[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • „Mhm“, machte Sylea nur, da Worte nicht ausreichen würden, um zu beschreiben, was noch vor ihnen lag. Das Tor, welches sich geöffnet hatte und hinter dem Rena verschwunden war, glich einem gähnenden, schwarzen Loch. Traten sie einmal hinein, mussten sie sich darauf gefasst machen, sich im Notfall mit Gewalt einen Weg vorwärts zu kämpfen. Ascan hatte Erinnerungen an das Heiligtum, aber er hielt sie gut versteckt, um es Sylea zu schwer wie nur möglich zu machen.
      „Ich glaube, ich kann dich von deiner Aufgabe nicht entbinden, aber ich täte es gern, Kehled“, murmelte Sylea, lächelte dieses Mal jedoch nicht. Die Hand an ihrer Wange war kühl und der Schock saß noch tief in seinen Knochen. Niemals würde sie zulassen, dass noch so eine elende Existenz wie diese geschaffen wurde. Dafür würde sie sorgen.
      Sylea erhob sich und atmete tief durch. Etwas sagte ihr, dass Kehled sie nicht begleiten würde. Also wandte sie sich zu Cain um, der seine Freundin mit gewissem Argwohn betrachtete. „Bist du soweit?“
      Eine rhetorische Frage. Niemand von ihnen würde wahrlich jemals bereit hierfür sein. Doch Cain nickte und gemeinsam näherten sie sich dem großen Tor. Hinter ihnen blieb Kehled zurück; sehr zu Syleas Missfallen, aber sie hatte akzeptiert, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte. Solange der Clan bestand, hätte auch seine Aufgabe Bestand. Erst musste der Clan fallen, damit er vielleicht je frei sein könnte. Es war eine weitere Existenz hinzugekommen, deren Schicksal auf dem fußte, wie Sylea sich verhalten würde.
      Als Sylea durch den Spalt hineinspähte, sah sie nichts außer Dunkelheit. Ihr kam auch sonst nichts Außergewöhnliches entgegen, fast so, als sei es wirklich ein völlig neutraler Eingang. „…Rena?“, fragte sie in die Dunkelheit hinein, aber nichts kam zurück. Unsicher biss sich Sylea auf die Unterlippe, doch dann übernahm der Seeker bereits. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und zog sie sanft, aber bestimmt, zurück. An ihr Versprechen erinnert, hielt sich Sylea zurück und ließ den Seeker vorgehen. Wie sein Schatten folgte sie ihm und gemeinsam wurden sie von dem Inneren der Halle verschluckt.
      In dem unterirdischen Komplex war kein Licht entzündet worden. Es roch nach feuchter Erde und Stein und erinnerte das Vessel ein wenig an ihre Zeit in der alten Kathedrale. Noch immer spürte sie rein gar nichts, als wäre es luftleerer Raum. Auch Cain vor ihr ging vorsichtig und bedeutete Sylea immer wieder, hinter ihm zu warten. Der gesamte Raum war eine kuppelartige Aushöhlung ohne Fenster. Es gingen einige weitere Türen von diesem Raum ab, und allesamt waren geschlossen. Ansonsten wirkte der Raum eher wie ein großer Platz mit seinen gemauerten Böden und ringartigen Dekorationen.
      „Ich weiß nicht, das sieht mir –„ murmelte Sylea leise, da spürte sie doch etwas. Auch Cain drehte sich zeitgleich um, weil sein Gehör wesentlich besser war. Aber die Reaktion war zu spät. Sylea schaffte gerade noch eine Vierteldrehung und entdeckte eine Person in einem Umhang, dann explodierte ein furchtbarer Schmerz in ihrem Kopf und es wurde schwarz vor ihren Augen.

      Cain sah noch, wie die Person Sylea mit einem Schlagstock am Hinterkopf traf. Das Geräusch war alles andere als schön und das Mädchen brach ohne Gegenwehr in sich zusammen. Die Person fing sie mit beiden Armen auf und war schon dabei, wieder auf Abstand zu gehen, doch Cain setzte ihr bereits nach.
      Der Seeker spannte sich an und sprang nahezu auf Sylea und die Person zu. Doch etwas packte ihn an den Hosenbeinen und riss ihn zurück. Er verlor den Boden unter den Füßen und schlug mit dem Bauch auf dem steinernen Boden auf. Sofort war ein erdrückendes Gewicht auf dem jungen Mann; mehrere vermummte Personen hatten sich umgehend auf den Seeker gestürzt und beschwerten ihn. Dabei gaben sie keinerlei Laute von sich, als sie den tobenden Mann unter sich begruben und nach seinen Händen suchten, sie fanden und hinter seinen Rücken zu zerren suchten.
      Cains Aura wallte auf. Aus dem Gold brach das Schwarz wieder hervor und bahnte sich seinen Weg. „Das lassen wir schön bleiben“, erklang die Stimme eines Mannes und Füße schoben sich in Cains Blickfeld. Sein Kopf wurde schwer, als man ihm eine Hand auflegte und eine unendliche schwere Dunkelheit am Rande seines Sichtfeldes erschien. Sie fraß immer mehr von seiner Sicht, kam immer näher, vernebelte ihm Hirn und Herz, bis er schließlich in die gleiche Leere wie Sylea fiel.

      Als Cain erwachte, erwachte er weich.
      Man hatte ihn in ein weiches Bett gebettet in einem Zimmer ohne Fenster. Die Wände waren in einem seichten gelb gestrichen, er hatte einen kleinen Nachttisch sowie eine Kommode. Ein kleiner Tisch mit einem dazugehörigen Stuhl befand sich ebenfalls im Zimmer, das jedoch keine Tür besaß. Eigentlich besaß es auch nur drei Wände, denn die vierte bestand aus Luft. Es war, als gäbe es dort eine unsichtbare Wand, die diesen Raum von dem Raum davor trennte. Im Boden waren Glyphen eingelassen worden, ähnlich wie bereits im Hellgate, und deuteten auf einen Bannkreis hin.
      Die Raum vor Cains „Zimmer“ war wesentlich nüchterner gehalten, in steingrau und ozeanblau. Bildschirme flackerten und zeigten Bilder aus anderen Räumen. Eine ganze Bandbreite an Tastaturen, Blinklichtern und Kontrollleuchten boten eine regelrechte Farbshow. Im Zentrum war ein Ring aus Bildschirmen, einem Rundtisch und Stühlen angeordnet. Dort tummelten sich einige Menschen; Männer in Uniformen und Kitteln. Überall surrte es leise, es piepte hier und da. Alles in allem wirkte es sehr geschäftig und Cain nicht wirklich wie in einem netten Zimmer.
      Das, wo er gerade aufwachte, war eine Zelle. Man hatte ihm während des Transportes Handschellen angelegt, deren Abdrücke an seinen Handgelenken noch sichtbar waren. Man hatte ihm seine Kleider gelassen, ihm die Waffe jedoch abgenommen. Dafür trug er nun etwas, das aussah wie eine Fußfessel.
      Von Sylea war nirgends etwas zu sehen.
    • "Ich weiß nicht, das sieht mir –", murmelte Sylea, doch sie bekam nicht die Gelegenheit ihren Satz zu beenden. Gleichzeitig wirbelte auch Cain herum und blickte auf eine vermummte Gestalt in einem Umhang. Wie in Zeitlupe sah er Sylea zu Boden gehen. Der oder die Fremde, es war schwer unter dem unförmigen Bahnen aus dunklem Stoff eine Silhouette zuerkennen, fing das bewusstlose Mädchen auf. Blitzschnell fokussierten seine goldglühenden Augen den Schlagstock und bereits eine Sekunde später wollte Cain der fremden Person bereits nachsetzen. Mit grimmiger Miene stürzte er nach vorn da griff etwas nach seinen Beinen um ihn effektiv aus dem Gleichgewicht zu bringen. Der Aufprall war hart und durchdringender Schmerz explodierte in seinem Brustkorb und den Rippen, als er flach mit dem Gesicht voran aufschlug. Seine Hände schnellten nach vorn, bereits nach jedem Bisschen zu greifen, dass er von Sylea zufassen bekommen konnte. Die Fingernägel kratzten über den Steinboden, als ihn eine unbekannte Zahl von Angreifern niederdrückte. Ein grollendes und gleichzeitig ersticktes Knurren rollte durch seine Kehle, als sich der Druck in seinem Rücken verstärkte. Er kannte das Gefühl aus seinem langjährigen Training: Jemand drückte ihm sein Knie erbarmungslos in den Rücken.
      "Lasst mich...Sylea!", grollte er und wehrte sich mit aller Kraft gegen die vielen Hände. "Sylea! SYLEA!"
      Die goldene Aura breitete sich explosionsartig in der gesamten Halle aus, blendend hell für alle, die der Gabe mächtig waren, die Farben der Auren zu sehen. Das Licht hielt nicht sehr lange an ehe sich die ersten, tiefschwarzen Verästelungen durch das Gold zogen. Das Schwarz fraß sich durch das Gold wie Säure und verschluckte Wärme, Zorn, Verzweiflung und das Licht. Schlagartig katapultierte es die Aura zurück zu ihrem Träger und als sich eine Wolke aus schattenartigen Partikeln zusammenzog, nahm sie die schemenhafte Gestalt eines Menschen an dessen Finger sich zu langen, wabernden Klauen krümmten.
      "Gibt sie mir wieder...", knurrten Cain und der Schatten völlig synchron.
      "Das lassen wir schon bleiben..." erklang es über dem Seeker, dann versank alles in tiefer Dunkelheit.
      Einer Dunkelheit, die selbst dem Grimm das Fürchten lehrte.

