Salvation's Sacrifice [Asuna & Codren]

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    • Sämtliche Augen am Tisch wandten sich gleichzeitig zu Teal um, der sprach, als wäre er einer der königlichen Berater höchstpersönlich. In seinem jungen Alter hatte er bereits eine Sache gemeistert, die den meisten Erwachsenen - Zoras eingeschlossen - noch immer Mühe bereitete: Den Subtext von Konversationen herauslesen. Allein durch die Angabe, dass der Aufstand zahlenmäßig auf einer schlechten Seite stand, hatte er bereits erkannt, dass eine andere Wahrheit dahinter steckte. Und obwohl er wohl nie darauf gekommen wäre, was diese Wahrheit wirklich war, war es doch erstaunlich, dass er überhaupt so weit gekommen war.
      Ein solches Talent war gefährlich, nicht nur in einem vom Aufstand geplagten Land, sondern auf der ganzen Welt. Obwohl es sicherlich nützlich war, den Subtext herauslesen zu können, war es bei weitem nicht sehr nützlich, ihn auch anzusprechen. Die meisten Hintergrundgespräche - ja, wenn nicht sogar alle - waren darauf ausgelegt, auch genau solche zu bleiben und nicht in den Vordergrund geholt zu werden. Was Teal daher gerade veranstaltete, könnte ihn bei vielen Leuten schnell unbeliebt machen.
      Aber Zoras glaubte, vor Stolz gleich platzen zu müssen. Was dem Jungen an Körperkraft fehlte, machte er mit einem scharfen Verstand und einer passend scharfen Zunge wieder wett. Er würde noch Übung benötigen, wie in allen Dingen des Lebens, aber eines Tages würde er ein erschreckend herausragender Stratege werden. Besser noch, als sein Vater und dessen Bruder zusammen.
      "Vollkommen richtig, Junge. Auch wenn deine Vermutungen noch daneben liegen. Aber dafür kannst du nichts, das sind vollkommen berechtigte Überlegungen."
      Wenn sein Großvater ihn nur sehen könnte, er hätte sich von dem Jungen vermutlich selbst erweichen lassen.
      Ryoran schien etwas ganz ähnliches zu denken, denn sein Blick hatte an Härte verloren, während er Teal beobachtete, und war stattdessen nachdenklich geworden. Zoras wartete einen Moment, um ihm die Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen. Als er stumm blieb, sprach er weiter.
      "Teal, sag mir: Was ist die fünfte Regel der Kriegsführung?"
      Die Antwort kam ohne den Hauch einer Verzögerung und Zoras nickte bestätigend.
      "Ganz richtig. Ich hätte wohl kaum einen Putsch organisiert, ohne mir den Ausgang zu sichern - gleiches gilt natürlich für den Aufstand. Wir haben - faktisch gesehen - einen Nachteil, aber nur wenn man alle außergewöhnlichen Faktoren außer Acht lässt."
      Sein Blick wanderte zu Ryoran, um dessen Aufmerksamkeit zu bekommen. Was er gleich offenbaren würde, war für seinen Bruder wichtiger zu verstehen als für Teal.
      "Unser außergewöhnlicher Faktor in diesem Fall ist ein Champion. Ein Phönix."
      Ryoran blinzelte ihn an und Elive gab einen erschrockenden Laut für sich. Zoras bemerkte nur einen Augenblick später, dass sich das ein wenig falsch anhörte, also zog er das Amulett aus seiner Brusttasche hervor und präsentierte es auf seiner geöffneten Hand wie eine Jagdtrophäe.
      Ryoran lehnte sich ruckartig nach vorne, als könne er seinen Augen nicht trauen.
      "Zoras, wie im Namen aller Götter bist du bitte an einen Champion gekommen?"
      "Er ist hier, in unserem Haus?", fragte Elive fast gleichzeitig, ihren Blick genauso auf das Amulett gerichtet. Zoras zeigte es auch Teal, stellte aber sicher, dass der Junge nicht danach griff.
      "Durch Zufall, möchte ich meinen. Und ja, sie ist in unserem Haus. Sie ruht sich aus, ich werde sie morgen vorstellen."
      Bei der Gelegenheit erzählte er auch gleich, wie er Kassandra am Marktplatz getroffen hatte, wie er sie erworben und an den König übergeben hatte, wie der Jäger sich eingemischt und das Gefüge durcheinander gebracht hatte, wie der Putsch letztendlich daran gescheitert war; in seiner Geschichte hatten sie den König ebenso im Thronsaal erreicht, doch Kassandra hatte sich ihnen heldenhaft in den Weg gestellt, wodurch Zoras gezwungen war, den Rückzug anzutreten. Er hatte den König erpresst, um sich die Flucht zu sichern, und hatte das Amulett überstellt bekommen. Er hatte Kassandra befohlen den Jäger zu töten und war schließlich mit ihr geflohen.
      Bei Gelegenheit würde er ihr die neue Geschichte erzählen müssen, möglichst noch bevor sie mit jemand anderem darüber sprach. Vorerst würde er sich aber wohl keine Gedanken darüber machen müssen.
      Ryoran nickte, noch immer nachdenklich, aber lebhafter in Aussicht dieser Ereignisse. Er schien gedanklich bereits die Möglichkeiten durchzugehen, die ein Champion brachte, was Zoras ihm nicht verübeln konnte.
      "Ein Phönix. Aber sie sind doch auf Heilung spezialisiert, oder?"
      Sein Blick huschte doch tatsächlich zu Teal mit der Hoffnung auf Auskunft.
    • Für einen Moment hatte Team den Eindruck, über die Stränge geschlagen zu haben. Alle Augenpaare lagen plötzlich auf ihm, wie er so über dem Tisch lungerte und machten ihm schmerzlich bewusst, dass er seine Grenzen gerade mehr als nur strapazierte. Er war schon dabei, sich wieder vorsichtig nach hinten in seinen Stuhl gleiten zu lassen, da wandte Zoras das Wort direkt an ihn. Nahezu umgehend gewann der Junge wieder an Rückgrat, als er wie aus der Pistole geschossen antwortete: "Führe keinen Krieg, dessen Ausgang du nie gewinnen wirst."
      Teal kannte die Texte in und auswendig. Eine Zeit lang hatte er sie einem Mantra gleich vor sich hin gemurmelt, wenn er des Nachts nicht einschlafen konnte und ihm kein neues Buch untergekommen war. Er kannte jegliche historische Geschichte zur Gründung Luors, jeden Namensträger, der Einfluss in der Geschichte hinterlassen hatte. Viel zu viele Mythen und Sagen von Göttern, die einst auf die Erde hinabstiegen machten den Jungen zum besten Geschichtenerzähler des Herzogtums, doch brüsten tat er sich mit dem Wissen nur wenn sein Vater oder sein Onkel danach fragten.
      "Unser außergewöhnlicher Faktor in diesem Fall ist ein Champion. Ein Phönix."
      Teals Augen quollen regelrecht über. Nicht nur, dass es der erste Champion Theriss' war, sondern auch noch direkt in seiner Greifweite und nicht festgesessen in der Hauptstadt. Er war so nah an etwas Unbeschreiblichem, dass er sich einbildete, eine gewisse Präsenz plötzlich spüren zu können. Als Zoras das Amulett zum Vorschein brachte, hielt nichts mehr den Jungen auf seinem Stuhl. Er saß einfach viel zu weit weg als dass ein einfacher Blick seine Neugierde in irgendeiner Form auch nur ansatzweise befriedigen konnte. Allerdings stand er noch immer an seinem Platz und war nicht wie ein Kleinkind um den Tisch herum gerannt.
      "Sie ist einfach so hier im Haus? Einfach so in einem Zimmer? Unglaublich...", staunte Teal und schüttelte nur vage den Kopf, ein verzücktes Grinsen war auf seinem Gesicht erschienen.
      Langsam setzte er sich wieder auf seinen Hosenboden als der Herzog zu berichten begann, wie er an Kassandra gelangt war. Wie der Putsch misslungen war und sie am Ende flüchten mussten. Eine Sache verstand Teal von Anbeginn nicht ganz: Warum hatte Zoras den Phönix nicht direkt genutzt und gegen die Wachen geschickt, nachdem er sie unter Kontrolle hatte? Der junge Luor kannte die Sagen, die Geschichten hinter den Göttern, aber nicht das Prozedere im Umgang mit einem Champion.
      Dann kam wahrlich der Moment, auf den Teal gefühlt Jahre gewartet hatte. Endlich kam der Moment, in dem man Wert auf das legte, was sein elendiges Bücherwälzen mit sich brachte. Das erste Mal wurde darauf gebaut, dass sein Wissendurst sie alle erhellen möge und der Ausdruck in den Augen seines Vaters sorgte dafür, dass der Junge seine schmächtige Brust noch ein Stückchen weiter rausstreckte.
      "Korrekt. Eigentlich. Phönixe besitzen von den mythischen Wesen die weitreichendste Heilungsfähigkeit. Sie neutralisieren sämtliche Gifte, können abnormale Verletzungen heilen und angeblich sogar Lebewesen von den Toten zurückholen, wenn sie denn so wollen. Sie sind darüber mächtig in der Magie begabt und sind wohl schön anzusehen und anzuhören..."
      Er machte eine Pause, rollte die Augen nach oben während er seine Gedankenpaläste durchforstete.
      "Ah, genau. Man setzt sie selten in direkter Kriegsführung ein sondern eher als unterstütztende Einheiten. Wobei es in der Geschichte einen Fall gab, wo es anders war. Ein einziger Phönix soll vom Himmel gestiegen sein und sich wie Ares persönlich in den Krieg geworfen haben. Völlig atypisch für die eigene Art. Selten sollen sie alle aber ohnehin sein."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Der gesamte Tisch lauschte Teals Erklärung, allesamt in einer stillen Übereinkunft darüber, dass man dem Jungen diese eine kleine Gunst gönnen sollte. Der Effekt war sogar augenblicklich sichtbar: Mit der neuen Haltung, in die Teal sich stolz warf, wirkte er gleich viel erwachsener. Reif sogar, wie ein wahrhaftiger, angehender Stratege.
      Was er ihnen erzählte, glich Zoras insgeheim mit dem ab, was er bereits von Kassandra wusste und konnte nur schmunzeln. Schön anzusehen und anzuhören war sie sicherlich. Und ein Phönix, der sich freiwillig in den Krieg begiebt? Das hörte sich schon fast zu passend an.
      "Danke Teal, sehr richtig. Vielleicht solltest du Kassandra fragen, ich habe so ein Gefühl sie könnte diesen Phönix kennen, der sich wie Ares benimmt."
      "Kassandra? So heißt sie?"
      Zoras nickte.
      "Kassandra die Phönixin."
      Ryoran rutschte auf seinem Stuhl herum und wirkte wieder nachdenklich, während Elive Zoras noch immer entgeistert musterte. Die arme Frau hatte vermutlich kaum die Neuigkeit über den Aufstand verarbeitet und war nun schon mit der Tatsache konfrontiert, dass der erste und einzige Champion in ganz Theriss nur wenige Räume weiter saß. Es war verständlich, dass sie nicht viele Worte fand.
      "Unser außergewöhnlicher Faktor ist also ein Champion, aber keiner von der kriegerischen Art", begann Ryoran, während sein Blick einen unsichtbaren Punkt auf dem Tisch fixierte. Der Mann ging gedanklich vermutlich schon die Armeeaufstellung durch.
      "Was wird sie also tun, unsere Soldaten heilen und gleich zurück in den Kampf schicken? Ein Lazarett betreiben, in dem der Aufenthalt nur fünf Sekunden lang ist?"
      "Kassandra kann kämpfen und sie wird kämpfen. Ihre Macht ist an ihre Essenz geknüpft und wird sich steigern, je länger ich ihr Träger bin. Ihr letzter Träger - Seine Majestät - hatte sie nur ein paar Wochen, das ist nicht lange genug. In ein paar Monaten kann sie genauso über das Schlachtfeld wüten wie ein Ares. Sie wird eine eigene Einheit bilden."
      "Einheit Kassandra?"
      "Ich hatte eher gedacht an Einheit Phönix."
      Ryoran schwieg für einen Moment, während er die Bilder seiner imaginären Schlacht verfolgte, in der eine Phönixin vorneweg ritt. Dann hob sich sein Blick zu Zoras und eine ungewohnte Neugierde erhob sich.
      "Dann steht es also vier gegen vier, aber auf unserer Seite ist die vierte Partei eine kämpfende Phönixin."
      Zoras nickte.
      "Dann liegen wir faktisch gesehen im Vorteil. Wir können gar nicht verlieren."
      Ein dünnes, falsches Lächeln schlich sich auf Zoras Gesicht, während er wieder nickte.
      "Faktisch gesehen, ja. Wir können gar nicht verlieren."

      Der Abend verflog mit weiteren Diskussionen darüber, was ein Aufstand mit sich brachte, wie sie mit einem Champion umgehen sollten, wie die Zukunft der nächsten Monate aussehen würde. Was ein anfängliches Wiedersehen zum Abendessen war, entwickelte sich schnell in eine Art Kriegsrat, bei der bereits über erste Strategien diskutiert wurde. Es war Elive, die Teal irgendwann zu Bett scheuchte und die beiden Männer daran erinnerte, dass Zoras einige anstrengende Wochen hinter sich hatte, sodass sie sich auch irgendwann zurückzogen. Zoras war abgrundtief erschöpft und müde, aber er war auch erleichtert, wieder Zuhause zu sein. Und nachdenklich, weil es jetzt kein Zurück mehr gab.
      Er blieb vor Kassandras Zimmer stehen, in der Überlegung noch einmal nach ihr zu sehen, sicherzustellen, dass es ihr gut ging, bevor er sich doch dagegen entschied. Was, hatte er sich schon so an ihre nächtliche Anwesenheit gewöhnt, dass er nicht mehr darauf verzichten wollte? War er etwa so alt wie Teal?
      Zum Schluss ging er doch in sein Zimmer, zurück in ein Bett das ausgelegt war für zwei und viel zu groß war, um darin ordentlichen Schlaf zu finden.
    • "Kassandra ist ein schöner Name... Welchen Ursprung hat der denn?"
      Wieder einmal ging Teal ganz anders an die Sache heran. Es spielte für ihn keine Rolle, dass der Champion des Landes eine Frau sein soll. Viel mehr interessierte er sich für den fremdländisch klingenden Namen, auf den Zoras selbst ebenfalls keine Erklärung hatte. Auch das wäre etwas, das der Junge bei Zeiten nachfragen musste.
      Allerdings verzog Teal das Gesicht als er die Äußerungen seines Vaters mitanhörte. Sicher, der Junge wusste nur mehr weil er tagtäglich seine Freizeit in Büchern versenkte, aber sein Vater unterschätzte da gerade massiv eine mythische Einheit.
      "Vater, selbst wenn ein Phönix nicht primär als eine kriegerische Einheit gilt... So ist er den Menschen dennoch in fast allen Aspekten überlegen. Gegen ihre Magie wir ein ganzes Battalion von Soldaten nichts ausrichten können, wenn sie sich ungezügelt ausleben dürfen", merkte Teal an, der sich endlich vorkam wie eines seiner Vorbilder und nicht mehr der frühreife Junge, der seine Nase nur ständig in sämtliche Angelegenheiten steckte.
      Daraufhin korrigierte Ryoran seine Aussage und rückte die Situation in ein anderes Licht. Während er weiter mit seinem Bruder beratschlagte, schaufelte sich der Jüngste am Tisch sein kaltes Essen in den Mund. Mit großen Augen und spitzen Ohren verfolgte er die Gespräche während er sein Essen herunter wolfte. Dabei stutzte er kurz als er seinen Onkel musterte. Er konnte seinen Finger nicht darauf legen, aber dieses dünne Lächeln, welches der Herzog trotz der verführerischen Lage mit dem Phönix zeigte, wirkte alles andere als siegreich entschlossen. Irgendwie trug es einen faden Beigeschmack, der nach dem nächsten Blinzeln bereits verflogen war.

