what lies beneath. [shio x yumia]

    • what lies beneath. [shio x yumia]

      what lies beneath.

      “Sometimes, the truth isn’t what destroys you—it’s who you discover standing beside it.”

      ⚬──────────✧──────────⚬
      Genre: Romanze, SoL
      Rollen:
      X - @Yumia
      Y - @Shio
      Vorstellung
      ⚬──────────✧──────────⚬


      X ist ein junger Gründer eines millionenschweren Unternehmens, das innerhalb kürzester Zeit an die Spitze der Branche aufgestiegen ist. Trotz seines Erfolges weiß die Öffentlichkeit erstaunlich wenig über ihn. Er ist jung, attraktiv, charismatisch und scheint auf den ersten Blick ein makelloses Leben zu führen: keine Skandale, keine öffentlichen Affären, keine offensichtlichen Skandale.
      Doch gerade das sorgt für Gerüchte.
      Man munkelt, X sei der geheime Sohn eines Milliardärs. Andere behaupten, seine Firma sei auf den Leichen seiner Gegner aufgebaut worden. Wieder andere sind überzeugt, dass hinter seinem plötzlichen Aufstieg etwas viel Größeres und Dunkleres steckt.
      Beweise gibt es für keine dieser Geschichten.
      Denn bis heute hat es niemand geschafft, X zu einem richtigen Interview zu bewegen. Kein Journalist hat es geschafft, hinter die Fassade des jungen Unternehmers zu blicken. Entsprechend existiert auch kein wirklich tiefgehender Artikel über ihn.
      Bis jetzt.
      Y arbeitet als Journalist für eine renommierte Medienfirma und erhält den Auftrag, X zu interviewen. Ausgerechnet seine Firma hat es geschafft, einen Termin mit dem sonst unerreichbaren Gründer zu bekommen. Doch es soll kein gewöhnliches Interview werden. Y soll X nicht nur zu seinem Unternehmen befragen, sondern ihn wirklich kennenlernen: seine Vergangenheit, seine Motivation, seinen Aufstieg und die Person hinter dem öffentlichen Image.
      Schon beim ersten Treffen entspricht X kaum dem Bild, das Y sich von ihm gemacht hat.
      Er erscheint verspätet, trägt ein auffallend lässiges Outfit und lässt unter seinem offenen Hemd mehrere Tattoos erkennen. Er ist jünger als erwartet, selbstbewusst, charmant und besitzt eine provokante Art, mit der er Y immer wieder aus dem Konzept bringt. Gleichzeitig liegt etwas Unberechenbares in seinem Blick, etwas, das nicht zu dem erfolgreichen jungen Unternehmer passen will.
      Y nimmt seine Aufgabe ernst und beginnt, genauer hinzusehen.
      Je länger er X beobachtet, desto deutlicher wird ihm, dass hinter dessen charmantem Auftreten weit mehr steckt. X ist widersprüchlich: scheinbar gleichgültig und gleichzeitig ständig auf der Hut, verspielt und provokant, aber mit einer Schwere, die er hinter seinem müden Lächeln zu verstecken versucht.
      Und dann beginnt Y zu bemerken, dass nicht nur er Fragen über X stellt.
      Er wird beobachtet. Nicht nur das, weitere auffällige Zufälle und Begegnungen scheinen nicht aufzuhören-
      Von diesem Moment an ist Y klar, dass sein Interview längst keine gewöhnliche journalistische Recherche mehr ist. Je tiefer er in Xs Leben eindringt, desto mehr Geheimnisse entdeckt er: über Xs Vergangenheit, seine Verbindungen und die Menschen, die ihn umgeben.
      Und irgendwann muss Y sich fragen, ob er eigentlich noch versucht, die Wahrheit über X herauszufinden…
      …oder ob er selbst bereits Teil von Xs Welt geworden ist.





      Dmitry
      Der Morgen schob sich langsam über die Stadt. Hoch oben zwischen den anderen Wolkenkratzern lag meine Wohnung still über den Dächern. Durch die deckenhohen Fenster drang das erste Licht des Tages und färbte die Glasfassaden der gegenüberliegenden Gebäude in warme, blasse Töne. Unten bewegte sich die Stadt bereits. Autos zogen sich durch die Straßen, irgendwo fuhr eine Bahn über die Schienen und selbst aus dieser Höhe konnte ich jedoch nicht das leise, ununterbrochene Rauschen der Stadt hören.
