[2er RPG] Vessels [Asuna & Winterhauch]

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    • Einige Stunden später im Stützpunkt Hollow Point - 19:42 Uhr

      Auf Befehl hin hatte Helyon nicht eigenständig gehandelt und die Zelle von Sylea betreten. Allerdings reizte der Mann gerne Befehle bis zur maximalen Grauzone aus, und so stand der mit verschränkten Armen vor den beiden Huntern, die die schwere Stahltür zu ihrer Zelle bewachten. Er schien ruhig zu atmen, doch seine Augen verrieten seinen aufgerührten Gemütszustand. Nach der Sitzung hatte er ebenfalls recherchiert, hatte seine Erinnerungen durchkämmt und war noch immer zu keinem Schluss gekommen. Er steckte in diesem Körper seit nun mehr 28 Jahren und wurde zu zahlreichen Fällen hinzugezogen. Doch nicht einmal fiel der Name Anifuris, nicht einmal traf er auf etwas, das älter sein sollte als er selbst. Es war wirklich so, wie man es beschrieben hatte - von hier draußen sah und roch er nichts. Keine Spur von der uralten Seele, die ausgerechnet in einem Mädchen feststeckte.Als er Schritte hinter sich hörte, warf er lediglich einen Blick über die Schulter.
      Das Kindermädchen war eingetroffen.
      "Schon erstaunlich, dass die Kleine noch nicht dem Wahnsinn verfallen ist. Ich würde fest vermuten, dass es an ihrer Blutlinie liegt, warum Anifuris Schwierigkeiten haben könnte, sich zu manifestieren. Aber naja, falls es was Neues gibt - du findest mich bei Farina. Viel Spaß, kleiner Seeker." Helyon würdigte Cain nicht mal eines Blickes als er mit in den Taschen vergrabenen Händen den Rückzug antrat.

      Farinas Quartier - 19:51 Uhr

      Geistesabwesend saß Farina über einem Ordner, der vollgestopft mit Berichten war. Seit ihrer Rückkehr von der Sitzung hatte sie sich durch alte Unterlagen gewühlt. Sie war sich sicher, dass es irgendwo einen Anhaltspunkt geben musste. Immer wieder kam sie auf die Kathedrale zurück, wo man Sylea einst zufällig versiegelt hatte. Die Fotos von den verblichenen Runen waren neu aufgenommen worden und zeigten kaum einen Unterschied zu jenen, die vor 10 Jahren gemacht worden waren. Bis heute hat niemand herausfinden können, woher diese Zeichen stammten oder was genau sie bedeuteten. Selbst der Rubra-Clan selbst wusste darauf keine Antwort. Sie verehrten diesen Ort legdiglich als heilig, doch über die Jahrhunderte war der Ursprung dessen verloren gegangen. Farina war sich sicher, dass sich darin die Antwort versteckte.
      Das Klopfen bekam sie deshalb gar nicht mit. So schlüpfte Helyon ungehört in ihr Zimmer und schloss die Tür leise hinter sich. Erst als seine raue Hand sich auf ihre Schulter legte während er über ihre Schulter sah, schreckte sie auf.
      "Ich hab' doch gesagt, du sollst nicht schleichen!", fuhr sie ihn an.
      Er lachte leise. "Hat dich früher auch nicht gestört. Mh, du fühlst dich verletzlich weil Medjab fort ist?"
      Schweigen.
      "Er hat sorgsam eure verwundenen Auren trennen können und somit deine Seele intakt gelassen. Du solltest ihm dankbar sein." Langsam, fast schon zärtlich wanderte seine Hand von ihrer Schulter über ihren Rücken abwärts. Farina versteifte sich unmerklich.
      "Dankbar dafür, dass er mir einen Teil meiner selbst genommen hat?"
      "Wie kann etwas ein Teil von dir sein, wenn es nicht mit dir das Licht der Welt erblickt hat?", fragte Helyon, seine Stimmlage wurde tiefer, rauer.
      Da sprang Farina auf die Beine, wischte seine Hand grob beiseite und stapfte ins Badezimmer. "Dann halte diesen Körper auch nicht für Medjab", zischte sie und knallte lautstark die Tür hinter sich.
      Seufzend ließ sich Helyon auf den noch warem Stuhl sinken und begann selbst in den Unterlagen zu blättern.

      Syleas Zelle - 19:51 Uhr

      Die graue Stahltür quietschte schrecklich, als man sie öffnete, um Cain Einlass zu gewähren. Nachdem er durch den Spalt geschlüpft war, verriegelte man die Tür wieder hinter ihm. Man kannte die Prozedur.
      Allerdings hatte der Seeker nicht mit dem Bild gerechnet, das sich ihm nun offenbahrte.
      Seine Augen waren direkt zum Bett gewandert, da er dort Sylea vermutet hatte. Dieses war allerdings verwaist, sein Blick wanderte weiter und entdeckte Sylea an der gegenüberliegenden Wand. Sie war gerade dabei, einen Handstand an der Wand zu halten. Ihr Tshirt war ihr bis knapp zur Brust runtergerutscht, der Zopf war eingeklemmt zwischen Wand und Rücken. Entweder hatte sie einfach keine Muskulatur oder war schon länger dabei, denn ihre Arme zitterten unter ihrem eigenen Gewicht. Ihr Gesicht war zum Boden gerichtet, allerdings hatte sie die Tür gehört. Sie stieß sich von der Wand ab und landete in der Hocke, aus der sie flux aufstand. Eilig ein paar lose Haare aus dem Gesicht wischend, blinzelte Sylea Cain an. Erst dann richtete sie ihr Shirt.
      "Du hast ja nicht mal ein Tag durchgehalten ohne mich", grinste sie, ihr Kopf glich einer Tomate.
      Du hast in den letzten drei Stunden bestimmt 19 Mal daran gedacht, bei den Wachen nach ihm zu fragen.
      Ssscht!
      "Gibt's was Neues?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Hollow Point, Quartier von Jocelyn Rockford - 19:13 Uhr

      "Autsch! Geh das auch etwas sanfter!?", beschwerte sich Cain und blickte über die Schulter zu der rothaarigen Frau, die hinter ihm auf dem schmalen Bett kniete und die Finger offensichtlich in seinen Haaren vergraben hatte.
      Jocelyn Rockford, ausgebildete Scharfschützin und Santitäterin, kicherte amüsiert und schob ein paar der dunkelbraunen Strähnen an die Seite, um einen Blick auf die deutlich sichtbare Beule an seinem Hinterkopf werfen zu können.
      "Wenn du endlich still halten würdest, wäre ich schon lange damit fertig. Und jetzt Gesicht nach vorne und hör auf so herum zu zappeln.", mahnte die junge Frau und wandte sich dem eigentlich Problem zu. Bis auf die Schwellung konnte sie allerdings nichts Weltbewegendes feststellen und ließ die Hände auf seine Schultern sinken, die nur von einem dünnen - natürlich schwarzem - T-Shirt bedeckt waren.
      "Eine ordentliche Beule wird's wohl werden. Ich kann dir etwas gegen die Kopfschmerzen geben", stellte sie beiläufig fest. Der Seeker hatte ihr grob geschildet was während der Sitzung geschehen war, ließ aber die Details aus. Immerhin standen die Informationen unter höchster Geheimhaltung. Jocelyn wusste das und fragte deswegen erst gar nicht nach Einzelheiten.
      "Geht schon. Danke, Josie", murmelte der Seeker und fuhr sich mit der Hand durch Haar, um selbst nach der Schwellung an seinem Hinterkopf zu tasten.
      "Sei vorsichtig", meinte Jocelyn und spielte damit nicht auf die schmerzende Beule an. "Was du über diesen Helyon erzählt hast, klingt ziemlich bedenklich. Ich würde dir ja raten ihm aus dem Weg zu gehen..." Die Rothaarige zuckte mit Achseln. Die Möglichkeit hatte der Seeker vor ihr auf dem Bett leider nicht.
      Die beiden waren seit Jahren befreundet, sofern sich Freundschaften in ihrer beruflichen Laufbahn entwickeln konnten. Die Soldatin war ein lebensfroher und heiterer Mensch. Es schockierte Cain immer wieder, wie sich bei einem Einsatz förmlich ein Schalter in ihrem Kopf umlegte. Professionalität stand in diesen Augenblicken an oberster Stelle.
      "Wirklich witzig", grummelte er und erhob sich vom Bett. "Ich muss los." Er sah auf die Uhr.
      "Cain? Bleib auf Abstand, lass sie nicht in deinen Kopf, hörst du?" Jocelyn klang besorgt und war mit dem Nicken, das sie als Antwort bekam, wohl weniger glücklich.

