[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Hatten wir nicht das Thema, dass das Ding unersättlich ist?
      Wieder ein Augenblick, in dem Sylea eher auf Ascan hören statt ihm misstrauen sollte. Bis jetzt hielt sie ihre Angst als Nervosität getarnt, die Sorge gut verschachtelt unter augenscheinlicher Selbstbeherrschung. Aber die Überlebens sichernden roten Signalleuten in ihrem Kopf, die warnend schrill anfingen zu blinken, als Cain die gesamte Länge ihres Halses entlang leckte, hätten sie schon direkt zu einer Handlung zwingen müssen. Aber Sylea war jung, unerfahren, und traf eine falsche Entscheidung, die sie kurz darauf schwer bereuen würde.
      Unablässig tiefer drückten sich seine Finger in ihre Arme. Sie wusste um die Hämatome, die dadurch entstehen würden, aber das war nichts verglichen zu dem, was sie bisher hatte erleben müssen. Das waren Kinkerlitzchen zu den Versuchen, die man in der Kathedrale an ihr durchgeführt hatte und beständiger Trotz begann in ihrem Kern zu wachsen, als…
      Er ihr ungehemmt in den Hals biss.
      In diesem Moment brach die Illusion, die sich Sylea als Vessel jedes Mal aufbaute, wenn sie wusste, dass unerträgliche Schmerzen zu erwarten waren. Schmerzen, vor denen Ascan sie mehrmals gerettet hatte und der jetzt wie ein Zuschauer nur danebenstand und die Show genoss. Jetzt warf sie sich doch mit ihrem Körper gegen den Seeker, kämpfte gegen seinen klauenartigen Griff an und schaffte es, den Aufschrei in ein würgendes Stöhnen abzuwandeln. Ihre Lider flogen auf, wild umherzuckende Augäpfel starrten zur Decke, während sie prozessierte, was hier gerade falsch lief. Der Schmerz pulsierte in ihrem Hals, so deutlich, dass sie wusste, dass er eine Wunde geschlagen haben musste. Schließlich spürte sie, was das Schwarz ekstatisch aufwallte anhand ihrer Emotionen, die ihn speisten wie der Lebenssaft selbst.
      Noch im Schockzustand registrierte Sylea nicht, dass Cain sie losließ und sich aufrichtete. Sie bemerkte auch nicht die Hände, die sich an ihren Kragen legten. Wie apathisch lag sie da, als das Reißen des Stoffes erklang und sie dazu nötigte, den Blick nach vorn zu richten. Und was sie dort sah verdeutlichte ihr: DAS war nicht mehr ihr Cain, der sich an ihr zu schaffen machte. Diese schwarzen Augen waren Löcher, die alles verschlangen, die so unmenschlich wirkten, dass in ihr alles gefror, was kurz davor noch lebte. Es entfremdete sie so schnell von dieser Person wie nichts anderes auf dieser Welt. Unablässig machte er weiter, riss ihr Oberteil entzwei und plante nicht, hier schon zu stoppen.
      Er würde ihr wehtun.
      Richtig wehtun.
      Meinst du, dein kleiner Seeker wird es sich je verzeihen können, was er dir gerade antut?
      Nein, das würde Cain nicht. Und die andere Methode, die sie hätte benutzen können, brauchte mehr Zeit als der Grimm ihr zugestehen würde. Sie müsste ihn anders bändigen müssen, oder zumindest bewegungsunfähig machen. Also griff sie auf ein Wissen zurück, von dem sie Cain noch nichts offenbart hatte. Von dem er nichts wusste und das Sylea nur mit Ascans Hilfe hatte entschlüsseln können.
      Während er noch weiter an ihr riss und sich nun an ihrer Hose zu schaffen machte, führte sie ihren rechten Zeigefinger an die Stelle, wo er sie gebissen hatte. Ein Zucken durchlief sie bei der Berührung, zahllose kleine Nadelstiche durchfuhren sie und dann hatte sie rot glänzende Flüssigkeit an ihrer Fingerspitze. Damit malte sie eine ganz einfache Rune auf ihren eigenen Handrücken; sie achtete nicht genau darauf, welche.
      Du willst es jetzt ausprobieren? Du weißt doch nicht mal, was zu zahlst! Ascan klang nicht gewarnt, sondern vielmehr höchst euphorisiert.
      Soll ich’s in den Hallen das erste Mal ausprobieren??
      Mittlerweile war Cain von ihr abgestiegen, um ihr die widerspenstige Jeans grob von den Beinen zu reißen. Er kämpfte noch mit den Beinen, das Knurren ging ihr bis ins Mark, doch das Momentum war auf ihrer Seite. Sie frischte das Blut an ihrem Finger noch einmal auf und warf sich dann ohne Vorwarnung nach vorn, um die Füße auf den Boden zu stemmen. Cain, der den Stoff noch in den Fingern hatte, wurde mitgezogen, seine nackten Unterarme schön ausgestreckt. Das Zeitfenster war nur unheimlich klein, deswegen reichte es nur für eine kleine, undeutliche Rune aus lediglich zwei Strichen. Aber die Wirkung stellte sich sofort nach Vollendigung ein.
      Bewegungslos.
      Cain gefror in seiner Bewegung zu einer Säule. Das Schwarz des Grimms flippte völlig aus, unwissend, was genau ihn da plötzlich zur Bewegungslosigkeit trieb. Er kämpfte gegen unsichtbare Fesseln, die die Blutrunen einer Rubra niemals durchbrechen können würden. Zeitgleich schrie Sylea schmerzerfüllt auf, zog ihre linke Hand an die Brust und igelte sich ein, um den Lärm zu dämpfen. Schmerz, noch größer als der, den der Grimm ihr vorhin zugefügt hatte, überflutete ihr System und sie brauchte zig Sekunden, ehe sie sich halbwegs im Griff hatte. Ihr Atem ging schwer, Schweiß stand auf ihrer Stirn, als sie nach einem Stofffetzen ihres Oberteils griff und es um ihre Hand wickelte. Hektisch ging ihr nächster Blick zu den Schlafzimmertüren.
      Eine Sekunde.
      Zwei Sekunden.
      Drei Sekunden.
      Vier…
      Fünf…
      Nichts passierte. Waren sie ernsthaft leise genug gewesen?
      Ihr rastloser Blick ging zu Cain, der noch immer vornübergebeugt dastand, wie sie ihn festgefroren hatte. Die Rune hielt, sehr zu ihrem Erstaunen, sehr solide. Das räumte ihr genug Zeit ein, um die Angelegenheit wieder unter Kontrolle zu bringen.
      Mit zitterndem Körper streckte Sylea ihre Aura nach dem Schwarz aus und weigerte sich, davor zurückzuschrecken. Stattdessen bahnte sie sich ihren Weg hindurch, bis sie das vertraute Gold fand und ein Stück seiner Aura herauslöste. Sie nahm es zu sich, verwob das Gold mit dem honiggelben Gefühl der Zuversicht, das sie mit Müh und Not in sich bilden konnte, und schob sie wieder zurück zum Seeker, wo es sich nahtlos einfügte. Seine Aura verstärkte den Effekt, wodurch sich das Gelb immer stärker ausbreitete und das Schwarz langsam nach unten verdrängte und nur noch Gold und Gelb zurückließ. So machte Ascan das also. Er nahm sich Emotionen und verstärke sie so weit, bis die Betroffenen das taten, was er wollte. Mehr war es gar nicht.
      Es dauerte Minuten, dann war sie fertig und verwischte das Zeichen an Cains Arm. Sofort kehrte das Leben in seinen Körper zurück. Müde und zäh lächelte sie ihn praktisch nackt an, aber sie hatte es wieder unter Kontrolle.
      Ein zweites Mal würde sie nicht mehr riskieren.
      „Wie fühlst du dich?“
    • Die blanke Verzweiflung strömte durch das Bewusstsein des Seekers. Eingeengt in dem winzigen Verlies im Zentrum seines eigenen Körpers, sah sich Cain einer nie gefühlten Machtlosigkeit gegenüber. Schutzlos der Willkür des Grimms ausgeliefert, beugte sich sein Körper den monströsen Wünschen der Bestie. Nicht länger Herr über die eigenen Sinne zu sein, übertraf allerdings den Horror nicht, der vor seinen Augen ablief. Augen, die begierig über nackte Haut glitten und abwägten welche Tat den unermesslichen Hunger als nächsten befriedigen sollte. Ein Schauer überfiel Cain, als eine Welle tiefster Zufriedenheit über ihn hinweg schwappte, der er sich nicht entziehen konnte. Er spürte die Hitze, die Gier...und den übermächtigen Wunsch sich zu übergeben. Er fühlte, was der Grimm fühlte. Die Grenzen verschwammen mit den verstreichenden Sekunden und nichts war schlimmer, als das Unwissen, wo der Grimm anfing und 'Cain' aufhörte. Sie waren die zwei Seiten einer Münze, die bereits so schnell um die eigene Achse rotierte, dass ein Unterschied kaum noch erkennbar bar. Und Sylea bewegte sich nicht.
      Sie lag einfach nur da, starrte in sein Gesicht und versuchte unter der verzerrten Fratze Cain zu finden. Der Moment, in dem Cain durch das Blickfeld des Grimm erkannte, dass sie den Anblick vollständig von dem Mann trennte, der sie liebte, erfüllte ihn mit einer unvergleichbaren Erleichterung. Sie sah einen Fremden, nicht Cain. Es war auch der Moment, in dem der Seeker sich aus freien Stücken einem möglichen Ende gebeugt hätte. Lieber ließ er seine gesamte Existenz von Ascan in Stücke zerfetzen und ins Nirvana schicken, als die Kontrolle über seinen Körper noch eine Sekunde länger diesem Monstrum zu überlassen. Er war kurz davor zu flehen und zu betteln, das der Seelendieb sie alle endgültig von dieser Qual erlöste. Dabei war er sich nicht einmal sicher, ob seine verzweifelten Ruhe überhaupt nach Außen drangen.
      Die Konturen seines Körpers begannen zu zerfallen. Was im Hellgate in einer Explosion aus Dunkelheit geschehen war, schritt nun mehr schleichend voran. Der Schatten, der alles verschlang, befreite sich aus der sterblichen, fleischlichen Hülle. Die Schwärze sickerte augenscheinlich aus jeder Pore seines Körpers und umgab ihn wie ein bedrohlicher, eisiger Nebel, der seiner Umgebung alle Wärme entzog. Die dunklen, leeren Augen wurden in ihren Höhlen sekündlich größer und größer bis die physischen Grenzen aufbrachen. Die Haut um seine Augen und seine Mundwinkel herum schien einzureißen. Sie zersplitterte und entließ noch mehr nebelartige Schwärze in die Freiheit strebte. Der Grimm würden sich allem bemächtigen, was sich in seine Nähe wagte. Er würde nicht aufhören.
      Da ging ein Ruck durch den Körper.
      Eine unerwartete Gegenwehr riss den Grimm nach vorn und in Richtung des Fußbodens. Benebelt von dem köstlichen Festmahl und seiner falsch eingeschätzten Überlegenheit, katapultierte es die hungrige Schattenkreatur beinahe vom Sofa. Etwas berührte ihn am Arm und plötzliche erstarrte der gestohlene Leib zu Stein. Bevor der Grimm ein unmenschliches, zorniges Heulen ausstieß, lähmte die unsichtbare Macht auch seine Stimmbänder. Das zur Unkenntlichkeit verzerrte Gesicht zeigte keine Regung mehr. Lediglich die alles Licht verschluckenden Schatten gerieten außer Kontrolle, sie konnte die erstarrte Hülle nicht halten. In wenigen Augenblicke würden sie Cain mit Haut und Haar verschlingen.
      Die Dunkelheit raubte Cain die Sicht.
      Er war blind.
      Das Geheul des Grimms hallte in seinem Verstand.
      Er war taub.
      Die Stimme verschluckt.
      Er war stumm.
      Der Körper eingefroren.
      Er war gelähmt.
      Für den Bruchteil einer Sekunde war der Gedanke an den Tod erträglicher, als die vollkommene Leere.
      Hatte sich so Scintilla gefühlt, als der Grimm sie verschlungen hatte?
      Sich verlieren.
      Vielleicht fühlte es sich genau so an.
      Cain driftete ins Nichts.
      ...bis er die Augen aufschlug.
      Licht durchrang die Dunkelheit und erfüllte sein Bewusstsein mit einer Wärme, die nichts als Zuversicht und Geborgenheit ausstrahlte. Das Gefühl kehrte in seine Glieder zurück und gab ihm die Kontrolle über seinen eigenen Körper zurück. Die Gesichtszüge normalisierten sich. Es war nicht schmerzhaft aber durchaus unangenehm. Die zuvor gelähmten Stimmbänder würgten ein klägliches Ächzen hervor. All das rückte in den Hintergrund, getragen von der Wärme, die ihn allgegenwärtig erfüllte und stärkte.
      Ein Echo des Silbers durchzog das fragile Gold seiner Aura und der Seeker ließ sich davon zurück an die Oberfläche tragen.
      Das Erste, das Cain sah, war Sylea.
      Sie lächelte, während und der Anblick fühlte sich gänzlich falsch an.
      Die Fingerspitzen hatten seinen Arm kaum verlassen, da floh der Seeker geradezu vom Sofa. Er brachte soviel Abstand zwischen sich und Sylea, wie er im Augenblick ertrug. Mit mühevollen Atemzügen füllte er seine Lungen mit Luft und schluckte die bittere Galle herunter, die seine Speiseröhre hinauf drückte. Er schmeckte Blut auf seiner Zunge. Die Übelkeit überfiel ihn, als er die zerrissene Kleidung ansah, das Blut an ihrer Kehle, die Kratzspuren an ihrem Leib und die blauen Flecken an ihren Armen. Eine ganze Palette an Emotionen flackerten ohne jegliche Kontrolle über sein Gesicht. Keine Zuversicht der Welt, die Sylea ihm einpflanzte, konnte die Abscheu eindämmen, die sich langsam ausbreitete. Der Wunsch, Sylea tröstend in die Geborgenheit seiner Arme zu ziehen, löste nichts anderes aus als einen beinahe übermächtigen Brechreiz.
      Cain wich zurück bis sein Rücken gegen die Haustür stieß und starrte auf seine Hände.
      Er dachte nicht an Ennis oder Mairead.
      Er dachte nicht an die Rubras.
      Oder den Babylonier.
      Oder Ascan.
      Es pochte nur ein Gedanke in seinem Schädel.
      Er dachte nur daran, was er Sylea hätte antun können.
      Nein, der Grimm.
      Er hatte das getan.
      Mit seinen Händen.
      "Warum tust du nie, was ich dir sage?", würgte er hervor.
      Ein unfairer Vorwurf, den Cain sofort bereute, aber nicht zurücknahm, obwohl die unangenehme Frage gegen die Innenseiten seines Schädels drückte, welchen Preis sie dieses Mal bezahlt hatte. Er beäugte den Stofffetzen um ihre Hand. Was hatte sie geopfert um den Wahnsinn zu beenden? Er leckte sich über die blutverschmierten Lippen, ehe er hektisch mit dem Handrücken darüber wischte.
      "Das war verdammt gefährlich!", zischte Cain ungehalten.
      Es dauerte einen Augenblick bis er seine Stimme wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte.
      Wieder blickte er auf ihre Hand.