      Ich lag noch immer auf meinem breiten Bett und starrte an die Decke. Ein schmaler Sonnenstrahl hatte seinen Weg durch den Spalt zwischen den schweren Vorhängen gefunden und lag genau auf meinem Gesicht. Ich verzog das Gesicht und drehte mich zur Seite. Mein Kopf pochte. Für einen Moment blieb ich einfach liegen. Die Matratze war weich genug, um mich davon zu überzeugen, dass Aufstehen eine schlechte Idee war. Leider war sie nicht weich genug, um die Kopfschmerzen verschwinden zu lassen.
      Mit einem leisen Seufzen setzte ich mich auf. Die Wohnung war ungewöhnlich still. Ich mochte diese Stille. Sie war eine der wenigen Dinge, die ich mir bewusst ausgesucht hatte.
      Die Wohnung erstreckte sich über zwei Ebenen. Das Wohnzimmer lag direkt unter der offenen Galerie, von der aus eine schwarze Treppe nach oben führte. Dort standen mein Bett, der Schreibtisch und der Kleiderschrank. Ich konnte von hier aus runter ins Wohnzimmer blicken. Alles war offen gehalten, ohne Türen, die den Raum unnötig voneinander trennten.
      Unten dominierten dunkle Farben, Glas und Metall. Das große Sofa stand mitten im Wohnzimmer und war eigentlich viel zu groß für eine Person. Gegenüber befand sich die offene Küche mit einer langen schwarzen Arbeitsfläche. Nichts lag herum. Keine Bücher, keine Dekoration, keine Pflanzen. Nicht einmal irgendwelche kleinen Dinge, die eine Wohnung normalerweise zu einem Zuhause machten. Nur das Nötigste.
      Ich stand auf und ging die Treppe hinunter. Ich trug nichts weiter als eine dunkle Jogginghose und fuhr mir mit einer Hand durch die noch völlig zerzausten Haare. In der Küche nahm ich ein Glas aus dem Schrank, füllte es mit Wasser und schluckte eine Kopfschmerztablette hinunter. Danach griff ich nach einem Apfel und biss hinein, während ich aus dem Fenster sah. Die Sonne stand inzwischen etwas höher. Von hier oben konnte ich weit über die Stadt sehen. Die Straßen waren voller geworden, Menschen strömten aus U-Bahn-Stationen und Cafés öffneten ihre Türen. Alles wirkte klein und weit entfernt. Ich wandte mich ab. Nach einer kurzen Dusche zog ich mich um. Eine schwarze Hose, ein lockeres weißes Hemd. Drei Knöpfe ließ ich offen. Ich hatte nie viel von Anzügen gehalten, wenn sie nicht unbedingt nötig waren. Durch die geöffnete Knöpfe konnte man einen guten Blick auf meine Tattoos erhaschen. ich kümmerte mich wenig um Anzüge in meiner eigenen Firma, erwartete jedoch von meinen Mitarbeitern, dass sie diese trugen.
      Als ich wieder die Treppe hinunterkam, war Raphael bereits da. Er stand neben der Fensterfront und sah auf die Stadt hinaus. Wie lange er schon dort wartete, wusste ich nicht. Wahrscheinlich lange genug, um sich über meine Definition von Pünktlichkeit zu ärgern. Ich blieb kurz auf der letzten Stufe stehen.
      „Morgen.“
      Raphael drehte sich zu mir um.
      „Es ist fast zehn.“
      Ich sah zur Uhr.
      „Dann ist es ein später Morgen.“
      Sein Gesicht blieb vollkommen ausdruckslos. Natürlich. Raphael war einer der wenigen Menschen, die sich von mir nicht aus der Ruhe bringen ließen. Stoisch, direkt und mit einer Geduld ausgestattet, die ich manchmal für übernatürlich hielt. Ich ging an ihm vorbei und ließ mich auf das große Sofa fallen. Es gab ein leises Geräusch, als mein Körper in den weichen Polstern versank. Ich legte den Kopf zurück und schloss für einen Moment die Augen.
      „Tagesablauf.“
      Raphael begann sofort.
      „Um elf Uhr haben Sie einen Termin im Büro. Danach zwei Besprechungen mit der Geschäftsführung. Um vier Uhr kommen die Investoren. Anschließend ist noch ein Abendessen angesetzt.“
      Ich öffnete ein Auge.
      „Und um elf?“
      „Der Journalist.“
      Ich runzelte die Stirn.
      „Welcher Journalist?“
      Raphael sah mich einige Sekunden an.
