Ein letztes Mal prägte Zoras sich Kassandras Singstimme ein. Ein letztes Mal prägte er sich ihre Klänge und ihre so wunderbare Melodie ein. Ein letztes Mal lauschte er dem tatsächlichen Text des Liedes und prägte sich dessen Verse ein. Ein letztes Mal schmiegte er sich an Kassandra und streichelte ihren Rücken, während er einschlief.
Der Hauptmann seiner Garde war derjenige, der die Magie des erstarrten Zeitflusses brach und sie in die Realität zurückholte, in ein lärmendes Lager, in einen frühen Morgen, in Stunden vor dem Todeszeitpunkt. Er kam durch den Zelteingang herein und weckte Zoras mit den Worten, dass es soweit sei, die Truppen hätten sich versammelt. Der Herzog scheuchte ihn nach draußen, ohne die Augen zu öffnen. Er legte die Arme um Kassandra, die schon längst wach war, und drückte sie an sich.
Die morgendliche Routine fiel an diesem Tag träge aus. Er wusch und stutzte sich den Bart, aus reiner Gewohnheit heraus, obwohl es gar nicht mehr nötig gewesen wäre, dann legte er die Uniform an und schnallte sich die Waffe um die Hüfte. Er würde noch seine richtige Rüstung anziehen, aber in einem anderen Zelt, wo man Ischgyll dann auch schon für ihn bereithalten würde. Er würde sich noch einmal die aktuellsten Berichte geben lassen und den Führungsstab zu einem letzten Treffen zusammenrufen. Dann würden sie auf ihre Posten gehen und in die Schlacht ziehen.
Aber im Moment legte er seine ganze Aufmerksamkeit noch auf Kassandra, zog sie an sich und küsste sie innig. Er legte die Hände an ihre Wangen und strich über die Kontur ihres Gesichtes, die ihm so tröstlich vertraut war. Er richtete den Wirbelsturm ihrer Haare ein wenig und lächelte sie an.
"Ich liebe dich."
Sie reizten die Zeit für weitere Liebkosungen aus, weil schließlich noch keine Schlacht verloren wurde, wenn man fünf Minuten zu spät kam, und dann teilte sich der Zelteingang zu Zoras' Frust erneut. Er löste seinen Mund gereizt von Kassandra.
"Ich bin ja gleich draußen, bei den vielen Göttern des -"
"Zoras?"
Bei seinem Namen drehte er sich doch zu dem Besucher um und obwohl es eine Sekunde brauchte, bis er sie erkannte, starrte er verdutzt auf Elive, die dort in voller Montur zwischen den Zeltplanen stand. Die Frau hatte die Haare nach hinten geflochten und trug eine glänzende, frisch polierte Rüstung der luorschen Infanterie, auf deren Brust das Wappen prangte. Er hatte sie noch nie in voller Montur gesehen, nicht außerhalb der Trainingsplätze und hatte entsprechend einen Moment gebraucht, bis er sie erkannt hatte.
"Elive?"
Die Frau - die Walküre - seine Schwägerin nickte. Sie sah zwischen ihm und Kassandra flüchtig hin und her, wobei ihre Aufmerksamkeit mehr auf ihm lag.
"Ich dachte mir, ich möchte lieber kommen. Dich bei deinem... bei deiner Schlacht unterstützen. Das erschien mir nur richtig."
Er blinzelte sie verwirrt an.
"Weiß Ryoran, dass du hier bist? Weiß es Teal?"
"Ich habe allen gesagt, dass ich meine Pflicht ausführen möchte, wenn ich schon die Gelegenheit dazu bekomme, sie für jemanden zu tun, den ich kennenlernen durfte."
Sie kam einen weiteren Schritt in das Zelt hinein, blieb dann aber stehen, als könne sie die Zweisamkeit zwischen Zoras und Kassandra mit ihrer Präsenz nicht überschreiten.
"Ich werde dich rüberbringen, Zoras. Ich weiß zwar nicht, ob es das ist, was von mir verlangt ist - ob es richtig ist - aber ich möchte es. Ich empfinde es als richtig und das muss für den Moment genügen."
Der Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht, während Zoras noch nicht recht verstand, was sie gerade gesagt hatte. Sein Blick huschte kurz zu Kassandra.
"Rüberbringen? Hast du ihr etwa davon erzählt?"
"Oh bitte", fiel die Walküre ein, noch bevor die Phönixin antworten konnte, "ich habe es selbst herausgefunden. Selbst Teal hat etwas gemerkt und er ist gerade mal 14, Zoras. Du kannst vielleicht Ryoran was vormachen, du kannst auch dem ganzen Land etwas vormachen, aber doch nicht einer unsterblichen Walküre. Oder dessen höchst intelligenten Sohn."
