[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Genau deswegen weiß ich, dass du der Richtige hierfür bist. Ich kann nicht voraussagen, ob ich einknicke oder nicht. Aber ich weiß, dass es passieren muss. Ob ich will oder nicht, darf keine Rolle spielen. Vlad muss sterben. Tausende andere werden es, wenn wir es nicht tun. Also ja: Ich bin mir sicher. Falls dir das nicht als Antwort reicht: Erinnerst du dich an Verona? Sie war eine der drei Freundinnen, von denen ich eben erzählt habe. Sie konnte meinem ersten All Hallow's Eve Ball nicht widerstehen. Sie dachte, sie könnte eine alte 'Freundschaft' wieder aufleben lassen. Ich habe mit ihr getanzt, geflirtet, so wie wir es früher immer getan haben. Dann habe ich sie auf einen Drink im Keller eingeladen. Deswegen weiß ich, dass die Ketten funktionieren. Sie hat sich wirklich sehr gegen das Metall gewehrt. Aber schlussendlich hatte sie keine Chance. Jetzt geht sie mir zwar jedes Jahr auf die Nerven, aber mit einem kleinen Exorzismus kann man sie ganz leicht wieder in den Keller verbannen. In den letzten zehn Jahren hat sie niemandem mehr wehtun können und das allein ist eine Befriedigung, wie ich sie selten erlebt habe."
      Vincent ließ sich von Thomas' Berührungen einlullen. Zwar hatte er kein rasendes Herz, das man beruhigen musste, aber das sanfte Streicheln schaffte es irgendwie, seine Gedanken zu beruhigen. Es drängte die unerwünschten Erinnerungen zurück in die Dunkelheit, aus der sie gekrochen waren, und ersetzte sie durch die Zeit, die Vincent mit Thomas verbracht hatte. Ihr Spaziergang durch den Schnee. Wie sie in Vincents Bibliothek auf dem Sofa gekuschelt hatten. Thomas' knallrotes Gesicht, als Vincent in nur einer locker sitzenden Morgenrobe zum Frühstück aufgetaucht war. All die schönen Momente, die sie miteinander geteilt hatten. Ihm wurde leichter ums Herz. All die Probleme, denen sie sich gegenübersahen, waren noch immer da, aber sie wirkten jetzt sehr viel weniger unüberwindbar als noch vor ein paar Minuten.
      "Ich sollte dir an dieser Stelle vielleicht verraten, dass wir alten Vampire ein paar Tricks auf Lager haben, die dein Großvater nicht dokumentiert hat," unterbrach Vincent schließlich die Stille. "Ich konnte ihm ja nicht all unsere Geheimnisse offenbaren, egal wie charmant er war."
      Er lächelte ein bisschen in sich hinein, wohlwissend, dass er Thomas noch nicht von seiner Verbindung zur dessen Familie erzählt hatte. Aber Vincent war es leid, Geheimnisse vor Thomas zu haben. Das hatte der Mann nicht verdient. Und er hatte es Thomas versprochen: Keine Lügen, keine Geheimnisse. Wenn er ihm jetzt von Vlad erzählte, konnte er ihm auch den Rest geben.


    • Eigentlich wäre die Frage eine andere gewesen, wie Thomas nur einen Moment später auffiel. Es ging viel weniger darum, für wen sich Vincent später entscheiden würde - obwohl das durchaus eine ebenso berechtigte Frage war und mindestens genauso wichtig - sondern eher was er tun würde, wenn er sich dazu entschied, dass Vlad doch nicht sterben sollte. Immerhin war es leicht gesagt, dass er womöglich einknicken würde, aber wie sähe dann die Realität aus? Würde er Thomas aktiv davon abhalten? Würde Thomas sich plötzlich nicht einem, sondern zwei Vampiren gegenübersehen, von denen er schon herausgefunden hatte, den einen nicht umbringen zu können? Was sollte er machen, wenn Vincent den älteren in Schutz nahm? Ihn mit Worten umstimmen? Mit der Macht einer Monate alten Liebe, die einem Jahrhunderte alten Verhältnis gegenüberstand?
      Er kämmte Vincents Haare zurück, strich ihm über den Nacken, zurück zur Schulter. Eigentlich sollte es eine Antwort darauf geben, aber wie der andere bereits so schön gesagt hatte: Er wusste es nicht.
      Zumindest war es ein kleiner Lichtpunkt, dass der Plan mit Verona wohl schon geglückt war. Allerdings konnte Thomas sich da eine andere Frage nicht verkneifen.
      "Aber mit Verona hattest du kein so enges Verhältnis, oder?"
      Eigentlich war es nicht einmal eine Frage, sondern viel eher eine Aussage, denn die Antwort war ihnen beiden bewusst. Verona hatte Vincent nicht zu dem gemacht, was er heute war, daran ließ sich nichts ändern. Er mochte sie genauso lange kennen wie Vlad, aber ihre Beziehung zueinander war deutlich schwächer gewesen.
      Dann brachte Vincent das Gespräch wieder auf Thomas' Großvater und erinnerte ihn allzu stark an die Erwähnung daran, dass er mit seinem Großvater in Kontakt getreten war. Und ganz anscheinend sogar mehr als nur in Kontakt, wenn man der unauffälligen Nebenbemerkung glauben wollte.
      "'Wie charmant er war'? Vincent."
      Er blickte mit aller Ernsthaftigkeit, die ihm in diesem Moment zur Verfügung stand, auf den Mann hinab.
      "Bitte sag mir nicht, dass du ein… romantisches Verhältnis zu meinem Großvater hattest."
      Einmal ausgesprochen schoben sich gleich Bilder in seinen Kopf, auf die er absolut hätte verzichten können. Natürlich wusste er, dass auch sein Großvater mal in seinem Alter gewesen war und dass Vincent älter war als die ganze Familie nach England gekommen war, aber Thomas hatte ihn eben nur als alten Mann mit faltigem Gesicht und ledriger Haut kennengelernt, der ihm mit einem Leuchten in seinen Augen alle Gruselgeschichten über Vampire erzählt hatte, die es nur geben konnte. Sich jetzt vorzustellen, dass dieser alte Mann dieselben weichen Lippen küsste, wie auch Thomas es tat, war mehr als befremdlich.
      Er war sich aber ziemlich sicher, keinen Vincent auf dessen Beerdigung gesehen zu haben. Überhaupt war er sich gar nicht sicher, ob sein Vater Vincent kennengelernt hatte. Vielleicht ein Argument dagegen.
      "... Erzähl mir von den Geheimnissen. Und was du mit meinem Großvater… getan hast."
    • Vincent lachte. Es war ein unmöglich erscheinender Laut, aber Vincent lachte.
      Er rollte sich auf den Rücken und grinste zu Thomas hinauf, ergriff dessen Hand und drückte einen sanften Kuss auf die Handinnenfläche. Der verdatterte Gesichtsausdruck des anderen Mannes war einfach zu lustig.
      "Es ist nicht so als hätte ich es nicht versucht", gab er zu. "Und es ist nicht so, als ob dein Großvater nicht interessiert gewesen wäre. Aber er war zu clever, um sich auf den freundlichen Franzosen einzulassen. Unsere Flirtereien war eher spielerischer Natur. Und als Mary in sein Leben trat, war auch noch die letzte Chance dahin. Gegen sie kam ich einfach nicht an. Dein Großvater ist ganz schön rum gekommen, aber niemals um mich, keine Sorge."
      Vincent streckte sich ein bisschen, machte es sich in seiner neuen Position bequem, denn er wollte seinen Kopf nicht von Thomas' Schoß nehmen.
      "Ich war gerade hier, in Cambridge, als er beschloss, sich hier niederzulassen. Ich habe ihn vorher schon in London arbeiten sehen, wenn du verstehst, was ich meine. Ihn hier wiederzusehen war also eine nicht so schöne Überraschung. Damals habe ich nicht Lord Harker gespielt, also musste ich ein bisschen anders vorgehen, um ein Auge auf ihn haben zu können. Glücklicherweise war dein Großvater wegen der alten Bücher in der Universität hergezogen. Und wie es der Zufall so wollte, war ich gerade an besagter Universität eingeschrieben, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich lernte ihn in der Bibliothek kennen - tatsächlich zufällig. Und von da aus musste ich nichts planen. Er war einfach ein netter, junger Mann, mit dem man sich gut unterhalten konnte. Unsere Freundschaft war echt. Echt genug, dass er mich in seine geheime Obsession mit Vampiren einweihte. Echt genug, dass ich ihm erzählte, dass ich einer war. Er hat versucht, mich mit einem Kruzifix umzubringen."
      Vincent kicherte und schüttelte leicht den Kopf.
      "Nach dem ersten Schock aber realisierte er, dass ich ihm nicht ein Haar gekrümmt habe, obwohl ich es oft genug hätte tun können. Er besann sich auf unsere Freundschaft und ließ mich erklären. Damals hielt ich es bereits mit meiner speziellen Diät und meinem Pazifismus. Er glaubte mir. Und dann half ich ihm dabei, das Geheimnis um die Schwächen von Vampiren zu lüften. Ich erklärte ihm die Effekte von Silber auf unsere Körper. Ich brachte ihm sogar diesen Trick mit dem eigenen Herzschlag bei."
