[2er RPG] In his Thrall [Codren feat. Pumi]

    • "Verglichen mit gestern? Sehr viel besser," antwortete Vincent auf die Frage des Arztes.
      Viel besser fühlte er sich allerdings gar nicht, das würde auch noch für eine kleine Weile so bleiben. Aber allein die Tatsache, dass er nicht mehr aktiv starb war wohl die beste Verbesserung, die er sich nur wünschen konnte.
      Auf das Angebot von Hilfe kam Vincent dankend zurück. Allein hätte er es wohl erst gegen Ende der Nacht zurück zum Bett geschafft. So musste es sich wohl anfühlen, ein alter Tattergreis zu sein. Einen Fuß vor den anderen zu setzen kam unter größter Anstrengung, man brauchte Hilfe dabei, aufzustehen, und eine Strecke von nur wenigen Metern brachte einen außer Atem als sei man vor einem ausgehungerten Wolf davongelaufen. Vincent hasste es.
      Er gab sich Mühe, Thomas Sicherheit zu geben, indem er auf seine eigenen Füße starrte und seinen Kopf hoch erhoben hielt - weit weg von Thomas' Hals oder Handgelenk. Mit noch größerer Dankbarkeit ließ sich Vincent dann in seine Kissen sinken.
      Thomas, ganz der unnachgiebige Arzt, ließ keine Gnade walten und fing direkt an, an der noch immer offenliegenden Wunde herumzutasten. Vincent atmete zischend ein, versuchte dann aber, stillzuhalten, damit der Mann seine Arbeit erledigen konnte. Wäre Vincent ein Mensch, würde er sich nach dieser Behandlung noch einmal überlegen, ob er Thomas als seinen Leibarzt wollte. Er tat es ja sogar jetzt, als Thomas ihn mit seinem Desinfektionsmittel folterte.
      Zu sehen, wie der Arzt seine Instrumente wegpackte, war eine Erleichterung.
      "Zu aller erst müsste ich nach Cambridge. Ich habe zwar so etwas wie einen Kontakt vor Ort, aber ich weiß nicht wie zuverlässig der ist. Und ich werde dich nicht mit potenziell falschen Informationen losschicken. Sobald ich da bin, kann ich mir einen Überblick verschaffen und das Nest finden. Eine Horde Jungvampire kann sich nicht so leicht verstecken. Sie sind wie wilde Tiere, sie brauchen Anleitung und selbst mit einem Meister sind sie schwer zu handhaben. Nester sind selten, weil ein Jungvampir schon eine Dekade an Arbeit bedeuten kann. Die Tatsache, dass sie sich so lange unter deiner Nase bewegen konnten sagt mir, dass sie sehr wohl einen Meister haben. Einen guten. Vielleicht sogar mehrere. In Cambridge kann ich mir einen Jungvampir schnappen, mein Alter ausspielen und mich zu dem Meister vorarbeiten. Sobald ich weiß, wo das Nest ist, sage ich dir Bescheid. Und wenn ich dir einen der Meister auf dem Silbertablett," Vincent hielt inne, dann schüttelte er lächelnd den Kopf, "Wenn ich dir einen der Meister liefern kann, dann tue ich das natürlich auch. Aber die Jungvampire sind für den Augenblick gefährlicher. Wenn sie außer Kontrolle geraten, dann ist es um Cambridge geschehen."
      Er seufzte.
      "Es... es würde mir helfen, wenn ich Beths Leichnam sehen könnte. Ihr Verletzungen... man kann das Alter eines Vampirs anhand seines Angriffsmusters feststellen, gerade bei Jungvampiren. Wenn ich weiß, wie alt sie sind, kann ich dir besser helfen, dich auf sie vorzubereiten. Die Lernkurve von Jungvampiren sieht immer ziemlich gleich aus, ich weiß also, was sie können und was sie noch nicht können, wenn ich ihr Alter kenne."


    • Thomas betrachtete Vincent, der vor ihm noch im Bett lag. Hier war er also, im Haus und vor einem Vampir, um sich von ihm Hilfe bei anderen Vampiren geben zu lassen. Er wusste nicht, was er davon halten sollte: Dass er froh um die Hilfe war, dass er sich nicht mit noch mehr Vampiren abgeben wollte, dass er Vincent nicht involvieren wollte. Besonders letzteres konnte er sich einfach nicht abgewöhnen, egal wie sehr er es versuchte. Er wusste, dass Vincent alles andere als hilflos war, dass er im Alleingang vermutlich mehr Vampire reißen konnte als Thomas in einem Monat, aber in gewisser Weise sah er ihn schließlich nicht in dieser Weise. In gewisser Weise war Vincent noch immer der gemütliche Lord, dem er keinerlei ärgsten Schwierigkeiten aussetzen wollte als die Wahl, welches Hemd er anziehen sollte. Wenn er denn überhaupt eins trug.
      Thomas blinzelte, dann nickte er knapp.
      "Alles, solange du dich nicht in Gefahr begibst. Ich weiß deine Hilfe zu schätzen, aber mit dem da", er gestikulierte zu seinem Verband, "wirst du dich nirgends einschleichen. Mir reichen schon Namen, vielleicht sogar Adressen. Wenn nicht, dann wenigstens Aussehensbeschreibungen oder Viertel, alles andere erledige ich. Das ist nicht das erste Nest, das ich aushebe, wenn es auch das erste in Cambridge ist. Ich habe meine Mittel."
      Vincents nächste Bitte kam dann allerdings auch für Thomas unerwartet, der schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte, mehr Hilfe von dem Mann zu bekommen als sowieso schon.
      Es war ihm nicht in den Sinn gekommen, Beth noch einmal zu besuchen. Er würde ihre Beerdigung organisieren, sobald die Polizei ihren Leichnam freigegeben hätte, aber dafür würde er sie nicht noch einmal ansehen müssen. Jetzt darüber nachzudenken, dass er ihren mittlerweile aufgedunsenen Leichnam besuchen sollte, weckte ein dunkles Gefühl in ihm, das ihm alles andere als schön vorkam. Er dachte an vergangene Nacht und daran, dass er bei Vincent das erste Mal so etwas wie Trauer verspürt hatte und beschloss dann, dass er sicherlich nicht wollte, den Mann zu Beth zu führen.
      Trotzdem nickte er langsam.
      "Okay. Ich weiß nicht ob..."
      Er atmete einmal tief durch.
      "Sie ist noch in polizeilicher Aufbewahrung. Ich weiß nicht, ob sie uns zu ihr lassen, aber wir können es versuchen."
      Nach einem Moment hob er wieder den Blick und betrachtete Vincent zögerlich.
      "... Wir werden aber nicht nachts reingehen können. Denkst du, du schaffst das? Dann komm am besten..."
      Er dachte an sein ausgekühltes Zuhause in Cambridge, daran, dass er nur für die Jagd nachhause gegangen war, dass er viel lieber bei Hughes schlief, anstatt in dem großen, leeren Haus, in dem es zu viel Platz für den einzigen, verbliebenen Bewohner gab, seine Nacht zu verbringen, in der ein potentieller Vampir an seiner Tür klopfen könnte. Er dachte auch nicht daran, diese Lebensweise wieder herzustellen, nur um Vincent zu empfangen. Er wollte nachts nicht in seinem Haus bleiben und das würde er so beibehalten.
      "Schieb am besten einen Brief unter der Tür durch, wenn du da bist. Oder schick Nora bei Hughes vorbei, erinnerst du dich an ihn? Ich habe die letzten Tage bei ihm geschlafen, solange die Gegend nicht sicher ist. Abgesehen davon wird er sich sicherlich freuen, von dir zu hören."
      Und Thomas würde sich freuen, sobald die ganze Lage unter Kontrolle gebracht war und er sein Haus wieder bewohnbar machen konnte. Abgesehen davon, dass er dann eine neue Haushälterin einstellen musste und er sich noch nicht annähernd in der Lage dafür sah.
      Er wandte sich von Vincent ab und ging zurück zur Tür, wo er sich noch einmal zu ihm umdrehte. Der Vampir lag noch immer in seinem Bett und irgendwie wirkte er auf Thomas einsam und verloren auf der riesigen Matratze.
      "... Ich werde morgen früh fahren. Wechsel den Verband regelmäßig, nur weil du ein Vampir bist, schützt dich das noch lange nicht vor Entzündungen."
      Er betrachtete ihn noch einmal, dann öffnete er die Tür.
      "... Gute Nacht, Vincent."
    • "Das ist vielleicht nicht dein erstes Nest, aber ich kann dir versichern, dass das hier eine völlig andere Erfahrung ist als alles, was du bisher gesehen hast. Jemand, der frech genug ist, ein Nest direkt unter der Nase eines Van Helsings zu verstecken, hat einen Plan. Jeder weiß, wer du bist. Was du bist. Und jeder, der alt genug ist, weiß auch, wo du lebst. Namen und Adressen werden dir nicht viel bringen. Außerdem werden Kriege gewonnen, indem man mehr weiß als der Feind. Warum also nicht ausnutzen, dass du jemanden einschleusen kannst?"
      Thomas inneren Kampf beobachten zu müssen, hinterließ einen schalen Geschmack auf Vincents ausgetrockneter Zunge. Wenn er könnte, würde er jetzt aufspringen, den Mann in seine Arme ziehen und ihn einfach nur festhalten. Mittlerweile wusste er, dass sich Thomas keine Sekunde Zeit genommen hatte, um Beth zu trauern. Abgesehen von der kurzen Minute gestern an seiner Schulter. Und Vincent, ans Bett gebunden wie ein alter, gebrechlicher Mann, konnte absolut nichts tun, außer zuzusehen, wie sich eine völlig andere Form von Schmerz durch den Mann fraß, den er liebte. Ein Schmerz, den man nicht einfach rausschneiden und ausbrennen konnte.
      "Die Polizei wird kein Problem sein. Auch ein Besuch während des Tages sollte im Bereich des Möglichen liegen."
      Für dich werde ich das schon schaffen, dachte Vincent. Für dich laufe ich auch durch ein brennendes Haus.
      "Du wohnst bei Hughes?"
      Vincent richtete seine Position. Kurz überkam ihn der Gedanke, wieder aufstehen zu wollen, doch bei der ersten Bewegung erinnerte ihn sein Körper daran, was für eine schlechte Idee das war.
      "Du kannst bei mir wohnen. In meinem Stadthaus, meine ich. Da hast du zumindest ein Bett. Und es ist sicher, weil sich niemand an mein Haus wagen würde. Nora kann dir die Schlüssel geben. Natürlich nur, wenn du möchtest..."
      Als sich Thomas abwandte, verspürte Vincent einen weiteren Stich. Er hatte kein Recht dazu, von Thomas zu verlangen, dass er hierblieb, bei ihm. Er hatte kein Recht dazu, ihn von seinen Jagdplänen abzuhalten. Er hatte kein Recht, überhaupt noch ein Teil von Thomas' Leben zu sein.
      "... Gute Nacht, Vincent."
      "Warte."
      Vincent hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Was konnte er schon sagen, um das zu reparieren, was zwischen ihnen kaputt gegangen war?
      "Ich... Du musst nicht gehen, das weißt du, oder?"
      Vincent packte das Ende seiner Bettdecke. Da waren die falschen Worte. Die falschesten Worte. Und er kannte die richtigen. Oder zumindest die weniger falschen.
      "Ich will nicht, dass du gehst..." flüsterte er, ohne Thomas in die Augen zu sehen.
      Er konnte es einfach nicht. Er konnte sich nicht dem Mann stellen, der so viel Macht über ihn hatte. Alles, was er tun konnte war, zu betteln.
      "Nicht, weil ich einen Arzt brauche. Nicht, weil ich wissen will, wo der Jäger ist. Ich will... ich brauche dich hier. Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe. Dass ich kein Recht auf deine Zeit habe. Aber ich... ich weiß doch auch nicht. Vergiss einfach, was ich gesagt habe. Es wird ja doch nichts ändern. Gute Heimreise."
      Mit etwas Anstrengung rutschte Vincent etwas runter im Bett, bis er sich richtig hinlegen konnte. Er rollte sich auf die Seite, weg von Thomas' Anblick und versuchte, die Fassung lange genug zu bewahren, bis Thomas gegangen war.


