[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • „Die Beiden werden nicht mehr lange schlafen… Bist du bereit, dich einer schmollenden Mairead zu stellen? Sie hat dich wirklich gern.“
      „Das werde ich wohl müssen“, antwortete Sylea mit einem schmalen Lächeln als hinter ihnen eine Tür knarzte und Ennis wie aufs Stichwort im Rahmen erschien. Er trug bereits sein kariertes Hemd und die dunkelgrüne Hose wie üblich, nur sein graues Haar war wüst. Er blinzelte, musterte Sylea und Cain, die fast schon schuldbewusst herumgefahren waren und seufzte.
      „Jetzt sagt mir nicht, ihr wolltet verschwinden ohne euch zu verabschieden.“ Er war pikiert, das hörte man an seiner Stimme.
      „Nein!“ Sylea hob beschwichtigend die Hände und wedelte mit ihnen. „Das würde mir Mai nie verzeihen. Ich hätte aber auch gedacht, dass sie schon vor der Tür ein Lager aufgeschlagen hat oder so…“
      Daraufhin warf Ennis einen Blick zur Zimmertür seiner Enkelin, ehe er sich davor postierte und anklopfte. „Mairead?“ Keine Antwort. Er versuchte es ein zweites Mal, dann öffnete er einfach die Tür und warf einen Blick in den Raum. Er seufzte ein weiteres Mal und ließ die Tür zum pinken Paradies einfach offen stehen. „Entweder sie schlägt ein Lager auf oder haut ab. Das macht sie gern wenn sie weiß, dass unangenehme Situationen bevorstehen. Sie wird sich schon wieder fangen.“
      Irgendwie zweifelte Sylea an dieser Vorstellung. Vielleicht lag das aber auch einfach daran, dass sie selbst niemals weglaufen würde, sondern seit je her solche Momente einfach hatte durchstehen müssen. Wenn sie die Chance gehabt hätte, den Dingen aus dem Weg zu gehen, hätte sie es vermutlich ebenfalls getan. Also nickte sie langsam und bedeutete Cain, doch auch Ennis einen Kaffee zu machen. Den letzten, den sie hier mit ihm trinken würden.

      Auch nach einer Stunde war Mairead nicht erschienen. Da Ennis jedoch nicht besorgt erschien, entschied Sylea, sich nach Möglichkeit auch keine zu machen. Traurig war sie trotzdem, dass das Mädchen nicht für den Abschied da gewesen war. Damit war es eine Person weniger, von der sie sich verabschieden musste.
      Draußen vor der Hütte hatten sie ihre Sachen gepackt und geschultert. Ennis hatte Sylea kurz umarmt, was sie steif erwidert hatte, und war dann zu Cain gegangen. Er packte den Seeker an dessen Hand, zog ihn einen Ruck zu sich und klopfte ihm anschließend kräftig auf die Schulter. „Dass du mir gut auf dein Mädchen aufpasst, Cain. Lass sie nicht aus den Augen, wenn sie dein wertvollstes Gut ist.“
      Syleas Lächeln wurde schwer. Wie vermutet sah er in ihr und Cain die Spiegelbilder seiner Familie. Wer konnte es ihm auch verübeln? Er hatte in seiner Welt und seinem Herzen Platz für Sylea und Cain geschaffen, nur um sie schon wieder gehen zu lassen. Wie lang dieser Abschied ausfallen würde, wusste niemand. Nur eine Ahnung lag schwer über dem jungen Pärchen, doch das verrieten sie nicht.
      „Ich bin doch kein Ding, Ennis“, beschwerte sich Sylea und kreuzte die Arme vor der Brust, ein Sinnbild des Trotzes.
      „Aber es ist Aufgabe des Mannes, sich um seine Frau zu kümmern.“
      Sylea stöhnte genervt auf. Was für alte Traditionen packte der Mann denn jetzt noch aus? „Ja, ja, er darf machen, was er will. Drück Mairead von uns, wenn sie wiederkommt, ja? Ich hoffe einfach, dass sie nicht allzu sauer ist…“
      „Sauer? Das Mädchen wird am Boden zerstört sein“, sagte Ennis und zuckte mit den Schultern. „Aber da muss sie durch. Abschiede lernt jeder irgendwann zu verkraften.“ Das wusste er besser als viele andere.
      Sylea nickte und fasste nach Cains Hand. „Alles klar. Danke, dass wir hierbleiben durften und danke für… alles. Werden wir nicht vergessen, Ennis.“ Sie konnte nicht bis bald sagen. Diese Lüge ging ihr nicht über die Lippen.
      Ennis lächelte sie beiden an und sah ihnen hinterher, bis ihre Gestalten in den Tiefen des Waldes verschwunden waren. Erst danach kehrte er in seine Hütte zurück und schloss die Tür hinter sich.
    • Ein verräterisches Zucken durchfuhr den Seeker beim Knarzen der Tür unmittelbar in seinem Rücken. Bevor er das Gleichgewicht verlor, erhob sich Cain aus der Hocke und drehte sich mit schuldbewusster Miene zu Ennis um. Der alte Mann musterte das Paar anklagend und unterstrich den Blick mit den dazu passenden Worten. Cain seufzte leise.
      Bevor er eine Erklärung über die Lippen brachte, hatte Sylea bereits das Wort ergriffen. Mit hochgezogenen Augenbrauen verfolgte der Seeker den Wortwechsel und beäugte die geschlossene Zimmertür von Mairead, die sich auch für Ennis zunächst nicht öffnete. Obwohl laut Ennis keinerlei Grund zur Sorge bestand, machte sich ein ungutes Gefühl in ihm breit. Sanft legte er eine Hand auf die Schulter seiner Partnerin und beugte sich zu Sylea hinab um einen hauchzarten Kuss auf ihren Scheitel zu drücken.
      "Vielleicht hat Ennis Recht. Mairead wird schon nichts passiert sein. Sie ist in diesen Wäldern aufgewachsen, also mach dir keine Sorgen. Sie kommt schon wieder zurück und noch sind wir nicht weg", murmelte er.
      Danach verließ Cain das Wohnzimmer in Richtung der Küche um Ennis ebenfalls einen frisch aufgebrühten Kaffee zu holen. Einen Augenblick lang sah er nachdenklich und mit gerunzelter Stirn in den Wald hinaus, der ihm vor wenigen Minuten noch sehr bedrohlich vorgekommen war. Etwas lauerte hinter dem schattigen Unterholz. Der Eindruck war nicht gänzlich verschwunden und nun gesellte sich die Sorge um das kleine Mädchen dazu. Das drückende Gefühl in seiner Magengegend sollte auch in der nächsten Stunde nicht abklingen. Sylea, Cordelia und nun Mairead...Bei Cordelia hatte er versagt, Sylea drohte ihm ebenfalls zu entgleiten und Mairead war verschwunden. Die Geschichte um die Frauen in seinem Leben drehte sich im Kreis und das bereitete Cain unsagbare Kopfschmerzen.

      „Dass du mir gut auf dein Mädchen aufpasst, Cain. Lass sie nicht aus den Augen, wenn sie dein wertvollstes Gut ist.“
      Der Abschied von Ennis fiel dem Seeker schwerer, als angenommen. Die väterliche Umarmung überrumpelte den Mann, dem elterliche Zuneigung fremd war. Etwas ungelenk hob er die Hand und drückte die Schulter des alten Mannes. Bei Syleas Protest entfloh dem Seeker ein zurückhaltendes Lachen, dass an Ennis' Schulter unterging.
      "Versprochen, alter Mann."
      Damit löste sich Cain widerwillig und warf über die Schulter des Jägers einen letzten Blick auf die Hütte im Wald. Er würde diesen Ort vermissen, der ihm trotz der unmittelbaren Bedrohung und Nähe zu den Rubras etwas Frieden geschenkt hatte. Trotz der Schwierigkeiten, denen sich Sylea und Cain an diesem Ort entgegengestellt hatten. Voller Dankbarkeit sah er Ennis an und drückte ein letztes Mal dessen Hand.
      "Bleib nicht hier, Ennis. Ich weiß, ich weiß...aber bleib nicht hier. Nimm Mairead und geh. Bitte", sagte er ruhig und gefasst. "Ich werde für den Rest meines Lebens mit der Schuld leben, meine Schwester diesen Menschen überlassen zu haben und nicht genug getan zu haben, um ihr ein besseres Leben zu bieten. Lass nicht zu, dass sie deine kleine Enkelin zu einem Versuchskaninchen machen. Ein Leben mit dieser Schuld, ist kein Leben, Ennis."
      Er löste seinen Blick erst von dem Mann, der trotz anfänglicher Skepsis ein Platz in seinem Herzen gefunden hatte, als er Syleas Hand um seine spürte. Langsam trat Cain zurück und schenkte Ennis ein Lächeln. Er glaubte nicht daran, dass er den alten Mann noch einmal wiedersehen würde.
      "Ja, danke für Alles. Passt auf euch auf."
      Der Wald verschluckte Cain und Sylea und erst außer Hörreichweite fand der Seeker seine Stimme wieder. Er verwob ihre verschlungenen Finger in einander und drückte sanft zu. Cain hielt inne und sah mit zusammengekniffenen Augen hoch in die Baumkronen, wo das Sonnenlicht durch das dichte Blätterdach schimmerte.
      "Wenn wir erfolgreich sind, müssten die beiden frei sein, nicht? Vielleicht werden wir es nicht erleben, aber der Gedanke, dass dieses Grauen auch etwas Gutes bewirkt...ist auf eine merkwürdige Art tröstend. Es gab kein normales Leben für Cordelia oder Jace. Vielleicht wird es kein Happy End für uns geben, aber ich wünsche es mir für Mairead und Ennis."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Ja, dann wären sie frei. Wenn der ganze Alptraum sein Ende findet, dann können die Beiden hingehen, wo auch immer sie hin möchten. Für deine Schwester war es auch nicht gut bestellt, aber ich möchte glauben, dass Jace die Explosion nur gefaked hat.“
      Sylea hielt an dem Glauben einfach fest. Der Gedanke, dass er wirklich mit der Explosion gestorben sein sollte, hielt sie nicht auch noch aus. Solch einen Pfad des Todes hatte sie nie hinterlassen wollen.
      „Und was heißt, kein Happy End für uns?“ Sie knuffte Cain in die Seite und zog ihn dann einfach weiter. „Ich gehe davon aus, dass alles klappt. Die haben keine Ahnung, was sie mit mir zu erwarten haben. Oder dass du den Grimm hast. Die werden aus allen Wolken fallen bevor die wissen, wie ihnen geschieht.“
      Ihre Stimme war zuversichtlich, ihre Schritte ebenfalls. Aber das Mädchen in ihrem Inneren, das den Bildern durch ihre Augen lediglich zusah, glaubte etwas anderes. Dieses Mädchen rechnete mit dem Schlimmsten und würde das Zepter übernehmen, wenn Sylea nicht mehr weiter wusste.

      Je weiter Sylea und Cain den Wald durchquerten und sich den Hallen der Rubras näherten, umso mehr Stille machte sich zwischen ihnen breit. Die leichten Gespräche waren verklungen und irgendwann beschlossen sie, ihre Rucksäcke unter einer Ansammlung Steine zu verstecken und ohne sie weiterzugehen. In den Hallen brauchten sie sie sowieso nicht.
      Bald würde der Eingang in Sichtweite kommen. Ganz vage erkannte Sylea hier und da Strukturen, die schwache Erinnerungen auslösten. Sie wusste, dass sie nicht mehr weit entfernt waren. Noch ein bisschen, und dann würde sich vor ihnen eine Lichtung auftun mit einem Erdhügel, der mit einem schweren doppelflügeligen Tor ausgestattet worden war und ins Erdreich führte. Sie erinnerte sich an mit Fackeln gesäumte Wände, als sie die Treppenstufen nach unten genommen hatte. Noch ein bisschen, dann wären sie da…
      Sylea hielt ruckartig an. Ihre Hand in Cains packte seine fester, als sie wie die Donner gerührt in die Weite starrte. Da, wo die Hallen ihren Eingang hatten, wartete bereits jemand. Niemand, der eine bedrohliche Aura verströmte, aber mächtig und das ohne Zweifel. Was Sylea vielmehr schockierte war die Tatsache, dass diese Aura so golden war wie die von Cain. Sie teilten sich die Nuance, vielleicht sogar die ein oder andere Ähnlichkeit, sodass sie davor zurückschrak, diese Aura auch nur kurz zu berühren. Aber dieser winzige Kontakt hatte ausgereicht, damit sie sah, dass die Aura dieser Person zerschmettert und neu zusammengefügt worden war. Sie war in Fragmente gesplittert und falsch zusammengesetzt worden. Und doch war da kein Wahnsinn, den Sylea verspürte. Kein psychedelischer Zustand oder Unberechenbarkeit. Nur… Ruhe. Oder.. Langeweile?
      „Der Wächter ist draußen“, sagte sie leise zu Cain, der sie besorgt ansah. „Er… er fühlt sich ein bisschen an wie du. Seine Aura ist auch golden, aber zersprungen. Sowas hab ich noch nie gefühlt…“
      Ihr Blick ging fragend zu Cain, so als ob sie von ihm hören wollte, ob sie weitergehen sollten. Schließlich nickte er ihr zu und sie gingen weiter auf diese seltsame Aura zu.