      Vincent tippte mit einem Finger gegen Thomas' Brust.
      "Glaub nicht, dass ich das nicht gehört hätte, die paar Male, als deine Instinkte übernommen haben. Gern geschehen, übrigens. Natürlich habe ich ihm nicht alles verraten. Das ältere Vampire sehr wohl im Tageslicht wandeln können, zum Beispiel, ließ ich aus. Dass wir im Tageslicht in Flammen aufgehen, hat er sich allerdings selbst ausgedacht. Ein Jungvampir im Sonnenlicht sieht zwar nach wenigen Minuten aus wie ein Brandopfer, aber der Prozess dahinter ist nicht mit tatsächlichem Feuer einhergehend. Außerdem ließ ich aus, dass ältere Vampire Menschen ihren Willen aufzwingen können, solange ihr Wille stärker ist als der, den sie verändern wollen. Erinnerst du dich daran, wie wir an der Bar in meinem Haus miteinander geredet haben und uns niemand Aufmerksamkeit geschenkt hat? Das war ich. Ich habe den Leuten um uns herum suggeriert, sich doch lieber auf die Tänzer zu konzentrieren als auf uns. Ältere Vampire können ihre Heilung kontrollieren - wenn ich nicht will, dass etwas heilt, dann tut es das auch nicht. Klingt erstmal völlig verdreht, ich weiß. Aber wenn man bedenkt das Vampire mit dem Alter Fähigkeiten Entwickeln, die es ihnen erlauben, sich ihrer Beute anzupassen, dann macht das doch schon wieder mehr Sinn, nicht wahr? Vlad ist so alt, dass er sogar Tiere manipulieren kann, wenn ihm danach ist - ein Trick, den ich noch nicht ganz gemeistert habe."
      Vincent dachte kurz an die Vögel, von denen Nora berichtet hatte, hielt sich aber davon ab, wieder an die Vergangenheit zu denken, indem er zu Thomas hinaufblickte und lächelte.
      "Deinen Vater habe ich nur als Baby kennengelernt. Wenn man nicht altert muss man alle paar Jahrzehnte weit weg ziehen, an Orte, wo einen niemand kennt. Ich bin viel zu lange in Cambridge geblieben, weil ich deine Großeltern nicht missen wollte. Von dir habe ich nur in einem Brief gehört. Ich wusste, dass du existierst, ich kannte deinen Namen. Mehr aber nicht. Den Rest hast du mir selbst gezeigt."
      Er griff nach oben, legte seine Hand in Thomas' Nacken und zog ihn zu sich hinunter für einen Kuss.


    • "Ich weiß nicht, ob mich das beruhigen soll", brummte Thomas, der sich tatsächlich nicht sicher war, ob er froh darum sein sollte, dass Vincent und sein Großvater nicht etwas miteinander gehabt hatten - die Tatsache, dass er solche Gedanken überhaupt ernsthaft in Erwägung ziehen musste, war ihm bereits zuwider und vollkommen verrückt - oder dass Vincent impliziert hatte, dass Thomas nicht schlau genug gewesen wäre zu bemerken, dass der Vampir ihn völlig um den Finger gewickelt hatte. Natürlich entsprach das der Wahrheit, aber es nagte doch etwas an seiner Würde.
      Zumindest hatte er dem anderen damit ein Lachen entlockt, das mehr als nur bezaubernd war. Es schien etwas von der Steifheit seiner Muskeln zu locken und als Vincent sich ihm zusätzlich zuwandte, um seine Hand in einer entschuldigenden Geste zu küssen, glitzerten seine Augen wieder in einer Art und Weise, die Thomas' Herz erwärmte. Jetzt lächelte er selbst, eine rein instinktive Reaktion auf diesen wunderbaren Ausblick, der ihm jetzt geboten wurde. Wie sehr er es doch liebte, Vincent lachen zu sehen.
      Vincent ging ein wenig mehr ins Detail über das Thema, das ihm äußerst zu behagen schien. Es war schön zu beobachten, wie sein Blick stellenweise in die Ferne glitt, wie seine Mundwinkel zuckten, während er erzählte, wie er zwischendurch kicherte. Es war allgemein schön zu beobachten, wie sich die Schwermut von ihm zu lösen schien und durch schönere Erinnerungen ersetzt wurden. Wenn das die Art war, wie Vincent Geschichten erzählte, dann wusste Thomas, wollte er ihm bis in alle Ewigkeit zuhören.
      Tatsächlich gab es auch einige überraschende Parallelen. Selbst sein Großvater hatte den logischen Schluss gezogen, dass Vincent schon genügend Gelegenheiten gehabt hätte ihn umzubringen, wenn er es denn gewollt hätte, was letzten Endes auch Thomas' Argument für den Vampir gewesen war. Und von dem Trick mit dem Herzen war er sogar ernsthaft überrascht - er hatte seinen Großvater für einen klugen und weltgewandten Mann gehalten, aber auch er hatte letzten Endes seine Informationen irgendwo her. Thomas hätte lügen müssen, wenn er behauptet hätte, nicht daran interessiert zu sein, wie Vincent seinen Herzschlag kontrollierte, so wie er es schließlich schon einmal getan hatte.
      Dafür erfuhr er jetzt schon einige interessante Neuigkeiten, die ihn gleich dazu drängten, sie in den Notizen seines Großvaters aufzunehmen bzw. auszubessern. Zusätzlich dazu weckte es seinen Wissensdurst - das Phänomen zu erforschen, weshalb Vampire in Flammen aufgehen sollten war eine Sache, aber das Symptom zu ergründen, dass Sonnenlicht Brandwunden hervorrief, war eine ganz andere, viel interessantere. Fast hätte er dafür gleich eine Feldstudie fordern wollen.
      Auch die Information der Heilung und der Manipulation waren ihm gänzlich unbekannt und dafür noch interessanter. Er wollte mehr davon erfahren, ganz besonders wollte er seine Forschung dazu betreiben. Wenn es eine bisher noch ungeklärte Sache beim menschlichen Körper gab, drängte der Arzt in ihm dazu, der Sache auf den Grund zu gehen.
      Er würde es auch tun, sobald sie Ruhe hätten, sobald die Sache mit Vlad erledigt war.
      Bereitwillig ließ er sich zu dem Kuss hinunterziehen, bevor er selbst etwas lächeln musste.
      "Soll das heißen, ich bin dein erster Jäger auf den du dich... einlässt?"
      Er richtete sich wieder ein Stück auf, aber nur so weit, um Vincent vollständig ansehen zu können, während er die Finger durch seine Haare schob.
      "Dafür ist dieses Kunststück ganz schön mutig, das du damals hingelegt hast. Ich hätte Silber bei mir haben können, als wir in deinem Frühstückssaal... du weißt schon. Ich hätte auch deinen Blutvorrat finden können, auf die eine oder andere Weise - oder dein spezielles Keller-Abteil. Vielleicht hätte ich auch mit der festen Absicht, dich umzubringen, kommen können und dann hätte ich dich abgestochen, als wir in dein Studierzimmer gegangen sind. Ich möchte zwar nicht ausschließen, dass du nicht wehrlos gewesen wärst, aber die Tatsache, dass ich in meinem Berufsfeld noch am Leben bin - als Mensch - spricht ziemlich für mich, möchte ich meinen. Du musst ein Dutzend Mal Glück haben um weiterzuleben, ich muss nur ein einziges Mal Glück haben, um dein Leben zu beenden - das sind schlechte Chancen, um mit mir auf so engem Raum zu sein."
      Er beugte sich wieder hinab, um mit dem nächsten, sanften Kuss etwas von der Ernsthaftigkeit zu nehmen, die sich plötzlich zwischen ihnen aufgetan hatte. Sie hatten schon festgestellt, dass sie sich nicht gegenseitig umbringen würden und Thomas hatte auch nicht geplant, diesen Vorsatz umzuwerfen. Trotzdem wollte er, seinem Ego zuliebe, verdeutlichen, dass diese Gefahr in ihrer Beziehung nicht einseitig war.
      "Was hat dich damals überhaupt dazu bewegt, einem Jäger zu helfen? Etwa, weil mein Großvater 'charmant' war? Oder weil du dich damals schon Vlad stellen wolltest?"
    • Vincent lächelte ob des verletzten Egos des Jägers.
      "Das ist doch der Trick an der ganzen Sache, oder nicht? Es überhaupt nicht erst zu einem Kampf kommen zu lassen," antwortete er. "Ja, Vampire sind stärker, schneller, aber das sind die Talente, auf die sich die Jünglinge verlassen. Je älter man wird, desto mehr wird man vom Hetzjäger zum Lauerjäger. Worte werden unsere beste Waffe. Und ja, du bist ein hervorragender Jäger, das habe ich gesehen. Aber ich bin auch recht gut, wie du am eigenen Leib erfahren hast. Du vergisst, dass dein Herzschlag nicht lügt und dass ich deine Reaktionen riechen kann, wenn ich es darauf anlege."
