[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

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    • Vincent musterte den Mann vor sich. Das war er also. Der Meister des Cambridge-Nests.
      "Netter Auftritt," kommentierte er. "Hätte ich gewusst, dass ich heute Nacht Besuch bekomme, hätte ich mir etwas passenderes angezogen."
      Er machte einen Schritt beiseite und lud den Mann mit einer Geste dazu ein, sein Haus zu betreten und sich in den Salon zu begeben. Er folgte ihm natürlich, bedeutete Nora aber mit einem Wink, sich nicht zu zeigen. Sie würde den Rest seiner Belegschaft informieren und sie alle würden wie die Geister von Harker Heights sein: unsichtbar.
      Vincent steuerte direkt seine Minibar an und gönnte sich einen Drink, mit dem er sich entspannt gegen den Schreibtisch daneben lehnte.
      "Ich habe es noch nie gemocht, lange um den heißen Brei herumzureden. Also: Mit wem habe ich das Vergnügen und warum zum Teufel haben Sie Ihre Jünglinge nicht im Griff?"
      Er verschränkte die Arme vor der Brust und nippte an seinem Drink.
      Selbstverständlich machte er sich ein Bild von dem anderen Vampir, der da in seinem Salon stand. Seine ganze Ausstrahlung ließ darauf schließen, dass dieser Mann nicht erst gestern erschaffen worden war. Wenn er Ophelia Glauben schenken durfte, dann war er das auch nicht. Allerdings hatte Vincent schon mit älteren Vampiren verkehrt. Besonders beeindruckend war dieser Mann nicht. Noch konnte er nicht sagen, ob alles, was er sah, nur Show war oder ob dahinter auch tatsächlich Substanz schlummerte. Trotzdem: Er würde sich nicht wie ein kleines Hündchen auf den Rücken werfen und um einen Freund betteln. Das war nicht sein Stil, wenn es um seinesgleichen ging.


    • Der Vampir kommentierte Vincents Aussage nicht, er gab auch sonst keinerlei Regung von sich, mit der er Vincent auf irgendeine Weise mehr registriert hätte als durch seinen nichtssagenden Blick. Erst, als er hereingebeten wurde, setzte er sich auch in Bewegung.
      Er wartete nicht darauf, dass man ihm aus dem Mantel helfen würde und machte auch keine Anstalten, es selbst zu tun. Seine Schritte waren lang und zielstrebig, ein fester Tritt, der aussagte, dass er nichts in seinen Weg kommen lassen würde. Sein Gehstock begleitete ihn, ein leises, stets gleichmäßiges Klacken, wenn er mit dem rechten Fuß auftrat.
      Er sah sich nicht die Kunstwerke des Hauses an. Er sah nicht den Gang entlang und zur Treppe, er sah sich auch nicht nach jedweden Angestellten um, die er zweifellos dennoch hören und lokalisieren konnte. Er hatte den Blick stets geradeaus gerichtet, ging erhobenem Kopfes und mit durchgestrecktem Rücken. Es gab keine Bewegung an seinem Körper, die nicht das Bild des erhabenen, wenn auch arroganten Vampirs unterstrich, den er wohl darstellen mochte.
      Er steuerte zielstrebig das Sofa an, zog ein weißes Tuch aus seiner Manteltasche, wischte damit sowohl über das Polster, als auch über die Rückenlehne und setzte sich dann erst, natürlich in einer Bewegung, die seinen Mantel und den darunter liegenden Anzug in tadellosem Zustand präsentierte. Dann überkreuzte er die Beine, seinen Gehstock ließ er an das Sofa gelehnt los.
      "Ich auch nicht. Ich habe kein Bedürfnis nach Gepflogenheiten."
      Seine Mimik war noch immer nichtssagend, sein Blick auf Vincent gerichtet, als würde er ihn nur ansehen, weil er das interessanteste Objekt im Raum war.
      "James Selford. Für Sie Mr. Selford."
      Seine Augen verfolgten minimal, wie Vincent den Drink an seine Lippen hob.
      "Und für jemanden, der nicht um den heißen Brei herumreden möchte, stellen Sie eine höchst unpräzise Frage, Harker. Ich verstehe das Problem nicht."
      Er verschränkte die Hände in seinem Schoß. Seine Fingernägel waren perfekt geschnitten, natürlich.
      "Meine Jünglinge lernen. Meine älteren Kollegen helfen ihnen dabei. Vielleicht wären Sie so gütig, "nicht im Griff" genauer zu definieren, wenn Sie sich schon die Zeit nehmen zu fluchen."
      Er schien fast wieder zu einem Stein zu erstarren so unbewegt auf dem Sofa.
      "Oder Sie nennen mir den Grund, weshalb Sie sich einbilden, genug Autorität zu besitzen, um sich hier einmischen zu können. Ich muss gestehen, das interessiert mich mehr, als zu sehen, wo Sie sich hier in Cambridge niedergelassen haben."
    • Vincent grunzte.
      "Sie wollen es genauer? Fein. Die Polizei sucht nach Ihren Jünglingen. Die Polizei belästigt mich auf der Suche nach Ihren Jünglingen. Ihre Jünglinge greifen des Hausstand eines Van Helsings an. Ihre Jünglinge erkennen die Autorität der Alten nicht an. Ihre Jünglinge halten sich wenig bis gar nicht an territoriale Grenzen. Soll ich weitermachen oder reicht Ihnen meine Umschreibung von 'nicht im Griff' mittlerweile? Sie und Ihre 'älteren Kollegen' sind offenkundig keine guten Lehrer für ein ganzes Nest. Es hat einen Grund, warum wir Regeln haben. Es hat einen Grund, warum wir keine Nester erschaffen. Es hat einen Grund, warum wir die Van Helsings in Ruhe lassen. Woher ich meine Autorität nehme? Mein Alter, hauptsächlich, so wie es sich gehört. Wenn ich draußen auf dem Land, mitten im Nirgendwo, davon höre, was hier in der Stadt passiert, dann haben Sie ein Problem. Ein gewaltiges. Ein Problem, mit dem ich mich wirklich - wirklich - nicht beschäftigen wollte. Aber ihre Jünglinge sind außer Kontrolle und ich habe wenig Lust darauf, sie in meinem Territorium zu finden. Oder einen Van Helsing in meinem Territorium zu haben, wenn ich nicht damit rechne. Deswegen bin ich hier, deswegen wollte ich mit Ihnen reden. Bringen Sie ihre Jünglinge unter Kontrolle, oder ich sehe mich gezwungen, drastischere Schritte einzuleiten. Das Recht dazu habe ich, das wissen wir beide."
      Vollkommen entspannt kippte Vincent den Rest seines Drinks in einem schnellen Zug herunter. Er stellte das Glas neben sich auf den Tisch und kehrte zurück zu seiner entspannten aber abweisenden Haltung zurück. Dieser Typ machte ihn wütend. Spielte sich hier auf, als gehörte ihm die Welt. Was sich dieser Mann der Konsequenzen eigentlich bewusst? Hatte er vor seinem Nest überhaupt schon einmal jemanden erschaffen und in das Leben als Vampir eingeführt? Jeder wusste, wie viel Arbeit ein Jüngling war - besonders diejenigen, die schon einmal jemanden erschaffen hatten. Nester entstanden aus purer Dummheit. Entweder man hatte es mit einem Möchtegerndespoten zu tun, der selbst kaum aus den Windeln war, oder mit einem Halbstarken, der nach einem Jahrhundert auf dieser Erde der Meinung war, er müsse sie kontrollieren. Beide Varianten lernten schnell, welchen Fehler sie begangen hatten, wenn ihre Nester sie umbrachten oder sie von den Alten aus Selbstschutz mit ihren Jünglingen getötet wurden. So oder so überlebten Vampire aus Nestern nur sehr selten, genauso wenig wie ihre Meister. Vincent war mehr als bereit, hier aufzuräumen.