      Cain erwachte in einem fensterlosen Raum.
      Obwohl das "Zimmer" zunächst nicht den Eindruck erweckte, dauerte es nur wenige Sekunden bis der Seeker verstand, dass er sich in einer Gefängniszelle befand. Eine Gefängniszelle der hübscheren und komfortableren Art, aber immer noch einer Zelle. Stöhnen fuhr er sich durch das Gesicht und stützte sich mühe voll auf die Ellbogen hoch. Ihm war immer noch schwindelig und Lichtblitze flackerten am Rande seines Blickfeldes. Man hatte ihn außer Gefecht gesetzt. Er erinnerte sich an gepflegte Anzugschuhe und eine Hose mit feinen Nadelstreifen. Mehr nicht.
      Ein dumpfer Schmerz pochte in seinen Handgelenken und er ließ den Blick auf die deutlichen und geröteten Abdrücke sinken. Die gerade, tiefen Furchen waren charakteristisch für Handschellen aus Metall. Es dauerte eine Weile bis er seine Gliedmaßen genug koordiniert hatte, um die Beine über die Bettkante zu schwingen und noch etwas mehr um auf die Füße zu kommen. Cain musste sich zwangsläufig an einer der drei Wände abstützen, um nicht gleich wieder zu Boden zu sinken.
      Der Seeker zwang sich zur Ruhe, obwohl sein Puls bereits ins Unermessliche schoss. Er war allein. Sylea war nicht bei ihm.
      Er nahm den eigenartigen Raum genauer in Augenschein, ließ seinen Blick über die drei massiven Wände gleiten bis er die vierte Wand erreichte. Prüfend suchte er die Wände ab bis ihm die Glyphen am Boden auffielen. Langsam schleppte er sich näher und ließ sich an der Wand heruntergleiten bis er die Symbole besser erkennen konnte. Da bemerkte er das erste Mal die seltsame Fußfessel an seinem Knöchel. Man hatte ihm die Schuhe ausgezogen um die Fessel anzulegen. Sie sah völlig unscheinbar aus, ähnlich wie die Fußfesseln, die von der Polizei benutzt um Verdächtige unter Hausarrest zu stellen. Wäre das nicht das eigenartige Licht, das unter dem Metall hindurch schimmerte. Bedächtig tastete Cain die kalte, metallische Oberfläche ab und versuchte probeweise daran zu rütteln, doch das Teil saß bombenfest.
      Langsam drehte er sich wieder zu der unsichtbaren Wand und zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. Welchen Effekt die Runen auch hatten, sie waren dazu konzipiert ihn in der Zelle zu halten. Sie dienten nicht dem Zweck ihn zu töten. Hätten diese Leute ihn beseitigen wollen, hätten sie sich wohl kaum die Mühe gemacht ihn in diesen Raum zu stecken. Cain atmete tief ein und ließ seine Aura hervorströmen. Ganz vorsichtig näherte er sich der Grenze aus Glyphen und kaum kroch seine Aura über die ersten im Boden eingelassenen Linien, durchzuckte seinen ganzen Körper ein lähmender Schock. Cain ächzte unter dem plötzlichen Schmerz, der seine Muskeln verkrampfen ließ, wie ein elektrischer Schlag. Atemlos krümmte sich Cain zusammen und kippte sang- und klanglos wieder in Richtung Zelleninneres. Zuckend blieb er auf der Seite liegen und ließ das betäubende Kribbeln in seinen Gliedmaßen über sich ergehen. Seine Zähnen schlugen so fest auf einander, dass es knirschte.
      "Gottverdammte Scheiße...", zischte er.
      Wenn die Barriere bereits auf seine Aura reagierte, brauchte er es mit den Händen gar nicht erst probieren.
      Es dauerte vielleicht eine Minute, da kehrte das Gefühl in seine tauben Finger zurück und etwas später auch im Rest seines Körpers.
      Mühevoll richtete sich Cain wieder auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, die Beine vor sich ausgestreckt. Es zuckte immer noch in seinen Oberschenkelmuskeln, als sein Hinterkopf mit einem dumpfen Geräusch gegen die Wand fiel. Leicht kippte er den Kopf zu Seite und betrachte den Raum mit den Monitoren und den blinkenden Konsolen. Ein Überwachungsraum, vielleicht...Die Männer in den Kitteln deuteten auf ein Labor hin. Cains Nackenhaare stellten sich auf.
      Sein kleiner Stunt musste das geschäftige Treiben unterbrochen haben, denn ein paar Köpfe drehten sich in seine Richtung.
      "Wo ist sie?", presste deutlich hervor.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Wo ist sie?“
      Cains Stimme war nicht sonderlich laut, aber sie schien überdimensioniert für die sonst recht leise Umgebung. Die Männer hinter den Konsolen hatten ihre Köpfe kurz zu der Zelle gedreht, wandten sie aber genauso schnell wieder ab und gingen ihrer Arbeit nach.
      Nur einer nicht.
      Einer der Männer mit einem Kittel und einem Klemmbrett stand auf und näherte sich der Zelle höchst interessiert. Sein Gang war watschelnd, er trug einen dicken Schnauzbart und eine runde Brille auf der dicken Nase. Er war kleiner als Cain und deutlich besser im Essen, denn sein Kittel wölbte sich über den Bauch. Auf dem Kopf waren nur noch wenige Haare vertreten und diese waren mittlerweile ergraut.
      Vor der Zelle blieb er stehen und stellte das Klemmbrett vor sich auf. Er stützte die Kante auf seinem Bauch ab, während er ein kleines rundes Gerät aus seiner Tasche zauberte und es neben das Brett legte. Er zückte einen Kugelschreiber und begann, sich etwas zu notieren. Erst danach warf er einen Blick über den Rand seiner Brille zu Cain.
      „Du meinst Sylea? Ihr geht es fantastisch. Wir haben sie in einem anderen Raum untergebracht, wo wir ihr medizinische Beihilfe leisten“, erklärte er beiläufig und mit nasalem Ton. „Wirklich sehr spannend, wie ihr zwei euch gefunden habt… Was hat sie mit dir angestellt? Wir haben nur gehört, du trägst einen Grimm? Was ist das?“
      Er tippte irgendetwas auf dem Bildschirm seines Gerätes herum. „Goldauren sind selten. Wir haben bisher keine intakte gehabt, mit der wir arbeiten können. Die von Kehled ist eine Abscheulichkeit… Aber deine ist vollkommen intakt, wenn auch gestört. Nennt ihr das den Grimm? Diese schwarze Aura?“
      Der Mann wusste unheimlich viel, aber was sollte man schon von den Leuten der Rubras erwarten? Zugegeben, manch einer möchte behaupten, dass die Technik hier nicht solch einen großen Einzug gehalten haben mochte. Auch das würde Ascan wohl bemerken, wo auch immer er sich gerade befinden mochte.
      „Wie äußert sie sich? Was macht das Schwarz? So ein sattes Schwarz haben wir noch nie gesehen. Ganz dunkle Blau- oder Brauntöne, sicherlich, aber ein so vollständiges Schwarz haben wir noch nie gesehen. Selbst die Aura von Helyon war nicht SO satt“, redete der Mann weiter und strich dann energisch etwas auf seinem Klemmbrett durch. „Ich weiß sowieso nicht, was sich der Rat dabei gedacht hat, eine Goldaura als Seeker einzusetzen. Das ist so ein verschwendetes Potenzial!“
      „Vaughn? Die Versorgung ist da!“, kam die Info von weiter hinten und der Mann mit dem Kittel, Vaughn, trat ein paar Schritt beiseite, um einem Servierwagen mit allerlei Essen Platz zu machen. Man sah gedünstetes Gemüse, Schnitzel mit Rahmsoße, Bratkartoffeln und ein Saftpäckchen. Geschoben wurde der Wagen von einer jungen Frau, die die gleiche Haar- und Augenfarbe wie Sylea hatte. Sie trug ein Namensschildchen: Tamara.
      Vaughn steckte sich das Klemmbrett unter den Arm und deutete auf den Wagen. „Möchtest du etwas essen, Cain? Ja, guck nicht so, wir kennen natürlich deinen Namen und deine Vita. Das hier ist zwar unangenehm für dich, aber wir sind keine Unmenschen. Dem Essen hier ist nichts beigesetzt worden. Auch kein Blind Eye.“ Er schüttelte den Kopf und betonte das Wort abschätzig. „Wir müssen dich nur aus Sicherheitsgründen hierbehalten. Du weißt schon. Wegen dieses… Grimm.“
    • Cain beäugte den rundlichen Mann, der ihn mit der unverkennbaren Wissbegierde eines Forschers betrachtete, mit deutlicher Skepsis. Das unheimliche Gefühl, unter einem Mikroskop zu liegen, machte sich zügig in dem Seeker breit. Wie ein potentielles Forschungsobjekt begutachtet zu werden, behagte ihm ganz und gar nicht. Weshalb er dem neugierigen Fragenkatalog wenig bis keinerlei Beachtung schenkte. Er würde den Teufel tun und gehorsam wie eine gut dressierte Laborratte freiwillig die Antworten liefern. Außerdem war der Fremde außergewöhnlich gut informiert, weshalb sich Cain auf die einzig nützliche Information stürzte, die er von dem plappernden Kerl bekam.
      "Medizinische Beihilfe? Ist das ein neuer Euphemismus für Menschenversuche?", spuckte Cain abfällig aus und taxierte den kleineren Mann mit einem finsteren Blick.
      Die immense Faszination für seine goldfarbene Aura war wenig überraschend und gleichzeitig erschreckend. Vor seinem geistigen Auge setzte sich ein Bild blanken Horrors zusammen. Cain sah sich festgeschnallt auf einem Seziertisch mit gesichtslosen Fratzen verborgen hinter einem Mundschutz, die auf ihn hinab starrten um Stückchen für Stückchen seine Aura in Einzelteile zu zerpflücken. Das Kratzen des Stiftes auf dem Klemmbrett verwandelte sich ein äußerst nervtötendes Geräusch und hätte Cain die Möglichkeit gehabt, hätte er ihm das Teil aus den Händen geschlagen.
      "Vaughn? Die Versorgung ist da!", rief jemand aus einer anderen Ecke des Raumes, die für Cain nicht einsehbar war.
      Mit einem leisen klappern näherte sich eine junge Frau mit einem Essenswagen. Obwohl sein Magen leer war, regte sich kein Hunger darin. Lediglich eine bleierner Übelkeit und Misstrauen, mit dem er das Essen auf dem Tablet beäugte.
      "Möchtest du etwas essen, Cain?", fragte der Mann, Vaughn.
      Angesprochener schoss Vaughn einen eindeutigen Blick zu, den der Kittelträger direkt konterte, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.
      Genauso selbstverständlich benutzte er seinen Vornamen.
      "Ja, guck nicht so, wir kennen natürlich deinen Namen und deine Vita. Das hier ist zwar unangenehm für dich, aber wir sind keine Unmenschen. Dem Essen hier ist nichts beigesetzt worden. Auch kein Blind Eye.“
      Cain schnaubte.
      "Meine Freundin wurde entführt und ich wurde bewusstlos - gegen meinen Willen - in eine Zelle geschleift. Bitte entschuldige, wenn ich keinem von euch hier auch nur ein Wort glaube, Vaughn."
      Sein Blick glitt hoch zu der Frau und er zuckte unwillkürlich zusammen, weil die Frau seiner Sylea erstaunlich ähnlich sah. Es war die gleiche Haarfarbe, die gleiche Augenfarbe...Sie war zu jung, um als ihre Mutter in Frage zu kommen. Vielleicht eine Cousine oder Schwester...oder entfernte Verwandtschaft. Jedenfalls weckte diese Frau mehr Interesse bei Cain, als das Essen, das ihm serviert wurde.
      „Wir müssen dich nur aus Sicherheitsgründen hierbehalten. Du weißt schon. Wegen dieses… Grimm.“
      Er seufzte schwer, ließ aber die Frau nicht aus den Augen.
      Cains Augen schmälerten sich.
      Tamara.
      Das stand auf dem Schild.
      Er versuchte sich zu erinnern, ob Sylea jemals diesen Namen erwähnt hatte, aber es war zu viel passiert.
      "Wieso die ganzen Fragen, wenn du schon weißt, wozu der Grimm in der Lage ist. Wenn du sehen willst, was er kann, Vaughn, lass mich hier raus und ich gebe dir eine private Live-Demonstration."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Vaughn sah ganz offensichtlich nicht glücklich darüber aus, dass der Seeker das Essen verschmähte. Er selbst griff eine Etage tiefer auf dem Wagen und nahm eine kleine Pappschachtel heraus, aus der einzelne Pommes hervorstachen.
      „Wenn wir von Beihilfe sprechen, dann meinen wir das auch so. Wir brauchen an ihr keine Versuche durchzuführen. Wir wissen ganz genau, was wir von ihr möchten“, winkte der Forscher ab und angelte sich eine Pommes ohne Sauce heraus. „Sie ist einzigartig. Solch eine Verschmelzung haben wir bislang noch nicht gesehen. Aufsplitten, teilweise überlagern, ja… Aber so eine Koexistenz ist hochgradig interessant. Sie ist einzigartig, weißt du das?“
      Tamara sah zu Cain herüber, der sie konzentriert ansah. Sie erwiderte den Blick mit einer erstaunlichen Gelassenheit, als sie das Tablett mit dem Schnitzel und den Beilagen vom Wagen nahm und zu der Zelle ging. Vor der Markierung mit den Glyphen blieb sie stehen, den Teller in ihrer Hand. „Bist du dir sicher, dass nichts essen möchtest? Es ist wirklich nichts daran.“ Ihre Stimme war sanft, regelrecht zerbrechlich. Damit Cain ihre Worte glaubte, nahm sie sich ein willkürliches Stück Gemüse und schob es sich in den Mund. Ihre Miene blieb dabei absolut gleich. „Siehst du?“
      Vaughn im Hintergrund seufzte. „Tamara ist einfach zu weich. Sie versucht bei jedem Neuankömmling ihn zum Essen zu überreden, aber die meisten schlagen es aus bis sie kurz vorm Verhungern sind. Mach nicht den gleichen Fehler, Junge.“
      Er stahl sich eine Gabel aus dem Sevierwagen und begann, in seinen Pommes zu wühlen. Weiter unten erhaschte er endlich das heiß ersehnte Pulled Pork und aß genüsslich eine Gabel. „Wir wissen nur, was dein Grimm da tut, wegen der Aufzeichnungen. Wie genau es funktioniert oder wie Sylea es geschafft hat, es einzudämmen, wissen wir nicht. Gut, zugegeben, bis auf Michael. Wobei, er weiß vermutlich auch nicht genau, wie es geht, aber…“
      Tamara drehte sich um, den Teller noch immer auf der Hand. „Michael war hier?“
      Vaughn hustete und spuckte ein Stück Fleisch wieder aus. „Ähem… Hm… Ja? Hat dir das keiner gesagt?“
      „Nein…“ Tamara klang ein wenig betroffen, aber in ihrem Gesicht stand nichts geschrieben, als sie sich wieder Cain zuwandte und ihm auffordernd den Teller hinhielt. „Bitte?“
      Erneut seufzte Vaughn. „Tammy, lass den Jungen einfach. Cain, hör mal zu. Du kannst einfach Hand in Hand mit uns zusammenarbeiten und dann sieht das Ganze auch wesentlich weniger schlimm für dich aus. Wir sind nicht wie der Rat oder diese widerliche Institution, die dich ausgebildet hat. Ich kann dir sogar anbieten, dir die Kamerabilder aus Syleas Zimmer zu zeigen…“ Er drehte sich halb um und schrie irgendjemand außerhalb Cains Sichtfeld an. „BRINGT MIR EINEN MONITOR HER.“
      Dann schaufelte er sich weitere Gabeln in den Mund und beobachtete Cain interessiert. „Weißt du, was allein schon sehr spannend ist? Sylea war genauso lang wie du bewusstlos. Ich hab grad Meldung gekriegt, dass sie aufgewacht ist. Schon faszinierend. Was habt ihr zwei denn Schönes angestellt, um so etwas zu erreichen, hm? Wir gesagt… sei nett und arbeite mit mir, dann gibt’s auch Bilder von der kleinen Sylea…“
    • "Sie ist einzigartig", bestätigte Cain, für den dieser Satz eine völlig andere Bedeutung hatte. "Das macht sie nicht zu eurem Eigentum."
      Die Frau, Tamara, näherte sich mutig mit dem Tablett und die Gelassenheit in ihrem Blick war für den Seeker kaum zu ertragen. Cain sah schweigend zu, wie sie sich ein kleines Stückchen des Gemüses in den Mund schob und herunterschluckte. Die Ähnlichkeit zu Sylea verleitete ihn beinahe dazu, etwas wie Fürsorglichkeit in ihrer Stimme erkennen zu wollen.
      „Tamara ist einfach zu weich. Sie versucht bei jedem Neuankömmling ihn zum Essen zu überreden, aber die meisten schlagen es aus bis sie kurz vorm Verhungern sind. Mach nicht den gleichen Fehler, Junge", seufzte Vaughn und von Minute zu Minute verabscheute er den untersetzten Mann etwas mehr.
      Die Überheblichkeit, die er in seiner überlegenen Position ausstrahlte, widerte Cain an. Er wollte glauben, dass diese Tamara noch nicht ganz vergessen hatte, dass sich in den Zellen richtige Menschen befanden und keine Versuchskaninchen.
      Widerwillig hörte er Vaughns Ausführungen weiter zu, beschloss aber im Stillen, dem Mann keine Informationen zu liefern, die in den falschen Händen zur Gefahr wurden. Bei der Erwähnung eines Mannes namens Michael fiel die stoische Gelassenheit kurz von der Frau ab. Er hatte ihr Gesicht nicht sehen können und als sie sich umwandte, ließ sich in ihrem Gesicht nichts ablesen, dass ihm Aufschluss über ihre Verbindung zu diesem Michael hätte geben können. Innerlich verfluchte er diese unsichtbare Schutzbarriere, die es ihm unmöglich machte seine Aura einzusetzen. Sie hatten ihn seines zusätzlichen Sinnes beraubt und so konnte sich Cain allein auf seine Beobachtungsgabe verlassen.
      "...Cain, hör mal zu. Du kannst einfach Hand in Hand mit uns zusammenarbeiten und dann sieht das Ganze auch wesentlich weniger schlimm für dich aus. Wir sind nicht wie der Rat oder diese widerliche Institution, die dich ausgebildet hat. Ich kann dir sogar anbieten, dir die Kamerabilder aus Syleas Zimmer zu zeigen…“
      Letzteres gewann tatsächlich seine ungeteilte Aufmerksamkeit, wobei Worte wie weniger schlimm nicht gerade sein Vertrauen weckten. Die Ungewissheit, was sie mit ihm vorhatten, begann bereits an ihm zu nagen. Als Druckmittel eignete er sich alle Male um Sylea zur Kooperation zu zwingen. Sie würden das Paar gegeneinander ausspielen und das ließ die Wut in Cain köcheln.
      Cain verbarg dank seines langjährigen Trainings die Erleichterung sehr gut, die ihn erfasste, als Vaughn von Syleas Erwachen berichtete. Er hatte nichts gespürt. Auch das musste an dieser verdammten Zelle liegen. Sie hatten nicht nur seine Fähigkeiten beschränkt sondern auch seine Verbindung zu Sylea auf fast gänzlich auf Stumm gestellt. Da sie im selben Moment wie er erwacht war, musste noch eine dürftige und unterbewusste Kommunikation zwischen ihren Auren bestehen. Das würde er diesem Vaughn sicherlich nicht unter die Nase binden, denn offensichtlich ahnte hier niemand etwas von der vollzogenen Aurenverschmelzung.
      Kurz sah er zu Tamara, die immer noch unschlüssig mit dem Tablett vor seiner Zelle stand und wohl erst gehen würde, wenn er das Essen annahm. Er wusste nicht warum, aber anscheinend bekam er Mitleid mit der jungen Frau. Vielleicht lag es an ihrer Ähnlichkeit zu Sylea. Vielleicht hatte man sie gerade deshalb ausgewählt ihm das Essen zu bringen. Er nickte ihr kurz zu und ließ sich keine Sekunde aus den Augen um zu Beobachten, wie sie das Essen über die unsichtbare Grenze bekam.
      "… sei nett und arbeite mit mir, dann gibt’s auch Bilder von der kleinen Sylea…“
      "...ihr seit nicht wie der Rat, hm?", erwiderte Cain und ein freudloses Lachen hallte durch die Zelle. "Ich bekomme gerade ein Déjà-Vu, Vaughn. Dieselben Versprechungen sind mir schon mal gemacht worden. Entschuldige, dass ich nicht vor Freude in die Luft springe."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Vaughn hob belehrend den Finger. „Selbstverständlich ist sie kein Objekt und auch kein Eigentum. Aber das ändert nichts daran, dass sie zum Clan gehört und wider der Erwartung mit der Seele in ihr verschmolzen ist. Wieso ist das so? Was ist daran der ausschlaggebende Faktor?“
      Tamara bekam indes ein leichtes Nicken von dem jungen Mann in der Zelle. Die äußeren Ränder ihrer Mundwinkel hoben sich ganz leicht und verliehen dem Gesicht eine etwas zugänglichere Note. Sie ging vor den Glyphen in die Hocke, außer Reichweite von Cains Griffbereitschaft, und schob den Teller über die Linie. Dabei schien es sie überhaupt nicht zu interessieren, als ihre Hand und dann ihr Arm die magische Grenze überschritt und den Teller zurückließ. Es folgte noch ein Besteckpaar aus echtem Metall – ein Zugeständnis, dass es kein Gefängnis sein soll, sondern nur ein Quarantäneraum.
      Tamara blieb weiterhin in der Hocke und legte ihre Arme auf die Knie. Sie beobachtete den Seeker weiterhin, so als wolle sie sichergehen, dass er auch wirklich etwas von dem Essen zu sich nahm.
      „… ihr seid nicht wie der Rat, hm? Ich bekomme gerade ein Déjà-Vu, Vaughn. Dieselben Versprechungen sind mir schon mal gemacht worden. Entschuldige, dass ich nicht vor Freude in die Luft springe.“ Das freudlose Lachen bewirkte bei dem Mann gar nichts, aber Tamaras Stirn legte sich ein wenig in Falten. Mitleid war wohl das, was diesen Ausdruck am ehesten beschrieb.
      „Zugegeben, der Rat legt auch viel Wert darauf, seinen Ruf so schlecht zu halten“, murmelte Vaughn pikiert und stellte seinen Pappbecher auf den Servierwagen zurück. „Aber gut, kann ja nicht jeder erst mit Diplomatie versuchen, seine Ziele zu erreichen.“
      Er zuckte übertrieben mit den Schultern, da wurde ein Monitor auf einem weiteren Wagen herangerollt. Der Bildschirm zeigte Schnee und keinen Ton, als man ihn so postierte, dass Cain einen guten Blick darauf haben konnte. Der Forscher steckte irgendwelche Kabel um und klappte einen kleinen Laptop hinter dem Monitor auf und begann, sich durch die Gegend zu klicken.
      „Als Zeichen des guten Willens halte ich meinen Teil vom Angebot“, sagte er, klickte final auf etwas und der Schnee auf dem Monitor wich einem ordentlichen Bild.