      "Was hast du getan?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Sylea hielt sich nicht mehr aufrecht sitzend, sondern sackte flach atmend in das Sofa zurück. Sie hatte den Blick an ihrem eigenen Körper noch nicht hinabwandern lassen, aber sie spürte das Brennen und Ziehen von den Griffen des Grimms. Ohne hinzusehen wusste sie auch so, dass ihr Körper nunmehr aussah wie ein Schlachtfeld als alles andere. Das klebrige Gefühl an ihrem Hals machte es dabei nicht besser. Das Krönchen war nur noch Cains Blick, dieser zutiefst schockierte und angewiderte Blick, mit dem er das Vessel nun musterte und ihr das Lächeln schließlich komplett aus dem Gesicht fiel.
      „Ich konnte nicht“, war ihre trockene Antwort darauf, während sie die eingewickelte Hand weiterhin fest drückte und versuchte, den Schmerz zu ignorieren. Jetzt begann sie doch zu frösteln, ein Schütteln durchlief ihren Körper mit einer Gnadenlosigkeit, sodass sie sich doch wieder aufsetzen und gleich nach etwas zum anziehen suchen musste. Sollte Ennis sie so vorfinden, wollte sie nicht solche Fragen beantworten. „Und dass das gefährlich war, ist mir auch schon aufgefallen. Danke der Nachfrage.“
      Ächzend kam sie auf die Beine, um zu ihrem Rucksack zu schlurfen und mit ihrer unverletzten Hand darin zu wühlen. Ans Licht förderte sie einen neuen Pulli und einen BH, nach ein bisschen weitergraben auch einen Slip. Die Jeans hatte den Angriff wenigstens überstanden, den Rest hatte der Grimm einfach zerrissen.
      „Was ich getan habe? Dich aufgehalten mit einem Blutsiegel. Schon vergessen, worin die Rubras so fantastisch sind?“, murrte sie, stieg umständlich aus der Jeans, um sich den Slip anzuziehen und sich wieder vollends zu kleiden. Dass sie den Pullover mit kleinen Blutstriemen darunter verunstalten würde, war ihr vorerst egal. Aber als sie sich den Pullover überstülpte, berührte sie ihren Hals und zuckte zusammen. Es blutete noch immer, was ihr ein leises Fluchen entlockte. „Du musst etwas bezahlen, damit die Siegel wirken. Je mächtiger das Siegel, desto höher der Preis.“
      Sie wickelte den Fetzen von ihrer Hand ab und um ihren Hals. Hübsch sah es mit Sicherheit nicht aus, aber es erfüllte vorerst seinen Zweck. Ihr war schwindelig und noch immer eiskalt und wenn sie sich jetzt hinsetzen würde, kämen auch die Erschütterungen zurück. Deswegen hielt sie sich in Bewegung, gab ihrem Körper keine Ruhe. Stattdessen präsentierte sie dem Seeker ohne hinzusehen ihre linke Hand, an der ihr bis auf den Daumen sämtliche Fingernägel komplett fehlten. Als wären sie ausgerissen worden.
      „Man weiß den Preis in der Regel vorher nicht. Das macht es so unberechenbar.“ Sie zeigte ihm den Handrücken, wo das Gegenstück der Rune noch prangte. „Als man mich Ascan vorgeworfen hatte, war mein kompletter Körper bemalt worden. Die Bezahlung für das Versiegeln war mein Leben und nicht Ascan, der meine Seele zerstört haben sollte. Eigentlich war ich schon tot bevor er etwas hätte tun können, aber naja.“
      Sylea biss sich auf die Unterlippe und betrachtete nun doch ihre Hand. Ja, die Nägel waren fort, aber es blutete immerhin nicht so brutal, wie sie gedacht hatte. Vielleicht waren sie ja auch nur aufgelöst worden, anstelle physisch herausgerissen. Trotzdem wusste sie nicht recht, was sie von dieser Macht halten sollte. Ein zweischneidiges Schwert, im wahrsten Sinne des Wortes.
      Nach einem tiefen, zittrigen Atemzug sah sie nun doch zu Cain, der seinen Standpunkt noch immer nicht verlassen hatte. Eigentlich wollte sie es nicht so phrasieren, aber er ließ ihr keine andere Wahl.
      „Jetzt ist der Grimm weg. Ich lass‘ mich kein zweites Mal aufhalten und ich warne dich vor. Du bleibst hier und wartest auf mich, verstanden? Versuchst du ein zweites Mal mich aufzuhalten, werde ich mich ernsthaft wehren.“
    • Mit seinen barschen Worten hatte er Sylea anscheinend härter getroffen als er beabsichtigt hatte. Wobei, mit Absicht geschah hier gerade rein gar nichts. Das Echo des Kontrollverlustes ließ Cain erschaudern.
      "...Danke der Nachfrage", beendete Sylea trocken ihren Satz.
      Der Seeker zuckte kaum merklich zusammen und presste die Hände flach gegen die Tür in seinem Rücken. Regungslos beobachtete Cain wie das Vessel steif und ächzend auf die Beine kam. Es war grotesk, dass sich ihr geschundener Körper erst in Bewegung setzen musste, damit er das gesamte, grausige Ausmaß begriff. Der Grimm hatte ganze Arbeit geleistet. Es beruhigt ihn auch nicht, dass Cain wusste, dass die Kreatur in seiner Brust nicht bis zum Äußersten gegangen wäre. Der körperliche Aspekt war für den emotionshungrigen Schatten vollkommen uninteressant. Der Gedanke befeuerte lediglich, dass Cain sich beinahe an Ort und Stelle übergeben hätte. Es widerte ihn an, dass diese Seite in ihm schlummerte. Nie wieder durfte er die Kontrolle verlieren, auch wenn das bedeutete, dass er Sylea das gab, was sie im Bad von ihm verlangt hatte. Er musste zulassen, dass sie ihn wegstieß und die Kluft zwischen ihnen vergrößern. Von Anfang an war er zu nah dran gewesen.
      'Du musst darauf vorbereitet sein, dass du sie gehen lassen musst, Junge.'
      Wieder waren da Ennis' Worte in seinem Kopf. Exakt diese, die ihm nicht mehr aus dem Kopf gingen.
      "Ich hab' es nicht vergessen", presste er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
      Nicht vergessen, aber verdrängt. Sylea benutzt die Runen der Rubras nur im Notfall und führte ihm gerade auf grausamste Weise vor, warum. Schockiert sah Cain auf die blutverschmierten Fingerkuppen. Die Nägel fehlten. Eine unsichtbare Macht hatte sie einfach aus der Haut gerissen. Zweifel fraßen sich in ihn. Hätte Sylea eine Rune verwendet um ihn in Schlaf zu versetzen? Hätte sie einen ähnlichen Preis für diese Bitte zahlen müssen? Der Seeker bis sich so fest auf die Innenseite seiner Unterlippen, dass zu dem Geschmack von Syleas Blut noch sein Eigenes schmeckte.
      Kurz zuckte Cain ein wenig von der Tür weg, aber nur, um sich gleich wieder zur korrigieren. Er würde ihr nicht näher kommen als notwendig. Schweigend lauschte er ihrer Erklärung und ließ zu, dass sich die Kälte unaufhaltsam in seinen Adern ausbreitete.
      "Vielleicht solltest du damals nicht überleben, Sylea, aber du hast es. Du bist am Leben", trotze Cain, bei dem lapidaren 'Naja' zuckten seine Augenwinkel. "Nur weil du damals sterben solltest, ist das kein Grund alles mit Füßen zu..."
      Er kam nicht weiter, denn Sylea unterbrach ihn.
      Die Härte in ihrer Stimme war ihm fremd.
      Noch befremdlicher war, dass er keine Spur von Ascan darin fühlte. Er fühlte sich wie ein ungezogenes Haustier, dass gerade in seine Schranken verwiesen wurde. Passend dazu, ertönte ein schwaches Knurren.
      "Ich wünschte, du hättest ernsthaft versucht, bevor ich dir das antun konnte."
      Nicht er. Ich.
      Damit trat Cain zur Seite und gab den Zugriff auf die Tür frei. Sylea hätte jede beliebige Tür nutzen können. Der Akt war mehr symbolisch. Mit einem schweren Seufzen glitt der Seeker langsam an der Wand herunter und verharrte bewegungslos neben der Tür, wie der klägliche Abklatsch eines Wächters. Er nickte geschlagen.
      Das Gold seiner Aura zog sich eng um seinen Körper zurück. Es war ruhig und mutete so glatt an, dass alles, das sich im näherte womöglich daran abprallte. Er suchte seinen Anker nicht bei Sylea, sondern schloss konzentrierte die Augen. Viele Worten drängten sich auf seine Zunge. Die meisten davon begleiteten den Wunsch, die verletzte Frau auf Knien um Gnade anzubetteln, doch Cain driftete bereits in eine Form von Meditation ab, die er lange nicht mehr angewendet hatte und die ihn von allem abschirmen würde. Zumindest für eine Weile. Am Ende kam nur ein Wort heraus.
      "Geh."

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      This is the problem with even lesser demons.
      They come to your doorstep in velvet coats and polished shoes.
      They tip their hats and smile and demonstrate good table manners.
      They never show you their tails.

      [The Language of Thorns - Leigh Bardugo]


      Mit einer engelsgleichen Geduld, die nur die Ewigkeit zu lehren vermochte, verschränkte der Babylonier die Hände in seinem Rücken. Nachdenklich glitt sind Blick über die Konturen der alten Ruine, die sich am nächtlichen Horizont aus dem Wüstensand emporhob. Von dem einstigen Glanz der berühmten Metropole war nichts mehr übrig außer karger Fels und den laienhaften Rekonstruktionen dieser Pfuscher, die sich selbst als Wissenschaftler und Historiker bezeichneten. Niemand, der Babylon nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte die Faszination dieser Stadt auch nur ansatzweise nachvollziehen. Die Sehnsucht, die Babylon in den Herzen jener geweckt hatte, die am Ende einer langen Reise die prächtigen Gärten, das kristallklare Wasser in den Kanälen und die aus weißem Stein erbauten Gebäude erblickt hatten, konnten sie nicht verstehen.
      Ein Juwel inmitten der kargen Wüste war Babylon gewesen. Eine reale Fata Morgana. Das verheißene Land unter einer erbarmungslosen Sonne und eine Zuflucht in finsterer Nacht, die nun von den weitentfernten Lichtern des neuzeitlichen Bagdads etwas erhellt wurde. Die grellen Stadtlichter trübten selbst aus großer Distanz den Nachthimmel, so dass Baltazar ein wenig Mühe hatte die altvertrauten Sternenkonstellationen aufzuspüren. Die Welt hatte sich gewandelt, seit er das letzte Mal einen Fuß in diesen Wüstensand gesetzt hatte. Obwohl nachts beinahe frostige Temperaturen herrschten, schritt der Babylonier mit nackten Wüsten durch den feinen Sand. Er spürte die winzigen Körnchen, die zwischen seinen Zehen hindurchrannen und die kleinen Steinchen, die seine Fußsohle kitzelten. Tiefer grub er die Zehen in den Sand und müsste der Konstrukteur eine Definition für das Gefühl ‚nach Hause kommen‘ verfassen, würde er diesen Augenblick beschreiben.
      Eine Veränderung in der friedlichen Atmosphäre stoppte Baltazar in seinem nächtlichen Spaziergang. Mit einer galant hochgezogenen Augenbraue warf er einen Blick über die Schulter in Richtung des schlichten Beduinenzeltes, dass unscheinbar zwischen ein paar aufgetürmten Felsbrocken platziert war. Die groben Stoffbahnen, die Wände und Decke des Zeltes bildeten, hielten nachts die Kälte und tags die Hitze fern. Ein wenig hatte Baltazar mit seinem Geschick als Konstrukteur dabei nachgeholfen. Das extreme Wüstenklima zehrte deutlich an seinem derzeitigen, sterblichen Gefäß und der Luxus moderner Klimaanlägen hatte seine Hitzetoleranz sicherlich nicht gefördert. Seine Aufmerksamkeit lag ganz allein auf dem zugeschlagenen Eingang des Zeltes, als er eine Erschütterung in einem Konstrukt spürte. Eine sanfte Vibration, die durch den Sand reichte und sich bin die letzte Faser seines Körpers übertrug. Ein kaum merkliches Lächeln zupfte an seinen Mundwinkel und wollte ihm doch nicht bis zu den Augen reichen. Die Mimik, die er mit freudiger Erwartung verband, stammte allein aus einer Erinnerung. Die kleine Rubra hatte sein großzügiges Geschenk also nicht entsorgt und offensichtlich hatte sie sich endlich dazu entschlossen, dessen Nutzen auf die Probe zu stellen. Baltazar hatte sich bereits gefragt, wie lange es wohl dauern würde, bis sie ihn aufsuchte. Irgendwann hätte er sicherlich den Spuren, die seine kaum erwähnenswerten Manipulationen durch seine Aura im Bein des Seekers oder des augenscheinlich nutzlosen Schlüssels im Weltgefüge hinterließen, gefolgt, aber wenn etwas im Überfluss besaß, war es Zeit.
      Baltazar trat an die zweckmäßige Feuerstelle heran, die er vor dem Beduinenzelt entzündet hatte und ließ sich elegant in einem Schneidersitz nieder. Über dem Feuer hing ein altertümlicher Teekessel aus gehärtetem Ton. Die Oberfläche war zweifellos von Hand bemalt, ebenso wie die der kleinen Tonbecher ohne Henkel. Eine sanfte Brise trug den orientalischen Duft von Zimt, Vanille und Nelken in das gemütliche Zelt. Sein unangekündigter und dennoch erwarteter Besucht würde beim ersten Schritt aus der hölzernen Falltür am Boden weiche, edle Webteppiche unter seinen Füßen spüren. Natürlich besaß das Zelt keinen ‚magischen‘ Keller und sicherlich hätte der Konstrukteur eine Tür in den Stoffen der Zeltwände bewerkstelligen können, aber das hätte nicht den gleichen Effekt erzielt. So erblickte der Besuch während er die hölzerne Klappe öffnete Stückchen für Stückchen das kleine Wunder, das Baltazar aus Fels und Sand geformt und gewandelt hatte. Großzügige Sitzgelegenheit mit weichen Fellen und Kissen mit fernöstlichen Stickereien luden zum Verweilen ein. In einer goldenen, mit Gravuren verzierten Goldschale glühte Räucherwerk und verströmte einen süßen, rauchigen Duft, der sich perfekt abgestimmt mit der Note des Tees vermischte. Die Lichtquellen im Zelt bestanden aus Laternen, mit geschwärztem Eisen und Glas gefertigt. Die einzelnen Elemente waren kunstvoll gebogen und gedreht. Die Szenerie wirkte alt und bar jedes modernen Schnickschnack. Alles ähnelte der extravaganten Ausstattung in seinen alten Privaträumen im Archiv, nur, dass es sich nun auch für Baltazar selbst echt anfühlte.
      Lediglich auf die traditionelle Kleidung hatte der Babylonier verzichtet. Es war ein seltsames Bild, wie er im schwarzen Anzug mit der fragwürdig, gemusterten Weste vor dem Feuer saß. Die teure Anzughose hatte er bis zu den Knöcheln hochgekrempelt und die polierten Schuhe standen am Zelteingang.