      Es trennte sie nur noch eine Reihe von Bäumen von der Lichtung, doch durch die Lücken zwischen den Stämmen und dem Buschwerk konnten sie einen Blick auf den Eingang erhaschen. Der Platz war vollkommen freigeräumt und versteckte die alte, schwere Tür kein bisschen. Vor ihr standen zwei Personen, wobei derjenige mit der gesplitterten Aura der Wächter sein musste. Er trug eine schwarze, schwere Kutte und einen langen Stab bei sich. Von hier konnte Sylea sein Gesicht nicht gut erkennen, aber das musste er sein.
      Als ihr Blick zu der zweiten, kleineren Person glitt, gefror sie augenblicklich zu Eis. Neben dem Wächter stand Mairead. Sie hatte ihre Outdoorjacke und Wanderschuhe an, ihre Haare hatte sie in einem flüchtig gemachten Zopf gebändigt. Sie schien sich mit dem Mann zu unterhalten, denn sie gestikulierte wild umher und schien sich über etwas aufzuregen. Mairead war nicht abgehauen, weil sie sich nicht verabschieden wollte. Sie war genau dahin gelaufen, wohin Sylea und Cain wollten.
      Ihr wurde schlecht. Wieso bei allen Göttern war das Mädchen ausgerechnet hier? Das musste ein schlechter Scherz sein, das durfte nicht sein. Wie sollten sie das Mädchen hier nur wegbekommen? Wieso verhielt sie sich so vertraut mit dem Wächter, wenn Ennis sie doch stetig hier fortgehalten hatte?
      „Cain…. M… Mairead….“, hauchte Sylea und konnte ihren Blick nicht von den Beiden abwenden.
    • Ohne jegliche Vorwarnung blieb Sylea stehen und riss den Seeker aus seiner Konzentration. Bedächtig hatte er seine Aura über den Waldboden ausgestreckt, um mögliche Gefahren wie Verfolger zu erspähen, doch nie zu weit um ihre unmittelbare Position zu verraten. Der goldene Schleier schnappte wie ein Gummiband zurück zu Cain, der kurz zusammenfuhr. Alarmiert von der plötzlichen Starre seiner Partnerin, griff er nach hinten in seinen Hosenbund und tastete nach der dort verborgenen Pistole, die ihm vermutlich nicht fiel nützte aber das vertraute Gewicht beruhigte ihn. Er legte bereits den Daumen an, um die Schusswaffe, zu entsichern, da begann Sylea leise zu flüstern. Cain unterließ es seine Aura selbst nach dem mysteriösen Torwächter suchen zu lassen, sondern bediente sich den Eindrücken, die Sylea ihm über die Aurenverschmelzung übermittelte. Beunruhigt legte sich die Stirn des Seekers in tiefe Furchen. Sie hatte Recht. Die unbekannte Aura fühlte sich befremdlich und vertraut zugleich an. Unter dem ersten Nachklang der Erinnerung blieb ein anderes Gefühl zurück, dass Cain einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Der Torwächter fühlte sich selbst aus der Distanz sehr mächtig an während seiner Aura etwas überaus Unnatürliches anhaftete. Der Seeker bleckte die Zähne in einer Angewohnheit, die seiner Verbindung mit dem Grimm geschuldet war.
      „Das wundert mich nicht“, knurrte Cain, dessen Sinneswahrnehmung auf Hochtouren lief. Er neigte den Kopf von links nach rechts, wobei die Wirbel in seinem Hals leise knackten. „Eine Aura in dieser Form dürfte gar nicht existieren. Erinnerst du dich an die Experimente in Hollow Point, von denen ich dir damals erzählt habe? Die Verantwortlichen in den Laboren haben versucht Seelen gewaltsam von ihren Wirten zu trennen. Bei den Versuchen haben sie die Auren förmlich zerfetzt. Sie wieder zusammen zu fügen…das war unmöglich. Diese Aura…alles in mir sträubt sich dagegen, dass wir uns nähern.“
      Dennoch nickte der Seeker. Um den besagten Torwächter führte kein Weg vorbei, wenn sie in das Herz des Rubra-Clans eindringen wollten. Welcher Anblick sie allerdings unmittelbar vor ihrem Ziel erwartete sollte, verschlug Cain die Sprache. Mairead befand sich lediglich wenige Meter von ihnen entfernt auf der Lichtung und stand einer düsteren Gestalt mit langer Kutte gegenüber. Keinerlei Furcht lag in der Luft. Stattdessen begrüßte die Szenerie ihn mit dem warmen Flackern von Belustigung. Dass diese Emotion von dem vermummten und stocksteif dastehenden Torwächter herrührte, brachte Cain etwas aus dem Konzept.
      „Ich sehe es…“, murmelte er. „Es sieht nicht so aus, als wollte er ihr etwas antun…es wirkt…vertraut und ich spüre keinerlei Furcht von Mairead.“


      375f7ca91c46ac8725b9bc4b90d7411f.jpgMit einem Besuch der kleinen Mairead hatte er an diesem nebligen Morgen nicht gerechnet. Nicht, dass er sich beschwerte, denn diese Besuche unterbrachen die zäh dahinkriechenden Tage, die er vor dem Portal wachte. Es wunderte ihn, dass der fürsorgliche Großvater seine geliebte Enkelin nicht im Haus einschloss damit sie nicht ins Kreuzfeuer geriet, denn er spürte, dass sich die erwarteten Gäste endlich näherten. Andererseits hatte er das Mädchen bereits an den ehrwürdigen Rubra-Clan verkauft, vielleicht hatte also auch die Fürsorge eines Großvaters ihre Grenzen. Er stützte sich auf seinen Stab, die Hände über dem glatten Knauf gefaltet und das Kinn auf den Fingerknöcheln gebettet. Der Stab sah mehr aus wie ein knorriger Zweig, etwas krumm und schief aber säuberlich geschliffen bis das dunkle Holz beinahe glänzte. Er war recht unauffällig im Gegensatz zu der schwarzen Kutte mit den Goldstickereien, die förmlich zu glühen schienen.
      Er sah, wie Mairead die rosigen Wangen aufplusterte und die kleinen Fäuste beleidigt in die Hüften stimmten, als seine Aufmerksamkeit zum Waldrand glitt. Die goldschimmernden Augen, die von einem milchigen Schleier getrübt waren, leer und blind, richteten sich in die Ferne. Die Gesichtszüge unter der Kapuze strahlten eine ungewöhnliche Zeitlosigkeit aus. Sie waren wie in Stein gemeißelt und sein Alter zu schätzen, war beinahe unmöglich. Das versteinerte Gesicht brach erst auf, als er den Zeigefinger an die schmalen, blassen Lippen legte und Mairead tatsächlich zuzwinkerte. Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an, wie ein Nachtfalter, der zum ersten Mal in der Dunkelheit die Wärme des Lichtes spürte und geradewegs darauf zu flog ohne die Gefahr zu bemerken. Wie ein seltener Nachfalter würde auch Mairead eines Tages wie eine begehrte Seltenheit hinter Glas auf einem Versuchstisch landen würde. Sie würde bestaunt und begutachtet werden, fixiert und der eigenen Stimme beraubt. Er versuchte das unangenehme Gefühl zu verdrängen, dass diese Besuche nicht von Dauer waren, doch seine uneingeschränkte Treue galt den Rubras.
      „Wir haben Besuch, kleine Motte“, wisperte er.
      Der Torwächter, Kehled, richtete sich auf und drehte sich vollständig in Richtung des Waldrandes um. Kurz hob er den Stab an und tippte kräftig damit auf den Boden der Lichtung. Mit konzentrierter Miene reckte der Mann das Kinn ein Stückchen in die Höhe. Er neigte den Kopf ein wenig zu Seite und wiederholte die aufschlagende Geste mit dem Stab und sein Haupt zuckte in die Richtung, in der sich zwei Körper im Unterholz versteckten. Die seichte Vibration im Boden traf auf ein Hindernis hinter der Böschung, die durch den kaum merklichen Luftzug leise raschelte und dann von zwei Fremdkörpern gebremst wurde. Ein goldschimmernder Nebel löste sich aus seinen Augenwinkeln, als er die Ohren spitzte und in der Distanz zwei Herzschläge ausmachte. Eines, das aufgeregt flatterte wie ein kleine Singvogel, das andere kräftig und eindeutig unter Stress und eine der beiden Aurasignaturen war ihm, wie erwartet, vertraut.
      „Die verlorene Tochter kehrt in den Schoß der Familie zurück. Es besteht kein Grund sich zu verstecken. Außerdem wartet hier noch jemand auf euch, nicht wahr?“, verkündete Kehled mit rauchiger Stimme, die wohl nur wenig Verwendung fand, und legte eine blasse Hand auf Maireads Schulter.
      Er lauschte dem Knacken und Rascheln im Unterholz, als sich zwei Gestalten aus der Böschung schälten. Dieses Mal hob der den Stab nur minimal vom Boden und ließ ihn erneut auftippen. Partikel seiner Auren begleitete die kaum merklichen Schwingungen, die schon bald auf eine ihm sehr ähnliche Aura und der vertrauten Signatur der jungen Rubra trafen. Sie standen nah beieinander, nicht gewillt sich zu weit voneinander zu entfernen.
      Zwei Herzen. Zwei Körper. Drei Auren.
      Er runzelte die Stirn. Moment. Drei Auren?
      Kehled wiederholte die Prozedur und kam zu demselben Ergebnis.
      Als die Schritte wenige Meter entfernt stoppten, ging der Torwächter soweit, sich in scheinbarer Ehrfurcht zu verneigen.
      Dabei platzierte er sich ein kleines Stückchen mehr vor Mairead.
      „Du wirst dich nicht an mich erinnern, aber ich erinnere mich an dich“, begrüßte er die Neuankömmlinge. Seine Augen verloren sich in der Ferne, als seine Mundwinkel plötzlich vergnügt nach oben zuckten. Der Morgen versprach doch sehr unterhaltsam zu werden.
      „Willkommen Zuhause, Sylea Rubra.“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • „Und dann haben sie einfach gesagt, dass sie heute gehen wollen! Also echt, ich versteh die nicht. Sind wochenlang bei uns dann gehen sie von heute auf morgen? Find ich nicht toll…“, beschwerte sich Mairead lauthals und stemmte die Fäuste in die Hüfte.
      Sie trat mit ihrem Schuh gegen einen Stein und versuchte sich so, Luft zu machen. Der Torwächter war für das junge Mädchen schon immer der einzige Freund gewesen, den sie neben Ennis hier im Wald gehabt hatte. Sie war ihm eines Tages beim Erkunden durch Zufall in die Arme gelaufen und war sofort von seinen Augen fasziniert gewesen. Sie hatte ihn gefragt, was er hier mache und auf seine Antwort hin, dass er das Tor bewache, hatte Mairead geschmollt und gemeint, dass das ganz schön einsam sei. Seitdem war sie immer wieder ohne das Wissen ihres Opas zu Khaled gegangen, um ihn zu besuchen.
      „Keine Ahnung, vielleicht wollten die ja Zeit für sich und nicht mehr von mir – „ Mairead brach ab, als Kehled einen Finger an seine Lippen legte und sie ihn mit gerunzelter Stirn ansah. Jedes Mal, wenn er ihr so nah kam und sie in diese fremdartigen Augen blickte, glaubte sie, darin eine andere Dimension sehen zu können. Sie wusste, dass er blind war, aber wunderschön fand sie diese Augen dennoch. Sie waren heller als das Bernstein von Cain, aber vergleichbar. Vielleicht mochte sie die Augen des Seekers auch deswegen so gern, weil sie ihn an Kehleds erinnerten. „Besuch?“
      Mairead tanzte fast um den Torwächter herum, als dieser sich umwandte und scheinbar gezielt etwas im Wald ausfindig machte. Dass er dabei seinen Stock benutzte und die Schallwellen las, wusste sie natürlich nicht. Als Kehled ein weiteres Mal sprach und Mairead seine Hand auf die Schulter legte, gaffte die erst den Wächter an und dann den Waldrand, als sich dort Sylea und Cain zeigten.

      Sylea hatte Cain bedeutet, dass sie sich nicht mehr anpirschen brauchten. Der Wächter hatte sie unlängst geortet, also konnten sie ihr Versteckspiel gleich sein lassen. Dass der Mann seine Hand wie selbstverständlich auf Maireads Schulter legte und sie das nicht einmal als fragwürdig zu behandeln schien, irritierte Sylea. Aber wie abgemacht ließ sie Cain den Vortritt und hielt sich dicht hinter ihm, als sie den Wald hinter sich ließen und auf die Lichtung traten.
      Sylea stutzte, als sie eine kaum merkliche Welle traf und es kurzzeitig für sie aussah, als würde Sternenstaub über sie hinweg wehen. Sie blinzelte mehrfach und dann spürte sie plötzlich, wie eine regelrechte Begeisterung in ihr aufbrandete. Sie war so stark, dass sie sie zunächst nicht als jene von Ascan ausmachen konnte, denn Ascan blieb wortlos in ihrem Kopf zurück. Verwirrt schüttelte Sylea den Kopf, als sie sich mit Cain weiter näherte und Mairead mit einem vielsagenden Blick bedachte.
      „Boah Kehled, geh mir aus dem Weg“, fauchte Mairead genervt, als sich der Mann ein wenig vor sie setzte und sie ihn unwirsch wegschob. Mit anklagenden Fingern zeigte sie auf Cain und Sylea. „Hey! Ihr habt gesagt, ihr wollt weggehen und nicht hierher! Das hättet ihr sagen können, ich hätte euch auch herbringen können. Obwohl… Nee, Ennis reißt mir den Kopf ab, wenn der das erfährt…“ Sie schien in ihren eigenen Gedanken verloren zu sein, was Sylea gerade recht kam.