    • Thomas drehte sich wieder um bei der Tür - weshalb genau wusste er nicht. Vielleicht um zu hören, ob Vincent noch Schmerzen hätte, um die er sich kümmern könnte; das könnte er sich einreden, sicher. Es wäre nicht die Wahrheit, aber es wäre nahe genug an der Realität, um Sinn zu machen. Weshalb er sich tatsächlich umdrehte, konnte er nicht benennen.
      Er wurde Zeuge des vermutlich ersten Males, dass Vincent so etwas wie verlegen wurde. Jetzt war es an Vincent den Augenkontakt zu meiden und stattdessen auf seine Decke zu sehen, um die er seine Hände verkrampft hatte. Der Anblick verursachte etwas in Thomas, das er genauso wenig benennen konnte - oder vielleicht wollte, wie es ihm in den Sinn kam. Nein, er wollte nicht darüber nachdenken, wie sein Herz bei dem Anblick schmerzte, wie seine Knie an Härte verloren, wie es ihn in sämtlichen Muskeln danach zuckte, zurück zum Bett zu gehen und zu tun, wonach es seinem Körper so sehr verlangte. Er wollte sehen, wie Vincent den Blick zu ihm anhob, wie er ihn mit diesem leicht neckenden, unglaublich weichen Blick betrachtete, den er manchmal auf ihn richtete, er wollte die kleinen Grübchen sehen, die sich selbst dann schon bildeten, wenn sein Lächeln noch nicht ganz ausgewachsen war. Er wollte, dass er die Arme nach ihm ausstreckte, dass sich ihre Finger miteinander verschränkten, dass er ihn an sich zog, dass er sich an Thomas schmiegte, wie er es bereits auf dem Sofa getan hatte. Er wollte seine Lippen spüren, seine weichen, sanften Lippen die sich auf seine eigenen legten, er wollte seinen Atem auf seiner Wange spüren, er wollte die straffe Haut seines Oberkörpers streicheln, vielleicht sogar küssen. Er wollte vieles, wenn nicht gar alles. Er wollte Vincent.
      Aber er konnte nicht, darin lag der Unterschied. Er konnte nicht, weil Vincent ein Vampir war, das war die einfache Begründung. Was änderte das zu vorher, als er auch schon ein Vampir gewesen war, aber Thomas es nicht gewusst hatte? Gar nichts, das wusste er. Er hielt dennoch daran fest, dass es alles änderte.
      Er stand noch immer unbeweglich an der Tür, da nahm Vincent seine Worte bereits zurück und drehte sich von ihm weg. Irgendwie war das noch schlimmer, als mit dem verlegenen Blick konfrontiert zu werden, den er zuvor gezeigt hatte. Es war deshalb schlimmer, weil Thomas wusste, dass es an ihm lag das Angebot, das Vincent ihm damit gemacht hatte, anzunehmen und zu erwidern. Deshalb war es schlimm, weil er sich nicht rühren konnte. Er konnte nur nach draußen gehen.
      Etliche Sekunden lang starrte er noch auf Vincent hinab, wie er sich auf die Seite gelegt hatte, dann zwang er seine Füße endlich dazu, sich zu bewegen und ihn rauszutragen. Er schloss die Tür hinter sich, durchquerte den Gang und schloss sich im Gästezimmer ein. Dann lag er für viele Stunden wach mit dem Gefühl, dass er genau das Gegenteil davon getan hatte, wonach es ihn am ganzen Körper gesehnt hatte.

      Entgegen seiner Aussage fuhr er nicht schon am Morgen ab, denn nach dem Aufwachen war er lange Zeit damit beschäftigt zu debattieren, ob er Vincents Angebot annehmen und vorübergehend in sein Stadthaus ziehen sollte. Er wollte es und deswegen wusste er schon beinahe augenblicklich, dass es nicht möglich war. Er konnte sich noch nicht mit Vincent auseinandersetzen, aber es wäre unaufhaltbar, wenn er zu ihm ging. Deswegen konnte er nicht, das redete er sich den ganzen Morgen lang ein, bis er es glaubte.
      Als er ging, konnte er dann doch nicht widerstehen und ging zurück in Vincents Zimmer, wo er trotz jeglicher Vernunft anklopfte und dann hineinging. Der Vampir schlief, natürlich, und es war schwierig, in dem stockfinsteren Zimmer überhaupt den Weg zum Bett zu finden. Aber es war nicht das erste Mal und als Thomas bei ihm war, redete er sich ein, dass er nur nach seinem Verband sehen wollte. Stattdessen fand er Vincents Hand, ergriff und drückte sie, genoss das gewohnte Gefühl ihrer verschränkten Finger und lauschte für eine Zeit lang Vincents Atem. Wenn er die Augen schloss und dabei versuchte, die schrillenden Alarmglocken in seinem Gehirn zu ignorieren, konnte er sich beinahe vorstellen, dass alles beim Alten war, dass er sich nur ins Bett zu Vincent legen könnte und sie den ganzen Tag Arm in Arm dort verbringen würden, bis Nora irgendwann zum Essen rief und sie das Zimmer lediglich verließen, um es einzunehmen. Das stellte er sich vor und versuchte, daran zu glauben. Für eine kleine, winzige, atemberaubende Sekunde lang überzeugte er sich tatsächlich davon und ein Schauer lief über seinen Rücken, der ihn dazu drängte, genau dem nachzugehen. Dann siegte die Vernunft des Jägers und er war zurück in der ernüchternden Realität, der er sich gerne entzogen hätte. Er löste sich von Vincent, nahm Abstand, ging nach draußen, kam dann wieder zurück, deckte ihn ordentlich zu, strich ihm die Haare aus dem Gesicht und ging dann wieder. Er musste sich abhalten, ein zweites Mal hineinzugehen, denn irgendwann würde er es nicht mehr nach draußen schaffen - also ging er nach unten, verabschiedete sich von Nora, bedankte sich bei ihr und trat die Rückreise an. Nora bot ihm mehrmals ihr gemachtes Frühstück an, das er lächelnd ablehnte mit der Begründung, Zuhause noch genug zu Essen zu haben. Das Doktorenlächeln kam ganz mechanisch und blieb so lange, wie es nötig war. Als er in der Kutsche nachhause saß, waren sämtliche verbliebenen Spuren davon verschwunden.

      Er ging nicht wieder zu Hughes zum Schlafen, aus Vorwürfen, ihn noch während der Jagd in Gefahr zu bringen und seine Gastfreundschaft schon zu lange in Anspruch genommen zu haben. Natürlich könnte er immer noch irgendwie in Vincents Stadthaus ziehen, er könnte ihn kontaktieren und nachfragen, wann er plante zu kommen, aber auch das wollte er nicht. Er nahm sich ein Zimmer im Hotel in der Innenstadt und verging am schlechten Gewissen daran, nur die falschen Entscheidungen zu treffen. Lange würde er sowieso nicht bleiben können, das Hotel war teuer und sein Beruf zahlte gut, aber nicht genug, um sein Haus mitsamt Angestellten allein zu finanzieren, nebenher ständig nach Harker Heights zu pendeln und jetzt auch noch einige Tage "krank" zu sein. Ein paar Tage würde er bleiben, dann würde er wohl oder übel wieder Zuhause einziehen müssen, auch wenn der Gedanke, allein in dem großen Haus zu wohnen, ihm eine gewisse Übelkeit bescherte. Er wollte nicht alleine sein. Er wusste, was er wollte, und es ließ ihn elendig fühlen, keine Chance zu haben, es auch zu bekommen.
    • Der kleine Junge war schon vor einer Weile aufgewacht, warum wusste er aber nicht mehr. Eine paar Minuten hatte er einfach nur in seinem Bett gelegen und an die Decke gestarrt. Dann war er dem ersten Gedanken gefolgt, den er hatte. Er hatte sich aus dem Bett gerollt, sich seinen Stoffhasen geschnappt und war runter in die Küche geschlichen. Sein Kindermädchen hatte die kleine Porzellankiste mit den übrig gebliebenen Keksen des Vortages versteckt, aber der kleine Junge kannte alle Ecken in dieser Küche und wusste, wo er suchen musste. Es dauerte nicht lange und er fand, wonach er sich umgesehen hatte. Er zerrte einen schweren Hocker, auf dem normalerweise der Koch saß, wenn er Kartoffeln zu schälen hatte, zu einer der Arbeitsplatten und klettere darauf. Er musste sich ein bisschen strecken und wäre beinahe nicht an den Deckel gekommen, aber schlussendlich schaffte es der kleine Junge, die Kiste zu öffnen und sich zwei der Kekse darin zu schnappen. Vorsichtig machte er die Kiste wieder zu, bevor er von der Küchentheke kletterte und sich mit seiner Beute wieder in sein Kinderzimmer verzog. Eigentlich hatte er gleich wieder ins Bett krabbeln wollen, doch ein Geräusch lenkte ihn ab und zog ihn stattdessen zum Fenster. Eine einsame, dunkle Kutsche ratterte die ansonsten leere Straße hinunter. Der kleine Junge fragte sich, wer wohl drinsaß. So spät hatte er noch nie eine Kutsche gesehen, schon gar nicht eine so teuer aussehende. Manchmal fuhr er mit seinem Papa in einer Kutsche, aber die sah ganz schön langweilig aus. Die da unten auf der Straße hatte Schnitzereien und goldene Muster, auf dem Zaumzeug von den beiden Pferden, die die Kutsche zogen, waren sogar Blumen eingestickt worden.
      Der Junge beobachtete, wie die Kutsche die Straße runterfuhr in Richtung des seltsamen Anwesens, über das er manchmal seine Mutter und ihre Freundinnen tuscheln hörte. Sie sagten immer, dass der Besitzer kaum da war und wenn doch, dann sah man ihn nur nachts. Seltsamer Kerl, sagten sie, und dass es da nicht mit rechten Dingen zuging. Der kleine Junge fragte sich nun auch, als er hier auf seinem Fenstersims saß und an seinem Keks knabberte, was wohl auf dem Anwesen des seltsamen Kerls so passierte und ob der Mann hübschere Spielzeugpferde hatte, als er.

      Vincent hätte sich das Leben sehr viel einfacher gestalten können, wenn er tagsüber gereist wäre, aber in seinem Zustand wollte er sich so wenig Gefahren wir möglich aussetzen - und Sonnenlicht war eine Gefahr, ob er es sich eingestehen wollte oder nicht. Drei Tage war es nun her, das Thomas ihm das Leben gerettet hatte und noch immer konnte er sich kaum schmerzfrei bewegen, aber immerhin konnte er wieder aufstehen und durch die Gegend laufen.
      Mitten in der Nacht erreichte er sein Stadthaus in Cambridge. Dieses Mal hatte er allerdings eine kleine Truppe an Belegschaft mitgenommen, wohlwissend, dass er Nora nicht alles aufbürden konnte. Sie brauchte selbst eine Pause, ob sie es nun wollte oder nicht. Außerdem war sie es, die seinen ominösen Kontakt in der Stadt kannte.
      "Ich lasse ihr sofort eine Nachricht zukommen," meinte Nora, als sie Vincent aus seinem Hemd half. "Ich bestelle sie für morgen Nacht hier her."
      Vincent nickte und ließ sich in sein Bett sinken.
      "Kannst du Thomas auch Bescheid geben?" fragte er und handelte sich sofort einen von Noras Blicken ein.
      Sie war immer noch kein Fan von Thomas, auch wenn er Vincent das Leben gerettet hatte. Sie konnte einfach nicht darüber hinwegsehen, dass Thomas zwar das Silber aus Vincents Körper entfernt hatte, ihm aber dafür das Herz noch einmal gebrochen hatte. Vincent hatte mehrfach versucht, ihr die Situation zu erklären, aber sie wollte einfach nicht hören.
      "Mache ich. Wann willst du ihn sehen?"
      Zu jeder Tages- und Nachtzeit. In jeder Sekunde, die ich existiere, egal in welchem Zustand.
      "Er muss nicht vorbeikommen. Ich will nur, dass er weiß, dass ich hier bin und daran arbeite, das Nest zu finden. Das ist alles."
      Nora nickte knapp, dann ließ sie Vincent allein.