      Irgendwann artete die Gespräche soweit aus, dass selbst Teal Schwierigkeiten hatte, sie in ihrer vollen Gänze zu erfassen. Das fiel auch seiner Mutter Elive auf, die ihren Sohn daraufhin erst anstupste, später jedoch regelrecht dazu nötigte, aufzustehen und den Saal zu räumen. Widerwillig verabschiedete er sich von seinem Onkel, seine Eltern würde er später wohl früh genug wiedersehen.
      Im oberen Stockwerk hielt Teal inne nachdem er ohne eine Bemerkung an der Wache vorbeigegangen war. Sein Blick flog über die dutzenden Türen, deren Räume dahinter er nur zu gut kannte. Vor seinem geistigen Auge versuchte er herauszufinden, in welchem Zimmer wohl der Champion sein mochte. Das Gästezimmer lag logischerweise am nächsten. Also ging er leisen Schrittes zur der Tür, legte sein Ohr an das Holz und lauschte.
      Stille.
      Missmutig runzelte er die Stirn und zog sich wieder ein Stück zurück. Was hatte er auch erwartet, dass man eine Göttin für sich allein singen hörte? Über sich selbst gefrustet schüttelte er den Kopf als er doch plötzlich etwas hörte. Er war sich nicht sicher, woher es kam, also drehte er sich schludbewusst um in den leeren Flur, um rein gar nichts zu sehen. Als er sich wieder zur Tür drehte, bewegte sich die Klinke und sie wurde recht schwungvoll geöffnet.
      Teal starrte Kassandra mit geweiteten Augen an, die nur etwa einen Kopf größer war als er. Seine Augen rasten förmlich über ihre gesamte Erscheinung und verfingen sich schließlich in ihren rubinroten Augen, die sie fragend auf den Jungen gerichtet hatte. Ihr Gesichtsausdruck war fragend freundlich, nicht wie die übliche kühle Maske, die sie trug.
      Teals Mund öffnete sich für Worte, doch er fand keine. Es drangen nur sinnlose Laute aus seinem Mund, das erste Mal in seinem Leben, und er schlug sich hastig die Hand vor den Mund. Dann schüttelte er vehement den Kopf, verbeugte sich vor Kassandra und rannte den Flur hinunter zu der Tür zu den Familiengemächern. Niemand durfte erfahren, dass er einfach so Kassandra über den Weg gelaufen war und dann nicht einmal ein einziges Wort zustande gebracht hatte. Also verkroch er sich in seinem Bett und suchte sich das nächstbeste Buch, das er finden konnte.
      Kassandra indes sah dem kleinen Rotschopf durch den Flur hinterher. Sie hatte seine Präsenz vor der Tür gespürt und wollte nachsehen, wer der kleine Lichtschein war, den sie selbst durch Wände sehen und fühlen konnte. Er teilte eine gewisse Ähnlichkeit zu Zoras Aura, was bedeutete, dass er ein Verwandter sein musste. Schließlich kehrte sie in ihr Zimmer zurück und verfiel wieder in ihren meditationsähnlichen Zustand bis sie etliche Zeit später wieder etwas spürte.
      Kassandra saß inmitten des Raumes auf dem Boden in einem knienden Sitz, die Augen geschlossen, als sie die Nähe ihres Herzens sowie Trägers spürte. Sie brauchte keinen Blick zur Tür richten um zu wissen, dass Zoras davor stand und wartete. Doch anstatt wie bei dem Jungen die Tür zu öffnen wartete sie ab, ob er klopfen würde. Nach einer gefühlten Ewigkeit zog Zoras weiter und ließ Kassandra in ihrer Ruhe allein zurück. Sie war sich nicht sicher, ob sie betrübt oder erfreut sein sollte. Betrübt, weil er sie doch nicht noch einmal sehen wollte oder erfreut, dass man ihr ihre Ruhe schenkte? Sie wusste es nicht.

      Stunden später, es dämmerte gerade erst, war Kassandra aus ihrem ereignislosen Schlaf erwacht. Ihr Blick war direkt zum Fenster gegangen, die ersten Sonnenstrahlen stahlen sich über die Hügel in der Ferne und tauchten die Wiesen in ein orangenes Meer, das sich im Wind zu wiegen schien.
      Ein kurzer Puls verriet ihr, dass Zoras noch immer gegenüber im Zimmer war und noch nicht aufgebrochen war. Anders als er würde sich das bei ihr gleich ändern. Sie warf sich ihre Kleider des Vortages über, die zwar noch immer nach Reise und Pferd stanken, aber den Zwekc erfüllten. Leise verließ sie ihr Zimmer und kreuzte die Wache, die wie angekündigt am Fuße der Treppe postiert war.
      "Richte Zoras aus, dass ich draußen bin, sollte er mich suchen", ließ sie den Mann wissen ehe sie sichdie Treppe hinab und durch die stille Halle nach draußen an die Luft stahl.
      Es dauerte nicht lange bis sie ein Fleckchen Zaun an einer Koppel gefunden hatte, das etwas außerhalb der nächsten Häuser lag. Sie war zwischen den hölzernen Strepen hindurchgeschlüpft, um sich auf den Pfahl zu setzen und die Füße am Stamm abzustützen. Ihr Gesicht war dem Sonnenaufgang zugewand so als würden sie die Strahlen direkt in sich aufnehmen. Der Wind ging leicht und trug Noten an ihre Nase, die sie so schon länger nicht mehr gerochen hatte. Gras, Freiheit und Leben, so anders als jene in der Hauptstadt. Seufzend nahm sie einen tiefen Atemzug, dann einen zweiten. Etwas Ruhe und Energie tanken, nur eben auf ihre Art und Weise.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es lag vermutlich an der Reise, dass Zoras die erste Nacht besser überstand, als er gedacht hätte. Er war am Morgen sogar recht ausgeschlafen und widmete sich endlich dem, was er am gestrigen Abend noch versäumt hatte: Ein ausgiebiges Bad und die Auffrischung seiner Kopfbehaarung. Als er nach dieser morgendlichen Läuterung den Raum verließ - er konnte die lästige Uniform auch endlich auslassen und trug stattdessen ein lose geknüpftes Hemd, eine dunkle Weste und eine Reiterhose - fühlte er sich nahezu energetisch. Es war Zeit aktiv zu werden und nach der gestrigen Erschöpfung, die er verspürt hatte, war das ein gänzlich erfrischendes Gefühl.
      Sein erster Weg führte ihn ohne Umschweife zu Kassandras Zimmer, um seine gestrigen Pflichten als Gastgeber nachzuholen und sich nach ihrem Wohlergehen zu informieren. Ganz abgesehen davon musste er sie wohl bitte, sich mental auf das Kennenlernen seiner Familie einzustellen, denn an diesem Tag würde es wohl keinen Weg daran vorbei geben.
      Als es nach mehrmaligem Klopfen noch immer still blieb, erfuhr er stattdessen von dem aufgestellten Wachposten, dass Kassandra schon ihr Zimmer verlassen und nach draußen gegangen wäre. Draußen fand er sie auf dem Zaun der zweiten Koppel sitzen und blieb auf halbem Weg stehen.
      Die Sonne war mittlerweile genug aufgegangen, um den rötlichen Schleier langsam abzulegen und die Welt stattdessen mit einem sanften, goldenen Licht zu berieseln. Die Pferde waren an einem solchen Tag kaum jemals nicht auf der Weide, ein Dutzend Gestalten im Hintergrund, die träge am Gras zupften oder über die Fläche trotteten. Und vor ihnen, am Rande der Koppel, saß Kassandra wie eine Skulptur, ein Symbol aus künstlerischer Freiheit, dessen Bedeutung sich jemand laienhaften wie Zoras nicht in hundert Jahren ergeben hätte. Sie saß entspannt auf dem Pfosten, den Oberkörper leicht zurückgelehnt um den Kopf gegen die Sonne zu halten, die von grauen Strähnen durchsetzten Haare prächtig und lebhaft über ihren Rücken fließend. Sie war vollkommen gelassen, aber unter der Oberfläche lag noch immer die ihr anhaftende Würde, wie eine Aura, die diese unscheinbare Haltung in etwas viel weiteres verwandelte. Sie warf einen langen Schatten über den Boden, während ihr Gesicht in das Gold der Sonne getaucht war und die Art und Weise, wie sich diese Faktoren miteinander verbanden, erschuf ein Bild, das Zoras mit Staunen betrachtete. Ihm wurden auf einen Schlag viele Dinge gleichzeitig klar: Das war nicht nur Kassandra, eine menschliche Hülle in der Form einer Frau, ein Champion in seinem Dienst, sondern es war ein Phönix, so sehr Teil dieser Welt wie die Sonne und die Bäume und die Erde, ein Wesen, dessen Zuhause die Luft war und nicht etwa ein Ort oder sogar eine Zeit. Sie war die Herrin über die Lüfte, sie waren ihr Bestimmungsort und ihre Stärke. Kassandra mit etwas menschlichem zu vergleichen war in etwa so, als wolle man das Sonnenlicht mit dem Licht eines Kronleuchters gleichsetzen.
      Zoras wurde nach einem Moment erst bewusst, wie glupschäugig er ihre Erscheinung anstarrte, als er mit sich focht, ob er tatsächlich zu ihr gehen und sie aus dieser sichtbaren Ruhe herausreißen sollte. Es kam ihm falsch vor; was war schon sein Recht, sich in ihre Natur einzumischen? Aber Starren konnte er genauso wenig und wenn er sich umdrehte, wieder wegging und sie ihn bemerkte, konnte er sich wohl kaum etwas einfallen lassen, weshalb er nach draußen gekommen war, nur um wieder hineinzugehen. Also setzte er seinen Weg zu ihr fort, ein langsamer Schritt, als müsse sein Körper sich erst daran gewöhnen, in ihre Aura einzutreten, bevor er es tatsächlich tat. Beim Näherkommen fielen ihm nur mehr Details auf, die ihn beinahe fesselten: Wie makellos und sanft ihre Haut in dem Morgenlicht glänzte, wie feingliedrig und elegant ihre Hände auf ihrem Schoß lagen, wie ungezähmt und doch so perfekt die Strähnen ihrer Haare über ihren Rücken und teils auch ihre Schulter fielen. Wie göttlich sie wirkte, auch in einem gewöhnlichen Gewand wie diesem, das kaum mehr war als eine Bauerstracht. Ihm fiel auf, dass er ihr keine neue Kleidung zukommen gelassen hatte; seine Pflichten als Gastgeber hatte er ordentlich vernachlässigt. Wie stümperhaft.
      "Guten Morgen."
      Er kam bei ihr zum Stehen und lehnte sich auf den obersten Balken, während er den Blick von ihr losriss, bevor sie ihn noch beim Starren erwischen würde. Aus dem Augenwinkel sah er das Licht allerdings noch immer auf ihrer Haut glänzen und für einen Moment überlegte er sich, ob er ihr ein Kompliment dazu machen sollte.
      Er wandte den Kopf zu ihr.
      "... Du siehst gut aus. Hast du gut geschlafen?"
      Zu seiner Verteidigung konnte man wohl kaum irgendwo herausfinden, wie man eine Göttin besser komplimentieren sollte. Vielleicht würde ihm ja eines Tages etwas besseres einfallen.
      "Ich werde dir ein paar Bedienstete unterstellen, sie werden dir geben, was auch immer du brauchst. Möchtest du dich uns vielleicht zum Frühstück anschließen?"
    • Das Morgenlicht in Luor erinnerte Kassandra an Zanuwa, der untergegangenen Hochkultur weit im Westen dieser Welt.
      Zanuwa war einst eine gewaltige Stadt inmitten eines Regenwaldes, die in Baumhäusern hoch in gigantischen Baumriesen errichtet worden war. Die Bauten waren wie Ringe um die dicken Stämme angeordnet und die einzelnen Ebenen mit Seilbrücken verbunden. Das Hauptbaumhaus war das einzige, das sich noch über die Baumkrone erstreckte und von dort hatte man eine atemberaubende Sicht über den gesamten Wald. Wenn dort die Sonne auf und unter ging, warf sie das gleiche Licht wie hier über die Hügel und Graswiesen.
      Zumindest bis Kassandra den gesamten Regenwald in eine einzige Brandwüste verwandelt hatte.
      "Guten Morgen."
      Fast wäre sie etwas zusammengezuckt, so vertieft war sie in ihren Erinnerungen an eine untergegangene Zivilisation, dass sie Zoras gar nicht bemerkt hatte. Ihre Lider flogen auf als sie den Kopf in seine Richtung neigte und ihn aus dem Augenwinkel betrachtete. Sie sah ihn das erste Mal in verhältnismäßig legerer Kleidung und war beinahe ein wenig erstaunt, wie wenig von seiner üblichen Präsenz jetzt gerade noch übrig war. Dem war Leichtigkeit gewichen und seine Augen waren bei Weitem nicht mehr so dunkel umrahmt wie sämtliche Tage zuvor. Das lockere Hemd mit der Weste und der Hose machten ihn augenscheinlich etwas jünger als er war, oder die Uniform hatte einfach den gegenteiligen Effekt davongetragen.
      "... Du siehst gut aus. Hast du gut geschlafen?"
      Kassandra rollte den Kopf im Nacken auf die andere Seite, ein leicht spöttisches Lächeln zierte ihre Lippen. "Möchtest du damit sagen, dass ich sonst etwa nicht gut aussehen? Aber gut geschlafen habe ich, danke. Du siehst auch eindeutig erholter und weitaus befreiter aus als die vergangenen Tage. Deine Zeit in deiner Heimat scheint dir gut zu tun."
      Heimat. Das war etwas, das ihr über Ewigkeiten abhanden gekommen war. Nie war sie lange genug in einem Land oder auch nur einer Stadt gewesen, um sie wahrlich als Heimat bezeichnen zu können. Ehe sie jemals an eine Familie oder generell an Beziehungen denken konnte, waren sie schon zerrissen und verbrannt worden. Die dünnen Fäden in ihrer Hand erschienen ihr als viel zu fragil, als dass sie je nach ihnen greifen können würde. Dass eben jene Fäden in den Händen der Menschen wie dicke Taue wirken konnten, wusste die Phönixin nicht. Ihr Zeitgefühl, ihre Hingabe, befanden sich schlichtweg auf einem gänzlich anderen Level.
      Als Zoras ihr das Frühstück vorschlug, fiel Kassandra wieder etwas ein. Dieses Mal drehte sie ihrem Träger den Kopf vollständig zu und ließ ihren Blick über seine Gestalt wandern bevor sie wieder in sein Gesicht blickte. "Sicher komme ich mit. Vielleicht treffe ich dann auch den Jungen von gestern Abend wieder. Ich dachte erst, du stündest vor meiner Tür. Stattdessen war es ein kleiner Rotschopf, ein Kopf kleiner als ich, der mich anstarrte und kein Wort herausbrachte. Er flüchtete schneller als ich etwas erwidern konnte."
      Das Lächeln wurde merklich breiter als Kassandra elegant von ihrem Sitzplatz glitt und unter den Streben auf die andere Seite der Koppel tauchte. Sie reckte die Arme hoch in die Luft, streckte sich und stemmte dann eine Hand in ihre Hüfte.
      "Also, Frühstück. Ich nehme an, dein Bruder, der eigentlich gekrönt werden sollte und seine Frau werden anwesend sein. Der Junge war dann demnach... dein Neffe?", schlussfolgerte sie und setzte sich an Zoras Seite in Bewegung zurück zum Haupthaus.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • So wie Kassandra in den Moment versunken war, hätte Zoras tatsächlich umkehren und unbemerkt wieder verschwinden können. Im Nachgang war er froh darüber, es dennoch nicht getan zu haben.
      Ihre Antwort auf seine Frage fiel so treffsicher wie immer aus und stach genau in seinen unsicheren Punkt. Was hatte er sich denn auch erhofft, dass sie sein Kompliment einfach so annehmen würde? Das sähe ihr wohl nicht gleich, so viel wusste er bereits von ihr.
      Er zog die Augenbrauen zusammen, während er bereits nach drei Antworten gleichzeitig suchte.
      "Du siehst immer gut aus, aber jetzt habe ich es dir ein Mal gesagt. Was ist, möchtest du etwa damit sagen, dass ich sonst nicht erholt und... ah. Verstehe schon."
      Das hatte man also davon, wenn man sich auf ihre Spielchen einzulassen versuchte. Zoras wollte empört aussehen und musste gleichzeitig grinsen.
      "... Ich ziehe das Letzte zurück. Aber ja, ich bin froh wieder Zuhause zu sein."
      Zuletzt wandte sie ihren Kopf ihm vollständig zu und als sich ihre Blicke begegneten, konnte Zoras mit erstaunlicher Klarheit beobachten, wie die frühe Sonne Kassandras Augen zum Leuchten brachte.
      "Ein kleiner Rotschopf? Das hört sich nach Teal an."
      Hatte der Junge es etwa zustande gebracht, seiner Neugier vollständig unterlegen zu sein und bei der Phönixin in der Tür aufzutauchen? Das war schon bemerkenswert für einen sonst recht reservierten 14-jährigen.
      Kassandra glitt von ihrem Platz hinab und streckte sich so geschmeidig wie eine Tänzerin. Ihr Oberkörper zog sich für einen Moment beinahe sichtbar in die Länge und zog die Tracht ein Stück mit sich, was ihr gar nicht aufzufallen schien. Die Sonne tat den Rest und umschmeichelte ihre Figur, betonte die Kurven ihrer Brust, ihrer Hüfte, ihrer Beine.
      Zoras blinzelte sie an.
      "... Was? Ah. Ja. Mein Bruder, seine Frau und deren Sohn, den du ja wohl schon kennenlernen durftest. Der zukünftige Herzog, wenn seine Eltern mal verschieden sind."
      Er bot Kassandra nach einem Moment des Zögerns seinen Arm an, damit sie sich unterhaken konnte, und führte sie dann zurück.

