[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Was glaubst du wofür all die satanischen Rituale in meinen Bordell sind? Das ist harte Arbeit," stimmte Vincent in den Scherz mit ein.
      Er ließ Thomas Abstand zwischen sie bringen, auch wenn alles in ihm dagegen war, alles in ihm den Mann auch weiterhin an sich pressen wollte.
      Er lauschte Thomas Worten, seinem Angebot. Worauf wollte er damit hinaus? Das klang ja beinahe schon wie ein Friedensangebot. Vincent musste davon abhalten, sich Hoffnungen zu machen. Hoffnungen auf...
      Ohne Rücksicht auf Thomas' Zustand zu nehmen, warf sich Vincent auf den Mann, vergrub ihn unter sich in den weichen, teuren Kissen. Immerhin achtete er darauf, nicht sein volles Gewicht gegen Thomas' Körper zu werfen. Er stützte sich mit seinen Ellenbogen neben Thomas' Kopf ab, ein Knie neben der Hüfte des Mannes, das andere zwischen dessen Beinen, damit er sein Gewicht selbst trug und nicht auf Thomas legte. Und er küsste ihn. Er küsste Thomas, ungeachtet der Konsequenzen, die das vielleicht nach sich zog.
      "Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben, Thomas."
      Mit dem Daumen strich er über Thomas Wange, nichts als Liebe ins einer Berührung.
      "Nicht eine Sekunde lang. Nicht eine. Und es tut mir leid, wenn du das gedacht hast. Es war nicht meine Absicht, dich das glauben zu lassen. Niemals."


    • Seine Antwort kam in einem plötzlichen Aufbegehren von Vincent, mit dem er ihrer beider Positionen spielend leicht wechselte. Thomas hatte gerade noch Zeit, sich an ihn zu klammern, da fiel er mit einem Grunzen in die Bettlaken und ergab sich dem darauf folgenden Schwindelanfall, ehe Vincent schon auf ihm war und sich zwei himmlisch weiche Lippen auf seine drückten. Er vergaß seinen Schmerz, er vergaß ihre Situation, er vergaß alles. Vincent war das einzige, was für ihn noch eine Rolle spielte und er schlang die Arme um dessen Nacken und stellte das äußere Bein auf, um es an ihn zu lehnen - alles, um ihm nur so nahe zu sein, wie es möglich war. Erst, als sie sich lösten, folgten die schönsten Worte, die Thomas jemals zu hören geglaubt hatte und er lächelte, er lächelte wirklich. Zum ersten Mal in seinem Leben, wie er glaubte, als er die Wärme aufsteigen spürte, die seine ganze Brust und seinen Kopf erfasste. Vielleicht war es das Fieber, vielleicht war es seine närrische Verliebtheit, aber Vincent schien zu strahlen und er strahlte nur für Thomas. Er war seine eigene, kleine Sonne und Thomas ließ sich mit allem Glück von ihr schmelzen.
      "Ich habe viel merkwürdige Dinge in letzter Zeit gedacht, das war noch eins von der geringeren Sorte. Glaube ich."
      Er ließ sich über die Wange streichen, eine so zarte Bewegung, die eine weitere Welle aus Glück in ihm auslöste. Vincent hätte ihm viel sagen können, er hätte ihm die Welt vorlügen können, ohne dass Thomas es vielleicht bemerkte, aber diese Zuneigung hätte er sich nicht ausdenken können. Und Thomas war nur allzu froh darüber.
      "Ich habe auch nie damit aufgehört. Nicht ein Mal."
      Er gab dem anderen die Gelegenheit, seine Worte richtig zu verstehen. Wahrhaftig hatte er nicht eine Sekunde damit aufgehört, nicht einmal an Silvester.
      "Obwohl ich sagen muss, dass ich noch immer recht beleidigt bin, dass du mir nicht früher gesagt hast, was du bist."
      Sein Lächeln festigte sich, während er die Hände hinter seinem Nacken verschränkte.
      "Ich habe dir bei unserem ersten Abendessen so viel über Vampire - über dich selbst! - erzählt, ohne irgendwas zu ahnen. Du hast ja sogar noch Fragen gestellt und mir von deiner Silber-Unverträglichkeit erzählt, du Gauner. Hast du dich wenigstens gut amüsiert?"
      Er lachte leise, zumindest so lange, bis die Übelkeit zurückkehrte und er lieber wieder darauf verzichtete. Etwas ernster setzte er hinzu:
      "Die Handcreme hat aber tatsächlich nicht geholfen, oder?"
    • Vincent konnte sein Glück kaum fassen. Hatte er Thomas gerade wirklich richtig verstanden?
      Ein Lächeln legte sich auf seine Lippen. Ein sanftes Lächeln voll ehrlicher Freude. Einer Freude, die sein Herz zu zerquetschen drohte.
      Er ließ sich - nicht aus Thomas Griff rutschend - neben dem Mann in die Kissen fallen. Thomas war ihm so nahe, körperlich wie emotional, wie schon lange nicht mehr und Vincent wollte jede Sekunde davon ausnutzen. Verflucht seien sein Hunger, sein nach Schlaf lechzender Körper. Das war ihm alles egal, solange er nur weiter in diese wundervollen Augen blicken durfte. Augen, die ihn sanft und voller Liebe ansahen.
      "Bloße Selbstverteidigung. Ich bereue bloß, wie du es erfahren hast. Ich wollte es dir eigentlich in einem romantischeren Moment erzählen."
      Vincent seufzte bei dem Gedanken an Silvester. So vieles war schiefgelaufen. So viel, das ihnen beiden unendlichen Schmerz bereitet hätte.
      "Hey! Ich war beeindruckt von deinem Wissen. Ich habe schon viele von deinem Schlag getroffen, die nicht halb so viel wussten! Und ja, ich habe mich amüsiert."
      Mit einem schelmischen Grinsen stahl sich Vincent einen weiteren, flüchtigen Kuss, bevor er sich einen weiteren Moment nahm, um Thomas einfach nur zu betrachten.
      "Die Handcreme hat sehr wohl geholfen. Silber ist... es ist kompliziert zu heilen, selbst eine so kleine Verletzung durch bloßen Kontakt. Ich mache es mir da nicht einfacher, indem ich auf menschliches Blut verzichte. Meine Haut funktioniert genauso wie deine. Nur schneller, wenn ich es möchte. Wenn du mir also etwas gibst, was die Heilung fördert, dann tut es das auch."
      Er zuckte mit den Schultern.
      "Ich bin vielleicht der einzige Vampire auf dieser Welt, der sich tatsächlich von einem Arzt behandeln lässt, wenn etwas nicht stimmt."
      Ein leises, kaum hörbares Klopfen ließ Vincent die Stirn runzeln. Kurz darauf öffnete sich die Tür einen Spalt und Esther streckte einmal mehr den Kopf hinein. Vincent schob die Decken ein wenig mehr über Thomas, sodass er vor ihrem Blick geschützt war - auch wenn das keine Rolle in Vincents Haushalt spielte - und hob den Kopf, um sie richtig sehen zu können.
      "Was gibt es?" fragte er.
      "Nora ist eben nach Hause gekommen. Simon klärt sie gerade auf. Ich wollte fragen, ob ich ein Mittagessen vorbereiten soll?"
      Vincent sah hinab zu Thomas, musterte ihn kurz, dann nickte er auf Esthers Frage hin.
      "Etwas magenschonendes, bitte. Und Tee. Und bestelle bitte Dr. Hearne her. Unser Gast hat sich vielleicht ein bisschen mehr als einen Kater eingefangen."
      Esther nickte knapp und verschwand wieder. Vincent ließ den Kopf wieder in die Kissen sinken.
      "Du wirst Dr. Hearne mögen. Der alte Mann kümmert sich schon seit Jahren um meinen Hausstab. Freundlich, herzlich, professionell, wenn er es sein muss."
      Er strich Thomas eine verirrte Strähne aus dem Gesicht, ließ seine Finger einen Herzschlag zu lange auf dessen Wange ruhen, bevor er sie zurückzog. Er hatte Thomas zurück. Seinen Thomas.