      „Du warst damals auch schon hier?“, fragte Sylea skeptisch und versuchte in den Untiefen alter Erinnerungen Fetzen von dieser Kutte ausfindig machen zu können. Sie blieb erfolglos. „Zuhause würde ich das nicht nennen. Da war die Kathedrale ja längste Zeit meines Lebens mein Zuhause.“
      Der Wächter hatte sie vor ihnen verneigt… War das alles nur ein Spiel? Oder konnten sie das nutzen, damit er sie einfach so in die Hallen ließ? Konnte sie einfach die Rubra-Karte spielen und das war es dann?....
      „Haaaaaalloooooo!!!!“ Mairead brüllte dazwischen, weil sie sich übergangen fühlte. „Warte mal, Kehled, ihr wart verabredet? Oh, warum habt ihr alle Geheimnisse vor mir!? Das ist soooo unfaaaaaair!!!“ Sie stampfte mit den Füßen auf dem Boden auf, um ihrem Frust Luft zu machen.
    • Dunkelheit erfüllte Kehleds ganze Welt. Zum Glück hatte ihn das Schicksal mit einer besonderen Gabe gesegnet, die es ihm erlaubte hin und wieder ein wenig Licht ins Dunkle bringen. Wann immer die verstreuten Partikel seiner Aura auf ein Lebewesen trafen, erleuchteten kurzzeitig flackernde Silhouetten in der allgegenwärtigen Schwärze. Kehled sah wie die Auren der jungen Rubra und ihres Leibwächters auf die Schwingungen reagierten. Sie zuckten und flackerten unter den unter den unzähligen winzigen Einschlägen seiner Aurenpartikel. Ein Lichtspiel aus schimmernden Silber und glühendem Gold erhellte seine Welt für einen Augenblick, dann kehrte die Finsternis zurück.
      Das unhöfliche Fauchen verzieh er Mairead auf der Stelle und ein nachsichtiger Ausdruck schlich über seine Gesichtszüge. Einsamkeit verband das Kind und den Torwächter, von deren Existenz niemand wusste oder gar Notiz nahm. Wie Mairead würde er diese tiefen, düsteren Wälder nie verlassen solange er lebte. Kehled hatte seinen Frieden damit gemacht und fand Erfüllung in der Loyalität zum Rubra-Clan. Und das Mädchen...sie konnte nicht vermissen, was sie nicht kannte. Vielleicht war es weniger grausam, ihr die Welt außerhalb der Wälder vorzuenthalten, als sie ihr letztendlich wieder zu entreißen. Bestätigung fand Kehled in dem Unmut von Mairead über den Verlust ihrer neuen Freunde.
      Der blinde Torwächter richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf und öffnete den Mund als Mairead ihrer Unzufriedenheit reichlich Luft machte. Ah, natürlich, sie mochte es nicht, wenn Erwachsene über ihren Kopf hinweg plauderten.
      "Nicht ganz, kleine Motte", raunte Kehled und unterdrückte ein amüsiertes Schmunzeln. Es rumpelte leise in seiner Kehle. "Eine Verabredung hätte vorausgesetzt, dass es einen festen Tag und eine bestimmte Uhrzeit gibt."
      Die milchigen Augen zeigten keinerlei Gefühlregung, doch der Zug um seiner Mundwinkel verhärtete sich, als Mairead ein zweites Mal dazwischen ging und mit dem Fuß auf dem Boden aufstampfte. Er fühlte eine sanfte Vibration im Boden und die Bewegung unmittelbar neben sich.
      "Mairead? Was haben wir zum Thema Manieren besprochen?", sprach er mit mildem Tadel. "Hat dich ein Wutausbruch bei mir jemals weitergebracht? Ich bin dein Freund, kleine Motte, und ich habe dir versprochen dich nicht zu belügen. Und versprochen ist versprochen, nicht wahr?"
      Langsam richtete sich Kehled wieder zu seiner vollen Größe auf und nach einem erneuten Schlag mit dem Stab auf den Boden, löste sich dieses Mal eine stärkere Welle, unter der sich das hochgewachsene Gras bog. Er sah wie die glühende Aura des Seekers, die seiner so ähnlich war, stoppte. Cain Desraeli, ehemaliger Spitzenklasse-Seeker und zuverlässigster Spürhund für die Suche nach gefährlichen Seelen, hatte die Warnung offensichtlich verstanden. Kehleds Meister hatten ihn sorgfältig darüber instruiert, wer mit der verlorenen Tochter reiste. Sylea haftete eine zweite Aura ein, die subtil im Hintergrund glühte und von dem silbernen Schleier unterdrückt wurde. Es war unmöglich, dass er eine dritte Person übersehen hatte. Also stimmte es, dass sie ein anderes Bewusstsein in sich trug. Die Informationen über ihren Aufenthalt in der besagten Kathedrale, in die Kehled nie einen Fuß gesetzt hatte, waren äußerst vertraulich. Er wusste nur, dass das Mädchen schon lange nicht mehr unter der Lebenden weilen sollte und das diese Tatsache den Rubra-Clan in eine gehörige Unruhe versetzte hatte. Vor allem ihre Flucht hatte große Wellen geschlagen, aber wie prophezeit, kehrte das Mädchen zurück. Für den Moment behielt er sein Wissen für sich, andernfalls würde er seine Fähigkeiten fahrlässig preisgeben.
      "Ich war schon immer hier, Sylea, und du bist immer noch eine Tochter des Rubra-Clans. Damit ist es dein Zuhause...", widersprach Kehled ungerührt.
      "Sicher...", grollte der Seeker etwas links von ihm, der ungesehen von dem Torwächter nach Syleas Arm gegriffen hatte, damit sie keinen weiteren Schritt auf den merkwürdigen Fremden zu gehen konnte. Cain war in höchster Alarmbereitschaft und die kleine Mairead hatte er in dieses Szenario nicht einkalkuliert. Den Grimm in ihrer Nähe als Notfallplan zu entfesseln, kam überhaupt nicht in Frage.
      "...aber wo bleiben nur meine Manieren? Dem Protokoll muss Genüge getan werden."
      In einer ausladenden Geste breitete der Mann seine Arme aus und ließ den Stab erneut auf den Boden aufschlagen. Der Boden zu ihren Füßen begann nun leicht zu vibrieren. Der Trick würde Mairead keine Angst einjagen, sie kannte diese kleinen Spielereien. Kehled hatte zu ihrem kindlichen Vergnügen die Kieselsteine des Pfades zum Eingangstor des Öfteren zu ihren Lieblingsmelodien hüpfen lassen.
      "Mein Name ist Kehled und ich bin der Torwächter, der Hüter der Rubra-Hallen. Und als Torwächter verlange ich zu wissen, warum du Zutritt in die ehrwürdigen Hallen verlangt. Dein Name allein genügt mir nicht, Sylea Rubra. Er ist keine Eintrittskarte ohne Verfallsdatum. Wenn deine Absichten den Clan gefährden, kann ich dich nicht passieren lassen."
      "Sie wird nicht allein gehen", knurrte Cain.
      "Falls sie geht. Oh, und sie wird allein gehen, weil Außenstehenden der Zutritt untersagt ist."
      Kehled nahm eine subtile Verschiebung der Luftströme war und lauschte dem kaum hörbaren Rascheln von Stoff auf Stoff.
      "Willst du das wirklich vor Mairead tun?"
      Cain erstarrte mitten in der Bewegung, denn er hatte die freie Hand in seinen Rücken geschoben. Mit knirschenden Zähnen nahm er die Fingerspitzen wieder fort von der Pistole.
      "Nun, Sylea. Du schuldest mir, dem Torwächter, eine Antwort."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „‘Tschuldigung…“, nuschelte Mairead kleinlaut und zupfte sich dabei am Ohrläppchen. Dass da offensichtlich irgendwelche Abmachungen getroffen worden waren, stimmte Sylea nicht wirklich entspannter. Was hatte der Wächter dem Mädchen wohl noch alles abgenommen, außer Versprechen?
      Abermals klopfte der Wächter mit seinem Stab auf den Boden und sofort erschauderte Sylea wieder. Das war es. Er schickte mit seinem Stab seine Aura auf Reisen. Das war seine Kontrolle über seine eigene Aura oder war es noch mehr? Was für Fähigkeiten hatte der Kerl…
      Kein Kerl, Liebes. Seele.
      Ascans Stimme war leise, aber frohlockte. Er amüsierte sich, sehr zu Syleas Missfallen, aber sie hatte keine Zeit, um auf ihn einzugehen. Erst von so Nahem fiel Sylea auf, dass der Wächter blind sein musste. Seine Augen waren gülden, aber besaßen nicht einmal Pupillen. Eigentlich wirkte es nicht einmal mehr menschlich, was zu der komplett zusammengeschusterten Aura passen mochte.
      „Ein Zuhause sollte etwas sein, zu dem man gern und freiwillig einkehrt und nicht, weil man es muss“, war ihre Gegenantwort und damit auch unumstößlich.
      Cains Griff an ihrem Arm hätte es gar nicht bedurft. Sie würde sich diesem Mann nicht weiter nähern, aber ihre Aura schien das nicht ebenso zu interessieren. Das Silber ging seine eigenen Wege und schloss zu dem marmorierten Gold des Wächters auf. Ein weiterer Schauer durchlief das Vessel, als sie auf die fremde Aura traf, die sich erschreckend warm und bekannt anfühlte. Sylea fühlte sich gleichzeitig angezogen und angewidert.
      Da breitete der Wächter seine Arme aus und stellte sich vor. Mairead neben ihm trügte kein Wässerchen und beobachtete ihren Freund mit großen, glitzernden Augen, als der Boden zu vibrieren begann. Instinktiv krallte sich Sylea an Cain fest und verteufelte den Fakt, dass sie so nah an den Wächter und Mairead hingegangen waren.
      „Ich geh nicht ohne ihn!“, rief sie synchron mit Cains Einwurf aus und spürte, wie er sich unter ihrem Griff bewegte. Gerade noch sah sie, wie er erneut hinter seinen Rücken greifen wollte und zog ihn beherzt am Ärmel. Ihr Blick war mahnend noch bevor Kehled ihn auf die gleiche Art und Weise auf die Waffe ansprach, die der Seeker versteckt hielt.
      Nicht vor Mairead. Da waren sie sich einig. Hoffentlich nur dabei. Schon wieder schauderte Sylea.
      „Was zur Hölle…“, murmelte sie leise und schüttelte den Kopf, um sich wieder bei der Sache zu halten.
      „Was will er machen, Leddie?“, fragte Mairead den Wächter völlig naiv. Dass Cain eine Waffe hatte, wusste sie nicht und auch nicht, dass er gewillt war, sie einzusetzen. Dass der Ausgang dabei völlig offen war, schien ihn nicht zu stören.
      „Leddie?“ Sylea kam nicht drum herum diesen abstrusen Spitznamen zu hinterfragen.
      „Ja? Du hast einen Spitznamen für mich, ich einen für ihn! Macht man doch so bei Freunden oder nicht?“
      Ja… Freunde…. Natürlich. Für Mairead war irgendwie alles ein Freund, sofern er nicht schnell genug weglief oder ihr nicht wehtat… Ihr nicht wehtat… Kehled hatte ihr nichts angetan, obwohl sie direkt vor den Hallen waren. Sylea gaffte den Mann an. Kam’s jetzt noch soweit und er hatte Mairead sogar davor bewahrt, verfrüht in die Untiefen der Hallen gezogen zu werden?
      „Äh, Antwort. Ja“, kam sie wieder auf das eigentliche Thema zurück. „Ich geh nur mit Cain da rein, das ist klar. Aber ich muss zurück, weil… mh…“ Sie machte eine Pause, atmete durch und legte sich die freie Hand auf die Brust, selbst wenn er es nicht sah. „Die andere Seele in mir bald mein Bewusstsein absorbieren wird und ich nicht will, dass er frei auf der Erde wandelt. Das Hellgate konnte ihn nicht halten, Hollow Point auch nicht. Also bleibt mir nur das hier.“
      Es war so nah an der Wahrheit, dass Kehled, selbst wenn er Lügen spüren können sollte, niemals dahinter kam. Sie wusste nicht, welche Fähigkeiten besaß, also musste sie mit allem spielen, was ihr dazu einfiel.
    • Neben ihm erschauderte Sylea ohne ersichtlichen Grund. Cain wagte für einen flüchtigen Augenblick die Aufmerksamkeit von dem seltsamen Torwächter zu nehmen und musterte Sylea mit einem fragenden Seitenblick. Behutsam streckte er seine Fühler über das Band der Aurenverschmelzung aus, ganz vorsichtig, denn die Anspannung war für ihn auch ohne seine gesteigerte Wahrnehmung deutlich spürbar. Erst nachdenklich und schließlich missmutig zog er die Augenbrauen zusammen. Was er erfühlte, gefiel ihm ganz und gar nicht. Die widersprüchliche Anziehung, die die Aura des Torwächters auf Sylea ausübte, erzeugte eine frostige Kälte in seinen Adern. Kannte sie ihn etwa doch und sie verheimlichte ihm erneut wichtige Informationen? Und wenn das der Fall war, was verband Sylea und den Torwächter? Beinahe begrabenes und unerwünschtes Misstrauen brodelte unter der Oberfläche seiner Aura. Sofort schnappte sein Blick zurück zu Kehled.