      Sie aßen im kleinen Speisesaal, der große wurde nur für Veranstaltungen genutzt.
      Es war für Zoras kaum verwunderlich, dass der Rest der Familie noch nicht aufgestanden, oder den Weg nach unten gefunden hatte. Sie standen selten wie der Herzog vor Sonnenaufgang auf und in diesem speziellen Fall war er sogar ein bisschen froh darum. So konnte er Kassandra ein wenig deutlicher über seine Familie in Kenntnis setzen.
      "Mein Bruder Roran ist für die Leitung unserer Ländereien eingeteilt, oder über den Haushalt, wenn ich nicht Zuhause bin. Ich verlasse mich viel auf ihn, er ist ein guter Mann, andernfalls hätte ich ihn wohl kaum auf den Thron setzen wollen. Seine Frau Elive ist die Cousine eines unserer Fürsten. Sie hat eine gute Kampfausbildung genossen, aber seit sie ihren Sohn bekommen haben, ist sie eher ruhiger geworden. Sie kennen sich seit... Himmel. Seit er 13 war? Eine Kindheitsfreundschaft, wie sie im Buche steht. Die zwei könnte nichts auf der Welt auseinanderbringen."
      Er selbst hatte nie Gefallen an Elive gefunden, auch nicht um seinem Bruder eins reinzuwürgen, weil ihm das Vorrecht an der Frauenwelt zustand. Während er mit seinem Vater ausgeritten war, waren die anderen beiden Zuhause geblieben und hatten ihre Zeit damit vergeudet, dem Lehrmeister Streiche zu spielen.
      Natürlich konnte er seine Eifersucht, dass seine Beziehungen nie so perfekt verlaufen waren wie ihre, nie vollständig bezwingen. Das wäre schließlich auch zu viel des Guten.
      "Und Teal hast du ja wohl schon kennengelernt. Er ist ein guter Junge, sehr fleißig und tüchtig. Könnte vielleicht ein bisschen mehr trainieren, aber das kommt schon alles noch, wenn er ein bisschen älter ist."
      Es dauerte auch nicht lange, da kamen sie auch herein.
      Ryoran war der erste, der kam und Kassandra erblickte, und blieb stehen. Im Gegensatz zu Zoras trug er eine Uniform, aber es war keine vom Militär, sondern eine alltägliche, die geschnürt wurden und der die vielen Schnallen und engen Bindungen fehlten. Sein Haar war ordentlich wie immer und sein Bart makellos gestutzt. Neben ihm konnte man erst Zoras' eigene, nachlässige Behandlung erkennen.
      Elive kam hinter ihm und machte große Augen, als sie Kassandra erblickte. Erst da setzte Ryoran sich wieder in Bewegung.
      "Gerade habe ich schon von dir gesprochen, Roran. Darf ich dir Kassandra vorstellen?"
      Er selbst machte keine Anstalten aufzustehen und so blieb es an seinem Bruder sich zu entscheiden, ob er der Sitte folgen sollte, oder sich eine neue Vorschrift für eine Bekanntschaft mit einem Champion ausdenken sollte. Er schien sich nach einem Moment für ersteres zu entscheiden, was sicherlich die sicherere Wahl gewesen war.
      "Es freut mich außerordentlich."
      Er kam um den Tisch herum und - nach einem weiteren Moment des Zögerns - verneigte sich vor Kassandra.
      "R-y-oran mein Name. Wir haben bereits erstaunliches von Euch gehört."
      Er betonte das "y" seines Namens absichtlich stark, eine unterschwellige Aufforderung an Zoras, ihn nicht zu ärgern. Zoras' Mundwinkel zuckten ein bisschen, er konnte einfach nicht anders.
      Elive näherte sich auch, beinahe schon vorsichtig, als könne eine zu schnelle Bewegung Kassandra aufschrecken - oder sie selbst.
      "Es ist mir auch eine Ehre, Kassandra. Ich bin Elive. Fühlt Euch hier ganz wie Zuhause."
      Sie lächelte ein schüchternes, unsicheres Lächeln, während sie sich an beiden Männern orientierte. Ihr Blick schoss zu Zoras, bevor sie nach ihrem Nachwuchs Ausschau hielt.
      "Teal, komm her und stell dich der netten Phönixin vor."
    • Kassandra war einiges gewohnt, was das Aufeinandertreffen mit neuen Gruppierungen betraf. Meistens bedeutete dies jedoch, dass sie gleich einer ganzen Schar an Menschen präsentiert worden war, mindestens einhundert Augenpaare waren dann auf sie gerichtet. Das Treffen mit Zoras' restlicher Familie wirkte befremdlich intim und das konnte selbst sie als nichtmenschliches Wesen so beurteilen.
      Folglich setzte sich Kassandra noch nicht an die kleine runde Tafel, die inmitten des Raumes aufgestellt war mit Stühlen ringsherum. An den Wänden hingen weitere Gemälde in sämtlichen herrgotts Farben, die sich interessanterweise nicht mit dem kreisrunden sattgrünen Teppich am Boden bissen. Ein schwerer Kronleuchter hing von der Decke genau über der Tafel, würde nun jedoch keinen Zweck erfüllen. Der Raum war verhältnismäßig hell mit der Morgensonne, die durch etliche der großzügigen Fenster herein schien. Alles in allem wirkte es sehr friedlich und erstaunlich ruhig. Allgemein hatte die Phönixin bis jetzt auch kaum Bedienstete gesehen, wie ihr Träger sein Personal nannte.
      "Es ist durchaus wichtig, jemanden in seinem Rückzugsort zu wissen, der sich um die Gegebenheiten kümmert. Umso besser wenn es jemand ist, der dazu noch kompetent ist", meinte Kassandra schlicht, deren Hände über die geschwungene Rückenlehne einer der Stühle glitt. "Ist doch schön, wenn die Beiden ihr Glück gefunden haben. Es sei ihnen gegönnt, immerhin ist eure Zeit auf Erden erschreckend gering."
      Sie sagte dies so daher ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass Menschen mit ihrer Sterblichkeit anders umgehen mochten als Götter es taten. Für sie war es lediglich ein Fakt, wenngleich ein harter. Sie zog gerade ihren Stuhl ein Stück zurück, nachdem Zoras schon längst Platz genommen hatte, als die Türen zum Saal sich öffneten.
      Kassandras Blick fiel als erstes auf einen hochgewachsenen Mann mit roten Haaren. Im Gegensatz zu einem gewissen Herzog am Tisch bewies dieser Mann, dass man einen Bart durchaus mit Stil und Ordnung tragen konnte. Es waren allerdings seine Augen, die die Phönixin direkt erkennen ließ, dass die beiden Männer Brüder sein mussten. Er war wie angewurzelt stehen geblieben, kaum war sein Blick auf ihr gelandet und starrte sie nun an. Die kurz darauf hinter ihm erscheinende Frau musste demnach seine Gattin sein, deren Augen beinahe überquollen. Beide starrten die Phönixin einen Moment lang an, dann setzte sich Ryoran in Bewegung und näherte sich ihnen. Er pilgerte um den Tisch herum, scheinbar nicht ganz sicher, in wie weit er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Unter anderen Umständen hätte sie ein höhnisches Grinsen aufgesetzt, so aber ließ sie nur vom Stuhl ab und richtete sich gerade auf.
      "Es freut mich außerordentlich. R-y-oran mein Name. Wir haben bereits erstaunliches von Euch gehört."
      Wieder ein Moment des Zögerns, dann verbeugte er sich etwas. Kassandras Augenbraue hob sich marginal als sie hörte, wie er eine Silbe in seinem Namen besonders betonte und spürte sofort eine kleine Veränderung in Zoras' Gefühlswelt. Die beiden Brüder hatten da also was am laufen von dem sie noch nichts gewusst hatte.
      "Gleiches gilt für mich. Immerhin solltet Ihr derjenige sein, der nun die Krone auf seinem Haupt trägt und niemand sonst", erwiderte Kassandra mit ihrer üblichen Kühlheit, aber ihre Augen waren mit Sanftmut erfüllt.
      Hinter dem Körper Ryorans trat Elive in Erscheinung. Während sie sich unsicher näherte und vorstellte, wirkte Kassandra plötzlich steifer als zuvor. Ihre Maske bröckelte nicht, aber Zoras würde spüren, dass sie gerade Erschütterung verspürte. Es war kein ausgewachsener Schock, das vermochte die Phönixin vielleicht auch gar nicht mehr zu fühlen, aber ihr Mitgefühl ließ sich nicht ausstellen. Kassandras Atem wurde leicht flacher während sie angestrengt auf Elive starrte, die gerade nach ihrem Sohn suchte. Unter Anbetracht dessen, was Zoras vorher erzählt hatte, konnte sie es nicht sagen. Würde es nicht sagen und die Familie damit in noch größere Abgründe stürzen. Denn das ging gegen eines ihrer größten Prinzipien, und das bedeutete, nach Möglichkeit nicht in den Lauf der Natur einzugreifen.
      Hinten im Türrahmen tauchte ein kleiner Rotschopf auf. Teal schmiegte sich an den hölzernen Rahmen, als seien sie eine gemeinsamen Einheit, die sich gegenseitig stützte. Seine großen Augen waren direkt auf Kassandra gerichtet, Augenringe ließen sein Gesicht etwas eingefallen wirken. Er hatte die ganze Nacht wachgelegen, unfähig die Ruhe für den Schlaf zu finden. Einerseits lag es an der Tatsache, dass einige Zimmer weiter sich eine Sagengestalt befand, andererseits war er schlichtweg von Kassandras Erscheinung hin und weg gerissen.
      "Möchtest du noch einmal die Flucht ergreifen oder verlassen heute Wörter deine Lippen?", erkundigte sich Kassandra bei ihm nachdem seine Eltern sich gesetzt hatten und Elive wie von Sinnen gestikulierte, damit ihr Sohn endlich von der Tür wegtrat.
      Schuldbewusst zuckte Teal ein wenig zusammen und zog den Kopf ein wenig weiter ein. Er hatte niemanden gesagt, dass er die Phönixin bereits gesehen hatte und danach geflüchtet war. Jetzt blieb ihm allerdings nicht anderes übrig und er gab sich größte Mühe mit erhobenen Hauptes in den Saal zu kommen. Seine hochgezogenen Schultern trübten den Anblick ein wenig.
      "Ich bin Teal", stellte er sich bereits auf dem Wege vor und erntete von seiner Mutter einen harschen Blick, der ihn sich selbst korrigieren ließ. "Mein Name ist Teal Luor... ähm... ich wollte gestern nicht einfach so weglaufen...Ich war...."
      "Überrascht?", beendete Kassandra seinen Satz und zeigte ihm ein sanftes Lächeln.
      Zu sagen, dass der Junge auf der Stelle schmolz war falsch ausgedrückt. Allerdings starrte er Kassandra ausdruckslos an als er ihr Lächeln sah. Er schüttelte sich sogar kurz bevor er schüchtern zurücklächelte und sich hastig an die Seite seiner Eltern begab. Von seiner Mutter holte er sich direkt einen Rüffel ab.
      Erst dann nahm Kassandra ebenfalls Platz, nebst Zoras, der das ganze Schauspiel nur beobachtet hatte. Sie konnte die Sorge nicht gänzlich abschütteln, dass er sie nach ihrer Reaktion auf Elive fragen würde, aber das würde die Phönixin übertünchen müssen. Ihr Blick ging in die Runde, viele der Augen waren auf sie gerichtet.
      "Ich freue mich über Eure Gastfreundschaft. Bitte entschuldigt meine Aufmachung, ich bin noch nicht dazu gekommen mir andere Kleidung zu besorgen. Ich werde mich darum noch kümmern." Ihr Blick wanderte zu Zoras Bruder. "Was hat Euer werter Bruder denn über mich erzählt?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Wenn Ryoran über diese Begegnung verunsichert war, zeigte er es lediglich in einem Lächeln, das nicht vollständig vom Herzen kam. Wie auch bei Zoras war es viel weniger der Mund, der dieses Lächeln zum Ausdruck brachte, sondern die Augen. Normalerweise hätten sie ihre eigene Freundlichkeit zum Ausdruck gebracht, in diesem Fall war es viel eher Neugier.
      "Ihr seid wohl schon im Bilde über unsere Machenschaften. Ja, wenn alles gut gelaufen wäre, hätten wir uns wohl im Palast kennengelernt. Zu meiner Krönung."
      Für Zoras, der seinen Bruder kannte - und vermutlich auch Elive - war es ein Leichtes zu erkennen, mit welcher Verwirrung Ryoran die Sache anzugehen gedachte. Er schien sich noch immer nicht dazu entschieden zu haben, ob er Kassandra wie eine Frau oder eine Göttin behandeln sollte und steckte daher mitten in einem Zwist daraus, wie er richtig mit ihr reden sollte. Was dabei herauskam war eher eine recht dürftige Höflichkeit.
      Als Elive sich vorstellte, merkte Zoras, wie Kassandra sich versteifte. Er sah auf, interessiert an dem plötzlichen Stimmungswandel, den er gar nicht erst bemerkt hätte, wenn nicht durch das Amulett. Kassandra war so unlesbar wie immer, aber Zoras konnte deutlich eine Spur Erstaunen fühlen. Oder Entsetzen? Es war schwer einzuschätzen.
      Elive bemerkte davon nichts und lächelte nur. Als Teal sie endlich mit seiner Anwesenheit beehrte, wandte sie sich von Kassandra ab und ihm zu. Der Junge wirkte gänzlich erschüttert, so wie er es nicht zustande brachte, einen Raum in seinem eigenen Haus zu betreten. Seine Augen waren riesig und sein Gesicht war bleich, als würde er einem Gespenst gegenüberstehen. Kassandras Bemerkung sorgte da nicht gerade für Besserung, gewann dafür aber die Aufmerksamkeit seiner Eltern.
      "Noch einmal? Habt ihr euch etwa schon kennengelernt? Nun komm endlich, Teal!"
      Endlich setzte der Junge sich in Bewegung und Zoras schmunzelte, während er mehr schlecht denn recht in den Saal schlich. Ein bisschen mehr Selbstbewusstsein konnte dem Jungen wahrlich nicht schaden; Zoras würde Ultroff darauf hinweisen, seinen Fokus mehr darauf zu legen.
      Die beiden stellten sich endlich einander vor, bevor Teal sich an den Tisch flüchtete. Als auch Kassandra sich gesetzt hatte, trat wieder eine gewisse Ordnung im Raum ein - solange man außer Acht lassen konnte, dass alle drei Luors den Blick nicht von Kassandra wenden konnten.
      Aber auch in dieser Hinsicht war Ryoran der erste, der den Zauber brach.
      "Wir sollten genügend Kleidung im Haus haben, damit Ihr nicht so herumlaufen müsst. Oder, Herzog?"
      Zoras kniff die Augen zusammen. Er hatte schon verstanden.
      "Wir sind gestern spät nachhause gekommen. Ich werde Euch nachher etwas bringen lassen, Kassandra."
      Es war merkwürdig, die Phönixin wieder so offiziell anzusprechen, nachdem er häufiger mit ihr per Du kommunizierte. Aber es war wohl besser, die Farce vom Palast etwas weiter aufrecht zu erhalten.
      Ryoran fuhr fort, während er sich am Essen bediente.
      "Er hat uns hauptsächlich über den gescheiterten Putsch berichtet. Dass Ihr Euch ihm in den Weg gestellt habt, dass Ihr den König beschützt habt. Wir machen Euch keine Vorwürfe, dass es daran gescheitert ist, versteht uns bloß nicht falsch; es war Eure Pflicht und Ihr seid nur Eurem Träger loyal. Das ist vollkommen verständlich."
      Zoras Blick zuckte zu Kassandra. Ah, das hatte er jetzt davon, dass er lieber ihre Gestalt im Sonnenlicht bewunderte, als sein Gehirn zum Laufen zu bekommen. Er hatte vergessen, ihr zu sagen, dass er seiner Familie eine andere Geschichte aufgetischt hatte.
      Zeit herauszufinden, ob Kassandra mit der Essenz Gedanken lesen konnte. Er strengte seine ganze gedankliche Kraft an, um ihr mitzuteilen, dass sie sie nicht verraten sollte. Bevor es noch schief ging, warf er selbst ein:
      "Lasst uns doch nicht an Taten aufhängen. Was geschehen ist, ist geschehen und das lässt sich nicht mehr ändern."
      Er warf noch einen letzten Blick auf Kassandra, dann bemühte er sich, das Thema zu wechseln.
      "Wir sollten uns stattdessen darauf konzentrieren, was kommen wird. Ich habe Roran schon gesagt, dass Ihr einen nicht unwesentlichen Part in unserem Aufstand spielen werdet."
      Ein kleines Lächeln schlich sich in sein Gesicht bei der Erinnerung an die flammenden Reiter, von denen er schon anfangs geträumt hatte. Auch wenn das den Ausgang nicht verändern würde, konnte er sich ja doch ruhmreiche Momente vorstellen.
      "Ich glaube, es würde uns allen nicht schaden, wenn Ihr uns darin einweiht, welche Fähigkeiten Ihr besitzt. Ganz abgesehen von Eurer Heilkunst."
    • Wie immer war Kassandra alles andere als begriffsstutzig. Bereits ab dem Zeitpunkt in dem sie hörte, dass Zoras sie wieder förmlicher ansprach, begann sie über seine Absichten nachzudenken. Wenn er es für wichtig erachtete, eine gewisse Distanz zwischen ihnen zu demonstrieren, selbst in Gegenwart seiner engesten Familie. Sie würde diese Herangehensweise wahren und ihn später nach dem Sinn dahinter fragen.
      Teal hatte sich indes an etwas Brot zu schaffen gemacht, zerfledderte es jedoch etwas geistensabwesend während er so die Phönixin am Tisch beobachtete. Er konnte nicht verstehen, wieso sie die Gestalt einer zarten Frau gewählt hatte. Sie war so... klein, fast so klein wie er selbst und würde in den Massen einfach untergehen. Wäre da nicht diese gewisse Präsenz, die ihr auf Schritt und Tritt zu folgen schien und ihm unmissverständlich klarmachte, dass das am Tisch keine gewöhnliche Frau war.
      Kassandra hatte in der Zwischenzeit den Tisch überblickt und streckte sich nach einer Frucht, die sie so noch nicht kannte. Trotz dass ihre Aufmerksamkeit auf dem Fruchstück in ihrer Hand zu ruhen schien entging ihr der flüchtige Blick des Herzoges nicht. Fast hätte sie geschmunzelt bei dem Gedanken, dass sie ihm bereits jetzt schon die Tour vermiesen könnte, wenn sie es denn so wünschte. Er hatte nachsichtig gehandelt, warum auch immer, und ihr dieses kleine Detail nicht vorab anvertraut. Wäre sie ein weniger schlaues Persönchen wäre ihr der Fehler vermutlich gar nicht aufgefallen. Gerade wollte sie auf Ryorans Bericht antworten, da kam ihr Zoras zuvor und versuchte, das Thema umzulenken. Ein bisschen Tour vermiesen hatte noch niemanden geschadet.
      Kassandra legte die Frucht auf ihren Teller vor ihr ab und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Abermals ließ sie den Blick schweifen bevor sie zu reden begann: "Zunächst einmal ist es mir egal, ob mir Menschen Vorwürfe machen oder nicht. Das Amulett, das Euer Herzog von mir trägt, ist meine Fessel und mein Siegel. Der junge König war dermaßen verstört, dass er mich regelrecht dazu zwang mich zwischen ihn und dem Herzog zu stellen. Ihr scheint zu vergessen, dass wir unseren Willen und unsere Wünsche nur eingeschränkt ausleben dürfen, in Abhängigkeit der Wünsche unseres Trägers."
      Teal fiel ein Brotkrumen aus dem Mund als sein Blick zu seinem Onkel flog. Er hatte ja gelesen, dass es wie ein Sklavenbund funktionierte, aber es aus dem Mund eben jeneer Einheit zu hören war doch noch etwas anderes. Unweigerlich fragte er sich, wie Kassandra wohl entfesselt aussehen mochte. So, wie man Phönixe in den Büchern beschrieb, mit zahlreichen pfauenfederartigen Stoßfedern in sämtlichen Rottönen der Welt? Ein riesiger Vogel, der allein im Himmel schon aussah wie ein Feuerball?
      "Wenn Euer Herzog also wünscht, dass ich Teil Eures Heeres sein soll, dann ist dem so. Ich weiß, dass Euch vermutlich nur zu Ohren gekommen ist, für was meine Art eigentlich steht."
      Sie lächelte ein Lächeln, das erschreckend falsch aussah. Der Einzige, dem es zu gelten schien, war Ryoran, denn sie vermutete bereits, dass er an der strategischen Planung beteiligt sein würde und die Phönixin als etwas sah, was sie gar nicht war. Gründlich hatte sie über den zähen Faden der Zeit ein Gespinst gesponnen um ihre Art, die für die Allgemeinheit galt. Doch sie war das schwarze Schaf in dieser Familie.
      Ihr Blick schweifte hinüber zu Teal, der inmitten seiner Zupfbewegung gefror. Er wurde ein klein wenig aufrechter als sie ihn ebenfalls anlächelte, es war einen wissenden Ausdruck bekam. Fast hätte sich der Junge verschluckt, als er das Brot seinen trockenen Hals herunter zwang und mit Wasser nachspülen musste.
      "Ich bin mir sicher, Euer Spross hält bessere Erklärungen bereit."
      Teals Augen sprangen so ziemlich zwischen allen Erwachsenen im Raum hin und her. Schließlich schien er sich zu berappeln, räusperte sich und versuchte sein Wissen zum Besten zu geben. "Wenn die Aufzeichnungen stimmen, dann besitzt sie ein enormes Repertoire an Magie. Was ihr in der Körperkunst mangelt gleicht sie mit ihrem Magiepool wieder aus. Sie kann ihre Feuermagie in sämtlichen Dimensionen nutzenm sowohl offensiv als auch defensiv. Sagt, sagen Euch die schwarzen Feuer von Myras etwas?"
      Kassandras Mimik veränderte sich kaum als sie in das gespannte Gesicht des Jungen blickte. Er musste garantiert etliche Aufzeichnungen zu ihrer Art gesucht haben, um ausgerechnet die schwarzen Feuer anzusprechen. Ein Thema, das sie liebend gerne umschritt.
      "Du meinst den Flächenbrand, der zwei Heere mit je fünfzigtausend Mann in einer Nacht niederbrannte?", erkundigte sich die Phönixin unnötigerweise und brach die Frucht auf ihrem Teller entzwei. "Natürlich kenne ich die Geschichte. Immerhin sei es ein Phönix wie ich es bin gewesen, der Auslöser der Katastrophe war. Sein Feuer hat das Moor im Umland in Brand gesteckt und man sagt, es brennt noch heute unter den Deckschichten. Aber weißt du auch, wo der Fehler in dieser Erzählung ist, kleiner Teal?"
      "Die Flammen eines Phönix sind dem normalen Feuers sehr ähnlich. Ihr besitzt eine Abart, heiliges Feuer, das fast weiß erscheint. Allerdings tragen die Feuer ihren Namen tatsächlich wegen ihrer Farbe. Also war es kein Phönix, oder?"
      Kassandra antwortete nicht direkt darauf, schmunzelte aber etwas als sie ein Stück der Frucht verspeiste. Wieder wechselte der Fokus ihrer Aufmerksamkeit und kehrte zu Zoras zurück. Seine ursprüngliche Frage zielte darauf ab, dass er selbst nicht wirklich wusste, zu was sie noch fähig war. Sicher, er hatte mehrfach gesehen wie sie ihre Magie nutzte. Aber sämtliche ihrer Fähigkeiten würde sie hier an diesem Tisch nicht offenbahren.
      "Wir durchlaufen einen rapiden Zyklus des Lebens. Wir altern, sogar schneller als Ihr, und sterben am Ende. Unsere Körper zerfallen zu Asche aus der wir wieder auferstehen und von Neuem beginnen. Wir können Menschen mit dem heiligen Feuer zu unseren Dienern machen, die uns wie in einem Kult folgen. Mein Fall ist nur noch etwas spezieller. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Vertretern meiner Art scheue ich nicht das Kampffeld. Ihr habt am Hofe gesehen, wie ich mit Speer und Hellebarde, selbst einem Bogen, umgehen kann. Man sollte meine Nahkampfkünste also nicht unterschätzen."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zu Zoras nicht unwesentlicher Erleichterung, verstand Kassandra den Wink und spielte mit. Zu seinem Frust dagegen - wie hätte es auch anders sein können - färbte sie es mit ihrer eigenen Note ein. Zoras' Weltanschauung kam nicht von irgendwo her; die ganze Familie Luor war nicht am Sklavenhandel interessiert. Entsprechend steif wurden die Gemüter, als Kassandra so frei davon sprach, als sei sie selbst nichts anderes.
      Ryorans Blick zuckte zurück zu Zoras und mit der hochschießenden Augenbraue, begann er ein ganz eigenes Gespräch mit dem Herzog:
      Ist sie etwa deine Sklavin?
      Zoras bemerkte den Blick, verstand die Anklage und kniff die Augen ein wenig zusammen.
      Natürlich nicht! Wofür hältst du mich?
      Ryoran imitierte den Ausdruck
      Sicher? Du hast sie zu nichts gezwungen?
      Seine Augen schossen über den Tisch, bevor sie sich wieder auf Zoras richteten.
      Sowas hier zählt dazu.
      Zoras kniff seine Augen weiter zusammen.
      Ich habe sie zu nichts gezwungen.
      Nach einem kurzen Moment lehnte Ryoran sich zurück und entspannte seine Miene.
      Schon gut. Ich habe nicht gefragt.
      Zoras zog die Stirn in Falten.
      Denkst du etwa, ich würde sie benutzen?
      Sein Bruder musterte ihn für einen Moment, vermutlich um seinen Ausdruck zu deuten. Dann zuckte er unmerklich mit den Schultern.
      Ich weiß ja nicht, was du so treibst.
      Beide Geschwister empfanden das Gespräch damit als beendet und lehnten sich zurück, wobei Ryoran sich bereits wieder an Kassandra wandte. Die Unterhaltung hatte nicht länger als wenige Sekunden gedauert und so wandte er seine Aufmerksamkeit gerade rechtzeitig um, um Kassandras Lächeln zu empfangen. Sein Blick wurde wieder nachdenklich, wobei Zoras sich nicht sicher war, ob wegen Kassandras Bemerkung oder ob er noch darüber nachdachte, ob die Phönixin seine Sklavin war. Er würde es bei Zeiten bei seinem Bruder richtigstellen müssen - mit ausgesprochenen Worten und nicht über das Frühstück hinweg.
      Aller Aufmerksamkeit wandte sich kurz darauf auch wieder Teal zu, der unverhofft von Kassandra persönlich angesprochen worden war. Der arme Junge schien völlig aus der Bahn geworfen zu sein und blickte über den Tisch, als warte er auf die direkte Anweisung, das Wort zu erheben. Zoras nickte ein wenig in seine Richtung und lächelte; einen Moment später richtete der Junge sich auf und glänzte mit seinem Wissen. Dieses Mal wirklich, denn bis auf Teal und Kassandra wusste keiner etwas vom Schwarzen Feuer von Myras. Dafür war die Erklärung nur umso erstaunlicher.
      "Bitte wie viel?"
      Dieses Gespräch war soeben für sämtliche andere Beteiligte an diesem Tisch höchst interessant geworden und sie verfolgten das Thema mit einer ungewohnten Spannung. Der Junge hatte es vermutlich noch nie geschafft, sämtliche Anwesenden auf einmal zu fesseln, aber hiermit hatte er die Prämiere erreicht. Die Blicke gingen abwechselnd zwischen ihm und Kassandra hin und her.
      Als sie geendet hatte, nickte Zoras ihr zu.
      "Wir werden eine geeignete Position für Euch finden. Solange es auch Eurem Wunsch entspricht." Ein Blick ging zu Ryoran, aber nur sehr kurz. "Dann wird es wohl auch bald Zeit, dass wir Euch in die Kriegsführung unseres Landes einweihen. Ich schlage vor, morgen damit zu beginnen; sofern Ihr dann schon ausgeruht seid. Ich muss heute sowieso noch ein paar Sachen erledigen. Ich glaube, eine davon ist ein Pferd für dich, nicht wahr, Teal?"
      Er zwinkerte dem Jungen zu, bevor er zu Elive sah.
      "Vielleicht könntest du Kassandra in der Zwischenzeit ein paar Kleider organisieren? Und ihr vielleicht... ein paar Sachen geben? Damit sie sich hier Zuhause fühlt?"
      Elive wandte ihren Blick, den sie für eine ganze Weile auf Kassandra gerichtet hatte, von ihr ab und nickte Zoras zu.
      "Aber sicher doch."
      Wieder an Kassandra gewandt, lächelte sie.
      "Wir werden schon etwas finden."
      "Gut."
      Er sah seinen Bruder und seine Schwägerin an und lächelte.
      "Dann lasst uns damit beginnen, einen Aufstand zu gewinnen."
    • Teal linste zu seinem Vater herüber, der scheinbar das erste Mal wahrlich etwas auf die historischen Geschichten gab, die er zum Besten gab.
      "Rund fünfzigtausend Männer je Seite. Es war ein Krieg zwischen zwei verfeindeten Ländern in den Ostlanden, eigentlich getrennt durch ein ausuferndes Moor. Der Ausgang war völlig unabsehbar gewesen weil beide Streitmächte in etwa gleich aufgestellt waren. In den Aufzeichnung wird bis heute nicht ganz klar, wer wirklich den Brand ausgelöst hatte. Die Schreiber nannten einen riesigen Feuerball am Himmel, der wie ein Stern herabging und eine gewaltige Feuerwalze über das gesamte Moor schickte. Die Flammen, die daraufhin alles niederbrannten, waren schwarz wie die Nacht und eindeutig ein Zeichen göttlichen Hasses. Niemand hat je schwarzes Feuer sehen können, also musste es ein Gott gewesen sein. Augenzeugen berichteten kurz darauf von einem Vogel, der sich entfernte, aber niemand konnte ihn genau beschreiben", endete der Junge seinen Bericht und sah wieder hinüber zu Kassandra, die mittlerweile ihre Frucht vollends verspeist hatte.
      "In der Tat, schwarzes Feuer steht in der Regel für die Höllenflammen oder ein verunreinigtes Wesen. Auch Götter können korrumpiert werden und dem Wahnsinn verfallen, nur zeigt es sich in anderen Bildern. Allerdings weiß man bei den schwarzen Feuern von Myras bis heute nicht, warum beide Seiten der Heere ausgelöscht worden sind. Der Feuerball musste also eine dritte Instanz gewesen sein, die für keine der beiden Seiten verpflichtet war. Zumindest klingt es in meinen Ohren so."
      Kassandras Blick flog kurz über Zoras, nur um abzuschätzen wie sehr ihn diese Geschichte wohl interessieren mochte. Unter all den Erzählungen, an denen sie maßgeblich Schuld trug, war diese eine der heikelsten gewesen. In der Tat stimmten die Berichte bis zu diesem Kenntnisstand, und dass man das Warum dahinter noch nicht beantworten konnte, war der reinste Vorteil. Nur neigten Menschen dazu, als Gefangene ihrer Neugier, solche Fragen beantworten zu wollen. Und der Junge ihr schräg gegenüber war bis zum Ende seiner Lebzeiten ein Sklave dieser.
      Ihr entging nicht dieser winzige Blickaustausch zwischen den Brüdern, der sie dazu veranlasste, auch ihren Teil dazu zu sagen. Rubinrote Augen richteten sich auf den rothaarigen Mann, der sich zurückgelehnt hatte und wie ein Adler die Lage beobachtete. Als Kassandra zu reden begann, waren ihre Worte mit einer subtilen, aber ungewöhnlichen Schärfe versehen.
      "Wir sind an die Wünsche unseres Trägers gebunden. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass wir jedem Wunsch ohne Gegenwehr Folge leisten. Würde ich mich gegen diese Runde vollends sträuben, müsste der Herzog eine Entschlusskraft an den Tag legen, die seinesgleichen sucht. Ich wehre mich mit allen Mitteln gegen Befehle, die ich wahrlich nicht ausführen will und oft genug sind meine Träger an meiner Willenskraft gescheitert." Sie griff nach einem Stück Brot, den Blickkontakt zu Ryoran nicht einen Moment lang unterbrochen. "Wäre ich gegen meinen Willen hier, würdet Ihr das früh genug bemerken."
      Der letzte Satz war wieder deutlich weicher, wie eine Art Versöhnung ausgesprochen. Sie hatte nicht vor, dem Bruder Zoras' zu drohen oder ihn einzuschüchtern, aber diesen Standpunkt musste sie deutlich machen. Nicht umsonst hatte sie solange Bestand, wenn sie sich blindlinks jedem Befehl kommentarlos hingeben würde. Dann wäre ihr Kopf unlängst gerollt.
      Teal hatte währenddessen sein doch sehr spärliches Früchstück beendet und saß gefühlt auf heißen Kohlen. Kaum hatte Zoras angedeutet, ihm ein Pferd zu suchen, war der Junge hin und weg und verspürte gar keinen Appetit mehr. Sicher, er würde Kassandra am liebsten immer noch mit Fragen löchern, aber das ziemte sich nicht.
      Die Phönixin erwiderte das Lächeln Elives nur flach. Ein wenig ungestörte Zeit zwischen den Frauen würde vielleicht ein wenig Klarheit ins Dunkel bringen, warum sich etwas Übermenschliches unter die Menschen gemischt hatte. Und vorallem, wie es niemanden hatte auffallen können. Wenn bekannt würde, dass Zoras' Neffe nicht gänzlich normal war, würde man den Jungen nicht mehr so behandeln wie er es tat. Diese Erkenntnis sorgte dafür, dass Kassandra diese Entdeckung vorerst wohl für sich behalten würde. Der neugierige Junge konnte nichts für das Blut, das durch seine Adern floss und sie würde bestimmt nicht diejenige sein, die ihm ein schweres Schicksal anlastete.
      "Ja, wir werden schon fündig werden. Immerhin sollte es nicht so schwierig sein, nicht mehr nach Reise und Pferd zu stinken, richtig, Elive?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass eine Geschichte jemals ein solches Interesse am Tisch geweckt hatte. Dabei waren auch alle gleichermaßen interessiert, wenngleich Zoras und Ryoran sich vermutlich eher für den militärischen Teil dieses Ereignisses interessierten und Teal und Kassandra sich eher für den mythologischen. Elive schien hauptsächlich froh darum, dass Teal etwas zu berichten hatte, wenngleich ihr Blick gelegentlich noch immer mit einem undeutbaren Ausdruck zu Kassandra zuckte.
      Zoras und Kassandras Blicke trafen sich kurzzeitig, als er zu ihr sah. Er wollte die Erzählung nicht unterbrechen und Teal in seinem Selbstvertrauen einschränken, wollte aber genauso gern mehr davon erfahren - nichtmal nur, um zu erfahren, ob Kassandra etwas damit zu tun gehabt hätte. Er wäre wohl ein schlechter Heerführer, wenn er sich nicht dafür interessiert hätte, wie zwei Armeen mit einem einzigen Manöver ausgelöscht werden konnten.
      Das Thema kam allerdings schneller wieder zum erliegen und als Kassandra sich an Ryoran wandte, wollte Zoras es auch nicht mehr darauf zurückführen. Er selbst blieb bei Kassandras Worten recht unbeeindruckt - er hatte schon etwas von ihrem Temperament mitbekommen, um sich gut vorstellen zu können, wie dieser Widerstand aussehen mochte - aber Ryoran fixierte sie sehr deutlich. Er schien wohl zu überlegen, ob Kassandra ihm drohen wollte, oder einfach nur Fakten nannte. Zoras konnte nicht erkennen, wofür er sich letzten Endes entschied.
      Elive lächelte Kassandra erneut zu. Es war ein aufrichtiges Lächeln, aber in ihren Augen funkelte etwas anderes.
      "Wohl richtig, Kassandra."
      Der Moment ging unbemerkt an den beiden anderen Männern vorbei.