      Lächelnd streckte Vincent seinen Kopf ein wenig nach oben, um den nächsten Kuss des Mannes zu empfangen. Das hier war viel zu angenehm, bedachte man ihre aktuelle Situation. Vincent entschied sich dazu, ihre Probleme zu ignorieren und stattdessen diesen Moment zu genießen. Einfach nur hier zu sitzen - zu liegen - mit Thomas zusammen, und über scheinbar belanglose und doch so wichtige Dinge reden zu können, gefiel Vincent auf eine Weise, die er schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt hatte.
      "Ja, du bist der erste Jäger, den ich so an mich heranlasse. Und ich muss sagen, dass ein erstes Mal nach zweihundert Jahren so selten ist, dass ich jede einzelne Sekunde davon genießen werde."
      Binnen eines einzelnen Herzschlages schnappte er sich Thomas, warf ihn der Länge nach ins Bett und legte sich halb auf ihn. Er stützte sich mit einem Ellenbogen neben Thomas' Kopf ab, mit der freien Hand strich er ihm ein paar verirrte Strähnen aus dem verdatterten Gesicht.
      "Damals wollte ich Vlad nur nie wieder sehen. Mir war langweilig und dein Großvater durchbrach diese Langeweile. Er war interessant, also habe ich mich mit ihm beschäftigt. Niemals hätte ich die Freundschaft erwartet, die sich zwischen uns aufbaute. Diese Freundschaft war es, die mich dazu bewegt hat, ihm zu helfen. Wie alle Van Helsings, wie es scheint, wollte er Rache für jemanden, den er geliebt hat: seine Eltern. Ich konnte seine Wut verstehen. Ich wusste aber auch, wie ungeschickt er war. Also gab ich ihm, was er brauchte, um seine Rache zu bekommen. Ich habe ihm Geheimnisse verraten, ich habe ihm beim Training geholfen, und schlussendlich habe ich den Vampir aus seinem Versteck gelockt."
      Vincent zuckte mit den Schultern.
      "Ich glaube, ich hätte deinem Vater ebenso geholfen, wenn ich ihn gekannt hätte. Wenn er mich gekannt hätte."
      Vincent musste nicht laut aussprechen, dass er sich als Vampir meinte. Er würde sich nicht dafür entschuldigen, nicht dagewesen zu sein. Es war nie seine Aufgabe gewesen, die Van Helsings vor allem Bösen zu beschützen, das wäre lächerlich und unmöglich. Aber er meinte, was er sagte. Hätte er eine Beziehung zu Thomas' Vater gehabt, die nur halb so tief ging wie die, die er zu dessen Großvater gehabt hatte, dann hätte er geholfen. Sei es, indem er Thomas' Mutter beschützt hätte oder indem er dessen Vater seine Rache verschafft hätte. Wahrscheinlich hätte er es sogar für weniger getan: im Namen der Freundschaft, die er mit Thomas' Großvater gehabt hatte.
      "Freundschaft, keinerlei Beziehung, Liebe. Ich muss aufpassen. Der nächste Van Helsing wird mein Erzfeind sein," scherzte Vincent, bevor er sich vorbeugte und sich einen weiteren Kuss stahl, diesmal aber ein bisschen länger, tiefer gehend.


    • "Du kannst meine Reaktion riechen?"
      Thomas dachte unweigerlich an ihre Begegnung im Studierzimmer, die seine Welt so erschüttert hatte, wie nichts anderes es vermochte. Und Vincent hätte das riechen können? Um Gottes Willen.
      "Das verbiete ich dir für die Zukunft. Herrgott. Könntest du mich vielleicht nicht so elegant blamieren?"
      Zumindest die Tatsache, dass er sein erster Jäger war, verschaffte ihm eine gewisse Genugtuung. Wenn auch nicht gänzlich genug, um seine eigene Scham zu übertönen, die sich in ihm breit machte.
      Bevor er auch nur Luft holen konnte, um seinen eigenen Beitrag zu dieser Sache zu leisten, etwa dass sie beide damit wohl ein erstes Mal hinter sich hatten, warf Vincent ihn nach hinten und kam auf ihn gekrochen. Thomas empfing ihn mit offenen Armen, den Mann den er liebte, den Vampir, für den er sein Leben aufs Spiel gesetzt hätte. Er zog ihn an sich, schlang den Arm um ihn und hielt ihn fest, während er es sich halb auf seiner Brust gemütlich machte. In allzu bekannter Manier vertrieb der Mann die Strähnen von seiner Stirn und Thomas lächelte ihn an. Wie ungezwungen der Moment geworden war, wie ähnlich er den Tagen vor Silvester war, als alles noch in Ordnung gewesen war. Um nichts in der Welt hätte er diesen Moment eingetauscht, den er jetzt wieder mit Vincent genießen konnte.
      "Dann bist du dafür verantwortlich, dass es uns überhaupt noch gibt? Eine Menge deiner Artgenossen würden dir das vermutlich übel nehmen."
      Diesmal lachte Thomas sogar selbst, kurz und leise, bevor Vincents Lippen das Geräusch verschlossen. Er empfing den Kuss voller Glückseligkeit, legte auch den anderen Arm um den Mann und zog ihn noch näher an sich, noch fester, um ihn nie wieder loszulassen. Sein ganzer Körper lehnte sich in den Kontakt, der zwischen ihnen herrschte, und für den Moment war er wunschlos glücklich. Vlad war in weite Ferne gerückt, auch all die anderen Probleme, die um sie herum noch existierten. Es gab nur noch Vincent für ihn, sein Vincent, den er für nichts der Welt weggegeben hätte.
      Noch immer lächelnd trennten sich ihre Lippen voneinander, aber bevor Vincent sich noch entfernen könnte, schob er die Hand in seine Haare und hielt ihn bei sich.
      "Ich liebe dich, Vincent Harker. Der nächste van Helsing, der es wagen sollte, Jagd auf dich zu machen, wird kompromisslos von mir enterbt werden. Da kenne ich keine Gnade."
      Wenn es überhaupt einen nächsten van Helsing geben würde, nachdem alle anderen bereits verschieden waren. Nur noch Thomas war übrig, das war ihm jetzt bewusst, besonders nachdem Beth gestorben war, und wenn die Sache mit Vlad schief laufen würde, würde es auch ihn nicht mehr geben. Dann gäbe es nur noch ein Buch, ein Buch über alle Forschungen, die sein Großvater mit Vincent betrieben hatte und die das Herz der van Helsings darstellten. Ein Buch und ein Vampir, der allenfalls dieses Vermächtnis weitertragen könnte.
      Das Lächeln schwand ein wenig, dann trat ein ernsterer Ausdruck auf Thomas' Gesicht, während er Vincent vor sich betrachtete. Auch in diesem Moment war der Vampir so schön, wie er es seit jeher gewesen war, und er versuchte sich diese Schönheit einzuprägen.
      "Wenn ich sterbe - nicht falls, sondern wenn der Tag gekommen ist - dann gib mein Buch an jemanden weiter, der es benötigt. Vielleicht wird es einen nächsten van Helsing geben, aber bisher haben sich die van Helsings nicht als sehr langlebig herausgestellt. Das schließt mich ein."
      Er strich Vincent durch die Haare.
      "Ich habe keine Ewigkeit zur Verfügung - und ich möchte auch keine. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mit Darcy soweit gehen möchte, um ein Kind auf die Welt zu setzen. Ich liebe sie nicht und ich habe sie auch nie geliebt, das wusstest du vielleicht eher als ich - es ist fraglich, ob ein solches Verhältnis die Strapazen übersteht, ein Kind großzuziehen. Wenn ich es nicht tue, dann sei du derjenige, der mein Vermächtnis weitergibt. An den nächsten, der dazu würdig ist, ein van Helsing zu sein. Wirst du das für mich tun, versprichst du mir das?"
    • Da war er wieder. Der Schmerz der Ewigen. Vincent war es gewohnt, dass diejenigen, die er am meisten liebte, starben. Es passierte alle paar Jahrzehnte. Nora war die erste, die sein Geschenk angenommen hatte und sich weigerte, ihn allein zu lassen - aber selbst mit einer steten Versorgung durch sein Blut würde sie altern und sterben. Langsamer, ja, aber es würde passieren. Vincent machte das Angebot eines ewigen Lebens nur sehr, sehr selten. Überhaupt hatte er es bisher nur einer Hand voll Menschen angeboten.
      "Ich weiß, dass es unvorstellbar für dich ist, mein Leben zu leben. Und ich werde dich nicht dazu zwingen, es zu tun. Aber solltest du dich jemals umentscheiden, dann bin ich hier, um dir deinen Wunsch zu erfüllen. Du musst nur fragen, hörst du?" entgegnete Vincent und legte dem anderen Mann eine Hand an die Wange.
      Mit dem Daumen strich er sanft über Thomas' Wange, ließ sich von der Ernsthaftigkeit der Worte, die sie beide ausgesprochen hatten, einen Moment lang tragen. Dann nickte er langsam.
      "Solltest du dein Ende finden, werde ich sichergehen, dass dein Name weiterlebt. Sei es durch deine Blutlinie oder im Geiste. Das schwöre ich bei meinem Blute."
      Er besiegelte sein Versprechen mit einem weiteren Kuss.