Wieder der Hauch eines Lächelns, ihre Augen blieben davon aber größtenteils unberührt.
"Ich werde dich rüberbringen, das soll meine einzige Aufgabe sein. Es haben sich auch schon andere Schwestern hier versammelt, aber ich werde ihnen nicht die Entscheidung darüber überlassen."
"... Okay."
Er wusste nichts anderes dazu zu sagen und ein Blick zu Kassandra bezeugte, dass es zumindest nichts schlechtes war. Irgendwie tröstete es ihn sogar ein bisschen zu wissen, dass sein Übergang überwacht werden würde.
"Okay. Danke."
Elive nickte und dann lächelte sie tatsächlich.
"Ich kann dir bezeugen, dass es nicht wehtun wird. Die wenigsten auf dem Schlachtfeld wissen überhaupt, was mit ihnen geschehen ist, wenn wir sie rüberbringen. Es ist wie eine Sicherung, die dich die letzten Momente vergessen lässt. Es wird alles gut gehen."
Dasselbe hatte er auch Kassandra am Vorabend gesagt, aber irgendwie hatte es jetzt eine andere Bedeutung, eine endgültige Bedeutung. Es würde alles gut gehen, auf die eine oder andere Weise. Zoras hatte das Ende seines Lebens erreicht.
"Verstanden. Du bist entlassen, Soldat."
Sie salutierte, als hätte es nie etwas anderes gegeben als seine Schwägerin in seinen Reihen und dann ging sie nach draußen. Zoras wandte sich wieder Kassandra zu und küsste sie ein letztes Mal. Er lächelte sie auch an, aber wie schon bei Elive erreichte das Lächeln seine Augen nicht ganz.
"Pass auf dich auf, meine schöne Phönixin. Ich liebe dich. Du bist das beste, was mir je passieren konnte."
Eine Stunde später trabte der riesige Ischgyll mit seinem Reiter auf die Front zu.
Die vereinten Truppen des Aufstands hatten sich einige hunderte Meter vor dem Lager auf der freien steinernen Ebene aufgestellt, alle drei Wappen nebeneinander, alle Einheiten in einer vereinten Formation. Zoras ritt an rievschen Bogenschützen vorbei, an tiumisischen Speerträgern und an den luorschen Fußsoldaten. Irgendwo dort musste auch Elive sein, wurde ihm gewahr, aber nichts wies darauf hin, dass ein übernatürliches Wesen unter den Soldaten wandelte. Genauso wie nichts darauf hingewiesen hätte, dass Kassandra dort gewesen wäre.
Er warf einen Blick zurück auf die Reihen zehntausender Soldaten, die in Reih und Glied hinter ihm aufgestellt waren, die Banner weit erhoben, die Visiere heruntergeklappt, die Haltungen wie ein Meer Statuen. Nicht alle von ihnen würden sterben, aber viele würden Zoras in den Tod folgen. Nicht genug, dass es den Einsatz einer Phönixin gerechtfertigt hätte, aber durchaus genug, dass er diese Schuld mit in die Ewigkeit nehmen würde. Mit einem Mal war er froh darüber, dass Elive ihm ihre Überfahrt angeboten hatte, denn er war sich nicht sicher, ob eine ihrer Schwestern sich ihm erbarmt hätte.
Er erreichte die Front und richtete den Blick auf das gegnerische Heer. Dort gab es keine unterschiedlichen Wappen, dort gab es lediglich das Königswappen, das über allen Einheiten schwebte wie verlassene Geister. Sie waren jetzt nur noch durch ihre Rüstungen zu unterscheiden und so wie er es sich gedacht hatte, war die königliche Einheit an der Spitze.
Feris saß auf einem eigenen Pferd, eingehüllt in eine schillernde, goldene Rüstung, die das Sonnenlicht widerspiegelte und seine Erscheinung erstrahlen ließ. Er stand an der Spitze, allein, das Visier heruntergeklappt, das Pferd nach vorne ausgerichtet. Zoras verstand, trieb Ischgyll weiter, bis er die Sicherheit seiner Soldaten verlassen hatte, und dann kamen die beiden Reiter in langsamen Trab aufeinander zu, begleitet von eintretender, alles umfassender Stille. Es dauerte zwei Minuten, bis sie sich in der Mitte trafen. Feris’ Rüstung war zu groß, stellte Zoras fest, denn der sonst so schmächtige Junge saß ganz sicherlich nicht so erhaben auf seinem Gaul, wie er es jetzt tat. Natürlich, er würde ja auch nicht kämpfen, sie hatten ihn in größere Platten gesteckt, damit er eindrucksvoller aussah. Dafür konnte er noch immer nicht recht reiten und hielt sich an dem Knauf seines Sattels fest; nach einem Moment der Überlegung tat Zoras es ihm gleich.