      Die Vertrautheit zu Mairead behagte ihm ebenso wenig. Allein die Tatsache, dass das Mädchen hier war, erschwerte die Situation. Obwohl er keinerlei Spuren von bösen Absichten spürte, wurde er den Gedanken nicht los, dass Kehled das Mädchen als Schutzschild benutzte. Ihnen waren die Hände gebunden solange sich Mairead in der Schusslinie befand.
      Der Torwächter schmunzelte über den Spitznamen, den sich nur ein kindlicher Geist ausdenken konnte aber nachdem Sylea ihre Antwort gegeben hatte, verschwand der erheiterte Ausdruck von seinem Gesicht.
      "Nun, dann hättest du die Kathedrale nicht verlassen dürfen", antwortete Kehled trocken. "Wenn diese Seele tatsächlich eine solch große Bedrohung darstellt, wäre es fahrlässig dich ins Herz des Clans zu lassen."
      Das Wissen in den Hallen der Rubras war zu kostbar um in falsche Hände zu geraten und Kehled besaß keinerlei Kenntnis über das scheinbar bedrohliche Wesen, dass sich einen Körper mit Sylea teilte. Die Hand des Wächters zuckte um den Stab, als das Silber nicht davon ablassen konnte seine Aura zu erfühlen. Es war kein forsches Eindringen durch seine Schilde sondern ein beinahe sanftes und neugieriges Herantasten.
      "Ah..." murmelte Kehled und welcher Gedanke ihm auch durch den Kopf schoss, blieb verborgen. Stattdessen fuhr er fort. "Wenn es dir wirklich darum geht, die Gefahr zu bannen, dann ist der Weg zur Kathedrale frei für dich, Sylea. Du kannst deinen Platz im Bannkreis wieder einnehmen und dir von deiner Familie helfen lassen. Mit deiner Mithilfe ist es sicherlich möglich die Runen zu erneuern und eine...passendere Verwahrung zu finden."
      "Du schlägst vor, sie wieder an diesem Ort einzusperren?", fuhr Cain dazwischen. "Weißt du, was sie dort durchleben musste? Wie sie gelitten hat?"
      "Hmhm..." Kehled tippte sich nachdenklich an sein Kinn. "Nein, aber die Rubras haben in den vergangenen Jahrhunderte große Opfer für die Sicherheit der Menschheit gebracht."
      Da war kein Funken von Mitleid in seiner Stimme.
      "Nur über meine Leiche...", zischte Cain.
      Kehled wies blind auf Mairead und schnalzte tadelnd mit der Zunge.
      "Hatten wir uns nicht gerade geeinigt, vernünftig zu bleiben, Cain Desraeli?"
      Die Aura des Seekers wallte ungehalten und gleichzeitig besorgt auf. Der Kerl wusste, wer er war. Natürlich.
      "Oder möchtest du einen weiteren Namen deiner Liste von Menschen hinzufügen, die durch deine Ambitionen in Kreuzfeuer geraten sind?"
      Die goldene Aura von Cain explodierte schlagartig, als der Mann einen Schritt nach vorn machte. Dann noch einen, bis er den Zug von Syleas eisernem Griff fühlte. Der Halt allein hätte ihn nicht gebremst, wäre da nicht die plötzliche Druckwelle gewesen, die ihn zurück zwang. Der Torwächter hatte den Stab so fest in den Boden geschlagen, das er ein paar Zentimeter darin versank. Die Bäume hinter ihnen am Waldrand schienen zu vibrieren und Äste knackten in den Baumkronen. Spuren der fremden Aura, die seiner so ähnlich war, prasselten wie tausende Nadelstiche auf ihn ein. Cain unterdrückte ein Ächzen.
      Kehleds Dunkelheit wurde durch ein Blitzlichtgewitter aus goldenen Funken erhellt.
      "Mairead...", sagte Kehled an das Mädchen gewandt, die wie er selbst von der Druckwelle unberührt blieb. "Ich möchte, dass du zurück nach Hause gehst, ist Ordnung? Dein Großvater macht sich bestimmt schon Sorgen. Ich muss etwas mit deinen Freunden besprechen."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Das Siegel um die Kathedrale wurde schwächer und ist gebrochen. Wir wären so oder so nicht länger dort festgehalten worden“, widersprach Sylea und erntete Zustimmung von Ascan.
      Spätestens, wenn sie dauerhaft die Kontrolle über ihn verloren hätte, wäre ein Monstrum auf die Welt losgelassen worden. Vielleicht sogar, ohne dass sie es wusste.
      „Der Clan ist der Einzige, der es überhaupt geschafft hat, diese Seele zu binden.“ Korrektur, es lag zum großen Teil auch daran, dass sie über eine Silberaura verfügte. „Ich will nicht, dass dieses… Ding auf die Welt losgelassen wird. Verstehst du das nicht?“
      Mairead sah abwechselnd zu Kehled und Sylea. Es war das erste Mal, dass Sylea offen darüber sprach, dass in ihr noch eine weitere Seele hauste. Das Mädchen verstand den Kontext nicht, sie verstand ja noch nicht einmal ihre eigene Rolle in dieser Welt. „Worüber redet ihr da? Man kann die Seele nicht anfassen, die ist tief in uns drin und unsterblich! Hat jedenfalls Ennis so gesagt…“
      Sylea presste die Lippen aufeinander. Das wurde immer schlimmer mit dem unwissenden Mädchen in direkter Umgebung. Merkte das der Torwächter nicht auch? „Ich kann die Rune nicht erneuern, weil –„
      „Du schlägst vor, sie wieder an diesem Ort einzusperren? Weißt du, was sie dort durchleben musste? Wie sie gelitten hat?“
      Mairead wich bei Cains Tonfall einen Schritt nach hinten und starrte den Seeker mit großen Augen an. So hatte sie den jungen Mann noch nicht erlebt und das machte ihr selbstverständlich Angst. So viel, dass sie sich hinter dem Torwächter in Sicherheit begab. Ihre Hand hielt sich an der schwarzen Kutte fest, sodass Sylea den Eindruck bekam, dass sie hier die Bösen waren.
      „Hatten wir uns nicht gerade geeinigt, vernünftig zu bleiben, Cain Desraeli?“
      Der Silberstreif erzitterte. Natürlich wussten selbst die Rubras, dass Sylea mit dem Seeker unterwegs war, der sie eigentlich nur hatte stellen sollen. Ihre Reise, oder eher Flucht, war nicht unbemerkt von statten gegangen. Die Frage war nur, wieviel sie alle noch so Bescheid wussten. Wie viele Informationen hatten sie zu Ascan, wussten sie vom Grimm? Wussten sie von der Verbindung zu Jace oder gar, dass sie Mortimer aus den Archiven bugsiert hatten?
      Dann führte Kehled seine Ausführung fort und mehrere Dinge passierten gleichzeitig. Mairead stellte die Frage nach dem Kreuzfeuer, wohingegen Cain seine Aura nicht mehr zügelte und Schritte nach vorn machte, bis Syleas Griff ihn zurückzog. Mairead erschauderte urplötzlich, als Cains Aura das schutzlose Mädchen traf, Ascan lachte und eine Druckwelle erfasste das Pärchen. Es verschlug Sylea den Atem, Cain wurde zurückgedrängt, aber Mairead reagierte darauf gar nicht. Es war gezielt in ihre Richtung gewirkt und ihr Blick richtete sich auf Cains Rücken, der unter dem Prasselsturm der fremden Aura fast geächzt hätte. Wie von selbst schlug sich der Silberstreif schützend vor ihn und fing einen beträchtlichen Teil der Aura ab. Ein warmer Schauer lief ihr den Rücken hinab, gefolgt von einem Gefühl der Übelkeit. Was war das nur? Es konnte doch nicht nur daran liegen, dass sie ihn als Kind schon einmal getroffen hatte.
      Der Torwächter sprach das Mädchen hinter ihm an mit einer Sanftmut, die Sylea fast zum Schreien gebracht hätte. Das Mädchen sah Kehled an, dann Cain und schließlich Sylea. Die Aufgebrachtheit war völlig von ihrem Gesicht verschwunden und hatte die Farbe gleich mitgenommen.
      „Leddie, über was redet ihr da? Wieso soll Sylea eine Gefahr sein, sie ist doch gar nicht so viel älter als ich. Ich weiß, dass du mich wegschicken willst, weil gleich schlimme Dinge passieren. Man schickt die Kinder immer auf ihr Zimmer, wenn schlimme Dinge passieren…“ Sie nestelte an dem Stoff der Kutte herum. „Warum mag Cain dich nicht? Er kennt dich doch gar nicht. Cain“, sagte sie zu dem Seeker, das leichte Zittern in ihrer Stimme verriet ihre Sorge, „Leddie ist lieb. Er macht gar nichts, er spricht nur komisch, okay? Könnt ihr nicht auch einfach… Freunde sein?“
    • Der Torwächter drängte Cain, der lediglich dank des beherzten Eingreifens des Rubra-Mädchens überhaupt noch auf den Füßen stand, zurück. Die Druckwelle traf auf einen unerwarteten Widerstand aus gleißend, hellem Silber. Kehled blinzelte, als hätte ihn das Aufblitzen der silbrigen Aura tatsächlich geblendet. Mit dem Abklingen des Angriffs, den Kehled als Warnung verstand, wurde auch seine Welt wieder Schwarz. Mit gespitzten Ohren lauschte der Wächter der Rubras in die Dunkelheit.
      Die Atmung des Seekers klang mühselig und zu angeschlagen für eine von Kehleds Druckwellen, die nicht darauf ausgelegt gewesen war, ernsthaften Schaden anzurichten. Nach Allem, was ihm über den jungen Mann berichtet wurde, hatte er mehr von diesem erwartet. Stattdessen knickte Cain Desraeli beim ersten kräftigeren Lüftchen beinahe ein. Kehled war fast ein wenig enttäuscht von der Person, die offensichtlich die Eigenarten seiner goldenen Aura nicht richtig zu nutzen wusste.
      Hinter ihm schlug ein kleines Kinderherz furchtbar schnell und er fühlte die Hände, die sich an seine Kutte klammerten. Die Finger um den knorrigen Stab zuckten, doch der Torwächter rührte sich nicht. Stattdessen richtete sich seine Aufmerksamkeit auf Sylea. Etwas anderes brachte ihren Herzschlag aus dem Takt. Die Veränderung im Rhythmus war kaum spürbar und führ mit einem gewöhnlichen Hörsinn unmöglich zu identifizieren, aber Kehled registrierte es. Sylea war aufgebracht und...irritiert.
      Er lauschte, wie der Seeker scharf nach Luft schnappte.
      "Es ist seine Aura, Sylea...", hörte der Wächter seinen Gegenüber flüstern und beantwortete damit die unausgesprochene Frage. "Du empfindest auf diese Art, weil sie meiner zu ähnlich ist, und meine Schilde sind deswegen fast völlig nutzlos. Ich bin noch nie einer anderen Person mit einer Aura begegnet, die wie meine ist. Das gefällt mir nicht. Bleiben wir auf Abstand."
      Und solange Mairead sich in unmittelbarer Nähe zu dem Torwächter befand, waren ihnen die Hände gebunden. Der Grimm war keine Option, selbst für den Fall, dass Sylea ihn bändigen und lenken konnte. Cain wollte nicht zur Quelle von Mairead Albträumen werden, in denen sie von einer verzerrten Version seiner Selbst verfolgt wurde, von einem Schattenmonster mit goldenen Augen. All das ließ er Sylea über die Verbindung ihrer Seelen spüren. Er presste die Zähne zusammen, weil er Mairead nicht die Antwort geben konnte, die sich das Mädchen wünschte.
      Der Torwächter schien sich erst wieder zu regen, als die leise und verunsicherte Stimme von Mairead in seinem Rücken erklang. Ein widersprüchlicher Ausdruck, der ein wenig gequält wirkte, huschte für den Bruchteil einer Sekunde über sein Gesicht. Das Mädchen war zu jung und zu unschuldig um zu verstehen, welche Gefahr sich gerade direkt vor ihren Füßen aufbaute. Unbewusst hatte Kehled mehr mit Cain gemeinsam als er ahnte.
      Jetzt wandte sich Kehled doch langsam zu dem Mädchen um und ließ sich auf ein Knie herab.
      "Du hast Recht, kleine Motte. Deine Freundin ist nicht die Gefahr, aber sie trägt etwas bei sich, das nicht sehr nett ist, und ich kann sie nicht durch diese Tür lassen", sprach er und deutete beiläufig auf den imposanten Eingang der Hallen, die er als 'Tür' betitelte. Er richtete die leeren Augen auf Sylea und Cain. "Ich kann nicht, selbst wenn ich es wollte. Nur ein Mitglied des Clans kann mir befehlen die Tür zu öffnen."
      Er spürte wie der Herzschlag der Rubra stolperte.
      "Nein. Dein Blut mag das einer Rubra sein, aber du hast deiner Familie, deinem Clan, den Rücken zugekehrt und damit dein Recht verwirkt, mir Befehle zu erteilen. Ich kann es spüren. Vielleicht liegt es auch ein deinem...Mitreisenden."
      Mit einem Lächeln, dass seinen zeitlosen Gesichtszügen etwas unheimlich Menschliches verlieh, bedachte er Mairead. Er hatte ihre Aura nie sehen können, nicht wirklich, denn sie war nur ein schwaches Schimmern in der Dunkelheit. Rein und unschuldig.