      Prüfend warf er einen Blick zum Zelt, aus dessen Inneren er das unnötige, aber stimmungsvolle Knarren der Türscharniere vernahm. Das aufgesetzte Lächeln auf seinen sonst regungslosen Gesichtszügen wurde breiter. Seelenruhig goss Baltazar, wie es sich gehörte um die alten Traditionen zu ehren, etwas Tee in einen der kleinen Tonbecher. Er horchte in die Welt hinein. In den kalten Sand, den leblosen Felsen, die heiße Glut, das vertrocknete Gras. Er spürte die junge Sylea Rubra und den alten Seelendieb Ascan in seine Realität treten. Der Babylonier stutzte kurz. Vor einer Weile noch, war es wesentlich einfacher gewesen, die Differenz in den Auren zu erspüren. Dennoch, war eine Aura ohne Zweifel in diesem Augenblick dominanter.
      „Sylea Rubra…“, sprach Mortimer beinahe andächtig, noch bevor er das Rascheln der Tücher vernahm. „Welch unverhofftes Vergnügen, dass Du mir ausgerechnet heute Abend Gesellschaft leistest und ganz ohne Deinen misstrauischen Leibwächter. Ärger im Paradies, meine Liebe?“
      Der Babylonier gluckste und schlug einen unverbindlichen Plauderton an.
      Er spürte das Ungleichgewicht, das Sylea umgab und mit einem flüchtigen Blick aus dem Augenwinkel musterte er ihre augenscheinlich gefasste Erscheinung. Fürs Erste ließ er den notdürftigen Verband um ihre Hand unkommentiert und auch die dunkeln Schatten unter ihren Augen. Von den eindeutigen Bisswunden und Kratzern an ihrem Hals ganz zu schweigen, die sie versuchte mit einem Stofffetzen zu verbergen. Mitgefühl war ihm vor langer Zeit abhanden gekommen. Jedenfalls glaubte er das, denn er hatte vergessen wie sich die Empfindung äußerte.
      "Bist Du, nein, seid ihr gekommen um mir das Versprochene zu bringen?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • „Ich wünschte, du hättest es ernsthaft versucht, bevor ich dir das antun konnte.“
      Syleas Mimik war eisern und entschlossen, sie ließ keinen Zweifel zu, dass sie ihre Worte auch nur ansatzweise bereute. Sie zeigte auch nicht, wie gern sie Cain widersprochen hätte, dass das Wesen, was sich vor Minuten seines Körpers bemächtigt hatte, nicht er gewesen war. Beide besaßen nun etwas Fremdes in ihren Seelen, das sich eingenistet hatte, aber immer fremd bleiben würde. Keiner dieser Teile gehörte zu der eigentlichen Person, die als Wirt herhalten musste. Es brachte ihr nichts, seine Annahme jetzt zu korrigieren; das Ergebnis wäre nur noch mehr verlorene Zeit sowie ein Gespräch, getrieben von Überhitzung, Abscheu und Verzweiflung.
      Also beobachtete das Vessel den Seeker dabei, wie er zur Seite trat und an der Wand in die Hocke ging. Ihr eigenes Herz war nur noch so groß wie eine Walnuss, zusammengepresst auf das kleinstmögliche Maß. Das, was sie die letzten Minuten gesehen hatte, verdrängte sie in die dunkelsten Kammern ihrer Erinnerungen und das Pochen ihres gesamten Körpers, der sich allmählicher aller Blessuren bewusst wurde, erklang rhythmisch zu ihrem Herzschlag. Ihre Miene wurde urplötzlich weich und erledigt, als sie sich sicher war, dass er seinen Kopf kein weiteres Mal heben würde. Sein letztes Wort an sie reichte, damit sie nickte und sich vorwärts schleppte, um den magischen Schlüssel, zumindest glaubte sie er sei magisch, ins Schloss zu stecken und eine gähnende Leere zu öffnen, aus der ihr grünliche Aura entgegen schwappte. Ohne zu zögern ließ sie sich vom Dunkel verschlucken und zog die Tür hinter sich ins Schloss.


      Es war dunkel. Es war kalt. Es war todesstill. Sowohl in ihrem Kopf als auch die Umgebung waren absolut ruhig während sie im Dunkeln weitertastete und sich an Gegebenheiten festhielt, die sie besser nicht hinterfragte. Einzig an der grünen Aura, die wie ein feiner Nebel ihr den Weg wies, konnte sie sich orientieren und mit jedem Schritt spürte sie die Blessuren stärker. Ihr Hals zog fürchterlich, ihr Bauch brannte wie Feuer und jede Berührung mit ihrer linken Hand schmerzte.
      Irgendwann hielt Sylea im Dunkeln inne. Ihr Atem ging schwerer als gedacht, aber sie war sich sicher, dass Noten eines Feuers in der Luft lagen. Das, und irgendwelche Gewürze, die sie nicht zuordnen konnte. Ascan hingegen reagierte darauf stumm; es fühlte sich an, als verspüre er bei diesen Gerüchen eine Art Wonne. Davon ließ sie sich nicht irritieren.
      Vor ihr erfühlte sie eine Art Leiter, die in den Stein – war es Stein? – gehauen worden war. Daran kletterte sie nach oben, ächzte bei jeder Bewegung und fluchte laut, als ihr Kopf gegen etwas Hartes stieß. Sie betastete das Hindernis und fand ein Scharnier, das sie aufschieben konnte und die Decke als Zwischenboden enttarnte. Vorsichtig hob sie die hölzerne Tür an und kniff die Augen zusammen, als warmes Licht in die völlige Dunkelheit fiel. Rauch und Zimt und Nelken schlugen ihr entgegen, das Knistern eines Feuers drang leise an ihr Ohr. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an das Licht und wurden allmählich größer, als sie bunte Farben, Teppiche und flatternde Zeltwände entdeckte. Hier fühlte es sich wärmer an als in dem dunklen Gang, den sie bis eben noch bestritten hatte, doch vom Babylonier fehlte jedwede Spur. Schwerfälliger als gedacht entstieg sie der Falltür und schloss sie möglichst leise hinter sich, um den Blick ein weiteres Mal schweifen zu lassen. Das hier stand im krassen Kontrast zu dem Versteck im Untergrund, tief unter der Erde vergraben und ohne Aussicht auf Tageslicht. Vom Thema her glich die Ausstattung den Teilen des Archives, die er als sein Privatgemach auserkoren hatte. Aber irgendetwas, und Sylea konnte ihren Finger nicht drauf legen, fühlte sich dennoch anders an. Nachdem Mortimer geflüchtet war, musste er irgendwo untergekommen sein. Es stellte sich also nur noch die Frage, wie viel hiervon tatsächlich echt war, denn alles, was ihr in die Augen fiel, war von dem grünlichen Aurenschleier des Konstrukteurs durchzogen. Das Zelt hier war jedenfalls komplett aus seiner Hand geschaffen.
      Ganz subtil schickte Sylea ihre Aura aus und traf schon vor dem Zelt auf den Ursprung der grünen Aura. Tief atmete sie das Räucherwerk ein und versuchte, das Brennen ihres Körpers in den Hintergrund zu schicken, bevor sie über die weichen Teppiche schlich und die Stoffbahn anpeilte, die zum Eingang des Zeltes gehörten musste.
      Ungewöhnlich deutlich zuckte das Vessel zusammen, als Mortimers Stimme sich über das Knistern des Feuers und das leise Rauschen des Windes erhob. Sie hatte ja gewusst, dass er ihr Eintreffen sofort bemerken würde, aber bei dem Klang seiner Stimme bekam sie noch immer ein mulmiges Gefühl. Die Wunde an ihrem Hals schrie auf, als sie zur Seite sehen wollte, und schmerzhaft zog sie ihre Nase kraus. Das würde schon alles werden. Immerhin hatte sie ja einen Plan.
      Mit falscher Selbstsicherheit schlug sie den Stoff am Zelteingang zurück und trat aus dem Zelt. Die Kälte, die ihr sogleich entgegenschlug, verschlug ihr mindestens genauso sehr den Atem. Die Wärme des Zeltes wich einem eisigen Windzug, der ihr gleichermaßen die Sprache verschlug. Das Feuer, an dem der Babylonier saß und im lockeren Plauderton vor sich hin brabbelte, fiel ihr nur kurz in den Blick, denn die Umgebung war eine völlig andere Sache. Sylea sah das erste Mal in ihrem Leben eine Wüste. Sand, wohin das Auge reichte, wenn auch nicht so strahlend gelb oder rot, wie man sich ihn vorstellte, sondern gräulich oder weiß, gefärbt durch das Mondlicht, das vom wolkenlosen Himmel herabstrahlte. Dünen versperrten einem die Sicht und Felsgespinste ragten statt Bäumen in die Höhe. Hier hörte man nichts außer dem Knistern des Feuers, dem Wind sowie das Flattern der Zeltwände. Das hier war ein anderes Monstrum, nicht zu vergleichen mit den dichten Wäldern, wo sie sich zu verstecken gelernt hatte. Hier gab es nichts. Hier war man schutzlos.
      Das heftige Erschaudern wegen der Kälte bescherte der Bewunderung ein jähes Ende und brachte Syleas Aufmerksamkeit wieder zu Mortimer, der gerade Becher mit einer Kanne befüllte. Schwerfälliger als gewollt stolperte sie auf das Feuer zu, da ihre Füße im Sand wegsackten. Auch das war ein Gefühl, das sie noch nicht kannte, aber die Kälte zwang sie näher an das Feuer heran. „Mein Leibwächter hat leider einsehen müssen, dass er dieser Rolle nicht mehr gerecht wird“, sagte sie und wollte sich langsam neben dem Feuer niederlassen, doch das letzte Stück gaben ihre Beine schließlich nach. Scharf sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein, als ihr Körper sich gegen die gekrümmte Haltung sperrte und das Brennen wieder aufflammte.
      „Ein Handel war ein Handel, oder nicht? Was wäre ich denn für ein Vessel, wenn ich meine Versprechen nicht halten würde. Ich habe die Aufzeichnungen dabei, aber es wird dir nicht viel bringen. Du wirst sie nicht lesen können, das Siegel funktioniert noch immer.“
      Einmal hatte Sylea die Aufzeichnungen an Cain gegeben, der das lederne Buch öffnen sollte. Egal, wie viel Gewalt er anwandte, es ließ sich nicht öffnen. Erst in ihren Händen schlug man das Buch auf wie gewohnt, der Mechanismus dahinter war nicht gebrochen. Ascan hatte ihr erzählt, wie es funktionierte, und wenn er nicht gewollt hätte, dass sie das Buch abgaben, dann hätte er dies längst kundgetan. Also musste er das, was auch immer er aus dem Buch wollte, schon bekommen haben. Ohne es ihr zu sagen.
      „Ich bin ohne Cain hier, weil ich noch mehr… zu besprechen habe. Nur wollte ich damit nicht direkt anfangen, das ist unhöflich. Wo sind wir hier überhaupt? Oh, danke“, fragte sie und nahm ganz automatisch den Tonbecher entgegen, den Mortimer ihr anbot und aus dem Dampf emporstieg. „Das hier ist eine Wüste, richtig? Ich dachte immer, die seien heiß und unerbittlich und nicht so eiskalt.“
    • Der Babylonier hatte einen...wie sagten die Menschen heute noch gleich? Er hatte einen wunden Punkt getroffen. In den smaragdgrünen Augen leuchtete die unverhohlene Neugierde. Sein Verdacht war ein Schuss ins Blaue gewesen. Beunruhigend interessiert beobachtete Baltazar die ungelenken Bewegungen, die Sylea eindeutig große Schmerzen bereiteten. Das Mädchen plumpste geradezu in den kühlen Wüstensand.
      Der flackernde Schein des Feuers gewährte ihm einen besseren Ausblick über das Ausmaß der Verletzungen. Er vermutete, dass die Karte aus Schrammen, Kratzern und Bissspuren sich unter der Kleidung noch weiter über ihren Körper erstreckte. Ungerührt schenkte der Babylonier sich selbst etwas Tee ein und nippte gemächlich daran, als hätte er alle Zeit der Welt zur Verfügung.
      "Er hat also noch nicht gelernt den Grimm zu kontrollieren", erwiderte der ehemalige Archivar nüchtern. "Bedauerlich."
      Keine Nuance seiner Stimme untermauerte das geäußerte Bedauern. Über die dramatische Entwicklung schien Baltazar eher...amüsiert.
      In einer stillen Aufforderung streckte er Sylea die Hand entgegen und wartete geduldig bis sie die Memoiren aushändigte. Das Buch wog schwerer, als in seiner Erinnerung und mit einem Anflug kindlicher Frustration zogen sich seine Mundwinkel nach unten. Er hatte sich mehr von dem Deal mit Ascan versprochen, aber offensichtlich hatte er hier auf das falsche Pferd gesetzt. Die Abmachung war gewesen, dass der zwielichtige Seelendieb ihm das Wissen des Buches übersetzte. Dieses Vorgehen garantierte leider nicht, dass Ascan es auch wahrheitsgemäß wiedergab.
      Rückblickend war es kein guter Tausch. Die Sprache zu übersetzen würde ihn eine Ewigkeit kosten, aber das essenzielle Problem blieb: Er konnte das Buch nicht öffnen. Um die alte Sprache zu studieren, war das aber leider unerlässlich.
      Die Teekanne, die noch immer wie von Geisterhand geführt über dem Feuer schwebte, erzitterte.
      "Sag mir, Sylea, liege ich korrekt in der Annahme, dass dein silberzüngiger Freund nicht vorhat das Siegel für mich zu brechen?"
      Der Reiz des unentdeckten Wissens hatte ihn vergessen lassen, diese durchaus wichtige Bedingung in den Deal einzubauen.
      Im Grunde waren die Memoiren jetzt nutzlos für ihn. Sie waren ein Teil staubiger, alter Geschichte und wie alles aus vergangener Zeit würde er auch dieses Artefakt wieder in seine Sammlung zurückführen. Beinahe zärtlich tätschelte er den Buchrücken, ehe er das antike Stück in seinem Schoß ruhen ließ.
      Bei Syleas nächsten Worten spitzt er die Ohren.
      "Nun, dann ist es wohl nur höflich, wenn ich dir zuerst deine Fragen beantworte."
      Mit der freien Hand machte Baltazar eine ausschweifende Geste und deutete auf die endlose Sandwüste.
      "Tagsüber ist es tatsächlich unerträglich heiß. Es ist so heiß, dass du dir die Sohlen deiner nackten Füße im Sand verbrennen könntest. Nachts ist es kalt. In der Wüste kannst du an Hitze und Kälte sterben. Das macht sie so...unerbittlich. Die Gegend hier nennen die Menschen heute den Irak. Zu meiner Zeit, als ich diese Wüste meine Heimat nannte, trug sie noch einen anderen Namen."
      Baltazar sah in Richtung der Ruinen.
      "Zwischen Euphrat und Tigris den zwei lebensspendenden Strömen erstreckte sich das altbabylonische Reich. Die Wiege der Zivilisation, nennen es die Historiker und dort hinten", Baltazar bedeutete Sylea in Richtung der antiken Ruinen zu sehen. "ist alles, was vom Glanz und der Pracht des alten Babylon übrig ist."
      Über das jugendliche Gesicht des Babyloniers huschte ein Lächeln, das beinahe als wehmütig durchging.
      Noch einmal deutete er auf die karge Landschaft, die sie unmittelbar umgab.
      "Ungefähr an dieser Stelle, hier, wo wir nun sitzen und plaudern, stand ein kleines Haus aus Sand, Stein und Lehm."
      Er sah Sylea mit glühenden Augen an.