      Syleas Welt drehte sich. Ihre Lider flatterten, als sie versuchte sie zu öffnen. Immer wieder fielen sie ihr zu und ihr Körper fühlte sich fremd an. Ihr war leicht kühl, sie lag irgendwo. Keine Decke über ihren Körper, dafür etwas Hartes als Untergrund. Leises Biepen drang an ihr Ohr und sie hörte jemanden schreiben, tippen, gehen.
      „Uhh…“, stöhnte sie leise und drehte schwer den Kopf zur Seite. Mehr Kraft strömte in ihren Körper und endlich bekam sie die Augen soweit auf, um mit etlichem Blinzeln auch etwas sehen zu können.
      Sie befand sich in einem weißen, klinisch anmutenden Raum. Die Wände waren fensterlos und weiß gestrichen, an der Decke hing eine Kamera und eine Lüftung. Der Boden war gefliest mit grauen und weißen Kacheln. An einer Wand war eine schwere Tür eingelassen, auf der anderen Seite, zu Syleas Linken, war ein großes Dashbord aufgebaut worden. Etliche Anzeigen leuchteten darauf, Bildschirme reihten sich aneinander, Tastaturen zogen sich über die gesamte Länge. Alles wirkte hochtechnologisch und war nicht unbedingt das, was das Mädchen erwartet hatte. Vor dem Board standen zwei Männer in Kitteln, die Werte überprüften und Ergänzungen setzten.
      Sylea wollte sich aufsetzen. Aber etwas hielt sie davon zurück. Ihr Blick wanderte zu ihrem Arm, der von ihr weggestreckt worden war. In ihrer Armbeuge steckte ein Zugang und ein Tropf hing daran. Sowohl ihr Handgelenk als auch ihr Oberarm war mit Binden fest an der Liege darunter fixiert worden.
      Die aufsteigende Panik ließ den Schwindel weichen. Wieder drehte Sylea den Kopf und sah dieses Mal ächzend an sich hinunter: Sie lag auf einer Liege mit nichts Weiterem als einem hellblauen Überwurf bekleidet. Wie ihr Arm auch waren ihre Beine von ihrem Körper weggestreckt und jeweils einzeln auf einem separaten Teil der Liege fixiert worden. Unter ihren Kniekehlen waren Gelenke in die Liege eingebaut worden, damit man ihre Beine auch anwinkeln konnte.
      Die Panik nährte die Angst, als sie feststellte, dass Cain nicht in der Nähe war. Sie wuchs ins Unermessliche, als sie feststellte, dass in ihrem Kopf eine absolute Stille herrschte und sie ihre Aura nicht ausstrecken konnte. Sylea realisierte, dass sie jetzt gerade nichts anderes war, als ein einfacher Mensch ohne Fähigkeiten. Ascan war nicht greifbar, aber er schlief nicht. Es war, als hätte man ihn von ihr weggesperrt.
      „Sie ist wach. Haltet die Uhrzeit fest, ich will wissen, ob sie mit dem Mann zusammenpasst“, sagte ein Mann, dessen Stimme noch sehr jung klang. Er kam zur Liege und sah in Syleas Gesicht. Er trug eine medizinische Maske über dem Mund und zückte eine kleine Taschenlampe aus seiner Brusttasche des Kittels. "Nicht wegzucken, ja?"
      Syleas Herz raste. Immer war jemand bei ihr gewesen, sei es auch nur Ascan, und jetzt war sie vollkommen allein. Im Herzen des Clans, ohne zu wissen, wie sie hier wieder rauskommen sollte oder was man bereits mit ihr gemacht hatte. Langsam kehrte das Gefühl in ihren Körper zurück. Ihr Unterleib schmerzte.
      „Warum macht ihr das?“, krächzte sie. Eine bessere Frage fiel ihr nicht ein.
      „Wir haben Schutzmaßnahmen gegen die Seele in dir getroffen, aber das heißt ja nicht, dass du weniger gefährlich bist“, antwortete der Mann erstaunlich sanft, als er die Lider von Syleas Augen aufzog und mit der Lampe die Arbeit ihrer Pupillen testete. „Und da wir davon ausgehen, dass du nicht kooperativ bist, müssen wir eben Vorkehrungen treffen. Hirnaktivität normal.“
      Er ließ sie wieder los und warf einen Blick über seine Schulter zu seinem Kollegen, der Werte eintippte. Auf einem anderen Bildschirm erkannte Sylea hüpfende Linien auf einer Kurve; ihren Herzschlag, der rasante Ausschläge zeigte. „Wo ist Cain?“
      „Dem Seeker geht’s gut. Der befindet sich auf der Quarantänestation und bekommt vermutlich sein erstes Essen“, war die lapidare Antwort.
      Sylea zog die Stirn kraus. Das hier war seltsam, viel zu seltsam. Irgendwie wirkten die Leute hier nicht so abgebrüht wie im Hollow Point oder sonst wo. Sie schienen beinahe nahbar, aber trotzdem wirkte alles steril und abgeklärt. Sylea sah sich weiter um, fand neben noch mehr Datensätze, die sie nicht verstand, auch einen Rollschrank, auf dem ein Tablett aus Stahl lag. Medizinische Instrumente lagen darauf, welche es genau waren, konnte sie jedoch nicht bestimmen. Sie sah etwas, das an eine Zange erinnerte. Tupfer und Röhrchen. Eine Zange mit einer langen, metallenen Hülse daran.
      „Holt ihn her“, forderte Sylea und starrte die Männer an. „Er nimmt euch alles auseinander, wenn ihr ihn isoliert und er nichts von mir weiß. Ihr habt keine Ahnung, was –„
      „Was der Grimm macht? Keine Sorge. Darum haben wir uns bereits gekümmert. Vorerst wird er ihn nicht nutzen können“, winkte der eine Mann ab und Sylea wurde eiskalt. Hatten sie mit ihm das Gleiche gemacht wie mit ihr und Ascan? Was zur Hölle haben diese Leute mit ihnen angestellt?
    • Die Rechtfertigung, die Vaughn aussprach, widerte Cain an. Vermutlich spielte es auch gar keine Rolle, welche nachvollziehbaren und logischen Begründungen er dem Seeker förmlich vor die Füße warf. Es war ihm völlig gleichgültig, dass von Anfang an das Risiko bestanden hatte, sich in einer solch aussichtslosen Lage wiederzufinden. Für Cain zählte allein, dass Sylea und er gegen ihren Willen hier festsaßen. Vaughn und seine Leute hatten sie voneinander getrennt und erwarteten tatsächlich eine widerstandslose Kooperation.
      Cain behielt während Vaughn weiter seine Rede schwang die Frau namens Tamara im Auge. Die unsichtbare Wand stellte Tamara kein Hindernis dar, als sie das Tablett ohne den kleinsten Widerstand in seine Zelle schob. Mit einem Misstrauen, das ihm seine Erfahrungen gelehrt hatten, beäugte er das Essen. Ein viel größeres Interesse erweckte trotzdem die Tatsache, dass die eingezeichneten Glyphen keinen Einfluss auf Tamara hatten. Sein Blick glitt zu den Fußfessel herunter. Cain vermutete, dass diese Fessel etwas mit der Wirkungskraft der Barriere zu tun hatte. Entweder das, oder sie war speziell für seine Aura programmiert. Möglicherweise auch beides, was ihn sowohl daran hinderte sein Gefängnis physisch zu verlassen oder es mit Hilfe seiner Aura zu manipulieren.
      Den Gefallen, einen Bissen von dem angebotenen Essen zu probieren, tat er Tamara dann doch nicht. Er hatte gesehen, was er sehen wollte und auch die Worte des Mannes hielten ihn augenblicklich davon ab.
      "Als Zeichen meines guten Willens halte ich meinen Teil vom Angebot", sagte Vaughn und von der Selbstgerechtigkeit in seinem Tonfall wurde Cain augenblicklich speiübel. Allein die Macht der Glyphen hielt Cain davon ab mit Freude den Grimm auf Vaughn loszulassen und ihm damit das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht zu reißen.
      Sein Oberkörper ruckte herum, als der Monitor in sein Blickfeld rollte und sich das Bild einer Überwachungskamera darauf abzeichnete. Die ruckartige Bewegung entlockte ihm ein Zischen, weil sich ein stechender Schmerz in seinen Rippen bemerkbar machte, aber das war nicht wichtig.
      Cain rutschte so nah wie möglich an die Barriere heran um einen besseren Blick zu bekommen. Erst als er eine Art statische Aufladung in der Luft spürte und sich die feinen Härchen an seinem Unterarm aufstellten, hielt er still.
      Sylea.
      Die Erleichterung machte ihn schwindelig. Sie lebte und war tatsächlich bei Bewusstsein. Sylea nicht spüren zu können, jagte ihm eine Heidenangst ein, die er nur dank seines Training kaschieren konnte.
      Cain machte eine wage Bewegung aus, die vermuten ließ, dass sie gerade versuchte sich aufzusetzen. Sie hatten Sylea in einen sterilen Raum gesperrt, der den Seeker an ein Labor oder Krankenzimmer erinnerte. Im Gegensatz zu ihm war sie fixiert und ihre Kleidung verschwunden. Jedenfalls hatten sie genug Anstand besessen ihr eine Art von Kittel überzuziehen. Er erkannte auf dem kleinen Monitor eine Anhäufung von medizinisches Gerätschaften und Instrumenten, aber auf die Distanz ließen sich unmöglich Details ausmachen. Ein Tropf stand neben der klinisch anmutenden Liege mit einem direkten Zugang zu ihrem Arm. Tief in seiner Brust erklang ein erbosten Knurren über die Behandlung.
      "Was machen diese Leute mir ihr?", grollte er, doch ohne den Doppelklang des Grimms klang es weniger bedrohlich.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Tamara blieb vor dem Zimmer hocken, warf aber einen missbilligenden Blick über ihre Schulter zu Vaughn, der sich neben dem lautlosen Monitor aufgestellt hatte und interessiert den Seeker beobachtete. Ihr Blick lag nur kurz auf dem Bildschirm, der von einer Ansicht von oben den Untersuchungsraum zeigte. Vor ihr zischte es und ihre Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf den jungen Mann, der das Essen nicht angerührt hatte. Offensichtlich hatte er Schmerzen, doch angesichts der Tatsache, sein Mädchen wiedersehen zu können, ignorierte er ihn. Tamara wich ein winziges Bisschen zurück, als sich Cain so nah es ihm nur möglich war an die unsichtbare Grenze schob, um einen besseren Blick haben zu können. Er war regelrecht auf den Bildschirm fixiert.
      „Was machen diese Leute mit ihr?“, fragte er hörbar erregt, aber statt Mitgefühl zu zeigen, drehte Vaughn den Bildschirm einfach von ihnen weg. Gerade, als einer der Männer sich an der Infusion in Syleas Arm zu schaffen machen wollte.
      „So läuft der Deal nicht, Junge“, ermahnte der Wissenschaftler den Seeker und warf selbst einen interessierten Blick auf den Bildschirm, der sich vage in dessen Brillengläsern spiegelte. „Mitarbeit ist von dir gefragt. Wir mussten ein Druckmittel schaffen, damit du kooperierst. Sonst wird es für beide Fronten hässlich und das will niemand.“
      „Das ist das Untersuchungszimmer“, schaltete sich plötzlich Tamaras sanfte Stimme dazwischen und erntete dafür einen bösen Blick des Wissenschaftlers. Doch er schnitt sie nicht ab. „Der Schlag auf ihren Kopf war recht übel und da man sichergehen wollte, dass sie körperlich unversehrt ist, wurde sie dorthin gebracht und untersucht.“
      Tamara warf einen Blick auf das noch immer unberührte Tablett. „Tust du mir wenigstens den Gefallen?“
      Währenddessen hatte sich Vaughn wesentlich interessierter dem Bildschirm zugewandt. Er stellte keine weiteren Fragen an Cain oder versuchte ihn zu überreden, sondern beobachtete höchst interessiert den Bildschirm. Seine Augen verfolgten die Geschehnisse, aber seine Mine blieb unbeeindruckt. Ausdruckslos.
      Es knarzte ganz leise und entfernt, als sich eine Tür in ihren Angeln bewegen musste. Aus Cains Blickwinkel aus konnte man sehen, wie die Männer im Rondell allesamt aufstanden und jemandem salutierten, der offensichtlich gerade hereingekommen war. Auch Tamara sah sich um und als sie denjenigen erkannte, sprang sie regelrecht auf ihre Füße. Das emotionslose Gesicht brach durch ein zartes Lächeln auf, als sie aus Cains Blickwinkel verschwand und kurz darauf mit einem Mann zurückkehrte.
      Einem Mann mit gepflegten schwarzen Lederschuhen und einem Nadelstreifenanzug.
      Tamara stand ganz dicht gedrängt an seiner Seite, während er ihr eine Hand auf den Kopf gelegt hatte und sie sanft streichelte. Es wirkte völlig deplatziert, nicht nur wegen der Tätigkeit an sich, sondern weil das Alter hierbei gar nicht zu stimmen schien. Nichts stimmte bei den beiden so recht.
      Der Mann schien Mitte Vierzig zu sein. Er hatte aschblondes Haar, dass er mit Geld nach hinten gekämmt hatte und glatt an seinem Kopf anlag. Der Anzug war tadellos und mitnichten günstig, ebenso wenig wie das feine weiße Tuch, welches in seiner Brusttasche steckte. An den Manschetten waren zwei Knöpfe angebracht worden, die verdächtig nach Gold aussahen. Er trug keine teure Uhr wie erwartet und sonst auch nichts besonderes bei sich. Er war glattrasiert und seine stahlgrauen Augen wirkten eher wie die eines Greifvogels als die eines Menschen. Viel zu direkt und zu durchbohrend. Er musste über 1,80 groß sein.
      „Es hat ein bisschen gedauert, bis wir eine Möglichkeit gefunden haben, die Seele in Sylea außer Gefecht zu setzen. Es funktioniert scheinbar auch bei deinem Grimm, wenn ich mir das so recht ansehe. Verzeih die etwas rabiate Art, mit der wir uns euch bemächtigt haben, aber ihr seid zusammen einfach zu gefährlich. Doch getrennt…“, sagte der Mann mit tiefer, samtiger Stimme und zeigte auf den Raum, in dem Cain einsaß, „seid ihr wesentlich besser zu überzeugen. Du kannst mich Michael nennen und ich bin vergleichbar mit dem Vorständigen der Rubras.“
      Die Männer im Rondell hatten sich mittlerweile wieder gesetzt und auch Vaughn war aus seiner Starre erwacht. Er nickte Michael zu und drehte ihm den Monitor hin, zu dem der Mann sogleich herüberkam und den Geschehnissen zusah. Was genau er dabei dachte, las man nicht auf seinem Gesicht ab. „Gibt es erste Befunde?“
      Vaughn nickte, tippte auf seiner Uhr herum und reichte Michael das Klemmbrett, auf dem sich nun neue Notizen zeigten. „Wir haben schon angenommen, der Test wäre positiv, ist er aber nicht. Wir haben Spuren von ihm nachweisen können, aber sie haben scheinbar den falschen Zeitpunkt erwischt. Wir können also wie geplant fortfahren.“
      Michael nickte nachdenklich und reichte Vaughn das Brett zurück. Dann kam er einen Schritt auf Cain zu, Tamara noch immer in seinem Arm. „Ich schätze deine Kooperation ebenfalls. Wir wissen, dass das Mädchen sich sträuben wird und wir ihr keine Kooperation abverlangen können, aber bei dir sieht das etwas anders aus. Du möchtest wissen, was mit ihr passiert?“ Er zeigte auf den Monitor hinter sich. „Dann arbeite mit uns zusammen. Gib uns die Informationen und die Daten, die wir haben wollen, und du bekommst etwas dafür, was du haben willst. Bevor die Angelegenheit unschöner Natur weicht.“
    • Mit einem Gesichtsausdruck, der sich durchweg als hasserfüllt beschrieben ließ, starrte Cain den Mann vor dem Monitor nieder. Unter gänzlich anderen Umständen hätte dieser Impuls völlig ausgereicht um den Grimm ordentlich in Wallung zu bringen. Die nimmerstatte Bestie in seiner Brust blieb stumm und zum ersten Mal verfluchte Cain aufrichtig, dass er den Grimm nicht einfach von der Kette lassen konnte. Er hätte ihm das Festmahl mit Freude gegönnt. Allein die winzigen Goldpartikel, die sich in Form einer nebligen Wölken aus seinen Augenwinkeln strömte, zeugte von der Aufgewühltheit des Seekers. Es wurde von Minute zu Minute schwerer, die verzwickte Lage nicht zu nah an sich heranzulassen. Das Gelernte und die Erfahrung aus seiner langjährigen, harten Ausbildung gab ihm nur eine einzige Richtung vor: Cain durfte ihnen nicht geben, was sie von ihm wollten.
      „Das ist das Untersuchungszimmer“, hörte er die leise Stimem von Tamara. „Der Schlag auf ihren Kopf war recht übel und da man sichergehen wollte, dass sie körperlich unversehrt ist, wurde sie dorthin gebracht und untersucht.“
      "Das wäre nicht nötig, wenn ihr sie nicht niedergeschlagen hättet...", zischte Cain.
      Dabei ließ sich kaum verbergen, dass er mit den verstreichenden Minuten, die er bei Bewusstsein und fortwährend von Sylea getrennt war, immer ungehaltener wurde. Die Schlagader an seinem Hals schien unter dem besorgniserregend hohen Blutdruck fast sichtbar zu pulsieren.
      „Tust du mir wenigstens den Gefallen?“, wisperte Tamara.
      Cain hatte für die Frau, die vermutlich nichts für seine Lage konnte, nur einen finstieren Blick übrig. Der Apptetit war ihm gründlich vergangen, seit er Sylea festgeschnallt auf dieser Liege sehen konnte. Es ärgerte ihn, dass er nicht näher an den Monitor herankam um weitere Details zu erkennen. Gesicht vielleicht, damit er wusste, welcher der anwesenden Personen er als Erstes den Grimm auf den Hals hetzen konnten, sollten sie Sylea noch einmal anfassen.
      Von der Unruhe bekam er zunächst nichts mit, bis Tamara plötzlich aufsprang und davon eilte.
      Der Kopf des Seekers ruckte zur Seite.
      Tamara hing am Arm eines Mannes, der offenstlich viel Wert auf ein professionelles Erscheinungsbild legte und damit den nötigen Respekt ausstrahlte, den er von seinen Angestellten einforderte. Der teure Anzug, die sorgfältig polierten Schuhe, das Einstecktuch, die Frisur...einfach alles drückte aus, dass er sich auf einer gehobenen Position befand. Die Art, wie sich Tamara seelig lächelnd in seinen Arm schmiegte, jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Cain kannte solche Männer, die sich ungern die Hände selbst schmutzig machten.
      Wäre da nicht ein winziges Details aus seiner Erinnerung.
      Sein Blick glitt ein zweites Mal über die Lederschuhe und die säuberlich gebügelte Nadelstreifenhose. Er erinnerte sich an die leichte Berührung und erschaeuderte.
      "Du...", knurrte er. "Du bist der Feigling, der sie Sylea niedergeschlagen hat und mich außer Gefecht gesetzt hat."
      Wenn einer der Anwesenden empört über den respektlosen Tonfall war, bemerkte Cain das nicht.
      Seine Anschuldigung wurde ihm auch prompt bestätigt und dieser Mann, Michael, verzog dabei nicht einmal eine Miene.
      Tatsächlich war der Mann von der Sturheit, die Cain an den Tag legte, sichtlich unbeeindruckt.
      Er wandte sich an Vaughn als würde sein Gefangener ihn nicht gerade mit Blicken erdolchen.
      "Wir haben schon angenommen, der Test wäre positiv, ist er aber nicht. Wir haben Spuren von ihm nachweisen können, aber sie haben scheinbar den falschen Zeitpunkt erwischt. Wir können also wie geplant fortfahren.“
      Cain spitzte die Ohren während die Männer ihm nun Blick auf den Monitor versperrten.
      Was nun mit anhörte, setzte auf ganz grausame Art seine Vorstellungskraft in Gang.
      „Ich schätze deine Kooperation ebenfalls. Wir wissen, dass das Mädchen sich sträuben wird und wir ihr keine Kooperation abverlangen können, aber bei dir sieht das etwas anders aus. Du möchtest wissen, was mit ihr passiert? Dann arbeite mit uns zusammen. Gib uns die Informationen und die Daten, die wir haben wollen, und du bekommst etwas dafür, was du haben willst. Bevor die Angelegenheit unschöner Natur weicht.“
      "Ha...Ihr wollt uns als Druckmittel für den jeweils anderen auspielen.", ungläubig schüttelte Cain den Kopf. "Was habe ich davon, wenn ich euch helfe? Soll ich ihre Hand halten und ihr gut zureden, während ihr eure perversen Experimente durchführt?"
      Für ihn waren die Rubras nicht besser als der Rat. Nach allem, was er von Ennis erfahren hatte, vielleicht sogar noch schlimmer. Ohne Vorwarnung warf sich Cain gegen die Barriere. Der Schmerz explodierte augenblicklich in seiner Brust, in seinen Armen, seinen Fäusten, in seinem Kopf. Der Seeker vibirierte am ganzen Leib und obwhl die Schmerzen unerträglcih sein mussten, starrte er Michael einfach nur an.
      Dann warf ihn der Schock zurück auf den Boden, wo Cain sich zuckend krümmte bis die lähmende Wirkung nachließ.
      Jetzt bohrte sich sein Blick in die Zellenwand.
      Für ihn war das Gespräch beendet.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Ich glaube, dir sind da ein paar Geschehnisse durcheinandergeraten“, sagte Michael lapidar. „Ich bin kein Fan von körperlicher Gewalt. Das Niederschlagen hat jemand anderes durchgeführt. Ich habe lediglich dafür gesorgt, dass du uns nicht alle umbringst.“
      Tamara schmiegte sich noch enger an ihn und wirkte dabei regelrecht seelig. Die Ausdruckslosigkeit war vollkommen verschwunden und einem totalen Frieden in ihrem Gesicht gewichen. Michael strich ihr abwesend über den Scheitel, mal mehr, mal weniger.
      „Druckmittel? Nein, so war das nicht gesehen. Wir können euch auch ohne den jeweils anderen dazu bringen, uns das zu liefern, was wir wollen. Dafür brauche ich deine Mitarbeit gar nicht. Aber wie gesagt; ich lasse euch lieber die Wahl als mir alles gewaltsam zu holen. Es wird sich für euch wie ein Leben ohne Tageslicht anfühlen, aber alle anderen Annehmlichkeiten könnt ihr genießen.“
      Michael rechnete mit dem anhaltenden Starrsinn des Seekers. Deswegen zuckte er nicht einmal zurück, als sich Cain in die unsichtbare Barriere warf. Der junge Mann kam ein paar Schritte über die Zeichen am Boden, begann dann zu zucken und stand so schräg, als würde ihn ein kräftiger Wind von vorn erfassen. Michael hätte nur die Hand ausstrecken müssen, um Cain zu berühren, doch er stand nur reglos da und wartete darauf, dass der Widerstand des Seekers nachließ und das Kraftfeld ihn zurück in seine Zelle schleuderte. Die paar Sekunden davor lieferte sich Cain und Michael ein erbittertes Starrduell, welches Michael schließlich gewann.
      Mit einem dumpfen Ton wurde Cain zurück in seine Zelle und auf den Boden geworfen. Dort verblieb er zuckend und gekrümmt, ehe sich die Spannung löste und er seine Beine und Arme wieder frei bewegen konnte. Er lag mit dem Gesicht abgewandt von Tamara und Michael und machte allen Anschein nach auch keinen Anstand, sich zu bewegen.
      Michael seufzte und schickte Tamara weg, die sich kurz verbeugte und dann verschwand. Anschließend ging er wieder zu dem Bildschirm herüber, das Display noch immer von der Zelle abgewandt, und beugte sich davor. Mit ein paar Handgriffen rauschte es plötzlich wie bei einem Funkgerät und dann erklangen plötzlich Stimmen.