      „Der Journalist, dem Sie ein Interview zugesagt haben.“
      Ich schwieg. Dann biss ich erneut in meinen Apfel.
      „Ach.“
      Jetzt erinnerte ich mich. Ungefähr.
      „Muss das sein?“
      „Ja.“
      „Warum?“
      „Weil Sie zugesagt haben.“
      Ich ließ den Kopf wieder gegen die Rückenlehne sinken.
      „Das klingt nach etwas, das ich bereuen werde.“
      „Das ist möglich.“
      Ich sah zu ihm hinüber.
      „Du bist heute besonders optimistisch.“
      „Ich bin realistisch.“
      Ein müdes Grinsen zog kurz über mein Gesicht.
      „Noch schlimmer.“
      Raphael sagte nichts mehr. Er wusste vermutlich genauso gut wie ich, dass ich trotzdem hingehen würde. Ob es nun pünktlich sein wird, war eine andere Frage. Ich nahm einen weiteren Bissen von meinem Apfel und sah hinaus auf die Stadt.
      Ein Journalist. Ich hatte eine vage Idee wie sich das gestalten ließ. Langsam aber stetig fiel mir alles wieder ein. Ich hatte meinen eigenen Plan, weswegen ich dem Interview zugestimmt hatte. Es war also nun soweit. Und obwohl ich mir was Bestimmtes dabei gedacht hatte, trotz nach jahrelangen Ablehnung mich interviewen zu lassen, verspürte ich kein Funken Lust meiner eigenen Idee zu fügen. Nicht sonderlich vorteilhaft, das war mir selbst bewusst, doch was sollte ich gegen mein eigenes Empfinden unternehmen. Wahrscheinlich ohnehin ein weiterer Mensch, der glaubte, er könnte hinter meine Fassade sehen. Ich konnte mir angenehmere Arten vorstellen, einen Morgen zu verbringen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Miles

      Das Klingeln, des Handyweckers riss mich aus meinem kurzen, aber intensiven Schlaf. Ich stöhnte, legte meinen Arm über die Augen, da die Sonne allmählich in mein Schlafzimmer schien. Nach ein paar Minuten ertönte der Klingelton wieder. Ich drückte ihn aus und starrte an die Decke. Heute war ein aufregender Tag für mich, denn ich bekam endlich das langersehnte Interview mit Dmitry Valenti. Niemand hatte es bisher geschafft ihn zu einem Interview zu bewegen. Aber bei mir sagte er sofort zu. Wohlmöglich war das nur ein Glückstreffer.
      Und er war nur ein weiter Arsch im Anzug, der mir irgend eine Geschichte auftischen wollte, die erfunden war, um seinen Status aufzupolieren. Ich war gespannt was mich nachher erwartete. Erst einmal musste ich aus diesem äußert gemütlichen Bett aufstehen. Was gar nicht so einfach war, da ich gefühlt erst wieder gegen 2 Uhr eingeschlafen bin. Doch mein Handy war gnadenlos und erinnerte mich daran das ich zur Arbeit musste. Ich warf die Decke zur Seite, schlüpfte in meine Hausschuhe und zog die Gardinen auf. Mein Ausblick war direkt auf einen Park, etwas außerhalb des Stadtzentrums. Ich besaß eine kleine 3 Zimmer Wohnung mit einem Balkon, einem offenen Küchen- Wohnbereich, einem Bad, Schlafzimmer und meinem Büro, wo ich noch nach der Arbeit meine Zeit verbrachte und Storys schrieb oder Recherchen anstellte. Ich öffnete das Fenster, um frische Luft hinein zu lassen. Die Stadt ist schon längst aufgewacht, denn die ersten Menschen liefen durch den Park. Ich ging ins angrenzende Badezimmer, rasierte meine restlichen Bartstoppel weg, duschte mich, putzte mir die Zähne, warf mich in meine Klamotten. Diese bestanden aus einem schlichten Hemd, einer Jeans und meinem Blazer. Ich machte mir noch meine Haare und stellte anschließend die Kaffeemaschine an. Ich war natürlich wieder viel zu spät dran, also blieb nur ein Kaffee to go. Ich zog meine Schuhe an, schnappte mir meine Tasche, schob das Handy in meine Hosentasche, füllte den Kaffee in den Thermobecher und zog die Tür hinter mir zu. Ich eilte die Treppe hinunter und trat hinaus auf die Straße. "Mist!" Der Bus fuhr gerade vor meiner Nase an mir vorbei. Also musste ich wieder laufen. Ich nahm also meine Beine in die Hand und lief durch den Park. Dort waren bereits Menschen mit ihren Hunden Gassi, Jogger drehten ihre Runden und andere hetzten genau wie ich zu ihrer Arbeit.
