[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • „Mein ganzes Leben hat man versucht, mir einzutrichtern, dass ich als Seeker etwas Gutes tue. Aber ich beginne langsam zu begreifen, dass ich die falschen Monster gejagt habe.“
      Michael hatte darauf nur ein beinahe mitleidiges Gesicht für Cain übrig. Noch immer saß er entspannt auf seinem Stuhl, während neben ihm die Übertragung gnadenlos weiterlief. „Du hast zweifellos etwas Gutes getan. Viel zu wenige sind in der Lage, die Andersartigkeit der Seelen spüren zu können. Wir sind auf Leute wie dich angewiesen, Cain, ob du es wahrhaben willst oder nicht. Du hast monströse Seelen gejagt, die manchmal einfach nur die Seelen von Menschen waren. Wo ist dann der Unterschied, wer das wahre Monster ist?“
      Er neigte seinen Kopf ein wenig zur Seite und beobachtete den jungen Mann weiterhin ganz genau. Dabei interessierte er sich nicht, was auf dem Bildschirm passierte. Entweder, er wusste es schon, weil die Aufnahme veraltet war, oder er wusste es, weil ihm das Prozedere nicht neu war. Doch für den Seeker würden es quälende Bilder werden, dessen war sich Michael mehr als bewusst.

      Ein Mann betrat den Raum, gekleidet in den gleichen Kittel wie Sylea ihn trug. Sie verrenkte sie beinahe den Hals, um einen Blick schon von Weitem auf den Mann erhaschen zu können, der sich mit schlendernden Schritten näherte. Er war groß, vermutlich um die dreißig Jahre alt, und hatte rotbraunes, langes Haar, das in einem Zopf zurückgebunden worden war. Seine Augen waren braun, ein hübsches, helles Braun, und er sah Sylea interessiert an, als er näherkam.
      „Wie alt ist sie? 18?“, fragte er und seine tiefe Stimme ließ irgendetwas in Sylea erschaudern.
      „Mach dir keine Gedanken, Gerrit. Wir setzen dir schon keine Jugendliche vor“, wehrte ein Arzt ab und bereitete ein Tablett vor, auf dem ein Handtuch, irgendeine Dose und scheinbar feuchte Tücher drapiert lagen. Er stellte es auf einem beweglichen Wagen seitlich von Syleas Hüfte.
      Ihre Augen zuckten von dem Tablett zu Gerrit. „Du bist Gerrit?“
      Gerrit blieb an Syleas Knöcheln stehen und sah sie mit gehobenen Augenbrauen an. „Jep, der bin ich. Hab ich mittlerweile schon einen Ruf oder was ist hier los?“
      „Sie hat einen Funkspruch gehört“, mischte sich einer der Ärzte ein und holte aus einer Schublade ein recht auffälliges Stoffstück mit Bindung heraus.
      Syleas Augen wurden groß. „Wieso wollt ihr mich knebeln?!“
      „Hey, hey, lasst das mal schön sein. Ihr müsst das arme Ding nicht auch noch mundtot machen.“ Gerrit schlug dem Arzt den Knebel beinahe schon aus der Hand. „Ich mag es lieber, wenn man sie hört.“
      Jetzt wurde Sylea wirklich anders. So richtig erschloss sich ihr immer noch nicht, was hier vonstattenging. Trotzdem fing sie langsam an zu zittern, sei es aus Angst oder aus Aufregung. Gerrit schien das zu bemerken und legte eine Hand auf ihren Spann und streichelte sanft mit seinem Daumen über ihre Haut. Beruhigend. Bestätigend. „Alles gut.“
      „Nichts ist gut!“, entfuhr es Sylea und ihre Stimme brach am Ende. Sie wollte nicht von irgendwem hier angefasst werden. Mit Horror in den Augen sah sie zu, wie sich Gerrits Hand von ihrem Fuß hoch zu ihrem Schienbein bewegte, immerzu diese zarte Berührung, die eine Gänsehaut bei dem Mädchen auslöste. Sie versuchte sich zu bewegen, irgendwie der Berührung auszuweichen, aber es war zwecklos. Hilfesuchend schaute sie zu den beiden Ärzten. Einer hielt den Blick auf die Messwerte auf dem Bildschirm, der andere hatte sich gesetzt und sah Gerrit unbeteiligt zu.
      Indes trat Gerrit um Sylea herum und stand nun zwischen ihren Füßen. Noch waren ihre Beine lang ausgestreckt und der Kittel reichte ihr bis zu den Knien, aber seine Hand tauchte schon unter den Kittel und weiter hinauf. Er machte Halt an der Innenseite ihrer Oberschenkel und Sylea wurde schlecht.
      Den Fortbestand sichern. Der Schmerz, als sie aufwachte. Der negative Test. Die gesundheitlichen Überprüfungen. Mairead. BZ…
      Ooooh nein“, stöhnte Sylea, als es ihr dämmerte, was hier abging. „Nein, nein, nein, nein! Das kann nicht euer Ernst sein! Was seid ihr für widerliche Menschen! Das geht nicht! Ascan wird nicht –„
      Sylea brach ab. Noch immer war von Ascan keine Spur zu fühlen. Sie war allein in ihrem Kopf, sie war allein hier, sie wusste nicht, wo er oder Cain gerade waren. Hier festgeschnallt, ohne übermenschliche Kraft oder die Fähigkeit, ihre Aura gezielt zu steuern, war Sylea machtlos. So machtlos, dass sie nur frustriert und verängstigt aufschreien konnte, als Gerrit noch einen Schritt näher auf sie zu trat.
    • Ein erbarmungsloses Rauschen erfüllte seine Ohren und übertönte alles, was Michael noch zu sagen hatte. Ein Sturm tobte in seinem Kopf und es gab in diesem Moment nichts, was ihn weniger interessiert hätte, als das Gewäsch des Mannes, der darüber hinaus noch die Dreistigkeit besaß ihn mit der Andeutung von Mitleid zu betrachten.
      Michael schenkte dem Monitor keine Beachtung. Er schenkte dem Raum keine Beachtung, in dem sich gerade der blanke Horror entfaltete. Die Entfernung zu dem flackernden Bildschirm war ein Segen, doch die Tonspur reichte aus, um Cain ein ganz genaues Bild davon zu liefern, was diese Monster mit Sylea planten. Er hatte es geahnt. Die Gesprächsfetzen hatten es ihm verraten.
      "Ich mag es lieber, wenn man sie hört...Alles gut."
      "Nichts ist gut!"
      Sieh hin!, wollte Cain ihm ins Gesicht schmettern. Verdammt nochmal, sieh hin, du Feigling!
      Doch als der Seeker den Mund öffnete, kam lediglich ein gequältes beinahe würgendes Geräusch heraus, dass nichts mehr mit einem Menschen gemein hatte. Es gab nichts, dass er hätte sagen können. Es gab nichts, dass er hätte tun können.
      "Nein, nein, nein, nein! Das kann nicht euer Ernst sein! Was seid ihr für widerliche Menschen! Das geht nicht! Ascan wird nicht –"
      Syleas Angst dröhnte überdeutlich durch die Übertragung und seine goldene Aura lieferte ein Echo, obwohl das Seelenband totenstill zwischen ihnen blieb. Der schillernde Nebel reflektierte die grenzenlose Panik mit einem plötzlichen Puls, der durch den Raum fegte. Wenn die metallische Fußfessel wirklich dazu genutzt wurde, um seine Vitalparameter zu überwachen, dürften sein Blutdruck und seine Herzfrequenz gerade die Skala sprengen. Sein gesamter Biomechanismus stand binnen weniger Minuten unter absolutem Stress.
      Der Aurapuls ließ auf seinem Weg die wenigen Möbel im Raum erzittern. Es war so subtil, dass ein Blinzeln ausreichte, um es zu verpassen. Das Bett knarzte unter dem Druck, Tisch und Stuhl bewegten sich um wenige Millimeter von dem angespannten Seeker fort. Seine Fingernägel kratzen über den Boden und an der Tapete, wo er leichte Furchen in der billigen Raufaser hinterließ.
      Sieh hin!...Sie gefälligst hin!, begehrte sein Inneres auf und Cain wartete.
      Er hoffte auf etwas, das nicht geschah.
      Der Seeker hoffte auf die schattenartige Schwärze, diese zügelloses und alles verzehrende Dunkelheit, die sich seiner bemächtigte. Er hoffte auf den dunklen Teil seiner selbst, die sich auf Michael und alle stürzen würde, die für diese Grausamkeit verantwortlich waren. Das erste Mal sehnte er sich nach der grenzenlosen Gier des Grimms, nach diesem Gefühl eines schwarzen Loches in seiner Seele, das nie gefüllt werden konnte. Es war ihm egal, dass der Grimm nicht aus Edelmut handeln würde. Es war nicht Cains brennende Wut, die ihn lockte, sondern allein die süße Angst von Sylea, nach der er sich verzehrte und die so verlockend in seinen Ohren bebte.
      Doch der Grimm schlief.
      Tief und fest.
      "Beende das, Michael!", krächzte Cain, unfähig sich zu rühren, so stark vibrierte sein Körper.
      Aus der Entfernung vernahm er das schrille Piepen von Messgeräten, das sich mit den verängstigten Schreien mischte.
      "BEENDE DAS!", brüllte er und augenblicklich drückte ihn eine unsichtbare Wucht in die Ecke.
      Mit einem Krachen flog sein Kopf gegen die Wand und Cain stöhnte schmerzerfüllt auf. Die goldene Aura hatte sich schlagartig ausgedehnt und war dabei in Kontakt mit der Barriere gekommen. Nun zuckte sie zurück wie ein verletztes Tier.
      "Das könnt ihr nicht machen..." keuchte er vor Schmerz auf und starrte Michael hasserfüllt an. Er der seinen Blick von dem Grauen abwandte, dass er über ein unschuldiges Mädchen brachte. Etwas zuckte auf Cains Gesicht und seine Stimme zitterte, wirkte beinahe verzerrt. "Sieh gefälligst hin, du Bastard!"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Michaels Gesichtsausdruck verspannte sich, je mehr man von Syleas verzweifelten Versuchen mit anhören musste, von dem Tisch und Gerrit wegzukommen. Ihm selbst fiel der Aurapuls nicht auf, den der Seeker in seiner Zelle generierte, wohl aber das kaum wahrnehmbare Zucken der Möbelstücke. Er wurde hellhöriger und auch die Forscher hinten am Rondell wurden ein wenig hektischer in ihren Abläufen. Irgendwo hörte man jemanden freudig japsen – vermutlich Vaughn.
      „Beende das, Michael!“, krächzte der Seeker und Michael besaß allen Ernstes die Dreistigkeit, das Gesicht missmutig zu verziehen.
      „Ich kann nicht, Cain. Nicht nur du trägst eine Fessel“, war seine missmutige Antwort und anscheinend auch der Grund, weshalb der Mann nicht glücklich aussah.
      BEENDE DAS!“
      Nun zuckte Michael tatsächlich das erste Mal zusammen, aber nicht wegen des Schreis an sich. Es war die heftige Reaktion des Bannkreises, die Cain regelrecht zurückwarf und das Geräusch seines Kopfes an der Wand hallte in seinem eigenen Kopf nach. Es war ein furchtbares Geräusch, das er in viel zu vielen Zusammenhängen schon gehört hatte. Weil jemand gewaltsam zu Boden geworfen wurde. Weil jemand sich selbst immer wieder gegen die Wand schlug in der Hoffnung, es hörte irgendwann auf.
      Michael kehrte nicht in seine entspannte Haltung zurück, sondern legte seine Unterarme auf seinen Beinen ab und lehnte sich vor. In seinem Gesicht stand ein Nachdruck, den jemand ohne sein Wissen nicht nachvollziehen konnte. „Ich darf es nicht. Cain.“
      Sieh gefälligst hin, du Bastard!“ Die Stimme war kaum noch als menschlich zu beschreiben.
      Doch Michael schwieg, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst. Neben ihm lief der Horrorfilm weiter, der für eine Person schreckliche Realität war.

      „Könnt ihr die Beine hochfahren?“
      Ein eiskalter Schauer nach dem nächsten jagte Syleas Körper entlang, als sich die Ärzte dem Wunsch beugten und die sich die Liegen unter ihren Beinen bewegten. Sie klappten sich leicht ein und fuhren hoch, sodass Sylea ihre Beine anwinkeln musste. Ihr Kittel rutschte immer höher und höher, bis er irgendwann ihren Unterleib nicht mehr bedeckte und Gerrit ihn zu allem Übel noch über ihren Bauchnabel hochschob. Er betrachtete den freigelegten Abschnitt ihres Körpers ohne den Hunger und das Funkeln, das Cain immer in seinen Augen trug. Gerrits Blick war berechnend, als würde er täglich so etwas sehen.
      Sylea wurde übel. Sie wollte nicht, dass er sie so ansah. Dass diese fremden Leute sie so ansahen. Sie wollte auch nicht, dass man sie anfasste. Sie wollte runter vom Tisch, sie wollte raus aus dem Raum, weg von den Männern und dahin, wo Cain war. Noch sperrte sich Sylea gegen die Tränen, die schon in den Augenwinkeln lauerten. Noch wollte sie stark sein.
      Gerrits Finger wanderten noch höher über die weiche Haut ihres Innenschenkels. Sie zitterte immer stärker, je näher er sich ihrer Mitte wagte. „Lass das…“, versuchte sie eine schwache Gegenwehr, aber ihre Stimme war leise, angsterfüllt.
      Aber Gerrit stoppte nicht. Sylea schnappte nach Luft, als er mit seinen Fingern über ihre Mitte strich und dann ganz gezielt nach ihrer empfindlichen Stelle suchte. Sofort verkrampfte sich Sylea, Eis bildete sich in ihren Adern aus. Sie bekam keine Luft mehr, konnte nicht atmen, fühlte sich von allem und sich selbst angewidert. Mit zusammengepressten Augen lag sie da, schutzlos ausgeliefert und versuchte, das Schluchzen bei sich zu behalten.
      "Sylea, richtig?", fragte Gerrit mit einer Gelassenheit in der Stimme, die überhaupt nicht in ihren Ohren zur Situation passen konnte. „Pass auf, es ist ganz einfach. Steh das hier durch, hoff, dass das eine Mal ausreicht und dann kannst du sofort zu deinem Partner zurück. Ist das nicht was?“
      Cain.
      Da entkam ihr doch ein leiser Schluchzer, als sie die Augen einen Spalt breit öffnete und die Kamera an der Decke zu ihrem neuen Fixpunkt auserkor. „Alles… Lügen. Ihr lügt… allesamt.“
      Seufzend machte sich Gerrit weiter an die Arbeit. Er streichelte sie mit einer Hingabe und einem Wissen, das von etlichen Erfahrungen rühren musste. Sylea wollte nicht, dass er sie so anfasste. Sie wollte nicht, dass ihr Körper von sich aus das Eis in ihren Adern schmolz und ihre Mitte feucht werden ließ. Ihr Körper wurde zu einem Verräter und nichts wäre ihr lieber gewesen, als ihn wie eine Hülle einfach abzustreifen. Doch das konnte sie nicht und musste erleben, wie ihr Atem Stück für Stück kurzatmiger wurde. Wie sich eine eindeutige Wärme in ihrem Unterleib ausbildete, ganz egal, wie sehr sie von dieser Situation abgestoßen war.
      „Ngh… Bitte nicht… Bitte… Lass das… Bitte“, flehte sie wieder, angewidert von dem Gefühl, wie leicht seine Finger über ihre empfindliche Stelle glitten.
      „Geht nicht, Liebes“, antwortete Gerrit, der dann ohne Ankündigung den Zeigefinger seiner anderen Hand in ihren Körper gleiten ließ.
      Sylea stöhnte auf, halb unter Schmerz, halb unter Lust. Sie wusste nicht, wie sehr der eigene Körper gegen den Geist arbeiten konnte, aber sie wölbte sich unter Gerrits Berührungen, der gnadenlos genau die richtigen Stellen herausfand und ihr Töne zwischen Lust und Qual entlockte. Töne, die niemanden außer Cain gehören sollten.
    • Träge blinzelte der Seeker gegen den Schwindel. Blut tröpfelte von seinem Hinterkopf und versickerte langsam im Kragen seines T-Shirts. Die grässliche Tapete hatte einen hübschen Farbtupfer bekommen, der sich deutlich von dem gelben Grundton abhob. Die Erlösung durch die drohende Bewusstlosigkeit wurde ihm nicht gewährt und seine Sinne blieben gewohnt empfänglich für alles in der unmittelbaren Umgebung. Ein schmerzhaftes Pochen und Klingeln dröhnte in seinem Kopf und trotzdem hörte er alles.
      Und es trieb den Seeker allmählich in den Wahnsinn.
      Cain erholte sich erstaunlich zügig von dem heftigen Rückschlag und stemmte sich mit Hilfe der Wände wieder zurück auf die Füße. Ruhelos begann er in dem beengten Kosmos seines Gefängnis auf und ab zugehen. Mit leicht geneigtem Kinn und vorgewölbten Schultern huschte sein Blick gehetzt durch das Zimmer über fensterlose Wände und schließlich zu dem einzigen potentiellen Fluchtweg. Der Seeker ähnelte einem gestressten Raubtier, das unaufhörlich nach einem Weg in die Freiheit suchte.
      Syleas angsterfüllte Stimme war alles, das noch zu ihm durchrang und selbst Michael verschwand im Hintergrund seiner Wahrnehmung. Es interessierte ihn nicht länger, welche armseligen Rechtfertigungen der Mann ihm auftischte. Er über das Stadium der Rationalität längst hinaus. Alles, was er mit eindeutiger Sicherheit wusste, war, dass das Mädchen, das er liebte gerade ein grausames Schicksal erfuhr und er zur Tatenlosigkeit verdammt war. Es war pure Folter, die Michael ihm gerade aussetzte und es zermürbte ihm das Hirn.
      Ruckartig richtete Cain seiner Position neu aus, als er Gerrits Stimme über die Boxen vernahm, deren Nüchternheit ihm die Galle in die Kehle drückte. Seine Finger krümmten sich, zuckten, streckten sich wieder und ballten sich zu fest geschlossenen Fäusten. Der Seeker wusste lediglich aus seinen nebligen Erinnerungen an die Zeit im Hellgate, wie sich ungetrübte Mordlust anfühlte. Der metallische Geschmack von Blut flutete seinen Mund, doch es war nicht die brennende Emotion, die dieses Mal für das Phänomens verantwortlich war. Cain hatte sich auf die Innenseite seiner Wange gebissen. Der Schmerz schenkte ihm einen flüchtigen Moment der Klarheit.
      "Ngh… Bitte nicht… Bitte… Lass das… Bitte."
      Sylea wimmerte...und dann ein Stöhnen. Qualvoll, verängstigt, aber auch gespickt mit erzwungener Lust. Er verfluchte den Reflex, der seinen Kopf weiter zur Seite riss und dafür sorgte, dass sich sein Blick auf den Monitor heftete. Ein Mann, Gerrit, hatte sich zwischen den gespreizten Beinen von Sylea platziert und die Bewegungen seines Armes war selbst auf dem kleinen Bildschirm unmissverständlich.
      Etwas riss.
      Cain hörte es.
      Es zerriss tief in ihm.
      Mit einem Ruck zog er seine Aura eng um seinen Körper zurück und beugte leicht die Knie. Der Seeker richtete seine glühenden Augen, aus deren Augenwinkel plötzlich sichtbar ein goldener Nebel austrat. Seine Pupillen dehnten sich aus, flackerten, zogen sich wieder zusammen. Alles geschah innerhalb weiniger Sekunden, da stürzte der Seeker frontal auf die Barriere zu.
      Kurz bevor sein Körper auf die unsichtbare Wand prallte, explodierte die goldene Aura mit solcher Intensität, das die Druckwelle die Möbel in seiner Zelle rückwärts gegen die hinterste Wand schleuderte. Mit all seiner Kraft stemmte sich Cain gegen die Barriere, die ihn von der Freiheit und seinem Weg zu Sylea trennte. Im Licht der Neonlampen wirkte das Flackern seiner Pupillen noch intensiver, als büßte sie langsam ihre Form ein, als wären die Grenzen zwischen Pupille und Iris verwischt worden.
      Cain drückte erbarmungslos nach vorn, ungeachtet des brennenden Schmerzes, der sich über seine Haut ausbreitete. Ein Grollen löste sich tief in seiner Brust, als er den ersten Fuß über die Linie aus Runen setzte. Er schaffte sogar sein zweites Bein nachzuziehen, dann schnappte die Barriere mit aller Härte zurück. Wie eine Strohpuppe wurde Cain zurückgeschleuderte und schlitterte über den Boden bis er bäuchlings und regungslos liegen blieb. Dieses Mal wurde ihm kurzzeitig schwarz vor Augen.
      Er konnte nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen. Außer das unerträgliche Brennen auf seiner Haut während seine Aura sich Stück für Stück wieder zusammenfügte. Der Stunt hatte sie wortwörtlich auseinander gefetzt.
      Das leere Gesicht war auf Michael gerichtet.
      Es dauerte einen Augenblick bis ein wenig Leben in den Körper zurückkehrte und es war nicht genug, dass Cain sich bereits wieder bewegen konnte. Für ein klägliches Zucken seiner Hände reichte es gerade aus. Als er endlich wieder Luft bekam und er sich daran erinnerte, wie Wörter funktionierten, erkannte er seine eigene Stimme nicht mehr.
      "Warum? Warum tust du das? Warum zeigst du mir das?", würgte Cain mit unendlich dünner Stimme hervor, die bei den letzten Silben brach. Etwas Nasses tröpfelte über seinen Nasenrücken und auf den kalten Zellenboden, trübte seinen Blick bis die Zelle vor seinen Augen verschwamm. Hilflosigkeit und die schiere Verzweiflung nahmen Cain die Luft zum atmen. Durch die Taubheit spürte er nicht, wie er am ganzen Leib zitterte. Doch er hörte den gequälten Laut aus seiner eigenen Kehle, an dem er beinahe erstickte und der ein entsetzliches Echo zu Sylea bildete.
      Er hatte versagt. Er hatte versprochen, sie zu beschützen.
      "Bitte...Beende das. Du weißt, dass das nicht richtig ist...Bitte", flehte er mit erstickter Stimme. "Ich flehe dich an, Michael. Bitte."