      „Alle Ergebnisse negativ.“
      „Infusion ist auch gleich durchgelaufen.“
      „Was für eine Infusion ist das?“ Das war Syleas Stimme und man hörte, dass sie gegen die aufkeimende Panik ankämpfte.
      „Im Prinzip eine Nährlösung.“ Stille. Dann: „Nimm sie raus und dann tasten wir sie ab.“
      „Bin dabei.“
      Stille. Ein kurzes, reißendes Geräusch, dann das Klirren von Metall.
      „Nimm die Hände da weg“, versuchte Sylea zu knurren, gefolgt von einem schmerzhaften, gedrungenen Stöhnen ihrerseits.
      „Immer noch Schmerzempfinden. Es gab aber keine Blutung beim Eingriff, richtig?“
      „Was für… ein… Eingriff? ...“ Sylea klang nun deutlicher verängstigt als vorher.
      „Nein, keine Blutungen. Das liegt im Rahmen des Normalen und fängt sich wieder. Hat sich Gerrit mittlerweile eingefunden?“
      „Ja, der ist aber noch in der Schleuse.“
      „Warum ist es still in meinem Kopf?“ Sylea fragte mit einer Stimme, die Angst vor der Antwort hatte. Stille entstand. „Wo ist er hin?“
      „Frag Michael, wenn er dich besuchen kommen sollte. Ich weiß nicht, wie er das anstellt.“
      „Wer ist Michael?“
      „Michael ist –„

