhin hatte er es soweit gebracht, dass Zoras wirklich zu Kassandra zurück wollte. Jetzt musste er nur noch höllisch darauf achten, dass er sich mit seinem wachsenden Wortschatz nicht doch noch verplapperte.
      „Hoffentlich geht’s Mama gut...“, nuschelte er leise und seufzte.
      Es raschelte in den Ästen hoch über Amartius' Kopf. Sachte schlug er die Augen wieder auf und legte den Kopf in den Nacken. Er brauchte nicht lange zu suchen ehe er eine fette Eule in den Ästen über ihm entdeckte. Dunkelbraunes Gefieder mit schwarzen und weißen Akzenten, stechend gelbe Augen, die ohne zu zweifeln direkt den Jungen am Boden beobachteten. Oder... gar seinen Blick erwiderten? Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, diese Augen schon mal gesehen zu haben. Hatte Kassandra nicht gesagt, dass Tiere Angst vor ihnen haben sollten? Das Pferd hatte keine, dann galt das scheinbar auch für Vögel.
      „Ja, ja, ihr habt zwar keine Angst, aber komisch findet ihr mich trotzdem....“ Er seufzte wieder und schloss die Augen.
      Komisch ist nur, dass du Stimmen hörst.
      Amartius' Augen schnellten wieder auf. Seine Augen waren direkt wieder bei der Eule, die vollkommen unverändert noch immer an Ort und Stelle saß. „Tiere sprechen nicht.“
      Tiere denken allerdings.
      Amartius blinzelte. „Stimmt.“ Kassandra hatte nie erwähnt, dass sie mit Tieren kommunizieren konnte. War er auch hier ein Sonderfall? „Verschwendest du nicht auch deine Zeit? Du müsstest doch jagen, oder nicht?“
      Weißt du nicht, dass Eulen lauern? Wir sitzen auf Bäumen und warten auf Beute, die wir erspähen. Alles andere kostet zu viel Energie. Wer nicht auf seinen Haushalt achtet, gerät in ein Defizit und leidet.
      „Defizit?“
      Ein Mangel. Isst du nicht genug obwohl du schwer arbeitest, wirst du schwach. So funktioniert der Körper.
      „Oh.“ So hatte Amartius es noch nie betrachtet. Dann war es ja noch wichtiger, dass Zoras vernünftig aß! „Sag mal, kannst nur du denken oder auch andere?“
      Alle Tiere denken. Nur will nicht jedes Tier gehört werden. Finde die richtigen unter ihnen und stelle dich gut mit ihnen. Vielleicht werden sie dir dann helfen. Finde diejenigen, die reisen und du kommst vielleicht an Wissen von weiter weg. Das wird dir helfen.
      Es raschelte erneut und Amartius sah, wie die Eule lautlos in der Nacht verschwand. Dass die Eule direkt ins Schwarze getroffen hatte, dass er nach Wissen suchte, war für ihn nicht unbedingt seltsam. Misstrauen gehörte nicht zu seinen Stärken. Doch er fühlte sich ein wenig bestätigt. Es gab Rückhalt, man musste nur an unorthodoxen Stellen suchen.

      Interessanterweise hinterfragte Zoras nicht, was Amartius getrieben hatte, als er zurück zu ihm an seinen Lagerplatz kam. Er konnte es sich nur daran erklären, dass Kassandra ähnliche Momente gehabt haben musste und er dieses Verhalten nun replizierte. Ihm war es jedoch ganz recht als er sich in die Nähe von Zoras setzte und mit seiner bandagierten Hand winkte.
      „Es sieht übrigens schon besser aus. Du hast recht, ich heile schneller. Vielleicht hab ich ja doch noch Hoffnung für mich“, lächelte er ein wenig schmal, obwohl es nicht ganz bis zu seinen Augen reichte. Jedes Mal, wenn er nun die freie Haut von Zoras sah, fühlte er sich schlecht. Er hatte Mitleid ohne es zu wissen und fragte sich, ob Kassandra wohl die gleiche Ansicht gehabt hatte, als sie noch bei ihm gewesen war.
      „Ah, da fällt mir ein. Omnar hat ganz viele neue Worte benutzt, die ich nicht verstehe und die er nicht erklärt hat. Was heißt hochkriegenund Sex?“ Er sprach völlig unvoreingenommen und naiv unwissend, wie der Junge, der er eigentlich noch war.

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