Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Nachdem auch der letzte Teil ihrer Illusion verschwunden und Kassandra sich den Moment genommen hatte, um sich eine Antwort zurechtzulegen, sagte sie Zoras auch etwas ausführlicher, was er von ihr hatte wissen wollen. Es waren gute Neuigkeiten, wichtig auch, aber sie hatten alle einen Unterton, der selbst Zoras auffiel: Kassandra wurde einem Menschen gemäß gut behandelt. Sicher, wäre sie eine gewöhnliche Frau, müsste er vermutlich gar nicht erst fragen, sie hatte ein eigenes Zimmer, sollte eigene Klamotten bekommen, hatte mehr Freiheiten als eine andere Frau auf diesem Hof. Aber Kassandra war keine gewöhnliche Frau und darum ging es. Zoras konnte nicht einschätzen, ob sie eine einer Phönixin angemessenen Behandlung bekam.
      Er nickte leicht, überlegte, ob er sie vielleicht noch einmal fragen sollte, ob er klarstellen sollte, dass er es anders meinte. Aber er tat es nicht, als Kassandra sich einen Moment später in Bewegung setzte und die letzte kurze Distanz zwischen ihnen überbrückte. Sie war nah genug, dass Zoras glaubte, den fernen Duft von Wäldern und wildem Gras wahrnehmen zu können, aber vermutlich war das nur Wunschdenken.
      Kassandra hob ihre Hand und legte sie zielgerichtet auf ihre eigene Essenz unter seinem Hemd. Er konnte den leichten Schauer spüren, der durch ihren Rücken ging, als wäre es sein eigener. Für einen Augenblick hafteten sich ihre Blicke aufeinander und er könnte schwören, dass er das Feuer in ihren Augen entdeckte, aber nicht so oberflächlich wie sonst. Wenn er es länger begutachtet hätte, hätte er unter die Oberfläche blicken können - vielleicht kam es aber auch nur daher, dass sie noch immer einen direkten Kontakt zu dem Amulett an seiner Brust aufnahm. In jedem Fall wollte er den Kontakt nicht abbrechen.
      Kassandra tat es schließlich selbst und es juckte ihm in den Fingern, ihre Hand aufzuhalten, bevor sie ganz verschwunden wäre.
      Er tat es nicht.
      "Okay. Ich verstehe."
      Er setzte ein Lächeln auf und musterte den Blick in ihren Augen. Er verhinderte Eintönigkeit, das war doch gut oder? Das war gut gemeint?
      Sein Blick wanderte hinab zu der Hand, die sie soeben von ihm gelöst hatte und die halb in der Falte ihres Nachthemds verschwand. Das Lächeln in seinem Gesicht blieb für den Moment lebendig, bevor er wieder zu ihr aufsah.
      "Ich meine es ernst, wenn ich dir sage, dass ich dir deinen Aufenthalt so angenehm wie nur möglich gestalten will - ohne das Offensichtliche. Sieh es als Beweis, dass ich zu meinen Worten stehe."
      Es wäre so einfach, diese kleine, letzte Distanz zu überqueren und Kassandra in irgendeiner Weise zu berühren, rein um seinen Worten Gewicht zu verleihen, oder auch einfach nur um es getan zu haben, um ihre glatte, sanfte Haut zu spüren oder etwa die kontinuierliche Wärme, die sie ausstrahlte und die nie prägnant genug war, um in Hitze auszuarten. Es wäre so einfach und Zoras erkannte, dass er es unglaublich dringend wollte.
      Letzten Endes siegte allerdings seine Selbstbeherrschung.
      "Schlaf gut, okay? Und danke nochmal, für den Gesang, für die Geschichte. Es hat mir sehr gut gefallen."
      Er verharrte einen Moment länger bei ihr, dann trat er gemächlichen Schrittes den Rückzug in sein eigenes Zimmer an. An der Tür sah er noch einmal zurück, um Kassandra noch immer dort stehen zu sehen, umgeben von fliegenden Flämmchen und in einem Nachthemd, das sie klein und zerbrechlich wirken ließ. Er überspielte eine gewisse aufsteigende Sehnsucht mit einem weiteren Lächeln, dann ging er nach draußen und in sein Zimmer zurück.
      Der Raum war von lauter Schatten behaftet und das Bett kalt. Er wartete eine lange Zeit auf eine Wärme, die nie kommen würde, dann versank er in einem traumlosen Schlaf.

      Der inoffizielle Kriegsrat fand am nächsten Tag in einem Salon statt, den Zoras extra dafür herrichten gelassen hatte. Er hatte eine Karte von Theriss ausrollen lassen und Unterlagen gebracht, mit denen sie sich auseinandersetzen sollten. Anwesend waren Ryoran, Kassandra und er.
      Die Brüder hatten sich bereits im Vorfeld damit auseinandergesetzt, wie die Verteilung des Militärs zu bewerkstelligen wäre, nachdem an allen Grenzen Wachposten aufgestellt werden mussten, denn mittlerweile war es schließlich auf keiner Seite mehr sicher. Jetzt ging es nur noch darum, den Aufstand fachgerecht durchzuführen.
      "Uns stehen etwa 25.000 Mann zur Verfügung, alles darüber hinaus wäre zu riskant. Ich will sie in drei Armeen aufteilen."
      "Wir teilen eine nichtmal halbstarke Armee in noch kleinere Armeen auf? Kann man das überhaupt noch so bezeichnen mit so wenig Kompanien?"
      "Sie sollen auch nicht stark sein, sondern nur ausziehen und überleben. Wir sammeln Verbündete und wenn es soweit ist, werden wir mit geballter Kraft gegen das Königshaus marschieren. Der König wird dasselbe tun und er wird zeitgleich versuchen, mich an meinem Plan zu hindern. Er wird Attentäter schicken oder meine Grenzdörfer attackieren, meine Soldaten abkaufen versuchen. Deswegen muss ich schneller sein."
      Ein Blick zuckte zu Kassandra, um ihr wortlos mitzuteilen, dass es sich hier nicht um die Diskussion handelte, wie alles ausgehen würde, sondern dass hier ein Aufstand zu planen war. Der Blick war nur kurz.
      "Riev ist vertraglich auf unserer Seite, Tiumus ziemlich sicher auch, von Kerellin dürfen wir einen offensiven Gegenschlag erwarten. Sie hat eine starke Phalanx und prügelt sich lieber, anstatt sich an einen Tisch zu setzen und zu verhandeln - ich werde mir gar nicht erst die Mühe machen, es zu versuchen. Die anderen beiden kann ich nicht einschätzen, ich werde wissen müssen, wo ihre Standpunkte liegen."
      Diesmal sah er Kassandra direkt an.
      "Dorthin will ich dich schicken, entweder zusammen mit mir oder alleine. Sie sollen dich sehen und wissen, was sie erwartet. Außerdem sind das die gefährlichsten Gebiete, auf die wir uns begeben müssen. Hältst du es für machbar, dass du sie überzeugen kannst? Ob mit Gewalt oder ohne?"
    • Die wenigen Zentimeter, die Kassandra und Zoras trennten, sorgten dafür, dass man jegliche Regung dem Anderen gegenüber nur schwer vorenthalten konnte. So bemerkte Kassandra, wie sein Blick ihrer Hand folgte, als sie sie von seiner Brust nahm. Dass es nicht das Folgen von Augen waren, die einfach etwas bemerkten. Es war jene Art von Verfolgung in der Hoffnung, auf eine weitere Interaktion. Dann bemerkte sie sein Lächeln, das so geübt auf seine Lippen trat und so geübt etwas anderes zu verdecken suchte. Etwas, das die Phönixin nicht richtig greifen konnte oder schlicht zu ignorant dafür war.
      Mit einem Mal wurde es eng in ihrer Brust. Ein winziges Zucken in ihren Augenbrauen war der einzige Hinweis darauf, dass sie Zoras' Sehnsucht fühlte und darauf reagierte. Ihre Augen wurden ein Stück weit offener, menschlicher, als sie ihn weiterhin anblickte und nickte.
      "Keine Sorge, ich glaube dir jedes Wort. Und ich rechne es dir ebenfalls hoch an. Ich bin dir dankbar für deine Gastfreundschaft....", sagte sie leise, da hatte er sich bereits von ihr entfernt und sich auf den Weg zur Tür gemacht. "Es freut mich, dass ich dir ein wenig Ruhe und Entspannung schenken konnte."
      Kassandras Stimme war ruhig, fast schon leicht träge und erschöpft. Aber ihre Miene war völlig gegensätzlich dazu. Was in Zoras Seele an ihm nagte, trug Kassandra mit ihrem Gesicht zur Schau. Sie hatte ihre leuchtenden Augen unablässig auf den Mann gerichtet, der sich gerade anschickte, diese Stimmung aufzugeben. Was auch immer diese Stimmung war. Ihre Lippen zuckten angesichts der unausgesprochenen Worte, die sie an ihn richten wollte und es doch nicht konnte. Warum wollte ihn bitten, zu bleiben? War es einfach nur eine Antwort auf das, was er fühlte oder ihr eigener Wille? Sie konnte es nicht klar bennennen und ließ Zoras hinter der Tür verschwinden ehe ein geisterhaftes Flämmchen nach dem anderen schwebend in der Luft zu erlischen begann und die Phönixin am Ende im Schwarz verschluckte.

      Am nächsten Morgen war das beklemmende Gefühl verschwunden. Es tauchte auch nicht mehr auf als Kassandra das erste Mal auf Zoras traf und eine gewisse Ruhe stellte sich bei ihr ein. Was auch immer es gewesen war - das Problem schien sich erledigt zu haben.
      Der Herzog hatte sie zu dem Strategietreffen eingeladen und während die Männer noch diskutierten wanderte ihr Blick die ausgerollte Karte immer wieder auf und ab. Ganz kurz fing sie Zoras Blick auf und sie entschied, nicht weiter darauf einzugehen. Sollte er ruhig versuchen sein Vorhaben durchzubringen. Sie würde sich erst in entscheidenen Momenten einmischen und bis jetzt reichte es, dass Elive eingeweiht war und nicht wirklich ihren Standpunkt teilte.
      ALs Zoras das Wort an Kassandra richtete, hob sie überrascht die Augenbrauen. Er hatte die höfliche Ansprache fallen gelassen und ein flüchtiger Blick auf Ryoran bestätigte ihr, dass er ebenso ähnlich überrumpelt reagierte wie sie.
      "Du wirst mich begleiten. Bleibst du hier zurück läufst du Gefahr auf Mordversuche zu stoßen. Besitzt Feris auch nur ein bisschen Verstand wird er zunächst unter verdecktem Mantel versuchen, dich aus dem Leben zu befördern. An meiner Seite bist du daher am sichersten. Außerdem macht es einen anderen Eindruck, wenn Träger und Champion gemeinsam auftauchen anstelle getrennt geschickt zu werden."
      Sie machte eine Pause, um über die Karte zu schauen und abzuschätzen wo die beiden anderen besagten Herzogtümer lagen. Sie hatte in ihrer Vergangenheit schon ganz andere Ausmaße an Ländereien unterjocht. Da sollten zwei Herzogtümer kein Problem darstellen.
      "Das ist machbar. Je nachdem wie die anderen Herzogtümer dir gegenüber eingestellt sind, könnten beide Herangehensweisen funktionierten. Zeig ihnen, was sie erwarten könnte, sollten sie nicht spuren und setz es in die Tat um, wenn es so sein soll."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras nickte und begann damit, die Figuren auf der Karte zu bewegen, während Ryoran noch immer irritiert zwischen beiden hin und her sah, sichtbar mit etwas anderem beschäftigt. Als sein Blick auf Kassandras traf, sah er stattdessen schnell wieder auf Zoras und versuchte, dessen Aufmerksamkeit zu erlangen.
      "Wenn ich mitkomme, werde ich dauerhaft eine Vertretung brauchen müssen."
      Er sah auf und suchte den Blick seines Bruders, der ihn erwiderte. Kurz sah dieser noch einmal zu Kassandra, dann zog er die Stirn in Falten.
      "Du wirst mich doch nicht aus dem Aufstand ausschließen wollen?"
      "Ich schließe niemanden aus, aber ich brauche jemanden, der hier die Stellung hält."
      "Während du dich mit deinen mickrigen Armeen massakrieren lässt?"
      Da zog Zoras auch die Stirn in Falten. Es bildeten sich dieselben Furchen auf seiner Stirn wie bei Ryoran.
      "Das wird eine rein diplomatische Mission, ich werde noch keinen Krieg entfachen."