    • Eine einzelne Regung huschte über James' Gesicht, nicht mehr als das Zucken einer Augenbraue. Danach war die kalte Emotionslosigkeit zurückgekehrt, die er zur Schau stellte.
      "Die Polizei ist wohl kaum von Relevanz. Die Polizei würde einem Staubkorn nachjagen, wenn es ihnen wichtig vorkäme. Und van Helsing, ich gebe zu, das war unsauber. Ich habe die entsprechenden Personen "belehrt", den Fehler werde ich demnächst beheben, wenn es notwendig wird auch persönlich. Welchen Alten meinen Sie, etwa die Frau im Theater? Oder sich selbst? Ich sollte Sie vielleicht darüber informieren, dass mein Sinn für Humor nicht derart unterbelichtet ist, dass ich darüber lachen würde. Oder über Ihre imaginäre Territoriengrenzen."
      Er ließ Vincent ausreden, zumindest das, aber als er geendet hatte, stand er auf. Er ging ein paar Schritte auf ihn zu, dann blieb er stehen, die beiden Hände auf den Gehstock gelegt.
      "Wie alt sind Sie, Harker? 100? 150? Sicherlich alt genug, dass das nicht Ihr erstes Nest ist, auf das Sie stoßen, nicht wahr? Und anscheinend auch alt genug, dass Sie sich einen gewissen Status einbilden wollen, der auf Ihren sicherlich so umfangreichen Erfahrungen basiert. Ich behaupte aber, dass Sie nicht annähernd alt genug sind um zu begreifen, auf was Sie sich hier gerade einlassen. Ich habe mit meinen bisherigen Taten recht unmissverständlich klar gemacht, dass ich Anspruch auf ganz Cambridge erhebe. Ich möchte mich hier niederlassen, so viel Geisteskraft werden Sie wohl besitzen, um das zu sehen, und dabei werde ich keinen Jäger auf meinem Gebiet dulden und keinen meiner Art, der sich einbildet, dass sein Geburtsjahr mit jedem voranschreitenden Jahrhundert an Macht gewinnt. Ich werde so freundlich sein, Ihnen die neuen Begebenheiten ganz persönlich zu erläutern, nachdem ich eh schon hier bin: Die neuen Grenzen meines Territoriums erstrecken sich vom Norden zum Süden und vom Westen zum Osten von Cambridge. Alles, was dazwischen liegt, befindet sich innerhalb meiner Grenzen und damit aller meiner Nachkommen. Dazu zählt Ihr hübsches Stadthaus hier - dazu zählt nicht Ihr sicherlich genauso ansehnliches Landhaus. Seien Sie froh, dass ich meinen Besitzanspruch nicht erweitere, dann könnten wir weiterreden. Ist die Sache damit also geklärt? Oder müssen wir diese Diskussion ein zweites Mal abhalten?"
    • Jimmy war also doch nicht so jung. Warum bestand er dann auf dieses lachhafte Auftreten? Tat er nur so alt? Vincent wusste es nicht und das machte ihn nervös. Aber nicht nervös genug. Er hatte immer noch ein Ass im Ärmel, sollten alle Stricke reißen.
      "Sie wollen also Anspruch auf Cambridge erheben? Und das tun Sie mit einer kleinen Armee aus Haustieren? Normalerweise bespricht man so etwas mit denjenigen, die zuerst da waren. Und so weit ich mich erinnern kann, gibt es da mindestens zwei Anwohner, die Sie fragen sollten. Ich bin willens, mich selbst von dieser Gleichung auszuschließen, da dieser Ort nicht mein Hauptwohnsitz ist, aber das gibt Ihnen immer noch nicht die Freiheit, sich einfach so breit zu machen."
      Vincent machte sich nicht die Mühe, sich aufzurichten, um dem Mann auf Augenhöhe zu begegnen. Stattdessen schenkte er Jimmy ein freundliches Lächeln, das nicht ganz bis zu seinen Augen reichte.
      "Wir können auch gern das Namensspielchen spielen, wenn Ihnen Alter so egal ist, Jimmy. Ich bin mir nicht zu schade, meinen eigenen Erschaffer hinzuzuziehen und ihn über Ihr Fehlverhalten zu informieren."
      Sollte er seine Karten spielen? Sollte er diesen Schritt wirklich wagen? Es könnte alles verkomplizieren. Andererseits könnte es auch endlich das Ergebnis hervorbringen, auf das Vincent schon so lange aus war. Aber war er bereit dafür? War Thomas bereit dafür? Auf die ein oder andere Weise, diese Situation würde hässlich werden. Warum also nicht?
      "Ich bin mir sicher, der alte Vlad hätte da ein Wörtchen mitzureden, wenn es um unseren Lebensstil geht, finden Sie nicht auch?"


    • "Mr. Selford für Sie", kam die höchst trockene und kühle Antwort, ohne dass der Vampir mit einer weiteren Regung zu erkennen gegeben hätte, inwieweit ihm diese Unterhaltung zu Kopf stieg. Dann allerdings, als ein einfacher und höchst unbedeutend scheinender Name fiel, der kaum wichtig genug schien, um in der Unterhaltung Gewicht zu haben, bröckelte etwas in James' Maske. Es war nur für den Bruchteil einer Sekunde, ein bloßer Schatten, der ihm über das Gesicht huschte und dabei Muskeln betätigte, die unter der Haut für diesen winzigen Augenblick arbeiteten. Als sein Gesicht dann allerdings wieder zu einer Statue gefroren war, spannten sich seine Hände unmerklich an seinem Stock und er verfestigte seine Haltung etwas, so als wäre es ihm nicht mehr möglich, weiterhin so entspannt vor Vincent zu stehen.
      "Was für ein Vlad? Vlad und wie weiter? Das sagt mir gar nichts. Wollen Sie mir etwa damit drohen?"
      Seine Mimik blieb noch immer recht kontrolliert, aber seine Augen suchten dieses Mal Vincents Gesicht ab, auf der Verfolgung etwaiger Regungen, die der andere von sich gab.
      "Wenn Sie mir mit einer Einzelperson drohen wollen, schlage ich vor, dass Sie genau wissen, was Sie da tun."
    • Vincent lachte. Er konnte nicht sagen, ob er über die schlechte Show seines Gegenübers, über dessen Unwissenheit, oder aus reiner Panik den Namen ausgesprochen zu haben lachte, aber er lachte. Es schüttelte ihn richtig.
      "Oh Jimmy," sagte er kopfschüttelnd, während er versuchte, sich wieder zu fassen. "Sie wissen genau, wen ich meine und das jagt Ihnen eine Heidenangst ein. Oder aber Sie wissen es wirklich nicht und in diesem Falle werde ich mich köstlich amüsieren, wenn Sie ihn kennenlernen. Was für ein Vlad? Das fragt er einfach."
      Wieder überkam ihn der Drang zu lachen, wieder konnte er dem nichts entgegensetzen. Doch es verschwand genauso schnell, wie es gekommen war und ließ Vincent mit bloßer Ernsthaftigkeit zurück.
      "Oh, ich weiß sehr genau, was ich hier tue, Jimmy. Den Namen meines Erschaffers spricht man nur mit Vorsicht aus. Er ist wie eine Waffe, die man nur zückt, wenn man auch beabsichtigt, sie zu benutzen. Er war noch nie ein Freund von Typen wie Ihnen, wissen Sie? Den Emporkömmlingen, die der Meinung sind, die Regeln umschreiben zu können. Regeln, die er vor Urzeiten verfasst hat. Und wissen Sie, was noch viel besser ist?"
      Vincent richtete sich nun auf, starrte den Fremden in seinem Salon in Grund und Boden, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Ihm war egal, wie nah sie einander waren. Ihm war egal, dass dieser Mann praktisch eine Armee aus tollwütigen Hunden zur Hand hatte.
      "Ich bin der letzte seiner Jünglinge. Ich bin sein Liebling. Schon immer gewesen. Neben mir liebt er nur eins: Krieg. Wenn ich ihm also verrate, dass er hier in Cambridge beides finden kann..."
      Er ließ seine Worte mit einem teuflischen Lächeln im Raum hängen.
      "Ich denke, sie sollten jetzt lieber gehen, Jimmy. Sie langweilen mich."
      Vincent gab diesem Typen die Chance, allein zu gehen. Sollte er sie nicht in den nächsten dreißig Sekunden wahrnehmen, würde er Gewalt anwenden. Ganz so, wie man es ihm vor so langer Zeit beigebracht hatte.