      Als sie geendet hatten und getrennter Wege gingen, war Teal beinahe der erste, der vorauslief, allerdings nicht ohne einen letzten Blick auf Kassandra. Zoras erklärte ihr knapp, in welchen Stall sie gingen, bevor er sie Elives Händen überließ. Ryoran schloss sich den beiden Männern an.
      Sie gingen zum Stall im Westen, begleitet von einem hibbeligen Jungen, der für sein sonst so zahmes Gemüt viel zu aufgeregt war. Zoras musste über die Energie grinsen; er war wohl auch so aufgeregt gewesen, als er sein erstes Pferd bekommen hatte.
      "Hast du schon eins ins Auge gefasst, Teal?"
      Er warf seinem Bruder einen kurzen Blick zu, der gedanklich wohl noch bei der Phönixin zu sein schien.
      "Vielleicht solltest du ein paar ausprobieren. Für so eine Wahl sollte man sich gut Zeit nehmen."
      Sie kamen zum Stall, dessen Meister sogleich auftauchte. Er verbeugte sich leicht für Zoras und nickte, als dieser ihm erklärte, seinen Neffen mit einem Pferd ausstatten zu wollen.
      "Aber selbstverständlich. Die jungen Tiere sind alle auf der Koppel."
      Zoras mochte den Mann, weil er gleich wusste, was der Herzog bevorzugen würde. Ob Teal mit einem jungen, energetischen Tier klar kommen würde, war eine andere Frage, aber probieren würden sie es.
      "Führ uns hin."