      Syleas Zelle - 19:51 Uhr

      Das Glück hatte ihn anscheinen verlassen, als er Helyon auf dem kahlen Flur vor der Zelle traf. Das letzte Wort zum Thema seiner Schwester war noch nicht gesprochen, aber vor den Augen der Hunter war es nicht der richtige Zeitpunkt und keinesfalls der richtige Ort.
      Cain würdigte den Worten des anderen nicht einmal eine Antwort. Er traute dem Kerl nicht. Farina und Helyon schienen sich auf irgendeine Art nahe zu stehen. Misstrauisch blickte er dem Mann nach und war froh, als dieser an der nächsten Abiegung endlich aus seinem Sichtfeld verschwand.
      Cain ließ sich die Zellentür öffnen und trat in den Raum. Dieses Mal mit leeren Händen und ohne seine typische Uniformierung in Schwarz.
      Zu dem dunklen T-Shirt trug er nur eine Jeans, aber seine gewohnten Stiefel. Es erweckte beinahe den Anschein, als wäre er nicht auf Befehl zu Besuch. Fast könnte man den Umstand eine gewisse Berechnung unterstellen, aber der Seeker war nicht mehr offiziel im Dienst und Waffen waren innerhalb der Zelle ohnehin nicht erlaubt.
      Fragend zog er eine Augenbraue in die Höhe und musterte Sylea, die scheinbar eine Beschäftigung gegen die Langeweile gefunden hatte. Er kam nicht umhin den Anblick ihrer nackten Haut zu bemerken. Das T-Shirt rutschte gefährlich tief nach unten.
      Schief grinsend legte er den Kopf ein wenig auf die Seite und sah die junge Rubra für einen Moment nur an, wie sie wieder auf die Füße kam und wieder richtig herum im Raum stand.
      "Ich kann dem Charme einer Gefängniszelle einfach nicht widerstehen.", gab er mit leuchtenden Bersteinaugen zurück und trat weiter in den Raum, um seinen Stammplatz auf dem Stuhl an ihrem Bett einzunehmen. Mit der Hand deutete er Richtung Wand, an der sie gerade noch einen Handstand vollführt hatte. "Kampf gegen die Langeweile?"
      Und dann schüttelte er nur den Kopf.
      "Nein, nichts Neues.", sagte er und sah sie dabei direkt an. "Alle sind ratlos, da niemand auch nur die winzigste Kleinigkeit über Anifuris heraus finden kann. Als wäre er nie existent gewesen." Cain würde nichts über Helyon erzählen, auch nicht über den Befehl, den man ihm erteilt hatte. Bis er eine bessere Idee hatte, würde er das Spiel wohl oder übel mitspielen müssen. Auch wenn es ihm aus unerfindlichen Gründen nicht gefiel Sylea zu belügen. "Der Rat ist verwundert, dass du noch bei klarem Verstand bist."
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”