      Mein Blick auf meine Armbanduhr verriet mir das ich nur noch 10 Minuten hatte. Ich fing an schneller zu Laufen und kam dann eine Minute vor Beginn meiner Arbeit am Gebäude an. Völlig aus der Puste, lief ich die Treppen nach oben zu den Büros von ´Chronicle International´. Punkt 8 Uhr betrat ich die Büroräume und stempelte meine Karte ab. Ich lief an den Kollegen vorbei, in mein kleines Büro und fuhr die Jalousien hoch und ließ frische Luft hinein. Den Thermobecher stellte ich auf den Schreibtisch, schaltete den Computer an und holte meine Unterlagen aus der Tasche. Es klopfte an meine Tür und ich hob den Kopf. Der Chef der Redaktion stand im Türrahmen und sah mich an. "Sie waren gerade noch pünktlich hier." "Ich habe den Bus verpasst." Mal wieder
      "Hauptsache sie sind pünktlich da. Denken sie an das Interview um 11 Uhr?" Als hätte ich nicht schon seit Wochen an nichts anderes mehr denken können
      Ich nickte. "Selbstverständlich. Ich habe es nicht vergessen." Sein Blick ging durch mein Büro und dann wieder zu mir. "Räumen sie gefälligst noch ein wenig auf. Schließlich soll er sich hier wohlfühlen." "Wird gemacht Boss." Er strich sich über seinen Schnauzer und murmelte noch etwas unverständliches, bis er aus meinem Büro ging. Ich ließ mich seufzend auf meinem Bürostuhl sinken. "Aufräumen? So wild sah es hier doch nicht aus.." Ich blickte selbst durch den Raum. Überall lagen Zettel herum, Post its klebten verteilt an verschiedenen Stellen und die Pflanzen im Regel konnten auch mal wieder gegossen werden. "Na schön.." Ich verdrehte die Augen. Was tut man nicht alles für solch eine Person. Wer auch immer er war. Also machte ich mich an die Arbeit mein Büro auf Vordermann zu bringen. Es war schon kurz nach 10 Uhr, als ich alles soweit fertig hatte. Mein Boss warf zwischendurch einen Blick hinein und gab mir nur einen Daumen nach oben. Erschöpft trank in Ruhe meinen Kaffee und bereite alles für das Interview vor. Vielleicht sollte ich langsam Mal an meiner Ausdauer arbeiten, anstatt ab und zu Gewicht zu stemmen, denn ich war das zweite Mal an dem Tag schon aus der Puste. Hm ob Joggen eine gute Idee wäre? Schließlich habe ich den Park direkt vor meiner Nase.
      Doch lange Zeit konnte ich nicht darüber nachdenken, denn die Uhr schien zu rennen. Nervös knapperte ich an meinem Stift. Meine Hände fingen an zu schwitzen. Mein Bein fing an zu wippen und ich starrte auf meine Tür. Beruhige dich. Es ist nur ein harmloses Interview
      Die Zeiger der Uhr waren plötzlich so laut und ich hatte das Gefühl man konnte meinen Herzschlag im gesamten Bürokomplex hören. Der Zeiger ging auf 11 Uhr. Noch war niemand gekommen. Meine Nervosität stieg, mit jeder vergangen Minute. Ich tippte mit den Stift auf meinem Schreibtisch. Wie ich Unpünktlichkeit hasste. Sagte der, der auch immer kurz vor knapp kam
      Ich hielt es nicht aus und blickte auf die Straße. Bisher kam noch kein Auto angefahren, was verdächtig aussah.