      Als er sich wieder von Thomas' Lippen löste, legte er seinen Kopf auf dessen Brust und schloss die Augen. Er lauschte Thomas' stetem Herzschlag, seinem ruhigen Atem, ließ sich von Thomas' Wärme einlullen. Für einen schier ewig andauernden Moment war da nur der Frieden ihrer Liebe füreinander.
      "Du wirst es mir hoffentlich nicht übelnehmen, wenn ich alles in meiner Macht stehende tue, damit es nicht dazu kommt, oder?" flüsterte Vincent.
      Er konnte sich kaum daran erinnern wie sich sein Leben ohne Thomas angefühlt hatte, wie sollte er sich da ein Leben nach Thomas vorstellen? Er wollte es nicht. Der bloße Gedanke daran versetzte ihm einen Stich schlimmer als jedes Silbermesser.


    • Wenn es eine Sache gab, von der Thomas sich absolut sicher war, dann war es, dass er nicht zu einem Vampir werden wollte. So sehr er Vincent liebte, so gerne er ihn bei sich hatte, so charmant der Mann auch war und so unverfänglich er sein Leben führen mochte, Thomas war überzeugt davon, diesen Weg nicht einschlagen zu wollen. Er wollte kein Mörder sein und er wollte auch nicht damit anfangen, Menschen als bloße Nahrungszufuhr zu sehen, das war die einfache Erklärung dafür. Nicht umsonst hatte er sich schließlich mit Stephen dafür ausgesprochen, sein Leben beenden zu lassen, sollte es doch jemals dazu kommen.
      Er war trotzdem ein Stück weit dankbar, dass Vincent ihm die Möglichkeit bot, auch wenn ihm auf die Schnelle kein einziger Grund eingefallen wäre, das Angebot anzunehmen.
      Also nickte er nur und genoss die weiche Hand an seiner Wange. Er genoss generell alle Berührungen, die der Mann ihm entgegen brachte, aber besonders diejenigen, die so behutsam waren wie in diesem Moment, als wäre Thomas für Vincent ein wertvolles Kunststück, das es zu beschützen galt. Er neigte den Kopf und küsste Vincents Handfläche, dann streckte er sich ihm entgegen, um seine Lippen zu empfangen. Damit war es also besiegelt, wenn Thomas ohne Erben sterben würde, würde das Vermächtnis an Vincent weitergehen. Und wenn er die Ewigkeit wählen würde, wäre Vincent ebenso für ihn da.
      Er umschlang den Mann ein weiteres Mal und ließ sich seine Nähe gefallen, das Gewicht seines Kopfes auf seiner Brust. Selbst schloss er die Augen und ließ zum ersten Mal ganz gewillt seinen Herzschlag für sich sprechen in einem Rhythmus, von dem er wusste, dass er allein Vincent vorbehalten war. Nur dieser Mann war dazu fähig, sein Herz so schlagen zu lassen, wie es das in diesem Moment tat.
      Als Vincent wieder sprach, war er so leise, dass Thomas ihn beinahe nicht gehört hätte.
      "Ich werde sterben", murmelte er zurück und schob wieder eine Hand in Vincents Haarschopf. In langsamen Bewegungen streichelte er über seine Kopfhaut.
      "Das kannst du nicht verhindern. Aufschieben kannst du es, aber verhindern nicht."
      Und die Erkenntnis dazu kam auch für Thomas in diesem Augenblick. Vincent würde weiterleben, Vincent würde sich nie verändern, er würde immer 31 bleiben, auch wenn er 300 Jahre alt würde, aber Thomas würde alt werden, wenn es überhaupt soweit kam. Ihm würden graue Haare wachsen und seine Haut würde Falten werfen, bis er irgendwann aussah wie sein Großvater. Sollte er dann überhaupt noch verlangen, dass Vincent bei ihm blieb? Wenn es überhaupt soweit käme?
      Er zog den Mann noch ein Stück näher an sich.
      "... Ich werde es dir nicht übelnehmen. Aber bleib nicht bei mir, bis ich ein seniler, alter Mann bin, hörst du? Such dir lieber jemanden... jüngeren. Jemand, mit dem du die Ewigkeit verbringen kannst. Gäbe es solche Kandidaten nicht unter... deinesgleichen?"
    • Vincent stemmte beide Hände direkt neben Thomas' Kopf in die Laken und starrte auf ihn hinab, die Augenbrauen argwöhnisch zusammengezogen.
      "Nein," sagte er ganz simpel. "Du wirst mir nicht vorschreiben, wen ich zu lieben habe, wann ich zu lieben habe, und für wie lange. Ich werde nicht gehen und Brautschau betreiben, ich werde nicht einmal darüber nachdenken, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich dazu bereit bin - sei dies vor oder nach deinem Tod - oder meinem. Im Übrigen weigere ich mich, jetzt schon über das Aus unserer Beziehung zu reden, wenn sie doch gerade erst angefangen hat."
      Seine Züge erweichten sich und Vincent sank auf seine Ellenbogen hinab.
      "Ich habe dir schon einmal gesagt, dass du mich nicht so einfach wieder loswirst. Also hör auf, darüber nachzudenken, in Ordnung? Wir werden noch ein Menge Zeit miteinander verbringen. Es ist mir egal, was die Götter, das Universum, das Schicksal, dazu zu sagen haben. Ich gehöre dir. Genauso wie du mir gehörst. Und wenn ich dich jede Stunde daran erinnern muss, weil dein so kluger Kopf nicht mehr mitmacht, dann sei es eben so. Ich werde jede einzelne deiner Falten lieben, deine grauen Haare, deine knirschenden Hüften, und deine kaputten Knie. Genauso, wie ich deine sanften Locken, deine dunklen Augen, und deine weichen Lippen jetzt schon liebe."
      Mit einem sanften Lächeln lehnte sich Vincent die letzten, wenigen Zentimeter vor und küsste Thomas' Stirn, seine Nasenspitze, seinen Kiefer, bevor er den Kopf wieder hob.
      "Ich fürchte, da hast du einfach kein Mitspracherecht, Thomas."


    • Überrascht von dem plötzlichen Stimmungswandel, dem sich Vincent unterzog, blickte Thomas verdutzt zu ihm auf. Eine solche Reaktion hatte er nicht von dem Vampir erwartet, nicht einmal ansatzweise. Ihre Beziehung - wenn man es denn überhaupt schon so nennen konnte - war noch zu frisch, um sich schon Gedanken darüber zu machen, ob sie überhaupt erst so lange halten würde, aber genau deswegen hätte Thomas wohl erwartet, dass sich Vincent einem solchen Gedanken fügen würde. Noch war er selbst verhältnismäßig jung, sein Körper auf demselben Stand wie Vincents, und das wäre auch in zehn Jahren noch vertretbar, aber in 20? Oder sogar 30? Irgendwann würde er sich, sofern er überhaupt so lange lebte, fühlen wie im Freudenhaus, wenn ihm ein viel jüngerer Vincent auf den Schoß kletterte. Der Gedanke allein war dabei erträglich, aber nicht, wenn er dabei selbst kaum mehr laufen konnte, geschweige denn dem Mann einen angemessenen Liebhaber bieten konnte.
      Schließlich brachte der andere ihn aber mit seiner äußerst merkwürdigen Schilderung doch zum Lachen und vergessen war das Thema darum, dass sie sich eines Tages trennen sollten. Immernoch kichernd fing er Vincent in einer Umarmung ein, der er sich nicht mehr entziehen konnte.
      "Um Gottes Willen, sag sowas nie wieder, kein einziges Mal. Wenn mir jemals die Hüften knirschen werden, erwarte ich, dass du ganz höflich weghörst."
      Noch immer lächelnd empfing er die sanften Küsse, die Vincent über sein Gesicht verteilte, die ihm einen warmen Schauer bescherten. Er jagte seinen Lippen nach, nur um ihnen im letzten Moment noch einen Kuss aufzudrücken, bevor der Mann sich wieder etwas aufgerichtet hatte.
      "Ich finde, ich habe sehr wohl ein Mitspracherecht."
      Er blickte mit unveränderlicher Heiterkeit zu ihm auf.
      "Schließlich stecken wir hier beide mit drin. Was, wenn ich mich eines Tages dazu entscheide, dass mir von nun an alte, senile, faltige, hässliche Männer gefallen? Mit so einem Standard wirst du selbst in 1.000 Jahren nicht mithalten können, dafür kannst du dir noch so viel Mühe geben. Am besten welche, denen schon ein paar Zähne ausgefallen sind, weil die können dann besser - nein! Nein, das war zu viel des guten."
      Er lachte wieder.
      "Ich ziehe meine Aussage vollständig zurück, ich möchte gar kein Mitspracherecht mehr. Du hast die alleinige Entscheidungsgewalt, solange du mich nicht so alten Männern überlässt."