      Michael stellte an dieser Stelle den Ton wieder ab.
    • Die Benommenheit hielt einen Moment lang an, als hätte jemand Watte in seine Ohren gestopft. Dumpfe Schritte entfernten sich von seiner Zelle. Zügig aber nicht hektisch, zu leichtfüßig um von einem Mann wie Vaughn oder Michael zu stammen. Dann blieb nur noch Tamara. Michael musste sie weggeschickt haben, denn die Frau hatte nicht den Eindruck erweckt, sich in nächster Zeit freiwillig von seinem Arm lösen zu wollen. Cain blinzelte und rief sich den Ausdruck ihrer Augen ins Gedächtnis. Selig und völlig auf Michael fokussiert, als beschränkte sich ihre ganze Welt auf den Mann, seit dieser den Raum betreten hatte. Tamara wirkte glücklich und zufrieden seine Aufmerksamkeit zu bekommen, sog die Berührungen förmlich auf. In einem Kontext hätte sie glücklich verliebt wirken können, aber hier, im Herzen des Rubra-Clans, wenige Schritte von seiner Zelle entfernt, hatte dieser Anblick etwas Fades.
      Vielleicht kannte sie nichts Anderes, außer das hier. Vielleicht verzehrte sie sich nach der einzigen Person, die ihr hier einen Hauch von Zuneigung gewährte. Vielleicht war Michael ein Meister der Manipulation wie Ascan…oder schlimmer. Das Wort Vielleicht und sein Klang in seinem Kopf waren schon bald unerträglich.
      Nach allem, was passiert war, konnte der Seeker nicht anders, als das schlechte in den Menschen zu sehen.
      Und Michael machte es nicht gerade leicht seine Überzeugung über Bord zu werfen. Die Rubras machten es ihm unmöglich seine Wahrnehmung weiter auszudehnen als bis zu den verdammten Runen. Er war auf eine merkwürdige Art blind und taub, obwohl er noch sehen und hören konnte.
      Niemand interessierte sich für ihn, für Sylea. Nein, sie interessierten sich nur dafür, was sie von dem Seeker und dem Vessel bekommen konnten.
      Plötzlich erklang ein Rauschen.
      Cain konnte nicht ausmachen, ob es aus versteckten Boxen in seiner Zelle kam oder von außerhalb. Es knisterte in der Übertragung und die Stimmen ertönten stockend aber dennoch gut zu verstehen. Ein Zucken durchlief Cain, als er Syleas Stimme endlich hörte, und verriet, dass der Seeker sehr wohl ganz genau zuhörte. Sein Körper spannte sich sichtlich an, je länger die Tonverbindung zu Syleas Aufenthaltsort lief.
      „Nimm die Hände da weg…“
      Die Schultern des Seekers erzitterten unter der Spannung.
      Sein Kopf zuckte leicht zurück, als Sylea vor Schmerz stöhnte und sich offensichtlich gegen die Fixierung wehrte, die er kurz auf dem Monitor erkannt hatte.
      „Was für ein Eingriff…?“
      Cain ballte die Hände ungesehen vor seiner Brust zu Fäusten, bis die Nägel sie schmerzhaft in seine Haut bohrten
      „Hat Gerrit sich mittlerweile eingefunden?“
      Gerrit, noch ein fremder Name, noch eine Variable, die er nicht kannte. Seine Ankunft musste unmittelbar mit Syleas Ankunft zusammenhängen.
      „…wo ist er hin?“
      Die Ungewissheit und die pure Angst in Syleas Stimme waren für Cain die reinste Folter und er ahnte, mit schrecklicher Klarheit, dass Michael mit ihm spielte. Das war nur die Spitze des Eisbergs.
      „…Michael ist…“
      Es knackte einmal in den Lautsprechern, dann war es wieder still.
      Lange.
      "Der Grimm tötet nicht."
      Damit wiedersprach er Michael und spürte wie sich Vaughns Blick in seinen Hinterkopf bohrte.
      Cain wandte den Männern vor seiner Zelle weiterhin den Rücken zu.
      "Nicht unmittelbar. Der Grimm ist die Leere. Er frisst die Emotionen seiner...", Cain leckte sich über die trockenen Lippen und suchte nach einem Wort, bei dem ihm nicht sofort übel wurde. Erfolgslos. "...Opfer. Bis nichts mehr übrig ist außer eine leere Hülle ohne Antrieb, ohne Lebenswillen. Er ist kein Fremdkörper, kein fremdes Bewusstsein, sondern ein Teil von mir."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Michael warf abschätzend einen Blick über den Bildschirm, kaum drangen die ersten Tonschnipsel aus irgendwelchen Lautsprechern hervor. Ihm entging nicht das Zucken des Seekers, der unweigerlich auf die Stimme reagierte, ansonsten aber eisern in seiner Haltung liegen blieb. Als er die Tonspur kappte, verharrte er in ähnlicher Starre wie der junge Mann in der Zelle. Bis Cain schließlich doch die Stimme wiederfand: „Der Grimm tötet nicht.“
      Michael richtete sich auf und schielte zu Vaughn herüber, der sofort begann, sich Notizen zu machen. „Er tötet nicht?“
      Cain lieferte ihnen eine weitere Erklärung, die umgehend von Vaughn aufgezeichnet wurde. Michael sah dagegen nur nachdenklich aus, nickte aber schließlich. „Dass es kein anderes Bewusstsein ist, war mir klar. Andernfalls hätte ich es nicht berühren können. Ich weiß nur nicht, wie genau du daran gekommen bist oder wieso du es so lange unter Kontrolle halten konntest.“
      Michael verschränkte die Arme vor der Brust und tippte sich nachdenklich mit dem Zeigefinger an sein glattrasiertes Kinn.
      Vaughn war dafür umso interessierter. „Woher kam es? Was war der Auslöser? Wie genau fällt es über seine Opfer her? Hast du Sylea auch angegriffen oder bildet sie eine Ausnahme?“
      „Vaughn, zu viel“, wies Michael den wissbegierigen Forscher zurecht, aber abgeneigt von den Antworten auf diese Fragen konnte er wohl auch nicht sein. „Ist es für dich dann nicht angenehm, ihn gerade nicht zu spüren? Ich kann dir helfen, dass er nicht ständig im Schatten von dir lauert. Schließlich klingt es nicht so, als würdest du ihn besonders liebgewonnen haben. Aaaah, bevor du wieder direkt abwehrst: Keine versteckten Klauseln. Wir entfernen dir nichts und es ist nur solange, wie du hier und in meiner Nähe bist. Wäre das nicht angenehm?“
      Vaughn warf einen beiläufigen Blick auf den Monitor und wiederholte die gleiche Bewegung nochmal, um dann höchst interessiert auf den Schirm zu schauen. Es sah fast so aus, als würde er gaffen und warf Michael einen mehrdeutigen Blick zu, der sich daraufhin auch wieder dem Schirm zuwandte. Cain, der sich aus seiner Haltung nicht gelöst hatte, fiel das nicht auf.
      Michael betätigte einen Knopf an der Tastatur und schien damit eine Art Gegensprechanlage zu aktivieren. „Sediert sie bis ihr mit den Untersuchungen fertig seid. Später muss sie wach sein, aber nicht jetzt.“
      „Verstanden“, ertönte die Antwort eines Mannes, doch im Hintergrund hörte man ganz deutlich das verzweifelte Aufbegehren eines Mädchens.
      Ein leises Seufzen entkam Michael, als er den Knopf losließ und sich dem Seeker wieder widmete. Seine Stimme hatte immer noch den versöhnlichen, beinahe väterlichen Tonfall, der irgendwie nicht ganz zu dem Businessaufzug zu passen schien. „Also. Iss was. Ruh dich aus. Wenn Sylea dich wieder sehen sollte und du bist ausgemergelt, dann verweigert sie womöglich auch das Essen. Das wäre nicht schön.“
    • Vaughn stürzte sich wie ein ausgehungerter Aasgeier auf die weinigen Brocken, die Cain ihm überließ. Es war keine Dankbarkeit, aber Erleichterung gegenüber Michael, dass er den Wissenschaftler ausbremste. Die Gedanken wirbelten zu chaotisch durch seinen Verstand. Vielleicht lag es an den Nachwehen des Schocks. Vielleicht an dem, was Michael mit seinem Geist und seiner Aura angestellt hatte, aber Cain verspürte eine bleierne Müdigkeit in seinen Knochen. Die anhaltende Ungewissheit und die Sorge um Sylea drückte ihm bereits in kurzer Zeit aufs Gemüt. Viel zu lange hatte er ihre Gegenwart, ihr ganzes Wesen, so nah mit ihm verbunden gewesen, dass die plötzliche Trennung sich wie eine grobe und schmerzhafte Amputation anfühlte. Die Leere, die in seinem Kopf anhielt und die er vor einiger Zeit willkommen geheißen hätte, war ihm jetzt eine Qual.
      Michael begann wieder zu sprechen, doch weder kamen die Worte wirklich bei Cain an, noch reihte sein Verstand sie sinnvoll aneinander. Er wollte die Augen schließen und sich dem Nichts überlassen, aber selbst das war ihm nicht gegönnt. Ein weiteres Mal erklang das Knistern und kurzzeitige Raschen der Gegensprechanlage.
      „Sediert sie bis ihr mit den Untersuchungen fertig seid. Später muss sie wach sein, aber nicht jetzt.“
      Cain kniff ungesehen die Augen zusammen und hielt ansonsten weiterhin sehr still, als würde er versuchen mit dem Boden zu verschmelzen um ein Teil des Raumes zu werden, dessen Wände ihn bereits jetzt erdrückten. Sylea und er waren gemeinsam auf der Flucht gewesen, aber vor ihnen hatten keine Grenzen gelegen, keine Gitterstäbe und vor allem kein Mann, der ihre Verbindung spielend leicht kappte.
      Die Stille war lauter als ein Paukenschlag.
      Das Raschen seines eigenen Blutes ein Fluss in seinem Kopf.
      Der Herzschlag eine entfernte Trommel, die unbarmherzig den Rhythmus hielt.
      "Also. Iss was. Ruh dich aus. Wenn Sylea dich wieder sehen sollte und du bist ausgemergelt, dann verweigert sie womöglich auch das Essen. Das wäre nicht schön.“
      Als Cain keine Anstalten machte, darauf etwas zu erwidern, entfernten sich die Schritte von seinem Gefängnis.
      Und während er auf dem Boden lag und die gelblichen Wände mit Blicken durchbohrte, kreiste Sylea angsterfüllte Stimme erbarmungslos durch alle seine Gedanken.