      "Du musst mir vertrauen, kleine Motte. Hab ich dich jemals angelogen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea presste die Lippen aufeinander. Ihre Auren ähnelten sich einfach nur wegen des Goldtones, aber sie waren doch grundverschieden. Während sich Cains Aura anfühlte, als würde sie durch Honig streichen, war Kehleds Aura zerbrechlich. Wenn sie sie falsch berührte, splitterten Stücke von ihr ab und setzten sich wieder an anderer, neuer Stelle zusammen. Das war falsch. So falsch, dass diese Aura auf der Erde gar nicht existieren sollte. Über die Zeit hatte Sylea diverse Auren erfahren können, starke und schwache, erdrückende und befreiende. Aber diese hier war völlig anders.
      Über ihr Band verstand Sylea Cains Bedenken. Zu keinem Zeitpunkt war ihr auch nur die Idee gekommen, den Grimm einzusetzen. Das hier musste sich ohne das Monster regeln lassen, das hinter Gitterstäben und Netzen in Cain verschlossen war. Es reichte immerhin, ein Monster zu haben, das sich nicht recht bändigen ließ.
      Trotzdem hielt das Vessel die Luft an, als sich der Torwächter von ihnen abwandte und sich Mairead widmete. Er ließ sich auf ein Knie herab, langsam, und Syleas Griff an Cains Arm wurde kurz fester, bevor sie ihn losließ. Dass der Wächter Ascan so schnell in ihr detektiert hatte, wunderte sie nicht sonderlich. Aber es erneut zu hören, dass sie eine Gefahr umhertrug, schmeckte ihr nicht. Schließlich war sie nicht mehr nur das Gefäß – sie war die Gefahr selbst.
      „Quatsch, Sylea hat nichts gefährliches dabei“, widersprach Mairead, doch ihr üblicher Schneid war einer Unsicherheit gewichen. „Ich hab sie gesehen, da hatte sie nur ein Handtuch um. Da war gar nichts, Leddie.“
      Mittlerweile fühlten sich Syleas Lippen taub an, so sehr presste sie sie zusammen. Wie sollte Mairead auch je etwas verstehen, was sich unsichtbar für sie abspielte? Wenn sich Ascan ihr nicht direkt zeigte, würde sie es nie verstehen. Und was Kehled ihr bislang gezeigt hatte, waren wohl eher Tricks, die das Mädchen als Magie aufgefasst haben mochte.
      „Ich kann nicht, selbst wenn ich es wollte. Nur ein Mitglied des Clans kann mir befehlen die Tür zu öffnen.“
      Da hatte Sylea den Beweis. Sie war in der Kathedrale wirklich gestorben, sonst hätte der Torwächter auch auf sie reagieren müssen. Es musste so sein oder man hatte ihm eingetrichtert, einfach nicht auf sie zu hören. Sollten sie jetzt solange ausharren, bis sich jemand innen erbarmte und ihnen öffnete? War das so schlau? Dieses Szenario hatten sie nicht bedacht. Das alles teilte sie Cain über ihr Band mit, damit er wenigstens ein bisschen von dem verstand, was in ihrem Inneren vorging.
      Ungünstig. Wenn ihr hier wartet, dann gleicht es dem Warten eines Schweines vor der Schlachtbank. Sie können sich in aller Ruhe mit allem wappnen, was sie brauchen, um euer beide Herren zu werden. Tick, Tack, meine Liebe.
      Das wusste Sylea, machte die Lage aber nicht einfacher zu lösen.
      „Du musst mir vertrauen, kleine Motte. Hab ich dich jemals angelogen?“
      Mairead zog ein Gesicht und sah alles andere als glücklich aus. Sie kaute auf ihrer Lippe herum, beobachtete Kehleds Gesicht und sah dann an ihm vorbei zu Sylea. „… Na gut. Aber streitet euch nicht. Keiner mag Streit, klar?“
      Sie ließ den Wächter los und schlurfte an ihm vorbei in Richtung Sylea. Sie warf einen flüchtigen Blick nur zu Cain, den sie vorher immer so herzlich überfallen hatte, wenn sie ihn sah. Nach dieser kleinen Vorstellung jedoch schien sie nun nicht unbedingt Angst, aber Respekt vor dem Seeker zu haben.
      Sylea hingegen schaffte es endlich, ihre Lippen auseinander zu kriegen und nicht mehr ganz so angespannt auszusehen. Sie streckte eine Hand einladend nach Mairead aus. „Aber guck, dann kannst du dich ja doch noch von uns verabschieden. Das ist doch was Schönes, findest du nicht?“
      Maireads Mundwinkel zuckten, als sie ihre Hand ebenfalls ausstreckte und sie in Syleas‘ gleiten ließ.
      Auf Syleas Gesicht erschien ein fragender Ausdruck. Sie spürte, wie ein Teil ihrer silbrigen Aura über den Handkontakt zu Mairead überging. Ohne, dass sie es absichtlich so lenkte.
      Maireads Gesicht verlor jeden Ausdruck, als sie noch drei Schritte ging und dann plötzlich in die Knie ging. Ihre kleinen Hände schossen zu ihren Schläfen und hielten dort den Kopf, als hätte sie Schmerzen. Sie stöhnte, erst leise, dann immer lauter und Sylea wurde ganz anders zumute.
      Und dann sah sie, wie sich das Silber ihrer Aura an Mairead auflöste und einem widerlichen violetten Farbgemisch und einem Blassblau wich.
      „Nein!“, schrie Sylea panisch auf, als sie neben Mairead in die Knie ging, sich aber nicht traute, sie anzufassen. Das Stöhnen hatte sich in Quallaute gewandelt, während sich das Blassblau in jede Pore des Mädchens zu pressen schien und nach und nach ihren Körper in Beschlag nahm.
      WAS HAST DU GETAN?!
      Du hast Kehled selbst gehört. Er braucht ein Mitglied der Rubras, um das Tor zu öffnen, und wenn er dich nicht akzeptiert, brauchst du eben jemand anderen.
      Das war der Moment, wo sich Ascans Aura nicht mehr unter ihrem Silber versteckte, sondern sich zeigte. Sylea wusste nicht, wie sie Mairead helfen sollte oder was sie tun konnte. Alles, was in ihrer Macht stand, war zuzusehen, wie sich das Mädchen wand und Höllenqualen litt. Mairead ächzte, Mairead schrie, hielt sich den Kopf, als würde es ihr dadurch leichter fallen. „Es tut weh… Mach, dass es aufhört! ...“
      In ihrer Not drängte sie Ascan auf Antworten, setzte ihn unter Druck, bis er grinsend das Angebot annahm und sich Syleas Körper bemächtigte.
      „Ich würde ja beinahe meinen, das hier ist eine Win-Win-Situation für uns alle. Cain darf Erleben, wie es wohl mit seiner herzallerliebsten kleinen Schwester abgelaufen sein musste, als man ihr eine Seele eingesetzt hat. Ich bekomme eine Freundin zurück und das Mädchen muss die Hölle nicht mehr durchleben, welche die Zukunft für sie offenhält.“
      Ascan, nun in Kontrolle über Syleas Körper, die allerdings nur in den Hintergrund getreten war, damit er reden konnte, lächelte und richtete sich auf. Er drehte seinen Kopf nur halb zu Kehled, den er mit anderen Augen von oben bis unten musterte.
      „Hach, da werde ich ja direkt nostalgisch. Ich hätte nicht gedacht, dass du solange funktional bleibst. Immerhin warst du meine erste Kreation, die wirklich lebte. Ich musste damals nur ein paar Seelen etwas verändern, damit sie für diesen Körper passten, aber das war ein Kunstfehler. Mittlerweile bin ich deutlich besser geworden, ich hatte ja auch genug Zeit.“
      Mairead war still geworden. Ihr kleiner Körper war lang auf dem Boden ausgestreckt und regte sich nicht mehr.
      „Wobei es mir durchaus gelegen kommt, dass man mich in einen Körper mit Silberaura gesteckt hat. Also, mein Guter, wie ich sehe, hast du brav die Aufgabe weitergeführt, die ich dir einst gestellt habe. Brav hast du das Tor bewacht. Möchtest du dich denn auch den Worten deines Schöpfers und des Begründers des Clans widersetzen?“ Er trug ein Lächeln in seiner Stimme, wobei er nur Augen für Mairead hatte, die sich langsam wieder regte.
      Sie kam langsam auf alle Viere, hustete und atmete mehrmals tief durch, ehe sie sich auf ihren Hosenboden setzte. Sie fuhr sich durch das Gesicht und hielt sich dann die Hände vor. „Oh mein Gott, Ascan, ist das ein KIND?“
      Er lachte auf und reichte Mairead die Hand. Sie ergriff sie und Sylea erschauderte bei der Berührung mit der blassblauen Aura. Sie fühlte sich kalt, aber zeitgleich bekannt vor. Als wäre sie schon lange unerkannt mit ihnen gereist…
      „Tut mit leid, Rena, aber was Besseres konnte ich dir erst einmal nicht besorgen. Weißt du eigentlich, wie schwach deine Aura ist? Das Mädchen war der reinste Glücksgriff mit ihrer nicht vorhandenen Aura.“
      Maireads Blick hatte jegliche Kindlichkeit verloren. Er wirkte angesäuert über den Zustand, in dem sie sich befand und darüber hinaus noch wesentlich älter.
      Wer ist das?
      Rena. Eine Nachfahrin von Estryreh. Ich hab sie vor etlichen Jahrhunderten gefunden, als sie im Sterben lag und in die Memoiren gebunden. Was denkst du, warum ich die Memoiren haben wollte? Nostalgie? Schwachsinn. Estryreh war einmal.
      Sylea war sprachlos. Noch nie hatte sie gesehen, wie schnell eine Seele in jemanden eingesetzt worden war. Was jedoch noch schlimmer war, war der Punkt, dass Ascan nicht nur eine uralte Seele war, sondern… den Rubra-Clan gegründet hatte?
      „Gut, was soll ich sagen. Ich bin dir dankbar für die zweite Chance, Ascan. Aber jetzt? Was machen wir mit denen?“, fragte Rena und zeigte auf Cain und Kehled.
      „Jetzt? Jetzt wird uns mein erstes Projekt das Tor öffnen und wir betreten zusammen die Hallen. Es ist wie nach Hause kommen, findest du nicht?“, sagte er Rena, stolperte dann aber bei seinem nächsten Schritt, als sich Sylea die Kontrolle zurückholte.
      „Was ist mit Mairead?!“, fuhr sie Rena wutentbrannt an.
      Die zuckte nur mit den Schultern. „Die ist weg. Ist zersprungen, als ich mich eingenistet habe. Mein Gott, Mädchen, das war ein Kind. Wie soll sie –„
      „ICH WAR AUCH NUR EIN KIND!“, schrie Sylea und konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie die Fäuste ballte und der Schmerz in ihrer Hand einen süßen Kontrast zu dem in ihrem Herzen bildete.
      Rena hob abwehrend die Hände und trat ein paar Schritte zurück. „Whoa, hey, hey, komm wieder runter. Du beherbergst Ascan, du kannst mir nicht erzählen, dass du nicht weißt, wozu er fähig ist.“
      Das stimmte. Niemand wusste so gut wie sie, wozu Ascan imstande war. Das Ergebnis stand gerade vor ihr, das Abbild des süßen Mädchens aber mit Augen und einer Stimme, viel zu alt für das Gefäß, zu dem sie nun geworden war. Syleas Silberaura streckte sich nach ihr aus, berührte das blassblau und untersuchte es.
      Es stimmte.
      Mairead war fort.
    • Ein unbeschreibliches Grauen legte sich über die Lichtung, die das Eingangsportal säumte. Ein eisiger Schauer legte sich über Cain. So kalt, dass sich die feinen Härchen auf seinen Unterarmen aufstellten. Eine kaum greifbare Energie lud die Luft um sie herum auf, doch niemand schien zunächst davon Notiz zu nehmen.
      Alle Augen waren auf den schmalen Rücken des Mädchen gerichtet, das mit einem bühnenreifen Schmollmund den Rückzug antrat. Im Augenwinkel sah der Seeker wie der Wächter, Kehled, den Kopf ein kleines Bisschen zur Seite neigte während seine blinden Augen allein auf Mairead ruhten. Das kaum merkliche Lächeln um seine Mundwinkel und die dünnen Fältchen um seine Augen verliehen ihm auf eigenartige Weise das erste Mal etwas vollkommen Menschliches. Die winzigen Regungen spiegelten plötzlich eine Jugend wieder, die endlich zu dem beinahe zeitlosen Gesicht passten. Cain fühlte nichts als ehrliche, brüderliche Zuneigung, die allein Mairead zuteilwurde. Darunter verbarg sich ein Gefühl, dass der Seeker lange Jahre ein treuer Begleiter gewesen war: Die bedrückende Leere der Einsamkeit. Er wusste, wie es war, keinerlei Verbindung zu anderen Menschen zu besitzen.
      Das gequälte Stöhnen riss Cain aus seiner Beobachtung und ehe er sich versah, verließ Sylea mit einem panischen Ausdruck in den silberbraunen Augen seine Seite. Wie erstarrt konnte Cain lediglich zusehen, wie die Frau, die er liebte, verzweifelt neben dem gekrümmten, kleinen Körper in die Knie ging. Schmerz, der nicht sein eigener war, vibrierte durch seine Adern.
      Was dann geschah, katapultierte den Seeker zurück in die erdrückende Dunkelheit des Hellgate. Er spürte am ganzen Leib wie ihnen Mairead entglitt. Nicht ihre kaum vorhandene Aura, sondern ihr ganzes Wesen löste sich im endlosen Nichts auf. Es brodelte in Cain, dessen Aura begann, seichte Wellen zu schlagen. Mit jedem Wort, das Ascan durch den Mund seiner Liebsten äußerte, schlugen die Wellen höher und höher.