    • James verharrte so regungslos, wie er vorhin schon gewesen war, während der andere ihn unverfroren auslachte. Man hätte sogar meinen können, es interessiere ihn kein bisschen, was Vincent von ihm hielt, wenn man die Tatsache übersah, dass eine feine Bewegung durch seine Kiefermuskeln glitt, während er unterschwellig mit den Zähnen knirschte. Er beobachtete Vincent starr genug, dass er das Blinzeln ganz vergaß. Schließlich stieß er ein Schnauben aus, mit dem er sich wohl das Gesicht zu retten versuchte.
      "Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie ihn kennen. Ich glaube Ihnen nicht einmal, dass Sie ihm je begegnet sind. Ich glaube, Sie haben seine Geschichte lediglich mal irgendwo aufgeschnappt und erhoffen sich jetzt einen besonderen Status, weil Sie seinen Namen in den Mund nehmen. Sie sind ein schlechter Lügner, Harker."
      Er nahm seinen Stock wieder in die Rechte und entgegnete dem feurigen Blick des anderen mit seinem eigenen. Hätte man ein Streichholz in dem Raum entzündet, wäre es wohl zu einer Explosion gekommen.
      "Sie werden noch von mir hören und das ist sehr wohl eine Drohung."
      Er wandte sich um, um mit den gleichen langen, langsamen Schritten nach draußen zu gehen. Er sah sich nicht noch einmal nach Vincent um, er sah sich auch nicht nach anderem Personal um. Er öffnete eigenständig die Tür und ließ sie hinter sich ins Schloss fallen, bevor er, noch immer gänzlich entspannt wirkend, die Auffahrt hinab marschierte.

      Zwei Ecken weiter warteten seine Leute - natürlich war er nicht vollständig allein gekommen. Gemeinsam stiegen sie in eine Kutsche und fuhren davon.
      "Ich will keinen van Helsing mehr, ich will den Kopf von Vincent Harker - persönlich. Und den jedes seines Haushaltes. Irgendwann muss er schließlich das Haus verlassen."
      Ihm wurde versprochen, dass das nötigste getan werden würde.

      Thomas verschlief alles, allerdings wachte er auf, als Vincent sich wieder zu ihm ins Bett schob. Der kältere Körper des Mannes war das einzige Indiz dafür, dass er länger draußen geblieben war und war wohl dafür verantwortlich, dass Thomas den Unterschied merkte. Er musste sich erst unter einem Knäuel Decken winden, in das er so bequem eingewickelt war, dass er beinahe wieder eingeschlafen wäre, um in Vincents Richtung zu blinzeln.
      "Alles in Ordnung?"
    • Sobald sich Vincent sicher war, dass sein ungebetener Gast endlich verschwunden war, verschwand sämtliche Spannung aus seinem Körper. Ihm wurde sogar schwindelig, weswegen er sich schnell auf eines der Sofas fallen ließ. Nora war sofort zur Stelle. Sie hatte sicherlich alles mitangehört und sie wusste, was es bedeutete.
      "Ich habe schon allen gesagt, dass nachts niemand mehr rausgehen darf. Sogar Simon hat zugestimmt," informierte sie Vincent und reichte ihm ein Glas Schweineblut.
      Er wusste nicht, ob er sich das jetzt runterzwingen konnte, tat es aber trotzdem. Er war zu hungrig, um es nicht zu tun.
      "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde aber: Ich hoffe, mein Erschaffer lässt sich tatsächlich blicken. Sonst überlebt das hier niemand von uns..."

      Vincent nahm sich eine Viertelstunde - und zu seiner Scham auch noch ein zweites Glas Schweineblut - bevor er sich auf den Weg nach oben in sein Schlafzimmer machte. Er wusste nicht, wie lange er Thomas einfach nur ansah, ihn beobachtete wie er friedlich schlief, eingepackt in jede Decke, die Vincent zu besitzen schien. Vincent beneidete ihn um diesen Frieden.
      Schließlich richtete er das Kaminfeuer noch einmal, bevor er sich umzog, um es sich wenigstens ein bisschen bequem zu machen. Er hatte zwar noch die halbe Nacht, aber er hatte absolut keine Lust mehr. Das Gespräch allein hatte ihn auf eine Art und Weise erschöpft, wie es nur selten etwas tat. Ganz zu schweigen von der schieren Größe der Situation, in der sie sich nun alle befanden.
      Er schob sich vorsichtig unter die vielen Decken und legte einen Arm um Thomas' Schultern, zog ihn zu sich, und drückte sein Gesicht in dessen wilde Mähne, um sich in seinem wundervollen Geruch zu verlieren und seine Gedanken damit zu reinigen.
      "Alles in Ordnung?" hörte er einen verschlafenen Thomas fragen.
      "Nein. Nicht einmal ansatzweise," gestand Vincent. "Ich habe mich eben mit dem Meister des Nests unterhalten und ein paar sehr dumme Dinge gesagt. Ich fürchte, unsere Probleme werden erst noch ein bisschen schlimmer, bevor sie besser werden. Tut mir leid."
      Vincent drückte einen Kuss auf Thomas' Scheitel.
      "Wir sollten uns beide damit beeilen, wieder auf die Beine zu kommen. Wir haben keine Zeit für Schwäche und wegrennen können wir auch nicht, wenn du Cambridge behalten willst."


    • Vincents Worte brauchten einen Moment, bis sie Thomas' Gehirn erreicht hatten, aber die Art und Weise, wie er es sagte, alarmierte ihn noch mehr als die Bedeutung allein. Er hörte sich müde an, vielleicht sogar erschöpft, vielleicht sogar besorgt. Thomas hatte ihn noch nie ernsthaft besorgt erlebt.
      Er schlang die Arme seinerseits um den Mann und drückte einen Kuss auf seine Schulter. Als sie sich beide so hingelegt hatten, dass es wieder bequem war, sagte er das einzige, was man zu so einer Aussage antworten konnte:
      "Okay."
      Er presste das Gesicht an Vincents Brust und als er wenige Zeit später doch wieder kurz vor dem Einschlafen war, fügte er hinzu:
      "Wir kriegen das hin", auch wenn er noch gar nicht richtig wusste, was eigentlich genau.

      Als er am Morgen aufwachte, war das Fieber zurückgegangen und er hatte Hunger. Er stand auf, weil er Vincent dazu gedrängt hatte zu schlafen und er seiner Aufforderung schließlich nachgekommen war, deckte den Mann zu und ging nach unten. Nora war diejenige, die ihm Frühstück vorsetzte, und nachdem er es herunter geschlungen hatte, ohne etwas davon an seine Übelkeit zu verlieren, fragte er sie, ob sie etwas über die gestrige Nacht wisse und was Vincent getan hätte. Ganz anscheinend schien sie ihm zwar noch übel gesonnen, aber doch immerhin nicht so abgeneigt zu sein, dass sie ihn über die groben Umstände in Kenntnis setzte. Ihr gegenüber wiederholte er das, was er schon Vincent gesagt hatte:
      "Okay."
      Nach dem Frühstück ging er wieder nach oben und nutzte Vincents Tiefschlaf aus, um sein Hemd aufzuknöpfen und sich die Wunde noch einmal zu besehen. Anschließend ging er wieder nach unten und ließ sich von Nora den hauseigenen Arzneischrank zeigen, der leider nicht das beinhaltete, was er benötigte. Er fragte, ob jemand aus der Belegschaft so freundlich wäre, zu seinem Haus zurückzufahren und seinen eigenen Arzneischrank zu plündern. Er schrieb ihr auf, was er benötigte und überreichte die Schlüssel. Eine Stunde später saß er wieder an Vincents Seite, behandelte seine Wunde mit der größten Vorsicht, die er aufbringen konnte, um den Vampir nicht zu wecken und verband ihn schließlich auch wieder. Dann legte er sich wieder an seine Seite und wachte nur erneut auf, um etwas zu essen, bevor er wieder weiterschlief.
    • Vincent war nicht nach schlafen, egal wie müde er auch war. Aber Thomas' Nähe, die Wärme die er ausstrahlte, und seine drängenden Worte brachten ihn schließlich dazu, sich ein bisschen weiter in die Kissen sinken zu lassen und schließlich nickte er ein, etwa zwei Stunden bevor sein Körper ihm diese Wahl abgenommen hätte. Der Schlaf war leicht für diese Zeit, doch sobald sich die Sonne über den Horizont gekämpft hatte, übernahm die Biologie und Vincent fand endlich den Frieden, den er sich gestern noch versagt hatte, um sich um Thomas zu kümmern.