      __________________________________________________________


      Einen ganzen Tag ließen sie ihn in Ruhe. Cain wusste haargenau, dass es ein Tag gewesen sein musste, obwohl er sich weder am Tageslicht noch an einer Uhrzeit orientieren konnte. Nein, es war Tamara, die ihm neben allen Mahlzeiten nun zum zweiten Mal ein Frühstück brachte. Die Frau war sein einziger zuverlässiger Indikator für Zeit. Dass selbst Vaughn ihn mit seiner Fragerei in Ruhe ließ, hatte er sicherlich Michael zu verdanken. Ein Zustand, der ihn anfangs beruhigt hatte. Ohne äußere Einflüsse blieben ihm aber nur noch die eigenen Gedanken und diese kreisten um die wenigen Informationen, die er bekommen hatte.
      Der Eingriff...Gerrit...Wer zur Hölle war dieser Gerrit?...Was machen sie mit dir...?...Sylea...
      'Dass es kein anderes Bewusstsein ist, war mir klar. Andernfalls hätte ich es nicht berühren können.'
      Wie hatte er dann Ascan weggesperrt?
      'Ich weiß nur nicht, wie genau du daran gekommen bist oder wieso du es so lange unter Kontrolle halten konntest.'
      Die Rubras hatten es zuvor nie mit einer Erscheinung wie dem Grimm zu tun.
      Zumindest nicht unter dieser Bezeichnung und sie hatten diesen Namen von Dagda.
      Auch der Babylonier hatte ihn benutzt...Sein Bein war noch intakt, also musste die Verbindung zu Mortimer noch bestehen.
      'Ich kann dir helfen.'
      Er schnaubte.
      '...es ist nur solange, wie du hier und in meiner Nähe bist.'
      Dann war es allein Michael, der seinen Grimm unterdrückte und nicht die Barriere aus Runen?
      'Sediert sie bis ihr mit den Untersuchungen fertig seid. Später muss sie wach sein, aber nicht jetzt.'
      Was passierte später?
      Welche Untersuchungen?
      'Sediert sie.'
      Sylea.
      'Sediert sie.'
      Sylea...

      Er wünschte sich, sich hätten ihn auch sediert.
      Damit die Gedanken in seinem Kopf wenigstens für ein paar Stunden verstummten.

      __________________________________________________________


      Cain saß in in der hintersten Ecke des Raumes, der nicht von dem Bett eingenommen wurde und beobachtete die allesamt sehr beschäftigten Mitarbeiter in ihren lächerlichen Kitteln, die wie Ameisen von Monitor zu Monitor, von Konsole zu Konsole huschten.
      Erst Tamara unterbrach die allmorgendliche Monotonie.
      Nach dem er einen ganzen Tag jegliche Mahlzeit eiskalt verschmäht hatte, stemmte er sich nun auf die Füße und trat auf die Barriere zu. Die Bewegung zog ein paar Blicke auf sich, weil der Seeker für die meiste Zeit regungslos und völlig still in der Ecke gesessen hatte. Das Bett hatte er nicht noch einmal angerührt, auch sonst nichts, was ihm zur Verfügung stellten. Nicht die Kleidung zum wechseln, nicht das Wasser, auch sonst nichts. Es grenzte an Paranoia, dass er nicht nur in dem Essen etwas vermutete, das ihm schaden konnte.
      Cain hockte sich vor der Barriere hin und nickte Tamara zu.
      Irgendwie hatte er das Gefühl, dass ihre Bemühungen auf Michael zurückgingen. Sie sah Sylea ähnlich. Es war nicht das erste Mal, dass sich der Seeker fragte, ob sie genau deswegen für seine Versorgung ausgewählt worden war.
      Wie am Abend zuvor schob sie ihm das Tablett mit ruhiger beinahe neutraler Miene zu und dieses Mal zog Cain es näher zu sich. Er ließ sich in einen Schneidersitz fallen und beäugte misstrauisch das Frühstück. Eine Tasse Kaffee, ein belegtes Brötchen, sogar ein Croissant und etwas, das verdächtig nach Marmelade aussah. Obwohl er in einer Zelle saß, servierte ihm niemand Wasser und trockenes Brot. Aber das hob seine Laune auch nicht an.
      Tiefe, dunkle Ringe hatten sich permanent unter seine Augen gegraben und sein gebräunter Teint wirkte auch nicht mehr so gesund.
      Dabei war er erst seit einem vollen Tag hier, doch eine unsichtbare Macht schien von Cain zu zehren.
      Unter den wachsamen Augen von Tamara riss er ein Stückchen vom Croissant ab und stopfte es sich in den Mund. Sein Magen knurrte allein bei dem ersten süßlichen Geschmack auf seiner Zunge, doch er ließ sich Zeit. Nahrungsentzug, freiwillig oder unfreiwillig, war ihm nicht fremd. Er half sich selbst nicht, wenn ihm schlecht wurde.
      "Du bist hartnäckig, Tamara. Das muss ich dir lassen...", murmelte er mit brüchiger Stimme.
      Als hätte er sie seit Wochen nicht benutzt.
      "Ich möchte Michael sprechen. Geht das?", fragte er und riss ein weiteres Stück vom Croissant ab, um seinen guten Willen zu demonstrieren.