      Im Haus hatte Elive darauf gewartet, dass die Männer verschwunden waren, bevor sie Kassandra bedeutete, ihr zu folgen. Sie schwieg vehement, während sie sie durch das Haus zurück zu den Privatgemächern führte, stets einen halben Meter Abstand zu Kassandra einhaltend, als könnte zu viel oder zu wenig Abstand fatale Folgen haben. Sie sah sie nicht an, starrte nur geradeaus und führte die Phönixin.
      Als sie ihr Zimmer erreicht und die Tür hinter sich fest geschlossen hatte, brach sie endlich das Schweigen.
      "Bist du Kassandra, die Phönixin? Die erste?"
      Sie starrte Kassandra für einen Moment an, als wolle sie sicherstellen, dass sie kein Trugbild war, bevor sie leicht nickte, als habe sie es erwartet. Dann stahl sich ein kleines, feines Lächeln in ihr Gesicht, das man gut als frech bezeichnen konnte.
      "Und du hast dich genau nach Luor verirrt, in der selben Generation wie ich. Das will ich Schicksal nennen. Ich bete darum, dass es Schicksal ist."
      Sie setzte sich endlich von der Tür ab, schlenderte durch das Zimmer und öffnete den Wandschrank, in dem gleich ein paar Kleider zum Vorschein kamen. Mit einem kurzen Blick zu Kassandra zurück, schien sie es für ähnlich wichtig zu halten, dem Wunsch des Herzogs nachzugehen, wie herauszufinden, was eine Phönixin an diesen Ort verschlagen hatte.
      "Zoras also, hm? Keine schlechte Wahl. Könnte schlimmere Träger dort draußen geben."
      Ihr Tonfall war geradezu gezwungen entspannt, als wäre es überlebenswichtig, eine alltäglich wirkende Unterhaltung aufrechtzuerhalten. Sie wandte Kassandra allerdings den Rücken zu, sodass sie ihr Gesicht nicht sehen konnte.
    • Nach der angespannten Haltung während des Frühstücks juckte es Teal regelrecht in den Beinen, sich zu bewegen. Er hatte wie jeder Junge in seinem Alter angestaute Energie, die er erst einmal auslassen musste, um wieder halbwegs annehmbar zu wirken. Folglich preschte er schon fast vorweg zu den Ställen als es hieß, er durfte sich ein Pferd aussuchen.
      "Da war ein stichelhaariger Rappe, der mir ganz gut erschien, aber das muss ja nichts heißen", frohlockte er, wartete aber gesittet die Unterhaltung zwischen dem Herzog und den Stallemeister ab ehe er weiter zur Koppel flitzte.
      Er wollte kein älteres Tier, er wollte ein junges. Oft genug hatte Teal beobachten dürfen, wie eng sich Zoras mit seinem Fuchs stand, den er auch als jüngeres Tier bekommen hatte. Er wollte dieses Band zu seinem Pferd genau wie seine Vorbilder es hatten. Und wenn er sich dabei mit einem jungen, ungelernten Tier abrackern musste, dann war das eben so. Er würde das schaffen, er hatte lang genug mit seinem Pony ausgehalten.
      Auf der Koppel stand eine kleine Herde an Dreijährigen. Braune, Füchse, Rappen und zukünftige Schimmel grasten auf der Weide, links abgetrennt die Stuten, rechts die Hengste. Unter der Gruppe der Hengste stand der besagte stichelhaarige Rappe, allerdings steuerte Teal ganz aus Gewohnheit zuerst die Koppel der Stuten an. Sein Pony war schließlich auch eine Stute gewesen.
      Er war so schnell unter den Zäunen hergeschlüpft, dass man gar nicht sah, wie er es getan hatte. Kaum hatte er die Weide betreten war es so, als fiel sämtliche Aufregung von ihm ab. Als hätte man den Jungen in ein Eisbad getaucht und so unterkühlt auf die Wiese gelassen. Mit ruhigen Schritten näherte er sich der Gruppe an Stuten, die ihn beäugten und einige schon direkt auf Abstand gingen. Mit diesen würde er sich vorn vornherein nicht abgeben, also konzentrierte er sich nur auf jene, die nicht direkt die Flucht ergriffen. Er suchte nicht nur nach den äußeren Merkmalen, sondern auch charakterlich das passende Tier für sich.