    • Thomas beobachtete, wie Vincent sich neben ihm ins Bett fallen ließ. Ein Teil von ihm hatte noch immer nicht recht verarbeitet, dass dieser Mann tatsächlich dieselben Gefühle für ihn hegte. Wie viel Glück konnte eine einzelne Person besitzen? Er war sich sicher, so unverschämt viel zu haben, dass es eigentlich nicht hätte möglich sein dürfen.
      Und trotzdem waren sie hier. Trotzdem lagen sie nebeneinander und in Vincents Augen war das Glitzern zurückgekehrt, während seine Lippen sich zu einem herzerwärmenden Lächeln verzogen. Thomas schloss sich an, wie könnte er auch anders bei diesem charmanten Mann, der neben ihm lag. Er hatte wirklich alles Glück der Welt für sich beansprucht.
      "Du bist unverbesserlich, weißt du das? Ich vermute, das kommt mit den Jahren."
      Er empfing den Kuss lächelnd, dann betrachtete er Vincent für einen Moment.
      "Du solltest auch nicht damit aufhören, auch wenn ich darauf bestehen muss, dein behandelnder Arzt zu werden. Immerhin musst du mir keine Märchengeschichten mehr über deine Krankheiten erzählen."
      Ein Klopfen riss sie beide aus der Unterhaltung und bevor Thomas überhaupt soweit war, hatte Vincent die Decken über ihm gerichtet. Er verzichtete darauf, mit der Bediensteten an der Tür - es war nicht Nora, so viel konnte er raushören - zu reden, stattdessen beobachtete er Vincent, wie er es tat. Seinen Vincent. Sein Herz machte einen Sprung.
      Die Frau ging wieder und Vincent ließ sich zurück zu ihm sinken. Thomas nutzte die verbleibende Zeit, um sich etwas näher an den Mann zu schmiegen. Dessen Berührungen waren sanft und liebevoll und jedes kleine Bisschen davon wie ein kleiner, neuer Liebesbeweis. Er lächelte. Eigentlich wusste er gar nicht, ob er jemals wieder damit aufhören könnte.
      "Ich respektiere alte Ärzte. Wo hat er studiert? Gut möglich, dass ich ihn sogar kennen könnte."
      Sie blieben weiterhin im Bett, zufrieden darüber, sich gegenseitig zu haben, bis der Hunger groß wurde und die Frau - es war Esther - ihnen Bescheid gab, dass das Essen fertig sei. Thomas bestand darauf aufzustehen und hinunter zu gehen zum Essen, aber die Luft war selbst in dem aufgeheitzten Raum für ihn eisig und da half auch kein Morgenmantel, den er sich überzog. Also musste er im Bett bleiben und essen, was gar nicht so schlecht war, denn als er drei Löffel geschluckt hatte, erkannte er, dass sein Magen drohte, alles gleich wieder auszuspucken und ließ sich von Vincent ins Bad helfen, der noch immer darauf bestand, auf den Schlaf verzichten zu können. Nachdem sie dort eine halbe Stunde verbracht hatten, bis das Essen definitiv unten blieb, riskierte Thomas endlich einen ersten Blick in den Spiegel.
      Sein Hals war geschwollen und gerötet, natürlich, und über seinem Bauch prangte ein solch großer dunkler Fleck, dass es beinahe wie Farbe wirkte. Er hatte Schrammen, wo er sich an keine erinnern konnte, und abgesehen von dem offensichtlichen aus dem Kampf, fiel ihm auf, dass er einiges abgenommen hatte. Seine Wangenknochen wirkten eingefallen, seine Augen dunkel und sein Haar stand in alle Richtungen ab. Er sah aus wie eine wandelnde Leiche, wie er fand.
      "Ist Dr. Hearne genauso diskret, wie der Rest deiner Belegschaft?", fragte er Vincent, der nicht ein Mal von seiner Seite gewichen war. Dem Vampir konnte man nicht ansehen, dass er den ganzen Tag schon nicht geschlafen hatte, wobei Thomas sich nicht sicher war, ob man sowas jemals sehen könnte.
      "Und vermutlich sollte ich ins Gästezimmer wechseln, wenn er kommt."
    • "Werde ich mir jetzt ausschließlich Witze über mein Alter anhören müssen?" beschwerte sich Vincent mit einem breiten Grinsen im Gesicht. "Werd du erstmal so alt, mein Lieber, dann reden wir weiter."
      Vincent musste sich davon abhalten, bei all der Wärme und der bequemen Nähe zu Thomas, einfach einzunicken. Der Gedanke war verlockend, aber viel verlockender war es, einfach hier mit Thomas zu liegen und ihren gemeinsamen Frieden zu genießen, solange der denn anhalten mochte.
      Er half dem Mann in einen seiner Morgenmäntel, konnte aber bereits sehen, dass Thomas es keinesfalls bis hinunter ins Esszimmer schaffen würde. Vincent würde ihn ja tragen, aber Thomas bemerkte seine eigene Schwäche selbst, woraufhin Vincent Esther anwies, das Essen einfach hochzubringen. Während sie darauf warteten, fachte Vincent das Feuer im Kamin noch einmal an.
      "Das weiß ich gar nicht. Er hat lange Zeit in London gearbeitet, da habe ich ihn kennengelernt. Und dann habe ich ihn auf einer meiner Geschäftsreisen hierher wiedergetroffen. Da hat er mir erzählt, dass er jetzt hier lebt."
      Vincent zuckte mit den Schultern und setzte sich neben Thomas auf die Bettkante.
      "Was ich weiß ist, dass der Mann sich nie auf ein Fachgebiet spezialisieren konnte und deswegen ein bisschen was von allem macht."
      Ohne sich zu beschweren oder Thomas einen Vortrag zu halten, half er dem anderen Mann ins Badezimmer. Auch die paar Mrter hätte Vincent ihn ja gern getragen, aber Thomas' Ego konnte scheinbar nur so viel vertragen. Er setzte sich neben ihn auf die dunklen Fliesen und rieb ihm in sanften Kreisen über den Rücken.
      "Dr. Hearne ist so diskret, wie ich ihn brauche. Er ist stolzer Verteidiger seiner Schweigepflicht; hat deswegen sogar schon einmal in Haft gesessen. Und bei den Patienten, die ich ihm immer wieder vorsetze... sagen wir's mal so: er schätzt meine Arbeit mehr als die Macht der Reichen. Er ist ein bisschen kommunistisch unterwegs, muss ich sagen. Ein guter Mann. Ich vertraue ihm."
      Dieses Mal ließ Vincent nicht locker. Eigentlich ließ er Thomas gar keine Wahl. Er legte seine Arme um den Mann und holte ihn von den Füßen, bevor er überhaupt etwas sagen konnte, und trug ihn rüber in das vorbereitete - und vorgeheizte - Gästezimmer, wo er Thomas auf dem Bett absetzte.
      "Wir sollten auch jemanden losschicken, um dir ein paar Sachen einzupacken. Ich lasse dich so schnell nirgendwo hingehen. Du hast keinen Mantel dabei und könntest dir eine Erkältung einfangen, weißt du?"
      Mit einem Lächeln beugte sich Vincent vor und küsste Thomas auf die Stirn.
      "Ich gehe mir schnell etwas anziehen. Bin gleich wieder da."
      Vincent huschte zurück in sein Schlafzimmer und tat wie gesagt. Er warf sich nicht besonders in Schale, verzichtete auch auf ein Jackett. Allerding ging er noch schnell in die Küche, um sich von Nora ein Glas Schweineblut abzuholen.
      "Du kannst mich später verurteilen und später genein zu Thomas sein", kommentierte er ihren Blick.
      "Dann bin ich jetzt eben gemein zu dir: hast du's ihm gesagt? Das mit deinem neuen Problem?"
      Nun war es an Vincent, Nora einen Blick zuzuwerfen.
      "Er hat gerade andere Probleme, meine können warten," antwortete er.
      "Können sie das? Wenn ihr zwei jetzt wieder Zeit miteinander verbringt - auf engem Raum - wird es ihm auffallen. Hasst du denn nichts gelernt? Sag es ihm, du sturer Dummkopf!"
      Vincent grunzte.
      "In Ordnung. Aber erst, wenn Dr. Hearne hier war und wir wissen, was mit ihm los ist. Ich kann mein Problem benennen, er nicht. Und er ist ein Kopfmensch, er wird es wissen wollen."
      "Na gut. Aber wenn er es morgen früh nicht weiß, dann verpfeife ich dich, verstanden?"
      Nora verschränkte die Arme vor der Brust; ein sicheres Zeichen dafür, dass sie keine Widerrede erlaubte. Also nickte Vincent bloß, bevor er sich abwandte und wieder nach oben ging.
      Keine fünf Minuten später klopfte es an der Tür zum Gästezimmer und Esther tauchte zusammen mit Dr. Hearne auf. Der Mann war klein, vielleicht einen Meter sechzig, wenn man die Augen zusammenkniff, pummelig und hatte schon lange sein Haupthaar eingebüßt. Dafür trug er einen stolzen Schnurrbart, der so weiß wie Schnee war. Er trug einen einfachen Anzug, nichts zu teures, aber auch nicht zu schäbig. In seiner linken Hand hielt er eine lederne Tasche, die er irgendwie schon immer mit sich geführt hatte. Dieses Ding war älter als Dr. Hearnes Tochter, da war sich Vincent sicher.
      Vincent sprang auf und reichte dem kleinen Doktor die Hand, bevor er ihn in eine freundliche Umarmung zog.
      "Vincent, mein Junge! Lang lang ist's her!"
      "Es waren doch nur acht Monate, Arthur."
      "In meinem Alter ist das eine Ewigkeit, mein Junge. Also, was hast du mir heute zu präsentieren?"
      Vincent führte ihn rüber zu Thomas' Bett.
      "Doktor Arthur Hearne, das ist Doktor Thomas Van Helsing. Doktor Van Helsing, das ist mein alter Freund Doktor Hearne."
      "Ein Doktor, hm? Hoffentlich ein richtiger und nicht einer von der Universität für Mathematik oder sowas."
      Dr. Hearne reichte Thomas die Hand und schüttelte sie, trotz seines hohen Alters und sener geringen Körpergröße, recht kräftig.
      "Wo tut's denn weh, Herr Doktor-Kollege?"
      Vincent zog sich ein bisschen zurück und ließ die beiden Männer machen. Esther musste ihn praktisch aus dem Raum zerren, damit er sie auch wirklich allein ließ.
      "Die Polizei hat einen Beamten geschickt," informierte Esther und reichte ihm einen Zettel.
      Vincent überflog ihn kurz.
      "Ich setze etwas auf. Sag Simon, er soll schonmal seine Jacke anziehen."
      Gesagt, getan.Vincent schickte seinen Laufburschen mit einem Brief zurück zur Polizeistation, in dem er den leitenden Ermittler zu sich einlud, aber darauf aufmerksam machte, dass sich der gute Doktor Van Helsing vielleicht eine Magenverstimmung eingefangen hatte und er für nichts garantieren konnte. Aber Vincent sei natürlich bereit, seine Räume zur Verfügung zu stellen, um die neusten Gewalttaten in dieser Stadt schnell aufklären lassen zu können. Und er setzte die Information, dass die Polizei mit Thomas reden wollte, auf die Liste der Dinge, die er Thomas mitteilen musste. Seit wann war sein Leben nur so stressig?
      "Das muss an Cambridge liegen, draußen auf dem Land passiert mir das nie..." murmelte er zu sich selbst, als er sich ein Buch aus seinem Salon holte.
      Irgendwie musste er sich ja beschäftigen, während Thomas oben mit dem Doktor allein war. Er nahm das Buch mit hoch in sein Schlafzimmer und legte es auf den kleinen Stapel auf seinem Nachttisch. Den Rest dort müsste er dringend wieder unten einsortieren. So viel zu tun...


    • Vincents Vertrauen in Dr. Hearne beruhte wohl nicht minder auf einer freundschaftlichen Basis, wie Thomas bei dessen Ankunft herausfand. Der Arzt aus London entsprach gänzlich dem Gegenteil von dem, was man sich unter einem Großstadt-Arzt vorgestellt hätte. Mit seinem fast schüchternen Aussehen hätte er viel eher nach Cambridge gepasst, aber sein Auftreten war selbstbewusst und höchst professionell. Leider - oder vielleicht auch zum Glück - kannte Thomas ihn nicht, durfte das aber aufholen, auch wenn er sich dabei die Blöße geben musste, einen viel zu laschen Händedruck zu liefern. Er war so schon in seinem eigenen Selbstbewusstsein davon gekränkt, sich auf einen Kollegen verlassen zu müssen und von Vincent wie eine Frau durch die Gegend getragen zu werden - obwohl letzteres nichtmal so schlimm war. Nicht, dass er das jemals frei ausgesprochen hätte.
      Der Hausherr ließ die beiden alleine und Dr. Hearne begann mit seiner Untersuchung lockerer Art, der Thomas sich fügte. Er erzählte vom gestrigen Tag, von der Auseinandersetzung, von seinem Aufenthalt im Freien und wie er - bzw. Vincent - es behandelt hatte. Er ließ aus, dass es sich um Vampire gehandelt hatte und der Kollege fragte auch nicht nach. Er beantwortete Fragen und ließ den Oberkörper abtasten. Nachdem er sich für einige quälende Sekunden der Tortur hingegeben hatte, seinen Bauch erneut zerdrückt zu bekommen, schob er den anderen weg mit dem Hinweis, dass er ihm gleich seinen Mageninhalt präsentieren würde, wenn er nicht aufhörte. Sofern das nicht zu seiner Untersuchung gehörte, solle er das wohl bleiben lassen.
      Dr. Hearne erkundigte sich dafür, ob er in den vergangenen Tagen ähnliche Symptome gehabt hätte. Nein, das habe er nicht, antwortete Thomas ihm widerstandslos, aber er habe seine Bedürfnisse etwas vernachlässigt.
      Was solle "etwas vernachlässigt" bedeuten?
      Da erzählte Thomas ihm von den ersten Wochen im neuen Jahr, von dem wenig Schlaf, den er bekommen hatte, von den wenigen Mahlzeiten, wenn überhaupt welche, und von dem Stress, wenngleich er nicht spezifizierte, welcher Stress genau.
      Ah, dann wisse der Doktor genau, worum es sich handle.
      Ach wirklich?
      Es seien gewöhnliche Erschöpfungssymptome. Das zeige sich bei jedem anders und bei Thomas mit Fieber und einem Körper, der sich nicht erholen wolle. Ob er denn den Grund des Stresses erfahren dürfte?
      … Liebeskummer.
      Dafür gäbe es wahrlich selbst in der modernen Medizin keine Heilung. Habe der Kummer sich denn gelöst?
      Durchaus.
      Das wäre doch schon ein guter Weg zur Besserung. Im nächsten Schritt solle Thomas das Fieber auskurieren, bevor es sich noch ausbreitete. Er bekäme dafür Hausarrest, was ihn sicherlich nicht wunderte.
      Nein, das würde ihn nicht wundern, er habe sich etwas ähnliches bereits auferlegt.
      Das sei gut. Und mit dem Essen solle er seinen Magen langsam wieder daran gewöhnen, etwas aufzunehmen. Viel Flüssigkeit sei gut, wenig festes, nicht zu viel auf einmal, lieber häufiger und dafür weniger.
      Keine Medikamente?
      Persönlich würde er erst einmal darauf verzichten, bis die Nachwirkungen der Unterkühlung verschwunden wären. Dann könne man etwas gegen die Magenkrämpfe nehmen - ob Thomas seinen Rat bräuchte?
      Den würde er immer gerne annehmen.