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    • Sylea musterte Cain. Ihr war nicht bewusst, dass Kleidung ebenfalls viel über die Beweggründe oder Einstellung von Menschen verraten konnte, weswegen sie den jungen Mann vor sich intensiver ansah als sie es vielleicht gewollt hatte.
      "Kampf gegen die Langeweile könnte man sagen. Ich hab das Gefühl, mehr Blut im Kopf spült seine Gedanken fort."
      Und riskieren, dass du unsere Nase brichst?
      Der Gedanke von Anifuris wirkte belustigt, noch immer störte sich das Vessel daran, wie er von ihnen als Einheit dachte.
      "Alle sind ratlos, da niemand auch nur die winzigste Kleinigkeit über Anifuris heraus finden kann. Als wäre er nie existent gewesen. Der Rat ist verwundert, dass du noch bei klarem Verstand bist."
      "Warum sollte ich es nicht sein?", fragte Sylea in ernsthaftem Interesse. Ihr war nicht klar, dass Anifuris in ihr so viele Erinnerungen besaß, dass er schlicht und einfach ihre Synapsen zum Durchbrennen bringen konnte. Doch er hielt sorgsam jedes Fragment seiner Erinnerungen unter Verschluss. Fast so, als fürchte er, das Mädchen könne etwas mit ihnen anfangen.
      Sylea, er lügt.
      Diese drei Worten schallten plötzlich durch ihren Geist und ließen alle anderen Gedanken verpuffen. Sie waren so klar formuliert wie Scherben aus reinstem Eis. Brutal schnitten die Worte durch ihre eigenen Überlegungen und lenkten ihre Geister zusammen.
      Woher willst du das wissen?
      Er zeigt Purpur.
      Super. Purpur. Purpur was? Du redest wieder von den Auren?
      Purpur ist die Farbe des Unbehagens wenn man etwas wider seiner Natur tut. Lügen führt in der Regel dazu, dass Menschen sich unwohl fühlen und sich manchmal dafür schämen. Das ist Purpur.
      Dann lügt er halt, na und? Ist ja nicht so, als täte das niemand.
      Und wenn er dir verschweigt, dass er von weiteren Foltermaßnahmen weiß um mich aus dir zu treiben?
      Während der gesamten Konversation verschwamm Syleas Blick, der bis vor ein paar Sekunden noch Cains Augen getroffen hatte. Man sah deutlich, dass sich das Mädchen mit dem alten Wesen in ihrem Kopf unterhielt und die getauschten Worte eine für sie bedeutsame Tragweite hatten. Bei seiner letzten Frage zuckten ihre Lippen.
      Du glaubst mir nicht. Du siehst seine Aura nicht. Aber das lässt sich einfach ändern.
      Unterbewusst hatte das Vessel den Blick sinken lassen. Ihre volle Konzentration lag nun auf Anifuris. Dass sie überhaupt in Betracht zog, ein Für und Wider abzuwägen, war für die alte Seele bereits ein Gewinn. Manipulation eines Kindes war für ihn das Einfachste der Welt.
      Wie?
      Du gibst ein klein bisschen deiner Beherrschung ab. Lockerst den Käfig um deine Seele ein wenig.
      Noch immer wägte sie ab. Dann sagte sie ihre Überlegung laut, als wäre ihr erst jetzt aufgefallen, dass sie nicht allein in ihrer Zelle stand: "Du ermöglichst mir nur, Auren zu sehen? Das ist alles? So gewinnt ihr Einblicke in Andere, richtig?"
      Sylea spürte, wie Anifuris nickte. Es wäre ein unglaubliches Hilfsmittel, wenn sie wie er in der Lage war, mehr über ihren Gegenüber zu sehen als er preisgeben wollte. Ihr Blick wurde klar, als sie Cain wie so oft ins Gesicht blickte. In ihrer eigenen Miene stand nun ein Entschluss, so unumstößlich wie höchsten Berge der Welt.
      Dann ließ sie ein wenig locker, entfernte gezielt ein paar der Fäden, die Anifuris sorgsam in seinem Kokon gefangen hielten. Wieder sah sie seine Augen, die denen von Menschen gar nicht so unähnlich waren. Eine kalte Welle brach über sie herein, ließ ihren ganzen Körper erschaudern. Auch ohne Worte verstand sie, dass das seine Aura war, die sich mit ihrer mischte ohne einen Machtkampf auszufechten. Nach einem weiteren Wimpernschlag wurde es um Cain herum bunt.
      Wie Anifuris vorausgesagt hatte, sah sie eng an dem Körper des Seekers eine schmale Schicht Purpur anliegen. Darüber legten sich andere Farben, die sie nicht deuten konnte. Doch sie begriff sofort, dass seine leuchtenden Bernsteinaugen auch der Hauptton seiner Aurafarbe war.
      "Er hat recht, du verschweigst etwas", stellte Sylea monoton fest, gefangen zwischen Bewunderung der Schönheit und der Enttäuschung, dass er sie tatsächlich belog.
      Im nächsten Moment kippte die Situation. Die kühle Welle, die nur kurz über sie gekommen war, begann sich aufzuschaukeln. Dies geschah so schnell, dass Sylea etwas rückwärts torkelte. Ihr Geist versuchte gegen den Tsunami aufzubegehren, doch ihr eigener Silberstreif versank in dem Nachtblau von Anifuris Aurafarbe bis er nur noch als dünner Streif am Körper des Vessel zurückblieb.
      Als Sylea das nächste mal die Augen aufschlug, war sie nicht mehr da.
      "Sie ist deswegen noch bei Verstand weil ich sie nicht mit meinen Erinnerungen flute."
      Die Worte waren scharf, als sie über die spröden Lippen des Mädchens kamen. Anifuris strich sich über die Stirn und atmete mehrmals ein und aus, um sich etwas zu erden. Er sah Cain an, betrachtete den Seeker stillschweigen. Nur um dann ein paar weitere Schritte zurückzuweichen bis er die Wand in seinem Rücken spürte. Dort verschränkte er die Arme vor der Brust, die nicht seine war, und stellte ein Fuß an der Wand auf. Es sah einfach nur falsch aus, wie das Mädchen absolut männliche Gestiken zeigte. In seinem Inneren sah er Sylea, die nun an Stelle seiner im Kokon eingeschlossen war.
      "Dann kläre uns doch auf, kleiner Seeker. Was verschweigst du uns? Es hat ihr nicht wirklich gefallen, dass ich gesehen habe, dass du lügst und sie nicht. Hat ihr kleines Herzchen ein bisschen verletzt", spottete Anifuris und machte weder den Anschein, schnell wieder zu verschwinden, noch einen Schritt von seinem Ort zu weichen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die Atmosphäre in der kargen Zelle schlug von unverhohlener Neugierde und einer gewissen Freude darüber, das der Seeker den Weg zurück in den Untergrund gefunden hatte, in eine bleiernde Stille um. Und die wusste Cain zunächst nicht zu deuten. Fragend lehnte er sich in dem schlichten Stuhl zurück und musterte eingehende die Miene von Sylea. Ihre Augen wirkten unfokussiert und er konnte an einer Hand abzählen, dass sie sich gerade im Zwiegespräch mit dem Bewusstsein von Anifuris befand. Eine Tatsache, die ihn mehr als beunruhigte, obwohl die junge Rubra geschworen hatte, dass sie die fremde Seele unter Kontrolle hatte.
      Binnen weniger Augenblicke straffte sich seine Haltung, die Schultern angespannt und die Wirbelsäule gerade durch gedrückt. Er sah aus wie jemand, der sich zum Sprung bereit machte. In diesem Fall wohl eher die Vorbereitung schnellstmöglich zu schweren Sicherheitstür zu hechten. Seine Finger gruben sich dabei in seine Knie, während er jeder Regung auf ihrem Gesicht verfolgte.
      Fragend zog er eine Augenbraue in die Höhe und schaute die junge Frau skeptisch an. Offenbar waren die laut ausgesprochen Worte nicht an ihn gerichtet, sondern an Anifuris.
      "Sylea, was...?", setzte er zu einer Frage an und kurz darauf traf ihn die Anschuldigung, so wahr sie auch am Ende war. Seufzend wollte er zu einer Erklärung oder einer Ausrede ansetzen, die Worte wollten sich nicht schnell genug finden lassen. Es überrumpelte ihn, dass die Rubra ihn offensichtlich bei einer Lüge oder eher dem Weglassen wichtiger Informationen erwischt hatte.
      "Hör zu, es ist nicht wie denkst...", murmelte er und kam nicht dazu seinen Satz zu beenden, als Sylea zurück stolperte, als hätte sie jemand geschubst. Die nächsten Worte aus ihrem Mund klangen kalt und waren von eigenartiger Betonung. Was folgte war der neblige und süßliche Geruch von verfaulten Früchten, der ihm in die Nase kroch. Es war nicht so intensiv wie zuvor, was vielleicht daran lag, dass Anifuris dieses Mal keine Anstalten machte in seinen Kopf einzudringen. Der Seeker war so schnell auf die Beine gesprungen, dass der Stuhl mit einem Klappern auf den Betonboden aufschlug. Statt zurück zu weichen und dem Bewusstsein die Genugtuung seiner Furcht zugeben, blieb er wie angewurzelt stehen.
      "Anifuris...", murmelte er den Namen. Das Unbehagen ließ sich nicht ganz aus der Stimme vertreiben. Die Erinnerungen seine letzten Begegnungen mit dem Wesen waren noch zu frisch. Verräterisch zuckte es unter der Haut an seinem Hals.
      Selbst die Haltung des Mädchen wirkte fremd in seinen Augen. Die Bewegungen wollten nicht zu dem zierlichen Körper passen, was den ganzen Anblick noch konfuser machte.
      "Warum mir eine Frage stellen, wenn du mich zwingen kannst zu antworten?", knurrte Cain. Nicht das er scharf darauf war.
      Das er Sylea mit seiner Lüge verletzt hatte, versetzte ihm einen Stich, was sich einem wirren Flackern seiner Aura zeigte.
      "Ist sie noch da? Kann Sylea uns hören?", verlangte er zu wissen und ballte die Hände an den Seiten zu Fäusten.
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    • Anifuris legte den Kopf ein wenig schief.
      "Bettelst du gerade darum, dass man dir die Wahl nimmt?", fragte er nach, die Stirn leicht gerunzelt. Die Falten glätteten sich kurz darauf, als Cain die nächste Frage stellte. Ein winziges, kaum vorhandenes Lächeln umspielte seine Lippen. "Sicher ist sie noch da und kann dich hören."
      In seinem Geist wandte sich Anifuris zu dem Kokon um, in dem Syleas Bewusstsein wütete. Wutentbrannt riss sie an den Fäden, die sich schneller neu sponnen als eine Öffnung freizugeben. Er wusste, dass sie eine Weile brauchen würde, um sich durch den Schutzwall zu kämpfen. Solange das Mädchen nicht wusste, wie man eine andere Aura am effektivsten überlagerte, würde sie lange brauchen. Lang genug, damit die alte Seele tun konnte, wonach ihr stand.
      "Gerade wütet sie in ihrem kleinen Gefängnis", weihte er den Seeker ein, sein Lächeln wuchs bis es fast von einem Ohr zum anderen reichte. "Sie hat freiwillig mit mir getauscht. Nur für die Bestätigung, dass du sie angelogen hast."
      Mit jeder Sekunde die verstrich, jedem Atemzug der seine Lunge erfüllte erdete sich Anifuris mehr. Das letzte Mal war er vor Jahren in dieser Form der Freiheit gewandelt. Nun war es zwar ein anderer Ort, aber die gleichen Umstände. Die galt es zu ändern.
      Er tippte sich mit einem Zeigefinger an die Schläfe. "Also? Wolltest du uns nicht gerade aufklären, was du uns verheimlichen wolltest? Ich sehe da zumindest ein Fragment einer fremden Aura an dir haften. Mit wem hattest du Kontakt, dessen Aurafragment so stark ist, dass es an einer anderen haften bleibt?"
      In Anifuris Augen lungerte eine Neugier, die mehr als nur das beschrieb. Er musste abwägen, ob der Auraträger ihm gefährlich werden konnte oder nicht. Fragmente blieben nur flüchtig zurück, und je nachdem wie lange der Kontakt her war, deutete es auf eine starke Seele hin. Dieses Fragment an Cains Aura war ein Gruß - von einer alten Seele zur anderen.
      Ich schwöre dir, ich verbanne dich in die Untiefen meiner Selbst wenn du ihn anfasst.
      Wirklich, tust du das? Gilt das auch dafür, wenn ich ihn nicht direkt berühre? Versuch doch erst mal, selbst wieder in den Vordergrund zu treten.