      "Wenn der König halbwegs strategisch vorgeht, wird er dich zumindest abfangen wollen, während du dich auf Feindgebiet begibst."
      "... Weshalb ich ja Kassandra bei mir habe. Und eine 8.000 Mann schwere Armee."
      "Die du nicht bis vor die Tür bringen wirst."
      "Die ich in der Nähe behalten werde."
      Ryoran starrte für einen Moment auf die Karte, dann schnaubte er und sah zu Kassandra.
      "Haltet… hältst du das ernsthaft für eine gute Idee?"
      Da fiel Zoras auch selbst auf, dass er die Höflichkeitsformel gänzlich weggelassen hatte und er warf Kassandra einen kurzen, irritierten Blick zu. Er war wohl unvorsichtig geworden - zu unvorsichtig. Blieb nur zu hoffen, dass Ryoran den Vorfall vergessen würde.
      "Eine Armee nehmen wir für unsere Sicherheit mit, eine Armee stationieren wir bei unseren Verbündeten und die letzte behalten wir uns für Kerellin auf - für Kerellin und das Königshaus, falls es sich entscheiden sollte, einen Übergriff zu wagen."
      "Und was ist das Ziel?"
      "Das Ziel?"
      "Wie erobern wir den Thron?"
      "Darum geht es ja jetzt."
      Er beugte sich über die Karte, wohlwissend dass jetzt ein Teil kommen würde, den sie niemals in dieser Weise umsetzen würde und den er dennoch so detailgetreu planen musste, als wäre nie etwas anderes gewesen. Er vermied es, in die Richtung der Phönixin zu sehen.
      Sie diskutierten über den Mittag, den Nachmittag und schließlich in den Abend hinein, ein ausführlicher, alles umfassender Schlachtplan, der sämtliche militärische Einsätze beinhaltete. Die diplomatischen Aufgaben waren eine Sache für sich, mit denen sich Zoras selbst befassen würde. Er benötigte durchaus auch Hilfe damit, aber da wäre ihm vermutlich Eiklar viel nützlicher als sein Bruder.
      Am Ende des Tages hatten sie ein gutes Grundgerüst zustande gebracht: Sie würden ihre Verbündeten sammeln, eine Armee zusammenstellen und damit schließlich in den Palast einmarschieren. Alle Detailfragen über die genaue Zeit, den Ablauf, die Aufstellungen, die benötigten Ressourcen, die Finanzierungen und die Vorbereitungen verblieben dem Herzog und seinen zukünftig ernannten Heerführern. Ryoran hatte sich noch nicht dazu geäußert, ob er es akzeptieren würde, Zuhause zu bleiben.
      Am Ende des Tages fühlte Zoras sich zum ersten Mal darin verunsichert, ob es wirklich richtig war, was er dort tat. Er saß noch an den Karten lange nachdem Ryoran sich zu Elive zurückgezogen hatte, und zerbrach sich den Kopf darüber, ob es nicht irgendeine Sache gab, die ihm so schwer zusetzte, dass er sich in die Unsicherheit gesteigert hatte.
    • Kassandra verschränkte die Arme vor der Brust. Natürlich erkannte Ryoran, dass Zoras' Plan nicht ganz so sorgsam und gut sortiert war, wie viele seiner vorherigen es wohl waren. Die Tatsache, dass der Herzog nur wenig Mann für die Mission einplante zeugte davon, dass er möglichst wenig Verluste fahren wollte. Zeitgleich würde er aber derjenige sein, der im Zentrum des Kreuzfeuers stand. Einen klugen Mann hatte Zoras als Bruder, das musste Kassandra zugeben.
      "Ich unterschützte den Vorschlag, dass du hier in Luor bleibst, Ryoran. Der Grund ist einfach, dass es hier jemanden geben muss, der für das Gefühl der Sicherheit sorgt. Fehlen beide Luorbrüder, dann wirkt sich das in der Regel negativ auf die Moral eurer Leute aus. Außerdem, wo willst du Teal und Elive unterbringen? Es besteht noch immer die Möglichkeit, dass man Attentäter auch hierher auf euren Sitz bestellt und einen vierzehnjährigen Jungen und seine Mutter zu töten sollte ihnen nicht schwer fallen. Willst du lieber irgendwo an der Spitze einer EInheit sein während man deinen Sohn und deine Frau schlachtet?"
      Nein, würde er nicht. Kassandra wusste dies und auch dass der Sinn hinter Ryorans Zurückbleiben immenser Bedeutung hatte. Zum einen wollte Zoras seine Familie schützen, zum anderen brauchte er niemanden an seiner Seite, der ihn von seinem Vorhaben abhalten würde.
      Ihr Blick wanderte zu Zoras mit einem nachdenklichen Ausdruck im Gesicht.
      "Darüber hinaus muss ich sagen, dass es fraglich sein könnte, mit einer kleinen Armee in ein anderes Herzogtum einzumarschieren. Das könnte als Angriff missinterpretiert werden, unauffällig reisen wird unmöglich sein und Ryoran hat recht: Wir kommen eh nicht nah genug mit den Soldaten heran. Für mich ist es einfacher, nur eine Person zu schützen als 8000. Folglich würde ich in Erwägung ziehen, gar zu zweit in das nächste Herzogtum zu reisen und sich nach Verbündung zu erkundigen", schlug sie ihrem Träger vor.
      Niemand der beiden Männer gingen auf ihren Vorschlag direkt ein, obwohl sie ihn beide gehört hatten. Vielleicht musste er einfach ein wenig sacken bis er zur Sprache kam, aber die restliche Schlachtplanung verlief ohne eine weitere Ansprache ihres Vorschlages. Sie tat es als selbstverständlich ab während sie auf einem Stuhl Platz nahm und den beiden Männern bei ihrer Ausarbeitung lauschte. Immer wieder fand sie es erstaunlich, was die Menschen im Voraus planten und wie wenig davon wirklich eingehalten werden konnte. Vieles fußte auf Umstände, die mit Glück und der Entscheidung anderer Beteiligten einher gingen und diese ließen sich unmöglicherweise korrekt vorhersagen.
      Gegen Ende des Tages zog sich Ryoran zu seiner Elive und Teal zurück. Es war klar ersichtlich, dass er den Vorschlag noch immer nicht gut hieß, nicht mitzukommen. Aber er hatte ihn nicht noch einmal zur Sprache gebracht sondern hatte sich kommentarlos zurückgezogen. So verblieben nur noch Kassandra und Zoras in dem Saal während er noch immer über den Karten brütete. Sie spürte mehr als überdeutlich seine Unsicherheit, die im Laufe des Tages angestiegen war.
      "Na, wird es mit konkreter Ablaufplanung etwas realer?", fragte Kassandra ihren Träger etwas schnippisch während sie sich zurücklehnte und die Beine überschlug. "Es ist schon etwas anderes, wenn man den Vorgang mit jemanden plant und es in die Tat umsetzen will, richtig? Möglicherweise ist es auch dein schlechtes Gewissen, dass du deinen Bruder in deinen absurden Plan nicht einweihen möchtest. Er hat das Recht es zu erfahren, Zoras. Er ist deine Familie und was soll Teal davon halten? Du bist eines seiner Vorbilder. Er wird dieses Vorhaben als ehrenhaft anerkennen, als notwenig, und in der Zukunft vor ähnlichen Entscheidungen nicht zurückschrecken. Willst du das?"
      Sie hatte mit diesen Sätzen gewartet bis Ryoran mindestens seit vierzig Minuten den Raum verlassen hatte und Zoras sich wieder an die ungestörte Zweisamkeit zwischen ihnen gewöhnt hatte. Sie hatte den Eindruck gewonnen, dass sie unter diesen Umständen leichter zu ihm durchdrang als anders.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra durchbrach die Stille, als Zoras sich schon langsam daran gewöhnt hatte. Mittlerweile schmerzte ihm der Rücken vom vielen beugen und er war müde, wobei er sich sicher war, dass das nachher keine Bedeutung mehr haben würde. Er sah von der Karte auf, gab ein Seufzen von sich und imitierte Kassandras Haltung, wobei er sich kurz streckte.
      "Habe ich dir schonmal gesagt wie gruselig ich es finde, dass du mit deinem Herz direkt in meinen Kopf sehen kannst? Das macht es nicht gerade einfacher, weißt du?"
      Er rieb sich durch den Bart und verzog dann das Gesicht in Kassandras Richtung, auch wenn er es nur halb so ernst meinte wie er vorgab.
      "Ich kann mich nicht auf ihn verlassen wenn ich nicht weiß, ob er sich auch wirklich an den Plan halten wird. Wir kommen aus dem selben Haus, Kassandra; so wie ich ihn kenne, wird er gar nicht erst versuchen mich umzustimmen, sondern irgendwas hinter meinem Rücken planen, um mich davon abzuhalten. Etwas anderes tue ich im Moment ja auch nicht."
      Er seufzte wieder.
      "Und was Teal betrifft, wird es doch sowieso niemand herausfinden, dass ich meine eigene Niederlage geplant habe. Für alle anderen wird es so aussehen, als wären wir im Schlachtfeld gescheitert und als hätte der König im entscheidenden Moment die richtigen Karten gespielt. Ich weiß schon, wie ich es machen werde, es wird nicht an die Öffentlichkeit kommen. Nicht, solange alles richtig läuft."
      Da deutete er mit einem anklagenden Finger auf sie.
      "Wobei ich dir hiermit ein offizielles Verbot ausspreche, mit irgendjemandem darüber zu reden. Ich erzähle dir das alles im Vertrauen, weil ich weiß, dass dir solche Kleinigkeiten kaum nahe gehen. Wenn du jetzt aber damit anfängst, wirst du dich zukünftig damit begnügen müssen, meine Gedanken zu lesen."
      Er sah wieder für einen Moment auf die Karte, bevor er sich dazu entschied, dass er genug von diesem speziellen Thema hatte. Lieber nicht noch einmal das Risiko eingehen, dass Kassandra ihn erweichte.
      "Du würdest also keine Armee mitnehmen? Ich würde sie auch nicht über die Grenze bringen, aber davor stationieren, um einen eventuellen Rückzug zu sichern. Es ist kein Geheimnis, was unser Ziel ist. Wenn wir aber alleine gehen würden..."
      Er fixierte die Figuren auf der Karte, von denen seine eigene neben 8 kleinen Soldaten positioniert war. Kassandra hatte noch keine eigene, an ihrer Stelle hatte er einen Turm platziert.
      "Könntest du eine Armee abhalten, die sich uns in den Weg stellt? Eine - sagen wir - 8.000-köpfige? Wo liegt deine Grenze, du hast doch selbst bei Menschen irgendwo dein Limit, oder?"
    • "Ich kann nicht direkt in deinen Kopf sehen. Aber ich kann einen Teil deiner Gefühle empfangen und deuten. Zusammen mit einer gewissen Kombinationsgabe und dem dazu gehörigen Hintergrundwissen kann jeder in deinen Augen gruselig werden", lächelte Kassandra sanft.
      Sie konnte sich mehr als nur gut vorstellen, wie Ryoran und sein Bruder nicht weit vom gleichen Stamm fielen. Wenn der jüngere Bruder genauso gut plante wie der Ältere, dann wäre man zu paranoid auf jede Tat des Jüngeren bedacht zu achten. Diese weitere Last konnte sich der amtierende Herzog nicht auch noch ans Bein binden. Zu viele Stricke würden ihn unweigerlich zu Fall bringen.
      Sicherlich würde seine Niederlage für den unaufmerksamen Betrachter verständlich erscheinen. Aber Teal war nicht normal, der Junge war jetzt schon viel zu scharfsinnig. Vielleicht sogar so scharfsinnig, dass Kassandra ihm mit den richtigen Lockungen und Andeutungen ganz von selbst auf diese Spur lenken können würde. Irgendjemanden würde sie diese Legende erzählen, egal wie der Ausgang schließlich sein mochte.
      Dann richtete Zoras plötzlich einen Finger anklagend auf Kassandra und sprach das erste Verbot ihr gegenüber aus. Ihre Augenbrauen hoben sich in Verwunderung, ein ganz kleines bisschen wirkte ihre Mimik zu steif. Sie fühlte sich unvorbereitet getroffen als Zoras seine Vorteile aus ihr Träger ausspielte. Ein winziger Schleier der Trauer huschte über ihre roten Augen, der so schnell ging wie er kam. Sie hatte ihm geglaubt, dass er sie wie alle anderen behandeln würde und keinen Nutzen aus seiner Stellung ihr gegenüber ziehen würde. So hatte sie sich getäuscht.