      Sie redeten eine halbe Stunde, dann verabschiedete Dr. Hearne sich mit dem Hinweis, dass es sicherlich gesundheitsfördernd war, sich von der glücklichen Herzensdame besuchen zu lassen, die wohl den vorherigen Kummer beschert hatte. Das brachte Thomas, trotz seiner aufgekommenen Erschöpfung, zum Schmunzeln und er ließ sich in die Kissen sinken, um darauf zu warten, dass der Arzt dem Gastgeber berichtete, wie es um seinen Gast stand, dann das Haus verließ und der Hausherr zurückkehrte. Natürlich hätte er alleine ins andere Zimmer gehen können, auch wenn es sich sicherlich nicht angenehm angefühlt hätte, aber er konnte ja auch darauf warten, dass Vincent ihn wieder anstandslos hinübertrug. Wenn er es noch zwei Mal täte, würde Thomas wahrscheinlich noch Gefallen daran finden.
      Als der andere schließlich auftauchte, wäre er schon beinahe weggedöst, richtete sich aber auf, um Vincent anzublinzeln.
      "Da ist sie ja, die Herzensdame."
      Das Schmunzeln kehrte zurück und diesmal war es stark genug, um seine anderen Beschwerden auszublenden. Beispielsweise die kochende Hitze unter seiner Haut, die er zu seinem Leidwesen nur noch weiter schürte, indem er unter der Bettdecke vergraben blieb. Fast wünschte er sich, nicht nach dem anderen Doktor gefragt zu haben, um sich die Qual zu ersparen. Gleichermaßen wusste er, dass es sein musste.
    • Vincent stockte im Türrahmen, dann grinste er und vollführte einen eleganten Knicks, wie es sich für eine Dame gehobenen Standes geziemte.
      "Und? Was spricht der Arzt?" fragte er dann und schloss die Tür hinter sich.
      Er kümmerte sich noch einmal um das Feuer im Kamin, bevor er zu Thomas herüber kam und sich auf die bettkante neben ihn setzte. Mit einer sanften Berührung schob er dem anderen Mann eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Vincent wollte nichts mehr, als dass es Thomas gut ging, egal was er dafür tun musste.
      "Fühlst du dich stark genug, dich mit einem Polizisten zu unterhalten? Das Präsidium hat eine Nachricht geschickt und nach deiner Zeit gefragt. Ich habe ihnen geantwortet, dass du dir irgendeine Magenverstimmung eingefangen hättest und vielleicht nicht bereit dafür bist. Ich kann sie auch noch ein bisschen länger hinhalten, gerade mit Dr. Hearnes Diagnose."
      Der Drang, sich neben Thomas zu legen, sich zusammenzurollen und dann einfach die Augen zu schließen, war in diesem Moment mehr als nur verlockend. Es war geradezu überwältigend. Und doch versuchte Vincent, sich nichts anmerken zu lassen. Sein Hunger, sein Schmerz und seine Müdigkeit waren belanglos. Thomas musste es gutgehen, das war alles, was zählte.
      Er ergriff Thomas' Hand, verschränkte ihrer beider Finger miteinander, ließ seinen Daumen in sanften Kreisen über Thomas' Handrücken fahren. Der Herzschlag des Mannes dröhnte in seinen Ohren.


    • Das Lächeln war wieder da, mehr hatte es nicht gebraucht als Vincents beschwingtes Eintreten und seine Ankunft bei Thomas' Bett. Er betrachtete ihn auf die gleiche intensive, liebevolle Art, die ihn ergriffen hatte, seit er endlich die Worte ausgesprochen hatte.
      "Hast du etwa nicht zugehört? Eines Tages musst du mir sagen, wie empfindlich deine Ohren sind."
      Vincent setzte sich zu ihm und strich ihm fürsorglich eine Haarsträhne aus der Stirn. Als er seine Hand zurückziehen wollte, fing Thomas sie auf und drückte ihm einen Kuss auf den Handrücken.
      "Ich brauche Ruhe, das ist alles. Die Beschwerden kommen hauptsächlich von… der Vernachlässigung die letzten Wochen."
      Froh darum, nicht näher darauf eingehen zu müssen, nickte er gleich.
      "Ist schon in Ordnung. Ich kann mir denken, wer sich um den Fall kümmern wird, je länger ich also warte, desto länger können sie sich eigene Sachen ausdenken. Das würde ich gerne vermeiden. … Vielleicht hast du etwas Trockenes für mich zum anziehen?"
      Er ließ sich von Vincent in einen Anzug helfen, der ihm einigermaßen saß, und er kämmte seine Haare ein wenig, auch wenn das das leichenhafte Aussehen kaum besserte. Zum Schluss strich er auch über Vincents Aufzug.
      "Und du? Geht es dir auch gut? Du warst den ganzen Tag schon wach, du solltest dich auch hinlegen, ich komm schon zurecht."
      Er hob den Blick, um ihm auch einmal über die Haare zu streichen. Die Tatsache, dass er diesen Mann für sich hatte, übte noch immer eine ungemeine Faszination auf ihn aus.
      "Nachdem sie da waren. Das empfehle ich als Arzt und Fachexperte."

      Natürlich war es Harry, der aufkreuzte, begleitet von einem pummeligeren Mann. Die beiden Polizisten ließen sich höflichst in den Salon begleiten, wo Thomas und sein Gastgeber bereits Platz gefunden hatten. Thomas hatte Kopfschmerzen und er glaubte nicht, dass er allzu schnell aufstehen könnte ohne zu schwindeln, aber er setzte sein höchst natürlich falsches Doktorenlächeln auf.
      Wenn es bisher noch Zweifel daran gegeben haben könnte, dass der Arzt mit der berühmten Legende von Harker Heights befreundet war, wurden sie spätestens jetzt aus dem Weg geräumt. Harry hatte beinahe augenblicklich ausschließlich nur Augen für den Hausherren, den er einmal von oben bis unten musterte, als könne er nicht recht glauben, dass zumindest die Gerüchte über dessen Aussehen nicht zutrafen. Thomas hatte auch schon erkennen müssen, dass Vincent keinen Buckel hatte und keine 160 Jahre alt war - wobei er noch viel älter war, aber das war ja eine andere Sache - sondern ein charmanter Gentleman war; entsprechend gut konnte er den Gesichtsausdruck deuten, den der Detective Inspector zur Schau trug.
      "Lord Harker! Ich freue mich, Sie ganz offiziell in Cambridge begrüßen zu dürfen - auch wenn die Umstände deutlich besser hätten sein können."
      Er setzte ein polizeiliches Lächeln auf, das genauso falsch war wie Thomas' Doktorenlächeln - aber während Thomas sich zu dem Lächeln aufraffen musste, wollte Harry vermutlich verhindern, dass er den Hausherrn überschwänglich anstrahlte.
      "Detective Inspector Harry Bates der Name, das ist mein Kollege Mr. Wright."
      Besagter Mr. Wright gaffte Vincent auch ein wenig an, besaß aber genügend Geisteskraft, um auch ihm die Hand entgegen zu strecken. Erst danach wandten beide sich dem Verdächtigen zu.
      "Einen schönen guten Tag, Thomas. So schnell hätten wir uns wohl nicht wiedersehen müssen, was?"
      "Hallo, Harry. Es wäre mir durchaus recht gewesen, dich auch mal ohne Uniform treffen zu können. Ich bleibe sitzen, wenn es dir nichts ausmacht."
      "Aber sicher. Wie geht es dem Magen?"
      "Gut, schon in Ordnung. Die Viren haben sich den falschen Wirt ausgesucht."
      "Das haben sie, nicht wahr?"
      Er lächelte auch Thomas falsch an, wobei er bei ihm seine Professionalität etwas herunterschrauben konnte, und setzte sich dann, bevor sein Kollege den Notizblock hervorzog.
      "Vielleicht wären Sie so freundlich uns einen Augenblick allein zu lassen, Lord Harker?"
    • "Thomas," tadelte Vincent. "Nur weil ich hätte zuhören können, heißt das nicht, dass ich es auch einfach so tue. Ich schätze Privatsphäre, also gebe ich sie auch anderen. Man kann die ärztliche Schweigepflicht in zwei Richtungen achten."
      Als er von der Diagnose Dr. Hearnes hörte, nahm sich Vincent das zu Herzen. Thomas würde hier, unter seinem Dach, nach Strich und Faden verwöhnt werden. Für den Anfang musste aber ein weiterer Kuss auf Thomas Stirn ausreichen.
      "Hab ich was für dich anzuziehen? Du beleidigst mich, indem du nur fragst!"
      Mit einem breiten Grinsen sprang Vincent auf und verschwand kurz. Er brauchte keine fünf Minuten, um mit drei Anzügen für Thomas zurückzukehren. Jeder Anzug vertrat eine andere Gehaltsstufe und natürlich entschied sich Thomas für die günstigste Variante - die aber immer noch am teuren Ende für Thomas' Verhältnisse lag. Gerade richtig für einen Besuch bei seinem royalen Freund vom Land.
      "Mach dir mal um mich keine Sorgen. Ich bin zwar nicht mehr der jüngste, aber eine durchgemachte Nacht - oder ein durchgemachter Tag - werden mich schon nicht umbringen."
      Er half Thomas in das Hemd und konnte sich nur mit Mühe davon abhalten, es auch auch für den Mann zuzuknöpfen.
      "Allerdings...", setzte er an, verfiel dann aber kurz in Schweigen.
      Er kaute kurz auf seiner Unterlippe herum, bevor er sich mit dem Jacket wieder zu Thomas umdrehte und es für ihn aufhielt, damit er hineinschlüpfen konnte.
      "Ich brauche vielleicht demnächst noch einmal deinen ärztlichen Rat. Aber das kann warten, keine Sorge. Ein Schritt nach dem anderen."
      Vincent strich die Schultern des Jacketts glatt, dann die Front und knöpfte es schließlich für Thomas zu. Der Mann sah atemberaubend aus. Er könnte sich glatt daran gewöhnen, ihn in seinen Klamotten zu sehen. Allerdings ruinierte Thomas immerzu seine eigene Frisur. Vincent sah sich dazu gezwungen, die Hände des Mannes beiseite zu wischen und sich selbst um das Problem zu kümmern. Glücklicherweise ließ es sich leicht lösen.