      Normalerweise bevorzugte Vincent es, sich aus sämtlichen Angelegenheiten der Vampire herauszuhalten. Die ständigen Meinungsverschiedenheiten über Territorien und Nachwuchs hatten ihn noch nie interessiert. Sie waren mindestens genauso nervig wie das Getue der englischen High Society, nur dass sie meistens auf blutigere Weise endeten. Dennoch behielt Vincent ein Auge auf alle wichtigen Affären, so gut er es eben konnte. All das änderte sich, als er an diesem Abend zu sich kam. Er würde zum ersten Mal in Jahrhunderten den delikaten Tanz der Vampirpolitik tanzen.
      Er hatte im Vorfeld schon dafür gesorgt, dass Cambridge und Umgebung von seiner Anwesenheit wussten - der Anwesenheit eines Alten. Normalerweise bildete sich Vincent nicht viel auf Titel ein, aber in dieser Sache musste er sein Alter einfach ausspielen - der einzige Status, der unter Vampiren wirklich eine Rolle spielte. Jeder, der auch nur einen Funken Verstand besaß, würde sich also von ihm fernhalten. Vielleicht würde er das ein oder andere Gespräch mit einem Emporkömmling haben müssen, um politische Verbindungen zu diskutieren, die ihn nicht interessierten, aber das würde er schon schaukeln. Viel wichtiger war, dass die richtigen Leute neugierig wurden und ihn aufsuchten oder zumindest beobachteten, um zu wissen, was los war. Und natürlich spielte Vincent darauf an, dass der Meister des Nests sich für das plötzliche Auftauchen eines Alten interessierte, auf welche Weise auch immer.
      Für den Moment aber gab sich Vincent damit zufrieden, eine tüchtige Theatergängerin in seinem Haus zu begrüßen.
      "Denize Ruby Jane Clare Mary..." sinnierte Vincent und ließ sich in einem Sessel in seinem Salon nieder. "Welchen dieser Namen soll ich für Sie benutzen? Oder haben Sie sich mittlerweile noch einen neuen zugelegt?"
      Dass diese Frau Nora nähergekommen war, kam ihr zugute. Vincent vertraute Noras Urteilsfähigkeit. Trotzdem blieb er distanziert, gerade weil es hier heute um Politik gehen würde und nicht um eine Romanze. Es half auch nicht, dass Vincent hier war, um einem Jäger zu helfen. Es war nicht neu, dass ein Alter einem Jäger half, um störende Jungvampire loszuwerden, aber vorsichtig musste man mit einem solchen Vorhaben dennoch sein. Zumal sich Vincent größte Mühe geben musste, seine eigene aktuelle Schwäche und seine eigentliche Verbindung zu Thomas geheim zu halten.


    • Zurück in seinem Anwesen widmete Thomas sich zum ersten Mal seit Neujahr seinen Briefen. Beth hatte sie nicht hereingeholt, natürlich nicht, und er hatte in letzter Zeit keine Gedanken dafür übrig gehabt, seinen Haushalt aufrecht zu erhalten. Ein kurzer Gedanke schoss ihm durch den Kopf, als er in seinem Mantel die Treppe zu seinem Arbeitszimmer hinauf stiefelte, dass er sich auch darum kümmern sollte, hier nicht alles einfrieren zu lassen und vielleicht mal zu putzen oder sich wenigstens ans Kochen zu wagen, aber dann war er oben angekommen und damit zu dem Entschluss gelangt, dass die Post erstmal genug Organisation für den heutigen Tag war. Später würde er immer noch eine neue Haushälterin einstellen müssen, auch wenn er keinerlei Lust dazu hatte, und die konnte dann schon alles weitere richten.
      Erst schloss er sich in seinem Zimmer ein, dann überlegte er es sich anders und ließ die Tür lieber offen, während er die Briefe durchging. Ein paar waren von Bekannten und von seiner Praxis, zwei waren von Darcy dabei, in welchen sie ihm im einen ein frohes neues Jahr wünschte und im anderen darüber informierte, dass sie bald wieder nach Cambridge kommen wolle, weil Stephen neuerdings das Geschäft etwas eingestellt hätte, um sich anderen wichtigen Dingen zu widmen. Thomas dachte verdrossen darüber nach, dass diese anderen Dinge vermutlich weitere Morde wären, bevor ihm einfiel, dass er ja mit Vincent recht gehabt hatte, auch wenn er keine richtige Beweisgrundlage dafür angebracht hatte. Dann fiel ihm sowieso wieder Vincent ein und er dachte für eine winzige Sekunde darüber nach, dass er Darcy ja einweihen könnte, wenn sie zu ihm kam, weil er ihr sein Vertrauen schenken wollte, bevor er diesen Gedanken bestürzt wieder verwarf. Stattdessen dachte er dann darüber nach, dass er nach Beth niemanden hatte, dem er das in irgendeiner Weise hätte erzählen können und beschloss, dass das wohl genug Post für den heutigen Tag war. Er setzte ein knappes Antwortschreiben an Darcy auf, in dem er ihr von dem Nest berichtete und sie anwies, sich von Cambridge fernzuhalten, er würde die Sache schon regeln. Zwar wusste er nicht, ob sie sich daran halten oder ihn doch aufsuchen würde, aber er glaubte, dass seine Ausrede mit zu viel Arbeit nicht mehr ziehen würde, wenn sie das ganz anscheinend schon in Kauf nahm und trotzdem zurückkommen wollte. Er wollte Darcy einfach nicht sehen, nicht in seinem Zustand. Er würde sich als unberechenbar beschreiben, wenn er als unabhängiger Arzt auf sich selbst schauen könnte - und so auch. Zum Schluss plapperte er noch Sachen aus, die er vor Darcy lieber bei sich behalten hätte.
      Als er die Briefe allerdings in seine Schublade schieben wollte, fiel ihm ein loser Zettel auf, der dazwischen hervorragte. Er zog ihn hervor, klappte ihn auf und überflog die wenigen Zeilen, in denen höchst förmlich geschrieben stand, dass Vincent in Cambridge sei. Für einen merkwürdigen, atemberaubenden Augenblick dachte er, es könnte von Vincent selbst geschrieben sein, aber die Schrift war nicht ganz so gleichmäßig, wie er sie von Vincents Briefen kannte. Dennoch kam ihm die Nachricht wie ein seltsames Zeichen vor, auch wenn er sie schon erwartet hatte. Vincent war in Cambridge, jetzt würde alles gut werden. Daran setzte er sich fest, als er den Zettel ordentlich wieder zusammenfaltete und dann in seiner Hosentasche bei seinem Kruzifix verschwinden ließ.
      Dann stiefelte er wieder hinab in den Keller, schloss sich dort ein und setzte sich an die Jagd.

      Denize Ruby Jane Clare Mary Grace Judeth Lydia Anne - sie musste echt damit aufhören, neue Namen anzunehmen, die ihr gefielen - war äußerst pünktlich bei dem mittlerweile bekannten Haus, das sie schon häufiger aus der Entfernung beobachtet hatte. Sie kümmerte sich nicht groß um die Affären eines Vampirs, der sich ja noch nicht einmal an ihren damaligen Namen erinnern konnte - was für eine Frechheit, so viel hatte sie schließlich nicht, nur eben ein paar - aber sie kümmerte sich sehr wohl um eine hinreißende, schwarzhaarige Dame, die leider das Pech hatte, für einen genauso unmenschlichen Herren zu arbeiten, wie Deniz Ruby Anne... wie-auch-immer war. Das sollte sie zwar nicht davon abhalten, jener hinreißenden, jungen Dame den Hof zu machen, aber wie es eben in der Natur so war, wollte man seine Beute nicht in die Nähe anderer Raubtiere lassen. Ganz besonders nicht, wenn man diese Beute auf eine nicht-tödliche Art vernaschen wollte.
      Und wenn da ihr unmenschlicher Herr eine Audienz beantragte, bittesehr. Wer war sie schon, eine solche Bitte zu verwehren, wenn sie dadurch ihre Herzensdame etwas länger in Sicherheit wissen konnte?
      Leider war jemand anderes zur Stelle, als ihr die Tür aufgemacht wurde, aber Clare überspielte ihre Enttäuschung mit einer flotten Verbeugung, bevor sie hineinmarschierte und dem Bediensteten ihren Mantel überreichte. Es waren mehr Menschen im Haus als üblich, das konnte sie hören und riechen, aber wo ihre Lady genau war, das wusste sie nicht. Vielleicht würde sie das ja noch herausfinden.
      Zuerst trat sie dem Hauseigentümer entgegen, der sie in seinem hübschen, wenngleich recht unbeeindruckenden Salon begrüßte, bevor er sich anmutig wie ein König auf einem der Sessel niederließ. Ihm zeigte sie ein strahlendes Grinsen, das ihre Eckzähne enthüllte, ehe sie zu einem der Bücherregale schlenderte, um die Einbände zu lesen.
      "Oh, bitte. Lass diese Höflichkeitsfloskel, Gabriel. Verona hast du auch schnell umgarnt, als wäre sie die Königin persönlich gewesen, und da willst du bei solchen Anreden bleiben, wo wir doch auch im Ballsaal getanzt haben? Nicht einmal meinen Namen weißt du noch. ... Oder?!"
      Sie wandte ihm ruckartig den Kopf zu, als warte sie tatsächlich mit höchster Anspannung auf seine Antwort, aber er konnte sich nicht an ihren damaligen Namen erinnern. Das wäre auch zu schön gewesen. Mittlerweile gab es nicht mehr viele, die ihr diese Frage hätten beantworten können, nachdem Verona auch dahingeschieden war.
      Mit einem überzogen, theatralischen Seufzen wandte sie sich wieder den Büchern zu und schritt das Regal ab.
      "Nenn mich doch vielleicht... was weiß ich denn. Wie wäre es mit - ah."
      Sie klopfte auf einen der Buchrücken und sah zu ihm zurück.
      "Wie wäre es mit Ophelia aus Hamlet? Das hört sich gut an, das gefällt mir."
      Sie streckte die Hand in die Luft, als wolle sie der Decke etwas erzählen.
      "Und kommt er nicht mehr zurück?
      Und kommt er nicht mehr zurück?
      Nein, nein! er ist tot,
      Ist gangen zu Gott,
      Er kommt ja nimmer zurück.
      Sein Bart war so weiß wie Schnee,
      Sein Haupt dem Flachse gleich!"