      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Michael tat nichts anderes, als Zeuge zu sein, wie die Szenen nicht nur Sylea, sondern auch Cain wortwörtlich zerriss. Je länger die Folter andauerte, desto weniger gut sah Michael aus. Sein Gesicht war zwar nicht verfärbt, aber man sah ihm außerordentlich gut an, dass ihn sowohl Ton als auch Sicht nicht unbeeindruckt ließen. Vor ihm begann der Seeker in seiner Zelle zu tigern und er konnte ganz genau nachvollziehen, wie er sich dort fühlen musste. Auch Michael kannte diese Seite der Zelle, nur war er deutlich kooperativer gewesen als Cain jetzt. Mehr als ihm einen guten Rat konnte er ihm nicht erteilen. Jetzt war der Mann dazu verdammt, den Seeker bis in seine Grundfesten zu zerstören.
      Dann erklang Syleas verzweifelte Bitte um Erlösung und das folgende Stöhnen ließ selbst Michael resignierend seine Lider schließen. Egal, wie oft er das mitanhörte – die Schreie verfolgten ihn vermutlich sein Leben lang. Dadurch entging ihm, wie Cain seine Aura sammelte und die Knie beugte. Dann knallte es und Michael riss seine Augen erschrocken auf. Die gesamten Möbel waren komplett gegen die Wand gepresst worden und Cain hatte wieder um erstaunlich viel Schritte die Grenze der Barriere übertreten. Langsam aber sicher wich das menschliche aus den Gesichtszügen des jungen Mannes und jetzt sah Michael das erste Mal selbst den Goldschimmer, der sich um Cains Augen auszubreiten schien. Eine wunderschöne Farbe mit wunderschönem Funkel, eingesetzt zu einem so schrecklichen Zwecke.
      Als Cain dieses Mal zurückgeschleudert wurde, erhob sich Michael von seinem Stuhl. Er machte einen Schritt auf die Barriere zu, hielt dann aber inne. Dass sich der Seeker die ersten Augenblicke nicht bewegte, war normal. Aber es verstrich tickend die Zeit, Sekunde um Sekunde, in denen er einfach nur reglos am Boden liegen blieb. Michael sah das Gesicht und die Augen, die keinen Fokus fanden. Er sah das Blut, dass sich langsam den Weg über dessen Gesicht bahnte und er sah, wie die Hände des Seekers zuckten. Noch ehe sich der Körper bewegen konnte, fand der junge Mann die Stimme wieder und erntete damit Michaels wahre Anerkennung.
      „Warum? Warum tust du das? Warum zeigst du mir das?“, würgte Cain hervor und Michael kniff die Lippen zusammen.
      Dann zuckte seine Hand plötzlich zum Monitor und er stellte die Szene ab. Stille erfüllte sofort den Raum, das grausame Bild war verschwunden. Die Frage, von wann die Aufnahme war, blieb allerdings bestehen.
      „Weil es eine Strafe ist“, sagte Michael schließlich leise, nicht gewillt, Cain wirklich die Wahrheit zu sagen, weshalb er diese Übertragung gestartet hatte. Er hatte ein gewisses Erscheinungsbild zu wahren, aber mit solch einer Intensität, wie sich dieser junge Mann immer wieder in die schreckliche Barriere warf, konnte er nicht mehr den eiskalten Gentleman miemen.
      „Bitte… Beende da. Du weißt, dass das nicht richtig ist… Bitte. Ich flehe dich an, Michael. Bitte.“
      Wie gern hätte Michael genau das getan. Wie gern hätte er wirklich diese ganze Abstrusität hier beendet. Aber seine Chance war vertan. Als er die Hallen betreten hatte, war sein Ticket für die Freiheit verwirkt gewesen. Als er dem Deal zugesagt hatte, war die Leine festgezogen worden. Es gab für ihn keinen Weg heraus, denn dafür war er nicht mächtig genug in einem Haufen voller Irrer.
      „Ich würde gerne, Cain. Wirklich. Aber es gibt mehr Leute mit Leinen als du denkst“, sagte Michael leise, wich zurück und sank wieder auf den Stuhl zurück. „Nicht jeder findet das gut, was die Rubras hier vollziehen. Wenn es nach mir ginge, dann…“
      Es düdelte leise, vertrauenserweckend, aber Michael wurde stocksteif. Mit nicht mehr so geschmeidigen Bewegungen holte er ein Handy aus seiner Hosentasche, das aufregend unaufregend aussah. Aber auf Michaels Gesicht stand nichts außer Horror geschrieben. Er ging an das Telefon und schwieg, als ihm eine Stimme etwas sagte oder eher auftrug. Das Ganze ging beinahe eine volle Minute, dann senkte er das Handy, legte auf und schluckte.
      „Es tut mir leid, Cain“, sagte er geschlagen und lehnte sich wieder zum Monitor, um ihn anzuschalten. „Das hier sind Livebilder, keine alte Aufnahme. Alles, was du siehst und hörst, ist live.“ Und damit setzte er die Horrorshow fort, wohlwissend, was die Konsequenz sein würde.