      "Willkommen in meinem Zuhause, Sylea Rubra. Und nun, sag mir, warum du meinen Schlüssel benutzt hast und mich ausgerechnet heute in den bescheidenen Erinnerungen meines Heimes aufsuchst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Nur einem unaufmerksamen Menschen wäre entgangen, wie Mortimer Sylea betrachtete. Ihre Bewegungen waren ungelenk, ihr Eindruck offensichtlich stark betroffen und folglich ließ es nur den Rückschluss zu, dass der Babylonier so seine eigenen Gedanken und Überlegungen dazu anstellte. Dass er dies aber mit einer Neugierde tat, die mehr aus seiner Aura als noch aus seinen Augen sprach, jagte Sylea ein ganz anderes Frösteln über den Leib. Da half selbst das knisternde Feuer unmittelbar vor ihr nicht viel.
      „Ich denke, er wird es nicht können. Nie. Aber schon spannend, wie du eher über meinen Zustand amüsiert bist als über die Tatsache, dass wir überhaupt lebend aus dem Hell Gate entkommen sind“, sagte das Mädchen bevor sie einen Schluck des Tees nahm. Natürlich wusste er, dass sie es überlebt hatten, immerhin war Cain der beste Tracker dafür gewesen. Nur die Umstände, wie es passiert ist, waren ihm nicht bekannt und eigentlich hatte Sylea darauf gesetzt, dass er dieses Wissen ebenso sehr haben wollte wie den Inhalt der Memoiren.
      Schließlich kam der Moment, vor dem sie sich am meisten fürchtete, schneller als erwartet. Schon kurz darauf streckte der ehemalige Archivar seine Hand in einer auffordernden Geste aus und Sylea schluckte, ehe sie das Buch unter ihrem Oberteil hervorzog und es ihm reichte.
      Du kannst dich glücklich schätzen, dass er seine Forderungen damals unspezifisch gestellt hat. Andernfalls hätte ich dir abgeraten, ihm das Buch zu geben.
      Dessen war sich Sylea vollkommen bewusst. Genauso wie der Tatsache, dass Mortimer das Buch musterte und dann wohl feststellte, dass es sich noch immer nicht öffnen ließ und er die nicht ausreichende Spezifikation seiner gestellten Forderung bemerkte. „Natürlich nicht. Sonst wäre er nicht auf den Handel eingegangen.“
      Innerlich brüstete sie sich bereits damit, dass gleich Handgreiflichkeiten ausbrechen würden. Die Hand um den Becher schloss sich fester und das Brennen an ihrem Körper rückte weiter in die Ferne. Mit einer geschickt gestellten Ablenkung versuchte Sylea, mittels Fragen ihn vom Unausweichlichen abzulenken und zu ihrem Erstaunen funktionierte es sogar. Ihr Blick folgte seiner Handbewegung und bei der Erwähnung des Iraks ging ihr ein kleines Lichtchen auf. Das war eines der Länder, die sie mal auf geographischen Karten in Zeitschriften gesehen hatte. Das hieß, sie waren meilenweit von Großbritannien entfernt. Einfach von hier aus zurücklaufen wäre nicht möglich, aber andererseits würde niemand vermuten, dass sie hier wäre. Wie sie hierhin gekommen wäre… In Schottlang wäre sie einfach von der Bildfläche verschwunden und niemand konnte nachvollziehen, wo sie war.
      Ein eigens gewähltes Exil. Allein. Ohne Aussicht auf Freude, Liebe und Heilung, sondern auf den gewissen Moment, in dem Ascan über ihre Seele siegen würde.
      Syleas Augen hielten Mortimers grünen Iriden eisern stand. Er hatte ihr nicht irgendeinen Schlüssel mitgegeben, sondern zu dem Ort, von dem er entstammt. „Ich nehme das mal als eine Art Zugeständnis, wenn du mir wortwörtlich den Schlüssel zu deinem Heim gibst.“
      Ob sie das wirklich zuversichtlicher machte, würde sie nicht behaupten können. Wie befürchtet hatte sie sämtlichen ihr bekannten Boden verlassen und war nun vollkommen ergeben im Territorium des Babyloniers, wenn auch nicht wehrlos. Allerdings war sie nicht zum kämpfen gekommen, sondern zum Handeln.
      „Hast du ein Messer in Griffweite oder kannst mir eines leihen?“, fragte sie unvermittelt und bemerkte sofort, wie Ascan in ihren Gedanken stolperte. Die unausgesprochene Frage nach dem Warum geisterte durch ihren Verstand, doch sie schob sie beiseite. Stattdessen bekam sie dafür Mortimers Antwort, der etwas von ihrem Blut dafür verlangte. Ihre Miene war ausdruckslos, innerlich schrien dafür alle Alarmglocken auf. Wenn jemand wusste, wie potent Blut sein konnte, dann Sylea und Ascan, wodurch diese Option direkt ausfiel. Also suchten ihre Augen nach einer anderen Möglichkeit und fand sie bereits unlängst in ihrer Hand. „Dann nicht.“
      Sie warf den Tonbecher gegen den Steinkreis des Feuers, der daraufhin in etliche Scheiben zerbarst. Willkürlich griff sie sich eine davon, untersuchte flüchtig die Kante und wickelte sich hastig den Stofffetzen ihrer linken Hand ab. Die herausgerissenen Nägel hatten nicht geblutet, schmerzhaft waren sie dennoch. Zu diesem Zeitpunkt war ihr gesamter Körper eine einzige Schmerzquelle, sodass eine weitere den Kohl wohl auch nicht mehr fett machen würde. In einer schnellen Bewegung schnitt sich Sylea mit der Scherbe die Handinnenfläche auf und warf sie anschließend ins Feuer, wo das Blut umgehend verkrustete. Dann nahm sie mit den Fingern ihrer rechten Hand Blut auf, zog sich den Kragen ihres Oberteils nach unten und setzte die Finger oberhalb des rechten Schlüsselbeins an. Während alldem hielt sie Mortimers Blick fest, nun nichts anderes als Kälte in ihren Augen.
      Sie schaffte eine Rune, dann hatte Ascan begriffen, was sie tun wollte.
      Ihre Hand verkrampfte sich, das Gesicht verwandelte sich in eine Grimasse, als Ascans Aura jene von Sylea zu verschlucken suchte. Er setzte keine Worte ein, um seinen Unmut kundzutun, sondern focht in einem stummen Kampf mit dem Vessel um die Herrschaft des Körpers. Sehr zu seinem Verdruss musste Ascan feststellen, dass er nicht mehr so leicht die Kontrolle übernehmen konnte, wie noch vor Monaten. Sylea hatte sich auch bei ihm eingenistet, ob er es zugeben wollte oder nicht, und kannte seine Muster, seine Herangehensweisen, die sie nun augenblicklich torpedierte.
      „Warte“, presste sie undeutlich an Mortimer gewandt hervor in der Hoffnung, dass er diesen Ausbruch nicht als Angriff auf sich werten würde. Quälend langsam bewegten sich ihre Finger vorwärts, zeichneten wackelige dunkelrote Linien nacheinander auf die blasse Haut. Ascans Einwand wurde immer stärker, er erdrückte sie regelrecht und es kostete Sylea alle verbleibende Kraft, ihm standzuhalten und ihre Aura durch seine hindurch zu manövrieren. Als er bemerkte, dass sie immer weiterkam, brach er sein Schweigen schließlich doch.
      Du glaubst doch wohl nicht, dass du mich einfach aussperren kannst. Ohne mein Wissen wüsstet du nicht mal, wie diese Runen funktionieren!
      Möchtest du ein Danke? Danke für den Scheiß, Ascan.
      Du kleines, widerwärtiges Stück A-
      Weiter kam Ascan nicht, da Sylea die letzte Rune vervollständigt hatte. Sie fühlte umgehend, wie Ascans Bewusstsein in eine unendliche Ferne geriet und hinter dicken, schweren Wänden verschlossen wurde, wenn auch nur temporär. Der Zug, der sich nach Vollendung der Runen einstellte, kam mindestens genauso schnell. Auch dieses Mal wusste sie nicht um den Preis für solche Runen, aber der Schmerz kam sofort und überwältigend. Sie krümmte sich ein und gab würgende Geräusche von sich, als sie den Preis bezahlte. Sie fühlte das Ziehen in ihrem Kiefer, das Explodieren von Schmerz und das Geräusch von knirschendem Sand zwischen ihren Zähnen in ihrem Kopf. Blut füllte in einem Schwall ihre Mundhöhle, sie spuckte es in den hellen Sand vor sich aus, der sich sofort dunkel verfärbte. Weitere Übelkeitswellen erfassten das Mädchen, selbst als der Blutschwall vorüber war und sie mit der Zunge fühlen konnte, dass ihr zwei Backenzähne fehlten. Aber noch war es nicht vorbei. Mortimer wollte ihr Blut haben und ihre Hand war gerade der einfachste Weg dafür.
      Sylea riss den Kopf hoch, auf dessen Stirn kalter Schweiß stand. Ohne zu zögern langte sie nach vorn in die züngelnden Flammen, umschloss mit ihrer Hand einen Stein und zuckte sofort mit der Hand und einem Schrei wieder zurück. Der kurze Kontakt hatte ihre Hand versengt, sodass der selbstzugefügte Schnitt kauterisiert wurde. Die sonst so klaren Augen verloren allmählich gegen die Trübheit, als der Schmerz sich zu einer allgegenwärtigen Taubheit wandelte.
      „Ich biete dir“, sie unterbrach sich und spuckte nochmal Blut aus, „Ich biete dir einen Handel an. Ich breche das Siegel und gebe dir vollumfänglichen Zugang zu den Memoiren, wenn du meinen Bedingungen zustimmst, die ich noch genauer ausformulieren werde und nicht jetzt sofort mit den folgenden Worten bindend sind.“ Sie hatte bereits geahnt, dass die Umstände es nicht zulassen würden, direkte Forderungen bindend zu stellen und sie mehr Zeit benötigte. „Ich will, dass du zu einem bestimmten Zeitpunkt Cain in Sicherheit bringst. In dem Zuge wird das Siegel ausschließlich für dich gebrochen und ich will, dass du Cain Schutz gewährst, ihm weder körperliche noch geistigen Schaden zufügst und sicherstellst, dass er das Leben lebt, welches ich ihm schenken werde. Kannst du das tun?“
      Das waren Forderungen, die das Ende einleiteten. Das Ende, das Sylea in den letzten Wochen bei Ennis und Mairead mit Ascan zusammen entwickelt hatte, ohne dass er es hätte ahnen können. Es gab einen Weg, der zusammen mit Dagda bestreitbar wäre und nur einen einzigen Preis fordern würde, um den größtmöglichen Mehrwert zu generieren. Nur würde sie das Wissen dafür mit ins Grab nehmen, wenn es jemals soweit käme. Dies war ihr absolut letzter Ausweg, falls ihr am Ende keinerlei Optionen mehr bleiben sollten.
    • Der Babylonier neigte das Kinn und verbarg den Anflug eines Lächeln hinter dem Becher. Über die lodernden Flammen hinweg musterte er Sylea mit einem Hauch von Anerkennung. Kluges Mädchen, das versuchte ihn mit seinem unstillbaren Wissendurst zu ködern. Statt den dargebotenen Köder zu schlucken, schüttelte Baltazar den Kopf.
      "Ich lebe lange genug, um zu wissen, dass sich niemand in die Angelegenheiten eines Gottes einmischen sollte", antwortete der Archivar wahrheitsgemäß. "Nicht, dass ich jemals einem leibhaftigen Gott - oder Göttin - begegnet wäre. Rückblickend sollte ich vielleicht gekränkt sein, dass eine Gottheit wie Dagda unseren gemeinsamen Freund als größere Bedrohung empfindet. Andererseits ist Eitelkeit kein Charakterzug den ich sonderlich bewundere und ein mangelndes Interesse der Götter beschwert mir ein einigermaßen, unbeschwertes Leben. Also, schweren Herzens: Nein, das ist kein Wissen, das ich begehre."
      Er legte die Hand erneut auf das Buch in seinem Schoß.
      "Ah, ein Anfängerfehler. Wie unerfreulich", murmelte Baltazar aufgrund der unverblümten Antwort des Vessels. "Da habe ich mich wohl zu sehr hinreißen lassen. Die Vorstellung dieses Wissen zu ergründen, war einfach zu verlockend."
      Baltazar nahm sich Zeit Sylea zu betrachten. Die Art, wie sich ihre Finger fest um den Becher klammerten und sie sich weigerte, den Blick zu senken. So entschlossen. So willensstark. Was hätte dieses Mädchen für eine Zukunft haben können, wenn ihre Eltern nicht beschlossen hätten, sie einer uralten Seele wie Ascan zu überlassen.
      Sylea zeigte keinerlei Reaktion auf seine unverschämte Bezahlung für seine Dienste. Der Babylonier konnte lediglich vermuten wie die Gedanken in ihrem Kopf unaufhörlich arbeiteten und Freudensprünge über den genannten Preis hatte nun wirklich nicht erwartet. Die Gelegenheit das unverfälschte Blut des Rubra-Clans in die Finger zu bekommen, bot sich nicht alle Tage und es könnte seine einzige Chance für eine lange, lange Zeit sein. Niemand konnte ihn dafür verurteilen, es wenigstens versucht zu haben.
      "Bedauerlich", seufzte Baltazar.
      Was dann geschah, überraschte selbst eine alte Seele wie den Babylonier. Ohne Rücksicht auf Verluste zerschmetterte Sylea den Becher, angelte eine der Scherben aus dem Wüstensand und fügte sich einen langen, tiefen Schnitt in der Handfläche zu. Es blieb kaum Zeit die malträtierten Fingerkuppen genauer unter die Lupe zu nehmen, denn Sylea setzte die blutigen Finger mit eindeutiger Intention über der nackten Haut ihres Schlüsselbeines an. Die Handlung reichte aus um den Babylonier in Alarmbereitschaft zu versetzen. Der Sand um ihn herum wirbelte in alle Himmelsrichtungen auf, als er in einer fließenden Bewegung vom Schneidersitz in die Hocke wechselte. Seine rechte Hand schnellte nach vorn in den abgekühlten Wüstensand bis er seine Finger tief darin vergrub. Die smaragdgrüne Aura flammte auf, bündelte sich um seine eingegrabene Hand und floss in den Sand zu ihren Füßen. Ein seichtes Beben pulsierte durch den Boden, als Baltazar sich Vorkehrungen für eine notwendige Verteidigung ergriff. Die blutroten Linien der Rune schimmerten bedrohlich im Schein des Feuers und bevor Sylea ihr Werk vollendete, schossen felsige Dornen aus dem Wüstenboden. Baltazar verdichtete unzählige Sandkörner bis massiver, harter Fels entstand. Die tödlichen Spitzen ragten in Syleas Richtung und er war durchaus bereit, das Mädchen in ein hübsches Nadelkissen zu verwandeln.
      "Warte."
      Etwas im Klang der gequälten Stimme ließ den Babylonier inne halten und knirschend stoppten die Felsendornen wenige Zentimeter vor ihrem Ziel. Eine stumme Warnung lag flimmerte über die Gesichtszüge des Bibliothekars. Die kühle Nachtluft lud sich mit der Energie zweier alter, mächtiger Auren auf bis sich die feinen Härchen auf seinen Armen aufstellten. Ein Moment der angespannten Stille verstrich ehe der von Schmerzen gebeutelte Leib der Rubra sich krümmte. Würggeräusche übertönten das Rauschen des kühlen Windes und als Sylea einen Blutschwall in den Wüstensand erbrach, zerfielen die Dornen zurück in ihre ursprüngliche Form. Im spärlichen Licht des Feuers glaubte Baltazar Zähne im Sand zu entdecken. Ehrliche und unverfälschte Fassungslosigkeit zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, denn sie war noch nicht fertig. Ohne jeglichen Zögern presste sie ihre blutige Hand gegen einen der glühenden Steine, bis Baltazar der Gestank von verbranntem Fleisch in die Nase stieg. Ein ganz und gar menschlicher Zug bahnte sich seinen Weg, denn er zuckte unwillkürlich nach vorn, um sie von dieser Torheit abzuhalten. Erst, als das Zischen von Haut auf Stein verstummte, stieß Baltazar hörbar den Atem aus.