      Kassandra verfiel in Schweigen ehe Zoras das Thema wechselte und sie wieder aktiv in die Abläufe mit einband.
      "Dann stationiere sie an der Grenze aber führe sie nicht darüber hinaus. Selbst wenn es nicht so gemeint ist, kann man es dir später immer noch als Angriff auslegen. Immerhin übertrittst du in Nichtkriegszeiten eine Grenze mit einem Heer."
      Ihre Augen folgten Zoras' Blick, der die Figuren auf der Karte fixierte. Sie fand diese Eigenart schon immer niedlich, wie Menschen ihre EInheiten mit Figuren versinnbildlichten.
      "In der Regel ist abwehren immer einfacher als schützen. Und da ich meistens darauf setze, dass man euch Menschen leicht Angst einjagen kann, muss ich in den seltensten Fällen töten. Aber ja, ich sollte 8000 Mann abwehren können, ja." Sie konnte ihm ja schlecht sagen, dass sie in einer einzigen Aktion ganze 100.000 Mann auf einen Streich getötet hatte. "Läufst du als mein Träger Lebensgefahr und rufst mich, fällt mir auch das Töten weniger schwer."
      Schwungvoll erhob sich Kassandra aus ihrem Stuhl und näherte sich ihrem Träger. Sie stellte sich an seine Seite, um von seinem Standpunkt aus über die Karte zu schauen. Was für ihn lediglich ein Stück Papier war, war in ihrer Vorstellung mit Bergen, Tälern und Flora versehen. Erinnerungen aus vorhergegangener Zeit, die lediglich aktualisiert werden müsste.
      "Ich habe mittlerweile genug Zeit gehabt, um mich wieder zu rehabilitieren. Einst sagte ich dir, dass ich weiteren Zugriff auf mein magisches Arsenal bekomme, je besser ich mich mit meinem Träger verstehe. Wie sehr wir harmonieren, weißt du? Und bis auf ein paar kleine Punkte hier und da schlägst du dich bisher ganz gut. Also würde ich sogar wagen zu behaupten, dass auch 15000 Mann keine Schwierigkeiten darstellen dürften."
      Sofern man es sich traute, das Feuer eines Gottes auf die Erde zu entfesseln.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Für einen Moment, der nicht länger dauern konnte als eine Sekunde, huschte ein Ausdruck über Kassandras Gesicht, den Zoras nicht recht deuten konnte. Er konnte auch nicht den Ursprung benennen, nachdem es in seinen Augen keinen gab. Ging es etwa darum, dass sie nicht mit jemanden über den Plan sprechen sollte? Das hatte sie doch sicherlich sowieso nicht vorgehabt?
      Er beobachtete sie für einen Moment auf der Suche nach weiteren Anzeichen nach Unwohlsein, aber er entdeckte nicht mehr. Vielleicht war es ja auch nicht so wichtig.
      Sie lenkten ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Karte und Zoras lehnte sich ein weiteres Mal nach vorne, auch wenn sein Rücken sich beschwerte. Er betrachtete die kleine Gruppe, die seine bescheidene Armee darstellte und stellte sich vor, dass er an ihrer statt mit Kassandra allein einzog. Der Gedanke war ihm gänzlich unwohl, wie er bemerkte, denn diese Überlegung würde bedeuten, dass sie zu jeder Zeit ungeschützt waren - sicherlich war Kassandra da und sicherlich konnte sie eine kleine Armee abwehren, aber es ging gänzlich um ihr Gefühl. Und gewissermaßen um ihr Auftreten.
      Besonders letzter Gedanke erweckte seine Neugier und er nickte beiläufig. Kassandra warf er einen Blick zu.
      "Nur, weil ich danach frage, heißt das nicht, dass ich dich auf alle loslassen werde. Ich weiß, dass es gegen deine Natur spricht ein Leben auszulöschen, aber es könnte im schlimmsten Fall nötig sein. Ich warne dich nur vor."
      Sein Blick verharrte etwas länger, als Kassandra sich erhob und sich ihm näherte. Eine unangenehme Vorfreude erhob sich aus den Tiefen seines Unterbewusstseins, die er sofort wieder nach unten zwang. War er etwa wieder 14? Kassandra kam nur zu ihm, nichts, worüber man die Nerven verlieren könnte. Auch wenn er schwören könnte, dass sie nahe genug war, damit ihre Wärme auf ihn ausstrahlte und er unweigerlich die Muskeln in seinen Schultern entspannte.
      Mit starrem Blick fixierte er die Karte, damit er sich nicht ablenken ließ.
      "15.000 also, ja? … Was soll das überhaupt heißen, "bis auf ein paar Punkte hier und da"? Willst du etwa sagen, ich bin ein schlechter Gastgeber?"
      Da sah er doch zu ihr auf, nur um ihr das ehrliche Grinsen auf seinem Gesicht zu zeigen. Sie war so unglaublich nahe, er konnte ihre Wärme tatsächlich spüren, nicht weiter als eine Armlänge entfernt. Er könnte nur die Hand ausstrecken und müsste sie nur…
      Er wandte sich wieder der Karte zu.
      "Ich glaube, es ist ein interessanter Gedanke. Wir könnten uns sogar einen Spaß erlauben, uns ein paar Lumpen zulegen und größtenteils unerkannt reisen. Man wird nach einer Streitmacht oder zumindest einer Garde Ausschau halten und nicht nach einem einzelnen Mann in Begleitung einer Frau. Aber was für ein Licht wird es auf uns werfen, wenn wir so ankommen?"
      Er griff sich in den Bart, bevor er den Stuhl zurückschob und aufstand. Als er den Tisch umrundete, streifte er Kassandras Schulter. Die Berührung hinterließ eine spürbar warme Stelle, die hinterher noch kälter war als zuvor.
      Er stellte sich auf die gegenüberliegende Seite der Karte und sah auf die Figuren hinab, bevor er Kassandra musterte. Wenn er ein nervöser Herzog war, der drohte zwischen zwei Fronten zu geraten, was würde er fühlen, wenn der mögliche Verbündete oder Feind mit einem einzelnen Champion auftauchte?
      Er kniff die Augen zusammen.
      "Ich wäre unsicher", beantwortete er seine unausgesprochene Frage selbst, den Blick weiterhin auf Kassandra gerichtet. Er stellte sie sich auf ihrem Pferd vor, das Haupt würdevoll erhoben, die Sonne in ihrem Rücken. Wie eine Königin, wie ein lebendig gewordenes Kunstwerk, wie eine wahrhaftige Göttin. Oder eher wie ein Omen? Wie ein sehr hübscher, leuchtender, göttlicher Vorbote auf ein unausweichliches Schicksal? Zoras blinzelte.
      "Wenn ich auf der anderen Seite stünde, wenn mein potentieller Erzfeind zu mir käme in Begleitung eines einzelnen Champions, würde ich ihn entweder für arrogant, von sich selbst überzeugt oder nachlässig halten. Oder, nein, das stimmt nicht; ich würde mich untergeordnet fühlen. Das würde mich nervös machen und ich würde paranoid werden. Ich würde nach einer Möglichkeit suchen, die Kontrolle wiederzuerlangen, die ich in dem Moment verloren habe, als er es geschafft hat, mit einer einzigen Person die Grenze zu überqueren und herzukommen. Ich würde mich davor fürchten, dass man meine Autorität in Frage stellt, auch wenn es sich bei dieser Person um einen Champion handelt. Schließlich hätte ich doch auch einen besorgen können, oder nicht? Was hätte mein Besucher für ein Recht, der einzige Träger im Land zu sein?"
      Je weiter er darüber nachdachte desto mehr verstand er, dass das nicht einfach werden würde. Er hatte gute militärische Karten, aber diplomatisch war er im völligen Nachteil. Man würde ihn nicht freundlich empfangen, nicht einmal auf Seiten seiner Verbündeten. Man würde ihm Misstrauen entgegen bringen und größtenteils Angst.
      Er rieb sich wieder den Bart.
      "Was haben wir von einem nervösen, paranoiden Herzog, der sich vor einem Kontrollverlust fürchtet?"
    • Fast hätte Kassandra aufgelacht. Zoras hatte immer noch nicht hinter ihre Fassade blicken können, die Untiefen ihrer Seele auch nur haarscharf erleuchten können. Denn wenn er es gekonnt hätte, würde sich sein Blick auf sie mit einem Schlag ändern und vorbei wäre die Täuschung der erhabenen, gutmütigen Phönixin. Er würde das Meer an Blut und Leben sehen können, in dessen Zentrum sie zu ertrinken schien.
      Ihre Augen registrierten nur schwach aus dem Augenwinkel, wie Zoras Schultern ein Stückchen absackten. Ein Zeichen für unterbewusste Entspannung, die er nicht absichtlich hervorgerufen hatte. Ein winziger Beweis dafür, was ihre Nähe bei ihm auslöste. Und so bitter die Erkenntnis auch war - dieser Mann ließ sich von einem ausgeklügelten Trugbild täuschen. Er hegte ein Interesse für sie, das insbesondere auf ihrer Erscheinung fußte. Denn für ein tiefergehendes Verständnis kannten sie sich nicht weit genug. Schon lange war sie nicht mehr der naive Paradisvogel von einst, der sich in einen Menschen verliebt hatte ohne den Sinn dahinter zu hinterfragen.
      Kassandra hörte Zoras' Grinsen noch bevor er es ihr präsentierte. Sie drehte ihren Kopf, um seine Mimik interessiert zu verfolgen. "Wenn man davon absieht, dass du noch kein ausschweifendes Fest für mich veranstaltet hast, ist der Rest ganz passabel, ja."
      Gespielter Sarkasmus war ihr schon länger nicht mehr so einfach von der Zunge gerollt. Das Grinsen erschien nun auch auf ihrer Seite als er plötzlich unangekündigt den Blickkontakt abbrach und sturr die Karte anstarrte. Er hatte Gedanken, Fantasien. Nur konnte sie sie noch nicht wirklich klar erkennen. Lange würde es jedoch nicht mehr dauern.
      Seine Bedenken waren absolut angebracht. Würden sie beide nur zu zweit vorstoßen, tauschten sie Unauffälligkeit gegen Misstrauen und Argwohn ein. Kassandra räumte Zoras mehr als Genug Platz ein, um sich aus seinem Stuhl zu erheben und vom Tisch wegzugehen. Er setzte an, den Tisch zu umrunden und streifte dabei leicht ihre Schulter. Stets hatte er ihr genug Achtung entgegen gebracht, als dass so eine Fahrlässigkeit jemals zustande gekommen wäre. Er verlor langsam diese Achtung, verlor das gesunde Misstrauen ihr gegenüber und machte sie mehr zu seinesgleichen als kaum jemand vor ihm. Wie ein Funkenflug hefteten sich Kassandras Augen an Zoras, wie er gemächlich den Tisch umrundete und ihr gegenüber stehen bleib. In ihren Gesichtszügen stand eine Anspannung, die nicht wirklich erklärbar war. Ihr Fingerspitzen kribbelten.
      "Unsicherheit ist auch berechtigt wenn jemand mit etwas Übermenschlichem vor deiner Tür steht und um Einlass bittet", erwiderte Kassandra schlicht und ergreifen während sie ihr Gegenüber unablässig beobachtete.
      Er verengte die Augen, dachte über etwas nach und schien sich gerade in jemand anderen hineinzuversetzen. Der konzentrierte Ausdruck auf ihrem Gesicht, der mittlerweile etwas lauerndes gehabt hatte, wechselte zu einer milden Form von Überraschung, als sie urplötzlich ein vages, dann immer schärfer werdendes Bild dank ihrer Verbindung übertragen bekam. Dies geschah nur, wenn sich der Träger etwas so explizit und detailliert vorstellte, dass es einem Wunsch nahe kam. Das erste Mal bekam sie einen ehrlichen Eindruck davon, wie er sie sich in seinem Geiste vorstellte. Vielleicht auch wie sie auf ihn wirkte. Und all dies bestätigte ihre Vorahnung, dass ihr Trugbild, ihr sorgsam konstruiertes Trugbild, schon zu gut für die menschlichen Augen war.
      "Ein nervöser, paranoider Herzog tendiert dazu, Fehler zu machen."
      Es schwang ein Ton in ihrer Stimme mit, den sie selbst nicht richtig deuten konnte. War es Wut? War es Frust oder gar Enttäuschung? Wieso sollte sie enttäuscht über etwas sein, in das sie jahrhundertelange Arbeit hatte fließen lassen und nun so gut war, dass es jeden täuschte? In dieser Sekunde stellte sie fest, dass sie es sich gewünscht hatte, dass sich einmal jemand nicht von ihrer Persona täuschen ließe.