      Dann wandte sie sich Gabriel vollständig mit gerunzelter Stirn zu.
      "Ich habe die Melodie vergessen. Irgendwann hört sich alles gleich an, weißt du das? Furchtbar ist das. Ich kann kein neues Stück lernen, ohne drei andere im Hinterkopf zu haben. Ich werde das Theater bald wieder aufgeben müssen, auch wenn es mir das Herz zerreißt. Da habe ich endlich mal einen Lebenssinn gefunden und muss ihn mir selbst wieder wegnehmen. .... Vielleicht sollte ich das in einem eigenen Stück verbauen."
      Sie kniff die Augen zusammen, als habe der andere Vampir diesen Vorschlag gerade gegeben und als müsse sie darüber nachdenken, dann kam sie doch endlich zum Sofa und ließ sich dort nieder, bevor sie die Beine in geziemter Art überschlug, die sich nur jemand aneignet, der es länger gewohnt war, Röcke anstatt Hosen zu tragen. An diesem Abend trug sie zu ihrer dunklen Hose ein von Rüschen durchsetztes Hemd, das viel zu kalt für die Jahreszeit war, aber eine gewisse Theatralik mit sich brachte, so wie sie sich jetzt darin zurücklehnte und die Hände im Schoß verschränkte.
      "Was kann ich also für dich tun? Möchtest du jetzt doch endlich über den Neuzugang reden?"
    • Vincent seufzte. Diese Frau bereitete ihm Kopfschmerzen, wie er sie nur selten erlebt hatte. Er fragte sich, wie alt sie war. Ihre Sprunghaftigkeit sollte eigentlich auf ihre Jugend hinweisen, aber sie erwähnte Verona. Diese Nervensäge war zwar erst vor neun Jahren von ihm getötet worden, aber sie hatte eine lange Liste an Liebhabern aller Art gehabt - und eine nicht zu verachtende Anzahl an Zöglingen. Außerdem wirkte 'Ophelia' nicht wie ein Jungvampir. Irgendetwas an ihr ließ Vincent vermuten, dass sie selbst ihr Alter als Eintrittskarte in so manchen Zirkel benutzen konnte, wenn sie es denn wollte.
      "Gabriel hat mich schon lange keiner mehr genannt," begann Vincent und überschlug ebenfalls seine Beine.
      Er nahm sich einen langen Augenblick, um die Frau vor sich zu mustern. Sie kam ihm bekannt vor, aber er konnte den Finger nicht drauf legen.
      "Sie... Du musst mir verzeihen, aber in meinem Alter vergisst man Dinge gern. Das Gedächtnis spielt eben irgendwann nicht mehr wirklich mit. Ich muss gestehen, dass mein Anliegen nichts mit deiner Identität zu tun hat. Wenn du sie also weiterhin für dich behalten willst, dann soll es mir Recht sein. Allerdings bin ich dann doch ein bisschen neugierig auf die Frau, die ich in mein Heim gelassen habe. Du weißt so viel über mich und ich erinnere mich lediglich daran, dein Gesicht irgendwann einmal gesehen zu haben."
      Lächelnd schüttelte er den Kopf. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen Vampir offiziell zu seinem alljährlichen Ball eingeladen zu haben. Er hätte gewusst, wenn sich jemand eingeschlichen hätte, schließlich hielt er nach genau dem Ausschau, wenn er diese Feiern veranstaltete.
      "Ich versuche herauszufinden, wo dieses Nest ist, ja. Und ich will wissen, wer so dumm ist, unter der Nase eines Van Helsings neue Vampire zu machen. Ganz zu schweigen von dem Angriff auf seine Haushälterin. Sowas zieht einen Krieg nach sich und auf so etwas in meiner Nachbarschaft habe ich nur wenig Lust. Ich schätze meine Privatsphäre sehr, das solltest du ja bereits wissen. Du kannst übrigens aufhören, nach Nora zu lauschen, sie ist oben, auf meine Anweisung hin. Vergnügen kommt in meinem Haushalt nach der Arbeit. Also: was kannst du mir über das Nest von Cambridge sagen?"


    • Das fröhliche Grinsen kam wieder und wich diesmal nicht aus Berna... nein, Ophelias Gesicht. Sie beobachtete mit einer gewissen Befriedigung, wie Gabriel ihre Haltung imitierte - selbst ihre Eleganz konnte er spiegeln, auch wenn er in seinem lächerlichen Anzug nicht halb so modisch aussah wie sie in ihrem maßgeschneiderten Hemd. Sie hatte schon immer eine gewisse Neigung ins Exzentrische gehabt, was die Mode anging, aber mit Herrenmode ließ sich das einfach viel besser umsetzen. Gabriel war der Beweis dafür, dass man es auch langweilig tun konnte.
      "Und ich habe dir beim letzten Mal schon erklärt, weshalb dich jeder so nennen sollte. Du verschmähst eine Teilnahme an der Göttlichkeit deines Namensvettern, das grenzt an Blasphemie, mein Lieber."
      Zufrieden mit sich selbst, oder vielleicht auch mit der Situation, lehnte sie sich ein wenig weiter zurück und legte einen entspannten, geradezu lässigen Blick auf ihr Gegenüber. Sie hatte sich den Abend extra für diesen Besuch freigenommen und jetzt erhoffte sie sich die Unterhaltung, die sie sich dadurch vorgestellt hatte.
      "Ich vergesse nur Sachen, die mir unwichtig scheinen. Du wärst auch in diese Spalte gerutscht, wenn Verona nicht so entzückt von dir gewesen wäre. Du hättest sie mal hören sollen nach dem Disaster: Vincent, Vincent, Vincent. Ich war ziemlich froh, dass ihr euch recht einvernehmlich getrennt habt, sonst hätte ich sicherlich Maßnahmen ergreifen müssen. Meinen Namen hat sie sicher nicht so hoch gepriesen, tse."
      Ein Schatten huschte über Ophelias Gesicht, eine ledigliche Andeutung dessen, was unter der ewig währenden Maske des Theaters liegen mochte und was genauso viel verschwunden zu sein schien wie ihr richtiger Name, dann kehrte ein geradezu theatralischer Ausdruck von Spott auf ihr Gesicht zurück.
      "Aber wenn du dich sowieso nicht erinnern kannst, wird es auch nicht relevant sein, dir auf die Sprünge zu helfen. Vielleicht erzähle ich es dir ein andermal bei Tee und Gebäck? Das uns die hübsche Miss Nora aus deiner Belegschaft serviert? Wie wäre das?"
      Dann war das Grinsen wieder da und sie hörte sich an, was Gabriel tatsächlich von ihr wollte, bevor sie den Blick einmal automatisch an die Decke warf. Ob sie wohl wusste, dass Ophelia hier war? Ob er sie von ihr fernhielt? Sie war eigentlich entzückt davon gewesen, das die Dame ihrer Begierde wieder in der Stadt war, aber jetzt musste sie sich wohl erst mit deren Arbeitgeber auseinandersetzen, bevor sie auch zu ihr konnte.
      Das sollte ja wohl nicht allzu schwierig sein.
      "Dumm würde ich es nicht bezeichnen, wenn es gelingt. Der König hat sich schon seit etwa zwei Monaten nicht mehr auf seinen Thron gesetzt und jetzt steigt der Pöbel auf, so ist das eben. Erinnerst du dich an den Mann, wegen dem ich damals hier war? Wie hieß der, Charly? Das war nur der Anfang, einer von den Helfern, wenn man das so nennen kann. Der kam extra aus dem Westen hier herüber, das habe ich mittlerweile herausgefunden. Und jetzt gibt es eben andere Helfer und nur einen van Helsing in der Stadt, da ist sowas kein Wunder. Traurig, nicht wahr? Ich erinnere mich an eine Zeit, als es sogar drei waren, da konntest du nachts durch die Straßen wandern und den Frieden genießen. Da musstest du in Krankenhäuser einbrechen, um zu trinken, weil du es nicht wagen wolltest, deren Aufmerksamkeit auf dich zu ziehen. Das waren die wahren Könige der Stadt, sie haben den Thron von Cambridge verdient. Der letzte hier, der kleine van Helsing, der hält nicht lange durch. Die Tage werden zwar wieder länger und die Nächte kürzer, aber es braucht nur drei von uns, die sich ein bisschen besser beherrschen können, und er ist weg, erledigt. Und weißt du, was dann geschieht?"
      Sie öffnete die Beine und beugte sich verschwörerisch vor, als würde sie Gabriel etwas erzählen, das er in seinem Alter nicht wissen konnte, auch wenn das völlig widersprüchlich war.
      "Dann wird hier das große Massaker beginnen und in zwei Wochen stehen hier die Jäger aus London vor unserer Tür. Das sind dann keine van Helsings, das sind irgendwelche Möchtegern... Hackletons und die hinterlassen hier mehr Blut, als wir alle zusammen. Dann kreuzt irgendwann vielleicht das Militär auf und das war es dann mit dem Nationaltheater. ... Vielleicht sollte ich über den Ozean fahren? Aber eigentlich will ich hier nicht weg. Mir gefällt England und seine Frauen."
      Sie stand doch wieder auf, ging um das Sofa herum und studierte eine antike Vase neben einem der Bücherregale, als wäre ihr plötzlich langweilig geworden. Nebenher sprach sie weiter.
      "Das ist es also, was ich dir über das Nest erzählen kann. Ich erhalte recht häufig Besuch von irgendwelchen Artgenossen, die sich meine Stücke ansehen und derweil versuchen zu jagen, aber ich unterhalte mich mit den wenigsten. Wenn sie zu zweit kommen, dann werde ich aufmerksam. Dann biete ich ihnen etwas zu trinken aus meinem Vorrat an und dann reden wir ein bisschen. Dann betonen sie, was für eine gute Idee es ist, unter so vielen Menschen zu arbeiten, weil ich mich immer bedienen könnte. Verstehst du, was ich damit meine, Gabriel?"
      Sie sah wieder zu ihm.
      "Sie sind so jung, sie sind gerade mal aus dem Ei geschlüpft. Ein Tropfen Blut und sie würden durchdrehen, sogar komplett satt. Damit will ich mich einfach nicht abgeben. Wiedert mich an, diese Klobigkeit."
      Sie verstummte für einen Moment, dann wurden ihre Augen ein Stück größer.
      "Aber du - wenn du etwas herausfinden willst, dann komm in mein Theater. Bring eine Begleitung mit - vielleicht deine überaus nette Haushälterin? Ich garantiere dir, dass du an einem Samstagabend auf einen von uns treffen wirst. Pass nur auf, dass du sie nicht in meinem Viertel köpfst, ich mag es nicht, wenn mir Morde zugeschoben werden könnten."
    • Wie überaus unhilfreich. Ophelia war durch und durch Schauspielering, das musste Vincent ihr lassen, auch wenn er sich bei all dem Chaos, das sie darzustellen schien, fragen musste, wie sie sich überhaupt eine Zeile Text merken konnte.
      "Im Prinzip weißt du also gar nichts," schloss er, den Blick immer auf die fremde Vampirin in seinem Haus gerichtet.
      Selbst wenn Nora ihr vertraute, Vincents Instinkte mochten es nicht, dass eine Artgenossin in seinem Heim herumstromerte. Mal ganz davon abgesehen, dass diese Frau selbst die Meisterin des Nests sein konnte und ihm hier nur eine weitere Show lieferte.
      "Dass das Nest groß genug ist, um einem einzelnen Jäger gefährlich zu werden, das wusste ich auch vorher schon. Charles ist tot. Und wenn sich der Meister des Nests schon vor zwei Monaten verzogen hat, dann ist das nun wirklich auch keine Spur."
      Allerdings stellte sich da die Frage, wie das Nest so lange die Fassung behalten konnte. Wenn die Vampire wirklich so jung waren, wie es Ophelia andeutete, dann waren diese Helfer gut.
      "Du sagtest drei von uns, die sich im Griff haben. Was meinst du damit? Wer ist Nummer drei? Und warum gehst du davon aus, dass ich mich auf den Van Helsing stürzen würde, um ein schlecht platziertes Nest zu beschützen? Das Nest loszuwerden ist einfacher und auf lange Sicht sehr viel praktischer. Ich habe lieber einen einsamen Van Helsing in der Nachbarschaft, von dem ich jederzeit weiß, wo er steckt, als zu jeder Tages- und Nachtzeit mit einem wandernden Jäger rechnen zu müssen. Ich habe auf dem französischen Land gelebt, ich weiß wie das ist und brauche das nicht nochmal. Das war genug Stress, um mir beinahe graue Haare wachsen zu lassen."
      Vincent schüttelte den Kopf und stand ebenfalls auf. Das Brennen in seiner Seite ignorierte er, das Brennen in seiner ausgetrockneten Kehle versuchte er, mit Alkohol zu bekämpfen. In aller Seelenruhe bediente er sich an seiner Minibar. Mit einer Geste bot er auch Ophelia einen Drink an. Der Alkohol half natürlich nicht gegen seinen Hunger.
      "Warum Cambridge? Es gibt hübschere Theater in England. Größere. Besser ausgestattete. In einem Örtchen wie diesem ist es doch sicherlich schwer, an eine ordentliche Besetzung zu kommen. Oder ein Stück aus Eigenkreation ordentlich zu vertreiben."