      Syleas Widerstand erstarb, nur um darauf nur noch heftiger loszubrechen. In weiser Voraussicht schirmte Anifuris seinen Geist vor ihr ab, damit er ihre zornigen Schreie und Flüche nicht hören musste.
      In der Zwischenzeit deutete Anifuris auf den Stuhl und gestikulierte etwas ungeduldig. "Nun setz' dich doch. Du bist hier so entspannt reingekommen, dem wollen wir nun keinen Abbruch tun. Außerdem wird dein Bericht ein wenig Zeit in Anspruch nehmen."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • "Freiwillig?", schnaubte Cain ungläubig und schüttelte zweifelnd den Kopf, während er weiterhin den Körper der Vesseln nicht aus den Augen ließ. Von der Größe und Kraft her war Sylea keine Gefahr für ihn, allerdings wusste er nicht wie sich das fremde Bewusstsein auf Schnelligkeit und Körperkraft auswirkte. Helyon war fast übermenschlich schnell über den Konferenztisch gehechtet und hier betrug der Abstand nicht einmal zwei Meter. Viel gefährlicher als ein körperlicher Angriff waren die bösartigen mentalen Kräfte des Bewusstseins.
      "Wenn jemand manipuliert wird, würde ich es nicht als freien Willen bezeichnen.", gab der Seeker zu bedenken und betrachtete voller Abscheu den Stuhl auf dem Boden, als wäre dieser das Problem für die ganze Situation.
      Ein kurzes Zögern, dann hob Cain den Stuhl vom Boden auf und stellte ihn geräuschvoll auf die Füße. Für den Augenblick wäre es weiser das Spiel einfach mitzuspielen. Wenn Anifuris tatsächlich das Gespräch suchte und die Wahrheit nicht einfach aus ihm heraus quetschte, hatte Cain vielleicht die Chance die ein oder andere Frage zu stellen.
      Obwohl seine Bewegung Gehorsam suggerierte, sprach der Blick der goldenen Augen eine ganz andere Sprache.
      "Und ich habe nicht gelogen.", sprach er mit nun ruhiger Stimme. "Ich hab nur nicht die ganze Wahrheit gesagt, um sie zu schützen."
      Die eigenen Worte brannten auf seiner Zunge, da er wusste, dass Sylea jedes seiner Worte hören konnte. Er war tatsächlich der festen Überzeugung die junge Rubra nicht mit jeder Einzelheit belasten zu müssen, da sie seiner Meinung nach, sich auf die Versiegelung von Anifuris konzentrieren musste. Und noch drohte ihr keine äußere Gefahr. Dieser Zwischenfall könnte die ganze Situation in eine recht unangenehme Richtung lenken.
      "Sagt dir der Name Helyon etwas?", er fragte sich schon die ganze Zeit ob der bedrohlich wirkende Mann aus dem Konferenzraum, der nun offensichtlich mit diesem Fall beraut worden war und Farina nah stand, gelogen hatte was Anifuris anging. Er traute ihm nicht über den Weg. Die Bemerkung über seine Schwester ging ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf.
      Cain ergab sich für den Augenblick in das Gespräch, was wohl mehr einem Verhör ähnelte nur das ihm niemand eine grelle Lampe ins Gesicht hielt. Aber er war nicht bereit Anifuris einfach sein Wissen zu überlassen, wenn er momentan noch die Wahl darüber hatte.
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    • Anifuris, der gerade wunderbar unterhalten wurde, lachte kurz auf.
      "Meine Güte, der Stuhl hat dir nichts angetan und ich dir heute auch noch nicht. Ich würde dich ja gerne in deiner trügerischen Wolke aus Selbstsicherheit schweben lassen, aber deine Aura spricht Bände. Im Moment manipulierst du dich nur selbst, kleiner Seeker. Weder drohe ich dir gerade noch zwinge ich dich zu etwas. Deine augenscheinliche Fremdmanipulation findet gerade durch mich gar nicht statt."
      Tatsächlich war Anifuris' Aurenspiegel aalglatt. Weder wirkte er besonders bedrohlich noch in einer anderen Weise einschüchternd. Im Moment war er einfach nur da und lauschte, obwohl man den Nachdruck in seinen Worten mitschwingen hörte.
      "Im Gegensatz zu ihr weiß ich sehr wohl, dass du nicht gelogen hast. Aber Lügen ist so ein mächtiges Wort der Menschen. Damit erzeugt man die wahnwitzigsten Reaktionen."
      Aber er hat doch Purpur in seiner Aura gehabt!!!
      Sinnbildlich rieb sich Anifuris die rechte Ohrmuschel, so als hätte Sylea ihm direkt ins Ohr geschrien.
      Das ist auch korrekt. Ich sagte aber auch, dass Purpur Unbehagen bedeutet. Ich habe nie behauptet, dass diese Farbe gleich einer Lüge sei.
      Als der Name Helyon fiel, zeigte sich keinerlei Regung in dem Vessel. Weder verriet seine Aura etwas, noch reagierte auch nur irgendein Muskel in seinem Gesicht. "Sagt mir leider nicht. Nicht jede Seele trägt ihren Namen über die Jahrhunderte mit sich. Vielleicht hat er seinen gewechselt. Oder ich habe bisher noch nicht die Ehre gehabt, auf ihn zu treffen."
      Unterdessen hatte sich Sylea in ihrer geteilten Wahrnehmung scheinbar beruhigt. Anifuris lockerte seine geistige Wand und horchte, hörte aber nichts. Allerdings erkannte er, dass sie nachdachte. Reflektierte. Grobe Gewalt brachte sie nicht weiter - diesen Schritt hatte sie bereits verstanden.
      "Wir sind doch eine faire Gesellschaft", eröffnete er das nächste Thema, er ahnte bereits, dass der Seeker nichts weiteres über diesen Helyon wusste. "Du hast mir einen Namen geliefert, dafür bekommst du auch eine Antwort. Aber bitte keine unangemessene Frage, wenn du verstehst." Mittlerweile tippte er sich in einem seltsamen Rhythmus mit den Fingern auf einen seiner Unterarme.

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    • Cain Desraeli verschränkte skeptisch die Arme und lehnte sich ein wenig in dem unbequemen Stuhl zurück, jede Zentimeter zwischen Anifuris und ihm selbst, der den Abstand vergrößerte und sei der noch so lächerlich, bändigte seine zum Zerreißen gespannten Nerven. Entspannter wirkte er keinesfalls. Der gesamte Körper hatte eine klare Abwehrhaltung eingenommen. Aber nichts davon würde ihn schützen, wenn das fremde Bewusstsein mit dem Verlauf des Gespräches unzufrieden wurde.
      Ein winziger Funken Enttäuschung schlich sich in den Blick der bernsteinfarbenen Augen, die unablässig Wellen seiner goldenen Aura wiederspiegelte. Helyon war also auch dieser Entität unbekannt. Er hätte alles dafür gegeben diesem arroganten Bastard einen Schritt vorraus zu sein. Anifuris brachte ihn aus dem Gleichgewicht, sowohl mit seiner andauernden Präsenz als auch die wahrheitsgemäßen Worte. Das Wesen in dem gestohlenen Körper wirkte beängstigend zivilisiert und weniger wie eine unkontrollierte Bestie, die alles zerfleischte was sich ihr den Weg stellte. Das Verhalten irritierte ihn und es ärgerte Cain. Die für ihn unsichtbare Aura um seinen Körper schlug unruhige Wellen, als jemand einen Stein in einen Teich geworfen.
      Im Gegensatz zu ihr weiß ich sehr wohl, dass du nicht gelogen hast.
      "Wie verzweifelt muss jemand sein, den Gemütszustand eines Mädchens ausnutzen, dem ein Leben lang sämtliche sozialen Kontakte verwehrt blieben. Sie weiß es nicht besser.", knurrte Cain und fragte sich im selben Augenblick, was das aus ihm machte. Näherte es sich Sylea nicht nur, um an Informationen zu kommen oder ein Heilmittel für seiner Schwester zu finden? Was machte ihn am Ende besser als Anifuris außer das er sich unter dem Deckmantel von Freundlichkeit und Sorge versteckte. Cain schüttelte gedanklich den Kopf. Nein, er sorgte sich wirklich und hatte Mitgefühl mit der Vessel, aber er konnte nicht außer Acht lassen, dass gerade das Monster in ihrem Kopf eine Lösung bot, um Cordelia ein Leben in Freiheit zu ermöglichen.
      "Ein Frage, hm?", flüsterte Cain und atmete den süßlichen Geruch der Vewesung ein, der unterschwellig immer wieder in seine Richtung strömte. "Du hast das fremde Bewusstsein in Farina frei gesetzt. Ich nehme an, es wäre ein leichtes für dich die Prozedur zu wiederholen?"
      Es war gefährlich, was der Seeker hier tat. Das Gespräch lief in eine viel zu private Richtung und würde am Ende Anifuris wahrscheinlich nur noch mehr Munition liefern, aber brauchte für sich Gewissheit.
      "
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    • "Ich fürchte, du siehst den Zusammenhang unter einem falschen Aspekt", korrigierte Anifuris Cain. "Wenn ich es nicht getan hätte, würde diese Unterhaltung nicht zustande kommen. Weder bekäme ich den Namen, den ich mir gewünscht hatte, noch du deine Antworten. Das hat rein gar nichts mit Verzweiflung zu tun."
      Interessiert beobachtete er die Aura des Seekers. Sekündlich änderte sie ihre Form und Farbe, was nur überdeutlich zeigte, in welchem Konflikt er sich befand. Nicht nur, dass es ihm offensichtlich missfiel mit der unbekannten Seele zu sprechen - er reflektierte seine Handlungen und stellte fest, was er damit auf Sylea projezierte. Anifuris sah einen Zwiespalt in Cain aufbrechen, der sich kurz darauf durch seine Frage erklärte.
      "Du hast das fremde Bewusstsein in Farina frei gesetzt. Ich nehme an, es wäre ein leichtes für dich die Prozedur zu wiederholen?"
      Für gewöhnlich hätte das alte Bewusstsein nun diabolisch gegrinst, da er den Tausch mit dem Teufel erkannte. Entgegen dieser Annahme blieb seine Miene relativ neutral, beinahe ernst. Es hatte nur Sekunden gebraucht ehe er erkannt hatte, dass diese Frage auf die Schwester des Seekers abzielte. Wenn er jetzt falsch reagierte, hätte er seine einfachste Karte in die Freiheit verspielt.
      "Du zielst auf deine Schwester ab", stellte er fest, die Stimme fernab von Hohn und Belustigung. Er kannte das Gefühl, das sich tief in Cains Herz gesetzt hatte. So viel Mitgefühl der junge Mann auch für das Vessel haben mochte, für seine Schwester würde er sie sogar in den Tod schicken. Ob der Seeker das auch so bewusst wahrnahm, war eine andere Sache. Auren hingegen logen nie.
      "Es ist nicht unbedingt leicht. Wenn ich gegen den Willen der Seele arbeite, funktioniert es erstens nicht schnell und zweitens manchmal nicht so wie gewollt. Der Körper ist nicht dafür gemacht, zwei Auren und zwei Seelen zu halten. Es ist ein natürlicher Konflikt, den die Natur zu lösen versucht indem sie die Auren miteinander verwebt. Dieses Geflecht zu lösen ist eigentlich wider der Natur. Bei Medjab ging es nur deswegen so leicht weil sie ihr Gefängnis verlassen wollte und ihre Auren sich noch klar unterscheiden lassen konnten."
      Sylea hatte jedes Wort gehört. Wenn ihre Auren über zehn Jahre schon verwoben waren, konnte Anifuris leicht die Verbindungen nutzen und sich in den Vordergrund schieben. Es ging nicht darum, wer den anderen übermannte und vom Steuer riss. In dem Moment fiel ihr auf, warum der Kokon Schlitze besaß, egal wie fest man ihn zurrte. Eine vollständige Trennung vom anderen war gar nicht möglich.
      Nachdem sie das festgestellt hatte, besann sich die junge Rubra auf das, was sie einst gelernt hatte. Konzentriert lauschte und fühlte sie nach den Klängen und Farben ihrer verschmolzenen Auren. Sie würde die Übergänge finden und dann das nachahmen, was Anifuris vorhin getan hatte.
      Dies ging selbstverständlich nicht vorrüber ohne bemerkt zu werden. Anifuris' noch immer tippende Zeigefinger erstarb, eines seiner Augen zuckte leicht. "Das Problem ist, dass das Mädchen nicht ganz dumm ist. Sie hat sich gemerkt, wie ich sie vorhin abgelöst habe und versucht nun mich nachzuahmen. Wir haben also nicht mehr viel Zeit, kleiner Seeker. Weißt du, was sich in deiner Schwester eingenistet hat?"