      Langsam erhob er sich, kam auf die Füße und umrundete das Feuer bis er neben Sylea verweilte, die den Eindruck erweckte jeden Augenblick das Bewusstsein zu verlieren. Der von Schmerz und Schock gebeutelte Körper schwankte etwas. Erstaunlich, wie viel dieser zierliche Körper aushielt bevor die Verlockung nach der schmerzlosen Bewusstlosigkeit letztendlich Überhand nahm. Sie hielt sich tapfer. Nachdenklich sah er auf sie herab.
      "Die Dinge, die wir für die Liebe auf uns nehmen. Nicht, dass ich eine Ahnung davon hätte...", murmelte er. "Du erstaunst mich, Sylea Rubra, und das kommt nun wirklich nicht alle Tage vor."
      Er führte eine Hand vor seine Oberkörper und krümmte die Finger in geübten Mustern. Die Teekanne erhob sich von der Feuerstelle und schwebte zu ihnen herüber, der Deckel vibrierte hörbar als Baltazar den leblosen Gegenstand in eine neue Form Zwang. Henkel und Ausguss verformten sich zu den zwei neuen Griffen und der übrige Tee zischte und blubberte bis klares, kaltes Wasser am Boden der Schale friedlich hin und her schwappte. Er ließ die neugeformte Schale zu Boden gleiten. Der Babylonier zupfte das Einstecktuch aus seinem Sakko und reichte es Sylea um übriges Blut und Asche abzuwaschen.
      "Verbrenn es, wenn du dich damit sicherer fühlst", raunte er ehe sein Blick zu den Ruinen in der Ferne schweifte. Er dachte über ihr Angebot nach. "Ich kann, Sylea. Die Frage ist: Wie willst du sichergehen, dass ich mich an meinen Teil des Deals halte, sobald du das Siegel gebrochen hast? Du scheinst davon auszugehen, dass du das Ziel eurer Reise nicht mehr verlassen wirst."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Welt wankte.
      Obwohl sich Sylea sicher war, festen Boden unter sich zu haben, schwankte es erheblich vor ihren Augen. Ihr ganzer Körper fühlte sich kurz zuvor noch taub an, aber langsam und mit einer donnernden Gewissheit hielt der Schmerz Einzug. Er brannte sich gnadenlos durch jede Synapse, strahlte nun nicht mehr nur von ihrem Körper, sonders besonders von ihrem Mund sowie der Hand aus. Sekündlich schwoll der Schmerz an und bündelte sich langsam aber sicher mit einer Übelkeit, als sie den Geschmack von Eisen noch auf der Zunge hatte. Ihr eigenes verbranntes Fleisch roch sie nie, das warme Blut im eingetrockneten Sand spürte sie nicht. Dafür nahm sie überdeutlich die Auren wahr, die die Luft schwängerten und beinahe genauso gut wie Säure hätten eingesetzt werden können.
      Das Vessel war so sehr darauf bedacht, ihre Worte recht zu formulieren, dass ihr erst Augenblicke später auffiel, dass Baltazar nicht mehr ihr gegenüber am Feuer hockte, sondern neben ihr stand. In einem recht kläglichen Versuch wollte sie zu ihm aufsehen, doch der Schwindel hätte sie von den Füßen geholt, weshalb sie lieber das Feuer im Blick behielt. Es tanzte mit seinen Flammen so sehr wie die Welt um sie herum. Dafür bekam sie allerdings ein Tuch gereicht, für das sie nun wirklich kein Misstrauen mehr erübrigen konnte. Mit zittrigen Fingern ergriff sie den Stoff mit ihrer gesunden Hand, um ihn mit Wasser zu befeuchten.
      „Da ein Blutschwur bei euch Seelen nur mittelmäßig funktioniert“, sagte sie träge und gab den Versuch auf, sich die Hand mit dem Tuch abzuwischen. Stattdessen legte sie die verbrannte Hand einfach direkt ins Wasser und sah zu, wie Fäden aus Asche und Blut aufstiegen. „Bedien ich mich an Ascans Können. Kein Blutschwur, ein Aurenschwur. Den nimmst du mit, selbst wenn du die Hülle wechseln solltest.“
      Denn genau so etwas Vergleichbares hatte Sylea gerade mit Ascan veranstaltet. Sie hatte die Kraft mit ihrem Blut angesammelt, aber im Endeffekt mit ihrer Aura zusammen jene von Ascan temporär komprimiert und gebannt. Der Ball an uralter Aura pulsierte wütend und nahm mit jeder verstreichenden Sekunde wieder an Masse zu, was ihr bewies, dass sie ihn auf diese Art und Weise niemals vollends beseitigen können würde. Dafür war er mittlerweile schon zu sehr Teil ihrer Selbst.
      „Brichst du den Vertrag, binde ich deine Aura an deine aktuelle sterbliche Hülle. Wenn ihre Zeit gekommen ist, wirst du mit ihr gehen. Kein Springen mehr von Körper zu Körper, Baltazar. Dann greift die Zeit auch wieder für dich.“
      Zusammen mit Ascan hatte Sylea diesen Plan entwickelt. Praktisch eine Art letzter Schachzug, falls sie sich in direkter Konfrontation mit dem Konstrukteur gesehen hätte. Wenn sich die Rubras in einer Sache verstanden, dann Konditionen aufstellen, die eine Seele oder Aura einschränkten. Es gab vermutlich nichts anderes auf der Welt, das dem Babylonier auch nur im Ansatz Bedenken hätte einräumen lassen können.
      Denn wenn er wollte, hätte er sie jetzt gerade spielend leicht beseitigen können. Sie präsentierte sich ihm vollkommen schutzlos und schwach, was entweder ein immenser Vertrauensbeweis oder unfassbar dumm war. Sollte sie zu Cain zurückkommen, konnte sie sich bereits auf eine Schelle einstellen. Wenigstens müsste sie die fehlenden Zähne nicht zu Sprache bringen.
      „Das wird mein Notfallplan. Falls doch alles den Bach runtergeht oder es passiert etwas, mit dem wir nicht umgehen können. Mit dem Grimm und Ascan sind wir alles andere als machtlos, aber wir wissen nicht, was uns dort erwartet. Ich will…. Für alles gerüstet sein. Also. Kannst du es? Wirst du es?“
    • Verblüfft senkte Baltazar den Blick erneut auf Sylea. Ein Aurenschwur. Das klang selbst in den Ohren des Babyloniers beunruhigend. Eine absolute Verpflichtung, die ihn an sein Wort binden sollte. Für einen wankelmütigen Charakter wie Baltazar war allein der Gedanke daran abstrakt. Sicherlich hatte er in den vergangenen Jahrhunderten notwendige Verbindungen geknüpft, hatte Abmachungen gewahrt und daraus einen Vorteil gezogen. Allerdings hatten sich diese stets leicht lösen und aushebeln lassen. Sobald er der Situation überdrüssig geworden war, hatte er sich spielend leicht aus dem Staub gemacht und einen neuen Kult, eine neue Gemeinschaft oder Organisation aufgegabelt. Menschen waren leicht davon zu überzeugen, ihm zu geben, wonach er verlangte, wenn er ihnen die Möglichkeit auf ein Stückchen seiner Macht in Aussicht stellte.
      "...Kein Springen mehr von Körper zu Körper, Baltazar. Dann greift die Zeit auch wieder für dich.“
      Und nichts fürchtete Baltazar mehr als den gnadenloses Lauf der Zeit. Er fürchtete sich vor dem Urteil, dass am Ende seiner Existenz auf ihn wartete. Dem Aurenschwur würde er sich nicht entziehen können. Mehr und mehr verwandelte sich das vermeintliche Angebot in eine dezente Drohung, sollte er es in Erwägung ziehen. Geduldig lauschte Baltazar bis die letzte Silbe im sanften Rauschen des Wüstenwindes verhallte. Mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck spähte der Babylonier in die Ferne. Die Stille zog sich in die Länge während der uralte Archivar die Vor- und Nachteile in eine gedankliche Waagschale warf. Er hatte Ewigkeiten auf eine Gelegenheit gewartet die Memoiren zu entschlüsseln, obwohl er nicht die Macht besaß, das Niedergeschriebene jemals in die Praxis umzusetzen. Aber allein das Wissen um den Inhalt besaß einen unschätzbaren Wert und er hatte eine zweite Ewigkeit zur Verfügung, um die alte Sprache darin zu lernen und zu entschlüsseln. Wenn er etwas besaß, dann Zeit und diese schien augenblicklich gegen die junge Rubra zu laufen.
      Der Babylonier schloss kurzzeitig die Augen und horchte in die friedliche Stille der Wüste hinein. Seine Aura fühlte in den Untergrund hinein, in den Fels, den Sand, das Feuer, die Asche...und unmittelbar neben sich spürte er den noch schwachen Puls einer vertrauten Aura. Dumpf und vergraben unter zahlreichen Schichten wie in einem Kokon. Er bekam das untrügliche Gefühl, dass das Angebot erlosch sobald Ascan die Kontrolle zurück gewann. Baltazar musste sich entscheiden.
      "Nicht machtlos, aber das ist das nicht unerhebliche Problem mit der Kontrolle", murmelte er. "Irgendwann sind Fingernägel und Zähne nicht mehr genug, Sylea. Ich bin neugierig, wie weit du gehen würdest. Was käme dann? Ein Auge? Deine Zunge? Die Hand oder gar ein ganzer Arm?"
      Für den Bruchteil einer Sekunde erweckte Baltazar den Anschein, als würde er allein um diesem Ausgang beizuwohnen, das Angebot ausschlagen. Die Vorstellung war reizvoll und versprach eine seltene, einmalige Unterhaltung. Der Babylonier ging hinunter in die Hocke und begab sich auf Augenhöhe mit der erschöpften, jungen Frau, die sich kaum noch aufrecht halten konnte. Der kleine Seeker würde begeistert sein.
      "Ein Menschenleben ist kurz", begann er. "Umso kürzer sollte der Grimm ihn am Ende vollkommen aufzehren. Bedenke, dass ich nichts dagegen unternehmen kann, außer ihn einzusperren. Ich glaubte nicht, dass das Leben ist, das du dir für deinen Seeker wünscht."
      Er neigte den Kopf zur Seite und sah Sylea mit einem schwer zu deutenden Blick an.
      Jemand, der dem Babylonier nie begegnet war, könnte die Mimik mit einem Ausdruck von Verständnis verwechseln, aber dazu war Baltazar nicht imstande. Seine Gefühlswelt war zu verkümmert und abgestumpft. Aus dem Augenwinkel sah er das alte Buch an, dass vom Lichtschein der Flammen beleuchtet wurde.
      "Was ist die Dauer eines Menschenlebens gegen das uralte Wissen über unsere Herkunft. Ein Wissen das außer uns keine lebende Seele mehr bezeugen kann oder je bezeugen wird."
      Er ließ sich unzeremoniell neben Sylea in den Sand plumpsen als wäre sie zwei Freunde an einem gemütlichen Lagerfeuer. Fast behutsam nahm er ihr das Einstecktuch aus den zittrigen Fingern und wartete, bis sie die Hand aus dem Wasser zurückzog. Wortlos sah er von dem Tuch zu ihrer Hand, dann wieder hoch in ihr Gesicht und öffnete seine freie Hand um die Handfläche nach oben zu kehren, damit sie ihre verletzte Hand hineinlegen konnte.
      "Ich kann", teilte er ihr mit. "Ich kann und ich werde. Für ein gebrochenes Siegel und für die Berücksichtigung, dass sich der Grimm meinem Einfluss entzieht und dieser Umstand unsere Abmachung nicht zu meinen Nachteil beeinträchtigt. Ihn vor der Dunkelheit in seiner Seele zu beschützen liegt nicht in meiner Macht. Natürlich, kann ich ihn um jeden Preis am Leben halten, aber wie ich bereits sagte: Was für ein Leben wäre das, Sylea Rubra?"
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Die Preise, die Sylea für diese zwei Runenschlüsse gezahlt hatte, waren Anfängerpreise. Kinderkram, wenn man bedachte, welche Macht hinter dieser Fähigkeit stand. Schließlich war sie selbst der Beweis dafür, wie hoch die Kosten ausfallen konnten, je nachdem, was man bewirken wollte. Es hatte einige Zeit gedauert ehe sie vollends verstanden hatte, dass die Runen, die man ihr als Kind auf den nackten Leib gezeichnet hatte, nichts anderes gewesen waren. Man hatte mit ihrem Leben bezahlen wollen, um eine unbekannte Seele zu bannen. Dass ihre eigenen Eltern ohne zu zögern diesen Einsatz brachten, war ihr unbegreiflich. Vielleicht war sie gar nicht Teil einer fröhlichen Familie gewesen, sondern wurde gezüchtet wie… ein Opferlamm.
      „Das ist ja das perfide an diesen Runen. Die Preise fangen klein an, man bezahlt sie, ohne es zu wissen und beim nächsten Mal fehlt einfach ein Organ oder so“, versuchte Sylea müde mit den Schultern zu zucken, es gelang ihr allerdings nur in Zeitlupe. Auch der Aurenbund würde einen Preis verlangen, aber keinen, den sie umgehend zahlen musste. Es war vielmehr eine Kondition, das hatte Ascan ihr zumindest so erzählt.
      Die Gestalt neben Sylea bewegte sich und ging in die Hocke. Mit einem trockenen Schlucken hob sie den Kopf und begegnete Baltazars Blick. Wie schon damals war sie erstaunt über diese Farbe seiner Augen und sie jetzt so nah zu sehen, war noch eine Stufe eindrucksvoller. Wenn sie genau hinsah, dann sah sie etwas flackern und tanzen in diesen grünen Augen, die sie wesentlich lebendiger wirken ließen als die eines Menschen. Nur die Augen von Cain besaßen ebenfalls diese Tendenz, wenn sie wieder wie Bernsteine zu leuchten begannen. Es war eine echte Schande, dass Baltazars Charakter so verdorben war.
      „Ich bürde dir auch nicht den Grimm auf, sondern Cain. Du würdest den Deal ausschlagen, wenn ich den Grimm mit aufgenommen hätte“, gab sie erschöpft zurück. „Halt mich nicht für so einfältig, als dass ich nur dich in meinen Plan einfüge.“
      Denn tatsächlich hatte Sylea eine komplexe Reihe aufgestellt, wo jedes Zahnrad greifen musste, damit das Konstrukt funktionierte. Etliche dieser kleinen Zahnräder hatte sie im Laufe der Wochen schon eingesetzt und vorbereitet, Baltazar war ein weiteres, größeres Zahnrad, das sich nur noch einfügen musste. Sie hielt es bereits in den Händen, es musste nur noch eingebaut werden. Das Problem mit dem Grimm hatte sie erstaunlich schnell lösen können, oder verließ sich zumindest auf das zuständige Zahnrad, das schon in Position war.