      Sylea lag schlaff auf dem Tisch. Gerrit hatte von ihr abgelassen, als er sie gewaltsam zum Höhepunkt gebracht hatte. Sie fühlte noch immer die Nachwehen, es pulsierte, es schmerzte. Sie fühlte sich dreckig, benutzt und so, so traurig. Tränen, die ihr in den Augenwinkeln gelegen hatten, waren nun über ihre Wange gerollt, still und leise, so wie es in ihrem Kopf auch war. Da war niemand, der sie begleitete. Niemand, der ihr Hilfe bot. Niemand, der ihr versicherte, es würde alles wieder gut werden.
      „Ich hasse das erste Mal…“, murrte Gerrit derweil, als er das Band in seinem Nacken löste und den Kittel abnahm. Er reichte ihm einen der Ärzte, der ihn über dessen Arm hängte und sich auf seinen Zuschauerplatz zurückzog. Dann war Gerrit wieder bei Sylea und legte ihr sein hartes Glied auf die Scham.
      Sylea fand keine Worte mehr. Die Tränen sammelten sich und folgten ihren Schwestern die heißen Wangen herab. Den schwachen Versuchen, sich von der Liege zu befreien, hatte sie eingestellt. Die Kraft war ihr am Ende einfach ausgegangen. Ihr war speiübel zumute, als sich Gerrit an ihr rieb und feuchte Geräusche provozierte. Sie konnte ihn nicht einmal mehr ansehen. Nur die schwarze Kamera oben an der Decke existierte noch in ihrem verschwommenen Blickfeld.
      „Ist gleich vorbei“, versicherte der Mann zwischen den Beinen des Mädchens und positionierte sich neu.
      Sylea verspannte sich. Ihre Beine verkrampften. Ihre Brust verlangte nach Luft und stieß sie in einem gequälten Laut aus. Jetzt weinte sie richtig, schniefte und verlor vollständig ihre Stärke. „Aaahh… bitte nicht… Ich will nur… nur zu… oh Gott, Cain“, schluchzte sie und kniff die Augen zusammen, als Gerrit den Druck erhöhte und schließlich in sie drang. Aus dem Stöhnen wurde ein Heulen, ein bitteres, herzzerreißendes Heulen. Ungeachtet dessen fing Gerrit an sich zu bewegen, hielt Sylea an ihrer Hüfte fest und trieb sich immer wieder in das Mädchen.
      „Ne-ein…. Ni-nicht… Bit-te nicht!
      Ihre Worte brachen ab, wann immer Gerrit in sie stieß. Sylea konnte nicht mehr, sie wurde schlaff auf der Liege, ihre Stimme brach und nur noch Schluchzen war zu hören, gepaart mit Lauten von Gerrit und dem, was er mit ihr anstellte.
    • "Weil es eine Strafe ist...", drang die Stimme zu ihm vor.
      Michael hatte seinen angestammten Platz verlassen und wagte sich ein Stückchen näher an die erschütterte Barriere. Es hatte alles nichts gebracht. Cain hatte sich mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, gegen die Wände seines Gefängnisses geworfen und alles, was es gebracht hatte, war ein winziger Schritt gewesen. Ein völlig unbedeutender Erfolg, der mit voller Wucht im Keim erstickt worden war.
      Der Seeker blinzelte gegen die Tränen, die erbarmungslos über sein Gesicht liefen und eine brennende Spur auf seiner Haut hinterließen.
      Er weinte.
      Frei. Ungezügelt.
      Cain glaubte nicht in seinem Leben jemals so bitterlich geweint zu haben.
      Er weinte. Um die Menschen, die bereits unter den Rubra gelitten hatten. Um sich selbst und seine Machtlosigkeit, dass Einzige zu beschützen, das ihm noch etwas bedeutete. Aber vor allem weinte er um Sylea, deren Leben nie wieder dasselbe sein würde. Jegliche Hoffnung auf ein besseres und glücklicheres Leben, so klein sie auch gewesen sein mochte, war unwiederbringlich zerstört.
      "Ich würde gerne, Cain. Wirklich. Aber es gibt mehr Leute mit Leinen als du denkst. Nicht jeder findet das gut, was die Rubras hier vollziehen. Wenn es nach mir ginge, dann…", sprach Michael weiter.
      Die Rechtfertigung verwirrte Cain und gleichzeitig machte der alleinige Versuch in unglaublich wütend. Nichts, rein gar nichts, rechtfertigte in irgendeiner Weise, was Sylea angetan wurde. Kein höheres Ziel, keine persönlichen Belange. Er wollte keine Entschuldigungen hören. Kein Ausflüchte, die versuchten das Leid zu pauschalisieren.
      Der Druck in seinem Kopf wurde stärker bis er beinahe unerträglich gegen die Innenwände seines Schädels hämmerte. Messgeräte waren nicht nötig, er spürte das sein Körper in einen Schockzustand fiel. Es war nicht länger die Nachwirkungen der Barriere, die ihn lähmten, sondern sein eigener Geist, der seinen Organismus an den Rande des Zusammenbruchs trieb. Das Herz schlug viel, viel zu schnell in seiner Brust und seine Atmung zu flach, um genügend Sauerstoff in die Lungen zu pumpen.
      "Es tut mir leid, Cain."
      "Fick dich."
      "Das hier sind Livebilder, keine alte Aufnahme. Alles, was du siehst und hörst, ist live."
      Monitor und Lautsprecher erwachten wieder zum Leben und katapultierten ihn zurück in den Horror.
      "Aaahh… bitte nicht…"
      Cain kniff die Augen zusammen, aber der Ton reichte vollkommen aus, um die schrecklichsten Bilder an die Innenseiten seiner Augenlider zu projizieren. Er bekam keine Luft. Er erstickte und ein Teil von ihm mochte in diesem Augenblick wirklich sterben. Ein Teil, den er sein Leben lang gut geschützt hatte. Diesen winzigen Teil, der die Welt und alle Gefühle darin in all ihrer schrecklichen Schönheit kannte. Cain wusste wie erfrischend Freude und Glück roch, wie honigsüß Liebe und Zuneigung schmeckten, wie heiß und sich Lust auf seiner Zunge anfühlte, wie scharfer Zorn die Kehle verbrannte.
      "Ich will nur… nur zu…"
      Er schluchzte hilflos.
      Etwas regte sich in seiner Brust, träge und in geduldiger Lauerstellung. Es rasselte zurückhaltend mit den schweren Ketten, die es gefangen hielten. Aus dem vorsichtigen Rasseln wurde ein kräftiger Zug. Ein Ruck, den Cain physisch widerspiegelte, denn sein Körper löste sich ruckartig vom Boden, bäumte sich auf nur um kraftlos zurückzusinken. Der Seeker schien sich in Zeitlupe zu bewegen, als er die Arme unter den Körper schob und sich langsam hochstemmte. Die Muskeln in seinen Armen und seinem Rücken waren dermaßen angespannt, dass die Muskeln unter der Haut zitterten. Das Gefühl in seiner Brust lockte ihn, scharrte mit den Klauen an den Wänden seines Gefängnisses, die von Sekunde zu Sekunde dünner wurden. Cain konnte es spüren und sein Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Wenn alles verloren war, was blieb dann noch?
      "...oh Gott, Cain."
      Und Cain folgte dem herzzerreißenden Flehen...und ließ los.
      Der goldene Nebel um seine Augen verlor jeglichen Glanz. Die Goldpartikel verwandelten sich in einem matten, grauen Nebel und ein befremdlicher Druck begehrte gegen die mentalen Ketten auf, die nicht Cains oder Syleas Werk waren. Eine schattenartiger Nebel, der sekündlich dunkler wurde, quoll aus seinen Augen, seinen Ohren, seiner Nase. Er infizierte die Aura des Seeker und machte sie für alle anderen plötzlich sichtbar. Bald verteilten sich die Schatten in der kompletten Zellen in einem so intensiven Schwarz, dass sie das Licht der Neonröhren zu schlucken schienen.
      "Ne-ein…. Ni-nicht… Bit-te nicht!"
      Mit ungelenken und stockenden Bewegungen kam Cain zurück auf die Füße, als gehörten seine Gliedmaßen nicht länger zu seinem Körper. Es knackte ekelerregend in seinem Genick als er den Kopf schief legte. Als wäre das Geräusch ein geheimes Signal gewesen, strömten die Schatten aus allen Richtungen auf Cain zu und krochen an seinen Beinen hinauf. Sie umhüllten den Seeker mit einer allgegenwärtigen Finsternis bis sie unterhalb seines Gesichts stoppten und langsam seine Schläfen hinaufkrochen. Dünne Ausläufer des schwarzen Nebels zuckten in Richtung der Barriere.
      Als der Seeker die Augen öffnete hatte das Schwarz beinahe die gesamte goldene Iris und das Weiß des Augapfels verzehrt. Er starrte Michael mit diesen unglaublich leeren Augen an...bis sich ein Hunger in ihnen manifestierte und die Schwärze das Gesicht des Mannes verschlang, auf dessen Wangen noch die Tränen trockneten.
      Zurück blieb eine humanoide Kreatur, die sich lauernd krümmte und ein grollendes Knurren ausstieß, das das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. Hände, nein, Klauen bogen sich in der Luft und die Kreatur glitt einen Schritt zurück.
      Für die winzigste Chance Sylea aus den Fängen der Rubras zu befreien, opferte Cain einen Teil seiner Menschlichkeit. Um Sylea zu retten, musste er zu einem der Monster werden, die er sein Leben lang gejagt.
      Und als Cain sich dieses Mal gegen die Barriere warf, ohne Zurückhaltung und mit der Intention den größtmöglichen Schaden anzurichten...ließ er auch den Grimm auf die Welt los.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Alles was du siehst und hörst ist live.
      Michael hatte diese Worte gesprochen, obwohl es nicht seine waren. Jemand anderes hatte sie ihm aufgetragen und er ahnte, dass er den Preis dafür bezahlen musste. Er wusste, dass er den Raum nicht verlassen durfte, dass das gegen die Befehle ging, die er erhalten hatte. Aber er konnte den anderen Forschern signalisieren, sich zurückzuziehen. Nur für den Fall, verstand sich. Einige wenige kamen diesem Hinweis nach, andere blieben, viel zu fasziniert von den Daten, die Cains Fußfessel ihnen lieferte. So auch Vaughn, der keine Augen für das hatte, was in der Zelle gerade vor sich ging.
      Michael konnte dem Horror nur zuschauen, der sich vor seinen Augen in der Zelle abspielte. Er spürte, wie der Bann, mit dem er den Grimm verbracht hatte, unter Spannung geriet. Immer mehr, sekündlich stärker, und das Siegel dem nicht mehr lange standhalten würde. Es hielt ihn nicht mehr auf dem Stuhl, er musste aufstehen, seine Instinkte rieten es ihm. Mit geweiteten Augen sah er zu, wie der junge Mann hinter dem schwarzen Nebel verschwand. Wie er aus Ohren, Nase und Augen quoll und den Mann einfach verschluckte, um etwas Neues zu bilden.
      Das Knurren war schlimmer als viele Geräusche, die Michael während seiner Zeit in den Hallen gehört hatte. Viele Geräusche waren grausam, angsterfüllend oder manisch gewesen. Aber nur dieses hier war so tiefgreifend, dass es auch den hintersten Teil seiner Seele zu berühren schien und ihm vermittelte, dass er hier nicht mehr heil herauskommen würde. Gerade machte sich Michael dazu bereit, Anweisungen zu bellen, da warf sich das DING gegen die Barriere, die praktisch nicht mehr vorhanden war. Der Grimm stolperte, als der Einfluss ausblieb und er regelrecht aus dem Gefängnis hätte spazieren können. Diese Barriere war mit der Aura von Cain geknüpft und mit Blut eines Rubras geschrieben worden. Der Grimm hatte buchstäblich die komplette goldene Aura gefressen und da sie fehlte, war das Hindernis nicht mehr vorhanden.
      Michael ging sofort in den Fluchtmodus. Seine Augen waren geweitet, als er den Wagen mit dem Monitor zwischen sich und dieses Monster brachte, um weiter zu flüchten. Es krachte hinter ihm, aber er drehte sich nicht um, als er weiter zu dem Rondell rannte und nun auch die Forscher nicht mehr die Ruhe selbst waren. Wie ein panischer Haufen Tauben stoben sie in alle Richtungen schreiend auseinander, selbst Vaughn hatte sein Klemmbrett fallengelassen, stand aber noch wie hypnotisiert vor dem Rondell und starrte den Grimm an.
      Vaughn stand nun zwischen dem Grimm und Michael.
      Panisch riss Michael sein Funkgerät heraus und aktivierte es: „Er ist ausgebrochen, verdammte Scheiße!“ Er hoffte auf Anweisungen. Auf Hilfe. Dass man DIE Einheit endlich schickte.
      „Gut, wir ziehen die Daten“, antwortete eine Frauenstimme sehr entspannt. „Du bleibst, wo du bist, Michael.“
      „Was?!“, blaffte er in das Gerät, als er wieder krachte und etwas anderes zu Bruch ging.
      „Wir haben noch jemanden mit deinen Fähigkeiten. Jemand Jüngeres, der hier aufgewachsen ist. Wunderbar, der Fortschritt, nicht wahr?“ Die Frau lachte und Michael fiel das Funkgerät aus der Hand, als er mit Schock auf den sich nähernden Grimm starrte.
    • Die Barriere leistete keinerlei Widerstand, als die Schattengestalt hindurch stürmte. Die fehlende Resistenz ließ den Grimm straucheln und als er den Kopf in den Nacken riss, wirkte der gesichtslose Schatten fast schon verwirrt. Ruckartig stoppte er und verharrte für einen kurzen Moment wie versteinert. Dunkle Nebelschwaden kräuselten sich um seine Beinen.
      Die Schockstarre verwandelte sich in das reinste Chaos, als Menschen in Panik wie kopflose Hühner durch den Raum stoben. Die plötzlichen Bewegungen schienen den Grimm zu triggern, denn die Kreatur ging ruckartig in die Hocke während sich zwei zuckende, neblige Arme aus der Dunkelheit zu seinen Füßen lösten. Zielsicher schnellten die Ausläufer zu beiden und die umwickelten die zwei Männer, die dem Grimm am nächsten waren.
      Panische Schreie erfüllten den Raum, die bereits wenige Sekunden später verstummten. Gurgelnde Laute ertönten aus den Kehlen, doch die Schatten verhüllten ihre Gesichter, so dass nicht zu erkennen war, was ihnen diese Laute entlockte. Die Arme der Männer, die zuvor wild um sich geschlagen hatten, wurden im Griff des Grimms ganz schlaff. Grollend schleuderte das Schattenwesen die leblosen Körper mit einem Krachen in eine Reihe von Monitoren und Konsolen. Die Körper sackten zu Boden und richteten ihre leeren Blicke an die Decke. Sie atmeten, daran bestand kein Zweifel, aber das war auch schon alles.
      Was das Gesicht des Grimms sein mochte richtete sich auf Michael und dann machte die Bestie einen Satz nach vorn. Kurzerhand schleuderte er den Rollwagen samt Monitor aus dem Weg und setzte dem Flüchtenden nach. Er stoppte auch nicht, als sich Vaughn in sein Blickfeld schob. Der Grimm stieß ein tiefes Grollen auf und seine klauenartige Hand schoss auf das Gesicht des Wissenschaftlers zu. Sie war groß genug, um Vaughns Kopf als Ganzes zu umfassen und den rundlichen Mann daran vom Boden zu heben. Ein Wimmern ertönte während Füße hilflos in der Luft strampelten. Ein Schaudern durchlief die schwarze Aura, dann wurde auch Vaughn weggeworfen, nachdem der Grimm im alles genommen hatte, was einen fühlenden Menschen ausmachte.
      Der Grimm verweilte an Ort und Stelle doch aus den Untiefen erklang ein rasselndes und langgezogenes Geräusch. Es kam aus allen Ecken gleichzeitig, als versuchte das Wesen mit seiner gesamten Aura eine Witterung aufzunehmen. Die Aura vibrierte, schlug kleine Wellen und doch stieß der Grimm ein unzufriedenes Knurren aus als hätte er nicht gefunden, was er suchte.
      Beiläufig bemächtigte er sich den beiden übrigen Männern, denen es auch nicht half, sich in den Ecken des Raumes zusammen zu kauern. Er höhlte sie aus und ließ nichts zurück außer eine leere Hülle während er zu Michael herüber glitt, als berührten er dank seiner Aura den Boden nicht.
      Fast träge streckte der Grimm seine Hand aus und seine gebogenen, aus Schatten geformten Klauen legte sich um die Kehle des Mannes. Die Schwärze strahlte nichts als eisige Kälte aus, die jegliches Empfinden von Wärme verschlang. Feine, schwarze Verästelungen krochen sein Gesicht empor näherten sich zuckend den Augen, dem Mund...
      Da lichtete sich der Nebel etwas in der Grimasse des Jägers. Gerade genug damit fast gänzlich geschwärzte Augen Michael anstarren konnten. Das Gold schien bis auf ein paar winzige Tupfer komplett absorbiert.
      Er blinzelte nicht einmal und obwohl der Grimm auf den ersten Blick keinen Mund besaß, dröhnte eine unmenschliche und verzerrte Stimme, die Cain war und auch wieder nicht, durch den Raum:
      "Wo ist sie?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es war das reinste Massaker.
      Als der Grimm sich bewusstwurde, dass ihm keine Grenzen mehr gesetzt waren, machte er auf alles Jagd, was schrie und floh. Mit Entsetzen sah Michael dabei zu, wie er die restlichen vier Forscher aussaugte und auch bei Vaughn keine Ausnahme machte. Die Pein, die die Männer anheim gesucht hatte, war unbestreitbar schlimm gewesen. So schlimm, dass Michael sich nicht vorstellen wollte, wie es sich anfühlte.
      Anstatt zu flüchten verfiel er in eine Art Schockstarre. Zwischen den Rollstühlen kauerte er auf dem Rondell am Boden. Weglaufen war zwecklos, das hatte er sehr schnell begriffen. Der Grimm war ihm körperlich überlegen, er würde lediglich ein verletztes Kitz einfangen.
      Mit geweiteten Augen starrte er die schwarze Gestalt an, die sich langsam über ihm aufbaute. Es war ein totales Schwarz, eines, das jegliches Licht einfach zu schlucken schien. An den Umrissen verlor sich die Kontur in Schlieren und fiel wie Nebelschwaden zu Boden. Dass darunter ein Mensch stecken sollte, war schwer vorstellbar. Michael wehrte sich nicht, als die Krallen kamen und sich um seinen Hals legten. Er hatte damit gerechnet, der Grimm würde ihn von Boden heben, doch nichts dergleichen geschah. Stattdessen machte sich eine Kälte in ihm breit, so schneidend kalt, dass es wie Feuer brannte. Vom Hals aus breitete sich das Gefühl aus, kroch über sein Gesicht, immer weiter, sodass Michael aus Reflex den Mund sowie die Augen schloss.
      „Wo ist sie?“
      Die Stimme war nicht mehr menschlich. Sie schien in Michaels Kopf förmlich widerzuhallen und Fragmente der Stimme des Seekers drangen hier und da an seine Ohren. Da öffnete Michael seine Augen erneut und blickte in ein fast vollständig verschlucktes Gesicht, dessen Augen erkennbar, aber kaum noch vorhanden waren. Ganz versteckt blitzte das Gold von Cain hervor, aber es sah so aus, als verlöre es gegen das Schwarz des Grimms.
      Niemand hatte Michael verboten, Syleas Aufenthaltsort zu nennen. Er hatte nur die Übertragung nicht beenden dürfen, aber alles, was danach geschah, war ihm nicht mehr nahegelegt worden. Also antwortete er ohne zu zögern, wobei es nur ein mühsam kontrolliertes Flüstern war. „Im BZ2. Befruchtungszimmer 2. Ein Stockwerk höher, über Aufzüge zu erreichen. Gibt keine Treppen. Bezeichnungen der Räume stehen neben den Türen auf Schildern.“
      Schnell hatte Michael realisiert, dass dieses Pärchen ein wahrhaft monströses war. Er besaß den Grimm, ein Teil seiner Selbst so wider der Natur, dass alles vor ihm floh, und sie eine zweite Seele, die so alt und abgebrüht war, dass Moral keinen Wert mehr für sie hatte. Beide zusammen waren eine ernstzunehmende Gefahr für die Bevölkerung, das sah selbst Michael ein. Aber sicherlich hätte es andere Wege gegeben, ihnen Sicherheit und Abstand zu gewähren. Keiner von ihnen hätte hier landen müssen, also warum waren sie freiwillig hierher gekommen?
      Michael schaffte sogar ein schwaches Lächeln, als er daran dachte, was Cain auf seinem Weg zu Sylea anrichten würde. Er hoffte nur, dass er schnell genug war. „Mach schnell. Sonst kommt Verstärkung. Sind Gefäße, kampferprobt. Stell dich nicht."
    • Die gewünschte Antwort erhielt der Grimm prompt. Die Ausweglosigkeit seiner Situation schien bei Michael jegliche Loyalität und Hemmungen einfach fortzuwischen. Die Worte sprudelten im Angesicht des unvermeidlichen Endes förmlich aus ihm heraus, was dem Grimm ein zutiefst befriedigtes Grollen, die monströse Version eines genüsslichen Schnurrens, entlockte.
      Er ließ sich Zeit. Er labte sich an der Panik, die in dem Mann aufstieg und beinahe hätte er den Prozess vorschnell beendet um das Loch in seinem ständig leeren Magen zu stopfen. Die zuckenden Schatten stoppten knapp bevor sie die Augenwinkel erreichten, streiften über flatternde Augenlider und berührten schon nachdrücklich die verkniffenen Mundwinkel, als würden sie versuchen sich durch den winzigsten Spalt hindurch zu zwängen. Da kam alles zu einem plötzlichen Halt. Etwas schien die Schattenkreatur dazu zu bewegen, kurz vor ihrem Ziel inne zu halten. Der klickende Laut, den der Grimm von sich gab, trug eine gewisse Irritation mit sich. Die gesichtslose, schwarze Maske schien das Lächeln auf den Lippen des Mannes anzustarren.
      „Mach schnell. Sonst kommt Verstärkung. Sind Gefäße, kampferprobt. Stell dich nicht."
      Die Schatten um Cain, den Grimm, welchen Namen sie ihm in diesem Zustand auch geben wollte, zuckten und flackerten. In seinem Rücken surrten die Überwachungskameras, die sich auf seinen Rücken richteten und aufzeichnete, wie die Bestie, die ohne zu Zögern Vaughn und die anderen Wissenschaftler ausgeschaltet hatte, einfach dort stand und...wartete? Welche Emotionen der Grimm auch von Michael erhielt - sie waren alt, bitter und so, so schwer - schienen etwas bei sich zu tragen, dass ihm wohl den Appetit verdarb. Durch die tiefschwarzen Schatten flimmerte ein schwaches Leuchten, wie Sterne hinter pechschwarzen Wolken.
      "Geh...Komm nicht...zurück."
      Dann schleuderte Cain Michael ohne Vorwarnung zur Seite in eine Front aus Monitoren. Glas splitterte, Kurzschlüsse brachten die Neonröhren an den Decken zum Flackern und Qualm stieg von den verschmorten Kabeln auf. Die Wucht reichte völlig aus um den Mann für eine Weile bewusstlos zu machen, aber nicht um ihn zu töten. Für gebrochene Knochen und andere Blessuren übernahm er keine Verantwortung. Cain reckte sich zu seiner vollen Größe auf, ließ Gelenke und Genick knacken, ehe er in Richtung Ausgang strebte.
      Schwärze quoll durch den Türspalt auf den Flur hinauf, bevor der Grimm die Tür nach kurzer Anspannung einfach niederrammte. Es krachte über die gesamte Etage und dann gab es kein Halten mehr. Der Grimm, umgeben von zuckenden Verlängerungen seiner finsteren Aura, richtete auf seinem Weg zu den Fahrstühlen ein Unheil an, wie es noch in keiner Basis des Rates oder einer anderen selbstgefälligen Organisation der Fall war. Zuckend, wimmernd, kreischend...alle, die seinen Weg kreuzten und nicht schnell genug außer Reichweite kamen, wurden vom Grimm verzehrt.
      Vor den Fahrstühlen stockte Cain und der gesichtslose Kopf neigte sich nach unten. Mit seinen Klauen, die keinerlei Festigkeit besaßen, war das Bedienfeld ein Problem für ihn. Es flackerte unter dem Schwarz und Stückchen für Stückchen zogen sich die Schatten zurück bis eine menschliche Hand ans Licht kam. Cains Hand. Die Bewegungen waren träge und wirkten erzwungen, als er die Tasten betätigte.
      Es musste eine der merkwüdigsten Aufzeichnungen sein, die die Überwachungskameras vor den Fahrstühlen je aufgenommen hatte, wie der Grimm, dieses dunkle Kreatur, in den Fahrstuhl hineinglitt.
      Die Fahrt dauerte nur wenige Sekunden und die nächsten Kameras zeichneten ein ebenso groteskes Bild auf, als der Grimm den Fahrstuhl wieder verließ, den Kopf in den Nacken warf und ein tiefes, dumpfes Grollen ausstieß, ehe sich eine Welle aus Schatten wie eine Flut durch den Flur ausbreitete. Lauernd glitt er durch die wabernden Schatten am Boden, die sich die Wände empor schlängelten und sich schließlich ausdehnten bis im Korridor völlige Dunkelheit herrschte.
      Mitten im Gang ging der Grimm in die Hocke und das rasselnde Geräusch erfüllte die Schwärze. Er witterte und sein Kopf ruckte an der Stelle in den nächsten Korridor, wo sie die Flure kreuzte. Cain spürte es. Das verblasste Echo eines zarten Silberschleiers...und preschte nach vorn in Richtung der schwachen Quelle.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Michael war sich nicht sicher, was genau er bei Cain getriggert haben musste. Etliche schreckliche Sekunden lang war er in dem Griff gefangen, in dem Wissen gefangen, dass er hier nicht mehr herauskommen würde. War das etwa Cains Antwort auf die Grausamkeit der Aufnahmen, die er ihm hatte vorspielen müssen? Es hinauszögern, damit er jede Sekunde davon aktiv erleben musste?
      "Geh... Komm nicht... zurück."
      Michaels Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde, dann verschwamm die Welt vor seinen Augen. Eine Gewalt erfasste seinen Körper, als der Grimm ihn zur Seite wegschleuderte und er in das Rondell von Monitoren krachte. Er hatte nicht schnell genug begreifen können, dass er dem Grimm nicht zum Opfer gefallen war wie all die anderen. Dafür war der Flugweg zu kurz, der Aufprall zu heftig und die folgende Ohnmacht zu tief. Michael war nie ein Kämpfer gewesen – daher hatte er mit Aufprall nichts entgegenzubringen und sackte sofort in dem Haufen an knisternden Kabeln und Scherben bewusstlos zusammen.