      Simon grummelte, als Esther ihn aus dem Bett schmiss. Normalerweise folgte er einem Rhythmus, der ihn erst zum Mittagessen aufwachen ließ, doch mit dem neuen Verbot, nachts das Haus zu verlassen, musste sich das ändern. Sehr zu Simons Unglück.
      "Der Doktor braucht ein paar Sachen aus seinem Haus. Hopp hopp."
      Esther, wohlwissend, dass sich Simon gern gegen das Konzept des Aufwachens wehrte, riss die Decke von seinem schlanken Körper und drückte ihm stattdessen eine Tasse Kaffee in die Hand.
      "Nicht trödeln, du hast nur ein paar Stunden Sonnenlicht."
      Wieder grummelte Simon, aber schlussendlich ergab er sich seinem Schicksal.
      Er erledigte alle Botengänge, die so gemacht werden mussten: Er besorgte dem Doktor, was auch immer der brauchte - die ganzen Wörter waren so kompliziert, dass Simon einfach die Liste neben all die Flaschen und Dosen hielt, bis er fand, wonach er suchte - und lieferte das im Stadthaus ab, bevor er Esther zum Einkaufen begleitete. Normalerweise machte sie das allein, aber Nora wollte nicht, dass sie allein unterwegs war, selbst im vollen Licht der Sonne nicht. Simon würde jetzt gern ein Nickerchen machen wie Nora, die die Zeit bis zum späten Nachmittag genau damit verbringen würde. Aber er wollte Esther auch nicht allein gehen lassen. Sie war zwar noch nicht so lange im Dienste des nachtaktiven Lords, aber in der kurzen Zeit hatte sich Simon mit ihr angefreundet. Sie war wie eine Schwester für ihn und würde ihr was passieren... Nicht mal der gute Lord würde ihn davon abhalten können, das Nest selbst auszuheben.

      Pünktlich zum Sonnenuntergang schlug Vincent die Augen auf. Er spürte eine seltsame Enge um seinen Körper herum und sah sofort nach, was es war, nur um festzustellen, dass sich Thomas einmal mehr um ihn gekümmert hatte. Vincent lächelte und kuschelte sich an den Mann neben ihm im Bett. Er wollte ihn nicht unbedingt wecken, aber er gab sich auch nicht zu viel Mühe damit, es zu verhindern. Thomas hatte sich sicherlich schon vor einer Weile hingelegt, wohlwissend, dass Vincent nicht anders konnte, als sein Leben nachts zu fristen.
      Vincent drückte einen sanften Kuss auf Thomas' Schläfe, bevor er aus dem Bett rollte und sich im Badezimmer kurz ein bisschen frischmachte, bevor er in einen bequemen Anzug schlüpfte, wobei er das Jackett wegließ.
      Er saß am Bettrand und strich Thomas eine Strähne aus dem Gesicht, als Nora anklopfte, um ihm sein Frühstück zu servieren. Sie hatte heute Nacht ein ganzes Tablet dabei, auf dem neben dem scharlachroten Glas für ihn auch ein normales Frühstück für Thomas stand.
      "Er hat zwei Mahlzeiten gegessen und drin behalten," informierte sie Vincent, als sie ihm das Glas reichte.
      "Gut zu wissen. Hat Simon-?"
      "Alles besorgt, ja. Ich habe auch schon die erste Runde erledigt, die zweite mache ich gleich, danach kommt hier kein Vampir mehr rein. Das heißt aber auch, dass du nicht mehr rauskommst."
      "Ich weiß. Irgendwelche Anzeichen von ihm?"
      "Ich weiß nicht genau. Simon hat gesagt, während er und Esther unterwegs waren, habe er sich beobachtet gefühlt und die Krähen hätten sich seltsam verhalten."
      "Seltsam?"
      "Eine kleine Gruppe von sieben sei ihnen gefolgt. Er weiß nicht, ob es immer die gleichen Vögel waren, aber es waren immer sieben."
      "Seven for a story yet to be told...", murmelte Vincent und schüttelte den Kopf. "Er liebt seine Spielchen. Hoffen wir, dass sich hier niemand etwas einbildet."
      Nora drückte kurz seine Schulter, eine aufmunternde Geste. Mit einem Blick drängte sie Vincent dazu, sein Glas leer zu trinken. Sobald das erledigt war, ging sie wieder, um sich um die Sicherheit des Hauses zu kümmern, wie nur sie es konnte: auf magische Weise.
      Vincent seufzte und stand auf, öffnete die Vorhänge und starrte hinaus in die Dunkelheit. Es wäre gelogen, wenn er sagte, dass er die Nacht nicht nach einer Gruppe Krähen absuchte.


    • Als Thomas aufwachte, fühlte er sich sogar besser, als er in den vergangenen Wochen von sich behaupten konnte. Es war noch lange nicht genug um vor die Tür zu gehen, geschweige denn eine neue Jagd zu betreiben, aber er war auch nicht mehr dem Tod nahe wie vor zwei Tagen noch. Er hätte sich sogar stark genug gefühlt, zurück nachhause zu gehen, wenn da nicht die neue Bedrohung des Vampirnestes in der Luft hing, das es vermutlich jetzt auf Vincent abgesehen hatte.
      Der Vampir hatte das Bett kalt zurückgelassen, stand aber am Fenster, als Thomas sich aufrichtete. Das Mondlicht erhellte die Umrisse seiner Gestalt, gerade hell genug, damit selbst Thomas ihn erkennen konnte. Der andere musste ihn gehört haben, schon seit er aufgewacht war, aber er rührte sich trotzdem nicht von der Stelle. Langsam schälte er sich aus den Decken und stand auf.
      Er trat zu ihm ans Fenster, schob den Arm von hinten um seine Taille und folgte seinem Blick in eine Finsternis, die ihre Geheimnisse seinen Augen verwehrte. Dunkelheit machte ihn aufmerksam, vielleicht weil die meisten seiner Jagden in der Nacht stattfanden oder vielleicht weil diejenigen, die er jagte, nur im Dunkeln aktiv waren. Aber jetzt, so mit Vincent davor zu stehen, war es ein anderes Gefühl, so als hätte er in der Dunkelheit jemanden bekommen, der ihm den Rücken schützte.
      "... Wann hast du ihn das letzte Mal getroffen, deinen Erschaffer? War er dein Erster, von dem du mir erzählt hast?"
      Er konnte sich noch gut genug an das wenige erinnern, was Vincent ihm damals in seinem eigenen Haus erzählt hatte. Natürlich bekam das alles jetzt einen anderen Unterton, als er wusste, was Vincent wirklich war, und er fürchtete, dass er längst noch nicht die ganze Wahrheit zu hören bekommen hatte.
    • Vincent lehnte sich leicht nach hinten, sobald er Thomas' Anwesenheit hinter sich spürte. Nicht genug, um ihn mit seinem Gewicht zu belasten, sondern gerade so viel, dass er ihn spürte. Und er nickte auf Thomas' Frage hin.
      "Mein ganz eigener Märchenprinz. Ich hatte schon vorher begriffen, dass ich mich auch zu Männern hingezogen fühle - ich bin ja schließlich Franzose - aber er war der Erste, mit dem ich mich wirklich verbunden gefühlt habe. Er ist das größte Monster von allen und ich habe mich willentlich in seine Höhle begeben."
      Vincent seufzte und drehte sich in Thomas' Armen um, legte seine eigenen locker um dessen Hüfte. Er lehnte seine Stirn gegen die des anderen Mannes und schloss die Augen. Das alles war so lange her und doch fühlte es sich an, als sei es erst gestern gewesen. Am liebsten würde Vincent all diese Erinnerungen nehmen und im Sonnenlicht verbrennen lassen.
      "Nora spricht gerade einen Zauberspruch, der es Vampiren unmöglich macht, die Grenzen meines Anwesens zu überschreiten. Hier sind wir also sicher. Das heißt aber auch, dass ich mein Grundstück nicht mehr verlassen kann. Meinen Angestellten habe ich verboten, bei Nacht das Haus zu verlassen. Dir werde ich keine solchen Vorschriften machen, aber ich will dass du weißt, welches Risiko eingehst, wenn du doch nachts gehst. Der Meister des Nests - James Selford, falls dir der Name bekannt vorkommt - hat es aktiv auf dich abgesehen. Hatte er von Anfang an. Und jetzt hat er es auch auf meinen Kopf abgesehen. Mir tut leid, was ich getan habe, um ihn einzuschüchtern. Mir tun die Konsequenzen, die uns deswegen erwarten werden, leid. Aber es hat auch etwas Gutes: Seit einem Jahrzehnt versuche ich, ihn zu mir zu rufen und jedes Jahr ignoriert er mich. Jetzt habe ich endlich alles zusammen, was es braucht, um ihn zu vernichten."
      Vincent lächelte. Er musste einfach das Gute in dieser Situation sehen. Wäre es anders, würde er vielleicht den Verstand verlieren.
      "Wirst du mir helfen, meinen Erschaffer zu vernichten? Wirst du mir helfen, Vlad Drăculea zu töten?"