      Und das große Zahnrad fügte sich von selbst in seine vorgesehene Lücke, als sich Baltazar neben Sylea in den Sand setzte, ihr das Tuch abnahm und ihr seine geöffnete Hand präsentierte. Ihr Herz, das ohnehin schon mühsam arbeitete, wagte einen weiteren, überstürzten Sprung, als sie die Geste erkannte. Mit all ihrer verbliebenen Aufmerksamkeit hörte sie zu, wie er seine Konditionen ausformulierte, um etwaige Schlupflöcher nicht zu übersehen.
      „Klingt doch gar nicht mal so schlecht.“ Ein erleichtertes Lächeln erschien auf ihren Lippen, obwohl es gar keinen Grund dafür gab. „Kümmer dich nicht um den Grimm. Das mache ich schon. Aber sperr Cain nicht ein, halte einfach eine schützende Hand über ihn, wenn er Gefahr von außen erleiden sollte.“ Mehr konnte sie dem Babylonier nicht abverlangen. Sollte Cain entgegen ihres Wunsches handeln und wahrlich keinen Sinn ohne sie in seinem Leben sehen, dann war es noch immer sein Recht, über sein Leben selbst zu entscheiden. Nur blieb ein Wunsch eben ein Wunsch.
      „Schön. Dann haben wir einen Deal.“ Sie legte ihre Hand in Baltazars. Bei der Berührung war da nicht die Wärme, die sie von Cain kannte. Nicht der Argwohn, den sie bei Fremden empfunden hatte. Das hier wirkte eigentümlich neutral und war genau die Basis, die sie benötigte. „Nicht dagegen wehren, okay? Wird dir wahrscheinlich nicht gefallen.“
      Sylea forderte ihn auf, seinen Teil zu wiederholen und ergänzte dann ihren Teil des Bundes. Ihre silbrige Aura floss zähflüssig über ihre Hand zu Baltazars Arm hinauf, wo sie sich in das Grün seiner Aura versenkte und verankerte. Wie ein feinmaschiges Netz zog sich das Silber über das Grün, wie Sternenlicht in einer satten Wiese. Es fehlte nur noch die Kondition, um es bindend zu machen.
      „Wenn es gleich schließt, entsteht ein Ungleichgewicht. Es kann sein, dass Ascan schneller wieder aufbricht. Nur damit du es weißt“, wies sie den ehemaligen Archivar darauf hin, ehe sie seine Hand fester packte und seinen Blick suchte. „Der Bann trifft in Kraft“, sie sah sehr deutlich, wie Baltazar darauf mit seiner Mimik reagierte, als sie das erste Mal laut aussprach, was sie da eigentlich gerade mit ihm abhielt, „sobald mein Tod eintritt.“
      Es gab keinen Knall, aber beide Parteien zuckten zusammen, als der Bann kraftschlüssig wurde. Wie angekündigt fiel das Level von Syleas Aura, ihre Hand rutschte aus Baltazars und ihr Kopf sackte auf ihre Brust. Binnen Sekunden wurde das Silber ihrer Aura verschluckt und von einer Mixtur, primär aus Violett, eingenommen. Dann zuckte ihr Kopf wieder nach oben, blinzelte, besah sich der eigenen Hand und dann Baltazar, der ihr gegenübersaß.
      „Oh, bitte sag mir nicht, dass dich das Miststück in einen Handel manipuliert hat“, sagte Ascan, als er das Kinn hob und den Babylonier fast schon enttäuscht ansah. „Die Kleine stiehlt mir wahrlich zu viel Wissen. Sie hat dir sogar eine Verschwiegenheitsrune aufgehalst, wusstest du das?“
    • Die Gesichtszüge des Babyloniers entgleisten. Die eigenartige, kindliche Neugierde in den leuchtenden Augen, die beinahe erwartungsvolle Erregtheit über seine Entlohnung des Deals, verpufften schlagartig. Die unerfreuliche Erkenntnis, dass Sylea einen nicht unerheblichen Haken in den Pakt eingewoben hatte, brachte die zuvor aalglatte, smaragdgrüne Aura aus dem Gleichgewicht.
      Für einen Rückzug war es allerdings zu spät.
      Baltazar spürte bereits die silbrige Aura, die sich wie ein Fremdkörper zwischen die Struktur seines Aurenspiegels zwängte. Es bedurfte keiner Worte. Er gewann die Gewissheit aus dem festen Blick, mit dem Sylea ihn betrachtete. Das Mädchen blinzelte nicht einmal, als sie ihm sinnbildlich die Karotte vor die Nase hielt, die er erst erreichen würde, wenn sie es wollte. Die Memoiren würden sich erst für ihn öffnen sobald ihr Leben erlosch. Bis dahin waren die Aufzeichnungen für ihn nutzlos.
      Ein verärgertes Zischen erklang tief in der Kehle des Babyloniers und er sah sie kurz darauf mit einem Ausdruck der...Anerkennung an. Diese Rubra, dieses junge Mädchen, hatte es geschafft ihn tief zu beeindrucken. Sie würde ihre Spuren in einer Geschichte hinterlassen, von der nur wenige Auserwählte jemals Kenntnis haben würden und er war einer davon. Hätte Baltazar jemals zu Lebzeiten in Erwägung gezogen, Nachkommen zu zeugen, hätte ihn eine Nachfahrin wie Sylea mit Stolz erfüllt.
      Als das letzte Band sorgfältig geknüpft und der Bann seine volle Wirkung entfaltete, durchfuhr Baltazars Stirn ein gleißender Kopfschmerz, der so schnell abebbte wie er gekommen war. Das war also der unspektakuläre Abschluss eines Paktes, der ihn über die nächsten Jahre bindend verpflichtete. Sobald das Mädchen ihr Leben aushauchte, musste auch er seinen Teile für das lang verschollene Wissen erfüllen. Bedauerlicherweise war seine Zeit mit der reizenden Sylea bereits wieder vorbei.
      Unzeremoniell sackte Sylea zusammen, das Kinn auf die Brust gepresst, wie eine Marionette ohne Puppenspieler. Letzterer ließ nicht allzu lange auf sich warten. Der Babylonier spürte ihn. Allerdings galt seine ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Hand, die er eingehend betrachtete, als könnte er sichtbare Rückstände des Aurenbundes erkennen. Doch die Haut an Hand und Unterarm waren genauso blass und makellos wie zuvor. Zurückgeblieben war das dumpfe, leicht zu ignorierende Gefühl eines Zwickens in seinem Hinterkopf, so dezent, das es da war und auch wieder nicht.
      „Wundert es dich bei dem Vorbild, das sie hat?“, antwortete Baltazar ruhig, fast ein wenig gedankenverloren, als hörte er nur mit einem Ohr. „Hm, ich habe etwas Dergleichen erwartet. Es spielt keine Rolle. Ich habe nicht das Bedürfnis dieses Wissen zu teilen und die Zeit arbeitet für nicht gegen mich.“
      Der Babylonier erhob sich, klopfte den Sand von der teuren Anzughose. Er schlenderte seelenruhig um das Feuer herum, um die das Buch vom Boden zu klauben. Beinahe zärtlich entfernte er die Sandkörner vom Buchrücken. Er würde die Aufzeichnungen kein zweites Mal aus den Händen geben. Baltazar gedachte die Memoiren sorgfältig zu versiegeln in einer Hülle aus spiegelglattem und durch seine Aura gehärtetem Glas. Auf die Art konnte er die Schönheit des Artefakts bewundern und vor dem Zahn der Zeit schützen.
      „Was ärgert dich mehr, mein Freund?“
      Die neutrale Miene des Babyloniers verzerrte sich zu einem Grinsen, das unmenschlicher nicht hätte sein können.
      „Die Tatsache, dass die Verschwiegenheitsrune dich miteinschließt oder dass du die Fähigkeiten des Mädchens unterschätzt hast?“
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Ascans Aura war ein einziger, vibrierender Schwall an Energie. Er hatte sich von seinem Sitzplatz aus nicht viel bewegt, aber er versprühte kalte Wut auch so weit genug um sich herum. Er schloss die Augen im jämmerlichen Versuch, seinen Zorn im Zaum zu halten und öffnete seine Augen abermals, um Baltazar zu betrachten. Er musste nicht einmal genau hinsehen, um das Silber zu sehen, das Sylea ins Grün des Babyloniers gewoben hatte und dort zweifelslos einen kräftigen Bann erwirken würde. Einer, der viel zu viel Macht besaß und eine entsprechende Kondition besitzen muss, die Ascan alles andere als in den Kram passte.
      „Vorbild hin und her, sie ist schlichtweg nicht fähig, die Fähigkeiten richtig einzusetzen. Mag sein, dass sie dich mit den Memoiren hat ködern können, aber was erweist du ihr dafür, hm? Was sind dir die Tagebücher meiner Estryreh wert?“, fragte Ascan mit hörbarem Groll in der Stimme. So sehr er in den Erinnerungen dieses Körpers grub, er fand nichts außer unscharfem Rauschen. Sylea hatte ihm die vergangenen Minuten geraubt, und wenn er eines nicht ausstehen konnte, dann Lücken in seiner tadellosen Erinnerung.
      Im Sitzen fühlte er sich klein und unscheinbar, also entschied sich Ascan, ebenfalls aufzustehen. Er stützte sich mit seiner linken Hand ab, zuckte zurück und fluchte lauthals in einer unbekannten Sprache. Fassungslos starrte er die Innenfläche seiner Hand an, die schon leichte Blasen warf. Nun wallte seine Wut erneut auf, brachte selbst das Feuer dabei zum Flackern, als er seine Hand ballte und durch den Schmerz hindurch atmete. „Ich unterschätze keine Fähigkeiten, sondern vielmehr ihre Dummheit. Oder vielleicht auch deine, denn sie hat dir eine Kondition gegeben, von der sie weiß, dass sie nie eintreten wird. Dessen bin ich mir sicher, einen anderen Handel hätte sie nicht getätigt. Wie gesagt, vom Besten gelernt.“
      Jetzt stand er doch langsam und wackelig auf. Sein Zorn bebte bei der Feststellung, wie fertig der Körper war und dass er ihn selbst mit den größten Anspannungen vermutlich einer Ruhephase nicht verwehren konnte. Er musste zurück in die Waldhütte, bevor ihn seine Wut unüberlegte Kämpfe vom Zaun brechen ließ. Dabei half dieses abgründige Grinsen nicht, das Baltazar ihm gerade zeigte. Was auch immer Ascan gerade am stärksten fühlte, einen leichten Schauer konnte er bei diesem Anblick nicht verhindern.
      Oh, sobald er Sylea assimiliert hatte, würde er den Babylonier ausfindig machen und auf die Probe stellen, wer von ihnen die Macht über den jeweils anderen hatte.
      „Da ich davon ausgehen kann, dass du mir nichts weiter verrätst und schön auf mein Buch aufpasst, lass ich dich in deinem selbstgewählten Exil wieder allein“, verkündete er missmutig und zog seine noch immer aufgewühlte Aura wieder enger an sich heran. Mit einem abfälligen Geräusch wandte er sich vom Feuer ab und verschwand im Zelt, um durch die Klappe wieder zurück zur Hütte zu kommen. Dabei fuhr er sich mit der Zunge über die trocknen Lippen und schmeckte das Eisen, bevor ihm auffiel, dass ihnen zwei Zähne fehlten.

      Cain saß noch immer zusammengesunken neben der Tür, als Ascan die Hütte betrat und die Tür hinter sich schloss. Die Aura des Seelendiebs war wieder ein glatter Spiegel mit dem feinen Silberstreif im Zentrum, als er einen abfälligen Blick für den jungen Mann übrig hatte und dann zum Sofa schlurfte, um sich selbst für seine Verhältnisse plump darauf fallen zu lassen. Die Beine lang von sich gestreckt, stieß er einen gedehnten Seufzer von sich und lehnte den Kopf hinter sich an.
      „Nein, es ist nichts Schlimmes passiert und nein, sie ist nicht weg. Sie schläft nur, das solltest du auch fühlen, und hat diesen Körper wie ein Schlachtfeld zurückgelassen. Gib uns die Nacht und dann sieht die Welt morgen wieder besser aus“, nahm er dem Seeker direkt den Wind aus den Segeln, da er wenig Lust auf eine weitere Eskalation anderer Art hatte.
    • Die Wellen des Zorns ebbten langsam ab und zurückblieb erneut die friedliche, beinahe heilsame Stille einer Wüste bei Nacht. Sein kurzweiliger Besuch verschwand über denselben Weg, der ihn hergeführt hatte. Allerdings würde sich der Weg kein zweites Mal öffnen lassen. Sobald Sylea am Morgen erwachte, würde der kleine Schlüssel sämtliche Kraft verloren haben und zu Wüstensand zerfallen sein. Es war in der Tat eine einmalige Chance für die junge Rubra gewesen, ihm den Vorschlag zu unterbreiten. Baltazar hatte bereits geahnt, dass sie ihm die Memoiren nicht ohne Weiteres überlassen hätte. Das Mädchen war schlauer, als ihre Begleiter und Ascan ihr zugestanden.
      ‚Was sind dir die Tagebücher meiner Estryreh wert?‘
      „Zeit, mein Freund“, murmelte er in die Nacht.
      Der Babylonier sah auf das Buch in seinen Händen, fuhr erneut über den Einband. Das Lächeln auf seinen Lippen ähnelte annährend einem echten, menschlichen Lächeln. Augenblicke verstrichen schweigend. Jedoch dauerte es nicht lange, bis seine Mundwinkel langsam aber stetig herabsanken. Etwas schien den Babylonier nachdenklich zustimmen. Die Augenbrauen zogen sich grübelnd zusammen, ehe sie in die Höhe schossen während er weiterhin die Tagebücher des Estryreh beäugte.
      Ascan würde sich das Rubra-Mädchen über kurz oder lang einverleiben um sich den Körper nicht mehr teilen zu müssen. Er würde ihre Seele verschlingen und damit ihre ganze Existenz auslöschen. Von Sylea würde nichts in den Maelstrom zurückkehren mit Möglichkeit auf eine Rückkehr in einem neuen Leben. Vom Ansicht der Welt getilgt ohne nennenswerte Spure zu hinterlassen, außer in den Herzen jener, die sie in ihrem kurzen Leben kennenlernen durfte.
      ‚Der Bann tritt in Kraft sobald mein Tod eintritt.‘
      Ein plötzliches, hysterisches Lachen erschütterte die Stille, als Baltazar den Kopf in den Nacken warf und den Blick gen Sternenhimmel richtete. Zu viele Eindrücke, die er lange nicht mehr gespürt hatte, wirbelten durch seinen Kopf. Er war wütend und gleichzeitig amüsiert. Geschockt und beeindruckt gleichermaßen. Nun, ihm blieb nichts anderes übrig, als auf den für ihn vorteilhaftesten Ausgang der Geschichte zu hoffen.
      „Kluges Mädchen“, gluckste er.

      ___________________________________________________________

      Die meditative Trance hielt er bereits seit Stunden aufrecht, aber es könnten auch nur wenige Minuten vergangen sein. Ein leises Klicken, kaum hörbar hätte er nicht unmittelbar neben der Tür ausgeharrt, kündigte Syleas Rückkehr an. Cain behielt die Augen geschlossen und löste das erste Mal seit er geschlagen zu Boden gesunken war, die eiserne Kontrolle über seine Aura. Die feinen und zerbrechlichen Goldfäden schob sich über den Boden in Richtung des Neuankömmlings. In Form dünner Ärmchen tastete Cains Aura zögerlich nach Sylea, bis sich das Gold um eine der schlanken Fesseln kringelte. Die Berührung mit der vertrauten Aura versetzte Cain einen unerwarteten Schlag, als hätte er einen Elektroschock abbekommen. Seine Aura zuckte zurück.