      Kassandra schluckte bevor sie ihre Worte wiederfand: "Fehler, die von Vor- oder Nachteil für uns sein können. Also umgehe diese Option, indem du dich ankündigst. Teile dem Herzog mit, dass du dich in Begleitung meiner auf den Weg machst, sei es nun mit oder ohne Soldaten im Zuge. Wer sich ankündigt geht in der Regel nicht von einer Konfrontation aus, der Faktor der Überraschung ist nicht unerheblich. Aber das muss ich dir ja nicht sagen..."
      Die letzten ihrer Worte nahmen kontinuierlich an Lautstärke ab bis sie zuletzt in einem Flüsterton mündeten. So gern wollte sie ihr eigenes Trugbild durchbrechen und ihm zeigen, was darunter in der Schwärze ihrer Seele brodelte. Aber wenn sie das tat, würde er sich erschrocken von ihr abwenden. Sie vielleicht sogar wegsperren aus Angst, was sie mit der Welt anstellen könnte. Als erstickte Kassandra das dunkle Licht in ihren Augen ehe sie die Hände flach auf der Tischoberfläche ablegte.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra war in ihren eigenen Gedankengängen versunken, deutlich sichtbar an dem ernsten Blick, den sie zu Tage legte. Allerdings wandte sie sich kein einziges Mal der Karte zu, sondern beobachtete Zoras, als wäre er der Mittelpunkt ihrer Ideen. Fast glaubte er, dass in ihrem Kopf etwas anderes vorgehen mochte als sie mit ihren Worten schließlich ausdrückte, aber ihre Miene war unglaublich schwierig zuzuordnen und das Bisschen an Emotionen, dass er über sie hereinzutröpfeln glaubte, war nicht annähernd ausreichend, um eine Schlussfolgerung zu ziehen. Von wegen, es brauchte nur eine gewisse Kombinationsgabe und das richtige Hintergrundwissen, um die Gedanken des anderen zu deuten; Zoras war der Fähigkeit in jemandes Kopf zu schauen, gänzlich beraubt. Oder er hatte nicht genügend Hintergrundwissen?
      Er ließ sich von Kassandras Aussage zurück auf die Karte lenken.
      "Er tendiert aber nicht nur dazu Fehler zu machen, sondern er ist auch noch wankelmütig. Die Frage wäre nur, ob zu unseren Gunsten oder nicht."
      Zu spät fiel ihm auf, dass etwas an Kassandras Tonfall lag, der dort nicht hinzugehören schien. Er sah wieder von der Karte auf, jetzt fest davon überzeugt, endlich mal zu erleben, wie die Phönixin etwas von ihrer steinernen Miene fallen ließ, aber sie war so ausdruckslos wie immer. Vielleicht hatte er es sich auch nur eingebildet, denn als sie weitersprach, war der Tonfall wieder normal. Nur das Schlucken fiel ihm auf, die Bewegung in ihrem schlanken Hals, die unter ihrem Kragen verschwand.
      Abermals wandte er sich der Karte zu.
      "Wenn ich mich ankündige, besteht die Gefahr, in eine Falle zu laufen. Wenn er sich schon entschieden hat, welche Seite er einnehmen will, könnte er Seiner Majestät Bescheid geben und der wird darauf reagieren. Ich werde der meistgesuchte Mann im ganzen Land sein, so eine Chance dürfte er sich nicht entgehen lassen."
      Diese Tatsache einmal laut auszusprechen, hatte einen ganz anderen Beigeschmack als lediglich nebenbei darüber nachzudenken. Es war die einzige Sache, die ihn wirklich an seiner ganzen Planung störte: Er liebte sein Land, er liebte seinen König, er liebte seine Nachbarn, er wollte nicht von seinen eigenen Mitmenschen als Verräter abgestempelt werden. Aber es war unausweichlich, das wusste er. Das wusste er schon lange.
      Nachdem er sich in den Bart griff und für eine Weile auf die Karte starrte, während es sonst im Raum still blieb, blickte er schließlich wieder auf. Kassandra stand noch immer unbeweglich dort und hatte noch immer nicht einmal nach unten gesehen und beobachtete lieber Zoras. Er starrte zurück, halb in Gedanken bei einem Treffen mit einem verunsicherten, nervösen Herzog und halb bei der Erkenntnis, dass Kassandra heute merkwürdig war. Verglichen mit Menschen hatte sie immer etwas eigenartiges an sich, mit ihrem stoischen Blick und ihrer natürlichen Würde, die sie wie eine Krone nach außen hin trug. Aber heute war sie eben nicht ganz stoisch, das glaubte er aus der Verbindung zu ihr mittlerweile erkannt zu haben und er hatte auch erkannt, dass es nur wenige Dinge geben konnte, die Kassandra wirklich aus der Ruhe bringen konnten. Leben und Tod waren eine Sache davon, aber im Moment planten sie einen Herzog zu überzeugen und dabei so wenig Verluste wie nur möglich zu erleiden. Das konnte es also nicht wirklich sein.
      "Kassandra?"
      Er streckte den Rücken durch und richtete sich dabei auf. Kassandras Augen folgten jeder noch so kleinen Bewegung - ein bisschen wie ein Raubtier, wie er fand.
      "Woran denkst du? Ich kann es ja fast schon spüren, dass du nicht ganz bei der Sache bist."
      Er kam nach einem Moment wieder um den Tisch herum und blieb vor ihr stehen, den Blick ähnlich starr auf sie gerichtet wie sie es bei ihm tat. Es fehlte ein gewisses Leuchten in ihren Augen, wie ihm auffiel.
      Als er sprach, wurde seine Stimme schlagartig weicher und eine Spur leiser, als hätte er Angst, sie könnten gehört werden.
      "Behagt dir etwas an dem Plan nicht? Ist es, dass du nicht kämpfen willst? Wir können die Armee mitnehmen, das ist gar kein Problem. Abgesehen davon bin ich mir ziemlich sicher, dass es vollkommen reichen wird, ihnen ein bisschen Angst einzujagen, wie du schon gesagt hast."
      Sein Blick wanderte zwischen ihren Augen hin und her.
      "Aber du musst es mir schon sagen, wenn es etwas gibt, andernfalls kann ich es nicht ändern."
    • Kassandras Augen verschmälerten sich kaum merklich. Empfand Zoras bei ihrer plötzlich anderen Haltung Argwohn? Oder gar Furcht? In diesem Moment fand selbst sie es schwierig zu deuten, was es hieß als Zoras ihren Namen fragend aussprach und sich aufrichtete. Selbstverständlich nahm er eine Veränderung wahr, alles andere wäre auch nur unlogisch gewesen.
      "Ich bin bei der Sache? Sonst würde ich dir wohl kaum konstruktive Vorschläge machen", entgegnete sie und umschiffte dabei die Frage nach ihren Gedanken.
      Sie konnte ihn nicht an ihrer Gedankenwelt teilhaben lassen. Oder zumindest noch nicht. Er würde es nicht verstehen - oder gar schlimmer noch, den eigentlichen Widerspruch in ihren Aussagen ausfindig machen. Jetzt gerade konnte sie sich gedankenlos verhalten, da er einzig und allein mit seinem Plan beschäftigt war. Aber nun, als er seine Augen auf sie richtete, veränderte sich der Fokus seiner Aufmerksamkeit. Es wurde gar noch fataler als er entschied seinen Platz zu verlassen und den lächerlich kurzen Weg um den Tisch herum zu ihr zu bestreiten. Langsam zog sie ihre Hände von der Tischplatte zurück damit sie sich ihm zuwenden konnte, kaum kam er vor ihr zum Halten. SIe taxierten sich beinahe wie Jäger, die auf den Fehler des jeweils Anderen warteten.
      Allerdings traf der geänderte Tonfall seinerseits Kassandra völlig unerwartet. Sie hatte Skepsis erwartet oder gar einen anklagenden Tonfall. Doch ganz sicherlich keinen, der viel zu sanft für die Tatsache war, dass sie gerade Kriegspläne ausarbeiteten. Diese Überraschung brach tatsächlich ihre doch recht angespannte Miene auf und ließ Zoras auf die dahinter liegende Empfindung blicken. Für einen Moment schien sie mit ihren Worten zu hadern, dann fand sie ihre Fassung wieder und eine gewisse Kontrolle machte sie in ihrem Gesicht breit. Doch noch immer fehlte das helle, freundliche Glitzern in ihren Augen. Es hatte den Kampf gegen die Dunkelheit verloren.
      "Schick mich auf das Schlachtfeld, Zoras."
      Die Worte kamen mit solcher Entschlossenheit von der Phönixin, dass man ihr die Worte ungefragt abnehmen musste. Als wäre es das Natürlichste auf der Welt obwohl sie beide wussten, dass dem nicht so war. Zoras kannte die Legenden, die sie absichtlich um die Phönixe aufgebaut hatte. Er würde den Widersprch aus drei Meilen erkennen.
      "Es darf nicht einer deiner Männer fallen. Niemand. Lass mich allein gegen eine feindliche Armee bestehen. Sieh zu, wie sie in Flammen aufgehen und untrennbar zu Asche zerfallen wie die Umgebung um sie herum."
      Allein das löste schon ein Bild in ihrem Kopf aus, das sich zur Gänze entwickelte. Der erste Mal ließ sie ihre gedankliche Barriere etwas hinab, sodass dieses Bild, ihre Empfindungen, zu ihm herüberschwappen konnten. Wie ein dünner Rinnsal, der sich entlang eines schmalen Pfades seinen Weg suchte. Er würde das gleiche Bild in seinem Kopf haben wie sie: Ein Schlachtfeld, getaucht in Rauch, Feuer und Blut während sie inmitten dieses Chaos stand und nichts anderes war als ein einziger Feuerball. Man hörte die verzweifelten Schreie, roch praktisch die Angst, die sich in der Luft mit dem beißenden Gestank von verbranntem Fleisch mischte. Alles überlagert von einem Lachen, das so grausam schön klang wie das Knacken der Erde kurz vor einem Vulkanausbruch.
      Kassandra ging sogar noch einen Schritt weiter. Sie ließ ihren Träger eine Sehnsucht spüren, die sie sich selbst nur ungern zugestand. Sie wollte nicht nur auf das Schlachtfeld, sie musste es. Sie war dafür gemacht und das war ebenso der Grund, warum sie aus den Kreisen der ihren verstoßen worden war. Kassandra war nicht einfach nur blutrünstig oder ergötzte sich an dem Leid der so viel schwächeren Menschen. Zoras würde auch keine Rachegelüstet ihrerseits spüren können. Nur einen quälenden Drang, der sie dorthin zog wo später Massengräber errichtet werden würden. Und dafür brauchte sie ihre Kraft, dafür brauchte sie ihre Essenz zurück.
      Eigenmächtig hatte sich ihre Hand ihren Weg an seinen Ärmel gesucht, wo sich ihre Finger in den Stoff gruben. So tief, als wolle sie ihn allein mit ihren Fingern teilen. Sie atemte gezwungen aus als sie sich bewusst wurde, dass sie ihre mentale Barriere so weit heruntergelassen hatte, dass Zoras näher an ihrem wahren Ich dran war als je ein anderer Mensch, mit Ausnahme Shukrans. Vielleicht war er sogar in der Lage die gut versteckte Sorge zu entdecken, die sie vor seiner Reaktion hegte.
      "Ich bin nicht die ehrenhafte und gutmütige Phönixin wie du sie dir in deinem Kopf vorstellst, Zoras. Es gibt einen Grund, warum man mich verstieß. Weil ich anders bin. Die Legenden, die ihr kennt, stimmen. Aber sie gelten alle nur für meine anderen Artgenossen und nicht für mich. Ich bin nicht das, was du von mir denkst..."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Kassandra hielt Zoras' aufgeschlossenem Blick stand, aber kaum als er das Wort erhob, veränderte sich etwas an ihr. Er konnte die unmerkliche Bewegung in ihrem Kiefer sehen als der Muskel zuckte, konnte beobachten, wie ihre Stirn sich etwas glättete und ihr Blick an Intensität zunahm. Etwas an dem Blick kam Zoras bekannt vor, etwas das er schon öfter gesehen hatte, wenn auch nicht bei Kassandra, aber er konnte nicht den Finger darauf legen. Kurz glaubte er darauf kommen zu können, wenn er nur einen Moment länger Zeit gehabt hätte sie zu betrachten, aber dann war der Augenblick vorüber und ihre Miene war so unleserlich wie sonst. Er blinzelte seine Überraschung fort. Hatte er es tatsächlich gerade geschafft, Kassandra aus der Fassung zu bringen?