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Was zum Teufel machte Cain hier?
      Der Gedanke wirbelte in Dauerschleife durch seinen Kopf. Wenn von diesem Gespräch auch nur ein Wort nach Außen gelang, war er geliefert. Und nicht nur sein Leben war in Gefahr. Im schlimmsten Fall würde er seine Schwester Cordelia und auch die junge Rubra mit über die Klippe stürtzen. Aber das erste Mal seit Jahren hielt er eine Möglichkeit in der Hand, seine Schwester zu befreien und vielleicht dieses Leben hinter sich zu lassen. Auch wenn die Chance verschindet gerring war. Anifuris zu vertrauen war nicht nur leichtsinnig und nachlässig, es war äußerst törricht. Das boshafte Bewusstsein konnte ihm jeden Augenblick in den Rücken fallen und ihn den Wölfen zum Fraß vorwerfen.
      Also war es doch nicht so leicht, zwei Bewusstseine von einander zu trennen. Jedoch war diese Möglichkeit immer noch besser als Nichts. Der Seeker erhob sich aus seiner sitzenden Position und wagte ein paar Schritte durch den Raum. Nachdenklich ließ er sich die Worte von Anifuris durch den Kopf gehen und haderte noch mit sich, wie viel er wirklich preisgeben sollte. Aber am Ende siegte der Wunsch seiner Schwester zu helfen über die Vernunft seines Verstandes.
      "Die Ärzte und Wissenschaftler nennen das Bewusstsein, das meine Schwester befallen hat, 'Scintilla'. Den Funken. Ich war selbst nicht anwesend als es passierte, aber dieses Ding hat mit dem Körper meiner Schwester ein ganzes Stadtviertel in Schutt und Asche gelegt. Das Feuer hat alles verschlungen und vor nichts und niemanden Halt gemacht."
      Cain rieb sich über die Augen, da er das verräterische Brennen bereits erkannte. Der Anblick war furchtbar gewesen, als der Seeker sich das mit Asche verdreckte Gesicht in Erinnerung rief. Aber in ihren Augen war bereits nichts mehr von seiner kleinen Schwester übrig gewesen, die er eh kaum gekannt hatte. Cain hatte erst von ihr erfahren, als er bereits mitten in seiner Ausbilung steckte. Sie war später geboren, nachdem ihm seine überforderten Eltern abgeschoben hatten. Aber die Ähnlichkeit war unbestreitbar gewesen.
      Mitten in der kleinen Zelle blieb er stehen und wandte sich nun endlich wieder dem Körper der jungen Frau zu, deren Gesicht noch immer befremdlich wirkte sei Anifuris die Kontrolle übernommen hatte. Aber es war eindeutig ihr Gesicht, nur anders. Der Audruck passte nicht.
      "Wo sie versiegelt ist, weiß ich nicht. So lange ich meinen Job mache, ist sie sicher.", seufzte Cain. "Ich weiß wie das klingt."
      Natürlich klang es, als würde der Seeker an der Nase herum geführt werden. Keine Methode bot sich besser an, als Cain durch das Leben seiner Schwester zum Gehorsam zu zwingen. Tu, was man dir sagt und wir helfen ihr.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Da schlich sich ein wissendes Lächeln auf Anifuris Lippen.
      "Scintilla, der kleine Feuerteufel. Taucht so häufig in der Weltgeschichte auf, dass man sie schon als Umweltkatastrophe deklariert."
      Eine der wenigen Seelen, die seit Jahrhunderten ihren Namen beibehielten und demnach auch der Menschheit als solcher bekannt war. Es gab zahlreiche Berichte über Scintilla, die ihren Namen alle Ehre machte. Sie war recht einfach zu stoppen doch in der Zeit von ihrem Auftauchen bis zu ihrer Eindämmung richtete sie meist enormen Schaden an. All dies passte zu Cains Erzählung.
      Da kitzelte es Anifuris am Rande seiner Wahrnehmung. Als er einen Blick zum Kokon warf, der Syleas Bewusstsein hielt, entdeckte er einen ihrer dürren Arme, der sich durch einen Schlitz des Kokons gegraben hatte. Dahinter sah er ihre Augen, die ihn böse anfunkelten. Sie hatte eine Überschneidung gefunden und zog bereits daran. Mal sehen wie lange sie brauchte, um mit ihm die Plätze zu tauschen.
      "Hat man dir jemals bestätigt, dass deine Schwester noch lebt? Einen Beweis für ihre Existenz oder glaubst du leeren Worten, die dich in künstliche Ketten legen?"
      Du versuchst die falsche Technik.
      Ich bin auch nicht so steinalt wie du?! Wie soll ich durch einmal fühlen wissen, was ich machen soll?!
      Deine Aura ist dünner als meine. Ohne einen Auslöser wird es schwierig für dich, meine Abwehr zu überwinden.
      Es. Muss. Auch. So. Klappen.
      Den Disput, den die beiden auf geistiger Eben führten, war bei Anifuris definitiv nicht so leicht abzulesen wie wenn Sylea die führende Kraft war. Folglich entspannte sich Anifuris etwas während er dabei zusah, wie der Seeker zögerlich aufstand und sich etwas im Raum bewegte. Scheinbar hatte sich seine Schockstarre gelöst. Vielleicht sollte man ihm einen weiteren Brocken zuwerfen, der trügerische Sicherheit aufkeimen ließ.
      "Ich korrigiere mich, wir haben wohl doch noch genug Zeit für uns beide. Sie hat zwar herausgefunden, wo sie ansetzen muss, doch die Technik fehlt ihr um mich abzulösen. Ohne einen Auslöser wird es wohl eine Weile dauern bis sie mich wieder einsperren kann."
      Natürlich hütete er sich davor, pikante Details, die ihm längst aufgefallen waren, zu nennen. Er wusste ganz genau, warum dieses junge Mädchen in der Lage war, sein altes Bewusstsein zu bändigen. Dass sie genau wie der Seeker ihm gegenüber ihr Potenzial nicht nutzte. Beide waren unwissend über das, zu dem sie eigentlich in der Lage waren.
      Anifuris musterte Cain, der inzwischen stehengeblieben war und ihn ebenfalls ansah. "Seit wann hat man dich unter Drogen gesetzt? Wann war das erste Mal?", hakte er nach. "Ich bin mir sehr sicher, dass dir niemand wirklich gezeigt hat, wie deine Gabe funktioniert bevor man dich mit dieser Substanz verstümmelt hat. Sylea hat vorhin einen Eindruck bekommen, zu was du ursprünglich in der Lage wärst."
      Zwar hatte er damals nur einen Blick auf das Blind Eye werfen können, doch die Auswirkungen auf Cains Aura waren gravierend gewesen. Der Stoff machte nicht nur süchtig, er beschnitt den Abhängigen in seiner Leistung auf Dauer. Als würde man Vögeln die Schwungfedern stutzen und sie so wieder in die Wildnis aussetzen.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die bernsteinfarbenen Iren glühten, erfüllt mit seiner Aura, im künstlichen Licht der Gefängniszelle. Unbehagen ließ die flackernde Aura um seinen Körper unruhig aufwirbeln. Aber er hatte sich auf dieses Gespräch eingelassen.
      "Nein, ich habe meine Schwester seit ihrer Gefangennahme nicht mehr gesehen. Wenn auch nur die gerringste Chance besteht, dass meine Schwester noch lebt, lasse ich mich dafür gerne weiterhin in Ketten legen. Das Risiko kann ich nicht eingehen." Die Antwort klang selbst in den eigenen Ohren schach und dürftig, aber leider war es die Wahrheit. Er musste daran glauben, dass seine Schwester noch lebte. Alles andere würde sein Leben und alles, was er für sie auf sich genommen hatte, in den Abgrund reißen. Cordelia war der letzte klägliche Rest seiner Familie, der ihm überhaupt noch etwas bedeutete. Die Persönlichkeiten seiner Eltern waren für den jungen Mann nicht mehr als zwei Namen auf einem Stück Papier. Er verschwendete keine Gedanken mehr an sie, so wie sie auch nicht mehr über seine Existenz nachdachten. Aber Anifuris, so abstrakt die Vorstellung auch war, bot ihm einen Ausweg.
      Die Möglichkeit Cordelia zu befreien, in dem Anifruis den Feuerteufel frei setzte, würde auch ihn aus seinem Gefängnis befreien. Sie könnten frei sein. Eine leise Stimme in seinem Kopf erinnerte ihn daran, dass er Sylea in der Gleichung vergessen hatte. Ertappt ging ein kaum merkliches Zucken durch seine Glieder. Die Vessel war ebenso unschuldig und auch nur ein Opfer der Umstände. Er konnte sie nicht den Preis dafür bezahlen lassen.
      "Die Aurasicht...", Cain erinnerte sich an das Gespräch mit der jungen Rubra. "Seit meinem 15. Lebensjahr habe ich nicht mehr einen Tag ohne diese Substanz gelebt. Ich habe nur einmal gesehen, wie sie Ungehorsam mit Entzug bestraft haben. Es hat Vierundzwanzig Stunden gedauert, bis der Seeker aufhörte zu zucken und sich zu finden. Der Anblick hat uns alle abgeschreckt."
      Natürlich fürchtete er sich davor. Jedem Seeker graute es vor dieser Strafe.
      Ein kurzer Augenblick des Zögerns und Cain bewegte sich auf die zierliche Gestalt der Rubra an der Wand zu. Mit jedem Schritt wurde der Gestank ein wenig stärker, aber noch im Bereich des ertragbaren.
      "Ich habe nur eine Frage, Anifuris.", er sprach das Wesen mit seinem Namen an und auch wenn Sylea zuhörte, war diese Frage ganz allein an die Intität in ihrem Kopf gestellt.
      "Wenn Cordelia lebt, und ich glaube fest daran, wärst du dazu in der Lage Scintilla davon zu überzeugen, sich einen anderen Wirt zu suchen?"
      Dabei gab es zwei große Probleme: Herauszufinden, wo Cordelia versteckt wurde und Anifuris in ihre Nähe zu schaffen.
      Es war leichtsinnig, egoistisch und gefährlich. Jede Alarmsirene in seinem Kopf heulte auf.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Mit jedem Schritt, den Cain auf das Vessel zutrat, hoben sich seine Augenbrauen Millimeter für Millimeter. Anifuris war offensichtlich erstaunt, wie der junge Mann vor ihm ihm zunächst mit reinem Schrecken gegenüber saß, anschließend sich traute, trotz Vorsicht ein paar Schritte zu wagen und sich ihm nun vollends zuwand. Aus eigenem Antrieb verringerte der Seeker seinen räumlichen Abstand zu Anifuris, so groß war sein Wunsch, seine Schwester zu befreien.
      "Zweifellos."
      Jetzt schrien auch in dem Geist der alten Seele sämtliche Sirenen auf, allerdings war das lediglich Syleas Stimme. Dass ihre Worte aber zeitgleich auch über ihre Lippen, unbeabsichtigt von Anifuris, drangen, hatte niemand von Beiden erwartet: "Du wirst ihn NICHT in leere Versprechungen locken!" Prompt schlug sich Anifuris eine Hand vor den Mund bevor er hinzufügte: "Ups. Da kam sie kurz durch."
      Der Kokon wurde fester gezurrt. Die Fäden schnitten sich in Syleas Oberarm, doch sie hielt an ihrer Position fest. Ein bisschen noch.
      Anifuris stieß sich von der Wand ab und trat ebenfalls ein paar Schritte auf Cain zu. Er stemmte beide Hände in die Hüften während er den jungen Mann vor sich musterte. "Der Entzug von etwas ist im Prinzip eine Form der Verlustangst. Und wo spiegelt sich das wider? Richtig. Und wer kann ein bisschen mit den Auren spielen?"
      Er ließ absichtlich einige Worte unausgesprochen. Tatsächlich war es für ihn ein leichtes, die besagte Resonanzfarbe in der Aura zu isolieren und aufzulösen. Nicht nur konnte er dies bei anderen - er tat es auch bei sich selbst. Es gab Zeiten, da durfte das alte Bewusstsein keine Angst spüren, keine Sorge, jemanden oder etwas zu verlieren. Wer sich diesen Emotionen entledigte war freier, rationaler in seinen Taten. Und ein Stück weniger menschlich.