      Vincent half Thomas die Treppen hinunter und in den Salon, bevor er die beiden Detectives zusammen mit Nora in Empfang nahm. Wie immer, wenn er neue Leute traf, die auch nur einen Hauch von Informationen über die Oberschicht hatten, musste er als aller erstes ein paar Hände schütteln.
      "Vincent Caley," stellte er sich vor, sobald die beiden Polizisten es getan hatten, allerdings bestand er diesmal nicht auf seinen Vornahmen.
      Sollten sich die beiden von seinem Titel und seinem mysteriösen Ruf ruhig eingeschüchtert fühlen.
      "Bitte. Setzten Sie sich doch."
      Vincent bedeutete den beiden Männern, auf dem Sofa Platz zu nehmen, bevor er selbst zu Thomas hinüber ging, sich aber noch nicht setzte. Er kannte diese ganze Prozedur schon - er hatte seinen Angestellten oft genug mit Anzeigen geholfen. Er warf Thomas einen Blick zu, holte sich dessen Zustimmung, bevor er sich in Richtung Tür bewegte.
      "Tee, die Herren?" fragte er lächelnd, ganz der charmante Gastgeber.
      Als die beiden Polizisten nickten, verschwand Vincent. Diesmal allerdings hörte er tatsächlich hin, um jederzeit einschreiten zu können, sollte Thomas Hilfe brauchen.
      "Du kriegst Falten," kommentierte Nora, als er sich neben ihr gegen die Arbeitsplatte lehnte.
      "Ich kriege keine Falten."
      "Doch. Genau da."
      Sie drückte ihren Finger gegen Vincents Stirn, genau zwischen seinen Augen. Überrascht zwang sich Vincent dazu, seine Stirn zu entspannen.
      "Jetzt weißt du mal, wie sich das anfühlt," neckte Nora ihn.
      Sie griff an ihm vorbei in einen Hängeschrank, um vier Tassen herauszuholen und neben die Teekanne auf ein Tablett zu stellen. Kurz darauf füllte sie besagte Kanne mit kochendem Wasser.
      "Magenschonendes Abendessen in zwei Stunden. Sieht zu, dass ich diese beiden Grobiane dann nicht bedienen muss, hörst du?" fragte sie, als sie Vincent das Tablett in die Hände drückte.
      "Liebend gern."
      Sie drückte ihm einen frechen Kuss auf die Wange und schob ihn dann aus der Küche. Sie war so stolz darauf, ihn wie jeden anderen in diesem Haus herumkommandieren zu können, dass Vincent schmunzeln musste.
      Er klopfte nicht an, sondern schob einfach eine der beiden Schiebetüren auf und platzte breit lächelnd in die Unterhaltung seiner drei Gäste.
      "Tee!" verkündete er fröhlich, als habe er soeben das Wunder des Teekochens und -servierens entdeckt und sei furchtbar stolz auf sich, das so schön zu machen - ganz der exzentrische Lord vom Land eben.
      Er schlenderte mit dem Tablett durch den Salon und stellet es auf dem Tisch zwischen den beiden Sofas ab. Jeder der Männer bekam eine Teetasse vor die Nase gestellt und gefüllt.
      "Ich hoffe doch sehr, dass sie Thomas hier nicht zu sehr in die Mangel nehmen. Wir hatten gestern eine lange Nacht."
      Mit seiner eigenen Tasse in der Hand ging Vincent hinüber zu seiner Minibar und kippte sich einen ordentlichen Schluck teuren Alkohols hinein.
      "Ich hätte Dr. Hearne ja früher kommen lassen, wenn ich gewusst hätte, dass sich der Gute mehr als nur einen Kater eingefangen hat."
      Er zuckte mit den Schultern und nippte an seinem Tee, nur um sich prompt dramatisch die Zunge zu verbrennen und auf Französisch zu fluchen, bevor er sich auf Französisch entschuldigte, seinen Fehler bemerkte und sich dann noch einmal grinsend auf Englisch entschuldigte.
      "Ah! Ich sollte Sie wohl lieber wieder allein lassen für ihre Befragung. Ich entschuldige mich noch einmal. Wenn Sie mich brauchen, ich bin gleich da drüben in dem anderen Salon. Wenn sie schiefes Klavierspiel hören: das bin auch ich, nicht die sterbende Nachbarskatze."
      Er lachte über seinen eigenen, äußerst schlechten Witz, während er den Raum wieder verließ, noch einmal fluchend an der Teetasse nippend. Kurz darauf waren tatsächlich ein paar langsame, schlecht zusammenpassende Töne zu hören, wenn auch nur gedämpft. In Wahrheit saß Vincent an seinem Flüge, die Beine überschlagen und lauschte, während er hin und wieder eine Taste drückte.