      "Immer noch nicht?" Ich schüttelte mit den Kopf. Mein Boss kam schon zweimal in mein Büro und stellte mir diese Frage. Ich stützte mich von der Fensterbank ab und nahm wieder an meinem Schreibtisch platz. Dann werde ich wohl erst einmal etwas anderes erledigen
      Es war bereits nach halb 12 und ich musste noch ein paar weitere Aufgaben erledigen. Entweder er taucht auf oder nicht. Allmählich war es mir egal.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Shio ()

    • Dmitry

      Ich verließ die Wohnung kurz nach halb zehn. Raphael blieb zurück, weil er noch einige Dinge zu erledigen hatte, während mein Fahrer bereits unten auf mich wartete. Ich stieg in den Wagen und lehnte mich zurück, während die Stadt an den Fenstern vorbeizog. Der Verkehr war dichter geworden, die Straßen voller Menschen, doch ich schenkte dem Ganzen kaum Beachtung. Ich hatte ohnehin nicht vor, pünktlich zu sein. Als ich schließlich durch den Haupteingang meines Unternehmens trat, veränderte sich die Atmosphäre um mich herum sofort. Gespräche wurden leiser, einige Mitarbeiter warfen mir kurze Blicke zu, während andere so taten, als hätten sie mich überhaupt nicht bemerkt. Ich war daran gewöhnt. Am Empfang blieb ich kurz stehen, zwinkerte der Empfangsdame zu und bekam dafür ein kleines Lächeln zurück, bevor ich weiter zu den Aufzügen ging. Die Türen öffneten sich beinahe sofort und brachten mich bis ganz nach oben, wo sich mein Büro befand. Meine Sekretärin wartete bereits vor der Tür und sah von ihrem Tablet auf, als ich aus dem Aufzug trat. „Guten Morgen, Mr. Volkov.“ Ihr Blick wanderte kurz über mich. „Sie sehen heute erstaunlich gut aus.“ Ich sah an mir hinunter und zog eine Augenbraue hoch.
      „Trotz der Tatsache, dass ich zu spät bin?“
      „Gerade deswegen.“
      Ein Grinsen erschien auf meinem Gesicht. „Dann sollte ich wohl öfter zu spät kommen.“ Sie verdrehte leicht die Augen und reichte mir einige Unterlagen. Ich nahm sie entgegen und verschwand in meinem Büro. Wie immer war es dort still. Die gesamte obere Etage gehörte praktisch mir. Durch die großen Fenster konnte ich über die gesamte Stadt sehen, während mein Schreibtisch fast schon verloren in dem weitläufigen Raum stand. Ich setzte mich, öffnete meinen Computer und begann meine E-Mails durchzugehen. Zweiunddreißig neue Nachrichten warteten auf mich. „Grausam“, murmelte ich und öffnete die erste. Eine Weile arbeitete ich mich durch Berichte, Verträge und Zahlen. Ein Bericht über die Entwicklung unseres neuen Standorts, mehrere Sicherheitsanalysen und einige Dokumente, die eigentlich schon längst hätten unterschrieben werden müssen. Ich arbeitete sie nacheinander ab, bis mein Blick irgendwann auf die Uhr fiel. 11:07 Uhr. Für einen Moment hielt ich inne. Der Journalist. Ich öffnete meinen Kalender und sah noch einmal auf den Termin. Elf Uhr. Natürlich. Ich lehnte mich zurück und atmete langsam aus. Dann stand ich auf, nahm mein Handy und verließ mein Büro. Meine Sekretärin sah sofort zu mir.
      „Sie haben einen Termin.“
      „Ich weiß.“
      „Sie sind zu spät.“
      „Das weiß ich auch.“ Sie sah mir hinterher, als ich bereits den Flur entlangging.
      „Der Journalist wartet.“ Ich hob nur eine Hand. „Dann hat er schon etwas über mich gelernt.“ Unten wartete mein Fahrer bereits am Wagen. In seiner Hand hielt er einen Becher. „Ihr Kaffee.“ Ich nahm ihn entgegen und sah auf das Getränk.
      „Caramel Frappuccino?“
      „Wie immer.“
      Ich nahm einen Schluck und musste leicht lächeln. Süß. Genau richtig. „Du darfst bleiben.“ Mein Fahrer schmunzelte nur und hielt mir die Tür auf. Die Fahrt zu Chronicle International dauerte länger als erwartet. Der Verkehr war inzwischen noch schlimmer geworden und die Straßen schienen ausgerechnet heute besonders voll zu sein. Ich sah gelegentlich auf die Uhr, ohne mich wirklich darum zu kümmern. 11:23 Uhr. Ich war deutlich zu spät. Na und?
      Als der Wagen schließlich vor dem Gebäude von Chronicle International hielt, stieg ich aus und betrat die große Eingangshalle. Eine Mitarbeiterin kam sofort auf mich zu. Für einen kurzen Moment schien sie zu vergessen, was sie sagen wollte, bevor sie sich wieder fing. „Mr. Valenti?“ Ich sah sie an.