      Kassandra schaute den Männern hinterher, die sich auf den Weg zu den Ställen machte und hatte das ungute Gefühl, dass es gleich zwischen den beiden Frauen zu einer Aussprache kommen würde. Sollte Elive sich nicht selbst offenbahren würde Kassandra es für sie tun und zumindest in Erfahrungen bringen, wie sie sich hierher verirren konnte. Also folgte die Phönixin der Frau des Hauses ebenso stillschweigend, bemerkte jedoch, dass sie auf einen sehr bestimmten räumlichen Abstand zwischen sie beide achtete. Vermutlich ein Überbleibsel ihrer Herkunft.
      Im Zimmer angekommen, hinter verschlossener Türe, brach es schließlich aus Elive hervor und entlockte Kassandra ein stummes Nicken. Natürlich kannte man die Geschichten untereinander, aber von einer sesshaft gewordenen Walküre wusste die Phönixin nicht viel. Vielleicht auch einfach, weil sie nicht bedeutsam genug für sie erschien. Allerdings verfinsterte sich Kassandras Gesichtsausdruck merklich als die Walküre so frei weitersprach. So sehr, dass sie sogar die Arme vor der Brust verschränkte und abfällig schnaubte.
      "Ich fürchte, du missverstehst da etwas", erwiderte sie mehr als nur kühl. "Weder habe ich mich hierher verirrt, noch habe ich eine Wahl getroffen wer mein Amulett trägt. Wenn es nach mir ginge, dann hätte ich es unlängst zurück und wäre wieder frei über den Himmeln dieser Erde. Ich hatte eigentlich gehofft, dass der törichte Königsjunge wirklich ermordet wird und ich somit mein Herz zurückbekomme. Stattdessen befinde ich mich nun in einem Aufstand, an dem ich rein gar nichts ändern soll wenn es nach Zoras ginge."
      Kassandra bewegte sich langsam durch den Raum, umzirkelte Elive ein bisschen weil sie es als respektlos empfand, ihr den Rücken zuzukehren. Die Stimme der Walküre passte nicht zu dem, was sie sagte. Ein weiteres Indiz, dass etwas nicht stimmte.
      "Mich würde vielmehr interessieren, wieso sich eine Walküre in Kindesalter auf die Erde begab und meint, eine kleine Familie mit einem Menschen zu gründen. Ah, ich vergaß." Kassandra machte keinen Hehl um ihren Hohn in der Stimme. "Du bist ja gar kein Gott sondern lediglich eine einstige himmlische Kriegerin."
      Sie hatte sich in der Vergangenheit schon mal mit Walküren gemessen und erkannte ihre kriegerischen Fähigkeiten durchaus an. Aber keine von ihnen hatte ihr jemals lange standhalten können.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Teal war schneller bei den Pferden, als einer der drei Männer es überhaupt bemerkt hätte. Sie sahen den Jungen lediglich plötzlich auf der Koppel auftauchen.
      "Ist er wirklich schon bereit?", murmelte Ryoran gedämpft, der Teal dabei beobachtete, wie er sich der Herde näherte. Im Gegensatz zu noch einem Moment, wirkte der Junge schon wie ausgewechselt, so ruhig wie er sich den Tieren näherte.
      Zoras steckte die Hände in die Taschen seiner Weste und ließ sich den frühmorgendlichen Sonnenschein auf seiner Haut gefallen. Das Licht erinnerte ihn an Kassandra.
      "Wieso nicht? Er ist groß genug, er hat einen sicheren Sitz im Sattel und er ist durchsetzungsfähig. Solange er nicht unbedingt das jüngste Kaltblut im Bund nimmt, soll er doch machen."
      "Und wenn er doch nicht bereit ist?"
      "Dann wird er runterfallen und sich von einem ausgewachsenen Tier blamieren lassen."
      Er warf seinem Bruder einen Blick zu.
      "Ich habe mein Pferd mit 12 bekommen. Und du doch auch mit 14."
      "Ja, aber du warst schon mit 10 nicht mehr aus dem Sattel zu kriegen. Und mir hätte es sicherlich nicht geschadet, noch ein Jahr auf einem Pony zu verbringen."
      "Aber deinem Selbstvertrauen hätte es geschadet."
      Er nickte zu Teal, der gerade die Hand ausstreckte, so wie es sein Reitlehrer ihm eingebläut hatte, und darauf wartete, dass eine der Stuten sich dazu durchringen würde, ihn zu beschnüffeln. Er wirkte tatsächlich gänzlich anders bei den Pferden, als sonst wo.
      "Und seinem wird es helfen. Wenn er ein paar Mal runterfällt, ist es doch auch nicht weiter schlimm."
      "Er könnte sich verletzen."
      Zoras sah wieder zu ihm.
      "Was, wirst du jetzt etwa auch so paranoid wie Elive?"
      "Aber er könnte."
      "Ja, und dann wird er sich wieder erholen."
      Ryoran zog die Stirn in Falten. Der Ausdruck war erschreckend ähnlich mit dem von Zoras.
      "Lass ihn doch erstmal ein bisschen reiten. Wir sind doch hier, was kann schon passieren."
      Sie erreichten jetzt auch endlich das Gatter, das der Stallmeister ihnen öffnete und sie hereinließ. Ryoran lehnte sich gegen den Zaun und wirkte mürrisch, während Zoras zu Teal aufschloss und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Die Pferde kannten ihn besser als den Jungen, aber ein paar von ihnen schnaubten dennoch nervös und trotteten ein Stück zur Seite. Auf der Seite der Hengste hätte er wohl damit rechnen können, mit ein paar ausschlagenden Hufen begrüßt zu werden.
      "Das wichtigste ist, dass du die Tiere magst, dabei kannst du ruhig auch nach dem Aussehen gehen. So ein Reittier ist nichts anderes als eine Freundschaft und die beginnst du schließlich auch nur, wenn der andere dir sympathisch vorkommt."
      Er ging wieder einen Schritt zurück, um Teal den nötigen Freiraum zu geben und beobachtete seine besonnen Annäherungsversuche.
      "Möchtest du einen von ihnen reiten?"

      Elive schien kaum von Kassandras schnippischer Bemerkung beeindruckt - was sie aber aufsehen ließ, war Kassandras Wunsch, zurück in den Himmel zu kehren. Sie wandte sich aber schnell genug wieder dem Schrank zu, um weiter nach Kleidung zu fischen.
      Als Kassandra mit weiterem Spott sprach, wandte sie sich ihr schließlich ganz zu. Elive war eine beinahe zierliche Frau, schlank und mit feinen Gesichtszügen, die kaum mit einem kriegerischen, gottgleichen Wesen in Verbindung gesetzt werden konnten. Ihre Augen waren aber lebendig und darin konnte es glühen, als würden die Feuer der Unterwelt persönlich darin brennen.
      "Ich diene den Göttern und bisher sind alle sehr zufrieden bei mir. Ich könnte nicht das gleiche von dir behaupten, Kassandra die verbannte Phönixin. Weißt du nicht, wie sehr man sich die Mäuler über dich zerreißt? Seit Jahrtausenden schon, das Thema ist so alt, dass es langsam langweilig wird. Kassandra als einzige Phönixin auf der Erde, wie ein zurückgelassenes Ei in einem brennenden Baum. Sie amüsieren sich darüber, wie sehr sich die Menschen über einen übergroßen Vogel freuen."
      Sie wandte sich wieder halb zum Schrank, zog ein Kleid hervor und warf es achtlos auf das Bett.
      "Im Gegensatz zu dir weiß ich aber, wo meine Schwestern auf der Welt sind. Kannst du dasselbe von dir behaupten? Weißt du überhaupt, was im Olymp vor sich geht?"
      Sie schien einen Gedanken zu bekommen, denn sie verharrte in ihrer Bewegung und sah dann zurück auf Kassandra. Ihre verhärteten Züge lockerten sich ein bisschen, als sie Kassandra anblinzelte.
      "... Weißt du es?"
    • Teal begutachtete in aller Ruhe die Pferde vor ihm. Die ein oder andere Stute beäugte ihn, ließ sich von ihm gar nicht erst irritieren oder zog weiter ihres Weges. Eine unauffällige, verhältnismäßig kleine Stute war die Erste, die ihre Nüstern an die Handinnenfläche des Jungen stieß und daran herum schnubbelte. Selbst Zoras Erscheinen neben dem Jungen schien sie nicht weiter zu beeindrucken.
      "Und doch soll man ein Buch nie nur nach seinem Umschlag beurteilen", entgegnete Teal und hob den Blick.
      Er warf einen Blick hinüber zu der Koppel, wo die Junghengste standen. Die meisten gaben sich nicht damit ab, dass Menschen nebenan ihre Bahnen zogen. Lediglich zwei der Tiere hoben den Kopf und schauten zu den Männern herüber, die anderen beschäftigten sich mit dem Gras oder untereinander. Dann dann fand Teals Blick wieder den Rappen, der als einziger wie eine Statue inmitten der Gruppe stand und scheinbar den Blick des Jungen erwiderte.
      Unweigerlich fröstelte Teal, obwohl der Windzug nicht unbedingt der kälteste war.
      "Dann sollten wir vielleicht doch einmal nach nebenan gehen", schlug er vor, tätschelte die Braune sanft, die einmal schnaubte und dann ihres Weges trottete. "Meinst du, Pferde haben ein so großes Bewusstsein wie wir?"
      Er nahm seinen Onkel in seinem Rücken wahr wie er seinem Neffen folgte. Ihre Familie wertschätzten die Pferde stärker als andere Clans, aber wie weit die Intelligenz oder das Bewusstsein der Tiere reichen mochte, wusste keiner so wirklich. Allerdings begann Teal langsam zu zweifeln, denn der Rappe stand noch immer unbeweglich da und starrte sie beide an. Nur sein Schweif vertrieb hier und da lästige Fliegen.
      "Guck mal, wie uns der Rappe da anstarrt. Das ist doch nicht normal", äußerte der Junge schließlich seine Gedanken als er wieder unter dem Zaun hindurch auf die andere Seite kletterte.


      Es war mehr als nur schwierig, Kassandra mundtot zu bekommen. Aber das Schweigen, das sich seitens ihrer entfaltete, kam dem schon verdächtig nahe. Ihre Haltung war eisern, ebenso wie der Blick, der allein schon hätte töten können.
      "Ich hatte ja keine Ahnung, wie sehr sich die obersten Götter am Lästern aufhalten", meinte sie ohne den vorangegangenen Hohn in der Stimme. "Aber scheinbar wird auch ihnen irgendwann langweilig. So soll es auch sein, sie suchen sich den nächsten Spielball, den sie in den Abgrund treten können."
      Sie sah dabei zu, wie Elive ein Kleid aus dem Schrank zog und es auf das Bett warf. Ihre Augen folgten dem Kleidungsstück nicht sondern lagen fest auf der Walküre. Die folgenden Sätze waren schlussendlich jene, die die Phönixin wirklich betrafen. An ihrer eisernen Hülle kratzten, die sie so sorgfältig errichtet hatte und dessen grässliches Kreischen ihr durch Mark und Bein gingen. Ohne es zu wollen bröckelte ihre harte Miene ein wenig und ließ eine gänzlich andere Emotion dahinter erahnen.
      "Verbannung bedeutet in der Regel vollständige Abgeschiedenheit, Ausgeschlossenheit. Natürlich weiß ich nicht, was die Allväter veranstalten oder wie es dem Rest meiner Art geht. Ich habe keine Brüder und Schwestern, denen ich folgen könnte oder die ich missen müsste. Ich bin hier unten völlig isoliert. Seit Jahrtausenden. Ich werde nur an meine Herkunft erinnert, wenn ich auf andere versklavte Götter treffe oder jemanden wie dich."
      Kassandra löste ihre Haltung und trat hinüber zum Bett ohne Elive eines weiteren Blickes zu würdigen. Ihre Finger glitten über den Stoff und zogen ihn auseinander, um den Schnitt und das Muster zu erkennen.
      "Sie wissen nicht, dass du eine Walküre bist, richtig? Sie wissen nicht, dass der zukünftige Herzog himmlisches Blut in den Adern trägt. Was hat dich dazu geritten, deinen Posten zu verlassen und dich mit einem Menschen einzulassen? Sogar ein Kind zu gebären?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Zoras lächelte sanftmütig über Teals Bemerkung und ließ den Blick über die Stuten wandern. Viele beäugten die beiden misstrauisch, den Schweif dabei hin und her peitschend.
      "Das ist schwer zu sagen. Sie können wohl sicherlich nicht dieselben Konzepte begreifen wie wir."
      Natürlich stellte Teal eine solche Frage, es war nur eine Frage der Zeit, bis der Philosoph in ihm zum Vorschein kam. Es versetzte Zoras dennoch in Erklärungsnot, der sich sicherlich noch nie gefragt hatte, wie groß das Bewusstsein der Pferde war und die Möglichkeit trotzdem wahrnehmen wollte, dem Jungen etwas beizubringen. Normalerweise wäre das wohl die Aufgabe des Vaters gewesen, aber Ryoran schien sich dazu entschieden zu haben, die beiden Männer aus der Entfernung zu beobachten und Zoras im Stillen dabei zu kritisieren, dass er den Jungen schon auf ein Pferd ließ.
      Zoras warf seinem Bruder einen kurzen Blick zu, bevor er seinen gemeinsamen Weg mit seinem Neffen fortsetzte.
      "Das heißt aber nicht, dass sie nicht schlau sind. Solche Tiere können viel mehr begreifen, als dir vielleicht bewusst ist. Wenn du es ihnen nur richtig vermittelst."
      Teal wandte Zoras' Aufmerksamkeit auf einen der Hengste, der völlig unbeeindruckt von seinen Gefährten auf der Wiese stand und den prächtigen Kopf in ihre Richtung hielt. Die Augen glupschten sie ununterbrochen an und obwohl Zoras tatsächlich die Stirn runzeln musste, wollte er doch Teal nicht beunruhigen. Hatte er nicht auch etwas von einem Rappen gesagt? War es vielleicht dieser eine?
      "Pferde können auch unterschiedliche Charakterzüge haben. Manche sind ruhiger, andere sind aufbrausender, manche sind schlauer, andere sind dümmer - manche haben vielleicht so feine Nüstern, dass sie die Karotten in meiner Hose auf einen halben Kilometer Entfernung riechen können. Das kann man nie wissen."
      Teal nutzte seine schmächtige Statur, um unter dem Zaun hindurch zu schlüpfen und nachdem Zoras sich im Stillen darüber amüsiert hatte, wie der Junge zwar im Schwertkampf Schwierigkeiten hatte, aber in einem richtigen Kampf viel klüger an die Sache herangehen würde, als stumpf mit einer Waffe zu schlagen, kletterte er über den Zaun hinweg und holte wieder zu ihm auf. Der Hengst starrte immernoch und so langsam überkam ihn der Gedanke, ob er vielleicht Tollwut haben könnte. Er sah sich nach dem Stallmeister um und als der Mann seinen Blick bemerkte, kam er herangeschossen, um sämtliche Fragen zu beantworten. Zoras informierte sich knapp über die Eltern des Hengstes, über sein Alter, ob man ihn schon untersucht habe, ob er schon eingeritten sei. Die Antworten waren keineswegs zweifelerregend, also verscheuchte er ihn wieder und wandte sich Teal zu, bevor er eine der Karotten herausholte und ihm reichte.
      "Willst du mal Hallo sagen? Vielleicht ist er ja nur schüchtern."