      Es trennten Cain und Anifuris nur noch etwa eine Meter. Diese Distanz reichte, um seine Aura auszustrecken und am Rande der Bernsteinfarbe zu kratzen. "Du brauchst einen Beweis?", hauchte Anifuris zärtlich während er bereits eine bestimmte Farbe in der Aura des Seekers isolierte, "horch doch einmal in dich. Wo ist denn die Vorsicht, die du mir die ganze Zeit über entgegengebracht hast?"
      Eine hellgrüne Farbkugel waberte zwischen dem Bernstein und dem Königsblau im Raum. Ohne Cain anzufassen konnte Anifuris keine Resonanzen vollständig lösen. Aber isolieren und somit die Wirkung demonstrieren sehr wohl. Als er zur Bestätigung sah, dass sich Cains Augen in Schock weiteten, ließ das alte Bewusstsein los und das Grün mischte sich wieder den Rest von der Aura des Seekers.
      Behutsam ging Anifuris wieder etwas auf Abstand. Rein aus Höflichkeit. Sylea brüllte ihn gedanklich nur einmal an ehe sie wieder in Stille verfiel und weiter arbeitete. Ihre Abscheu ihm gegenüber war omnipräsent.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Obwohl Cain selbst die Entfernung zu Anifuris verkürzt hatte, blieb er dennoch wachsam. Und doch siegte die Unervernunft und der winzige Funken Hoffnung über seinen gottgegebenen Verstand. Die Worte des Bewusstseins ergaben durchaus Sinn. Es klan logisch genug, so dass der Seeker ihnen wider besseren Wissens Glauben schenkte.
      Augnblicklich spürte er die Änderung seines Gemütszustandes. Es war leicht wahrzunehmen, da der süßliche Geruch von Verwesung und Tod mit einem Mal vollständig verschwunden war. Zwar blieb seine Wachsamkeit, aber es fühlte sich plötzlich weniger bedrohlich an. Die goldenen Augen des jungen Mannes blickten mit Unglauben seinen Gegenüber an. Also gab es eine Chance sich von dem Einfluss des Blind Eye zu lösen, aber dafür musste er sich vertrauenvoll in die Hände eines Monsters begeben. Allein der Gedanke war derart töricht, das Cain trotz der Manipulation seiner Aura einen Schritt zurücktrat.
      Wenn er sich Anifuris komplett auslieferte, war die Chance extrem hoch, die Kontrolle über sich und seinen Willen vollständig zu verlieren und erwürde nichts dagegen unternehmen können.
      Als der Körper der jungen Rubra, in diesem Zustand mochte er die Gestalt nicht einmal in Gedanken mit Syleas Namen bennen, ein Stück zurückging, war die Vorsicht und das Misstrauen in voller Stärke wieder zurück. Cain verengte die Augen zu schmalen Schlitzen.
      Der Durchbruch von Sylea war ihm selbstverständlich nicht entgangen und schürte nur noch mehr die Vernunft, von seinem aberwitzigen Gedanken abzulassen. Aber am Ende war die Versuchung beinahe zu groß.
      "Willst du wirklich behaupten, ich könnte unter deinem Einfluss den Entzug überstehen?", fragte der Seeker und es klang fast zu einfach. Letztendlich schüttelte er den Kopf. Ohne zu wissen, wo Cordelia war, hatte es keinen Sinn über dieses Risiko zu sinieren. Sie müssten erst von hier verschwinden, den Entzug durchziehen bevor es ihn umbrachte und dann gemeinsam weiterziehen. Es klang einfach verrückt.
      "Diese Unterhaltung allein ist Wahnsinn. Ich kann dir unmögich trauen.", murmelte Cain und doch... "Nehmen wir an, ich wüsste einen Weg aus diesem Zellentrakt und wir herrausfinden, wo sie Cordelia aufhalten. Was verlangst du für deine Hilfe und wie kann ich sichergehen, dass du am Ende deinen Teil des Deals einhälst."
      Es war buchstäblich ein Pakt mit dem Teufel. Gedanklich bat er Sylea um Verzeihung, auch wenn sie ihn nicht hören konnte.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
      And that’s OK, that’s good, you gotta keep moving,
      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Was hast du davon mit ihm einen Deal abzuschließen?
      Ein bisschen Unterhaltung. Irgendwann kämen wir hier auch ohne ihn raus. Aber so macht es doch viel mehr Spaß.
      Sylea schnaubte lediglich. Weder hatte sie den leisesten Hauch einer Ahnung, was Anifuris überhaupt wollte, noch warum er noch nicht längst alles und jeden kurz und klein geschnetzelt hatte.
      "Ich wiederhole mich: Zweifellos. Es wäre das erste Mal, dass ich ein von Menschenhand geschaffene Substanz nicht umgehen kann", antwortete Anifuris und lächelte etwas. Es machte ihm Spaß mit Dingen zu spielen, die ihm neu waren. Vielleicht war es das, was das alte Bewusstsein bei Sinnen hielt und nicht verrückt werden ließ.
      Nun sicher, dass das Mädchen in seinem Geist nicht doch plötzlich mit ihm die Plätze tauschen konnte, bewegte sich Anifuris selbst etwas im Raum. Er brauchte nicht in Starre zu verfallen wenn er wusste, dass er vorerst walten konnte wie er es wünschte. Damit seine Hände etwas zu tun hatten öffnete er den Zopf, den Sylea vor Stunden gebunden hatte, und fuhr mit den Fingern durch die Strähnen.
      "Das Problem ist dein gesunder Menschenverstand. Du wirst dir nie sicher sein können, dass ich das halte, was ich dir verspreche. Weder weißt du, ob ich an Schwüre gebunden bin noch ob ich so etwas wie Ehre oder Anstand besitze." Seine Augen wanderten zum Seeker, der ihn mit gewohntem Argwohn anschaute. Hier und da brach durch das Bernstein seiner Aura ein Ockerton - die Versuchung gegen jegliche Raison zu verstoßen. "Alles, was ich will, bekomme ich über die Zeit. Wenn mir langweilig wird, dann sorge ich dafür, dass das Mädchen durchdreht und mir freiwillig diesen Körper vollständig überlässt. Ob ich sie also gewaltsam breche oder dir einen, nennen wir es Gefallen tue, spielt dann keine Rolle."
      Da blitzte wieder diese Neugier in den braungrauen Augen auf. Anifuris plante etwas, das Sylea umgehend spürte. Auch nahm sie wahr, dass er in ihren Erinnerungen zu blättern begann. Schmerzerfüllt verzog sie das Gesicht, zwang sich aber dazu, den Arm noch immer nach draußen stecken zu lassen.
      "Wir könnten damit anfangen und sehen, ob deine Schwester überhaupt noch lebt", schlug Anifuris vor und streckte eine Hand fordernd in Cains Richtung aus. Ein animalisches Lächeln umspielte seine Lippen. "Gib mir ein wenig deines Blutes und ich werde in Erfahrung bringen, ob eine dir ähnliche Blutlinie noch existiert."
      Sowas kannst du?! Sylea war schockiert.
      Oh, meine Liebe, wir können noch eine ganze Menge mehr.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Cain Desraeli beäugte jede Bewegung des fremden Bewusstsein mit einem gesunden Maß an Skpesis, aber dennoch beunruhigte ihn ein Satz sichtlich. Sicherlich hatte Anifuris die nötige Geduld um einfach abzuwarten, aber Langeweile schien über Zeit auf zu seinem Gegner zu werden. Die Vorstellung, dass er gewillst war Sylea zu Unterhaltungszwecken in den Wahnsinn zu treiben, hinterließ einen säuerlichen Beigeschmack auf seiner Zunge. Oder Cain stellte sich ihm als Versuchskaninchen zur Verfügung.
      Du wirst dir nie sicher sein können, dass ich das halte, was ich dir verspreche.
      "Das habe ich befürchtet," flüsterte der Seeker in den leeren Raum zwischen ihnen. Es gab also keine Möglichkeit Anifuris an sein Wort zu binden und das machte die ganze Sache so brandgefährlich. Cain setzte sich nur sein Leben aufs Spiel, sondern auch das aller Angestellten und anwesenden Menschen in dieser Basis. Konnte er wirklich mit so vielen Seelen spielen nur aus Egoismus? Nervös zuckten seine Finger.
      Am Ende des Tages würde der Seeker alles für seine Schwester tun.
      Der Entschluss blitzte in den bernsteinfarbenen Augen auf und besiegelte sein Schicksal, als er den linken Arm anhob und mit einem kurzen Zögern seine Handgelenk in die ausgestreckte Hand legte. Selbst die Berührung fühlte sich fremd an, als würde ihre Haut unter dem Einfluss von Anifuris eine ganze andere Temperatur ausstrahlen. Es lief ihm eiskalt den Rücken herunter, während er fest in die braunen Iren sah.
      Cain ließ sich willentlich von Anifuris anlocken, ganze wie eine Motte auf die tödliche und lodernde Flamme in ihr Verderben flog. Und wie eine kleine Motte konnte er nicht anders. Der Puls unter dünnen Haut an seinem Handgelenk raste, es war deutlich zu spüren. Der eigene Herzschlag pulsierte und rauschte so laut in seinen Ohren, dass er beinahe nicht anderes mehr hören konnte.
      "Nimm, was du brauchst...", sprach Cain und war selbst ein wenig verwundert darüber, wie fest und entschlossen seine Stimme klang. Er ließ sich verleiten und von der Aussicht auf Freiheit verführen.
      “We all change, when you think about it.
      We’re all different people all through our lives.
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      so long as you remember all the people that you used to be.”
    • Anifuris Lächeln mutierte zu einem Grinsen, kaum hatte der Seeker sein Handgelenk in seine Hand gelegt. Es war so einfach mit Menschen zu spielen, wenn man wusste, was ihnen am Wichtigstens war. Für was sie alles über Bord werfen würden. Die Körperwärme eines Anderen strahlte von seiner Handfläche wie ein Sonnenstrahl. Beide Bewusstsein nahmen die Gleiche Wärme wahr, spürten den Puls und hörten die Worte, mit denen Cain dem mächtigen Wesen Erlaubnis erteilte.
      "Meine Güte, du brauchst nicht so theatralisch zu sein. Ich reiße dir schon nicht deine Pulsadern auf", sagte Anifuris und konnte sich eine Spur Hohn nicht verkneifen. "Mir reicht ein Finger."
      Mit den Worten schnappte seine Hand um, seine Finger schlossen sich um Cains Zeigefinger. Mit einer ruppigen Bewegung zog er den jungen Mann einen Schritt näher an sich heran. Hätte er damit gerechnet, hätte Anifuris ihn nicht so leicht bewegen können. Doch dank der Überraschung war es leichter gewesen. Die alte Seele führte Cains Zeigefinger an seine Lippen, öffnete sie und biss dem Seeker in die Fingerkuppe. Ein paar Tropfen Blut benetzten seine Zunge, der Geschmack von Eisen flammte in Syleas Wahrnehmung auf und ließ sie würgen.
      Das hast du wirklich noch nie gemacht, hm?
      Dieselbe Prozedur führte Anifuris mit seinem eigenen Finger durch. Dann drehte er seine andere Hand mit dem Handrücken nach oben um und begann mit seinem Blut eine einzige Rune auf dem Handrücken zu zeichnen.
      "Dann wollen wir mal sehen."
      Es ging so schnell, dass Sylea lediglich einen Strudel wahrnahm, den sie nicht entziffern konnte. Anifuris war in Realzeit nur ein paar Sekunden wie weggetreten. Niemand außer ihm selbst vermochte zu ahnen, was er da gerade tat. Als sich sein Blick wieder fokussierte, räusperte er sich. Anschließend drückte er auf seinen Zeigefinger, damit die Blutung stoppte. Die Rune auf dem Handrücken war wie durch Magie verschwunden und hinterließ lediglich einen schwachen bräunlichen Schatten.
      "Von deiner Blutlinie existieren noch einige auf Erden. Wobei ich allerdings nur eine spüren konnte, die jünger als du war und sich ähnelt Ich würde sagen, sie existiert in irgendeiner Form noch da draußen."