      Grinsend rahmte er Vincents Gesicht mit seinen Händen ein, ließ sich den Anblick der glitzernden Augen gefallen und der amüsierten Lachfalten, die sich auf den Wangen des Mannes gebildet hatten, bevor er ihn wieder zu sich herabzog und seine Lippen liebkoste. Das war tatsächlich besser als sämtlicher Ersatz der Welt, viel besser als alles, was Thomas sich hätte ausmalen wollen. Er wollte gar niemand anderen, wenn es nach ihm ginge, würden Vincent und er bis in alle Ewigkeit zusammenbleiben, mit dem einzigen Unterschied, dass Vincents Ewigkeit unendlich war und Thomas' Ewigkeit maximal etwa 40 Jahre andauerte. Oder ein paar Wochen, bis die Begegnung mit Vlad stattfinden würde.
    • Vincent lächelte.
      "Ich werde dir gern den Platz und das Material für einen Buchclub mit ein paar alten Männern zur Verfügung stellen. Aber die haben alle wieder nach Hause zu gehen, mit ihren knirschenden Hüften und fehlenden Zähnen, während du den Luxus genießen darfst, von mir ins Bett getragen zu werden, damit du dich nicht mit der Treppe abmühen musst."
      Er lehnte sich hinunter zu Thomas, küsste ihn lang und sanft, ließ sich auf die Wärme des anderen Mannes ein. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Er hielt den Kuss, bis sie beide nach Luft schnappen mussten.
      "Du weißt gar nicht, wie glücklich du mich machst, oder? Wie sehr es mich zu dir hinzieht. Jedes Mal, wenn ich Zimt rieche, muss ich an dich denken. Jedes Mal, wenn ich in meinem Studierzimmer bin. In meiner Bibliothek. Im Frühstückssaal. Überall, wo wir uns geküsst haben, muss ich an dich denken. Du beherrschst meine Gedanken mit der gleichen Leichtigkeit, mit der du atmest. Dein Herzschlag ist Musik in meinen Ohren," Vincent legte eine seiner Hände zwischen sie beide flach auf Thomas' Brust. "Jede deiner Bewegungen wie der schönste Tanz, den ich je gesehen habe. Beides werde ich solange genießen, wie es mir die Zeit selbst erlaubt. Ich werde dich genießen, solange es mir die Zeit selbst erlaubt."
      Vincent schob seine Hand tief in die weichen Wellen von Thomas' Haar, ließ die Strähnen zwischen seinen Fingern hindurchfließen wie Wasser. Mit dem Daumen strich er dem Mann über die Wange. Er hatte es schon einmal getan, aber Vincent kam nicht umhin, seinen Blick noch einmal über Thomas' Gesicht schweifen zu lassen, um jedes noch so kleine Detail in sich aufzunehmen, in seiner Erinnerung einzumeißeln für die Ewigkeit, wie lange sie auch sein mochte.
      "Ich liebe dich, Thomas," hauchte er, "Und nichts wird daran jemals etwas ändern."


    • "Um Himmels Willen", lachte Thomas, der die Vorstellung nicht mehr loswurde, wie ein junger, charmanter Vincent sich um einen Haufen alter Männer kümmerte, von denen er einen sogar noch die Treppe hochtrug. Der Gedanke war so absurd, dass er gleich schon wieder lustig war.
      "Schluss damit, ich will nichts mehr von alten Männern hören. Oder von knirschenden Hüften."
      Auch Vincent lächelte jetzt, ein wunderschöner, bezaubernder Ausdruck, der seine Augen zum Leuchten brachte. Thomas war ganz davon in den Bann gezogen, als der Mann sich zu ihm hinab beugte und seine unendlich weichen Lippen auf seine presste, eine Vereinigung, die ihn auch in hundert Jahren noch so vollständig beglückt hätte. Er schloss die Augen in einem Kuss, der länger andauerte als davor, der auch mit wesentlich mehr Gefühl vonstatten zu gehen schien. Wann war es das letzte Mal, dass sie sich in so einer Weise begegnet waren? Es mussten nur ein paar Wochen gewesen sein, zum Jahresende, als sie auf dem Sofa in Vincents Bibliothek miteinander geschlafen hatten, aber es fühlte sich an, als wäre es schon Jahre her, seit sie sich so geküsst hatten. Zwischenzeitlich war Thomas sich noch nicht einmal sicher gewesen, ob es jemals wieder dazu kommen würde, ob er dazu verdammt wäre, für den Rest seines Lebens nur noch von Vincent zu träumen in mal sittlichen und mal nicht ganz so sittlichen Träumen. Aber hier waren sie wieder und er genoss jede einzelne Sekunde davon.
      Als ihr Kuss sich brach, weil sie beide gleichermaßen nach Luft schnappten, schlug Thomas wieder die Augen auf. Was er von Vincent zu hören bekam, war so viel schöner als alles, was er sich hätte ausmalen können. Es war so viel schöner als alles, was die Welt ihm zu bieten hatte. Die Tatsache, dass er selbst dafür verantwortlich war, dass dieser atemberaubende Mann so gänzlich in ihn verfallen war, raubte ihm für einen Augenblick schier den Atem. Er hätte gedacht, dass es vielmehr andersrum gewesen wäre, dass Thomas Vincent anhimmelte, als wäre er wieder ein Teenager, aber dieses Gefühl schien gänzlich auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Und diese Tatsache stellte für einen Moment seine Welt auf den Kopf.
      "Oh Vincent..."
      Unter dessen Blick fühlte er sich gänzlich wie ein anderer Mensch, als hätte Vincent ihm die Unsterblichkeit geschenkt, allein durch die Macht seiner Liebe. Zum ersten Mal fragte er sich ernsthaft, was Vincent sehen mochte, was diese himmlisch blauen Augen entdecken mochten, dass ihm solche Gefühle entglitten. Der Jäger konnte es wohl kaum sein, auch nicht der Arzt, der schließlich bei Vincent nicht häufig etwas zu tun bekam. Vielleicht war es ja letzten Endes nur er, vielleicht war es nur Thomas ohne seine Spezialausbildung und ohne das viele Wissen darum, wie Menschen zu helfen war. Es war Thomas alleine, der das Glitzern in Vincents Augen brachte, das er so liebte.
      Auch diese Erkenntnis stellte seine Welt für einen Moment auf den Kopf, bevor er aus seiner Starre brach und den Mann in seinen Armen einschloss.
      "Ich liebe dich auch. Gott, ich liebe dich so sehr, Vincent."
      Mit neu gewonnener Energie, die allein auf das Liebesgeständnis des anderen gestützt war, reckte er sich wieder nach oben und verlangte nach Vincents Lippen. Es war viel zu wenig für ihn, mit einem Schlag waren sämtliche Lücken zwischen ihnen viel zu groß geworden und Thomas zu ungeduldig, um sie noch länger zwischen ihnen zu dulden. Er schob die Hände unter Vincents Hemd, ließ sie über Vincents Rücken auf und ab wandern, über jedes bisschen Haut, das er erreichen konnte. Wie unverständlich es noch für ihn war, eine solche Gefühlswelt für den Mann entwickelt zu haben. Wie unvorstellbar, ihn verlieren zu können. Das kam schlichtweg nicht in Frage.
      Atemlos löste er sich noch einmal von ihm, seine Lippen von dem intensiver werdenden Kuss pulsierend, seine Brust erfüllt von reiner Wärme. Er musste sich anstrengen, um sich nicht doch wieder nach Vincent zu neigen.
      "Warte. Ich rieche nach Zimt? Oder hast du dir das ausgedacht, um mir ein Kompliment zu machen?"
      Er lächelte wieder - wie leicht auch das geworden war. Es kam ganz natürlich und hatte nichts von dem falschen Doktorenlächeln an sich, das er für andere aufsetzte.
      Seine Hände suchten nach Vincents Hüften, um ihn dort festzuhalten, während er mit heiterer Ernsthaftigkeit weiter zu ihm aufblickte.
      "Möchtest du wissen, woran du mich erinnerst? An alte Bücher und große, alte Lesesäle. Aber nur gute und wichtige Bücher - und nur beeindruckende und schöne Säle. Die schönsten von allen, nur solche, wie sie in London stehen."
      Jetzt war er es, der Vincent mit der Kraft seiner vollen Zuneigung betrachtete, die hübschen Konturen seines Gesichtes, die feinen, gelockten Haare hinter seinen Ohren, der kräftige Hals, der zu einer starken, ansehnlichen Brust unter dem Hemd führte. Die vielen Wochen der Abwesenheit wurden ihm noch viel schmerzhafter bewusst, die Sehnsucht, die er in all der Zeit nur aufgeschoben hatte.
      "Küss mich, Vincent, so wie damals. Für den Fehler, den wir an Silvester begannen haben. Wir beide."
    • Es fühlte sich an wie vor all den Tagen, den Wochen. Es fühlte sich an wie sie am Anfang gewesen waren. Es fühlte sich gut an.
      Vincent lehnte sich in den Kuss, den Thomas allein mit seinen Lippen von ihm verlangte, genoss die brennend heißen Hände auf seiner kühlen Haut, die sein Hemd ruinierten und seinen Körper in Flammen steckten.
      "Nach Zimt," Vincent vergrub sein Gesicht and Thomas' Halsbeuge, achtete aber darauf, sich mehr dessen Schulter zuzuwenden, als seinem Hals.
      Er nahm einen tiefen Atemzug, wollte auch den Duft des anderen Mannes für ewig in seinen Erinnerungen festhalten.