      Wenn etwas an Kassandras veränderter Miene Elive auffiel, dann ließ sie es sich nur durch einen längeren Blick anmerken, den sie auf die Phönixin gerichtet hatte. Ihre eigene Miene war nicht ganz so unlesbar wie Kassandras und so spiegelte sich ein Funken Sorge in ihr, als hätte die Phönixin ihr soeben mitgeteilt, dass es einem Verwandten schlecht ging.
      Nach einem Moment des Schweigens schien sie sich allerdings dazu zu entscheiden, das Thema nicht weiter auszuführen.
      "Hm."
      Sie blickte Kassandra noch hinterher, den Kiefer leicht angespannt, die Augen noch immer unmerklich geweitet, dann wandte sie sich wieder zum Schrank um und tat so, als würde sie weiter suchen, auch wenn sie gedanklich völlig woanders war.
      "Ein Land, in dem es keine Champions gibt, kann manchmal ein Segen sein. Ich war schon in Ländern, in denen die Champions gesammelt werden wie Schafe und dort musste ich nur mein Schwert einmal schwingen, um erkannt zu werden. Die Brüder sind genauso blind wie ihr Vater. Ich glaube, ihre Mutter hatte etwas geahnt, aber wir haben nie darüber gesprochen. Vielleicht konnte sie sich denken, dass ich nichts böses will. Vielleicht hat sie mich sogar für einen Schutzengel gehalten."
      Sie zog noch ein Kleid hervor und warf es hinter sich, drehte sich dabei aber auch wieder zu Kassandra um. Sie schien über die Bemerkung ernsthaft verärgert.
      "Ich habe meinen Posten nicht verlassen. Niemals! Ich bin den Göttern dienlich und das seit Urzeiten!"
      Sie starrte Kassandra für einen Moment an, während sie wohl abzuwägen schien, wie viel sie ihr mitteilen konnte und wie viel nicht. Die Tatsache, dass Kassandra verbannt und nach eigener Aussage keinerlei Kontakt zu einem Artgenossen hatte, schien sie letztens zu überzeugen, noch etwas weiter zu reden. Ihre Stimme verlor etwas an ihrer Schärfe.
      "Es hat sich etwas geändert, als die ersten Champions auf die Welt kamen. Das wurde nur deutlicher, als es mehr wurden. Ich habe nicht..."
      Sie verstummte und verschränkte die Arme auf trotzige Weise.
      "Wir führen die Gefallenen in die Totenwelt, nicht wahr? Das ist unsere Aufgabe. Wir mischen uns unter die Schlacht und wählen all jene aus, die es verdient haben - den Rest bekommen die Dämonen oder in manchen Fällen auch Charon. Das ist unsere Aufgabe, das hat sich nie geändert.
      Aber was sollen wir tun, wenn wir selbst in den Kampf geschickt werden? Ist jemand ehrenhaft, wenn er durch mein Schwert stirbt? Das Schwert, mit dem ich ihn eigentlich über die Grenze bringen würde und gegen das er keine Chance hat? Was soll daran ehrenhaft sein? Oder - oder wenn er durch die Hand eines Gottes stirbt? Dann hat er doch sicherlich verdient, in die Totenwelt gebracht zu werden, aber doch auch nicht, weil er sich auf der falschen Seite der Schlacht befunden hat, oder? Soll das heißen, dass alle, die sich auf der Seite eines Champions befinden, automatisch den Übergang verdient haben? Und was, wenn auf jeder Seite ein Champion steht, soll ich dann etwa abwägen, welcher der Götter es mehr wert ist, dass seine Krieger ehrenvoll sterben? Ich weiß es nicht! Was soll Ehre sein, wenn gar nicht mehr über weltliche Dinge gekämpft, sondern um Götter gekämpft werden? Ist der Olymp jetzt etwa auf die Erde gekommen? Was soll ich machen, wenn sich die Sterblichen mit Göttern vermischen? Was ist mit Halbgöttern? Verdienen sie einen ehrenhaften Tod? Es gab seit der Geschichte der Menschheit immer Halbgötter, aber nicht so unglaublich viele wie jetzt! Jeder zweite Gott hat mindestens ein Kind, weil alle auf der Welt wandeln und sich mit Menschen abgeben! Wo soll ich die Grenze ziehen? Ich weiß ja noch nicht einmal, ob es überhaupt noch eine Grenze gibt!"
      Völlig in Rage geredet, raufte sie sich grob durch die Haare und schien völlig vergessen zu haben, weshalb sie überhaupt hier waren. Sie brauchte einen Moment, bis sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte, um klare Gedanken zu fassen.
      "Ich habe mich daher zurückgezogen und beobachte. Ich kann nicht aufs Schlachtfeld ziehen, wenn ich nicht weiß, was noch Ehre sein soll. Der letzte Gott, dem ich begegnet bin, hat mich und meine Schwestern dazu verdammt in seinen Kriegen zu kämpfen und das mach ich nicht noch einmal. Nicht bevor ich weiß, wessen Tod ehrenhaft ist."
      Ihre Stimme wurde eine Spur sanfter, während sie sich wieder abreagiert hatte.
      "Ich habe mich auf Luor eingelassen, weil es hier weit und breit nichts gibt, was einen Krieg heraufbeschwören könnte - zumindest nicht vor unserer Haustür. Ein paar Pferde und hin und wieder ein paar sehr mutige Räuber, aber sonst nichts. Und mein Rori ist nicht wie sein Bruder oder sein Vater, er würde sich niemals Hals über Kopf in eine Schlacht stürzen, nur um das bisschen Ehre zu erhalten, die sein Land wohl damit gewinnt. Willst du mich etwa tatsächlich dafür verurteilen, dass ich mich in einen Menschen verliebt habe? Soweit ich gehört habe, hast du deine Essenz auch für einen Menschen abgegeben. Ich kannes ja verstehen, manche sind auch ganz hübsch - wie könnten sie auch nicht, wenn sie nach dem Vorbild der Götter geschaffen sind."
      Es lag weniger Streitsucht in ihren Worten als noch vor einem Moment und als sie auf die Kleider deutete und wieder sprach, wirkte es schon beinahe wie eine normale Unterhaltung zwischen zwei Frauen.
      "Zieh das da an und dann ziehst du das andere Kleid darüber. Das sind zwei verschiedene Teile. Ich muss sehen, ob das nicht zu klein für dich ist."
    • Ein paar der Junghengste waren schon wild von Dannen gezogen als sich Teal und Zoras näherten. Nur der stichelhaarige Rappe und ein Fuchs an seiner Seite blieben vor Ort. Doch während der Fuchs nur hin und wieder einen Blick zu ihnen zu werfen schien, war der Rappe immer noch auf Halbacht-Stellung. Er blähte die Nüstern als der Junge nur noch ein paar Meter von ihm entfernt stand und die Arme vor der Brust verschränkte.
      "Ich weiß nicht", sagte er nachdenklich und musterte das Tier. Die Ohren des Pferdes waren nach vorn gerichtet, zuckten aber hin und wieder zur Seite so als müsse er nach seinen Kumpanen horchen. "Ich kenne kein Pferd, das sich so seltsam verhält. Du sagst, da wäre alles in Ordnung mit ihm?"
      Nachdem er sich die Bestätigung abgeholt hatte, nahm er auch die Karotte entgegen. Erst dann schien etwas in dem Rappen zu erwachen und er bewegte sich nach vorne auf die beiden Männer zu. Er streckte den Hals lang aus um mit seinen Lippen nach der Möhre zu angeln. Teal schmunzelte, als er dem Tier das Gemüse hinhielt und den Arm weggezogen bekam, als der Hengst ein Stück abknappste.
      "Er war es, der mir aufgefallen war. Ich dachte, er würde ein Schimmel werden, aber das sind nur Stichelhaare. Siehst du?"
      Er deutete auf den Kopf des Hengstes, der nicht die typische Schimmelbrille zeigte. Das ganze Tier wirkte dadurch leicht angegraut, heller als jeder Rappe aber nicht so gräulich wie die Schimmel. Zu den Beinen hin wurde er wieder sattschwarz und auch die Mähne und der Schweif waren schwarz wie die Nacht.
      Teal fuhr dem Tier über den Nasenrücken, als es sich nach einem weiteren Stück streckte.
      "Ich glaube, mein Vater wird wenig begeistert sein, wenn ich mir ausgerechnet einen Hengst aussuche zu Beginn...", murmelte er leise und bekam ein Schnauben des Pferdes, so als hätte es ihn verstanden. "Ich glaube generell, dass er denkt, dass ich weniger lesen und mehr kämpfen lernen sollte. Meinst du, er denkt, ich sei zu schwach?"


      "Richtig. Beide Brüder haben nicht das Auge für die Übermenschliche. Aber ich würde es der Mutter nicht verübeln, wenn sie dich akzeptiert hat obwohl sie etwas geahnt haben könnte. Ihr Walküren genießt einen einen guten, ehrvollen Ruf. Es ist also gar nicht so unwahrscheinlich, dass sie dich vielleicht als Schutzpatronin dieser Familie wahrgenommen hatte."
      Einen Ruf, den Kassandra unter den Wissenden niemals genießen würde. All jene, die nur die Geschichten kannte, die sie den menschen beigebracht hatten, sahen sie als ein gutes Wesen. Als ein gütiges, mächtiges Wesen, das alles Leben wertschätzte. Wer sie wirklich kannte, fürchtete sich vor ihr. Rief ihr den Wahnsinn nach, nannte sie bei Namen, die sie nie selbst in den Mund nehmen würde. Beides waren Rufe, die sie weder richtig beschrieben noch die sie haben wollte.
      Kassandra ließ von den Kleidungsstücken ab, als sich Elive plötzlich in eine Art der Rage zu reden schien. Entgegen ihrer üblichen Handlung ließ die Phönixin die Walküre gewähren, sich ihren Frust von der Seele reden mit dem ersten anderen göttlichen Wesen, das ihr vermutlich seit Ewigkeiten über den Weg gelaufen war. Die Problematik mit den Göttern auf der Erde war auch ihr schon aufgefallen. Dennoch glaubte Kassandra nicht, dass die Götter vorhatten, auf der Erde einen zweiten Olymp zu erzeugen. Das würde sie auf eine Stufe stellen und ihnen ihre Göttlichkeit rauben. Langeweile wäre die Konsequenz und irgendwann gäbe es ein neues Spielzeug, auf das man sich einließ. Wobei man nie vergessen sollte, dass die Menschen die Götter erschufen und nicht andersherum. Ihr Glaube war es, der die Entstehung eines Gottes veranlasste und nicht andersherum.
      "Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass die Frage nach der Ehre für uns nun offen auf dem Tisch liegt. Wenn du mich fragst, ist es nicht ehrenvoll durch deine Klinge zu sterben. Es ist genauso wenig ehrenvoll, durch meine Hand zu sterben. Allerdings wäre es dies, wenn derjenige es täte, um jemanden zu schützen oder es für seine Überzeugungen tut. Aber wie soll man dies in kürzester Zeit beschließen? Diese Frage stelle ich mir zum Beispiel gar nicht. Ich weiß, dass ich etwas bin, das nicht hier unten sein sollte. Das der Fluss, den die Menschen hinab treiben, durch mich empfindlich gestört wird. Ich will mich so wenig wie möglich einmischen, werde aber immer wieder dazu genötigt, mich einzumischen. Wenn ich es könnte wie du würde ich mich auch zurückziehen, ja."
      Kassandra löste den Blick von der Kleidung, zu der sich ein neues Stück gesellt hatte, und richtete ihn auf Elive. Sie saßen mehr oder weniger im gleichen Boot. Nur wusste Kassandra, wo sie hingehörte, was sie tun sollte, und Elive fehlte diese Klarheit, dafür besaß sie ihre Freiheit. Jeder von ihnen hatte etwas, das der jeweils andere begehrte. Vielleicht reagierten sie deshalb so arg aufeinander.
      Allerdings schmunzelte Kassandra, als sie den Kosenamen für Ryoran von Elive hörte.
      "Ich habe meine Essenz nicht an einen Menschen gegeben, sondern mein Herz", korrigierte Kassandra die Walküre und begann damit, sich aus ihren miefenden Kleidern zu schälen. Ihr Tonfall war fast wieder normal, jeglicher Hohn oder Arroganz hatten sich verabschiedet als sie über Dinge zu sprechen begannen, die über all dem Göttersein lagen. "Es steht mir nicht zu dich zu verurteilen. Du warst so schlau und hast nichts von dir gegeben, das dich definiert und beherrscht. Wäre ich nicht so dumm gewesen mein Herz als Zeichen zu vergeben wäre ich dir womöglich nicht ganz unähnlich. Ich hatte mich nicht in Shukran wegen seines Äußeren verliebt. Es war seine Natur, seine Seele. Also verurteile ich dich nicht sondern kann dich nachempfinden. Wobei ich niemals einen Halbgott in die Welt setzen würde."
      Kassandra unterbrach ihren Monolog, als sie die Kleider wechselte und wie angewiesen die Neuen übereinander zog. Sie zupfte es hier und da ein wenig gerade und drehte sich Elive mit ausgetreckten Armen zu. Diese musterte die Phönixin und begann dann selbst, an dem Stoff herumzuziehen.
      "Seit diesem Fehler mit Shukran ist es mir kein weiteres Mal widerfahren. Ich habe mich soweit zurückgezogen wie irgendwie möglich. Allerdings habe ich ein wenig Sorge, dass Zoras dem Schein auch gern verfallen würde. Er sieht mich in einem Licht, das sicherlich nicht gut für ihn und seinen Plan ist", sagte die Phönixin und rückte an ihrem Ausschnitt herum. "Ich gehe davon aus, dass du alles, was ich dir anvertraue, geheim hältst. Selbst wenn ich nicht in vollem Besitz meiner Kraft sein sollte reicht es aus, um dich nach Valhalla zu schicken."
      Sie machte eine Pause. Es war lediglich ein Hinweis, keine offenkundige und bösgemeinte Drohung.
      "Zoras plant den Märtyrer zu spielen. Er will im Aufstand gegen Feris fallen und somit die Krone stärken, die es nicht mehr zu retten gibt. Der Junge wird das Königreich zugrunde richten und das wissen wir. Trotzdem lässt sich Zoras nicht davon abbringen und ich werde es nicht stillschweigend mit ansehen, wie er in den Tod reitet. Das, Elive, ist sicherlich kein ehrenvoller Tod."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Vielleicht denkt sich das Pferd dasselbe über dich", schmunzelte Zoras, der versuchte, eine lockere Stimmung beizubehalten. In Wahrheit juckte es ihn schon in den Fingern, das Maul des Tieres zu untersuchen. Aber das war Teals Pferd und es würde seine Verpflichtung sein.
      Er überreichte die Karotte und blieb dann zurück, während sein Neffe sich dem Hengst näherte. Jetzt erwachte er auch endlich zum Leben und Zoras durfte Zeuge der ersten, schüchternen Annäherungsversuche der beiden werden. Unweigerlich musste er schmunzeln, besonders in Anbetracht der unschuldigen Beobachtung, die Teal machte. Er selbst hatte sein Tier nach dessen Eltern ausgewählt, aber im Nachgang wäre es wohl auch nicht verkehrt gewesen, als 12-jähriger ein Pferd zu nehmen, das hübsch war.
      Teal tat in dieser Hinsicht alles richtig.
      Er sah sich kurz nach dessen Vater um, der noch immer am Zaun gelehnt stand und den Stallmeister in ein Gespräch verstrickt hatte. Er sah ein paar Mal hinüber und brachte zur gleichen Zeit wie Teal zum Ausdruck, dass er mit der jetzigen Wahl der Koppel nicht ganz zufrieden war.
      Zoras zuckte mit den Schultern in seine Richtung, als verstünde er ihn nicht, und wandte sich wieder seinem Neffen zu.
      "Unsinn."
      Er schloss zu ihm auf, auch wenn er dafür einen kritischen Blick von dem Hengst erntete, und beugte sich zu Teal hinab, während er ihm das nächste Karottenstück überreichte.
      "Dein Vater ist besorgt, das ist alles. Unsere Familie besteht weniger aus Gelehrten und mehr aus Kämpfern, weißt du? Eines Tages wirst du auch mal an der Spitze einer Armee in die Schlacht ziehen und auch wenn du dafür nicht kämpfen musst, wäre es doch sehr praktisch. Besonders als Herzog. Die Leute werden zu dir aufsehen."
      Er tätschelte ihm die Schulter.
      "Und dein Vater ist in dieser Hinsicht einfach sehr nervös, das kannst du ihm nicht übel nehmen. Dabei hat er aber gar keinen Grund so unruhig zu sein, weil du ein sehr kluger Junge bist und alles, was dir in den Armen fehlt, du mit Kopfschmalz ausgleichst, hm?"
      Er knuffte ihm erst in den Arm und wuschelte dann durch seine Haare, bevor er sich aufrichtete.
      "Und jetzt wirst du deinem Vater mal zeigen, dass du ein vollwertiger Luor bist - ich kann fast schon riechen, dass er gleich herkommen und sich beschweren wird. Ich werde ihn aber abwimmeln, keine Sorge; ich bin hier schließlich der Herzog."
      Er zwinkerte Teal schelmisch zu.
      "Willst du deinen neuen Freund mal zum Zaun locken, damit du aufsitzen kannst?"