      "Dafür wirst du bezahlen, Ascan. Ich finde einen Weg und reiß' dich in Stücke", grollte er mit einer für Cain ungewöhnlich direkten Drohung. Mit der Kontrolle von Ascan über Sylea begann das Konstrukt um die schattenartige Bestie in seiner Brust zu bröckeln. Der Grimm knurrte in seinem tiefen Schlummer, gestört durch die Emotionen, die Cain langsam entglitten.
      Die Informationen, die Ascan dann offenherzig verkündete, steigerten das Grauen fast ins Unermessliche und Cain beschlich ein furchtbarer Gedanke. Und dann...
      „Die ist weg. Ist zersprungen, als ich mich eingenistet habe. Mein Gott, Mädchen, das war ein Kind. Wie soll sie –"
      Der Seelendieb und sein neues Anhängsel, Rena, wie sie anscheinend hieß, sprachen über die Auslöschung eines unschuldigen Kindes mit einer Gleichgültigkeit, als hätten sie lästiges Unkraut entfernt.
      „ICH WAR AUCH NUR EIN KIND!“, schrie Sylea
      Cain eilte auf Sylea zu, als ihr Silber die Dominanz über ihren Körper zurückeroberte, und schlang einen Arm fest um ihre Taille. Mit einem Ruck zog der Seeker sie von dieser Rena fort und senkte den Blick, da er den Anblick dieser fremden Augen in dem kleinen Gesicht nicht ertrug. Mairead war weg. Einfach weg.
      "Du hast das geplant...", murmelte er fassungslos in dem Wissen, das Ascan ihn sehr wohl hören konnte. "Deshalb hast du brav mitgespielt. Du wolltest das wir dich hier her bringen und über die verdammte Türschwelle tragen."
      "Nein."
      Es schrillte in seinen Ohren.
      Ein leises, pulsierendes Fiepen, das ihm bereits nach wenigen Sekunden dumpfe Kopfschmerzen bescherte. Nur, hörte es nicht auf. Der Ton schwoll an, immer höher, bis Cain unwillkürlich unter dem nun hohen Kreischen das Gesicht verzog. Es dauerte beinahe einen Augenblick zu lang, da fuhr sein Kopf zu dem Torwächter herum.


      Kehled verweilte stocksteif vor dem schweren Portal, dass er zu beschützen gelobt hatte, während ihm auf grausamste Weise der Boden unter den Füßen entrissen wurde. Für den Rest seines Lebens würde er diesen herzzerreißenden Hilferuf nicht vergessen und niemand wusste, wie lange seine Existenz bestehen blieb. Maireads letzte Worte sollten ihn bis in die Ewigkeit verfolgen.
      Seine kleine Motte...
      Mit ihren lebhaften und kindlichen Geschichten hatte sie die Dunkelheit seiner Welt mit langvergessenen Farben ein wenig bunter, ein wenig heller gemacht. Seit Mairead diesen Ort gefunden und ihn vom Fleck weg zu ihrem neuen Freund auserwählt hatte, träumte Kehled wieder. Vielleicht waren es auch Erinnerungen an die dunkelgrünen Baumwipfel im Sommer und den strahlend, blauen Himmel. Es waren Eindrücke aus einer Zeit, an die er sich nicht erinnerte, aber noch sein Augenlicht besessen hatte. Sie hatte ihm etwas unvorstellbar wertvolles geschenkt und nun war sie fort.
      Da war keine Wut, keine Trauer..
      Zurück blieb etwas, das für Kehled viel schlimmer und noch schwerer zu ertragen war: Leere.
      Er spürte einen unnachgiebigen Zug an dem goldschimmernden Flickenteppich seiner Aura. Die Prüfung mit dem Stab eröffnete ihm einen neuen Funkenregen aus blassem Blau und tiefdunklem Violett.
      "Meine erste Kreation, die wirklich lebte...mein erstes Projekt das Tor öffnen ...deines Schöpfers und des Begründers des Clans."
      Ascan...er hatte gehört, wie der Seeker diesen Namen benutz hatte, sprach die Wahrheit. Er spürte, wie allein diese augenscheinlich beiläufig Worte ihm Gehorsam abverlangen wollten. Eine starke Bindung wie diese hatte er nie zuvor gefühlt. Sie engte ihn ein, drang in durch die zersplitterte Beschaffenheit seiner Aura. Es kostete ihn unglaublich viel Kraft ein einziges, unbedeutendes Wort zu formen.
      "Nein."
      Kehled öffnete den Mund.
      Ein markerschütternder Schrei, der nichts Natürliches an sich hatte, löste sich aus seiner Kehle und entlud sich über die Lichtung. Er schlug einmal kräftig mit dem Stab auf den Boden und der Schrei verwandelte sich in ein hohes Kreischen. Seine Aura zersplitterte in abertausende von Fragmente, die sich gebündelt an den Ton hefteten, den seine Stimmbänder produzierten, und rissen diesen förmlich aus seiner Kehle hinaus. Von den Schallwellen des Stabes getragen, erreichte das Kreischen eine unerträglich hohe Frequenz. Alles um ihr herum erzitterte. Das Portal in seinen Angeln, der Kies auf dem Weg, die massiven Stämme der alten Eichen...Sämtliche Singvögel flüchtete aus ihren Baumkronen. Der Torwächter sah, wie der Seeker nach den Händen des Rubra-Mädchen griff und ihr diese auf die Ohren presste, bevor er dasselbe für sich tat.
      Kehled wusste, welchen Codenamen ihm der Rubra-Clan gegeben hatte: Banshee.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Sylea spürte zeitverzögert, wie sich ein kräftiger Arm um ihre Taille legte und sie weg von Rena zog, weg von der Hülle, die einmal Mairead gewesen war und nun jemand Fremdes beherbergte. Ascans wohliges Gefühl des Wiedersehens ließ ihr die Magensäure aufsteigen. Sie wollte das nicht fühlen. Sie wollte einfach nur den Schmerz und die Trauer fühlen über den Verlust des Mädchens. Ihre eigenen Gefühle und sonst keine.
      Dann stieg ein hoher Ton in ihren Ohren an. Und nicht nur ihren, wie Sylea bemerkte, sondern auch in allen anderen. Cain gab sie frei und stockte einen Augenblick, eher er seine Aufmerksamkeit auf den Wächter richtete. Rena hielt sie die Hände vor die Ohren und verzog das Gesicht. Auch in Syleas Ohren wurde es immer lauter, bis sich der violette Schein von Ascans Aura erhob und sich um ihren gemeinsamen Körper wandte, um den Ton von jetzt auf gleich einfach auszustellen.
      „Nein.“
      Der Übergang zwischen Sylea und Ascan war fließen. Es war, als flackerte jedes Bewusstsein in jeder Sekunde kurz auf und verschwand wieder, ein Tanz aus Silber und Violett begleitete diesen Zustand. Während Sylea immer noch die Tränen über das Gesicht liefen, hatte Ascan nur ein befriedigtes Lächeln für den Torwächter übrig. Fast schon anerkennend ließ er den Blick schweifen, als Kehled buchstäblich alles um sich herum in Schwingungen versetzte und damit auch Cain und Rena bezwang. Während sich ein Teil der violetten Aura löste, um Rena abzuschirmen, tat es das Silber mit Cain gleich. Die Hände, die Cain Sylea auf die Ohren gelegt hatte, senkten sich nur einen Augenblick später wieder.
      „Meine Güte, ich kann mich nicht daran erinnern, dich zu einem Schreihals degradiert zu haben“, tadelte Ascan den Wächter und steckte die Hände in die Taschen der Jeans. „Sehr wirkungsvoll gegen Andere, aber nicht gegen mich. Ich weiß, zwischen welchen Fragmenten ich graben muss, um unbetroffen zu bleiben.“
      Ascan setzte sich in Bewegung. Er schlenderte auf den Torwächter zu mit einer schier endlosen Gelassenheit, doch Syleas Anwesenheit ließen ihm noch immer die Tränen über die Wangen fließen. Ein besseres Bild für die beiden Seelen in einem Körper konnte es nicht geben. Um es nicht weiter zu strapazieren blieb Ascan ein gutes Stück vor Kehled stehen und verlor sein Lächeln. Die violette Aura schoss nach vorn, tauchte zwischen den Spalten der fragmentierten Aura hindurch und floss in die Lücken, die er eigens damals kreiert hatte. Sofort spürte er, welch Bedeutung das Mädchen für den Wächter gehabt hatte. In welch Monotonie er gelebt und dennoch seine Aufgabe jederzeit erfüllt hatte. Ascan separierte den Verlustschmerz von Kehleds restlichen Gefühlen, nährte sie und gab ihr Aufmerksamkeit, bis sich das Gefühl in der kleinen Kapsel, in der er es hielt, pulsierend gegen das Gefängnis wehrte. Wie die dünne Haut einer Seifenblase ließ Ascan das Gefängnis platzen und Kehled von dieser einen Emotion überrollen.
      „Also, mein geliebtes Erstlingswerk: Wärst du so gut und öffnest die Türen für mich? Ich weiß, dass ich sie nicht einmal anfassen kann“, flötete Ascan und deutete auf die schweren Tore, die den Eingang zu den Hallen markierten. „Du wirst nicht ohne Weiteres aus diesem Gefühl wieder herauskommen. Nicht ohne mich. Ich kenne jede der 11 Seelen, die ich für dich auseinandergerissen und neu gefügt habe. Ohne mich gäbe es dich so gar nicht, Kehled.“
    • Keheld ging in die Knie. Etwas bemächtigte sich seiner Aura, drang durch die unzähligen Lücken hindurch und hinterließ einen dumpfen Schmerz in seinem gesamten Körper. Der hochfrequente Ton erstickte in seiner Kehle. Der Torwächter ächzte unter dem Einfluss der fremden Aura, die auf keinerlei Widerstand traf. Beinahe so, als gehörte sich rechtmäßig dorthin zwischen die zersplitterten Einzelteile seiner Seele. Mühselig stützte sich Kehled auf seinem Stab ab, der ihm einen letzten Halt bot. Er wollte sich wehren und den Eindringling abschütteln, aber er hatte innerhalb von Sekunden die vollständige Kontrolle über seinen Körper verloren. Niemand, wirklich niemand, hielt dieser Attacke länger als ein paar Minuten stand bis die Trommelfelle rissen und das Opfer durch Schmerz und Schock orientierungslos zurückblieb.
      "Wer zum Teufel bist du?", ächzte er.
      Der Torwächter krümmte sich, als eine plötzliche Welle des Schmerzes über ihn hinwegrollte. Sie ebbte nicht ab, sondern schaukelte sich unaufhörlich empor. Das Leid des Verlusts erreichte völlig neue Höhen bis es seine Gedankenwelt beinahe zerriss. Er sah Mairead nicht in seinen Erinnerungen, aber hörte sie. Kehled lauschte dem Klang eines lachenden Mädchens, dass vertrauensvollen nach seinen hageren Fingern griff und ihm durch Kinderaugen die Welt erklärte. An Selbstbewusstsein hatte es Mairead nicht gemangelt und keinen Augenblick lang hatte sie den Fremden gefürchtet, der eine ganze Weile lang versucht hatte, das Kind von sich zu stoßen. Vergeblich.
      Eine Familie hatte er nie besessen. Zumindest reichte seine Erinnerungen nicht weit genug, aber so musste es sich anfühlen. Kehleds Gefühl waren von ganz und gar unschuldiger Natur, während Mairead einen Platz in seinem Herzen gefunden hatte. Sie war kleine Schwester, Adoptivtochter und Freundin gewesen. Aus den trüben, goldenen Augen flossen keine Tränen. Er hatte vieles aus seinem früheren Leben vergessen, vielleicht sogar, wie man weinte.
      Die Dunkelheit weitete sich aus und tauchte nicht länger nur seine Welt in Schwärze, sondern verschluckte auch den Rest seines Denkens. Danach blieb nur noch Leere zurück und Kehled umklammerte den Stab so fest, bis die Knöchel seiner Finger weiß unter der Haut hervorschimmerten. Trauer, Schmerz und Leere...
      „Du wirst nicht ohne Weiteres aus diesem Gefühl wieder herauskommen. Nicht ohne mich. Ich kenne jede der 11 Seelen, die ich für dich auseinandergerissen und neu gefügt habe. Ohne mich gäbe es dich so gar nicht, Kehled.“
      Kehled warf den Kopf zurück und nahm am Rande seines Bewusstseins wahr, wie Cain einen scharfen Atemzug tat. Die Kapuze rutschte ihm vom Kopf und rabenschwarze Strähnen fielen über seine Schultern nach vorn. Was sagte dieser Fremde, Ascan, da?
      "Was redest du da? Ich...ich...", begann Kehled ehe der Satz in einem Stöhnen endete.
      Der Stab fiel ihm aus dem Händen und rollte über den Kiesweg.
      Nun war es Kehled, der sich gequält an den Kopf fasste und damit eine verzerrte Spiegelung der armen Mairead abgab. Er konnte sich dem Klang ihres verzweifelten Hilferufes nicht entziehen, der in Dauerschleife in seinen Ohren klingelte. In einem grausamen Kreislauf zerfiel seine Aura, splitterten und rieselten die Goldpartikel herab, um mit Gewalt wieder zusammengefügt zu werden. Dieser Ascan erlaubte ihm nicht, dem Kreis zu entkommen. Sei es durch das Zerbrechen seines Verstandes oder durch den dürftigen Schutz einer wenig intakten Aura.