    • Ein Lächeln schlich sich dieses Mal auf Ophelias Gesicht ein, das nichts mehr von der Freude von vorhin hatte und dafür alles von einem teuflischen Vergnügen. Ganz anscheinend schien sie wie erpicht darauf, ihr Gegenüber von seinem Fehler zu berichtigen, denn sie richtete sich auf, als wolle sie wieder anfangen, eine Zeile Theatertext zu zitieren.
      "Der Meister des Nests hat sich nie verzogen, das habe ich nicht behauptet."
      Sie lehnte sich tatsächlich ein Stück nach vorne, um ihrer nächsten Aussage an Theatralik zu verleihen.
      "Van Helsing ist der König, von dem ich spreche, und wir der Pöbel seines Königreichs. Ist dir das etwa nicht aufgefallen? All die Jahre ist hier nichts, vielleicht mal ein Reisender, vielleicht mal jemand, der versucht, sich hier einzunisten und dann das Weite sucht. Dem König entgeht nichts in seinem Reich, sein ganzer Lebensstil ist darauf gerichtet, Vampire ausfindig zu machen. Ein fehlender Blutstropfen und er wird es wissen und drei Tage später auf deiner Matte stehen und seinen Tribut fordern. Aber jetzt hat er stark nachgelassen, seit November, möchte ich meinen. Er hat vorher seinen Thron niemals verlassen, jetzt streunert er durch die Weltgeschichte herum und so wie es das Unglück will zu einer Zeit, in dem sich hier wieder jemand einnisten will. Und schon haben wir das Nest. Ein abgelenkter van Helsing und die Krone fällt schneller, als sie aufgesetzt wurde."
      Sie grinste noch immer mit einer Zufriedenheit, die nur sie selbst spüren konnte.
      "Drei von uns soll heißen drei von jenen, die älter als 50 sind. Ich weiß von den Leistungen des van Helsings, ich weiß, dass er einen Vampir mit einem Buttermesser reißt, dass er auch zwei auf einmal packt, dass sein kürzester Kampf bisher sieben Sekunden betragen hat. Ich kenne ein paar seiner Waffen, wusstest du, dass er Silberspritzen gebaut hat? Ein Treffer davon und es ist vorbei, bevor es überhaupt angefangen hat. Er kämpft, weil er es will und das macht ihn gefährlich. Deshalb braucht es drei, um ihn zu stürzen und zwei davon wird er immer noch mit sich ziehen. Vielleicht ja auch den dritten. Vielleicht begehe ich gerade den tödlichen Fehler, ihn zu unterschätzen."
      In ihren Augen glitzerte es bei der Vorstellung dieses theaterreifen Szenarios, in dem ein einzelner Mann drei Vampire umlegte. Sehr wahrscheinlich dachte sie schon darüber nach, diese Szene in ihr selbst ersonnenes Stück einzubauen.
      "Ich gebe dir allerdings recht, dass ein van Helsing immer noch besser ist als ein neuer Hackleton. Deswegen habe ich mich ihnen auch nicht angeschlossen. Ich weiß schon, dass sie es auf ihn abgesehen hatten und dass sie gescheitert sind, weil er nicht Zuhause war. Ich hätte mitmachen können. Jägerblut schmeckt sicher gut, aber ich habe einen anderen Geschmack."
      Sie entfernte sich von der Vase, um das angebotene Glas anzunehmen und daran zu nippen. Danach schwenkte sie es ein wenig in der Hand herum, während sie Gabriel betrachtete.
      "Ich war vorher lange Zeit im Londoner Theater, im Nationaltheater, direkt am Marktplatz. Es geht immer schöner und größer, liebster Gabriel, aber du solltest wahrscheinlich besser als ich wissen, dass es nicht immer um die Größe geht. Es geht um das Gefühl. In London kann ich die besten Stücke von Shakespeare aufführen, aber den Inhabern geht es nur um das Geld und den Besuchern geht es nur um das eigene Image. Hier muss ich mich mit zweitklassiger Literatur begnügen, aber ich weiß, dass die Besucher hier sind, weil sie es sehen wollen und nicht, weil sie sich verpflichtet fühlen. Das ist wie damals am Königshof, findest du nicht auch?"
      Sie trank erneut und dann kam wieder leicht das teuflische Funkeln von vorhin in ihre Augen zurück.
      "Und jetzt bist du dran und erzählst mir, weshalb du doch so plötzlich an dem Nest interessiert bist. Letztens meintest du noch, du hättest damit nichts zu tun und so wie ich weiß, ist hier auch nicht dein Hauptsitz. Wieso bist du also deswegen zurückgekommen? Doch nicht, weil du deinen Stolz angegriffen siehst?"
    • Vincent ließ sich auf die Armlehne des Sofas sinken und gab den leicht überraschten Zuhörer, als habe er gerade eine interessante, aber nicht weiter wichtige Information erhalten. Zumindest war es das, was er nach außen trug. Innerlich versuchte er, die Schläge, die ihm diese Frau gerade verpasst hatte, zu verarbeiten. Wie hatte er so falsch liegen können? Wie hatte er annehmen können, dass der schüchterne Arzt nicht mehr war als genau das? Thomas war ein Van Helsing, natürlich hatte er eine Waffe benutzen können, bevor er gelernt hatte zu laufen! Wie hatte ihm das entgehen können?!
      "Wie soll mir das auffallen, wenn ich kaum Zeit in dieser Stadt verbringe? Ich persönlich hatte noch nie Probleme mit einem Van Helsing, der auf meiner Türschwelle auftaucht."
      Vincent zuckte mit den Schultern und nippte an seinem Drink, als wäre das alles nicht sein Problem, als stehe er über solch trivialen Dingen und müsse sie niemals in Betracht ziehen - was er meistens auch tatsächlich nicht musste.
      "Du klingst fast so, als wolltest du ihn töten. Du hast einen kompletten Plan, du brauchst nur noch die richtigen Leute dafür. Und doch sagst du, du hättest lieber den Teufel, den du kennst, in deiner Nähe. Du bist wirklich eine verwirrende Persönlichkeit."
      Mit einem Seufzen stand Vincent wieder auf, der beißende Schmerz in seiner Flanke mittlerweile ein vertrauter Freund. Er beschäftigte sich damit, seinen Drink wieder aufzufüllen.
      "Das habe ich doch eben schon gesagt: Ich will wissen, was in meiner direkten Nachbarschaft so los ist. Ich lebe auf dem Land, entsprechend groß ist mein Territorium - wie sonst soll ich meine Essgewohnheiten verbergen? Was in Cambridge passiert, geht mich also leider doch etwas an. Zumindest die größeren Ereignisse."
      Wie weit sollte er hier gehen? Wie viel wusste diese Frau? Egal, Vincent musste seinen Punkt klarmachen.
      "Ich kann Jungvampire nicht ausstehen und wenn sie die Grenzen meines Territoriums verletzen, dann reagiere ich höchst ungehalten darauf. Vor einer Woche noch war mir all das hier tatsächlich vollkommen egal. Aber jetzt, wo der Meister dieses Nests keine Kontrolle mehr über seine Kreationen zu haben scheint, geht es mich sehr wohl etwas an. Es ist nicht mehr Stolz, der angegriffen wurde, sondern die Grenzen meines Jagdgebiets. Ich habe also jedes Recht, ein bisschen wütend zu sein. Ich habe nicht vor, das zu einem Grenzkrieg ausarten zu lassen - aber ich bin bereit, genau das zu tun. Deswegen bin ich hier. Deswegen bist du hier. Ich will wissen, wer für dieses Nest verantwortlich ist und wo es sich versteckt, damit ich die ganze Sache diplomatisch lösen kann. Mit einem Van Helsing um die Ecke - sei er auch noch so abgelenkt - ist das sicherlich die Herangehensweise, die wir alle bevorzugen. Ich bin alt genug, um mich mit einer Entschuldigung zufrieden zu geben. Aber ich bin auch zu alt, um nicht auf die Regeln zu bestehen, die uns seit Jahrhunderten am Leben halten. Das solltest du doch verstehen, oder Ophelia?"
      Vincent hatte immer noch keine Ahnung, wer diese Frau eigentlich war, oder aus welchem Jahrhundert sie stammte. Aber die Erwähnung von Königshäusern gab ihm zumindest den Hinweis, dass sie nicht zwangsläufig aus diesem Jahrhundert stammte. Er war schon sehr lange nicht mehr bei Hofe gewesen.
      "Samstag also? Um einen Jüngling zu finden? Auf welches Stück darf ich mich denn freuen?"