      „Kommt darauf an, wer fragt.“ Ich ließ meine Stimme eine Tonlage tiefer klingen, neigte kaum merklich meinen Kopf zur Seite und beugte mich leicht vor, während ich sie amüsiert anlächelte. Sie blinzelte etwas überfordert. Ich lächelte.
      „Ja.“
      „Man erwartet Sie bereits.“
      „Das hoffe ich. Sonst wäre meine Verspätung wirklich umsonst gewesen.“
      Sie wusste offensichtlich nicht, ob sie lachen sollte, also wandte sie sich einfach um und führte mich durch die Eingangshalle. Während wir durch die Flure gingen, bemerkte ich die Blicke der Mitarbeiter. Manche erkannten mich sofort und wurden plötzlich auffällig still, andere versuchten krampfhaft, nicht hinzusehen, was sie nur noch auffälliger machte. Ich war es gewohnt. Menschen bildeten sich ihre Meinung über mich, bevor ich überhaupt ein Wort mit ihnen gesprochen hatte. Mein nicht unbedingt professionelle Kleidung trugen bestimmt dazu bei.
      Schließlich erreichten wir ein Büro. Die Mitarbeiterin klopfte und öffnete die Tür. „Mr. Volkov ist hier.“ Ich trat ein und mein Blick fiel sofort auf den Mann im Raum. Miles Parker. Der Journalist. Ich ließ meinen Blick kurz über ihn wandern, bevor ich die Tür hinter mir schließen ließ. „Miles Parker, nehme ich an?“ Ich wartete keine Antwort ab. „Ich hatte mir einen älteren Mann vorgestellt.“ Ein leichtes Grinsen zog über mein Gesicht. „Das ist enttäuschend. Jetzt fühle ich mich fast alt.“ Ohne auf seine Reaktion zu warten, ging ich durch den Raum und ließ mich ganz selbstverständlich in einen der Sessel fallen. Ich schlug ein Bein über das andere, nahm einen weiteren Schluck von meinem Frappuccino und sah zu ihm hinüber. „Also“, sagte ich ruhig. „zumindest bist du pünktlich, das ist doch schön zu sehen....Du bist der Mann, der glaubt, er kann mich in einer Stunde kennenlernen?“ Ich stützte meine Ellenbogen auf meine Oberschenkel ab nd sah ihn leicht prüfend an, ohne dass dabei mein Lächeln aus meinem Gesicht verschwand. Durch die Körperhaltung, war ein guter Blick auf meine sämtliche Tattoos geboten. Ich berührte mit meinem Daumen der freien Hand den Ring, der sich verteilt auf meine Finger saßen.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Miles

      Ich stürzte mich also in meine Aufgaben, schließlich musste ich ja meine Zeit sinnvoll investieren, wenn ich schon versetzt wurde. Warum zum Teufel dachte ich auch das er wirklich kommen würde? Ich konnte schon die Gesichter meiner Kollegen sehen, die mich dann auslachten, weil ich mich so sehr in die Sache verrannt hatte. Ich öffnete mein Postfach und dort waren schon wieder viel zu viele Aufgaben, die mir mein Boss aufgetragen hatte. Ich nahm meine Brille ab und fuhr mit meiner Hand über mein Gesicht. Das schrie schon nach Überstunden
      Ich setzte meine Brille wieder auf und überflog die Mails, bis es dann an meiner Tür klopfte. "Ja bitte?" Ich erhob mich von meinem Stuhl und dann trat ein Mann ein, dessen Aura mich beinahe umhaute. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und was er dann sagte, ließ meine Kehle plötzlich trocken werden und ich musste aufpassen das mir nicht ein falsches Wort aus meinem Mund rutschte. Er dachte ernsthaft das ich ein alter Knacker wäre? Was für eine Vorstellung hatte er denn? Ich ließ diese kleine Spitze von ihm unbeachtet und musterte ihn ebenfalls. Er sah ganz anders aus als wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Ich dachte er würde in einem Anzug hier hinein stiefeln und nicht in so einem viel zu lässigen Outfit. Da fühlte ich mich beinahe schon ein wenig over dressed. Ihm schien es auch nichts auszumachen, das man seine Tattoos sehen konnte und mir entging nicht wie er an seinem Ring spielte. Ich räusperte mich und schnappte mir mein Notizbuch, mein Aufnahmegerät und legte beides auf den kleinen Tisch vor ihm ab. Ich nahm gegenüber von ihm auf dem anderen Sessel Platz und überschlug ein Bein.