      Es wurde immer schwerer sich gegen den Zug und die Qual zu wehren. Und die Erkenntnis, die durch den Schmerz sickerte. Ascan behauptete ihn zusammengeflickt zu haben, wie Dr. Frankenstein sein berühmtes Monster. Ein monströses, unnatürlich Wesen, das aus reinem Wissendurst auf Erden wandelte.
      Ein Monster, wider der Natur.
      "Du...du musst lügen...", murmelte Kehled von Sinnen. "Du...w...würdest alles sagen, da...damit ich dich reinlasse. Ich bin nicht...Ich bin Kehled. Ich bin Kehlend. Ich bin Kehled."
      Ein dumpfer Aufprall signalisierte ihm, dass auch Cain nicht länger stand. Etwas kaltes und lauerndes kribbelte in der Entfernung und kratzte an der Schwärze seines blinden Sichtfeldes. Kehled grub die Hände in den Kies und ignorierte das Gefühl der kleinen Steinchen, die sich in seine Handflächen gruben. Es war nicht im Vergleich zu der Qual, die Ascan ihm schenkte. Tief in seinem Inneren spürte der Torwächter die Wahrheit, der Ruf eines Clanmitgliedes war unverwechselbar.
      Er konnte nicht angreifen, nicht fortlaufen, nur standhalten.
      "Nein," presste er zwischen den Zähnen hervor.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Fast schon amüsiert folgten Ascans Augen dem Stab, den Kehled losgelassen hatte und der nun fort von ihm über den Boden rollte. Dann schnappte sein Blick zu dem Wächter zurück, der sich wie Mairead zuvor am Kopf hielt und scheinbar Qualen einer anderen Art litt. Hatte denn niemand dem armen Bewusstsein je erklärt, wie er zustande gekommen war? Was für eine außergewöhnliche Kreation er war?
      Vor Kehled ging Ascan in die Hocke und kreuzte die Arme auf den Knien. „Stimmt, du bist Kehled. Die Basis, um die sich alle Fragmente der anderen Seelen drehen. Der Magnet, den ich so gepolt habe, dass die Scherben magisch zu dir hingezogen werden. Ich habe lange suchen müssen, bis ich die passenden Seelen gefunden und in ihre Bestandteile zerlegen konnte, um dich zu kreieren. Wieso hast du wohl keine Sicht, Kehled? Weil die Fähigkeit zu sehen ein extrem fordernder Sinn ist und ich ihn dir bewusst verwehrt habe, um die Integrität zu wahren“, sagte er leise und beobachtete das Spiel der immer wieder zerfallenden und sich wieder neu zusammensetzenden Aura vor seinen Augen.
      Da lief ein kalter Schauer Ascans Rücken herab und er löste seine Aufmerksamkeit von Kehled. Hinter ihm braute sich etwas wesentlich Potenteres zusammen, doch die Reaktion stammte von Sylea. Ihr Körpergedächtnis sprang an, als sie die unverkennbaren Zeichen des Grimms wahrnahm und im Gegensatz zu Ascan durchaus bemerkt hatte, dass es auch Cain zu Boden gezwungen hatte.
      „Du weckst den Grimm“, murmelte Sylea zu sich selbst. Ascan antwortete: „Den hat niemand zum Spielen eingeladen.“
      Eine erschreckend schöne Spirale aus violetter und silberner Aura löste sich vom Vessel und pirschte auf den Seeker zu, dessen Gold von Schwarz wieder durchzogen wurde. Er reagierte auf den extremen Zustand Kehled und die bodenlose Erschütterung von Sylea, um sich aus seinem Gefängnis zu lösen. Dafür war der Preis, den Sylea gezahlt hatte, um den Grimm temporär zu binden, nicht groß genug gewesen. Allerdings reichten die verblassenden Fragmente aus, um Ascan einen Anker zu gewähren. Die gemischte Aura kollidierte mit dem Goldschwarz und ein wildes Chaos brach aus, als die schwarzen Fänge des Grimms aus Cains Aura gerissen und vom Violett und Silber verschluckt wurden. Syleas Atem geriet ins Stocken, als Ascan nicht nur Aura, sondern auch eine Emotion von ihr nahm, um sie zusammen mit dem Grimm in eine Blase zu sperren und das Konstrukt in den Tiefen von Cains Aura zu versenken. Solange, bis der Grimm wieder hungrig wurde.
      Schlagartig fiel Sylea auf, welche Emotion Ascan ihr gerade abgetrennt hatte. Die endlose Trauer war fort – wie weggeblasen. Egal, wie sehr sie sich in Erinnerung rief, wie Mairead vor ihren Augen verschwunden war, die Trauer darüber kehrte nicht zurück. Panik machte sich in ihr breit, als sie merkte, dass ihr das Gefühl einfach fehlte.
      „Das ist nur vorrübergehend. Aber leugnen kannst du nicht, dass es so wesentlich praktischer ist, nicht wahr?“ Ascan lächelte, wobei es nicht bis zu den Augen reichte.
      Cain blieb am Boden, aber das Chaos lichtete sich. Darüber konnte Sylea wenigstens Erleichterung verspüren, dass sie den Grimm früh genug unterbrochen und ihn mit einem Futterkorb übergangsweise ruhiggestellt hatten. Das ließ ein Problem zumindest als weniger tragisch erscheinen.
      „So, Kehled. Wie lange möchtest du da noch liegen? Es wird besser, wenn du das Tor öffnest. Ganz einfach. So einfach kannst du dafür sorgen, dass es aufhört. Wunderbar, oder?“
    • Ein Großteil der Menschen wusste nicht, wie viel Geräusche über eine Person verrieten. Sie wussten nicht wie aussagekräftig der Rhythmus ihrer Atmung oder der Takt ihrer Schritte sein konnte. Kaum einer ahnte wie stark sich eine Lüge in den winzigsten Vibrationen der Silben verbarg oder ein kleines Zucken beim Auftreten die ungeliebte Angst und Unsicherheit geradezu hinausschrie. Die Melodie eines Lachens verstand niemand, der nie gelernt hatte, richtig hinzuhören. Kehled hatte sehr früh und sehr schnell gelernt die Dunkelheit seiner Welt mit Klängen zu füllen.
      Schritte näherten sich und wenige Sekunden danach ließ die spürbare Wärme des Sonnenlichts auf seinem verzerrten Gesicht nach. Jemand beugte sich über ihn. Zumindest war die Person nah genug, um das Licht zu blockieren. Kehled versuchte verzweifelt seiner Sinne habhaft zu werden, während Welle um Welle schmerzlicher Emotionen seine Gedanken förmlich ertränkten. Es blieb eine grausame Spirale begleitet von dem Hilferuf der kleinen Mai, die sich unaufhörlich drehte.
      Noch bevor die Stimme über ihm ertönte, wusste Kehled, dass sich der Mann namens Ascan, sein Schöpfer, näherte.
      Die Schrittlänge war zu kurz und das Gewicht, das die Kiesel zum Knirschen brachte, zu leicht für einen erwachsenen Mann. Es wunderte Kehled nicht, immerhin wusste er bereits, dass sich Ascan des Körpers der jungen Rubra bemächtigte. Nun hatte er noch die akustische Bestätigung erhalten. Ascan pirschte sich heran, anders konnte es Kehled nicht einordnen. Die Schritte spiegelten das unerschütterliche Selbstbewusstsein eines Mannes wieder, der wusste, dass er gewonnen hatte.
      „Du hast sie ausgelöscht…“, murmelte Kehled beinahe wahnhaft.
      Mairead, die 11 Seelen und so viele mehr.
      11 Menschen…11 undschuldige Leben, die Ascan mutwillig zerstörte. Er hatte Kehleds Existenz in kleine Fetzen zerpflückt und nach seinem Wunsche wieder zusammegefügt, bis von dem ursprünglichen Kehled nichts mehr übrig geblieben war. Er hatte ihn nicht nur zu einem Leben in Dunkelheit verdammt...Wie viele dieser geträumten Erinnerungen waren seine Eigenen und wie viele davon an grausiger Zusammenschnitt von fremden Leben, die er nie gelebt hatt?
      Mit der Zeit klang das Angebot von Ascan äußerst verlockend. Ein verständnisvolles Säuseln, das ihm Erlösung versprach. Obwohl lediglich Sekunden verstrichen, fühlte sich Kehled bereits Ewigkeit in dem Strudel aus Verzweiflung und Schmerz gefangen. So musste sich die Hölle anfühlen, sofern es eine gab und man daran glaubte. Es war unerträglich und mit der Zeit wurde es immer schwieriger sich Ascan zu widersetzen.
      Eine bleiernde Erschöpfung machte sich breit und er hatte vergessen, was ihn so quälte.
      Er wusste nur noch eines: Es sollte aufhören.
      Der Torwächter drehte sich mit einem Ächzen auf den Rücken, die leeren Augen gen Himmel gerichtet und streckte eine Hand in richtung des schweren Eichenportals aus. Zunächst sah es aus, als hätte er mit geöffneten Augen das Bewusstsein verloren. Vielleicht hatte sich auch sein Verstand verabschiedet...aber dann bewegten sich seine Finger. Träge trommelte Kehled einen Rhythmus mit den Fingerspitzen in den Boden.
      Es war still...bis der Untergrund zu ihren Füßen im Takt seiner Finger erzitterte.
      Kehled überkam der überwältigende Wunsch nach Vergessen. Er wollte sich nicht an das Licht erinnern, das Mai seiner Welt geschenkt und das Ascan ihm wieder entrissen hatte. Die Erinnerung war zu schmerzhaft. Die Leere war einfacher zu ertragen gewesen.
      Die Flügel des Eichenportals vibrierten.
      "Ich will mich nicht erinnern", murmelte Kehled in einem geistig wachen Moment.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Winterhauch ()

    • Ascan betrachtete sein erstes, gelungenes Werk, wie es erledigt am Boden lag und Qualen litt, die wohl kaum einer wirklich nachvollziehen konnte, der nicht mit Ascans Fähigkeiten je in Kontakt getreten war. Wo Sylea Mitleid empfand, herrschte bei Ascan gähnende Leere, vielleicht höchstens Neugier, ab wann Kehled es nicht mehr länger ertrug.
      „Wärst du so gütig und kriegst unseren kleinen Seeker wieder auf die Beine?“, fragte er Rena, ohne den Blick von Kehled abzuwenden.
      „Wieso ist er jetzt zu Boden gegangen? Was hab ich verpasst?“ Trotz der Frage ging das Mädchen zu Cain herüber, ihre Schritte stolperten häufig über dem unebenen Boden und verrieten, dass sie mit ihrer neuen Körpergröße noch haderte. Bei Cain angekommen berührte sie ihn sachte mit der Hand an der Schulter um zu überprüfen, ob er noch bei Sinnen war.
      „Eine kleine Auseinandersetzung. Nichts, was dich jetzt besonders interessieren dürfte.“ Kehled drehte sich auf den Rücken wodurch Ascan einen besseren Blick auf die leeren und doch so viel sehenden Augen bekam. Er erinnerte sich daran, dass diese Augen einst milchig gewesen waren und nicht so gülden wie jetzt. Sein Projekt hatte sich auch ohne sein Zutun weiterentwickelt. Dann streckte der Wächter seine Hand aus, nutzte abermals diese Vibrationen und ließ das Tor zu den Hallen einstimmen. Alles schien zu vibrieren, aber noch öffneten sich die Türen nicht gänzlich.
      „Aber Erinnerungen sind so wichtig für Menschen. Du willst doch ein Mensch sein, oder nicht?“ Das Lächeln war spöttisch, wenn gleich seine Stimme nichts darüber verriet. Er wusste, wie er Blinde zu täuschen hatte, wenn er es so wollte. „Außerdem habe ich dir gesagt, ich kann dafür sorgen, dass es aufhört. Nicht, was.“
      Erneut ballte sich die violette Aura um Ascan. Als sie groß genug war floss sie auf Kehled hinab, verschlang sein Gold nahezu und warf die Fragmente seiner Seele durcheinander. Solange, bis Ascan den Teil freigelegt hatte, der Kehled die Luft zum Atmen nahm. Der ihn immer wieder in die Horrorspirale schickte und zeigte, was er mit Mairead verloren hatte. Ascan schloss eine gedankliche Faust um diesen Teil und zerquetschte ihn, ließ ihn in tausende Scherben zerschellen und sich auflösen. Erst danach zog er sich zurück und ließ Kehled in dem Zustand zurück, wie sie ihn vor Minuten vorgefunden hatten.
      „Ich kann dir Emotionen nehmen und schenken. Aber ich kann keine Erinnerungen manipulieren. Da überschätzt du mich, mein Erstling. Da fehlt noch ein bisschen für die Tür. Na los. Wir haben nicht ewig Zeit wie du.“
      Rena hatte es indes geschafft, Cain zumindest wieder zum Sitzen zu bekommen. Er war bleich, sah immer noch nicht wirklich gut aus und entsprechend war auch seine Laune. Er hatte ihre Hand weggeschlagen, sobald er nur konnte und hielt sie auf Abstand, was sie mit verschränkten Armen quittierte. Ärger war in ihrem Gesicht deutlich abzulesen und wo einst Maireads naiver Frust war, lag nun Arroganz. „Bitte, dann steh halt selbst auf. Los. Du hast ihn gehört, wir haben nicht ewig Zeit.“
    • „Aber Erinnerungen sind so wichtig für Menschen. Du willst doch ein Mensch sein, oder nicht?“
      Das geheuchelte Verständnis machte seine missliche Lage nur noch schlimmer. Es schmerzte deshalb so sehr, weil es der Wahrheit entsprach. Obwohl nichts als Neutralität in den Worten mitschwang, glaubte er nicht daran, dass dieser Ascan plötzlich beschloss Mitleid für seine Kreation zu empfinden.