      Ein leises Warnsignal war alles, was im BZ2 von dem Chaos zu hören war. Beide Ärzte wandten sich dem roten Lämpchen zu und tauschten sich über Kommunikationsgeräte mit der Zentrale darüber aus, wieso das Lämpchen angegangen war.
      Gerrit ließ sich davon in keine weise irritieren. Die Finger seiner linken Hand gruben sich in Syleas Hüfte, die rechte Hand legte er über ihre Scham. Mit seinem Daumen stimulierte er sie, sodass das Mädchen darüber hinaus nur noch gequälter aufstöhnte. Immer wieder schloss sie die Augen und hoffte, einfach ohnmächtig zu werden. Aber dann hörte sie die Geräusche umso deutlich, ihre Vorstellungskraft setzte ein und Bilder, wie sich der fremde Mann immer und immer wieder in sie stieß, füllten ihren Kopf. Also starrte sie doch lieber die Decke mit der schwarzen Kamera an, die sie nur noch undeutlich sah. Heiße Tränen rannen ihr in Strömen über die Wange, hinterließen krustige Spuren, wo auch immer sie trockneten.
      Unaufhörlich streichelte Gerrit Sylea weiter. Wie schon vorhin reagierte ihr Körper ohne ihr Zutun, wurde erst warm, dann heiß. Sie wollte nicht für ihn feucht werden, sie wollte nicht die Hitze spüren, die sie an die intimen Augenblicke mit Cain erinnerten. Sie wollte nicht fühlen, wie er sie immer und immer wieder dehnte, dabei leise stöhnte und noch härter wurde. Dass sie langsam aber stetig wieder auf einen Orgasmus hin bearbeitet wurde, löste in ihr nur Übelkeit und Abscheu aus. Das sollte so nicht möglich sein, sie sollte so nicht reagieren können, wenn sie für den Fremden nichts empfand! Niemand hatte ihr je gesagt, dass es so sein konnte und jetzt weinte sie zunehmend stärker, je näher sie dem Höhepunkt kam. Gerrit merkte es, als sie sich immer wieder unter ihm verspannte, schwieg jedoch und erhöhte sein Tempo.
      Draußen krachte es leise, aber der Horror stoppte dadurch nicht. Schluchzen und Stöhnen mischten sich zu einer abartigen Geräuschkulisse, als sich Sylea mit all ihrer Entschlossenheit gegen den aufkeimenden Orgasmus zu stemmen versuchte, den Kampf aber schließlich verlor. Ihr Aufstöhnen wurde zu einem abgehackten Schrei, als ihr mittendrin die Stimme brach. Sie kniff die Augen zusammen, wollte, dass es endlich aufhörte, aber Gerrit jagte ihr Welle nach Welle durch den Leib. Die Riemen ächzten, als Sylea gegen sie aufbegehrte und den Rücken durchbog. Wie zur Hölle sollte sie jemals wieder Cain unter die Augen treten, wenn er hiervon erführe? Ein anderer Mann hatte sie sich genommen, gar beschmutzt. Wie konnte Cain sowas wie sie dann noch lieben? Vielleicht dachte er sogar, sie habe es getan, um am Leben zu bleiben. Vielleicht sollte sie es ihm niemals verraten, sofern sie ihn je wieder sah.
      Ihre Stimme setzte wieder ein, verformte sich zu einem herzzerreißenden Heulen, als sie sich an die Gedanken verlor, Cain einfach nie wiederzusehen. Niemand hatte ihr gesagt, ob er noch lebte. Niemand hatte ihr gesagt, wie es ihm ging. Es gab keine Beweise, außer, dass ihre Aura noch intakt war. Das war alles. Mehr gab es nicht.
      Da veränderten sich Gerrits Stöße, wurden weniger gleichmäßig, aber nicht weniger intensiv. Er stieß härter zu, noch tiefer, und Sylea stöhnte schmerzerfüllt auf. Es war zu tief, so tief, dass selbst die Wellen des Orgasmus nicht darüber hinwegtäuschen konnten. Sie drehte den Kopf zur Seite, presste die Lider zusammen. Dann stöhnte Gerrit auf und Sylea spürte, wie er sich heiß und ätzend in ihr entlud. Galle stieg ihren Hals empor, zusammen mit einer weiteren Regung.
      Die silbrige Aura floss von ihrer Liege aus bis auf den Boden.
      Sylea riss die Augen auf, als sie spürte, wie die Kontrolle über ihre Aura zurückkehrte. Aber was brachte sie ihr ohne Ascan und ohne die Möglichkeiten, Zeichen zu formen? Die Kraft war ihr noch immer nicht geschenkt worden, um eigenmächtig hier heraus zu kommen. Wollte sie es überhaupt? Der Kerle hier hatten ihr Ziel vorerst erreicht und was Cain betraf… Ertrug sie seinen Anblick überhaupt noch?
      Sylea schauderte, als sich Gerrit von ihr entfernte. Kaum war er fort spürte sie, wie es aus ihr herauslief und auf den Boden tropfte. Sie fühlte sich dreckig, missbraucht… wie ein Objekt.
      Plötzlich krachte es ein weiteres Mal, unmittelbar vor der Tür, die zu Syleas rechten war. Ihr Kopf rollte sich in die Richtung des Geräusches, zu dem sowohl Gerrit als auch die Ärzte herumgefahren waren. Mehr Zeit bekamen sie nicht.
      Der nächste Knall war verbunden mit sich verbiegenden Gleittüren. Ein Schlag zeichnete sich im Metall ab und ein Spalt tat sich zwischen ihnen auf. Schwarzer Nebel quetschte sich hindurch, formte Finger und dann Krallen aus, die die Tür unter Kreischen auseinander zwangen. Sofort wurde Sylea eiskalt und ihre Aura zog sich ganz eng an ihren Körper zurück, als die Tür den Blick auf eine schwarze Nebelgestalt freigab. Sylea brauchte keine weitere Sekunde, um den Grimm zu erkennen. Ihr gesamtes Gesicht verfiel in einer Spastik, als Tränen aus ihren Augen hervorsprudelten.
      Das Bild, das sich Cain präsentieren musste, war fürchterlich. Auf der Liege, festgebunden und halb entblößt, lag Sylea. Zwischen ihren Beinen tropfte eine milchige Flüssigkeit auf den Boden, der Verursacher, Gerrit, starrte die Gestalt an und gab sich nicht einmal die Mühe, sich zu bedecken. Sein bestes Stück hing nur noch schlaff an ihm herab, glitzerte aber noch von Feuchtigkeit. Die Farbe war aus seinem Gesicht komplett verschwunden, als er den Grimm anstarrte.
      Die Ärzte rannten kopflos und panisch einfach fort, ließen die gesamte Technik unbeaufsichtigt zurück. Aus dem Flur, aus dem Cain gekommen war, schrillte der Alarm und Durchsagen drangen leise hindurch. Evakuierungen wurden ausgelöst und eine Spezialeinheit ausgesandt.
      Also lebte Cain doch noch. Oder zumindest das, was von ihm übriggeblieben war.
    • Die Zerstörungswut und der Hunger des Grimms kannten keinerlei Grenzen. Angetrieben von unstillbarem Verlangen die Leere zu füllen und der puren Willenskraft des Seekers, verschlang er alles und jeden, der ihm in die Quere kam. Selbst massive Sicherheitstüren aus Stahl hielten ihn nicht auf. Mit roher Gewalt bahnte sich der Grimm seinen Weg durch die letzte Bastion, die Cain von noch von dem Mädchen trennte, die von ihrer eigenen Familie bereitwillig durch die Hölle geschickt worden war. Allein der Gedanke ließ die Schatten ungestüm aufwallen. Sie zuckten um den Grimm, strebten in alle Himmelrichtungen und kehrten beinahe widerwillig zurück. Unter einem düsteren Grollen der Schattenbestie gab der Stahl der Schiebetüren nach und die kleinste Lücke reichte ihm völlig aus, um sich hindurch zu zwängen. Die Schatten um seine klauenartigen Hände verfestigten sich, ballten sich zusammen bis er gebogene, lange Krallen ins Metall schlug. Ein ohrenbetäubendes Kreischen schrillte in aller Ohren, dann war der Spalt endlich groß genug und der Grimme kletterte hindurch. Er landete in der Hocke auf und ging hinunter auf alle Viere. Mit gekrümmten Rücken und schief gelegtem Kopf nahm er den gesamten Raum in Augenschein, von den panischen Ärzten bis zu dem nackten und erstarrten Mann. Die Angst überschwemmte die gesamten Räumlichkeiten und die Schatten kräuselten sich erwartungsvoll am Boden. Aber die Angst stammte nicht allein von den Männern im Raum, für die es keinen anderen Ausweg gab, als am Grimm vorbei.
      Die gesichtslose, glatte Miene des Grimms richtete sich auf die ungeheuerliche Szenerie im Hintergrund. Cain erblickte die nackte und blasse Haut von zitternden Beinen, die gewaltsam und durch Zwang gespreizt waren. Der rasselnde Atem des Grimms strich förmlich über die Szenerie und er witterte das Echo langsam verblichener Lust, der es an Süße fehlte und dafür vor Bitterkeit überquoll. Sie war nicht heiß und verlockend, sondern eisig. Die schattenartigen Nebelschwanden krochen langsam zum Mittelpunkt des Raumes vor, umschmeichelten die Knöchel der Anwesenden, die einen Vorgeschmack darauf bekamen, welche Hoffnungslosigkeit die Berührung mit absoluter und eiskalter Leere triggerte. Cain reckte das Kinn aus seiner gekrümmten Haltung und sein Blick glitt über die entblößten Hüften, den hochgerutschten Kittel, die sich stockend hebende Brust…bis er in das tränenüberströmte Gesicht von Sylea blickte. Sie sah verloren aus, innerlich zerrissen und verletzt. Und so, so traurig.
      Ruckartig zuckte der Kopf der Kreatur an eine andere Stelle, dort, wo leise eine milchige, weiße Flüssigkeit auf das Linoleum tröpfelte. Cain war zu spät gekommen. Nicht, dass es irgendetwas besser gemacht hätte, aber hatte gehofft das... Mit einem bedrohlichen Knurren aus den tiefen seiner Kehle, richtete sich die Bestie in Richtung des nackten Mannes aus. Der Grimm konnte es wittern, Cain konnte es wittern. Syleas Geruch klebte an ihm, säuerlich und stickig von dem Schmerz und der erzwungenen Lust, während dieser Mann sie missbraucht hatte für…für was? Zum Erhalt der Rubra-Linie? Der Grimm konnte sie alle haben, wenn es nach Cain ging. Gleißende, blendende Wut gepaart mit Abscheu wühlte die Schatten auf und eine Sekunde später stürzte sich Cain auf Gerrit. Der Name hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt. Er hockte über ihm und fixierte die Arme und Beine mit Hilfe seiner Schatten, der Druck war so gewaltig, dass die Gelenke an Ellbogen und Knie mit einem ekelerregenden Knacken einfach brachen. Der heulende Schmerzschrei entlockte dem Grimm ein genüssliches Schnurren und wurde von diesem gnadenlos erstickt. Er musste ihn nicht hören um ihn schmecken zu können. Ohne Erbarmen zwängten sich die Schatten die Kehle des zappelnden Mannes hinunter. Sie bohrten sich durch die Augenwinkel, zwängten sich durch die Gehörgänge geradezu in den Schädel hinein. Gerrit stöhnte qualvoll auf, aber es war ein jämmerlicher und erstickter Laut. Er labte sich an dem Leid, dass niemals groß genug sein würde, um dafür zu bezahlen, was er Sylea angetan hatte. Die Schatten zogen sich um Cain und Gerrit zusammen, immer fester, bis der Druck auf dem Brustkorb des Mannes so groß wurde, dass die ersten Rippen brachen. Die Tränen, die Gerrit vergoss, besänftigen Cain nicht. Es war nicht genug. Es würde nie genug sein.
      Das plötzliche Gefühl der Zustimmung verursachte ein schwindelerregendes Hoch, aber auch eine bleierne Übelkeit. Der Grimm grollte zufrieden und die Schatten zogen sich von seinen Händen zurück. Ganz und gar menschliche Hände legten sich um Gerrits Hals und drückten dem Mann die Luft ab. Als das immer noch nicht genug war, schlug er den Hinterkopf des Mannes, der verzweifelt um Atem rang, gegen den harten Linoleumboden. Immer und immer wieder bis sich eine Blutlache langsam über den Boden ausbreitete. Der Akt war von solcher Brutalität geprägt, dass Cains angestrengte Atemzüge den Raum erfüllten, als die Schatten sein tränennasses Gesicht freigaben. Knirschend und knackend gab der Schädel unter der Gewalteinwirkung nach und Gerrits Gegenwehr erstarb, als seine Augäpfel in ihren Höhlen nach hinten rollten. Schnaubend betrachtete Cain sein blutiges Werk…

      …bis er ein Wimmern vernahm.
      GridArt_20240918_155615568.jpgEr ignorierte das Zittern seiner Finger, als er von dem toten Gerrit abließ und langsam zurück auf die Beine kam. Die Position lieferte ihm den perfekten und ebenso fürchterlichen Ausblick auf das, was der Tote zu seinen Füßen angerichtet hatte. Als sich Cain der zitternden Sylea näherte, hielten sich die Schatten zurück und begnügten sich damit, sich um den Leib des Seekers zu schlingen. Stückchen für Stückchen zog sich das Schwarz zurück, aber es verschwand die ganz. Die Konturen seines Körpers wirkten verwaschen sobald er sich bewegte, fest und nicht greifbar zugleich. Selbst an seinen Haaren kräuselten sich feinste Schattenäderchen, die den Eindruck erweckten, als herrschte eine milde Brise in dem sterilen Raum. Sein Gesicht wirkte auf den ersten Blick normal, doch das Schwarz hatte das Weiß der Augäpfel komplett verschluckt. Nur der goldene Ring seiner Iris schimmerte in der Dunkelheit. Mit ausdruckloser Miene glitten die fremdartigen Augen über ihre ausgestellten Beine, doch er widerstand dem drängenden Impuls, sie einfach aus den Halterungen zu heben. Langsam näherten sich seine Finger dem Bedienfeld der Liege. Seine Hände waren komplett schwarz, von den Nägeln bis zur Mitte seines Unterarms, dort verlief sich die Schwärze in feinen Linien. Surrend setzten sich die Konstruktion in Bewegung und die Beine senkten sich langsam ab, um Sylea aus dieser würdelosen Haltung zu erlösen. Er warf Sylea einen flüchtigen und vorsichtigen Blick zu, als er die Fixierung um die Hand löste, die ihm am Nächsten war. Er umrundete den Tisch und befreite die zweite Hand, dann ihre Fußgelenke… Erst da fixierte er ihr Gesicht, bleich und doch mit geröteten Wangen. Von Tränen. Von der Demütigung. Von dem Schmerz.
      Die Schritte waren nicht zu hören, als er sich dem Kopfende näherte und eine schwarze Hand nach Sylea ausstreckte. Mit den Knöcheln seines gekrümmten Zeigefingers nahm er sanft eine Träne auf. Sofort kräuselten sich dünne Schatten um den schimmernden Tropfen, als wären sie ganz fasziniert davon. Der Kontakt war so flüchtig, als fürchtete Cain, dass sie sofort in tausend Stücke zerbrach, wenn nur etwas zu viel Druck ausübte. Hände, die wenige Augenblicke zuvor einen Mann erbarmungslos getötet hatte, behandelten Sylea nun mit beinahe zerbrechlicher Sanftheit. Der Anblick dieser kleinen Träne allein zwang den Seeker in Knie. Cain verlor kein Wort, als er die Stirn gegen das kalte Bettgestell presste und die Augen zusammenkniff, doch die neuen Tränen nicht halten konnte. Ein goldener Schimmer flirrte durch die Finsternis, die den Seeker umgab wie ein Mantel. Er wagte es nicht, nach ihrer Aura zu tasten, obwohl er den Trost begehrte, den er sich von ihren vereinten Auren erhoffte. Dieser eine Gedanke ließ sich nicht abschalten. Er verbrannte ihn regelrecht:
      Er hatte sie im Stich gelassen während die ihr das angetan hatten.
      „Sag mir, was ich tun soll…“, erklang es schließlich heiser und rau. „Ich kann sie alle für dich töten. Jeden Einzelnen, der dafür verantwortlich ist. Sag nur ein Wort.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 5 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Mit so etwas hatte Sylea gerechnet. Wenn Cain es irgendwie schaffte, sie zu finden, dann nur in Verbindung mit dem Grimm. Sehr gut erinnerte sie sich an die Nacht bei Ennis und Mairead, wo er die Kontrolle verloren hatte und sie sich gewaltsam gegen ihn wehren musste. Doch das, was sich da auf den Boden kauerte, hatte nicht mehr viel von dem unkontrollierten Wahnsinn der Nacht. Das hier war organisiert und selbst wenn sie die goldene Aura darunter nicht sah, hörte sie ihr Echo in ihren Ohren.
      Angst vor ihm verspürte sie keine. Bei dem Anblick, wie sich die Schatten wie ein Meer unter ihr ausbreiteten, erfüllte sie eine seltsame Gleichgültigkeit. Zu groß war die Scham, als Cain sie so drapiert sah. Zu groß die Abscheu sich selbst gegenüber, während sich die Kopfpartie des Grimms hob und höchstwahrscheinlich gerade genau diese Szenerie beurteilte. Sylea konnte keine Worte formen, sondern ihn nur anstarren, während die Tränen einfach weiterliefen.
      Dann bewegte sich der Schatten so schnell, dass sie ihm nicht folgen konnte. In einem Moment hockte Cain noch da, dann war er verschwunden und sie hörte auf Aufprallen eines Körpers auf dem Boden. Sylea verrenkte sich den Kopf in dem Versuch, einen Blick zu erhaschen, doch es genügte nicht. Sie sah nicht, was Cain mit Gerrit veranstaltete, den er zu Boden gerissen hatte. Ihr Kopf sackte wieder auf den Tisch zurück, den Blick hoch zu der Kamera gerichtet, die das Schauspiel mit Sicherheit aufzeichnete. Zu ihrem Übel konnte das Mädchen alles nur Anhand von Geräuschen zusammensetzen. Es ertönten mehrere eindeutige Knackgeräusche, gefolgt von einem Schmerzensschrei. Cain hatte ihm Knochen gebrochen. Mehrere. Dann hörte sie ein Schnurren und eine Gänsehaut überzog ihren Körper. Es gefiel ihm – natürlich gefiel es ihm. Aber die Bestätigung zu hören ließ sie dennoch nicht kalt. Noch mehr grausige Laute des Leidens ertönten und Sylea kniff die Augen zusammen, presste dabei Tränen aus ihnen heraus. Sie sollte doch Genugtuung fühlen. Dankbar sein, dass Cain ihre Rache bediente. Trotzdem fühlte sie sich beklommen und ihr wurde kalt, als sie den Kampf mit anhörte.
      Sylea hatte die Kontrolle über ihre Aura zurück, doch sie hielt sie eng an sich. Zu tief saß die Angst, was sie fühlen würde, wenn sie sie nach Cain oder gar Gerrit ausstreckte. Noch besaß sie nicht die Kraft, sich durch das Schwarz des Grimms zu wühlen und nach der Goldaura zu fahnden. Bis dahin würde sie wohl auf ein widerliches Konstrukt stoßen, welches sich an dieser Szenerie labte und darin lebte.
      Dann knallte es dumpf und Sylea zuckte bei jedem Mal zusammen. Einmal, zweimal, dreimal… Sylea zählte ganz genau mit. Neun Mal knallte es, ehe sich Stille in den Raum legte und man plötzlich ein anderes, neues und ganz leises Geräusch vernehmen konnte: ein Wimmern. Sylea machte dieses Geräusch ohne es wirklich zu kontrollieren. Sie konnte es nicht einhalten, sie konnte es nicht verstärken. Es war als hätte es ein Eigenleben entwickelt. Noch immer hatte sie die Augen zugekniffen, vielleicht in der Hoffnung, das alles war doch nur ein Alptraum. Leider wusste sie es besser.
      Sylea zuckte ein weiteres Mal zusammen, als sie die Beinteile der Liege bewegten und endlich ihre Beine wieder gerade ausstreckten. Dann wurde die Befestigung ihrer Hände gelöst, doch das Mädchen bewegte sich nicht. Sie blieb genauso liegen, ausgebreitet wie ein Opfer, die Augen noch immer zusammengepresst. Ihr Körper fühlte sich bleiern an, kalt und leer. Als würde er sich nicht bewegen, wenn sie es nur versuchen sollte. Er fühlte sich befremdlich an. Ihre Füße wurden schließlich befreit und nichts hielt Sylea mehr auf dem Tisch. Doch das Mädchen rührte sich nicht.
      Wieder Stille. Dann berührte Cain ihre Wange und Sylea gefror zu Eis. Nach all den Stunden, die sie hier verbracht hatte, war das die erste Berührung, die nicht dazu diente, ihr Leid zu zufügen. Aber recht drauf reagieren konnte sie nicht, sie fühlte sich wie versteinert. Sie wollte nicht hören, was er nun von ihr hielt oder die Vorwürfe an sich selbst. Er hatte hierfür rein gar nichts gekonnt, er war unschuldig. Sie hingegen…
      Sie hingegen hatte ihn mit hierher genommen und ihm genau diesen Alptraum angehängt. Nur wegen ihr erlitt er diesen Horror und hatte sich vom Grimm wieder absorbieren lassen.
      Abgehackt schnappte Sylea nach Luft, als ihr doch etwas auffiel. Ganz absorbiert konnte Cain nicht sein. Denn wenn, dann hätte sich der Grimm längst über sie hergemacht. Der Grimm berührte nicht sanft, der Grimm verletzte und zerstörte.
      Da öffnete Sylea doch die Augen und drehte den Kopf. Ihre Augen weiteten sich in Überraschung, als sie sah, dass Cain nicht mehr vollkommen in Nebel verhüllt war. Er besaß Konturen, wenn auch verwaschen, sie sah sogar seine Haare, als er sein Gesicht gegen das Gestell lehnte. Alles von ihm wirkte auf den ersten Blick normal, sah man von den Schatten ab, die sich um ihn zogen. Und die Hände… Sylea starrte die Hände an, die sich am Gestell festkrallten. Sie waren tiefschwarz fast bis zu seinem Ellbogen hinauf. Die Ausläufer tanzten über seine Haut, immerzu. Das war eine Form, die Cain vorher nie gehabt hatte. Weil… sich Grimm und er nun eins gewesen waren?
      Schwerfällig stützte sich Sylea mit ihren Unterarmen ab und zog die Beine an, als sie sich langsam aufsetzte. Sie zog den Kittel runter, damit es nicht mehr ganz so jämmerlich aussah, wie sie sich fühlte.
      „Sag mir, was ich tun soll…“ Cain sah nicht auf, als er sprach und Sylea erschauderte wegen seiner Stimme, die eindeutig nicht vom Grimm getrübt war. „Ich kann sie alle für dich töten. Jeden Einzelnen, der dafür verantwortlich ist. Sag nur ein Wort.“
      Es entstand eine Stille, die sich über Sekunden zog, in denen sie mit großen Augen auf Cain herabsah. Damit hatte er ihr eine Macht in die Hände gelegt sich für all das hier zu revanchieren. Er würde es für sie tun. Er würde alles für sie tun, egal was man mit ihr angestellt hatte. Nur für sie.


      Gibst du ihm den Befehl, es zu tun, wird er sterben. Er wird sich mit allem, was er hat, durch die Hallen wälzen und am Ende sterben. Weißt du, wieso? Weil er nicht weiß, was da noch auf ihn lauert. Ich wusste es auch nicht. Ich habe mit anderen Dingen gerechnet und sie haben einen Weg gefunden, mich unschädlich zu machen. Also, Sylea, bist du dir sicher, dass du ihn loslassen willst?
      Die Stimme in ihrem Kopf war wie ein alter Bekannter. Jemand, der lange geschlafen hatte und dann wieder zurückgekehrt war. Sylea hatte angenommen, dass sie ihn begrüßen würde, wenn er wieder zu ihr zurückkam. Aber wieso sollte man etwas begrüßen, das nie wirklich weggewesen war? Er hatte geschlafen, mehr nicht.
      Er hat einen Zustand erreicht, der vorher undenkbar war. Er ist sich eins mit seiner dunklen Seite und das macht ihn wesentlich gefährlicher als schon zuvor. Die Rubras mögen hier vielleicht keinen Gott haben, aber du weißt es nicht. Willst du sehen, wie es ihn zerreißt? Nicht nur körperlich?
      In ihrer Gedankenwelt sah sich Sylea um, suchte nach ihm. Doch um sie herum war noch immer dieser Nebel der Unkenntlichkeit.
      Außerdem… wer weiß, wie er reagiert, solltet ihr doch hier rauskommen und er steht nicht mehr unter dem Einfluss des Grimms? Meinst du, er will dich dann immer noch? Nachdem du ihm das alles hier angetan hast? Wenn er realisieren sollte, dass er all das hier nur deinetwegen erleben musste?
      Da lichtete sich ein Teil des Nebels und Sylea stürzte auf ihn zu. Sie wollte, dass er den Mund hielt. Ascan hatte absolut keine Ahnung, wie es zwischen ihr und Cain wirklich stand. Es gab nichts, das Cain wirklich von ihr abhalten würde! Nichts, was seine Liebe zu ihr mindern konnte! Sie war sein Lichtblick, sein Leben! Das hatte er schließlich selbst gesagt. Er würde nicht –
      Sylea erkannte den Umriss und hielt stolpernd vor ihm inne. Sie hatte ihm die Hände an den Hals legen und ihn zum Schweigen bringen wollen. Aber das ging nicht mehr, als Schock ihr Gesicht entzweiriss. Denn vor ihr stand nicht Ascan.
      Vor ihr stand sie selbst.
      Was hat das zu bedeuten?
      Ihr Spiegelbild streckte die Hände nach ihr aus und ergriff die ihren. Als wären sie Schwestern hielten sie sich einander an den Händen, doch wo sie voller Schock blickte, begegnete ihr das Spiegelbild mit einem wissenden Lächeln.
      Das sind nicht meine Gedanken, Sylea. Es sind deine. Denn wir sind eins.
      Es gab keine Grenze mehr zwischen dem Violett und dem Silber. Die Farben gingen fließend ineinander über. Die Zeit war abgelaufen.