      Elive unterbrach ihre Suche für einen Moment, um Kassandra einen von Skepsis und Misstrauen erfüllten Blick zuzuwerfen. Sie nahm ihre Worte in sich auf und gab schließlich ein unmerkliches Nicken von sich, bevor sie sich wieder dem Schrank widmete.
      "Ja. Vielleicht hat sie mich akzeptiert."
      Es lag eine Spur Trauer in ihrer Stimme, die sie aber nicht weiter erläuterte.
      Als das Thema auf ihren Dienst zu sprechen kam, warf sie Kassandra ebenfalls einen Blick zu, diesmal allerdings einen garstigen. Es war wohl kaum zu verheimlichen, dass sie empfindlich auf das Thema reagierte oder es sogar zu vermeiden versuchte.
      "Ich stehe auch den Kriegsgöttern zu diensten und keinen Phönixen, die sich für welche halten. Es kann ehrenvoll sein in einer Schlacht zu sterben, das ist gar keine Frage, und es ist meine Aufgabe, das zu bestimmen."
      Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
      "Du gehörst nicht auf diese Welt, das ist richtig, aber ich bin Teil von ihr, so wie es die Reiter der Apokylapse immer waren und ich tue meinen Dienst, so wie Cerberus schon immer die Höllentore bewacht. Ich existiere, um gefallene Krieger zu den großen Hallen zu führen, nichts anderes werde ich in meinem Leben tun. Und deswegen werde ich auch herausfinden, wie ich in Zukunft dienen soll und dafür muss ich mich wohl oder übel einmischen."
      Sie drehte sich zum Schrank und fügte etwas kleinlauter hinzu:
      "Auch wenn ich zugeben muss, dass ein Kind dafür nicht nötig war."
      Schließlich wandte sie sich Kassandra wieder zu und ging ganz zu ihr, anscheinend aus Ermangelung weiterer Kleidungsstücke.
      "Aber Teal ist ein guter Junge und ich bin bei weitem nicht das erste göttliche Wesen, das ein weiteres auf die Erde setzt. Ich darf auch meinen Spaß haben, oder etwa nicht? Ich schade doch niemandem? Wenn überhaupt, helfe ich. Zoras bekommt einen Nachfolger für seine Herrschaft und Rori ist glücklich, das kannst du mir nicht übel nehmen."
      Sie beobachtete, wie Kassandra die Kleider wechselte und gab hier und da eine Anweisung. Schließlich rückte sie es zurecht und begann damit, die vielen kleinen Zierstellen ordentlich herzurichten.
      "Du scheinst dem Charme der Menschen auch nicht wiederstehen zu können."
      Ein kurzer Blick nach oben.
      "Ich mache dir keine Vorwürfe - genauso wenig wie du mir welche machst."
      Sie schmunzelte ein bisschen.
      "Am Ende des Tages sind wir alle schließlich Frauen, nicht wahr?"
      Sie richtete sich auf und fing an, Kassandras Ärmel hochzukrempeln. Sie waren etwas eng. Von Kassandras Worten ließ sie sich nicht einschüchtern.
      "Ich habe kein Interesse, mich in andere Affären einzumischen. Ich habe genug von meinen eigenen Problemen, um mich auch noch um andere zu kümmern. Deine Geheimnisse sind bei mir sicher."
      Dann sah sie auf und beobachtete Kassandra für einen Moment, ehe sie ein Seufzen von sich gab und zurück zum Schrank schlich. Sie holte ein farbiges Tuch hervor und kam damit zurück.
      "Es überrascht mich nicht, dass Zoras sowas plant. Er kommt erschreckend genau nach seinem Vater und der hat sich auch geopfert in der Schlacht von Thurin. Eine ganz heldenhafte Tat, ja, ja. Ich will für ihn hoffen, dass die Walküren vor Ort das auch angesehen haben, sonst war es wohl umsonst."
      Sie kniete sich vor Kassandra und begann, das Tuch in die hüfthohe Schlaufe zu flechten.
      "Ich werde nicht entscheiden, ob das ein ehrenhafter Tod ist oder nicht, weil ich mich da raushalten werde. Ich bin Mutter und Ehefrau, ich werde mit Teal Zuhause bleiben und mich um die Pferde kümmern. Das überlasse ich meinen Schwestern - wenn er Glück hat, wird er eine erwischen, die selber schon angefangen hat zu zweifeln. Manche haben nämlich damit begonnen, ihre eigenen Vorstellungen von Ehre durchzusetzen, weil es uns ja sonst keiner sagt. Sie gehen nach Abzeichen oder nach Familie oder nach der Haarfarbe. Irgendeine wird ihn wohl abholen kommen."
      Sie verband das Tuch in einem Muster und richtete sich dann wieder auf, wobei sie die Phönixin mit einem neugierigen Ausdruck musterte.
      "Wieso interessiert dich das überhaupt so sehr? Müsstest du nicht froh sein, dass dein Träger sterben will? Du kannst dir dein Herz zurückholen, wenn du es ordentlich anstellst. Was interessiert es dich da noch, ob er ehrenhaft stirbt oder nicht?"
    • Man konnte dem Jungen regelrecht ansehen, dass es ihm nicht ganz wohl dabei war den Worten seines Onkels zu glauben. Noch fühlte Teal keinen Druck auf den eigenen Schultern, dafür wurde er schon viel zu lange darauf vorbereitet, dass er irgendwann der neue Herzog sein würde. Dieses Erbe war ihm in die Wiege gelegt worden und so einfach konnte er sich diesem nicht entziehen. Trotzdem wollte er so viel besser sein, einfach nur um seines Vaters Willen, und sah sich selbst doch dabei scheitern. Diese Unsicherheit merkte auch der Hengst, der daraufhin den Kopf hochriss und die Nüstern blähte.
      Sofort entspannte sich Teal wieder, um das Pferd wieder zu beruhigen. Beschwichtigend hielt er ihm die Möhre unter die Nase und setzte sich in Bewegung zum Zaun. Sicher, es freute ihn, dass er sein Pferd bekam. Aber es war auch ein weiterer Schritt in Richtung Erwachsenwerden und damit näherte er sich unaufhaltsam seinem Titel.
      "Ich glaube, er wird durchdrehen, wenn er das sieht... Also, meinen Vater meine ich", murmelte Teal, noch immer folgte ihm der Schwarze wie von einer unsichtbaren Leine geführt. Am Zaun hielten sie beide inne, Teal gab ihm den Rest seiner Möhre und kletterte auf die Streben des Zaunes.
      Fast augenblicklich hatte er eine Hand auf dem Rücken des Tieres, damit sie ständig verbunden blieben. Insgeheim setzte er darauf, dass sich der Hengst gleich einfach wieder entfernte, zum Rest seiner Gruppe aufschloss und den Jungen einfach ignorierte. Zu seiner eigenen Überraschung kaute der Hengst noch immer seelig auf der Möhre, den Kopf hoch erhoben als sich Zoras näherte. In einer gleichmäßigen rutschenden Bewegung schob Teal seinen Rumpf über den Rücken des Tieres und wartete einen Moment ab. Als sich das Pferd nicht sonderlich unbehaglich bewegte folgte auch der Rest des Jungen bis er schlussendlich auf dem Rücken des schwarzen Hengstes saß.
      Eine Welle der Glückseligkeit überrollte ihn, als er von hier oben zu seinem Onkel triumphierend sah und das breite Grinsen nicht verstecken konnte. Anstelle das Tier jedoch anzutreiben, gab er sich einfach damit zufrieden sitzen zu bleiben.
      Der Hengst setzte sich auch von allein in Bewegung.
      Was erst ein gemächlicher Schritt war verwandelte sich binnen Sekunden in einen wilden Galopp. Kein Laut verließ Teal, der sich in der Mähne des Hengstes festkrallte und versuchte, sich so gut es ging auf dem Tier zu halten. Als der Rappe schließlich mit Bocksprüngen anfing, gab es für ihn jedoch kein Halten mehr. Ein kräftiger Sprung beförderte den Jugen unsanft auf den Boden der Tatsachen, der Hengst buckelte noch ein paar Schritte weiter, ehe er erhobenen Schweifes zum Rest seiner Herde zurücktrabte. Ein Sieger und ein Verlierer.
      Teal rollte sich ätzen im Gras auf den Rücken. Er war auf der Schulter aufgekommen und bwegte beide Arme kurz zum Test. Dann wischte er sich den Dreck aus seinem Gesicht und schaute einfach nur in den wolkenlosen Himmel hinauf. Vielleicht sollte er sich einfach gegen sein Bluterbe stellen? Wer wusste, ob das Schicksal nicht einen anderen Plan für ihn in der Hinterhand hielt. Er wollte nicht derjenige sein, zu dem man aufsah, der ein Heer anführte. Aber wenn es das war, was von ihm erwartet wurde, würde er sich dem fügen.
      "Alles wunderbar!", rief er noch bevor er sich aufsetzte und nicht missmutig sondern eher entschlossen zu Zoras schaute.
      Er streckte den Arm aus und deutete hinüber zu der Junghengsteherde.
      "Ich wähle den Rapphengst!"


      Am Ende des tages sind wir alle schließlich Frauen, nicht wahr?
      Kassandra war geneigt mit den Augen zu rollen, unterband den Reflex jedoch. Es gelüstete sie bisher wenig nach den fleischlichen Reizen, und nur ein einziges Mal hatte sie sich dermaßen zu einem Menschen hingezogen gefühlt, dass sie seine Berührungen aufrichtig genossen hatte. Aber auch daraus wäre nie ein weiteres Leben entstanden. Das würde den Fluss, den die Phönixe so sehr wertschätzen, zu sehr durcheinander bringen. Dies war der Überschneidungspunkt, der sie als mytisches Wesen von Einheiten wie Walküren unterschied. Auch Walküren würden eines Tages sterben und in Valhalla eingehen. Sie hingegen als Phönix würde es nie tun. Ein Ende ihrer Existenz war schlichtweg nicht vorgesehen.
      Als Elive zum SChrank zurückkehrte und nach einem Tuch suchte, krempelte Kassandra derweil ihren Ärmel weiter hoch. Elive war tiefer in diese Familienbande verwickelt als sie selbst es je sein konnte. Die Walküre war ein fester Bestandteil der Luors geworden, mit Haut und Haar. Was würde sie tun, wenn ihr Ryoran genommen würde? Wenn ihr Sohn in einem Kriege fiel, den er gar nicht auszutragen hatte?
      Sie ließ die andere Frau ihre Tätigkeit vollrichten und antwortete erst auf die Fragen nachdem sich Elive wieder vollends aufgerichtet hatte. Von oben herab zu sprechen schien Kassandra nicht wirklich angemessen zu sein. Vielleicht auch angesichts ihrer Lage.
      "Du fragst, warum es mich interessiert? Dann wirst du verlernt haben, über deine eigenen Ansichten hinaus zu schauen", meinte Kassandra in einem trägen Tonfall. Sie klagte die Walküre nicht dafür an, immerhin hatten ihre beiden Arten in der Tat wenig gemein. "Unsere Schwerpunkte sind zwei völlig verschiedene. Du legst dein Augenmerk auf den Tod, ob er ehrenhaft war und ob du die Seele weitergeleiten darfst. Das ist deine Natur. Meine hingegen beschäftigt sich mit der Aufrechterhaltung des Lebens. Dem Zyklus von Leben und Tod. Wir greifen nicht in den Lauf der Natur ein, nur wenn wir gezwungen werden. Es tötet jedes Mal etwas in uns, wenn wir zuwider unserer Natur handeln. Und wenn ich sehe, wie lange Zoras noch hat, welch ein langes, erfülltes Leben er vor sich liegen hat, dann schmerzt es mich zu wissen, dass er es opfert für so etwas lächerliches wie eine Krone."
      Ihre Stimme wurde mit jedem Wort verbissener. Es war egal, wer an Stelle Zoras' stünde. Sie würde bei jedem Menschen gleich handeln, ob er ihr Träger war oder nicht.
      "Sicher, ich wünsche mir nichts sehnlicher als meine Essenz zurück. Aber nicht zu diesem Preis. Wenn ich ihn davon abhalten kann, dann werde ich es versuchen. Du bist im Besitz deiner Würde, korrekt?" Sie warf Elive einen musternden Blick zu. "Ich hingegen gab mein Herz. Alles, was mein Träger fühlt, fühle auch ich. Weißt du, wie es ist, wenn ein Mensch stirbt? Welche Todesangst und Qualen er durchleidet bevor sein Licht erlischt? DAS ist es, was mich in den Wahnsinn treibt. Ich kann nicht noch öfter ertragen, wie das Lebenslicht erlischt, Elive."
      Kassandra löste sich von ihrer Position und steuerte die Tür an. Sie hatte neue Kleidung und sah nicht mehr aus wie ein Bauernstück. Das bedeutete, sie konnte Zoras suchen gehen und musste sich nicht die Blöße geben und der Walküre ihre zerbrechliche Seite präsentieren.

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