“Feris.”
Der Junge antwortete nicht. Er starrte nur und nach einem Moment nickte Zoras.
“Ich, Zoras Luor, Herzog des Herzogtums Luor, erwirke mit dieser Schlacht meinen Anspruch auf die Krone. Was zuvor nicht anerkannt wurde, soll in einem einmaligen Kampf geschehen. Der Sieger wird gemäß den Regeln rechtmäßiger Besitzer der Krone und Herrscher über das Land Theriss. Sämtliche vorher herrschenden Umstände werden notfalls außer Kraft gesetzt. Der Sieger ist der neue König über Theriss.”
Er leierte lediglich hinab, was er in seinem Brief schon geschrieben hatte, aber Feris hielt sich an die Regeln und nickte gehorsam. Eigentlich wäre hier der Zeitpunkt für weitere Worte gekommen, für ein Plädoyer an Gnade und Erbarmen oder an eine außerkriegliche Einigung, aber nichts dergleichen geschah. Zoras starrte den König für eine Weile lang an und dann lenkte er Ischgyll um. Vielleicht war es ja auch besser so.
“Viel Glück.”
Die Reiter trennten sich und dann ritten beide wieder zu ihren Einheiten zurück.
Als Zoras an seiner Front ankam, klappte er sein eigenes Visier herunter und zog sein Schwert. Er gab Ischgyll die Sporen und ritt an der schweren Infanterie entlang.
“ACH-TUNG!”
Eine Bewegung fuhr durch die Reihen der Soldaten, ein einvernehmliches Klirren, das den Zug von Waffen darstellte. Zoras sah noch einmal zurück in die Richtung des Lagers, in die Richtung seiner Geliebten, seiner Göttin, dann wandte er ihr den Rücken zu. Er streckte die Waffe in die Luft und 60.000 Soldaten setzten sich mit einem Ruck in Bewegung.
Fünf Minuten später krachten die Truppen mit einem Lärm, der einer Explosion gleichen konnte, in der Mitte der Ebene zusammen.
Der Hauptmann seiner Garde war derjenige, der die Magie des erstarrten Zeitflusses brach und sie in die Realität zurückholte, in ein lärmendes Lager, in einen frühen Morgen, in Stunden vor dem Todeszeitpunkt. Er kam durch den Zelteingang herein und weckte Zoras mit den Worten, dass es soweit sei, die Truppen hätten sich versammelt. Der Herzog scheuchte ihn nach draußen, ohne die Augen zu öffnen. Er legte die Arme um Kassandra, die schon längst wach war, und drückte sie an sich.
Die morgendliche Routine fiel an diesem Tag träge aus. Er wusch und stutzte sich den Bart, aus reiner Gewohnheit heraus, obwohl es gar nicht mehr nötig gewesen wäre, dann legte er die Uniform an und schnallte sich die Waffe um die Hüfte. Er würde noch seine richtige Rüstung anziehen, aber in einem anderen Zelt, wo man Ischgyll dann auch schon für ihn bereithalten würde. Er würde sich noch einmal die aktuellsten Berichte geben lassen und den Führungsstab zu einem letzten Treffen zusammenrufen. Dann würden sie auf ihre Posten gehen und in die Schlacht ziehen.
Aber im Moment legte er seine ganze Aufmerksamkeit noch auf Kassandra, zog sie an sich und küsste sie innig. Er legte die Hände an ihre Wangen und strich über die Kontur ihres Gesichtes, die ihm so tröstlich vertraut war. Er richtete den Wirbelsturm ihrer Haare ein wenig und lächelte sie an.
"Ich liebe dich."
Sie reizten die Zeit für weitere Liebkosungen aus, weil schließlich noch keine Schlacht verloren wurde, wenn man fünf Minuten zu spät kam, und dann teilte sich der Zelteingang zu Zoras' Frust erneut. Er löste seinen Mund gereizt von Kassandra.
"Ich bin ja gleich draußen, bei den vielen Göttern des -"
"Zoras?"