      Bei ihren folgenden Worten suchte er vergeblich nach weiteren Anzeichen, die sich hinter der Fassade ihrer Mimik verbargen, aber er konnte nichts mehr erkennen - nichts als die völlige Kontradiktion ihrer Worte. Sie wollte auf das Schlachtfeld? Er hatte ja bereits gewusst, dass sie als einzige Phönixin eine gewisse Tendenz zum Krieg hatte, aber gleich in solch einem Ausmaß, dass es ihre natürliche Neigung zum Gleichgewicht zwischen Tod und Leben überschattete? Sie wollte eine Armee auslöschen, wenn sie vor ein paar Wochen noch eine solch herzzerbrechende Miene zur Schau gestellt hatte, als sie den einzelnen Soldaten im Thronsaal umgebracht hatte? Zoras konnte sich keinen Reim daraus machen, egal wie sehr er es versuchte.
      "Kassandra..."
      Er brach wieder ab, als etwas anderes seine Gedanken flutete, eine Szenerie, die nicht seiner eigenen Fantasie entsprungen war. Er sah ein undefinierbares Schlachtfeld vor sich, eine weite, dunkle Ebene, deren Boden mit tiefschwarzem Schlamm überzogen war, die an den Rändern nahtlos in einen finsteren, von dunklen Wolken durchzogenen Himmel überging. Der Boden war mit einer Mischung aus Blut, Leichen und Schlamm überzogen, wie er nur einen Augenblick später bemerkte, die Kämpfenden eine undefinierbare Masse aus Ruß, Feuer und Leibern, die gleichzeitig versuchten einander wegzuschieben und dem strahlenden Mittelpunkt zu entgehen, einem haushohen Leuchtfeuer, das Kassandra selbst war. Das Bild war so realistisch, Zoras konnte es beinahe spüren, er konnte die gepeinigten Schreie hören, das charakteristische Dröhnen eines Schlachtfelds, konnte den beißenden Gestank von Rauch und Blut riechen, konnte ihn sogar beinahe schmecken, konnte das alles ergreifende, überweltliche Lachen hören, das über die Gegend hallte.
      Und dann spürte er fast, wie er in dieses Bild hineingezogen wurde, wie sich ein Strudel auftat, der an seinem Inneren zerrte und ihn dazu nötigen wollte, genau dorthin und nirgends anders hinzugehen. Das Gefühl kam plötzlich und überraschend - und er kannte es. Wenn auch nicht in einer solchen Intensität, wenn auch nicht mit dem Beigeschmack, dass er überhaupt keine andere Wahl haben konnte; er kannte es. Und es brachte sein Herz zum Schlagen.
      Kassandras Berührung brachte ihn ein wenig zurück auf den Boden der Tatsachen und er merkte, dass sie sich unablässig angestarrt hatten, was sich wie eine Stunde angefühlt hatte, aber nicht mehr als ein paar Sekunden hätte sein können. Er fühlte sein Herz noch immer rasen, die Aussicht auf ein Schlachtfeld, wenn es auch nicht sein eigenes war. Auf die Gelegenheit, auf einem Pferderücken zu kämpfen.
      Er sah hinab auf ihre Hand, die sich so fest in seinen Ärmel krallte, dass die Knöchel fast weiß hervortraten. Langsam hob er die eigene Hand und legte sie über ihre, spürte augenblicklich ihre weiche Haut, die ausstrahlende Wärme. Als er wieder aufsah, glaubte er endlich, den Blick von vorhin begriffen zu haben, auch wenn er sich nicht sicher war, ob sein bescheiden menschlicher Verstand dem einer Phönixin gerecht werden könnte.
      "Du liebst den Kampf... oder? Dabei bist du dafür ausgelegt, den Lebenden zu helfen, deine Macht dazu einzusetzen, den Tod herauszuzögern. Ist das der Grund, weshalb du verstoßen wurdest - weil du das Gleichgewicht störst?"
      Er kniff die Augen zusammen, mehr in einer wissbegierigen Art und Weise als irgendwas anderes.
      "... Was drängt dich so sehr aufs Schlachtfeld? Worin siehst du dort deinen Sinn?"
      Das Bild hing noch immer in seinem Hinterkopf und versorgte ihn mit den schwachen Resten seiner Lockungen. Er dachte erneut daran, beschwor es willentlich wieder hervor um sich Kassandra genauer vorzustellen, um sie inmitten der breiigen Masse nicht nur als simples Feuer, sondern als wahre Naturgewalt zu sehen, als ein unaufhaltsames Etwas, das alles und jeden in seinem Weg mit lichterlohen Flammen vernichtete. Und dann ging er ein Stück weiter, konnte es nicht verhindern sich das Schlachtfeld realistischer vorzustellen, als die Gegend Gestalt annahm und zu der Hügellandschaft von Theriss wurde, als im Mittelpunkt Wappen erschienen, Banner in die Höhe schossen und Flaggen in einem Wind wehten, der zweifellos den Geruch des Todes mit sich brachte. Selbst die Soldaten nahmen etwas mehr Gestalt an, zumindest bis Zoras sich unweigerlich selbst in das Bild setzte, an der Spitze tausender Kavalleristen, die auf das Geschehen zuschossen. Er versuchte Kassandra etwas anderes zu vermitteln als sie es getan hatte, konzentrierte sich für einen Moment lieber auf das Gefühl des Windes, der ihm in die Ritzen seiner Rüstung peitschte, auf die Geschwindigkeit, mit der er auf das Feuer zuschoss, auf die Leichtigkeit, mit der er sein Langschwert schwingen konnte, aufdass es selbst dem best gerüsteten Mann den Kopf abschlagen könnte. Sein Drang, der ihn auf das Schlachtfeld zog, war ein anderer, es war ein Gefühl der Freiheit und der Unantastbarkeit, vielleicht auch ein wenig der Unsterblichkeit. Solange er auf einem Pferderücken saß, solange er die Bewegungen des Tieres unter sich spürte, wie es mit ihm beinahe schon dahinflog, konnte er das Schlachtfeld dominieren. Keine Rüstung wäre stark genug für ihn, kein Schwert schnell genug, kein Pfeil präzise genug. Er würde in die Masse aus Leibern einfallen und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen, unberührt und unaufhaltbar, wie ein Reiter der Apokalypse persönlich oder sogar wie der Tod.
      Er würde sich einem Gott gleich fühlen.
    • "Man stirbt, wie man lebte; das Sterben gehört zum Leben, nicht zum Tod."

      Es vergingen einige Sekunden, in denen Kassandra nicht sofort auf Zoras Fragen hin antwortete. Zu viele Erinnerungen prasselten wie Starkregen auf sie ein und Stimmen, die wie weit entferntes Heulen klangen, schrien in ihr Ohr. Solange man im Himmelsreich sich heimisch wähnte, beschäftigte sich kein Gott mit dem Grund seiner Existenz. Sie alle entstanden, wenn genug Menschen an sie glaubten und so musste auch irgendeine verzweifelte Gruppierung Kassandra in die Existenz gewünscht haben. Doch warum sie es taten, was sie sich damit erhofften, würde ihr auf ewig unbeantwortet bleiben.
      "Wir sind nicht dafür gemacht, den Tod hinaus zu zögern. Wir beobachten nur den Fluss und wenden Widriges von ihm ab. Aber ja, ich gefährde dieses Gleichgewicht. Indem ich eigenmächtig entscheide, wessen Zeit abgelaufen ist", flüsterte sie beinahe, sodass von der Entschlusskraft kaum noch etwas zu hören war.
      Aber ihre Augen brannten. Es war, als rangen Licht und Finsternis um die Vorherrschaft in ihrer Seele, rissen an dem dünnen Konstrukt, das nie für solch eine Belastung konzipiert worden war. Die Zeit auf der Erde hatte ihre stahlharte und meterdicke Schutzschicht ihrer Seele auf nun mehr ein dünnes Laken reduziert wodurch es nur eine Frage der Zeit war, bis die feinen Risse im Stoff sich zu klaffenden Löchern entwickeln würden.
      Dann überkam ein abgewandeltes Bild des Schlachtfeldes sie. Noch immer fand sie sich selbst im Fokus, wie sie befreit lachte und das spürte, was Zoras niemals erleben würde. Was kein Mensch jemals erleben würde. Doch die Umgebung nahm mehr Kontur an und asbald erkannte sie, dass er sich Theriss vorstellte, wie es unter donnernden Hufen erbebte und von ihrem Feuer verzehrt wurde. In der Ferne sah sie ihn an der Spitze einer kavalleristischen Einheit auf sie zu preschen und bekam sofort das Gefühl von Freiheit vermittelt, das so anders war als jenes, das sie selbst kannte. Als Mensch waren sie gezwungen, am Boden zu bleiben und nie kilometerhoch über den Köpfen aller anderen zu schweben. Den Wind, der durch seine Rüstung pfiff unter den eigenen Schwingen zu fühlen und wie er ihnen Auftrieb gab. Wie niemand sie je erreichen können würde, kein Pfeil weit genug flog und keine Waffe der Welt sie berühren können würde.
      Unerwartet löste Kassandra die krampfhafte Haltung ihrer Finger an Zoras Ärmel, um die Hand zu drehen und so seine Hand in ihre nehmen zu können. Langsam aber sicher schwand der kontrollierte Ausdruck in ihrem Gesicht und wich dem eines gewöhnlichen Menschen mit all den Reaktionen, die eine Interaktion überhaupt erst ermöglichten. Die Sehnsucht, der sie ihn vorhin hatte fühlen lassen, legte sich als Grund in ihre Augen. Darüber legte sich eine Spur Frust, Scham und eine immense Unruhe, die sie bisher immer erfolgreich ausgeblendet hatte.
      "Weißt du, wir sind angehalten, uns von der Erde fernzuhalten. Denn wenn wir unsere Neutralität verlieren und wir vergessen wer wir sind, dann stellen wir die größte Gefahr für euren ganzen Planeten dar. Die heftigen Wirbelstürme, die vereinzelt auftreten sind Wutausbrüche des Phalanx. Poseidon ist für die gigantischen Flutwellen verantwortlich, die ganze Küstenstreifen den Erdboden gleichmachen. Niemand von ihnen war so lange auf der Erde wie ich, Zoras." Das war der Moment, in dem aus dem ohnehin schon leisen Geflüster eine brüchige Stimme wurde. "Weshalb bin ich so, wie ich bin? Warum musste man mich so erschaffen und nicht wie die anderen? Ich will gar nicht für den Tod für Abertausende verantwortlich sein, aber es fühlt sich einfach.... so gut an."
      Sie trat einen Schritt von ihm zurück, gab seine Hand frei um ihre Handinnenflächen zu mustern. Ein bitteres Lächeln erschien in ihrem Gesicht, gleichzeitig von Wahnsinn geprägt als auch von unendlichem Schmerz.
      "An meinen Händen klebt so viel Blut, dass ich gar nicht mehr weiß, wo ich anfange und anfhöre. Immer wieder erinnere ich mich an einen Satz, den man uns mit unserer Existenz geschenkt hat." Sie machte eine Pause, ließ die Hände sinken und richtete ihre großen Augen auf den Herzog. "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein."
      Es klang wie ein Glaubensspruch in ihren Ohren aber Kassandra selbst wusste nicht einmal, woher sie diesen Satz kannte. Er war so eng mit ihr verbunden wie ihr Name und beschrieb in etwas das Phönomen, welches sie durchlitt.
      "Im Himmel stirbt niemand. Wir agieren dort nicht gegen den Fluss. Aber hier werde ich damit regelrecht erschlagen. Und jedes Mal, wenn ein Leben durch mich endet, fließt sein Licht in mich und durch mich hindurch zurück in den Mahlstrom. Jedes Mal hinterlässt das Lebenslicht der Getöteten Rest in mir, die zu meiner Energie werden. Deswegen bin ich hier in meiner Hülle nahezu unsterblich. Weil ich mich von der Lebensenergie von Menschen speisen lasse, die ich töte. Deren Faden ich willentlich durchtrenne."
      Diese Worte hatte sie nicht einmal an Shukran gerichtet. Damals wusste sie auch noch nicht, dass es so funktionierte und sie irgendwann in den Wahnsinn treiben würde. So wenig wie sie jetzt gerade spürte, dass sie zwar lächelte, ihre Augen allerdings langsam zu schwimmen begannen.