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Cain konnte es nicht wissen, aber Tamara hatte feste Zeiten, zu denen sie Cain Essen brachte. Jedes Mal schob sie ihm das Tablett über die magische Grenze, jedes Mal nahm sie es unangerührt wieder zurück. Entgegen jeglicher Normalität zeigte die Frau keinerlei Reaktion auf dies Verhalten, sondern versuchte sich zu jeder Uhrzeit einfach von Neuem.
      Als Tamara einen Tag später jedoch zum Frühstück ihren nächsten Versuch startete, harrte der junge Mann nicht mehr in der Ecke der Zelle aus. Er war aufgestanden und fast bis zur Grenze gegangen und hockte sie davor auf den Boden. Tamara, die das Tablett in den Händen hielt, blickte auf ihn hinab und bekam ein Kopfnicken von ihm. Dann spiegelte sie seine Haltung und schob ihm das Tablett über die Grenze hin zu. Sehr zu ihrer Überraschung zeigte sich Cain endlich kooperativer und nahm sich das Croissant, um ein Stück davon abzureißen und es sich in den Mund zu stecken. Zum Lächeln brachte es die Frau jedoch nicht.
      „Du bist hartnäckig, Tamara. Das muss ich dir lassen…“, murmelte Cain und Tamaras graubraune Augen richteten sich auf Cains Gesicht, der ihren Blick mied und sich mit dem Gebäck beschäftigte. „Ich möchte Michael sprechen. Geht das?“
      Nun regte sich doch etwas in Tamaras Gesicht. Ihre Augenbrauen hoben sich kaum merklich, so als wäre sie leicht überrascht über die freundliche Art, die der Seeker plötzlich an den Tag legte. „Ja? Das kann ich tun, aber erst, nachdem du aufgegessen hast, okay?“
      Dabei deutete sie ein schmales Lächeln für den jungen Mann an und schlang die Arme um die Beine, um solange zu warten, bis er ihrer Aufforderung nachgekommen war. Danach erst stand sie auf, nahm das Tablett mit sich und verschwand wieder aus Cains Blickfeld.

      Michael erschien etwa eine Viertelstunde später. Er trug noch immer glänzendes Schuhwerk, seine Haare perfekt gestylet und wieder in einem Anzug, der ebenfalls nicht besonders günstig gewesen sein konnte. Dieses Mal war er einfach marineblau, ohne Streifen oder sonstiges. Nur die Manschettenknöpfe und das Einstecktuch waren wieder sorgsam ausgewählt worden.
      „Wie ich hörte, hast du endlich dein Essen angefasst. Wie geht es dir? Nicht besonders schlecht, oder?“, fragte Michael nach, der sich mit einem Zeichen einen Stuhl bringen ließ. Von Tamara war keine Spur zu sehen. „Das war übrigens die Wahrheit als ich sagte, dass wir dir keine Substanzen über das Essen verabreichen. Wenn wir dir etwas geben wollen, dann schön offensichtlich in einem Becher oder dergleichen. Was haben wir davon, wenn wir uns ständig mit deinem Misstrauen auseinandersetzen müssen? Nichts.“
      Ganz kurz tauchte Vaughn am Rande der Zelle auf, wurde jedoch direkt unwirsch von Michael wieder weggeschickt. Der Mann überschlug seine Beine und zückte aus der Innentasche seines Sakos etwas, das aussah wie ein Funkgerät. Er legte es sich in seinen Schoß, wohl bewusst unter dem aufmerksamen Blick des jungen Mannes.
      „Ich schätze, du möchtest Fragen zu Sylea stellen, richtig? So selbstlos dir gegenüber. Fast so, als wärst du ohne das Mädchen keine eigenständige Existenz mehr. Sie ist aktuell immer noch im Untersuchungszimmer. Die meisten Untersuchungen sollten mittlerweile abgeschlossen sein. Es geht ihr gut, sie fragt nach dir und macht in etwa das gleiche wie du, nämlich das Essen verwehren. Da seid ihr euch leider nicht so unähnlich“, seufzte er und zog seine Manschetten zurecht. „Was kann ich dir sonst noch beantworten?“
    • Michael ließ ihn nicht lange warten. Dabei hatte Cain bereits damit gerechnet, dass der Mann ihn noch eine Weile zappeln lassen würde.
      An der teuren Garderobe hatte sich nichts geändert. Der geschmackvolle Anzug unterstrich die Autorität, die Michael zu allen Zeiten ausstrahlte sobald er den Raum betrat. Jedes Haar saß an seinem Platz und das blaue Material des Anzuges war ordentlich gebügelt. Es gab keine einzige Falte, die nicht ins Bild passte. Sein gesamtes Erscheinungsbild wirkte auf Cain beinahe zu perfekt. Michael wäre nicht der erste Mensch, der ihm begegnete, der seine stinkende und verrottende Seele unter einer Fassade aus Perfektion versteckte. Das Äußere ordentlich sortiert und auf Hochglanz poliert, um die Abgründe darunter zu verstecken. Ohne seine Aura einsetzen zu können, waren das allerdings nur Vermutungen und die brachten ihn nicht weiter. Cain verlor Zeit.
      Zeit die Sylea möglicherweise nicht hatte.
      Cain antwortete zunächst nicht, aber Michael behielt durchaus Recht.
      Er fühlte sich nicht anders als zuvor und mit einem gefüllten Magen ließ sich auch die Gedanken leichter sortieren.
      "...Was haben wir davon, wenn wir uns ständig mit deinem Misstrauen auseinandersetzen müssen? Nichts."
      "Ich verstehe immer noch nicht, warum euch meine Koopertation überhaupt wichtig ist", antwortete Cain schließlich nach einer langen Pause. "Wenn du den Grimm abschotten kannst, dürfte es dir doch ein Leichtes sein, dir einfach von mir zu holen, was du brauchst. Warum dieses Theater?"
      In seinem Augenwinkel sprang ihm eine Bewegung ins Auge.
      Nachdem Michael es sich anscheinend für einen längeres Gespräch gemütlich machte, zog er demonstrativ ein Funktgerät hervor. Cains Blick fixierte sich sofort auf das kleine Kommunikationsgerät. Michael wusste genau, warum der Seeker nach ihm gefragt hatte. Aufmerksam lauschte er dem kurzen, viel zu knappen Bericht über Sylea, der nicht annähernd genug Informationen lieferte um den Seeker auch noch im Mindesten zu beruhigen. Im Gegenteil. Cain behielt seine Gesichtszüge gut unter Kontrolle. Er musste höllisch aufpassen, wie er sich gegenüber diesem Mann verhielt um nicht unbewusst etwas preiszugeben.
      "Was kann ich dir sonst noch beantworten?"
      Cain sah Michael mit annähernd neutraler Miene an, doch dann zuckte sein Blick kurz zu dem Funkgerät, dann wieder hinauf ins Gesicht des Mannes.
      "Du bist vorbereitet gekommen", stellte er trocken fest. "Du weißt, was ich will. Ich will mit Sylea sprechen. Was muss ich dafür tun?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Michael war schnell aufgegangen, dass Cain ein besonders kluges Köpfchen besaß. Deshalb war er auch nicht sonderlich verwundert über die Frage, weshalb er nicht mit mehr Gewalt an das ging, was er wollte.
      Ein wissendes Lächeln erschien auf den Lippen des gut gekleideten Mannes. „Weil ich es nicht kann, Cain. Nur weil ich in einer Fähigkeit brilliere bedeutete das nicht, dass ich im Allgemeinen mächtig bin.“
      Damit würde sich der Seeker vorerst zufriedengeben müssen. Der junge Mann war in ein Umfeld voller Fremden geworfen worden und musste sich dort erst einmal etablieren. Das verstand Michael durchaus und Zeit war etwas, das ihm zur Verfügung stand. Im Endeffekt hatten sie längst das, was sie wollten. Cain mit seinem Grimm war lediglich ein Bonus.
      Dieser Bonus war leicht zu beeinflussen. Cain gab sich größte Mühe, nicht viel preiszugeben und sich möglichst gleichgültig zu halten. Aber ein kleiner Fehler unterlief ihm doch, als er etwas zu intensiv das Funkgerät betrachtete, welches Michael in weiser Vorbereitung gleich mitgenommen hatte. Ihm war klar, dass die Informationen zu Syleas Gesundheitszustand dem Seeker niemals reichen würde und genau hier setzte er an.
      „Du weißt, was ich will. Ich will mit Sylea sprechen. Was muss ich dafür tun?“
      Sofort hellte sich Michaels Gesicht auf. Plötzlich wirkte er weniger wie ein berechnender Geschäftsmann, sondern eher wie ein sehr herausgeputzter, freundlicher Verwandter. Mit seinen Fingern strich er über das Gehäuse des Funkgerätes, welches blitzblank und neu in seinem Schoß lag.
      „Ich will wissen, warum du so sehr an Sylea hängst“, eröffnete er seine Frage und schüttelte direkt den Kopf, weil die einfache Antwort schon direkt in der Luft hing. „Ich meine nicht deine Liebe zu ihr. Wir haben Nachforschungen angestellt, was ihr in der Zwischenzeit angestellt habt. Was ihr getan habt. Mit wem ihr Kontakt hattet. Die Aufnahmen aus dem Hell Gate sind auch sehr aussagekräftig. Du bist ein Seeker, den man von der Leine gelassen hat. Selbst wenn es dir perspektivlos erscheint, du hättest dich jederzeit absetzen und dein eigenes Ding machen können. Stattdessen wählst du den Weg mit Sylea zusammen und ich bin mir sicher, dass dir genauso sehr wie ihr bewusst ist, dass sie die andere Seele aus sich niemals abstoßen können wird.“
      Er tippte sich gegen seine Schläfe und lächelte. „Du besitzt einen stärker ausgeprägten Überlebenswillen als der gewöhnliche Mensch und einfach nur Liebe wird dich nicht dazu bringen, unbewaffnet gegen eine ganze Armee zu laufen. Es liegt etwas anderes dahinter, richtig? Oder folgst du ihr nur, weil sie den Grimm mehr oder weniger unter Kontrolle halten kann? Wenn ja – das kann ich auch.“
      Seine Augen fixierten die bernsteinfarbenen Augen des Seekers. Als könne er mit seinen Worten Reaktionen lostreten und sie in Cains Augen ablesen, hielt er den Blickkontakt aufrecht. Niemand konnte sagen, welche Fähigkeiten Michael noch besaß oder wie genau er den Grimm und auch Ascan weggedrängt hatte. Mit seinen limitierten Mitteln konnte Cain nicht einmal bestimmen, ob es nur ein Mann oder eine andersartige Seele war, die da vor ihm saß und Verhandlungen bestritt.
    • "Ich will wissen, warum du so sehr an Sylea hängst."
      Jede Frage wäre besser gewesen, als die, die Michael schließlich auswählte. Nachdem Vaughn größtest Interesse an der seltenen Anomalie zu haben schien, hatte Cain mit weiteren Fragen nach dem Grimm gerechnet. Es hätte so viele Details gegeben, so viele Informationen, mit denen er sich etwas Zeit hätte erkaufen können. Cain hätte offenbart, woher der Grimm kam. Er hätte ihnen davon berichteten können, was die immer hungrige Kreatur geweckt hatte. Das Herz in seiner Brust setzte aus, als Michael ihm mit ein paar Worten den Wind aus den Segeln war. Die wenige Überlegenheit, die er angesammelt hatte, bröckelte und fiel schließlich ganz in sich zusammen.
      Natürlich wussten sie, was im Untergrund des Hell Gate passiert war und dass der Grimm dort das erste Mal entfesselt wurde. Da es es keine früheren Aufzeichnengen über dieses Phänomen in Bezug auf Cain in den Archiven gab, musste es dort im Gefängnis seiner Schwester gewesen sein. Das hieß, es war ein Leichtes abzuleiten, dass unkontrollierte und starke Emotionen den Grimm hervorlockten. Das explosionartige Wut, ein schwerer und traumatischer Schock und tiefe Trauer sich perfekt als Hebel eigneten, ebenso wie Lust und Verlangen. Es war egal, das Gefühl musste nur stark genug sein.
      Cain versteifte sich unter dem eindringlichen Blick, der nach der kleinsten Regung in seiner Mimik ausschau hielt. Sie wussten von dem Babylonier und von Jace. Von den Menschen, die Cain kaltblütig ermordert hatte und von der Schwester, die er nicht hatte retten können. Sie wussten von Ennis. Von Mairead.
      "Du besitzt einen stärker ausgeprägten Überlebenswillen als der gewöhnliche Mensch und einfach nur Liebe wird dich nicht dazu bringen, unbewaffnet gegen eine ganze Armee zu laufen. Es liegt etwas anderes dahinter, richtig? Oder folgst du ihr nur, weil sie den Grimm mehr oder weniger unter Kontrolle halten kann? Wenn ja – das kann ich auch."
      Ab diesem Moment spielte es keine Rolle ob Cain brav antwortete oder sich erneut in seine Stille zurückzog.
      Egal, was er tat, Michael würde wissen, dass mehr dahinter steckte als nur die bedingungslose Liebe. Der Gedanke, dass die Aurenverschmelzung seine Liebe herabwürdigte und unbedeutend erscheinen ließ, schmeckte ihm nicht. Aber genau das würde passieren, sobald sie dahinter kamen. Man würde ihre Verbindung auf dieses Detail reduzieren. Es graute ihm vor den Dingen, die sie tun könnten, um die Verbindung zu testen, sie zu erforschen und zwei Menschen, Sylea und ihn, auf das Level einer Laborratte zu reduzieren.
      Cain starrte auf das Funkgerät.
      Auf die Chance, die sich ihm bot.
      Und es brach ihm das Herz, als er aufstand und zurück in seine Ecke ging.
      Wie am Tag zuvor richtete er den Blick an die gelbe Tapete, auf die fröhliche Farbe, die er am liebsten von den Wänden gekratzt hätte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Regungslos sah Michael dabei zu, wie Cain das Funkgerät anstarrte und offensichtlich einen inneren Kampf mit sich austrug. Ganz entfernt konnte sich der Mann vorstellen, wie er gerade das Für und Wider abwog und welche Konsequenzen sich damit offenbaren würden. Am Ende stand Cain schließlich auf und kehrte Michael den Rücken. Verweigerte seine Aussage und die damit verbundene Zusammenarbeit.
      „Wie schade“, sagte Michael seltsam monoton und sah über seine Schulter zu dem Forscherrondell herüber, wo sich die Männer in Kitteln über irgendwelche Aufzeichnungen hermachten. Er winkte ihnen und ließ das Funkgerät wieder in der Innenseite seines Sakos verschwinden. Den Sitzplatz jedoch gab Michael nicht auf, als man ihm den Monitor von vorgestern wieder heranrollte, dieses Mal mit zusätzlichen Boxen an den Seiten ausgestattet.
      In Michaels Gesicht lag weder Schadenfreude noch sonst ein positiver Ausdruck. Vielmehr sah es so aus, als würde das, was nun folgte, ihm selbst physischen Schmerz bereiten. Er stieß einen Seufzer aus ehe er sich vorlehnte und den On-Schalter des Bildschirms betätigte, der daraufhin flirrte und auf ein Signal wartete. Die Boxen knackten und rauschten und dann wurde schließlich ein Bild in Farbe übertragen. Von einer Kamera, die an der Decke mittig im Raum platziert sein musste.