    • Es war unerträglich, Vincent so zu sehen. Die sonstige Energie, die sonstige Leidenschaft, die er so an den Tag legte, war einer gewissen Resignation gewichen, mit der er die Sache zu betrachten schien. Alle Alternativen wären Thomas lieber gewesen: Der exzentrische Lord oder vielleicht auch der herrschaftliche oder viel lieber noch der verliebte Vincent. Alles, nur damit ihm die Gedanken genommen würden, die ihn zu beherrschen schienen.
      Der Vampir drehte sich in seinem Arm und kam dann in einer lockeren Umarmung an, bei der er die Stirn gegen Thomas' lehnte. Er musterte die Konturen von Vincents Gesicht im Dunkeln, die geschlossenen Augen, seinen Mund, die Hälfte seines Gesichtes, die er erkennen konnte. Er hob die Hand, um seine Finger durch dessen Haare zu streichen und die Hand in seinen Nacken zu legen. Er würde alles für diesen Mann - für diesen Vampir - tun, wie ihm in diesem Augenblick klar wurde. Es ging weit über seine alltägliche Zuneigung hinaus, darüber, dass er seine Wunden verpflegte, sich um ihn kümmerte und ihn nicht umbrachte. Es war sogar weit mehr als die Freundschaft, die er etwa Stephen entgegen brachte oder Darcy, auch wenn er für Darcy sicherlich noch einmal speziellere Gefühle hegte. Für Stephen hätte er sein Leben riskiert, sicherlich, das war nichts neues, aber für Vincent würde er darüber hinaus töten. Er würde umbringen, wer auch immer eine Gefahr für den Vampir darstellte und das ganz ohne zu hinterfragen, ob derjenige den Tod verdient hatte oder nicht. Er würde Vincent mit allem beschützen, was ihm irgendwie zur Verfügung stand.
      Vielleicht hätte es dem anderen etwas gebracht, diese Tatsache von Thomas zu erfahren, zu wissen, dass er nicht davor zögern würde, seine eigenen Prinzipien aufs Spiel zu setzten, um ihn zu schützen. Vielleicht hätte er es ihm auch gesagt, aber dafür fehlten ihm die Worte. Stattdessen streichelte er über seinen Nacken.
      "Es muss dir nichts leid tun. Du hattest deine Gründe zu sagen, was du gesagt hast."
      James Selford sagte ihm tatsächlich nichts, der Mann schien nicht aus Cambridge zu kommen. Was ihm aber schon etwas sagte, war der alljährliche Versuch, mit dem Vincent seinen Erschaffer zu sich zu rufen versuchte.
      "Daher kommt Hollow's Eve? Weil du dir erhoffst, dass er die Einladung annehmen könnte?"
      Das würde schon Sinn ergeben für ein Fest, das Vincent selbst nicht ausstehen konnte, wobei Thomas sich ziemlich sicher war, dass es bessere Methoden geben könnte, um einen uralten Vampir zu sich zu rufen. Wenn Vincent schon 267 war, wie alt war dann sein Erschaffer? Doppelt so alt? In gewisser Weise erregte das eine neugierige Faszination in Thomas.
      Ein Lächeln spielte sich auf Vincents Gesicht, wenn auch nur eins, das etwas gezwungen wirkte. Es war besser als die sonst so angespannte Miene, die er zur Schau trug, und obwohl er die Augen geschlossen hatte, entgegnete Thomas das Lächeln zum Teil. Das, was er ihn fragte, war eine Nichtigkeit in Anbetracht der Tatsache, dass er gewillt war, alles zu tun. Selbst einen Vampir zu töten, dessen Namen allein für eine Gänsehaut bei Thomas sorgte, weil sie ihn an die Schauergeschichten seines Großvaters erinnerte.
      "Ich werde dir bei allem helfen."
      Er nahm die Hand von Vincents Nacken und legte sie stattdessen unter sein Kinn. Er wusste nicht, wann er ein solches Selbstvertrauen in diesen Sachen entwickelt hatte - vermutlich, seit er die Worte zum ersten Mal ausgesprochen hatte, zum ersten Mal mit einer wahrhaftigen Bedeutung dahinter.
      "Sieh mich an, Vincent."
      Er löste seine Stirn von ihm, nur um sein Kinn etwas anzuheben, bis er die Augen öffnete.
      "Ich werde nicht zulassen, dass dir jemand etwas antut - kein James Selford und kein Dracula, auch nicht der Urvampir höchstpersönlich. Ich bin nicht umsonst Jäger geworden und auch nicht nur, um diese Stadt von ihren Höllenkreaturen zu befreien, wenn sie alle paar Monate mal auftauchen. Du musst dir keine Sorgen um mich machen, ich hatte fantastische Lehrer und habe einen noch viel fantastischeren Mann. Wenn es nötig ist, werde ich ihm das Herz mit bloßen Händen aus der Brust entfernen."
      Er glaubte nicht, jemals so viele Worte in einem derartigen Zusammenhang gesprochen zu haben, aber es wirkte auf seine Weise befreiend. Sanft neigte er sich vor und brachte ihrer beiden Lippen aneinander, ein abschließender Kuss, der seine Worte mit einem Siegel versah, das kein Mittel der Welt zu brechen vermochte. Er liebte diesen Mann mit allem, was er hatte.
      "Ich werde mich um James kümmern, bis dein Erschaffer angekommen ist. Die Zeit, in der ich mich von ein paar Jungvampiren herumschubsen gelassen habe, sind jetzt endgültig vorbei. Und in der Zwischenzeit wirst du mir über Vlad erzählen, was ich wissen muss. Sämtliche Details, wenn möglich."
    • Vincent öffnete seine Augen, kaum das Thomas es von ihm verlangte. Er begegnete dem Blick des Mannes, sah die Willensstärker, die Überzeugung darin, lange bevor Thomas sie in Worte packte.
      Er ergriff Thomas' Hände, als sie sich küssten, verschränkte ihrer beider Finger miteinander und lehnte seinen Kopf gegen dessen Schulter, sobald sich ihre Lippen wieder trennten. Den Mann hier zu wissen, an seiner Seite, wenn er diesen Berg endlich erklomm, bedeutete ihm mehr, als er auszudrücken wusste. Es gab keine Worte für das, was er empfand. Er wollte, dass dieser Moment ewig dauerte, bis zum Ende der Zeit und darüber hinaus. Hier herrschte Frieden. Hier herrschte Liebe. Hier gab es nichts weiter, das seiner Aufmerksamkeit bedurfte.
      Aber alles gute musste einmal ein Ende haben.
      "Das wird nicht nötig sein. James ist nicht länger ein Problem, das wir lösen müssen. Wir müssen nur Zeit schinden. Vlad wird mit ihm spielen wollen wie eine Katze mit ihrer Beute. Er wird besser gelaunt sein, wenn wir ihn machen lassen."
      Er zog Thomas mit sich hinüber zu der kleinen Sitzecke und drückte ihn in einen der beiden Sessel, bevor er auf das kleine Frühstück deutete, das Nora für ihn hochgebracht hatte. Es war noch immer eine magenschonende Auswahl, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Wenn er jetzt über Vlad reden musste, konnte er nicht einfach Zuflucht in Thomas' Armen suchen. Das fühlte sich nicht richtig an.
      "Mein Erschaffer... Vlad... ist einer der ältesten lebenden Vampire der Welt. Ich weiß nicht einmal, ob Vlad sein richtiger Name ist. Den hat er benutzt, als ich ihn kennengelernt habe. Ich glaube, das ist sein Lieblingsname, seit seinem Stunt in Transsylvanien. Da hat er es irgendwie geschafft, sich die Krone zu schnappen und sie zwei Generationen lang zu halten. Er hat sich einen ziemlichen Namen mit der Grausamkeit gemacht, die er seinen Opfern auf dem Schlachtfeld hat zukommen lassen. Das war Mitte des 15. Jahrhunderts. Aber er hat mir einmal verraten, dass er das nur aus Langeweile gemacht hat. Ich weiß nicht genau, wie alt er ist, aber von den Geschichten, die er immer wieder erzählt hat und meinen Recherchen schätze ich ihn auf mindestens 800 Jahre alt. Kennengelernt habe ich ihn im Herbst 1660. Er war der charmanteste 'Mensch' den ich je getroffen habe. Er hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Wir haben uns so viele Blicke eingefangen, weil wir einfach nur da saßen und geredet haben, anstatt uns mit den Tänzen, dem Essen oder den Damen zu beschäftigen."
      Vincent lachte kurz auf, als er sich an die pompöse Veranstaltung erinnerte.
      "Wie haben uns auf einem Ball kennengelernt. Am nächsten Morgen glaubte ich, ihn nie wiederzusehen. Und dann hat er mich aufgespürt..."