      "Und das fühlt sich so, so gut an, Zoras."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Weitere Bewegungen gingen in Kassandras Mimik vor sich, die so verborgen waren, dass Zoras sie nicht gesehen hätte, wenn er nicht genau vor ihr gestanden und sie so eindringlich beobachtet hätte. Es war schwierig zu beschreiben, unmöglich zu erkennen, wenn man nicht Kassandras sonst so steinerne Miene kannte, wenn man nicht wusste, dass sie nichts fühlen konnte, was einer menschlichen Empfindung gleich gekommen wäre. Umso erschütternder war es, dass er glaubte, Unsicherheit zu erkennen. Grauen? Verzweiflung? Es brannte in ihren Augen, aber es war nicht das typische Feuer, das dort brannte.
      Als er schließlich seine eigene Vorstellung des Schlachtfelds vermittelte - er konnte Kassandras Anspannung geradezu spüren, während sie seine Gedanken las - löste sie sich plötzlich von ihm und ergriff seine Hand direkt. Ihre Wärme ergriff ihn, viel deutlicher als noch davor, sie strahlte durch seine Hand und seinen Arm hinein in seine Brust und von dort in seinen ganzen Körper, eine solch simple Geste, die alles andere als simple Hintergründe hatte. In Kassandras Gesicht bewegte es sich schon wieder und dieses Mal war es Zoras, der das Grauen verspürte, als er beobachten konnte, wie ihre Maske in sich einfiel. Was darunter zum Vorschein kam, war menschlicher als Zoras selbst, als alles sterbliche, es war so weit von einer Gottheit entfernt, dass man sich ernsthaft hätte fragen müssen, ob überhaupt noch etwas göttliches in diesem Ausdruck liegen mochte. Auf eine äußerst intime Art wirkte Kassandra so verletzlich, geradezu zerbrechlich, wie sie ihre Emotionen in ihrem Gesicht widerspiegelte, dass Zoras davor zurückschreckte, auch nur eine Bewegung seinerseits zu tun. Er kam zu der surrealen Überzeugung, dass auch nur ein falscher Atem dafür sorgen könnte, dass etwas in Kassandra brach und dieses Etwas alles andere mit sich reißen würde.
      Als sie nach einem Moment wieder sprach, lag dieselbe Verwundbarkeit in ihrer Stimme, wenn nicht sogar eine weitaus größere. Irgendetwas an ihren Worten drang so stark in sein Gedächtnis ein, dass seine Arme bei dem Gedanken prickelten und sich seine Haare zu Berge stellten. Niemand von ihnen war so lange auf der Erde wie ich. Alle Welt wusste von der Herrschaft der Götter, von Zeus als den einzigen Gottvater, dem Herrscher über den Olymp, von Re, der Sonne selbst, von Hades, dem Herrscher der Unterwelt. Sie waren in ihrer Bedeutung, in ihrem Einfluss, in ihrer Macht so viel höher als Kassandra, so viel wichtiger als sie und dennoch hatte sie ihnen eine einzige Sache zum Vorteil, die sie nicht in tausend Jahren bekommen hätten. Niemand von ihnen war so lange auf der Erde wie ich. Und während Zoras sie weiter beobachtete, glaubte er eine Facette an ihr zu erkennen, an die er nie vorher gedacht hatte, aber die ihm so natürlich hätte scheinen müssen wie Kassandra selbst. Sie war schon seit hunderttausenden - millionen? - von Jahren auf der Erde, gefangen in einer nicht für Götter geschaffenen Welt, dazu verdammt mit einem Bruchteil ihres Selbsts auf dem immer gleichen Boden zu wandeln. Was machte die Gefangenschaft mit dem Gefangenen, der kein Sonnenlicht erhielt, der nichts anderes aß als Brot und nichts anderes trank als Wasser, der nicht weiter gehen konnte als vier Schritte in die eine und drei in die andere Richtung, der tagein, tagaus auf dieselben Steine starrte, dieselben Geräusche hörte, dieselben Empfindungen spürte? Er klammerte sich mit dem letzten Rest seines Seins an den letzten Rest seines Verstands, reduziert auf den animalischen Selbsterhaltungstrieb allein, nicht mehr davon. Er verlor die Menschlichkeit. Nichts anderes war mit Kassandra geschehen, nur mit dem Unterschied, dass sie nie ein Mensch, sondern immer eine Göttin gewesen war. Gewesen war.
      Zoras holte den letzten Schritt zu Kassandra wieder auf, als könnte die kleine Distanz zwischen ihnen noch fatal werden. Er legte die Hand an ihren Hals, als müsste er sie stützten, auch wenn nichts ihrer bröckelnden Miene auf ihren Körper ausstrahlte. Sein Blick fixierte sie noch immer eindringlich und starr, er erlaubte es sich nicht, auch nur einmal wegzusehen.
      "Kassandra, jemand hat dich erschaffen aus einem Grund. Du bist genauso wichtig wie Zeus' Blitze, wie der Mond des Thot, wie die Wölfe der Artemis. Das was du fühlst ist genauso wichtig, es ist Teil dieser Welt wie alles andere auch, es muss Teil dieser Welt sein, weil du es auch bist. Es ist richtig, was du tust."
      Er glaubte einmal gehört zu haben, dass die Tränen eines Phönix etwas heiliges waren, aber niemand hätte ihn jemals darauf vorbereiten können, wie entsetzlich schrecklich es war, einen Phönix weinen zu sehen. Es schmerzte spürbar in seiner Brust allein schon zu beobachten, wie sich die Feuchtigkeit in Kassandras Augen ansammelte und sie zum Glitzern brachte. Erst damit bemerkte er, wie viel in Kassandra schon zerbrochen sein musste.
      "Hey", flüsterte er vorsichtig, kam noch ein Stück näher und schloss die Arme sanft um sie. Wie sollte man einen Phönix beruhigen, der einer Existenzkrise unterlag?
      "Du bist nicht verantwortlich für irgendjemandes Tod, wenn du nur das tust, wofür du geschaffen worden bist. Vielleicht solltest du ja gar nicht im Himmel bleiben, um deine Existenz abzufristen, hm? Vielleicht ist es richtig, dass du heruntergekommen bist. Vielleicht ist es sogar wichtig."
      Er legte eine Hand auf ihre Haarpracht und streichelte mit sanften Bewegungen darüber.
      "Fühlt es sich denn richtig an?"
    • Kassandra hatte mit diesem einen Schritt Abstand zwischen ihnen eine dringend benötigte Distanz zwischen sie beide gebracht. Als Zoras nun auf sie zutrat, den einen Schritt von ihr egalisierte, wäre sie am liebsten direkt weitere Schritte zurückgewichen. Doch ihr Stolz, das letzte bisschen Stolz, hielt sie davon ab. Hielt sie sogar davon ab, seine Hand wegzuschlagen, die sich an ihren Hals legte und eine Stütze darstellte, die sie gar nicht brauchte. Noch immer waren ihre Blicke fest an den des jeweils Anderen gebunden und Kassandra hatte Mühe, ihre Sicht klar zu halten. Sie blinzelte nun schon deutlich öfter als zuvor, doch noch immer hatte sich keine einsame Träne den Weg über ihre Wange bahnen können.
      In einem Punkt schien Zoras sie jedoch misszuverstehen. Noch immer war sie sich ihrer Stellung, ihres Wertes bewusst. Wäre sie es nicht, hätte sie nicht hoch erhobenen Hauptes bis jetzt über die Erde wandeln und jede Demütigung ertragen können, die man ihr angetan hatte. Sie wusste ganz genau, wer sie war und dass niemand ihre Existenz bedrohen würde wenn sie es nicht wollte. Aber ob das richtig oder falsch war, was sie tat, wagte sie nicht zu beurteilen.
      Und dann tat Zoras wieder das, was die Phönixin bereits einmal bei ihm erlebt hatte. Er umfing sie wieder mit seinen kräftigen Armen, wie ein Schutzkäfig, ein aus Fleisch gemachtes Kettenhemd. Doch was sie fühlte, war nicht die typische Last des Metalls sondern nur eine Zärtlichkeit über die sie sich wunderte und fragte, ob er sie wirklich ausgerechnet ihr entgegenbringen sollte. Stand es ihr zu, solch eine Geste einfach anzunehmen und sich sogar zu erdreisten, Gefallen an ihr zu finden?
      "Ich weiß nicht, was meine eigentliche Aufgabe ist. Ob ich eine habe oder haben sollte. Selbstverständlich bin ich für den Tod eines jeden verantwortlich, der durch meine Hände stirbt. Ich sehe bei jedem, wie viel Zeit er noch hat. Zoras, ich sehe, wie viel Zeit sogar du noch auf Erden hast. Das ist der Lauf der Natur und ich unterbreche diesen höchstnatürlichen Fluss auf die schlimmste erdenkliche Art und Weise", sagte sie gedämpft an seiner Brust und verstummte kurz als er begann über ihr Haupt zu streichen.
      Erst da knickte sie weiter ein, schloss die Augen und gestattete der einsamen Träne, sich aus ihrem Augenwinkel zu lösen. Sie bahnte sich ihren Weg über ihre Wange, wo sie einfach verdampfte und niemals ihr Kinn erreichen würde. Sie schmiegte ihr Gesicht an seine Brust und war einfach nur dankbar darüber, den Rhythmus eines schlagenden Herzens hören zu können. Allerdings brachte sie es noch nicht über sich, die Umarmung im Vollen zu erwidern - ihre eigenen Armen legten sich nur auf seiner Taillenhöhe um Zoras' Leib.
      "Vielleicht war es richtig, dass ich herabgestiegen bin. Vielleicht bin ich auch notwendig für eure Welt und sehe es einfach nicht. Aber es fühlt sich nicht direkt richtig an. Nur... gut. Es zieht mich immer wieder zu solchen Taten und ich bereue sie meist viel später, wenn der letzte Rest des Lebenslichtes der Toten völlig absorbiert worden ist. Dann erlischt das Hochgefühl und Resignation stellt sich ein. Ich sollte den Lauf des Lebens ehren, stattdessen sabotiere ich ihn."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras ließ Kassandra geduldsam ausreden, in Gedanken bereits mit der Frage beschäftigt, wie viel Zeit ihm wohl als Lebenszeit zuzuschreiben wäre. Wäre darin der Plan seines Aufstands bereits beinhaltet? Oder war es ausschließlich die Zeit, bis man durch Altersschwäche sterben würde, ganz unabhängig von Kriegen und Krankheiten?
      Hatte Kassandra auch eine Zeit? Konnte sie sich selbst sehen?
      Er vermied allerdings das Thema anzusprechen, aus Rücksicht darauf, dass Kassandra ihm in diesem Zusammenhang etwas ganz anderes vermitteln wollte - nämlich, dass sie sehr wohl Schuld daran war, dass das Leben ihrer Opfer vorzeitig verendete. Auch diese Aussage hätte Zoras gerne hinterfragt, denn kaum ein Tod war doch wirklich unverschuldet, wenn derjenige nicht ausgerechnet durch Altersschwäche verstarb. Jeder konnte vom Tod überrascht werden und da war eine Phönixin, die das Leben verfrüht beendete, wahrscheinlich noch die geringste Sorge.
      Aber auch das sprach er nicht aus, nachdem sich ihre Stimme noch immer furchtbar verletzlich anhörte. Stattdessen umarmte er sie weiterhin und konzentrierte sich auf das gleichmäßige Kraulen seiner Hand. Er konnte nicht wirklich abschätzen, ob es ihr helfen mochte oder nicht, aber zumindest hatte sie die Arme sachte um seine Taille gelegt und das war wohl mehr, als er sich erhoffen konnte. Für den Moment genoss er in vollsten Zügen, ihren Körper an seinem zu spüren, auch wenn die Berührung so zart war, dass er sie nur sachte unter seinem Hemd spüren konnte.
      "Aber wieso sollte es sich gut anfühlen, wenn es nicht richtig ist? Hm?"
      Er kannte das Hochgefühl, von dem Kassandra sprach, auch wenn sein Hochgefühl vermutlich gänzlich anders zu ihrem war. Aber er wusste, was sie meinte; er konnte es sich vorstellen, das Gefühl des Adrenalins in der Schlacht, das einem Leichtfertigkeit bescherte. Es war wohl ein deutlicher Unterschied zwischen ihm, einem Menschen, der in einen von ihm heraufbeschworenen Krieg zog und Kassandra, einer Phönixin, die gar nicht erst auf der Erde weilen sollte. Aber Schicksal war eine merkwürdige Sache und Zoras hatte schon früh gelernt, es nicht zu hinterfragen.