    • Ohh, wie sehr ihr diese Unterhaltung Spaß bereitete. Wie Ophelia es liebte, sich zu fühlen, als hätten ihre Worte die Macht, über die Atmosphäre des Raumes zu entscheiden. Es oblag ihrem Feingefühl allein, die Emotionen des anderen Vampirs zu lenken, der so offensichtlich auf ihre Informationen angewiesen war. Vielleicht sollte sie dieses Gespräch mit etwas mehr Dramatik versehen? Vielleicht sollte sie herausfinden, wo die Grenze dazu lag, diesem Vampir mehr Emotionen hervorzulocken, als er zu zeigen gewillt war? Konnte sie das überhaupt? Sie hatte Gabriel stets als einen eher besonnenen Zeitgenossen kennengelernt, der sich kaum von seinen Gefühlen leiten ließ. Aber selbst ein Vampir in seinem Alter hatte noch Schwachstellen, die er nicht zu verdecken vermochte.
      "Es ist dir auch aufgefallen, als sich jetzt einer eingenistet hat, oder nicht? Das wäre auch der Fall gewesen, wenn der König seinen Sitz früher aufgegeben hätte. Dann wäre nämlich auch schon früher ein Nest entstanden. Oder ein Jäger wäre gekommen, der deinen Lebensstil mal genauer unter die Lupe genommen hätte - und meinen vielleicht auch."
      Sie nahm einen großen Schluck von ihrem Drink, den sie hauptsächlich durch das Brennen in ihrer Kehle genoss, und kam dann mit einem verschmitzten Grinsen zurück zur Hinterseite des Sofas, auf dessen Rückenlehne sie sich stützte.
      "Du verstehst nur die Hälfte, Gabriel. Wenn ich van Helsing töten wollte, hätte ich es schon längst versucht. Dann stünde einer von uns nicht mehr hier, denn ich hätte nicht vorher aufgehört und er hätte seine Jagd begonnen, wenn er von mir wüsste."
      Sie richtete sich wieder auf und schwenkte das Glas in der Hand.
      "Aber ich habe ein berechtigtes Interesse daran, dass er am Leben bleibt. Zum einen aus dem dir schon bekannten Grund, dass er mir lieber ist als ein Jäger aus London. Oder gar aus Übersee. Zum anderen wird sich in der Zwischenzeit, bis ein neuer kommt, ein anderer König erheben - der König des Pöbels. Helsing mag nicht sofort erkennen, wer Vampir ist und wer nicht, aber ein Vampir erkennt es und ich müsste unter einem neuen Herrscherstab um meinen Job bangen. Dann heißt es unterwerfen, oder unterworfen werden. Ich habe auf keines wirklich Lust. Lieber halte ich mich unter so vielen Menschen, wie es mir nur möglich ist, damit der Jäger mich in Frieden lässt. Das kann ich auch dir empfehlen, denn der van Helsing macht keine Jagd, wenn Zivilisten beteiligt sein könnten. Das spricht sicherlich gegen seinen Arztkodex oder irgendwas. Noch ein Punkt, dass ich ihn nicht loswerden will."
      Sie musterte ihn eindrücklich, ihr Gegenüber, der wohl dieselben Absichten zu hegen schien wie sie. Dann verwandelte sich ihr Grinsen in ein etwas seichteres Lächeln.
      "Das ist fast wie damals, weißt du das? Nur ohne Verona, meine Liebste. Zu schade, dass du es vergessen hast, womöglich hätte uns das einige unangenehme Zeilen erspart. Ich erzähle es dir vielleicht, wenn du dich irgendwann an meinen Namen erinnern kannst, was hältst du davon?"
      Sie zwinkerte ihm zu.
      "Aber ich gebe zu, dass ich ein wenig erleichtert bin, auch auf andere Meinungen zu stoßen. Die bisherigen Auseinandersetzungen mit unseren lieben Brüdern und Schwestern war nicht sehr wiederholungswürdig, wie du dir vorstellen kannst. Ich würde mich ihnen zwar nicht in den Weg stellen wollen, wenn sie ihr Attentat auf den König wiederholen werden, aber wenn ich nicht alleine bin, sieht die Sache anders aus. Ganz anders sogar."
      Ein erneutes Zwinkern, dann wandte sie sich dem Durchgang zum Gang zu.
      "Freu dich auf eine Wiederholung von "Die Herzogin von Malfi". Ich werde heimlich heiraten, weil mein Liebster und ich in der Gesellschaft als nicht beziehungsfähig angesehen sind. Es wird kein gutes Ende nehmen, aber das muss ich dir hoffentlich nicht erklären, du wirst es sicherlich schon kennen. Wenn du mich jetzt also entschuldigen würdest", sie drehte sich doch wieder zu ihm um und vollzog eine überzogene, fast spottende Verbeugung, "ich werde mich meinem Vergnügen widmen. Auch wenn ich es als reichlich unhöflich empfinde, dass du deine Angestellte so bezeichnest. Vielleicht werde ich ihr erzählen, dass du so abschätzig von ihr redest, dann zückt sie womöglich auch dir gegenüber mal ihre hübschen Krallen."
      Sie grinste, dann war sie ins obere Geschoss verschwunden, bevor Gabriel Einspruch erheben konnte.
    • "Wenn du ihr auch nur ein Haar gegen ihren Willen krümmst, werde ich dich vernichten," raunte Vincent mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, wohlwissend, dass Ophelia ihn auch vom oberen Ende der Treppen aus noch hören konnte.
      Er leerte seinen Drink, dann wandte er sich dem kleinen Schreibtisch zu, wo er eine schnelle Notiz verfasste. Er musste Thomas warnen, auch wenn er nicht wusste wovor genau. Die Zeilen gingen ihm leicht von der Feder.

      Thomas,
      Ich habe mit meiner Suche begonnen und mich mit meinem Kontakt auseinandergesetzt.
      Bisher ist noch nicht viel Brauchbares herausgekommen, aber ich werde hoffentlich am
      Samstagabend mehr erfahren. Mit Sicherheit kann ich nur sagen, dass du vorsichtig sein musst.
      Diese Leute haben es bereits gezielt auf dich abgesehen und laut meinem Kontakt sind sie
      zahlreich genug, um dir gefährlich zu werden.
      Ich kann mich nur noch einmal wiederholen: du bist herzlich eingeladen, bei mir
      unterzukommen, wenn dir danach ist.
      Pass auf dich auf,
      Vincent


      Er faltete das Blatt Papier ordentlich, nachdem die Tinte getrocknet war, dann rief er einen seiner Bediensteten zu sich, um die Nachricht auszuliefern. Simon war ein guter Junge, flink, nicht auf den Kopf gefallen. Vincent nutzte ihn gern für Botengänge und Simon erfüllte sie gern. Er hatte den Jungen nicht zuletzt deswegen mit nach Cambridge genommen, weil er auf sich aufpassen konnte und keine Angst vor den Schatten der Nacht hatte - oder vor irgendwelchen Obrigkeiten. Simon war so frech wie sie nur kamen, hielt mit seiner Meinung nur sehr selten hinter dem Damm und hatte absolut kein Problem damit, jemandem auf die Füße zu treten.
      "Zum Van Helsing Anwesen," orderte Vincent. "Du übergibst das persönlich an Thomas van Helsing und wenn du ihm dafür die Tür eintreten musst, verstanden? Und du sagst ihm, dass er etwaige Antworten mit dir schicken soll. Und warum ausgerechnet mit dir. Er wird dir vielleicht nicht glauben, also gehe ihm einfach auf die Nerven."
      "Deinen Degen drauf?" grinste Simon.
      "Voll und ganz. Wenn sich Thomas beschwert, schiebe alles auf mich, aber lass nicht nach."
      "Verstanden, Boss."
      Simon schnappte sich seine Jacke und verschwand, um seinen Auftrag auszuführen. Vincent wusste, dass er Thomas wohl nun ein neues Nervenkostüm schuldete, aber das war es ihm wert. Er musste einfach wissen, dass Thomas im Bilde war über das, was in dessen Stadt vor sich ging. Nicht zuletzt, weil Vincent der Grund für all das hier war...


    • Thomas war gerade dabei, für die Nacht in das Hotel umzuziehen, als es an der Tür klopfte.
      Das Geräusch war laut und schien durch das Haus zu hallen, als wäre es dort gänzlich ungewohnt. Es wurde in ungewohnter Weise von den Wänden zurückgeworfen und Thomas erstarrte, während er darauf lauschte, dass das Geräusch verhallte.
      Dann klopfte es noch einmal.
      Viele Sekunden lang dachte er darüber nach, dass das der Mörder sein konnte, um jetzt ihn zu erwischen. Dann dachte er viele Sekunden darüber nach, dass es vielleicht Nora sein konnte - oder gar Vincent. Was würde Vincent hier wollen? Das war ihm völlig egal, wie er bemerkte, er würde sich alles anhören, was er ihm zu sagen hatte. Vielleicht würde er ihn sogar hereinbitten. Oder vielleicht würde er ihn gerade nicht hereinbitten, weil es drinnen fast so kalt wie draußen war und er sich keine Mühe gemacht hatte, den geschmolzenen Schnee, den er ständig hereintrug, wegzuwischen. Er könnte ihn ja zum Hotel begleiten und auf der Fahrt erzählen, was auch immer er zu sagen hatte. Mit einem Mal war er aufgeregt darüber, die Tür zu öffnen.
      Aber es war nicht Vincent, sondern ein junger Mann, der ihn mit hellen, fuchsartigen Augen ansah. Gleichermaßen enttäuscht und erleichtert wollte er die Tür wieder zumachen.
      "Ich bin gar nicht Zuhause."
      Aber der Junge stellte ihm einen Fuß in den Türspalt.
      Jetzt doch etwas verärgert über diese Frechheit machte er wieder auf, um ihn zu belehren, als er ihm einen Zettel vor die Nase hielt mit der Ansage, dass er von Vincent Harker käme und alle Antworten auch mit dem Jungen zurückgeschickt werden sollten. Er grinste dabei, als würde es ihn freuen, Thomas solche Anweisungen zu verpassen, der ihn am liebsten nach draußen geschoben hätte. Aber die Neugier siegte, also ließ er die Tür offen, während er das Papier entfaltete und las.
      Kein "Mein lieber Thomas", kein "Mit besten Grüßen". Zumindest ein "Pass auf dich auf", was wohl mehr war, als Thomas hätte erwarten dürfen. War es das dann damit? Hatte er zu lange damit gebraucht, sich den Kopf darüber zu zermartern, was er mit einem Vampir tun sollte, den er eigentlich umbringen sollte und den er eigentlich liebte? Hatte er zu lange gebraucht, um Vincents Liebesgeständnis zu erwidern? Konnte er das überhaupt? War mit der schicksalhaften Silvesternacht alles unwiderbringlich zerstört worden? War das der Beweis dafür?
      Er las den Zettel noch zwei Mal, weil er sich erhoffte, irgendwas übersehen zu haben, dann sah er auf zu dem Jungen, der ungeduldig vor der Tür auf und ab wippte. Vincent hatte ihn zumindest noch immer zu ihm eingeladen. Vielleicht weil es doch nicht vorbei war? Vielleicht aus Schuldgefühlen?
      Nach einem weiteren Moment trat er beiseite.
      "Komm rein, ich schreibe ihm was, dauert nur einen Moment. Lass deine Jacke an und fass nichts an."
      Er ließ den Jungen hinein, verschwand dann in seinem Arbeitszimmer und setzte eine Antwort auf, die er drei Mal neu anfangen musste.

      Vincent,
      danke für deine Hilfe. Ich vertraue dir.
      Ich werde nicht bis Samstag, oder sogar Sonntag, warten. Ich habe Spuren und will sie nicht verlieren. Aber ich werde vorsichtig sein und auf deine nachfolgenden Informationen vertrauen.
      Pass auch auf dich auf. Lass dich auf keine Streitereien ein, bis das Silber verheilt ist.

      Mit gut lieb Grüßen,
      Thomas

      Unbefriedigt von seinem Schreiben und sich selbst kam er wieder herab, um es dem Jungen zu überreichen. Er wollte gerade gehen, als Thomas ihn noch einmal zurückrief.
      "Hat Vincent... Herr Harker noch etwas gesagt? Über Samstagabend oder über... mich?"
    • Simon liebte seinen Job. Meistens konnte er tun und lassen, was er wollte, solange er ablieferte, was abgeliefert werden sollte. Als Nora ihm gesagt hatte, dass er mit nach Cambridge sollte, hatte er ernsthaft gefreut. Er war noch nie in Cambridge gewesen und endlich mal wieder in eine Stadt zu kommen, trieb ihm gleich so einige dumme Ideen in den Kopf. Keine davon dumm genug, um seinen Arbeitgeber Lord Harker zu enttäuschen oder zu beschämen, aber doch dumm genug um sein zartes Alter von einundzwanzig zu verraten.
      Sobald er das Stadthaus Lord Harkers verlassen hatte, machte sich Simon im Laufschritt auf den Weg. Er hatte sich eine Karte von Cambridge besorgt und sich während der Reise alle wichtigen Adressen gemerkt - unter anderem auch die von diesem Van Helsing Doktor, den Lord Harker so toll fand. Simon war aufgeregt, sich endlich ein Bild von dem Mann zu machen, der seinen Arbeitgeber so aus dem Konzept bringen konnte. Sowas hatte er noch nie zuvor gesehen.
      Schneller als jeder andere Botenjunge hatte sich Simon seinen Weg durch die Stadt gesucht, bis er das Haus erreichte.
      "Protzig," bemerkte er und hüpfte die Stufen zur Tür hinauf, an die er sogleich hämmerte.
      Der Doktor sah sehr viel langweiliger aus, als Simon erwartet hatte. Und er sah aus, als hätte er ein dreitägiges Trinkgelage hinter sich.
      "Sie sollten sich selbst mal einen Arzt suchen," murmelte er, als der Doktor in die Tiefen des Hauses verschwand.
      Simon sah sich in der Eingangshalle um. Reiche Leute hatten normalerweise genug Personal, um ihr Haus zu heizen, aber hier drin war es ja fast kälter als der Winter draußen bei Harker Heights. Er schob die Hände in die Jackentaschen und drehte eine kleine Runde, machte sich ein Bild davon, wo welcher Raum war. Er bemerkte die Pfützen und den getrockneten Schlamm auf dem teuren Fußboden. Die hohen Fenster, gegen die sein Arbeitgeber wahrscheinlich was einzuwenden hätte. Die Blutreste in den Fugen.
      "Scheinen ja ein spannendes Leben zu führen, Doc," kommentierte Simon, als er den Schrieb entgegen nahm, den er an Lord Harker liefern sollte.
      Er schob die Notiz in eine Tasche an der Innenseite seiner Jacke, wo er auch zuvor schon den Brief seines Arbeitgebers transportiert hatte.
      "Hat nur gesagt, ich soll Sie nerven, bis Sie mich reinlassen und den Brief lesen," antwortete Simon wahrheitsgemäß mit einem Schulterzucken, "Und dass Sie ihn für das Generve verantwortlich machen sollen, nicht mich. Von Samstag hat er nix gesagt."
      Noch ein Schulterzucken.
      "Soll ich dem Boss was von Ihnen ausrichten?" fragte Simon im Gegenzug.