      Vincent sah auf, als er das verräterische Geräusch von Hufen auf Kies hörte. Er erwartete heute eigentlich niemanden. Und sein Cousin war für eine Woche verreist. War Amaury etwa früher nach Hause zurückgekehrt?
      Er sprang auf und eile zum Fenster hinüber. Eine pechschwarze Kutsche fuhr gerade vor, gezogen von vier stattlichen, ebenso schwarzen Pferden. Wer mochte das nur sein?
      Sobald die Kutsche außer Sicht war, warf sich schnell sein Wams über und eilte durch die Gänge und schließlich die Haupttreppe hinunter, um zu sehen, wer denn da gleich an seine Tür klopfen würde. Er bremste sich und huschte schnell in einen Salon, um nicht zu begierig zu wirken und ließ die Bediensteten die Tür öffnen. Allerdings konnte er es nicht lassen, sein Ohr an die geschlossene Tür zu pressen und zu lauschen. Die tiefe Stimme, die er hörte, ließ ihn staunen.
      Er riss die Tür auf und platze aus dem Salon, machte keinen Hehl aus seiner Überraschung. Und tatsächlich, da stand er: der groß gewachsene, breitschultrige Mann vom Ball letzte Woche. Der Mann, dessen Haar und Bart genauso dunkel waren wie seine Kutsche - abgesehen von der einen kleinen Strähne über seinem rechten Auge, genau dort, wo auch seine Haut ein wenig ihrer blasser wirkte, und an seinem Kinn, wo die Haare so weiß waren wie frisch gefallener Schnee - lächelte breit, als er dem Personal vorbei sah und seine honigfarbenen Augen auf Vincent richtete. Vincents Herz machte einen kleinen Sprung.
      "Vlad?" fragte er dümmlicher Weise.
      "So wahr ich hier stehe. Darf ich eintreten."
      "Ja! Ja, selbstverständlich! Komm nur rein!"
      Er scheuchte den Mann, der die Tür geöffnet hatte, aus dem Weg und orderte Erfrischungen für den Salon, bevor er an Vlad herantrat, um ihn zu begrüßen. Er wusste nicht genau wie, aber der andere nahm ihm diese Entscheidung ab, als er ihm die Hand hinstreckte. Vincent ergriff sie, gab aber einen kleinen Schrei von sich, weil er nicht damit gerechnet hatte, von Vlad in eine Umarmung gezogen zu werden. Eine starke Umarmung.
      "Schön, dich wiederzusehen Vincent."
      "Gleichfalls. Obwohl ich gestehen muss, dass dein Besuch doch recht überraschend kommt."
      "Das kann ich sehen."
      Vlad deutete grinsend auf Vincents Füße. Der blickte an sich hinunter und wurde sofort knallrot. Er hatte seine Stiefel oben liegen lassen und stand einfach barfuß in seinem Foyer. Mit einem verlegenen Lachen kratzte er sich am Hinterkopf.
      "Ich entschuldige mich für mein so plötzliches Auftauchen," fuhr Vlad fort. "Aber du bist mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen seit diesem Abend vor einer Woche."
      Er? Nicht ihr Gespräch, nicht der Abend selbst? Er? Vincent?
      "Normalerweise hinterlasse ich nicht so einen bleibenden Eindruck," entgegnete Vincent mit einem schüchternen Schulterzucken.
      Vlad schlüpfte aus seinem Mantel, drückte ihm jemandem in die Hand und hakte sich dann bei Vincent unter. Als würde ihm dieses Haus gehören war er es, der Vincent in den Salon führte, wo sie sich beide setzten.
      "Dann verpasst die Welt aber ganz schön was", raunte der Osteuropäer.
      Vincent wurden die Knie nur von dieser butterweichen Stimme schon schwach.
      "Wobei ich nichts dagegen habe, dich nicht teilen zu müssen..."

      "Er wusste genau, was er sagen musste, um mich um den Finger zu wickeln. Was nicht besonders schwer war. Mein fünfundzwanzigjähriges Ich war ein schüchternes Kerlchen, das niemandem auf die Füße treten wollte. Er war die erste Person, die mich gesehen hat. Wirklich gesehen hat, meine ich. Er hätte alles von mir verlangen können. Und das tat er schlussendlich auch."
      Vincent fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
      "Er war es, der mich davon überzeugt hat, nach Harker Heights zurückzukehren. Das war lange bevor ich als der aktuelle Lord Harker wieder dort eingezogen bin. Wir haben dort zusammen gelebt. Er, ich, eine große Gruppe regelmäßig wechselnder Männer und Frauen. Die Gerüchte über Lord Harker sind wahr, sie hängen nur ungefähr zweihundert Jahre hinterher. Er hatte drei Freundinnen immer mal wieder da, aber sie blieben nie länger als ein paar Monate. Du hast eine von ihnen kennengelernt: Verona. Sie ist auf meinen kleinen Köder reingefallen und ich habe sie vor fast zehn Jahren umgebracht. Wann immer eine der drei auftauchte, brachten sie jemanden mit. Dieser jemand verschwand entweder nach dem ersten Abend oder zog mit ein. Irgendwann in dieser Zeit stellte ich fragen und Vlad beantwortete sie mir. Er erklärte mir, was er war. Von da an wurden unsere Parties noch ausschweifender. Es war nicht nur Alkohol, der floss. Und ich war mittendrin. Ich gab mich ihm nur zu gern hin und er lehnte mich nie ab. Niemals. Irgendwann wollte ich zu viel. Ich war zu süchtig nach seinem Biss - seiner Hingebung. Also gab er mir sein Blut, damit ich heilen konnte. So ging das über Monate. Jahre. Und dann entschied sich Vlad dazu, die größte Party von allen zu schmeißen. Alle drei seiner Freundinnen waren da und ein ganzer Haufen anderer Leute. Wir tranken, wir hatten unseren Spaß miteinander, Vlad und seine Freundinnen nährten sich und gaben uns ihr Blut. Und dann war er da. In seiner ganzen Pracht..."

      Vincent wusste nicht, ob sich der Raum wegen dem Alkohol oder wegen dem Blutverlust drehte. Wahrscheinlich wegen einer Kombination aus beidem. Aber Vlad war da, sein großer, osteuropäischer Kriegerkönig. Er hielt ihn fest, er lächelte ihn an und Vincent lächelte zurück.
      "Sei stark für mich," raunte Vlad ihm zu.
      Vincent wusste nicht, worauf er hinaus wollte, aber das war ihm auch vollkommen egal, solange er mit Vlad zusammen sein konnte.
      Er schloss die Augen, als Vlad seine Hand über Vincents Brust schob, bis er sie um dessen Hals schloss. Der Mann strich ihm mit dem Daumen über das Kinn. Und dann wurde sein Kopf brutal zur Seite gerissen.
      Vincent spürte, wie irgendetwas in seinem Nacken zerriss, dann knackte es laut und er konnte sich nicht mehr bewegen. Das letzte, was er hörte, waren die Schreie der fünfzehn anderen Menschen in diesem Keller, wie sie alle von Vlad und seinen Freundinnen umgebracht wurden.

      Vincent seufzte. Er konnte sich nicht wirklich übergeben, aber ihm war trotzdem schlecht. Er mied Thomas' Blick, musste sich eine einzelne, blutige Träne aus dem Augenwinkel wischen. Er nahm sich ein paar Minuten, um sich wieder zu sammeln.
      "Er hat uns alle in diesem Keller eingesperrt. Sie haben uns gerade genug zu essen gegeben, um zu überleben. Tierblut. Sie wollten uns hungrig, aber das wusste ich damals noch nicht. Irgendwann, ich weiß nicht, wie lange es dauerte, hörten sie auf, uns zu füttern. Am Anfang waren wir sechzehn. Zwei Wochen später war nur noch ich übrig. Vlad hatte gewollt, dass ich stark für ihn bin, daran habe ich mich festgeklammert, während ich den Rest meiner Nestbrüder und -schwestern umbrachte, um mich von ihnen zu ernähren. Und als er dann die Tür öffnete und da stand... Er war mein persönlicher Engel. Danach hat er mir alles beigebracht, was ich wissen musste, um als Vampir zu überleben. Es war wieder wie früher. Aber jedes Mal, wenn er eine seiner extravaganten Feiern veranstaltete, musste ich an meine Freunde denken. Irgendwann wurde ihm langweilig und er metzelte sich durch das ganze Dorf am Fuße von Harker Heights. Danach konnten wir nicht mehr bleiben. Wir reisten in den Süden. Aber ich folgte ihm nicht nach Italien. Ich rannte vor ihm davon, kaum gingen wir in Frankreich vor Anker. Er hat mich gehen lassen. Danach sind wir uns ein paar Mal über den Weg gelaufen, aber es ging nie besonders gut aus. Das letzte Mal habe ich ihn 1823 gesehen. In London. Aber ich erkenne seine Arbeit in den Zeitungen. Und als er dieses Internat in Spanien zerstört hat... da wusste ich, ich muss ihn aufhalten."
      Vincent sprang auf und ließ ein paar Runden vor seinem Bett auf und ab. Er musste sich einfach bewegen. Er wusste nicht, wohin mit sich, wohin mit den Erinnerungen, den Bildern, den Worten, den Gefühlen. Alles kochte wieder hoch, während er diese Geschichte erzählte. Wie sollte es da erst werden, sollte Vlad wirklich hier auftauchen? Würde er ihm wieder verfallen, so wie er es immer tat, wenn Vlad auftauchte? Oder würde Thomas ihm die Stärke geben, Vlad endlich zu widerstehen?