      "Hast du dich dem Gefühl denn jemals ganz hingegeben, es richtig ausgelebt? War es nicht gut?"
    • "Wieso fühlen sich manchmal die verbotenen Dinge so unglaublich gut an?", stellte Kassandra umgehend die Gegenfrage. "Warum lieben manche Auftragsmöder das Gefühl, wie ein Leben durch ihre Hand stirbt? Warum ergötzt ihr euch an Wein und Bier obwohl es das reinste Nervengift ist? Wieso gibt dir nur das Schlachtfeld das Gefühl von Unsterblichkeit?"
      Die letzte Frage hatte sie nur leise formuliert. Sie wusste, dass er ihr diesen Eindruck in seiner ergänzten Erinnerung vermittelt hatte und manch ein Anderer es vielleicht als einen Übergriff in die Privatssphäre verstanden hätte. Sie beiden waren allerdings auf einem Level verbunden, das sich über das normale Verständnis hinaus erstreckte. Wenn sie es so wollte, dann würde er ihre Empfindungen genauso einfach lesen können wie sie die seinen.
      "Ja, ein einziges Mal. Ein einziges Mal wurde ich auf ein Schlachtfeld mit der Anweisung geschickt, den entscheidenen Streich für meinen Träger auszuführen. Also entsandte er mich auf das Feld und stellte mir frei, alles zu tun, damit seine Seite als Sieger hervorging. Und das tat ich auch."
      Wissentlich stählte Kassandra ihren Geist, damit die nun aufkeimenden Erinnerungen nicht zu Zoras strömen würden. Es war eine Erinnerung aus der Egoperspektive, ein einziger blutiger Erinnerungsteil in dem sie viel zu viele Menschen abschlachtete. In diesem Moment verspürte sie keine Reue und kein Mitleid. Es war eine losgelöste Freude, ein Hochgefühl, das viel zu nah am Wahnsinn kratzte. Ein Traum aus dunkelrot und Eisen.
      "Das andere Volk hatte nicht den Schutz eines Champions besessen. Also schlachtete ich tausende von Soldaten auf dem Schlachtfeld ab und verlor mich so sehr, dass ich nicht mehr zwischen Freund und Feind unterscheiden konnte. Alle, die nicht rechtzeitig die Flucht ergriffen fielen mir zum Opfer bis ich schlussendlich auf einem Leichenberg stand und mein Träger zu mir kam, um mir Einhalt zu gebieten. Ab da beschloss man, mich nie wieder loszulassen und schrieb es in den Chroniken nieder, die sich über die Jahrhunderte verloren. Irgendwann wusste man nichts mehr von dem Schrecken, der Menschen einerlei wie Vieh richtete. Man vergaß mich, die man immer in Ketten gehalten hatte, um nie wieder ein vergleichbares Massaker anzurichten."
      Indes hatte sich der Griff um Zoras' Taille verstärkt. Kassandras Augen waren nicht mehr geschlossen, denn dann würde sie sich nur in der Erinnerung verlieren. Also starrte sie in den hellen Stoffs seines Hemdes, damit das rot nicht die Überhand gewann.
      "Danach traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag. All die toten Männer unter meinen Füßen waren durch mich gestorben, waren durch mich hindurch geflossen und nährten das Feuer in mir wie Brennstoff. Ich war zu einer Naturkatastrophe geworden, die nur durch meinen Träger oder einen anderen Gott aufgehalten werden könnte. Und das wollte ich nie sein."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen, während er sich Mühe dabei gab, möglichst unbeteiligt zu wirken. Dabei war ihm um ein weiteres Mal Kassandras Direktheit zuwider, mit der sie die Tatsachen ansprach. Wieso sollte man sich Gedanken darum machen, dass Wein und Bier den Körper vergifteten, wenn sie einem als Gegenleistung Sorglosigkeit bescherten? Schließlich lag der Genuss im geregelten Maß und das konnte wohl kaum in irgendeiner Weise schädlich sein. Und warum sollte Zoras hinterfragen, weshalb er es liebte, auf das Schlachtfeld zu reiten? Würde man Anubis fragen, ob er es genoss, die Seelen Verstorbener ins Totenreich hinüber zu geleiten und würde er mit Ja antworten, würde man es ihm doch auch nicht vorwerfen? Er war dazu geschaffen, dasselbe konnte doch auch für Zoras gelten. In einer Welt, in der die meisten Probleme mit einem Krieg gelöst wurden, konnte es doch kaum verboten sein, einen gewissen Gefallen an ihm zu finden.
      Aber er weihte Kassandra nicht in diese Gedanken ein, zum größten Teil, um sich nicht ablenken zu lassen. Stattdessen fuhr er mit seiner Streichelei fort und wartete geduldsam darauf, dass Kassandra seine Frage beantworten würde. Sie tat es, aber nicht ohne eine spürbare Distanz zwischen ihrer beider Gedanken zu schaffen, so als wollte sie einen weiteren Teil vor ihm verheimlichen. Zoras drängte sie nicht danach, genauso wenig wie sie ihn am Vortag bedrängt hatte, als er gedroht hatte, mental einzubrechen. Sie hatte ihre eigene Last zu tragen, wie sie ihm deutlich vermittelte, und obwohl diese überraschend menschlich war, war es doch nicht minder etwas, das seine Spuren hinterlassen hatte. Wäre es nicht so weit gekommen, hätte Kassandra sich nicht so sehr im Rausch verloren, hätte sie vielleicht auch niemals zu hinterfragen begonnen, ob es wirklich richtig war, was sie dort tat. Sie wäre auch niemals behandelt worden, wie es geschehen war. Womöglich hätte eine andere Situation auch genau das Gegenteil hervorgebracht.
      "Wir werden es besser machen, hörst du? Wir werden kein ungebremstes Massaker in Theriss entfachen, nicht du, nicht ich und auch sonst keiner. Aller Genuss der Welt kann nur in Maßen richtig aufblühen, auch deiner."
      Er hätte Kassandra gerne ins Gesicht gesehen, wollte sich aber nicht selbstständig aus der Umarmung trennen. Kassandras Arme um ihn waren steif geworden und so gab er sich damit zufrieden, die Finger durch ihre Haare zu schieben und sanft über ihre Kopfhaut zu reiben. Kassandra ließ es sich gefallen, oder duldete es vielleicht auch einfach nur.
      "Ist es das, was du willst? Was würdest du tun, wenn du die alleinige Entscheidung darüber hättest?"
    • Bei Zoras' erstem Satz als Reaktion auf ihre Geschichte konnte Kassandra nur einen tiefen Atemzug machen und rein gar nichts erwidern. Stattdessen blieb sie einfach still in der Umarmung stehen, ließ sich den Kopf streicheln und versuchte, die netten Versprechungen die Wahrheit übermalen zu lassen. Denn tief in ihrem Inneren wusste die Phönixin es besser. Ab dem Zeitpunkt, in dem Zoras sein Versprechen einhielt und ihr ihr Herz zurückgab, würde eine Inbrunst in ihr erwachen, die kein Halten kennen würde. Die lange Zeit unter den Menschen hatte sie mehr verdorben als alles andere und es gab niemanden, der ihren Zorn ersticken würde, wenn er von heiligem Feuer gespeist wurde.
      Stattdessen gab sie sich damit zufrieden, ihre Arme noch ein wenig fester um ihn zu schließen. Zu spüren, was sich unter ihren Armen befand und dabei bewusst werden, dass die aufkeimende Panik erfolgreich bekämpft worden war. Dass unter ihren Armen ein lebendiges Wesen weilte, das sie nicht als schöne Zierde oder Mittel zum Zweck betrachtete. Denn das konnte sie mittlerweile bestimmt von ihm sagen. Tatsächlich wollte sie gerade loslassen, da hörte er auf einfach über ihren Kopf zu streicheln und schob die Finger zwischen ihre Haarsträhnen. Prompt überkam sie eine leichte Gänsehaut - so eine Handlung, gerade von dem sonst eher steifen Zoras, überrumpelte Kassandra. So sehr sogar, dass sie nichts gegen ein entspanntes Seufzen unternehmen konnte, das sich in Eigenregie verflüchtigte.
      Sei es drum, dachte sie schlicht während sie für einen weiteren Moment doch die Augen schloss nachdem sich die Erinnerungen regelrecht aus ihrem Geist verflüchtigt hatten. Folglich reagierte sie zunächst gar nicht auf seine Frage sondern schwelgte einfach in diesem Augenblick, in dem der Balast so weit weg und nicht greifbar war wie schon lange nicht mehr.
      Wäre sie egoistisch oder gierig gewesen, hätte sie sigar für Stunden noch hier gestanden. Aber dafür hatten sie nicht die Zeit und Kassandra spürte, wie es etwas reger im Haus zuging und Teal, der gerade zwischen den Räumen am hin und her springen war, im schlimmsten Falle einfach hereinplatzen und diesen Anblick präsentiert bekommen könnte. Dann wäre Zoras wahrlich in Erklärungsnot.
      Also löste die Phönixin ihre Arme um Zoras' Taille und tippte ihm auf den Arm damit er sie freigab. Dies tat er umgehend und sie brachte wieder diesen ominösen einen Schritt zwischen sie beide. Als sie ihn nun jedoch ansah, wirkte sie wie verändert: Die Ausdruckslosigkeit war aus ihrem Gesicht verschwunden und war einem lebendigen Augenpaar gewichen, das nun offen die Gesichtszüge ihres Trägers beobachtete. Nicht einen Moment verlor sich ihre Blick hinüber zu den Karten. Ihre Aufmerksamkeit galt allein dem Mann im Raum.
      "Wenn du an deinem Plan festhältst wirst du nie erfahren zu was ich werde, nachdem du gestorben bist", warf sie ihm völlig unvorbereitet an den Kopf, aber es war das Bedauern, das ihre Mimik dominierte. "Du wirst nie wissen, ob ich doch zur Naturkatastrophe geworden bin. Ob der Zurückerhalt meines Herzens nicht sogar dein eigenes Land in Schutt und Asche legen wird. Dir wird so unglaublich viel entgehen."
      Eine kleine Pause entstand, die gerade einmal ausreichte, um Luft zu holen. Völlig absichtlich hatte Kassandra die Worte so formuliert, damit sie sich nicht die Blöße gab und in Worte fassen musste, wie sie ihre nun anschließende Aktion begründen würde. Nach ihrem Satz griff sie nach Zoras' rechter Hand und führte sie an ihre eigene Wange. Dort hielt sie mit ihrer schmäleren Hand seine deutlich größere für einen Augenblick an Ort und Stelle, die Augen geschlossen und nur auf die Atmung konzentriert. Dann schlug sie die Augen auf, sie brannten sich mit einer unglaublichen Intensität in die Augen des Herzoges. Ganz langsam führte sie seine Hand über ihren Kieferknochen abwärts bis sie seitlich an ihrem Hals verharrten und er ihren gleichmäßigen Pulsschlag erfühlen können würde.
      "Dir entgeht dann hiervon alles. Jede Sekunde, in der du etwas fühlst. Jede Sekunde, in der du etwas siehst. Dir entgehen Möglichkeiten, dich in den Erinnerungen und Herzen anderer unsterblich zu machen. Willst du das alles wirklich aufgeben?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Einen Moment standen sie beisammen wie ein Liebespaar, ein sehr merkwürdiges und unausgeglichenes Liebespaar, das sich einander hielt, als hätte nichts außerhalb ihres begrenzten Umfeldes noch eine größere Bedeutung. Zoras spürte Kassandra deutlich entspannen, als er anfing ihren Kopf zu kraulen, als würde ein Teil der Last von ihren Schultern fallen. Er konnte nicht verhindern, dass ihre Reaktion eine gewisse Genugtuung in ihm auslöste, die ihn seltsam befriedigt stimmte. Er war dazu in der Lage, dass sich die Phönixin in seinen Armen entspannte - genauso gut hätte sie ihm sagen können, dass er der mächtigste, stärkste und klügste Krieger in ganz Theriss war. Es hätte dieselbe Auswirkung bei ihm gehabt.
      Er hätte nichts dagegen gehabt, noch weiter in dieser Art und Weise zusammen zu stehen, während außerhalb des Raumes die Welt sich weiter bewegte. Freiwillig hätte er sich sowieso nicht von Kassandra getrennt, nicht wenn es nicht nötig war. Aber alle schöne Zeit musste einmal enden und als Kassandra die vorherige Distanz zwischen ihnen wiederhergestellt hatte, spürte er die plötzliche Kälte an seiner Brust so scharf durch das Hemd hindurch wie einen Luftzug. Wäre Kassandra noch ein wenig länger bei ihm geblieben, hätte sich die Wärme sicherlich in seinen Knochen abgesetzt, dessen war er überzeugt.