    • Thomas starrte den Jungen an, der kaum älter als 20 sein konnte. Vielleicht sogar als 18. Gehörte er zu dem ganzen Personal, das Vincent aus schwierigeren Verhältnissen gerettet hatte? Wenn ja, wollte sich der Arzt nicht vorstellen, aus welchem Haus der Junge zu kommen schien.
      Auch, wenn er dafür doch eine recht freche Zunge hatte.
      "Spannend kann man wohl sagen", brummte er, bevor er für einen Moment nachdachte.
      "Sag ihm..."
      Ja, was genau? Was sollte er ihm sagen, was nicht schon im Brief stand? Thomas würden da so einige Dinge einfallen, aber keins davon fühlte sich richtig genug an, um es laut auszusprechen. Wenn Beth jetzt hier wäre, würde sie sagen: Nun sag schon, die Welt wird auch nicht jünger, weil du wartest.
      "Sag ihm doch, dass ich gerne hören würde, was er herausgefunden hat. Vielleicht am Sonntag zum Tee?"
      Ach, da war ja was.
      "... Ich meine zum Abendessen. Irgendwo, er soll was aussuchen, mir ganz gleich. Danke."
      Er wartete darauf, dass der Junge gegangen war, dann wartete er noch ein bisschen weiter, bis er sich sicher war, dass er wirklich weg war und er ungesehen in sein Hotel überwechseln konnte.

      Der Samstag kam und mit ihm ein fast volles Haus im Innenstadtstheater. Das Foyer war bereits gut besucht mit älterem Publikum, nachdem das Stück eine Tragödie war, aber überfüllt war es nicht. Im Saal waren sogar noch einige Stühle frei.
      Unter den Menschen waren sogar gleich zwei andersartige Geschöpfe, ein älterer Mann mit einer wesentlich jüngeren Dame als Begleitung, die zwar normal und elegant wirkte, aber zu oft schluckte, als dass es vertretbar gewesen wäre. Der Mann schien dabei recht unbeteiligt, ließ aber einen beständigen Blick über Vincents Umgebung schweifen, während er offensichtlich nach dem Ursprung des langsam schlagenden Herzens Ausschau hielt. Die beiden redeten nicht groß miteinander, aber zumindest hatte die Frau sich bei ihrem Begleiter untergehakt.
    • Simon dachte sich so einiges über diesen seltsamen Doktor und auch wenn er normalerweise nicht auf den Mund gefallen war, so behielt er sich doch das Meiste davon. Sein Arbeitgeber hatte ihm genug Anstand beigebracht, um Leute nicht vorsätzlich zu beleidigen.
      "Wenn Sie ihm die Wahl lassen, dann wird er das bei sich machen wollen, so viel kann ich Ihnen schonmal verraten. Und dann wird er sich wie Sie eben auf die Zunge beißen und versuchen, an einen öffentlicheren Ort zu denken. Was an einem langweiligen Ort wie Cambridge ziemlich schwierig sein dürfte."
      Simon zuckte einmal mehr mit den Schultern. Was die beiden Männer machten, war ihm egal, es betraf ihn ja auch gar nicht.
      Er verabschiedete sich mit einem kurzen Salut, dann machte er sich auf den Weg zurück zu seinem Arbeitgeber, wobei er einen kleinen Schlenker über eine Bar machte, um sich noch was zu Essen zu besorgen. So späte Ausflüge machten ihn immer ein bisschen hungrig. Außerdem konnte er so den Schatten verfolgen, der der Meinung war, sich an seine Fersen heften zu wollen. Noch etwas, was ihm sein Arbeitgeber beigebracht hatte: vor den Augen der Nacht zu verschwinden. Simon ließ sich Zeit in der Bar, trödelte herum bis er sich sicher war, dass sein Schatten nach dem Hinterausgang suchte, bevor er durch den Haupteingang verschwand und über einige Umwege seinen Weg nach Hause fand. Seinen Taktik ging auf - er erreichte sein Ziel ohne weiterer Verfolger. Selbstverständlich informierte er seine Lordschaft über den Vorfall, nachdem er seine Nachricht abgeliefert hatte. Wie er vorausgesehen hatte, machte sich sein Chef zu viele Gedanken um die Ortschaft für das Abendessen. Er schickte Simon aber erst wieder am Morgen zurück zum Doktor, um ihm das ausgewählte Lokal mitzuteilen. Irgendein Restaurant, wo die beiden schonmal gegessen hatten, aber da war Simon nicht mit dabei gewesen, also konnte er nur die Worte seines Arbeitgebers wiederholen, um das Lokal zu beschreiben. Es schien genug zu sein.
      Den Rest des Tages verbrachte Simon damit, für Nora durch die Gegend zu rennen. Hauptsächlich stellte er Besorgungen an, aber er lieferte auch einen Brief bei einem Theater ab. Was drin stand, wusste er nicht, aber Nora hatte diesen ernsten Gesichtsausdruck gehabt, den sie nur dann aufsetzte, wenn sie sich um Lord Vincent sorgte. Was der in einem Theater zu befürchten hatte, wusste Simon genauso wenig. Aber es interessierte ihn auch nicht. Viel lieber flirtete er mit der hübschen Bäckersgehilfin.

      "Wenn du noch weiter an deinem Kleid herumzupfst, dann fessle ich dir die Hände," scherzte Vincent und verdiente sich damit einen giftigen Seitenblick von Nora.
      "Dieses Ding ist viel zu bauschig, ich kann mich gar nicht richtig bewegen. Und ständig verrutscht es."
      "Das tut es nicht, Nora. Es sitzt alles da, wo es hinsoll. Es ist zum Sitzen gedacht, nicht zum durch die Gegend rennen."
      Vincent könnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Nora sah atemberaubend aus in dem Kleid, dass er ihr hatte machen lassen. Sie hatte es noch nie angezogen und auch wenn es schon ein paar Jahre alt war, so entsprach es doch immer noch der aktuellen Mode für Frauen. Und es passte perfekt zu dem Anzug, den Vincent trug. Obwohl er niemand für einen großen Auftritt war, hatte sich Vincent die Chance, sich in Schale zu werfen nicht nehmen lassen. Wo all die anderen Männer zwar einen ähnlichen Schnitt wie er trugen, bevorzugten sie doch langweiliges Schwarz mit sanft eingefärbten Westen. Vincent hingegen hatte sich für einen burgundenen Anzug entschieden, die tief ausgeschnittene Weste dazu war schwarz, genauso wie sein Hemd. Seine Fliege brachte die beiden Farben zusammen, mit ihren floralen Stickereien in rot auf schwarzem Grund. Seine Manschettenknöpfe wurden natürlich von seinem Monogramm geziert und passten perfekt in das Ensemble. Nora strahlte an seinem Arm in einem ähnlichen Muster: Ihr Kleid war schulterfrei, mit schwarzen Stickereien am Kragen, die sich über die kurzen, puffigen Ärmel zogen. Der sanft glänzende, ebenfalls dunkelrote Stoff schmiegte sich perfekt an ihren Oberkörper, bevor er fließend in einen bodenlangen Rock überging, der ihr die Möglichkeit gab, einigermaßen bequeme Schuhe zu tragen, weil man ihre Füße nicht sehen konnte. Vincent hatte für sie auf nervige Unterröcke verzichten lassen, genauso wie einen dieser hohen Kragen, die es unmöglich machten, den Kopf zu bewegen. Was Nora am wenigsten an ihrem Outfit gefiel, war das Vermögen, das an ihren Ohren und um ihren Hals hing: Vincent hatte ihr echte, klare Rubine umgehängt, die perfekt zu ihrem Kleid passten. Zusammen waren sie eindeutig das am besten ausgestattete Paar in der Zuschauermenge. Wenn man Vincent die Möglichkeit gab, seinen Reichtum zur Schau zu stellen, dann ergriff er diese auch meistens.
      Hier und da musste er ein paar Hände schütteln von Leuten, die er entfernt kannte durch den Handel den er immer mal wieder in der Stadt führte, oder von Leuten, die einfach zu neugierig waren, um den reichen Mann in ihrer Mitte nicht kennenlernen zu wollen. Vincent spielte den freundlichen, exzentrischen Lord, während sich Nora alle Mühe gab, wie seine Begleitung auszusehen und nicht wie seine Haushälterin.
      In all dem Chaos ließ sich Vincent aber nicht von dem eigentlichen Grund seines Kommens ablenken. Er hatte durchaus bemerkt, dass zwei Personen nicht in diese Gruppe aus Menschen passten. Allerdings hatte er keinerlei Interesse, sie auf sich aufmerksam zu machen. Zumindest nicht auf die Weise, wie es Artgenossen tun würden. Wenn sie den Lord bemerkten, sollte es eben so sein. Wenn sie bemerkten, dass der Lord einer von ihnen war, dann sollte es eben so sein. Vincent würde sich auch auf ein etwaiges politisches Spiel mit ihnen einlassen. Aber er machte einen Punkt daraus, die beiden nicht als Erster anzusprechen. Er war ja schließlich hier, um sich einen netten Abend zu machen, nicht um sich mit einem Nest in seiner Nachbarschaft zu beschäftigten, nein, nein. In einem ruhigeren Moment stellte er allerdings sicher, dass Nora wusste, auf wen sie aufpassen musste, sollte sie allein durch das Theater wandern. Er wollte nicht ihr Leben riskieren, während er sich um seine Probleme kümmerte. Nora wusste sich zu verteidigen und für diesen Abend hatte er sogar Simon beauftragt, Nora ein Silbermesser zu besorgen. Sie hatte es nicht annehmen wollen, aber Vincent hatte sich geweigert, sie ohne aus dem Haus zu lassen. Mit ein bisschen guten Zureden von Simon hatte sie es dann endlich angenommen und verwahrte das Messer nun in einem Strumpfband an ihrem Oberschenkel.


    • Das Theaterstück begann mit einer über alle Maßen geschminkte und herausgeputzte Ophelia Denize Ruby Jane Clare Mary Grace Judeth Lydia Anne in der Rolle der Herzogin, die ihren Haushofmeister heimlich heiratete und unter überzogenen Gestiken ihre unendliche und bedingungslose Liebe zu ihm herausposaunte. Sie hatte das unglaubliche Talent dazu, in einer Sekunde an einer Stelle ihre Monologe zu schwingen und in der nächsten die Länge der Bühne zu beanspruchen, als wäre sie ihr persönliches Eigentum, das Herzogtum der herrschenden Herzogin. Sie warf sich ihrem Schauspiel-Kollegen an den Hals und vollzog den ersten Akt mit einer Dramatik, die dem Londoner Theater durchaus hätte gerecht werden können.
      In der Pause schien das Vampir-Pärchen endgültig herausgefunden zu haben, dass Vincent und Nora die Objekte ihrer Begierde waren. Sie starrten nur allzu offensichtlich zu ihnen hinüber und während der Mann einen eher durchdringenden Blick aufgelegt hatte, waren die Augen der Frau groß und wundersam, als wäre sie entzückt über das Wunder einer solchen Begegnung, die sich jeden Moment ereignen konnte. Und das tat sie auch - bevor die Pause vorbei und die Glocke die Gäste zurück in den Saal holen konnte, schob sich das Paar zu ihnen hindurch und stellte sich bei ihnen auf, als wären sie alte Bekannte, die sich nicht zu begrüßen brauchten.
      "Harker? Vincent Harker? Von Harker Heights?"
      Der Mann sprach in die Luft, denn er schien entweder nicht das Bedürfnis zu haben, seinen Gesprächspartner mit seinen Augen wahrzunehmen oder die Menge weiter im Auge zu behalten. Die Frau lächelte dafür, auch wenn sie nichts sagte.
      "Was verschafft uns die Ehre? In diesem Dörfchen?"