      „Nicht“, flüsterte Sylea, die keine Kraft mehr hatte, um ihre Stimme weiter zu heben. Ihre gesamte Erscheinung wirkte wie eingefallen, eiserne Resignation lag in ihren sonst so lebendigen Augen. „Du kannst nicht alle töten. Du sollst nicht…“
      Sie fing wieder an zu weinen, dieses Mal wischte sie sich die Tränen mit den Handballen weg. Das hier war das Ende, das realisierte Sylea nun eindeutig. Sie mussten sich bewegen, um hier rauszukommen und nicht auf Widerstand zu stoßen, aber sie konnte es nicht. Sie konnte Cain nicht vorschicken, um dann mit anzusehen, wie er sich durch den Widerstand zu wälzen versuchte, nur um am Ende auseinandergerissen zu werden. Wenn er starb, dann tat sie es auch. Er durfte es nicht. Er durfte nicht mehr Blut als ohnehin schon an seinen Händen haben und selbst auch keines verlieren. Wenn einer nicht gehen durfte, dann er. Alles andere war vollkommen egal.
      Cain sah zu ihr auf und ihr Herz begann zu splittern. Seine Augen waren komplett schwarz bis auf den Ring seiner bernsteinfarbenen Augen, die sie so gut kannte. Die nun voller Tränen und Reue waren, die er gar nicht spüren sollte. Er streckte seine schwarzen Finger nach ihr aus, suchte eindeutig ihre Nähe, doch Sylea zuckte vor ihm zurück.
      „Du kannst nichts dafür, okay?“, sagte sie leise und wo sie sonst ein Lächeln nur für ihn versucht hätte, gelang ihr dieses Mal nichts.
      Sie konnte ihn nicht einmal anfassen. Sie wollte sein Gesicht in ihre Hände nehmen. Sie wollte ihm versichern, dass alles gut würde. Aber dieses Mal konnte sie ihm nicht mehr ins Gesicht lügen. Alles würde nicht gut werden. Sie würde nicht gut werden. Aber er… er konnte es.
      Neben Cain rutschte Sylea von der Liege und taumelte, als ihre Beine wieder Gewicht stemmen mussten. Sie fühlte die Feuchtigkeit an ihrem Bein und ihr wurde übel, aber das war egal. Darüber würde sie sich keine Sorgen mehr machen müssen.
      Du kannst dich nicht umbringen, ohne dass er mitgeht.
      Ich weiß.
      Willst du ihn mitnehmen?
      Er hat sich mir verschrieben. Das habe ich nicht vergessen.
      Sylea umrundete die Liege und blieb bei dem medizinischen Zubehör stehen. Die rote Lampe flackerte noch immer bedrohlich und die Durchsagen hatten wieder begonnen. Doch nichts hielt sie davon ab, in das Skalpell zu greifen, welches auf dem Tablett lag. Ihr Körper zuckte zusammen, als sie sich in die Finger schnitt, aber ihre Gefühlswelt war seltsam taub. Mit schweren Schritten kam sie zurück zur Liege und setzte sich, auf ihrem Weg verlor sie eine Tropfenspur ihres eigenen, dunkelroten Blutes.
      Mit ihrer unverletzten Hand griff sie schließlich doch nach Cains und der Kontakt war so viel mehr, als sie es sich hätte vorstellen können. Ihre Finger schlossen sich fest, aber zittrig, um seine und drückten ihn. Egal, was er getan hatte und egal, was ihr widerfahren war; sie liebte ihn noch immer bedingungslos. So sehr sie sich auch davor fürchtete, wie er sie nun sah oder was er von ihr dachte, sie wusste, dass er sie nie verlassen würde. Sie waren gemeinsam hier rein gegangen, obwohl sie wussten, was auf sie warten würde. Dann war es schließlich soweit. Es gab nur zwei Dinge, die Sylea nun noch tun konnte und sie wählte jene, die sie am Besten verkraften konnte.
      „Wir machen das gemeinsam bis zum Schluss, ja?“, fragte sie mit gebrochener Stimme und ihre Mundwinkel zuckten leicht nach oben. Mehr schaffte sie einfach nicht mehr.
      Sylea war müde.
      So, so müde.
    • Das Warten brachte ihn beinahe um. Für Cain verging eine qualvolle Endlosigkeit, in der allein der schwere Geruch von frisch vergossenem Blut seine Sinne völlig überlagerte. Er drang in seine Nase, verklebte seine Atemwege und drohte den Seeker zu ersticken. Zu dem Gefühl tiefster Befriedigung gesellte sich ein allgegenwärtiger Ekel vor der eigenen Brutalität. Cain war vieles in seinem Leben gewesen, aber niemals dermaßen kaltblütig. Nur ein einziges Mal...und daran konnte er sich nur verschwommen erinnern. Die Tat im Hellgate existierte losgelöst von seinem Verstand, als hätte sie ein Fremder begangen. Der blutrünstige Mord an Gerrit hingegen, ließ sich nicht verleugnen.
      Endlich rührte sich Sylea und gab seinen Gedanken ein neues und ersehntes Ziel.
      Er wagte es nicht auch nur einen Muskel zu bewegen, während Sylea sich quälend langsam aufsetzte. Er lauschte dem leisen Rascheln, als sie den Kittel zurecht zog und doch konnte diese kleine Handlung nicht verhindern, dass ihm weiterhin der elendige Gestank von Gerrit in die Nase stieg, der förmlich an Sylea klebte. Hätte er dem Mann nicht bereits den Schädel zertrümmert, hätte er es jetzt getan ohne mit der Wimper zu zucken. Lägen die Ärzte nicht schon längst leblos und doch nicht gänzlich tot in ihrer jämmerlichen Existenz am Boden, die ihnen nur noch das Atmen gewährte, hätte er sie ohne Reue ein zweites Mal dem Grimm zum Fraß vorgeworfen. Er würde sie alle verzehren, wenn Sylea ihn ließ. Zu was für einem Monster machte ihn das?
      "Nichts. Du kannst sie nicht alle töten. Du sollst nicht...", flüsterte es über ihm. Sie hatte sich aufgesetzt und doch befeuerten ihre Worte seinen Zorn nur noch mehr. Wie konnte sie das sagen? Womit hatten sich die Menschen innerhalb dieser Mauern ihr Erbarmen verdient?
      "Wieso nicht...?", grollte Cain als Antwort.
      Da begann Sylea erneut zu weinen und erstickte die aufflammende Wut im Keim. Er hatte nicht eine Schneise der der Verwüstung und des Todes hinterlassen um ein weiterer Grund für ihre Tränen zu sein. Endlich fand er die Kraft, den Blick zu heben und wäre am liebsten von Sylea zurückgewichen, als er den Schock in ihren Augen erkannte. Er hatte es noch nicht gesehen, aber er spürte, dass sich etwas an ihm verändert hatte, maßgeblich, doch er war förmlich am Boden fest gewachsen. Behutsam streckte er die schwarzen Finger nach ihr aus und schluckte das Grauen, das er bei dem Anblick empfand herunter. Er kam nicht weit, da zuckte Sylea bereits vor ihm zurück. Der Laut, der seiner Kehle entkam, erinnerte an das jämmerliche Wimmern eines getretenen Hundes. Ein dünner, hoher Ton, den kein normaler Mensch jemals produzieren dürfte.
      "Du kannst nichts dafür, okay?", erklang es ganz leise, doch Cain schüttelte den Kopf.
      "Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass wir hier her kommen. Wir hätte gehen und unser Glück woanders versuchen sollen...", widersprach er und wusste, dass dieser Weg niemals eine Option gewesen war. Er wusste, was er hier, im Herzen des Rubra-Clans, angerichtet hatte. Er wusste, wozu Sylea, nein, Ascan eines Tages im Stande wäre. Wozu der Grimm in der Lage war. Was für eine monströses Paar sie doch abgaben. Jeder von ihnen würde für den jeweils anderen alles tun und Cain hatte bewiesen, dass er dabei keine Grenzen mehr besaß.
      Cain sah in ihr Gesicht, das von frischen Tränen feucht schimmerte. In die geröteten Augen und er sehnte sich danach, wünschte es sich mit seiner ganzen Seele, ihr Lächeln noch einmal zu sehen. Doch er sah den Entschluss in ihren Augen, der ihrer beider Schicksal besiegeln würde. Sie waren zu gefährlich zusammen um auf die Welt losgelassen zu werden.
      Vorsichtig lehnte er sich auf den Knien zurück, als Sylea von der Liege glitt und widerstand nur knapp dem Impuls nach ihr zu greifen damit er sie stützen konnte als sie wankte. Er ließ den Blick über das Schlachtfeld gleiten, dass er angerichtet hatte und betrachtete sein Spiegelbild im verbeulten Metall der Schiebetüren, die er beinahe in Stücke gerissen hätte. Er sah sein eigenes, verzerrten Gesicht und die unendlich tiefschwarzen Augen, sah die Schatten, die sich um ihn kräuselten. War das wirklich er? So...unmenschlich.
      Beinahe lautlos tröpfelte frisches Blut auf den Boden und sein Blick schnappte zu dem Skalpell in ihrer Hand. Cain wehrte sich nicht, als sie seine Hand ergriff und fest drückte. Es war ein schwacher Trost für das Grauen, dass ihnen und vor allem Sylea angetan wurde. Er fand die Kraft den Druck zu erwidern und krümmte seine schwarzen Finger um ihre blasse Hand.
      "Wir machen das gemeinsam bis zum Schluss, ja?"
      "So wie es sein sollte...", nickte Cain und sog den Anblick des kläglichen Versuchs eines Lächelns in sich auf, schöpfte neue Stärke daraus um sich endlich vom harten Boden zu erheben.
      Sylea wehrte sich, als er hinter sie auf die Liege stieg und ihren zitternden Lieb mit beiden Armen umschlang. Cain presste das Gesicht in die warme Mulde zwischen Hals und Schulter, drückte die Nase in ihre Haut um unter dem beißenden Gestank von Panik und Gerrit einen Hauch von Sylea zu wittern. Seine Sylea, die sich nun bemüht aber müde gegen seine Arme stemmte und sich trotzdem weigerte seine Hand loszulassen. Cain krümmte sich um ihren Körper und schlang den Arm um ihre Taille, als könnte er sie damit vom Rest der Welt und dem Schmerz, die sie dem Mädchen gebracht hatte, abschirmen während sie mit der freien Hand über seinen Unterarm kratzte um ihn abzuschütteln. Er wusste nicht, wie lange sie dort saßen bis die Gegenwehr erstarb. Cain traute sich selbst nicht genug, um ein letztes Mal nach ihrer Aura zu greifen. Wer wusste schon ob es ihnen mehr Leid als Trost brachte. Es lag nicht länger in seiner Entscheidungsgewalt. Er übergab sein Schicksal und sein Leben in die Hände der Frau, die er so sehr liebte, dass er für sie tötete.
      Nach einem Moment der Stille begann Sylea erneut sich in seinem Griff zu winden, doch dieses Mal wollte sie etwas gänzlich anderes. Cain bemerkte, dass sie an ihrem Kittel zog und zerrte. Er dachte an das Skalpell in ihrer Hand, an ihr Blut, dass immer noch zu ihren Füßen auf den Boden tröpfelte. Er verstand ohne ihre Worte zu hören.
      "Lass mich helfen...", bat er.
      Als Sylea stocksteif an seiner Brust wurde und sogar aufhörte zu atmen, befreite er seine Hand uns ihrem verzweifelten Griff. Panik flammte auf, die nicht seine war, und Cain begann sanfte Worte an ihrer Schulter zu murmeln.
      "Nur kurz. Nur ganz kurz. Lass mich dir helfen...", wisperte er und seine Lippen streiften für den Bruchteil einer Sekunde ihrer Schulter, er atmete die feine Note von Schweiß und Tränen ein. Er hatte längst aufgegeben zwischen ihren und seinen Tränen zu unterscheiden.
      Mit beiden Händen fasste er an den Kragen des Kittels im Nacken...und zerriss mühelos das Material als sei es aus Papier. Er half Sylea den Stoff über die Schultern zu schieben und mit den Armen hinaus zu schlüpfen bis sich der Kittel nur noch um ihre Hüften bauschte. Sofort schob er seine Hand wieder in ihre Finger. Wie versprochen. Cain kehrte zu seiner ursprünglichen Haltung zurück, das Gesicht an ihrem Hals und die Brust gegen ihren Rücken geschmiegt. Neue Tränen tropften von seinen Wangen auf ihre nackte Schulter.
      Vielleicht konnte sie ihren Frieden doch noch finden und wenn nicht in dieser Welt, dann in einer Anderen.
      "Wo du hingehst, werde ich dir folgen", flüsterte er.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Es wäre für sie in Ordnung gewesen, wenn Cain weiterhin vor ihr auf dem Boden gekniet hätte. Er hätte ihre Beine berühren können, gerne auch ihre Hand, aber dann wäre jedenfalls ständig in ihrem Blickfeld und würde ihr die Kraft geben, die sie hierfür brauchte. Doch Cain erhob sich und schloss zu ihr auf, sodass sie sich von ihm fortlehnte. Schwach schüttelte sie den Kopf, als er auf die Liege kletterte und aus ihrem Blickfeld verschwand. Ihr Kopf fuhr herum, als sich Arme um ihren Leib legten und ein heißer Atem ihren Hals streifte. Einige Momente lang versuchte sie, seine Arme von sich zu lösen und gar von der Liege aufzustehen. Immerhin wusste sie viel zu gut, dass er all das an ihr riechen konnte, was sie ihm niemals zugestehen wollte. Aber er ließ sie nicht, hielt sie fest bei sich, bis ihre wenige verbleibende Kraft vollends verpuffte und sie weich in seinen Armen wurde. Sein Körper lag wie ein fleischlicher Schild um sie herum, seine reine Anwesenheit eine Warnung für all jene, die sich ungefragt ihnen hätte nähern wollen. Ihre Hände jedoch konnten nicht ruhig liegen bleiben. Immer wieder versuchte sie, seine Arme von sich zu lösen, wobei ihre Nägel über seine Haut schabten. Rote Striemen von ihren Nägeln und Schmierspuren von ihrem eigenen Blut gingen in das Schwarz über, das Cains Unterarme bis zu seinen Händen verfärbten.
      Sylea konnte nicht mehr. Der Druck von Cain war so kräftig, dass sie sich nicht lange dagegen wehren konnte und er ihr chaotisches Inneres zur Ruhe zwang. Immer mehr sank sie in sich zusammen, das Pulsieren des Schnittes in ihrer Hand nur ein fernes Wehklagen. Ihr war schrecklich kalt und die Hitze, die der Seeker in ihrem Rücken abgab, schien sie regelrecht zu verbrennen. Hier und da schüttelte sie sich kurz, während sie den Blick starr nach vorn auf die Fliesen richtete, um nicht noch mehr Chaos um sich herum sehen zu müssen. Das warnende Piepen des Alarms dröhnte in ihrem Kopf. Der Geruch nach Eisen stieg langsam immer stärker empor. Der Strudel in ihren Gedanken schwächte ab und gab die Sicht auf eine einzige Aktion frei. Etwas, das sie tun musste und würde, und dann wäre es vorbei.
      Tief, aber stockend, atmete das Vessel durch ehe sie mit einer Hand zögerlich an ihrem Kittel zu nesteln begann. Als er nicht nachgab, wurde sie unruhiger, hektischer, drastischer. Kurz darauf riss sie verzweifelt an dem Stoff, ihre Atmung nur noch flach und abgehackt. Er ging nicht los. Dieser furchtbare Kittel ließ sich einfach nicht lösen…
      „Lass mich helfen…“
      Sylea gefror an Ort und Stelle und packte Cains Arm nur noch fester. Doch er entwand ihn ihr und Panik schrie wie eine Sirene in ihrem Kopf auf. Er durfte es nicht machen, er machte es nicht richtig. Er sollte sie so nicht sehen, er durfte eigentlich gar nichts mehr sehen.
      „Nur kurz. Nur ganz kurz. Lass mich dir helfen…“
      Sie wollte schreien, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wollte weinen, aber die Tränen schienen längst versiegt. Sie wollte irgendetwas fühlen, aber die vergangenen Minuten schienen sämtliche Gefühle in ihr abgetötet zu haben. Als Cain ihr den Kittel im Nacken zerriss und ihren Oberkörper freilegte, war es kein Befreiungsschlag. Stattdessen hatte sie nun mehr das Gefühl, am Abgrund zu stehen. Und niemand wusste es besser als sie selbst, wie wahr diese Wahrnehmung eigentlich war.
      Finger schoben sich wieder in ihre freie Hand und sie drückte unweigerlich zu. Diese Finger waren der einzige Punkt, der sie noch erdete. Der sie daran erinnerte, wo sie gerade war und vielleicht sogar, wer sie einmal war. Die Grenze zwischen ihr und Ascan war fast vollständig verschwunden und einzig und allein der Punkt, dass sie sich selbst als Person und Besitzer dieses Körpers wahrnahm hielt sie noch in dieser Welt und verwehrte Ascan vollstes Recht. Der Weg, der sich vor ihr auftat, war nicht mehr sonderlich lang. Das Ende war bereits zu sehen und ewig lange konnte sie es nicht herauszögern. Bald würden Feinde auftauchen und vielleicht dafür sorgen, dass sie es nicht mehr vollbringen können würde.
      „Wo du hingest, werde ich dir folgen“, flüsterte Cain an ihrer Schulter und sie konnte nicht anders, als sich von sich selbst abgestoßen zu fühlen.
      „Sieh nicht hin, okay?...“, sagte sie leise, unspezifisch, was genau sie damit eigentlich meinte.
      Noch immer vergötterte er sie. Das spürte sie auch ohne seine Aura zu berühren. Für ihn war einzig der Punkt, sie nicht schützen zu können, fatal gewesen. Doch in Syleas Augen war sie für ihn beschmutzt worden. Seine Absicht war rein, er tat das alles aus Liebe zu ihr, und was dagegen tat sie?
      Mit unendlich langsam und unsicher wirkenden Bewegungen setzte Sylea ihre blutigen Finger an ihrer Schulter auf Höhe des Schlüsselbeines an. In roten Linien malte sie Zeichen auf ihre kränklich blasse Haut, die sich über das Schlüsselbein bis zum anderen hin erstreckten. An der Stelle, wo die Knochen aufeinandertrafen, stockte sie plötzlich. Die Hälfte der Zeichen war fertig und sobald sie den letzten Strich gesetzt hatte, war es besiegelt. Dann gab es kein Zurück mehr. In ihrem Inneren herrschte ein Strudel aus Emotionen, die immer stärker aus dem Gleichgewicht gerieten. Erinnerungen an den Augenblick, wo sie diesen Runen einen Sinn gegeben hatten, kehrten sprunghaft in ihren Kopf zurück. Ascan, den sie dafür extra ausgesperrt hatte, hegte noch immer keinen Argwohn an den Zeichen, die er eigentlich kannte, aber nicht in dieser Konstellation. Sobald die letzte Linie sich schloss war der Spruch vollständig und alles nahm seinen Lauf.
      Syleas Hände begannen zu zittern. Ihr ganzer Körper fing an sich zu schütteln, als der Strudel der Emotionen explodierte. Das Mädchen krümmte sich vorn über und presste die Hände an die Brust. Ihr Atem ging viel zu schnell, eine Panikattacke kündigte sich an.
      „I… ich w-will n-n-och n-nicht“, stotterte sie, ihre Stimme halb erstickt von der Angst, die sie nun flutete. Cain schmiegte sich noch enger an sie, hielt sie so fest wie noch nie, doch das schürte die Angst und die Verzweiflung nur noch. Hier und jetzt, kurz bevor sie die Entscheidung traf, wurde ihr bewusst, was sie alles gewonnen hatte. Und was sie am Ende wieder verlieren würde. Immerzu hatte Sylea sich als stark gegeben und gegen das angekämpft, was unausweichlich erschien. Jetzt, wenn sie kurz davor war aufzugeben, traf die Erkenntnis sie wie tausend Faustschläge auf einmal. „Ich w-wollte d-d-das alles n-nicht. Kein Vessel s-sein, s-sondern einfach n-nur st-sterben. D-d-dann hätte ich d-dich nie getroffen und g-gewusst, was L-Liebe ist. Ich h-hab immer g-gedacht, dass ich st-sterben wollte. Aber jetzt… Ich w-will nicht st-sterben, Cain.“
      Ein herzzerreißendes Schluchzen entkam ihr, als sie endlich laut aussprach, was schon so lange in ihrem Geist sein Zuhause gefunden hatte. In der Vergangenheit hatte sie immer wieder mit dem Gedanken gespielt, wie viel besser es gewesen sein musste, wenn sie damals wirklich einfach gestorben wäre. Oder in der Kathedrale. Oder im Hollow Point. Oder, oder, oder. Es hatte genug Gelegenheiten gegeben, doch das Schicksal hatte kein Erbarmen gezeigt. Stattdessen hatte es ihr die schönen Seiten des Lebens gezeigt. Alles, was sie in einem anderen Leben hätte haben können und nicht nur einen winzigen Einblick, wie sie ihn nun gehabt hatte. Alles, was sie sich in ihrem kaputten Leben erkämpft hatte, rann ihr nun durch die Finger. Nicht nur würde sie Cain nie mehr wiedersehen. Sie würde ihm noch etwas weitaus Schrecklicheres antun. Und ganz am Ende stand dann der grundlegende Wunsch eines Lebewesens: Der Wille zu leben.
      Der Seeker musste gar nichts sagen. Seine pure Anwesenheit war ein heilendes Pflaster auf einer gewaltigen Fleischwunde. Während Sylea in seinen Armen brach und einmal nicht die Stärke zeigte wie üblich, hielt die Zeit um sie herum nicht an. Entfernt erklangen Rufe in den Fluren vor dem Raum, ganz leise und fast übertönt von dem Alarm. Ewig viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Das Schicksal zog die Zügel an. Also riss sich das Mädchen zusammen und setzte die Zeichen im Halbkreis über ihre Brust fort. Dabei wippte sie leicht vor und zurück, den Blick auf die gebrochene Tür gerichtet. „Danke, dass du mich liebst“, murmelte Sylea zwischenzeitlich, doch sie sah nur stur geradeaus. „Danke, dass du meine Entscheidung nicht hinterfragst. Du vertraust mir doch?“
      Und das tat er zweifellos.
      Die Tränen waren mittlerweile versiegt und das Brennen hauste in ihren Augen und auf ihrem Gesicht. Eine Eiseskälte hatte sich nicht nur wie eine Decke über ihren Körper gelegt, sondern umfing ihr Herz wie mit eisernen Ketten. Vor dem allerletzten Strich stockte sie, so als müsse sie sich gewahr werden, ob sie es wirklich tun wollte. Doch dann vollendete sie ihr Werk und der Zauber war komplett.
      Ihnen allen wurde die Luft aus den Lungen gedrückt. Eine Art Vakuum tat sich auf, das die kompletten Hallen einnahm, und löste in Sylea sofort Panik aus. Ersticken war eine grausame Erfahrung und sie fasste sich japsend an den Hals, da kehrte die Normalität wieder ein. Sowohl sie als auch Cain husteten, als die Luft zurückkehrte, und dann stand genau zwischen ihnen und der zerstörten Tür ein kleiner, rothaariger Junge.
      Dagda.
      „Ich hätte mit vielen Orten gerechnet, aber nicht die Hallen deines eigenen Clans, Sylea Rubra“, sinnierte der Gott laut und betrachtete das Blutbad, das Cain um sie herum angerichtet hatte. „Tatsächlich hat es sogar länger gedauert. Ihr Menschen überrascht mich immer wieder.“
      Sylea war nicht überrascht über den Anblick des Gottes, aber sie spürte eine immense Anspannung in ihrem Rücken. Für den Seeker sah es nämlich nicht danach aus, dass Sylea Dagda gerufen hatte. In seinen Augen war er nur ein weiteres Problem oben drauf. Das Vessel hingegen wirkte erschöpft, ihre Schultern hingen herab und sie machte keine Anstalten, sich großartig zu bedecken. Es spielte sowieso keine Rolle mehr. „Es mussten noch Dinge geklärt werden.“
      „Das sehe ich.“ Die Augen des Gottes fuhren zuerst über Sylea, dann über Cains Erscheinung. Eine milde Form des Interesses lag in den uralten Augen vergraben. „Möchtest du den ersten Teil einlösen?“
      Ein knappes Nicken des Mädchens. „Ja, ich bitte darum.“
      Dagda legte den Kopf schief und dann wurde es plötzlich leise. Der Alarm blinkte noch, aber die Sirene war verstummt. Auch die Laute aus dem Flur waren plötzlich kaum noch zu hören. Das Flackern der Lampe wirkte seltsam träge und die Luft wirkte schwerer als zuvor. Der Gott hatte etwas bewirkt, das den Raum oder die Zeit um sie herum manipulierte und damit so viel Zeit erkauft, wie er für den Handel benötigte, den Sylea einst mit ihm vorbereitet hatte.
      Der Junge machte eine ausladende Handbewegung, dann tat sich ein verzerrter Kreis in der Luft auf. Einfach so, mitten im Raum und ohne Geräusch. Man konnte nicht erkennen, was sich hinter dem Kreis befand, aber es war eindeutig ein anderer Ort. Jemand oder etwas stand davor oder schreckte vielleicht sogar davor zurück. Sylea wusste nicht, was es sein sollte.
      „Der erst Teil umfasst das Hergeleiten des Individuums Mortimer oder Baltazar“, verkündete Dagda ein wenig gelangweilt und schnippte zu dem schwebenden Kreis, der ein Portal sein musste. Jetzt erst erkannte Sylea, dass sich der Schemen dahinter wehrte und offensichtlich gerade dazu genötigt wurde, doch das Portal zu durchqueren. Ein bisschen Mitleid hätte Sylea für den Konstrukteur aufbringen können, nur nicht jetzt. Jetzt hatte sie den Mechanismus losgetreten und würde zusehen müssen, ob sie die zahllosen Zahnräder richtig eingesetzt hatte oder nicht.
    • Sie nicht hin. Kopfschüttelnd presste Cain sein Gesicht fester gegen ihren Hals. Nein, er würde nicht hinsehen, wenn Sylea das von ihm verlangte. Aus dem vehementen Kopfschütteln wurde ein bestätigendes, ergebenes Nicken. Ja, er würde ihrer Bitte, die sie mit fürchterlich dünner Stimme vorbrachte, gehorchen. Cain kapitulierte und ergab sich dem Ende, das Sylea für sie bestimmte. Ihm war es gleich, was nun geschah, solange sie zusammen waren. Die Chancen standen denkbar schlecht, wenn nicht sogar katastrophal. Ihre Lage war ganz und gar aussichtslos. Trotzdem verspürte der Seeker eine nie dagewesene Ruhe. Es war vorbei. Die Verfolgungsjagd war vorbei und die Sorgen hatten ein Ende. Sie würden nie wieder wegrennen, nie wieder aus Angst über Schultern blicken müssen.
      Zittrig führte Sylea ihre Hände über ihren Brustkorb und Cain sah, ganz wie versprochen, nicht hin, aber er spürte das unstete Zucken der müden Muskeln in ihren Schultern. Er lauschte dem leisen Rascheln des Kittels und dem sanften, feuchten beinahe beruhigenden Geräusch von blutverschmierten Fingern, die über nackte Haut glitten. Der Arm um ihre schmale Taille erhöhte den Druck, als er Sylea trotz besseren Wissens enger an sich zog. Nichts würde ihn jemals von dieser Frau trennen. Der Gedanke war fest in Cain verankert. Nichts...Kein Rubra-Clan, keine politische Macht, kein Ascan. Nicht einmal der Tod.
      Als das schütteln des gepeinigten Körpers in seinen Armen immer heftiger wurde, zog Cain die wabernden Schatten fest um ihre Leiber. Die Dunkelheit fühlte sich kühl und beständig an. Wie ein Balsam, der sich auf hypersensible Nerven und aufgewühlte Gemüter legte. Umgeben von dunkelsten Teil seiner Selbst zersplitterte Syles endgültig unter seinen Händen. Das Schluchzen übertönte die schrillen Alarmsirenen und entlockte dem stillen Seeker ein gequälten und erstickten Laut. Wüsste er nicht, dass dieser Laut aus seiner eigenen Kehle stammte, hätte er ein verletztes Tier im Raum vermutet. Er brauchte keine Aurenverschmelzung, keinen Seelenbund um die Angst am ganzen Körper zu spüren. Cain drückte Sylea fest an sich, doch das schien alles nur noch schlimmer zu machen. Dennoch ließ er nicht von ihr ab, klammerte sich verzweifelten an die letzten Momente, die ihnen blieben. Als er endlich seine Stimme wiederfand, klangen die Silben kratzig in seiner Kehle und so, so gebrochen.
      "Ich wünschte mir auch, es würde nicht enden. Nicht so. Aber ich bereue nichts", flüsterte er. "Nicht einen Tag. Nicht eine Stunde. Nicht eine Minute. Keine Sekunde davon. Ich habe solange die Hoffnung mit mir herum geschleppt, dass es einen anderen Weg gibt. Tief im Inneren habe ich immer gewusst, dass es ein Traum bleibt. Ich wollte...ich wollte dir die Welt zeigen. All die Dinge mit dir tun, die uns immer verwehrt gewesen waren. Ich wollte ein Leben mit dir verbringen. Es tut weh. So sehr. Aber ohne dich.."
      Cain stockte und presste seine Lippen gegen ihre kühle Haut.
      "...ohne dich wäre ich für den Rest des Lebens eine Marionette geblieben. Gefangen in einem Konstrukt aus Lügen und Machtlosigkeit. Einsam ohne ein wirkliche Verbindung, die mich erfüllt. Dank mir nicht dafür, dass ich dich liebe. Ich muss dir danken. Dafür, dass du mich dich lieben lässt. Dafür, dass du meinem Leben einen Sinn gegeben hast."
      "Du vertraust mir doch?"
      "Immer."
      Die bedrückende Schwere raubte ihm den Atem und drückte gnadenlos auf seinen Brustkorb bis Cain kläglich nach Luft schnappte. Es dauerte einen Augenblick bis er verstand, dass die plötzliche Atemnot nicht allein durch die Bedeutsamkeit ihrer letzten Minuten auf Erden resultierte. Er bekam tatsächlich keine Luft. Kein Training hätte Cain darauf vorbereiten können elendig zu ersticken und dabei die Ruhe zu bewahren. Sein Körper sprang nahtlos in den Überlebensmodus und japsend versuchte er frischen Sauerstoff in seine brennenden Lungen zu bekommen. Der Seeker krümmte sich um Sylea, klammerte sich an das Gefühl ihres Rückens, der sich gegen seinen schmerzenden Brustkorb drückte.
      Dann war auch schon alles vorbei und in seine gequälten Lungen strömte die sterile Luft des Behandlungsraumes.
      Cain bemerkte erst, dass sie nicht mehr alleine im Raum waren, als eine dritte und erschreckend vertraute Stimme das atemlose Keuchen durchbrach. Schlagartig stoben die Schatten auf und krümmten sich in Richtung des Eindringlings. Weit kamen sie nicht. Eine unsichtbare Mauer zwang die Finsternis zum Stillstand. Die Macht eines Gottes flutete den Raum.
      Was suchte Dagda hier?
      Er hatte die kindliche Göttergestalt nicht vergessen und die Erinnerungen, die mit der letzten Begegnung verknüpft waren.
      Damals hatte er sie gehen lassen. War er nun gekommen um diesen Fehler zu korrigieren? Letztendlich spielte es im Angesichts des Endes auch keine Rolle mehr. Das eigenartige Unbehagen in einem hinteren Winkel seines Verstandes ließ sich dennoch nicht gänzlich ignorieren. Die Schatten zuckten im Einklang mit der wachsenden Verwirrung, die mit jedem gesprochenen Wort stetig anwuchs.
      "Möchtest du den ersten Teil einlösen?"
      Es ließ ihm eiskalt den Rücken herunter.
      Richtig. Sylea war auf einen Deal mit dem Gott eingegangen. Seine Ergebenheit und das blinde Vertrauen hatten ihn die Konditionen nie hinterfragen lassen. Jetzt brach der Seeker doch sein Versprechen und sein Kopf ruckte von Syleas Schulter empor. Wie ein gehetztes Tier sprang sein Blick zwischen Dagda und dem erzeugten Portal hin und her. Ein dumpfes Grollen vibrierte in seiner Brust. Vielleicht hatte er mit vielen möglichen Konsequenzen gerechnet, aber nicht mit dem Babylonier, der nun in die Szenerie gezwungen wurde. Baltazar, der ebenfalls durch einen Deal mit Sylea und damit ihrem gemeinsamen Schicksal verknüpft war. Cain fixierte nun den Konstrukteur, der leichenblass und mit gehetztem Gesichtsausdruck zu Dagda herüberspähte. Die uralte Seele im Körper eines Jünglings zeigte sich ungewöhnlich wortkarg und kaum hatte er die Balance auf dem Linoleum gefunden, rückte er bereits so weit wie möglich von dem Gott ab bis die Wand in an einer weiteren Flucht hinderte. Cain erkannte echte, tiefgreifende Furcht im Blick des Babyloniers und damit ein Ausmaß an Emotionen, die Baltazar sonst nicht zeigte.
      Der Babylonier öffnete und schloss den Mund mehrmals bis endlich ein Ton herauskam.
      Dabei sprang sein Blick ruckartig zu Sylea, die er verwundert musterte, als hätte er nicht erwartet sie zu sehen. An seinen Seiten krümmten sich die schlanken, bleichen Finger. Cain wartete darauf, dass sich der Raum beugte, dass Mortimer alles um sich herum zur Waffe fertigte, doch nichts geschah. Auch der Konstrukteur musste sich wohl oder übel der Macht eines Gottes beugen.
      Dann verdunkelten sich die grünen Augen.
      "Du dummes Mädchen...", zischte er mit bebender Stimme. "Was hast du getan? Du steckst uns alle in einen Raum mit...mit...mit ihm? Bitte sag mir, dass du keine Vereinbarung mit einem Gott ausgehandelt hast. Du servierst uns auf einem Silbertablett nachdem wir das einmalige Glück hatten, entkommen zu sein. Das war nicht Teil unserer...Ist das etwa der Dank dafür, das ich..."
      Baltazar griff sich an die Kehle als würgte ihm eine unsichtbare Macht im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme ab. Er presste verärgert die Lippen auf einander und Cain auf der anderen Seite des Raumes runzelte die Stirn während sich seine Nackenhaare aufstellten. Warum fixierte der Babylonier nun Sylea mit seinem Blick obwohl wenige Meter entfernt ein Gott lauerte? Die Lippen des Archivars bewegten sich lautlos, bis die geschärften Sinne des Seekers endlich deren Bedeutung aufschnappten. Baltazar murmelte sie wie ein Mantra.
      "Du dummes, dummes Mädchen...Was hast du nur getan...?"