      Nun aber wieder auseinander, hatte auch Zoras die Gelegenheit seinen Kopf wieder etwas zu sortieren - zumindest bis Kassandra das Wort erneut erhob. Ihr Blick war wie ausgewechselt, völlig lebhaft und aufmerksam und kaum mit etwas anderem beschäftigt, als mit Zoras selbst. Ihn durchfuhr bei diesem Ausdruck eine andere Art von Wärme, die er dafür konkret einsortieren konnte. Ihre Worte lenkten ihn ein wenig in die andere Richtung.
      "Es geht ja auch gar nicht darum, dass -", setzte er an, die Augenbrauen in einer defensiven Weise etwas zusammengeschoben, den Blick dennoch nicht von Kassandra abwendend, als sie unvermittelt seine Hand ergriff und zu ihrer Wange führte. Er vergaß auf halbem Weg den restlichen Satz, der sich soeben noch in seinem Gehirn manifestiert hatte und vergaß auch, was ihm denn so unglaublich wichtig daran war klarzustellen, dass es ihm nicht zu Herzen ging, dass er verpassen würde, was mit Kassandra und seinem Land nach seinem Tod geschah. Er starrte allerdings auf seine Hand an ihrer Wange hinab, auf die unendlich zarte Haut ihres Gesichtes, auf den markanten Kontrast der rauen, abgehärteten Oberfläche seiner Hand und der zarten, makellosen ihrer Wange, die sich beinahe vollkommen in seine Handfläche bettete. Er konnte ihre Reinheit deutlich spüren, so fein sogar, dass er Angst haben musste, etwas von dem Schmutz seiner vergangenen Erfahrungen von sich auf Kassandra zu übertragen. Er schluckte die aufkommende Trockenheit in seiner Kehle hinunter, als er die feinen Bewegungen ihrer Muskeln unter sich spürte, während sie seine Hand seitlich über ihren Kiefer zu ihrem Hals leitete. Die Hitze kam zurück, in einer ganz unmissverständlichen Welle dieses Mal, und bestrafte ihn dafür, an diesem Tag keine Uniformhose angezogen zu haben. Eigentlich hätte er sich von einer solch simplen Geste gar nicht erst so übermannen lassen, es war doch schließlich nicht bei weitem die erste Frau, die er berühren konnte, und auch nicht die intimste Geste, die er jemals einer gegenüber gebracht hatte, aber bei Kassandra schien selbst das einen Funkenwirbel in ihm auszulösen. Er konnte es sich nicht erklären, vielleicht lag es daran, dass sie eine Phönixin war, dass er es sich als Mensch erboste, sie zu berühren, dass sie eine solch gegensätzliche Miene zum Vorschein trug, die ihre sonstliche Unbewegtheit völlig außer Kraft setzte. Wie würde es sich anfühlen, Kassandra den Hof zu machen, schoss es ihm schlagartig durch den Kopf, weiter angefacht von ihren so harmlos klingenden Worten. Wie würde es sich anfühlen, sie zu berühren?
      Er schluckte ein weiteres Mal und zog den Blick zu ihren Augen empor.
      "Nein, ich..." Der Abstand zwischen ihnen wurde ihm langsam lästig, wie eine Grenze, die ihn fernhalten sollte. Er überquerte diese Grenze zum zweiten Mal an diesem Tag, den Blick nicht von Kassandra abwendend, die Hand sanft, aber bestimmt an ihrem Hals. Sie fühlte sich so gut an.
      "Kassandra, kann ich -"
      Ein mittellautes Klopfen an der Tür unterbrach ihn jäh und ließ Zoras von Kassandra wegzucken, als hätte er sich an ihr verbrannt. Mit einer Mischung aus aufwallender Verlegenheit und Frustration wandte er sich dem Kartentisch zu, stützte sich darauf und nahm sich eine Sekunde Zeit, um den Sturm seiner Gedanken zu besänftigen, bevor er rief:
      "... Ja?"
      Es war Elive, die ihren Kopf hereinstreckte, Kassandra einen minimalen Blick zuwarf und sich dann an Zoras richtete.
      "Ein Bote ist da, Zoras. Er hat eine Nachricht für dich allein."
      Zoras wandte sich ihr zu und bemühte sich dabei, Kassandra keinen Blick zuzuwerfen, auch wenn es womöglich so wirkte, als wolle er sie ignorieren.
      "Ryoran kann ihn doch empfangen."
      "Die Nachricht trägt das königliche Siegel, Zoras."
      Er stutzte kurz, dann nickte er unbeteiligt, als hätte die Erwähnung des Königs nicht sein Innerstes zum Aufbegehren gebracht.
      "Gut, ja. Ich komme."

      Der Bote war ein schlanker, hochgewachsener Mann Anfang 30 mit einer irgendwie arroganten Art. Die Wachen hatten ihn ins Foyer eskortiert, wo er sich steif wie ein Soldat aufgestellt hatte. Wahrscheinlich war er auch genau das, vermutete Zoras, dem kein Grund einfallen sollte, in Kriegszeiten keinen Mann loszuschicken, der sich nicht verteidigen konnte.
      Die Tatsache, dass der Bote sich nicht verneigte, als Zoras ins Foyer kam, während sämtliche anderen anwesenden Soldaten unmittelbar salutierten, war schonmal ein schlechtes Zeichen. Nicht, dass Zoras etwas gutes erwartet hätte, wenn es ein königlicher Bote war.
      Ryoran war auch schon da und taxierte den Mann mit grimmigen Blicken. Nach seiner Laune zu schließen, hatte er sich wahrscheinlich schon mit ihm gestritten; im Hintergrund tänzelte Teal herum, hibbelig über dieses Ereignis, kaum dazu in der Lage, seine Anspannung zu verbergen.
      "Herzog Luor der Unerschütterliche, Kriegsherr aller sechs Länder, Herrscher über die vereinten Ländereien des Lavaierstroms: Seine Majestät lässt grüßen."
      Der Bote präsentierte die versiegelte Rolle in einer nahezu theatralischen Geste, die Zoras dazu nötigte, die letzten zwei Schritt vorzutreten und sie - unter großem Widerwillen seiner Wachen - entgegenzunehmen. Er bedachte den Boten schon gar nicht mehr und machte sich an das Aufbrechen des Siegels.
      "Danke. Du kannst gehen."
      "Ich sollte mit einer Antwort zurückkehren. Herr."
      Da sah Zoras doch noch einmal auf, musterte den Mann kurz und widmete sich dann mit steigender Nervosität der Schriftrolle. Er wusste nicht, was er erwartete; er wusste nicht einmal, was er sich erhofft hätte. Als es dann allerdings nur ein äußerst formeller Haftbefehl war, mit dem sich Zoras des Hochverrats schuldig gemacht hatte und aufgefordert wurde, vor Seiner Majestät um Gnaden zu suchen, fühlte er sich unwahrscheinlich erleichtert. Nur die Unterschrift am unteren Rand, die krakelige, abgehackte Schrift mit dem unordentlichen Tintenfleck, war ihm wie ein Dorn im Herz. Es war beinahe so, als würde Feris direkt zu ihm sprechen und das war dann doch auf einer höchst emotionalen Art unangenehm.
      "Nur das, was wir erwartet haben", verkündete er tonlos an alle Zuhörer, die es interessieren mochte, bevor er die Hand in die Richtung des Boten wedelte.
      "Warte draußen, ich habe meine Antwort bald."
      Damit zog er sich zurück, auch wenn er schon beabsichtigte, keine schriftliche Antwort zurückzuschicken.
    • Jemand hatte sich von außerhalb auf das Gelände der Luors begeben. Jemand, dessen Licht ihr fremd war und zu keiner Relation zu denen stand, die Kassandra hier hatte fühlen können. Es war kein übermenschlich starkes Licht, aber so signifikant, dass es ihr direkt aufgefallen war, kaum kam es in Reichweite. Es gesellte sich in Anwesenheit von anderen Personen des Hofes, entfernt konnte sie auch Ryoran, Teal und noch deutlicher Elive ausmachen. Es war auch das Licht eben jener, die sich nach einer gewissen Zeit auf den Weg machte und unmissverständlich in ihre Richtung kam. All dies nahm die Phönixin war noch während sie den Herzog triezte und versuchte zu manipulieren.
      Wie erwartet reagierte Zoras auf ihre Berührung. Sie sah es in seinen Augen noch bevor er den ersten Schritt auf sie zu trat und das bisschen Abstand zwischen ihnen wieder ins Nichts verfrachtete. Unmissverständlich hatte sie ihn nur mit leisen Worten und sanften Gesten zu sich gerufen und er folgte diesem Ruf wie selbstverständlich. Die Hand an ihrem Hals entwickelte eine Eigendynamik, sodass sie sie nicht mehr wirklich festhalten musste sondern von ihr gehindert wurde, zu weichen.
      Als Zoras erneut die Stimme anhob ahnte Kassandra bereits, was er fragen wollte und wusste ebenso um ihre Antwort. Doch noch eher wusste sie, dass er seine Frage nie zuende stellen können würde, denn Elives Licht hatte vor der Tür angehalten, dort verweilt und schließlich mit einem Klopfen auf sich aufmerksam gemacht. Als träfe ein Schlag den Herzog wich der Mann vor ihr zurück, wandte sich ab und kehrte so schnell an den Tisch mit der Karte zurück, dass es selbst Kassandra einen Augenblick lang irritierte. Sofort verschränkte sie ihre Arme vor der Brust und legte den Kopf etwas schief, so als dachte sie über eine Äußerung des Herzoges nach. Ihr Blick heftete sich an Elive, die ihren Kopf durch die geöffente Tür steckte und Zoras eine Botschaft überbrachte. Kassandra schwieg nur und nickte Zoras, der sie eh nicht beachtete, kurz zu ehe dieser sich auf den Weg machte um den Botschafter zu empfangen. Dafür würde er sie nicht brauchen.
      Etwa fünf Sekunden verharrte die Phönixin in ihrer Haltung ehe sie sich sicher war, dass niemand noch einmal zurückkehren würde. Dann brach ihre Fassung, nahezu furios gestikulierte sie einmal hoch zur Decke und entsandte einen Fluch in den Himmel. Hätte sie Zoras wirklich nur manipulieren wollen, dann würde sie jetzt nicht so frustriert sein. Elive nicht den Tod wünschen und erst recht nicht wie ein ungestümes Ding den Raum auf und ab wandern. Aber sie brauchte diese Bewegung jetzt, die wenigen Meter hin und zurück um ihre kreisenden Gedanken wieder zum Erliegen zu bringen. Was hatte sie sich eigentlich gerade vorgestellt oder gar gewünscht? Eindeutig hatte sie sich nur von der Situaition und der Stimmung mitreißen lassen. Er hätte sie gefragt, ob er sie hätte küssen dürfen und sie hätte ihn abgewiesen. Dieser Ausgang war so fest in Stein gemeißelt wie sie Herrin über das heilige Feuer war. Eine unumstößliche Tatsache, die in ihren Grundfesten jedoch zu bröckeln begonnen hatte.

      Teal hatte sich alle Mühe gegeben, nicht auffällig im Hintergrund umher zu hibbeln. Irgendwann hielt es ihn jedoch nicht mehr und er musste immer wieder von links nach rechts und wieder zurück an der Seite seines Vaters, der den Botschafter nur verdrossen niederstarrte. Niemand war mit dem Auftreten des augenscheinlich arroganten Boten einverstanden und Teal brannte es in den Ohren zu erfahren, was in der Rolle mit dem Siegel stünde. In seiner Aufregung fiel ihm nicht einmal auf, wie wider des Standes sich der Bote aufführte, als Zoras zu ihnen stieß und nach der Rolle verlangte.
      Zoras löste das Schauspiel auf und bestätigte den Verdacht aller. Teal konnte nur dem Boten hinterher sehen, der widerwillig den Saal verließ und den er vermutlich nicht wiedersehen würde. Der Junge hatte einfach viel zu viel gelesen und wusste, wie man sich nun verhalten können würde. Blieb sein Onkel bei dem Aufstand würde er diesen Boten ohne eine schriftliche Nachricht zurückschicken.
      Warum also kein Exempel statuieren und Kassandra es tun lassen?
      "Wird er die Zunge zurückschicken? Oder den Kopf?", flüsterte der Junge seinem Vater zu als er sicher war, dass der Bote das Haus verlassen hatte. "Warum lässt er Kassandra nicht ein Zeichen setzen?"

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