Bei seinem Namen drehte er sich doch zu dem Besucher um und obwohl es eine Sekunde brauchte, bis er sie erkannte, starrte er verdutzt auf Elive, die dort in voller Montur zwischen den Zeltplanen stand. Die Frau hatte die Haare nach hinten geflochten und trug eine glänzende, frisch polierte Rüstung der luorschen Infanterie, auf deren Brust das Wappen prangte. Er hatte sie noch nie in voller Montur gesehen, nicht außerhalb der Trainingsplätze und hatte entsprechend einen Moment gebraucht, bis er sie erkannt hatte.
"Elive?"
Die Frau - die Walküre - seine Schwägerin nickte. Sie sah zwischen ihm und Kassandra flüchtig hin und her, wobei ihre Aufmerksamkeit mehr auf ihm lag.
"Ich dachte mir, ich möchte lieber kommen. Dich bei deinem... bei deiner Schlacht unterstützen. Das erschien mir nur richtig."
Er blinzelte sie verwirrt an.
"Weiß Ryoran, dass du hier bist? Weiß es Teal?"
"Ich habe allen gesagt, dass ich meine Pflicht ausführen möchte, wenn ich schon die Gelegenheit dazu bekomme, sie für jemanden zu tun, den ich kennenlernen durfte."
Sie kam einen weiteren Schritt in das Zelt hinein, blieb dann aber stehen, als könne sie die Zweisamkeit zwischen Zoras und Kassandra mit ihrer Präsenz nicht überschreiten.
"Ich werde dich rüberbringen, Zoras. Ich weiß zwar nicht, ob es das ist, was von mir verlangt ist - ob es richtig ist - aber ich möchte es. Ich empfinde es als richtig und das muss für den Moment genügen."
Der Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht, während Zoras noch nicht recht verstand, was sie gerade gesagt hatte. Sein Blick huschte kurz zu Kassandra.
"Rüberbringen? Hast du ihr etwa davon erzählt?"
"Oh bitte", fiel die Walküre ein, noch bevor die Phönixin antworten konnte, "ich habe es selbst herausgefunden. Selbst Teal hat etwas gemerkt und er ist gerade mal 14, Zoras. Du kannst vielleicht Ryoran was vormachen, du kannst auch dem ganzen Land etwas vormachen, aber doch nicht einer unsterblichen Walküre. Oder dessen höchst intelligenten Sohn."
Wieder der Hauch eines Lächelns, ihre Augen blieben davon aber größtenteils unberührt.
"Ich werde dich rüberbringen, das soll meine einzige Aufgabe sein. Es haben sich auch schon andere Schwestern hier versammelt, aber ich werde ihnen nicht die Entscheidung darüber überlassen."
"... Okay."
Er wusste nichts anderes dazu zu sagen und ein Blick zu Kassandra bezeugte, dass es zumindest nichts schlechtes war. Irgendwie tröstete es ihn sogar ein bisschen zu wissen, dass sein Übergang überwacht werden würde.
"Okay. Danke."
Elive nickte und dann lächelte sie tatsächlich.
"Ich kann dir bezeugen, dass es nicht wehtun wird. Die wenigsten auf dem Schlachtfeld wissen überhaupt, was mit ihnen geschehen ist, wenn wir sie rüberbringen. Es ist wie eine Sicherung, die dich die letzten Momente vergessen lässt. Es wird alles gut gehen."
Dasselbe hatte er auch Kassandra am Vorabend gesagt, aber irgendwie hatte es jetzt eine andere Bedeutung, eine endgültige Bedeutung. Es würde alles gut gehen, auf die eine oder andere Weise. Zoras hatte das Ende seines Lebens erreicht.
"Verstanden. Du bist entlassen, Soldat."
Sie salutierte, als hätte es nie etwas anderes gegeben als seine Schwägerin in seinen Reihen und dann ging sie nach draußen. Zoras wandte sich wieder Kassandra zu und küsste sie ein letztes Mal. Er lächelte sie auch an, aber wie schon bei Elive erreichte das Lächeln seine Augen nicht ganz.
"Pass auf dich auf, meine schöne Phönixin. Ich liebe dich. Du bist das beste, was mir je passieren konnte."
Eine Stunde später trabte der riesige Ischgyll mit seinem Reiter auf die Front zu.
Die vereinten Truppen des Aufstands hatten sich einige hunderte Meter vor dem Lager auf der freien steinernen Ebene aufgestellt, alle drei Wappen nebeneinander, alle Einheiten in einer vereinten Formation. Zoras ritt an rievschen Bogenschützen vorbei, an tiumisischen Speerträgern und an den luorschen Fußsoldaten. Irgendwo dort musste auch Elive sein, wurde ihm gewahr, aber nichts wies darauf hin, dass ein übernatürliches Wesen unter den Soldaten wandelte. Genauso wie nichts darauf hingewiesen hätte, dass Kassandra dort gewesen wäre.