      Thomas hatte sich auf einer Feuerleiter positioniert.
      Er saß schon seit kurz vor Sonnenuntergang dort, als die Straßen noch frei begehbar waren und er sich nicht um irgendwelche potentielle übermenschliche Verfolger kümmern musste. Er hatte den Nachmittag damit zugebracht, seine Fallen auszulegen und nachdem es am Abend wieder angefangen hatte zu schneien, dicke, schwere Flocken, die sich auf das allgemeine Schneegestöber legten wie frisches Puder, war es nicht überraschend, dass ihm kalt war und seine gute Laune sich der Wettertemperatur angepasst hatte. Er hatte seine Armbrust über dem Schoß liegen, den Bolzen daneben, bereit dazu, beides zu verwenden, sobald er das verräterische Rascheln in dem Müllhaufen unter sich hörte. Der geöffnete Beutel mit menschlichem Blut lag tief genug in dem Container, dass - wer auch immer ihn zu erreichen versuchte - erst den Müll zum Einsturz bringen würde, bevor er den Beutel in die Hände bekommen würde. Allein hätte eine solche Falle vermutlich nicht ausgereicht, aber Thomas hatte sich schließlich auch genug Mühe gegeben, eine ganze Spur bis hierher zu legen. Alte Vampire würden wohl nicht darauf hereinfallen, aber er wollte schließlich auch einen jungen erwischen, wovon es genug geben sollte.
      Er schob die Hand in seine Tasche, langsam, damit die minimalen Geräusche, die laut genug für einen Vampir gewesen wären, in dem allgemeinen Hintergrund des Abends untergingen, und schloss die behandschuhte Faust um den mittlerweile zerknitterten Zettel. Er dachte an Vincent, wobei es wohl keinen Moment in den letzten drei Monaten gegeben hätte, in dem er das nicht getan hätte. Der junge Bote war noch einmal bei ihm gewesen, aber er hatte nichts persönliches von Vincent berichtet, als dass sie wieder zur Goldenen Krone gehen würden. Thomas war das recht, ihm wäre alles recht gewesen. Ihm wäre vielleicht sogar ein Abendessen bei ihm Zuhause recht gewesen.
      Ein Rascheln unter ihm ließ ihn aufhorchen, aber er blieb still sitzen. Sein Herzschlag war der verlangsamte Schlag eines Schlafenden; solange er keine Geräusche machte, würde ein Vampir auf die Idee kommen, dass er einer der sicherlich vielen Schlafenden in diesem Haus waren. Er musste nur abwarten, bis der Müll in sich zusammenfiel und bis er sicher sein konnte, dass nicht ein Zivilist dort herumstöberte. Immerhin hatte er sich extra auf leise Waffen beschränkt, die das Innere seines Mantels ausschmückten, um die Gegend nicht zu alarmieren.
    • Das Theaterstück war gelinde gesagt verwirrend. Ophelia legte alles, was sie hatte, in ihre Darstellung, aber ihre Energie wurde nicht vom Rest der Schauspieler weitergetragen, was sie aussehen ließ, wie blutige Anfänger. Wahlweise ließ es sie aussehen wie eine blutige Anfängerin. Dazu war es nicht unbedingt ein Stück, das Vincent gefiel, was es nicht besser machte. Er sehnte die Pause herbei und verließ beinahe fluchtartig den Bühnensaal, kaum war der Vorhang gefallen.
      Nora folgte ihm an die Bar, gönnte sich ebenfalls einen Drink, wenn auch einen sehr viel leichteren als Vincent.
      "Wir bekommen Besuch," murmelte Vincent in ihre Richtung, als er die beiden unmenschlichen Gäste des Theater näherkommen hörte.
      Sie waren wirklich leicht zu bemerken, wenn man ein Jahrhundert auf dieser Erde zugebracht hatte.
      "Vincent Caley, Lord von Harker Heights, aber ja, das bin ich," antwortete er dann auf die doch recht unhöfliche Nicht-Begrüßung durch die beiden anderen Vampire.
      Er wartete, bis sein Drink wieder aufgefüllt wurde, bevor er sich umdrehte und gegen den Bartresen lehnte. Er nahm sich Zeit, die beiden Individuen zu mustern, machte keinen Hehl daraus, was er von ihrem barschen Vorgehen hielt, während er an seinem Drink nippte.
      "Für gewöhnlich stellt man sich vor, bevor man Beweggründe erfragt. Beweggründe, die Sie gelinde gesagt nichts angehen. Ich kenne Sie nicht und für gewöhnlich lege ich keine Rechenschaft vor Fremden ab."
      Er lächelte, eine herablassende Geste, und nippte erneut an seinem Drink. Das hier war sein Spielfeld und diese beiden taten besser daran, das schnell zu begreifen. Nora tat ihr Bestes, seine Haltung zu imitieren. Sie mochte zwar nur ein Mensch sein, aber sie wusste es besser, als kleinbeizugeben, wenn sie sich mit Raubtieren konfrontiert sah. Und sie tat es mit Leichtigkeit. Sie wusste, Vincent würde nicht zulassen, dass ihr etwas geschah. Und sie wusste, dass Vincent jeden Pazifismus mit Freude ablegen würde, wenn einem seiner Schäfchen etwas passierte. Sie hatte es schon erlebt. Nora, in einem Raum voller Vampire, hatte keine Angst.


    • Der Mann ließ sich jetzt doch dazu ab, Vincent einen Blick zu schenken, der allein schon zu sagen schien: "Du legst noch Wert auf Titel?" Dann folgte das dazugehörige Schnauben und er musterte wieder eine andere Stelle im Raum, zu gut dafür, dem besagten Lord mehr als nur seine Anwesenheit zu schenken. Die Frau wirkte ein wenig unsicherer als noch vorhin.
      "Ich halte nichts von Vorstellungsrunden, das verschwendet nur Zeit. Außerdem wüsste ich gleich zwei Gründe, weshalb mich das etwas angehen sollte."
      Sein Blick richtete sich wieder auf Vincent und streifte dabei Nora nur ganz kurz, wie um zu zeigen, dass er sie nicht vergessen hatte.
      Die Frau an seiner Seite räusperte sich einmal laut.
      "Wir haben uns gefragt, Herr Lord Harker, ob Sie und Ihre Begleitung uns nicht vielleicht Gesellschaft leisten mögen. Man begegnet sich ja nicht oft in... unter solchen Umständen."
      Ein nicht überzeugtes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Im Gegensatz zu dem Mann gab sie sich größte Mühe, sowohl Vincent als auch Nora anzusprechen. Sie schluckte zwei Mal.
      "Wussten Sie, dass die Schauspielerin auch eine... äh..."
      Das Lächeln schwand ein wenig und sie sah zu ihrem Begleitung für Hilfe, die er ihr nicht anbot.
      "... Nun, Sie wissen schon. Es ist doch toll, dass es hier so viele... äh... von uns gibt, nicht wahr?"
      Jetzt war das Lächeln doch wieder da und ihr Begleiter gab ein leises Schnauben von sich. Dessen Blick hing noch immer auf der Menge und jetzt wurde langsam ersichtlich, dass er tatsächlich nach jemand Ausschau halten musste.
      Die Frau sprach weiter.
      "Vielleicht können wir nachher einen Blick hinter die Bühne erhaschen, das wäre doch toll, nicht? Würden Sie uns da begleiten, Lord Herr Harker?"


      Es raschelte noch einmal und dann erklang größeres Gerumpel, als der Müllhaufen einbrach.
      Thomas bewegte sich in Zeitlupe, als er seine kalten Beine entfaltete und sich langsam aufrichtete. Es dauerte viele, lange Sekunden bis er aufgestanden war, den Bolzen in genauso langsamen Bewegungen in die Armbrust legte, peinlichst auf jedes noch so leise Geräusch bedacht, das er hätte verursachen können. Er lehnte sich leicht über das Geländer, spannte die Sehne ein, setzte die Armbrust an die Schulter und zielte. Die Gestalt war leicht vornüber gebeugt, die Arme im Müll vergraben. Sie trug nur eine Weste bei dem Wetter, das wäre schon Anzeichen genug gewesen.
      Er zielte auf ihren Rücken, auf ihr Rückgrat um genauer zu sein, und dann fuhr die Gestalt so plötzlich herum, dass sein Finger am Abzug schon zuckte. Seine Hände waren unbewegt und starr, während er beobachtete, wie die Gestalt zum Gasseneingang blickte, in der eine zweite erschienen war, ohne dass er es bemerkt hätte. Das war natürlich das Risiko, das er eingehen musste. Zu seinem Vorteil, hatte er sich noch kein Stück gerührt und war noch immer mit den Schatten der Nacht verschmolzen.
      Die beiden Figuren kommunizierten miteinander, ohne dass er es auf die Distanz hätte hören können, dann kam die zweite Gestalt näher. Sie trug einen Mantel, sie war zumindest kein blutiger Anfänger. Außerdem hatte sie den Blick niemals auf ihren Kollegen gerichtet, sondern sah sich stets nach höchst spezifischen Richtungen um. Nein, sie war sicherlich kein Anfänger.
      Er verharrte mit statuengleicher Ruhe in dem Wissen, dass keiner von beiden bisher begriffen hatte, bereits mitten in seiner Falle gelandet zu sein, und richtete sein Visier unablässig auf das Rückgrat des ersten. Die zweite kam näher. Sie sagte etwas, das Thomas nicht hören konnte. Er zielte einen Zentimeter zur Seite und drückte ab.
      Die Figur zuckte beim Geräusch der schnalzenden Sehne zurück, aber wie Thomas vorhergesehen hatte nicht zum Müllhaufen hin sondern davon weg. Hätte sie sich nicht bewegt, hätte er sie um ein Stück verfehlt, aber die Bewegungen eines Vampirs waren um einiges schneller als normale. Sie zuckte geradewegs in seinen Bolzen hinein.
      Das Rückgrat traf er nicht, aber die Seite der Brust, etwa auf Lungenhöhe. Die Gestalt schrie in einem Wehklagen auf und ging zu Boden, obwohl der Bolzen gar keine tödliche Stelle erwischt hatte. Ein frischer Vampir, das Silber musste seine Schmerzgrenzen sprengen. Er weinte.
      Der andere riss den Kopf herum und funkelte Thomas entgegen, der die Armbrust in eine Schlaufe unter seinem Mantel steckte, sich behände über das Geländer schwang und nach unten kletterte. Er hatte eine Machete gezogen, aber die Gestalt hatte sich nicht gerührt, als er auf den Boden sprang. Er hatte sogar Zeit, seine Pistole in aller Ruhe hervorzuziehen, zu entsichern und auf die Gestalt zu ziehen. Die andere krümmte sich auf dem Boden, schaffte es endlich den Bolzen hervorzureißen und wimmerte. Jetzt war es wohl laut genug gewesen, um auch einen Pistolenschuss zu rechtfertigen.
      Thomas war schweinekalt, aber seine Hände zitterten nicht, als er das Visier unbewegt auf die Stirn der Gestalt richtete. Dunkle Augen funkelten ihm durch das Schneegestöber entgegen, ein regungsloser Körper.
      "Wer von uns wird schneller sein?"
      Sein Finger spannte sich um den Abzug.
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