    • Es war erstaunlich, wie schnell und fehlerlos Vincent die Rolle wechseln konnte. Auch der Vampir hatte eine Maske zu zeigen, wann auch immer er sich als Lord ausgeben musste, aber seine war so viel besser als das kühle Lächeln des Polizisten oder das emotionslose verziehen der Mundwinkel wie bei Ärzten. Vincent zog seine Maske nicht auf, indem er Mimik vortäuschte; er zog sie auf, indem er vom einen auf den anderen Moment den Raum mit seiner Präsenz füllte. Er trat mit einer Selbstverständlichkeit auf, als läge ihm die Welt zu Füßen und als wären seine Gegenüber nichts weiter als das: Ein Teil dieser Welt. Er lächelte nicht gezwungen, er entfesselte nur den natürlichen Charme, der ihn umspielte, wie ein Künstler, der eine neue Leinwand bestrich.
      Thomas hätte dieses Level der Perfektion nie erreichen können.
      Aber genauso wenig konnten es die beiden Polizisten, die die Nachfrage nach Tee überschwänglich annahmen und Vincent unterschwellig beobachteten, bis der Mann gegangen war. Thomas fragte sich, ob er dieses Mal lauschen würde und kam zu dem Schluss, dass er es nicht einschätzen konnte. Er fühlte sich geschmeichelt durch die Rücksichtnahme, die der andere ihm entgegenbrachte, aber zur selben Zeit ertappte er sich dabei, wie er doch fast wünschte, dass er ihrem Gespräch zuhören würde. Nur zur Sicherheit.
      "Das ist also Vincent Harker, was?"
      Harry ließ etwas von seiner Steifheit fallen und lehnte sich gegen die Rückenlehne des Sofas. Ja, antwortete ihm Thomas gedanklich, das ist Vincent Harker. Der Mann hatte ja nicht die leiseste Ahnung.
      "Ich habe ihn mir viel älter vorgestellt, wenn ich ehrlich bin. Wer, in seinem Alter, mit seinem Reichtum, wohnt denn auf dem Land und schmeißt einmal im Jahr eine Party? Ich tippe mal darauf, dass er Leichen im Keller hat. Oder er schändet seine Angestellten, irgendwas wird es wohl sein."
      Harry entging die Furche, die sich auf Thomas' Stirn bildete.
      "Nicht alles hat immer mit Kriminalität zu tun, Harry. Vielleicht genießt er einfach nur die Ruhe."
      "Aber als Junggeselle? Niemals. Als alter Mann vielleicht. Alles davor ist höchst verdächtig."
      Vermutlich wollte er streng wirken, aber Thomas konnte noch immer die Faszination in seinem Blick sehen, die er selbst bei ihrem ersten Treffen verspürt hatte. Himmel, die er ja jetzt sogar noch verspürte.
      Bevor er aber etwas erwidern konnte, um die angekratzte Ehre seines Freundes wieder herzustellen, kam der Mann selbst schon zurück, und zwar so unvorhergesehen, dass Harry zusammenzuckte und sich ruckartig von der Tür abwandte, als wäre er bei etwas ertappt worden. Mr. Wright sah plötzlich betreten drein, nahm seine Tasse entgegen, murmelte einen Dank und widmete sich seinem unbeschriebenen Block, als gäbe es da ganz wichtige Notizen, die er unbedingt lesen musste.
      Während Vincent in seiner Rolle aufging, die er so tadellos spielte wie schon auf seinem alljährlichen Fest, wurde Thomas dabei erst bewusst, wie sehr er ihm verfallen war. Gott im Himmel, er hätte sich wahrscheinlich noch viel schneller in ihn vernarrt, wenn er nicht so viel Zeit damit verschwendet hätte, eine Lüge zu leben. Vincents Anziehungskraft war enorm und er stand direkt in ihrem Mittelpunkt, von dem es keinen Weg mehr nach draußen gab.
      Er war der einzige, der Vincents Scherz ernsthaft belächelte, während die anderen beiden nur ein höfliches Mienenspiel von sich gaben. Kaum war der Gastgeber wieder draußen, fing das Gelästere erneut an, aber diesmal erklangen wahrhaftig grauenhafte Töne vom Nebenraum. Die Tatsache, dass Vincent eigentlich spielen konnte wie ein Meister, zeigte Thomas dieses Mal, dass er vermutlich wirklich lauschte.
      "Wie wäre es, wenn wir uns langsam über die Sache unterhalten, Harry? Eigentlich möchte ich nicht allzu lange hier unten bleiben, mein Magen, du weißt schon..."
      "Ja natürlich, natürlich. Vincent Harker, das ist schon eine Hausnummer. Wenn ich das meiner Frau erzähle, wird sie mir nicht glauben wollen. Das hat sie schon beim letzten Mal nicht, habe ich dir das erzählt?"
      Thomas strich über eine Beinfalte.
      "Nein. Wir haben uns ja auch gar nicht gesehen."
      "Stimmt ja. Nun gut, lass mich mal sehen."
      Er stellte seine Tasse ab, schlug seinen eigenen Block auf und überflog die Zeilen oder Berichte, die er vorliegen hatte. Thomas beobachtete ihn nicht, er fixierte sich auf einen unsichtbaren Punkt auf dem Boden und versuchte sich zu entspannen.
      "Die Lage ist die folgende: Wir haben zwei Schwerstverletzte, Aussagen von Schusswaffen auf offener Straße und einem vermeintlichen Kampf, den die beiden Opfer bestätigen können. Ich sage es nur so, wie man es aufgenommen hat, ich dichte keine Sachen dazu. Wir haben keine Tatwaffen am Kampfort gefunden, haben aber Spuren feststellen können, die über die Dächer führen. Wir haben außerdem den Bericht von... Lord Harker und seiner Haushälterin, die beide bestätigen, dass du am gestrigen Abend hier warst, um erst den Jungen... Simon zu untersuchen und dann auf ein Abendessen und schließlich über Nacht zu bleiben. Das kann auch Lord Harkers restliche Belegschaft bestätigen. Dieser letzte Teil ist richtig?"
      "Ja."
      "Gut. Ich wäre nicht hier, wenn es nicht wichtig wäre, das weißt du, Thomas. Ich mag dich, wirklich, wir sind gute Freunde, aber mir sitzt der Chef im Nacken und ich kann es deshalb nicht einfach auf sich beruhen lassen. Ich bin mir sicher, es ist alles nur irgendwie ein dummes Missverständnis. Siehst du, die Sache ist die: Die beiden Opfer sind sich absolut einig, dass du es warst. Sie haben dich gesehen, sie kannten dich, sie wussten genau, um wen es sich bei ihrem Angreifer handelte. Und es gibt auch Zeugenaussagen die bestätigen, dass du beobachtet worden seist, wie du vom Dach geklettert bist."
      Er sah zu Thomas auf und um ein Haar wäre er darauf hereingefallen. Um ein Haar hätte er angefangen, die Aussage abzustreiten.
      "Vom Dach? Von welchem Dach?"
      "Vom Dach beim Tatort. Der Fluchtweg ist bekannt, er ist über die Feuerleiter erfolgt."
      Zeugenaussagen, was? Ernsthafte Zeugenaussagen, oder versuchten hier gerade nur ein paar Vampire ein paar andere zu unterstützen?
      "Über die Feuerleiter? Und dann über das Dach?"
      "Ja."
      "Das hört sich gefährlich an. Gestern Abend hat es geschneit, das könnte rutschig werden."
      "Trotzdem scheint der Täter es geschafft zu haben, denn eine Leiche haben wir heute auch nicht gefunden. Es steht damit faktisch gesehen Aussage gegen Aussage."
      "Ich kann aber nicht an zwei Orten gleichzeitig gewesen sein. Und ich möchte behaupten, dass ein Freund mich wohl besser erkennen kann als zwei Fremde, die sich einbilden, mich in der Dunkelheit erkannt zu haben."
      "Du hast aber schon sehr auffällige Haare, das musst du schon zugeben. Man könnte dich erkennen."
      "Und? Ist es jetzt ein Verbrechen, Haare zu haben?"
      "Nein, natürlich nicht. Wir wollen die ganze Sache nur rekonstruieren. Kennst du die Straße, in der es stattgefunden hat?"
      "Nein."
      Für einen Moment war Thomas froh darum, dass sich das Verhör im Nichts verlaufen würde. Bis jetzt waren es nur ein paar Zeugenaussagen, nichts, womit man ihn ernsthaft belasten könnte.
      Dann griff Harrys Kollege zu seinem Stift und begann zu schreiben. Die Miene setzte auf dem Blatt an und als sie ihren ersten Strich zog, begriff Thomas den Fehler, den er begannen hatte.
      Er hatte vorgegeben, die Straße nicht zu kennen, in der es geschehen war. Zwei Sätze zuvor hatte er davon geredet, dass die Fremden ihn in der Dunkelheit hätten erkennen müssen. Er konnte nicht wissen, wie viel Licht am Tatort gewesen wäre. Nach Harrys vagen Informationen hätte es auf der Hauptstraße selbst passieren können.
      Mr. Wright schrieb und Harry musterte Thomas unbeeindruckt, bis er seufzte.
      "Es ist ja eigentlich auch nicht so wichtig. Also hör mir zu: Normalerweise würden wir die Sache einfach unter den Teppich kehren, weil - du weißt schon. Wir kennen uns, du bist ein guter Mann, ein guter Arzt, wir können uns ganz sicher sein, dass du deinen Beitrag zur Gesellschaft leistest. Aber mit der Sache von vor ein paar Wochen, mit... wie hieß sie nochmal?"
      Thomas' Kopfschmerzen nahmen zu.
      "Elizabeth. Beth."
      "Ja, mit Beth, können wir es nicht einfach ignorieren. Wir ermitteln noch immer, keine Sorge, aber solange kein Täter gefunden wurde, stehst du noch immer als Hauptverdächtiger da."
      "Ich hatte aber ein Alibi, das habe ich dir schon -"
      "Ja, natürlich, das glauben wir dir auch, das ändert aber nichts daran, dass es jemand getan haben muss. Und dem Chef ist es deutlich zuwider, dass du erst auf seinem Schreibtisch landest, dann verschwindest und jetzt wieder dort auftauchst. Er hat ein Auge auf dich geworfen und er möchte Klarheit. Am besten wäre es, wenn du noch mehr Zeugen hättest - jemanden außerhalb von Lord Harkers Haushalt."
      Außerhalb seines Haushalts... Wer würde für ihn lügen?
      "Zum Beispiel den Kutscher, der dich gestern abend hergebracht hat. Irgendwelche Augenzeugen, die dich dabei beobachtet haben, wie du hergekommen bist? Irgendjemand... unabhängiges?"
      Das ging über Thomas' Lügenkunst hinaus. Er konnte die Wahrheit vertuschen, er konnte sicherlich auch eine andere Geschichte zusammennähen, aber er konnte nicht aus dem Affekt lügen - und ganz besonders nicht in dieser Lage, in die er plötzlich hineingerutscht war. Jemand unabhängiges? Wer würde für ihn lügen? Und was sollte er nur erzählen, wenn jemand ihn nach dem gestrigen Abend fragte? Würde er das gleiche erzählen wie Vincents Angestellte? Oder würden sich feine Details überschneiden, die ihm selbst nie aufgefallen wären?
      "Ich... Sicher. Ich werde sehen, was sich machen lässt."
      "Würdest du auch einer Hausdurchsuchung zustimmen? Nur für die Akte, versteht sich. Damit wir das auch gleich geklärt haben."
      Nein, in aller Herrgotts Namen, das würde er nicht tun. Er hatte den Keller nicht ausgeräumt. Selbstverständlich hatte er einen Ort, wo er seine Pläne und seine Waffen verstecken konnte, aber er war seit Wochen nicht mehr im Haus gewesen. Ganz abgesehen davon, dass das Haus längst nicht mehr wie das eines anständigen Arztes aussah, sondern eher wie ein verwahrlostes Loch. Wie sollte er denn das erklären?
      Er rieb sich den Kopf, erinnerte sich dann, dass er ja eigentlich eine Magenverstimmung haben sollte, und setzte sich etwas umständlich auf seinem Sessel zurecht, bevor er mit der Hand über den Mund fuhr und "Hilf mir" flüsterte. Er wusste nicht, ob es laut genug für den Vampir im Nebenraum gewesen war, aber im Zweifel könnte er wohl immer noch versuchen, einen Krampf vorzuspielen. Ob Dr. Hearne auch für ihn lügen würde, wenn man ihn kommen ließe? Eigentlich wollte er es nicht darauf ankommen lassen.
    • Vincent gab sein schiefes Klagelied schon bald auf, indem er sich mit dem Ellenbogen auf die Tasten lehnte, bis drei zählte und sich dann gänzlich von dem Instrument abwandte. Sollten die Polizisten glauben, er hätte aufgegeben, welches Stück auch immer zu meistern. Stattdessen lauschte er der Unterhaltung der Männer. Nein, dem Verhör. Der freundschaftliche Ton des Polizisten, der sprach, täuschte ihn nicht. Aber er schien Thomas gut genug einwickeln zu können. Verdammt!
      Vincent biss sich einmal mehr auf die Unterlippe. Hoffentlich verhaspelte sich Thomas nicht zu sehr, bevor er die Möglichkeit hatte, wieder in seinen eigenen Salon zu platzen und die Polizisten von ihren Gedanken abzubringen. Wo er sich gestern noch für seine herausragenden Fähigkeiten in Sachen Lügen geschämt hatte, wünschte Vincent sich jetzt nichts sehnlicher, als Thomas etwas davon abgeben zu können. Der Mann war so ein schlechter Lügner.
      Und dann hörte er es. Es war ganz leise, wurde fast von dem Hämmern von einem dutzend Herzen in diesem Haus übertönt, aber in Kombination mit dem Rest dessen, was Vincent hören konnte, wusste er, dass er sich den Hilferuf nicht eingebildet hatte.
      Er sprang auf, schnappte sich das Notenbuch vom Piano und warf die Schiebetüren zum Musikraum mit Schwung auf, sodass sie laut gegen ihre Halterungen krachten. Etwas ähnliches tat er mit den Türen zu seinem Salon.
      "Entschuldigung, paron, ich bitte vielmals um Verzeihung", lächelte er, während er beinahe schon durch den Raum in Richtung Teekanne schlich. "Nachfüllen. Wenn ich musiziere wird mein Mund immer so trocken."
      Er beugte sich über die Teekanne, füllte seine Tasse wieder auf, und ließ dann ganz ungeschickter Weise sein Notenbuch fallen.
      "Ach herrje! Wie ungeschickt von mir. Excuse-moi!"
      Er kniete sich zwischen Sofa und Tisch und sammelte seine Notenblätter wieder ein. Als er von seinem kleinen Tauchgang wieder auftauchte und sich mit einer Hand durch die Haare strich, fiel sein Blick mit voller Absicht auf Thomas. Die Falten auf seiner Stirn waren nur halb geschauspielert.
      "Thomas! Geht es dir etwa nicht gut? Musst du schon wieder...? Du weißt schon...?"
      Er machte eine Geste, die auf Erbrechen hindeutete.
      Noch bevor Thomas antworten konnten, presste Vincent ihm sein Handgelenk gegen die Stirn. Er keuchte beinahe beleidigt auf, sprang auf, schüttelte den Kopf.
      "Nein nein nein nein nein. So geht das überhaupt nicht."
      Er wandte sich den Polizisten zu und stemmte die Hände in die Hüften, nachdem er das Notenbuch auf den Kaffeetisch geworfen hatte.
      "Gentlemen," sagte er und von dem exzentrischen, vielleicht etwas angeheiterten Junggesellen war nichts mehr übrig.
      Stattdessen stand dort nun Lord Harker, Herr dieses Stadthauses und von Harker Heights, der die Karrieren dieser beiden Männer mit einem einzigen Blick hätte vernichten können, wenn ihm denn danach war.
      "Meinem Gast geht es nicht gut, also muss ich Sie beide bitten, jetzt zu gehen. Sie können Ihre Befragung zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen. Ich lasse dem Präsidium gern eine Nachricht zukommen, sobald sich Thomas besser fühlt. Aber für den Augenblick muss ich darauf bestehen, dass wir alle Rücksicht auf seinen Zustand nehmen."
      Vincent ließ keine Widerrede zu. Stattdessen brüllte er nach Simon, der sofort artig herbeigeilt kam - und sich sämtliche Kommentare zu den beiden Polizisten verkniff - und Thomas aufhalf.
      "Bring ihn zurück ins Gästezimmer und sage Esther, sie soll noch eine Kanne Tee für ihn aufsetzen."
      Simon nickte und half Thomas zur Treppe, während Vincent die beiden Polizisten zur Tür begleitete. Nora schloss sich ihnen an und half den Männern in ihre Mäntel.
      "Wenn Sie noch Fragen an mich oder meine Angestellten haben, melden Sie sich jeder Zeit. Ach, und tun Sie mir einen Gefallen: Schnappen Sie endlich die Täter dieser Gewaltverbrechen! Das ist ja nicht auszuhalten hier in der Stadt. Und dabei komme ich so gern her wegen der alten Bibliothek... Hm. Oxford hat ja auch ein paar nette Bücher, vielleicht kaufe ich mir da ein Haus?"
      Vincent tat so, als hätte er nach halber Strecke völlig aus den Augen verloren, dass da noch andere Personen standen und sinnierte für einen Augenblick darüber, wo man sich hübsche Häuser in Kleinstätten mit großen Bibliotheken zulegen könnte.
      "London ist zu voll, um da einfach so zu leben," dachte er laut nach, bis sich Nora höflich räusperte, um ihren exzentrischen Arbeitgeber in die Gegenwart zurückzuholen. "Hm? Oh! Ja! Entschuldigung! Pardon! Wo war ich? Ach ja: machen Sie Ihre Stadt endlich wieder sicher. Ein Mageninfekt sollte das Schlimmste sein, was man sich hier einfangen kann. Und dann die alte Beth... Ich habe sie nicht wirklich gekannt, nur zwei, dreimal gesehen, aber sie war immer so nett. Hatte dieses freundliche Lächeln im Gesicht. Ich kam sofort her, als mir Thomas erzählt hat, was passiert ist. Wussten Sie, dass er nicht einmal in seinem eigenen Haus schlafen kann? Schrecklich! Hat bei einem Freund geschlafen. Hughes. Guter Mann. Thomas hat ihn mir vorgestellt, als ich das letzte Mal hier war. Wir haben Karten gespielt. Absolut keine Ahnung von Scotch, der Mann, aber er hat ein gutes Herz, da bin ich mir sicher. Ist ja auch egal. Ich musste Thomas praktisch anbetteln, aus dem Hotel auszuziehen und in meinem Gästezimmer seine sieben Sachen auszubreiten. Er ist so bescheiden, manchmal. Ich plappere schon wieder viel zu viel, Verzeihung. Ihnen wird bestimmt schon warm in Ihren Mänteln. Also wie gesagt: wenn Sie mit mir oder meinem Hausstab sprechen wollen, melden Sie sich ruhig. An Thomas lasse ich Sie aber erst wieder ran, wenn Dr. Hearne seine Zustimmung gibt. Wir wollen ja nicht, dass es noch schlimmer wird. Thomas hat nun wirklich von uns allen die größte Pause verdient. Der Arme..."
      Nora übernahm es, die beiden Herrschaften aus der Tür zu begleiten, während sich Vincent scheinbar erneut in seinen Gedanken verlor. Sobald die Tür geschlossen war, ließ sich Nora von innen dagegen sinken und seufzte einmal schwer. Vincent stimmte ihr mit einem Augenrollen zu und lauschte auf die Schritte der beiden Polizisten und wie sie sich langsam von seinem Haus entfernten.
      "Der Dicke war gruselig," kam es von den Treppen, wo sich Simon gerade auf die Stufen setzte. "Der hat seltsame Notizen gemacht."
      "Hast du was genaues erkennen können?" fragte Vincent, der genau gesehen hatte, wie Simon auf dem Weg aus dem Salon einen Blick auf das Notizbuch geworfen hatte.
      "Irgendwas von wegen, dass der Doc mehr über den Tatort weiß, als er zugibt. Und dass wir ihn decken."
      Vincent grunzte.
      "Sollen sie das ruhig glauben. Niemand wird sich mit Lord Harker anlegen, das ist viel zu heißes Eisen.Wir brauchen jemand unabhängigen, der für Thomas bürgen kann. Die wollen einen Kutscher, kannst du da was drehen?"
      "Klar. Ich kann dir auch eine Bäckerin klarmachen. Und ein paar Zeitungsjungs."
      "Letzteres. Sie sollen uns gesehen haben, wie wir zu einem Restaurant gehen wollten - Nora weiß welches - uns dann aber umentschieden haben, weil wir schon ein bisschen angeheitert waren. Das sollte erklären, warum niemand im Restaurant uns gesehen hat."
      "Schätze mal, ihr seid danach direkt hergekommen und die arme Esther musste sich schnell was überlegen?" fragte Simon, als er aufstand.
      "Das tut mir herzlich leid, weswegen ich ihr heute Abend freigebe."
      Vincent zwinkerte Esther zu, die gerade mit einem frischen Tablet Tee aus der Küche kam. Sie wurde ein bisschen rot und senkte den Blick schnell.
      "Du machst dir ganz schön Arbeit mit den beiden," kommentierte Nora.
      "Sie haben das alles schon in ihren Akten, ich habe keine andere Wahl. Ich könnte ihnen zwar meinen Willen aufzwingen, aber das würde nicht viel bringen. Also machen wir das hier auf die komplizierte Weise. Aber wir machen das gründlich, verstanden?"
      Nora und Simon nickten.
      "Jetzt muss ihr mir nur noch überlegen, wie wir die Hausdurchsuchung umgehen können. Thomas' Herz hat einen ganzen Marathon hingelegt, als dieser Polizist das ansprach."
      Vincent schüttelte den Kopf und massierte sich die Nasenwurzel. Nora trat zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
      "Willst du mir noch einmal weismachen, dass du dir ein aufregenderes Leben wünschst?" neckte sie ihn.
      "Was würde ich nur ohne dich tun?" fragte Vincent.
      "Hoffnungslos ertrinken. Na geh schon. Steh deinem Doktor bei. Ich regle hier schon alles."
      Vincent drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, dann nahm er immer zwei Stufen auf einmal - sehr zum Leidwesen seiner ächzenden Flanke - bis er vor dem Gästezimmer stand. Das vollkommen leer war. Simon - der Frechdachs - hat Thomas direkt ins Hauptschlafzimmer gebracht.
      Mit einem sanften Lächeln schüttelte Vincent den Kopf und ging in sein Schlafzimmer. Er schloss die Tür leise hinter sich, bevor er geräuschlos das Zimmer durchquerte. Er machte das nicht mit Absicht, es passierte einfach.
      "Ich glaube, ich habe die beiden Polizisten in Grund und Boden geplappert," meinte er, als er sein Jackett auf dem Sessel in der Ecke ablegte. "Mach dir keine Sorgen wegen denen oder ihrer Ermittlungen. Sie werden nicht gegen dich in der Hand haben, wenn ich erstmal fertig bin."
      Vincent schlüpfte auch aus seinen Schuhen und streckte sich kurz, bevor er sich zu Thomas ins Bett setzte. Ohne zu fragen zog er den Mann an seine Brust, legte einen Arm um dessen Schultern.
      "Simon treibt gerade unabhängige Zeugen auf," erklärte er. "Wir waren gar nicht in dem Restaurant, weil wir ein bisschen zu sehr vorgeglüht haben. Ein paar Zeitungsjungen haben uns gesehen, wie wir direkt vor dem Restaurant wieder umgedreht sind. Unser Kutscher kann das bestätigen. Und um die Hausdurchsuchung sollten wir auch herumkommen. Ich habe den beiden gesagt, dass du seit... du hast nicht mehr wirklich in dem Haus gelebt, seit die Polizei das letzte Mal da war. Du sagtest ja, dass du bei Hughes warst - der wird das also auch bestätigen - und danach warst du im Hotel, was sich auch nachweisen lässt. Und jetzt bist du hier, bei mir."
      Er zog Thomas noch ein bisschen enger an sich und küsste ihn auf die Stirn.
      "Das kriegen wir alles schon wieder hin, mach dir keine Sorgen. Ich lasse nicht zu, dass dir noch irgendwas passiert. Jeder, der an dich ran will, muss zuerst an mir vorbei."