Er warf einen Blick zurück auf die Reihen zehntausender Soldaten, die in Reih und Glied hinter ihm aufgestellt waren, die Banner weit erhoben, die Visiere heruntergeklappt, die Haltungen wie ein Meer Statuen. Nicht alle von ihnen würden sterben, aber viele würden Zoras in den Tod folgen. Nicht genug, dass es den Einsatz einer Phönixin gerechtfertigt hätte, aber durchaus genug, dass er diese Schuld mit in die Ewigkeit nehmen würde. Mit einem Mal war er froh darüber, dass Elive ihm ihre Überfahrt angeboten hatte, denn er war sich nicht sicher, ob eine ihrer Schwestern sich ihm erbarmt hätte.
Er erreichte die Front und richtete den Blick auf das gegnerische Heer. Dort gab es keine unterschiedlichen Wappen, dort gab es lediglich das Königswappen, das über allen Einheiten schwebte wie verlassene Geister. Sie waren jetzt nur noch durch ihre Rüstungen zu unterscheiden und so wie er es sich gedacht hatte, war die königliche Einheit an der Spitze.
Feris saß auf einem eigenen Pferd, eingehüllt in eine schillernde, goldene Rüstung, die das Sonnenlicht widerspiegelte und seine Erscheinung erstrahlen ließ. Er stand an der Spitze, allein, das Visier heruntergeklappt, das Pferd nach vorne ausgerichtet. Zoras verstand, trieb Ischgyll weiter, bis er die Sicherheit seiner Soldaten verlassen hatte, und dann kamen die beiden Reiter in langsamen Trab aufeinander zu, begleitet von eintretender, alles umfassender Stille. Es dauerte zwei Minuten, bis sie sich in der Mitte trafen. Feris’ Rüstung war zu groß, stellte Zoras fest, denn der sonst so schmächtige Junge saß ganz sicherlich nicht so erhaben auf seinem Gaul, wie er es jetzt tat. Natürlich, er würde ja auch nicht kämpfen, sie hatten ihn in größere Platten gesteckt, damit er eindrucksvoller aussah. Dafür konnte er noch immer nicht recht reiten und hielt sich an dem Knauf seines Sattels fest; nach einem Moment der Überlegung tat Zoras es ihm gleich.
“Feris.”
Der Junge antwortete nicht. Er starrte nur und nach einem Moment nickte Zoras.
“Ich, Zoras Luor, Herzog des Herzogtums Luor, erwirke mit dieser Schlacht meinen Anspruch auf die Krone. Was zuvor nicht anerkannt wurde, soll in einem einmaligen Kampf geschehen. Der Sieger wird gemäß den Regeln rechtmäßiger Besitzer der Krone und Herrscher über das Land Theriss. Sämtliche vorher herrschenden Umstände werden notfalls außer Kraft gesetzt. Der Sieger ist der neue König über Theriss.”
Er leierte lediglich hinab, was er in seinem Brief schon geschrieben hatte, aber Feris hielt sich an die Regeln und nickte gehorsam. Eigentlich wäre hier der Zeitpunkt für weitere Worte gekommen, für ein Plädoyer an Gnade und Erbarmen oder an eine außerkriegliche Einigung, aber nichts dergleichen geschah. Zoras starrte den König für eine Weile lang an und dann lenkte er Ischgyll um. Vielleicht war es ja auch besser so.
“Viel Glück.”
Die Reiter trennten sich und dann ritten beide wieder zu ihren Einheiten zurück.
Als Zoras an seiner Front ankam, klappte er sein eigenes Visier herunter und zog sein Schwert. Er gab Ischgyll die Sporen und ritt an der schweren Infanterie entlang.
“ACH-TUNG!”
Eine Bewegung fuhr durch die Reihen der Soldaten, ein einvernehmliches Klirren, das den Zug von Waffen darstellte. Zoras sah noch einmal zurück in die Richtung des Lagers, in die Richtung seiner Geliebten, seiner Göttin, dann wandte er ihr den Rücken zu. Er streckte die Waffe in die Luft und 60.000 Soldaten setzten sich mit einem Ruck in Bewegung.
Fünf Minuten später krachten die Truppen mit einem Lärm, der einer Explosion gleichen konnte, in der Mitte der Ebene zusammen.