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die spöttischen Worten ließen seine Augenwinkel gefährlich zucken, aber Cain biss sich auf die Zunge und unterdrückte den Impuls seine Hand wieder zurückzuziehen. Doch dafür war es bereits zu spät. Mit einer Mischung aus Schock und Faszination folgte sein Blick der Bewegung ihrer Hände und Cain hielt den Atem an, als warmer Atem die Nerven seiner Fingerkuppe traf. Ein Ruck ging durch seinen Körper, als ein spitzer Eckzahn sich in sein Fleisch senkte und die dünne Haut seines Fingers durchbohrte. Der Seeker atmete scharf ein und ballte seine freie Hand zu einer verkrampften Faust. Schmerzen waren ihm nicht fremd, aber vermutlich hätte er mit etwas Ähnlichem rechnen sollen. In dieser Zelle gab es kein Messer oder etwas in der Art.
      Cain warf einen Blick auf die blutige Rune und sah zu, wie diese langsam in der Haut versank bis nur noch ein fahler Schatten davon übrig war. Eine solche Technik hatte er noch nie zu Gesicht bekommen, vermutlich weil er gewöhnlich nicht so nah an seine Zielobjekte herankam gewschwiege denn sich mit ihnen unterhielt oder ihnen Frühstück brachte.
      "Entweder meine Schwester lebt und ist noch bei Verstand oder Scintilla hat ihren Bewusstsein bereits verdrängt, um ihren Körper für sich zu beanspruchen." Das waren die einzigen beiden Möglichkeiten, die es noch gab, wenn Anifuris ein lebendiges Wesen aufgespürt hatte. Eine 50/50 Chance seine Schwester zu retten und die Quote reichte dem Seeker fürs Erste.
      Cain blickte auf seine Fingerkuppe aus der noch immer Blut hervor quoll, ehe er den Saum seines T-Shirts hervorzog und auf die kleine Wunde drückte. Ein Streifen gebräunter Haut kam dabei zum Vorschein. Aus dem Hosenbund seiner Jeans lief eine blasse, fast weiße Narbe über die linke Seite seines Bauches hinauf. Das Ende war bei dem winzigen Stückchen Haut nicht zu erkennen, aber sie wanderte offensichtlich weiter herauf.
      Aus dem Augenwinkel blickte Cain die Gestalt des Mädchens an und fragte sich, wie lange Sylea dem fremden Bewusstsein noch die Kontrolle überlassen würde. Eine Berührung hatte ausgereicht, um Sylea aus dem Konzept zu bringen. Nachdem Anifuris ihn sogar willentlich gebissen hatte, glaubte er nicht daran, dass diese Methode bei dem alten Wesen funktionierte.
      "Gehen wir theoretisch davon aus, dass ich dir glaube. Was verlangst du für deine Hilfe?"
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    • "Unter der Sonnen wandeln zu können. Dorthin zu gehen, wohin der Wind mich treibt."
      Das klang unfassbar kitschig und tiefgreifend zugleich. Keine anderen Worten trafen aber das besser, was dieses alte Bewusstsein sich wünschte. Selbst Sylea in ihrem Kokon spürte den Wunsch der Seele nach Freiheit. Sie war auf der Suche nach etwas, dessen Name sie nicht kannte. Ein Hauch Wehmut, der nicht ihr eigener war, schwappte über Sylea hinweg.
      "Ich weiß, dass es dir vermutlich keine Sicherheit gibt. Aber ich werde sicherlich nicht jeden umbringen, der in mein Blickfeld gerät." Beiläufig leckte er sich über die Lippen, als müsse er noch Spuren beseitigen. "Aber ich muss doch ausprobieren, zu was dieser Körper in der Lage ist."
      Sylea schauderte. Noch nie war ihr in den Sinn gekommen, dass die Macht der Seelen davon abhängen könnte, in welchem Körper sie steckten. So wie es klang hatte er in ihr etwas gefunden, was ihm Sicherheit verlieh. Darüber hinaus hatte er sie vorhin gefragt, ob sie diese Blutrunen schon einmal genutzt hatte. In ihrem Gefängnis runzelte sie die Stirn. War das etwas gewesen, das von Anifuris stammte oder etwas tief aus ihren Erinnerungen? Er hatte sie vorhin nach etwas durchsucht, wenn sie sich richtig entsinnte.
      Das stimmte das Mädchen nicht unbedingt besser. Stattdessen überlegte sie sich den nächsten Ansatz, wie sie durch den Kokon brechen konnte.
      "Aber ja, das Blind Eye da ruiniert deinen Aurenfluss. Was auch immer die Menschen da zusammenmischen, es verändert etwas sogar in deinem Blut. Blut dient seit jeher als Katalysator. Ergibt eigentlich nur Sinn, dass sie euch dort beschneiden." Das waren reine Spekulationen, die Anifuris hörbar von sich gab, damit Cain darauf reagieren konnte. Aus dem Augenwinkel registrierte er die Narbe, die sich vom dunkleren Hautton abhob. Ihn störte es allerdings nicht weiter.