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    • Für einen Moment standen sie nur in der Dunkelheit beieinander, vereint in der Sache und im Geist, eine Einheit bestehend aus zwei Köpfen. Thomas legte die Wange an Vincents Kopf, froh um den Moment, der in Zukunft sicherlich wieder rarer werden würde. Das, was sie jetzt noch genießen konnten, war eine Ausnahme, ein ausschließlicher Einzelfall in einem Alltag, in dem Thomas nicht plante, sich von Kälte fast umbringen zu lassen und Vincent um Hilfe zu suchen. Es würde wieder wie vorher werden, wenn überhaupt, wenn sie sich alle paar Tage oder Wochen mal sahen. Ein Grund mehr den Moment so auszunutzen, als könnte es ihr letzter sein.
      Aber schließlich war auch der vorbei und sie trennten sich, bevor sie sich bei der Sitzecke niederließen. Thomas kommentierte Vincents Aussage mit einem Nicken; ihm war zwar nicht wohl dabei, das Nest in Ruhe zu lassen, nur damit ein anderer damit spielen konnte, aber er hatte schon so ein Gefühl bekommen, dass Vlad Drăculea niemand sein würde, den er einfach so jagen konnte wie alle anderen. Noch hatte er das begrenzte Wissen aus den Geschichten, die sein Großvater ihm erzählt hatte, aber so wie Vincent vermuten ließ, steckte dahinter noch weitaus mehr, als er lediglich erahnen konnte, daher musste er ihm vollstes Vertrauen in der Sache schenken.
      Seiner Aufforderung folgend, nahm er sich etwas von dem Essen, bevor er zuhörte.
      So wie er bereits vermutet hatte, war Vlad alles andere als ein gewöhnlicher Vampir. Vincents Aussage ließ sogar Thomas aufhorchen, der sich beinahe an seinem Essen verschluckt hätte. 800 Jahre, mindestens! Wenn er an die 1.000 grenzte, könnte er fast älter sein als England, wie ihm mit einer Mischung aus Angst und Faszination klar wurde.
      Das überstieg Thomas' Auffassungsgabe. Sein ältester Vampir, den er einst gejagt hatte, war knapp 200 gewesen und das war bereits mehr als lebensgefährlich gewesen. Ein halbes Jahr hatte er für eine Jagd aufgebracht, bei der das Ziel sich nicht von irgendwelchen Blutfallen anlocken gelassen hatte. Wie wäre das dann erst mit einem Vampir, der schon mehrere Jahrhundertswenden hinter sich hatte?
      Er dachte noch immer angestrengt darüber nach, als Vincent bereits mit seiner Erzählung fortfuhr. Er hatte ja bereits erwähnt, welche Art von Beziehung er mit seinem ersten Mann eingegangen war, aber jetzt deutlicher zu hören, was der Vampir veranstaltet hatte, in Gegenwart noch weiterer Vampire und größtenteils mit Menschen, war eine ganz andere Art von Grausamkeit. Es war vermutlich auf eine lange entwickelte, ausgeprägte Perversion zurückzuführen, mit der er sein Leben nach bestimmt 800 Jahren interessant gestalten wollte, aber das nunmal zum Preis unschuldiger Leben, die beendet worden waren - auf die eine oder andere Weise. Und in Vincents speziellem Fall hatte er ihm die Unsterblichkeit geschenkt, nur um danach weiter seinen Spaß zu haben und Vincent schließlich ziehen zu lassen, als wären sie nie etwas anderes gewesen als gute Bekannte, deren Wege sich wieder trennten. Thomas hatte bereits nicht damit gerechnet, dass eine schöne Geschichte dahinter stecken mochte, wie der andere an sein Wesen gelangt war, aber das übertraf seine Erwartungen noch einmal bei weitem. Und Vincent, für den es schließlich über 240 Jahre her war, musste ganz augenscheinlich immer noch darunter leiden, auch wenn er es wohl nicht direkt ausgesprochen hätte.
      Thomas sah zu, wie der andere aufstand und seine Runden zog, als hätte ihn das Sitzen und Reden nervös gemacht. Er konnte nur darüber spekulieren, wie der Vampir sich fühlen mochte nach all der Zeit, ganz zu schweigen davon, wie er sich die ganzen Jahrzehnte gefühlt hatte. Vielleicht betrogen, vielleicht hintergangen? Im Stich gelassen? Oder vielleicht auch geliebt, auf eine verschrobene Art und Weise?
      Jetzt stand er selbst auf und hielt ihm die geöffnete Hand hin. Er wollte ihn nicht abhalten bei der Art von Stressbewältigung, die Vincent zu verfolgen schien, aber er wollte ihn zu sich einladen, wenn er denn das Bedürfnis danach verspüren sollte.
      "Das tut mir leid. Du hast etwas besseres verdient Vincent, nicht jemanden, der dich für ein paar Jahre Spaß bei sich hält und dann zurücklässt. Ich sage dir das nicht nur als Jäger, der ein solches Monster tot sehen will, ich sage dir das auch als Freund: Vlad ist kein guter Mann, egal wie sehr er sich für dich angestrengt haben mochte. Er hat den Tod verdient, allein schon für das, was er dir und den anderen angetan hat."
      Eine kleine Stimme meldete sich in ihm, ein Hinweis darauf, dass er selbst keine unbefleckte Weste trug, wenn er bereits Morde begangen hatte, die ungerechtfertigt gewesen waren. Aber das hier war etwas anderes, das hier war Rache für einen Mord, der vor 242 Jahren begannen worden war und sich danach, sowie davor, nur gemehrt hatte. Selbst sein Vater hatte damals den Tod seiner Frau rächen wollen und Thomas würde nichts anderes tun, nur für Vincent.
      "Wir werden ihn hinrichten für das, was er getan hat - du und ich. Aber du musst mir sagen, was er für Schwachstellen hat. Wie kann ein Vampir mit diesem Lebensstil über 800 Jahre überleben? Ich möchte dir nicht die Hoffnung nehmen, aber ich muss dir sagen, dass eine solche Lebenserfahrung meine Fähigkeiten bei weitem übersteigt. Wir werden einen Plan brauchen und wir werden einen guten brauchen, denn ich glaube auch nicht, dass wir eine zweite Chance bekommen würden."
    • Vincent starrte die Hand an, die ihm dargeboten wurde. Starrte die Finger des Mannes an, der es irgendwie geschafft hatte, sich in sein Herz zu stehlen wie nie jemand zuvor. Er wusste nicht, ob er dieses Geschenk annehmen konnte. Ob er diese Liebe annehmen konnte. Er wollte es so sehr, wollte es mehr als alles andere in der Welt. Er wollte seine eigene Hand heben, wollte die von Thomas ergreifen, doch sein Körper regte sich nicht.
      Vincent schloss die Augen und atmete tief ein, tief genug, um ein kleines Stechen in seiner Seite auszulösen. Er konzentrierte sich auf den Schmerz, nutzte es als Fokus für seine Gedanken. Blind griff er nach Thomas Hand, machte einen Schritt zur Seite und ließ sich auf die Bettkante sinken. Sein Griff um Thomas' Hand war nicht besonders fest.
      "Ich habe einen Plan. Aber der ist in Harker Hights," seufzte er. "Du erinnerst dich an den Raum, in dem du mein Leben gerettet hast? Dieser Ort war eigentlich dazu gedacht, Vlad zu töten."
      Vincent zog Thomas zu sich, indem er dessen Hand gegen seine Brust drückte, wo sein Herz viel zu langsam schlug, um das eines Menschen zu sein. Er sah zu dem Mann hinauf, legte ihm eine Hand an die Wange.
      "Seine Schwäche ist meiner nicht unähnlich. Wir haben beide unser Herz an jemanden verloren. Du kannst über Vlad sagen, was du willst, aber wenn ich involviert bin, wird er unvorsichtig. Er ist leicht zu reizen, sein Ego ist größer als ganz London. Er vertraut niemandem."
      Wieder seufzte Vincent.
      "In einem offenen Kampf kann ihn niemand schlagen. Er hat mehr Arten zu töten vergessen, als eine Armee lernen kann," sagte er kopfschüttelnd.