      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

    • Dies war der Augenblick, in dem sich alle Zahnräder an die passende Stelle setzten und die Maschinerie zum Laufen brachten. Sylea fühlte dabei keinerlei Freude, keine Ruhe und auch keine Zufriedenheit. Resignation hätte einsetzen müssen, aber die Trauer und das Gefühl, versagt zu haben, wogen einfach viel zu schwer. Nur hatte sie nun den weiteren Werdegang eingeleitet und damit aus der Hand gegeben, wie das Spiel enden würde. Sie hatte ihren letzten Wurf getätigt und es war entschieden.
      Dagda bedachte den Konstrukteur lediglich mit einem beiläufigen Blick. In seiner Gegenwart konnte der Babylonier nicht auf seine Fähigkeiten zugreifen. Dafür steckte er schon im Zeitkonstrukt des Gottes.
      Sylea versuchte sich an einem Lächeln, mehr als das Zucken ihrer Mundwinkel bekam sie jedoch nicht hin. „Ich musste damals einen Handel mit ihm abschließen. Sonst hätte ich den Grimm nicht gebändigt bekommen. Und einen Handel mit einem Gott kann man leider nicht ausschlagen. Ich habe um Zeit gebeten und er verlangt einen passenden Preis dafür.“
      Der Gott hatte nicht viel übrig für herzzerreißende Szenerien. Er war hier, um die Bezahlung für seinen Handel einzuholen und trat auf Sylea und Cain zu. Das Mädchen legte eine eiskalte Hand auf Cains Arm, damit er sie losließ. Das Messer fiel ihr aus der Hand und schlug scheppernd auf dem Boden auf. Doch Cain machte keine Anstalten seinen Arm zurückzuziehen. „Cain, du kannst sitzen bleiben. Aber nimm bitte deine Arme weg, ja?“, sagte sie leise und zittrige Finger fuhren über die schwarzen Stellen auf seiner Haut. „Das machst du doch für mich?“
      Es war als Bitte formuliert, aber sie wusste, dass es wie ein Befehl auf den Seeker wirkte. Sie hatte so viel Macht über ihn bekommen und es viel zu spät realisiert. Vielleicht hätte sie es anders spielen können, aber am Ende war sie ja doch nur ein junges Mädchen, das unter dem immensen Druck immer weiter zerbrochen war. Sie hatte zu viel schultern müssen, als dass sie unbeschadet herausgekommen war. Also entschied sie sich dafür, dass mitzunehmen, was ihr lieb und teuer war.
      Vor Sylea kam Dagda zum Stehen und streckte ihr eine geöffnete Hand hin. Sylea sah diese Hand lange an bis sie schließlich ihre in seine platzierte.
      Das würde es also sein.
      Sylea nahm einen zittrigen Atemzug und versuchte, alle ihr verbliebene Liebe in die folgenden Worte zu packen. „Cain, es gibt einen Weg. Ich habe einen gefunden, aber ich kann den leider nicht bestreiten. Dir kann ich den jedoch anbieten und ich will, dass du ihn gehst.“
      Hätte sie ihm nun ins Gesicht sehen müssen, wären ihr die Worte im Halse stecken geblieben. Diese Worte hätte sie ihm nicht ins Gesicht sagen können, ohne daran zu zerbrechen. Seinen Gesichtsausdruck konnte sie jetzt nicht ertragen. Sie konnte nicht den Vorwurf ertragen, dass sie sich die Freiheit nahm, über sein Schicksal zu entscheiden.
      „Ich liebe dich, Cain. Alles, was ich bisher angefasst hab, ist kaputt oder tot. Jace, Mairead, die Sache im Hollow Point, selbst Helyon… Und auch Cordelia, weil ich dich zu ihr gebracht habe. Also lass mich bitte diese eine Sache richtig machen, ja? Nur diese eine.“
      Ihre Stimme war ein einziges Wrack, aber sie enthielt die letzten Funken an Liebe, die dieser geschundene Körper übrighatte.
      „Sieh es als Fluch an. Oder als Segen. Es ist mir egal, solange du mir nicht einfach folgst. Leb das Leben an meiner Stelle. Das, was ich nicht haben konnte. Ich bringe jetzt alles in Gang, damit du die Möglichkeit hast. Ab jetzt bist du dann wirklich frei. Zum ersten Mal in deinem Leben.“
      Sylea schloss die Augen. Die Lösung war so einfach gewesen. Auch Dagda konnte das Band zwischen ihr und Cain nicht einfach so lösen, weil Ascan das mit seiner Anwesenheit verhinderte. Also gab es einen Weg, den sie selbst eingehen konnte. Es hatte nur gedauert, bis sie herausgefunden hatte, wie.
      „Bitte schmeiß dein Leben nicht weg. Lass mich nur dieses eine Mal etwas richtig machen. Ich werde dich immer lieben, Cain. Immer.“
      Und dann ließ Sylea sich fallen und sich selbst los.