      "Und nach Desinfektionsmittel, wenn du von der Arbeit kommst. Aber je länger du bei mir bist, desto stärker riechst du nach Zimt. Und nach mir..."
      Der letzte Teil entrang sich Vincent mit einem leisen, begierigen Knurren. Er konnte diesen kleinen, territorialen Teil seiner selbst einfach nicht vollständig unterdrücken. Aber wie es schien, musste er das auch gar nicht, denn als er den Kopf wieder hob, Thomas' Duft noch immer in der Nase, und dem Blick des anderen Mannes begegnete, sah er ähnliche Gefühle wie die, die in seiner Brust rumorten.
      "Irgendwann nehme ich dich mit nach Frankreich," murmelte er. "Dann kannst du wahre Schönheit erleben. Aber das kann warten."
      Vincent beugte sich vor, kam Thomas' Wunsch nach. Für einen Moment schwebte er einfach nur über Thomas' Lippen, nur wenige Millimeter trennten sie voneinander, genau wie damals in seinem Studierzimmer, als Thomas sich endlich diesen einen, ersten Kuss in einem skandalösen Moment gestattet hatte. Genau wie damals strich Vincent ihm mit einer Hand vom Hals, über die Schulter, bis zur Brust. Wieder zog er eine Linie aus Küssen über Thomas' Hals - doch dieses Mal wollte er Spuren hinterlassen, dieses Mal musste er nicht austesten, wo Thomas' Grenzen lagen, wie weit er ihn gehen ließ. Mit flinken Fingern öffnete Vincent Thomas' Hemd, damit er seine Spur weiterziehen konnte. Über Thomas' Schlüsselbein bis hin zu der Stelle, an der Thomas' Herz schlug. Und genau wie damals verursachte der schnelle Puls unter seinen Lippen einen vorfreudigen Schauer, der durch Vincents ganzen Körper jagte.
      "Wie fühlt sich das an, Thomas?" wiederholte Vincent seine Frage von damals, seine Worte kaum mehr als ein heißer Hauch an Thomas' Brust. "Fühlt es sich so an, wie damals in meinem Frühstücksalon, als wir uns das erste Mal küssten? Besser?"


    • Vincent neigte sich weiter hinab zu Thomas' Hals und gerade, als seine Lippen seine Haut nur streiften, war es wieder da, das ferne Schrillen einer Alarmglocke, die Andeutung eines Adrenalinschubs, um ihn aus der Gefahr zu bringen. Der Jägerinstinkt war zurückgekehrt, er würde Thomas nie verlassen.
      Aber zur selben Zeit hatte er nicht den Kopf dafür, so wie er bereitwillig schon das Kinn hob, um dem Mann platz zu machen. Seine Haut prickelte, als sich Vincents Lippen darauf legten, so weich und gleichzeitig fordernd, dass es ihm einen Schauer durch den Körper jagte. Er wollte mehr und gleichzeitig regte sein Instinkt bereits an, eine sichere Umgebung zu schaffen. Er wusste nicht so recht, was er von diesem Gegensatz halten sollte.
      Vincent sprach weiter, nachdem sein Atem über Thomas' Haut strich und seine Worte verendeten in einem tiefen Raunen, in einem kehligen Vibrieren, das so unvorstellbar verführerisch war, dass es gleich den nächsten Schauer durch Thomas' gesamten Körper jagte und er hörbar die Luft einsaugte. Er roch nach Vincent, wenn er bei ihm war. In einer Welt, die Thomas noch nicht vollständig ergründet hatte, legte diese Aussage Schalter um, die ihm noch nicht gänzlich bekannt waren. Er wollte nach ihm riechen und er wollte auch, dass es für Vincent dasselbe war.
      Er neigte sich ihm bereitwillig wieder entgegen, empfing die Küsse, präsentierte ihm seinen Hals, das direkte Gegenteil dazu, was sein leiser Instinkt von ihm verlangte. Und es war tatsächlich für einen Moment grenzwertig, die sanften, aber doch harten Lippen an seiner Kehle waren stark genug, dass der eine Teil von ihm sich aufbegehren wollte, dass er danach verlangte, sich in Sicherheit zu begeben, um das eigene Leben zu schützen. Aber Vincent ließ ihm nicht die Zeit, sich noch allzu sehr hineinzusteigern, denn er wanderte weiter zu seiner Brust und Thomas stieß einen viel zu lange angehaltenen Atem wieder aus. Die Spur, die der Mann mit seinen Lippen zog, brannte auf seiner Haut, ein Nachlass seiner Liebkosungen, die bis zu seinem Herz durchzusickern schienen. Er wollte mehr davon. Er wollte von dem Feuer verbrannt werden, das Vincent dort legte.
      Vincents Atem streifte wieder seine Haut und Thomas streckte sich ihm wieder entgegen, zwang ihn zu einem weiteren Kuss auf seiner Brust, den der Mann ihm gab. Ja, wie fühlte es sich an? Es fühlte sich an, als hätte Thomas den Himmel entdeckt.
      "Besser. So viel besser."
      Er ließ Vincent spüren, was er mit Worten nicht auszudrücken vermochte, indem er sich an ihn presste und die Hände in seine Haare schob. Es fühlte sich besser an, tatsächlich, aber es fühlte sich auch sicherer an. Damals war Thomas noch überfordert gewesen von der unbekannten Situation, von dem Zweifel und der Angst, entdeckt zu werden, aber jetzt war er sicherer. Jetzt wusste er, was er wollte, was ihm damals noch nicht ansatzweise bewusst gewesen war.
      Gerade als Vincent den nächsten Kuss auf sein Herz setzte, schob er ihn ein Stück weg und richtete sich auf, allerdings ohne ihn loszulassen.
      "Es soll nicht wieder wie damals werden. Ich war unerfahren - das bin ich immer noch, aber ich weiß, was ich will und das bist du. Ich will dich sehen, Vincent. Zeig dich mir. Ich will deinen ganzen, wunderschönen Körper sehen."
    • Vincent konnte dem Drang nicht widerstehen, seine Finger erneut in Thomas' Haare zu schieben, als dieser sich auf setzte. Er schnurrte ob Thomas' wohlformulierten Wunsches.
      "Du bist tatsächlich besser geworden im Umgang mit deinen Worten," raunte er lächelnd und ließ seine Hände über Thomas' Schultern gleiten, bevor er anfing, einen Knopf nach dem anderen an seinem eigenen Hemd zu öffnen.
      Er nahm sich Zeit, aber nicht zu viel. Er rollte mit den Schultern, um sich aus seinem Hemd zu befreien und der zerknitterte Stoff rutschte anstandslos von seinen Armen. Dann beseitigte er auch Thomas' Hemd, wo er schon dabei war, und ergriff die Hände des Mannes. Er legte sich auf seinen Gürtel als stumme Aufforderung, den Rest selbst zu machen.
      "Wenn du nicht willst, dass es wie letztes mal wird, dann solltest du dir einfach nehmen, was du haben willst," flüsterte Vincent und legte Thomas die Arme locker um den Hals, lehnte seine Stirn an die von Thomas.
      "Ich bin dein. Jeder Teil von mir," hauchte er gegen Thomas' Lippen, bevor er sich einen weiteren Kuss stahl.
      Und dann, mit einem frechen, verführerischen Lächeln, ließ sich Vincent mit Thomas zur Seite fallen, sodass er schlussendlich unter dem anderen Mann lag. Er hob seine Hände über seinen Kopf, bot sich Thomas dar, gab jedwede Gegenwehr auf, unterwarf sich ihm vollkommen. Er zeigte Thomas alles, was er war, ohne zu zögern.
      "Mach mit mir, was auch immer du willst. Gegen dich bin ich doch sowie so vollkommen machtlos," raunte Vincent, noch immer lächelnd, als er seine Hüften gegen Thomas drückte.


    • Kaum ausgesprochen ließ Vincent keine Zeit vergehen, um Thomas' Wunsch nachzukommen. So einfach war es tatsächlich, nur die richtigen Worte finden und schon ließ der Mann ab, um sich das Hemd aufzuknöpfen. Und wie schnell Thomas' Blick dabei nach unten sprang, um den Augenblick vollends auszukosten. Er wollte sich die Enthüllung dessen, was er begehrte, nicht entgehen lassen.
      Für seinen Geschmack hätte Vincent sich ruhig noch mehr Zeit lassen können, aber Thomas lehnte sich dennoch zurück und genoss, was ihm dargeboten wurde, ohne sich ablenken lassen zu müssen. Sein Blick kartografierte, was er schon häufiger hatte betrachten dürfen, allerdings nie in seiner vollständigen Pracht. Vincents Schultern waren elegant und stramm, seine Brust wohldefiniert, die Haut über seinem Bauch straff. Der Ansatz seiner Hüfte, die zum Vorschein kam, war kräftig und fest, aber weiter ging Vincent nicht, bevor er nicht auch Thomas von seinem Hemd befreite. Etwas enttäuscht ließ er seine Hand zu Vincents Gürtel führen, nachdem er eigentlich darauf gehofft hatte, noch mehr gezeigt zu bekommen. Aber das durfte er wohl selbst enthüllen.