      Syleas Rücken schmerzte. Ihre Beine schmerzten. Eigentlich schmerzte alles von der langen Zeit des ausgestreckten Liegens. Sie wusste nicht, wie lange sie weg gewesen war, aber nachdem irgendein Mann den Ärzten aufgetragen hatte, sie zu sedieren, war alles ganz schnell gegangen. Nachdem sie aufgewacht war, waren die Ärzte wenigstens so gut gewesen, sie einmal von dieser schrecklichen Liege loszumachen und sie in ein klinisches Bad zu bringen, damit sie dort auf Toiletten gehen konnte. Wobei gehen das falsche Wort gewesen war, denn torkeln traf es viel eher. Die Kopfschmerzen waren verschwunden und auch die Nadel aus ihrem Arm waren weg. Noch immer trug sie nur diesen Kittel, nicht einmal Unterwäsche, wie ihr zu ihrer Bestürzung aufgefallen war, und Schlappen, damit sie auf dem Fliesenboden nicht fror. Doch sobald sie fertig war, brachte man sie wieder in den Raum zurück und bedeutete ihr, sich auf die Liege zu legen.
      Sylea war damit nicht einverstanden. „Ihr müsst mich nicht festmachen. Ihr behauptet, ihr sorgt euch nur um meine Gesundheit, dafür muss man mich nicht wie auf einem Seziertisch hinlegen.“
      Doch die Männer schüttelten nur den Kopf und bedeuteten ihr, sich wieder hinzulegen. „Das ist eine Sicherheitsmaßnahme. Nicht für dich, sondern für uns. Wir wissen nicht, wie lange Michaels Werk anhält.“
      Dann war es zu einem Blickduell gekommen und lange hielten Syleas Beine sie nicht mehr aufrecht. Ächzend setzte sie sich wieder auf die Liege, die wenigstens nicht mehr kalt war. Scheinbar beheizten sie sie von unten, wesentlich angenehmer machte es das Ganze dennoch nicht. Am Ende hatte man sie mit der geballten Macht der beiden Männer wieder auf dem Tisch fixiert, ihr Blick ging wieder nach oben zu der Kamera, die dort alles überwachte.
      Ob Cain wohl auch so eine Kamera hatte, wo auch immer er war? Es lebte noch, dessen war sie sich sicher. Irgendetwas hätte sie ja wohl gemerkt, selbst wenn die Stille in ihrem Kopf allumfassend war. Kein Cain, kein Ascan. Als hätte es sie nie gegeben.
      Ihr Magen knurrte, denn auch sie verweigerte das Essen. Cain hatte ihr beigebracht, dass es möglich war, dass ihr Essen versetzt sein konnte und dieses Risiko wollte sie nicht eingehen. Sie musste einen Weg finden, hier herauszukommen und das ohne Hilfe von ihm oder Ascan. Sie konnte es. Sie hatte ihre Techniken, sie kannte die Bannkreise. Sie war bereit, Opfer zu bringen. Sie musste nur…
      Ein Telefon schrillte und Sylea zuckte von dem Geräusch zusammen. Einer der Ärzte nahm den Anruf entgegen und sie lauschte angestrengt mit, um sich genug vom Kontext zu erschließen.
      „Hier BZ1.“

      „Schickt bitte die Ergebnisse, wir lassen sie nochmal gegenlaufen. Bereitet ihn vor, wir können gleich starten.“

      „Sie ist gesichert, ja. Ihr habt ihn gebrieft, richtig? Nicht, dass er sich wundert. Es kann sein, dass wir es wiederholen müssen, je nachdem.“

      „Alles klar. Vielen Dank.“
      Der Arzt legte auf und klickte sich durch irgendwelche Mailprogramme, die Sylea nicht verstand. „Wartet mal, womit gleich starten?“, fragte Sylea und ihr Herz rutschte ihr in die Hose. „Wird das hier… wie eine Kampfsimulation oder so was?“
      Einer der Männer schaute sie verdutzt an. „Wie kommst du darauf? Wir haben genug Aufzeichnungen um abzuschätzen, wozu du, oder besser ihr, fähig seid. Du musst nicht mehr kämpfen, Sylea. Das ist ab hier vorbei.“
      „Wie, vorbei?“ Völliges Unverständnis lag in ihrer Stimme und sie war sich sicher, dass sie gleich Schweißausbrüche erleiden würde. „Habt ihr hier noch mehr Leute wie mich?“
      Der Arzt nickte zu ihrer absoluten Überraschung. „Mit euch ist ja noch ein Mädchen hier her gekommen. Es ist ein bisschen schade, aber scheinbar wurde ihr eine Seele eingesetzt und jetzt… naja… führt sie sich ein bisschen mehr auf als sie sollte.“
      Rena. Das musste Rena sein. Die hatten Rena hier in irgendein anderes Zimmer gesteckt und stellten mit ihr vermutlich das Gleiche an. Was auch immer das sein sollte. „Was macht ihr mit uns?“ Sie traute sich nicht zu fragen und ihre Stimme war ganz heiser.
      „Den Fortschritt sicherstellen“, entgegnete der andere Arzt am Pult und hatte scheinbar seine Ergebnisse fertig analysiert. Er drückte auf einen roten Knopf und eine geführte Tür öffnete sich an der Wand zu Syleas Fußende. Mit einem Zischen gab sie die Sicht auf eine Person frei, die nun eintrat und ganz bestimmt kein Arzt war.
    • Cain verabscheute das Geräusch der sich einschaltenden Boxen, dieses künstliche und statische Rauschen, beinahe genauso sehr wie das eintönige Geld der Tapete. Er hasste es bereits inbrünstig, weil es ihm baldige Lebenszeichen von Sylea versprach und gleichzeitig mit neuen Gesprächsfetzen und Teilinformationen aufwartete, die seine Gedanken in eine Höllenspirale schickten. Es war Folter.
      Dieses Mal stutzte der Seeker, denn als er den Kopf leicht aus seiner Starre anhob, waren nicht nur die Boxen zum Leben erwacht. Einer der Kittelträger hatte den Monitor nah genug an seine Zelle gerollt, das er selbst aus der entferntesten Ecke die Aufnahme von Syleas Zimmer ausmachen konnte.
      Er vergaß die Verwirrung in seinem Blick zu verbergen. Das ergab keinen Sinn. Er hatte ihnen absolut nichts geliefert, dass eine Belohnung verdiente. Die Nackenhaare stellten sich langsam auf und eine eisige Kälte kroch über seine Wirbelsäule. Michael gewährte ihm diesen Einblick nicht um ihn zu ködern oder seine Gutmütigkeit zu unterstreichen. Das hier war keine Belohnung, kein Zugeständnis... Das hier war die Strafe für seine Verweigerung. Was ihn iritierte war, dass es Michael anscheinend kein Vergnügen bereitete. Etwas, dass Cain einem Sadisten oder zumindest einem Mann ohne Gewissen unterstellt hätte. Etwas an dem Anblick alarmierte ihn.
      Als sie Syleas Stimme durch die Boxen übertrugen, ging ein Ruck durch den Seeker.
      „Wartet mal, womit gleich starten?“
      Langsam lehnte Cain sich vor und ging von seiner sitzenden und gekauerten Haltung, erstaunlich fleißend in die Hocke über. Eine Hand drückte er zur Stabilisierung gegen die Wand, die andere vor sich auf den Boden.
      „Wir haben genug Aufzeichnungen um abzuschätzen, wozu du, oder besser ihr, fähig seid....Du musst nicht mehr kämpfen, Sylea. Das ist ab hier vorbei.“
      Ihr. Sprachen sie von Sylea und Ascan oder...wie viele Menschen hielten die Rubras hier unten gefangen?
      „Mit euch ist ja noch ein Mädchen hier her gekommen.
      Ah, natürlich. Mairead, nein, Rena.
      „Was macht ihr mit uns?“
      Er hörte Verunsicherung und Angst...Ein Puls, nicht messbar für gewöhnliche Technik, durchzog Cains Zelle.
      Der Seeker reckte das Kinn vor, nahm einen tiefen Atemzug und als er den Atem langsam ausstieß, folgte seine Aura. Es schien beinahe so, als strömte das Gold aus jeder seiner Poren. Es breitete sich um Cain aus, senkte sich nach unten ab und kroch träge wie Nebelschwaden dicht am Boden durch den Raum. Er konnte es nicht sehen, aber er spürte die letzten Überbleibsel silberner Partikel, die Sylea in ihm verankert hatte. Aber es waren schon weniger, als am ersten Tag. Sie verschwanden nicht aber verloren an Glanz und Intensität. Es war nicht mehr genug um ihm irgendeine Form von Trost zu spenden.
      „Den Fortschritt sicherstellen.“
      Cain fand seine Stimme wieder.
      "Mein ganzes Leben hat man versucht, mir einzutrichtern, dass ich als Seeker etwas Gutes tue. Aber ich beginne langsam zu begreifen, dass ich die falschen Monster gejagt habe."

      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”