      Ein aufgebrachter Puls erschütterte den bislang ungetrübten Aurenspiegel, bis sich die Ärmchen kräuselten und eingeschüchtert zusammenrollten. Obwohl Sylea den Grimm effektiv in seine Schranken verwiesen hatte, kämpfte Cain mit dem unsteten Gleichgewicht in seiner Seele.
      Er konnte Sylea nicht spüren, nur Ascan und die Bitterkeit, die sich wie ein Pelz auf seine Zunge legte. Der Seelendieb musste nicht sprechen, damit Cain seine Verärgerung bemerkte. Ascan war aufgebracht, aber vor allem genervt.
      Sylea musste etwas Großes vollbracht haben, wenn sie Ascan in diesen Gemütszustand versetzte. Cain roch den letzten Hauch von verbranntem Fleisch und schmeckte die kupferstichige Note von Blut. Besorgnis pulsierte über seine Aura, die jedoch Ascan nicht zu erreichen vermochte. Daneben wallte auch Zorn in Cain auf, aber er hielt sich zurück. Er war nicht in der mentalen Verfassung, um sich auf eines von Ascans Spielchen einzulassen. Der Seeker verweilte an Ort und Stelle. Er erweckte auch nicht den Eindruck, dass sich dies in den nächsten Minuten ändern würde.
      Die schroffen Worte quittierte er mit einem undeutlichen Gemurmel. Sein Gewissen fraß ihn auf, aber er würde sich heute Nacht Sylea keinen Meter nähern, wenn es nicht unbedingt sein musste.
      Er konnte nicht.

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      Vorsichtig, aber vor allem leise, stellte Cain die dampfende Tasse auf der Arbeitsfläche in der Küche ab. Es dämmerte gerade erst und in der Hütte war es vollkommen still. Trotz der blubbernden und ratternden Kaffeemaschine, war bisher niemand aus seinen Träumen erwacht. Über die Schulter sah er in Richtung Sofa, auf dem Sylea zusammengerollt schlief. Er hatte es nicht einmal gewagt, ihr eine Decke überzuwerfen. Müde und ausgelaugt starrte er wieder aus dem Fenster, horchte in sie hinein. Der Grimm war mucksmäuschenstill. Kein Grollen, kein Knurren, kein Aufbegehren. Nichts. Nur weg war er nicht. Cain hatte genug Energie in den frühen Morgenstunden aufgebracht, um sich frische Kleidung anzuziehen und das Chaos zügig zu beseitigen, dass der Grimm hinterlassen hatte. Herunter getropftes Blut, zerfetzte Kleidung…Nichts davon war mehr zu sehen. Ennis, erst recht nicht Mairead, mussten wissen, dass sie gestern Nacht nur ganz knapp einer lebensbedrohlichen Katastrophe entkommen waren. Cain würde diesen Ort vermissen, der sich fast wie ein Zuhause angefühlt hatte.
      Das erste Sonnenlicht kämpften sich durch die Dämmerung und die dichten Baumwipfel. Bald schon würden die ersten, wärmenden Strahlen durch das Blätterdach fallen und den Himmel, der ein frühmorgendliches Graublau zeigte, in zarte Farbtöne aus Rosa, Orange und Gelb färben. Noch umzingelten die langen Schatten der Bäume die Lichtung und streckten sich wie schwarze Klauen in Richtung der Hütte aus.
      Die Zeit war abgelaufen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Der satte Geruch von frisch gebrühtem Kaffee war es, der Sylea langsam wachwerden ließ. Sie fand sich auf dem Sofa wieder, ohne Decke und ohne Cain. Ihre Lider klebten zusammen und es kostete sie Mühe, sie zu öffnen und das fahle Licht des nächsten Morgens zu erblicken. Träge streckte sie die angewinkelten Beine aus und wollte mit ihrem ganzen Körper der Bewegung folgen, doch weit kam sie nicht. Mit einem leisen Keuchen zuckte sie zurück und verfiel in eine Starre, ehe sie die Erinnerungen von Ascan durchwühlte, wie sich der Rest des Abends zugetragen hatte. Unspektakulär, aber definitiv mit einem wütenden Ascan, der sich auch jetzt nahezu beleidigt in eine Ecke ihres Bewusstseins verzogen hatte. Es war allerdings ihm zu verdanken, dass ihre verbrannte Handfläche nicht mehr ganz so schlimm aussah und sich bereits in Flöckchen schälte und auch die Kratzer und blauen Flecken würden nicht mehr so schlimm aussehen. Der Schmerz kam einfach nur von der ungünstigen Liegeposition und der Starre der Nacht.
      Da konnte man sich durchkämpfen. Sylea stöhnte, als sie sich von der Couch rollte und auf noch zittrigen Beinen hochkam. Ihr Blick fiel direkt auf den Seeker in der Küche, der aus dem Fenster sah und neben sich eine Tasse mit dampfendem Inhalt abgestellt hatte. Erst hier fiel ihr auf, dass vieles von dem Chaos von letzter Nacht wie auf magische Art und Weise verschwunden war. Er war fleißig gewesen, und das nicht zu knapp.
      Ohne ein wirkliches Gefühl von Zeit zu haben schlich sie um das Sofa herum bis zur Küche. Sie trat nicht ein, sondern verweilte nur am Eingang. Die Geschehnisse von gestern Abend war an keinem von ihnen wirklich spurlos vorüber gegangen und solange wie ein kleines quirliges Mädchen hier noch nicht rumhüpfte oder ihr Opa zu viel erfuhr mussten sie sich wenigstens wieder auf eine Linie bringen.
      „Alles okay?“, fragte Sylea zaghaft und tastete nach seiner Aura, die einen gleichmäßigen Spiegel bildete. Sie fragte ihn nicht danach, ob er ihr ihr Verhalten nachtragen würde. Die Bitterkeit und die Betroffenheit konnte er unmöglich so schnell abgelegt haben. „Ich hab ihm das Buch zurückgegeben und mit ihm vereinbart, dass er dich mittels deines Beines nicht mehr ausfindig machen kann…“
      Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und stellte fest, dass die Hand ohne Fingernägel gar nicht mehr wehtat. Auch hier, Dank Ascan.
      „Machst du mir auch einen?“
      Genauso leise tappste sie zurück ins Hauptzimmer zum langen Tisch. Möglichst leise zog sie einen Stuhl vor und setzte sich, wobei sie ein leises Stöhnen unterdrückte. Muskelkater war damit zu vergleichen, vielleicht würde später ein bisschen Bewegung dem Ganzen Abhilfe schaffen. Ihr Blick wanderte zu der Zimmertür von Mairead. Ja, sie würde das aufgeweckte Mädchen vermissen. Wenn ihr Opa ihr eines Tages erzählte, was damals wirklich passiert ist, als sie Besuch von einem seltsamen Pärchen bekommen hatten, würde sie es womöglich verstehen. Warum sie gehen mussten und wohl nie wieder zurückkehrten. Und das auch noch wissentlich in Kauf genommen hatten. Hoffentlich machte Mairead ihnen keine Vorwürfe, denn das wäre nun wirklich schade.
      Wer wusste schon, ob sich Sylea nicht sogar täuschte und der Ausgang eine ganz andere Richtung einschlug als jene, die sie schwarz an die Wand malte.
    • Cain spürte die Veränderung im Raum bevor die ersten Geräusche bis in die Küche reichten. Er hatte diesen Moment gleichzeitig herbeigesehnt und gefürchtet. Die silbrige Aura erwachte zum Leben. Ein kleines, flackerndes Licht in dem betäubenden Nebel, mit dem sich der Seeker umgab. Goldschimmernde Partikel hüllten Cain ein wie eine Wolke und dämpften seine Empfänglichkeit für Sinneseindrücke auf ein Minimum. Der Großteil seiner Aura bildete nach wie vor eine spiegelglatte Oberfläche, die sich eng um ihn schloss.
      Das leise Keuchen erreichte ihn aus dem Wohnzimmer und augenblicklich versteifte sich sein Körper. Cain drückte den Rücken durch und seine Schultern bildeten eine harte und gerade Linie. Er verlagerte das Gewicht von seinen Fußballen zurück auf die Fersen bis sein Stand perfekt ausbalanciert war. Regelmäßig zuckten die Muskeln subtil unter der Spannung, die seinen ganzen Körper erfasst hatte. Ein ungeschultes Auge würde kaum bemerken, dass sich seine ganze Haltung binnen Sekunden veränderte. Er wappnete sich instinktiv für die Konfrontation, die ihm nun unweigerlich bevor stand.
      Das tapsige Geräusch nackter Füße näherte sich bis eine dünne, verschlafene Stimme aus der Nähe erklang. Er spürte Syleas Blick auf sich. Etwas näherte sich zögerlich dem schimmernden Nebel, der Cain einhüllte wie ein Kokon. Die neblige, goldene Wolke ließ die vertraute Aura hindurch, doch kurz vor dem unbewegten Aurenspiegel war Schluss. Cain erlaubte Sylea nicht durch die natürlichen Lücken in seiner Aura zu schlüpfen. Ein kurzer Puls vibrierte durch das Gold und versetzte die Luft um Cain in dezente Schwingungen. Die Reaktion war eine eindeutige Antwort auf ihre erste Frage. Letztendlich vertraute er darauf, dass Sylea diese Grenze respektierte. Ihm war bewusst, dass sie seine Erlaubnis praktisch nicht benötigte. Dafür waren sie im Kern zu tief verbunden.
      Cain konnte nicht riskieren, dass sie an dem zerbrechlichen Konstrukt rüttelte, das all diese Emotionen im Zaum hielt. Bestürzung, Schock, Wut, Furcht, Zweifel, Hilflosigkeit, Enttäuschung…Die Liste an Gefühlen war endlos. Cain traute keinem Einzigen davon. Er hatte Stunden der Meditation benötigt, um jedes einzelne Gefühl in ein gedankliches Gefäß zu zwängen und mit einem Korken zu verschließen.
      Langsam drehte Cain sich halb zu Sylea um. Die Neutralität seiner Mimik war das Ergebnis langjähriger Übung. Er verabscheute sein eigenes Spiegelbild in den Fensterscheiben, das den Mann zeigte, den er bei der Flucht aus Hollow Point eigentlich hinter sich gelassen hatte. Er nickte schweigend und wandte sich der zischenden Kaffeemaschine zu.
      Der Seeker sprach kein Wort bis er sich zu Sylea an den Esstisch setzte. Dabei wählte er den Platz ihr gegenüber. Bedächtig, damit die heiße Flüssigkeit nicht überschwappte, schob er eine Tasse mit frisch aufgebrühtem Kaffee über den Tisch. Die eigene Tasse hielt er mit beiden Händen fest umschlossen um die Wärme mit seinen kühlen Fingern aufzusaugen. Cain war blass und die dunklen Schatten unter seinen müden, glanzlosen Augen ungewöhnlich prominent. Ein schneller Blick verriet ihm, dass er sich trotzdem in besserer physischer Verfassung befand als Sylea. Die grässlichen aber oberflächlichen Verletzungen durch den Grimm waren noch nicht gänzlich verheilt. Ein Umstand, über den Cain sich wunderte. Sylea musste sich in der Gegenwart des Babyloniers verausgabt haben. Allein bei dem Gedanken zog er missmutig die Augenbrauen zusammen.
      „Du hast also eine Abmachung mit ihm getroffen? Woher willst du wissen, dass du ihm trauen kannst, Sylea? Es war zu leichtsinnig in deinem Zustand zu ihm zu gehen nachdem... ", brach Cain mitten im Satz ab und eine beklemmende Pause entstand.
      Der Seeker atmete genau dreimal kontrolliert ein uns aus bevor er weitersprach.
      "Der Babylonier hilft niemandem aus Nächstenliebe. Du hast gesehen, wie er im Hell Gate feige den Schwanz eingezogen hat. Er wird dir in den Rücken fallen. Wieder", schnaubte Cain abfällig.
      Die ernsten Falten gruben sich stetig tiefer in seine Stirn bis ihm etwas ins Auge fiel. Dieses Etwas waren die letzten Überbleibsel von schweren Verbrennungen, die Syleas Hand überzogen. Die oberste Hautschicht löste sich bereits ab. Mit einem zittrigen Seufzer fuhr sich Cain durch die Haare ehe er die Handflächen flach auf die Tischplatte drückte. Ein weiteres Mal atmete er dreimal tief durch.
      „Hat er dir weh getan? Als Ascan letzte Nacht mit mir sprach, hatte ich bereits befürchtet, dass...Er hat dir nichts getan, oder?“, fügte er sanfter hinzu. Es kostete Cain einiges an Mühe, nicht über den Tisch hinweg nach ihrer Hand zu greifen. Die Vorstellung Sylea zu berühren, weckte eine quälende Sehnsucht und trieb ihm gleichzeitig ätzende Galle die Kehle hoch. Das Wörtchen 'Auch', schluckte Cain jedes einzelne Mal im Satz herunter.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Solch eine Stille hatte wohl noch nie zwischen Vessel und Seeker geherrscht. Eigentlich hatte Sylea gedacht, dass sie mit seiner Kühle wesentlich besser klarkäme. Immerhin hatte sie ihn zunächst nicht früh genug gestoppt und danach einfach ihren Kopf durchgesetzt. Aber es hatte sein müssen. Diese Grenze musste gesetzt werden, andernfalls wären die Ungewissen viel zu hoch für ihr Vorhaben ausgefallen. Doch jetzt lag auf Cains Miene eine Ausdruckslosigkeit, die sie sehr stark an die erste Zeit zurückerinnerte, als sie ihn kennengelernt hatte. Wie er sie aus dem Baumstumpf geholt hatte und keinerlei Gefühlsregungen für sie übrig gehabt hatte. Fast genauso fühlte sich der Aurenspiegel an, den sie nur flüchtig berührt hatte und die Abweisung umgehend als solche interpretiert hatte.
      Als er sich nun zu ihr an den Tisch setzte, schwieg Sylea. Das Knarzen der Tasse, die er über den Tisch zu ihr schob, riss buchstäblich an ihren Nerven, die langsam richtig erwachten. Ihre dunklen Augen wanderten von seinen Händen an der bestimmt viel zu heißen Tasse hinauf bis zu seinem Gesicht, wo sich dunkle Schatten unter seinen Augen ausgebreitet hatten. So wie er aussah, hatte er nicht eine Sekunde geschlafen, seitdem Ascan sie wieder zurückgebracht hatte. Oder vielleicht lag es daran, dass er sich selbst und dem Grimm noch immer nicht traute. Genau konnte sie das nicht einordnen.
      „Keine direkte Abmachung. Ich habe ihn erpresst, ohne dass er es wusste“, sagte sie leise. „Nichts davon beruht auf Vertrauen. Davon haben wir beide schließlich nicht genug. Aber ich musste jetzt gehen, später wäre dafür vielleicht keine Zeit mehr geblieben.“
      Baltazar würde niemanden mehr in den Rücken fallen. Dafür war die Schlinge, die sie ihm im Voraus geknüpft hatte, wesentlich zu ausgeklügelt. Er konnte sich nicht mehr daraus herauswinden, egal wie sehr er es wollte. Aber diese Bedingungen würde sie weder Cain noch Ascan offenlegen. Trotzdem ließ das abfällige Schnauben Sylea nicht kalt. Er durfte sauer sein. Das war immerhin sein gutes Recht.