      Er fuhr mit den Fingern seinen Gürtel entlang, bis er beide Arme um dessen Hüfte legte, den Blick weiterhin auf Vincent gerichtet. Seine Worte waren genauso verführerisch wie seine letzten, sein Atem prickelte auf Thomas' Haut. Er lehnte sich ihm entgegen, neigte sich in den Kuss hinein, soweit, dass es seine Sehnsucht befriedigte, und dann war Vincent wieder weg, bevor er sich mit Thomas zur Seite rollte. Der Mann ließ es geschehen, er hatte sich schon viel zu sehr von dem Vampir verführen lassen, um sich gegen etwas derartiges zu sträuben. Als er sich auf ihm aufrichtete, streckte Vincent die Arme über den Kopf und betrachtete Thomas mit einem interessierten, fast schelmischen Blick. Die Erlaubnis, die der Mann ihm erteilte, hätte allein schon dafür sorgen können, dass seine Lenden zum Leben erwachten. Sein Atem stockte, als Vincent seine Hüfte auch noch gegen ihn rollte, eine Berührung, die er nur allzu deutlich wahrnahm. Er beugte sich wieder zu ihm hinab, erhöhte den Druck auf ihrer beider Hüften und verschloss wieder ihre Lippen miteinander. Die Hände führte er Vincents Arme entlang nach oben, bis er ihre Finger miteinander verschränkte. So gleichermaßen auf ihm ausgestreckt, spürte er seinen entblößten Oberkörper noch viel deutlicher an sich.
      "Was auch immer ich will?", wiederholte er murmelnd, ohne jemals ihren gemeinsamen Kontakt abzubrechen. Er küsste sich von seinen Lippen zu seinem Mundwinkel und von dort hinab zu seinem Kiefer, fest dazu entschlossen, genau das zu tun. Er wusste, was er wollte.
      Etwas atemlos löste er sich wieder von Vincent und richtete sich auf, während der Mann ausgestreckt vor ihm liegen blieb. Er liebte es jetzt schon. Sein Blick glitt über die Muskeln seines Oberkörpers, bevor er sich endlich dem Gürtel widmete. Er befreite Vincent von seinen restlichen Klamotten, dann nahm er sich den Moment, um sich zurückzulehnen und den Mann zu betrachten.
      Vincent war atemberaubend. Das war ihm schon vorher bewusst gewesen, seit dem ersten Mal, als er den Mann hatte entblößen dürfen, aber er hatte sich nie Zeit dafür genommen, seine Schönheit auch wahrhaftig zu bewundern. Seine langen Beine, die definierten Muskeln, seine kräftige Hüfte, die eleganten Schultern. Sein hübsches, charmantes Gesicht, auf dem noch immer der unsterbliche Hauch eines frechen Lächelns lag. Der Mann war ein Kunstwerk und Thomas wollte es in vollsten Zügen genießen.
      Er legte fast andächtig die Hand auf seinen Oberschenkel, erspürte die kräftigen Muskeln, die darunter lagen, und fuhr langsam nach oben, der Spur seiner Muskeln folgend. Er strich über seine Hüfte, seine Taille, seinen Bauch, seine Brust und als er sich wieder über ihn beugte, folgte er weiter Vincents Arm empor. Ihre Finger verschränkten sich erneut miteinander und er zog Vincents Hand zu sich, bevor er sich wieder aufsetzte. Er führte seine Hand zu seinem Mund und küsste sie auf dieselbe sanfte, vorsichtige Art, bevor mit den Lippen weiter zu seinem Handgelenk fuhr, es liebkoste und weiterzog, immer nur der Spur seiner Muskeln folgend. Seine Lippen lösten sich nicht ein Mal von Vincents Haut, während er sie auf seinem Weg hinab zu seiner Schulter mit federleichten Küssen übersähte. Er ließ sich all die Zeit, die ihm zur Verfügung stand, um jedes bisschen Haut vollständig auszukosten. Bei seiner Schulter zog er hinab zu seinem Schlüsselbein und weiter zu seinen Brustwarzen, denen er mindestens genauso viel Aufmerksamkeit schenkte. Kriechend langsam küsste er sich zu seinem Bauch fort und dann über seine Hüfte an seinem Geschlecht vorbei, bevor er sich seinen Beinen widmete. Es bereitete ihm ein ungemeines, wundervolles Vergnügen, wie Vincent ihn machen ließ, wie er selbst seine noch so langsame Spur mit der größten Geduld der Welt duldete. Mehrmals sah er zu dem Mann auf, aber er beobachtete ihn schlicht nur weiter, gewährte ihm jeden Zentimeter seines Körpers, ohne zurückzuzucken. Allein dafür setzte er besonders viel Gefühl in seine Küsse, so lange, bis er an seinem anderen Bein wieder hochgewandert war und sich jetzt streckte, um Vincents Lippen zu erreichen. Nach einem eher flüchtigen Kuss, schob er Vincents Kopf sanft auf die Seite, um sich seinen Weg zu seinem Ohr zu küssen. Ganz sanft, nicht lauter als ein Wispern, das für Vincents Ohren und für sie ganz allein bestimmt war, hauchte er:
      "Du bist wunderschön, Vincent."
    • Was war das, was er das in Thomas' Blick sah? Das war nicht nur Begierde, nicht bloß Lust. Da war noch etwas anderes, etwas, das alles andere übertünchte.
      Er brummte wohlig, als Thomas ihn berührte, seine warme Hand auf seinen Oberschenkel legte. Vincent schloss die Augen, um sich der Empfindung vollkommen hingeben zu können. Er erlaubte sich, die Sinne des Monsters zu nutzen, doch diesmal lauschte er nicht auf Thomas' Herzschlag oder suchte dessen sanften Duft nach Zimt und alten Büchern. Nein, dieses Mal ließ er sich von Thomas' Berührungen mitreißen, ließ sich von der Sanftheit und Sorgfalt hinfort spülen.
      Ihm entkam ein leises Keuchen, als er Thomas' heiße Lippen an seinem Handgelenk spürte. Ein animalischer Teil von ihm wollte die Zähne des anderen Mannes spüren, wollte diese tiefe Verbindung mit ihm hier und jetzt eingehen. Wusste Thomas überhaupt, was er da tat? Was es für Vincent bedeutete, an diesen Stellen berührt zu werden? Geküsst zu werden?
      Vincent reagierte auf jede noch so kleine Berührung. Er lehnte sich Thomas' geschickten Fingern entgegen, den sanften Lippen. Ein wohliges Seufzen stahl sich aus seiner Kehle, als Thomas sich seiner Brust zuwandte. Er wollte mehr, doch Thomas gab es ihm nicht. Stattdessen wandte der Mann seine Aufmerksamkeit gleich wieder etwas anderem zu und zog Vincents Gedanken mit sich. Der Laut, der sich ihm entrang, als Thomas sich weiter hinunter küsste, seinen Weg ungebremst fortsetzte, war Beweis für das Begehren, das in Vincents Brust brodelte. Ganz instinktiv spreizte er seine Beine ein wenig, als müsse er Thomas mehr Platz verschaffen.
      Vincent öffnete die Augen, beobachtete, was Thomas da mit ihm anstellte. Er leckte sich über die Lippen. Und als ob Thomas seine Gedanken lesen konnte, kam er wieder hinauf, quälte ihn auf dem Weg noch ein bisschen mehr, bevor Thomas ihn endlich wieder küsste. Er lehnte sich Thomas' Lippen sehnsüchtig entgegen, empfing sie gierig. Und schon wieder gab Thomas ihm nur einen Bruchteil dessen, was er wollte.
      Vincent schob eine Hand in Thomas' Haare, als dieser ihm das Ergebnis seiner kleinen Folter präsentierte. Vincent stöhnte leise.
      Sein ganzer Körper stand in Flammen, verbrannt von jeder einzelnen Berührung mit der Thomas ihn soeben gesegnet hatte.
      "Ich brauche dich...", hauchte Vincent als Antwort, seine Stimme rau vor Verlangen.
      Er zog an Thomas Haaren, zwang ihn, den Kopf zu heben, damit er ihn endlich so küssen konnte, wie er es wollte: lang, tief, voller Gefühl. Vincent bewegte seinen Körper gegen Thomas' Hände, gegen dessen Brust, wollte den Hautkontakt um nichts in der Welt missen.
      "Mehr..." bettelte er, als er ihren Kuss unterbrach, und presste Thomas Gesicht in seine Halsbeuge, was ihm gleich das nächste Keuchen entrang, ohne dass der Mann irgendetwas getan hätte.
      Mit seiner freien Hand hielt er sich an Thomas' Hosenbund fest. Ob er ihn ausziehen wollte oder ob er etwas brauchte, um den Mann noch enger an sich zu ziehen, wusste er in diesem Augenblick nicht. Es spielte auch gar keine Rolle. Auf die ein oder andere Art brauchte er den Halt, den Thomas ihm bot.