    • Thomas' Hilferuf folgte ein gedämpfter Rums, ehe zwei Sekunden später auch die Tür zum Salon aufgeschmissen wurde. Vincent, sein Retter, sein Beschützer kam hereingeschlichen, noch immer ganz der exzentrische Gastgeber, und stahl sich zur Teekanne hinüber. Das war nun nicht ganz hilfreich, denn Harry beobachtete ihn einen Moment, dann sah er wieder zu Thomas, weil er noch immer auf eine Antwort wartete. Mittlerweile hatte sich die Pause schon lange genug gezogen, dass es auffällig werden könnte.
      "Also?"
      Vielleicht hatte Vincent ihn ja doch nicht gehört? Vielleicht wollte er sich mit diesem kleinen Auftritt nur einen Spaß erlauben?
      Aber ein zweites Mal könnte Thomas es nicht nochmal versuchen, nicht ohne vorher etwas gesagt zu haben. Er warf einen kurzen Blick in Vincents Richtung, dann öffnete er den Mund, um die nächstbeste Ausrede aufzutischen, die ihm irgendwie einfiel.
      In dem Moment polterte das Notenbuch zu Boden.
      Harry warf einen weiteren Blick in Vincents Richtung und auch Thomas schielte zu ihm rüber, weil er jetzt doch wieder hoffte, dass der Mann ihn gehört hatte. Er richtete sich wieder in seinem Sessel, strich über die Falten seines Anzugs und hoffte, dass man ihm ansehen könnte, dass er auf Vincents erneuten Abschied wartete. Vielleicht wirkte es, vielleicht nicht. In jedem Fall war Vincent dann endlich zur Stelle und bot ihm einen Ausgang. Thomas hätte erleichterter nicht sein können, besonders darüber, dass ihm selbst erspart wurde, etwas zu der ganzen Sache beizutragen. Er musste nur sitzenbleiben und das Schauspiel beobachten.
      Vincents Präsenz änderte sich erneut schlagartig. Zuerst war er noch der exzentrische Gastgeber, dann änderte sich etwas in seiner Ausstrahlung und er wurde mit einem Schlag zum Lord selbst, zu einer nicht unwichtigen Adelsperson, die in diesen Ländereien mehr Einfluss hatte als das ganze Polizeipräsidium, ganz zu schweigen von zwei einzelnen Polizisten. Auch Harry schien das zu merken, denn sein Körper versteifte sich und er verfiel wieder ganz in die Rolle des Polizisten.
      "Wir verstehen vollkommen, Lord Harker. Aber selbstverständlich."
      Thomas ließ sich von Simon helfen, wobei er zuerst nur seinen Beitrag zur Täuschung leisten wollte, sich dann aber tatsächlich etwas auf den Jungen stützen musste, als ihm - so wie vorhergesehen - schwindelte. Er ließ sich zur Treppe führen, wo er dann erst murmelte, dass er den Rest schon alleine schaffte, nur dass Simon sich davon nicht beirren ließ. Also ließ er sich doch bis nach oben helfen und im Hintergrund ließen die Polizisten sich in ihre Mäntel helfen.
      "Wir sind dran, Lord Harker, machen Sie sich gar keine Sorgen. Das Präsidium von Cambridge hat alles unter Kontrolle."
      Sie gafften den Hausherren ein wenig an, der sich gleich in die nächsten Gedanken verstrickte und ihnen damit vielleicht eine Vorlage hätte bieten können, um sich irgendwie wieder in seinen Salon einzuschleichen. Aber Nora war hier, um genau das zu verhindern, und so blieb es nur bei einigen weiteren höflichen Worten.
      "Es ist wirklich eine Schande mit Beth, durchaus… Ach, ist das so mit Thomas?... Ja, er ist wirklich bescheiden… Wir werden uns melden, ganz sicher... Nein, wir wollen nicht, dass es schlimmer wird… Richten Sie ihm gute Besserung aus."
      Sie ließen sich durch die Tür drängen und nach einer kurzen Pause an der Türschwelle gingen sie schließlich die Auffahrt zurück zur Straße.

      Thomas hatte sich schon aus dem Jackett geschält und sich an das Hemd gemacht, als er die Tür hinter sich hörte. Er drehte sich nicht um, zu fokussiert auf die Knöpfe, die er im abgedunkelten Raum nur halb sehen konnte, und bereute das nur eine Sekunde später, als Vincent plötzlich in seiner Nähe auftauchte. Er zuckte zusammen, sein Puls schoss temporär in die Höhe und dann beruhigte er sich wieder. Der Jäger blieb aus, er hatte nicht einmal zu dieser Sache etwas beizutragen.
      "Das hast du super gemacht. Ich hätte mich nicht halb so gut herausreden können."
      Er gab den Kampf gegen die Knöpfe auf und fuhr sich stattdessen über die glühende Stirn. Dann sah er zu ihm auf und beobachtete den Mann dabei, wie er sich streckte, bevor er zu ihm kam. Er ließ sich von ihm in den Arm nehmen und lehnte sich gegen ihn.
      "Du tust zu viel für mich. Ich kann nicht von dir verlangen, dass du dich für mich strafbar machst. Ich hätte das schon irgendwie selbst geregelt."
      Er hätte es auch gar nicht regeln müssen, wenn er die beiden Vampire umgebracht hätte. Es folgte eine kurze Pause.
      "... Aber trotzdem, danke. Ich bin froh, dass ich dich habe."
      Er legte eine Hand auf Vincents Oberschenkel ab und streichelte ihn sanft. Einen Augenblick später drückten sich warme Lippen auf seine Stirn, gefolgt von noch wärmeren Worten. Er schloss die Augen.
      "Ich liebe dich."
      Die Worte füllten den Raum und gleichzeitig sein Herz. Sie erwärmten ihn und er ließ sich noch schwerer gegen den Mann sinken, jedes Bisschen Verbindung zwischen ihnen auskostend. Vielleicht war es auch das Fieber, das ihn gleichermaßen erhitzte.
      Natürlich war ihm nicht entgangen, dass Vincent versuchte das Thema Beth zu umgehen, aber es hatte sich jetzt doch wieder in ihm festgesetzt. Er erinnerte sich daran, dass er noch eine Beerdigung zu planen hatte und dass er Vincent selbst vorher ihre Bissspuren noch hatte zeigen wollen. Wahrscheinlich war das jetzt, nach dem Vorfall mit der Polizei, ein ungünstiger Zeitpunkt, aber je länger sie warteten, desto unkenntlicher würden sie sein.
      "... Würdest du dir noch immer Beths Leichnam ansehen, wenn der Fall geklärt ist?"
      Er zögerte, lange sogar, bis er leiser weitersprach.
      "Und würdest du mich auf ihre Beerdigung begleiten? Ich denke, das hätte ihr gefallen."
    • "Du solltest doch mittlerweile wissen, dass ich mir nichts sagen lasse. Wenn ich etwas tun will, dann tue ich es auch," erwiderte Vincent sanft.
      Als Thomas wieder diese drei kleinen, magischen Worte aussprach, begann Vincents ganzer Körper zu kribbeln, zu summen wie eine angeschlagene Klaviersaite. Er zog Thomas enger an sich und küsste seinen Scheitel noch einmal als Reaktion darauf.
      "Sie zu sehen würde helfen, ja. Aber ich kann auch mit dem Bestatter gehen, wenn du dir das nicht antun möchtest."
      Er verschränkte seine Finger mit denen von Thomas, die der Mann auf seinem Oberschenkel abgelegt hatte.
      "Natürlich gehe ich mit. Aber erst musst du wieder gesund werden, hörst du?"
      Vincent lehnte sich rüber zum Nachttisch und reichte Thomas dann mit einem Lächeln eine dampfende Tasse Tee.
      "Nora macht dir etwas magenschonendes zum Abendessen. Und du wirst es essen, sonst werde ich unausstehlich. Willst du wieder etwas bequemeres anziehen?"
      Er stand auf und wühlte sich durch ein paar Pyjamas in dem angrenzenden Ankleidezimmer, bis er einen gefunden hatte, der Thomas angenehm passen würde. Damit kehrte er zurück in sein Schlafzimmer. Er half Thomas kommentarlos aus dem Anzug und in die bequemeren Klamotten, bevor er ihn wieder in sein Bett verbannte und ordentlich zudeckte. Wie schon mehrfach zuvor kümmerte sich Vincent als nächstes um das Kaminfeuer. Wenn er Thomas schon nicht mit seinem Blut helfen konnte, dann würde er ihn eben auf die langsame Art gesund pflegen, ob der Mann das nun wollte oder nicht.
      "Verrätst du mir, warum wir eine Hausdurchsuchung umgehen müssen?" fragte er, während er mit dem Schürhaken im Feuer herumstocherte. "Ist es wegen dem, was dort passiert ist, oder gibt es da ein noch größeres Problem? Ich werde mich darum kümmern, mach dir da mal keine Sorgen, aber es ist einfacher, wenn ich weiß, worum genau es geht."