      Ascan kam völlig überrumpelt an die Front. Vor ihm stand Dagda, ihre Hände miteinander verbunden, an seinem Rücken lehnte Cain, nicht gewillt, abzulassen. Als würde er erst jetzt seinen ersten Atemzug machen, schnappte er nach Luft und richtete sich auf. Sein Blick ging ungewöhnlich hektisch durch den Raum, erkannte den Gott und auch den Konstrukteur im Raum.
      Doch das Gravierendste war die Stille in seinem Kopf.
      Ascan war allein.
      Da war keine andere Stimme mehr in seinem Kopf.
      Da war auch kein Silber mehr in seiner Aura, sein Violett war überragend, mächtig.
      „Wieso hat sie den Widerstand aufgegeben?“, fragte Ascan heiser und starrte den Gott vor sich. Erstmalig lag völliges Unverständnis in seiner Stimme.
      „Wolltest du das nicht von Beginn an? Einen Körper für dich allein? Sie hat akzeptiert, dass sie verlieren wird und hat freiwillig losgelassen. Sollte das dich nicht glücklich stimmen?“, fragte Dagda mit einem verzerrten Grinsen, das die brutale Natur der Götter verkörperte.

      Kaum hatte er das gesagt, durchfuhr Ascan ein stechender Schmerz. Parallel zu seiner Reaktion krümmte sich auch Cain und beide zuckten und wandte sich in grausiger Synchronität. Ihm wurde heiß, dann kalt. Es brannte und er fror. Es fühlte sich an, als packte man sein Innerstes und riss es heraus. Als würden ihm sämtliche Emotionen geraubt und dann gewaltsam wieder entgegen geschleudert werden. Das alles dauerte wohl nur Sekunden, anfühlen tat es sich wie eine Ewigkeit.
      Dagda ließ Ascans Hand nicht los, die in seiner Hand zu zucken begonnen hatte. Sowohl Cain als auch Ascan waren zusammengesunken und kämpften um jeden Atemzug. Und als Ascan in sich horchte und fühlte, war da nichts. Er fühlte nur seine Emotionen und seine Gedanken. Alles, was mit Cain verbunden war, hatte sich aufgelöst.
      Das Aurenband hatte sich gelöst.

      Ascan versuchte, seine Hand aus Dagdas zu lösen, jedoch ohne Erfolg. Jetzt beschlich ihn auch ernsthafte Panik, denn seine Absicherung in Form von Sylea war verschwunden. Sie war einfach weg, in Luft aufgelöst und er stellte mit Schrecken fast, dass es sich für ihn anfühlte, als hätte sich ein Teil von ihm selbst mit ihr verabschiedet. Mit keinem Vessel zuvor hatte er so viel Zeit verbracht, sodass er auf diese Ereignisse gänzlich unvorbereitet war.
      „Nimm deine Hand weg!“, fauchte er den Gott mit aufschwellender Panik an, doch dieser grinste nur weiterhin.
      „Dann nehme ich mir meine Bezahlung.“
      „Sie hat MICH als Bezahlung angeboten?!“, keifte Ascan. „Was fällt ihr-„
      Und dann kippte der Körper des Mädchens plötzlich still und schweigend nach vorn, direkt in Dagdas Arme. Der Gott fing den Körper trotz seiner Größe mühelos auf und strich ihr geistesabwesend über den Rücken. „Ich war so lange hinter seiner Seele hinterher. Wie konnte ich diesen Handel ausschlagen?“
      Er bedachte Cain mit einem gewissen Blick, den man nicht deuten konnte. Dann drehte er sich zu Baltazar um. Das Grinsen war unlängst vom Gesicht des Gottes verschwunden und war der ausdruckslosen Mimik eines Kindes gewichen. „Ich glaube, das hier lässt sich durchaus als tot beschreiben.“
      Und damit klickte auch das letzte Rad der Maschinerie, die Sylea sorgsam aufgebaut hatte, an ihren Platz.
    • Ein allesverschlingendes Rauschen erfüllte seine Ohren. Es drängte alle Geräusche in den Hintergrund bis auf die eine Stimme, die ihm einen Anker bot. Cain klammerte sich an die Silben und weigerte sich doch die Bedeutung der Worte zu akzeptieren. Sein Körper, sein Geist...Einfach alles sperrte sich gegen das Unvermeidliche. Daran änderte auch die eiskalten Finger an seinem Arm nichts und die Muskeln in seinem Unterarm verkrampften, als bereitete ihm die Berührung qualvolle Schmerzen. Er durfte nicht loslassen, denn wenn er Sylea freigab, würde Dagda sie seinen Armen entreißen. Cain dachte nicht eine Sekunde daran, dem Gott freiwillig zu überlassen, woran sich sein Herz mit aller Macht festhielt. Die Schatten in seinem Inneren begehrten auf, wollten sich mit aller Verzweiflung dem Gott entgegenwerfen, doch die göttliche Macht blockierte den Ausbruch. Eine unsichtbare Barriere umschloss seinen Körper, eng und unnachgiebig wie eine zweite Haut, die er nicht abstreifen konnte, egal, wie sehr er sich dagegen auflehnte.
      Er durfte nicht loslassen. Er würde nicht loslassen. Niemals.
      "...nimmt bitte deine Hand weg, ja? Das machst du doch für mich?", flüsterte Sylea und der Mann in ihrem Rücken sackte in sich zusammen, während seine Gegenwehr bröckelte als hätte ihm die wenigen Worte alle Kraft geraubt. Es reichte schließlich um die Mauern seines Widerstandes endgültig einzureißen. Kopfschüttelnd verbarg er das Gesicht an der kühlen und klammen Haut in ihrem Nacken und obwohl sein ganzer Körper zunächst eine gänzlich anderen Sprache sprach, gab er Sylea frei. Sein Körper begann bereits zu begreifen während sein Verstand noch leugnete.
      „Cain, es gibt einen Weg. Ich habe einen gefunden, aber ich kann den leider nicht bestreiten. Dir kann ich den jedoch anbieten und ich will, dass du ihn gehst.“
      "Nein", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
      „Ich liebe dich, Cain. Alles, was ich bisher angefasst hab, ist kaputt oder tot. Jace, Mairead, die Sache im Hollow Point, selbst Helyon… Und auch Cordelia, weil ich dich zu ihr gebracht habe. Also lass mich bitte diese eine Sache richtig machen, ja? Nur diese eine.“
      "Tut das nicht. Du hast versprochen...", murmelte er und seine Lippen bewegten sich über ihre kalte Haut, so eiskalt, als würde das Leben bereits aus ihr fließen. "Verlang das nicht von mir, bitte."
      „Sieh es als Fluch an. Oder als Segen. Es ist mir egal, solange du mir nicht einfach folgst. Leb das Leben an meiner Stelle. Das, was ich nicht haben konnte. Ich bringe jetzt alles in Gang, damit du die Möglichkeit hast. Ab jetzt bist du dann wirklich frei. Zum ersten Mal in deinem Leben.“
      Ihre Stimme schmerzte in seinen Ohren. Ihre Worten schmerzten in seinem Herzen. Welchen Sinn hatte ein Leben in Freiheit, wenn sie ihn allein zurückließ? Was sollte er mit einem Leben anfangen, das seinen Sinn verlor? Er hatte nichts ohne Sylea. Dort draußen gab es niemanden, der auf ihn wartete oder ihn vermisste. Außerhalb dieses Raumes wartete nur die Einsamkeit auf ihn und zum ersten Mal in seinem Leben machte ihm das furchtbare Angst.
      "Bitte tu das nicht...", flehte er und seine Stimme brach. "Ich liebe dich. Ich brauche dich. Bitte. Ich liebe dich, ich liebe dich. Geh nicht, bitte."
      „Bitte schmeiß dein Leben nicht weg. Lass mich nur dieses eine Mal etwas richtig machen. Ich werde dich immer lieben, Cain. Immer.“
      "Bitte."
      Cain fühlte es. In einer Sekunde war alles, was ihn noch mit der Welt verband hier in seinen Armen und in der Nächsten, war Sylea fort. Einfach weg. Ohne einen letzten Blick. Ohne ein Lächeln, dass ihm Mut und Zuversicht schenken sollte. Ohne einen letzten Abschiedskuss. Cain fühlte wie ein Teil von ihm mit ihr ging, für immer der Welt entrissen und verloren. Er klammerte sich auch noch an den leblosen Körper, als Ascan aus der Dunkelheit erwachte und nach Luft schnappte. Er wollte das letzte Bisschen, das ihm von Sylea geblieben war, behalten. Längst folgte er dem Gespräch nicht mehr. Blind und taub verharrte er in der Starre seiner Trauer, aber selbst sein einziger Wunsch sollte ihm nicht erfüllt werden. Ein gleißender Schmerz durchfuhr Cain vom Scheitel bis zur Sohle. Er krümmte sich, ächzte und bebte und wimmerte...und dann war alles vorbei. Dagda hatte ihm nichts gelassen. Unfähig noch länger an Syleas Körper festzuhalten, fielen seine Arme ins Leere.
      Ein hohes Piepen blendete die letzten Worte des Gottes bis auf Eines aus: Tot.
      Sie war wirklich fort.
      Baltazar näherte sich, doch es war Cain egal.
      Sie war...tot.
      Eine Hand auf seiner Schulter bugsierte ihn langsam herunter von der Liege, führte ihn und Cain folgte dem Druck, als hätte sich der Autopilot eingeschaltet. Er stand unter Schock. Die plötzliche und gewaltsame Lösung des Aurenbundes und die Wahrheit, die er nicht annehmen wollte, waren zu viel für seinen Verstand gewesen. Selbst seine Augen schienen sich vor der Realität verschließen zu wollen. Das Sichtfeld verschwamm, Konturen verloren an Schärfe und Farben zerflossen ineinander. Cain blinzelte erst träge, dann immer hektischer und seine Augen brannten wie Feuer.
      Tot.
      Da schnappte etwas in Cain. Mit voller Wucht schlug er zur Seite, schüttelte die Hand auf seiner Schulter ab und brachte damit sogar den Babylonier für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Sein Atem ging stoßweise, beinahe keuchend, als sein Kopf herumfuhr.
      "Nein. Ich gehe nicht ohne sie."
      "Sei kein Idiot, Cain. Sie ist weg und wird es bleiben. Dieses Mal gibt es keinen doppelten Boden. Sie. Ist. tot.", fuhr Baltazar ihn ungewöhnlich harsch an . Der Babylonier wollte nun, da sich alles zusammenfügte, keine Sekunde länger in der Anwesenheit des Gottes verbringen. "Jetzt komm. Reiß dich zusammen."
      Baltazar griff nach dem Arm des Seekers, doch dieser schüttelte ihn wieder ab. Immer und immer wieder entzog sich Cain den Händen des Konstrukteurs, der allmählich die Geduld verlor.
      "Es tut mir leid, Cain", murmelte der Babylonier und er wusste den Unterton darin nicht zu deuten.
      Cain glaubte etwas wie Mitleid in den glühenden, smaragdgrünen Augen zusehen, bevor ein zweites Mal in kurzer Zeit ein heftiger Schmerz durch ihn hindurchfuhr. Bevor Cain richtig verstand, was Baltazar getan hatte, gab sein Bein unter ihm nach und er stürzte zu Boden. Ein markerschütternder Schrei entfuhr ihm als das silbrige Metall gewaltsam aus seinem Knochen herausgerissen wurde und sich auf seinem Weg hinaus Muskeln, Nerven und Fleisch zerfetzte. Warmes Blut ergoss sich auf das Linoleum und Cain schlug mit solcher Wucht mit der geballten Faust auf den Untergrund, dass die Knochen in seinem Handrücken splitterten. Während sein Schrei anhielt, entlud sich darin all die Trauer und der Schmerz, der weit über den zerschmetterten Knochen in seinem Bein hinausging. Heiße Tränen brachen aus seinen Augenwinkeln hervor und all die verzweifelte Wut in seiner Stimme endete in einem Crescendo tiefstem und allumfassenden Verlustes. Als Hände unter seine Achseln griffen und ihn erbarmungslos in Richtung des Portals zogen, fort von Sylea, schlug Cain in einer Tat letzter Verzweiflung um sich, suchte nach der zerstörerischen Kraft in sich, die alles um ihn herum verschlingen sollte, doch ohne Erfolg. Schlaff und kraftlos brach er im Griff des Babyloniers zusammen und sein Kopf fuhr zu Dagda herum. Er sah den Gott aus tiefschwarzen Augen an, der dünne Ring aus Gold darin ein letztes, flackerndes Aufbäumen.
      "Lass sie nicht hier", flehte Cain inständig. Er bettelte mit tränenerstickter Stimme und ein herzerreißendes Schluchzen raubte ihm die Worte direkt von der Zunge. Die Tränen flossen in Strömen. Ungebremst, frei und voller Schmerz.
      "Nimm sie mit dir oder gib sie mir, aber lass sie nicht hier zurück. Nicht hier. Lass sie nicht hier, damit sie..." - Syleas Körper nicht für ihre Experimente missbrauchten und das letzte Bisschen zerstörten, das noch von ihr in dieser Welt übrig war. Sie auf einer kalten Metallliege in Stücke fetzten. Sie sezierten und in Stücke schnitten, um das zu sichern, was ihnen noch nützlich erschien von der Frau, die Cain das größte Geschenk auf Erden gemacht hatte. Liebe. Grenzen- und weltenüberschreitende Liebe. "...sie dürfen nicht. Nicht das. Nicht so. Das hat sie nicht verdient. Bitte. Ich flehe dich an."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Dagda beobachtete die Szenerie mit unverhohlenem Interesse. Wann immer es zu Extremsituationen kam leuchteten Seelen für gewöhnlich am hellsten. Und die des Seekers brannte gerade lichterloh. Sie war so schön, trotz des Schmutzes, der das Gold zu dämpfen versuchte. Eine wunderschöne Farbe, die durch einen hauchdünnen silbrigen Film vor dem Schwarz geschützt wurde. Es dauerte einen Augenblick, ehe der Gott Syleas letztes Geschenk verstand.
      Doch der Konstrukteur war von Furcht getrieben. Dafür benötigte Dagda nur einen flüchtigen Blick. Schon immer hatte diese spezielle Seele seine Nähe gefürchtet. Wie ein Aal war sie seinem Griff wieder und wieder durch die Finger geglitten und dank dieses Mädchens hatte er gleich mehrfach die Gelegenheit gehabt, sich dieser Seele zu bemächtigen. Allerdings war er ein Gott und als solcher räumte er Schwüren und dergleichen einen hohen Stellenwert ein. Das allein war der Grund, warum er sich nicht direkt auf diesen Babylonier stürzte. Nein, er würde weiterhin warten bis zu dem Tag, an dem dieser Seeker starb. Dann gäbe es nichts mehr, was ihn davon abhalten würde, auch diese Seele zurückzuholen.
      „Es tut mir leid, Cain“, murmelte Baltazar, während Dagda den leblosen Körper auf den Boden gleiten ließ. Er hatte genug davon, eine seelenlose Hülle zu halten.
      Der Schrei, der Cain entfuhr und nie zu enden schien, berührte den Gott nicht. Er besaß lediglich den Anstand, als Zeuge des Geschehens im Raum zu stehen, als Baltazar die letzten Register zog, um den störrischen jungen Mann endlich zu Fall zu bekommen. Und was für ein Fall es war. Der ohnehin schon beschmierte Boden bekam die Farbe von frischem Blut und die Qual des Seekers nahm ungeahnte Ausmaße an. Doch nichts davon half, als der Konstrukteur ihn unter die Arme griff und vehement zum Portal zog, welches Dagda freundlicherweise offengelassen hatte.
      „Lass sie nicht hier“, flehte Cain den Gott an, der lediglich den Kopf leicht neigte.
      „Warum nicht? Das hier ist die Zuflucht ihres Kultes“, erwiderte er gelassen, wohingegen Cain keine Kontrolle mehr über seine Gefühle hatte. Er weinte, er schluchzte, sein Herz schrie nach Erlösung, die ihm niemand geben konnte.
      „Nimm sie mit dir oder gib sie mir, aber lass sie nicht hier zurück. Nicht hier. Lass sie nicht hier, damit sie…“
      Dagdas Blick senkte sich auf die auf dem Bauch liegende Sylea. Das Gesicht war gegen den Boden gepresst, Blut von den Forschern musste ihr im Gesicht kleben. Eine unschöne Aussicht. Wenig ästhetisch. Er wusste, worauf Cain hinauswollte und er wusste, dass dieser schmächtige Körper in den richtigen Händen selbst als Leiche zur Waffe werden konnte. Wer konnte schon sicher sagen, dass die Menschen keinen Totengott auf ihrer Seite hatten?
      „… sie dürfen nicht. Nicht das. Nicht so. Das hat sie nicht verdient. Bitte. Ich flehe dich an.“
      Rigoros zog Baltazar Cain weiter zum Portal. Nicht mehr viel, und er könnte seinen Fuß schon hineinsetzen. Die Ruhe selbst schien dagegen Dagda zu sein, so wie er zwischen Cain und dem Leichnam hin und her sah. Er wog die Risiken ab, mehr nicht. Gefühle kannte ein Gott nämlich nicht.
      „Mir steht es nicht zu darüber zu entscheiden, wer was verdient hat“, sagte er schließlich und bewegte einen Finger, wodurch Baltazar plötzlich in seiner Bewegung einfror. Die Augen konnte er noch bewegen, hatte aber die Macht über seinen Körper verloren. „Was hat sie denn dann verdient?“
      Er ging vor Sylea in die Hocke und schlang einen Arm um seine kleinen Beine. Mit der anderen Hand berührte er ihren immer kälter werdenden Rücken. Seine volle Aufmerksamkeit lag auf dem Körper, als er in unnatürlichen Bewegungen zu zucken begann. Ein widerliches Knirschen und Knacken erfüllten den Raum, als der Körper unter einer unsichtbaren Kraft zusammengepresst wurde und er schwarz anlief. Ihre Haut, ihre Haare, alles an ihr. In wenigen Sekunden schrumpfte der sich verrenkende Körper immer weiter zusammen, knirschte und schmatzte und knackte, bis er so klein und unkenntlich wurde, dass Dagda seine Hand darum schließen konnte. Erst dann erhob er sich wieder und schlenderte auf Cain und Baltazar, dessen Augen sich unmöglich weiteten, zu. Vor dem jungen Mann ging der Gott wieder in die Hocke und hielt die geballte Faust zwischen sich und Cain in der Luft. Als er die Hand öffnete, blitzte es vor Cains Augen. Von Dagdas Fingern baumelte eine gläsern anmutende, funkelnde Kette mit einem daumennagelgroßen Anhänger am Ende. Die Kette bestand aus geflochtenen Gliedern, die nahtlos ineinander übergingen und beim genauen Hinsehen fiel auf, dass es kein Glas war. Es war Diamant. Die ganzen Glieder bestanden aus einer unmöglich natürlich gewachsenen Form von Diamanten. Der Anhänger war ebenfalls in Diamanten gefasst und rahmte ein gläsernes Inneres ein. Und in diesem Gefäß waberte etwas.
      Silbriger Nebel, für jeden sichtbar. Eingefangen von dem Bisschen Aura, das Cain von ihr noch in sich trug.
      „Ob sie das verdient hat?“, fragte Dagda, als er Cain die Kette um den Hals legte und sich schließlich aufrichtete. Er deutete mit dem Finger auf das Portal und Leben kehrte in Baltazars Körper zurück.
      „Lauf, kleiner Babylonier“, sagte Dagda kühl zu dem Konstrukteur und ein hungriges Grinsen kehrte auf das Gesicht des Kindes zurück. „Beim nächsten Mal wird es das letzte Mal sein.“
    • Cain träumte von Sylea.
      Beinahe alle Nächte waren gefüllt mit ihrem Lachen, das er viel zu selten gehört hatte. Er sah ihr Lächeln vor sich, das Funkeln in ihren Augen, wenn sie ihn aufzog. Cain begegnete ihr auf der Lichtung vor der kleinen Waldhütte. Dort saß sie auf der alten Bank, die Ennis gezimmert hatte, mit nackten Füßen, das braune Haar lang wie bei ihrer ersten Begegnung im Wald, und lächelte ihn an. Sylea sagte nie ein Wort. Jede Nacht saß sie stumm neben ihm auf der Bank, ein Echo des Mädchens, das er mehr geliebt hatte als sein Leben, und hielt seine Hand. Jede Nacht, wenn er Glück hatte.
      In den schlimmen Nächten träumte Cain von Blut auf sterilem, grünen Linoleum. Er träumte von gesichtslosen Monstern, die ihm den Weg versperrten. Von einem gekachelten, kalten Raum und einem leblosen, bleichen Körper aufgebahrt auf einem Metalltisch.
      In den ganz besonders schlimmen Nächten der letzten Jahre, hörte er das herzzerreißende Flehen. Sylea, die bettelnd und schluchzend nach ihm schrie, aber er schaffte es nie über die Türschwelle. Egal wie sehr er es versuchte, Cain schaffte es nie durch diese Tür. Er brüllte und schrie. Manchmal begann er selbst zu betteln, flehte um Gnade für Sylea. Es waren die Nächte in denen Mortimer ihn unsanft aus dem Schlaf riss, weil befürchtete der gepeinigte Seeker könnte sich im Schlaf verletzen.
      Es waren die einzigen Nächte, in denen er ihre Stimme klar und deutlich hörte.