    • So wie Vincent sich unter ihm bewegte, wie er sich gegen Thomas presste und die kleinen Geräusche, die ihm dabei entglitten, war Thomas fast schon dazu angehalten, sich wieder zurückzuziehen, nur um den vollen Anblick dessen genießen zu können. Aber das würde auch bedeuten, dass er von ihm ablassen musste und je länger er sich mit diesem einzigartigen Körper beschäftigte, desto weniger wollte er genau darauf verzichten. Vincents Haut glühte regelrecht unter seinen Lippen und das machte ihn süchtig.
      Er küsste die Stelle hinter Vincents Ohr, dann ließ er sich zu seinem Hals ziehen und fuhr dort mit seiner Behandlung fort. Jetzt war ihm selbst unglaublich heiß, Vincents Worte hatten ein Feuer in ihm entfacht, das durch seinen gesamten Körper lodete. Dabei war es nichtmal in seinem Plan gewesen, sich anstandslos über Vincent herzumachen, wie er es schon in seiner Bibliothek getan hatte. Nein, er wollte diesen Moment wirklich und wahrhaftig ausnutzen und dazu gehörte nunmal, dass sein eigenes, aufsteigendes Verlangen noch ein wenig weiter warten müsste. Ihrer beider zusammen.
      "Ein bisschen noch", flüsterte er gegen Vincents Hals und löste sich mit einem leisen Schmatzen von ihm. Als er sich aufrichtete und Vincent betrachtete, konnte er die pure Lust an seinen Augen ablesen. Noch nie zuvor hatte ein solcher scheinheiliger Anblick so sehr seine Lenden befeuert.
      "Schaffst du das? Für mich?"
      Er küsste ihn erneut sanft, wartete auf Vincents Zustimmung und richtete sich dann erst auf.
      "Dreh dich um."
      Vincent gehorchte, ein feines Spiel von Muskeln, als er sich erst auf die Seite und dann auf den Bauch rollte, bevor er sich wieder ausstreckte. Auch dieser Ausblick war absolut fabelhaft und ließ ihn ernsthaft an seiner eigenen Geduld zweifeln - besonders, als er sich zwischen Vincents leicht geöffneten Beinen niederließ. Er musste ein, zwei Atemzüge nehmen, um sich etwas zu beruhigen, bevor er sich zu seinem Kopf nach vorne lehnte und seinen Nacken mit den gleichen sanften, erkundenden Küssen übersäte. Auch von dort wanderte er wieder zu seinen Schultern hinab, zu seinen Schulterblättern, zu seinem oberen und dann zu seinem unteren Rücken, wo er ein wenig nach hinten rutschte, um besser Platz zu haben. Er beugte sich vor, küsste sich über seinen Hintern hinweg, legte seine Hände auf und spreizte Vincent leicht, dann näherte er sich ihm so weit, dass er ihn mit seinem sanften, heißen Atem streifte. Er konnte jede einzelne Zuckung sehen, jede einzelne Bewegung, mit der sich Vincent ihm entgegen schob. Es blieb dennoch nur bei seinem Atem, dann platzierte er seine Küsse wieder auf seinem Hintern und zog weiter zu seinen Beinen.
      Zugegeben, das war nun beabsichtigt. Er wollte Vincent zwar weiter vernaschen, so wie er es gerade tat, aber jetzt wusste er auch, dass es um den Mann ebenso fast geschehen war, wie um ihn selbst. Und da war er fast genauso interessiert daran, Vincent unter sich zerfließen zu sehen.
      Trotz aufkommender Ungeduld, küsste er sich an beiden von Vincents Beinen entlang, nach unten sowie wieder nach oben und kroch über ihn, bis er sich an ihn schmiegte und seine Hüfte in einer unmissverständlichen Bewegung gegen seinen Hintern drückte. Als er sich diesmal zu seinem Nacken hinabbeugte und seine Küsse verteilte, grub er für kurze Zeit auch seine Zähne in seine Haut. Er saugte kurz an der Stelle, dann strich er mit der Zungenspitze darüber, bevor er sich weiter zu seinem Ohr runterbeugte.
      "... Sag mir, was du willst."
    • Jetzt war es auch in Thomas' Stimme, diese unbekannte Größe, der sich Vincent gegenübersah. Was war das bloß?
      Vincent nickte stumm, bevor seine Gedanken realisierten, was er da eigentlich zustimmte. Seinem eigenen Ende, wie er einen Wimpernschlag später bemerkte. Dennoch kam er der Aufforderung nach, änderte seine Position. Jetzt war er gezwungen, sich auf seinen Tastsinn zu verlassen, ob er wollte oder nicht.
      Und dann war er da, presste seinen Körper gegen Vincents, bevor er eine erneute Reise über seine Haut anstellte. Vincent wurde wahnsinnig. Er wollte mehr von dem, was Thomas ihm gab. Er wollte, dass Thomas weiterging, gegen Grenzen verstieß. Für einen kurzen Augenblick glaubte Vincent, dass seine Sehnsüchte erhört wurden, doch Thomas blieb standhaft in seiner Folter. Vincent verfluchte die Selbstbeherrschung des Mannes, als er seine Finger in eines seiner Kopfkissen grub, bis die Knöchel weiß unter seiner sowieso schon blassen Haut erschienen. Als Thomas sich wieder auf ihn legte, als Vincent ihn überdeutlich auf seiner sensiblen Haut spüren konnte, biss er sogar in den Stoff.
      Er stöhnte laut auf, als Thomas ihn biss. Ihn biss! In den den Hals.
      Vincents gesamter Körper reagierte auf diese kleine Aktion. Seine hüften drückten sich nach oben gegen Thomas Lenden, seine Finger durchbohrten das Kissen. Eine kleine Welle der Ektase rollte über ihn hinweg direkt zwischen seine Beine. Aber es war nicht genug.
      "Ich will dich," keuchte Vincent. "Ich will dich in mir. Ich will hören, wie du mich zu dem deinen machst. Ich will deine Hände auf meiner Brust, will, dass du dort deine Spuren hinterlässt."
      Vincent versuchte, irgendeine Form von Kontrolle über ihre Position zu erlangen, aber er konnte nicht. Thomas pinnte ihn perfekt gegen die Laken, unterband jede größere Regung mit seinem eigenen Körper.
      "Ich will, dass du deine Zähne in mich schlägst..." rutschte es ihm raus.
      Er bereute seine Worte nicht, war lediglich überrascht von seinem eigenen Wunsch, wie sehr er sich wirklich danach sehnte.


    • Eine ähnlich heftige Reaktion, wie auch schon beim Kuss des Handgelenks, kam auch jetzt, als Thomas in Vincents Hals biss. Das Stöhnen, das dem anderen Mann dabei entglitt, schien durch seinen gesamten Körper zu vibrieren. Thomas presste sich fester an ihn, eine instinktive Entscheidung, die sich als Fehler entpuppte, nachdem das nur seine eigene Begierde weiter anstachelte. Langsam wurde es grenzwertig, denn obwohl er ganz offensichtlich selbstbewusster geworden war - er wusste noch immer nicht recht, woran das liegen mochte, außer vielleicht dem Liebesgeständnis und der Tatsache, dass Vampire ein Bereich waren, in dem er sich besser auskannte, wenn auch nicht im Bett - hatte er sich noch nicht gänzlich an diese neue Art der Liebe gewöhnt. Alles, was Vincent von sich gab, hatte auch einen Effekt auf ihn und keinen kleinen, wie er hier herausfinden durfte.
      Seine Hüften verselbstständigten sich, als er sich an dem Mann rieb, während Vincent unter ihm ins Laken keuchte. Seine Worte waren schwierig zu verstehen, vermutlich auch, weil Thomas mittlerweile selbst weit genug fortgeschritten war, um sich vielmehr auf das Gefühl zu konzentrieren, das sie in ihm auslösten, anstatt auf die Worte selbst, aber er brachte es doch irgendwie hin, seinem Wunsch Folge zu leisten. Vorher streckte er sich aber zur Seite, angelte blind nach Vincents Nachttisch und beförderte das Öl zutage, das er unsauber auf seinen Fingern verteilte. Er wusste nicht, warum mit einem Mal alles so schnell gehen musste, aber er hatte auch nicht die Gedankenkraft dafür übrig, sich darüber zu wundern. Er verteilte sein Gewicht wieder auf Vincent und schuf gerade so viel Platz zwischen sich und dem Mann, um seine Hand dazwischenzuschieben und sie zwischen Vincents Beine zu führen. Sein Finger fand, wonach er suchte, und er massierte ihn in vorsichtigen Kreisbewegungen, während er sich wieder nach vorne lehnte. Vincent hatte sich ins Bett gekrallt, sein gesamter Körper war angespannt und wurde von winzigen Bewegungen durchzogen, die sicher größer ausgefallen wären, wenn er nicht von Thomas' Gewicht niedergepresst würde. Es war trotzdem ein geradezu herrlicher Anblick und Thomas atmete ihm dafür schwer an den Hals. Er schob die andere, freie Hand in Vincents Haar und zog daran, sanft nur und so weit, bis der Mann seinen Kopf genügend angehoben hatte, damit Thomas seinen Hals erreichen konnte. Er setzte an, mit seinen Zähnen und seinem Finger, und als er den Mund öffnete und den Kiefer gerade unterhalb Vincents Kinn schloss, drückte er seinen Finger sanft aber bestimmt in den Mann hinein.
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