      „Wer hat mir wehgetan?“, fragte sie eine durchaus berechtigte Frage. Immerhin war sie mit zwei männlichen Seelen allein gewesen, die allesamt auf ihre Art und Weise Schaden anrichten konnten. „Baltazar? Nein. Er hat eher defensiv auf mich reagiert, aber mir nichts getan.“ Ihr Blick senkte sich, als sie auf die verbrannte Hand sah und sie mit der Handinnenfläche nach oben drehte, sodass Cain die Rückstände erkennen konnte. „Er wollte mein Blut haben, also habe ich dafür gesorgt, dass er es nicht kriegt. Seine Reaktion darauf war… ungewöhnlich. Aber es tut schon fast nicht mehr weh.“
      Sie schenkte ihm das wärmste Lächeln, das sie für Cain erübrigen konnte. Tatsächlich brannte ihre Hand noch immer, aber bei Weitem nicht mehr so schlimm wie vor der Nacht. Man sah sie Verletzung, aber das war es auch schon wieder. Viel wichtiger war, dass sie das angespannte Verhältnis zwischen ihr und ihm wieder in den Griff bekam, denn ohne das würde der Ausflug in die Hallen der Rubra nichts werden.
      „Cain, es tut mir wirklich leid, dass ich dich nicht mitgenommen habe. Es ging nicht anders. Aber bitte, bitte, mach dir keine Vorwürfe, was da mit dem Grimm passiert ist. Daran sind wir beide schuld und nicht nur einer, okay? Es war angsteinflößend, ja, aber das warst du nur zum Teil. Das alles warst nicht du allein, ja?“, versuchte sie es erneut und fing an, auf ihrer Unterlippe herum zu kauen. „Bitte straf mich nicht mit Ablehnung… Ich ertrag das nicht. Nicht, wenn wir gleich losgehen sollen und… und alles…“
      Sie brach ab. Die Blase, die sie um sich herum aufgebaut hatte, stand schon dermaßen stark unter Spannung, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie platzte. Dann würde die gesamte Realität auf sie herein prasseln und der Druck unmenschlich werden. Cain war mehr für Sylea als nur ein Begleiter, nur ihre erste große Liebe. Er war zu ihrem Pfeiler geworden, auf dem sie stand und ohne den sie ins Bodenlose fallen würde. Wenn er fiel, tat sie es ihm gleich. Doch wenn sie verschwand, wäre dort oben nur Platz für jemand Neues. Er würde ohne sie existieren können.
      Nur wusste er das einfach noch nicht.
    • Die Erleichterung zeichnete sich auf dem Gesicht des Seekers ab. Der Babylonier hatte Sylea keinerlei Schaden zugefügt. Das hatte die Rubra auch ganz allein sehr gut hinbekommen. Cains Blick klebte noch eine Sekunde an der verletzen Hand, deren Innenseite Sylea präsentierte. Der Impuls nach ihrer Hand zu greifen und die Verletzung eigenhändig zu begutachten, war stark. Ein abgehacktes Zucken erfasste Cains Unterarme von den Fingerspitzen bis zum Ellenbogen, als er sich zwang die Handflächen weiterhin gegen das kühle Holz der Tischplatte zu drücken. Etwas flackerte in den goldschimmernden Augen, als Sylea den Wunsch des Bibliothekar nach dem Blut der Rubra erwähnte. Alarmiert schnellte sein Blick zum Gesicht seiner Partnerin hoch. Er verstand, dass sie eine mögliche Gefahr abgewendet hatte, indem sie Baltazar ihr Blut verweigert hatte. Eine weniger drastische Methode wäre ihm dennoch lieber gewesen.
      Cain nickte, stieß einen schweren Seufzer aus und lehnte sich ein kleines Stück in seinem Stuhl zurück.
      "Der Deal beinhaltet mehr, nicht wahr? Baltazar davon abzuhalten mich als menschlichen Peilsender zu benutzen, war bestimmt nicht der einzige Grund", hakte Cain nach. Er verstummte für einen Augenblick, in dem sein Gesicht einen gequälten Ausdruck annahm. "Du wirst keine Details verraten, hm?"
      Ein Antwort darauf erwartete er nicht.
      Die völlige Abschottung brachte zwangläufig auch den lästigen Nachteil mit sich, das sein Gespür für die Emotionen und Gedanken ebenfalls getrübt war. Er hatte dieses wunderschöne, einzigartige Band zwischen ihren Seelen buchstäblich mit einem undurchsichtigen Schleier überzogen. Nicht zu wissen, was Sylea fühlte, bereitete ihm Kopfschmerzen. Für mehr vertraute Cain sich selbst noch nicht genug, obwohl der Grimm in seiner Brust seelenruhig schlief. Er konnte sich nur auf ihre Mimik verlassen und das Lächeln auf ihrem Gesicht versetzte ihm einen Stich geradewegs ins Herz. Sylea lächelte trotz der Schmerzen und der drückenden Schwere im Raum. Ein Lächeln, dass ihn an die glücklichen und leichten Momente erinnerte. Cain senkte den Blick und verschloss die Augen davor, als Sylea erneut zu sprechen begann. Wie gerne hätte er sie angefleht kein Wort mehr über den Grimm zu verlieren. Die Bilder bekam er ohnehin nicht mehr aus dem Kopf. Mit jedem Wort wurde ihre Stimme dünner und brüchiger. Eine Stimme, die mit unendlich vielen Erinnerungen verknüpft war. Cain dachte an das Staunen darin, wenn sie neue Dinge entdeckt hatte, die ihr das Leben im Bannkreis verehrt hatte. Er erinnerte sich an ihr erstes und wirklich befreites Lachen, an die Neckereien, die Leidenschaft und die liebevollen Worte, die sie in sein Ohr geflüstert hatte. Allein mit ihrer Stimme erweckte Sylea unendliche Bruchstücke ihrer gemeinsamen Geschichte zum Leben.
      Sein Herz pulsierte schmerzlich in seiner Brust während das Wörtchen Bitte ihm jedes einzelne Mal einen Stich versetzte.
      Cain sah nicht auf, als er mit einem leisen Knarzen den Stuhl zurückschob.
      Als er endlich den Tisch umrundet hatte, suchte er kurz Halt an der Tischkante und ließ sich neben der sitzenden Rubra auf die Knie sinken. Er wartete bis sich Sylea ein wenig zu ihm herum drehte. Erschöpft, aus dem Gleichgewicht gebracht und so unendlich müde sank sein Kopf herab bis er seinen Kopf auf ihren Knien ablegen konnte. Ein schwerer Atemzug rüttelte an seinen Schultern als er die Wange gegen den Stoff ihrer Hose schmiegte.
      "Ich werde mir immer Vorwürfe machen", murmelte er. Die Hände behielt er die ganze Zeit über auf den eigenen Knien. "Weil ich es besser wissen müsste. Ich schließe dich nicht aus, um dich zu bestrafen sondern weil ich mir selbst nicht vertraue. Du bist alles, Sylea, einfach alles und ich ertrage den Gedanken nicht, dass ich dich wieder verletzen könnte oder irgendjemand sonst und du lässt mir nicht einmal die Möglichkeit dich zu beschützen."
      Die dezente Wärme unter seiner Wange beschwichtigte das Chaos in seiner Seele ein wenig.
      "Im Augenblick mag ich gekränkt sein und Angst haben vor dem was kommt, aber zweifle niemals, niemals an meiner Liebe zu dir."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Das Knarzen des Stuhles ihr gegenüber ließ Sylea die Luft anhalten. Schmerzhaft biss sie sich auf die Lippe, als Cain aufstand, ohne auch nur einmal seinen Blick zu heben. Irgendetwas in ihren Worten musste ihn so sehr getroffen haben, dass er das Gespräch nun abbrach. Nicht einmal ein Wort verließ ihn, als er um den Tisch ging und aus Syleas Blickfeld verschwand, die betroffen auf die Tischplatte vor ihr starrte. Doch anstelle von ihr zu weichen kam er zu ihr, ging neben ihr in die Knie und wartete. Selbst ohne hinzusehen spürte sie den Seeker mit jeder Faser ihres Körpers, als würde er ein ganz eigenes Wärmefeld ausstrahlen, das für sie den Begriff von Heimat bekommen hatte. Zunächst warf sie nur einen Seitenblick zu Cain, dann hob sie ihren Kopf und drehte sich auf ihrem Stuhl ihm zu. Cain bettete seinen Kopf auf ihren Beinen und es fühlte sich für Sylea an, als wöge er mehrere Tonnen.
      „Okay….“, hauchte die junge Rubra und streckte ihre Hände nach seinem Kopf aus. „Okay, Cain…. Ich hab’s verstanden, okay? Du darfst mich ab jetzt beschützen, ich geh nicht noch mal allein ohne dich irgendwo hin.“ Sie spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss und ihre Sicht langsam verschwamm. Er sagte, sei sie alles für ihn, nur galt das auch andersherum. Ihre Finger schoben sich sanft in sein dunkles Haar und massierten dort die Kopfhaut, damit er sich weiter entspannte.
      „Keine Solotour mehr, ja? Ich will nicht, dass es nochmal so eskaliert. Egal was, wie, wo oder so…“ Sie schniefte leise. „Der Grimm hat mir furchtbare Angst gemacht, aber du warst da noch irgendwo. Versteckt dahinter warst du und ich dachte, du kommst selbst wieder hervor. Ich wusste nicht… I-Ich dachte nicht…“
      Ihre verbrannte Hand schmerzte. Ihr Körper sang noch das Echo von letzter Nacht. Ihr Herz war so, so schwer, während Cain auf ihren Beinen ruhte. Das Massieren ihrer Finger stockte immer wieder und wurde rastlos, aber sie hörte nicht eine Sekunde lang auf.
      „Schau mich an, Cain. Bitte. Sag das nicht nur, sondern tu es, wenn du mir in die Augen siehst“, forderte sie ihn auf. Allmählich kam er ihrer Aufforderung nach, weshalb ihre Hände von ihm abfielen und sie seinen bernsteinfarbenen Augen begegnete. Noch immer brannte ihr Gesicht und sie musste häufig blinzeln, damit sie ein relativ klares Bild von ihm bekam. „Du wirst mich nicht nochmal verletzen, hörst du? Du liebst mich und ich liebe dich. Ich würde alles dafür tun, dich sicher zu wissen so wie du es für mich tust.“
      Sie legte ihre Hände an seine Wangen und zuckte kurz zusammen, als ihre linke Hand sich stechend bemerkbar machte. Ungeachtet dessen ließ sie sie dort und strich mit den Daumen über seine Wange. „Was auch immer passiert, wir bleiben da zusammen. Wir verabschieden uns von Ennis und Mairead und dann gehen wir los. Wir machen draußen eine Pause, damit du dich fangen kannst. Wie sonst sollst du mich denn beschützen können?“
      Abermals schenkte Sylea Cain dieses warmherzige Lächeln, obwohl der Schmerz ihr permanenter Begleiter geworden zu sein schien. Für ihn stemmte sie die schlechten Empfindungen beiseite, denn er war das Ziel, zu dem sie gelangen wollte. Solange Cain an ihrer Seite war, würde es für sie keine Dunkelheit geben. Egal, was in den Hallen der Rubra auf sie warten würde.
    • Sämtliche Anspannung wich aus seinem Körper und beinahe ergeben schloss Cain die Augen. Die zärtlichen Finger in seinem Haarschopf entlockten ihm ein dunkles Brummen, das seinen gekrümmten Leib erschütterte. Augenblicklich sackten seine Schultern weiter herab und Cain lehnte vertrauensvoll sein ganzes Gewicht gegen Syleas Beine. Jede Faser seines Körpers vertraute auf den Halt, den Sylea ihm schenkte, obwohl die Erwähnung des Grimms ihn auf den unterschiedlichsten Ebenen schmerzte. Die Erinnerung an die Zerrissenheit, die er physisch am ganzen Leib gespürt hatte, und die Furcht, die Sylea in diesem Moment gefühlt hatte, quälten ihn in einem Ausmaß, den kein Mensch ohne seine tiefgreifende Wahrnehmung je nachvollziehen konnte. Cain presste die Lider fest aufeinander und drücke seine Schläfe gegen ihr Knie.
      "Hmhm...", brummte der Seeker, verloren in den hypnotischen und kreisenden Bewegungen ihrer Fingerspitzen. Er musste blinzeln, um sich nicht in dem Gefühl zu verlieren. Als er endlich das Wort ergriff, war seine Stimme brüchig und die Silben formten sich träge auf seine Zunge. "Wir...Wir haben überschätzt, wie viel Kontrolle ich wirklich über den Grimm habe. Wir beide. Ich verspreche dir, dass so etwas nie wieder passieren wird."
      Kaum verstummte der Seeker, versank er augenblicklich in dem Kokon aus bedingungsloser Zuneigung. Dennoch folgte er der Aufforderung, endlich den Kopf zu heben, ohne nennenswerte Verzögerung. Cain sah in ein vertrautes Gesicht mit geröteten Wangen und glasigen Augen, die mit den Tränen kämpften.
      Alarmiert zuckte ein Kopf ein Stückchen zurück bis die ausgestreckten Hände ihn stoppten. Der Seeker stieß einen zitternden Seufzer aus ehe er sein Gesicht in die warmen Handflächen schmiegte. Leicht drehte Cain das Gesicht in ihren Händen und hauchte einen federleichte Kuss in die unverletzte Handfläche. Obwohl er es spürte, beruhigte es das schmerzende Herz in der Brust zu hören, dass sich trotz allem nicht an ihrer Liebe geändert hatte. Gleichzeitig erschrak er von Zeit zu Zeit darüber, wie weit sie beide bereit waren für diese Liebe zu gehen und den Menschen, der ihnen die Welt bedeutete, um jeden Preis zu beschützen. Notfalls auch vor sich selbst.
      Cain nickte.
      Er öffnete eine kleine Lücke in seinem mentalen Schild für Sylea und das geknüpfte Band erwachte aus seinem Schlummer.
      "Zusammen", bestätigte er sanft. "Wir beenden es zusammen und danach gehen wir weit weg. Irgendwohin. Weg von deiner Familie, unserer Vergangenheit und dem Ränkeschmieden des Rates. Ich will dir die Welt zeigen. All die Dinge, die du nie gesehen und nie ausprobieren konntest. Nicht, das ich bisher in meinem Leben besonders viel von der Welt gesehen hätte, aber ich würde es gerne."
      Zögerlich berührten seine Fingerspitzen zunächst die dünne Haut über ihren Knöcheln bis sie weiter hinauf wanderten und seine Hände zurückhaltend ihre Waden umfassten. Die Bedanken der Berührung waren deutlich zu spüren, doch der Grimm schlummerte noch immer in seiner Brust.
      "Ein Moment zum Durchatmen klingt gut."
      Seine Hände drückten sanft zu.
      Widerwillig sah er kurz über die Schulter zu den noch geschlossenen Zimmertüren von Ennis und Mairead. Es wunder Cain, dass noch niemand auf den Beinen war, aber zumindest hatten sie so Zeit gehabt, sich ein wenig vor dem großen Abschied zu sortieren.
      "Die Beiden werden nicht mehr lange schlafen...", murmelte er.
      Er hob den Blick wieder zu Sylea und versuchte sich an einem aufmunternden Lächeln.
      "Bist du bereit, dich einer schmollenden Mairead zu stellen? Sie hat dich wirklich gern."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
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