    • "Einverstanden."
      Thomas nahm die Tasse entgegen, nippte daran und nickte dann erneut.
      "Und du wirst dich zu mir legen, sonst werde ich ein ganz unausstehlicher Patient."
      Dafür ließ er sich widerstandslos aus dem Anzug und in bequemere Klamotten helfen, bevor Vincent ihn im Bett zudeckte. Er ließ sich umsorgen, ausnahmsweise, obwohl er sonst darauf bestanden hätte, sich um sich selbst zu kümmern, nur weil Vincent ihm ziemlich unmissverständlich klar gemacht hatte, dass er ihn versorgen würde, ob Thomas das nun wollte oder nicht. Also konnte er jeglichen Widerstand auch gleich aufgeben und sich die Kraft einsparen.
      Dafür konnte er in den Genuss kommen, Vincent weiterhin zu beobachten, wie er ihn erst in die Decken einwickelte und dann das Feuer schürte. Es war wirklich schön, wieder bei ihm zu sein. Eigentlich wollte er gar nicht mehr gehen.
      "Wir?"
      Er musste wieder schmunzeln. Sein Herz machte dabei einen kleinen Sprung, wenngleich er es zu verhindern versuchte, damit der Vampir es nicht hörte.
      "In meinem Keller hängen um die zwei Dutzend verschiedene Waffen. Ich habe eine große Wand, an der eine Karte von Cambridge hängt und wo ich meine Spuren aufzeichne. Ich habe noch etwa 5 weitere Stadtkarten, auf denen ich andere Notizen mache. Ich habe eine Kiste voller Silberkugeln und mehrere Gefäße flüssiges Silber. Wenn das jemand zu Gesicht bekommt, würde man mich für einen Serienmörder halten. … Was ich in gewisser Weise ja auch bin."
      Das Feuer flackerte und erhellte Vincents Gestalt.
      "Deswegen wirst du dich auch um gar nichts kümmern. Ich habe einen Ort, wo ich alles verstecken kann, und dort werde ich die Sachen auch verstauen, sobald ich nachhause komme. Aber du wirst nichts davon anrühren, weil alles aus Silber ist."
      Als das Feuer wieder hoch genug war, öffnete er die Decke, um den Vampir wortlos zu sich einzuladen. Nachdem Vincent zu ihm gekommen war, schloss er die Decke und beide Arme um den Mann und zog ihn zu sich.
      "Was macht überhaupt dein Silber? Ist die Wunde wieder verheilt?"
    • Vincent war ein bisschen überrascht, dass Thomas ihm einfach so eine Antwort gab und das auch noch, ohne zu zögern. Normalerweise musste er auf solche Informationen immer ein bisschen warten. Beschweren würde er sich sicherlich nicht darüber. Stattdessen legte er den Schürhaken beiseite und folgte Thomas' stummer Aufforderung, sich wieder zu ihm zu legen.
      "Ich habe dir doch schon einmal gesagt, dass du kein Mörder bist," tadelte Vincent, während er es sich bequem machte. Kurz darauf schlang Thomas die Arme um ihn, was sein übriges tat.
      "Dir ist schon bewusst, dass ich menschliches Personal habe, die absolut kein Problem damit haben, Silber zu berühren? Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass Simon ein großer Fan deiner Waffensammlung wäre und dir nur zu gern unter die Arme greift, wenn du ihm dafür beibringt mit Wurfmessern oder sowas umzugehen. Fechten ist ihm ja zu langweilig."
      Vincent selbst erwiderte die Umarmung sanft und ließ seine Hände in trägen, unsinnigen Mustern über den Arm des anderen Mannes gleiten.
      "Wie es mir geht? Nun... Das ist die andere Sache, über die ich mit dir reden wollte," gab Vincent nun seinerseits offen zu, ohne um den heißen Brei zu reden.
      Er knöpfte sein Hemd auf - ein etwas umständlicher Prozess, da er sich strikt weigerte, Thomas einfach loszulassen. Sein Körper zeigte noch immer deutliche Spuren von der Silbervergiftung. Die dunklen Adern waren zu hauchdünnen Narben abgeheilt, aber die Einstichstelle sah noch immer aus wie eine Brandwunde, wenn auch deutlich besser als noch vor einigen Tagen in Harker Heights.
      "Ich bin kein Arzt, aber ich würde sagen, das sieht doch schon ganz gut aus, oder nicht?" schmunzelte Vincent. "Es zwickt noch ganz schön, aber das ist kein Vergleich mit dem Feuer in meinen Adern von letzter Woche. Das eigentliche Problem ist mein Hunger."
      Vincent seufzte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Thomas würde ihn nicht mehr so einfach von der Angel lassen.
      "Meine... Essgewohnheiten... bedurften jahrelanger Übung. Tierblut ist weit weniger nahrhaft für einen Vampir als das eines Menschen. Früher..." Vincent schüttelte den Kopf bei dem Wort, war sein leben doch erst vor etwa einem Monat so auf den Kopf gestellt worden, "Früher hat mir ein Glas am Tag gereicht. Ein zweites, wenn ich mich den ganzen Tag im Sonnenlicht herumtreiben musste, um zu beweisen, dass ich sehr wohl ein Mensch bin, ja ja. Aber das Silber... Mein Körper konnte nicht mit dem Schaden mithalten, den es angerichtet hat. Ich habe immer mehr getrunken, nur um am Leben zu bleiben, nur um die Kontrolle zu behalten. Und dann kamst du mit deiner furchtbaren Wunderheilung und sagtest, ich soll mich sattessen. Der Hunger war schon immer da, seit meiner ersten Nacht vor über zwei Jahrhunderten. Aber dieser Tage ist er stärker denn je. Es ist nicht so, als ob ich mich nicht im Griff habe. Es ist nur... anstrengend. Mehr als es das vorher war."
      Wieder seufzte er und musterte seine zerrupfte Flanke. Es wäre so einfach, diese Wunde zu heilen, so einfach, alle Spuren davon verschwinden zu lassen. Aber wenn er so weitermachte, wie jetzt, wie er es immer getan hatte, dann würde ihn diese Verletzung noch eine ganze Weile begleiten und die Narben würde er auf ewig mit sich herumschleppen.