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      "I rather trust and regret than doubt and regret"
    • Die ehrliche Antwort seines Feindes überraschte Cain und traf ihn völlig unvorbereitet. Was ihn jedoch am meisten verwunderte, war das wehmütige Gefühl nach Freiheit. Es fühlte sich an, als hänge ein unsichtbares Gewicht an seinem Körper. Eine Last aus schweren Felsbrocken, dass ihn an Ort und Stelle hielt und ihm das Gefühl gab am Boden fest gekettet zu sein. Zu seiner Verwunderung waren das die ersten Worte die Cain ohne jeden Zweifel glauben schenkte. Vermutlich weil er Ähnliches verspürte, wenn er durch diese Hallen und Korridore wanderte. Eigentlich sehnte sich der Seeker nach Freiheit und einem normalen Leben, seit man ihm die Wahl genommen hatten. Auch er war nur ein Gefangener und ein Werkzeug, für alternde Männer und Frauen in ihrem hohen Elfenbeinturm.
      Cain schluckte einen steinigen Brocken in seinem Hals herunter und sah auf seinen Finger. Die kleine Wunde hatte bereits aufgehört zu bluten und würde in wenigen Tagen schon nicht mehr zu erkennen sein.
      Kurzentschlossen straffte Cain die Schultern und wo Anifuris wieder von ihm Abstand genommen hatte, machte der Seeker einen unerwarteten Schritt nach vorn. Die Entfernung zwischen ihnen verringerte sich ein weiteres Mal, während er in die braunen Augen blickte, als würde er Sylea hinter den Seelenspiegeln suchen. Die goldenen Iren flackerten im Schein der Neonröhre an der Decke.
      "Einen Weg aus diesem Trakt zu finden, wird nicht leicht. Bis auf die Zellen sind alle Flure und Räume mit Kameras ausgestattet." Es wunderte ihn selbst, dass niemand weitere Vorsichtsmaßnahmen ergriffen hatte. Aber vermutlich traute sich niemand in die Nähe von Anifuris. Da benutzt man ihn lieber als Versuchskaninchen und Köder. Immerhin war Cain ersetzbar.
      Vor dem zierlichen Körper der Rubra hielt er inne, es war kaum noch ein halber Meter zwischen ihnen. Unter seiner Haut waren die Muskeln und Sehnen jeder Zeit bereit sich fluchtartig in Bewegung zu setzen. Er ging ein enormes Risiko ein.
      "Wenn du deine Freiheit erlangst," begann er nun mit gedämpfter, rauer Stimme in den Raum zwischen ihnen zu sprechen. "Was geschieht mit Sylea? Ich vermute sie freizugeben, ist nicht Teil deiner Zukunftsplanung?" Die Antwort darauf würde ihm vermutlich nicht gefallen, aber er musste es wissen.
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