      "Wie schön sie kennenzulernen, Mr. Volkov." Ich versuchte höflich zu bleiben und mich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Auch wenn sein Grinsen mehr als provokativ war. Ich lehnte mich ein wenig in dem Sessel zurück. Ich versuchte mich weder von seinem Auftreten, noch von seinen Tattoos ablenken zu lassen. "Um ihre Frage zu beantworten- Eine Stunde reicht nicht, um jemanden kennenzulernen", sprach ich ruhig zu ihm. "Sie reicht bestenfalls dafür, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen." Ich verschränkte locker meine Arme vor meiner Brust. "Und genau darum geht es heute." Ich blickte kurz auf seine Hände und dann wieder in sein Gesicht. "Sie können mir erzählen wer sie sind. Sie können mir genau so gut erzählen wer sie gerne wären. Meine Aufgabe ist es herauszufinden wo der Unterschied liegt." Ich nahm das Notizbuch vom Tisch, fischte einen Kugelschreiber aus meinem Blazer und stellte das Aufnahmegerät auf an. "Wenn sie also bereit sind, können wir dann anfangen?" Für mich zählte nun wirklich jede Sekunde, wenn er schon über eine halbe Stunde zu spät war. Ich hoffte nur das es sich wirklich lohnte ihn hier einzuladen.
    • Ich hatte bereits befürchtet, dass dieses Treffen langweilig werden würde. Vielleicht lag es daran, dass ich mir von einem Journalisten, der unbedingt ein Interview mit mir bekommen hatte, etwas mehr erwartet hatte. Mehr Nervosität. Mehr Unsicherheit. Vielleicht sogar ein wenig Angst. Die meisten Menschen veränderten ihr Verhalten, sobald sie mir gegenüberstanden. Sie wurden vorsichtiger, wählten ihre Worte sorgfältiger oder versuchten krampfhaft, mich mit irgendeiner besonders klugen Bemerkung zu beeindrucken. Miles tat nichts davon. Er saß mir gegenüber, hatte sein Aufnahmegerät eingeschaltet und wirkte erstaunlich gefasst. Das war zumindest ein Anfang.
      Ich beobachtete ihn eine Weile schweigend. Er hatte sich vorbereitet, das war offensichtlich. Notizbuch, Kugelschreiber, Aufnahmegerät. Alles lag ordentlich vor ihm, als hätte er sich vorgenommen, keine Sekunde dieses Gesprächs zu verschwenden. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er die letzten Tage damit verbracht hatte, alles über mich zusammenzutragen, was öffentlich zu finden war. Artikel, Geschäftsberichte, Gerüchte und wahrscheinlich auch die üblichen Geschichten darüber, wer ich angeblich war. Der geheime Sohn irgendeines Milliardärs. Der Mann, dessen Firma auf Leichen aufgebaut worden war. Ein Betrüger. Ein Genie. Ein Mafiaboss in einem maßgeschneiderten Anzug. Die Menschen hatten eine erstaunliche Fantasie, wenn sie zu wenig wussten.
      Dabei wusste Miles offenbar etwas, das mich tatsächlich interessierte. Er hatte über verschwundene Waisenkinder geschrieben.
      Ich lehnte mich tiefer in den Sessel zurück und legte einen Arm locker über die Rückenlehne. Mein eines Bein schlug ich über das andere, während ich mit der freien Hand meinen Frappuccino anhob. Ich nahm einen langsamen Schluck und ließ meinen Blick dabei nicht von ihm ab. Süß. Viel zu süß für die meisten Menschen, aber genau so mochte ich meinen Kaffee. Miles schien inzwischen verstanden zu haben, dass meine Verspätung mich nicht sonderlich beschäftigte. Vielleicht ärgerte es ihn sogar. Ein kleiner Teil von mir fand den Gedanken amüsant.
      „Eine Stunde reicht nicht, um jemanden kennenzulernen.“
      Seine Worte hallten noch kurz in meinem Kopf nach. Ich musste beinahe lächeln. Er hatte recht. Eine Stunde reichte nicht einmal annähernd. Nicht bei mir.
      „Sie können mir erzählen, wer Sie sind. Sie können mir genauso gut erzählen, wer Sie gerne wären“, hatte er gesagt. „Meine Aufgabe ist es herauszufinden, wo der Unterschied liegt.“
      Interessant. Ich stellte meinen Becher wieder auf der Armlehne ab und betrachtete ihn einen Moment länger. Dann neigte ich leicht den Kopf.