    • Thomas hob die Augenbrauen bei dem Gedanken, jemandem auf Wunsch etwas beizubringen. Er war kein sehr guter Lehrer, nicht so sehr wie sein Vater, es reichte für den Notfall - aber jemanden unterrichten, der es freiwillig wollte? Auf so etwas war er noch nie gekommen.
      "Ich muss zugeben, ich habe noch niemanden getroffen, der sich freiwillig etwas über Waffen beibringen lassen würde. Wenn er möchte, von mir aus. Solange ein Arzt dabei sein wird, falls er sich verletzt."
      Er lächelte halb über diesen absolut schlechten Witz, der nichtmal ein Mitleidslachen verdient hätte. Dann ließ er sich von der gewohnten Weise, wie Vincent über seine Haut fuhr, etwas einlullen, bis er ihm schließlich seine alte Wunde offenbarte.
      Was bei anderen Vampiren schon längst hätte verschwunden sein sollen, war bei Vincent noch deutlich sichtbar. Die dunklen Linien waren geschrumpft und die Einstichstelle wirkte nicht so, als wäre sie überhaupt verheilt. Bei einem normalen Menschen würde es gut aussehen, sicherlich, aber bei einem Vampir nicht. Bei einem Vampir sollte es verheilt sein.
      Thomas richtete sich auf, stützte sich mit einem Arm auf und beugte sich über Vincent. Er legte zwei Finger auf eine der dunklen Stellen und versuchte, sonstige Erhebungen oder rauen Stellen zu erspüren. Bis auf die offensichtliche Wunde, sah es sogar recht gut aus.
      "Hm."
      Er drückte ein wenig darauf herum und sah zu Vincent auf, um Auskunft darüber zu bekommen, ob er etwas spürte.
      "Es sieht nicht schlecht aus - sicherlich besser als vor ein paar Tagen. Aber eigentlich sollte es weg sein, Vincent. Du hättest dich schon längst heilen müssen."
      Jetzt sah er vollständig wieder zu Vincent auf, blieb aber in seiner Position über ihm. Sein Arztinstinkt hatte sich aktiviert und der würde nicht abflauen, ehe er nicht Auskunft erhalten hatte.
      Die vermeintliche Antwort kam freiwillig von Vincent. Es war der Hunger, woanders konnte das Problem gar nicht liegen. Das Blut, das er zu sich nahm, war nicht mehr ausreichend, sein Effekt hatte noch weiter abgenommen.
      Thomas lauschte nach seinem Jägerinstinkt. Hier hatte er einen offensichtlich hungrigen Vampir unter sich, der auf Menschenblut verzichtete und den nichts davon abhalten würde, sich über Thomas herzumachen. Er hatte seine Waffen hier, aber sie lagen unten und waren nicht in Reichweite. Abgesehen davon hatte er die Arme sowieso schon um den Vampir geöffnet.
      Aber der Jäger schwieg, er sah keine Gefahr. Langsam bereitete ihm das Sorgen.
      "Dein Hunger kommt nicht von irgendwoher. Das Blut hält dich am Leben und heilt in diesem Fall deine Wunde. Wenn du Hunger hast, brauchst du Blut, das solltest du nicht vernachlässigen."
      Er musterte ihn für einen Moment, während er nachdachte.
      "Vielleicht wird es sogar nicht ausreichend sein. Tierblut unterscheidet sich von Menschenblut, auch wenn sie sich in vielen Eigenschaften ähnlich sind - andernfalls würden Vampire über Tiere herfallen und nicht Menschen. Du wirst die Stoffe brauchen, die das Menschenblut dir gibt. Bist du dir sicher, dass du es nicht versuchen willst? Ich bin Arzt, ich habe genügend gesundes Blut in meiner Praxis, du musst dafür niemanden umbringen. Oder verletzen."
      Er legte sich wieder neben ihn, zog dieses Mal aber Vincent an sich, anstatt sich an ihn zu schmiegen.
      "Hattest du früher auch mal eine Silberwunde, in deinem langen Leben? Hat sich das nicht auch geheilt?"
    • Vincent lächelte ob Thomas' Unwissenheit. Aber wie sollte er diese Information auch haben? Die Van Helsings der Vergangenheit hatten sich das Fressverhalten von Vampiren nur soweit angeschaut, dass sie damit ihre Jagd rechtfertigen konnten. Sie hatten sich nie wirklich mit der Frage beschäftigt, ob ein Vampir seinen Hunger auch zügeln konnte und welche Auswirkungen das haben könnte.
      Vincent strich Thomas über die Wange.
      "Du erzählst mir da nichts neues, Thomas. Aber so einfach ist das nicht. Ich kann nicht einfach etwas essen, wenn mir danach ist. Ich muss eine feine Balance halten, um mich nicht in ein wildes Tier zu verwandeln. Zu wenig Nahrung und ich mein Hunger übermannt mich. Zu viel, und ich will ich gar nicht mehr aufhören. Und Menschenblut... das ist so als würdest du einem Alkoholiker einen Drink vorsetzen. Am Anfang hat er es vielleicht noch im Griff, vielleicht verliert er die Kontrolle auch nie und es bleibt bei einem, vielleicht zwei Drinks. Aber das Risiko... die Wahrscheinlichkeit, dass er sich an seine Sucht verliert..."
      Er schüttelte den Kopf.
      "Meine früheren Verletzungen habe ich geheilt, wie es sich gehört. Ich habe mich genährt und dann meinen Körper angespornt, den Schaden zu reparieren. Aber das ist lange her. Sehr lange."
      Als er Thomas Blick bemerkte, musste er leise lachen. Er schmiegte sich ein wenig enger an den anderen Mann, achtete aber darauf, keinen der gemeinen Blutergüsse zu berühren.
      "Ich habe nie einen Menschen getötet, das stimmt. Aber ich habe nie behauptet, noch nie menschliches Blut getrunken zu haben, Dummerchen. Die Umstellung war... anstrengend. Anfangs sogar schmerzhaft. Ich habe dir schonmal gesagt, dass es einfach wäre, einfach nachzugeben, meiner Natur zu folgen und wieder stärker zu werden. Genauso einfach wäre es für dich, mein Blut anzunehmen, um deine eigenen Leiden zu behandeln. Du bist nicht schwer verletzt. Ein paar Milliliter würden ausreichen. Nora braucht mehr als du mir nehmen würdest."
      Vincent konnte spüren, wie die Abenddämmerung einsetzte. Aber hier so zu liegen, in Thomas' Armen, in einem warmen, kuscheligen Bett... Es war verlockend, wenigstens für zehn Minuten die Augen zu schließen. Aber es würde nicht bei zehn Minuten bleiben, also zwang er sich dazu, wachzubleiben, indem er neue Muster auf Thomas' Arm zeichnete.
      "Ich will kein Monster sein, weißt du?" fragte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern.


    • Thomas musste zu seinem nicht geringen Scham erkennen, dass er tatsächlich wenig Kenntnisse über das Essverhalten von Vampiren hatte. Er besaß das Grundwissen, dass sie essen mussten, dass es ihre Wunden heilte, dass sie hungrig beim Aufwachen und hungrig, wann immer sie sich Strapazen aussetzten waren, aber darüber hinaus wusste er nichts. Er konnte nicht sagen, woher Vampire die lebensnotwendigen Stoffe aus dem Blut zogen, warum menschliches Essen keine Auswirkungen hatte und warum, in diesem Fall, das Blut nicht ausreichte. Er hätte auch nicht gedacht, dass Vampire zu viel trinken konnten. Was hätte ihm diese Information auch gebracht? Wichtig war, dass sie abends ihre Nahrung in anderen Menschen suchten und das war es schließlich, was Thomas zu verhindern suchte. Dass er jetzt das Gegenteil anstellte und einem Vampir zu helfen versuchte, war vermutlich ein Erstfall in der ganzen Familie.
      Er zog Vincent freiwillig noch ein bisschen näher an sich, auch wenn mittlerweile kaum mehr Platz zwischen ihnen übrig geblieben wäre. Er schob eine Hand in sein Haar und so, wie Vincent seine Muster auf seinem Arm zog, streichelte er ihn durch das Haar.
      "Keiner von uns wird irgendein humanoides Blut trinken, einverstanden? Wobei ich betonen darf, dass es für dich natürlicher vorhergesehen wäre als für mich. Aber ich werde dich nicht dazu zwingen."
      Und er dafür Thomas auch nicht. Die Vorstellung, Vampirblut zu trinken, und sei es auch nur ein einzelner Tropfen, versetzte ihn in größere Unruhe als alles andere. Er würde kein Blut trinken, das stand schon fest, ehe er zwei Mal darüber nachdenken musste. Niemals, egal wessen Blut.
      Als Vincent erneut sprach, hätte Thomas ihn kaum gehört, wenn sie nicht eh schon völlig fest ineinander verschlungen zusammenlagen. Die Bemerkung versetzte ihm einen Stich, den er nicht recht zuzuordnen wusste, der ihn aber dazu veranlasste, beide Arme um den Mann zu schließen und ihn an sich gedrückt festzuhalten. Für einen Augenblick hielt er ihn nur fest, dann flüsterte er zurück:
      "Ich weiß."
      Und das tat er. Sein eigenes Problem und das von Vincent schienen gar nicht allzu weit auseinanderzuliegen. Eigentlich überhaupt nicht, wie ihm bewusst wurde.
      "Ich kenne zwar deine Vergangenheit nicht, oder was du in all den Jahrhunderten davor gemacht hast, aber in diesem Zeitalter bist du kein Monster. Nicht für mich."
      Er kraulte ihm durch das Haar und drückte ihm schließlich einen Kuss auf die Stirn. Dann schmiegte er sich so fest an ihn, wie es nur möglich war und streichelte ihn weiter, bis seine Hand schließlich von selbst aufhörte.

      Irgendwann war Thomas eingeschlafen, weshalb er nicht bemerkte, wie es unten an der Tür klopfte, zwei Mal und mit solcher Kraft, dass das Geräusch durch den Gang hallte. Das Klopfen kam keine Sekunde später als acht Uhr geschlagen hatte und verhallte mit dem zweiten Gong der Uhr.
    • Vincent lauschte dem steten, ruhigen Atem von Thomas eine ganze Weile lang. Er war selbst unsagbar erschöpft, doch nun, wo die Sonne dem Mond gewichen war, konnte er einfach nicht einschlafen. Also stand er irgendwann auf - vorsichtig, um Thomas nicht zu wecken - und knöpfte sein Hemd wieder zu. Er stellte sicher, dass Thomas gut eingepackt war und das Feuer im Kamin ordentlich brannte, bevor er sich das Tablett mit der Teekanne griff und damit nach unten in die Küche ging, wo es schon herrlich duftete, auch wenn das Essen magenschonend ausfallen sollte.
      "Mach dir damit keine Eile. Thomas ist schon wieder eingeschlafen," kommentierte Vincent, während er sich die Ärmel hochkrempelte und damit anfing, die Tassen und die Kanne zu spülen.
      "Irgendwann muss er was essen. Er hat praktisch nichts zu sich genommen, seit er hier ist. Menschen können nicht nur von Tee überleben," gab Nora zurück.
      "Ich werde ihn wecken, aber er hat sich ein Nickerchen verdient."
      "Ich stelle es in den Ofen, zum Warmhalten. Wo wir es gerade vom Essen haben: Hast du es ihm gesagt?"
      "Ja, habe ich."
      Nora starrte Vincent offen an, der nur grinsen konnte.
      "Dass ich den Tag noch erleben darf, an dem du so über deinen Schatten springst..." sagte sie kopfschüttelnd.
      "Ich habe meine Momente."
      "Was hat er dazu gesagt?"
      "Er hat nochmal gefragt, ob ich wirklich sicher bin, kein Menschenblut trinken zu wollen. Er hätte welches in seiner Praxis."
      "Das klingt doch nach einer guten Option."
      Vincent unterbrach seine Arbeit und ließ seufzend den Kopf hängen.
      "Er wusste es nicht besser, aber von dir hätte ich mehr erwartet."
      "Und ich bin diejenige, die ohne zu zögern deinen Willen übergeht, um dein Leben zu retten, falls du das vergessen hast. Irgendjemand muss sich doch um dich kümmern."
      Ohne sich die Hände abzutrocknen griff Vincent nach Noras Handgelenk und zog sie an sich in eine feste Umarmung.
      "Und dafür bin ich dir unendlich dankbar, Nora," murmelte er in ihr Haar.
      Einen langen Moment standen sie einfach nur so da, in einer innigen Umarmung voller Liebe und Freundschaft. Bis ein kräftiges Klopfen den Frieden störte. Vincent rollte mit den Augen.
      "Wenn das deine Freundin aus dem Theater ist, dann kannst du ihr ruhig sagen, dass sie den Hintereingang benutzen darf. Solange sie dich in einem Stück zu mir zurückbringt und mich weitestgehend in Ruhe lässt, ist sie hier willkommen."
      Nora lächelte kurz, dann wandte sie sich wieder dem Essen zu, während sich Vincent auf den Weg zur Haustür machte. Er setzte ein freundliches Lächeln auf, gab aber sein Missfallen ob einer solch späten Störung deutlich zu erkennen, als er besagte Tür öffnete, um sich dem Störenfried zu widmen.


    • Der Störenfried war ein Vampir.



      Die Gestalt vor der Tür hätte in dem dämmrigen Licht aus dem Flur für einen Moment wie ein Kunstwerk wirken können, so wie der Wind lediglich die Spitzen seines Mantels bewegte und den Rest völlig starr wirken ließ. Er hatte einen nichtssagenden Ausdruck im Gesicht, mit dem er seinen Blick auf Vincent richtete, kaum wurde ihm die Tür geöffnet. Seine Rechte lag locker auf einem Gehstock, den er - offensichtlich - nicht ernsthaft nutzte und obwohl wieder der Schnee fiel, war sowohl sein Körper, als auch seine Schuhe völlig unberührt und glänzten in einem ungestörten, perfekten Schimmer. Alles an seiner Erscheinung schien perfekt zurechtgelegt, als hätte er sich erst an der Tür zusammengebaut, um nichts von seiner ungetrübten Ausstrahlung an den Schnee zu verschwenden.
      Er blinzelte ein einziges Mal, während er Vincent in dem kurzen Moment betrachtete. Sein Blick verließ die Augen des anderen nicht und dabei lag es wohl an dem minimalen Größenunterschied, der es dem anderen ermöglichte, mit einer gewissen Arroganz auf den Hausherren hinabzusehen. Er war um wenige Zentimeter größer.
      "Harker?"
      Seine Stimme war ähnlich kalt wie die Winternacht hinter ihm.
      "Hier bin ich. Zum Reden."
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