      - Eine unbekannte Zeit später -
      Hafen von Dover | Fähre nach Calais

      Mit den Fingerspitzen berührte Cain die filigranen Kettenglieder, die kühl auf seiner Haut ruhten. Egal, wie lange er die Kette trug, sie nahm nie etwas von seiner Körperwärme an. Es hatte Zeiten gegeben, in denen er sich die Kette tobend und brüllend vom Hals gerissen hatte, weil er die Erinnerung an den Ursprung nicht ertrug. Der Ausbruch hielt nie lange an bevor sich Cain wie ein Wahnsinniger zurück auf das Schmuckstück stürzte und es vorsichtig gegen seine Brust drückte, als bat er um Vergebung. Es war Fluch und Segen. Am Ende war es alles, was er noch von ihr hatte.
      Sylea…selbst nach all der Zeit schmerzte selbst der Gedanke an ihren Namen noch. Er hatte sich an den Schmerz gewöhnt. Die dumpfe, quälende Leere, die ihn nicht losließ. Mit Syleas Tod war auch ein Teil des Seekers gestorben. Er hatte ein Loch in sein Leben gerissen, das sich mit nichts auf dieser Welt füllen ließ. Eine offene Wunde, die sich niemals gänzlich schließen würde.
      „Du denkst an sie, nicht wahr?“ Ein Schnauben ertönte es links neben ihm. Die Stimme war ihm mittlerweile so vertraut, wie seine eigene. Das mochte an der gravierenden Ähnlichkeit liegen, aber es war nicht immer so gewesen. „Du hast dann diesen Blick. Baltazar sagt dann immer, du würdest aussehen, als wolltest du dich vom nächstbesten Gebäude stürzen.“
      Cain seufzte leise. Schritte näherten sich und eine zweite Stimme erklang über das Rauschen der Wellen und dem Rumpeln der Fähre, die gerade ihren Motor startete.
      „Bitte versuch dich nicht über die Reling zu werfen. Der Geruch von nassem Hund, wenn er dir hinterher springt, ertrag ich nicht.“
      Rechts neben ihm an der Reling tauchte der Babylonier, nein, Baltazar auf. Er trug einen seiner liebsten Anzüge und erntete dafür von den übrigen Passagieren skeptische Blicke. Da reisten sie schon jetzt schon so lange zusammen und Cain konnte schwören, dass er Baltazar nie in anderer Kleidung gesehen hatte, als den maßgeschneiderten und makellosen Anzügen. Ganz am Anfang, als sie sich noch weitestgehend unter dem Radar bewegt hatte, hatte er einmal versucht den Babylonier T-Shirt und Jeans schmackhaft zu machen. Mit einem Schnippen hatte Baltazar die Kleidungsstücke in Flammen aufgehen lassen. ‚Wenn diese kleine Mistkröte von Gott es sich doch anders überlegt und mich holen kommt, werde ich mit Stil abtreten‘, hatte er gesagt. Die Empörung konnte nicht überspielen, was Cain spüren konnte: Angst. Baltazar fürchtete sich vor dem Ende. Er hatte dem Konstrukteur nie entlocken können, warum er nicht von seiner Seite wich. Die Fragen danach hatte er irgendwann eingestellt, nachdem er begriff, dass er niemanden mehr hatte außer dem Babylonier. Es würde nie wieder eine Seele auf dieser Welt geben, die ihn verstand. Manchmal, wenn Baltazar ihn nachts aus seinen Albträumen weckte, ihm ein Glas mit Wasser reichte und auf dem Boden neben seinem Bett saß, bis der Seeker wieder eingeschlafen war, glaubte Cain, dass es Baltazar ähnlich erging.
      "Mama, guck mal! Ich hab dir doch gesagt, ich hab ihn gesehen. Da ist er doch! Der Grimm!"
      Anspannung pulsierte von seinen Begleitern, die links und rechts neben ihm an der Reling standen und plötzlich wie erstarrt waren. Eine Kinderstimme klingelte in seinen Ohren. Ein Kind...Cain drehte den Kopf leicht zur Seite und versuchte die Quelle der Aufregung zu finden. Auf einer kleinen Bank unweit von ihnen saß ein Junge, nicht älter als 6 oder 7, mit einem Buch in seinem Schoß und zeigte mit dem Finger auf sie. Oder besser auf den Begleiter zu seiner Linken.
      Grund der Aufregung war der zottelige, schwarze Hund, der seine Pfoten auf die Reling gelegt hatte und hechelnd darüber spähte. Das Fell war lang und dicht, das Gesicht beinahe wolfsähnlich und mit seiner Schulterhöhe reichte er Cain knapp bis zur Hüfte.
      "Lucas! Mit dem Finger zeigt man nicht auf andere Leute. Das ist unhöflich", tadelte die sichtlich verlegene, junge Mutter und zog den Jungen auf ihren Schoß. Jetzt konnte Cain auch das Buchcover erkennen. Darauf prangte das Gesicht eines Jungen mit kaputter Brille und im Hintergrund lauerte ein schwarzer Hund. Ah, deshalb war der Junge zu aufgeregt. Seltsamer Zufall, dass die Bestie in dem Buch wohl denselben Namen trug wie Cains zweites Persönlichkeitsfragment.
      Ein Fragment, so hatte Baltazar den Grimm irgendwann bezeichnet. Ein Teil eines Ganzen.
      Es hatte seine Zeit gedauert, die Mutationen in den Griff zu bekommen. Manchmal, wenn Cain in den Spiegel blickte, bildete er sich ein, die Schatten unter seiner Haut tanzen zu sehen. Sobald er auf seine Hände, seine völlig normalen Hände sah, war der Spuk schon wieder vorbei. Viel länger hatte es allerdings gedauert, bis sie dahinter gekommen waren, dass das Buch, die kostbaren Memoiren, vollkommen wertlos waren. Die Tagbücher waren letztendlich nur das gewesen. Tagebücher einer Frau und keine explizite Anleitung, wie sich Seelen übertragen ließen. Mortimer hatte die Neuigkeit besser aufgenommen als erwartet. Er hatte nur das Archiv unter dem Museum in Edinburgh eingerissen, nachdem sie alles, was sie brauchten hinaus geschafft hatten.
      Das Amulett mit der eingeschlossenen Seele, war dann die Lösung seines Problems gewesen. Und Baltazars Talente als Konstrukteur. Er hatte einer toten Hülle, einem ausgestopften Wolfshund einen Funken seiner Kräfte eingehaucht und eine nicht greifbare Brücke zwischen Mensch und Hülle geschaffen. Ein Verbindung die Cain und der Grimm gleichermaßen überqueren konnten. Es war die einzige Möglichkeit einer Koexistenz gewesen und dabei ein halbwegs normales Leben zu führen. Der Grimm konnte nicht vernichtet werden ohne Cain dabei zu schaden. Sylea hatte hatte das schon gewusst und ihm ein letztes Geschenk gemacht: Das letzte Bisschen der silbrigen Aura war der Anker um den Cain und der Grimm drifteten.
      Eine Seele, die in zwei Körper existierte und zusammengehalten von einer dritten Seele in völliger Balance existierte.
      "Aber Mama! Darf ich ihn streicheln? Bitte, bitte. Ich möchte den Hund streicheln!"
      "Hund? Wen nennt der Knirps einen Hund?"
      Cain war dankbar, dass ihre Kommunikation telepathisch erfolgte. Es hätte alle Passagiere sonst zu Tode erschreckt. Die Aufmerksamkeit konnten sie nun wirklich nicht gebrauchen. Aus dem Augenwinkel sah er Baltazar, der mit einem ungewöhnlichen heiteres Grinsen um ihn herum ging und vor dem großen Hund in die Hocke ging.
      "Und was für ein braver Junge er doch ist", säuselte er und begann ernsthaft den großen Hund hinter den Ohren zu kraulen, als hätte er den Austausch von Cain und dem Grimm gehört. Vielleicht hatte Baltazar auch einfach nur einen glücklichen Treffer gelandet, wobei Cain fest davon überzeug war, dass es eher an dem empörten Schnauben des Grimms gelegen hatte, das ein klein wenig zu menschlich daherkam.
      "Wenn du nicht sofort deine Griffel wegnimmst, beiß ich dir die Finger ab. Das hier ist kein verdammter Streichelzoo! Ich bin...Oh, warte. Mach das nochmal..."
      Der Grimm ließ sich auf die Hinterbeine nieder und seine Rute wackelte zufrieden von einer zur anderen Seite.
      Für solche Momente war Cain dankbar. Er würde immer dankbar sein für all die guten Dinge, ob klein oder groß spielte keine Rolle, weil Sylea sie ihm geschenkt hatte. Sie hatte ihm ein Leben geschenkt und er würde es nicht vergeuden. Er würde es so gut leben wie er nur konnte.

      Die Überfahrt nach Calais würde nur knapp 90 Minuten dauern, doch Cain kam die Strecke vor, als dauerte sie Ewigkeiten. Er ließ alles zurück. Alles, was ihn sein Leben lang ausgemacht hatte und obwohl er wusste, dass es das Richtige war, schlich sich Wehmut in seine Gedanken. Er ließ nicht nur das Schlechte zurück, auch das Gute. Orte, die schöne Erinnerungen bargen. Menschen, die nicht einmal mehr wussten, dass er noch lebte. Cain dachte an Ennis, der möglicherweise nie erfuhr, was mit seiner Enkelin geschehen war. Er dachte an Kehled, dem keine andere Wahl blieb, als sich seinem Schicksal zu beugen. Seine Gedanken wanderte zu Hollow Point, zu den anderen Seekern, die das Blind Eye dahinraffte.
      "Du bist schrecklich still heute", stellte Baltazar fest.
      "Hm."
      "Genau das meine ich", schmunzelte der Konstrukteur.
      Cain strich sich mit den Fingern über das Kinn, fühlte die Stoppeln des Drei-Tage-Barts, den er sich neuerdings stehen ließ. Eine frische Brise fuhr ihm durch die Haare und Cain schauderte unter dem kalten Hauch in seinem Nacken. Er hatte sich die langen Haare bis auf wenige Zentimeter abgeschnitten. Bis auf seine Augen sah er in den einfachen Blue Jeans, dem weißen T-Shirt und der Lederjacke aus wie jeder andere Passagier auf der Fähre. Normal.
      "Also...Paris?", bohrte Baltazar nach.
      "Ja, Paris", nickte Cain und seufzte, als ihm bewusst wurde, dass Baltazar heute nicht einfach locker ließ. "Schien ein guter Punkt zu sein, um anzufangen."
      "Vom Seeker zum Tourist?"
      "Geht's noch etwas lauter, Baltazar?", zischte er.
      Der Babylonier lachte leise.
      "Als ob es auf dieser Nussschale irgendjemanden interessiert. Menschen sehen nur das, was sie auch sehen wollen. Warum Paris? Es liegt nicht zufällig an den Flugtickets, die ich in deiner Tasche gefunden habe?"
      Cain fuhr aufgebracht herum.
      "Du durchwühlst meine Sachen?"
      "Reine Vorsichtsmaßnahme. Du kannst es mir nicht verübeln", entgegnete Baltazar jetzt sehr ernst. "Die letzten Jahre waren ein ständige Auf und Ab. Du hast versucht dich umzubrin..."
      "Es reicht. Das...ich habe das hinter mir gelassen", grollte er.
      "Du wirst sie nie hinter die lassen, Cain."
      "Nein, aber ich werde nicht länger versuchen, dass Geschenk zu zerstören, dass sie mir gemacht hat. Zumindest das bin ich ihr schuldig."
      Er verzog das Gesicht, als er das Gewicht auf sein gesundes Bein verlagerte.
      Der Knochen in seinem schlechten Bein war nie wieder richtig verheilt. Sie hatten schlecht in ein Krankenhaus gehen können und er hatte sich mit Händen und Füßen gegen die Hilfe des Babyloniers gewehrt. Vielleicht war es seine Art sich selbst zu bestrafen, aber in diesem Punkt blieb Cain hart und Baltazar hatte es mit einem Schulterzucken hingenommen. Seitdem hinkte Cain beim Gehen, aber hatte sich daran gewöhnt. An die steifen Bewegungen, an die stärkeren Schmerzen, wenn das Wetter umschlug, wenn die Kälte ihm in die Knochen kroch.
      Baltazar sah ihn unentwegt an.
      Es vergingen Minuten bis Cain wieder sprach.
      Der Mann neben ihm würde sonst nie locker lassen.
      "Erinnerst du dich an unseren Zwischenstopp in Edinburgh? Ich habe die Tickets in einem von Jace' alten Schließfächern gefunden. Sie wurden nach der Explosion ausgestellt."
      "Glaubst du er lebt noch?"
      Baltazar zog skeptisch eine Augenbraue nach oben.
      "Ich weiß es nicht, aber was ich weiß, ist, dass diese Tickets nicht ohne Grund dort lagen. Von Paris nach Buenos Aires. Bezahlt, aber es sind keine konkreten Flugdaten aufgedruckt. Kein Verfallsdatum. Merkwürdig, nicht?", fragte Cain.
      "Du denkst, da steckt mehr dahinter?"
      "Mhmh..." nickte er.
      "Und du willst das wirklich? Wer weiß, was dort in Buenos Aires wartet. Ich glaube, sie hat nicht gewollt, dass du dich Hals über Kopf in den nächsten Konflikt stürzt. Sie wollte das du lebst."
      "Das tue ich doch. Jeden Tag. Und ich habe nicht gesagt, dass wir sofort fliegen. Wir könnten einen Bogen machen, bevor wir nach Paris gehen. Einen großen Bogen."
      Ein Lächeln erschien auf Cains Gesicht.
      Es begann leicht zu nieseln.
      "Etwas Sonne wäre zur Abwechslung ganz nett. Das englische Wetter schlägt mir zu sehr auf Gemüt", murrte Baltazar, aber der ehemalige Seeker konnte das Lächeln in seiner Stimme hören.

      In Calais verließ das Trio die Fähre.
      Bis auf eine Tasche, die sich Cain über die Schulter warf, hatte er nichts dabei. Die wenigen Habseligkeiten, die er noch besaß, beschränkten sich auf das Notwendigste. Mit einem Konstrukteur unterwegs zu sein, hatte seine Vorteile. Der Grimm trottete neben ihm her, als sie über die Hafenpromenade schlenderten.
      "Geht schonmal vor. Ich brauche einen kurzen Moment", sagte Cain und blieb unvermittelt stehen.
      "Bist du sicher?", brummte es in seinem Kopf.
      "Keine Dummheiten. Versprochen."
      Baltazar nickte nur und zog mit dem großen, schwarzen Hund an seiner Seite weiter, während die Passanten einen Bogen um das imposante Tier und den seltsamen Kauz im Anzug machten.
      Cain verließ den Hafen in eine andere Richtung und mühte sich die steinernen Stufen zum Stand herunter. Es war noch zu kalt um die Badesaison einzuläuten. Das kam ihm gerade Recht. Bis auf einen Jogger und ein paar Spaziergänger konnte er niemanden weit und breit sehen. Der weiche Sand war die Hölle für sein schlechtes Bein, aber trotzdem kämpfte sich Cain bis zum Ufer vor, wo der Sand bereits feucht von den herannahenden Wellen war. Er ließ sich Zeit, als aus seinen Turnschuhen schlüpfte, die Socken abstreifte und mit beidem in der Hand auf das Wasser zutrat. Scharf sog Cain die Luft ein, als das eiskalte Wasser um seine Knöchel schwappte.
      Eine Weile ging Cain am Ufer entlang und lauschte dem Klang der Wellen.
      Sylea hätte das gefallen.
      Er stellte sich gerne vor, wie sie zusammen, Hand in Hand, am Ufer entlang spazierten. Vielleicht im Sommer. Sylea in einem leichten Sommerkleid, lachend mit einem Eis in der Hand und Bauchschmerzen, weil sie in kürzester Zeit unbedingt alle Sorten probieren wollte.
      Cain blieb stehen, richtete sich zum Meer aus, kippte den Kopf zurück in den Nacken und schloss die Augen. Er roch das Salz der frischen Küstenluft, hörte das Kreischen der Möwen und das Plätschern der Wellen, spürte den kühlen Wind in seinem Gesicht.
      Der Himmel war immer noch bewölkt, als er die Augen aufschlug, aber ganz langsam kämpfte sich die Sonne hinter den grauen Schleiern hervor. Eine sanfte Wärme kroch über sein Gesicht, wärmte ihn. Cain wollte sich vorstellen, dass Sylea irgendwo dort oben war. Nicht im religiösen Sinn, Cain war kein gläubiger Mensch. Nein, er hoffte, dass sie dort, wo sie jetzt war, frei war. Frei wie ein Vogel am Himmel und die weite Welt betrachtete, die sie ihr so viel Unrecht getan hatte und die sie trotzdem so gerne hatte entdecken wollen.
      Eine einzelne, stille Träne kullerte über seine Wange.
      Trotzdem lächelte Cain, als er leise Worte in den Wind flüsterte.
      "Ich werde dich nie vergessen, Sylea. Meine Sylea. Wir werden uns wiedersehen, aber jetzt noch nicht. Du wirst auf mich warten, oder? Wo du auch bist, warte auf mich. Ich finde dich, aber erst muss ich mein Versprechen halten."
      Er wollte glauben, dass der Wind sie trug und sie ihren Frieden gefunden hatte.
      Dass sie frei war.
      Endlich.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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