      „Das klingt beinahe so, als hättest du dich tatsächlich Gedanken über mich gemacht.“
      Mein Ton war leicht, fast spielerisch, doch mein Blick blieb aufmerksam.
      „Aber ich glaube, da kann ich dir einiges an Arbeit ersparen.“
      Ich ließ meinen Blick kurz durch den Raum wandern. Dann sah ich wieder zu ihm.
      „Die Leute kennen mich bereits gut genug.“
      Eine kurze Pause entstand.
      „Zumindest glauben sie das.“
      Ich strich mit dem Daumen über den Rand meines Rings und drehte ihn langsam an meinem Finger. Eine alte Angewohnheit, die ich kaum noch bemerkte. Mein Blick senkte sich kurz auf meine Hand, bevor ich wieder zu Miles sah.
      „Du kennst mein Unternehmen. Du kennst meinen Namen. Du kennst die Geschichten, die über mich erzählt werden. Wahrscheinlich hast du sogar schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wer ich sein soll.“
      Ein müdes Lächeln zog über meine Lippen.
      „Das Problem mit Vorstellungen ist nur, dass sie selten etwas mit der Realität zu tun haben.“
      Ich nahm meinen Frappuccino wieder in die Hand und trank einen weiteren Schluck.
      „Was mich betrifft, habe ich irgendwann aufgehört, mich dafür zu interessieren, was andere aus mir machen wollen.“
      Ich ließ den Becher langsam sinken.
      „Ich bin der geworden, der ich sein wollte.“
      Diesmal sagte ich es ohne das Grinsen. Ruhig. Fast beiläufig. Für mich war es keine große Erkenntnis und auch kein Satz, mit dem ich jemanden beeindrucken wollte. Es war einfach eine Tatsache. Ich hatte lange genug gebraucht, um überhaupt herauszufinden, was ich wollte. Noch länger hatte es gedauert, es tatsächlich zu bekommen. Mein Blick fiel wieder auf das Aufnahmegerät.
      „Wenn du also wirklich wissen willst, wer ich bin, solltest du vielleicht aufhören, mir Fragen zu stellen, auf die du die Antwort bereits kennst.“
      Ich lehnte mich wieder zurück und ließ meinen Arm entspannt auf der Rückenlehne liegen.
      „Frage mich nicht, wie ich mein Unternehmen gegründet habe. Darüber gibt es genügend Berichte. Frage mich auch nicht, wo ich mich in fünf Jahren sehe. Ich habe keine Ahnung, ob ich in fünf Jahren überhaupt noch hier sitzen werde.“
      Ein leichtes Grinsen kehrte zurück.
      „Und bitte erspare mir die Frage nach meinem größten beruflichen Erfolg. Darauf kann ich dir eine Pressemitteilung geben.“
      Ich sah, wie er den Kugelschreiber zwischen den Fingern hielt. Bereit, jede Kleinigkeit aufzuschreiben. Das gefiel mir. Nicht, weil ich gerne über mich sprach. Ganz im Gegenteil. Aber zumindest hatte ich jetzt das Gefühl, dass dieses Gespräch vielleicht doch nicht vollkommen nutzlos sein würde.
      „Du willst ein Interview, das in die Tiefe geht.“
      Ich beugte mich ein wenig nach vorne. Nicht viel, nur genug, um die Distanz zwischen uns für einen Moment zu verringern.
      „Dann stelle mir eine interessante Frage, Miles.“
      Ich ließ mich wieder zurückfallen und nahm meinen Becher in die Hand.
      „Überrasche mich.“
      Einen Augenblick lang sagte keiner von uns etwas. Ich konnte beinahe sehen, wie er überlegte, womit er anfangen sollte. Vermutlich hatte er eine Liste vorbereitet. Dutzende Fragen, fein säuberlich geordnet. Vielleicht hatte er sich sogar vorgenommen, mich Schritt für Schritt zu durchschauen. Viel Glück damit. Mein Blick wanderte zu seinem Notizbuch und blieb dort hängen. Dann fiel mir etwas ein.
      Etwas, das mich wesentlich mehr interessierte als die üblichen Fragen. Doch so gerne ich ihn darüber ausfragen wollte, wusste ich, dass es noch nicht an der Zeit war. Es würden nur weitere Fragen aufwerfen, die ich nicht beantworten wollte. Vor allem dann nicht, wenn er mit einem Diktiergerät vor mir saß.
      Digital Art Bilder Pinnwände

      ૮ ˶ᵔ ᵕ ᵔ˶ ა
    • Benutzer online 1

      1 Besucher