    • Vincents Hand rutschte schließlich in Thomas', auch wenn es für einen Moment so wirkte, als würde sie ihr Ziel vollständig verfehlen. Ihre Finger verschränkten sich ineinander und dann verschloss Thomas ihrer beider Hände mit dem nötigen Druck, der dem Vampir zu fehlen schien.
      Bedacht nickte er auf dessen Worte, ließ sich zu ihm auf die Bettkante ziehen und die Hand auf Vincents Herz legen. Etwas ähnliches hatte er schon einmal getan, aber jetzt konnte er mit aller Ruhe den Herzschlag erspüren, der so langsam und so schwach durch die Brust des Mannes drang, dass es ihm eine Gänsehaut bescherte. Er zog die Hand allerdings nicht weg.
      Es missfiel ihm ganz eindeutig, über Vlad und Vincent als eine Art Paar zu denken, das sie einst schließlich gewesen waren, aber in diesem Moment war es unabdinglich, wenn sie den wesentlich älteren Vampir hinrichten wollten. So gab er sich auch der Vorstellung hin, dass nicht nur Vlad eine gewisse Anziehung von Vincent verspürte, sondern auch andersrum.
      "Wie stellst du es dir vor? Möchtest du ihn zu dir einladen und ihn dazu bringen, dass er sich auf dem Stein anketten lässt?"
      Er musterte Vincent gründlich, er sah die Erschöpfung, vielleicht sogar die Resignation in seiner Miene und er suchte auch nach etwas anderem, nach einer Art Sehnsucht, die nicht ihm selbst galt. Die sogar so weit von ihm entfernt lag, wie es nur irgendwie möglich war.
      Eigentlich war es nicht sein Recht, sich darüber Gedanken zu machen, wo er doch selbst in einer Beziehung war, die in einer Heirat ausarten sollte. Aber das war etwas anderes, dessen war er sich schon fast sicher; Thomas liebte Vincent, so wie er noch niemanden in seinem Leben geliebt hatte - aber Vincent liebte ihn, wie er schon viele geliebt hatte. Vielleicht nicht einmal so stark, wie er Vlad einst geliebt hatte.
      Thomas legte die freie Hand auf die Hand an seiner Wange, dann zog er sie sanft, aber bestimmt runter, bevor er sie in seinem Schoß verstaute.
      "Vincent, hast du...? Ich meine..."
      Er kniff die Augen zusammen.
      "... Möchtest du Vlad umbringen? Ist es wirklich das, was du dir wünscht?"
    • "Mein ursprünglicher Plan war es, einen Haufen anderer Leute zu mir einzuladen, und ihn dadurch anzulocken. Und dann wollte ich ihn an den Stein ketten."
      Aber selbst mit all seinen Vorkehrungen in Harker Heights hätte es mehr als ihn selbst bedurft, um diesen Plan - diese Hinrichtung - auch in die Tat umzusetzen. Selbst wenn Vincent seinem Erschaffer nicht erneut verfiele.
      Wie immer schaffte es Thomas, die einzige Frage zu stellen, auf die es ankam. Die einzige Frage, auf die Vincent nicht antworten wollte. Denn er hatte keine Antwort.
      "Ich weiß es nicht..." flüsterte er.
      Er entzog Thomas seine Hände, ließ sich ins Bett sinken und legte seinen Kopf in den Schoß des Mannes. Er zog die Knie an seine Brust, rollte sich zusammen wie ein verängstigtes Kind. Er beobachtete, wie die niedrigen Flammen im Kamin seines Schlafzimmers tanzten, wie sie als einzige Lichtquelle unheimliche Schatten an die Wände warfen.
      "Das zwischen ihm und mir ist keine Liebe, versteh das bitte nicht falsch. Aber ich... Er hat sich damals so tief in meinen Verstand gewurmt... ich bekomme ihn da einfach nicht raus. Das Band zwischen Erschaffer und Jüngling macht es da nicht leichter. Das ist wie die emotionale Bindung zwischen einem Kind und seinen Eltern, nur stärker. Wenn ich ihn sehe... wenn er etwas von mir verlangt... mein erster Gedanke wird es immer sein, ihm jeden Wunsch erfüllen zu wollen. Nicht aus Liebe. Nicht aus Loyalität. Aus Instinkt. Er liebt diese Kontrolle. Er liebt es, wenn man sich gegen seine Kontrolle wehrt. Ihm zu widerstehen ist eine Aufgabe für sich. Ihn in einen Hinterhalt zu locken, eine völlig andere. Ihn zu töten... Ich weiß nicht, ob ich das kann. Deswegen brauche ich deine Hilfe. Deswegen habe ich deine Hilfe schon immer gebraucht. Als du letzten Herbst in mein Haus kamst, da wusste ich, dass ich dich für meine Sache gewinnen muss. Das war mein Ziel, als ich dich vor all den Wochen angesprochen habe. Den schüchternen, deplatzierten Doktor. Die vielleicht beste Entscheidung meines Lebens, denn so habe ich zu dir gefunden. Es scheint fast so, als schreibe das Schicksal selbst unsere Geschichte."


    • Thomas wusste nicht, welche Antwort er sich erhofft hatte. Letzten Endes war ein "ich weiß es nicht" wohl das beste, was er hätte kriegen können.
      Er beobachte, wie Vincent sich neben ihm ins Bett sinken ließ, als könne sein Körper mit einem Mal nicht mehr genug Energie aufwenden, um ihn aufrecht zu halten. Es glich schon fast einer Selbstschutz-Haltung, so wie Vincent sich neben ihm zusammenrollte, den Kopf auf seinem Schoß abgelegt. Er wirkte viel eher wie ein verängstigtes Kind als ein ausgewachsener Mann und wenn das das Resultat eines Verhältnisses war, das sich potentiell bis in die Unendlichkeit zog, war Thomas sich ganz sicher, dass die Details davon umso verstörender wären. Es war schon ein erstaunlicher Kraftakt, dass Vincent dabei überhaupt noch den Mut fand, seinen Plan weiter fortzusetzen.
      Behutsam legte er die Hand erst auf seine Schulter, dann streichelte er ihm sanft durch das Haar. Er wollte ihn beschützen, er wollte ihn aus der Lage holen, aus der er sich wohl nicht selbst befreien konnte. Er wollte Vlad umbringen, allein schon dafür, was er Vincent angetan hatte.
      Jetzt ergab es auch einen Sinn, weshalb er eine Party schmiss, die er selbst nicht leiden konnte. Es ergab auch einen Sinn, weshalb er sich mit Thomas angefreundet hatte, anstatt ihn bei der ersten Gelegenheit zu beseitigen. Und leider ergab es auch Sinn, weshalb er den Plan nicht allein umsetzen konnte - weil es eine völlig andere Aufgabe war, ihn umzubringen, die der Vampir sich nicht auch noch auferlegen konnte.
      "Ich werde dir helfen", murmelte er. Er hätte ihm bei allem geholfen.
      "Aber ich kann dir nur helfen, wenn du deinen Teil erfüllen kannst. Ich werde ihn nicht anlocken und auch nicht festketten können. Und ich werde auch nicht…"
      Er suchte nach den geeigneten Worten, während er wahlweise über Vincents Kopf und seine Schulter streichelte.
      "Solltest du dich in letzter Sekunde umentscheiden, dass das nicht das ist, was du möchtest, werde ich nicht aufhören. Ich werde die Sache durchziehen, komme was wolle, denn letzten Endes steht mein Leben auf dem Spiel, sobald ich meine Absicht bekannt gebe. Dann werden nicht mehr wir beide lebend hervorkommen - entweder er oder ich. Das verstehst du doch, oder? Bist du dir deshalb… hast du deine Entscheidung auch wirklich getroffen?"
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