      Loyalität war die eine Sache, Wünsche eine gänzlich andere. Kehled hätte den Rubra-Clan nie betrogen. Diese Möglichkeit war völlig ausgeschlossen, aber auch seine Gedanken drifteten hin und wieder in die Ferne und zu der Frage, was das Leben wohl noch zu bieten hätte.
      „Außerdem habe ich dir gesagt, ich kann dafür sorgen, dass es aufhört. Nicht, was.“
      Kehled zuckte. Es war ein Spiel, das auf seine Kosten ging. Ein Trick, nicht mehr und nicht weniger.
      Der Augenblick, in dem Ascans Aura wie eine tosende Flutwelle über ihm zusammenbrach, sprengte seinen Verstand beinahe endgültig. Er würde diesen Schmerz vermutlich nie in Worte fassen können. Wie sollte er einer anderen Person beschreiben, wie es sich anfühlte wenn die Seele in Stücke gerissen wurde? Der Torwächter wimmerte kläglich bis der Laut in ein ersticktes Schnappen nach Luft überging. Kehled bildete sich ein, dass er ein Knirschen und Reißen hörte. Vielleicht war es auch nur sein Verstand, der versuchte, die Geschehnisse in verständliche Töne umzuwandeln. Die Quall schwoll an...und verschwand schlagartig.

      "Sylea...", murmelte der Seeker und blinzelte. Wo war sie.
      Jemand zog ihn in eine sitzende Position, aber Cain schlug die kleine Hand fort, die nach ihm griff.
      Die Berührung fühlte sich gänzlich falsch an, beinahe abstoßend. Die Aura, die er dabei zu spüren bekam, gehörte nicht in den Körper des Mädchen, dass ihn immer mit großen, faszinierten Augen angestarrt hatte. Cain versuchte den Gedanken zu verdrängen, dass der letzte Blick, den Mairead ihm geschenkt hatte, voller Frucht gewesen war. Furcht vor dem Seeker und der Dunkelheit in in ihm, die Mairead nicht begreifen konnte. Er würde nie wieder die Chance bekommen, diesen falschen Eindruck zu revidieren.
      "Du hast eine sehr große Klappe für jemanden, der den Körper eines Menschen gestohlen hat, der mir etwas bedeutet hat...", knurrte Cain.
      „Ich kann dir Emotionen nehmen und schenken. Aber ich kann keine Erinnerungen manipulieren. Da überschätzt du mich, mein Erstling. Da fehlt noch ein bisschen für die Tür. Na los. Wir haben nicht ewig Zeit wie du.“
      Syleas Stimme erklang in kurzer Distanz zu ihm und ihm wurde schlecht, als er die vertraute Nuance von Ascan noch immer darin hörte. Mit Schrecken musste der Seeker mit ansehen, wie sich der Torwächter stockend und mit ungelenken Bewegungen auf Hände und Knie hochstemmte. Der Mann mit der schweren Kutte lehnte sich zurück auf seine Knie und offenbarte eine leere, stoische Maske. Er runzelte nicht einmal die Stirn, als er nach dem verlorenen Stab griff und damit dreimal auf den Boden klopfte. Die Vibrationen im Boden nahmen zu und das schwere Eingangsportal glitt anstandslos auf.
      Jetzt kämpfte sich auch Cain wackelig auf die Beine zurück und sammelte seine Aura eng um seinen Körper. Der Grimm war durch Ascan gebändigt, doch er brauchte die Schattenkreatur nicht, um Wut und Abscheu zu empfinden.
      Der Seeker näherte sich Sylea, oder viel mehr Ascan, und obwohl er am liebsten nach Spuren von Sylea gesucht hätte um seine flammenden Nerven zu beruhigen, erlag er der Versuchung nicht. Er hielt sich so weit fern von der Gestalt der jungen Frau wie er es ertrug.
      "Was wirst du tun, wenn du bekommen hast, was du willst?", fragte er. "Warum suchst du dir nicht einen anderen Körper und gibst sie mir zurück?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Sag das Ascan und nicht mir, du Spinner. Seh ich so aus, als hätte ich um den Körper eines Kindes gebettelt? Nein? Ja, warum wohl?!“
      Rena war ungehalten. Mehr als nur ungehalten in dieser ganzen verfahrenen Lage. Seit Ascan sie aus den Memoiren befreit hatte, war sie wie ein Gespinst immer in seiner Nähe gewesen und hatte alles um sie herum mitbekommen. Jede Unterhaltung, jede Tat und jedes Gefühl. Sie hatte sich nicht den Körper eines Kindes gewünscht. Schließlich war sie 22 Jahre alt gewesen, als sie den Tod um eine Schippe geschlagen hatte. Und genau hier lag der Punkt: Ohne Ascan gäbe es sie nicht mehr. Deswegen musste sie sich einfach mit diesem kleinen Körper arrangieren.
      Rena schwieg, als sich der Seeker auf die Beine kämpfte. Für ihn hatte sie lediglich Mitleid übrig. Für ihn, der zwischen die Fronten geraten war und nun den Weg bis zum Ende gehen musste. Hinter ihm brach der Boden im Nichts weg, er hatte nur noch die Flucht nach vorn. Noch einen weiteren Moment lang sah sie seinen torkelnden Schritten nach, dann begab sie sich als Erste zu dem Tor, dessen Schatten im Inneren die Gestalt des Mädchens zu verschlucken schien.
      „Na bitte, es geht doch“, sagte Ascan zufrieden und klopfte dem Torwächter auf die Schulter. „War doch gar nicht so schwierig.“
      „Was wirst du tun, wenn du bekommen hast, was du willst?“
      Ascan drehte sich um und betrachtete den Seeker. Er stand verdächtig weit von ihm weg und es war Sylea, die dafür das Unwohlsein verspürte. Seine Aura war gefestigt, die Spuren des Grimm erst einmal ausgemerzt. „Weißt du denn, was ich will? KANN ich das überhaupt erlangen?“
      Cain schien mit der Frage nicht befriedigt zu sein. „Warum suchst du dir nicht einen anderen Körper und gibst sie mir zurück?“
      Ascan blinzelte den Seeker an. Da verstand er aber eine gehörige Masse an Zusammenhängen falsch. Mit einem spöttischen Geräusch ließ sich Ascan fallen, tief in die Dunkelheit seiner verwobenen Aura mit Sylea, und zog das Violett nah an sich. Das Silber brach wieder hervor und dominierte den Körper, zeitgleich änderte sich der Gesichtsausdruck des Mädchens von amüsiert zu angespannt und aschfahl.
      „Wir sind eine Koexistenz, Cain“, sagte Sylea und schlang die Arme um ihren Leib. „Er sucht noch immer einen Weg, wie er mich komplett assimilieren oder eben doch den Körper wechseln kann. Ich hab ihm Ketten angelegt ohne es zu wissen.“
      Jetzt, wo Rena aus ihrem Blickfeld verschwunden war, war der Schmerz nicht mehr so groß. Es tat nicht mehr weh, das Mädchen sehen zu müssen, das es nun nicht mehr gab. Selbst ohne ihr Zutun hatte ihr Weg ein weiteres Leben genommen. ES wurde Zeit, dass das aufhörte.
      Wieso genommen? Wir haben getauscht. Mairead gegen Rena. Das ist ein äquivalenter Tausch, würde ich sagen.
      Du hast eine junge, unerfahrene Seele gegen eine mit deutlich mehr Lebenserfahrung eingetauscht. Das ist nicht gleichwertig, Ascan. Wird es nie sein. Das begreifst du einfach nicht.
      Sylea versuchte Cain ein aufmunterndes Lächeln zu schenken. Doch es war getrübt von Bedauern. Dann drehte sie sich um und ging vor Kehled auf die Knie. Der Wächter hatte sich in den letzten Minuten nicht mehr bewegt. Wie eine Statue kniete er da, den Stab in der Hand und völlig regungslos. Seine Aura floss, zuckte aber immer blitzartig und unregelmäßig aus. Allein diese Sicht weckte das Mitleid in der jungen Rubra.
      „Es tut mir so leid…“, flüsterte Sylea, als sie ihm ihre Hände an die Wangen legte. Er regte sich nicht. „Da, wo ich wandel, scheint es keine guten Dinge zu geben.“
      In einer liebevoll wirkenden Geste strich sie mit ihren Daumen über seine Wangen. Ihre silbrige Aura floss über den Kontakt zu dem Wächter herüber und Sylea versteifte sich. Kaum berührte sie die chaotische Aura, war es so, als kreischte es in ihrem Kopf. Hunderte Stimmen gleichzeitig, ein einziges Chaos gleich. Mit verengten Augen ertastete sie die Fragmente und ihre Bruchkanten. Jedes Fragment besaß eine minimal andere Farbe, eine andere Nuance, so ähnlich wie die anderen und doch verschieden. Das war der Grund, wieso der Verband überhaupt zusammenhielt und sich nicht abstieß. Deswegen hatte Ascan so lange suchen müssen.
      „Kehled, bitte, verlier dich nicht auch noch“, bat sie ihn. Ihre silbrige Aura erfasste die Bruchkanten, hinterließ eine dünne Schicht wie eine Art Kleber und zog die Teile zusammen. Mit jedem Stück, das sie so aneinander haftete, schwanden die blitzartigen Ausbrüche mehr und mehr. Bis sich schließlich auch das Kreischen in geschäftige Unterhaltungen zu drosseln schien und eine gewisse Gleichmäßigkeit einkehrte. Sylea spürte, wie Ascan eine Erleuchtung hatte und schob ihn grob weiter in den Hintergrund zurück.
    • Missmutig verzog Cain das Gesicht. Vermutlich würde er es nicht mehr erleben, dass Ascan ihm einmal eine eindeutige Antwort gab. Die ständigen Gegenfragen und kryptischen Äußerungen lösten einen heißen Ball der Wut aus seinen Emotionen, doch ihm fehlte die Kraft das Gefühl näher an seine zerbrechliche Aura zu transportieren. Cain war müde und die Erschöpfung ging über den rein physischen Aspekt hinaus. Etwas schien Ascan über alle Maße zu amüsieren ehe seine Mimik erstarrte und das spöttische Grinsen auf seinen Lippen starb. Nein, nicht seinen Lippen. Der Wechsel verlief fließend und natürlich, dass ihm davon glatt übel werden konnte. Jetzt verstand er Ascans Hohn und fand sich mit der Wahrheit konfrontiert, die er willentlich für eine lange Zeit von sich geschoben hatte.
      Die Möglichkeit, dass er sich mit falschen Hoffnung die ganze Zeit nur etwas vorgemacht hatte.
      Syleas ruhige und gefasste Stimme war wie ein Eimer voll mit eiskalten Wasser, das ihm nun gnadenlos über den Kopf geschüttet wurde. Das Lächeln war fast noch eine Nummer schlimmer. Vielleicht konnte er sein Versprechen an Ennis doch nicht halten. Ennis. Sein Blick zuckte zu Rena, die in ihrem gestohlenen Körper, im Schatten hinter dem geöffneten Eingangsportal verschwand. Alles, was ihm von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn geblieben war, war unwiederbringlich fort. Cain wusste nicht, ob er dem alten Mann je wieder unter die Augen treten konnte, wenn er das hier überlebte.
      Es tut mir leid, Ennis.
      Da ihm nichts anderes übrig blieb und näherte er sich Sylea weiter, blieb jedoch in einem respektvollen Abstand zu dem versteinerten Torwächter. Was immer Ascan ihm genommen hatte, hatte jeglichen Ausdruck aus seinem Gesicht gewischt. Vielleicht hatte Kehled in seiner Verzweiflung mit einer ähnlichen Bitte an seinen Schöpfer gewendet, wie einst Cain. Unwillkürlich empfand er Mitgefühl mit dem Mann, der eigentlich nicht existieren durfte.
      Wenigsten hatte Cain die Erinnerungen an seine Familie, auch wenn sie wenig schön waren. Er hatte Sylea, auch wenn sie ihm langsam durch die Finger glitt. Kehled hatte nichts. Nicht mehr.
      Cain trat aus Reflex einen Schritt nach von, als Sylea zusammenzuckte, als hätte sie bei der Berührung einen elektrischen Schlag bekommen. Er konnte es nicht sehen, aber spüren. Die widernatürlichen Impulse die der Torwächter verströmte und das ihn von der friedlichen Natur der Wälder deutlich unterschied. An ihm war rein gar nichts natürlich.
      Mit Argusaugen beobachtete Cain wie der Wächter langsam aus seiner Starre erwachte und die leeren Augen sich zielsicher auf die junge Frau richtete. Wieder traf ihn ein seichter Puls. Er hatte mittlerweile begriffen, dass Kehled seine Aura und die sanften Vibrationen nutzte, um sich zu orientieren. Ein Echolot, wie es Fledermäuse totaler Finsternis benutzten. Deshalb zuckte er auch nicht mehr zurück, in der Berührung seiner Aura lag nichts Feindseliges mehr.
      In Zeitlupe hob Kehled seine Hand, die nicht den Stab umklammerte, und berührte seinerseits die kühle Wange der jungen Rubra. Sie hatte ihm einen Akt der Güte erwiesen. Ein Pflaster, das versuchte einen glatten Bruch zusammenzuhalten.
      "Du hast einen schweren Weg vor dir, Sylea Rubra", flüsterte Kehled.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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